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Full text of "Correspondenz Blatt Für Schweizer Ärzte 1894 24"

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COERESPONDENZ-BLATT 

für 

Schweizer Aerzte. 


Herausgegeben 

von 

Dr. E. Haffter und Dr. A. Jaqnet 

in Fnuenfeld. in Bagel. 


J ali 1* g;* a n g- XXI'V. 


1894 . 



s^ssx.. 

Benno Schwabe, VerlagHbuchhaudlung. 

1894. 


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Ocßl i AüN 


Register. 


I. Sachregister. 

(0 = Originalarbeiten.) 

A.bscesse, kalte nach Typbns 30. 

Aconitin bei Neuralgien 232. 
Aerzte-Scbematismns 773. 

Aerztl. Stadium, Zulassung der Frauen 424. 
Aetherinbalationen, Nachwirkung 663. 
Aetherinjectionen, Lähmung nadi 126. 
Aethertodesfall 126. 

Alkoholiker, Fürsorge für 582. 

Alkoholverbände bei phlegmonösen Entzündungen 
613. 

Altersdisposition und Infectionsgelegenheit 0 713. 
Amerika, Medicinisches aus 89, 119. 

Aneurysma dissecans Aort^ 769. 
Anginadiphtherie, Behandlung 360. 
Angstzustände, patholog. 423. 

Antipyrin, Loealanästhetic. 358. 

Aphorismen, medicin. 616, 664. 

Argyrie 148. 

Asepsis bei Laparatomie 742. 

Aspirationsapparat, improvisirter 359. 

Atrcsia auris 449. 


Jöacteriolog. Curs. 156, 420, 454. 

Bacterium coli, Wundinfect. 796. 

Battaglia 452. 

Beilagen: Nr. 1. Gebr. Jäcklin, Basel. Nr. 2. 
Böhringer u. Söhne, AValdhof. Nr. 3. Karger, 
Berlin. Nr. 5. XI. internst, med. Congress. 
Nr. 8. Bad Homburg; Ed. Besold, Verlag. 
Nr. 9. Kur- u. Wasserheilanstalt „zum Sternen“; 
Deutsches Verlagshaus Bongh et Cie. Nr. 10. 
Sonnenberg. Nr. 11. Jaquet u. Kündig, Fer- 
ratin. Nr. 12. Heyden Nach. Kreosotcarbonat. 
Nr. 13. Hötel de TOurs, Baden: Grand Hotel, 
Bex. Nr. 14. Fingerhuth, Zürich, Tamarinden- 
Essenz Dalimann. Nr. 16. Albisbrunn. Nr. 17 
Fingerhuth, Tamarinden. Nr. 19. Rooschüz, 
Bern, Klever Hämalbumin; Fingerhuth, Tama¬ 
rinden. Nr. 20. Heilige, Basel; Zweifel, Lenz¬ 
burg; Fischer’s medic. Buchhandlung. Nr. 21. 
Eulenbnrg’s Realencyclopädie; Zur Chininbe- 
handlnng d. Keuchhustens. Nr. 22. Pegli bei 
Genua; Pension Reber; Ferdinand Enke. Nr. 23. 
Bad Gurnigel; Fingerhuth, Tamarinden-Essenz. 
Benzol, Expectorans 64. 

Beweg ungsapparat für Fassdeformitäten 471. 


Bibliographie f. Schweiz. Landeskunde 27. 

Billroth 0 129, 161. 

Birmenstorfer Bitterwasser 93. 

Blasenstein, Ligaturfaden als Kern 83. 

Blattern 581, 657, 729. 

Bleivergiftung 775. 

Blutegelextract, Wirkung auf Thrombenbildung 
548. 

Blutungen nach der Geburt 454. 

Bromffithyltodesfall 126, 389. 

Oannabis indica 774. 

Carbolsäure 360. 

Carcinom d. äusseren Gehörganges 413. 

Caries des Felsenbeines 415. 

Casein d. Kuh- u. Frauenmilch 602. 

Castration bei Myomen 0 201. 

Catheterismus 520. 

Centralverein, schw. 293, 325, 389, 470, 501, 662, 
i 709. 

Centrifugi rapparate 46. 

Charcot, J. M. 0 12; Denkmal 128. 

Chloralhydrat bei Hämoptoj 519, 774. 

Chloralose 390. 

Chloroform, Zersetzung 127. 

Cholera, Laborat.-Infection 64, 357, 380, 712, 730. 

Cholesteatom 413. 

C ly Stiertodesfall 552. 

Cocainanästhesie 294; Infiltrationsanästhesie 764. 

Coffein in d. Kinderpraxis 552. 

Coliken der Säuglinge 328. 

Congresse: XI. intemat. medic. in Rom 61, 124, 
159, 200, 288, 322: deutsche dermatol. Ge- 
sellsch. 61; XIII. f. inn. Medic. 94, 125: 
deutsch. Ver. f. offentl. Gesundheitspflege 125, 
355, 582: Jahrescongr. d. franz. Irren- u. 
Nervenärzte 126; deutsch, otol. Gesellsch. 230, 
412, 449: 66. Vers, deutscher Natnrf. u. Aerzte 
293, 326, 549, 584; Vlll. internat. f. Hygiene 
u. Demographie 355; Congr^s de bains ae mer 
355; Vers, süddeutscher Laryngologen u. Rhi- 
nologen 380: I. franz. f. inn. Medicin 549, 662: 
balneol. climat. Congr. 774. 

Conservativbehandlung in der Ohrenheilkunde 449. 

Contagiositüt d. Variola 763. 

Coryza, Behandlung 743. 

Coxitis, Ausgänge 390. 

Craniectomie 224. 

Cremation 662. 


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IV 


Curarin 358. 

Curiosum Chirurg. 536. 

Cystenkropf, Erstickungstod durch Blutung 465). 
Cystitis tbc. 392. 

Darmblutungen bei Diabetes 552. 

Datura stramonium, Vergiftung 0 40. 
D^canulement bei Diphtherie 44. 

Deckgläschen 710. 

Demonstrationen, klinische 44, 112, 147, 189, 255, 
473, 537, 699. 

— pathologisch-anatomische 479. 

Diaklysmos 29. 

Digitalis, Dauer der Wirkung 519. 

Dijodoform 262. 

Diphtherie, Bedeutung der Membranen 62. 

— Aetiologie u. Prophylaxe 613. 

— Diagnose 742, 796. 

— Terpentin gegen 96, 4,56. 

Diphtherie, Behandlung mit Heilserum 710; in 
Bern 793: 804; Nachwirkungen 807; Präven- 
tivimpfung 807. 

Diphtheritisepidemie 42. 

Dulcin 359. 

Dysenterie, Aetiologie 295. 

Ectasia ve8ic4e urinar. 534. 

Eczeme der Säuglinge 263. 

Ehe bei Herzkranken 231. 

Eireifung und Eibefruchtung 657. 

Eisenbier 662. 

Eiweissgerinnung durch Erschütterung 470. 
Eiwei8SKöi*per des Blutes 602. 

Electrotherapie 702. 

Empyem, Behandlung 392. 

Entartungsreaction 31. 

Enuresis 18, 488. 

Epilepsia tarda 94. 

Epilirung 712. 

Ergotin, gallussaures 64; Gangrän 369, 502. 
Ernährungstherapie bei Magenkrankheiten O 265. 
Erstickungsanfälle bei Kropfkranken 222. 
Erythema nodosum 537. 

Essig gegen Erbrechen 424. 

Essigffither 231. 

Fachexamen, medic. 1,56. 

Facultäten, medic.. Freauenz 93, 420. 
Fadeneiterungen, Ursacne 448. 

Fettembolie 0 457, 507. 

Fersenlappen zur Bildung eines direct aufstütz¬ 
baren Stumpfes 0 65. 

Fieber bei Lungenphthise, Behandlung 549. 
Furunkulose, Behandlung 615. 

Oastroplicatio 293. 

Gebirgstrage 61. 

Geburten u. Sterbefalle. Beil, zu Nr. 2, 3, 4. 
Geburtshülfliclie Mittheilungen 0 .531. 
Gehörgang, croup. Entzündung nach Kreosotein- 
träufelung 347. 

— Plastik 415. 

— Missbildung 4,50. 

Gehörknöchelchen 412. 

Geistige Arbeit 3,55. 

Gelenkrheumatismus, chron. Behandlung 663. 


Gelenktuberculose, Behandlung nach Bier 61. 
Geschosswirkung d. schw. Ordonnanzgewehres U 
745. 

Gesichtstumoren 186. 

— Operat. maligner 255. 

Geweroeausstellung, Zürich 293. 

Gewürze, Wirkung 359. 

Gichtanfall, Behandlung 520. 

Glasätzflüssigkeit 232. 

Glycose, Nachweis im Harn 0 ,38. 

Gossypium herbac. 743. 

Granuloma mercuriale 313. 

Guajacolpinselungen 296. 

Gummistrümpfe 94. 

Gurgelwässer, Ersatzmittel 486. 

Gyps, langsames Abbinden 518. 

Gypswatte 0 250. 

Hämatocele retrouterina 0 277. 

Hämorrhoiden 744. 

Hände, Pflege nach Carboigebrauch 423. 
Harnbeschauen 0 71. 

Harncylinder 0 403. 

Harnorgane, Chirurgie der 475. 

Harnsäure, Bestimmung 296. 

Hautexantheme u. Darmfäulniss 199. 
Hautkrankheiten, Bettruhe bei 582. 
Heilgymnastik, schwedische 0 4U5. 

Helmholtz O 654. 

Herzvergrösserung, idiopathische 28. 
Hinterscneitelbeinstellung 511. 

Hirnchirurgie 450, 476. 
Hirn-Rückenmarkssklerose 148. 

Hochzeitsreisen 260. 

Holzschnitte 68, 69, 94, 237, 238, 278, 535. 
Hörvermögen bei Atresie d. Gehörganges 412. 
Hölfskasse f. schw. Aerzte. Beil, zu Nr. 3, 4, 6, 
8, 10, 12, 14, 16, 18, 20, 22. 

Husten bei eingeklemmten Brüchen 232. 
Hygienisches Institut in Basel 123. 

— aus Basels Vergangenheit 223. 

Hygienische Professur am Polytechnikum 199. 
Hyperemesis gravidarum 710. 

Hyperthermie 389. 

Infectionskrankheiten, iu Australien 127. 

— mit fieberlosem Verlauf 327. 

Influenza, Complicationen 147. 

— Epidemie 278. 

Inguinalhernien, Operat. 186. 

Ischiasbehandlung 62, 262. 

Jugend, Erziehung der 727, 

Jodismus 4,56. 

.Jodoformgaze 32. 

Jodpräparate, Intoleranz gegen 218. 

Kalksalze bei Rachitis 27. 

Keratose nach Arsengebrauch 0 3tJl. 
Keuchhusten, Behandlung 456. 

KIcinhirnabscess 451. 

Knochen, Architektur 314. 

Krankenpflege, unentgeltliche 60, 199. 
Krankenpflegerinnen, Institut für 446. 
Krankenversicherung, Schweiz., Kosten Voranschlag 
25, 373. 

Kreislaufsstörungen, functionellc 0 233. 


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vn 


Häusler 726. 

Hansmann 452. . 

Henne 319, 578. 

Heoss 25, 116, 185, 0 301, 387. 

Bosch 0 97, 704. 

Howald 739. 

Huber 53, 382, 0 585. 

Hübscher 315, 770. 

Hnguenin 0 393, 430. 

•Tansen 451. 

Jenny 419, 771. 

Immermann 115, 0 425. 

Joel 450. 

Jaquet 50, 123, 0 233, 0 274, 0 Beil. No. 11, 
418, 424, 654. 

Jonquiere 48, 259. 

Kalt 0 242, 0 652. 

Kappeier 0 161, 0 489. 

Kanfmann 20, 25, 315, 540. 

Keller 117, 155, 317, 349. 

Kerez 19. 

Kessel 450. 

Kocher 699, 792. 

Köhl 0 33. 

Kollmann 260, 286, 773, 800. 

Kottmanu 482. 

Körner 415, 450. 

Krönlein 44, 112, 255, 475, 513. 

Kuhn 449. 

Kummer 0 65, 154, 320, 512. 

Kündig 0 Beil. Nr. 11. 

Ladame 22, 416. 

Lanz 280, 701. 

Lemcke 415. 

Besser 81. 

Leuch 287. 

Lindt 258. 

Lötscher 0 265. 

Lotz 0 617, 666, 789. 

Lüning 471. 

Lüscher 83. 

V. Mandach 0 784. 

Marcus 502. 

Massini 0 136, 166. 

Mauchle 0 218. 

Mellinger 221, 541, 579, 706. 

Meyer, H. 802. 

Miniat 225. 

Müller 764. 

Müller, P. 253, 701. 

INägeli, H. 279. 

Nägeli, 0. 40, 56. 

Nager 380, 480. 

Naunyn 0 12. 

Niehans 603. 

Nordmann 0 369. 

Ost 729. 

JPerregaux 0 331, 659. 

Peyer, A. 71. 


’ Pfister 24, 149, 229, 256, 350, 515, 543, 574, 
705. 

Pflüger 219. 

Pfy&r 536. 

j Regli 42. 

Reinhard 413, 451. 

I Ribbert 46, 115, 186, 0 4.57, 478. 479. 
Kiedtmann 18. 

Ringier 113, 383. 

Rohrer 287, 347. 

Roth, M. 313, 769. 

Roth, 0 521. 

Rütimeyer 257, 316. 

Sahli 700, 793. 

Schär 416. 

Schenk 727. 

Schiatter 0 250. 

Schmid 481. 

Schnyder 260. 

Schönemann 0 569, 707. 

Schüler 287. 

Schu Ithess, H. 792. 

Schul thess 537. 

Seitz 150, 151, 383. 384, 388, 539, 660. 
Siebenmann 153, .257, 283, 320, 412. 

Sigg 228. 

Silherschmidt 796. 

Socin 0 129, 222. 

Sonderegger 57, 373, 704. 

V. Speyr 658. 

Steinhrügge 450. 

Stilling 310. 

Stöhr 478. 

Strasser 152, 155. 

Streit 40. 

Tavel 0 106, 385, 541. 

Tramör 320. 

Trechsel 52, 259, 576. 

Ullmann 55, 0 308. 

Valentin 223. 

Wall 449. 

Walthard 0 777. 

Weher 277. 

V. Werdt 280. 

Wieland 446, 0 564, 597. f 

Wiesmann 544, 601. 

AVille 801. 

Wyder 473. 

V. Wyss, H. 351. 

Wyss, 0. 479, 730, 765. 

Zehnder 580. 

Ziegler 615, 544. 

Zschokke, E. 0 464. 

Zurasteg 53. 


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VIU 


111. Acten der schweizerischen Aerzte- 
Commission nnd gesetziiche Eriasse. 

Acten der schweizerischeo Aerzte-Commission 419. 

Centralisation des schweizerischen Sanitätswesens 
57. 

Hülfskasse für Schweizer Aerzte, Beil, zu Nr. 3, 
4, 6, S, 10, 12, 14, 16, 18, 20, 22. 

-Rechnung 194. 

IV. Vereinsweseu. 

Schweizerische Vereine. 

Aerztlicher Centralverein 293, 325, 389, 470, 504, 
662, 709. 

Schweizerische Natu rforächende Gesellschaft 326. 

Soci6t6 mödic. de la Suisse romande 613. 

Cantonale Vereine. 

Basel. Medicinische Gesellschaft 17, 115, 221, 
283, 311, 510, 769. 

Bern. Medic.-pharmacent. Bezirksverein 42, 81, 
186, 223, 253, 280, 446, 572, 602, 657, 727, 
792. 

Klinischer Aerztetag in Bern 699, 740. 

Zürich. Gesellschaft der Aerzte 19, 44, 46, 112, 
147, 185, 255, 314, 479, 537, 796. 

-des Cantons 730, 765. 

Gesellschaft f. Wissenschaft!. Gesundheitspflege in 
Zürich 84, 380. 

Verein der Aerzte des Zürcher Oberlandes 56. 


V. Correspondenzen. 

Schweiz. 

Aargan 155, 607. 

Appenzell 544. 

Basel 260, 707. 

Baselland 229. 

Bern 292, 352, 481, 515, 544, 739. 

St. Gallen 452. 

Genf 193. 

Zürich 25, 56, 513, 580. 

Ausland. 

Medicin. ans Amerika 89, 119. 

Nauheim 482. 

Rückblick auf d. XI. Internat, medic. Gong ress 
288, 322. • 

Tübingen 55. 


VI, Litteratar. 

(Referate und Kritiken.) 

Aemmer, Schulepidemie v. Tremor hystericus 287. 
Aerztliche Kunst u. medic. Wissenschaft 20. 
Albrand, Sehproben 541. 

Alt,'^Taschenbuch d. Electrodiagnostik 660. 
Arbeiten aus dem medicinisch-klinischen Institute 
zu München 576. 

Archives des Sciences biologiques 385,-541. 
Arnd, Durchlässigkeit der Darmwaud 53. 
Audeoud, Cr^osote et Tuberculose 50. 


Bardeleben n. Hackel, Atlas der topogr. Ana¬ 
tomie 605. 

Bartels, Medicin der Naturvölker 351. 

Barth, Cholera 228. 

V. Basch, Latente Arteriosclerose 384. 

Beerwald u. Brauer, Das Turnen im Hause 316. 
Behring, Geschichte der Diphtherie 50. 

Bergb, Vorlesungen über die Zelle 773. 

Bibliothek d. gesammten medic. Wissenschaften 
150, 660. 

Biedert, Lehrb. d. Kinderkrankheiten 736. 

Blasius u. Schweizer, Electropismus u. verwandte 
Erscheinungen 659. 

Boas, Specielle Diagnostik der Magenkrankheiten 
o3. 

Boer, Der Verbrecher 151. 

Braatz, Grundlagen der Aseptik 259. 

Brandt, Behandig. weibl. Geschlechtskrankheiten 
229. 

Brandt, Bloc-notes medical 661. 

Bum, A. u. Schnirer, Diagnost. Lexicon 52, 577. 

Oohu, Cursus der Zahnheilkunde 513. 

Dejerine, Anatomie des centres nerveux 799. 

Biser, Anatomie des Menschen 260. 

Emmerich u. Trillich, Anleitg. zu hygien. Unter¬ 
suchungen 228. 

Esmarch u. Kowalzig, Chirurgische Technik 154, 
512. 

Feer, Beiträge z. Diphtherie 771. 

Fehling, Lehrb. d. Frauenkrankheiten 256. 
Fessler, Festigkeit der menscbl. Gelenke 800. 
Festschrift d. Schweiz. Apotheker-Vereins 416. 
Flatau, Atlas des menscht. Gehirnes 800. 

Frank, Radicaloperat. v. Leistenhernien 155. 
Freitag, Contagiöse Sexualkrankheiten 387. 
Freudenreich, Bacteriologie in d. Milchwirthschaft 
542. 

Friedländer, Microscop. Technik 320. 

Friedrich, Hypnose als Heilmittel 383. 

Fritsch, Aus der Breslauer Klinik 606. 

— Krankheiten der Frauen 706. 

Fukala, Die Lidentzündung 24. 

Garre, Aethernarcose 191. 

Gehrmann, Körper, Gehirn, Seele, Gott 151. 
Gesundheitsbüchlein 704. 

Gowers, Syphilis nnd Nervensystem 152. 
Gränwald, Atlas d. Krankheiten der Mundhöhle, 
des Rachens u. d. Nase 578. 

Günther, Einführung iu das Studium der Bac¬ 
teriologie 579. 

Handlexicon der Naturwissenschaft u. Medicin 
384. 

de la Harpe, Formnlaire des eaux minerales 318. 
Hang, Die Krankheiten des Ohres 318. 
Hauptmann, Beitr. zu einer dynam. Theorie des 
Lebens 539. 

V. Herff, Geburtshilfl. Operationslehre 320. 
Heryiig, Die Electrolyse, Anwendung bei Nasen- 
u. Rachenerkrankungen 49. 


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— V 


Kreosot bei Keucbhnsten 552. 

Krcsolsaponate 0 H. 

Kropfbebandlung mit Jodoformeiuspritzangen 0 

Kugelsonde, telephon. 190. 

X^iactophenin 0 274. 

Larynxexstirpation 44. 

Larynxstenose, Opinmbehandlung 391. 
Larynxtuberculose, Dysphagie bei 45G. 
Leberthran 421. 

Leysin 352. 

Ligamentum annul. stapedis 412. 

Littre’sche Hernie 792. 

Luftwegen, Fremdkörper in den 283. 
Lungenhernie 474. 

Lungentoberculose, Behandlung 225. 

— Secundär-Infection 0 393, 436. 

Lupus 456. 

Lymphgefässzerreissung 604. 

M agenauswaschungen bei Singultas 128. 
Magencarcinom, Behandlung 0 489, 504. 
Magenerweiterung, operat. Behandlung 0 553. 
MagensaMuss 0 ^5. 

Magnete bei Eigensplitter im Auge 0 2. 

Malakin 294. 

Malariaplasmodien 474. 

Masern, Absonderung u. Desinfection 158. 
Medicin. Fachexamen 156. a 

— Fachpresse, Organisation 486. 

— Facnltäten, Frequenz 93, 420. 

— Prüfungen, Umgestaltung 456. 

— Publicistik: Monatsschr. f. Wasserheilk. 64; 
Hansmann’s Catalog 157; Sanitar.-demograpb. 
Wochenbulletin 194; Schw. Hebammenzeitung 
199; Feuilles d’Hygiene 293; Organisat. d. 
med. Presse 487. 

Militärsanitätswesen: Typhusepidemie während 
d. Corpsmanöver 515, 544. 

Mittelohrentzündung bei Säuglingen 449. 

— Complicationen 451. 

Monbijoufriedhof 281. 

Morbus Basedowii 0 330. 

— operat. Behandlung 475. 

Morphium n. Sulfonal 32. 

Muskelrheumatismus 126. 

Mutismus hysteric. 113. 

Mycosis fungoides 46, 185. 

Myopie 219 u. Chamäkonchie 310. 

IVachtschweisse der Phthisiker 552. 

Narcosen im Basler Kinderspital 564, 596. 
Narcotisi rapparat 0 569. 

Nauheim 482. 

Necrologe: Born 53; August Schnyder 155; Kunz 
229; J. E. Bornand 481; H. Steiner 513; 
Christeller 739; J. v. Mundy 740. 

Nephritis, als Complication der Diphtherie 294. 
Nerium Oleander 96. 

Neugebornen, Pflege des 792. 

Neuralgien, Behandlung mit N®geliVhem Hand- 
^ griff 582, 712. 

Neurastheniker, Klagen 30. 

Neurectomie u. trigemin. 477. 


Obstipation bei Kindern 328. 
Oesophagusdivertikel, Operation 0 784. 
Operationstisch 27. 

Opiumgenuss 295. 

Ozaena, Behandlung 663. 

JParachlorphenol gegen Lupus 551. 

Pedometrische Messungen 123. 

Pemphigus 0 425. 

Pepton im Harn 743. 

Peritonitis, Aetiologie 447. 

Personalien: Born 53; S. Guttmann 61; Schiff 
93; Bumm 122; Billroth 125; Frankenhäuser 
125; Hirsch 125; Lücke 157; Brown-Sequard 
294: Dubler355; Czerny 355; Madelung 389; 
Gossenbauer 421; Garre 486; Hyrtl 486; Mo¬ 
nakow 581; V. Mundy 581; Helmholtz 581; 
Jos. Lister 662; Mauthner 744. 

Pestepidemie 487. 

Pharmaceut. Ausstellung 93, 192. 

Pharmacopoea helvetic., Ed. III. 0 136, 166, 230, 
254. 

Pharynx-Carcinom 476. 

Phlegmone, mechan. Behandlung 327. 
Phosphorbehandlung d. Rachitis 518. 

Pilocarpin, gegen d. Durst 584. 

Placenta, Imourchdringlichkeit f. pathog. Micro- 
organismen 551. 

Plessimeter, Radiergummi als 456. 

Pneumonie 47. 

Pocken 581, 657, 729. 

Polydactylie 279. 

Porro’scbe Operation 531. 

Preisausschreibung. Alvarenga-Preisaufgabe 157. 

— ünna’s dermatol. Preisaufgabe 158. 
Prioritätsreclamation 424. 

Protozoen, pathogene Bedeutung 186. 
Psoriasisbehandlung 63. 

Psychiatrische Gutachten 658. 
Psychopathenbehandlung 571. 

Pyonepnrose 147. 

Redactionsartikel. Prosit 1894 1. 

— Z. 47. Vers. d. Central-Vereins 329. 

— Z. 48. Vers. d. Central-Vereins 665. 

Reden 508. 

Redresseur 770. 

Saccharin gegen Ozaensi 486. 

Sanatorien für Lungenkranke 312, 662, 707. 
Sanitätsgesetz für die Stadt London 158. 
Sanitätswesen in England 572. 

Schädel, Verhältniss d. mütterlichen zum kind¬ 
lichen 17. 

Schär er 607. 

Schilddrüsenfütterung 744. 

Schlüsselbeinfracturen u. Schwingungen asphyc- 
tischer Kinder 0 367. 

Schnupfen, Behandlung 230. 

Schuhnagel im Larynx 601. 

Scbussverletzung durch das neue Ordonnanzge¬ 
wehr 0 214. 

Schutzimpfungen, Pasteur’sche 357. 

Schwielen, rheumat. 603. 

Sectirer-Fanatismus 486. 

Sehnennaht, randstäiidige 518. 


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VI 


Selmervenkreuisang beim Menschen 0 97. 
Serumtherapie des Tetanus 0 106. 
Sinusthrombose 451. 

Soorbehandlung 159. 

Sparteinum sulfuricum 519. 

Sphacelotoxin 519. 

Spina bifida 474. 

Spitalinfection 510. 

Sprech- und Schluckhiuderniss, originelles 0 40. 
Sprichwort 744. 

StaarOperation 0 343. 

Steigbügelankylose 412. 

— Tenotomie 450. 

Sterilisation im gespannten Dampfe 446. 
Stomatitis, Behandlung 231. 

Strohschein’sche Gläser 314. 

Stuhlverstopfung 308, 348. 

Sublimatinjectionen bei Leberechinococcus 216. 
Suggestion 477. 

Sulfanilsäure bei acuten Catarrhen 223. 

Syphilis, Abstammung 358. 

— Verbreitung 486. 

Syphilisbehandlung 81, 423. 

Syringomyelie 115. 

Tabak, Einfluss auf Tuberkelbacillen 19. 
Tachycardie der Phthisiker 231, 0 726. 

Tafeln zu Nr. 21—22. 

Tannigen 775. 

Tetanus traumat. 19. 

Thuja occident. 0 242. 

Tod, Gefahr eines plötzlichen 487. 

Tracheotomie. Retention der Secrete 0 33. 
Tubenkrankheiten, Behandlung 414. 

Tuberculose, ansteckend, vermeidbar, heilbar 773. 

— Viq^uerat’sche Heilmethode 803. 
Tnberkmbacillen, Vorkommen in d. Butter 0 522. 

— in d. Nasenhöhle gesunder Individuen 551. 

Unfallgesetzgebung 293. 

Unfallversicherung für Aerzte 327. 

Unterlippe, Tumor 47. 

Unterschenkelamputation 477. 

Urticaria 280. 

Uterus, Behandlung des retrovertirten 253, 283. 

— gravidus, Semiamputatio 0 777. 

— Totalexstirpation 280. 

Uterusadnexe, exstirp. 189. 

Vaccine 95. 

Vaguscompression 224. 

— therapeut. Verwerthbarkeit 0 297. 

Varicellen 264. 

Variola, Erfahrungen über 0 617, 666, 763, 789. 
Velosport, Todesfall 776, 808. 

Vena cava, Obliteration 115. 

"Wialcher’sche Hängelage 0 652. 

Wärmekasten, Japaniscne 46. 

Waschmethoden, desinfic. Werth 464. 

Zeichenapparat 770. 

Zinkleim 232. 


II. Namenregister. 

.Amsler 607. 

Arud 0 9. 

V. Arx 763. 

Bach 284. 

Bally 0 405. 

Barth 412. 

Beck 281, 292. 

Bernhard 0 343. 

Bertschinger 22. 

Beuttner 0 366. 

Bezold 412, 511. 

Bircher 0 553. 

Blumer 0 216. 

Brandenberg 230, 662. 

Brunner, K. 19, 53, 149, 0 74.5, 796. 

Brunner, Fr. 0 214. 

Burckhardt, A. E. 223, 228. 

Bürkner 414. 

Christ 116. 

Christen 446. 

Comte 193. 

Baiber 0 38, 0 403. 

Debrunner 256, 0 .531, 606, 661. 

Deuker 413. 

Dick 189. 

Di^chsel 602. 

Dubler 23. 

Dubois 224, 0 297, 702. 

Dumont 25, 63, 118, 225, 227, 389, 446. 

Dun 448. 

Dupraz 661. 

Egger 50. 

Eichhorst 46, 147, 474. 

Eankhauser 352. 

Feer 287, 513, 713. 

Fehling 283. 

Forel 278, 319, 348, 477, 571, 704, 800. 

Frank 0 201. 

Garrfe 227, 0 361, 421, 605, 658, 737, 771. 
Gaule 470. 

Girard 186. 

Gönner 17, 229, 511, 706. 

Guhl 0 469. 

Guillaume 572. 

Guye 4.50. 

Haab 0 2, 473. 

Häberlin 89, 119. 

Hägler, A. 312. 

Hägler, C. 191, 579. 

Halfter 126, 159, 192, 288, 318, 322, 381, 389, 
480, 508, 513, 706, 727. 
Hagenbach-Burckhardt 35, 510, 736. 

Hanau 51, 87, 154, 320, 772. 

Hartmann, J. 94. 

Hartmann 449. 

Hausberg 414, 451. 

Hnuselmann 84. 


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IX 


Herzfelder, Perforat. des Blinddarm-Wurmfort¬ 
satzes 543. 

Hevmann, Galvanocaustik in der Behaudlung der 
^Jasen- u. Schlondkrankheiten 253. 

Hildebrand, Chirurgisch-topogr. Anatomie 605. 

Hildebrandt, Antisepsis bei der Staaroperation 
143. 

Hildebrandt, H., Compendium der Toxicologie 
383. 

Hirsch, Suggestion u. Hypnose 383. 

Hoffa, Technik der Massage 315. 

Hoor, Prophylaxe u. Beseitigung des Trachoms 
575. 

Hürzeler, Electromagneten bei Eisensplitterver¬ 
letzungen 574. 

Jacobson, Lebrb. d. Ohrenheilkunde 480. 

Jahresbericht der Licht- und Wasserwerke Zürich 
1892 540. 

Jassenski, Action des phenates de bismuth 541. 

Jessner, Hautaiiomalien bei inneren Krankheiten 
116. 

— Compendium der Hautkrankheiten 313. 

Joseph, Lehrbuch der Haut- u. Geschlechtskrank¬ 
heiten 580. 

Jaquet, Der Alkohol 388. 

Kap osi, Hautkrankheiten 25. 

V. Kahldeu, Technik der histolog. Untersuchung 
320. 

Kar^ u. Schmol l, Atlas der pathol. Gewebelehre 

Käst u. Rumpel, Aus den Hamburger Staats¬ 
krankenhäusern 154. 

Keser, Contribut. ä F^tude de Pepitheliome pavi- 
raenteux 771. 

Kimura, Exstirpation des Thränensackes 543. 

Kinderspital in Basel, 480. 

KirchenDerger, Aetiolog. der varicösen Venen- 
erkrankungen 315. 

Kleiber, Bacteriolog. Untersuchung des Zürichsee¬ 
wassers 578. 

Kobert, Arbeiten des pharm. Institutes zu Dorpat 
388. 

— Compendium der Arznei verordnungslehre 413. 

Kocher, Phosphornecrose 84. 

König, Lehrb. d. spec. Chirurgie 287. 

Körner, Otitische Erkrankungen des Hirns etc. 
320. 

Kraflft-Ebing, Hypnotische Experimente 416. 

Kühner, Die habituelle Obstipation 117. 

Küstner, Grundzüge der Gynäkologie 660. 

l^ang. Der venerische Catarrh 661. 

Langenbuch, Chirurgie der Leber u. Gallenblase 
658. 

Lang, Erstlinge 661. 

Lefert, Pratique gyn^cologique et obstetricale de 
Paris 117. 

— Pratique des maladies des enfants 419. 

— Pratique des maladies du Systeme nerveux 
660. 

Leloir u. Vidal, Symptomatol. und Histologie der 
Hautkrankheiten 384. 

Lenhartz, Mfcroscopie u. Chemie am Kranken¬ 
bette 258. 


Lesshaft, Grundlagen d. theoret. Anatomie 152. 
Lichtwitz, Empyem des Sinus frontalis 253. 
Löbel, Behandlung der Metritis chron. 317. 

Löhr, Reform des Irrenwesens 284. 

Löwenfeld, Neurasthenie u. Hysterie 416. 

Lossen, Resection der Knochen und Gelenke 738. 
Lonmeau, Chirurgie des voies urinaires 227. 

IMlaguus, Augenärztliclie Unterrichtstafeln 256. 
Maier, Casuistik der Kunstfehler 227. 

Marthen, Antisepsis bei Augenoperationen 575. 
Martig, Chirurgie der Gallenwege 116. 

Martin, Pathol. u. Ther. der Frauenkrankheiten 
607. 

Mendelsohn, Aerztliche Kunst u. medic. AV'^issen- 
schaft 152. 

Merkel u. Bonuet, Ergebnisse der Anatomie 155. 
Michel, Leitfaden der Augenheilkunde 573. 
Mirabeau, Drillingsgeburten 802. 

Möbius, Lehre von den Nervenkrankheiten 22. 

— Neurologische Beiträge 801. 

Nager, Gehörprütüngen an den Stadtschulen 
Luzerns 257. 

Nauwerk, Sectionstechnik 707. 

Nieden, Nystagmus der Bergleute 704. 

I^arisch, Trugwahrnehmong 705. 

Pflüger, Megalocornea u. infantiles Glaucom 576. 
Plange, Die Infectionskraokheiten 382. 

Po 3 tz, Kolonisirnng der Geisteskranken 802. 

Real-Encyclopädie der ges. Heilkunde 192, 288, 
513. 

Rieder, Miscroscopie de^ Blutes 287. 

Rosenbach, Krankneiten des Herzens 384. 
Rosenberg, Krankheiten der Mundhöhle 48. 
Rosenthal, Erkrankungen des Kehlkopfes 286. 
Roth, Klinische Terminologie 418. 

Röthlisberger, Ausspülungen d. vorderen Augen¬ 
kammer 149. 

Rotber, Knöchelbrüche 25. 

Sahli, Lehrb. d. klin. üntersuchungsmethoden-381. 
Schaffer, Geburtshilfl. Taschenatlas 192. 

Schenk, Grundriss d. Bacteriologie 580. 
Schlichter, Untersuchung und AVahl der Amme 
803. 

Schmaus, Grundriss der pathol. Anatomie 51. 

— u. Horn, Ausgang der cyanotischen Induration 
der Niere 87. 

Schmidt-Rimpler, Augenheilkunde und Ophthal- 
moscopie 706. 

Schrenk-Notzing, Hypnotismus im Münchner 
Krankenbause 383. 

Schröder, Krankheiten d. weibl. Geschlechtsorgane 
607. 

Schwalbe, Spec. Pathol. u. Therapie 316. 
Schwartz, La pratique de Pasepsie et de l’anti- 
sepsie 320. 

Schwartze, Handb. d. Ohrenheilkunde 88. 

Seitz, Kinderheilkunde 512. 

Siebenmann, Die Blutgefässe des menschl. Laby¬ 
rinthes 511. 

Siegrist, Wesen und Sitz der Hemicrania ophthal- 
mica 351. 


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X 


Socin, Jahresbcr. der chirurg. Abtheilung zu Basel 
318. 

Sommer, Diagnostik der (leisteskrankheiten 801. 
Steiner, Tracnombehandlung 705. 

Strümpell, Entstehung und Heilung von Krank¬ 
heiten 152. 

— Lehrb. d. spec. Pathol. u. Therapie 7. Aufl. 
258. 

Therapeutisches Handlexicon 228. 

Thoma, Lehrh. d. pathol. Anät. 771. 

Tschirch, Das Kupier, Chemie, Toxicologie, Hy¬ 
giene 22. 

Unger, Kinderernährung u. Diätetik 419. 

Verhandlungen des Vereins der deutschen Irren¬ 
ärzte 285. 

Wegele, Diätetische Behandlung der Magen- u. 
Darmerkrankungen <182. 


AVeitemeyer, Münchens Tuberculosemortalität <50. 

Wenzel, Erfahrungen über die Entstehung von 
Krankheiten 152. 

Wesener, Medicin. klinische Diagnostik 257. 

Wiedersheim, Der Bau des Menschen 286. 

Winiwarter, Die chirurg. Krankheiten der Haut. 
118. 

Winternitz, Die chron. Oophoritis 349. 

AVolff, Lehrb. d. Haut- u. Geschlechtskrankheiten 
387. 

Wolkomitsch, Exenteratio bulbi 350. 

Ziegler, Ueber die intestinale Form der Peri¬ 
tonitis 542. 

Ziehen, Physiologische Psychologie 801. 

Zimmer, Sünde oder Krankheit 319. 

Zuckerkandl, Norm. u. pathol. Anatomie d. Nasen¬ 
höhle 321. 

Zuelzer, Handb. d. Harn- u. Sexualorgane 737. 


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Erscheint am 1. und 15. 
jedes Monats. 

Inserate 

35 Cts. die gesp. Petitzeile. 


für 

Schweizer Aerzte 

Herausgegeben von 


Preis des Jahrgangs 
Fr. 12. — für die Schweiz, 
Fr. 14.50 für das Ausland. 
* Alle Posthureaux nehmen 
Bestellungen entgegen. 


Or*. E. Hafftei* und l>r. A.« JAquet 

in Frauenfeld. in Basel. 


N! 1. XXIV. Jahrg. 1894. 1. Januar. 


Inhalts Prosit 1894! — I) Originalarbeiten! Prof. 0. Saab: Ueber die Anwendnng sehr grosser Magnete bei den 
Eisensplitterrerletsnngen des Anges. — Dr. Amd: Ueber Kresolssponate. — Prof. Naunpn: Jtan Mmriin Chareot. — 2) Vsr* 
einsberichte: Medicinlsohe Oeseilschaft der Btadt Basel. — Oesellscbaft der Aerste in Zflrieb. — 3) Referate und 
Kritiken: MDS.: Aerstlidie Knnst nnd medieinisobe Wissensebaft. — P. J, Möbius: Abriss der Lehre Yon den Merrenkrank* 
beiten. — Prof. Dr. A. Tsekirch: Das Kupfer vom Standpunkte der gerichtlieben Chemie etc. — C, Karg nnd 0. Sehmarl: Atlas 
der pathologischen Gewebelehre. — Dr. f. Fukuia: Die Lidentt&ndnng nnd ihre Folgekrankheiten. — Dr. SmÜRaUir: Die 
Kndchelbrflcbe. — Moris Kaposi: Pathologie nnd Therapie der Hantkrankheiten. — 4) Can tonale Correspond en ten: Kosten- 
Voranschlag der schweis. Kranken versichernng. — 5) Wochenbericht: Basel: Operationstisch von Dr. Hübseksr. — Biblio* 

O bie für Schweiz. Landeskunde. — Resorption nnd Ansscheidnng von Kalksalzen, — Idiopathische Herzvergrössernng. — 
archg&ogigkeit der BowAtVschen Klappe. — Die Klagen eines Neurasthenikers. — Kalte Ahseeese in Folge von Tjphns 
abdominalis. — Entartnngsreaetion. — Combinirte Morpbinm- nnd Snlfonalwirknng. ~ Zur Herstellung von Jodofbrmgaze. — 
6) Briefkasten. — 7) B ib lio g raphisohes. 


Prosit 1894! 

Friede auf Erden! tSnts von Weihnachten ins neue Jahr hinüber. 

Si vis pacem para bellum refiectirt unser geharnischtes Zeitalter. 

Der Friede, der äussere wie der innere, darf nicht mit gefalteten Händen oder 
verschränkten Armen erwartet werden — er ist der Lohn heisser Arbeit und muss er¬ 
kämpft sein. Dies gilt, wie für alle Menschen, auch ffir uns Aerzte; für den Ein¬ 
zelnen wie für den ganzen Stand! 

Unsere sociale Stellung schaffen wir uns selber und das Niveau derselben hängt 
von unserm Eigen werthe ab. So lange wir unsere Pflichten erffillen, speciell auch auf 
dem Gebiete, das — wir dürfen es mit Stolz sagen — zuerst von den Aerzten bebaut 
und ausgebildet wurde, der Volksgesundheitspflege, so lange wird auch unser Volk keine 
Lust verspüren, seinen Vertrauensarzt nach freier Wahl gegen den am Bureautisch 
ausgedachten Staatsarzt, den ärztlichen Dienstmann, und die Volksbygieine gegen eine 
Apotheke einzutauschen und einen so wesentlichen Theil seines Bestimmungsrechtes 
einzubüssen. 

Wohl aber hat der von Herrn Nationalratb Forrer geschaffene, durch die eidg. 
Commission berathene Entwurf des Kranken- und Unfallversicherungsgesetzes Aussicht 
auf Verwirklichung und bedeutet einen gewaltigen socialen Fortschritt, dem namentlich 
auch wir Aerzte nicht gleichgültig gegenüber stehen dürfen. Es ist Pflicht eines jeden 
Schweiz. Arztes, sich durch gründliches Studium des Projectes ein selbstständi¬ 
ges Urtheil darüber zu bilden und, wo und so viel er nach seiner Ueberzeugung es 
kann, dafür einzustehen. 

Und auch diese Arbeit wird ihm und dem Stande Frieden bringen! 

Die Redaction des Corr.-Blattes benützt die Nenjahrsnummer in altgewohnter 
Weise, um ihre Gönner und Leser zu grüssen, ihren verehrten Mitarbeitern aufs Beste 

1 


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2 


zu danken nnd alle um ihre fortdauernde active Theilnahroe und ihr ferneres Wohl¬ 
wollen zu bitten. 

Allen Collegen und ihren lieben FamilienangehSrigen ein herzliches 

Prosit Neujahr! 


Oi*isfina>l ten. 

lieber die Anwendung sehr grosser Magnete bei den Eisensplitter- 

Verleizungen des Auges. 

Vortrag, gehalten in der Versammlung der kantonalen ärztlichen Gesellschaft in Zäricb 

den 17. October 1893.*) 

Von Prof. 0. Haab. 

Geehrte Herren Collegen! 

Je länger ich Augenheilkunde treibe, um so mehr gelange ich zu der Ueberzeugung, 
dass man sich bei jeder Operation am Auge auf das sorgfältigste davor buten muss, 
den Glaskörper zu verletzen. 

Ich habe in dieser Hinsicht meine frühere Ansicht gänzlich geändert. Denn vor 
10 und 15 Jahren gehörte ich auch zu jenen Augenärzten, welche im Vertrauen auf 
die Errungenschaften der Antiseptik der Ansicht waren, man habe bei Verletzungen 
des Glaskörpers bloss sorgsamst eine Infection desselben zu vermeiden und Alles werde 
dann gut gehen, auch wenn man dieses wässrige Gewebe ungescheut zersteche, zer¬ 
schneide oder sogar zum Theil aus dem Auge heraus lasse. Wäre der Glaskörper 
eine Flüssigkeit, so würde diese Ansicht vielleicht zutreffend sein. Er ist aber ein Ge¬ 
webe und zwar eines der schlechtesten des ganzen menschlichen Körpers, das nament¬ 
lich bezüglich des Wiederersatzes von verlorenen Tbeilen und bezüglich der Heilung 
von Wanden, welche den fächerigen Bau desselben in stärkerem Grade zerstörten, auf 
einer sehr tiefen Stufe steht. Jede stärkere Zertrümmerung des Glaskörpers, auch 
wenn nichts davon verloren geht, vollends aber jeder stärkere Verlust desselben durch 
Austritt aus dem Auge, pflegt nach kürzerer oder längerer Zeit Netzbautablösung und 
damit Erblindung herbeizuführen, manchmal allerdings erst nach mehreren Jahren. Und 
das pflegt der Fall zu sein auch wenn man denselben bei der Operation nicht inficirt. 

Auch Fremdkörpern gegenüber verhält sich dieser schlimme Bestandtheil des 
Sehorganes ganz anders, als die meisten übrigen Gewebe und Organe des Körpers. 
Während diese gegenüber aseptisch eingedrungenen Fremdkörpern meist eine merkwür¬ 
dige Duldung entfalten, ist dies beim Glaskörper nur ganz selten der Fall. Auch 
wenn ein Fremdkörper in der Netzhaut einheilt und man sich der Hoffnung hingibt, 
es werde nun der Eindringling wohl auch vom Glaskörper nicht weiter beanstandet 
werden, so täuscht man sich in den meisten Fällen gründlich nnd wird in der Regel 
früher oder später von einer Netzbautablösung überrascht. Nur in ganz seltenen 
Fällen beobachtet man ungestörte Einbeilung von Eisen- oder Kupfersplittern in den 
Kandpartieen des Glaskörpers nnd in der Retina. Man darf daher mit dieser Mög- 

Wegen der stark vorgerückten Zeit musste der Vortrag, der hierin extenso erscheint,etwas 
gekürzt werden. 


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3 


licbkeit im Allgemeinen nicht rechnen, sondern hat wenigstens hei Eisensplittern in 
erster Linie der Aufgabe gerecht zu werden, den Splitter wenn immer mSglich aus 
dem Auge zu entfernen. 

Wenn wir nun hiehei die Gefährdung des Auges durch Glaskärperverletzung, wie 
ich sie eben kurz angedeutet habe, gebührend berücksichtigen, so kommen wir be¬ 
züglich der seit 15 Jahren gebräuchlichen Methode, die in den Glaskörperraum und 
in die Netzhaut eingedrungenen Eisensplitter vermittelst einer magnetischen Sonde anf- 
zusucben und herausznziehen, zu ganz anderen Ansichten und zu einer ganz anderen 
Werthschätzung dieser Operationsmethode. 

Fremdkörper, die in den Glaskörperraum durchgeschlagen haben, kann man mit 
der Pincette in der Kegel nicht fassen, auch wenn man den Sitz derselben mit dem 
Augenspiegel festgestellt hat und noch weniger, wenn man den Sitz nur ungeßihr an¬ 
geben oder errathen kann. Erstens verhindert der schlüpfrige Glaskörper ein sicheres 
Fassen, zweitens sucht man bei möglichst klein angelegter Eröffnung des Glaskörper¬ 
raumes so zu sagen im Dunkeln, also unter sehr ungünstigen Bedingungen und verliert 
trotz kleiner Wunde dabei allzuviel Glaskörper. Deshalb wird seit etwa 15 Jahren ziemlich 
allgemein ein kleiner Electromagnet zum Aufsuchen und Entfernen solcher Eisensplitter 
benützt. Der Strom eines einfachen galvanischen Elementes genügt, um eine 3—5 cm. 
lange und einige Millimeter dicke Sonde aus weichem Eisen, die einem grösseren Ei¬ 
senstab angescbranbt ist, stark magnetisch zu machen, sobald der Strom um diesen 
Eisenkern circulirt. Mit dieser magnetischen Sonde geht man vermittelst eines 
Scleralschnittes, unter Umständen auch durch die Wunde, welche der Fremdkörper 
geschlagen, in den Glaskörper ein und sucht den Eisensplitter zu fassen. Sitzt er 
einmal an der Sonde, so folgt er in der Regel ohne abgestreift zu werden und kann 
so mit leichter Mühe herausgezogen werden. Oft muss man aber mit der Sonde mehr¬ 
mals in verschiedenen Richtungen eingehen bis man den Splitter findet. Dadurch und 
durch den dabei auch bei Chloroformnarkose nicht immer gänzlich zu vermeidenden 
Austritt von Glaskörper wird nun aber die erwähnte verhängnissvolle Verletzung des 
Glaskörpers verursacht. Immerhin heilt in den meisten Fällen diese tiefgehende Opera¬ 
tionswunde recht gut, wenn man unter antiseptischen Vorsichtsmassregeln operirt und 
wenn durch den Splitter oder durch dessen Wundcanal nicht schon eine Infection in 
den Glaskörperraum gelangte, was leider oft der Fall. Recht oft ist der Effect 
der Operation für einige Zeit wenigstens ein guter, ja brillanter und es ist keine 
Frage, d^s diese Methode einen bedeutenden Fortschritt in der Behandlung der so 
häufigen Eisensplitterverletzungen des Auges darstellt. Manche der so Verletzten sind 
ja schon zufrieden, wenn nur wenigstens das Auge erhalten werden kann, auch wenn 
es wenig oder nichts mehr sieht. Das Tragen eines künstlichen Auges ist für die 
Meisten, insbesondere aber für Arbeiter, eine sehr lästige Sache. Einige Zahlen, die 
ich der Arbeit von Weidmann *) entnehme, zeigen den Werth der Methode am 
besten. Nehmen wir ans dem Material der damals noch unter der Leitung von Homer 
befindlichen Züricher-Klinik ans der Zeit vor der Magnetoperation die 4 Jahre 1877 
bis und mit 1880, so weisen diese mit 24 Fällen anch 24 Verluste des Augapfels auf. 

*) Weidmann, H. üeber die Verletzungen de» Anges durch Fremdkörper. Inang.-Dissertation 
Zürich 1888. 


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Denn Bomer eoucleirte meist, wenn die Diagnose Fremdkörper in der Tiefe des Auges 
gestellt war und das mit Recht. Also haben wir in dieser Zeit lOOV« Totalverlnst. 
Vier Jahre mit Magnetoperation und Antisepsis, 1883 bis und mit 1886, mit 35 Fällen 
weisen nur noch 24 Verluste, d. b. bloss 68Vo auf. 

Und doch haben sich die grossen Hoffnungen, welche man auf die Magnetoperation 
setzte, trotz aller Verbesserungen der Technik und trotz Verschärfung der antisep¬ 
tischen Massnahmen nur in ganz bescheidenem Masse erfüllt. Dies ergibt sich klar und 
bündig aus der Statistik dieser Operation. Nehmen wir die von Bildebrand ') beschrie¬ 
benen und gesammelten und die von Birschberg*) operirten 65 Fälle von Glaskürper¬ 
splittern zusammen, so erhalten wir die Zahl von 313 solcher Operationen. Nun miss¬ 
lang in 110 Fällen dieser grossen Reihe die Operation überhaupt, indem kein Splitter 
zu Tage gefördert wurde. Viele derselben hätten wohl überhaupt nicht operirt werden 
sollen, weil die Diagnose nicht ganz sicher war oder der Splitter nicht aus Eisen be¬ 
stand. Man hatte unnütz eine eingreifende Operation vorgenommen, die vielleicht das 
Auge noch mehr gefährdete, als die vermeinte oder wirkliche Verletzung. Die 203 
Fälle, bei denen die Operation den Splitter aus dem Auge brachte, ergaben folgende 
Resultate: nur in 69 Fällen, d. h. in 34V» derselben blieb Sehschärfe in mehr oder 
weniger hohem Grade erhalten und wenn man, wie Birschberg es that, erst nach län¬ 
gerer Zeit das functionelle Resultat prüft, resp. in Rechnung bringt, so schrumpft die 
Zahl der wirklich sehenden Augen sehr zusammen. Birschberg hatte nach ein- und 
mehrjähriger Beobachtung bloss noch 67« mit guter Funktion des Auges. Von den 
besagten 203 gelungenen Operationen hatten ferner 177o den Effect, dass der Aug¬ 
apfel ohne jegliche Function erhalten werden konnte und in 487o dieser Zahl 203 ging 
das Auge trotz der Operation vollständig verloren! Die Hälfte also der Augen ging 
doch zu Grunde. Ein Blick auf die Magnetoperationeu der Züricher-Klinik ergibt nach 
der Zusammenstellung, die vor kurzem Herr Biireeler*) vornahm, zunächst, dass die 
Zahl dieser Operationen verhältnissmässig zu der grossen Zahl solcher Verletzungen, 
die wir hier in Zürich zur Behandlung bekommen, klein ist. Es rührt dies davon 
her, dass sowohl Bomer wie ich nur dann die Magnetoperation ausführten, wenn die¬ 
selbe mit einiger Sicherheit Erfolg versprach. Gleichwohl sind bei diesen 18 Fällen, 
die Büreeier sammelte, nur um weniges bessere Zahlen zum Vorschein gekommen. 

Auch bezüglich des Werthes dieser Operation habe ich meine anfänglich zu 
günstige Meinung ändern müssen. Als ich im Frühjahr 1881 meine erste Magnet¬ 
operation mit Enthusiasmus ausführte, — es war die erste in Zürich und wohl eine 
der ersten in der Schweiz, — da kränkte mich bloss der Umstand, dass Andere mir 
mit der Construction eines handlichen Electromagnets znvorgekommen waren, denn ich 
hatte schon mehrere Jahre zuvor mich mit der Herstellung eines solchen wenigstens 
theoretisch beschäftigt. 

Es gereicht mir nun zur Freude, Ihnen hier ein Instrument vorweisen zu können, 
das nach den Erfahrungen, die ich bereits damit und mit ähnlichen Instrumenten im 


') Hildebrand, 65 Fälle von ^litterverletznngen. Arch. f. Angenbeilk. Bd. 23, S. 278. 

•) Hirschberg, lüO Fälle von Splitterextractionen, v. Gräfes Arch. Bd. 36. H. 3. 

*) Hürzeler, A.‘ lieber die Anwendung von Electromagneten bei den Eisensplitterverletznngeii 
des Auges. Beiträge zur Augenheilkunde, berausg. v. Deutschmann. 13. Heft. 


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Verlauf des verflossenen Jahres gesammelt habe, wohl die Maguetoperation wesentlich 
verbessert, namentlich zu einer viel schonenderen gestaltet. Es ist dies ein Electro- 
magnet von ganz besonders grossen Dimensionen und von eigenartiger Construction. 

Das Wesen der Verbesserung, die ich damit anstrebte, liegt in Folgendem. Bei 
der bisherigen Magnetoperation wurde hauptsächlich bloss die Contactwirkung des 
Magnets benützt, die anziehende Fernwirkung desselben kam gar nicht oder nur in 
ganz untergeordnetem Masse in Betracht. Denn die verhältnissmässig kleine magne¬ 
tische Sonde besitzt entsprechend ihrer geringen Masse Eisen eine nur unbedeutende 
anziehende Wirkung auf einige Distanz. Man fasste mit derselben demnach einen 
Splitter nur, wenn man ihn beinahe oder ganz berührte. Es war also dieses Instrument 
bloss eine Art verbesserte Pincette. 

Oanz anders packt dagegen dieser mächtige Magnet hier die Sache an. Er reisst 
auf grössere Distanz schon die in Frage kommenden Splitter an sich herad, bat also 
eine starke Fernwirkung. Man braucht demnach nur das verletzte Auge dem Magnet 
dicht anzunähern, um einen in der Tiefe des Organes befindlichen Splitter ohne weiteres 
anzuziehen. Ich bin gemäss den Erfahrungen, die ich mit dieser Methode bei 10 Fällen 
gesammelt habe, zu der Annahme berechtigt, 'dass dieses Instrument die meisten Eisen¬ 
splitter, die in den Qlaskörperranm vorgedrungen sind, auch diejenigen, welche in 
der Netzhaut und Aderhaut stecken, wieder nach vorn zieht und zwar entweder 1) 
durch den Einfiugcanal und die Einflugöffnung in der Bulbuscapsel gleich ganz aus 
dem Auge heraus, der denkbar günstigste Fall, oder 2) doch in die vordere Kammer, 
von wo der Splitter mit kleinem unschuldigem Einschnitt leicht entfernt werden 
kann, oder er bringt 3) den Fremdkörper wenigstens bis dicht hinter die Iris, von wo 
die gänzliche Entfernung, wie ich dies in mehreren Fällen erfuhr, auch nicht mehr 
schwierig zu sein pflegt, weil der Splitter in der Regel die Iris zum Theil von rück¬ 
wärts her durchdringt, also in der Iris stecken bleibt und dann vermittelst eines 
kleinen Einschnittes am Hornbautrand mit einer kleinen magnetischen Sonde gefasst 
und gänzlich herausgezogen werden kann. Eine vierte Eventualität liegt dann vor, 
wenn der Splitter aus der Tiefe des Glaskörpers zwar nach vorn gezogen wird, aber 
nur bis in den vorderen Theil desselben. Dies erlebt man z. B. dann, wenn der 
Splitter nicht durch die Vorderkammer, sondern seitlich von der Hornhaut durch die 
Sklera durchgeschlagen bat. Will man ihn dann auf dem Eiuschlagkanal wieder in 
die Skleralwunde hervorziehen, so kann es, wie ich in zwei Fällen beobachtete, ver¬ 
kommen, dass der Fremdkörper zwar bis hart an die Skleralwunde herangezogen wird, 
aber nicht durch dieselbe heranskommt, sondern seitlich neben derselben liegen bleibt, 
was sich in meinen beiden Fällen leicht vermittelst des Augenspiegels feststellcn liess. 
Da muss dann freilich noch die bisherige Magnetoperation zu Hülfe genommen werden. 
Aber da der Splitter nahe der Bulbuswand an bekannter Stelle liegt, ist es nicht 
nöthig, mit der magnetischen Sonde tief in den Glaskörper einzudringen und diesen 
stark zu verletzen. Vielleicht werden die weiteren Erfahrungen zeigen, dass es bei 
richtigem Manipuliren in diesen Fällen meist gelingt, den Splitter gleich 
auch noch mit dem grossen Magnet durch die Scleralwunde herauszuziehen. In allen 
anderen Eventualitäten, ausgenommen die letzte, kann man aber des Fremdkörpers 
habhaft werden, ohne den Glaskörper weiter durch Eingehen mit einem Instrument 


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verletzen zn mässen und das ist nach dem früher Gesagten ein enormer Gewinn. Ich 
glaube deshalb annehmen zu dürfen, dass die Statistik der Eisensplitterverletzung des 
Auges durch meine Methode eine bessere werden wird, ohne dass ich allerdings jetzt 
schon voreilig derselben ein allzu lautes Loblied singen möchte. Auch hier muss 
weiter geprüft und der Erfolg erst nach Jahren geschätzt werden. So viel aber darf 
ich jetzt schon sagen, dass in meinen bis jetzt so behandelten 10 Fällen die Resultate 
relativ ausgezeichnete waren und ich von diesen Augen eine güte Zahl erhalten konnte, 
die sonst hätten enucleirt werden müssen. Bei einem anderen Theil derselben wurde 
die Gebrauchsfähigkeit eine bessere, als sie es mit der älteren Magnetoperation ge¬ 
worden wäre. 

Ganz besonders vortbeilhaft gestaltet sich die Operation mit dem grossen Magnet 
bei den so gefährlichen Splittern, die in der Linse stecken bleiben. Diesen konnte 
man mit dem kleinen Magnet fast gar nicht beikommen und auch mit anderen Me¬ 
thoden war die Behandlung gewöhnlich eine sehr dubiöse. Wendet man den grossen 
Magneten an, so fliegt der Splitter im Nu io die Vorderkammer. In einem Fall, den 
ich so behandelte, und der mir auch den Weg wies, die tiefer sitzenden Splitter so 
zu behandeln, hatte der 3 mm. lange Fremdkörper schon 3 Wochen im hintersten 
Theil der Linse gesessen. Er war um so gefährlicher, als er sein hinteres Ende in 
den Glaskörper hineinstreckte. Bei der Annäherung des Auges an den Magnet flog er 
sofort auf dem Einflugweg wieder in die Vorderkammer. 

Wenn ich vorhin von richtiger Manipulation des Magnets bei be¬ 
sagter Operation sprach, so ist dies allerdings eine Sache, die ich noch näher erörtern 
muss. Denn wie Sie sich leicht vorstellen können, ist es ganz gut möglich, vermittelst 
der gewaltigen Wirkung grosser Magnete den Splitter nach vorn an einen Punct zu 
ziehen, der für die gänzliche Entfernung sehr ungünstig liegt. Er kann sich z. B. ins 
Corpus ciliare einbohren und zwar an einer schwer zugänglichen Stelle, wodurch die 
Sachlage eine sehr bedenkliche wird. Denn auch für eine allfällige Eioheilung ist das 
Corpus ciliare der allerungünstigste Platz. 

Also müssen wir mit dem Magnet so zu hantiren im Stande sein, dass wir den 
Splitter bei seinem Znrückziehen nach vorn in eine gewisse Bahn zwingen können, die 
er nicht verlassen darf. Wenn wir nun dem walzenförmigen Eisenkern des Magnets 
eine kegelförmige Spitze geben, so wird die stärkste magnetische Kraft in der Ver¬ 
längerung der Spitze, genauer in und längs der Linie liegen, welche die Längsaxe des 
Eisenkernes über die Spitze hinaus verlängern würde. Dieser Eraftbahn, in welcher 
die von der Spitze ausgehenden Linien der magnetischen Kraft am dichtesten beisammen 
liegen, wird der Splitter in erster Linie folgen, wenn er kann. Er wird dies am ehesten 
können, wenn die Kraftbahn mit seiner Einflugbahn zusammenföllt, denn er wird in 
diesem Wnndkanal den geringsten Widerstand für seine Rückreise Anden. Er wird 
diesem Canal folgend dann mit Leichtigkeit auch die Linse und die Iris, ja sogar die 
Hornhaut passiren und an der Spitze des Magnets hängen bleiben, wenn diese der noch 
frischen Hornhautwunde anliegt. Folgt der Splitter so seinem Einflugweg, so wird d.ie 
Verletzung des Glaskörpers zudem geringer, als wenn er für seinen Rückweg einen 
zweiten Wundcanal im Glaskörper anlegt. Auch wenn man Splitter in Angriff nimmt, 
die, was nicht selten vorkommt, nach Durchfliegen des Glaskörpers von der Rückwand 


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des Bulbus zurückprallen und irgendwo, gewöhnlich unten im Glaskörper liegen bleiben, 
so wird die Operation leichter, wenn wir im Stande sind, dem Splitter einigermassen 
seinen Weg, auf dem wir ihn anziehen, vorzuschreiben. Wir können ihn dann auf 
kürzestem Weg an eine Stelle bringen, von der aus wir ihn durch operativen Eingriff 
am schonendsten völlig aus dem Auge entfernen können. 

Damit wir nun die besagten Kraftlinien richtig zu dirigiren im Stande sind, 
muss der Magnet, wenn er auch gross und schwer ist, erstens eine gewisse Beweg¬ 
lichkeit besitzen und zweitens muss vom Operirenden die Spitze genau gesehen werden 
können, damit sie an die richtige Stelle an der Oberfläche des Auges, z. B. genau an 
die kleine Einschlagwunde gebracht werden kann. Denn darauf, dass der Patient dem 
Auge die richtige anbefohlene Stellung jeweilen geben werde, ist nur in geringem 
Masse zu rechnen. Immerhin ist im Fernern es nothwendig, dass der Patient in einer 
bequemen Stellung und in richtiger Haltung des Kopfes sich dem Instrument gegen¬ 
über befindet, so dass sein Auge leicht der Spitze des Magnets möglichst angenähert 
werden kann. 

Um all diesen Anforderungen gerecht zu werden, constrnirte ich daher mit freund¬ 
licher Beihülfe meines Freundes, Prof. Kleiner^ der namentlich auch die nothwendigen 
Berechnungen für die Dimensionen des Instrumentes und die zugehörige Stromstärke 
gütigst ausführte, ein besonderes, unserem Zwecke möglichst angepasstes Instrument, 
das Sie nun hier, nachdem es im Lauf der letzten Monate von der Telephongesellschaft 
Zürich hergestellt worden ist, vor sich sehen. 

Auf dem 103 cm. hohen, soliden Holzgestell befindet sich zunächst eine starke 
Messingplatte, auf deren Mitte sich eine kurze, hohle, messingene Säule erhebt. Auf 
dieser Säule ruht horinzontal vermittelst eines ca. 3 cm. dicken, entsprechend langen 
Zapfens, der in die Säule gesteckt und in derselben drehbar ist, der 60 cm. lange, 
10 cm. dicke Kern des Magnets, ans weichem Eisen bestehend und 30 Kilo schwer. 
Diese Eisenwalze endet auf beiden Seiten in einer kegelförmigen Spitze und überragt 
damit noch ziemlich weit die obere Plattform des Holzgestelles, so dass ein vor dem 
Instrument sitzender Mensch bequem seiu Auge einer der Spitzen annähern kann. Man 
kann die eine oder die andere der beiden Spitzen benützen, da der Magnet ähnlich 
wie eine Wetterfahne gedreht werden kann. Diese Beweglichkeit erlaubt auch, die 
Spitze genauer noch auf den gewünschten Punkt des Auges einzustellen, falls dieses 
nicht gerade die richtige Stellung einnimmt. Die Höher- und Tieferstellnng des Auges 
dagegen muss durch höheres oder tieferes Sitzen des Patienten (Drehstuhl) resp. Nei¬ 
gung des Kopfes bewerkstelligt werden, da Hebung und Senkung der Magnetspitze in 
Anbetracht des grossen Gewichtes des Magnets zu schwierig in der Ausführung ge¬ 
wesen wäre. Denn der Eisenkern trägt nun im Fernern noch eine grosse, 5 cm. dicke 
Umwicklung mit übersponnenem Kupferdraht, die auch 56 Kilo wiegt. Kreist der 
electrische Strom nun in dieser Umwicklung um den Eisenkern, so wird dieser sofort 
zu einem so mächtigen Magnet, dass kleinere Eisenstückchen auf einige Gentimeter 
Distanz schon an ihn herangerissen werden und z. B. ein grösserer Schlüssel oder ein 
ähnlicher eiserner Gegenstand, wenn er einmal an der Spitze haftet, nur mit Aufbie¬ 
tung der ganzen Kraft beider Hände resp. Arme vom Magnet wieder losgerissen 
werden kann. Wird der Strom unterbrochen, so hört die magnetische Anziehung auf. 


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Damit der Magnet seine Sättigung, also seine grösste Kraft erreicht, muss ihm ein Strom von 
6—8 Ampöres und etwa 60—70 Volt Spannung zugeföhrt werden. Ich ziehe, da 
Accumulatoren im Betrieb ihre Schattenseiten haben und unter Umständen bei un¬ 
richtiger Handhabung (durch Dienstpersonal etc.) gerade, im wichtigsten Moment ver¬ 
sagen könnten, die Anwendung einer Dynamomaschine jenen vor. Hat man eine Cen¬ 
trale mit Gleichstrom zur Verfügung, so kann man natürlich den Magnet an deren 
Leitung anschliessen. 

Aus dem eben Gesagten ergibt sich, dass Anschaffung und Betrieb eines solchen 
Magnets eine complicirte und kostspielige Sache ist. Der Preis des Magnets allein 
stellt sich schon auf 550 Fr. Anderseits lehren mich aber meine bisherigen Erfah¬ 
rungen auf diesem Gebiet, dass man erst mit sehr starken und zweck¬ 
mässig constrnirten Magneten vollen Erfolg erzielt. Denn 
schon vor mir haben Me Hardy und Knies die Fern Wirkung starker Magnete auf 
Splitter, die im vorderen Theil des Bulbus sassen, ein wirken lassen und auch mehr 
oder weniger Erfolg damit erzielt. Sie gaben aber die Methode nach wenigen Ver¬ 
suchen wieder auf, offenbar weil ihre Magnete nicht stark oder zweckmässig genug 
waren. Uebrigens kann man auch mit den grossen Electromagoeten, wie sie in grösseren 
physikalischen Laboratorien sich befinden und wie auch Knies einen benützte, operiren, 
wenn sie nur recht kräftig sind und man wenigstens eine scharfe Ecke derselben in 
richtiger Weise dem Auge annähern kann. Meine ersten derartigen Operationen habe 
ich mit einem starken Ruhmkorff'schea Magnet ausgefübrt, den Herr Prof. Weber am 
Polytechnikum mir zur Verfügung zu stellen die Freundlichkeit hatte. Derselbe er¬ 
hielt einen sehr kräftigen Strom von einer Batterie grosser Accumulatoren. Dann habe 
ich auch den ca. 200 Kilo schweren Hufeisenmagnet des physikalischen Laboratoriums der 
Universität benützt, den mir Herr Prof. Kleiner zur Verfügung stellte. Letzteres In¬ 
strument erhält seinen Strom von einer der Dynamomaschinen des Laboratoriums, der¬ 
selben, die ich in den letzten vier Operationen mit dem neuen Magnet für diesen ver¬ 
wendete. 

Weitere Erfahrungen müssen nun zunächst in verschiedener Richtung bezüglich 
des Wirkungskreises und der Handhabung dieser Methode noch gesammelt werden, 
auch experimentelle am Thierauge. Es ist im Fernern die Frage zu prüfen, ob r-s nicht 
in manchen Fällen besser sei, statt gleich den vollen Strom auf das Instrument wirken 
zu lassen, vermittelst Rheostat denselben allmälig erst einströmen zu lassen, damit der 
Splitter nicht zu rasch zurückgerissen und dabei vielleicht in eine falsche Bahn ge¬ 
bracht wird. Er folgt vielleicht dem Wundcanal besser, wenn er allmälig angezogen 
wird. Ich habe auch einen Rheostaten schon benützt und, wie es schien, mit gutem 
Effect. 

Auf alle Fälle ist es auch bei dieser Methode angezeigt, die Operation so rasch 
als möglich nach dem Eindringen des Splitters vorzunehmen, damit dieser nicht durch 
seine längere Anwesenheit im Auge schädliche Einwirkungen auf den Glaskörper oder 
die Retina (besonders deren Macula lutea) hervorruft. Vielleicht kann auch bei raschem 
Vorgehen in manchen Fällen die so verhänguissvolle Infection des Auges hintangehalten 
werden, die wir namentlich oft bei jenen Splittern beobachten, welche bei der Arbeit 
auf dem Feld von der Hacke ab und ins Auge spritzen, so dass in Gegenden mit 


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steinigem Boden die landbauende Bevölkerung von diesen Splitterverletzungen sehr oft 
in schwerster Weise betroffen wird. Das Hacken in Kartoffelfeldern und Reben etc. 
bringt bei nns zu Land jährlich einer grossen Zahl von Augen den Untergang, sehr 
oft durch schmerzhafte Panophthalmie. Vielleicht lässt sich auch von diesen gefähr¬ 
lichen Verletzungen, wenn rasch der Splitter extrahirt wird (und die leider so beliebten 
Umschläge mit kaltem Wasser gänzlich verpönt werden), ein Theil retten. Es wäre 
das ein grosses Glück. 


Ueber Kresoisaponate. 

Von Dr. Arnd in Bern. 

Seit C. Fränkel auf den Desinfectionswerth der Kresole aufmerksam gemacht 
hat, sind von vielen Seiten Kresolpräparate zum Gebrauch empfohlen worden, die eines 
dem anderen an Desinfectionskraft, Löslichkeit und Billigkeit zuvorznkommen suchten. 
Die unangenehmen Eigenschaften des Sublimates: seine Toxicität und seine chemische 
Einwirkung auf Metalle lässt ein allen Ansprüchen genügendes Desinficiens vermissen. 
Mit den verschiedenen Eresolpräparaten ist das Ideal noch nicht erreicht. Wenn wir 
auch nicht verlangen können, dass ein Stoff in der gleichen Concentration wie Sublimat, 
eben so energisch wirkt, so wäre es doch angenehm eine desinficirende Lösung zu be¬ 
sitzen, die bei stärkerer Concentration und gleicher Wirksamkeit den Preis der Subli¬ 
matlösung nicht üherscbreiten würde. Die Klarheit der Lösung, die für die Desinfection 
en gros nicht in Betracht kommt, ist für den Chirurgen unentbehrlich. Nun sollte 
es möglich sein, ein Präparat zu erstellen, das mit jedem Wasser eine klare Lösung 
gäbe. Lysol, Solveol, Kresol Raschig geben alle mit kalkhaltigem Wasser eine Trflhung, 
die bei den beiden letzteren gerade in den Concentrationen, in denen sie practisch zu 
verwenden sind (1—2**/o) schon recht lästig ist. Destillirtes und gekochtes und filtrirtes 
Wasser geben allerdings fast klare Lösungen. 

Ich hatte an der chirurgischen Poliklinik während ca. 1 Jahr das Lysol aus¬ 
schliesslich in Gebrauch genommen und war zu der Ueberzeugung gekommen, dass 
eine 2°/o Lösung in der Praxis mindestens ebenso viel leistet, wie die l**/oo Sublimat¬ 
lösung. Die Ungiftigkeit der Lösung gestattet eine energische Anwendung, die Albn- 
minate der Körpersäfte treten der desinfectorischen Wirkung nicht hindernd entgegen; 
eine lebhafte Bildung von Granulationen tritt immer auf; eine analgesirende Wirkung 
(der manchmal ein erträgliches Brennen voranging) war auch öfters zu constatiren. 
Nur war der Preis einer 2^/o Lösung beinahe 3 .Mal grösser als der der Sublimat¬ 
lösung, und das ist ein Umstand, der für manche Verhältnisse doch in Betracht kommt. 
Im Centralblatt für Gynäkologie (1893 Nr. 4) übergibt Dr. Burkhardt (Bremen) die 
Herstellungsweise eines «Kresolsaponates* der Oeffentlichkeit, welches sich im Gebrauch 
dem Lysol identisch erwies. Nach dem von Burkhardt angegebenen Recept wurde es 
in der bernischen Staatsapotbeke von Herr Dr. Ducommun hergestellt und bei der 
Poliklinik in gleicher Weise, wie das Lysol, in Gebrauch genommen — und mit 
durchweg gleichem Erfolg. Ich begann auch sofort im Laboratorium des Herrn Prof. 
Tavel die Prüfung der Desinfectionskraft des Präparates, indem ich es in zahlreichen 
Versuchen mit anderen Eresolpräparaten verglich. Da die Billigkeit des Präparates 


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es auch für die sogenannte grobe Desinfection tauglich erscheinen Hess, wurden die 
Versuche mit der Prüfung der Widerstandsfähigkeit der Cholerabacillen begonnen, die 
von einer in Nietleben gewonnenen Reincultur stammten, welche Herr Prof. Pfuhl mir 
freundlichst übergeben batte. Die Technik der Versuche musste von der gewöhnlichen 
abweichen, weil die Cbolerabacillen dem Austrocknen sehr geringen Widerstand ent* 
gegensetzen. Ich musste mich begnügen, eine Emulsion von Cholerabacillen in sterilisirte 
Fliesspapierstückchen aufsaugen zu lassen und diese Stückchen noch feucht zu den 
Desinfectionsversuchen zu verwenden. Eine Reihe von Spülversnchen in sterilisirtem 
Wasser lieferte den Beweis, dass das mechanische Ausspülen der Bacillen aus dem 
imbibirten Fliesspapier niemals in dem Mass zu machen war, dass die Colonienzabl in 
den mit gespülten Papierchen beschickten Gläsern gegenüber der in den mit nicht ge¬ 
spülten Papierstückchen beschickten eine merkliche Abnahme aufwies. Das Eindringen 
des Desinficiens fand jedoch, wie die Versuche zeigten, leicht statt, die Entfernung 
desselben wurde durch Spülen, 5 Minuten lang, bewirkt. 

Für die ersten Versuche war, wie es sich später zeigte, ein schlechtes Präparat 
genommen worden. Die zur Bereitung benutzte rohe sogenannte lOOV« Carbolsäure 
hatte nur ca. 207» Kresol enthalten. Die Versuchsreihe fiel denn auch nicht günstig 
für das nur 107o Kresol haltende Präparat aus. 

Während Lysol V>7o io ^ Minuten, Kresol Rascbig V>7o in 2 Minuten sämmt- 
liche Bacillen tödteto, wuchsen aus dem mit Kresolsaponat '/^Vo während 5 Minuten 
behandelten Papier noch einige Colonien auf. (Die Controllröhrcben, 6 Stück, zeigten 
unzählige.) Einer längeren Einwirkung widerstanden sie nicht. Eine 27o Lösung 
tödtete sie in '/^ Minute, während eine 27« Lösung des Kresol Raschig nach einer 
Einwirkungsdauer von 1 Minute noch 160 Colonien auf dem Quadratcentimeter Nähr¬ 
boden aufwacbsen Hess. (Die Gontrollen Hessen ein Zählen nicht zu.) Sublimat 'AVoo 
tödtet sie in Minute; die in deu Desinfectionsverordnungen verschiedener europäischer 
Staaten aufgenommene Carboiseifenlösung genügt in Sfacher Verdünnung zur Vernichtung 
der Keime in einer Minute. 

Der Desinfectionswerth des Präparates konnte natürlich aus Versuchen mit einem 
so wenig widerstandsfähigen Bacill, wie es. der der Cholera asiatica ist, nicht erschlossen 
werden. Dazu wurden, wie üblich, Milzbrandsporen benutzt. Die Versuche, die ich 
hier in Form einer kleinen Tabelle wiedergebe, wurden mit der gleichen Sporenemulsion 
alle gleichzeitig gemacht, so dass das eine Desinficiens jedenfalls mit der gleichen 
Lebensenergie der Sporen zu kämpfen hatte, wie das andere. 

Desinficiens: Einwirkungsdauer: 

2 Minuten 5 Minuten 30 Minuten 1 Stunde 

Garbolseife -f + + + 

Kresol Raschig 57o + -f- + + 

versp. Wachst, versp. Wachst. 

Lysol 57o + + + + 

versp. Wachst. 

Kresolsaponat 57« + + + + 

versp. Wachst. 

Sublimat 17«o + + — — 


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Ich muss betonen, dass alle meine Desinfectionsversuche nur durch den V e r • 
gleich der Wirkung einen gewissen Werth haben können. Einen Massstab fär die 
Wirkung auf den Microorganismus kann man nicht darin suchen, weil ich die absolute 
Widerstandsfähigkeit meiner Gulturen in Dampf und siedendem Wasser nicht geprüft 
habe. Für practische Zwecke wichtiger noch war die Prüfung der Lebenskraft des 
Staphylococcus pyogenes aureus. Meine Gulturen verhielten sich, wie folgt: 

Desinficiens: Einwirkungsdauer: 


Vs 

Minute 1 

Minute 

2 Minuten 

5 Minuten 15 Minuten 

Solutol V 2 ®/o 

++ 

44 

44 

4 4 

Garbol ‘AVo 

4 + 

44 

4 

4 — 

wenig 

Kresol Baschig '/«Vo 

44- 

4 

4 

einige Golon. einige Golon. 

Lysol Vs7o 

4 

4 

4 

einige Golon. — 

Kresolsaponat Vs7o 

4 

4 

4 

einige Golon. einig. Gol. o. 9 Tag. 

Sublimat l®/oo 

4 

— 

— - 

— — 

nach 12 Tagen. 





Die gute Wirkung der VaV Garbollösung ist auffallend. Das Kresolsaponat 
hält sich bei diesen Versuchen, denen ich wegen der Schwäche der Lösung eine Be¬ 
deutung zumessen möchte, ziemlich auf der Höhe der anderen Desinficientien. 


Es galt nun die Stärke der Lösung zu eruiren, die in kurzer Zeit die Abtödtuug 
des Staphylococcus ausführen könnte. Es zeigte sich nun, dass eine 2% Lösung von 
Lysol, wie von Kresolsaponat Burhhardt in V« Minute fast alle, in 2 Minuten 
sicher alle Keime tödtet. Die 17« Lösung dieser Stoffe lässt auch nach 2 Minuten 
noch einige Keime am Leben, tödtet jedoch sicher in 5 Minuten. Die anderen unter¬ 
suchten Desinficientien standen den beiden etwas nach. 

Bei den Versuchen mit Bac. pyocyaneus ergab sich eine überwiegende Wirkung 
des von BtirJchardt empfohlenen Präparates. 

Desinficiens: Einwirkungsdauer: 

V* Minute 1 Minute 2 Minuten 5 Minuten 30 Minuten 
Solveol l®/o + + + + — 

Kresol Baschig l®/o -P -f 4 4 — 

Garbol l*/o 4 4 4 — — 

Lysol l®/o 4 4 4 — — 

Kresolsaponat l®/o 4 4 — — — 

An desinfectorischer Kraft steht also diese Kresolseifenverbindung den übrigen 
bekannten Präparaten jedenfalls nicht nach. In ihrer practischen Verwerthung 
ist sie dem Lysol gleichzustellen. Sie gibt, wie das Lysol, mit unserem harten 
Wasser eine nur leicht trübe (ca. 1—2®/oige) Lösung, die durchaus nicht die unter 
einer Schicht von 5—10 cm liegenden feinen Instrumente dem Blicke verdeckt. 
Stärkere Lösungen sind klarer, schwächere trüber. Die anderen Kresolpräparate 
bewirken alle mit dem gleichen kalkhaltigen Wasser intensivere Trübungen. Von 
einer toxischen Eigenschaft ist niemals (bei 2®/oigen Lösungen) etwas bemerkt 
worden. Auch ganz kleine Kinder vertragen feuchte Verbände etc. ohne den geringsten 
Nachtheil. Eine geringe Mnmificirung der oberen Epidermisschichten, die sich bräunen 


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und nach mehrtägiger, constanter Anwendung des Mittels, sich in grossen Stücken ab- 
ziehen lassen, ist nicht als Nachtheil zu betrachten. Stark inficirte Wunden reinigen 
sich unter Umschlägen mit l°/o Lösung sehr rasch, ohne dass die geringste unan¬ 
genehme Nebenwirkung sich geltend machen würde. Unverdünnt zum Zwecke der 
Beinigung in die Haut der Hände und Vorderarme eingebürstet (wie ich es längere 
Zeit bei mir selbst versuchte), erregt es an den Stellen mit zarterer Hautbedeckung 
(Vorderarme) einen kurzen, brennenden Schmerz. Etwas anderes, als die Mumificirung 
der Haut konnte ich jedoch nicht als nachtheilige Folge wahrnehmen. Der Tastsinn 
wird nur während dieser Anwendung etwas abgestumpft.*) 

Die Einfachheit der Darstellung aus Kaliseife und 1007« Carbolsäure setzt aller¬ 
dings, wie Dr. BurJthardt hervorhebt, jeden Apotheker in Stand, das Präparat zu 
verfertigen. Nur kommt es darauf an, dass die Carbolsäure auch einen möglichst 
hohen Gehalt an Eresolen besitze, so dass das Präparat wirklich 5ü7o Eresole enthalte. 
Nur von einem solchen Präparat lassen sich die beobachteten günstigen Wirkungen 
erwarten. Herr Traub in Basel hat auf mein Ersuchen Experimente darüber ange- 
stellt, ob sich der Eresolgehalt dieses Präparates, das er mir für meine Untersuchungen 
verfertigte, nicht erhöhen lasse, ohne dass die Fabrication umständlicher werde. In 
der That hat er mir ein Pröparat mit 667o Eresol zur Verfügung gestellt, doch ist 
dieses in der Verwendung nicht so angenehm, weil es sich, in hartem Wasser, 
unter Entstehen einer grösseren Trübung löst. Das lEresapolf, unter welchem Namen 
das Präparat von der chemischen Fabrik Traub in Basel en gros verfertigt wird, 
enthält nun 507o Eresole. 

Wie Engler und Schottelim sich um die ärztliche Welt verdient gemacht haben 
durch die Bekanntgebung des Lysols, so bat es auch Burkhardt gethan, indem er 
die Herstellung eines gleichwerthigen, jedoch bedeutend billigeren Präparates durch 
seine Veröffentlichung Jedermann und überall ermöglichte. 

Jean Martin Charcot.’') 

Von Prof. Naunyn, Strassbarg. 

Der 16. August 1893 brachte der wissenschaftlichen Welt einen schweren Verlust. 

Jean Martin CÄarco^ war plötzlich verstorben; durch nichts vorbereitet eilte diese 
Nachricht durch die Welt. 

Obwohl nicht mehr jung — er stand nahe vor Vollendung seines 68. Lebens¬ 
jahres —, hatte Charcot, noch im vollen Besitze seiner Kräfte und, dem Anscheine nach, 
auch seiner Gesundheit, die Aufgaben des Semesters bis zu dessen Schluss bewältigt. 

Mit Beginn der Ferien trat er in Begleitung seiner BVeunde Straus und Debove 
eine Erholungsreise an. Am lac des Settons in der Nievre erlag er einem Anfall von 
Angina pectoris. 

Erst nachträglich erfahrt man, dass bereits seit einiger Zeit seine Gesundheit erschüt¬ 
tert war, und dass er schon öfter durch Anfälle ähnlicher Art in seinem Befinden gestört 
worden sei. 

*) Instrameiite werden durch stundenlanges Liegen in der Lösung nicht geschädigt. 

•) Dieser Necrolog von Charcot wurde zuerst im Verein der unterelsässischen Arzte am 28. 
October 1893 vorgetragen und dann im Arch. f. exper. Path. und Pharm., Bd. XXXIII, publicirt. 
Durch die gütige Erlaubniss des Verfassers sind wir in den Stand gesetzt worden, dieses höchst ori¬ 
ginelle und trelfliche Bild des grössten Pathologen und Klinikers unserer Zeit an dieser Stelle abzu¬ 
drucken, wofür wir Herrn ProE Naunyn unseren besten Dank ausaprechen. Red. 


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13 


J, M. Charcot ist am 29. November 1825 in Paris geboren. Sein Vater war ein 
einfacher Handwerker, ein ehrenwerther, aber wenig begüterter Mann. So sah sieh 
Charcot frühzeitig auf seine Arbeit gestellt; als Student musste er sich seine Existenz¬ 
mittel zum Theil durch Privatunterricht erwerben. 

Im Jahre 1853 erlangte er den Doctorgrad an der Pariser Facultät mit einer 
Th^se über asthenische Gicht, zu der ihm wohl bereits das Material der Salpetri^re die 
Anregung gegeben. Schon ein Jahr seines Internates hatte er in ihr durchgemacht; 10 
Jahre später — 1862 — wurde er Abtbeilungsvorstand (Chef de Service) in diesem 
Krankenhause, welches er, wie Bourneville sagt, nicht mehr verlassen sollte. 

Hier hielt er von 1866 bis zu seinem Tode (mit Unterbrechung eines Jahres) die 
„Dienstags-Vorlesungen", die seinen Namen schnell bekannt machten. Er war schon ein 
hochberühmter Kliniker, als ihm* im Jahre 1872 die Professur für pathologische Anatomie 
an der Pariser Facultät übertragen wurde. Diese Professur hat er bis zum Jahre 1882 
bekleidet; dann erst erreichte er endlich sein lange erstrebtes Ziel: es wurde ihm die 
eigens für ihn begründete Lehrkanzel der Klinik für Nervenkrankheiten übertragen. Be¬ 
reits ein Jahr später ward er zum „Membre de Tlnstitut" erwählt. 

Nach kaum mehr als zehnjähriger Wirksamkeit an dem von ihm geschaffenen 
Musterinstitute in seiner altgeliebten Salp6tri^re ist er plötzlich dahingegangen. Ein 
Mann, dem die wissenschaftliche Welt den Tribut der dankbaren Hochachtung, den sie 
ihm schuldet, mit warmem Herzen darbringen darf. Tief erschüttert stehen seine Schüler 
und seine Freunde um sein Grab, und aus tiefster Brust tonen die Klagen, die sie dem 
Meister und Freunde nachsenden. Dies giebt uns die Gewähr, dass auch der Betrauerte 
seinerseits die grossen Gaben seines Geistes warmen Herzens der Welt geweiht hatte. 

Seit lange hat kein Kliniker eine solche Berühmtheit, eine solche internationale 
Popularität genossen, wie Charcot. Sie galt dem Specialisten, dem grossen Neuropatho- 
logen. Dies war insofern berechtigt, als Charcot in den letzten Jahren, auf der vollen 
Höhe seines Ruhmes, sich ausschliesslich der Neuropathologie gewidmet hat. Mit aller 
Bestimmtheit hat er selbst in der Programmvorlesung, mit welcher er sein neubegründetes 
Institut in der Salpötriere eröffnete, betont, dass er dieser Specialität zu dienen habe. 

Doch findet das Bild von CharcoVs Persönlichkeit in dem Rahmen einer Specialität 
nicht Platz; für sein Vaterland vor Allem war er viel mehr: der Führer der modernen 
klinischen Schule Frankreichs; er steht an erster Stelle unter denjenigen, welche dort 
der neuen naturwissenschaftlichen Richtung in der practischen Medicin Bahn brachen. 

Aber auch für die ausserfranzösische Welt und auch für uns Deutsche ist seine 
Bedeutung eine viel allgemeinere. Nicht nur auf dem Gebiete der Nervenkrankheiten 
hat er höchst Bedeutendes geleistet, sondern überall zeigt er sich in der Behandlung 
seiner Themata als der grosse Kliniker, der mit seinem Interesse und seinem Wissen das 
ganze grosse Gebiet der medicinischen Wissenschaften umfasst. 

Vor jetzt ungefähr 25 Jahren trat Charcot mit seinen Vorlesungen über die multiple 
Sklerose und die Paralysis agitans, über die Rückenmarkscompression und über die 
spinalen Amyotrophien u. s. w. hervor. Von damals an bis zum heutigen Tage haben 
sie die gleiche fesselnde Anregung auf mich ausgeübt, und nie habe ich eine einfache 
Formel finden können, mit der ich meine Empfindung Charcot*s Werken gegenüber kurz 
hätte bezeichnen können. Auch heute finde ich eine solche kurze Formel nicht, und 
doch drängt mich das Gefühl des Dankes, welches ich, gewiss mit den meisten meiner 
Collegen, für den grossen Meister unseres Faches hege, dem, was er uns gewesen ist, 
Ausdruck zu geben. Vielleicht gelingt es mir, indem ich diejenigen Eigenschaften seiner 
Persönlichkeit und diejenigen Besonderheiten seines Entwicklungsganges klar zu stellen 
suche, welche mir die Basis für die grossen Werke seines Geistes zu bilden scheinen. 

Nach mehr als einer Seite bestimmend für Charcot*^ Stellung wurde das Verhalten, 
in welches er zu der von Deutschland ausgehenden Reformbewegung trat, die in der 
Mitte unseres Jahrhunderts die medicinische Welt erregte. Früher und bestimmter als 


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irgend ein anderer der französischen Kliniker hat Giarcot die Bedeutung dieser von 
Anatomie und Physiologie getragenen Bewegung für die klinische Medicin gewürdigt, ln 
seinen Programmreden aus den 60er Jahren spricht er dies oft aus. Fast in jeder der¬ 
selben weist er darauf hin, wie unerlässlich die anatomische Begründung der klinischen 
Beobachtungen, die experimentelle Bearbeitung der pathologischen Themata für den Fort¬ 
schritt der Klinik der „Nosografie“ sei. 

Unter dieser Fahne war es, dass sich seit der Mitte der 60er Jahre die tüchtigsten 
der jüngeren Kräfte Frankreichs um Chor cot und seinen Freund Vulpian sammelten, und 
die Arbeiten, die aus dieser Schule hervorgegangen, schafften der neuen Richtung schnell 
Eingang in die französischen Kliniken; die in den Händen der deutschen Anatomen weit 
entwickelte Technik der microscopischen Untersuchung, die experimentelle und entwick¬ 
lungsgeschichtliche Behandlung pathologischer Fragen haben dann auch dort bald die 
schönsten Früchte gezeitigt. 

Dass man Charcot nach Vulpian'^ Abgang die Professur für pathologische Anatomie 
an der Pariser Facultät übertrug, zeigt am besten, wie man seine Führerschaft auf 
diesem Gebiete anerkannte, und dass er diese Professur und gleichzeitig das Präsidium 
der neubegründeten Societc anatomique übernahm, beweist, dass er sich als solchen fühlte 
und welchen Werth er hierauf legte. 

So sehr ihm aber auch die Hülfswissenschaften und vor Allem die Anatomie am 
Herzen lagen, er blieb stets Kliniker, und so bedeutend auch seine anatomischen und 
experimentellen Arbeiten sind, sie dienen nur der unmittelbaren Befriedigung des klini¬ 
schen Bedürfnisses. Sein Interesse für diese Gebiete ist nie ein selbständiges geworden, 
es ist ein für allemal durch die klinische Krankenbeobachtung gefesselt. Der Weg zum 
experimentellen und anatomischen Laboratorium führte bei Charcot ^ wie Moritz Benedict 
von ihm gesagt hat, stets durch das Krankenzimmer. 

Sämmtlicbe selbständigen Publicationen Charcot's tragen auf dem Titel ein kleines 
Bildchen, den Eingang zur alten, durch ihn so berühmt gewordenen Salpetri^re darstellend. 
Dies alte Hospital bildet den eigentlichen Schauplatz von Charcot's Thätigkeit und Ent¬ 
wicklung, von seinem ersten Auftreten bis zu seiner letzten Vorlesung. 

Wie seine Biographen erzählen, pflegte Charcot schon seit damals, da er als In¬ 
terner die Salp6tri^re zum ersten Male betreten, mit seinem Freund Vulpian die Ab¬ 
theilungen nach interessanten Fällen zu durchstöbern, und sie berichten, dass er bis in 
die letzte Zeit ein für allemal den grössten Theil seiner Zeit auf den Krankensälen zu¬ 
brachte. Durch so andauernden Fleiss gewann er die Uebersicht über das riesige 
Material jenes Krankenhauses, deren er bedurfte, um das für seine Zwecke brauchbare 
auszusondern. 

Er hat wahrlich den Schatz kostbaren Materials, den er dort schliesslich fand, nicht 
leicht gehoben. Ich glaube. Jeder, der die Verhältnisse eines solchen Riesenspitals kennt, 
wird uns beistimmen: es war die That eines leidenschaftlichen Klinikers, dem die Kranken 
das adäquate Arbeitsmaterial und deshalb das nothwendigste Lebensbedürfniss, das pabulum 
vitse sind. 

Der rechte Kliniker, dessen adäquates Arbeitsmaterial die Kranken sind, ist mit 
diesen nie beeilt, „hat für sie immer Zeit“. Charcot soll auch diese Eigenart in hohem 
Maasse besessen haben. 

Cha/rcot besass aber nicht nur ungewöhnliche anatomische Bildung, er war nicht 
nur ein leidenschaftlicher Kliniker, sondern er war auch ein grosser Gelehrter und ein 
ernster, wahrhafter Forscher. 

Diese beiden Eigenschaften drücken seinen Leistungen auf klinischem Gebiete mit 
an erster Stelle ihren Stempel auf. Das Erste: seine Gelehrsamkeit, sein literarisches 
Wissen, war ausserordentlich gross. Er beherrscht in fast jedem der Gebiete, welche er 
behandelt, die Literatur in einer Weise, wie dies nur der kann, der die gesammte 
Literatur seiner Wissenschaft beherrscht. Diese Belesenheit, das literarische Wissen ist 


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heutzutage bei Klinikern etwas sehr Seltenes; gerade von Charcot aber kann man lernen, 
wie forderlich sie auch dem practischen Forscher ist: wie schön schliesst sich oft unter 
seinen Händen die Kette unserer Erkenntniss, zu der er zahlreiche Glieder aus den Be¬ 
obachtungen Anderer gewonnen. 

Für sein Yaterland Frankreich wurde Charcot durch sein literarisches Wissen 
epochemachend: er brach zuerst mit der Vernachlässigung, welche die Literatur des Aus¬ 
landes vor ihm dort grundsätzlich erfuhr. Insonderheit wieder war er einer der Ersten 
in Frankreich, welche die deutsche Literatur gewürdigt haben. Lupine erzählt, dass er 
Frerich's „Morbus Brightii“ zu seinem eigenen Gebrauche übersetzt habe; in den Werken 
aus CharcoVs früherer Periode nehmen die deutschen Autoren den ersten Rang ein. In 
manchen wichtigen Puncten, z. B. in seinem häufigen Zurückgehen auf den damals nur 
von Wenigen beachteten TürJc^ zeigt er sich als Kenner der deutschen Literatur gar 
manchem deutschen Gelehrten überlegen. 

Mit dem Umfange seiner Kenntnisse geht eine gründliche Kritik Hand in Hand: 
Er ist in der Art, wie er die Literatur verwerthet, im Allgemeinen mustergültig; er 
prunkt fast nie, seine Citate betreffen die wichtigeren und noch nicht eingebür¬ 
gerten, noch nicht banalen Punkte und werden in geschickter Weise Beidem, der 
historischen Gerechtigkeit und dem Bedürfniss nach heranzuschaffenden Beweisstücken 
gerecht. 

Als CharcoVs grösste Eigenschaft aber rühme ich nach meinem Empfinden, dass er 
ein ernsthafter, wahrer Forscher war; er war streng in der Beobachtung und er ver- 
werthete keine Beobachtung, von deren Richtigkeit er nicht selbst fest überzeugt war, 
d. h. er war mit einem sehr stark entwickelten Sinne für Wahrhaftigkeit begabt; und 
wo er schildernd oder urtheilend sich äussert, da trägt er mit scrupulöser Gründlichkeit 
Alles zusammen, was ihm seine Kenntnisse, seine Anschauung mehren und erweitern, 
was ihm sein Urtheil klären und sichern hilft, d. h. er meint es ernst damit. 

Von Charcot^ Hauptwerken sind zuerst zu nennen die Arbeiten über die multiple 
Sklerose und Paralysis agitans, über die spinalen Myatrophien, die Tabes dorsalis und 
über die (post- und prae-) hemiplegischen Krampferscheinungen. Es sind dies in der 
Hauptsache die Arbeiten, welche seinen Ruhm begründet haben. Sie fallen in die 60er 
Jahre, ziehen sich aber noch bis in das 7. Jahrzehnt hin. 

Die multiple Sklerose war vor Charcot nicht ganz unbekannt, sie wurde sogar schon 
bei uns in Deutschland mit Glück diagnosticirt; immerhin war das, was über die Krank¬ 
heit vorlag, so unbedeutend, dass man sagen kann, mit einem Schlage schuf Charcot das 
scharf charakterisirte, bis in die feinsten Details ausgearbeitete Krankheitsbild, das für 
alle Zeiten gültige Bild einer Krankheit, die von vornherein als eine der interessantesten 
Nervenkrankheiten auftrat und bald auch eine ihrer wichtigsten werden sollte. Die 
Arbeit über die spinalen Myatrophien lehrt die Bedeutung der Vorderhornerkrankung für 
die Muskelatrophien kennen. Charcot scheidet in ihr zum ersten Male die myopathischen 
von den neuropathischen Muskelatrophien und stellt in der Poliomyelitis (der Name rührt 
nicht von ihm her) und in der amyotrophischen Seitenstrangsklerose zwei Typen der 
neuropathischen Muskelatrophie auf, welche alle Wandlungen auf diesem Gebiete über¬ 
dauern. Namentlich in der amyotrophischen Seitenstrangsklerose zeigt er sich wieder als 
der Meister in klinischer Auffassung und Darstellung. 

Mit CharcoVs Arbeit über die Tabes dorsalis beginnt der völlige Umbau, welchen 
dies alte Symptomenbild in der Neuzeit erfahren: Charcot scheidet den spastischen Symp- 
tomencomplex, die Lateralsklerose, von der Sklerose der Hinterstränge und erweitert das 
Symptomenbild der letzteren durch die Entdeckung der gastrischen u. s. w. Krisen und 
der tabischen Gelenkerkrankung. 

Eine zweite Reihe bilden die Arbeiten Charcot\ welche die Himlocalisation be¬ 
handeln; sie fallen in der Hauptsache in die 70er Jahre. Angeregt und getragen sind 
diese Untersuchungen CharcoVs durch Fritsch und Hitzig'^s Entdeckung der electrischen 


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Erregbarkeit der Grosshirnrinde, in manchen Richtungen auch durch MeynerV^ Unter- 
Buchungen zur Himanatomie. 

Nachdem Hitzig und Fritsch die psychomotorischen Grosshirncentra beim Hunde 
gefunden hatten, war es auch durch Beobachtungen von Wernher, Hitzig u. A. bereits 
wahrscheinlich gemacht^ dass beim Menschen diese in den Gyris um den Sulcus Rolandi 
zu suchen seien. Doch war es Charcot Vorbehalten, in einer Folge von in Gemeinschaft 
mit Pitres veröffentlichten Aufsätzen den Gegenstand endgültig zu erledigen. Durch 
Charcot und J^tres ist es festgestellt, dass von den Erkrankungen der Grosshirn Windungen 
nur die des Gyrus pree- und postcentralis und des Gyrus paracentralis Lähmungen machen; 
so umfangreich und sicher sind die von ihnen beigebrachten Beweismittel, dass in dem 
heftigen Streit, welcher um die Hitzig-FritscFscho Entdeckung alsbald anhob, jetzt die 
Pathologie es war, die Hitzig'% Stellung fast unangreifbar machte. 

Mit dieser Hauptarbeit Charcofs gehen Studien auf sehr verschiedenen Gebieten 
der Hirnpathologie Hand in Hand, die vielfach überaus anregend gewirkt. Ich nenne 
die ältere mit Bouchard publicirte Arbeit über die miliaren Hirnaneurysmen, die ausge¬ 
zeichnete Behandlung der von Jackson entdeckten Hemiepilepsie und vor Allem die 
Studien über die Blutcirculation im Hirne. 

Während mehr als der letzten zehn Jahre seines Lebens bat Charcot sich mit 
überwiegendem Interesse dem Studium der Hysterie zugewendet. Von Einigen werden 
diese Studien über die Hysterie weit über alle seine anderen Leistungen gestellt, von 
Anderen ist seine Beschäftigung mit dieser verrufenen Krankheit fast als eine Verirrung 
angesehen. 

Von CharcoVn Untersuchungen über die Hysterie bilden die über die Hysteroepilepsie 
einen besonderen Abschnitt. In RicheVs grossem Werke „Hysterie gravesind sie zu¬ 
sammengefasst. 

Zum ersten Male lernte man hier das in den grossen Zügen fast typische, in den 
Details sehr mannigfaltige Bild dieser Krankheit kennen, und es hat lange gedauert, bis 
das anfängliche und bis zum Misstrauen gesteigerte Erstaunen der Erkenntniss wich, dass 
diese Krankheit, wenn auch selten, so doch wirklich und nicht nur in den Sälen der 
Salpetri^re vorkommt. 

Die Grosse der Arbeit, auf welche sich dies Werk gründet, ist erstaunlich, die 
Summe der neuen Thatsachen, die es uns mittheilt, überraschend. Die Beobachtungsgabe, 
die klinische Intaition und Gestaltungskraft CharcoVs^ sie haben sich wohl nie in glän¬ 
zenderem Lichte gezeigt. 

Mit diesen Studien über die schwere Hysterie sind die über die Hypnose verflochten. 
Auch auf diesem Gebiete steht Charcot hoch über Allen, die dasselbe sonst bearbeitet, 
sein naturwissenschaftlicher Genius hat ihn auch hier nicht verlassen. Auch hier bringt 
er zahlreiche Thatsachen, welche ihren Werth für alle Zeiten behalten werden; ich er¬ 
innere nur an die Steigerung der mechanischen Erregbarkeit der Nerven in der Hypnose 
und an die Möglichkeit, leidenschaftliche Zustände dadurch anszulosen, dass Stellungen 
oder Muskelacte untergeschoben werden, die dem zu bewirkenden passioneilen Zustande 
entsprechen. Wie weit er gehen konnte, ohne den festen Boden zu verlieren, ist Charcot 
auch in diesen Studien gegangen, dann hat er sie klüglich abgebrochen — auch dieser 
gefährlichen Situation ist er Meister geblieben. 

Charcot hat im Verlauf des letzten Decenniums diese unbegreifliche Krankheit, die 
Hysterie, nach allen Seiten verfolgt; er hat ihre Diagnose gesichert, indem er ihre Kenn¬ 
zeichen (Stigmata) kennen lehrte, er hat auch hier uns wieder eine Fülle neuer Beob¬ 
achtungen geschenkt; ich nenne nur die Hysterie der Männer, die hysterische Facialis- 
contractur, die Astasie-Abasie. Ob er nicht doch das Gebiet der Krankheit zu weit aus¬ 
gedehnt? ob es nicht besser gewesen wäre, z. B. die Grenze zwischen der traumatischen 
Hysterie (der traumatischen Neurose der Deutschen) und eigentlicher Hysterie schärfer 
zu ziehen? 


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— 17 — 

Ich lasse diese Frage hier offen; ich habe zuweilen geglaubt, dass Charcot selbst 
noch daran gehen werde, seine vielseitigen Studien über die Hysterie in abschliessender 
Form zusammenzufassen; vielleicht hat ihn nur sein frühzeitiger Tod daran gehindert. 

Was ich hier an Werken des grossen Meisters klinischer Forschung aufgezählt, be¬ 
trifft die Gebiete, in denen er die Wissenschaft seiner Zeit führte; mitgearbeitet und 
sehr erfolgreich mitgearboitet aber hat er an zahlreichen weiteren Themen. Die Lehre 
von der Lebercirrhose, vom chronischen Rheumatismus, von der progressiven Muskel¬ 
atrophie, von der Aphasie, vom Morbus Basedow und viele andere Gebiete der Pathologie, 
sie zeigen überall die Spuren seines befruchtenden Geistes und seiner ordnenden Hand. 

Giorcot ist bis an sein Ende der Mittelpunkt des medicinischen Lebens in Paris 
geblieben. Keine Bewegung auf diesem Gebiete war ohne seine Mitwirkung, war anders 
als unter seiner Führung denkbar. Seit den Archives de Physiologie konnte keine an¬ 
gesehene medicinische Zeitschrift entstehen, unter deren Gründern er gefehlt hätte: die 
Iconografie de la Salpetri^re, die Revue de m6decine, die Archives de Neurologie, die 
Archives de mMecine experimentale, alle gingen auf seinen Namen. 

Charcot hat, wie schon gesagt, frühzeitig Schule gemacht und das Ansehen seiner 
Schule ist stetig mit ihm gewachsen; nur ganz wenige der namhaften Neurologen des 
heutigen Frankreich sind nicht aus ihr hervorgegangen. 

Seine Wirkung auf seine Schüler scheint eine durchaus unmittelbare gewesen zu 
sein: sie übernahmen die von ihm bereits durchdachten Themata zur Bearbeitung; Charcot 
pflegte dann später die von ihnen erlangten Einzel resultate in synoptischer Weise zu¬ 
sammenzufassen und ins rechte Licht zu setzen. Eifrig arbeiteten Meister und Schüler, 
vom Interesse für die Sache gespornt, sich gegenseitig in die Hände; neidlos gönnte 
Jeder dem Anderen, was dieser an seiner Stelle nützen konnte — eine einige Schaar, 
diese Schule der Salpötriere, und ein einiges Werk, das sie unter GharcoV% Führung 
vollbracht. 

Das sind die rechten Meister der Wissenschaft, die nicht nur in den eigenen 
Werken, sondern in ihren Schülern fortleben. 


VeireiiAeil>ei*ioli te. 

Medicinische Geseiischaft der Stadt Basei. 

SitziDf van 2. Navenker 1893.0 

Präsident: Dr. Th, Lotz. — Actnar: Dr. VonderMiJihll, 

Dr. Gomner: Das Verkiltaiss des Sekidels der Matter za deai des Kindes and 
dessen g^ekartskillleke Bedealang^. Vergleichende Messungen des Beckens, des Schädels 
und der Körperlänge von l’atientinnen der Baseler geburtshilflichen Klinik, sowie 
Messungen des Schädels ihrer neugeborenen Kinder und Bestimmungen des Gewichts 
dieser letzteren haben folgende Resultate ergeben: 

Die hauptsächlich von Fasbender aufgestellte Behauptung, der Kopf der Frucht sei 
ein Abdruck des mütterlichen Schädels, gilt für Basel nicht. Es ist dies ’zu bedauern; 
denn für künstliche Frühgeburt und auch sonst wäre es angenehm gewesen zu wissen, 
was für einen Kopf man zu erwarten hat. Ist der Schädel der Mutter Dolicho- resp. 
Meso- oder Brachycephal, so ist die gleiche Kopfform bei der Frucht nur in 29^/o zu 
erwarten, in 71®/o dagegen nicht. 

Becken Verengerungen, z. Th. allerdings geringen Grades Anden sich in 15^/oj kleine 
Anomalien, die geburtshilflich unwichtig sind, in 38^/o. Diese letzteren beruhen z. Th. 
auf Rachitis, in der Mehrzahl handelt es sich aber um kleine Frauen, die auch kleine 
Kinder gebären. Besondere Racencharaktere lassen sich nicht feststellen. Ein bestimmter 

*) Eingegangen 18. November 189.3. Red. 

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der Dolicho- oder Brachycephalie entsprechender Beckentypus findet sich nicht vor. Die 
hiesigen Frauen sind im Ganzen nicht gut gewachsen, schöne Becken sind relativ selten. 

N.B. Erscheint in extenso im Archiv für Gynäkologie. 

Dr. Fj. Biedtmann: lieber Enoresis. (Erscheint im Internat. Centralblatt für Phy¬ 
siologie der Harn- und Sexualorgane.) Vortragender sucht sich Rechenschaft abzu- 
legen über die krankhaften Veränderungen des Harnapparates bei Enuresis. Er sieht 
bei seiner Besprechung ab von den Fällen des Leidens, die als Reflexneurosen von den 
Genitalien, vom Rectum etc. aus müssen aufgefasst werden und hält sich nur an solche 
Fälle, wo ausser dem Symptom des Bettnässens nichts Abnormes kann gefunden werden. 
Es erscheint am passendsten, sich zunächst über die normalen physiologischen Vorgänge 
bei der Harnentleerung zu orientiren. Beim Durchgehen der Litteratur fallt es auf, dass 
diese Vorgänge in den physiologischen Lehr- und Handbüchern mit kurzen Worten ab- 
gethan werden und dass sich keines in nähere Details einlässt. Die neueste einschlägige 
Arbeit stammt von Born: Zur Kritik über den gegenwärtigen Stand der Frage von den 
Blasenfunctionen (Deutsche Zeitschrift für Chirurgie von Lüche und Boac^ Bd. 25, pag. 118, 
1886). Dann hat Zeissl in neuerer Zeit die Innervation der Blase studirt {Pflüger^s 
Archiv 1893, 53. Bd., 11. und 12. Heft). Von den Franzosen hat hauptsächlich Gugmi 
diese Frage besprocheu (Physiologie de la vessie. Gazette hebdom. de medecine et de 
Chirurgie, 1884, pag. 853). Vortragender entwirft an der Hand der J^orn’schen Arbeit 
ein Bild über die Vorgänge bei der Füllung und Entleerung der Blase. Nur ist er mit 
Born nicht einverstanden, dass der Harndrang durch Dehnung der Blasenwand ausgelöst 
werde, sondern er hält mit der Wiener Schule {Vltzmann und Finger) dafür, der Harn¬ 
drang werde erst durch Eintritt von Urin in den Blasenhals und durch die dadurch be¬ 
dingte Ausdehnung der hintern Harnröhre zum Bewusstsein gebracht. 

Bei schwacher Füllung der Blase wird der Verschluss derselben gegen die Harn¬ 
röhre zu durch die sich aneinanderlegenden Schleimhautfalten der Blase in der Nähe dea 
Orificium internum urethr® bewerkstelligt. — Bei stärkerer Füllung schliesst der Sphincter 
internus die Blase von der Harnröhre ab. — Bei starker Füllung wird der Sphincter 
internus durch den intravesicalen Druck überwunden, der Blasenhals in das Lumen der 
Blase einbezogen und der Verschluss durch den dem Willen unterstellten Sphincter ex- 
ternns hergestellt. Dabei besteht andauernder Harndrang. 

Die Entleerung der Blase wird um so leichter erfolgen: 1) je stärker die Con- 
tractionen des Detrusor sind, 2) je schwächen! Widerstand der Sphincter internus dem 
Andrang des Harns entgegensetzt und 3) je schwächer der Sphincter externus (Compressor 
urethree) entwickelt ist. — Die Entleerung kommt um so unvollkommener zum Bewusst¬ 
sein, je weniger heftig der Harndrang ist, der vom Blasenhals ausgelöst wird. Ist die 
Sensibilität der Schleimhaut des Blasenhalses aufgehoben, so erfolgt die Miction unwill¬ 
kürlich. % 

Die Enuresis wird also bedingt: 1) durch übermässige Contractionen des Detrusor, 
2) durch Schwäche des Sphincter internus, 3) durch verminderte Sensibilität des Blasen¬ 
halses, 4) durch Schwäche des Compressor urethrsc. 

Die Therapie hat folgenden Indicationen zu genügen: 1) Hebung des allge¬ 
meinen Ernährungszustandes, wo dieser Noth leidet, 2) Kräftigung der Sphincteren und 
Herstellung der normalen Sensibilität der hintern Harnröhre. 

Innere Mittel sind meist unwirksam oder erfordern zu lange Zeit, bis eine Wirkung 
kann constatirt werden. — Von äussem Mitteln wird am meisten die Electricität ge¬ 
rühmt. Vortragender hat von ihr keine grossen Erfolge gesehen. — Das Verfahren von 
Oberländer (zur Aetiologie und Behandlung der Enuresis nocturna bei Knaben. Berliner 
klinische Wochenschrift 1888, Nr. 30 und 31): gewaltsame Dilatation der Harnröhre in 
Narcose in einer Sitzung erscheint dem Vortragenden als zu gefährlich. — Sänger (Die 
Behandlung der Enuresis durch Dehnung der Blasenschliessmusculatur. Archiv für Gynae- 
cologie. 38. Bd. 1890. Pag. 324) empfiehlt bei Mädchen die Dehnung der Harnröhre 


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und des Sphincter vosicaj durch Caiheter oder Sonde. — Nach der Erfahrung des Vor¬ 
tragenden eignet sich für die Behandlung der Enuresis am besten die langsame Dehnung 
der Harnröhre durch Sonden. Zuerst wird eine dünne elastische Sonde eingeführt. So¬ 
bald sie im Bulbus austösst, erfolgt eine energische ContracUon des Compressor urethrm. 
Durch diese einmalige gymnastische Uebung des Compressor gelingt cs oft, das Nässen 
für eine bis mehrere Nächte zu verhindern. Durch wiederholte Einführung von Sonden 
in aufeinanderfolgenden Sitzungen gewöhnt sich die Harnröhre au instrumenteile Behand¬ 
lung und es gelingt schlies^ich, den Widerstand des Compressor zu überwinden. Von 
nun an werden nur noch metallene Sonden eingeführt, in jeder Sitzung eine stärkere 
Nummer, bis man das Gefühl hat, die Harnröhre sei gerade noch für diese Nummer 
gut passirbar. Gewöhnlich hört das Nässen von dem Momente an die 

hintere Harnröhre mit der Sonde hat passiren können. Bis zur völligen Dilatation 
werden die Sonden jeden zweiten Tag eingeführt, dann nach 4, schliesslich nach 8 Tagen. 
In sehr vielen Fällen bleibt nun das Kind geheilt. Ist das nicht der Fall, so werden 
die Sondirungen mit der stärksten Nummer noch mehrmals in längern Intervallen vorge¬ 
nommen. Durch diese Sondirungen werden die Sphincteren gekräftigt, die Sensibilität 
der hintern Harnröhre wird gesteigert und der Norm genähert und dadurch das Leiden 
in kurzer Zeit und oft dauernd geheilt. 

In der Discussion heben mehrere Votanten hervor, dass sehr zahlreiche Fälle von 
Enuresis auf mangelhafter Disciplin beruhen und dass mit pädagogischen Massregeln die 
Kinder sehr oft rasdh und dauernd geheilt werden. 


Gesellschaft der Aerzjte in Zürich. 

IH. S«Baersltzng !■ ky^^eolsehM loatHite dei 15. Jall 1893.*) 

Präsident: Prof. Hadb. — Actuar: Dr. Conrad Brunner. 

I. Prof. 0. Wifüs trägt über Darntzberealose vor. Der Vortrag erschien in ex¬ 
tenso in Nr. 23 des Correspondenzblattes für Schweizerärzte. 

II. Dr. 0. Roth demonatrirt 1) Elo oenes elnfkehes VerfshreD der AMCrobei* 
zBehliif. Die ausführliche Mittheilung ist erschienen im Centralblatt für Bacteriologie, 
Bd. XIII, pag. 223. — 2) berichtet B. über den Fond v«B TaberkelbmcilIeD Id der 
BoUer« Erscheint in extenso im Correspondenzblatt für Schweizer Aerzte. 

HI. Dr. Conrad Brtmner zieht .eine Parallele zwfsehen den Erscbelnnngen des 
Tetanns trauiiatiens beim Menscheas niid dem Impftetanns der Thiere, unter specieller 
Berücksichtigung des Kopftetanus, d. h. jener Varietät von Starrkrampf, welche 
von einer im Bereiche der Himnerven erfolgten Infection ausgeht. Der Vortragende 
demonstrirt die Erscheinungen des experimentellen Tetanus an Mäusen, Meerschweinchen 
und Kaninchen. Bei letzteren Thieren ist es ihm gelungen, durch subcotane Injection 
sehr virulenter Culturen auf einer Gesichtshälfte die Faoialislähmong zu erzeugen. Er 
demonstrirt ein Kaninchen, welches diese Erscheinung in exquisiter Weise darhietet. Auf 
eine Deutung aller dieser Symptome gedenkt Br. in einem spätem Vortrag einzntreten. 

IV. Dr. Kerez spricht über den Kinfnss des Tabakes anf den Tnberkeibaeiltas. 
(Autoreferat.) 

Einleitend gedenkt Vortr. dankend der Anregung und stets sehr gefälligen An¬ 
leitung Seitens des Heim Dr. 0. Both. 

Da beim Befeuchten und Eitirollen der Cigarren iu das Deckblatt die Uebertragung 
tuberculösen Materials in erstere Seitens der Tabakarbeiter möglich ist, lag es nahe, 
die Möglichkeit einer tuberculösen Infection durch Cigarren experimentell zu prüfen. 

Der Gang der üntersuchung war kurz folgender: Cigarren, in gleicher Weise wie 
in Fabriken hergestellt, wurden mit tnberculösem Sputum inficirt, indem vor dem Ein- 

*) Eingegangen 15. November 1893. Red. 


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hüllen in das Deckblatt solches an die Finger oder mittelst einer Pinootte in geringer 
Menge zwischen Umhüllungs- und Deckblatt gebracht wurde. Gleiches Sputum wurde 
jeweilen auf Papier verstrichen in sterilen Reagensgläsern neben den Cigarren aufbewahrt, 
um festznstelleu, ob die Beeinflussung der Virulenz der Tuberkelbacillen einer speciflschen 
Wirkung des Tabaks oder nur der Eintrocknung znzuschreiben sei. Mit dem nämlichen 
Sputum wurden auch Controllthiere geimpft. 

Vorher wurde durch Injection von Tabak-Infus in die Bauchhöhle von Meerschwein¬ 
chen constatirt, dass letztere solches ohne Reaction vertragen. 

Nach verschieden langer Aufbewahrung der Cigarren und der mit Sputum beschick¬ 
ten Papierstreifen in temperirtem Raume, wurden einerseits die Deckblätter abgerollt und 
mit sterilem Wasser abgespUlt, andererseits ebenso das inflcirte Papier und dann das 
erhaltene Tabak-Infus je zwei, das Papier-Infns je einem Meerschweinchen intraperitoneal 
injicirt. 

Das Resultat der Untersuchung war folgendes: 

1) Die mit Sputum geimpften Controllthiere wurden alle tnberculös. 

2) Nach Einwirkung von 5 und von 4 Wochen blieb eine Infection aus sowohl 
bei den Thieren, welche von inficirten Cigarren, als auch denen, welche von Papier ge¬ 
impft worden waren. 

3) Während die nach Eintrocknung während 3 Wochen, 2 Wochen und 10 Tagen 
von inficirtem Papier geimpften Meerschweinchen tuberculos wurden, erwiesen sich die 
von inflcirten Cigarren geimpften Thiere nur in jenem Falle als tuberculos, wo die Ein¬ 
wirkung des Tabakes blos 10 Tage gedauert hatte. 

Der Tuberkelbacillen-Gehalt des zut Injection verwendeten, von inflcirten Cigarren 
stammenden Infuses war (im Sediment) nur nach 10 Tagen Einwirkung reichlich, bei 
längerer Einwirkung äusserst gering, während bei dem vom Papier stammenden Infus 
die Zahl der Bacillen eine mittlere bis reichliche war. 

Es geht ans obigen Untersuchungen hervor, dass, da die Cigarren von den Fabriken 
kaum vor 4 Wochen abgegeben werden können, da sie zu nass sind, die Gefahr 
einer tuberculösen Infection vermittelst Cigarren von Seite 
der sie darstellenden Arbeiter ausgeschlossen ist. 


und I^iritiken. 

Aerztliche Kunst und medicinische Wissenschaft 

Ein Beitrag zur Klarstellung der wahren Ursachen der „Aerztlicben Misere" von MDS. 

Wiesbaden. Bergmannes Verlag 1898. 31 Seiten. 

Ein lieber Freund und College sandte mir dieser Tage die vorliegende Broschüre 
zur Lectüre. Ich habe sie aufmerksam gelesen und darin soviel Belehrung gefunden, 
dass ich hoffen darf, der Sache, die sie vertritt, durch eine Besprechung an dieser Stelle 
von Nutzen zu sein. Wenn ich den Autor öfters selbst sprechen lasse, so geschieht es 
nur, um seine wichtigsten Darlegungen nicht durch die Möglichkeit einer subjectiYen 
Auffassung zu trüben. 

„Der ärztliche Stand befindet sich in einem Niedergange, den diejenigen, welche 
eifrig und unaufhörlich davon reden als einen wirthschaftlichen zu bezeichnen pflegen.^ 
— „Wenn man vorurtheilslos und mit derjenigen Rohe, welche für eine Selbsterkenntniss 
das erste Erfordemiss ist, die ärztliche Ausübung der heutigen Zeit betrachtet, so nauas 
man zu der Erkenntniss kommen, dass nur die Art dieser Ausübung selbst, weniger 
äussere Gründe, die hauptsächlichste Ursache an dem wirthschaftlichen Niedergange sind« 
Diese Art der ärztlichen Ausübung aber ist mit zwingender 
Nothwendigkeit hervorgegangen aus der durchaus mangel¬ 
haften Art unserer Ausbildung auf den Universitäten.“ — 


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„Die Gründe für unsem Niedergang liegen nicht ausser uns, sondern in uns selber. 
Verhehlen wir uns das um Alles nicht, wir, die wir ja von früher Jugend an gelehrt 
werden, nur durch wirkliche Ergründung und Beseitigung der tiefgehenden Ursachen 
eines Uebelstandes diesen zu beheben. Das Problem der Diagnose kann hier gar kein 
so schwer zu lösendes sein, wenn es auch leider ein unerfreuliches ist. Aber die Sache 
steht doch nun einmal so: für eine Arbeit und zwar für eine Arbeitsleistung, welche in 
der Herstellung nicht eines, erklärlichen Schwankungen unterworfenen Luxusgegenstandes, 
sondern vielmehr eines der nothwendigsten Consumptionsartikels: der menschlichen Ge¬ 
sundheit, besteht, werden heute nur noch Handwerkerpreise bezahlt, während früher für 
die gleiche Leistung den betreffenden Arbeitern, welche durch ihren Bildungsgang, ihre 
sociale Stellung und die vornehme Art der Ausübung ihres Berufes darauf den be- 
rechtigsten Anspruch hatten, Künstlerpreise zu Theil wurden. Die unangenehme Schluss¬ 
folgerung hieraus ergibt sich von selbst: Die heutige Arbeit kann nur 
noch Handwerkerarbeit sein.“ 

„Und sie ist es in der Thai. Sie ist es geworden durch die Erziehung der heutigen 
Generation von Aerzten für ihren Beruf, eine Erziehung, welche nicht entfernt Schritt 
gehalten hat und es nicht einmal versucht hat, Schritt zu halten, mit der enormen Ver¬ 
mehrung und dem ausserordentlichen Zudrange so vieler frischer Kräfte zu dem ärztlichen 
Berufe; eine Vermehrung, die au sich dem Stande in seiner iunem Weiterentwicklung 
nur hätte zum Nutzen gereichen müssen, wenn die neuen Mitglieder des Berufes durch 
ihre Erziehung in das innere Wesen desselben eingeführt und so von vomeherein auf 
diejenige Bahn geleitet worden wären, auf welcher sich der Stand nach Stellung wie 
nach Leistung auf seiner alten Höhe erhalten hätte und sogar noch fortentwickeln müsste. 
Sie ist es in noch höherem Masse geworden durch die Art der Ausübung, welche dem¬ 
zufolge heute Platz gegriffen hat, durch die einseitige und mehr schematische Auffassung 
von den Zielen und den Leistungen der ärztlichen Ausübung, welche heute die Ge- 
sammtheit des ärztliches Standes durchdringt.“ — 

„Die ärztliche Ausübung, dasjenige, was gemeinhin unter dem Begriffe „Medicin“ 
verstanden wird, ist eine Knnst, keine Wissenschaft; sie ist aber eine Kunst — und 
dadurch unterscheidet sie sich von andern Künsten — deren Grundlage, deren Technik 
eine Wissenschaft ist. Die Wissenschaft ist die technische Grund¬ 
lage für unsere Kunst, aber nicht unsere Kunst selbst.“ — 
„Und nun, wie bereiten wir die neuen Mitglieder des Berufes heutigen Tages auf 
denselben vor? Wir lehren sie eben nur die Technik ihrer Kunst und nicht die Kunst 

selber. Hierin liegt das Entscheidende für die ganze Frage, welche heute den ärztlichen 

Stand so über die Massen beschäftigt. Es werden heute an den aller¬ 

meisten hiefür bestimmten Stätten eben überhaupt nicht 
mehr Aerzte ausgebildet, welche fähig wären für die wirk¬ 
liche Erfüllung ihres Berufes, welche Anspruch darauf 
machen könnten, sich Aerzte im eigentlichen und vollen 
Sinne des Wortes zu nennen. Diese selber trifft natürlich 
dabei keine Schuld.“ — „So bildet der heutige Physiologe nur Physiologen 
aus und der Gynäkologe nur Spezialisten für Gynäkologie. Und am Ende seiner Studien 
angelangt, was hat der Schüler erreicht? Dasselbe was sein klassischer College: Die 

Theile hat er in der Hand, fehlt leider nur das geistige Band.“ — 

„Wir bilden Aerzte überhaupt nicht mehr aus, sondern nur wissenschaftliche 
Mediciner. In dieser Erkenntniss liegt aber auch ganz von selber die Beantwortung der 
Richtung für die nothwendige Reform: es muss angestrebt werden, nicht 
mehr medicinische Gelehrte durch medicinische Gelehrte 
auszubilden, sondern Aerzte durch Aerzte; natürlich auf der Grund¬ 
lage der vollsten Beherrschung der medicinischen Wissenschaft. Die medicinische Wissen¬ 
schaft ist dem Arzte nur die Grundlage, nur die Technik zur Ermöglichung der Aus- 


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Übung seines späteren Berufes, nicht sein Beruf selber, nicht der Selbstzweck, der sie 
leider jedoch bei der heutigen Ausbildung auf der Universität ist.^ — 

Die im zweiten Theile der Broschüre eingehend geschilderten Folgen der unzweck¬ 
mässigen ärztlichen Ausbildung will ich, um mein Referat nicht za lange werden zu 
lassen, nicht ausführlicher besprechen, sie sind bekannt und liegen ofifen zu Tage. 

Wer ist der Verfasser dieser so lesenswerthen Broschüre? Das Pseudonym MDS 
verräth ihn kaum, wohl aber der Satz auf Seite 30: Clericns clericnm non decimat. 
Er gestattet die ziemlich sichere Diagnose auf einen Universitätsprofessor; er 
ist wohl einer der tüchtigsten klinischen Lehrer in höchster Steilung, voll Begeisterung 
für unsere Kunst und voll Liebe zn ihren Jüngern, den practischen Aerzten. 

Nehmen Sie, hochgeehrter Herr Verfasser! für Ihre wahre und warme Sprache 
einen tiefgefühlten Dank entgegen! Auf märkischem Sande, an der schönen blauen 
Donau, am Fnsse der Alpen, überall ein dem vorurtheilsfreien Blicke leicht bemerkbarer 
Rückgang der socialen Stellung der Aerzte, den mit Glacehandschuhen geschützten Händen 
der Stadtärzte ebenso empfindlich wie den schwieligen Händen der Landärzte! Mehr den 
lärmenden Hürden vor der Jagd gleich rüsten sich vielerorts einzelne Collagen und 
ärztliche Vereinigungen zum Kampfe. Die „Ritter vom Geiste“ mögen mit dem Autor 
der besprochenen Broschüre in die Arena treten und ihre Schaaren zu Sieg und Ruhm 
führen! Kaufmann. 


Abriss der Lehre von den Nervenkrankheiten. 

Von P. J. Möbins. Abel, Leipzig 1893. 188 pagos. 

Ce petit livre, dedie ä Charcot^ est un rcsume, clair ct succinct, de la pathologic 
generale et speciale des maladies nerveuses. Dans une prerai^re partie l’autcur condense 
en quelques pages les principaux chapitres de son livre bien connu „Allgemeine Dia¬ 
gnostik“ — en y ajoutant quelques reflexions generales, fort suggestives, sur la thera- 
peutique des maladies du Systeme nerveux. 11 insiste particuliercment sur IMmportance 
de Tinfluence psychique dans tout esp^ce de traitement, et il dit avec raison qu’aucun 

medecin ne devrait ignorer la puissance de la Suggestion et de l’auto-suggestion pour 

la guerison des maladies. 

Dans la seconde partie Möbius classe les affections nerveuses d’apr^s leur etiologie. 
11 traite d'abord des maladies exogenes, dont les causes sont extcrieures a 

l’individu, les empoisonnements metalliques (plomb, arsenic) ou organique (alcool, nevrite 
diabetique), les infections aigues et chroniques, les affections des centrcs nerveux möta- 
syphilitiques (tabes et paralysie genörale), les infections nerveuses idiopathiques (nevrite, 
polynevrite, poliomyelite, encephalite aigue, choree et tetanie), celles qui proviennent des 
maladies de la glande thyroide (myxoed^me, maladie de Basedow)*^ l’acromögalie en 
appendice. — Le sec-ond groupe, celui des maladies endogenes renferme les 
n^vroses auxquelles Tauteur ajoute la maladie de Thomscn^ la dystrophie musculaire 

progressive et la maladie de Friedreich. 

Reste un dernier groupe qoe M. ränge dans les maladies exogenes de cause in- 
connue, les diverses scleroses, la Syringomyelie, les myelites, la paralysie agitante. 

Le tableau de cbacune de ces maladies est trace rapidement, le diagnostic discute 
avec clartö en quelques mots precis, et le traitement indique dans ses grandes lignes. 

En somme, excellent resume des connaissances actuelles sur les maladies nerveuses, 
qui sera surtout appröcie par le mödecin praticien. Ladame. 


Das Kupfer vom Standpunkte der gerichtlichen Chemie, Toxicologie und Hygiene. 

Von Prof. Dr. A. Tschirch. Verlag von Ferdinand Enke in Stuttgart. 1893. 138 Seiten. 

Die ättsserst interessante und sehr zeitgemässe Monographie, welche sich auf eine 
umfassende Kenntniss der ungemein grossen Speciallitteratur und auch auf eigene Ver- 


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suche des Verfassers uud einiger Mitarbeiter stützt, zerfällt in vier Theile, von denen 
der erste das Vorkommen von Kupfer im Pflanzen- und Thierreich, die Arten seiner Auf¬ 
nahme und Speicherung und die künstliche Kupferung von Nahrnngs- und Genussmitteln 
behandelt, der zweite die Frage erörtert, ob Kupfer ein Gift sei und ob es eine chro¬ 
nische Kupfervergiftung gehe, der dritte die gesetzlichen Bestimmungen anführt, welche 
das Kupfer betreffen, und der vierte zum Schluss die Resultate zusammenfasst und Vor¬ 
schläge betreffend Zulässigkeit des Kupfers in Lebensmitteln (speciell in Wein und Con- 
serven) enthält. 

Bezüglich der Giftigkeit des Kupfers gelangt der Verf. zu folgenden 
Schlüssen: Immerhin ist Kupfer ein Gift, welches zwar selten beim Menschen den Tod 
aber doch mehr oder weniger schwere Intoxicationen erzeugen kann. Alle Kupferver¬ 
bindungen sind in dieser Beziehung von gleicher Wirkung. Die höchste Tagesdosis für 
einen erwachsenen Menschen, ohne dass Gesundheitsstörung eintritt, scheint bei 0,1 gr 
Kupfer zu liegen. Eine pernieiöse Accumulation des Kupfers im Körper wird durch 
dauernde Abfuhr verhindert. Dafür, dass es eine chronische Kupfer Vergiftung gebe, spricht 
zur Zeit nichts. 

Gegen Verwendung kupferner Geschirre in der Haushaltung hegt 
der Verf. keine ernstlichen hygienischen Bedenken, sofern solche gut gereinigt sind. Viele 
Erkrankungen, welche Kupfergefässen zugeschrieben wurden, sind auf andere Ursachen 
(Bacterien, Proma’ine etc.) zurückzuführen. 

Was die Anwendung des Kupfers gegen pflanzliche Para¬ 
siten betrifft, so wird gekupferter Weizen als Saatgut für unschädlich und die Kupfe¬ 
rung der Kartoffelstaude für unbedenklich erklärt; auch von einer Gesundheitsschädlich¬ 
keit der Weine aus mit Kupferlösung bespritzten Reben könne nicht die Rede sein. 

Bei der Kupferung des Mebles hält der Verf. Verwendung kleiner Kupfer- 
meugen für unbedenklich, pflichtet aber doch Lehmann bei, welcher sagt: ^Der Zusatz 
von Kupfer zum Brod ist zu verbieten, weil die Gefahr des nachlässigen Zusatzes zu 
grosser, gesundheitsschädlicher Mengen vorliegt, verdorbenes, unter Umständen schädliches 
Mehl wieder backfahig wird und ein vermehrter Wasserzusatz (6—7®/o) möglich wird.“ 

Eine Frage von besonderer Wichtigkeit und Actualitat ist die K u p f e r u n g der 
Conserven (Reverdissage). Hier gelangt der Verf. auf Grund eingehender Studien 
und Untersuchungen, deren Leetüre besonderes Interesse bietet, zu dem Schluss, dass es 
besser sei, man finde sich damit in der Weise ab, dass man einen zulässigen Maximal- 
gehalt an Kupfer feststellt. Sein daheriger Vorschlag geht auf 50 rogr metallisches 
Kupfer pro kg Conserven, eine Menge, die als absolut unbedenklich zu bezeichnen sei. — 
Wie sehr die Ansichten in Bezug auf Zulässigkeit der Kupferung der Conserven heute 
noch auseinandergehen, zeigt die Zusammenstellung wissenschaftlicher Gutachten und ge^ 
setzlicher Vorschriften im III. Theil des Werkes, worauf speciell verwiesen wird. In der 
Schweiz z. B. besitzen nur fünf Cantone diesbezügliche Verordnungen: Zürich, Bern und 
Thurgau verbieten die Verwendung von kupferhaltigen Farbstoffen für Lebensmittel über¬ 
haupt, während St. Gallen und Genf einen Gehalt von 100 rogr Kupfer pro kg frischer 
Conserven gestatten. (Dabei werden aber in der Schweiz ausschliesslich mit Kupfer ge¬ 
färbte Conserven importirt, fabricirt und consumirt und eine wirksame Controle dieses 
Nahrungsmittels ist nur auf Grundlage eines eidgenössischen Lebensmittelgesetzes 
möglich. Ref.) 

Zürich, im August 1893. Alfred Bertschinffer, 

Atlas der pathologischen Gewebelehre in mikrophotographischer Darstellung. 

Herausgegeben von C. Karg und 0, Schmorl, mit einem Vorwort von Birch-Hirschfeld. 
Verlag von F. C. W. Vogel in Leipzig 1893. (6 Lieferungen. Gesammtpreis 50 Mk.) 

Das vorliegende Werk soll eine möglichst naturwahre bildliche Darstellung der 
wichtigsten pathologisch-anatomischen Gewebsveränderungen zu Händen von Lehrern und 


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Lernendea geben und „in Zahl und Zusammenstellung der aufgenommenen Präparate 
etwa demjenigen Material entsprechen, wie es in den practischen Cursen der pathologischen 
Gewebelehre im Verlaufe eines Semesters zur Verwendung kommt. ^ 

Die Verwerthung der Photographie zu einer Illustration der pathologischen Histologie 
gewährt zweifellos sehr grosse Vortheile; doch sind, wie auch die Vorrede hervorhebt, 
die Ergebnisse der Mikrophotographie noch nicht so vollkommen, dass dadurch die mehr 
„Schematisirende Zeichnung" entbehrlich würde. Abgesehen davon, dass eine absolute 
Objectivität selbst in der Photographie nur in bedingtem Sinne zu erreichen ist und die 
Nachahmung der natürlichen Verhältnisse auch hier ihre nicht allzu weiten Grenzen bat 
— z. Th. schon bestimmt durch die eingreifende Vorbehandlung der Präparate —, 
genügen gerade bei der grossen Detail Wiedergabe die Unterschiede in der Abtönung nicht 
immer, um ein leicht verständliches Bild zu liefern und vor Allem ist es unmöglich, ver¬ 
schiedene Einstellungsbilder zu einem Gesammtbilde zu combiniren, wie es das Zeichnen 
erlaubt. Dieser letztere Umstand besonders muss eine erschöpfende und leicht fassliche 
Darstellung der pathologischen Histologie mit Hülfe des photographischen Apparates 
ausserordentlich erschweren. — Sieht man von diesen Unzulänglichkeiten, die der Mikro¬ 
photographie von heute im Allgemeinen anhaften, ab, so muss man zugeben, dass die 
Autoren der Aufgabe, welche sie sich gestellt haben, in hohem Masse gerecht werden — 
soweit die bereits vorliegenden Proben und die noch in Aussicht gestellte Folge ein 
ürtheil erlauben. Wahl und Ausführung der Bilder sind fast überall sehr gelungen und 
geeignet, bei dem Unterrichte sowohl als beim Selbststudium die besten Dienste zu 
leisten. 

Der Inhalt der beiden ersten Lieferungen ist kurz gesagt folgender: 

Tafel I führt uns in 12 Figuren Zellen und Zellverändernngen vor, wie sie 
unter pathologischen Verhältnissen auftreten können (Mitosen, Eiterkörperchen, Mastzellen, 
körperliche Elemente des leukmmischen Blutes etc.). Auf Tafel II kommen ver¬ 
schiedene Formen der Degeneration zur Ansicht (fettige, amyloide, colloide, hyaline und 
schleimige Entartung, Fettinfiltration); auf einem Photogramm ist ein geschichtetes Kalk- 
concrement aus einer tuberculösen Lymphdrüse, auf einem andern Corpora amylacea der 
Prostata dargestellt. Tafel III bringt atrophische Zustände der Leber und der 
Lungen (Emphysem), Ablagerung von Eisen in der Leber bei pemiciöser Aniemie, von 
Silber in den Nieren bei Argyrie, von Harnsäure in einem Gelenke bei Gicht zur An¬ 
schauung. Tafel IV illustrirt atrophische und hypertrophische Zustände der Muscn- 
latur, Sklerose der Rückenmarkshinterstränge bei Tabes, Atherom der Arterien, ossificirende 
Pachymeningitis und Coagulationsnekrose der Leber bei Eclampsie. Auf Tafel V und VI 
sind krankhafte Processe verbildlicht, wie sie nach Circulationsstörungen auftreten: 
Hmmorrhagie, Stase, Thrombose und Embolie mit ihren Folgezuständen (Infarct, Abscess). 
Tafel XV endlich beschäftigt sich in 8 Figuren mit der Histologie des Tuberkels. 

Da die Veränderungen an den Geweben in allen Fällen hochgradige sind, so macht 
die Erkennung der dargestellten pathologischen Processe keine Schwierigkeit; mittelst der 
beigegebenen knappen Erklärungen kann sich auch ein Anfänger zurechtfinden und die 
vermehrte Aufmerksamkeit, welche zur Orientirung im Vergleiche mit einer Zeichnung 
etwa erforderlich ist, kann dazu dienen, ihn vor Illusionen über die Leichtigkeit der 
EntzifTernng mikroskopischer Präparate zu warnen. Bubler, 

Oie LidentzUndung und ihre Folgekrankheiten 

nebst zwei eigenen Operationsmethoden gegen das Ektropium post Blepharitim. 

Von Dr. F. FuJeala, Augenarzt in Pilsen. 1893. Leipzig und Wien, bei M. Breitenstein. 

Die 41 Seiten umfassende Arbeit betont nachdrücklich den Zusammenhang von 
hartnäckigen Conjunctival- und Comealleiden mit vorher vorhandener und noch be¬ 
stehender Lidrandentzündung resp. Lidrandulceration. An Hand zahlreicher Fälle wird 
aufs Wärmste die energische Behandlung der Lidrandaffection mittelst gut zugespitztem 


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Lapis mitigatuB empfohlen. In Fällen, wo hartnäckige Entzündung der Conjunctiva und 
der Cornea allen andern Mitteln trotzte , half das angegebene Verfahren — genügend 
wiederholt — aufs Prompteste, ln ganz verzweifelten Fällen wird als das Beste die 
Abtragung des Lidrandes nach Flarer empfohlen. Zum Schluss werden noch zwei eigene 
Methoden der Operation des Ektropium post Blepharitim beschrieben. Pfister. 


Die KnSchelbrUche. 

Von Dr. Emil Eotter. München, bei Lehmann, 1893. Octav, 28 pag. 1 Mark. 

Vorliegende Abhandlung vordankt ihre Entstehung der Ansicht des Verf., wonach 
bei keiner andern Fractur, wie bei derjenigen der Malleolen, so schlechte therapeutische 
Resultate erzielt würden. Dies hange nun ab z. Th. von nicht richtig gestellter Dia¬ 
gnose und zum Theil von mangelhafter und einseitiger Handhabung der Technik. Durch¬ 
lesen wir aber die Arbeit, so finden wir bereits nichts, was nicht schon in allen Lehr¬ 
büchern über Fracturen beschrieben wäre, so dass wir unwillkürlich uns fragen müssen, 
ob dieselbe nicht besser den Weg des Buchhandels vermieden hätte. Dumont. 

Pathologie und Therapie der Hautkrankheiten. 

Von Moriz Kaposi. 4. Auflage, 2. Hälfte. Urban & Schwarzenberg. 

Wien und Leipzig, 1893. 

Mit Erscheinen der 2. Hälfte liegt die ganze 1044 Seiten und 84 Abbildungen 
umfassende Neuauflage des bekannten sehen Lehrbuches vor uns. 

Schon anlässlich der Besprechung des 1. Theiles (Jahrgang 1892, Nr. 23 dieser 
Zeitschrift) wurden die grossen Vorzüge dieses Werkes hervorgehoben: klare bündige 
Sprache, Beschränkung des Stoffes auf das für den practischen Arzt und Studirenden 
(und für diese ist ja das Buch geschrieben) Wissenswerthe mit Hintansetzung aller 
theoretischen Speculationen und Hypothesen. Gereicht die in dem Werke gegenüber den 
neuen und neuesten, oft nur zu ephemeren Forschungsresultaten überall hervortretende 
Skepsis demselben zum Vortheil, so föhrt wieder das zähe Festhalten an althergebrachten 
Ansichten zu manchen Einseitigkeiten. So bleibt Kaposi dem immer mehr zusammen- 
schmelzenden Häufchen der Unitarier treu und hält (Seite 836) an der Identität des 
Virus vom Ulc. molle und des Ulo. dnr. resp. der Syphilis fest. Das jetzt ziemlich all¬ 
gemein als selbstständig anerkannte Krankheitsbild der Pityriasis rubra pilaris ist für 
Kaposi identisch mit seinem Lichen ruber accuminatus, d. h. eine leichtere Form des 
Lichen ruber Hebrse. 

Eine werthvolle Bereicherung hat dieser 2. Theil durch Einfügung des Capitels 
über die pathogenetisch so hochinteressante Keratosis follicularis und Psorospermosis er¬ 
halten. Auch Hutchinson^s Sommerprurigo, der eigenthümliohe Gewebszustand der Cutis 
laxa, die Erythrodermien Besnier's^ finden kurze Erwähnung. Fast vollständig umgear¬ 
beitet wurde das Capitel der Sarcoide. Hieher zählt Kaposi die auch in der Schweiz 
(Bern, Basel) schon öfters beobachtete, fast stets letal verlaufende Mycosis fnngoides, 
die er der Pseudoleukämie und gewissen Formen des Lymphosarkoms anreihen will. 

Mag man über Einzelnes getheilter Ansicht sein, das altbewährte Meisterwerk als 
Ganzes kann Arzt und Student zum Studium aufrichtig empfohlen werden. 

Heass (Zürich). 


Oantonale Ooioreisipondeiizeii. 

Kosten-Toransehlag der achwetm. Kranlceiiwerateheraiig. 

An der Hand des bis heute publicirten Materiales soll im Folgenden eine Uebersicht über 
die für die schweizer. Krankenversicherung nothwendigen Geldmittel gegeben werden, 
die für uns Aerzte ein besonderes Interesse beanspruchen dürfte. 


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I. EBlwarf VBD Hem NrntioDmlrmlli Perrer : Der „Denkschrift über die 
Höbe der finanziellen Belastung, welche den nach dem Ent¬ 
würfe zu einem Bundesgesetze betr. die Krankenversicherung 
o i n z u r i c h t e n d e n Krankenkassen voraussichtlich erwachsen 
wird^, von dem Yersioherungstechniker des Schweiz. Industriedepartementes, Herrn Dr. 
Moser verfasst, entnehme ich die folgenden Angaben: 

Der Entwurf sieht 800,000 Versicherte, eine Unterstützungsdauer der Erkrankten 
von 1 Jahr und eine Carenzzeit der Unfall versicherten von 6 Wochen vor. An der 
Hand der österreichischen Krankenstatistik und der Schweiz. Unfallstatistik wird d i e 
Zahl der auf einen Versicherten in 1 Jahr fallenden Kran¬ 
kentage mit 8,91 berechnet. 

Bei den Kostenbeträgen müssen unterschieden werden: a. Kurkosten, b. 
Krankengeld, c. Beitrag an die Bestattungskosten, d. Verwaltungskosten, e. Reservefonds. 

Die folgende Tabelle orientirt über die aufzuwendenden Summen: Krankengeld 
Fr. 10,224,000 = 55,67o, Arzt Fr. 3,032,000 = 16,57o, Medikamente Fr. 1,960,000 
= 10,7®/o, Pflege-, Anstalts- und Bestattungskosten Fr. 1,512,000 = 8,2®/o, Verwal¬ 
tungskosten Fr. 1,656,000 = 9,07o, Einlage in den Reservefonds (ll^o der Gesammt-Aus- 
gaben) 2,080,000. Gesammtaufwand 20,464,000 per Jahr. 

Die Kurkosten*) werden nach den Ansätzen der österreichischen Bezirkskran¬ 
kenkassen berechnet auf einen Krankheitstag wie folgt: für ärztliche Hülfe 42,5 Rp., 
für Medikamente etc. 27,5 Rp., für Anstaltskosten etc. 17,4 Rp., Zusammen 87,4 Rp. 
per K r a n k h 0 i t 8 t a g ! 

II. Koslea der stMlIieheD KrmDkenplege. a. Voranschlag von Herrn 
Arbeitersecretär Greulich. „1225Staats-Aerzte mit durchschnittlich 6000 Fr. 
Gehalt würden 7,350,000 Fr. erfordern; die Heilmittel 4,748,000, der Zuschuss für die 
Spitalverpflegung an die Cantone 2,000,000 Fr. Total 14,098,000 Fr. oder inklusive 
Erweiterungsbauten der Spitäler und der Verwaltungskosten rund 15 Millionen 
j ä h r 1 i c h,** (Zeitungsreferat.) 

b. Voranschlag berechnet von Herrn Dr. Moser und Herrn 
D r. Schmidt eidg. Sanitätsreferent. (Veröffentlicht durch das schweizerische 
Industriedepartement.) Die unentgeltliche staatliche Krankenpflege sollte nach den 
Wünschen ihrer Befürworter der gesammten Bevölkerung zu Gute kommen. 
Jedem mit dem Gegenstände einigermassen Vertranten ist es klar, dass die Kosten des¬ 
selben sich zum Vorneherein niemals auch nur mit einiger Sicherheit voraussehen lassen. 
Die beiden Verff. des letzten Voranschlages weisen in ihren Schlussbemerkungen hin auf 
grössere Epidemien, auf die Steigerung der Ansprüche für Arzt und Heilmittel und auf 
die Möglichkeit einer ganz verschiedenartigen Leistungsföhigkeit der ganzen Institution 
überhaupt. Jeder Arzt ist im Falle, diese Bemerkungen noch erheblich zu vermehren. 

Die Gesammtbevölkerung der Schweiz wird mit 1,977,675 Erwachsenen und 
940,079 Kindern in Rechnung gezogen; die schon unter I. gefundenen 8,69 Kranken¬ 
tage einer Person per Jahr werden beibehalten. 

Die ärztliche Behandlung eines Erwachsenen kostet durchschnittlich im 
Jahr nach den früheren Ansätzen Fr. 3,69 und eines Kindes (93^0 des Erwachsenen) 
Fr. 3,43. Analog ergeben sich für die Heilmittel Fr. 3,40 für den Erwachsenen 
und Fr. 3,16 für ein Kind. 

Für die Geburten werden verrechnet Fr. 15 per Geburt der Hebamme und 
Fr. 1,50 per Geburt dem Arzte (10®/o erfordern die Hülfe des Arztes und letztere wird 
per Fall auf Fr. 15 veranschlagt!). 

') Bezüglich des Verhältnisses der Kosten für ärztliche Behandlung und für Arzneimittel in 
Deutschland ergibt die Kechnungsstellnng pro 1891: für ärztliche Behandlung 16,783,153 Mk., 
für Arzneien 14,187,242 Mk. Es scheint mir jedoch heachtenswerth, dass im Einzelnen das Ver- 
hältniss nicht constant ist. Im Reg.-Bezirke Köln kosteten die ärztlichen Behandlungen 350,146 Mk., 
die Arzneien 404,001 Mk., also letztere 5 3,855 Mk. mehr wie erstere. 


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27 


Spitalverpflegung: Kinkelin fand für Basel auf 1000 Krankeutage über¬ 
haupt 304 Krankentage im Spital. Danach kämen auf einen Tag für die ganze Schweiz 
20,642 Spitalbedürftige. Gegenwärtig besitzt die Schweiz im Ganzen 7500 Spital- 
Krankenbetten. Ed müssten also zunächst noch 13,142 Krankenbetten mit den erforder¬ 
lichen Spitalbauten vorgesehen werden, das macht, das Bett zu Fr. 3000 Erstcllungs- 
kosten angenommen, eine ausserordentliche Ausgabe für Spitäler 
von 39,426,000 Fr. Die Spital verpflegungskosten werden mit Fr. 2,08 per Tag 
berechnet. 

Von dem aus Allem resultirenden Gesammtbetrage werden 12,6®/o abgezogen, als 
Aequivalent für jenen bestsituirten Tbeil unserer Bevölkerung, welcher nicht in die Lage 
kommt, die staatliche Krankenpflege überhanpt zu benützen. Aus den Steuerverhält¬ 
nissen etc. ergibt sich, dass dieser Tbeil bloss 6% der Gesammtbevölkerung beträgt. 

Der Kostenvoranschlag lautet: Aerztliche Behandlung 11,200,493 Fr., Heilmittel 
9,390,881 Fr., Spitalverpflegung 12,126,725 Fr., Verwaltung 1,766,109 Fr., Ge- 
sammtanfwand 34,4849208 Fr. Das heisst Fr. 11,82 Cts. per Einwohner 
und per Jahr. Für jeden Einwohner der Schweiz würden also 
die v o r au B i c h 11 i c h e n Kosten der unentgeltlichen staat¬ 
lichen Krankenpflege im Monat elaeu Fraukeu betragen. 

Zu Allem käme noch eine ausserordentliche Ausgabe für Errich¬ 
tung von Spitälern, wie bereits angegeben, im Betrage von 39,426,000 Fr. 

Das jährliche Reinerträgniss des Tabak-Monopoles wird auf 15 Millionen Franken 
berechnet. Kaufmann. 


W oolienbei-iolit. 

Schweiz. 

— Basel. Operationstisch von Dr. Hübscher. Wir verweisen gerne auf 
den der heutigen Nummer beiliegenden Prospect der Gebrüder Jmckliu in Basel, welche seit 
5 Jahren einen von Collega Hübscher gezeichneten Operationstisch verfertigen. Da der¬ 
selbe leicht transportabel und leicht zu reinigen ist und, zusammengeklappt, wenig Platz 
einnimmt, so scheint er uns für Aerzte und kleinere Krankenanstalten recht practisch. 

— Bibliagraphle für schweizeriselie Laadeskaude. Die Zusammenstellung der 
Bibliographie über die schweizerische Balneologie ist von der Centralkom¬ 
mission (Präsident: Dr. Guillaume) an Herrn B. Beber^ Apotheker in Genf, übertragen. 

Dieses Yerzeichniss soll die Titel aller Schriften, sowie aller Abhandlungen in Zeit¬ 
schriften über Bäder, Badeanstalten, Mineralwasser, Heilquellen, Heilkraft der Wasser, 
Anwendung, Badeeinrichtung, Analysen, klimatische Kurorte in der Schweiz, kurz Alles 
was mit Balneographie und Balneologie in Verbindung gebracht werden kann, enthalten. 

Alle Autoren, welche sich mit der Beschreibung der schweizerischen Bäder befasst 
haben, sind gebeten, die genauen Titel ihrer Schriften, oder wenn möglich die Schriften 
selbst unter Benutzung amtlicher Portofreiheit einzusenden. Auch alle jene Herren, 
welche im Falle sind, Auskunft über alte, sowie über neue Litteratur zu geben, sind 
ersucht, dies zu thun, und auf diesem für die Schweiz so hochwichtigem Gebiete mit¬ 
zuhelfen. 

Ausland. 

— lieber die ResorptloD «ud Aassckeldnof vou Kmlksmlzeu bei gesDodeu Dud 

rafhitischeB Kludern hat Budcl im pharmakologischen Laboratorium zu Heidelberg eine 
Serie von genauen Untersuchungen angestellt. Gibt man einem gesunden Kinde, bei 
planmässiger Ernährung und constanter Kalkausscheidung im Urin, Kalksalze mit der 
Nahrung, so beobachtet man regelmässig eine Steigerung der Kalkausscheidung im Harne. 
Während aber bei einer Darreichung von 12 gr. Kreide diese Zunahme 52®/o der nor- 


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malen Kalkaasscheidung beträgt, steigert sich dieselbe bis zu 126 ®/o nach Absorption 
viel kleinerer Dosen (1,6—2,8 gr.) von essigsaurem Kalk. Die Resorptipn ist bis zu 
einem gewissen Grade unabhängig von den absorbirten Salzmengen; nach Darreichung 
von essigsaurem Kalk steigt z. ß. die Ausscheidung zunächst rasch, um bald ein Ma¬ 
ximum zu erreichen, welches selbst nach zweifachen Gaben des Salzes nicht überschritten 
wird. Das Vorhandensein anderer chemischer Verbindungen kann die Resorption der 
Kalksalze wesentlich beeinflussen; so vermindert z. B. phosphorsaures Natron die normale 
Kalkaasscheidung um mehr als die Hälfte, während verdünnte Salzsäure dieselbe im 
Gegentheil etwas steigert. Die Resorption hängt ebenfalls von der Intensität der Darm¬ 
bewegungen ab; wird dieselbe durch kleine Dosen Opium verlangsamt, so hat der Darm 
Zeit, mehr Kalk aufzunehmen und die Ausscheidung des Salzes nimmt zu. Bei rachi¬ 
tischen Kindern ist die normale Kalkaasscheidung nicht grösser, als diejenige gesunder 
Kinder gleichen Alters. Ebenfalls scheinen rachitische Kinder dieselbe Fähigkeit wie ge¬ 
sunde zu besitzen, künstlich zugefUhrte Kalksalze zu resorbiren und auszuscheiden. Diese 
Resultate stehen in directem Widerspruche mit den älteren Anschauungen über die Natur 
der Rachitis, welche das Wesentliche der Affection in einer gestörten Resorption oder in 
einer vermehrten Zerstörung und Ausscheidung der Kalksalze sahen. Diese Factoren 
sind, wenn sie überhaupt in Frage kommen, wahrscheinlich von untergeordneter Bedeu¬ 
tung, und das wichtigste Moment des rachitischen Krankheitsprooesses wird wohl in einer 
localen Störung des KnochenstofiPwechsels zu suchen sein. 

(Arch. f. exper. Path. u. Pharm. Bd. XXXIII. S. 80.) 

— Die Lehre der idiepmIhlscheD Herzverg^Sssemfr ist trotz einer bedeutenden 
Anzahl wichtiger Arbeiten über diese Frage heute noch eine der dunkelsten Stellen der 
ganzen Lehre der Kreislaufstörungen. Anfangs der siebziger Jahre wurde von Seüz, gleich¬ 
zeitig mit Älbrecht, Myers u. A. auf Grund sehr sorgfältiger Beobachtungen die Lehre auf¬ 
gestellt, dass übermässige Körperanstrengungen bei völliger Abwesenheit irgend welches 
organischen Fehlers die schwersten Störungen der Herzfunctionen häufig mit raschem 
tödtlichem Ansgange hervorzurufen im Stande seien. Werthvolle casuistische Beiträge zu 
dieser Lehre der Ueberanstrengung des Herzens brachten später Munsinger (das Tübinger¬ 
herz) und Leyden^ ohne dass dadurch jedoch diese so wichtige Frage die ihr gebüh¬ 
rende Stellung in der Lehre der Kreislaufstörungen erlangen konnte. Als eine weitere 
Ursache zur Entstehung einer dilatatorischen Herzhypertrophie stellte Bollinger im Jahre 
1884 den übermässigen Alcohol- respective Biergenuss hin. Es war ihm aufgefallen, dass 
in München, wo der excessive Biergenuss ein häufiges Vorkommniss ist, bei einer grossen 
Zahl der secirten Leichen auffallend grosse Herzen gefunden wurden, ohne dass irgend 
welche Ursache zu dieser Hypertrophie sich herausfinden Hess. In einer als Festschrift 
zu PeitenJeofers Jubiläum jüngst erschienenen Abhandlung haben Basier und Bollinger^) 
diese Frage der idiopathischen Herzvergrösserung einer eingehenden Behandlung unter¬ 
worfen, und, auf ein sehr reichliches klinisches und anatomisches Material gestützt, be¬ 
gründen sie die ganze Lehre des Münchener ßierherzene. Die Affection befällt haupt¬ 
sächlich Bierpotatoren und zwar fast ausschliesslich Männer; von 202 von Bollinger un¬ 
tersuchten Fällen waren bloss 22 weiblichen Geschlechts. Ganz besonders häufig trifft 
man die Affectionen bei Leuten, welche mit der Bierfabrication und dem Bierconsum in 
engen Beziehungen stehen, so bei Bierbrauern, Küfern, Schenkkellnem. In selteneren 
Fällen entwickelt sich relativ rasch innerhalb 8 —14 Tagen das Bild einer schweren 
Herzinsufficienz, welche direct zum Tode führen kann, während post mortem in die Augen 
springende Veränderungen am Herzen, sowohl macroscopische, als auch microscopische 
vermisst werden. In der weitaus grössten Mehrzahl der Fälle entwickelt sich im kräf¬ 
tigen Alter, meist zwischen dem zwanzigsten und fünfundviorzigsten Jahre, nach und nach 
eine mit Dilatation verbundene Hypertrophie, die jahrelang bestehen kann, ohne bemer- 

Ueber idiopathische Herzvergrössenmg. Festschrift zur Feier des 50jährigen Doctor-Ju- 
biläums von Jf. von Pettenkofer. München 1893. J. F. Lehmann. 


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kenswertbe Erscheinungen hervorzurufen. Auf einmal fangen aber die Patienten an über 
Appetitlosigkeit mit Erbrechen, Husten, Druck und Schmerzen auf der Brust, Kurzathmig- 
keit bei Anstrengungen zu klagen, bis nach und nach Hydrops und sämmtliche Erschei¬ 
nungen der Herzinsuf&cienz sich einstellen. Das klinische Bild ist ein ziemlich einförmiges. 
Man findet mehr oder minder hochgradigen Hydrops, auch Transsudate in den serösen 
Höhlen, Leber- und Milzschwellung, yerminderte Diurese, Bronchitis; die Herzdämpfung 
ist gewöhnlich in beiden Durchmessern vergrössert, die Herztöne sind in der Hegel dumpf 
aber rein, zuweilen hört man systolische Geräusche. Dazu noch zur Vervollständigung 
des Bildes strotzende Füllung der Halsvenen, leichte icterische Verfärbung der Haut, 
Lungeninfarcte, subnormale Körpertemperaturen. Als Ursache dieser Störungen betrachten 
die Autoren die durch den übermässigen Biergenuss hervorgernfene Plethora und eine 
als Folge derselben früh oder später entstehende Erlahmung oder Erschlaffung des Herzens. 
Dass aber neben dem Biergenusse noch andere Factoren dabei eine wichtige Rolle spielen 
müssen, ergibt sich schon aus der Erwägung, dass die obep erwähnten Störungen nur 
einen relativ geringen Procentsatz der Bierpotatoren befallen, während die grösste Mehr¬ 
zahl derselben davon frei bleibt. Von den Männern werden in München nur 6 , 6^0 von 
Herzhypertrophie befallen , während die Weiber den noch viel geringeren Procentsatz 
von l,5®/o aufweisen. Krehl,^) der nach den weiteren Ursachen der eben geschilderten 
Herzstörungen forschte und zu diesem Zwecke die Herzen von neun derartigen Fällen 
genau untersuchte, behauptet, dass in jedem Falle anatomische Veränderungen parenchy¬ 
matöser oder interstitieller Natur der Affection zu Grunde liegen und bekämpft die Er¬ 
müdungstheorie BollingeT% indem er als Hauptfactor bei der Entstehung der Herzinsuf- 
ficienz .eine Myocarditis hinstellt. Seine Beobachtungen sind aber zu wenig zahlreich 
und einzelne derselben überdiess nicht vollständig ein wandsfrei, so dass sich aus den¬ 
selben kein endgültiger Schluss ziehen lässt. Wenn aber auch durch diese Arbeiten 
die Frage der idiopathischen Herzvergrösserung noch nicht endgültig gelöst worden ist, 
so werden sie doch aufs Neue das Interesse auf diese für die Pathologie hochwichtigen 
Erscheinungen gerichtet und zu neuen Beobachtungen und Versuchen angeregt haben. 

— Die alte Sappey^^cYiQ Lehre der UDdarchg^iBlig^kell der BaeUi^sehea Klappe 
für in den Mastdarm injicirte Flüssigkeit ist nach den Versuchen von v. Genersich als 
eine irrige zu bezeichnen. Durch ein in den After eingeführtes und fest umschlossenes 
Irrigatorrohr ist es ihm an der Leiche gelungen, bei einem sehr mässigen Drucke von 
70—80 cm Wasser so viel Flüssigkeit in den Darm einfliessen zu lassen, bis derselbe 
sammt dem Magen gefüllt wurde und das Wasser ans Mund und Nase herausfloss. Die 
dazu erforderliche Flüssigkeitsmenge betrug sieben bis neun Liter. Aber auch am leben¬ 
den Menschen ist diese Auswaschung des Darmes, Diaklysmos, bei genügender Vor¬ 
sicht ohne Schwierigkeit auszuführen. Nach dem siebenten Liter, oft schon früher, stellt 
sich reichliches Erbrechen ein, und wenn man die Injection fortsetzt, erscheint dufch den 
Mund die in den Mastdarm eingegossene Flüssigkeit. Auf diese Weise kann man zehn 
und mehr Liter Flüssigkeit von unten nach oben durch treiben, ohne dass der Patient 
erheblichen Schaden davon erleidet. Nach Beendigung der Eingiessung strömt dann der 
Flüssigkeitsstrom mit Gewalt auch nach unten heraus. Dass diese Procedur nicht zu den 
schonendsten und angenehmsten gehört, braucht kaum hervorgehoben zu werden. Genersich 
hat seine Ausspülung des Darmes an zahlreichen Cholerakranken mit einer 1 — 2^/oo 
Tanninlösung erprobt, und nach seinen Angaben sollen die Resultate sehr günstig aus¬ 
gefallen sein (Deutsch, med. Wochenschr., Nr. 41). Gleichzeitig mit v, Genersich und 
unabhängig von ihm, hatte Dauriac dieselben Versuche an menschlichen Leichen und 
lebenden Hunden angestellt und war zu identischen Resultaten gekommen. Die neue 
Methode versuchte Dauriac an 11 Kindern mit grüner Diarrhoe, welchen er eine 10 ^oo 
Milchsäurelösung injicirte. Nach der ersten Ausspülung erzielte er in jedem Falle eine 

*) Beitrag zar Kenntniss der idiopathischen Herzrauskelerkrankungen, in Arb. aus der medic. 
Klinik zu Leipng. F. C. W. Vogel. 1893. 


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auffallende Besserung, oft sogar einen Stillstand der Diarrhoe. In zwei Fällen von Icterus 
catarrhal. erzielte Bauriac durch Ausspülungen mit Vichy-Wasser eine rapide Heilung. 
Am zweiten Tage waren die Fäces bereits schon wieder gefärbt. Was die Technik der 
Operation anbelangt, so ist Schonung eine Hauptforderung. Es hat keinen Zweck, zu 
hohe Druckhöhen anzuwenden, denn die Eingiessung muss langsam gemacht werden. 
Die Kranken klagen oft über heftige Leibschmorzen; man muss daun aussetzen und ab- 
warten, bis dieselben vorüber sind. Nach fünf bis sechs Litern bessert sich der nnbehag- 
liche Zustand des Patienten; er fängt an zu brechen und bald folgt die injicirte Flüssig¬ 
keit nach. Man setzt dann die Eingiessung aus, zieht das Bohr aus dem Eectum heraus 
und lässt den Darm sich nach unten entleeren; es bleiben gewöhnlich bloss 2—3 Liter 
der Spülflüssigkeit im Darme zurück (Progres medical, 30. Sept.). Endlich berichtet 
Erlenmeyer über einen Fall von Heus mit glücklichem Ausgange, bei welchem er dem 
Patienten im Laufe einer Stunde die enorme Menge von 10 —11 Liter Wasser eingoss, 
ohne dass Erbrechen eintrat. Nach dem Aussetzen der Eingiessung floss das Wasser ab, 
worauf Stuhlgang erfolgte. Eine am folgenden Tage sich einstellende Darmlähmuiig 
Hess sich leicht beseitigen und nach kurzer Zeit war der Kranke wieder hergestellt. 

(Deutsche med. Wochenschr., Nr. 44.) 

— Die Kimg^ea eines Nenrmsibenikers : „Herr Doctor, ich weiss nicht was mir 
fehlt, aber es geht nicht gut. Ich bin nicht mehr derselbe wie vor meiner unglücküchen 
Syphilis. 

Ich gebe zu, krank bin ich nicht, insofern ich auf bin, hin und her gehe, meine 
Qeschäfte besorge; aber ich fühle mich doch nicht wohl. 

Zunächst leide ich an Kopfdruck und habe beständig das Gefühl, als hätte ich 
ein Gewicht oder einen Helm auf dem Schädel. 

Ferner fühle ich mich immer todmüde; meine Beine sind schlaff, sdiwaoh und 
schwer, als wäre ich zehn Stunden gelaufen und was am merkwürdigsten ist, Morgens 
beim Au&tehen bin ich noch matter als Abends beim zu Bette gehen. 

Mein Gehirn ist übrigens nicht besser als meine Beine. Jede Arbeit ermüdet mich; 
jede Arbeitslust ist verschwunden. Ich, der früher ohne daran zu denken fünfzehn bis 
zwanzig Briefe in einem Nachmittag schreiben konnte, bin erschöpft, sobald ich drei oder 
vier geschrieben habe, und ich muss mich zwingen, um fortzufahren. 

Ich esse ohne Appetit, habe Blähungen; die Verdauung ist schwer und langsam, 
und Stuhlgang erfolgt bloss alle zwei oder drei Tage. — Ich schlafe schlecht, der Schlaf 
ist unruhig. — Daneben noch hundert andere Klagen. Glauben Sie mir, ich bin nervös 
geworden wie ein Frauenzimmer! Die geringste Kleinigkeit regt mich auf, quält mich, 
bringt mich aus der Fassung. Bringt man mir einen Brief, begegne ich Jemanden auf 
der Strasse, so fange ich an zu zittern. Dazu noch Schmerzen, einmal hier, einmal da, 
Ameisenkriebeln, Eingeschlafensein in den Beinen. Wenn das so fortdauert, werde ich 
„meine Nerven^ kriegen, genau wie eine schöne Weltdame. 

Ohne Zweifel ist dies alles auf meine Syphilis zurückzuführen, um so mehr als ich, 
ich muss es zugestehen, fortwährend daran denke. Sie können mir lange das Gegentheil 
behaupten, lieber Doctor, ich weiss es wohl, dass sie unheilbar ist. Meine Freunde (die 
nicht wissen, was mir fehlt) haben mir es gesagt. Letzthin ist einer derselben daran 
gestorben und zwar im Irrenhause; er war faul bis in's Mark. Und dasselbe Schicksal 
erwartet michl^ 

Dieses aus einer klinischen Vorlesung von Foumier entnommene Bild bezieht sich, 
wie ersichtlich, auf einen luetischen Neurastheniker. Es wäre aber schwer, in kürzeren 
und drastischeren Zügen ein besseres Bild der Neurasthenie zu entwerfen. 

— KmUe Afca ee o ae !■ Fulgie tm Typhus abieninmUs« Die sich ku Anschluss an 
Typlais entwickelnden Suppurationen können zweierlei Natur sein: Entweder sind es gewöhn¬ 
liche Abscesse durch die bekannten Eiterungserreger hervorgerufen, oder es sind speciflsche 
Suppurationen, deren Eiter nur den Typhusbacillus von Eberth enthalt. Im Allgemeinen 


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treten diese Abscesse acut während der Evolution des Typhus oder kurz nach.der Er¬ 
krankung auf. In anderen Fällen machen sich im Beginne die Eotzündungserscheinungen 
kaum bemerkbar; es besteht kein oder nur wenig Fieber, der Schmerz ist gering, und 
erst nach Monaten oder sogar nach Jahren entwickeln sie sich unter den Symptomen 
einer syphilitischen Osteopathie oder eines tuberculösen Abscesses. Gianiemesse und Vidal 
theilen zwei derartige Beobachtungen mit, die genau verfolgt und bacteriologisch unter¬ 
sucht wurden, und aus diesem Grunde ein grösseres Interesse beanspruchen dürften. Im 
ersten Falle handelt es sich um einen Mann, der im August 1890 einen Typhus dnrch- 
machte und vollständig geheilt aus dem Spital entlassen wurde. Zehn Tage nach seiner 
Entlassung stellte sich der Pat. mit heftigen Schmerzen in der Mitte der rechten Tibia 
wieder ein. Einige Tage Ruhe und Einreibungen der Haut mit einem Liniment ge¬ 
nügten, um ihn wieder herzusteilen. Seither verspürte er blos hier und da Schmerzen, 
wenn er viel gegangen war. Es trat bald eine kleine Geechwolst von der Grösse einer 
Nuss an der früher schmerzhaften Stelle auf, ohne aber den Pat. im Geringsten zu be¬ 
lästigen. Ein Jahr später trat er wieder ins Spital wegen einer Gonorrhoe , und bei 
dieser Gelegenheit wurden die Autoren auf die vorhandene fluctuirende Geschwulst auf¬ 
merksam. Der Abscess wurde eröffnet und die bacteriologische Untersuchung des Eiters 
ergab eine Reincultur von Bacillus Eberth. — Im zweiten Falle handelt es sich um 
einen Typhuskranken, der schon während eines Recidivs Schmerzen in der linken Ulna 
und in der ersten Phalanx des linken Mittelfingers verspürte. Später traten ebenfalls 
noch Schmerzen im linken Femur und in der rechten Tibia auf. An letzter Stelle ent¬ 
wickelte sich rasch eine suppurative Periostitis, welche sofort operirt wurde, aber eine 
Fistel zurückliess, aus welcher nach 4 Jahren von Zeit zu Zeit immer noch ein 
Tropfen Eiter floss. Ungefahr gleichzeitig entwickelte sich am linken Oberschenkel eine 
sehr schmerzhafte Geschwulst, die nach einiger Zeit spontan znrückging, um fünf Monate 
später wieder aufzutreten und eine Operation nothwendig zu machen. Es entleerte sich 
dabei eine grosse Menge bräunlichen Eiters, und die Wunde heilte erst nach einigen 
Monaten. Unterdessen hatte sich auf der ersten Phalanx des linken Mittelfingers eben¬ 
falls eine Eiteransammlung gebildet, welche nach ihrer Entleerung noch 10 Monate floss 
bis der Pat. selbst einen kleinen Sequester aus der Wunde exstirpirte. An der linken 
Ulna hatte sich endlich ganz langsam und fast spurlos eine kleine apfelgrosse fluctuirende 
Geschwulst entwickelt, welche dem behandelnden Arzte für einen tuberculösen Abscess 
imponirte. Die achtzehn Monate nach der Typhuserkranknng vorgenommene bacteriolo- 
gitohe Untersuchung ergab keine Tuberkelbacillen sondern Reinculturen von Eberth^Bchen 
Typhusbacillen. Während der ganzen Serie dieser multiplen Eiterungen befand sich der 
Pat. vollständig wohl und konnte ohne Störung seinen Geschäften nachgehen. Der ausser¬ 
halb des Körpers so subtile Typhusbacill ist also im Stande sich im Organismus jahre¬ 
lang zu halten, zn localisiren und langsame, schleichende, fast symptomenlose Erkran¬ 
kungen hervorzurufen, welche eine tuberculöse Affection Vortäuschen können. 

(Soc. mödic. des Höpitaux, 24. Nov.) 

— Als EBtartaipireaetiM definirte Erb eine Störung der electrischen Erregbarkeit, 
charakterisirt durch Abnahme und Verlust der faradischen und galvanischen Erregbarkeit 
der Nerven und der faradischen Erregbarkeit der Muskeln bei erhaltener, zeitweilig 
erhöhter galvanischer Erregbarkeit der Muskeln, letztere aber derart qualitativ verändert, 
dass sie träge und mit Umkehr der Zncknngsformel erfolgt. Bei der partiellen Ea R. 
verschwindet die Erregbarkeit der Nerven und die faradische der Muskeln nicht voll¬ 
ständig, nimmt nur mehr oder weniger ab. Die wirkliche Ea R. kommt niemals bei 
histologischer normaler Musoulatur vor, und muss immer als ein Kennzeichen histologischer, 
niusculärer Alterationen aufgefasst werden. Mit der Zeit hat die ^rö'scbe Definition der 
Ea R. einige Modificationen erlitten, welche von Remak in einer neuen Definition der 
Entartnngsreaction gewürdigt worden sind. Die Uebererregbarkeit der galvanischen Muskel- 
zucknng, welche als Ilauptcriterium der Ea R. hingestellt wurde, wird nur in den Höhe- 


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Stadien «der degenerativen Paralyse beobachtet, und fehlt meist in den ersten Perioden, 
zu einer Zeit, wo die andern Symptome schon ausgesprochen sind. Ebenfalls ist die 
Umkehr der Zuckungsformel nicht eonstant. Einmal kann bei ausgesprochener Ea R. die 
Ka S. Z. stärker sein als die An. S. Z., dann kann auch bei vollständig gesunden Mus¬ 
keln die An. S. Z. stärker ausfallen als die Ka. S. Z. Nur das dritte Criterium, die 
Trägheit der Zuckung, welche graphisch in geringerer Steilheit und grosserer Breite der 
Curve ihren Ausdruck findet, ist für die galvanische Ea R. charakteristisch. Eine prin- 
cipielle Verschiedenheit der Reaction der entarteten Muskel auf galvanische und fara- 
dische Erregung muss man nach den neueren Untersuchungen fallen lassen. Ebenfalls 
scheint die Annahme unrichtig, dass für die träge Ea R. Ströme grösserer Dauer noth- 
wendig seien, woraus man die Erregbarkeit für den galvanischen und die Unerregbarkeit 
für den faradischen Strom zurückgeführt hatte. Bei completer Ea R. gelingt es noch, 
den Muskel faradisch zu erregen, sobald man nicht mit schnell aufeinander folgenden 
Schlägen reizt, sondern mit Einzelschlägen eines kräftigen Inductionsapparates. Dabei 
beobachtet man eine träge Zuckung des Muskels, wobei die Anode wirksamer sein soll 
(s. BuboiSj Corr.-Blatt 1888, S. 206). Nach wiederholten Reizungen erschöpft sich bald 
die Contractionsfähigkeit des Muskels. Auf Grund obiger Beobachtungen gibt Remak fol¬ 
gende vier Sätze als charakteristisch für die Entartungsreaction: 1. Beweisend für Musket¬ 
en tartung ist nur der wiederholte Nachweis der galvanomusculären Ea R. 2. Als ihr 
sicheres Criterium kann nicht die Umkehr der Zuckungsformel, sondern nur die Zuckungs¬ 
trägheit gelten. 3. Die ältere Anschauung, dass das differente Verhalten entarteter 
Muskeln gegen galvanische und faradische Reizungen von der grösseren Dauer der ersteren 
abhängt, ist nicht mehr haltbar. Vielmehr scheint die Degeneration des Muskels seinen 
Contractionsmechanismus derart zu verändern, dass, je stärker seine Entartung ist, er 
desto träger auf jede Form des electrischen Einzelreizes reagirt, und desto stärker 
die Erschöpfbarkeit dieser Reaction bei wiederholten Reizen wird. 4. Zuckungsträgheit 
bei directer faradischer und franklijtischer Reizung darf nur dann als Ea R. angesprochen 
werden, wenn diese gleichzeitig bei directer galvanischer Reizung nachweisbar ist. 

(Deutsch, med. Wochensohr. Nr. 46.) 

— Combinirte MtrphiiH- ud Snlftnalwirkugf. Sulfonal ist ein werthvolles 
Hypnoticum von ziemlich sicherer Wirkung. Der Sulfonal schlaf ist aber ein leichter und 
wird durch schmerzhafte Empfindungen, 'sowie durch Hustenreiz leicht unterbrochen. 
Diese Empfindungen werden durch kleine Dosen von Morphium, welche zur Hervorrufung 
des Schlafes an sich ungenügend sind, beseitigt. Desshalb ist die combinirte Anwendung 
von Morphium und Sulfonal im Stande, einen langdauemden und ruhigen Schlaf zu er¬ 
zeugen , sobald die Schlafiosigkeit auf schmerzhafte Sensationen oder Reizangsznstände 
zurückzuführen ist. Durch Thierversuche konnte sich Gmzalcs überzeugen, dass die 
combinirte Wirkung des Morphiums und des Sulfonals eine tiefe Narcose erzeugt, ohne 
nachtheiligen Einfluss auf Athmung und Kreislauf. (Nouv. remödes No. 22.) 

— Zur Hersielluip von Jodoforag^nze empfiehlt Gay als Lösungsmittel für das 
Jodoform und das als Klebmittel dienende Harz ein Gemisch von Aether und Benzin zu 
verwenden. Die Flüssigkeit muss vollständig von der Gaze aufgenommen werden und 
letztere, noch ehe sie ganz trocken geworden ist, zusammengelegt werden, um Verluste 
an Jodoform zu vermeiden. Die noch rückständigen Lösungsmittel (Aether und Benzin) 
verflüchtigen sich allmählich durch die Verpackung hindurch. Trotzdem nimmt Gay 
einen Verlust von 10 — 15®/o Jodoform als unvermeidlich an, und er schlägt vor, um 
Jodoformgaze von richtigem Gehalt zu bekommen, 10 —15®/o Jodoform mehr zu verwenden. 

(Pharm. Centralhalle Nr. 47.) 

Brlefkasteii. 

Dr. N. in M.: Vorsatz der Redaction pro 1894: Das Corr.-Blatt soll nie mehr verspätet in 
die Hände seiner Leser gelangen. — C. P. in H.: Gruss übers Meer. 

Schweighanserische Bnchdruckerei. — B. Schwabe, Verlagsbuchhandlung in Basel. 


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iBkaltt I) OrifiBAlarbelten: Dr. S. K6kl und Prof. Bagmtbaek-Bmxkhmdtt Zur Frago dor Betention dor Seereio be! 
Tracbeotomirten. — Dr. A. Daiber: Ueber den Nacbwoia ron Oljcoa« im Ham. — Dr. 0. NagM: Ein olgenartigos Sprech- und 
SehlaekbiadorDiaB. — Dr. Streit: Vergiftang dnreh Samon Ton Datura Stramoniam (Steobapfel). — SO Verei n sboriehto: 
lla^diiiaoh-pbarmaeeotUohor BexirksTorein Bern.— Oesellachaft der Aerzte in Zftrieh. — 3) Referate aod Kritiken: 
Dr. Älberi Boeemberg: Die Kraakbeiten der Mandböble, des Bachens and des Kehlkopfes. — Th, Bering: Die Eleetrolyse and 
ihre laweadong Wi Brkrankang der Mase ete. — Prot Dr. Behring: Die Oeeehichte der Diphtherie. — Max Weüemeger: 
Uftneheaa Tnberealosemortalitat in den Jahren 1814—1888. — B, Audecud: Crdosote et Tnbercalose. — B. Sehnunu: Grand- 
riae der pathologischen Anatomie. — Dr. Anton Bum and Dr. M. T. Scknirer: Diagnostisches Lezicon für pract. Aerzte. ~ 
Dr. Arnd : DarehlAssigkeit der Darmwaad eingeklemmter BrSche fttr die Uicroorganismen. — J. Boa»: Diagnostik and Therapie 
der Xagenkrankbeiten. — 4> Can ton ale Correspondenzen: Zam Andenken an Dr./Wir Born f. — Tübingen: Beeach der 
Uafrersltit. — Zürich: 40j&hriM JabilAam des Aritl. Vereins des Oberlandes. — Acten der schweizer. Aenteeommiseion. — 
6) Wochenbericht: UrealTcbs Vorlage betr. nneotgeltliche Krankenpflege. — Fröhlieh'» Oebirntrage. — XI. internat. 
BiediciB. Congreso. — Deatsebe dermatologuche Gesellschaft. — f SanitAtsrath Dr. 8. Ouitmann in Berlin. — Rüsche Behand- 
lang der Geleaktabercalose. — Behaadlnnng der Ischias nach Weir MitekeU. — Bedeatnng der diphtheritischen Membranen. — 
BehandlaBg der MriaMs. — Cholera asiatiea darch Laboratoriamsinfection. — Cholera. — Monatsschrift für praktische Wasser* 
heilkande. — Oallassaarea Ergotin. — Beazol als Eipectorans. — 6) Briefkasten. — 7) Bibliographisches. 




Zur Frage der Retention der Secrete bei Tracbeotomirten. 

Von Dr. E. Ktthl in Chur. 

Herr Prof. Hagenbach-Burckhardt hat in Nr. 11 des Correspondenzblattes letzten 
Jahres einen Aufsatz veröffentlicht, in welchem er meinen 12 Ursachen der Erschwe¬ 
rung des Ddcannlement nach Diphtherietracheotomie noch eine dreizehnte hinzofügt; 
n&mlich: ,Die Retention von catarrhalischem Secret in der Trachea und in den Bron¬ 
chien nach dem Versuch, die Canäle zn entfernen." 

Es möchte nun dies den Anschein erwecken, als ob ich die in Rede stehende 
Ursache g&nzlich übersehen h&tte, was um so auffallender w&re, als mir die Pnbli- 
cationen von Böekel und GetUit ebenfalls bekannt waren,‘) und sehe ich mich deshalb 
veranlasst, mit einigen Worten auf die besprochene Ursache zuräckznkommen und 
meine Ansicht hieräber ebenfalls klar zn legen. Ich fähle mich um so mehr ver¬ 
pflichtet dies zn thnn, als ich mit der Ansicht von Prof. H. nicht einig gehe und 
glaube, dass diese Ansicht gefährliche Consequenzen nach sich ziehen könnte. 

Krankheitsfälle, wie sie Herr Prof. H. citirt, hat gewiss schon Jeder erlebt, der 
tracheotomirte Kinder nachbebandelt hat und die Canüle möglichst frühzeitig zu ent¬ 
fernen bestrebt ist. Es ist nicht nur keine Ausnahme, sondern zum mindesten häufig, 
dass die Canäle nicht so glattweg fortgelassen werden kann, dass steigende Dyspnee 
zur Wiedereinführung derselben für 1—2 Tage zwingt, ja dass derartige Versuche, 


') Der von Herrn Prof. H. erwähnte BöckeVsche Fall findet sich in meiner Dissertation pag. 
133 nnter die Fälle von Spasmus gloitidis eingereiht. 


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die CauQle fortzulassen, nicht nur ein, sondern auch zwei bis drei Mal repetirt werden 
müssen. Es ist vollkommen richtig, dass die betreffenden Kinder nach dem Ddcanule- 
ment ruhig athmen, dass im Anfänge Alles ganz gut zu gehen scheint, bis sich eben 
die Tracheotomiewunde soweit verkleinert hat, dass die 
Secrete durch dieselbe nicht mehr expectorirt werden ken¬ 
nen. Nun setzt Dyspnoe mit Secretretention und eventuell mit Fieber ein und nöthigt 
eben zur Wiedereinführung der Canüle. 

Worin ich aber mit Herrn Prof H. nicht einig gehe, das ist dessen Auffassung. 
Meiner Ansicht nach ist es nicht die Secretverb^ltung, 
die die Wiedereinführung der Canüle verlangt, sondern 
die noch fortbestehende Eeh 1 kopfstenose, denn diese ist 
es, welche die Secretverhaltung bedingt; wäre der Kehlkopf voll¬ 
kommen frei, seine Mucosa nicht mehr intumescirt, so könnte das Secret auch ganz 
gut durch den Larynx ausgeworfen werden. Der Beweis für diese Ansicht ist leicht 
zu erbringen: Ist beim D^canulement unter Zuhaltung der Tracheotomiewunde mit 
dem Finger die Luftpassage durch den Kehlkopf ganz frei, athmet das Kind voll¬ 
kommen ruhig weiter, so wird es nach dem Ddcanulement (bei Abwesenheit 
anderer Ursachen) auch gewiss nicht zu nachträglicher Dyspnoe durch Secret¬ 
retention kommen; wenn man aber bereits am 3. oder 4. Tag d4- 
canulisirt und obgenannten Versuch macht, so ist es die 
fast ausnahmslose Regel, dass der Kehlkopf zum grössten 
Theil noch undurcbgängig ist und dass Dyspnoe eintritt. Wenn das 
Decanulement dessen ungeachtet gelingt, so hat die Schuld daran der Umstand, dass 
die Tracheotomiewunde weit klafft und für drei, vier und noch mehr Tage der Luft voll¬ 
kommen oder theilweise Passage gewährt, so dass unter dieser Zeit der Larynx ge¬ 
nügend Zeit bat zur Restitution. Gerade aus diesem Grunde, d. h. des Klaffens der 
Trachealöffnung wegen, gelingt das frühe Ddcanulement viel leichter bei Kindern mit 
schlankem Hals und schlechtem Fettpolster; daher auch die Erfahrung, dass bei Wund- 
dipbtherie, wobei ein starrer Wundcanal und nachher eventuell ein etwas grösserer 
Defect entsteht, das Döcanulement oft auffallend leicht vor sich geht. 

Bei dem frühzeitigen Ddcanulement ist es also von grosser Wichtigkeit, dass die 
Tracheotomiewunde möglichst lange offen bleibt und insbesondere auch nicht durch 
eintrocknende Secrete verstopft wird. Die Wunde darf also keinesfalls verbunden 
werden, sie soll im Gegentheil vollkommen frei und offen sein. Um dieselbe stetsfort 
feucht zu erhalten, um zur gleichen Zeit auch die Athemluft feucht zu erhalten, 
deckt man sie ganz locker mit einer nassen, grob gewobe¬ 
nen Gazecompresse zu, oder, was eben so vortheilbaft ist, man bindet eine 
ganz dünne, groblöcherige, nasse, bandtellergi'osse Schwammsebeibe auf dieselbe. Ich 
gebe zu, dass je früher man das Ddcanulement versucht, desto öfter die von Herrn 
Prof. H. erwähnte Erscheinung der ,Secretretention und Dyspnoe bei sich rasch ver¬ 
engender Trachealöffnung“ eintreten wird, dass somit oft der erste, selbst der zweite 
Döcanulementsversuch misslingen wird, nichts desto weniger möchte ich doch dringend 
auffordern, womöglich am vierten oder fünften Tage den ersten Versuch zu machen. 
Gelingt derselbe, so hat man gewonnenes Spiel, gelingt er nicht, so ist die Wieder- 


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eiDflihrong der Canäle (am besten über einen vorne offenen Catheter, der als Weg¬ 
leiter dient) sehr leicht und bringt keinen Schaden. Man lässt dann die Canüle zwei 
Tage lang ruhig liegen, um nach dieser Zeit den zweiten Versuch zu machen. 
Auch wenn dahei nichts Anderes erreicht wird als das, dass die Canäle einen oder zwei 
Tage nicht in der Trachea lag, so ist dies der Complicationen wegen (Blutungen, 
Decubitus, Verbiegungen etc.) schon von grossem Vortheile gewesen. 

Dass das Trachealsecret bei vollkommen durchgängigem Kehlkopf besser durch 
eine TrachealOffnung expectorirt wird als durch den Kehlkopf, glaube ich niemals. Oft 
konnte ich beobachten, dass sich Kinder lange Zeit umsonst abquälten, um durch die 
Canäle etwas zu eipectoriren; der Schleimpftopf wich und wankte nicht und flog erst 
dann durch die Canäle heraus, wenn diese gleich vor Beginn der Exspiration mit dem 
Finger momentan verschlossen wurde, wenn dadurch eine erhöhte Luftpression mit 
plötzlicher Läftung des Luftabschlusses, wenn also mit einem Wort ein richtiger 
Hustenstoss mit Glottisschluss imitirt wurde. Der Tracheotomie bei §ronchitis capil- 
laris könnte ich somit keinen andern Nutzen zuerkennen als den eines momentanen 
Reizeffectes, der durch die Einführung der Canäle in die Trachea ausgelöst wird und 
ich bin fest überzeugt, dass die Tracheotomie directen Schaden bringen würde, dass 
Emetica und heisse Bäder mit kalten Uebergiessungen von ungleich grösserem Effect 
und Nutzen sind. 

Gegen eine laryngeale und eventuell tracheale Dyspnoe und Cyanose ist die 
Tracheotomie ein ausgezeichnetes Mittel, gegen die pulmonale Dyspnoe und Cya¬ 
nose ist sie meines Erachtens nach werthlos. 

Ich bin also, um zu rösumiren, der Ansicht, dass die Secretanhäufung in der 
Trachea und den Bronchien in den Fällen des Herrn Prof. H. nur deshalb die Wieder¬ 
einführung der Canäle erforderte, weil, wie Herr Prof. H. angibt, »die Canäle mög¬ 
lichst rasch, also am vierten oder fünften Tag entfernt wurde*, resp. weil eben zu 
dieser Zeit in diesen Fällen die Kehlkopfmncosa eben so gut wie die Trachealmucosa 
noch intumescirt und bei der ,rasch sich schliessenden Wunde* die Passage durch den 
Kehlkopf noch nicht frei genug war. 

Ueber Secretansammlung bei Intubirten habe ich keine Erfahrung, da ich noch 
keine Diphtheriekranken intubirt habe und vorläufig nach meinen bisherigen Erfah¬ 
rungen hier in Chur (in 7 Jahren 24 Tracheotomien mit 12 (öOVo) Heilungen) auch 
keinen Grund habe, von der Tracheotomie ab- und zur Intubation überzugehen. 


Bemerkungen zu obigem Aufsatz 

von Prof. Hagenbach-Burckhardt. 

Die Tit. Bedaction war so freundlich, mir obigen Artikel im Mannscripte znzu- 
senden, damit ich Gelegenheit hätte, darauf sogleich zu antworten. Ich mache gerne 
von derselben in aller Kürze Gebrauch. 

Wenn Herr Dr. KShl sagt: »Meiner Ansicht nach ist es nicht die Secretver- 
haltung, sondern die noch fortbestehende Kehlkopfstenose, welche die Wiedereinführung 
der Caafile verlangt, denn diese ist es, welche die Secretverhaltung bedingt*, so stimme 
ich diesem Ausspruch für manche Fälle unter den frisch d^nulirten vollständig bei. 


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Das weiss ja Jedermann, dass beim Herausnehmen der Canüle am 4. oder 5. Tage 
die Stenose noch weiter bestehen kann, und dass diese einen veranlasst, die Canäle 
wieder einzuführen. In unsem erwähnten Fällen allerdings konnten wir seit dem 
ersten D^canulement keine Larynxstenose, wohl aber die erschwerte Athmung, wie sie 
bei zunehmender heftiger Bronchitis gewöhnlich ist, wahrnehmen und wenn dann das 
D4canulement immer nicht und auch nach Wochen nicht gelingt, wo aus 
allen Symptomen zu schliessen ist, dass der Larynx wieder ganz frei 
ist, da liegen andere Ursachen zu Grunde. Die Athmung ist tagelang ruhig bei 
gut verschlossener Trachealöffnung; der diphtheritische Process im ^chen, in den 
Luftwegen, in der Wunde ist verschwunden; die Stimme hat wieder Klang und doch 
kann die Canüle nicht entfernt werden. Auf solche Fälle habe ich aufmerksam ge¬ 
macht und einzelne näher beschrieben, wo trotz der frei gewordenen Kehlkopfpassage 
das Secret sich in den Bronchien anhäuft und seinen gewöhnlichen Ausgang nicht 
findet. Erst wenn die Canüle wieder eingefübrt wird, stürzt dasselbe mit Gewalt durch 
die erweiterte Oeffnung. 

Ich kann mich nicht enthalten, hier noch einen sehr instrnctiven Fall, auf den 
mich Herr Dr. Feer, der unser Diphtheriematerial zu anderen Zwecken eben erst 
durchgemustert hat, aufmerksam macht Wenn man missverstanden wird, kann man 
nicht deutlich genug sein. Es stammt die Krankengeschichte aus dem Jahre 1881, 
wo wir auf solche Fälle von Schleim Verhaltung noch nicht unser Augenmerk richteten: 
sie ist deshalb sehr objectiv und sehr vollständig, wie wir dies von dem damaligen 
Assistenten, Herrn Dr. Schenker, jetzt in Aarau, übrigens gewohnt waren. 

Qloor Bertha, 4 Jahre. Eintritt den 7. October 1881 mit Group. Zwei Stunden 
nach dem Eintritt Tracheotomie. Schon am 12. .October zeigte die Untersuchung, dass 
die Patientin bei verschlossener Trachea ruhig athmet, ohne jede Dyspnoe 
und laut spricht. Den 13. October Entfernung der Canüle und Verschluss 
der Wunde. Den 14. October: Patientin hatte eine gute Nacht. Allge¬ 
meinbefinden gut. Hustet ziemlich viel. Temperatur afebril, den 14. Abends 39,5. 
R. h. o. leichte Dämpfung, zahlreiche trockene und feuchte gross- und kleinblasige 
Rasselgeräusche. Den 15. starke Dyspnoe. Wiedereinfuhren der Canüle. Den 16. Pat. 
hustet viele schleimige Massen durch die Canüle. Den 18. zahlreiche Rasselgeräusche 
über beideu Lungen. Ungewöhnlich profuser schleimig-eitriger Answurf aus der Canüle. 
Don 20. afebril. Den 21. Versuch die Canüle zu entfernen, Abends 39,1. Die Canüle 
wird wieder eingefübrt. Den 23. Temperatur wieder afebril. Profuser eitrig-schleimiger 
Auswurf durch die Cauüle. Die Wunde sieht gut aus. Den 30. In den letzten Tagen 
weniger Auswnrf. Definitive Entfernung der Canüle. Keine Temperatur- 
Steigerung nach der Herausnahme. Den 12. November geheilt entlassen. 

Auch diese Krankengeschichte muss den Fällen beigezählt werden, wo die Stenose 
nicht kann angeschuldigt werden, und welche auch von Böckel und von Monti in 
ähnlicher Weise beobachtet und gedeutet worden sind, wie von mir. 

Für die frischeren Fälle von erschwertem D4cannlement könnte man viel¬ 
leicht an eine relative Stenose denken, d. h. freie Passage für den Luft¬ 
eintritt und Behinderung des Secretaustritts; doch für die spätem Fälle, wo der 
Kehlkopf normal ist und normal functionirt, kann diese Erklärung nicht herbeigezogen 
werden. Auch Herr Köhl denkt nicht an diese Möglichkeit; denn er sagt: «Ist beim 
D^nulement unter Zubaltung der Tracheotomiewnnde mit dem Finger die Luft- 


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p a 8 s a g e durch den Kehlkopf ganz frei, athmet das Kind Tollkommen ruhig weiter, 
so wird es nach dem Ddcanulement (bei Abwesenheit anderer Ursachen) auch gewiss 
nicht zu nachträglicher Dyspnoe durch Secretretention kommen." 

Wenn man die grossere Oeffnung in der Trachea, die dem massenhaften 
Secret zum Ausweg hilft, nicht allein geltend machen will, könnte man noch an 
nervöse Einflfisse denken; da ich bloss das Thatsäcbliche in meinem Artikel 
kurz hervorheben wollte, habe ich mich weiterer Hypothesen enthalten. Es ist ja 
überhaupt die Innervation der Glottis bei Kindern im zarten Alter eine eigenthüm- 
liehe; bei rachitischen in erster Linie, aber auch bei anderen treffen wir spastische 
Zustände an auf die geringfügigsten Ursachen; psychische Erregungen, Schreien u. dgl. 
vermögen Anfälle von Glottisspasmus auszulösen. Solche functionelle Störungen der 
Glottis, die eben erst afficirt war, mögen vielleicht auch noch zur Secretretention bei¬ 
tragen und zwar um so eher, je jünger das Kind ist. 

Ich weiss zum Voraus, dass ich mit diesem letzteren Erklärungsversuche meinen 
Herrn Kritiker auch wieder zum Widerspruche anrege. In seiner verdienstlichen Ar¬ 
beit steht er gerade dem Spasmus glottidis als Ersebwerungsmoment für das 
Döcanulement ziemlich ungläubig gegenüber und gibt an, noch keinen solchen Fall 
beobachtet zu haben. Auch da bin ich anderer Meinung; ich habe wiederholt Fälle 
erlebt, wo beim Döcanulement ein Glottiskrampf entstand, der mich veranlasste, die 
Canüle wieder einzulegen und wo erst nach Ausschaltung der Aufregung und des 
angstvollen Schreiens • durch die Cbloroformnarcose das Döcanulement vorgenommen 
werden konnte. 

Es wäre ferner auch denkbar, dass das Bestehen zweier Oeffnungon — 
Glottis und Trachealfistel — und namentlich wenn letztere nicht ge¬ 
schlossen ist, besonders ungünstig ist für die Entfernung reichlichen Schleims in den 
Luftwegen, indem der Lnftstrom getheilt ist und nicht mehr Kraft genug hat, zähes 
Secret- durch die Glottis auszuwerfen. Erst mit dem Einführen der Canäle würden 
wieder günstigere Verhältnisse für die Expectoration geschaffen. 

Wenn dann schliesslich Herr Köhl die von mir berührte Tracheotomie 
bei schwerer Bronchitis capillaris mit Cyanose, die ich bloss 
in Form einer noch discutirbaren Frage erwähnt habe, so sehr beanstandet, so muss 
ich nochmals wiederholen, dass Tracheotomien bei Einleitung der künstlichen Athmung 
und bei schweren Intoiicationen gemacht werden. Dann erinnere ich noch daran, dass 
zur Entfernung von Fremdkörpern ans den unteren Luftwegen die Tracheotomie oft 
als einzig von Erfolg begleiteteter Eingriff unternommen wird. Wie das von mir 
besprochene Secret kann auch der Fremdkörper auf künstlichem Wege (durch die 
Trachealwnnde) besser anstreten als durch den Larynx. Auch da kann man sich 
fragen, ob die weitere Oeffnung, der Glottisscbluss, vielleicht ein Spasmus derselben 
Schuld ist. 

Ich enthalte mich weiterer theoretischer Betrachtungen und kann nur das früher 
Ausgesagte wiederholen: Die Secretretention ist und bleibt eine 
gut beobachtete Thatsach e und besteht auch ohne jegliche 
Stenose des Larynx. 


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lieber den Nachweis von Glycose im Harn. 

Von Dr. A. Daiber, Zürich. 

Ueber den Nachweis des Zuckers im Harn existiren eine Anzahl chemischer 
Reactionen, die sich bekanntlich zum grüssten Theil auf die Eigenschaft des Trauben¬ 
zuckers stützen, verschiedene Metalloxyde in alkalischer Lösung zu reduciren, z. B. 
Eupferoxyd, Wismutb und Quecksilberoxyd etc. So einfach und practiscb in ihrer 
Anwendung im Allgemeinen diese Reactionen sind, so können sie um so eher zu Irr- 
thümern führen, als durch die Anwesenheit gewisser Substanzen im Harn demselben 
eine normale RednctionsfÜhigkeit gegenüber genannten Reagentien verliehen wird. Die 
Folge davon sind manchmal grosse diagnostische Täuschungen, welche selbst einem geübten 
Practiker verkommen können. Diese Erscheinungen bei den beiden gebräuchlichsten 
Reactionen auf Zucker zu beleuchten und die Ursachen der Abnormität festzustellen, 
soll der Zweck dieser Mittheilung sein. 

Am meisten wird wohl bei der Untersuchung auf Glycose von der Mehrzahl 
der practischen Aerzte und Chemiker die sogen. Fehlity'sche Lösung oder auch Irom- 
ffter’sche Probe angewandt. Dieselbe besteht bekanntlich aus einer Eupfervitriollösung 
und alcalischer Tartarus natronatus-Lösung und ist für Harn, welcher Zucker in reich¬ 
licher Menge enthält, ziemlich gut anwendbar. Anders dagegen verhält es sich bei 
kleineren Znckermengen — in sehr vielen Fällen handelt es sich doch nur um solche! 
— indem nämlich gewisse normale Bestandtheile des Harnes, wie Harnsäure, Ereatinin 
und Schleim, die alcalische Eupferlösung unter der characteristischen RothRlrbung redu¬ 
ciren. Zu einer jeweiligen Ausscheidung von Eupferoxydul braucht es nicht zu kommen; 
die entstandene rötbliche Farbe wirkt allein schon störend; auch kann, was besonders 
hervorgehoben werden muss, das Ereatinin das Eupferoxydul in Lösung halten, ein Um¬ 
stand, welcher, wie gesagt, kleine Zuckermengen im Harn leicht übersehen lässt. Be¬ 
denkt man, dass täglich im Durchschnitt 0,7—17oo Ereatinin durch den Harn ans¬ 
geschieden wird, bei reichlicher Fleischkost noch mehr, so ist es wohl einleuchtend, 
wie dadurch die i^eAlm^’sche Probe in ihrer Wirkung und Sicherheit beeinträchtigt 
wird. Von der reichlichen Anwesenheit des Ereatinins im Harn kann man sich leicht 
überzeugen, wenn man dem Harn einige Tropfen einer frisch bereiteten, stark ver¬ 
dünnten Natriumnitroprussidlösung zusetzt, hierauf einige Tropfen ebenfalls verdünnter 
Natronlauge zugibt: Hiebei färbt sich die Flüssigkeit rubinroth, welche Farbe nach 
Eurzem in Gelb nmschlägt. Versetzt man nun die gelb gewordene Flüssigkeit mit 
überschüssiger Essigsäure und erhitzt, so färbt sie sich zuerst grünlich, dann blau und 
zuletzt entsteht ein Niederschlag von Berlinerblau. 

Nach meinen vieljährigen Erfahrungen zu schliessen ist die FcAltn^'scbe Lösung 
für den qualitativen Nachweis nur kleinerer Zuckermengen im Harne aus den oben 
angegebenen Gründen nicht empfehlenswertb. 

Die als beste und sicherste bezeichnete Methode, welche aber allerdings auch 
wieder an einigen Unzukömmlichkeiten leidet, ist die Böttger-Alm0fi'9c\xti Probe (Ny- 
lander), nämlich alcalische Wismuthlartratlösnng.') Von diesem Reagens werden auf 
10 ccm des zu untersuchenden Garnes etwa 20 Tropfen genommen und mehrere 
Minuten hindurch die Flüssigkeit im Eoeben erhalten. Ist Glycose im Harne ent- 

») Vergl. Corr.-Bl. 1892, pag. 197. Red. 


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halten, so tritt zuerst eine dunkelgelbe oder gelbbraune Farbe auf, welche nach und 
nach immer mehr dunkelt und endlich schwarz und undurchsichtig wird. Im Falle 
eines sehr geringen Zuckergehaltes im Ham wird derselbe nicht schwarz, sondern nur 
dunkler geförbt. Diese Wismutbprobe, ebenso leicht als einfach in ihrer Anwendung, 
ist sehr scharf und gibt noch Resultate in Harnen, welche 0,05*’/» Glycose enthalten. 
Harnsänre, Kreatinin und Schleim verhalten sich der Wismuthlösung gegenüber negativ, 
ebenso sehr kleine Mengen von Albumin. Reichlichere Mengen Eiweiss erzeugen je¬ 
doch durch die Schwärzung des Wismnths als Schwefelwismnth eine Täuschung, die 
man durch vorherige Coagulation des Eiweisses vermeiden kann. Was bei dieser sonst 
so überaus sichern Reaction stdrend wirkt, ist, meiner Beobachtung nach, die An¬ 
wesenheit von Indozylschwefelsäure, sog. Indican. Dasselbe, bekanntlich ein Fäulniss- 
prodnct des Eiwei.s8es, hommt in geringen Spuren in jedem normalen Harne vor. Bei 
reichlicherem Auftreten, welches absolut keine pathologische Bedeutung zu haben 
braucht, wird dem Harne, was sehr zu beachten ist, eine so kräftige Reductionsfähig- 
keit ertbeilt, dass die Wismuthlösung in der energischsten Weise reducirt wird. Ob 
hier als Ursache eine Verbindung des Indoxyls mit einer Glycuronsäure vorliegt, ist 
noch nicht ganz genau festgestellt, scheint aber des optischen Verhaltens der Säure 
wegen sehr wahrscheinlich zu sein. Immerhin kommt diese Art der Rednction des 
Wismutbs durch normalen Harn viel häufiger vor, als man vielleicht sonst anzunehmen 
geneigt ist und erst die weitere Prüfung auf dem Wege der Gäbrung und Polarisation 
ergibt die völlige Abwesenheit von Glycose. Man ersieht also hieraus, mit welcher 
Vorsicht und Berücksichtigung aller Umstände bei den Proben auf Zucker vorgegangen 
werden muss. 

Mir selbst kam es schon oft vor, dass ich mit der Wismuthlösung scheinbar 
positive Resultate auf Glycose erhielt, als ich aber die Glycose im Harn quantitativ 
auf dem Wege der Polarisation bestimmen wollte, ergab letztere ein vollständig nega¬ 
tives Resultat, nämlich absolut keine Rechtsdrehung, dagegen aber eine stärkere Links¬ 
drehung, als sie normaler Harn sonst liefert. Der Gedanke, es könnte hier durch eine 
andere reducirende Substanz, speciell einer gepaarten Glycuronsäure, die chemische 
Reaction influirt worden sein, lag um so näher, als es gerade diese Säuren sind, 
welche sich durch ihre levogyre Eigenschaft auszeichnen. Die jeweilen in dieser Rich¬ 
tung vorgenommenen weitern Prüfungen der scheinbar zuckerhaltigen Harne ergab 
stets eine mehr oder weniger reichliche Anwesenheit von Indican (Indoxylglycuronsänre), 
conform der Stärke der Bi’reaction. Ich möchte daher alle diejenigen, welche mit der 
Wismuthlösung auf Glycose untersuchen und welchen ein Polarisator nicht zur Ver¬ 
fügung steht, darauf aufmerksam machen, zur unzweideutigen Sicherung der Prüfung 
die Gährungsprobe auf keinen Fall zu unterlassen; von der eventuellen Anwesenheit 
des Indicans kann man sich im Fernern unschwer nach der Vorschrift von Jaffe — 
HCl + Harn + Chloroform — überzeugen und bildet diese Untersuchung dann noch 
ein weiteres interessantes Unterstützungsmoment. Zum Schluss ist noch zu erwähnen, 
dass nach der Medication von Chloral dem Harne ebenfalls durch die sich bildende 
Urocbloralsäure eine Reductionsfähigkeit gegenüber der Wismuthlösung zukommt. 
Hier aber kann der Arzt natürlich am besten die Controle selbst üben und sieb vor 
Irrthum bewahren. 


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Ein eigenartiges Sprech- und Schluckhinderniss. 

Mittheilang von Dr. 0. NsBgelL 

Am 23. October 1893 gegen Abend erschien bei mir in grösster Hast ein Knabe 
mit der Meldung, soeben wäre seine Mutter beim Melken vom Schlage betroffen worden, 
sie lebe zwar noch, könne jedoch fast gar nicht mehr sprechen. Kaum hatte ich mich 
zum Ausgang angeschickt — die Alte war mir als hochgradige Hysterica schon lange 
bekannt, wesshalb ich mich nicht so sehr beeilte — als der Junge schon wieder auf¬ 
tauchte und berichtete, der Zustand der Mutter verschlimmere sich von Minute zu 
Minute, sie bringe kein Wort mehr vor und könne nichts mehr schlucken. Nun schien 
mir die Sache doch etwas ernsterer Natur zu sein und ich begab mich rasch an Ort 
und Stelle. 

Wie ich in die Schusterstube trete, sehe ich die 63jährige Frau, von ihrem Manne 
in den Armen gehalten, auf der Ofenbank sitzend, ächzend und stöhnend und nur un¬ 
verständliche Worte stammelnd. Sie macht den Eindruck einer sich in höchster Angst 
befindlichen Kranken, der kalte Schweiss perlt auf ihrer fahlen Stirn, mühsam athmet 
sie und macht von Zeit zu Zeit energische Würgbewegungen. Undeutlich lallend gibt 
sie zu erkennen, es fehle ihr tief unten im Halse, sie könne nicht schlucken und nicht 
sprechen. 

Ich constatire einen etwas beschleunigten aber regelpiässigen Puls, wenig verengerte 
jedoch gleiche Pupillen, keine Störungen im Gebiete des Facialis und freie Beweglichkeit 
sämmtlicher Extremitäten. Bei der Inspection des Mundes bemerkte ich, dass die Zunge 
etwas über den Unterkiefer vorragt, der Aufforderung, dieselbe vorzustrecken, kann nicht 
gefolgt werden, die Zunge liegt unbeweglich im Grunde des Mundes. Bei Sprechver¬ 
suchen treten nur Zuckungen einzelner Zungenpartien ein. Bei genauem Zusehen ergibt 
sich, dass die Zungenspitze festgenagelt in dem Stumpfe eines 
defecten untern Schneidezahnes steckt; die scharfe Spitze des letztem 
hat sich ganz in die Zunge eingebohrt: „jam lingua dentibus hsesit!^ 

Leicht war es, des Uebels Wurzel zu beseitigen. Wie man einen Rock vom Nagel 
herunter nimmt, so ward die Zunge aus dem Zahne ausgehakt und alsbald ergiesst sich 
wieder der gewohnte Redeschwall. 

Der Incisivus I. infer. sinister war es, der, von vom her ganz ausgehohlt, mit 
seiner hintern, harten Wand gleich einer Nadel fein, spitz und scharf, 6 mm hoch 
emporragend, den Zufall, „den Zungenschlag^, verschuldet hatte. 

Natürlich wird der Bösewicht sogleich beim Schopf genommen. Nun zeigt es sich, 
dass 2 mm unterhalb der messerscharfen, ebenfalls 2 mm breiten Zahnkante, eine kleine 
seitliche Einbuchtung vorhanden ist, welche augenscheinlich wie ein Angelhaken wirken 
und das spontane Anslösen der anfgespiessten Zunge verhindern musste. 

Der Vorgang wickelte sich jedenfalls folgendermassen ab: 

Die Frau stemmte, wie dies gewöhnlich beim Melken geschieht, den Kopf an die 
Seite des Thieres an, dabei im Eifer die Zunge etwas vorstreckend, so dass sie zwischen 
die Kiefer eingeklemmt wurde, eine Gepflogenheit, die vielen Menschen bei Vornahme 
einer ihnen wichtig scheinenden Handlung eigen ist; dadurch drückte sie die Zungen¬ 
spitze in den scharfkantigen, angelformigen untern Schneidezahn, konnte dieselbe wegen 
des Hakens am Zahn nicht durch Muskelbewegungen frei bringen und also entstand, 
durch mechanische Fixation der Zunge, die Alalie und Aphagie. 


Fall von Vergiftung durch Samen von Datura Stramonium (Stechapfel). 

Am Abend des 2. November wurde ich zu einem 8jährigen Knaben gerufen, welcher 
drei Stunden vorher eine grosse Menge von Datura-Samen genossen hatte, nach Angabe 
der Mutter soll es eine ganze Hand voll gewesen sein. Die Mutter hatte den Knaben 


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gewähren lassen, weil sie die Giftigkeit jener Samen nicht kannte; sie erklärte mir nach¬ 
her ganz naiv, sie hätte eben geglaubt, man dürfe im Garten nichts Giftiges pflanzen. 
— Die Datura stand im Garten eines Nachbars. — Zwei Stunden nach Genuss der 
Samen hatte der Knabe einen sehr rothen Kopf bekommen, war sehr aufgeregt geworden 
und hatte Sehstörungen (undeutliches Sehen). Die Aufgeregtheit steigerte sich bald zur 
völligen Raserei, wesshalb die Mutter zuerst glaubte, der Knabe sei wahnsinnig geworden. 
Erst der unterdessen heimgekommene Vater führte nun die Krankheitserscheinungen auf 
den Genuss der Daturasamen zurück und Hess mich rufen. 

Ich constatirte drei Stunden nach Einnahme des Giftes folgenden Status: Der Knabe 
wälzte sich in heftigen Convulsionen im Bette, die Convulsionen bestanden in sehr hef¬ 
tigen klonischen und tonischen Krämpfen. Die Extensionsbewegungen überwogen auf¬ 
fallend. Der Rumpf war in ausgesprochener Episthotonusstellung, die Gesichtsmuskeln in 
heftiger Bewegung, die Augen rollend. Patient delirirte, schwatzte und schrie; er er¬ 
kannte Niemanden, reagirte nicht auf Anrufen. Diese Erscheinungen der Aufgeregtheit 
waren gefolgt von kurzen Intervallen der Ruhe, die 1—2 Minuten dauerten; während 
derselben war die Musculatur nicht völlig erschlafft, sondern in ziemlich ausgesprochener 
Extensionsspannnng, der Rumpf in Opisthotonus. ■ 

Das Gesicht war dauernd sehr geröthet, heiss. Die Pupillen maximal erweitert, 
gleich weit, reactionslos. Die Augenspiegel Untersuchung ergab starke Röthung und Ge- 
fassinjection der Papille. 

Mund und Rachen waren durchaus nicht trocken; Speichel war vorhanden. 

Puls sehr schnell, 140, voll und stark, regelmässig. Carotiden sehr gespannt und 
klopfend. Athmung beschleunigt, 30—35. Die Haut erschien normal, nicht auffallend 
trocken. 

Therapie: Starkes Brechmittel (Ipecacuanha); kalte Waschungen und Ueber- 
giessungen. Durch das Brechmittel wurden, neben Speiseresten, circa 60 Datura¬ 
samen herausbefordert. Nachher gab ich ein Laxans (Ol. Ricini mit etwas Ol. Crotou.) 
und ein Glycerin-Clystier. Stuhlgang trat erst in circa 4 Stunden ein; in den Fscces 
waren Samen von Datura nicht nachzuweisen. 

Thotz Erbrechen und trotz der therapeutischen Massnahmen dauerten oben beschrie¬ 
bene Symptome unverändert circa 12 Stunden lang an. Ich gab nun Morphium, 0,01 
in Injection, nachher noch 3 X 0,01 innerlich. Die Delirien begannen nun langsam 
nachzulassen, ebenso die Convulsionen; am Abend des 3. November hörten beide Er¬ 
scheinungen auf, und Patient schlief mehrere Stunden. Nachher wiederholten sich jene 
Symptome nicht mehr. Der Knabe klagte nur über Kopfweh, sowie über Hunger und 
Ihirst; er erhielt Brod und Milch-Caffee, was er gut schluckte. Ueberhaupt hatte er 
auch während, resp. zwischen den Delirien immer leidlich gut geschluckt und öfters Wasser 
und schwarzen Caffee bekommen. Die Pupillen blieben, wenn auch abnehmend, bis zum 
7. November noch erweitert. Heute, am Abend des 8., sind sie nun wieder ziemlich 
normal. 

Interessant, weil von den Symptomen der Atropinvergiftung abweichend, scheint mir 
in vorliegendem Falle Folgendes zu sein: a) Der volle, starke Puls, während derselbe bei 
starker Atropinintoxication klein ist, resp. als klein beschrieben wird; b) das Feucht¬ 
bleiben der Mund- und Rachenschleimhaut und das Fortbestehen der Speichelsecretion; 
c) die heftigen tonischen Krämpfe mit Ueberwiegen der Extensoren sowie der ausge¬ 
sprochene Opisthotonus. 

Diese Erscheinungen scheinen darzuthun, dass die Wirkungen des Daturin und des 
Atropin nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ verschiedene sind. 

Teufenthal, 9. November 1893. Dr. Sireü. 


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Veireinsiberiolite. 


Medicinisch-pharmaceutischer Bezirksverein Bern. 

IV. SitziBf ia Soaaerseaesler DieBstaif des 25. Jili 1893 ia CbK di 

Präsident: Dr. DumonL — Actuar: Dr. Boltr. 

Anwesend 10 Mitglieder. 

1) Vortrag von Dr. Begli: Die Diphlheritisepideaie in GnlUnneB 1892/93« Erst 
im letzten Jahrzehnt lernte Quttannen den Begriff „Epidemie^ kennen und zwar soll 
nach Dr. Eengglfs Mortalitäts- und Morbiditätsstatistik des Amtes Oberhasli im Jahre 
1884 zum ersten Mal seit Menschengedenken eine Scharlachepidemie daselbst vorgekoro- 
men sein. Schon zwei Jahre später erlebte Gottannen eine schwere Diphtheritisepidemie, 
welche ungemein viel Opfer gefordert haben soll. Seither wurde kein weiterer Fall 
beobachtet bis zur Epidemie 1892/93. Aetiologisch bin ich leider nicht im Stande Aus¬ 
kunft zu ertheilen, da jede Nachforschung absolut negativ ausfiel; dies jedoch sei be¬ 
merkt, dass üeberheizung und schlechte Ventilation der Wohnraume auf jeden Fall die 
Disposition zu Anginen und dadurch zu schweren Erkrankungen bot. Der erste Fall 
wurde am 15. November 1892 beobachtet und binnen kurzer Zeit stieg die Zahl auf 
36, ohne dass ärztliche Hülfe aufgesucht wurde. Herr Brüschwyler, Pfarrer ebendaselbst, 
suchte die Fälle ab und behandelte dieselben homöopathisch, bis er durch seine Auf¬ 
opferung sich selbst und seine ganze Familie inficirt hatte und ärztliche Hülfe absolut 
nothwendig wurde. Collega Benggli besorgte alsdann die fünf Stunden von Meiringen 
entfernte Gemeinde bis er sah, dass ein Arzt da oben vollauf zu thun habe und daher 
der Gemeinde beantragte, bei der Direction des Innern des Cantons um ärztliche Hülfe 
nachzusuchen. Einstimmig fasste die Gemeinde den Beschluss, da bereits 8 Kinder der 
Krankheit zum Opfer gefallen waren. Sofort entsprach die hohe Regierung und ordnete 
mich mit Diakonissin am 15. December ebendahin ab. Noch am Abend unserer Ankunft 
suchte ich die Fälle auf; es waren noch 8 an der Zahl. Die Behandlung bestand bei 
den grosseren Patienten in Gurgelungen mit Kali chloricum in Ermangelung von Salicyl, 
Priessnitz und Desinfection der Sputa mit Carbol, bei den kleineren in Auspinselungen 
des Rachens mit Snblimatwattetampons und schliesslicher Ausspritzung von Nase und 
Rachen mit Kal. chlor, und bei drohenden Larynxerscheinungen in der Verabreichung 
von Vinum stibiatum. An den meisten Orten entleerten die Patienten ihre Sputa einfach 
auf den Fassboden und trotz strengster Ermahnungen mussten wir einigerorts die noch 
nicht inficirten Kleinen mit Gewalt von den Betten der erkrankten Geschwister trennen 
und zur Thüre hinausstellen. Mit was für Schwierigkeiten wir zu kämpfen hatten, um 
nur einigermassen einen Anschein von Desinfection zu erlangen, macht man sich kaum 
einen Begriff, geschweige wenn wir uns der gefährlichen Arbeit der Auspinselungen 
unterziehen wollten, von der Tracheotomie nar gar nicht zu reden. Mit der freundlichen 
Bitte, nicht mehr wiederzukommen, wurde uns einigerorts aufgewartet. Schon am nächst¬ 
folgenden Tag hatten wir uns aus dem alten Schulhaus ein anständiges Spital eingerichtet, 
um den Kranken die bestmöglichste Pflege von Seiten der Diakonissin zukommen zu 
lassen und um eine absolute Isolirung und Desinfection zu erlangen. Die Möblirnng bestand 
in 8 Eisenbettstellen, Strohsäcken und dazu gehörigem Bettzeug, wie man es kaum hätte 
besser finden können. Dies Material stammte vom Grimselstrasseuarbeiterspital, das letzten 
Sommer ebendaselbst bestanden hatte. Als Spitalkost wurde Milch und Suppe bestimmt; 
die Milch sollten uns die Angehörigen der Patienten liefern und die Suppe beim Bären- 
wirth gekocht werden. Allein alle Mühe umsonst; jede Spitalpflege wurde energisch 
abgewiesen. Am 17. December machte ich der Direction des Innern des Cantons über 
den Stand der Epidemie und über das Verhalten der Bevölkerung Mittheilung, welche 

Eingegangen 14. December 1893. Red. 


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mir denn auch sofort zurückantwortete, dass, wenn bis znm 20. December kein neuer Fall 
Torgekommen, wir vrieder abreisen sollten. Qlücklicherweise waren wir im Stande ge¬ 
wesen, die Epidemie zum Stehen zu bringen, doch nur für einige Tage*, denn kurz nach 
unserer Abreise am 24. December wurde ein neuer Fall constatirt und die Epidemie 
nahm von hier aus wieder ihren Fortgang wie zuvor, dnrch directe Infection. Da die 
Schule geschlossen worden, übernahm der Lehrer die Aufgabe, die Desinfection zu be¬ 
sorgen und zu überwachen, nachdem ich ihm darin Lectionen ertheilt hatte. Erst mit 
Ende Januar war die Epidemie ganz erloschen; ein sporadischer Fall mit tddtlichem 
Ausgang wurde schliesslich noch Mitte Februar gemeldet. Einen Begriff von der Schwere 
der Epidemie geben folgende Zahlen: 

Die Kirchgemeinde Guttannen zerfallt in den sogen. „Boden" und das eigentliche 
Gnttannen, welch' letzteres wiederum durch die Aare in eine sog. Sonn- und Schattseite 
gespalten wird. 

Der „Boden" (7s Stunde vom eigentlichen Guttannen entfernt, thalwärts) zahlt 100 
Einwohner, Guttannen 270. In Toto 370. 

Erkrankungen: Boden 9, Gnttannen, Schattseite 46, Sonnseite 19. Total 74. 

Todesfllle: Boden 0, Gnttannen, Schattseite 14, Sonnseite 3. Total 17 = 22,9^/o 
der vorgekommenen Fälle. 

Lähmungen: Sehstorungen 5, Sprachstörungen 6, Eztremitätenlähmungen 2. Total 
13 = bei 17,5®/o der vorgekommenen Fälle. 

Verschonte Häuser (wo keine Kinder): Schattseite 5, Sonnseite 2; sonst: Schatt¬ 
seite 9, Sonnseite 4; rührt theils von fast gänzlicher Isolirnng der Häuser her und guter 
Beobachtung der Vorsichtsmassregeln. 

Puncto Alter vertheilen sich die Fälle: 

1) im noch nicht schulpflichtigen Alter 17 (22,9%), 

2) . . „ 30 (40,6%), 

3) „ Alter von 15—20 Jahren 21 (28,3%), 

4) über 20 Jahre alt 6 (8,1%), 

74 

TodesHille: a. im noch nicht schulpflichtigen Alter 13 (76,4^0), 

b. „ „ „ 3 (17,67o), 

c. „ Alter von 15—20 Jahren 1 (5,8%), 

d. über 20 Jahre alt 0 

Die Todesfälle der Patienten unter 20 Jahren vertheilen sich puncto Geschlecht 
wie folgt: 41,2% Knaben, 58,8% Mädchen. 

Sehstornngen im Alter von 7, 9, 10, 13 nnd 20 Jahren, Sprachstörungen im Alter 
von 3, 4, 7, 11, 15 und 20 Jahren, Extremitätenlähmungen im Alter von 3 und 15 
Jahren. 

F a c i t: 20% der gesummten Kirchgemeinde erkrankt und entsprechend der 

schwierigen Behandlung der ersten Kinderjahre daselbst viele Opfer verlangt (76,4% der 
vorgekommenen Todesfälle). 

Discussion: Prof. Ttwel erwidert auf die Frage von Dr. Stooss, ob wirklich 
die Sporen der Diphtheriebacilien, die Dr. Begli erwähnte, bekannt seien, dass man bis 
jetzt gar keine Sporenbildung der Diphtheriebacilien kenne, nnd dass diese somit, wenn 
auch nicht absolut ausgeschlossen, so doch höchst unwahrscheinlich sei. Wichtig für die 
Frage der Aetiologie der Diphtheritisepidemien sind neuere englische Untersuchungen, die 
an den Eutern von Kühen eine pustulöse Erkrankung mit Diphtheriebacilien nachwiesen; 
es könnte also wohl die Milch als Trägerin des Infectionsstoffes in Frage kommen, wie 
man denn auch in England schon eine Coincidenz von Diphtheritisepidemien bei Kühen 
und Menschen beobachtet hat. 

Auch Katzendiphtherie kommt häufig vor und mag auch ätiologisch eine RoUe spielen. 


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Dr. Stooss hält, w|tö die Looalisation des diphtheritischen Prooesses in den ver* 
Bchiedenen Lebensaltern anbelangt, dafür, dass bei ganz kleinen Kindern der Kehlkopf 
relativ häufiger mit ergriffen werde, als bei etwas ältern; es stimmt damit auch Dr. 
EegWs Beobachtung überein, der bei Kindern über 10 Jahren keine Larynx-, sondern 
nur Pharynxdiphtherie gesehen hat. Entgegen Dr. Reglif der von Diphtheritisrecidiven 
sprach, glaubt Dr. Stooss, dass eigentliche Recidive von diphtheritischer Infection wohl 
kaum Vorkommen, es handle sich dabei vielmehr wohl stets um Seoundärinfectionen durch 
Streptococcen. Dies wird von Prof. Tavel bestätigt; er glaubt, dass ein einmaliges Ueber- 
stehen der diphtheritischen Infection direct immunisire; Martin hat nachgewiesen, d^ss 
die Fälle, denen Recidive folgten, Streptococceninfectionen waren. Prof. Tavel macht 
auch darauf aufmerksam, wie schwer es sei, Diphtheritis klinisch sicher zu diagnosticiren. 

Was die Therapie der Diphtheritis anbelangt, so befürwortet Dr. Stooss die halb¬ 
stündlich vorzunehmenden Ausspritzungen des Rachens mit Salicylsänrelösung; von pri¬ 
mären Pinselungen ist er wie viele andere abgekommen, erst wenn Necrose oder tiefere 
Veränderungen — wohl durch Streptococcen verursacht — entstehen, wendet er Jod- 
tinctur local an. Er erwähnt, dass in jüngster Zeit Acid. sulforicinicum in Paris 
local wie es scheint mit Erfolg versucht werde. Wegen der sehr verschiedenen Bös¬ 
artigkeit der Epidemien sei es überhaupt fast unmöglich, über die Wirkung dieser oder 
jener Medication ein sicheres Urtheil zu gewinnen; öftere Reinigung dürfte aber unter 
allen Umständen relativ erfolgreich sein. 

Dr. IhUoit betont die grössere Bösartigkeit früherer Epidemien in Bern im Ver¬ 
gleich zu den letztjährigen ; er redet der localen Anwendung von Liquor ferri sesquichl. 
und dem Aufhängen terpentingetränkter Tücher das Wort; Dr. Dumont dem innerlichen 
Gebrauch von Brom, das er seit 1882 zu so viel Deoigramm pro die als das Kind Jahre 
zählt, mit Bromkali mit gutem Erfolg verordnet. 

Von 16 in einem Winter in dieser Weise behandelten Kindern kam nur eines zur 
Tracheotomie; auch von der Poliklinik wird mit Erfolg diese Medication angewandt. 

Prof. Tavel gibt die mittlere Mortalität rein diphtheritischer Infection zu ca. 50®/o 
an, bei Mischinfection mit Streptococcen kann sie bis zu 90^/o steigen, ln neuester Zeit 
werden mit gutem Erfolg Versuche einerdirect ant ibacteriellen Therapie gemacht; so hat 
man durch Injection antitoxischen Setums bei Thieren schon erhebliche Infectionen coupirt; 
genauere Resultate über die Anwendung dieses Verfahrens bei Menschen stehen noch aus. 

Was die Desinfection der Räume durch Schwefeln anbelangt, die, wie Dr. Stooss 
erwähnt, vom hygieinischen Congress vor 4 Jahren als nutzlos verworfen wurde, so ist 
Prof. TaveVs Standpunkt folgender. Gase desinficiren nicht; ein einfaches Schwefeln 
eines Raumes ist daher absolut unwirksam; wird aber der Raum vorher durch Dampf¬ 
entwicklung durchfeuchtet, so bildet sich beim Schwefeln fiüssige schweflige Säure, die 
nun wirksam den Raum desinficirt. 

2) Vortrag von Dr. Amd : ««Ueber Kresole^S mit Vorweisung der betreffenden 
Präparate. (Erschien in letzter Nummer des Corr.-Blattes.) 

Disoussion: Dr. Dumont, Dr. Stooss und Prof. Tavel sind auch mit Kresaprol 
zufrieden; letzterer wirft ihm vor, dass es öfters Eczem verursache, was von Dr. Arnd 
für einzelne Fälle mit besonders empfindlicher Haut zugegeben wird. 


Gesellschaft der Aerzte in Zürich. 

1. WintersitzMf dei 11. Nevember 1893 !■ HSrsMl der ■edleiiisehei Klinik 

des Cnntensspitnls. 0 

Präsident: Prof. Haaib, — Actuar: Dr. Conrad Brunner, 

1. Prof. Krönlein: Demenslmtion« 1) Fall von partieller Larynxexstir- 
pation wegen Carcinom. 61 jähriger Forstbeamter. Beginn des Leidens im 

Eingegangen 28. November 1893. Red. 


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September 1892. Die Neubildung umfasste die linke Seite der Larynxhöhle: linkes 
Stimmband, Taschenband, die aryepiglottische Falte sowie die Basis der Epiglottis. Die 
Tumormasse war nicht ulcerirt, von tuberöser Beschaffenheit. Erhebliche Kachexie. 
Operation am 4. August 1893. Tracheotomie und Laryngofissur, Anfangs in Chloroform- 
narcose, nach Eröffnung des Larynx unter Cocainanasthesie (lO^/o) bei hängendem Kopf. 
Nach totaler Entfernung des Tumors Tamponade des Larynx, Vereinigung des Schild¬ 
knorpels. Am 2. October Entfernung des Tampons; am 10. October Entfernung der 
CaniBe. Glatte Heilung. Stimme sehr gut yemehmbar. Erhebliche Gewichtszunahme. 

2) Fall von erschwertem Döcanulement nach Intubation 
und Tracheotomie wegen diphtherischer Larynxstenose. Es 
handelt sich um einen Jungen von 4 Jahren, welcher im September 1892 an Diph¬ 
therie erkrankte und mit Intubation behandelt wurde. Bei der Extubation trat 
Asphyxie ein, so dass neue Intubation notbwendig wurde; es gelang nicht mehr, den Tubus 
dauernd wegzulassen. Am 3. Januar 1893 wurde nun von behandelnden Aerzteu die 
Tracheotomie ausgefiihrt, nun aber gelang das Decanulement nicht. Aus diesem Grunde 
wurde Pat. im Mai 1893 der chirurgischen Klinik zur Behandlung übergeben. Aber 
auch hier war die Therapie bis jetzt eine erfolglose, der Knabe ist gezwungen, auch heute 
noch die Canüle zu tragen. Es war bei der Untersuchung nicht möglich, eine Com- 
munication von der Trachealfistel nach oben nachzuweisen. Erst durch das Messer konnte 
eine Passage geschaffen werden; der jetzt eingeführte Tubus aber kam immer wieder zur 
Wunde heraus und nur gewaltsam konnte derselbe in die Trachea gedrängt werden. Da 
nun aber sich Fieber einstellte, musste der Tubus wieder entfernt und durch die Canüle 
ersetzt werden. Einige Zeit später wurde dann die Langenhec1c^w^\L& Laryngo-Tracbeal- 
canüle eingeführt, auch die Aö^^sche Canüle wurde eingelegt; es wurde kein Erfolg er¬ 
zielt. Herr Prof. Kr^lein gedenkt nun den nächsten Versuch mit der Duputö’schen Canüle 
zu machen. 

Discussion: Dr. Wilh, v, Muralt erwähnt, dass er unter seinen etwa 120 
Intubationsfällen eine ähnliche Erfahrung gemacht hat, die in der Ndr^schen Arbeit 
(Deutsche Zeitschrift für Chirurgie, Band 35) mitgetheilt ist. Er glaubt, dass auch An¬ 
dere ähnliche Erfahrungen gemacht haben dürften, wenn sie auch noch nicht veröffent¬ 
licht worden sind. 

Als Ursache der erschwerten Extubation können ausser Diphtherie-Recidiv und pro- 
longirter Diphtherie spastische Zustände, secundäre Lähmung und Chorditis inferior, wie 
bei Tracheotomie, Vorkommen. In seinem Falle, bei einem Mädchen von nur 8 Monaten, 
musste er annehmen, dass das relative Missverhältniss zwischen Grösse der Tube und 
der Glottis und die dadurch bedingte mechanische Ueberdehnung der Glottis die Ursache 
gewesen war, dass nach Entfernung der Tube die Glottis sofort zusammenklappte und 
momentane Ersticknngsgefahr eintrat. Nach seiner Erfahrung thut man überhaupt besser 
daran, hier zu Lande eher eine kleinere Tube zu wählen, als die O’Du^y^’sche 
Scala angibt. — Bei dem eben vorgestellten Falle glaubt er auch, dass die Dupuis'wiYke 
Canüle am ehesten zum Ziele führen dürfte. Freilich wird sie lange liegen bleiben 
müssen, und da unterdessen die Tracheotomiewunde sich bis auf ein Minimum verengert 
haben wird, so muss die Entfernung der Canüle sehr schwierig werden und wird ohne 
Zweifel eine blutige Erweiterung der Fistel nothwendig sein. In diesem Stadium dürfte 
dann die Intubation nochmals in Frage kommen. 

Dr. Lüning richtet die Anfrage an Prof. Krönlein, ob keine Momente dafür sprechen, 
dass es sich bei der Larynxstrictur des kleinen Jungen nach Diphtheritis um secundäre 
Perichondritis gehandelt haben könnte, wie solche bei Typhus, Variola, Scarlatina und 
andern Infectionskrankheiten beobachtet werden. L, hat s. Z. die Literatur für diese 
Stricturen nach Typhus zusammengestellt und dabei sehr häufig die Angabe gefunden, 
dass die Verengerung eine so hochgradige war, dass die Commnnication mit der obem 
Larynxhöhle gar nicht naohzuweisen war oder nur das Durchführen feiner Sonden ge- 


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stattete. Nach dem CoUaps der Larynxhöhle durch Aosstossung necrotischer Knorpel¬ 
sequester scheint es immer zu einer solchen Annäherung der hintern Larynxwand an die 
vordere zu kommen, dass die Tracheotomiefistel wie durch ein Gewölbe nadi oben ab¬ 
geschlossen erscheint. 

So war es auch bei einem Patienten, den L. am 11. Januar 1886 wegen Peri- 
chondritis variolosa unter sehr schwierigen Umständen (Nachts, auf dem Lande, bei 
höchster Erstickungsnoth) tracheotomirte. Pat. hustete wiederholt Knorpelstücke ans und 
muss seither die Canüle tragen, trotz jahrelang fortgesetzten Yersnchen, die Striotur zu 
erweitern, da Pal. sich zur Laryngofissur nicht entschliessen konnte. Die Dilatation ge¬ 
schah zunächst mit Metallsonden von steigender Dicke von der Trachealfistel aus, hierauf 
per 08 mit den iSchrö^^^schen Hartgummibougies; in der Zwischenzeit wurde die v, Lan- 
genheck'fiah^ Laryngo-Trachealoanüle getragen, später auch in der Ki^hPschen Modification, 
die sich gut bewährte. Die Dupuis'sche T-Canüle wagte L. bei dem Pat., der ambulant 
behandelt werden musste, nicht anzuwenden ans den von Dr. W. v. Murdlt bereits an¬ 
geführten Gründen; theoretisch würde sie ja allerdings die Zurückdrängung des Sporns 
besser besorgen als die KöhVnche, 

Pat. wurde soweit gebracht, dass er stundenlang die Canüle entfernen und bei ge¬ 
schlossener Halsfistel athmen und laut sprechen konnte; er getraute sich aber niemals, 
ohne eingeführte Canüle zu schlafen und trägt sie jetzt noch. 

2. Prof. Eichhorst demonstrirt den von Prof. Sahli im Corresp.-Blatt empfohlenen 
Japanisehea Winekastea. Er erinnert daran, dass namentlich Ischias oft mit aus¬ 
gezeichnetem Erfolg mittelst trockener Wärme behandelt werde, doch eigne sich hiezu 
ein langer, mit Salz gefüllter Sack besser als der japanische Apparat, zu dem er nach 
den bisherigen Erfahrungen nicht viel Vertrauen habe schöpfen können. 

Im Weitern demonstrirt Prof. Eichhorst die in seiner Klinik gebräuchlichen Cealri- 
fagea-Apparate, von denen er dem Geertner'Bchen den Vorzug gibt. Es sind diese Appa¬ 
rate von grösstem practischem Werth; wir sind nicht mehr gezwnngen, die Harnsedi- 
mentirung abzuwarten und können die Fehler, die durch solches Abwarten für die Unter¬ 
suchung entstehen, ausschliessen. Insbesondere für die Diagnose der Nierentuber- 
c u 1 0 8 e ist die Sedimentirung durch die Centrifuge von hohem Werth, da nur der 
Nachweis der Tuberkelbacillen im Sediment die Diagnose sichern kann. Prof. Eichhorst weist 
darauf hin, dass in solchen Fällen die Impfung mit dem Sedimente in die vordere Augen¬ 
kammer sehr wenig zuverlässig sei, da eben die Bacillen in nicht virulentem Zustande 
sich vorfinden können. 

Zum Schlüsse demonstrirt Prof. E, ein microsoopisches Präparat von Myeesis Um* 
geMes, in welchem eigenthüm liehe ovoide Körper mit Doppelcontour und körnig glasigem 
Inhalt sich vorfinden. Er erinnert an die gegenwärtig geführte Discussion über die 
parasitäre Natur der Geschwülste. 

Discussion: Prof. Bibbert erwähnt, bezugnehmend auf die Verhandlungen der 
pathologisch-anatomischen Abtheilung an der letzten Naturforscherversammlung, dass 
irgend etwas Sicheres über diese parasitäre Genese der Geschwülste durchaus nicht fest¬ 
gestellt sei. 

Dr. A, Huber ergänzt die Mittheilungen von Herrn Prof. Eichhorst über die 
Gcertner^scALO Centrifuge durch Beschreibung des dem Apparate beigegebenen sogenannten 
Hämatokrit. 

2. Wiitersitzang den 25. Nevenber 1893.0 

Präsident: Prof. Haab, — Actuar: Dr. Conrad Brunner, 

1. Prof. Bibbert: (Autoreferat.) Vortr. berichtet über die von Herrn Schoch aus¬ 
geführte und in seiner Dissertation genauer mitgetheilte Untersu 9 hung eines TNners der 
Uiterlippe eines nengebomen Kindes, der von Prof. Wgder bereits vor einem Jahr 

M Eingegangen 12. December 1893. Red. 


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demonatrirt warde. Die Vermnthung, dass es sich bei dem Tumor um eine rudimentäre 
Doppelmissbildung handeln könne, bestätigte sich nicht. Er war zusammengesetzt aus 
Epidermis, Binde- und Fettgewebe und einem phalangenähnlichen Knocbenstüok. An einer 
Seite des Tumors fanden sich zahlreiche rundliche, stecknadelkopf- bis erbsengrosse Pro¬ 
minenzen, in denen die Untersuchung zahlreiche Zahnanlagen nachwies. Es handelt sich 
somit um einen Tumor, der aus einer Transplantation von Geweben desselben Kindes 
entstand. Es ist wahrscheinlich, dass er auf Grund einer Abschnürung von Theilen des 
Unterkiefers sich bildete. 

Prof. Bibbert trägt ferner vor über einige die ereopäse Pieoneiie betreffende 
Untersuchungen, die grösstentheils ebenfalls in Dissertationen sollen beschrieben werden. 
Das Exsudat der crouposen Pneumonie ist nicht in allen Alveolen gleichmässig, bald 
zell- bald fibrinreicher. Die zellreicheren Alveolen liegen gruppenweise beisammen, getrennt 
durch die fibrinreicheren. Die genauere Localisirung ergibt, dass es sich um eine lobuläre 
Abtheilung handelt, indem die zellreichen Exsudate die centraleren Theile der Lobuli, 
die anderen die peripheren einnehmen. Die Coccen finden sich hauptsächlich in den 
ersteren. Also auch die c r o u p ö se P n e u m o n i e ist b a l d m e h r , bald 
weniger deutlich lobulär gebaut. Die Fibrinpfröpfe der benachbarten 
Alveolen stehen durch Fibrinfäden mit einander in Verbindung, die zuerst von Kohn im 
Erlanger • Institut aufgefnnden wurden und quer durch die Alveolarwand hindurch¬ 
ziehen. Sie treten durch die nach Abfall des Epithels offen gewordenen intercapil- 
läreo Löcken hindurch und entstehen nach Hauser dadurch, dass die hyalinen Platten, 
die in jenen Lücken von beiden Seiten her zusammenstossen, Centra für die Fibrin- 
abscheidüng bilden. 

Weitere Beobachtungen beziehen sich auf die indurative Pneumonie. 
Das neue, die Lufträume ausfüllende Bindegewebe leitete man meist aus den Alveolar¬ 
wänden ab, mit denen es durch dünne Stränge in Verbindung stehen sollte. Kohn zeigte, 
dass diese Stränge aber, wie jene Fibrinfaden, durch die Wand hindurch treten und ent¬ 
standen sind, indem das neue Gewebe eben den Fibrinzügen folgte. Er leitete die Neu¬ 
bildung aus dem interalveolären und subpleuralen Bindegewebe ab. Die Untersuchungen 
im Züricher Institut ergaben aber, dass das neue Gewebe aus der Wand der 
kleinen Bronchen entsteht und von hier aus unter baumformiger Ver- 
ästigung gegen die Alveolen und in diese hineinwächst. Dafür spricht u. A. der 
Umstand, dass die ersten Züge langgestreckt und verästigt sind, während die peri¬ 
pheren Alveolen noch leer erscheinen, vor Allem aber die Thatsache, dass man in 
Querschnitten von Bronchen polypöse Wucherungen der Wand findet, die sich in die 
Stränge fortsetzen, ln injicirten Präparaten sieht man die Gefässe der Broncbialwand in 
die Polypen hineintreten. 

Discussion: Prof. Eickhorst bemerkt zu der Mittheilnng von Prof. Bibbert 
über croupöse Pneumonie, dass Heidler in Wien die Behauptung aufgestellt 
habe, es könne die indurirende Pneumonie als ein selbstständiges Leiden auftreten, 
nicht nur im Gefolge von croupöeer Pneumonie; eine derartige primäre Pneumonie 
könne auch diagnosticirt werden. Prof. Eichhorst selbst hat ein derartiges Vorkomm- 
niss nie selbst constatiren können; er frägt Prof. Bibbert an, ob ihm darüber etwas be¬ 
kannt sei. 

Prof. Bibbert erwidert, dass alle ihm bekannten derartigen Processe im Anschluss 
an die fibrinöse Pneumonie entstanden seien. An einen Fall nur erinnert er sich, der 
im Gefolge von lobulärer Pneumonie auftrat. 

2 . Dr. Häberlin: Medicinlsehes mos Anerikm. Der Vortrag erscheint in extenso 
im Correspondenzblatt. 


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I<<efei*a.te und Kritilcen. 

Die Krankheiten der MundhOhie, des Rachens und des Kehikopfes. 

Von Dr. AJhert Bosmherg, Berlin 1893. S. Karger. 

ln dem nur 330 Seiten starken Buche ist in gedrängter Kürze eine selbst für Fach¬ 
praktiker ziemlich ausreichend zu nennende Behandlung des reichhaltigen Gegenstandes 
gegeben. Es ist ein entschiedener und lobend hervorzuhebender Vortheil desselben vor 
manchen bisher erschienenen Pharyngo-Laryngologien, dass die Mundhöhle ordentlich 
berücksichtigt ist. 52 Seiten sind dieser, 115 dem Rimhen und 160 Seiten dem Kehl¬ 
kopf gewidmet. Der Stil ist trotz der kurzen Behandlung klar, das nothwendige Theo¬ 
retische leicht verständlich, der allgemein therapeutische und instrumentale Theil ziemlich 
gut bearbeitet und Alles entspricht den neuesten Kenntnissen und Anschauungen. Die 
Anatomie ist in allen drei Theilen hinreichend behandelt und mit deutlichen Zeichnungen 
dargestellt, namentlich was die Zunge betrifft. Das Mikroskopische und Bakterielle ist 
ebenfalls keineswegs vernachlässigt. Es ist auch im speciell pathologischen und thera¬ 
peutischen Theile fast nichts gesagt, mit dem sich nicht jeder Fachmann einverstanden 
erklären könnte. Immerhin gestattet sich Ref. einige kritische Bemerkungen und Er¬ 
gänzungen. 

Vorerst vermisst Ref. in der Anleitung zur Untersuchung mit dem Reflexspiegel 
die für den Ungeübten nützliche und nach seiner vielfachen Erfahrung durchaus nicht 
selbstverständliche Angabe, zur genauen Einstellung des Lichtkegels in den Hals stets 
momentan dasjenige Auge zu schliessen, welches sich ausserhalb des Hohlspiegel-Randes 
beflndet, da man erst dann gewiss ist, dass das andere Auge wirklich durch das centrale 
Loch blickt, was zu der einzig richtigen binoculären Einstellung durchaus nothwendig ist. 
— Des Weitern ist bei den Listrumenten merkwürdiger Weise die genialste und beste 
Polypenzange, diejenige SchröUer^Sy nicht angegeben, deren Kehlkopfbiegung seitlich ab¬ 
gebogen ist, so dass sie das Gesichtsfeld weniger verdeckt. Zudem gestattet dieselbe die 
einzig feine Federhaltergriffsweise, bei welcher auch die Hand eine ganz ungezwungene 
Haltung hat. Eine solche ist bei der abgebildeten FränkeVwihen Zange nicht möglich 
und die hier zum Fassen und Schliessen der Zange erforderlichen Fingerbewegungen sind 
lange nicht so frei wie bei jener. Auch eine sehr praktische J^^A^’sche Polypenzange, 
bei welcher ebenfalls bloss durch leichte Bewegung des Zeigeflngers allein die Zange 
geschlossen wird, hätte erwähnt werden sollen. — Wichtiger scheint es dem Ref., 
dringend vor dem hier auch für maligne Kehlkopfgeschwülste kurzweg erwähnten intra- 
laryngealen Operationsverfahren zu warnen. Exempla sunt odiosa I Dasselbe ist total 
unsicher. Denn auch von oben her ganz klein und umschrieben erscheinende Carcinömchen 
sehen gewöhnlich ganz anders aus, wenn man den nach der Thyreotomie exstirpirten 
Theil auf dem Teller hat und von allen Seiten besehen kann, wobei sich dann zeigt, 
dass das Höckerchen z. B. unterhalb dos Stimmbandes viel umfangreicher ist als es an 
dem freien Rande desselben sichtbar war. Wenn auch so ausserordentlich geschickte 
Leute wie B, Fränkel und Schoch 1 oder 2 Mal Carcinome mit bisherigem Erfolg ent¬ 
fernen konnten, darf doch bei der heutzutage — natürlich einen gewandten und pünkt¬ 
lichen Chirurgen und einen nicht heruntergekommenen Patienten vorausgesetzt — ziemlich 
geringen Gefahr der Thyreotomie, welche eine unendlich viel gründlichere Ausrottung 
und nachherige Ausbrennung des kranken Gewebes und seiner Umgebung gestattet, von 
der intralaryngealen Methode keine Rede mehr sein! — Bei der Besprechung der Be¬ 
handlungsweise der Kehlkopf-Tuberculose ist unrichtiger Weise die Electrolyse ganz über¬ 
gangen worden, deren Erfolge durch Mermod (Revue möd. de la suisse romande 1893) 
und Hering (vide folgendes Referat), wenn auch mit noch nicht sehr vielen, aber solchen 
Fällen sicher gestellt worden sind, wo keine andere Methode hätte zum Ziele kommen 
können. — Ferner muss der Unterzeichnete der vom Verf. angegebenen Therapie des 
phonischen Stimmritzenkrampfes noch speciell seine eigene schon 1883 in diesem Blatte 


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und 1889 (?) in der „Monatsschrift für Ohrenheilknnde etc." pnblicirte und von Andern 
bestätigte Methode beifügen. Dnrch sie wurden 4 jüngere, hysterische, an phonischen 
Spasmus glottidis leidende Frauenzimmer auf die Dauer, yielleicht nur auf psychischem 
Wege, Tollkommen geheilt, mittelst eines wiederholten, mehr oder weniger lange dauernden 
bimanuellen oder auch nur äusserlichen Druckes auf die Ovarien. Einen 5. gleichen Fall 
bei einer Lehrerin wird Ref. demnächst mittheilen. — Bezüglich der therapeutischen 
Anführung des Kalium jodatum gegen Laryngitis subglottica chronica muss Ref. ernstlich 
darauf aufmerksam machen, dass manche Menschen gegen dieses Medicament eine wahre 
Idiosynkrasie haben und nach seiner Erfahrung selbst bei kleinsten Dosen z. B. bei 0,5 
pro die, heftige Tracheolaryngitis und Dyspnoe bekommen, welche bei schon vorhandener 
subglottischer Schwellung lebensgefährlich werden könnte oder müsste. — Noch möchte 
Ref. die pathognostische Bemerkung machen, dass die Angabe des Yerf., die Stimm¬ 
bänder seien bei Laryngitis acuta rosa oder roth, nicht immer zutrifft und Ungeübte 
leicht irre führen könnte, indem oft selbst bei sehr veränderter Stimme an den Stimm¬ 
bändern nur eine kaum erkennbare Schwellung und graue Verfärbung zu- sehen ist — 
de coloribns disputandum —, so dass dann die Stimmstörung den oft auch schwer sicht¬ 
baren, veränderten Spannungsverhältnissen zugeschrieben werden muss. 

Die hiemit gegebenen kleinen Auseinandersetzungen thun natürlich dem trefflichen 
Boche keinen wesentlichen Eintrag. Dasselbe kann Jedermann bestens empfohlen werden, 
der sich in den hier besprochenen Gebieten practisch bethätigen will. Die geringe Dick¬ 
leibigkeit des Werkes und der nicht hohe Preis von 8 Mark ermöglichen Zeit und Geld 
zu seinem Genüsse. G, Jmquüre. 

Die Electrolyse und ihre Anwendung bei Erkrankung der Nase und des Rachens mH 
specielier Berücksichtigung der Larynxtubercuiose. 

Von Th, Heryng, Therap. Monatshefte, Heft 1 und 2. 1893. 

Heryng in Warschau, einer der bedeutendsten und zuverlässigsten Laryngotechniker, 
speciell im Gebiete der Eehlkopftuberculose, gibt in seiner Arbeit zunächst eine voll¬ 
ständige physikalische und technische Anleitung zur Anwendung der Electrolyse in Hals 
und Nase und aller zugehörigen Apparate. Die Casuistik ist, der Sache gemäss, 
nummerisch nicht reichhaltig, aber die 8 Beobachtungen sind durch alle Phasen der Be¬ 
handlung so eingehend und ungeschminkt beschrieben, dass man den richtigen Einblick 
in die Methode und ihren Werth erhält. Vollständige Erfolge hatte H, bei einem Nasen¬ 
rachenfibrom und einem Rhinosklerom. Beiden Fällen musste jedoch für die letzten 
Reste des Uebels die Galvanocaustik zu Hülfe kommen. Eine Zungentubercnlose ge¬ 
staltete sich vorzüglich und heilte fast, aber Pat. erlag bald dem primären Lungenleiden. 
Hauptsächlich und ziemlich erfolgreich benutzte Verf. die Methode in gewissen Fällen 
von Kehlkopftuberculose, und zwar bei harten Infiltraten der Taschenbänder, welche für 
schneidende Zangen nicht leicht zugänglich sind und deren Excision oft gefährliche 
Blutungen verursacht; ferner bei Chorditis tuberculosa chronica, wenn die Milchsäure nicht 
anschlug. H. betrachtet überhaupt die Electrolyse nur als eine Hülfsmethode, welche die 
andern Behandlnngsweisen nur zu ergänzen habe. Er zieht die bipolare Anwendung, 
sowie kurze Sitzungen mit starken Strömen längem Sitzungen mit schwachen Strömen 
vor. Die Electrolyse führt in günstigen Fällen nach der Verschorfung und Abstossung 
zu Vernarbung und Schrumpfung der kranken Gewebe. Durch Cocain wird die grosse 
Schmerzhaftigkeit bis zu leicht erträglichem Grade gemildert. Gefährliche Reactionen 
zieht die Electrolyse bei richtiger Anwendung nicht nach sich. Verf. schliesst charak¬ 
teristisch für diese Methode und die endochirurgische Behandlung der Kehlkopftubercnlose 
überhaupt mit folgenden schönen Worten: „Es gehört ein gewisser Optimismus dazu, 
solche Fälle überhaupt chirurgisch zu behandeln, besonders bei der grossen Zahl der 
Misserfolge, bei dem schweren, gewöhnlich im hektischen Stadium dem Specialisten zu¬ 
gewiesenen, fast hoffnungslosen Krankenmaterial. Die seltenen, manchmal aber uner- 

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warteten Erfolge, die spärlichen, trotzdem aber Jahre lang relativ geheilten Fälle müssen 
uns für die öfteren Enttäuschungen entschädigen und zur Ausdauer, zur Yervollkomm- 
ttung der Technik, zur Auffindung präciserer Indicationen und neuer Behandlungsmethoden 
anspomen.^ 0. Jonquihre. 


Die Geschichte der Diphtherie. 

Von Stabsarzt Prof. Dr. Behring, Leipzig, G. Thieme. 1893. 208 S. Preis Fr. 5. 35. 

Die Einleitung des ^.’sohen Boches bildet eine Uebersetzung einer Abhandlung von 
BreUmnem aus dem Jahre 1855 über die Natur und Yerbreitungsweise der Diphtherie. 
Dieses Werk des zu wenig bekannten französischen Forschers bildet wohl eines der 
schönsten Denkmäler der ganzen Geschichte der Pathologie. Aus dem pathologischen 
Wirrwarr des Anfangs dieses Jahrhunderts hat BreUmnem die Diphtherie herausgeholt^ 
sie mit erstaunlichem Scharfsinn zu einer klinischen und patbologischen Einheit ausge- 
arbeitet, mit musterhafter Geduld ihre Entstehung und Yerbreitungsweise erforscht, und 
nach dreissig Jahren unausgesetzter Arbeit, zum ersten Male mit Bestimmtheit die 
Specificität der Infectionskrankheiten und die Möglichkeit ihrer Uebertragbarkeit von 
Mensch zu Mensch proclamirt Es ist wirklich wunderbar, wie vollendet bis in die 
kleinsten Details das BreUmnem' Werk, und wie wenig seither daran geändert worden 
ist. Nach beinahe dreissig Jahren hat die Specificität der Diphtherie in den Unter¬ 
suchungen von Oertel und in der Entdeckung des Diphtheriebaoillus durch Loeffler ihre 
experimentelle Bestätigung gefunden. Die Besprechung dieser Arbeiten, sowie der Ent¬ 
deckung des Diphtheriegiftes durch Boux und Yersin füllen das dritte Capitel des Buches 
aus. Interessant ist in der Geschichte der Behandlung der Diphtherie (Capitel IV) der 
Abschnitt über die von BreUmnem eingeführte und von Troussem besonders ausgebildete 
Tracheotomie. Die Entstehung und Entwickelung der Blutserumtherapie, sowie die Yer- 
suche mit Diphtherieheilserum füllen die letzten Capitel aus; wir brauchen auf diese 
Punkte nicht näher einzugehen, da wir sie an einem anderen Orte eingehend besprochen 
haben. Jaquet, 


Münchens Tuberculosemortaiität in den Jahren 1814—1888. 

Yon Max Weüemeger. Ein Beitrag zur Aetiologie der Tuberculose. Münchn. medic. 

Abhandlungen 1, Heft 33. Lehmann. München 1892. 

Crdosote et Tuberculose. 

Yon H. Audicfud, Revue genörale. Genfer Dissertation. 1893. 269 S. 

Nach Weüemeyer''% statistischen Untersuchungen scheint hervorzugehen, dass die 
grosse Zahl der segensreichen hygienischen Maassnahmen der letzten Decennien die Tuber¬ 
culosemortaiität in München gänzlich unberührt gelassen hat. Eine durchschnittliche 
Berechnung ergibt für die letzten Jahrzehnte folgende Procentzahl: 1839—1848 = 4,67oo, 
1849—1858 ==i 4,87oo, 1859-1868 = 4,67oo, 1869—1878 = 4,77oo, 1879 bis 
1888 = 4,77oo. W. glaubt daher, dass andere Factoren, die geographische Lage 
Münchens z. B., der Aufenthalt der Städter in den Wohnungen etc. maassgebend sind 
und sucht folgende Sätze auch aus seinen Tabellen abzuleiten: Die Häufigkeit der 
Tuberculose steht in einem geraden und genauen Yerhältniss zum Aufenthalt des Menschen 
in geschlossenen Räumen. Modificirt, und zwar in unserem Falle erhöht, wird das Yor- 
kommen der Tuberculose noch in dem Grade, in welchem häufige und intensive Tem¬ 
peraturdifferenzen, mögen dieselben durch die geographische Lage eines Ortes oder durch 
die Jahreszeit bedingt sein, ihre schädigenden Wirkungen äussern können. 

ln einer sehr fieissigen Arbeit gibt uns Äud^oud eine vollständige Uebersicbt über 
die Geschichte der Ereosotbehandlung. Dann bereichert er aber unsere Kenntnisse auch 
durch eigene Untersuchungen. Indem er Kreosot auf rectalem Wege einverleibt und 


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auch 80 bei Langentoberoalosen gute Erfolge sieht, widerlegt er die Ansicht Vieler, das 
Kreosot sei nur Stomachicum und seine Wirkung sei auf indireotem Wege durch Hebung 
der Ernährung zu suchen. Sin Specificum ist es desswegen nach Ä. doch nicht, sondern 
es wirkt umgestaltend auf die entzündete Schleimhaut der Lungen. 

Die Eingiessungen sollen monatelang von der Darmschleimhaut tolerirt werden und 
gestatten uns, dem Kranken grosse Mengen von Kreosot zu geben, ohne dass Störungen 
der Magenfunction eintreten. ' Immerhin würde Ä. eine hygienisch-klimatische Behandlung 
der Kreosotbehandlung vorziehen, resp. letztere nur als Adjuvens benützen, wenn es sich 
um die Wahl handeln würde. Egger. 


Grundriss der pathologischen Anatomie. 

Von H. Schmaus. 552 S. Wiesbaden, J. F. Bergmann. 1898. 

Yerfiasser, Privatdocent und 1. Assistent am pathologischen Institut zu München, 
will in seinem Buch dem Stndirenden ein compendiöses Hülfsmittel geben, welches im 
Gegensatz zu den grösseren Lehrbüchern, die mehr zum Nachschlagen dienen, in ge¬ 
drängter Form dasjenige Material enthält, dessen Kenntuiss der Student sich unbedingt 
anzueignen hat. Es soll das Werk somit einen Grundriss des Gesammtstoffes der allge¬ 
meinen und speciellen pathologischen Anatomie und eine gewisse Anzahl von Detail- 
kenntnissen geben. Referent ist der Ansicht, dass ein derartiges Buch gewiss nicht 
wenige Anhänger finden wird und dass dem Yerf. im Allgemeinen die Lösung der Auf¬ 
gabe gelungen ist. Die Eintheilung des Stoffes ist klar, die Darstellung desgleichen, die 
Inhaltsangaben am Rande tragen zur Uebersichtlichkeit bei, die Abbildungen, was be¬ 
sonders hervorzuheben, soweit sie eigens hergestellt sind, sind gut ausgewählt und sorg¬ 
fältig ausgefuhrt, sehr demonstrativ. Die ätiologischen und pathogenetischen Verhältnisse 
sind wohl berücksichtigt. Am besten ist Yerf. das Capitel über die Erkrankungen des 
Centralnervensystems gelungen, eines Gebietes, auf welchem er durch Originalarboiten 
als selbstständiger erfolgreicher Untersucher bekannt geworden ist. 

An einzelnen Capiteln hat Ref. jedoch Folgendes anszusetzen. Wenn auch 
der Umfang des Buches nicht gestattet, ausführlich auf Controversen einzugehen, 
so dürfte dennoch nicht bei wichtigen Capiteln von zwei einander entgegenstehenden 
Ansichten nur die eine mitgetheilt werden z. B. Darstellung der Entzündungslehre 
nach Orawits mit „Schlummerzellen vollkommene Nichterwähnung der Cohnheim- 
ibmmer’schen Ansicht über Osteomalacie. Ferner würde das Werk noch durch Vervoll¬ 
ständigung der makroskopischen Beschreibung der krankhaften Veränderungen an manchen 
Stellen erheblich gewinnen, somit durch etwas eingehendere Behandlung gewisser Capitel. 
(Bei Taberculose der Lymphdrüsen; Capitel Nebennieren; Struma; Carcinoma oesophagi; 
Pyelonephritis; bei den Sarcomen der Niere wären die Rhabdomyosarcome der theoretischen 
Wichtigkeit wegen noch besonders hervorzuheben.) 

Dann noch von einzelnen Punkten: „glykogene Entartung der Leb er zellen" be¬ 
ruht wohl auf einem Lapsus, der Invasionsmodus der Tuberkelbacillen m den Ductus 
thoracicus. ist, soweit er aufgeklärt, ein localer, zum Theil ein directer, wahrscheinlich 
auch ein indirecter von Seitenästen aus; der nach Baumgarkn von Schmaus ange¬ 
nommene hingegen durch alle Drüsengruppen hindurch ist für die acute Miliartnber- 
culose des Menschen nicht erwiesen und nicht annehmbar, für die thierische Impfluber- 
culose nur vermuthet. Beim Acardiacus anceps ist die Definition Kopf und Extremitäten 
entwickelt, das Uebrige „rudimentär" nicht ganz richtig. Dass die Actinomyceskömer 
nur bis mm gross sein sollen, ist gewiss ein Druckfehler. Die congenitalen Herz¬ 
fehler düsten genauer behandelt sein. Dass Miliartuberkel auf der Intima der Venen 
durch ihre Perforation in das Lumen Ursache der allgemeinen Miliartuberkulose 
würden, beruht auf einer Verwechslung der Hügge^w^ieü. mit den TVe^crf’schen Befunden, 
die sich übrigens auch bei anderen Autoren findet. Die Hügge^w^oxx Miliartuberkel sind 


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nichts als Theilerscheiuungen der allgemeinen miliaren Eruption, die WeigerV%(^en 
grossen Herde sind die Einbruchstellen ins Gefösssystem und somit die Ursachen jener. 
Am Ductus thoracicus kommen auch nicht nur kleine Knötchen vor. Auch bei 
lobuleerer Pneumonie kann das Exsudat viel Fibrin enthalten. Beim Pneumothorax wäre 
eine Angabe der Methoden des Nachweises vortheilhaft. Bei Phosphorvergiftung ist die 
Leber meist nicht nur „wenig verkleinert oder nur etwas vergrössert", sondern stark 
geschwellt. 

Die Ausstattung des Buches ist sehr gut. Hanau, 


Diagnostisches Lexicon für prakt. Aerzte. 

Von Dr. AnUm Bum und Dr. M. T, Schnirer, Mit zahlreichen Illustrationen in Holz¬ 
schnitt. 1. Band (Lieferungen 1.—20.). Wien und Leipzig, Urban & Schwarzenberg, 
1892. 952 Seiten. Preis pro Lieferung 1 Mk. 20 Pfg. 

Das vorliegende, auf breitester Basis angelegte diagnostische Werk ist das Resultat 
der gemeinsamen Arbeit einer grossen Zahl deutscher und österreichischer Fachgelehrten. 

Die Anordnung des Buches folgt zunächst, wie es bei einem Lexicon sich von selbst 
versteht, dem Alphabet. Der Eintheilungsgrund ist, wie das Durchgehen der uns vorliegen¬ 
den zwanzig Lieferungen constatiren lässt, ein complicirter. Es sind einerseits die ver¬ 
schiedenen Untersuchungsmethoden als solche berücksichtigt und besprochen. 
So haben wir einen Artikel über Auscultation, wobei successive die einzelnen, in 
Betracht kommenden Organe vorgenommen werden; weiterhin die bacteriolo- 
gischen Untersuchungsmethoden, ziemlich kurz gefasst, vielleicht etwas zu kurz in 
Hinblick auf die Weitläufigkeit des ganzen Werkes und der Wichtigkeit des Gegen¬ 
standes. Neu für viele Leser, wenn auch nicht dem Princip nach, dürfte die von 
Czermak erfundene Durchleuchtungsmethode sein, welche, ihrem gegen¬ 
wärtigen Entwicklungsstand entsprechend übrigens nur auf geringem Raum sich be¬ 
schränkt. Das Gegentheil gilt von der Electrodiagnostik, welche, und mit 
Recht, sehr eingehend berücksichtigt wird. — Sehr interessant ist das Capitel über 
Blutuntersuchung. 

In zweiter Linie kommen einzelne Symptome zur Besprechung, welche sich in 
verschiedenen Krankheiten finden, also die Elemente der Krankheitserscheinungen. Sie 
bilden so zu sagen den allgemeinen Theil dieser Diagnostik, zusammen mit Zuständen, 
Symptomgruppen, welche ebenfalls mehrfach in den complicirten Krankheitsformen 
zur Beobachtung gelangen. Hier Beispiele anzuführen, wäre leichter, als deren Auswahl 
zu treffen. Von zusammengesetzten Symptomgruppen nennen wir indessen: A n m m i e 
und Blutanomalien, pathologische Athmung, Bewusstseins¬ 
störungen, Blutung, Carcinom. 

Drittens dehnt sich das Gebiet aus auf speciellere Erkrankungen, sei es des Or¬ 
ganismus im Allgemeinen, sei es einzelner Theile desselben; die Namen der Organe 
stehen mit denen der Krankheiten in buntem Gemische. Hier noch zu exemplificieren, 
wäre Raumverschwendang. Es scheint uns nicht ganz im Interesse der Brauchbarkeit 
des Buches, dass alle die von so verschiedenartigen Eintheilungspunkten ausgehenden 
Schlagwörter ganz durcheinander stehen, wenn schon freilich die alphabetische Ajiord- 
nung diesem Uebelstand recht wesentlich abhilft. Eine wissenschaftliche Anlage eines 
Buches ist die lexicologische eben überhaupt nicht, sondern eine rein practische. Das 
Buch ist ein werthvolles Nachschlagebuch, in dem nur recht viele Wiederholungen ver¬ 
kommen. 

Dem practischen Arzte dürfte das wohl ausgestattete Buch, dessen Illustrationen 
namentlich recht gut ausgeführt sind, in vielen Fällen zu Statten kommen. 

Trechsel. 


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Mittheilungen aus Kliniken und medicinischen Instituten der Schweiz. 

lieber die Durchlässigkeit der Darmwand eingeklemmter Brüche für die Microorganismen. 

Yon Dr. med. Atnd in Bern. I. Reihe, 4. Heft. 

Die Aufgabe, welche A. sich gestellt hat, ist mehrfach schon von andern Autoren 
zu lösen versucht worden. So gelangte Garrh durch die bacteriologische Untersuchung 
von 8 Fällen eingeklemmter Brüche zu dem Schlüsse, dass die lebende Darmwand für 
Microben undurchgängig sei; dieselben treten erst durch, wenn sich irreparable Störungen 
in der Vitalität des Darmes eingestellt haben. Auf experimentellem Wege suchten vor 
Allem Bönnecken und BiUer zu einer entscheidenden Antwort zu gelangen, doch stimmten 
die Schlussfolgerungen, welche die beiden EIxperimentatoren aus ihren Versuchen zogen, 
keineswegs überein. Bönnecken kommt zu dem Resultate, dass es nur einer venösen Stase 
bedürfe, um die Darm wand für die Microorganismen durchgängig zu machen. BiUer 
folgert, dass die Darmwand des Kaninchens nur bei eintretender Necrose passirbar sei. 
Die Widersprüche, welche einerseits ans den experimentellen Arbeiten hervorgingen, 
anderseits zwischen diesen und den beim Menschen gemachten Erfahrungen sich geltend 
machten, hat A. mit Erfolg durch exacte, sehr mühsame, im Laboratorium von Prof. Tavel 
angestellte Versuche aufgeklärt, deren Technik hier nicht ausführlich beschrieben werden 
kann. Die Schlussfolgerungen, welche A. ans seiner Arbeit zieht, lauten zusammenge¬ 
fasst: 1) Der Darm des Kaninchens ist im Zustand einer leichten Circulationsstörung 
für die in ihm enthaltenen Microorganismen durchgängig, ohne dass er eine Gewebsver¬ 
änderung eingeht, die seine Function irgendwie beeinträchtigt, und ohne dass eine vorher 
bestehende Veränderung entzündlicher Art seine Wandung dazu vorzubereiten braucht. 
2 ) Es besteht (im Experiment) ein gewisses Verhältniss zwischen dem Grad der Ein¬ 
klemmung einer Hernie und der Quantität des Bruchwassers. Je grösser dieselbe ist, um 
so länger war die Hernie eingeklemmt, oder um so stärker war der Druck. 

Conrad Brunner, 


Specielle Diagnostik und Therapie der Magenkrankheiten. 

Von J, BoaSj Berlin. Thieme’s Verlag. 1893. 

Wir können diesen speciellen Theil den Collegen eben so warm und an¬ 
gelegentlich empfehlen, wie seiner Zeit die „Allgemeine Diagnostik und Therapie^. (S. 
Corr.-Bl. 1891 und 1892.) 

Das Werk — von ungefähr demselben Umfange wie das frühere, 238 Seiten — 
zeichnet sich aus durch eine gleichmässige sorgfältige Bearbeitung des ganzen Stoffes mit 
erschöpfenden Litteraturangaben. 

Besonders bervorheben möchten wir, dass die Lageveränderungen des 
Magens und dessen Nachbarorgane (Enteroptose, Nephroptose) in einem 
eigenen Abschnitte eingehende Berücksichtigung gefunden haben. 

Als Anhang ist ein D i ä t s c h e m a bei Magenkrankheiten beigefügt. 

Huber (Zürich). 


Oantonale Oonreeipondeiizeii. 

— Eilige Werte Aideikei »sen llebei Cellegei Dr. Frlte Ben. 

Von Buenos-Aires kommt uns die schmerzliche Nachricht zu von dem leider zu früh 
erfolgten Hinscheide unseres lieben Collegen Dr. Fr. Born, Er erlag am 15. August, 
32 Jahre alt, den Complicationen eines Gelenkrheumatismus. Kurz vor der letzten At¬ 
taque hatte er sich noch ein Erysipel zugezogen, das er aber überwunden. Der gleich 
folgende Gelenkrheumatismus traf unsem lieben Freund kaum in der Genesung begriffen. 
Sein Körper, noch nicht so widerstandsfähig wie bei den frühem Anfallen, musste unterliegen. 


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Früü Bam besuchte, nachdem er im Frühjahr 1880 das Gymnasium in Burgdorf 
mit bestem Erfolge absolvirt hatte, zuerst die Universität Strassburg, wo er in der Fa¬ 
milie seines vSterlichen Freundes und Onkels, Prof. Flächiger, sein zweites Heim hatte 
und wo er mit wahrem Feuereifer dem Studium der Medioin, namentlich der Anatomie 
oblag. 

Mit grösster Liebe und Begeisterung sprach er immer von seinem dortigen Lehrer 
der Anatomie, Prof. Waldeyer, ln Bern absolvirte er sein propädeutisches Examen 1882 
und im Sommer 1884 sein Staatsexamen. Während seiner klinischen Semester war er 
Assistent auf der innem Klinik bei Prof. LicMheim. Nach sehr gut bestandenem Examen 
war er Assistent der chirurgischen Klinik bei Prof. Kocher und daraufhin nochmals Assi¬ 
stent des Kantonsspitals Lausanne. Während seiner Studienzeit uud als Assistent zeich¬ 
nete er sich durch tadellosen Fleiss aus und verband mit seinem Fleisse auch ein ungemein 
gutes und sicheres Yerständniss für die gesummten medicinischen Gebiete. So durfte er 
sich denn nach seinem Wegzuge von Lausanne mit bestem Gewissen in die Praxis wagen. 
Eines aber machte ihm dabei schweren Kummer: Schon seit dem 16. Lebensjahre hatte 
er von Zeit zu Zeit Attaquen von Gelenkrheumatismus. Sie waren zwar nie so sehr 
heftig, dauerten aber stets 6—8 Wochen, so kurz vor seinem propädeutischen, wie auch 
vor seinem Staatsexamen. Von seiner Aspirantenschule in Basel, während seiner Assi¬ 
stentenzeit in Lausanne, brachte er einen schweren Typhus mit, der ihn beinahe an den 
Rand des Grabes brachte. 

ln Rücksicht auf den immer wiederkehrenden Gelenkrheumatismus wandte er sich 
zur See, wurde Schiffsarzt Auf seiner dritten Reise nach Nord- und Südamerika lernte 
er Buenos-Aires kennen. Er überzeugte sich bald, dass er hier, wenn auch mit einigen 
Schwierigkeiten, sich bald eine unabhängige Stellung erringen könne, sich eventuell bald 
in den Stand gesetzt sehe, seiner Pflicht gegenüber seinen lieben Eltern in ächt 
ehrwürdiger Pietät nachzukommen. Dies war sein nächstes Ziel. 1887 siedelte er 
dort hinüber. Bescheiden war sein Anfang. Sein Wissen konnte aber nicht verbor¬ 
gen bleiben. Bald war er einer der gesuchtesten Aerzte, nicht nur für die Stadt; 
sein Ruf drang auch in die entferntesten Oolonien. Er war aber auch ein wirklicher 
Arzt, beseelt vom innigsten Mitleiden für die Leidenden und dadurch bald ein Sklave 
seines Berufes. 

Er sah der Yerwirklichung seines Planes entgegen. Sein geschwächter Körper 
ertrug aber trotz heroischen Kampfes die Anstrengungen nicht. Ein Gehorleiden zwang 
ihn, einige Zeit seine Praxis auszusetzen. Diese Zeit benutzte er zu einem Besuche bei 
seinen Lieben in der Heimath. 

Doch gleich wie er sich wieder besser fühlte, ging er nach Berlin, um sich zu 
belehren über alle die Fortschritte, welche die Medicin in den letzten Jahren gemacht. 
Yorher schon, auf seiner Herreise, hatte er in London, in Paris, in Bern die Kliniken 
besucht, überall sich orientirend über das Neue, und auch um Yergessenes wieder auf¬ 
zufrischen. 

Nachdem er Weihnachten 1892 noch bei seinen Lieben zu Hause zugebracht, kehrte 
er wieder an den Ort seines Wirkens zurück. Die Erfolge seiner Thätigkeit überraschten 
ihn selbst. Doch da kam die Gesichtsrose und auf diese der letzte Anfall von Gelenk¬ 
rheumatismus. 

Nach argentinischen Zeitungsnachrichten war denn auch sein Begräbniss eine im¬ 
posante ELnndgebung für seine segenbringende Thätigkeit. 

Während seiner Assistentenzeit in Bern unter Prof. Kocher und dann in Lausanne 
vollendete Bom seine Inauguraldissertation „Zur Kritik über den gegenwärtigen Stand 
der Frage von iea Blasenfunctionen". Wer einigermassen die Anatomie und Physiologie 
der Blase studirt hat, der wird finden, wie verschieden die Angaben darüber bei den 
verschiedenen Forschem lauten. Um so schwieriger also für einen Anfänger, sich an 
dieses heikle Thema heranzuwagen. Bom hat es mit bestem Erfolge gethan. 


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Sobald er sein Ziel in Baenos-Aires erreicht gehabt, würde er sich nach Europa 
zurückbegeben haben, um rieh ganz der Wissenschaft zu widmen. Alles was er that 
und ins Auge fasste, alles berechtigte nur zu den höchsten Erwartungen, denen er un¬ 
zweifelhaft entsprochen haben würde. Dafür sprechen auch die ehrenYollen Zeugnisse 
seiner Lehrer und Chefs; seinen Namen hörte ich immer nur mit Achtung und Liebe 
TOD ihnen nennen. Sein Verlust ist deshalb Ton Seite der Wissenschaft aufs Höchste 
zu bedauern. 

Und was war er als Mensch. Ich möchte nur erinnern an seine Studentenzeit. 
Hat er je einen Feind besessen? Ueberall wurde er gerne gesehen. Sein fröhliches, 
offenes Wesen, sein launiger Witz gewannen ihm alle Herzen. Ueberall fühlte man den 
Zauber einer durchaus sympathischen, unanfechtbaren Persönlichkeit, gepaart mit kind¬ 
licher Liebenswürdigkeit und Anstelligkeit. 

Was war er seinen lieben Eltern, seinen Geschwistern? Die treue Liebe und An¬ 
hänglichkeit ist nicht zu beschreiben, ihr Schmerz um den herben Verlust im vollsten 
Umfange begreiflich. 

Das ernste Streben nach Erfüllung seiner Berufspflichten Hess ihn aber doch die 
Kunst nicht ganz vernachlässigen. Mit welcher Liebe hing er an seinem Cello, und wie 
häufig erfreute er das Ohr seiner Zuhörer durch seine meisterhafte Fertigkeit des Spieles. 
Dann wiederum seine Freude an der Natur und deren Schönheiten. Jeder Stelle wusste 
er etwas Schönes, was Interessantes abzugewinnen. Wie viele Touren hat er gemacht, 
wie oft hat er nur den Jura erstiegen, selbst mitten im Winter, bei hohem Schnee. Wie 
freute er sich über den herrlichen Blick über das Nebelmeer hinüber auf den gegenüber¬ 
liegenden Alpenkranz. Und wenn auch mal Sturm und Regen uns überraschte, immer 
wusste er seine GeseUschaft bei Stimmung zu halten durch seinen fröhlichen Witz, seine 
immer gute Laune. 

Auch drüben in Buenos-Aires vernachlässigte er die Natur nicht. Das sehen wir 
aus der Beschreibung seiner Reise von Buenos-Aires nach Valparaiso (Geograph. Nach¬ 
richten, 8. Jahrgang, Nr. 15 u. 16). Einfach, fast schmucklos ist seine Darstellung, 
aber doch wie, verständlich und wie fesselnd. Man meint selbst bei der Reisegesellschaft 
zu sein. Alles tritt dem Leser so natürlich vor Augen. Und trotz der Einfachheit der 
Beschreibung wird er nie eintönig oder langweilig. 

Jetzt hat er Ruhe gefunden, Ruhe, die er seinem gebrechlichen Körper unablässig 
vorenthalten zum Wohle seiner Mitmenschen. 

Als wir Studenten unserm verstorbenen Lehrer, Prof. VeUeniin, einen Fackelzug 
brachten, hielt Fritz Born an dessen Grabe eine kurze, aber kräftige Ansprache. Zum 
Schlüsse rief er uns zu: ^Commilitonen, wir haben einen Mann zur Ruhe begleitet, der 
sietsfort gearbeitet zum Wohle der Menschheit, folgen wir immer seinem Beispiele nachl*^ 
Fritz Born hat sein Versprechen, das er seinem verstorbenen Lehrer gegeben, gehalten; 
nehmen wir ihn zum Vorbilde! Z. 

Tfiblngem. Gewohnt, im Winter Kliniken zu besuchen, wählte ich diesmal vor 
Neujahr Tübingen, diejenige Universitätsstadt, die leider von unsem Landsleuten nicht 
sehr freqnentirt wird, weder von Aerzten, noch von Studirenden, wie denn z. B. in diesem 
Semester nur zwei schweizerische oand. med. daselbst sich immatriculiren liessen. Ich 
begreife diese Thatsache nicht recht, um so weniger, als die klinischen Institute geradezu 
vorzüglich geleitet und eingerichtet sind. Der innem Klinik mit 100 Betten, der chirur¬ 
gischen mit 140 Betten, der grossartig ausgestatteten Frauenklinik mit 100 Betten reiht 
sich nun würdig an die neue Irrenklinik (Director Siemerling von der Charitö Berlin), 
die man a priori eher für ein Palais als für eine Heilanstalt halten möchte, wie denn 
überhaupt in allen Gebäuden und Einrichtungen ein Comfort zu constatiren ist, der nur 
in einem Lande wie Württemberg möglich ist, das eben nur eine Universität zu unter¬ 
halten hat. — Entsprechend der renommirten Gemüthlichkeit im Schwabenlande ist das 
collegiale Verhältniss unter den Professoren der einzelnen Abtheilungmi (innere Medicin 


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V, Liehermeister; Chirurgie v. jBrwn« und Garrh; Frauenklinik v. Säxinger; Poliklinik v, Jür- 
gensen; path. Institut Bmmgarten) im Gegensatz zu yielen andern Orten ein geradezu 
wohlthuendes und in guter Weise r&ckwirkend auf Privatdocenten, Assistenten und Schüler. 
— So kann ich denn jedem Mediciner sehr empfehlen, Tübingen sich anzusehen und 
einige Zeit dort zu bleiben. Man ist nicht geduldet, wie mancherorts, sondern warm 
aufgenommen und fühlt sich schnell zu Hause. Vor allem aber kann ich Jedem em- 
pfeUen, unsern Landsmann, Herrn Prof. Garrby aufzusuchen, der ihm in liebenswürdig¬ 
ster, entgegenkommendster Weise an die Hand gehen wird, und der durch sein hohes 
Ansehen, das er beim Lehrkörper und den Schülern toII und ganz besitzt, ihn Ton Yome- 
herein in guter Weise überall einführen wird. Ulhnmny Mammem. 

ZArlcIi« Den 6. Juni 1893 gaben sich ca. 20 Collegen mit ihren Damen ein 
Bendez-Yous in dem herrlich gelegenen Rappersvryl, um das 40Jihrige JobiliiB der 
SriDdaDg des Vereiaes der Aeräte des Zlreher*sehea Oberlaades zu feiern. Diesmal 
galt es nur, der Freundschaft und der Freude die Stunden zu widmen, wesshalb das Fest 
gleich mit einem Yortrefflichen Bankett eröffnet wurde, um eine solide Basis für die 
kommenden Dinge zu schaffen. Unser verehrter Herr Präsident Collega Odermaü von 
Rapperswyl eröffiiete in formvollendeter Weise, mit hehrer Begeisterung die Reihe der 
Toaste. 

Nachdem er die Herren Collegen und Damen begrüsst, entwarf er ein historisches 
Bild von den politischen und wissenschaftlichen Verhältnissen Anfangs der öOger Jahre: 

„Während der Studienzeit unserer Veteranen begann auch aller Orten, und nicht 
zuletzt an der jungen Universität ZOrich, der Medicin der Morgenschimroer einer neuen 
Aera zu leuchten; die verhängnissvolle, Jahrhunderte alte Macht der speculativen und 
dogmatischen Naturphilosophie wurde gebrochen; die exacte Forschung erschien auf dem 
Plan. So traten die Jubilare mit dem Impulse einer schöpferischen Epoche und aus einer 
Schule, die eine ungeahnte Perspective eröffnet, hinaus in die damals stillen Thäler des 
Zürch. Oberlandes. Wir sehen im Geiste die ideal entflammten Männer in ihrem hin¬ 
gehenden Wirken. Allein das Empflnden und das Wollen verliert an Werth, wenn es nur 
in der eigenen Brust verschlossen »bleibt und nicht expansiv verwandten Medien sich offen¬ 
baren kann. Dies mag im Jahre 1853 die Aerzte des Zürch. Oberlandes bestimmt haben, 
berauszutreten aus der Vereinsamung und einen zielbewussten, festgegliederten Verband 
zu bilden. Sie riefen vielleicht einen der ersten Vereine von Landärzten in der Schweiz 
in’s Leben, wahrscheinlich den einzigen, der sich 40 Jahre lang eines ununterbrochenen 
wissenschahlichen und collegial-herzlichen Gedeihens erfreute.^) — 40 Jahre sind ein 
winzig kleiner Zeitraum in der allgemeinen menschlichen Entwicklungsgeschichte! Aber 
welche revolutionirenden Wandlungen im medicinischen Denken und Handeln haben 
während den paar Jahrzehnten die pathologische Anatomie, die Physiologie, die Bac- 
teriologie erst geschaffen? 

Wir, den Stätten der Wissenschaft fern, inmitten wogenden und tobenden Lebens 
stehende Landärzte bejubeln den unaufhaltsamen Siegeslauf der Heilkunde. — Gleichwohl 
will Kleinmuth häufig uns beschleichen, dass wir zu sehr blosse Bewunderer der hoch¬ 
ragenden medicinischen Veste sind, ohne werthvolle Bausteine beigetragen zu haben. 
Trost finden wir immer wieder im aufrichtigen Streben, möglichst viel von den Er¬ 
oberungen der Geistesheroen unseren Anbefohlenen dienstbar und nutzbringend zu machen. 

Wenn das ärztliche Erkennen und Können vielfach auf sicherer Basis gestellt ist 
als zur Gründungszeit unseres Vereines, so ist damit auch unsere Verantwortung eine 
grössere geworden. Unsere Stellung ist aber keineswegs eine günstigere. Sonderbar, 
trotz aller heilwissenschaftlicher Fortschritte will das Idyll mehr und mehr verblassen, 
wo dem Arzte Vertrauen, Achtung und Freundschaft entgegengebracht wurden, wo es 

Der ärztliche Verein Werthbühlia im Canton Thurgau hat bereits 60 Jahre ununter¬ 
brochener gedeihlicher Entwicklung hinter sich. Vergl. die hübsche Schildernug des 50jährigen 
Jnbilänms im Corr.-Blatt 1883, pag. 406 ff. Red. 


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unrülimlioh war, den grandios zn verlassen, dem man einen Einblick in sein somatisches 
und psychisches Sein gewährt hatte. Ja, als Hausarzt im schönen alten Sion des Wortes 
behandelt man uns je länger je weniger. Als Gewerbetreibende mochte man uns hin¬ 
stellen. Wohlan! ytir Landärzte wenigstens dürfen dann stolz darauf sein, die relativ 
am schlechtesten honorirten Gewerbetreibenden zu sein. Wen es nach materiellem Ge¬ 
winn gelüstet, der betrete Asklepios Tempel nicht. Die wilde Geldgier der Gegenwart 
hat sich auch den siechen Menschen als Ausbeutungsobject erwählt and ist dessen eigent¬ 
licher Yampyr geworden. Sogenannte Naturärzte spielen mehr als früher die Propheten. 
Ihr gesprochenes Wort und ihre Publicistik stiften Yerwirrung, und das Publiknm seiner¬ 
seits vergisst leicht, dass der Weg selbst zum primitivsten Wissen in der Medicin kein 
einfacher ist Sollen wir ferner die Concurrenzverhältnisse erwähnen, die von Jahr zu 
Jahr drückender für uns sich gestalten? Genug! 

Das Bewusstsein unserer Aufgabe und unserer Pflichten erfülle uns zugleich mit 
gerechtem Selbstgefühl. Dieses Bewusstsein erhalte jederzeit standhaft uns in allen 
W ider wärtigkeiten." 

Dies sind einige Gedankenspäne aus der bedeutenden Bede. Mit lautem Beifall 
wurde dieselbe aufgenommen. Es wechselten nun die Yorträge eines tüchtigen Orchesters 
mit einer Reihe von Reden ab. Unser* Senior Herr Dr. Meyer^ Yater, von Dübendorf 
lässt die Aerzte hoch leben, welche in der Pflichttreue ihre Standesehre erkennen. Den 
Damen, unseren Apothekegehülflnnen und Assistenten, galt ein donnerndes Hoch, ansge- 
bracht von Herrn Dr. GwaUer von Rapperswyl. Dr. Ncegeli von Rapperswyl dankte im 
Namen der Rapperswyler Collegen dem Yerein für freundschaftliche Aufnahme, die sie 
als St. Galler Aerzte in ihm gefunden haben und für die Ehre, das Jubiläumsfest in 
ihren Mauern zu feiern. Herr Dr. Ooldschmid von Fehraltdorf entwarf in feinen Zügen 
das Bild des Zukunftsarztes, während Herr Collega Wälder von Wetzikon in einem 
schönen Poem der dahingeschiedenen Kampfesgenossen und Freunde gedachte. 

Inzwischen schaute der Himmel, der Morgens eine ganz bedenkliche Miene geschnitten, 
freundlicher drein. Er hatte Pluvius abcommandirt und Aeolos und Neptun Ruhe be¬ 
fohlen. Eine Dampfschwalbe wartete der Gäste, um sie nach einer Rundfahrt auf dem 
See nach Hutten*e Eiland, der Ufenan, hinüberzuführen. Fröhliche Gesänge, Gläserge¬ 
klirr, Yorträge des Orchesters nebst dem herrlichen Anblick der lieblichen Ufer, Hessen 
die Wogen des Festes immer höher schlagen. Und als die letzten Nachzügler zu uns 
gestossen waren, floss von neuem der Redestrom, unter Anrufung von Hutten’*e Geist. 

Gegen Abend fahr man nach der Rosenstadt zurück, um der Terpsichore zu huldigen. 
Die Damen, deren Zu- nnd Umstände es gestatteten, folgten ohne Sträuben der Auf¬ 
forderung zum Tanz und man sah, dass ihnen ohne Tänzlein etwas gefehlt hatte. Wenn 
die Patres familiäres nur fleissiger dabei gewesen wären! 

Während des um 7 Uhr stattfindenden Nachtessens erfreuten komische und musikalische 
Prodnctionen die Gäste. Leider schlug nur allzurasch die Abschiedsstunde. Ein herz¬ 
liches allseitiges Adieu, ein baldiges Wiedersehen, — besonders von Seiten der Damen — 
bildete den Schlussaccord. Die vergnügten Gesichter sprachen, dass man ein schönes 
Fest gefeiert, wahre Freundschaft und CoUegialität gepflegt und gestärkt hatte. 

L. N. V. R. 


Aum den Aeten der eehwelserieetaen Aersteeommieeion. 

Beriehterstattug Iber die Imafenden flesebifte. 

1. Centralisation des schweizerischen Sanitätswesens. An 
der Yersammlung des ärztlichen Central-Yereins zu Olten den 29. Ootober 1887 hielt 
Baader, der Mann mit dem hellen Kopfe and dem warmen Herzen, einen Yortrag über 
Organisation des schweizerischen Gesundheitsdienstes, dessen sorgfältig disoutirte und all¬ 
gemein angenommenen Schlusssätze folgende Postulate waren: 


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1 . Ein ständiger technischer Experte beim eidgen. Departement des Innern: ein 
Sanitäts-Referent. 

2. Eine berathende Fachbehörde, etwa im Sinne der von 1879—1882 bestandenen 
und bei der Bndgetberathnng aberkannten eidg. Sanitätscommission. 

3. Eine grosse Aerztecommission, eine Art Aerztekammer, soweit eine Bernfiiver- 
tretung politisch möglich. 

4. Ein Lehrstuhl für Hygieine am eidg. Polytechnicum. 

Nach Baader kam alt Oberfeldarzt Schnyder mit dem Vorschläge der Revision von 
Art. 33 und Art. 69 der Bundesverfassung, in folgender Weise: 

1. ln Art. 33 soll es den Cantonen nicht länger freigestellt bleiben, den eidgenös¬ 
sischen Befähigungsausweis zu verlangen. Dieser soll überall gefordert werden und zur 
Praxis ausschliesslich berechtigen. 

2. In Art. 69 soll dem Bunde nicht bloss die Gesetzgebung gegen Epidemien und 
Epizootien gegeben, sondern grundsätzlich und allgemein gesagt werden: „Das Gesund¬ 
heitswesen ist Sache des Bundes." 

Der gemeinsame sohweizerische Aerztetag zu Lausanne den 26. Mai 1888 be¬ 
schränkte dieses Programm und gab der Aerztecommission den Auftrag, dahin zu wirken, 
dass beim eidg. Departement des Innern wenigstens eine Centralstelle für das Sanitäts¬ 
wesen geschaffen und ein Arzt als Referent angestellt werde, nach dem Vorschläge Baader, 

Die cantonalen Aerztevereine wurden durch ein Kreisschreiben vom August 1888 
um ihre Meinungsabgabe ersucht. Die meisten beriethen die Frage in ihrer Herbstsitzung 
und schickten bis zum Frühling ihre Antworten ein. Alle stimmten für die Bestellung 
eines Sanitätsreferenten. Die Mehrzahl schlug vor, anstatt einer eidg. Sanitatscommissiou 
die schweizerische Aerztecommission als berathendes Expertencollegium des eidgenössischen 
Departements des Innern fortbestehen zu lassen. 

Herr Bnndesrath Schenk, der seit dem Bestände der drei schweizerischen Aerzto- 
vereine und ihres Organes, der Aerztecommission, nnsem Bestrebungen alle nur mögliche 
Unterstützung gewährt und das Sanitätswesen mit so viel Verständniss und Wohlwollen 
behandelt batte, wie man es von einem Arzte nicht besser hätte erwarten dürfen, erklärte 
sich mit dem Vorschläge eines Sanitätsreferenten einverstanden, konnte ihn aber als 
solchen nicht anstellen, weil ihm, wie seiner Zeit bei der eidg. Sanitätskommission, die 
gesetzliche Vollmacht fehlte. Der neue Beamte musste vorläufig als provisorischer Ersatz 
für einen verstorbenen Juristen gewählt werden, der bisher sanitätspolizeiliche Arbeiten 
besorgt hatte. 

Im Mai 1889 wurde Herr Dr. Fr. Schmid an die Stelle gewählt, die ihm ein 
grosses Maass von Arbeit darbot. Er hat sich vortrefflich bewährt, alles nachgeholt, was 
die Aerztecommission nothgedrungen hatte liegen lassen, und ebenso auch eine Reibe 
neuer Arbeiten zur Hand genommen. 

Als berathendes Collegium, erklärte das Departement in der bisherigen Weise die 
schweizerische Aerztecommission verwenden zu wollen, oder, ebenfalls nach dem Vorschläge 
der meisten cantonalen Aerztevereine, für besondere Fälle Specialcommissionen einzuberufen. 

Zu dieser Zeit gelangte an ffle schweizerische Aerztecommission ein Schreiben des 
schweizerischen Apothekervereins, der den Zeitpunkt für gekommen hielt, eine eidgenös¬ 
sische Medicinalgesetzgebung anzustreben. Die Aerztecommission glaubte auf dem unbe¬ 
strittenen Wege der öffentlichen Gesundheitspflege vorwärts gehen und es grundsätzlich 
vermeiden zu sollen, eine Discussion über.die Grundlagen der Medicinalpolizei heraufzu¬ 
beschwören. Die betreffenden Acten Anden sich im Corresp.-Blatt von 1889, pag. 277 
und 278. 

Im Mai 1889 gab die vereinigte Aerzteversammlung zu Bern der ärztlichen Com¬ 
mission den Auftrag, gelegentlich fürzusorgen, dass eine Revision der Bundesverfassungs- 
Artikel 33 und 69 im Sinne der Schnyder'Bchen Vorschläge stattfinde. Die Aerztecom- 
mission erliess dann, nach schriftlicher und mündlicher Beratbung, und einstimmig: d. d. 


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25. Ooiober 1890 ein KreiBschreiben an die cantonalen Aerztevereine, damit sie sieh 
über alle Hauptpunkte, ganz besonders aber über die Opportunität eines ReTisionsbegehrens 
aussprechen. C. f. Oorr.-Blatt 1890, pag. 784-787. 

Die Antworten waren folgende: 

,,La sociätä mädioale de Gendye est d^avis, qne le d^yeloppement d’une 
Organisation des affaires m^dicales en Suisse ne serait en oe moment faToris^ en aucune 
fa^on par une tentation de provoqner une rerision partielle de la Constitution föderale, 
et eile estime que la Constitution füd^rale actuelle permet suffisamment de d^relopper 
dayantage Phygidne publique." 

Liestal, 22. Januar 1891. Ist mit einer Oentralisation des Medicinalwesens 
grundsätzlich einyerstanden; „will aber auf die einzelnen Fragen nicht eintreten, weil 
dadurch nur eine unglückliche Zersplitterung der Ansichten über das Wie? der Centrali- 
sation entstünde, was der Erreichung des Zieles nur schaden würde." 

Basel-Stadt, 28. Jan. 1891. „Wir geben dem Ausbau des Medicinalwesens 
und der Yolksgesundheitspflege auf dem Boden der jetzigen Bundesyerfassung den Vorzug 
yor dem Versuche, durch partielle Reyision der Bundesyerfassung rascher fortzusohreiten. 
Wir halten diesen Schritt für gefährlich." 

Glarus sagt, d. d. 15. Febr. 1891: „In Uebereinstimmung mit der schweize¬ 
rischen Aerztecommission geben wir einstweilen dem Ausbau des Medicinalwesens auf der 
Basis der gegenwärtigen Bundesyerfassung den Vorzug." 

Waadt sagt, d. d. 17. März 1891: „La soci6t6 estime que le däyeloppement qui 

a ätä donnä ä Porganisaiion sanitaire yaudoise a produit des räsultats satisfaisants. 

et que l’hygidne publique peut ütre d6yelopp6e d’une fa^n satisfaisante par la 16gis1ation 
snr la base de la Constitution füdärale actuelle." 

Bünden, d. d. März 1891, sagt: „Wir konnten uns zu keinem Anträge in cen- 
tralistischem Sinne entschliessen und beschlossen daher, es yorläufig bei der dermaligen 
Flickarbeit bewenden zu lassen." 

Neuchätel, 1 Ayril 1891. „La reyision de la Constitution föderale n’est pas 
n^cessaire." 

St. Gallen, d. d. 12. Mai 1891. „Wir halten eine Oentralisation des schwei- 
zerischhn Medicinalwesens durch theilweise Bundesyerfassungsreyision im gegenwärtigen 
Zeitpunkt nicht für opportun und geben dem Ausbau des Medicinalwesens auf Basis der 
jetzigen Verfassung den Vorzug." 

Appenzell A.-Rh., d. 16. Juni 1891. „Angesichts der Möglichkeit, dass die 
Beyregung leicht verderblich werden könnte, ist zur Zeit entschieden davon abzusehen, 
eine theilweise Bundesyerfassungsreyision anzustreben, und ist es besser, auf der gegen¬ 
wärtigen Basis weiter zu arbeiten." 

Zug, Oclober 1891. „Wir halten eine Oentralisation durch Revision der Bundes- 
verfkssung nicht für wünschenswerth." 

Aargau, d. d. 25. Septbr. 1892, giebt Bericht über die 3 ersten Fragen und 
stellt einen solchen über die folgenden in Aussicht. Da die Frage 5 für die schweize¬ 
rische Aerztecommission entscheidend ist, muss dieses Votum noch offen gelassen werden. 


Seither sind keine weiteren Antworten eingegangen, und es ist auffallend, dass die 
beiden grössten Cantone, Bern und Zürich, auf die als so wichtig und dringlich erklärte 
Frage gar nicht reagirt haben. 

Von den zehn vorhandenen Antworten lautet eine ehizige, die von Baselland, dem 
Verfassungsrevisions-Vorschlage günstig. 

Die schweizerische Aerztecommission wird nun gewärtigen, ob und welche weitere 
Anregungen in dieser Frage an sie gelangen; einstweilen ist sie verpflichtet, diejenigen 
Aufgaben zu bebauen, bei denen sie sich der Uebereinstimmung mit den cantonalen 
Aerztevereinen und mit den Versammlungen versichert hallen kann. 


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IL Krankentransport auf Eisenbahnen. Am 19. December 1891 
erliess die schweizerische Aerztecommission eine Petition an den schweizerischen Bandes¬ 
rath, die im Corr.-Blatt von 1892, pag. 119—121, abgedruckt ist. Persönliche Nach¬ 
frage beim Chef des Departementes, Herrn Bundesrath Zemp, hat ergeben, dass die Frage 
wohlwollend aufgenommen worden ist und eine befriedigende Lösung in Aussicht steht. 
Wir warten. 

HI. Schweizerisches Gesundheitsamt. Die Angelegenheit hat die 
schweizerische Aerztecommission lebhaft beschäftigt, sowohl materiell als formell. Schliess¬ 
lich erschien es am richtigsten, mit einem sehr bescheidenen Programm vorzugehen und 
die weitere Entwicklung abzuwarten, die sowohl durch die Zahl und Grösse der neuen 
Aufgaben, als durch die Initiative des dirigirenden Beamten bestimmt sein wird. Mit 
einem grossen, akademischen Programme wären wir voraussichtlich abgewiesen worden. 
Es kam vor allem darauf an, einen eidgenössischen Sanitätsdienst, der bisher nur durch 
geschäftliche Bedürfnisse und durch das persönliche Wohlwollen des Departements-Chefs 
bestanden, endlich einmal gesetzlich festzustellen und so zu organisiren, dass er eine 
Zukunft hat. Das ist durch den Bundesbeschlass vom 28. Juni 1893 zu Stande gekom¬ 
men. Das eidgenössische Gesundheitsamt ist nun, wie das eidgenössische statistische 
Bureau, eine besondere Dienstabtheilung beim Departement des Innern. Der Director hat 
seinen ärztlichen Adjuncten und einen Bureauarbeiter und kann seine persönliche Arbeit 
erheblich umfangreicher und intensiver gestalten. 

lY. Eidg. Krankenkassen- und Unfallversicherungsgesetze. 
In der grossen Expertencommission, welche aus Yertretem der verschiedensten Berufe, 
Lebensstellungen und Parteien zusammengesetzt worden, hatten der eidg. Sanitätsreferent 
und der Präsident der schweizerischen Aerztecommission, später auch Herr Dr. Kaufmann 
aus Zürich, die Anschauungen der Aerzte zu vertreten. Die AerzteVersammlung zu Bern, 
im Mai 1893, nahm die vorläufigen Mittheilungen über jene Yerhandlungen stillschweigend 
an. Nachher gelangten dann an die Aerztecommission Eingaben der cantonalen Aerzte- 
vereine von: Thurgau, d. d. 24. Juli 1893; Zug, d. d. 14. September; Bünden, d. d. 
5. October und Bern, d. d. 4. October. 

Die von den Aerztevereinen gestellten Postulate sind unter Aerzten sehr selbst¬ 
verständliche und deshalb auch sehr gleichartige. Wir hoffen, dass sie im Lattfe der 
weitem und weitläufigen Yerhandlungen, die den beiden Gesetzen noch bevorstehen, die¬ 
selbe verständnissvolle und wohlwollende Aufnahme finden, wie bei der Expertencommis- 
sion. Ueber die Yerhandlungen derselben berichtet das Corr.-Blatt 1893, pag. 761. 

Y. Association des mödecins du canton de Genöve. Diese neue 
Gesellschaft, die sich neben dem cantonalen Aerzteverein und wesentlich zum Zwecke 
gebildet hat, die öconomischen Interessen der Aerzte wahrzunehmen und zu fordern, hat 
sich im Sommer 1892 unmittelbar an die cantonalen Aerztevereine gewandt, und dann 
im Mai 1893 auch wieder an die vereinigte Aerzteversammlung zu Bern. Alles Sach- 
bezügliche ist in Nr. 23 des Corr.-Blattes von 1893 erschienen. 

YI. Asyle für Tuberculöse. C. f. Protokoll der schweizerischen Aerzte- 
commission von heute. (Corr.-Blatt 1893, pag. 800.) 

St. Gallen, den 28. October 1893. 

Der abtretende Präsident der Schweiz. Aerztecommission: 

Dr. Sonderegger, 


oolieiil>eiriclit. 

Schweiz. 

— In einer öffentlichen Besprechung der Greolieh^sehei Verlaine betr* aieit- 
gelUlehe Kraikeaplege führte ein Redner zu Gunsten derselben die Thatsache ins Feld, 
dass,in den 15 grössera Ortschaften der Schweiz durchschnittlich 263 Menschen perYierteljahr 


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Sterben, ohne ärztlich behandelt worden za sein," also Leute, welche, wie der Redner meint 
und glauben machen will, „den Arzt nicht zu halten und zu zahlen vermocht hätten.^ Wer 
unsere Todtenscheinformulare kennt, weiss, woher diese 263 nicht Behandelten rühren. Bei 
Verunglückten, Selbstmördern, Todtgeburten, auf dem Transport Gestorbenen etc. unter¬ 
schreibt natürlich nicht „der behandelnde Arzt", sondern „der nach dem Tode zugezogene 
Arzt", und diese Categorien liefern die 263 Nichtbehandelten. — Dass eine absicht¬ 
liche Missdeutung der erwähnten Thatsache dem Redner fern lag, wollen wir gerne 
glauben; indess darf von Wegweisern des Volkes für diese so tief eingreifende Frage 
wohl verlangt werden, dass sie — sei es pro oder contra — ihre Gründe ernst und ge¬ 
wissenhaft abwägen und gründlich studiren, wenn sie nicht der Oberflächlichkeit und 
fahrlässigen Täuschung geziehen sein wollen. 

— Ueber die von der internationalen Jury für Yerwundetentransportmittel zu Rom 
prämirte GeUr|fBtrm|fe von Major Fröhlich (Vergl. Corresp.-Blatt 1893 pag. 775) schreibt 
die österr. militärärztl. Zeitschrift „Der Militärarzt" Folgendes: Sie erinnert in ihrem 
obem Theile mit den Achselstützen und dem Stirngurt an die MichcteWwihQ Sanitätskraxe, 
unterscheidet sich aber von dieser wesentlich durch den breiten Sitz und dadurch, dass 
die untern Gliedmassen des Verwundeten nicht lose herabhängen, sondern auf flxen 
Schienen, welche beiderseits vom Sitze gerade nach vom am Träger vorbei verlaufen, 
sicher und bequem gelagert werden können. In der schwierigen Frage des Verwundeten¬ 
transportes im Gebirgskriege bezeichnet diese Trage, welche mit Hülfe von zwei zu¬ 
gehörigen Bergstöcken, die unter den Riemen und dem Sitze in eiserne Ringe einzn- 
schieben sind, auch von 2 Trägem wie eine verkürzte Feldtrage getragen werden kann, 
ohne Zweifel einen Fortschritt etc. 

Ausland. 

— XI. iDteinatioBaler Bedielaiseher Cengress. Ron, 29. Hirz Ms 5. April 1894. 

Infolge Vereinbarung mit dem Ausschüsse der deutschen chirurgischen Gesellschaft wurde 
die diesjährige Versammlung der letzteren auf den 18.—21 April 1894 verlegt, wodurch 
vielen deutschen Aerzten der Besuch des Congresses zu Rom möglich gemacht wurde. 

Prof. A. Jacobi, New-York, hat sich auf Ersuchen des Comitös bereit erklärt, in 
einer Plenarsitzung des Congresses einen Vortrag zu halten, dessen Titel lautet: „Non 
nocerel" 

Das Comite hat in Rom ein besonderes Bureau eingerichtet, welches den Congress- 
besuchem Wohnungen besorgen wird; die Firma Thos. Cook & Son in Rom hat sich auf 
Ersuchen des Comitös ebenfalls hiezu bereit erklärt. 

In Rom werden unter Führung.des bekannten Alterthumsforschers Prof. Forbes^ Aus¬ 
flüge veranstaltet werden, desgleichen von der Firma Thos. Cook & Son in Neapel nach 
der Umgegend von Neapel und nach Sicilien. Die Congressbesucher geniessen 50^/o Er- 
mässigung für die Reise von Rom nach Neapel und zurück. 

— Die Denlsehe derBatoleglsehe Oesellsehafk wird ihren IV. Congress vom 
14.—16. Mai in Breslau abhalten. Die wissenschaftlichen Hauptthemata sind: 
1. Ueber die modernen Systematisirungsversuche in der Dermatologie. Ref.: Prof. Kaposi 
(Wien). 2. Ueber den gegenwärtigen Stand der Lehre von den Dermatomycosen. Ref.: 
Prof. Pick (Prag). Anmeldungen an Prof. Netsser^ Breslau. Mit dem Congress ist eine 
Ausstellung verbunden. 

— Gestorben : In Berlin: Sanitätsrath Dr. S. Outtmann^ der Redactor der 
„Deutschen medicinischen Wochenschrift", 53 Jahre alt an Herzschwäche nach Influenza. 

— In der Novembersitzung der freien Vereinigung der Chirurgen 
Berlins rühmte Zeller die Bier^sehe Behnndlnnf der GelenktHberenlose Bit Sinn- 
UgskyperlBle. (Vergl. Corr.-Bl. 1893 pag. 679.) Er hat zur Prüfung dieser Methode 
nur Fälle von nicht aufgebrochener Tuberculose und nicht zu alte Patienten aasgewählt. 
Bei erhobener Extremität des Kranken wickelte er die unterhalb des Gelenks gelegenen 
Theile sorgfältig mit Binden ein, Hess dann zur Erzeugung von Hyperämie die Extremität 


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herunter und legte einen Drainschlanch überhalb dem Gelenk über einen Wattestreifen. 
Die Regulimng des Schlauches bezüglich des festen Anziehens lernen die Pat. sehr bald 
so genau, dass der Schlauch (besser ertragen wird eine Gummibinde; der Knoten des 
Schlauches drückt bald schmerzhafL Red.) schliesslich Tag und Na^t liegen bleiben 
kann. — ln allen Fällen Hess sich unter dieser Behandlung eine wesentliche 
Besserung in Bezug auf Schmerzhaftigkeit und behinderte Beweglichkeit constastiren. 

Ref. (Red.) hat auch bei offener Tnberculose am Ellbogen und am Fasse ganz 
überraschenden und schnellen Erfolg beobachtet. Ein ganz trostlos aussehender Fall von 
weitausgebreiteter und fistulös eiternder Ellbogengelenktuberculose bei einem 18jährigen 
Mädchen, mit heftiger Schmerzhaftigkeit und totaler Functionsstörung — trotz langer 
Jodoformbehandlung bis zur Amputationsnothwendigkeit vorgeschritten — konnte nach 
dreiwöchentlicher Behandlung dem Vereine der thnrg. Aerzte (im November 1893) als 
bedeutend und ganz auffällig gebessert vorgestellt werden. Die spontanen, wie Druck¬ 
schmerzen waren total verschwunden, die Function so weit hergestellt, dass Patientin den 
Vorderarm bis über einen rechten Winkel hinaus activ fiectiren und fkst complet strecken 
konnte. Von 4 vorhandenen Fisteln waren 2 geheilt, 2 secernirten nur noch unbe¬ 
deutend. Die letztem haben sich unterdessen auch noch geschlossen und das functionelle 
Resultat ist — wie auch das vor der Behandlung sehr mitgenommene Allgemeinbefinden 
der Kranken — ein vorzügliches geworden. Die Fistelnarben sind trichterförmig weit 
eingezogen, ähnlich wie nach erfolgreicher Jodoformtherapie. 

— Behandluf der Isehias ueh Weir Hilehell; Bettruhe; blutige Schröpf köpfe; 
häufige Sinapismen. Bei heftigen Schmerzen: 0,015 bis 0,03 Co^n. muriat. suboutan. 
— Eine leichte Ischias wird auf diese Weise rasch heilen. Für schwere Fälle empfiehlt 
W. M, Immobiiisimng der Extremität durch Schienenverband bei leichter Flexionsstellung 
in Hüfte und Knie; die Binden müssen von der Fussspitze bis zur Hüfte angelegt 
werden. Wenn dem Kranken das Gehen erlaubt wird, so muss ihm doch das Sitzen 
noch einige Zeit verboten bleiben, da bei dieser Stellung die Schmerzen Anfangs sehr 
leicht exacerbiren. 

— lieber die Bedeutuf der diphtherltiseheD Hembrauen ia Beiaf aaf die 
Tberaple äussert sich Prof. Oertel (Berl. klin. Wochensohr. 1893, Nr. 13 u. 14; Wiener 
med. Bl. 1894, Nr. ) folgendermassen: 

Wenn man bei einem diphtheritischen Kinde vom ersten Beginn an die Entwicke¬ 
lung der Pseudomenbranen auf den Mandela und der Rachenschleimhaut sorgfältig ver¬ 
folgt, kann man zwei Bildungsweisen derselben unterscheiden: 

1. Die Bildung der Membranen beginnt unmittelbarauf der Oberfläche; der Process 
erstreckt sich von oben nach abwärts. 

2. Die Membranbildung nimmt von der Tiefe des Schleimhautgewebes aus ihren 
Ausgang, und die oberflächliche Lage der Schleimhaut, insbesondere des Epithels, wird 
zuletzt in den Process hineingezogen, der sich hier von Beginn an in der Form einer 
ausgedehnten massenhaften Exsudation von fibrinogener Lymphe oder von Fibrin dar¬ 
stellt. Diese AufiPassnngsweise ist nun für die Therapie von höchster Bedeutung. Was 
die auf der Oberfläche der Schleimhaut sich entwickelnden Pseudomembrauen betrifft, so 
sind sie das Product der directen Infection, der unmittelbaren Einwirkung der in der 
Mund- und Rachenhöhle sich bildenden Bacillen und des von ihnen erzeugten Giftes. Sie 
indiciren somit eine sorgfältige antiseptische Behandlung, die in der Vernichtung der Bac- 
terien liegt und damit auch eine weitere Vermehrung und Resorption des von ihnen 
erzeugten Virus verhindert. Verfasser benutzt für die Application der antiseptischen Lo¬ 
sungen (2 — 5 Procent Carbollösung) fast ausschliesslich den Dampfzerstäubungsapparat, 
durch welchen sowohl die erkrankten, wie die jederzeit bereits iuficirten, aber noch intact 
aussehenden Schleimhäute mit einer genügend starken antiseptischen Flüssigkeit 3, 4 und 
5 Minuten lang beständig überrieselt werden können, und diese Einwirkung alle 2 bis 
3 Stunden wiederholt werden kann. Nothwendig ist dabei, dass der zuleitende weite 


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Glastrichier vom Kranken tief in den Mund zwiaohen die Zähne genommen wird und die 
abfliessende Flüssigkeit, welche Sohleim, Zersetzungsproduote und abgestossene Partien 
der Pseudomembranen etc. mit abführt, nicht in die zu zerstäubende Flüssigkeit zurück- 
strömt, sondern in einem besonderen Gefässe aufgefangen wird. In dieser abstromenden 
Flüssigkeit sieht man erst, wie gut die Mund- und Rachenhöhle zugleich durch diese 
Art von Irrigation gereinigt wird. Carbolsäure - Intoxicationen hat Verfasser dabei nie 
beobachtet. Als Indicator für die Grösse der Resorption benutzt er die Färbung des 
Urins, der 24 Stunden an der Luft gestanden bat. Er lässt zu diesem Zwecke den Tag¬ 
end Nachturin in gesonderten, am besten porzellanenen Gefässen circa 24 Stunden stehen, 
so dass immer am Morgen der Urin vom Laufe des vergangenen Tages, und Abends der 
Urin von der verflossenen Nacht weggeschüttet wird. Tritt entschieden dunkelgpraue oder 
graugrüne Färbung ein, nicht früher, so setzt er die Carbolsäure-Inhalationen aus und 
verwendet 4procentige Borsäure, bis der Urin wieder klar ist; er kehrt zur Carbolsäure 
wieder zurück, wenn es die Krankheit noch weiter verlangt, oder bleibt bei der Borsäure, 
wenn die Abstossung der Pseudomembranen während dieser Zeit erfolgt ist. Albuminurie, 
die in schweren Fällen immer vorhanden ist, bildet nach Verfasser keine Contraindication 
für die Anwendung der Carbolsäure. 

Wesentlich verschieden von der Möglichkeit einer erfolgreichen Einwirkung auf die 
primären Membranen zeigt sich aber die Voraussicht der Behandlung der secundären 
Membranen. Der directe Erfolg, den wir durch eine unmittelbare Behandlung dieser 
Membranen erzielen können, ist gleich Null zu setzen. Diese Membranen sind das Pro¬ 
duct der allgemeinen Infection, die erregende Ursache ist nicht mehr wie bei der 
Bildung der primären Membranen dem entgegenwirkenden Agens, dem antiseptisehen Me- 
dicament unmittelbar zugänglich, sondern liegt unerreichbar in der Tiefe der Schleimbaut. 
Nur indirect können wir dadurch, dass wir durch gründliche antiseptische Behandlung 
der primären Membranen, oder vielmehr der infleirten Mund- und R^henhöhle der Er¬ 
zeugung und Resorption von neuen Giftmengen entgegenwirken, eine immer noch fort¬ 
schreitende allgemeine Infection und dadurch die weitere Bildung von secundären Mem¬ 
branen verhindern. Auf das einmal resorbirte Gift haben wir nach den bis jetzt uns 
zur Verfügung stehenden Mitteln jede Einwirkung verloren. 

Mit dieser Erkenntniss werden wir aber auch manche überflüssige Behandlung bei¬ 
seite lassen, die für den Kranken dann nur eine Plage bringt und die den Verlauf der 
Krankheit nichts weniger als günstig beeinflussen kann. 

— Die Behandlnnf der Psoriasis dareh iaaeriieiie Darreiehaaf vea Sekild* 

driseaextraet, von Dr. Byrom Bramwell in Edinburg. 

ln der letzten Sitzung der British Medical Association, Section für Dermatologie, 
brachte Br. einige sehr interessante Mittheilungen über seine Ergebnkse der Behandlung 
der Hautkrankheiten mit Thyroidextract. Er hatte nämlich bei der innerlichen Dar¬ 
reichung dieses Mittels in Fällen von Myxcedem und ähnlichen Zuständen stets eine sehr 
reichliche Abschuppung der Haut, speciell an den Handflächen und den Fusssohlen con- 
statiren können. Es war ihm auf diese Weise der Gedanke gekommen, dass wenn dieses 
Extract bei so hartnäckigen Affectionen eine solche Desquamation zu erzeugen im Stande 
sei, es sicherlich auch zur Bekämpfung gewisser Hautkrankheiten sich als nützlich er¬ 
weisen könnte. Er wandte daher das Mittel bei drei Patientinnen der Royal Inflrmary 
zu Edinburg an und zwar mit sehr gutem Erfolge. Die Krankengeschichten sowie die 
Abbildungen ?or und nach der Darreichung des Mittels bitten wir den Leser im British 
Medical Journal vom 28. October 1893 nachzusehen. — Neben diesen drei Fällen hat 
Brammoell das Mittel bei mehreren andern, allerdings leichtern Fällen von Psoriasis an¬ 
gewandt. In einem derselben, wo gleichzeitig Epilepsie bestand, wurde während der 
Darreichung des Extractes auch Bromkalium in ziemlich hohen Dosen verabreicht. Hier 
blieb das Thyroidextract ohne Wirkung. Ob dies vom Bromkalium herrührt, will Br. 
nicht entscheiden. Bei einem andern Falle recidivirte die Krankheit mehrmals. Dies 


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sind unter allen seinen Fällen seine beiden einzigen Misserfolge. Er hält es demnach 
für sehr indicirt, das Mittel bei diesen hartnäckigen Hautaffectionen anznwenden. 

Dumont, 

— Cholera asiatiea dnreh Laboratorinsiafeetion. Ein zu gastrischen Storungen 
disponirter Assistenzarzt des Krankenhauses Moabit in Berlin erkrankte, ganz isolirt, an 
ächter Cholera asiatiea, nachdem er häufig mit künstlich gezüchteten Kommabacillen 
hantirt hatte. Sechs Wochen nach der Heilung wurde sein Blut auf seine immunisirende 
Kraft geprüft. 0,001 Serum genügte, um ein Meerschweinchen gegen Cholerainfection 
zu schützen. Vor der Erkrankung hatte 1,0 Serum desselben Collegen ein gleiches 
Thier gegen die todtliche Choleradosis nicht schützen können. Der Immunisirungswerth 
des Blutes wurde also durch die kurz vorhergegangene Choleraerkrankung um mehr als 
das Tausendfache gesteigert. 

— Cholera: Seit dem 22. December ist im ganzen deutschen Reichsgebiet kein 
Cholerafall mehr vorgekommen. Während sich 1892 die Zahl der amtlich festgestellten 
Erkrankungställe auf 19,719 belief (darunter 8590 Todesfälle) und vom 1. Januar bis 
4. März 1893 auf 213 (89), führte das Wiederauftreten der Seuche im Sommer 1893 
nur zu insgesammt 569 Erkrankungen (288 Todesfälle), obschon die Gefahr der Ein¬ 
schleppungen in Folge des Auftretens der Krankheit in östlichen und westlichen Nach¬ 
barstaaten eine grosse war. Den zielbewusst durchgeführten Massnahmen ist diese Ein¬ 
schränkung zu verdanken. Auch in den übrigen Ländern Europa's ist eine Abnahme 
der Seuche zu konstatiren. 

— Eine HoDatssehrift fir praktisehe Wassorheilkaade und verwandte Heil¬ 
methoden (Mechano- und Elektrotherapie) wird unter Mitwirkung von Prof. Eulenlntrg^ 
Berlin, Prof. i^osenbac/i-Breslau, Sanitätsrath HorM^tnsA^i-EIgersburg und einer Reihe be¬ 
kannter Hydropathen demnächst unter der Redaktion von Dr. A. Krücke in München 
im Verlag von Seitz & Schauer daselbst erscheinen. Die Monatsschrift verfolgt den 
Zweck, durch Austausch praktischer Erfahrungen den Aerzten in Stadt und Land 
genaueren Einblick iu die Yerwerthung dieser wichtigen Heilfactoren zu geben. — 
Durch jede Buchhandlung, sowie direct vom Verlag sind Probenummem kostenfrei zu 
beziehen. 

— flallBSsaares Erfotia bei Hämoptoe wird von Blaschko empfohlen: Rp. Acid. 
gallic.; Ergotini aä 1,0, Aq. dest. Syr. Alth. ää 25,0. Zweistündlich 1 Theelöffel voll. 
Ist starker Hustenreiz vorhanden, so wird der Syr. Alth. durch Syr. Diacodii ersetzt. 

(Centralbl. f. d. gesammte Therap. Nr. XH. 1893.) 

— Benzel als Expeetaraas bei Influenza und Bronchitis: Rp. Benzol, pur. 3,0, 
01. menth. pip. 1,0, 01. olivar. 35,0. Alle 2—4 Stunden 10—30 Tropfen auf ein 
Stück Zucker. (Nouv. rem^des Nr. 23, 1893.) 


Briefkasten« 

Semelweis-Denkmal. Eingegangen: Durch Prof. Bapin von Aerzten Lansanne’s Fr. 36. —; 
von Prof. W. in Zürich Fr. 50. —; von der ärztlichen Gesellschaft des Gantons Aargan Fr. 30. —. 
Von früher her Fr. 340. —; Total Fr. 466. —, welche Summe am 31. December 1893 an die Adresse 
des Schatzmeisters, Herrn J. Elischer, in Pest abging. Nachträgliche Eingänge: Durch 
Prof. MmUr in Bern: von Prof. J. in Bern Fr. 5. —. Die Sammelstelle bleibt noch weiter ge¬ 
öffnet hei der Redaction; E, H, 

Dr. Keller y Rheinfelden: Alle betr. des Congresses in Rom gestellten Fragen finden Sie be¬ 
antwortet im Corr.-Blatt 1893, pag. 94, 285, 349 etc. Speciell mache ich Sie aufmerksam auf § 11 
der Statuten: die für den Congress bestimmteu Vorträge sind vor 31. Januar 1894 anzumelden. 
Die Anmeldung muss von einem kurz gefassten Auszuge und den Schlussfolgerungen begleitet sein. 


Schweighauserische Buchdruckerei. — B. Schwabe, Verlagsbuchhandlung in Basel. 


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CORRESPONDENZ-BUTT 


Erscheint am 1. und 15. 
jedes Monats. 

Inserate 

35 Cts. die gesp. Petitzeile. 


für 

Schweizer Aerzte. 

Herausgegeben von 


Preis des Jahrgangs 
Fr. 12. — für die Schweiz, 
Fr. 14.50 fdr das Ausland. 
Alle Posthnreaux nehmen 
Bestellungen entgegen. 


Dr« E. Hafflei* und T>r. A. Ja^quet 

in Frauenfeld. in Basel. 


N! 3. XXIV. Jahrg. 1894. 1. Februar. 


Inhalts 1) Orlginalarbeltan: Dr. B. Kummin Ueber die Bildung eines FersenIsppens. — Dr. Alexander Pe^tr: Vom 
aHambeeebnaen*. — 2) Verei nsberlcbte: Medieinisoh-pbannaeentischer BezirksTerein Bern. — Zflreher Oesellachaft rär 
wieeensehaftlkhe Oeenadheitepflege. — 3) Referate nnd Kritiken: Prof. Dr. Kocher: Zur Eenntniss der Phospbomecrose. — 
B. Sekmaui und L. Bom: Ueber den Ansgang der eyanotisehen Induration der Niere in Orannlaratrophie. — Prof. B. Sckwartg$: 
Handbooh der Ohrenhoilknnde. 4) Cantonale Correspond ensen: Medicinlsches ans Amerika.— 5) Wocb en be r ieh t; 
Frequenz der nedidn. FaenliAten.— Genf: Prof. if. Schiff, Doctorjnbil&nm. — Genf: Ansstellnng pharm. Produkte. — Birmenstorfer 
Bittenraaeer. — Durobliasig gewobene Gnmmistr&ropfe. — XIII. Congrees für innde Medidn. — Epilepsia tarda. — Ueber Vadeine.— 
Nerium Oleaador. -- Terpentingegen Diphtherie. — 6) Briefkasten. — 7) U&lfskasse fftr Sehweiser Aerste. 


Oi*igpina.l . 


Ueber die Bildung eines Fersenlappens zur Erzielung eines direct auf- 
stOtzbaren Stumpfes bei supramalleolärer Amputation des Unterschenkels. 

Von Dr. E. Kummer, Docent, Arzt am Bntinispital id Genf. 

(Mit 3 Zeiohnnngen.) 

„Noch immer gibt es Chirurgen — und za diesen gehört auch Herr Geheimrath 
von Esmareh — welche es vorziehen, alle ünterschenkelamputationen bei Leuten ans 
der arbeitenden Klasse am Orte der Wahl (unter der spina tibia — Verf. —) Tor- 
zunehmen, selbst wenn die Art der Erkrankung eine viel tiefere Absetzung gestattet.“) 
So schreibt ein Assistent der Kieler Klinik. Solche Patienten sind dann ungefähr in 
der gleichen Lage, wie wenn sie exarticulatio genu, oder amputatio femoris transcon- 
dylica überstanden hätten. Es darf gewiss nicht als eine glänzende Errungenschaft 
der Chirurgie gelten, dass zur Heilung eines kranken Fusses ein gesunder Un¬ 
terschenkel geopfert wird; das seltsame Vorgehen findet aber seine Erklärung 
darin, dass die quer durcbsägten, dünnen Unterschenkelknochen znm directen 
Anfstfitzen völlig untauglich sind, nnd bis zur ersten Hälfte unseres Jahrhun¬ 
derts musste ein tief am Unterschenkel Ampntirter mit gebeugtem Knie auf einer 
Stelze gehen; er batte, wie Attibroise FarS sagte: ,die Mühe 3 Beine zu tragen 
anstatt bloss zwei.* 

Mit der Vervollkornrnnnng der Prothesenfabrikation ist es einem solchen Patienten 
gegenwärtig mOglich, mit einem articnlirten künstlichen Beine zu gehen; aber solche 


A. Sier. Ueber plastische Bildnog eines kSnstlichen Fasses etc, Dentsch. Zeitschr. f. Chir. 
Bd. XXXIV, 189-2, p. 436. 


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Apparate verursachen häufig Schmerzen, sind immer ermüdend und theuer und bringed 
den Amputirten in stetige Abhängigkeit vom Instrumentenmacher. 

Es frägt sich nun: Ist es mOglich einen ünterschenkelstumpf zu erzielen, der, 
ohne Apparat, zum Auftreten gebraucht werden kann? 

Vorerst muss bemerkt werden, dass nach transmalleolärer Unterschenkelamputation 
ein directes Anfstützen des Stumpfes bei gut gelegener Narbe gewöhnlich mOglich ist. 
Es wird dabei ein breites Enocbenplateau geschaffen, das als Unterstütznngsfläche für 
die EOrperlast günstige Bedingungen darbietet; ganz anders bei supramalleolären 
Amputationen; hier haben wir nicht mehr ein breites Enocbenplateau, sondern zwei 
gesonderte ziemlich dünne Röhrenknochen, die dazu noch durch Atrophie sich znspitzen 
können und beim directen Auftreten in die bedeckenden Weicbtheile eindringen und 
Schmerzen verursachen. Solche supramalleoläre Amputationsstümpfe können zum 
directen Aufstützen daher durchaus nicht gebraucht werden; die betreffenden Patienten 
sind genOthigt mit Apparaten zu gehen, welche den Stumpf frei lassen und am ^nie 
oder an der Hüfte anstemmen. 

Bei aller Anerkennung der grossen Fortschritte der Protbesenfabrikation darf 
jedoch rundweg behauptet werden, dass diese Apparate für die meisten Ampu¬ 
tirten eine wahre Qual und Plage sind, und die Chirurgen können des Dankes 
ihrer Patienten sicher sein, wenn es ihnen gelingen sollte, durch eine verbesserte 
Operationstechnik das Tragen von Apparaten zu erleichtern, oder sogar überflüssig zu 
machen. 

In diesem Sinne ist denn auch ein Vorschlag lebhaft zu begrüssen, der iu letzter 
Zeit von einem Assistenten von Esmarch, Bier, gemacht worden ist. 

Das Verfahren Bier's besteht darin, dass nach vollendeter Amputation des 
Unterschenkels im Verlauf der Tibia ein vorderer Eeil heransgemeisselt wird, 
wodurch es gelingt, das untere Ende der Tibia nach vorne nmzulegen und in 
dieser Stellung festheilen zu lassen. Es ist so eine Art künstlichen Fusses ge¬ 
schaffen , der in zwei von Bier operirten Fällen zum Auftreten benutzt werden 
konnte, freilich bloss durch Vermittlung einer Stelze, welche die nicht geringe Ver¬ 
kürzung ansglich. 

Originalität wird man dem Verfahren nicht absprechen kOnnen; über dessen 
practischen Werth darf definitiv erst geurtheilt werden, wenn mehr Erfahrungen damit 
gemacht worden sind. 

Die etwas complicirte Operationstechnik kann wohl nicht als grosser Nachtheil 
des Verfahrens angesehen werden; die Operation beansprucht ziemlich viel 2jeit, was 
jedoch in vielen Fällen ganz gleichgültig erscheint; unter besondern Verhältnissen 
künnte freilich dieser Umstand das Verfahren ausschliessen. 

Dass die Hinterfläche des nach vorne nmgelegten Unterschenkels zum directen 
Auftreten nicht so geeignet ist, wie etwa die Fusssohle, speciell die Ferse, wird eben¬ 
falls zugegeben werden müssen; immerhin aber mag, mit der Zeit, dieser künstliche 
Fnss doch recht stützfthig werden. 

Bedenklich erscheint der Umstand, dass durch die Fussbildung eine wesentliche 
Verkürzung des Unterschenkelstumpfes erzeugt wird, was später das Tragen einer 
Stelze benüthigt zur Ausgleichung der Beinlänge. 


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Die ?0D Bier empfohlene Stelze b&ngt an einer mit seitlichen Eisen verstärkten 
Lederkapsel, die bis znm Knie reicht. Der Apparat erscheint ziemlich schwer und 
kann nur vom Bandagisten verfertigt werden. 

In diesem Umstand liegt, wie nns scheint, die Schwäche von Bier'i Verfahren. 
Wenn wir einen stützfähigen Stumpf zn bekommen wänschen, so ist es doch nur, um 
dem Kranken das Tragen eines Apparates zu ersparen. Dieser Anforderung kommt 
das .Bier’sche Verfahren nicht nach; sein practiscber Werth ist aus diesem Grunde 
in nnsern Augen ein beschränkter. 

Unserem Ermessen nach profitirt ein Patient kaum von einem aufstntzbaren 
Unterschenkeletump^ wenn er znm Geben gleichwohl noch einer Prothese bendtbigt; 
das Ideal geht vielmehr dahin, dass der Unterschenkelstump^ ohne Apparat, bloss mit 
einem gewöhnlichen Schuh versehen, zum Geben benutzt werden kann. 

Dieses wird nur dann möglich sein, wenn die Verkürzung des amputirten Beins 
keine'ZU grosse ist; Bier vermehrt aber durch seine Bildung eines künstlichen Fusses 
die Verkürzung des Beines so bedeutend, dass eine Ausgleichung der Beinlänge durch 
einen Apparat unumgänglich wird. Es scheint uns daher die Btcr’sche Methode, so 
interessant sie sonst ist, dem Unterschenkel Amputirter keinen practischen Nutzen 
zn sichern. 

Viel glücklicher ist, unserem Ermessen nach, der Vorgang von OKter,’) der den 
/Sjfme’schen Fersenlappen nicht nur wie der Erfinder bei transmalleolärer, sondern auch 
bei supramalleolärer Untersehenkelamputation verwendet und Stümpfe erhielt, die den 
Patienten erlaubten, ohne Apparat, mit einem einfachen, runden, etwas erhöhten Schuh 
zn gehen. 

Dieses Besultat wurde möglich dadurch, dass die dünnen, znm directen Auf¬ 
treten wenig geeigneten Enochenenden der Tibia und Fibula, mit einer ausserordentlich 
derben und dicken Weicbtheilmasse, nämlich der Fersenkappe, unterpolstert worden; 
diese letztere, zum Tragen der Eörperlast von der Natur eigens geschaffen, verträgt 
den Druck der beiden Unterschenkelknochen sehr wohl, und das Geben wird dabei, 
wie wir ans einer eigenen Beobachtung berichten können, durchaus befriedigend. 

OTUer betont die Wünscbbarkeit, den /Syme’scben Fersenlappen innen mit dem 
Calcanensperiost zu füttern, indem durch nachberige Knochenbiidung die Tragfähig¬ 
keit der Stützfläche bedeutend erhöht werde. Dieses sicher rationelle Verfahren ist 
jedoch nicht unumgänglich notbwendig; in Fällen, wo das Periost des Calcanens 
selbst auch erkrankt ist, darf man dasselbe ganz ruhig entfernen und bekommt dabei 
doch einen Fersenlappen, der den Druck der Unterscbenkelkndchen sehr gut aushält. 
Einem Vorwurf kann aber dieses OStcr’sehe Verfahren um so weniger entgehen, als 
er schon mit vollem Recht der Syfwe’schen Methode entgegengebalten wird. 

Viele Chirurgen entscbliessen sich desshalb sehr ungern zur i%ttie’schen Ampu¬ 
tation, weil dabei in der Fersenkappe eine starre Höhle gebildet wird, in der sich 
Blut und Wundseerete ansammeln müssen und leicht zwsetzen, was die Wundbeilung 
stören, 8<^r vereiteln kann. Wir selbst verzeichneten nach einer iS’ynte’schen Am- 
pntation eine Blntverhaltnng, welche die Heilung, durch hinzugetretene Eiterung, 

*) OUier. Des ampotations dn pied lambean talonnier, donbld du pdrioate calcanden. Bev. 
d. chir., 1891, p. 277. 


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Wochen lang verzögerte. Auf diesen üebelstand stossen wir in noch erhöhtem Masse 
bei der Operation von Ollier, wo die Fersenkappe an den snpramalleolär abgesftgten 
Unterschenkel angenäht wird; es entsteht dabei eine Tasche, deren völlige ünschOnheit 
Ollier selbst zugesteht, die aber, was wichtiger ist, eine Ansammlung von Blut und 
Wundsecreten ganz unvermeidlich erscheinen Iftsst. Es gibt nnn allerdings eine Wnnd- 
bebandlungsmethode, welche nach der Operation eine Ansammlung von Blnt und 
Wundsecreten absichtlich herbei führt, und wir haben mit Scheede prima Heilungen 
.unter dem feuchten Blutschorf“ verzeichnet, aber zugleich erfahren, dass schwere 
Complicationen nicht ausbleiben, wenn die Asepsis nicht ganz absolut vollkommen war. 
Unsere Ansprüche an absolute Asepsis der Wunden sind jedoch seit einigen Jahren 
bescheidener geworden, als sie früher waren, und wir gehen gegenwürtig lieber durch 
Vorsichtsmassregeln einer Infection aus dem Wege, als auf die Unfehlbarkeit unserer 
Asepsis zu pochen. Es ist daher denn auch ohne Weiteres zuzugestehen, dass die 
todten R&ume bei der Syme’schen, und noch mehr bei der erwähnten OUter’schen 
Operation Uebelstände sind, die hie und da die Heilung verzögern oder vereiteln. 

Diesen Üebelstand haben wir, in dem gleich 
zu erwähnenden Falle, so beseitigt, dass wir 
nach der OUter’schen supramalleolären Ampn- 
tation die Wunde überhaupt nicht schlossen, 
sondern 47« Wochen lang offen behandelten; 
während dieser Zeit zog sich der Fersenlappen 
so weit nach oben, dass er sich nun an die 
Sägefläche des Unterschenkels ezact anlegen 
Hess und durch Secundärnaht in wenigen Tagen 
zur Anheilung kam. (Fig. 1 und 2.) 

In der Weise gelang es, einen anfangs 
übermässig lang erscheinenden Fersenlappen so 
umzuformen, dass er nun als Decke der supra* 
malleolär amputirten Unterschenkelknochen treff¬ 
lich passte; ohne dass das Calcaneusperiost 
im Innern des Lappens erhalten worden war, 
bildete sich ein Stumpf, der mittelst eines run¬ 
den stark erhöhten Schuhes zum Gehen ver¬ 
wendet wird. 

Diese Operationsweise hat nun zur nothwendigen Vorbedingung, dass die Fersen¬ 
baut gesund sei, aber selbst für Fälle, wo irgend welche Zweifel bestehen über die 
völlige Gesundheit der Fersenkappe, wird die offene Behandlung mit Jodoformtam¬ 
ponade sehr erwünscht sein, indem sie erlaubt, den Zustand des Lappens fortdauernd 
zu controlliren und eventuelle locale Recidive zu zerstören. 



Fig. 1. 


Fig. 2. 


In Folge der Schrumpfung des tamponirten Fersenlappens wird es mOglich sein, 
denselben zur Verwendung zu ziehen, auch wenn die Amputation noch hoher oben 
nOtbig erscheint, als es in unserem Falle zutraf; es wäre freilich schwer, sich zahlen- 
mässig auszusprechen. Bei Fällen, welche für Fusscaries amputirt werden, wird die 
Erkrankung der Unterscbenkelknochen selten 8—10 cm überschreiten; in geeigneten 


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traumatisohen Fällen könnte aber immerhin versncht werden, die Methode auf noch 
höhere Amputationen anszndehnen; dabei muss aber berficksichtigt werden, dass, abgesehen 
von der Aufstötzbarkeit des Stumpfes, die directe Gehfähigkeit entsprechend mit der 
Höhe der Amputation abnimmt, wegen der Verminderung der Beinlänge. 

Bei Amputationen in der Mitte des Unterschenkels und höher kann von einem 
direct aufstötzbaren Stumpfe wohl nicht mehr die Kede sein, schon desshalb weil die 
Ausgleichung der Beinlänge nur mit einem Apparat erreicht werden kann. Bei snpra- 
malleolärer Amputation aber ist es möglich, einen direct aufstötzbaren Stumpf zu er¬ 
halten durch Bildung eines offen zu behandelnden Fersenlappens; diese Methode über* 
trifft bei weitem diejenige von Bier, welch’ letztere, ausser andern üebelständen, den 
Unterschenkel so verkörzt, dass das spätere Tragen eines Apparates nöthig wird; die 
von uns geöbte Methode empfiehlt sich speciell auch för Leute aus der arbeitenden 
Klasse, bei denen bisher noch aus Opportnnitätsgrönden die hohe Unterschenkel¬ 
amputation gemacht worden war und welche das Tragen einer Kniestelze benöthigte; 
während die von mir beförwortete Operation den Patienten in den Stand setzt, seinen 
Unterschenkel, so weit er gesund ist, zn behalten und mit einem run¬ 
den, erhöhten Schuh zu gehen. (Fig. 3.) , 

Wir erlauben uns den Gollegen dieses modificirte Syme-OUier'sche 
Verfahren zn empfehlen in der Hoffnung, dass durch Anwendung des¬ 
selben hie und da ein Unterschenkel erhalten wird, der sonst geopfert 
worden wäre; ich selbst habe, bevor ich das angegebene Verfahren kannte, 
wegen Caries pedis zwei Mal einen Unterschenkel entfernt, den ich nun 
zn erhalten verstünde; ich bin desshalb in der Lage, das functionelle 
Besültat beider Methoden zn vergleichen, und kann versichern, dass die 
nach der neuen Methode Operirten ungemein viel besser daran sind, als 
die frühem. Durch Bildung eines Fersenlappens kann bei richtiger 3 , 

Wundbehandlung auch bei supramalleolärer Amputation ein direct auf- 
stützbarer Stumpf erzielt werden, dessen Functionsfähigkeit derjenigen eines gewöhn¬ 
lichen Pirogoff oder Syme sehr nahe kommt. 

Zum Schlüsse seien noch einige Bemerkungen über die Gonstruction des er¬ 
wähnten Schuhes gestattet. (Siehe Fig. 3.) 

Ein ans weichem Leder oder Tuchstoff verfertigtes vorne zum Schnüren offenes 
Bohr umfasst die Wade, das untere Ende des Stumpfes wird von einer 8—10 cm 
festen ledernen Kappe umschlossen, ein mit Leder überzogener Korkabsatz gleicht die 
Beinlänge ans, der Absatz ist nach unten abgeschlossen mit einer Kaoutschoukplatte, 
welche einen elastischen Gang bewirkt, und am Ausgleiten hindert. Preis des Schuhes 
12—15 Pr. 

Frl. J. W., 28 Jahre alt, wurde von der medicinisohen Abtheilung des Höpital 
Butini, wo sie wegen Bronchitis behandelt worden war, auf die chirurgische Abtheilung 
transferirt wegen einer Fusserkranknng, die sich langsam entwickelt hat und trotz ver¬ 
schiedener Behandlung nach und nach ausbreitete und gegenwärtig Patientin am Gehen 
verhindert. 

Man constatirt eine Anschwellung, von der Gegend des Fnssgelenks bis zur Basis 
der Zehen reichend, und besonders in der Umgebung des Mall. int. entwickelt; bloss die 
Zehen und die Feisenhaoke sind von der Anschwellung verschont. Die Haut ist gespannt 



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und glänzend und von einer Anzahl aasgedehnter Venen dorohzogen; in der Gegend des 
Mall. int. erkennt man eine Gruppe von Narben von Ignipuncturen herrährend. Die 
Temperatur über der Anschwellung ist erhöht. Der Fass ist in Prouationsstellung. Die 
Extensions- und Flexionsbewegungen im Fassgelenk sind möglich, aber nicht bis 
zur Grenze erhalten, die Bewegungen der Zehen ebenfalls etwas reducirt, die Ro¬ 
tationsbewegungen Tollstandig verhindert; die Patientin kann auf ihren Fass stehen 
und einige Tritte allein gehen, aber mit Schmerzen. Am Unterschenkel ist nichts Ab¬ 
normes zu sehen. 

Die Palpation ist schmerzlos an dem Gelenkende der Tibia und über dem Fass¬ 
gelenk, Druckschmerz über dem Taluskopf, dem scaphoideum, dem cuneiforme I. II. III. 
und der Basis der oss. metatars. I. II. III. Schmerz in der Gegend des Tarsus bei Druck 
nach hinten auf die erste, zweite und dritte Zehe. 

1. Operation 27. December 1892. Pirogoff. 

Antiseptische Vorbereitungen. Chloroformnaroose mit Kappeler^s Apparat. Esmarch- 
sehe Binde. Längs-Incision auf der Innenseite des Fasses dem vordem Tarsus entspre¬ 
chend. Entfernung der 3 ossa cuneiformia, die alle fungös erkrankt sind, sowie der 
ebenfalls erkrankten Basen der ossa metatars^ I. II. III. Die fungöse Erkrankung der 
Weichtheile jener Gegend ist so ausgedehnt, dass von einer Erhaltung des Yorderfusses 
abgesehen wird. EröfiEhung des Chopart^schen Gelenks; der Taluskopf ist von fungösen 
Granulationen bedeckt, die sieh auf die Fussgelenkkapsel ausdehnen; letztere wird theil- 
weise resecirt unter Eröffnung des Fussgelenks. Um völlig im Gesunden zu bleiben, wird 
eine Pirogoff^wke Amputation ausgeführt und der Fersenhöcker an die Tibia angenagelt, 
nachdem vorher der Esmarch^Bche Schlauch entfernt und die blutenden Gefässe unter¬ 
bunden waren. Naht der Wunde, antiseptischer Verband und Hochlagerung des Beines 
im Bett. Verbandwechsel nach 8 Tagen. Der Nagel wird entfernt, weil der Fersen¬ 
höcker nicht mehr am Unterschenkel festhält. Keine Eiterang. 

9. Febmar 1893. Die Wunde ist nicht per primam geschlossen. Sie zeigt keine 
Tendenz zur Heilung. Es haben sich am Wandrande fungöse Granulationen entwickelt 
und auf der Innenseite der Achillessehne ist eine Eiterung eingetreten. Kein Fieber. 
Man entschliesst sich zu einer 

2. Operation. Eröffnung der frühem Wunde. Dieselbe ist mit fungösen Gra¬ 
nulationen erfüllt. Der Fersenhöcker, der schon theilweise mit der Tibia verknöchert 
ist, wird abgetrennt und man findet fungöse Granulationen sowohl in der Spongiosa des 
tuber calcanei als in der Tibia, der Fersenhöcker wird in toto mit sammt seinem Periost 
excidirt, und ebenso etwa 7 cm. von der Tibia und ebensoviel von der Fibula abgetragen; 
der Fersenlappen wird intact erhalten. Fungöse Massen erstrecken sich etwa 10 cm. 
hoch längs der Achillessehne nach oben und werden mit sammt einem Stück erkrankter 
Haut excidirt. Die Wunde wird nun tüchtig (unter Esmarch) mit l^oo Sublimat aus¬ 
gewaschen, nachher mit Salzwasser nachgespült. Der sehr lange Fersenlappen hängt am 
Unterschenkel und ist viel zu ausgiebig, als dass er direct an denselben angenäht werden 
konnte. Er wird daher vorläufig mit Jodoform-Gaze tamponirt und soll erst nach 
einigen Wochen, nachdem er sich retrahirt hat, secundär ge¬ 
näht werden. 

13. Februar 1893. Verbandwechsel. Der Lappen ist am Rande an umschriebener 
Stelle necrotisch geworden, sieht aber sonst gut aus. Die Wunde wird mit Thymolüber¬ 
schlägen behandelt. 

14. März 1893. Der Fersenlappen hat sich nun stark verkleinert und auf das 
Niveau der amputirten Unterschenkelknochen zurückgezogen. Die Wunde ist mit guten 
Granulationen bedeckt. Es wird nun zur Secundäraaht geschritten. Die Granulationen 
werden abgekratzt, der Fersenlappen angefnscht und aufgeklappt, so viel als nöthig, um 
anf die Unterschenkelknochen gelegt zu werden. Anlegung mehrerer Knopfnähte. In 
Folge der frühem Hautexcision bleibt auf der Aussenseite eine etwa 5-Fr.-Stückgrosse 


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Stelle, welche nicht mit Haut bekleidet werden kann, man bedeckt sie daher sofort mit 
Thiersch^Bohen Transplantationen. Jodoformsalbe-Yerband. 

Die Heilung erfolgt ohne Zwischenfall. Die Transplantationen sind alle gelungen. 
Patientin fangt nach circa 3 Wochen an zu gehen; sie bekommt einen Schuh und wird 
am 5. Mai geheilt entlassen. Pat. zeigt sich von Zeit zu Zeit. Ein Recidiv ist nicht 
aufgetreten, sie kann mit ihrem Schuh recht gut und ohne Stock gehen. Eine Messung 
am 24. Juni ergab eine Verkürzung des kranken Beines um 7 cm. Diese Verkürzung 
wird durch einen erhöhten Absatz am Schuh ausgeglichen. Das Allgemeinbefinden ist 
ganz gut und Pat. ist im Stande selbst ihr Brod zu verdienen. 


Vom „Harnbeschauen“. 

Ein Beitrag zur Lehre von der Uroscopie, speciell dem Practiker gewidmet. 

Von Dr. Alexander Peyer. 

Wie Sie Alle wohl wissen, hat die Betrachtung und Untersuchung des Harns 
seit den ältesten Zeiten für ein wichtiges diagnostisches Hfilfsmittel gegolten. Später 
wurde dieselbe von Charlatans vielfach missbraucht und kam dadurch längere Zeit bei 
den wissenschaftlichen Aerzten in Misscredit. Erst mit der Vervollkommnung der 
organischen Chemie und dem Allgemeinerwerden microscopischer Untersuchungen wurde 
auch die Uroscopie wieder ein wichtiger und wesentlicher Tbeil der ärztlichen 
Diagnostik. 

Man sollte wohl denken, dass mit dieser Tbatsache ein Zurfickgehen des Ghatla- 
tanismns auf diesem Gebiete zu constatiren sein würde. Dem ist aber, wie wohl den 
Meisten von Ihnen bekannt ist, nicht so, — im Gegentheil! Seit einer Beibe von 
Jahren ist die von den Kurpfuschern geübte Harnbeschaunng wieder ausserordentlich 
in Mode gekommen, und zwar sind es nicht blos ungebildete, den untern Ständen an- 
gehörige Personen, welche diesen Wnnderdoctoren ihr .Wasser* bringen, sondern ebenso 
häufig auch Angehörige der hohem und gebildeten Stände. 

Ich hoffe. Sie halten es nicht für überflüssig, wenn ich versuche, einen kleinen 
Beitrag zu liefern, wie der gebildete Arzt die macroscopische Harnuntersuchung nutz* 
bringend verwerthen und damit dem Cbarlatanismus einen Tbeil seines Bodens ent¬ 
ziehen kann. — Zu diesem Zwecke müssen wir den Urin aber 
auch wirklich beschauen, was wir eben regelmässig nicht 
thun, wenn wir glauben, eine Krankheit der Nieren oder 
Blase nicht vermuthenzu'mfissen. Und doch ist diese Art der Wahr- 
scheinlicbkeitsdiagnose eine so ungemein einfache und ergibt für den Practiker oft 
wichtige Resultate. Es erscheint deswegen doppelt als Pflicht des Arztes, das Publicum 
darüber aufzuklären, was eine wissenschaftliche Harauntersnchnng für die 
Diagnose, Prognose und Therapie der verschiedenen Krankheiten zu leisten vermag. 
Es soll dieselbe Aufschluss geben: 1) über gewisse Örtliche Erkrankungen des 
Uro-Genitalsystems, 2) über allgemeine Zustände des Organismus, die Verhält¬ 
nisse des Stoffwechsels, der Verdauung, des Nervensystems und die Beschaffenheit 
des Blutes. 

In allererster Linie ist für die macroscopische BesichtigninS nothwendig, dass 
wir den Harn nicht im Nachttopf ansebauen, oder sonst in einem Gefäss mit undnreh- 


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sichtigen Wandungen, sondern in einer säubern Qlasflasche und zwar bei durcbfallendem 
Licht, indem wir dieselbe z. B. gegen das Fenster halten. 

Kommt Patient in die Sprechstunde, so ist es gut, denselben in ein Kolbenglas 
uriniren zu lassen und dem Uriniren selbst zuzusehen. Den weiblichen Patienten stellt 
man zu diesem Zwecke das Glas auf dem Abort zur Disposition. 

Die Harnbeschauung hat nun folgende Hauptpunkte zu berQcksichtigen: 
1. Farbe, 2..Geruch, 3. trübe oder klare Beschaffenheit. 

Die Harnfarbe liefert dem Arzte gar nicht selten mehr oder minder wichtige 
Anhaltspuncte zur Beurtheilung eines Krankheitszustandes. Noch häufiger aber kann 
sie dazu dienen, wie die trübe oder klare Beschaffenheit, denselben im Allgemeinen 
zu orientiren, in welcher Sichtung weitere Untersuchungen Torzunehmen sind. 

Die normale Uarnfarbe ist gelb, mit einer variirenden Beimischung von roth. 

Die verschiedenen Farbennuancen des normalen Harns lassen sich in folgende 
grössere Gruppen zusammenfassen: Blasse Garne (farblos bis strohgelb); normal 
gefärbte Garne (bernsteingelb bis goldgelb); hochgestellte Harne (rothgelb bis 
rotb); dunkle Garne (dunkelbierfarbig bis schwärzlich). 

Ein blasser Harn enthält wenig Farbstoff und mit Ausnahme beim Diabetes 
mellitus auch wenig feste Bestandtheile. Eine Ursache des blassen Garns ist eine 
sehr bekannte und volksthümliche, besonders bei den Biertrinkern, nämlich der reich¬ 
liche Genuss von Flüssigkeit — Urina potus. — 

Weniger populär ist das Krampfharnen (urina spastica, nervosa). Doch 
haben wohl eine grosse Anzahl von Aerzten die Thatsache constatirt, dass ein Patient 
während längerer oder kürzerer Zeit, auf bestimmte äussere Gelegenheitsursachen oder 
auch ohne solche eine ganz erstaunliche Menge Wasserhellen klaren Urins entleert hat, 
trotzdem die vorher aufgenommene Flüssigkeitsmenge absolut keine vermehrte war. 
Es fällt deshalb diese Thatsache dem Patienten oft selbst auf und er macht den Arzt 
darauf aufmerksam. Diese Polyurie kann in acuter und chronischer Form auftreten. 
Bei der acuten Form zeigt sich dieselbe oft nur an vereinzelten Tagen und nur einmal 
im Tage. Patient entleert dann vielleicht in einer Stunde 1500—4500 ccm Urin. 

Einer meiner Patienten z. B., ein 32jähriger neurasthenischer Professor erwacht des 
Morgens zuweilen mit dem Gefühl eines allgemeinen Unbehagens, besonders aber ist sein 
Unterleib der Sitz verschiedener abnormer Sensationen. Er ist auffallend müde und ab¬ 
geschlagen und entleert nun in Zeit einer halben Stunde ca. 2000 ccm wasserhellen 
Urins, ohne dass er am Tage vorher eine vermehrte Flüssigkeitsmenge anfgenommen 
hätte. Den Tag über ist das Uriniren wieder ganz normal. 

Bei der chronischen Form der Polyurie kann die Absonderung des wasser¬ 
hellen Harns Monate und sogar Jahre in beinahe gleicher Weise anhalten. — Ist das 
specifiscbe Gewicht der abnorm grossen Harnmenge nicht vermindert, besteht also auch 
eine constante Abfuhr der festen Stoffe, so nennen wir diesen Zustand Diabetes 
i n s i p i d u s. — Ist das specifiscbe Gewicht nicht nur nicht vermindert, sondern ver¬ 
mehrt, so bandelt es sich wahrscheinlich um wirklichen Diabetes. 

Diagnostisch lässt sich die blasse Urinfarbe folgendermassen verwerthen: 1. Ist 
ein blasser Harn für den Arzt ein fast absolut sicheres Zeichen, dass der betreffende 
Kranke an keiner intensivem fieberhaften Erkrankung leidet. — 2. Liegt der Secretion 


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eines nur temporären blassen Harns meist eine vorfibergehende Functionsanomalie der 
Nieren zu Grande, wobei Hysterie und Neurasthenie gewöhnlich eine bedeutende ur¬ 
sächliche Rolle spielen. 8. Ein längere Zeit anhaltend blasser reichlicher Harn lässt 
fitst immer auf einen Grad von Ansemie scbliessen und als Grundursache sehen wir 
Hysterie, Neurasthenie, psychische Einflüsse, anatomische Veränderungen des Central¬ 
nervensystems, Erkrankungen der Medulla, des Kleinhirns, des Rückenmarks (Syphilis, 
Tnberculose, Baseäoto'sche Krankheit), ferner Erkrankungen der Harn- und Geschlechts¬ 
organe, welche auf reflectorischem Wege diese abnorme Secretion veranlassen. 

Hochgestellte Harne sind in der Regel concentrirt, reich an festen Be- 
standtheilen nnd Harnstoff. Sie treten auch bei Gesunden auf nach copiOsen Mahl¬ 
zeiten oder nach starken körperlichen Anstrengungen, wobei stark geschwitzt und 
wenig getrunken wird. 

In der Regel begleiten sie alle fleberhaften Krankheiten und sind deswegen ein 
wichtiges Symptom für den Arzt. 

Abnorme Färbungen entstehen hauptsächlich durch Blutfarbstoff. 
Die dadurch bedingten Nuancen können wechseln von hellgranatroth bis zu voll¬ 
kommenem Schwan. 

Durch Gallenfarbstoff wird die Harnfarbe gelbgrün bis braungrün. — 
Verschiedene Farbstoffe, welche als Bestandtheile von Speisen, Getränken 
nnd Arzneien in den Organismus kommen, färben den Urin ebenfalls. 

Auch der Geruch des Harns muss bei der Harnbeschauung verwerthet werden 
nnd dem yoxi Alfred H<xrtmafm in seinem .Wunderdoctor* so meisterhaft geschilderten 
Wasserdoctor wäre wohl der Lapsus, ein Fläschchen Cognac für Urin zu halten, nicht 
passirt, wenn er sein Riechorgan besser verwertbet hätte. Trotzdem müssen wir 
sagen, dass die Fälle, wo die Geruchsnerven in diagnostischer Beziehung eine grosse 
Bolle spielen, nicht bäuflg sind; sie kommen aber doch vor und zwar in markanter 
Weise. Der Geruch des normalen frischen Harns nach Fleischbrühe ist Ihnen bekannt 
und ebenso die Thatsache, dass gewisse Arznei- und Nahrungsmittel demselben einen 
eigenthümlichen Geruch verleihen. Na^h Genuss von Spargeln oder Terpentinöl wird 
er veilchenartig, was die vornehmen Römerinnen bewog, diese Stoffe als Toilettemittel 
zu benutzen. Eigenthümlich wird der Gernebsinn von einem viel kohlensanren Am¬ 
moniak haltigen Urin berührt und wir unterscheiden dadurch oft sofort einen trüben 
Ham bei Blasenkatarrh von einer Fhosphaturie. 

Am auffallendsten aber nnd vollkommen pathognomonisch ist der Geruch bei der 
Bacteriurie. Wer diesen unausstehlichen, sflsslich-faden, ekelhaften Geruch auch nur 
einmal in seiner richtigen Intensität genossen, der wird eine Bacteriurie in Zukunft 
ä distance diagnosticiren. Mir gelang es, diese Diagnose auf solche Weise zu stellen 
bei einem Ck>llegen, der lange Jahre auf schweren Blasenkatarrh behandelt und als 
unheilbar erklärt worden war. 

Wichtiger und häufiger ausschlaggebend ist die Frage, ob der Harn klar oder 
getrübt sei. 

Die häufigste Trübung, welche der Practiker zu Gesichte bekommt, ist das 
sogenannte Sedimentnm lateritium. Es wird dasselbe bedingt durch das Ausfallen der 
Urate ans dem Harn. Sie bilden gelblich- bis rOthlichbraun geförbte Massen, welche 


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die characteristische Eigenschaft haben, beim Ausfallen Farbstoffe ans dem Urin mit- 
znreissen. Der Laie wird oft erschreckt durch diesen Vorgang, welcher den Urin in 
eine dicke träbe Flössigkeit verwandeln kann. Characteristiscb — andern Trübungen 
gegenüber — ist hier, dass dieselbe' erst, sich zeigt, nachdem der Urin erkaltet ist, 
and dass sich ein ziegelrother Ansatz an der Wand des Gewisses bildet, ferner dass 
bei blossem Erwärmen die Trübung sich wieder löst. 

Diagnostisch hat diese Erscheinung keine sehr wichtige Bedeutung. Die Urate 
sind eben in warmem Urin leichter lüslich als in kaltem und die Ausfüllung findet 
in concentrirten Harnen schon bei blosser Abkühlung statt. Wir finden daher diese 
Trübung nach starkem anhaltendem Schwitzen, ferner in der Krise verschiedener 
Krankheiten, wenn dieselbe mit starker Diaphorese einhergeht und bei Krankheiten 
des Magens und Darmcanals. 

Viel häufiger sieht der urologische Specialist eine andere Trübung des Harns, 
nämlich die Phosphatarie und nach meinen sehr zahlreichen Erfahrungen bildet diese 
Affection die überhaupt häufigste Ursache jeder Harntrübung. Klinisch zeigt sie sich 
auf folgende Weise: Einer unserer neurasthenischen Patienten, oder ein solcher, der 
wegen einer chronischen Erkrankung seines sexuellen Systems in unserer Behandlnng 
steht und dessen Urin wir vielleicht schon verschiedene Male untersucht, ohne eine 
abnorme Beaction oder Trübung zu entdecken, bringt uns plötzlich eines Tages voll 
Schrecken einen vollständig trüben Harn, der beim Stehen ein starkes Sediment bildet. 
Der Betreffende glaubt, dass es sich um eine bedeutende Abnormität seines Harnes 
handle, dass vielleicht ein plötzliches Nieren- oder Blasenleiden anfgetreten sei. Be¬ 
sonders bestärkt wird er in dieser Ansicht, wenn der Abgang des trüben Urins mit 
Brennen in der Harnröhre, oder mit einem starken Drängen während oder nach 
demselben verbunden ist, oder gar, wenn ein allgemeines Unwohlsein, z. B. Hitze, 
Frieren etc. den Act einleitet, oder ihm folgt. 

Noch häufiger hat der Betreffende gar keine Idee, dass er zuweilen trüben Harn 
absondert und in meiner Sprechstunde z. B., wenn er in ein Kolbenglas pisst, mache 
ich ihn erst darauf aufmerksam. 

Es passiren in Bezug auf das Auftreten der Phosphatnrie oft komische Dinge. 

Vor 2 Jahren z. B. consultirte mich ein junger deutscher College, ein Doctor 
doctus und Träger eines in der medicinischen Welt bekannten Namens wegen Schlaflosig¬ 
keit, deprimirter OemflthsstimmuDg und Herzklopfens. Er hatte mehrere Jahre vorher 
eine Entfettungscur durohgemacht und ein bekannter Kliniker schrieb die angeführten 
Beschwerden einer von daher rührenden Ansemie des Herzens zu. Der junge College 
hatte sich längere Zeit vorzugsweise mit der Chemie des Harns befasst und auf meine 
Frage, ob er auch den seinigen untersucht, erklärte er mir, dass derselbe vollkommen 
normal sei. Als er nun in meiner Gegenwart seine Blase entleerte, war er aufs äusserste 
betroffen, einen vollkommen trüben Urin zu erblicken, in dem sich nur vereinzelte Fetz- 
eben erkennen Hessen. Auf Grund dieses Vorkommnisses, das ich sofort als Phos- 
phaturie mit Urethralfäden erklärte, fragte ich auch nach der Anamnese in sexueller 
Beziehung: Langjährige jugendliche Masturbation, Gonorrhoe mit 18 Jahren, jetzt be¬ 
deutende Abnahme der Libido sex. und reducirto Potenz. — Die locale Untersuchung 
ergibt zwei ziemlich bedeutende Stricturen, wovon die eine in der Mitte der pars 
cavemosa, die andere in der pars bnlbosa; die Urethralföden sind theilweise mit Sperma 
überlagert. 


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Hier hat uns die Pboephaturie sofort die Richtung bestimmt, in welcher die ge¬ 
nauere Untersuchung vorzunebmen war. 

Die phospbatiscbe Trübung ist, wie schon gesagt, ungemein häu6g und ich selbst 
sehe wohl jeden Tag durchschnittlich ein halbes Dutzend phospbatischer Harne, denn es 
gibt kaum eine chronische Gonorrhoe, oder schwere Neurasthenie, in deren Verlauf der 
Urin nicht mehr oder minder oft durch Phosphate getrübt entleert wird. 

Macroscopisch erkennen wir die phosphatische Trübung daran,\ dass der Harn 
gleich trübe entleert wird, und nicht erst beim Erkalten sich trübt, wie beim 
Sediment laterit. Ferner ist die Trübung nicht gelb^rüthlich, sondern grau-weisslich. 
Vom Blasenkatarrh unterscheiden wir die Phosphaturie schon macroscopisch dadurch, 
dass beim erstem der Urin regelmässig trübe entleert wird und dabei gewöhnlich un¬ 
angenehme subjective Symptome sich zeigen, während letztere bei der Phosphaturie 
nur ausnahmsweise Vorkommen. Die Phosphaturie ist eine Secretionsneurose der Nieren 
nnd ihre Bedeutung in diagnostischer Hinsicht ist die, dass sie uns in den meisten 
Fällen auf die Existenz eines Genitalleidens aufmerksam macht. (Sammlung klinischer 
Vorträge von B, v. Volkmann Nr. 336, die Phosphaturie von A. Beyer.) 

Als Kennzeichen der katarrhalischen Trübung haben wir noch beizufügen, 
dass sich am Boden oft ein kuchenfOrmiges Sediment bildet, das aus Schleim und 
Eiter besteht. Sehr häufig bat der Harn hier einen ammoniakalischen Gemch. 

Die bacterielle Trübung erkennen wir an dem schon beschriebenen Geruch 
und daran, dass der Harn durch Filtriren nicht hell wird. — Selten wird eine voll¬ 
ständige Trübung des Urins verursacht durch Spermatorrhoe, aber doch kommt 
es vor. Ich habe Fälle gesehen, wo der Harn wirklich vom ersten Spritzer vollkommen 
trübe entleert wird. Diese Trübungen werden wir am ehesten mit Phosphaturie ver¬ 
wechseln, weil sie bei demselben Individuum selten auftreten nnd in der Regel von 
keinen unangenehmen Symptomen (Brennen) begleitet sind. Hier wird nur der micro- 
scopiscbe Befund entscheiden. 

Ausser diesen hochgradigen, sofort dem Patienten und dem Arzt in die Augen 
springenden Trübungen kommen aber auch noch andere, viel weniger intensive, aber 
deswegen nicht unwichtigere vor, welche meist vollkommen übersehen werden. Es 
repräsentiren dieselben meist morphologische Beimischungen aus den Sexualorganen. 
Betrachten wir die beim weiblichen Geschlechte vorkommenden Trübungen dieser Art. 
Ich nehme als Typ gleich den Fall, der soeben meine Sprechstunde verlassen hat. 

‘ Die 36jährige, kräftig gebaute, gut genährte, kinderlose Frau, dem wohlhabenden 
BQrgeratande angehörig, consnltirte mich wegen Rüokenschmerzen, an denen sie schon 
mindestens 14—15 Jahre mehr oder minder stark leidet. Sie will als junge Fran einen 
Fall über eine Treppe gethan haben nnd schiebt darauf ihre Bttckenschmerzen. Ein 
Professor, der sie bald nachher untersuchte, hatte keine Verletzung naohweisen können 
nnd sie mit dem Bescheide entlassen, es werde wohl von selbst wieder bessern. Dies 
war aber nicht der Fall, sondern das Leiden verschlimmerte sich stetig, besonders zur 
Zeit der Perioden. Verschiedene Einreibungen, Electricität und Kaltwassercur blieben 
ohne Erfolg. In den letzten Jahren gesellte sich noch ein lästiger Urindrang zu dem 
Bfickenleiden. 

Die Untersuchong der Wirbelsäule ergibt auch jetzt vrieder ein negatives Resultat. 
Wegen des Harndranges fragte ich nach etwaigem Fluor albus und erhalte die Auskunft, 
dass derselbe in früheren Jahren vorhanden gewesen, jetzt nicht mehr. Nun gab ich der 


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Patientin ein Glas und Hess sie ihren Ham entleeren. Derselbe ist fast farblos wie 
Braunen Wasser (Urina spastioa) und dabei leicht getrübt. Der Patientin, welche im Nachi- 
topf die Trübung nie bemerkt hat, fällt dieselbe bei durchfallendem Licht im Glase 
sofort auf und ebenso constatirt sie kleine weisse Fetzchen im Harne. Meine Wahr¬ 
scheinlichkeitsdiagnose lautete nun: Gebärmntterleiden und davon abhängig die Spinalirri- 
tation und die reizbare Blase. Die microscopische Untersuchung des Harns constatirte, dass 
die Trübung aus beigemischtem Fluor albus bestand, d. h. aus Pflasterepithel und Leuko- 
cyten, wie ich vorausgesetzt und die örtliche Untersuchung des Genitalsystems, die ich 
auf diesen Befund voraahm, ergab Yaginitis, chron. Endometritis und Retroflexio uteri. 

Ein zweiter Typ: 

Eine 24jäbrige unverheirathete Dame von anämischem Aussehen klagt seit mehreren 
Jahren über intensive Magenschmerzen. Sie ist von ihrem tüchtigen Hausarzt mit strenger 
Diät und Magenspülungen behandelt worden, aber ohne Erfolg. Die Spülungen hat Pat. 
über 1 Jahr selbst fortgesetzt. Der eigenthümliche Character der Schmerzen, die sich 
auch bei nüchternem Magen zeigten, der geringe Einfluss der Diät und der Spülungen 
auf dieselben Hessen mich an eine nervöse Affection denken. Der Urin ist getrübt, aber 
nicht gleichmässig wie durch suspendirte Leukocyten, sondern durch grössere Form- 
bestandtheile. Sehr rasch bildet sich ein Sediment, das ans einer grossen Masse von 
schönem Pflasterepithel besteht. Nun gibt mir die Patientin auf Befragen noch an, dass 
sie zuweilen an Blasenbeschwerden leide; öfters Urindrang, zuweilen aber auch Harn- 
verhaltung, so dass der Arzt schon habe catheterisiren müssen; häufiges Wasserbrennen. 
Der mehrmals untersuchte Harn zeigt immer dasselbe Bild. — Diagnose: Masturbation. 

Ein dritter Typ: 

Das 14jährige, kräftig gebaute aber anämisch aussehende Mädchen M. ist nach dem 
Tode seiner Eltern von seiner Tante vom Lande in die Stadt genommen worden und 
letztere schreibt es theils dem schweren Schicksal, das ihre Nichte durchgemacht, theils 
der plötzHchen totalen Aenderung der Lebensweise zu, dass das Mädchen wenig isst, 
häufig constipirt ist und eine eigenthümliche Geistes- und Gemüthsrichtung annimmt. 
Es meidet seine Altersgenossinnen und jede harmlose Freude, ist peinlich streng in der 
Erfüllung seiner Pflichten, betet und weint sehr häufig und äussert unnatürliches Heim¬ 
weh nach seinen verstorbenen Eltern und entschiedenen Lebensüberdruss. Der Schlaf ist 
aufgeregt und häufig treten während der Nacht nervöse Krämpfe im ganzen Körper auf. 
— Ein längerer Aufenthalt im Gebirge hatte gar keinen Effect. — Ohne jegliche Ab¬ 
sicht und Erwartung untersuchte ich hier den Urin, aus blosser Gewohnheit, und war 
erstaunt einen trüben Harn zu finden, in dem grössere Fetzen herumschwammen. Es 
bestanden dieselben microscopisch aus Schleim, viel Pflasterepithel, massenhaften Leuko¬ 
cyten und Bacterien. Non ergänzte ich meine Anamnese: Schon als Ojähriges Kind 
brachte Patientin den Sommer und Herbst meist auf dem freien Felde mit Yiehhüten zu. 
Sie selbst schrieb es Erkältungen zu, dass sich ein häufiger Urindrang einstellt, der oft 
von einem leichten Brennen begleitet ist. Im Winter nun geuirt sich das Mädchen 
während der Schulstunden oft hinauszugehen und hält den Urin gewaltsam zurück, 
wobei es die Beine längere Zeit zusammenklemmt. Die Folge davon ist, dass eines 
Tages ein eigenthümliches zuckendes Reizgefühl ein tritt, worauf das Mädchen seinen Ham 
sofort entleeren muss. Dieser Yorgang wiederholt sich nun allmälig fast jedesmal, wenn 
Patientin ihrem Urindrang nicht sofort nachgibt, und kann in 24 Standen 4—5 Mal 
eintreten. Jedesmal nachher fühlt sich Patientin müde nnd verstimmt; es treten all¬ 
mälig die hysterischen Krämpfe auf und mit der Zeit resulürt der oben beschrie¬ 
bene Zustand. Wir haben also in diesem Fall durch die Harnuntersuchung einen 
entzündlichen Reizzustand des Uro-Genitalsystems nachgewiesen. Als Folge desselben 
betrachte ich die pollutionsartigen Yorgänge und die Yerstimmung des ganzen Nerven¬ 
systems. 


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Sie sehen, dass in diesen und sehr zahlreichen ähnlichen Fällen allein schon die 
macroscopische Harnbeschaunng den Weg bezeichnete, auf dem eine weitere Unter¬ 
suchung zur Eruirnng der Krankheitsursache vorzugehen hat und dies ist für den 
Practiker eine ausserordentlich wichtige Tbatsache; denn er wird damit auf ein Organ 
hingewiesen, welches die Patienten selbst nicht krank glauben, oder dessen Affection 
sie dem Arzte gerne verbeimlichen möchten. 

Bei dem weiblichen Geschlechte sind es — wie wir gesehen — hauptsächlich 
die Beimischungen ans Vagina und Uterus, welche hier in Betracht kommen. Unter¬ 
suchen wir z. B. den Urin einer nervösen Frau oder eines hochgradig hysterischen 
anämischen Mädchens, so werden wir in vielen Fällen eine chemische Abnormität nicht 
nachweisen können; die einfache macroscopische Harnbeschauung indessen wird ergeben, 
dass der Urin trotzdem nicht normal, sondern etwas getröbt ist. Wenn derselbe 
einige Zeit steht, so bildet sich ein wolkiges Sediment, welches aus Schleim, Pflaster¬ 
epithel und Lenkocyten besteht. Halten wir nun eine örtliche Untersuchung für 
wnnschenswertb, so werden wir eine solche verlangen können gestützt auf den Befund 
der Harnbeschaunng. Gestatten aber die Verhältnisse eine weitere Untersuchung nicht, 
z. B. bei Unverheiratheten, so werden wir doch aus der Harnbescbanung mit grosser 
Wahrscheinlichkeit einen chronisch entzündlichen Reizzustand des Genitalsystems dia- 
gnoeticiren. Letzterer ist in vielen Fällen nicht die Folge, oder von zuftlliger Go- 
existenz, sondern die Ursache des ganzen hysterisch-nervösen Leidens, besonders wenn 
er, was ja oft der Fall ist, durch langjährige Masturbation oder bei Frauen durch 
Infection von Seite des Mannes oder Congressus interrnptns bedingt ist. 

Wir sind also in einem solchen Falle durch die Harnbeschauung — und beinahe 
nur durch dieselbe — im Stande, die Ursache des Leidens und die pathologisch¬ 
anatomische Grundlage desselben zu erkennen und zu diagnosticiren. 

Auch beim männlichen Geschlechte spielen die leichten Trübungen des Harns, 
welche wir nur in der Glasflasche bei durchfallendem Lichte deutlich erkennen, eine 
bedeutende Rolle. 

Sie sehen hier sechs mit Urin gefüllte Flaschen nebeneinander; sämmtliche 
weisen leichte Trübungen auf, die aber alle wieder ganz verschiedene Bedeutung haben. 
Es repräsentiren dieselben ungefähr die Haupttypen der leichten Harntrübungen beim 
männlichen Geschlecht, welche ich mit Ihnen besprechen möchte. 

Der erste Urin, der vor circa ‘/a Stunde entleert wurde, ist durchsetzt von einer 
grossen Anzahl kleiner Wölkchen. Es ist Ihnen bekannt, dass diese Nubeculse in ganz 
geringer Anzahl zuweilen auch im normalen Harn verkommen; sie bestehen aus Schleim, 
in welchen vereinzelte Leukocyten eingebettet sind. Das Auftreten einer solchen 
grossen Anzahl ist aber ganz entschieden pathologisch. Frisch gelassen war der Urin 
ganz leicht gleichmässig getrübt, ungefähr wie nicht gesunder Wein, der seine krystall- 
helle Lauterkeit verloren hat und von dem man bei uns im Dialect sagt, ,er ist nicht 
mehr glanz*. Erst nach einigem Stehen haben sich obige Nnbecnlie ausgeschieden. 

Was bedeutet nun dieser macroscopische Befund? Die kurze Krankengeschichte 
wird Ihnen die Frage beantworten. 

Der betreffende Patient, ein magerer, anämischer, öftjähriger Bauer, wurde mir von 
seinem Hausärzte mit der Diagnose „allgemeine Nervosität and Blasenleiden* zageschickt. 


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Hauptklage ist Schlaflosigkeit und ungemein häuflger Urindrang. Patient muss während der 
Nacht oft 10—14 Mal seinen Ham entleeren. Am Tage ist er hochgradig psychisch Torstimmt, 
körperlich müde und hat eine Masse von abnormen Sensationen und Parästhesien wie 
eine hysterische Frau. Nie sexuelle Infection; jung yerheirathet; seine Frau hatte rasch 
nach einander fünf Kinder geboren. Deswegen seit dem 29. Jahre Congressns interruptus. 
Keine Prostatahypertrophie. 

Diagnose: gestützt auf die macroscopische Harabeschauung und Anamnese: Reizbare 
Blase in Folge Irritation der Pars prostatica und des Blasenhalses. Beweis dafür ist die 
stark yermehrte Schleimabsonderang. Dieselbe ist entstanden durch den langjährigen 
Congressus interruptus und bildet auch die anatomische Grundlage der neurasthenischen 
Symptome. 

Dieser zweite Urin hat sich yon dem yorigen im frischen Zustande nur dadurch 
unterschieden, dass die Trübung noch leichter und wirklich nur für einen aufmerksamen 
Beobachter bemerklich war. — Jetzt nach etwa drei Stunden hat sich eine ganz kleine 
zarte Wolke am Boden des Gefässes angesammelt und der Urin ist glanzhell ge¬ 
worden. 

Der Urin stammt yon einem 12jährigen Knaben, der über heftiges Brennen beim 
Wasserlösen klagt, „wie wenn glühendes Blei durch seine Harnröhre flösse^. Patient 
kam mit der Diagnose Nenralgia urethrse. Ich selbst stellte sofort die Diagnose auf 
Masturbation. Die microsoopische Untersuchung bestätigte meine Annahme, dass das 
Wölkchen aus yereinzelten Leukocyten bestehe. Nun gibt Patient meine Diagnose trotz 
anfänglichem Leugnen zu. 

In dem dritten Urin war die Trübung gleich frisch etwas stärker, als in beiden 
vorigen. Auch das Sediment, das sich jetzt nach einigen Stunden gebildet, ist etwas 
stärker. Patient spürt keine Beschwerden beim Uriniren; er consultirt mich wegen 
Magenschmerzeo, die bei nüchternem Magen anftreten und sofort nach Nahrungsauf¬ 
nahme yersch winden. 

Der 22jährige Bauer ist etwas anämisch und gemüthlich gedrückt; sein Stuhl ist 
träge; oft auffallende Müdigkeit im Kreuz; in seiner ersten Jugend hat Patient an Bett¬ 
nässen gelitten, das sich im 10. Jahre yerlor. Mit 13 Jahren Beginn einer mässigen 
Onanie, die bald wieder aufgesteckt wird, aber trotzdem yon sehr häufigen nächtlichen 
Pollutionen gefolgt ist. Letztere sind in den letzten Jahren schlaff geworden, Patient 
erwacht nicht mehr daran; er denkt er sei deshalb auf der Besserung, aber die oben 
angeführten Beschwerden zeigen sich immer stärker. Diagnose: Mictionsspermatorrhoe 
in Folge angebomer Schwäche der Uro-Genitalorgane und späterer Masturbation. 

Der yierte Urin hat sich seit seiner Entleerung yor einer Stunde bis jetzt nicht 
verändert, er hat kein Depot gebildet und zeigt jetzt noch eine eigenthümliche weiss- 
liche leichte Trübung; wir bezeichnen diesen Zustand mit Opalescenz. Ein Arzt, der 
den Ham regelmässig beschaut, wird gleich die Diagnose dieser Trübung stellen: es 
ist eine leichte Phosphatiirie. 

Die fünfte Harnprobe ist vollkommen klar. Am Boden des Gefässes sehen Sie 
eine Anzahl grössere und kleinere weisslich graue Bröckelchen liegen. Dieselben 
sind specifisch ziemlich schwer, denn sie senken sich sofort wieder, wenn man sie im 
Gefässe aufschüttelt. Man könnte sie für zufällige Verunreinigungen halten, aber sie 
finden sich in allen Urinproben dieses Patienten. Von vorneherein können wir schon 
macroscopisch ausschliessen, dass es sich um Urethralfäden handelt. Was nun? 
Der mit der Harnbeschauung vertraute Arzt wird ans den oben genannten Merk- 


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malen sofort auf Smegmapartikelchen schliessen. Und die diagnostische Bedeutung 
derselben ? 

Patient ist katholischer Geistlicher, Professor an einem Gymnasium, ein sehr be< 
gabter seriöser Mann von ca. 82 Jahren. Seine Gesondheit hat in den letzten Jahren 
in bedenklicher Weise gelitten; er musste seine Stelluug anfgeben wegen hochgradiger 
nenrasthenischer Symptome und ist nicht mehr arbeitsfähig. Er selbst betrachtet als die 
Ursache seiner Krankheit massenhaft anftretende nächtliche schlaffe Pollutionen, die ihn 
körperlich und geistig ruiniren. Nie Masturbation. Kaltwasserkur und die verschiedensten 
innem Mittel ohne Erfolg. Auf Grund dieses ständigen Befundes bei der Hambeschauung 
verlangte ich eine örtliche Untersuchung und fand keine Phimose, wie ich vermuthet, 
sondern die etwas lange Vorhaut liess sich leicht znrückschieben. Unter derselben war 
eine unglanbliche Smegmaanhäufung, welche vollständig eingetrocknet war tmd als starre 
zähe Haut von der Dicke eines festen Gartons die Eichel gleichmässig umschloss und zu- 
sammendrfickte. Letztere, sowie die Vorhaut waren gereizt und entzündet. Patient hatte 
in seinem Leben die Vorhaut noch nie zurückgezogen. 

Hier haben wir durch die Harnbeschauung sofort die Ursachen der krankhaften 
Pollutionen und damit die Neurasthenie entdeckt. — Dieser Smegmabefund ist nicht 
selten und muss uns sofort zu einer örtlichen Untersuchung veranlassen, indem der* 
selben sehr häufig eine mehr oder minder hochgradige Phimose oder Smegmaanhäufung 
zu Grunde liegen, welche ihrerseits wieder Functionsanomalien der Uro-Genitalorgane 
auslösen können. 

Die sechste Urinprobe präsentirt sich gerade wie die fünfte. Der Urin ist nach 
einigem Stehen klar und am Boden des Gefässes sehen Sie eine Anzahl grösserer und 
kleinerer graulich weisser Fäden liegen. Sie unterscheiden dieselben sofort an ihrer 
Form von den Smegmabröckelchen und auch daran, dass sie specifisch leichter sind 
und sich nicht so rasch setzen beim Emporwirbeln wie die Smegmabröckelchen. Es 
sind diese Urethralfäden das Product einer chronischen Entzündung der Urethral¬ 
schleimhaut, sei letztere nun entstanden durch Infection, Abusus sexualis, Gongressus 
interruptus, oder auf andere Weise. 

Die Bedeutung der UrethralBlden ist ungemein verschieden. Hat der betreffende 
Patient eine Gonorrhoe dnrcbgemacht, so zeigen dieselben nach ihrem mehr oder minder 
zahlreichen Auftreten an, dass ein stärkerer oder schwächerer Rest der Entzündung 
noch vorhanden ist, d. h. dass eine chronische Gonorrhoe existirt. Wie Ihnen wohl 
bekannt, wird diese Affection jetzt in manchen Beziehungen anders und viel ernster 
taxirt als früher. 

Ist keine Gonorrhoe voransgegangen und sind wir trotzdem im Falle Uretbralfäden 
nachzuweisen, so werden wir bei Jüngern Leuten meist langjährigen Abnsus sexualis 
diagnosticiren und bei längere Zeit verheiratheten Männern Gongressus interrnptns, 
wenn hier nicht mit beiden Factoren zu rechnen ist. 

In diesem Falle haben die UrethralRlden natürlich wieder eine ganz andere Be¬ 
deutung; sie stammen vorzüglich aus der Pars prostat. und zeigen an, dass dieser 
Tbeil in einem chronischen, entzündlichen Reizzustand sich befindet.') 

*) Ueber die Frage, ob flberhaapt Abosoa sexualis eine entzündliche Beizung nnd Urethral- 
fiden hervorbringen könne, will ich nier nur beiläufig bemerken, dass ich schon Dutzende von 
Fällen genau beobachtet, wo sicher nie eine Gonorrhoe, sogar nicht einmal Coitus vorangegangen, 
nnd trotzdem im Urin sehr schöne Urethralfäden sich fanden, die allein durch Abnsus sexualis be¬ 
dingt sein konnten. Das Gleiche kann ich Uber die Wirkung des Gongressus interrnptns behaupten. 


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Der Plexus hypogastricus des Sympathicus innervirt vermittelst seiner Neben¬ 
geflechte die Prostata des Mannes. Es ist dies ein sehr nervenreiches Gebilde, welches 
auch an seinen Rindenschichten zahlreiche Ganglienknoten und Paciniscbe EOrperchen 
enthält, die nur in sehr nervenreicben und empfindlichen Organen vorzukommen 
pflegen. Wenn nun die peripheren Endigungen der Nerven dieses Organs, das wie 
kaum ein anderes bestimmt ist, unser Nervensystem mächtig zu beeinflussen und 
demselben die höchsten Lustgefähle zu erwecken, wenn diese Nervenendigungen durch 
chronisch entzündliche Reizzustände, die sich auf der Schleimhaut und zuweilen im 
ganzen Organ festgesetzt haben, in continuirlicher Erregung gehalten werden, so wird 
durch Uebertragung derselben auf das ganze Gebiet des Sympathicus eine Anzahl von 
centripetalen abnormen Gefühlen und Eindrücken entstehen. Diese lösen ihrerseits 
wieder eine Summe von Neurosen aus, welche mau unter dem Namen der sexuellen 
Neurasthenie zusammenfasst. 

Besonders leicht verständlich wird dieses Factum noch durch den schon erwähnten 
Umstand, dass das Nervensystem gerade durch die sexuellen Excesse, welche die 
schliessliche entzündliche Reizung zur Folge haben, an Kraft geschwächt ist. Die 
locale, von der Prostataschleimhaut ausgehende krankhafte Erregung wirkt also schon 
nicht mehr auf ein normales und gesundes Nervensystem, sondern auf ein solches, 
welches schon vorher durch Abusus, oder verschiedene Excesse geschwächt und weniger 
widerstandsföhig gemacht worden ist. Selbstverständlich wird dadurch der schlimme 
Einfluss der localen Erkrankung noch bedeutend erhöht. 

Der Einfluss der letzteren Affection auf das Nervensystem macht es aber auch 
begreiflich, dass ein durch sie hervorgerufenes Nervenleiden nicht mehr verschwindet 
mit dem Sistiren der Excesse, sondern fortdauert oder wächst, so lange die locale 
Affection noch existirt, welche eben eine selbständige Erkrankung geworden ist. 

Sie verzeihen mir, wenn ich bei diesem Abschnitt etwas länger verweilt habe, 
weil derselbe eine noch nicht landläufige Ansicht vertritt und die Excursion nöthig 
war, um Ihnen die Wichtigkeit des Nachweises von Urethralfäden bei vielen Fällen 
von Neurasthenie klar zu legen. 

Es fällt mir hier gerade noch ein kleines Erlebniss ein, das hierauf Bezug hat. 
Einer meiner Patienten, ein ganz schwerer Magenneurastheniker, der vollständig 
cachectisch geworden war und nun wieder geheilt ist, erzählte einem seiner Bekannten, 
einem gelehrten Docenten, dass er seinen Harn oft habe untersuchen lassen und der¬ 
selbe sei immer für vollständig normal erklärt worden. Dagegen habe ich ihn bei 
der ersten Untersuchung auf eine Anzahl Urethralfflden in seinem Harn aufmerksam 
gemacht und gestützt auf diesen Befund die Diagnose eines nervösen Magenleidens 
gestellt. 

Der Herr College bewies nun meinem Patienten, der noch nicht geheilt war, 
dass meine Ansicht zum mindesten eine Täuschung sein müsse, denn einige Tripper- 
Rlden im Urin haben absolut gar keine Bedeutung, indem die Hälfte aller Männer, 
besonders in grössern Städten solche aufweisen und doch keine gefährlichen Neura¬ 
stheniker seien. 

Ganz gewiss! Aber der Herr College irrte sich doch diesmal; denn es han¬ 
delte sich eben um keine Tripperfäden, sondern um Urethralfäden anderer 


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Provenienz. Patient hatte n i e einen Tripper gehabt, wohl aber als Junggeselle durch 
Jahre lange unfruchtbare sexuelle Aufregungen und Spielereien sein Nervensystem 
vollkommen zerrüttet und durch häufigen und langen Congressus interruptus seine 
Potenz ganz eingebösst. Der Urethralfaden veranlasste mich diesen Dingen nach¬ 
zuforschen, weil er eben ihr Product war. 


"Vereiiisberiolit^. 


Medicinisch-pharmaceutischer Bezirksverein Bern. 

1. SitzMif in WlnterseBester 1893/94, DlenstaiT den 14. Nov. Im Casine.O 

Präsident: Dr. Dumont. — Actuar: Dr. Bohr, 

Anwesend 30 Mitglieder. — 5 Gäste. 

1. Das Präsidium theilt mit, dass die Petition des Bezirksyereins an den Gemeinde¬ 
rath betr. die Errichtung einer stidtlsehen DeslBfeetienSMStmlt nun auch vom Stadt¬ 
rath erheblich erklärt worden sei. 

Ferner begrüsst es die dem Verein beitretenden HH. DDr. Miniat, Howald, Seiler, 

Jord^. 

2. Vortrag von Prof. Dr. Lesser: „lieber SypUUsbehandlnBif^. Der Vortragende 
erwähnt kurz die neuerdings mit sehr zweifelhaftem Erfolg angestellten Versuche, die 
Syphilis durch Injectionen von Thierblutsemm zu heilen, und geht zur Besprechung der 
beiden Hauptmittel gegen Syphilis über, des Jodes, resp. Jodkalium und des Quecksilbers. 
Die eclatante Wirksamkeit des Jodkalium gegenüber der tertiären Syphilis ist allgemein ge¬ 
kannt und anerkannt, weniger bekannt ist, dass auch in der secundären Periode das Jodkalium 
gegen eine Reihe von Erscheinungen, die gesammten Affectionen des Locomotionsapparates, 
ferner die ulcerirenden Papeln der Mund-, Zungen- und Rachenschleimhaut weit wirk¬ 
samer ist, als das Quecksilber. Während in der letzten Zeit vielfach sehr hohe, ja 
gelegentlich enorme Dosirungen des Jodkalinm empfohlen sind, glaubt Vortragender, dass 
man gewöhnlich mit 1—2 gr pro die aaskommt, welche Dosis bei längerem Gebrauch 
so wie so erhöht werden muss. Bei dringenden Fällen ist natürlich eine höhere Gabe 
erlaubt und sogar geboten. — Wenn das Quecksilber an momentaner Wirksamkeit dem 
Jodkalium vielleicht etwas nachsteht, so übertrifft es dasselbe durch das längere An¬ 
dauern des Heilerfolges. Die Einverleibung des Mittels geschieht: 1) auf endermatischem, 
2) auf hypodermatisohem, 3) auf internem Wege. 

Ad 1. Die Schmierkur ist die älteste Methode, sie wird demnächst ihr 400jähriges 
Jubiläum feiern und dieses ehrwürdige Alter spricht schon für ihre Wirksamkeit. Für 
die Erklärung des Zustandekommens der Resorption bei dieser Kur sind die PFe^onder’schen 
Untersuchungen wichtig, der nachwies, dass das Ueberstreichen (nicht Einreiben) der 
grauen Salbe genügt, um eine starke Hg-Wirkung zu erzielen, ja dass ungefähr die 
gleiche Wirkung eintritt, wenn Wachstaffet um ein Glied gewickelt und auf der äusseren 
Fläche mit grauer Salbe bestrichen wird. Die Resorption findet also hauptsächlich durch 
Aufnahme des abgedunsteten Hg statt. Die unangenehmen Nebenwirkungen sind localer 
(pustulöse Ausschläge, Mercurialdermatitis) oder allgemeiner Natur, durch das au^^e- 
nommeoe Hg bedingt (universelles Erythem, Stomatitis, Enteritis). 

Ad 2. Die Injectionsmethode ist die modernste. Es ist zu unterscheiden die 
Anwendung der löslichen und der unlöslichen Hg-Verbindungen. Hauptvertreter der 
ersteren ist das Sublimat, welches in Ya%iger Lösung mit dem lOfachen Zusatz von 
Natr. chlor, sehr empfehlenswerth ist. Unangenehm ist die grosse Zahl der Injectionen, 
die, wie ein harter und gewiss nicht überall gerechter Beurtheiler sagt, vielleicht dem 

>) Eingegangen 14. Dec. 1893. Red. 

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Kranken, sicher aber dem Arzte nützen. Dieser Uebelstand wird vermieden durch An¬ 
wendung der unlöslichen Hg-Präparate, die seltener, dafür aber in grösseren Mengen 
injicirt werden. Es sind Calomel, Hg. oxyd. flav., Hg. tannic., Hg. thymol.. Hg. salicyl., 
metallisches Quecksilber (Ol. einer.) u. A. m. angewendet. Yortr. empfiehlt das Hg. 
salicyl.; Calomel ist zwar ausserordentlich wirksam, macht dagegen stärkere Local- und 
gelegentlich auch Allgemeinerscheinungen, das Ol. einer, ist ein unsicheres und gefähr¬ 
liches Mittel. Die localen Störungen (schmerzhafte Infiltrate, Erweichungen), lassen sich 
durch sorgfältige Technik so gut wie ganz vermeiden; sehr zu beachten sind die durch 
beschleunigte Resorption gelegentlich vorkommenden Intoxicationserscheinungen (Enteritis), 
welche leider in einigen Fällen zum Exitus führten. In der Mehrzahl dieser Fälle trug 
die unvernünftig hohe Dosirung des Mittels die Schuld. Lungenembolien sind durch In- 
jection in eine Vene einige Male vorgekommen; dies lässt sich durch Vorsicht leicht und 
sicher vermeiden. 

Ad 3. Für die interne Behandlung sind ungefähr alle Hg.-Präparate benutzt 
worden, die wichtigsten sind Sublimat, Hg. jodat. flav., Hydr. tannic. Die unangenehmen 
Nebenerscheinungen sind bei dieser Methode die relativ geringsten. 

Die Frage: welche Methode ist die beste? lässt sich natürlich nicht beantworten, 
da in jedem Fall die Verhältnisse verschieden sind. Dagegen lässt sich — wenn auch 
immer noch mit einer gewissen Reserve — sagen, dass ceteris paribus die Schmierkur 
und die Injectionen unlöslicher Hg.-Verbindungen die wirksamsten Methoden sind. 

Wann hat die Allgemein-Behandlung der Syphilis zu beginnen? Wann ist sie 
wieder aufzunehmeu, resp. wie lange ist sie fortzusetzen? 

Ad 1. Die Allgemeinbehandlung ist -- abgesehen von gewissen Ausnahmen — 
dann erst einzuleiten, wenn durch das Erscheinen der secundären Symptome die Diagnose 
ganz sicher gestellt ist. Sie darf auf keinen Fall eingeleitet werden, so lange die 
Diagnose eines Schankers bezüglich seiner syphilitischen Natur noch zweifelhaft ist. — 
Ad 2. Während vielfach die Anschauung herrscht, die Syphilis sei nur zu behandeln, 
wenn Symptome vorhanden sind, ist Vortr. von der Richtigkeit der Fmmier'^ch^n An¬ 
schauung überzeugt, dass die Syphilis während der ganzen secundären Periode, d. h. 
ungefähr während der ersten drei Jahre, natürlich mit Pausen, behandelt werden muss 
(chronische intermittirende Behandlung). Diese Anschauung ist nicht nur aus der theore¬ 
tischen Erwägung entsprungen, „dass eine chronische Krankheit auch chronisch behandelt 
werden muss*^, sondern findet eine sehr wesentliche Stütze in der überall gemachten 
Beobachtung, dass die tertiären Erscheinungen der Syphilis, welche die eigentliche Gefahr 
der Krankheit bilden, bei weitem am häufigsten in Fällen auftreten, welche während der 
secundären Periode völlig unbehandelt oder ganz ungenügend behandelt worden sind. 

Discussion: Dr. von Ins erwähnt das interessante Factum, dass im alten 
„äussem Krankenhaus* mit seinen engen, schlecht ventilirbaren Räumen, wo Syphilitische 
und Blennorhoiker oft im nämlichen Zimmer zusammenwohnen mussten, die letztem öfters 
an Stomatitis mercurial. erkrankten, während die ersteren ihre Schmiercur durchmachten 
und wegen des Gurgelns und übriger Mundpflege davon verschont blieben. 

Prof. Tavel glaubt nicht, dass von der vom Vortragenden gestreiften Seramtherapie 
in nächster Zeit für die Syphilis etwas zu erwarten sei, denn Antitoxine kann man nur 
von immunisirten, nicht von immunen Thieren erhalten. Alle Tbiere sind aber, soweit 
bekannt, gegen Syphilis immun — die angeblich geglückten Impfungen beim Affen be« 
rahen wohl auf Irrthum, indem es sich um Tuberculose handelte — folglich ist es nicht 
möglich, solche zur Gewinnung eines Antitoxins zu immunisiren. Prof. Lesser erwidert, 
dass es vielleicht mit der Zeit möglich werde, monschliches Serum zu gewinnen und zu 
verwenden. 

Oberfeldarzt Dr. Ziegler empfiehlt als eine bequeme und einfache Modification der 
Schmiercar die Einreibung des unguent. ein. altemirend an^ die beiden Fnsssohlen, wobei 
keine Wäsche verdorben wird und das Herumgehen gerade das Eindringen des unguent. 


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in die Haut befördert. Er wendet sieh gegen die Injectionetherapie, die eventuell Schorfe 
oder A.b8c688e mache, während einfachere Procedoren besser zum Ziele führen.'^TYon 
Prof. Lesser and Tavel wird die Injectionstherapie gegen diese Angriffe in Schutz ge¬ 
nommen; bei der jetzt yerbesserten Technik und Asepsis seien unangenehme Nebener¬ 
scheinungen zu vermeiden. 

Nachdem noch von Dr. Osi^ v. Ins und Prof. Lesser die Frage der Excision des 
Primäraffeets mit den so wenig günstigen Resultaten berührt wurde, fand Schluss der 
Discussion statt. 

3. Vortrag von Dr. Lüseher: Bin Liffatarfaden als Kern eines Blasenstelnes. 

(Deküntes Autoreferat.) Im Herbst 1890 wurde Frau N. N. von Herrn Prof. Dr. 
Girard wegen einer bedeutenden linksseitigen Oruralhernie operirt. Um die grosse 
Bruohpforte zu sohliessen, wurde ein Periostlappen, von der Tibia entnommen und mit 
Seide aufgenäht. (Ueber die Art der Operation wird später Herr Prof. Girard refe- 
riren.) Der Krankheitsverlauf war ein tadelloser, Pat. ging mit einer Prima geheilt 
nach Hause. 

Nach 7^ meldete die Pat. ihr vollständiges Wohlbefinden. Im Herbst 1891 
erkrankte sie an Influenza. Von da an empfand sie in der operirten Seite Schmerzen; 
nach einiger Zeit traten Schmerzen in der Blase, Brennen beim Uriniren auf. Der Urin 
wurde trübe. Eine kleine Oeffhung im medianen Winkel der Narbe, aus der ein wenig 
Eiter ausfloss, schloss sich bald. Das Blasenleiden blieb bestehen. Eines Tages ging 
dieser Stein (Demonstr.) ab, in dem Sie deutlich den Faden erkennen können. Trotzdem 
besserte sich die Blase nicht, so dass Pat. im Herbst 1892 wiederum das Inselspital 
aufsuchte. Herr Prof. Dr. Girard nahm sogleich die Cystoscopie vor, nachdem eine 
Sondenuntersuchung kein sicheres Resultat lieferte. Nach gründlicher Reinigung der 
Blase sah man an der 1. lateralen Seite der Blase einen ähnlichen Phosphatstein wie 
der vorliegende. Ganz deutlich erkannte man den Faden, um den er sich gebildet. Er 
wurde mit dem Litbotryptor zertrümmert und zum Theil entfernt; (einige Stücke werden 
demonstrirt). Die Frau wurde nach 6 Wochen als geheilt entlassen. Durchgehen wir 
die Krankengeschichte, so interessirt uns die Spätinfection, die zur Abscedirung mit 
Durchbruch in die Blase und Steinbildung führte. Sie mahnt uns, bei jedem Eingriff in 
die Gewebe, dieselben möglichst zu schonen, in ihren physiologischen Functionen so wenig 
als möglich zu schädigen. Ferner legt sie uns die Frage vor, ob Catgut oder Seide ? Die 
Pro und Contra dieser Frage will ich hier weiter nicht erörtern, ein späteres Referat 
von Herrn Prof. Dr. Girard wird Gelegenheit bieten, sich darüber zu äussern. Auf 
jeden Fall hat das Catgut seine grossen Vorzüge. Unserer Pat. wären sicher viele un¬ 
angenehme Stunden erspart geblieben, hätte man Catgut verwendet. Dass sich derselbe 
sicher sterilisiren lässt, davon habe ich mich baoteriologisch und practisoh zur Genüge 
überzougen können. 

Noch möchte ich der Cystoscopie erwähnen und für sie eine Lanze brechen. Dass 
sie auch auf Irrwege führen kann, oder in gewissen Fällen nicht verwendbar ist, gebe 
ich zu; immerhin aber ist sie oft ein recht nützliches diagnostisches Hülfsmittel, dessen 
man sich, wenigstens in Spitälern, nicht entschlagen sollte. Die Ausführung lässt sich 
mit einiger Geduld nicht schwer erlernen. 

Discussion: Dr. Dumant demonstrirt als Gegenstück zum Präparat des Herrn 
Vortragenden einen 4 mm breiten Phosphatstein, der sich um eine Seidenligatur gebildet 
hatte. Der Stein rührt von einem 25jährigen Patienten her, bei dem im Jahre 1887 
auf Salem von Prof. Reicher der Blasenschnitt ausgeführt und die Blasenwand mit Seide 
vernäht wurde. Der jetzige Stein wurde spontan unter ziemlich Schmerzen entleert. 

Dr. Dubais warnt davor, sich zu sehr und ausschliesslich auf das vermeintliche 
Ergebniss der Cystoscopie zu stützen; er erwähnt einen Pat., bei dem nach Hssmaturie 
und andern Erscheinungen — entgegen seiner Diagnose — Blasencarcinom chirurgischer- 
seits diagnosticirt und demgemäss operative Behandlung empfohlen wurde. Der Pat. 


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Wollte sich nicht operiren lassen und lebt heute nach vielen Jahren noch in bestem 
Wohlbefinden. 

Von Dr. Lascher und Dr. Lam wird die Cystoscopie in Schutz genommen, letzterer 
erwähnt die (^ampimnibre'^eYieii Publicationen über Blasenhernie, er hat selbst auch 3 
Mal Blasenhernien gesehen und betont die Möglichkeit des Eindringens einer Ligatur in 
die Blase bei Gelegenheit der Radicaloperation einer solchen. Häufiger kommt dieses 
wegen der Möglichkeit der Steinbildung fatale Ereigniss bei den neuen Retroflexions- 
operationen vor, sowohl der Schüching'seh&fi als auch der verbesserten Moc^^enrod^’schen; 
sei es, dass die Faden direct durch die Blasen wand geführt werden, sei es durch secun- 
däres Einwandern, was ja bei den der mangelhaften Antisepsis der Scheide halber nicht 
so seltenen Infectionen leicht möglich ist. 

4. Mit grosser Mehrheit wird der bisherige Vorstand, Präsident: Dr. Dummt, 
Actuar und Kassier: Dr. Eohr^ für eine weitere Amtsperiode gewählt. 


Zürcher Gesellschaft für wissenschaftliche Gesundheitspflege. 

Präsident: Prof. Dr. 0. Wgss. — Actuar: Dr. 0, Roth, 

Sltzang: 31. Mai 1893 !■ Hyg^ieae-IasUtatO 

Gemäss einer in der letzten Sitzung gemachten Anregung wird die Frage erörtert, 
ob ein Artikel betreffend die BrnettBan|f vea EhreBBltglledera in die Statuten aufzu¬ 
nehmen sei. Dieselbe wird nach gewalteter Discussion von der Geselbchaft bejaht und 
es wird beschlossen, dem Artikel die Fassung zu geben: „Die Gesellschaft ist berechtigt, 
Ehrenmitglieder zu ernennen.^ 

Hierauf wird die vom Comite redigirte Adresse an Herrn Geh. Rath von Fettenhofer 
verlesen und genehmigt und zugleich beschlossen, den hochverdienten Forscher und Lehrer 
der Hygiene zum Ehrenmitgliede zu ernennen. 

Die für diese Sitzung vorgesehene Besichtigung der gewerbehygienischen Sammlung 
des eidgen. Polytechnicums wird der vorgerückten Zeit wegen auf später verschoben. 


Referate und IXritiken. 

Zur Kenntniss der Phosphornecrose. 

Bericht von Prof. Dr. Kocher j erstattet im Aufträge des schweizerischen Industrie- und 

Landwirthschaftsdepartementes. 

Herr Prof. Dr. Kocher wurde seinerzeit vom erwähnten Departement eingeladen, 
Bericht über seine Erfahrungen und sein Urtheil bezüglich Zündhölzchenfabrikation abzu¬ 
statten. Zum Studium der Frage unternahm Prof. Kocher in Begleitung von Dr. Kauf- 
mmn, Secretär des eidg. Industriedepartementes, und des cand. med. A. Kocher im April 
1893 eine Reise nach dem Frutigthal. Die Ergebnisse dieser Reise sind nun in einer 
Broschüre von 50 Seiten mit 17 ausgezeichneten Abbildungen niedergelegt. Der Inhalt 
ist in grossen Zügen folgender: 

Die Gefahr der Phosphorvergiftung betrifft nur diejenigen Categorien von Arbeitern, 
welche mit dem Eintauchen, mit dem Ausschütteln und mit dem EinfüUen der Hölzchen 
in die Schachteln beschäftigt sind. Wie aber durch Exempel bewiesen werden kann, 
sind selbst bei dieser Beschäftigung die Vergiftungserscheinungeh keineswegs eine noth- 
wendige Folge des Umgangs mit gelbem Phosphor. Dieselben sind vielmehr davon ab¬ 
hängig, ob die Fabrik von einem mehr oder weniger einsichtigen Besitzer betrieben wird. 

Nach Prof. Kocher besteht bei Individuen, welche schlecht genährt und blutarm 
sind oder gar schon ein Organleiden wie Brustcatarrh, Verdauungsstörnngen darbieten, 

Eingegangen 8. Dec. 1893. Red. 


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ome Disposition zur Phospliorerkrankung. Es ist deshalb auch nicht verwunderlich, wenn 
das weibliche Geschlecht leichter befallen wird als das männliche. Eine ganz besonders 
bedeutungsvolle Disposition zu Phosphomecrose ist in dem mangelhaften Zustand des Ge¬ 
bisses gelegen. Das Vorausgehen von Zahnkrankheiten ist bei Phosphomecrose so oon- 

stant, dass man das Recht hat zu behaupten, dass bei Individuen mit gesunden Zähnen 

eine Kiefemecrose überhaupt nicht beobachtet wird. Es liegt darin eine weitere Er¬ 
klärung für die grössere Häufigkeit der Erkrankung weiblicher Individuen. Mit den 
anämischen Zuständen, wie sie den Pubertätsjahren des weiblichen Geschlechtes so 

häufig folgen, sind Verdauungsstörungen und damit Zahnerkrankungen sehr oft ver¬ 
bunden. Die Durchführung der Verordnung, bloss Leute mit gesunden Zähnen zur An¬ 
stellung in Zündholzfabriken znznlassen, ist practisch unmöglich. Die vorgeschriebenen 
Mundspülungen und Reinigungen werden von den Arbeitern nur mangelhaft ausgefübrt. 
Bei dem häufigen Vorkommen von Zahncaries sind solche dringend nothwendig. Wenn 
der Staat Vorschriften erlässt, so soll er auch dafür sorgen, dass dieselben erfüllt werden. 
Dazu gehört für alles dasjenige, was persönliche Gesundheitspfiege anbelangt, in aller¬ 
erster Linie ärztliche Anleitung und Ueberwachung, mit andern Worten gehörig re- 

munerirte Fabrikärzte. 

Zur Verhütung von Schädlichkeiten kommt zu der Frage der Reinhaltung des 
Mundes, der Hände, des Körpers überhaupt diejenige der Reinhaltung der Luft, die Ven¬ 
tilation. Alle Räume, in welchen Fenster mit und vollends ohne Oberlichter bloss auf 
einer Seite sich finden, sind ungenügend ventilirt. 

Aeusserst wichtig ist die periodische Auslüftung des eigenen Körpers. In einer 
Fabrik, wo nur ausnahmsweise Erkrankungen vorgekommeu sind, besteht die Einrichtung, 
dass im Frühling und Herbst die Arbeiter 14 Tage Ferien bekommen, um ihrer Land¬ 
arbeit obzuliegen. 

Am gefährlichsten ist die Zündholzfabrikation, wenn sie als Hausindustrie betrieben 
wird. Es ist bei allen Eingeweihten nur eine Stimme darüber, dass die üblen Einflüsse 
der Fabrikation sich zu keiner Zeit in so hohem Masse fühlbar gemacht hatten, als in 
dem Zeitraum, da die Herstellung der Zündhölzer mit gelbem Phosphor verboten war, 
nämlich in den Jahren 1880 und 1881. Da die Gewohnheiten des Volkes sich nicht 
mit einem Federstriche abdecretiren Hessen und die Nachfrage nach den gewöhnlichen 
Zündhölzern gross war, so wurde erst in Privatwohnungen, dann in Scheunen und Stal¬ 
lungen, oft auf ganz abgelegenen Höfen bei geschlossenen Thüren und Fenstern die Fa¬ 
brikation schwunghaft betrieben, und als nothwendige Folge dieses Vorgehens erreichte 
denn auch die Zahl der Phosphorerkrankungen in den folgenden Jahren eine nie dage¬ 
wesene Höhe. Auch wurden die Fälle besonders hochgradig, da Grund vorhanden war, 
sie möglichst lange zu verheimHchen, und die Jahre 1883—86 sind deshalb diejenigen, 
wo beeonders viele eingreifende Operationen nothwendig wurden. 

Der Vortheil strenger Vorschriften bei der Zündhölzchenfabrikation wird von ein¬ 
sichtsvollen Leuten des Frutigthales sehr wohl eingesehen; einzelne betrachten deshalb 
auch das Monopol als einen Fortschritt. Der Staat ist gerade so weit berechtigt , die 
bisherige Zündhölzchenfabrikation weiter bestehen zu lassen, als er selber die Verant¬ 
wortung übernehmen kann und will: 

1) Dass die Fabriken so eingerichtet werden, dass in völlig gut ventilirten Räumen 
gearbeitet werden kann; 

2) dass den Arbeitern eine gehörige Ernährung ermöglicht werde; 

3) dass neben Fabrikarbeit abwechselnd eine Arbeit in freier Luft Platz greife; 

4) dass unter Ueberwachung staatlich angestellter Fabrikärzte bestimmte Vorschriften 
der Körperpflege im Allgemeinen und der Zahnpflege im Speciellen durch die Arbeiter 
mit Sicherheit, wo nöthig zwangsweise, durchgeführt werden. 

Dies die Schlüsse des ersten Theiles der interessanten Broschüre. Der zweite Theil 
ist dem Studium der Verheerungen der Phosphorvergiftung gewidmet. 


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Nach der Schätzung erfahrener Aerzte hat die Phosphorerkrankung bei uns niemals 
den hohen Grad anderer Länder erreicht. Die Zahl der Erkrankungen beläuft sich nach 
Erfahrungen des Dr. Schärer in Frutigen bei einer Arbeiterzahl von 300 auf 5 bis 10 
jährlich, d. h. auf 2 — 3 Procent gegenüber 10 Procent eines Lyoner Berichtes. Prof. 
Kocher hat ausser der Kiefernecrose keine andere Form der Phosphorerkranknng ent¬ 
decken können. Die Erkrankung der Lunge hält er nicht als directe Folge der Phosphor- 
yergiftung, sondern vielmehr ist dieselbe in Zusammenhang zu bringen mit einer hoch¬ 
gradigen Vernachlässigung der Folgen der Kiefernecrose. Was die Prognose quoad vitam 
anbelangt, so ist zwischen Necrose des Oberkiefers und derjenigen des Unterkiefers zu 
unterscheiden. Erstere ist bedeutend ungünstiger, weil der destructive Process auf Knochen 
des Gehirnschädels übergehen und das Gehirn und dessen Häute in Mitleidenschaft ziehen 
kann. Ein tödtlicher Ausgang ist glücklicherweise ein seltenes Yorkommniss und derselbe 
ist nur unter erschwerenden äusseren Umständen erfolgt, unter welchen Sitz und Aus¬ 
dehnung der Erkrankung, im Vereine mit grober Vernachlässigung des Leidens, und ab¬ 
geschwächte Constitution die Hauptrolle spielen. Ganz spontan ausheilende Fälle, für 
welche zu keiner Zeit, früher oder später, ärztlicher Rath nachgesucbt wird, kommen 
vor, sind aber doch Ausnahme. Aus der Zusammenstellung von 13 genau untersuchten 
leichteren Fällen ist zu entnehmen, dass die leichtesten Fälle von Kiefernecrose, wie 
anderseits die allerschwersten, dem Oberkiefer angehören. Die Veränderung am Ober¬ 
kiefer bleibt offenbar viel häufiger auf eine geringe Ausdehnung beschränkt als am 
Unterkiefer und fehlende Stücke des Oberkiefers machen viel weniger Entstellung. Bei 
den geschilderten 8 Fällen partieller Entfernung des Unterkiefers zeigt sich als Regel 
eine Entstellung mässigen Grades, insofern als das Kinn etwas zurücksteht, aber ganz 
besonders nach der operirten Seite verschoben ist; deshalb erscheint die gesunde Seite 
etwas abgefiacht, die kranke Seite vom Kieferwinkel bis zum Kinn verkürzt. In allen 
Fällen ist der verloren gegangene Knochen durch einen neuen, wenn auch in reducirter 
Grösse ersetzt, deshalb ist die Function des Kiefers nicht erheblich beeinträchtigt. Die 
Patienten vermögen den Kiefer gut zu öfihen und, vermnthlioh dank den noch erhaltenen 
gesunden Knochenpartien, verhältnissmässig gut zu kauen. Schlucken and Sprechen geht 
in der Regel ohne erhebliche Störung vor sich. Grössere Störungen treten nur ein, wenn 
die Erkrankung auf einer Seite den aufsteigenden Eieferast bis zum Gelenk mitbetroffen 
hat. Wenn ein künstliches Gebiss getragen wird, ist die Function eine ungleich bessere. 
Die vollkommensten Fälle sind die, bei welchen relativ spät eine Entfernung des Knochens 
stattgefunden hat. Die functioneil ungünstigsten sind die, bei welchen der Unterkiefer 
in seiner ganzen Ausdehnung oder bis auf unbedeutende Reste abgestorben ist und ent¬ 
fernt werden musste. Eine Regoneration des Zahnfortsatzes der Kiefer und damit der 
Zähne findet in keinem f'alle statt, dagegen eine vollständige Neubildung des übrigen 
Unterkiefers, ja sogar eine neue, der normalen ähnliche, bewegliche Gelenkverbindung. 
Die Ausbildung und Form des neuen Kiefers wird durch das Tragen eines künstlichen 
Gebisses nicht in bemerkenswerther Weise günstig beeinfiusst. Was die Höhe und Dicke 
anbelangt, so hat der neugebildete Kiefer in der Regel etwa die halbe Höhe des nor¬ 
malen. Im Ganzen ist der neugebildete Kiefer einem natürlichen Kiefer ähnlich, resp. 
dem atrophischen und zahnlosen Kiefer des höhem Greisenalters. 

Der dritte Theil der Broschüre beschäftigt sich mit der Art und Weise; wie der 
Phosphor auf den Knochen wirkt. Nach den Experimenten von Wegner ist die Einwir¬ 
kung speciell auf den Kiefer wesentlich eine locale. Nach Kocher ist der Beweis bis 
jetzt durchaus nicht erbracht, dass irgend wann ein Arbeiter einer Zündhölzchenfabrik mit 
vollkommen gesunden Zähnen und unbeschädigtem Zahnfleisch an Necrose erkrankt sei, 
es musste immer eine directe Einwirkung des Mundspeichels auf die Knochensubstanz zu 
der schädlichen Einwirkung des Phosphors hinzukommen. Die Phosphoreinwirkung besteht 
in einer Ernährungsstörung, welche eine bedenkliche Disposition zum Absterben bei Zu¬ 
treten einer eitrigen Entzündung darstellt. Ohne Sepsis keine Necrosel 


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Merkwürdigerweise ist es bis jetzt nie gelungen, Phosphor im necrotischen Knochen 
nachiuweisen. Was die Zeit der Operation anbelangt, so hat das Zuwarten gewisse 
schwerwiegende Nachtheile (langdauernde Eiterung etc.). Es könnte der Versuch gemacht 
werden, den künstlich entfernten Kiefer sofort durch einen künstlichen Kiefer aus Elfen¬ 
bein oder einem leichten Metall zu ersetzen, so lange bis der neue Kiefer die richtige 
Form angenommen hat und vollkommen fest und hart geworden ist. Die Operation muss 
stets vom Munde aus, ohne äussorn Schnitt vorgenommen werden. 

Schlusssätze: 

1. Der gelbe Phosphor soll durch den ungiftigen rothen ersetzt werden. 

2. Da ein Schutz der Arbeiter vor Schädlichkeiten im Bereiche der Möglichkeit 
liegt, so soll er durchgeführt werden. 

3. So lange die Erlaubniss zur Verarbeitung des giftigen Phosphors gegeben ist, 
hat der Staat die Garantie zu übernehmen, dass es ohne Schädigung der Arbeiter ge* 
schiebt. EAnn er diese Garantien nur durch Schaffung des Monopols übernehmen, so 
ist dieses einzuführen. 

4. Die Haftpflicht des Fabrikanten oder des Staates überdauert 2 Jahre die Ent¬ 
lassung aus der Fabrik. 

5. Der Arbeiter soll über die Gefahren und die Verhütungsmassregeln belehrt und 

gezwungen werden, binnen 8 Tagen dem Arzte Anzeige von jeder Erkrankung im Be¬ 
reich der Kiefer zu machen. Dr. Hämelmann^ Biel. 


lieber den Ausgang der cyanotiseben Induration der Niere in Granularatrophie. 

Von H, Schmaus und L. Horn. Ans dem pathologischen Institut zu München. Wiesbaden, 

J. F. Bergmann 1893. 

Die Arbeit ist Bollinger gewidmet, auf dessen Anregung sie in letzter Linie zurück¬ 
zuführen ist, ausgeführt ist sie theils von Schmaus selbst, theils unter dessen Leitung von 
Horn, Sie liefert das Resultat einer systematischen Untersuchung älterer Stauungsnieren, 
um Klarheit darüber zu schaffen, ob die lange dauernde venöse Hyperämie zu atrophischen 
Processen des Parenchyms und Zunahme des bindegewebigen Gerüsts führe, eine Frage, 
welche bis jetzt nicht einheitlich von den verschiedenen Untersuohern beantwortet worden 
war. Das Ergebniss ist ein positives. Makroskopisch zeigt sich die Atrophie wesentlich 
in Gestalt kleiner Einziehungen, die sich oft an Venensteme anschliessen, und welche 
schliesslich zu einer feinen Granulirung der Oberfläche führen. Später kommen locali- 
sirte Kapseladhmrenzen dazu und schliesslich verleiht das Auftreten gröberer Einsen¬ 
kungen dem Organ eine grob- und feingranulirte unregelmässig höckerige Form, die mit 
Verschmälerung der Rinde einhergeht. Die Markkegel atrophiren unter Verkürzung, 
wobei das äussere Volum der Niere ziemlich gewahrt bleibt, während der Substanzver- 
lust sich wesentlich in der Hilusgegend zeigt und oft durch Fett gedeckt wird. Das 
Gewicht kann bis auf die Hälfte herabgehen. Das Mikroskop zeigt, dass die Schrumpfungs- 
herde sich wesentlich an kleine Venengebiete, besonders der Stellulm aber des weiteren 
auch an Artenden anschliessen und auf Folgen der Druckatrophie von Harncanälchen be¬ 
wirkt durch Gefassectasie zurückzuführen sind. Die Verödung der Glomeruli und Verdickung 
der Bowman^schea Kapseln folgt dann nach. Von Wichtigkeit ist noch namentlich die 
Verdickung und Verschmelzung der Membranm proprim some die Zunahme des inter¬ 
stitiellen Gewebes durch Bildung einer „theils homogenen, theils fadig oder körnig aus¬ 
sehenden Substanz, seltener durch Rundzelleninflltration und faseriges Bindegewebe.^ Die 
Gefasswände verdicken sich auch und zwar an den Venen mehr durch Zunahme der 
Adventitia, an den Arterien durch eine solche der Intima. Verf. glauben die Stauungs- 
schrumpfniere von der gemeinen und der arteriosclerotischen gut scheiden zu können. 
(Ref. verweist im Anschluss an die besprochene Arbeit auf die jüngst erschienene Mit- 
theilung Bibheri\ welcher bei der Stauungsniere — wie bei fettiger Degeneration und 
bei toxischer und infectiöser Epithelnecrose — zunächst Untergang des Epithels der 


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Tabali contorti zweiter Ordnung fand und im Anschluss an diese eine einfache Zunahme 
des interstitiellen Gewebes, ohne wesentliche Kemvermehrung. Centralblatt für allgem. 
Patholog. Bd. III. Nr. 9. 1892.) Hanau, 


Handbuch der Ohrenheilkunde. 

Herausgegeben von Prof. H, Schwartze, 11. Hälfte. Leipzig, F. C. W. Vogel. 915 S. 

Mit diesem 2. Bande liegt nun das ganze Sammelwerk vollständig vor uns. Natür¬ 
lich ist es unmöglich, auf jedes der 28 Kapitel einzutreten; dagegen müssen wir min¬ 
destens einige Augenblicke verweilen bei Abschnitt Y, YII und XI des 2. Bandes, 
deren Inhalt auch für den practischen Arzt, den pathologischen Anatomen und selbst für 
den Chirurgen ein bedeutendes Interesse besitzen dürfte: Bezold^ welcher die Krank¬ 
heiten des Warzentheils bearbeitet hat, stellt auf Grund seiner Sectionsergeb- 
nisse zunächst fest, dass nicht nur bei Scharlach, sondern auch bei Masern und Typhus 
— wahrscheinlich auch bei den anderen acuten Allgemein-Infectionskrankheiten — die 
Schleimhaut des ganzen Mittelohrs gewöhnlich in Mitleidenschaft gezogen wird. Die 
Pars mastoidea erkrankt demgemäss viel häufiger, als gewöhnlich angenommen wird, an 
acuten Processen derselben und zwar sowohl in Form des Catarrhs als der Eiterung; 
dieselben heilen aber auch viel öfter spontan, als wir dies nach Beobachtungen am 
Lebenden geahnt haben. Eine bloss auf Paukenhöhle und Antrum beschränkte Mittel- 
ohreiterung läuft meistens in ca. 2 Wochen ab; bei längerer Dauer findet sich als Ur¬ 
sache derselben eine stärkere Betheiligung der pneumatischen Zellen des Warzenfortsatzes. 
Sind diese Zellen abnorm umfangreich, so ist die Möglichkeit einer spontanen Resorption 
ihres eitrigen Inhaltes entsprechend geringer; und hier bleibt dann, während unterdessen 
Paukenhöhle und Antrum, sowie die Hörweite sich der Norm wieder nähern können, die 
Eiterung bestehen. Oft schliesst sich an diesen Process excentrische Erweiterung als 
Ausdruck eines einfachen Resorptionsprocesses der Knochensalze. Unter ungünstigen Ver¬ 
hältnissen tritt Caries und Nekrose hinzu. In Uebereinstimmung mit andern Beobachtern 
fand Bezold^ dass die acuten Empyeme des Warzenfortsatzes seltener gegen Hirnhäute 
und Sinus als gegen die retroauriculare Gegend den Knochen durchbrechen; bei 800 
Fällen von Mittelohreiterungen seiner Praxis sah er Exitus eintreten 2 Mal an Meningitis, 
2 Mal an Pyämie und 1 Mal an Hirnabscess. — Auch beim chronischen Em¬ 
pyem des Warzenfortsatzes spielen die Infectionskrankheiten mtiologisch eine wichtige 
Rolle. Im Vordergrund stehen hier die Eiterungen in epidermoidal ausgekleideten Mittel¬ 
ohrräumen, welche wir als Cholesteatom des Felsenbeins bezeichnen. Dagegen findet B., 
wenn er von der eigentlichen Tuberculose des Mittelohres absieht, cariöse Processe bei 
chronischer Erkrankung des Warzenfortsatzes viel seltener, als allgemein angenommen 
wird, eine Beobachtung, welche mit derjenigen des Referenten übereinstimmt. Die 
Prognose der sich selbst überlassenen Eiterung ist bei den chronischen Processen wesent¬ 
lich ungünstiger, als bei den acuten. Ueber die Therapie der Otitis media purulenta 
chronica und speciell über diejenige des Cholesteatoms ist im Sinne der Baro^’schen 
Schule schon wiederholt in diesem Blatte berichtet worden. 

Die Fremdkörper im Ohr (von Kiesselbach) sollen nur unter Anwendung 
des Reflectors entfernt werden. Das beste Mittel ist der Wasserstrahl. Nur da, wo 
forcirte Injectionen versagt haben, dürfen Instrumente eingeführt werden und auch hier 
soll die Extraction bloss von geübter Hand ausgeführt werden. Das nämliche gilt von 
der Abmeisselung der hintern Gehörgangswand, welche auch da noch zum Ziele führt, 
wo vorausgegangene ungeschickte Extractionsversuche zu fester Einkeilung des Fremd¬ 
körpers in den Grund des Gehörgangs oder in die Paukenhöhle geführt haben. 

Einer der wichtigsten Abschnitte des Werkes ist Schwartze's Operations¬ 
lehre. Dieselbe wird eingeleitet durch ein Capitel über Desinfection und Ansssthetica. 
Was Verf. pag. 718 über die Therapie der angebornenAtresie des Ge- 
hörganges sagt, ist so beherzigenswerth und doch noch so wenig bekannt, dass ich den 


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betreffenden Passus citiren will: ^Sehr selten handelt es sich nur um einen oberfläch¬ 
lichen häutigen Verschluss. Gewöhnlich findet sich hinter dem durch eine Delle 
markirten Beginne des Gehorganges ein knöcherner Verschluss .... Die in grosser 
Zahl unternommenen Versuche, solche congenitale knöcherne Gehörgangsatresien operativ 
zu beseitigen und einen Gehörgang künstlich zu bilden, sind bisher für das Hörver¬ 
mögen resultatlos verlaufen." lieber den Werth der Tenotomie des Tensor tympani und 
die Plicotomie als hörverbessemde Mittel kann Schwariae sein schon früher in absprechen¬ 
dem Sinne gefälltes Urtheil bestätigen. Auch gibt Schw. die sehr zeitgemässe Warnung, 
alle operativen Eingriffe zu unterlassen, welche von anderer Seite empfohlen worden sind 
zur Heilung der Mittelohrsolerose oder gar der nervösen Schwerhörigkeit. Fernere Kapitel 
hat der vielerfahrene Autor gewidmet der Freilegung des Euppelraumes, der operativen 
Eröffnung des Warzenfortsatzes, der Operation des otitischen Himabscesses und dem 
operativen Verfahren bei Phlebitis des Sinus transversus. 

Schliesslich habe ich noch hinzuzufügen, dass einzelnen Abschnitten, z. B. den¬ 
jenigen, welche Habermann und Moos über die Aetiologie und die pathologische Anatomie 
geschrieben haben, derart vollständige Literaturverzeichnisse beigegeben sind, dass schon 
aus diesem Grunde das besprochene Handbuch Jedem unentbehrlich sein wird, der auf 
irgend einem Gebiete der Ohrenheilkunde sich eingehender orientiren und selbstständig 
arbeiten will. Siebenmann. 


Oantonale Oorrespondenzen. 

Hedlclniaeliiea ana Amerika. ') Es war im Spätherbst 1890, als ich in 
meinem Bestimmungsort Indianapolis ankam. Die Baumalleen, welche im Sommer den 
sonst einförmigen Strassen der amerikanischen Städte einen so freundlichen, behaglichen 
und festlichen Heiz verleihen, batten fast alles Laub verloren und bot so die Stadt einen 
etwas frostigen Empfang. Auch sonst vermisste das Auge landschaftliche grosse Scenerien. 
Die Stadt, Hauptstadt des Staates Indiana, liegt in endloser Ebene, welche zum Theil 
noch auf grossem und kleinern Strecken mit Wald bedeckt ist. Sie wurde 1820 dem 
Namen nach gegründet, anno 1821 der Platz am White River, einem Nebenfluss des 
Mississippi, in Mitten des Urwaldes, 60 Meilen von der Grenze der Civilisation entfernt, 
ausgewäblt. Die Bevölkerung, welche anno 1850 ca. 8000 betrug, hat sich in 40 Jahren 
auf ca. 120,000 vermehrt. Ich kann eine nähere Beschreibung der Stadt unterlassen, 
da sie mit 100 andern amerikanischen Städten im Grossen und Ganzen identisch ist. 
Im Centrum lediglich Geschäftshäuser, ausserhalb die Wohnhäuser, von der unscheinbar¬ 
sten aus 2 Zimmern bestehenden Hütte bis zum fürstlichen Palais alle Zwischenstufen 
repräsentirend. Die Verkehrsmittel sind von neuester Constmetion und höchster Ent¬ 
wicklung. Die Haupttramlinien werden electrisch betrieben ; das Telephonnetz ist sehr 
aasgebreitet und die Benützung eine ganz allgemeine. Daneben, der kolossal raschen 
Entwicklung entsprechend, miserable Strassen, mit zahllosen Fuhrwerken jeglicher Güte. 
In den Strassen überall reges, hastiges Treiben und Jagen der Bevölkerung, den Grund¬ 
satz: Time is money illustrirend. 

Nun galt es die Praxis zu eröffnen, wobei mir mein lieber Freund und Associe 
Dr. Fantzer mit Rath und That zur Seite stand. Ich will gleich hier bemerken, dass es in 
Amerika nicht selten vorkommt, dass zwei Aerzte sich mit einander verassociren, um ge¬ 
meinsam zu practiciren. Meistens ist es ein Aelterer und ein Jüngerer, wobei der Aeltere 
entlastet und der Jüngere in die Praxis eingefübrt wird, wobei aber Beide selbstständig 
arbeiten. — Eine Erlaubniss zur Ausübung meines Berufes wurde mir gestützt auf meine 
vorgewiesenen Zeugnisse gegen ein paar Thaler umgehend ertheilt. In vielen andern 
Staaten wird dagegen ein Examen gefordert. 

Vortrag, gehalten in der Sitzung der Aerzte der Stadt Zürich am 2ö. November 1893. 


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Wie hier ist der junge unbekannte Arzt im Anfang hauptsächlich auf die Praxis 
in den niedem Volksschichten angewiesen. Desshalb wurde mein Sprechzimmer in's 
deutsche Arbeiterviertel und zwar in eine befreundete Apotheke verlegt, daneben ertheilte 
ich aber auch so bald wie möglich im Centrum der Stadt Consultationen. 

Während hier zu Lande die zu nahe Nachharschafi eines Oollegen wenn nicht als 
Unglück, so doch als gar nicht wünschenswerth angesehen wird, so geschieht es dort 
im Gegentheil, dass im Centrum der Stadt, nahe am Knotenpunkt aller Strasseneisenbahnen 
ein grosser Theil aller Aerzte Sprechstunde hält. Ganze Häuserreihen enthalten im 
Parterre und im ersten Stock ausschliesslich Warte- und Sprechzimmer für Aerzte. Um 
nun die hohen Miethzinse im centralen Theil der Stadt einigermassen zu beschränken, 
geschieht es vielfach, dass 2 Aerzte das gleiche Wartezimmer, hingegen getrennte Sprech¬ 
zimmer benützen. Diese überraschenden Verhältnisse erleiden z. B. in der Weltstadt 
Chicago noch eine Steigerung. Ganze Geschäftshäuser sind mit Aerzte-Consultations- 
Räumlichkeiten geradezu angefüllt. So zählte ich im Venetian Building über 30 Firma¬ 
tafeln. Nach längerer aber allerdings müheloser Fahrt auf dem Lift fand ich mich in 
ein Wartezimmer im 10. und 12. Stock versetzt, von wo aus die Wartenden einen gross¬ 
artigen Ausblick auf die Riesenstadt, auf den See und den Hafen genossen. Die An¬ 
noncentäfelchen an der Thür zeigten an, dass sich 4 Collegen abwechslungsweise am 
Vor- und Nachmittage in 1 Warte- und 2 Consultationszimmer theilten. Der Hülfe- 
snchende hat somit in einem Hause (gleich einem Bazar) Allopathen, Homöopathen, die 
verschiedensten Special isten zur Verfügung. 

Doch kehren wir wieder zum Anfang der Praxis zurück. In erster Linie galt es 
nun bekannt zu werden. Da mir Bekannte und Verwandte völlig fehlten, so musste die 
Presse Alles besorgen. Was nun im Annonciren erlaubt und verpönt ist, dies ist auch 
in Amerika keine constante Grösse. Während z. B. in St. Paul, wie ich von meinem 
Freunde Dr. Sch. weiss, jegliche Anzeige anstössig erscheint, so ist es in Indianapolis 

Usus, sich 1—2 Jahre in einer oder in mehreren Zeitungen täglich auszuschreiben. Unter 
anständiger erlaubter Annonce versteht man dort einfach Angabe von Adresse, Sprech¬ 
stunde, Nummer des Telephons und eventuell Specialität. Sich als Schüler dieses oder 
jenes Professors oder als gewesener so und so zu erklären, würde als marktschreierisch 
verurtheilt. Also — de gustibus non est disputandum. Wenn diese Art der Anzeige 

Norm ist für den respectablen Theil der Collegen, so muss erwähnt werden, dass von 

anderer Seite in höchst ekelhafter, drastischer u. s. v. v. genialer Weise Wort und 

Schrift, Dichtkunst und Malerei — überhaupt jedes Mittel angewendet wird, um die 
kranke Menschheit zum besten Helfer zu leiten. Als non plus ultra möchte ein ca. 2 
grosses Gemälde am Hause eines solchen Heilsapostels erwähnen, das eine Patientin mit 
vom Krebs schrecklich zerstörter Wange darstellt mit der Ueberschrift: cancer cured 
(Krebs geheilt); doch sind dies Producte der Quacksalber und dürfen nicht dem Aerzte- 
stand zur Last gelegt werden. Viel häufiger als bei uns kann man in Zeitungen lesen 
von interessanten Operationen, welche ein Arzt ausgeführt, von allgemein interessanten 
Vorträgen, welche gehalten wurden. Regelmässig wird auch der behandelnde Arzt bei 
Unglücksfällen interviewt und dessen Status und Ansicht in extenso mitgetheilt. Aus¬ 
wüchse in dieser Hinsicht überwacht und ahndet im gegebenen Fall der judicial council 
(Ehrenrath). 

Doch kehren wir zurück: Ort und Zeit der Sprechstunde sind dem Publikum nun 
bekannt. Was die Zeit anbelangt, so muss der Anfänger eigentlich Tag und Nacht, 
Sonntag und Wochentag zur Verfügung stehen. Besonders möchte ich hervorheben, dass 
die Abendstunde von 7—8 von den Meisten inne gehalten wird, um der Arbeiterklasse 
ein Zeitversäumniss zu ersparen. 

Wie schnell ist nun lohnende Beschäftigung zu erwarten? Dies wird jeder Leser 
gleich fragen. In allen Geschäften steht die Schnelligkeit des Erfolges ceteris paribus 
im umgekehrten Verhältniss zur bestehenden Concurrenz, welche in unserem Falle be- 


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dingt ist durch die Anzahl und Qualität der Collegen. Wer nun etwa glaubt, in ameri¬ 
kanischen Städten, welche eine gewisse Entwicklung erreicht haben, nur wenige Oollegen 
zu finden, der täuscht sich sehr. In meiner Stadt von ca. 120,000 Einwohnern prac- 
ticirten 320, wovon 214 reguläre Aerzte. Ebenso oft wird die Qualität derselben unter¬ 
schätzt. Wäre die ärztliche Praxis nur Wissenschaft, dann könnten sich die europäischen 
Vertreter ohne Weiteres zu den Besten zählen, denn an Allgemeinheit der Erziehung und 
systematischer Schulung steht er über dem amerikanischen Collegen. Aber die Praxis ist 
auch eine Kunst. Im Allgemeinen wenden wir Alle die ziemlich gleichen Mittel an, 
aber das wie der Anwendung entscheidet oft. Das genauere Studium der Hypnose, der 
Suggestionen in neuerer Zeit hat gewiss manche Ueberrascbung in der Carriöre der ver¬ 
schiedenen Aerzte begreiflich gemacht. Je selbstvertrauender, erfahrener, gewandter der 
Arzt seine Kenntnisse anwendet, je sicherer er die verschiedenen Individuen beurtheilt 
und beeinflusst, je ruhiger er auch die unerwartetsten und schwierigsten Situationen be¬ 
herrscht, desto grösser der Erfolg. Diese Lebenserfahrung, dies auf frühere practische 
Erfolge gestützte Selbstvertrauen geht dem von unsern Universitäten scheidenden jungen 
Arzt ab. In vielen Fällen ist er durch das sorgenlose fröhliche Studentenleben nicht 
wenig verwöhnt worden und fällt es Manchem schwer, selbstständig aufzutreten und selbst¬ 
ständig zu handeln. 

Anders drüben. Sehr oft verschafft sich dort der Student vor oder während seines 
medicinischen Studiums die nothwendigen finanziellen Mittel. Oft hat er schon einen 
langen Weg auf selbstständiger Bahn zurückgelegt und hat seine Kraft in dem Kampf 
des Lebens gestählt. Dadurch ist er aber zum selbstbewussten Manne geworden mit 
dem persönlichen Einflüsse, der solchen self-made men eigen ist. Auf der andern Seite 
sind die Ansprüche an die Elxaminanden auch stetig gewachsen. 

Aus einer Classification, welche der Illinois board of health (Gesundheitsamt) aufge¬ 
stellt hat, entnehme ich, dass über ein Drittheil der medicinischen Schulen 4 und mehr 
Jahre professionellen Studiums nebst 3 und mehr terms of lectures, ungefähr die Hälfte 
aller Schulen 3 und mehr Jahre professionellen Studiums und 3 terms of lectures vor¬ 
schreiben. Weniger grosse Ansprüche machen nur 17% hauptsächlich in den südlichen 
Staaten. Die lectures sind Vorlesungen über die vorbereitenden, hauptsächlich naturwis¬ 
senschaftlichen Fächer. Ein professionelles Studienjahr umfasst 8 Monate, 5 im Winter, 
3 im Sommer und wird stricte eingehalten. Dazu kömmt, dass der Student als Lecturer 
(Leser) bei einem selbstgewählten Arzte einen grossen Theil seines Studiums zubringt und 
so ndanche höchst wichtige practische Belehrung findet, welcher er an einer Klinik nicht 
theilhaftig wird. Ich hatte nicht Gelegenheit, die Studien in den Colleges näher zu ver¬ 
folgen, dagegen konnte ich die Concurrenzarbeiten für die Spitalstellen einsehen und muss 
gestehen, dass die Leistungen sich unsem wohl nähern. Es ist meine feste Ueberzeugung, 
gewonnen aus manchen Beobachtungen, dass die wissenschaftliche Ausbildung des jungen 
amerikanischen Arztes, ohne die unsrige an Vielseitigkeit und Gründlichkeit zu erreichen, 
doch bedeutend besser ist, als man unter den gegebenen Verhältnissen anzunehmen ge¬ 
neigt sein könnte. 

Dazu kommt nun, dass der amerikanische Arzt in vorzüglicher Weise bestrebt ist, 
sich später mehr und mehr auszubilden. Davon zeugen die Hunderte von amerikanischen 
Aerzten, welche in Europas besten Kliniken arbeiten und allgemein als überaus strebsame 
Männer bekannt sind. Oft werden die Ersparnisse der ersten Jahre der Praxis zu diesem 
Zwecke verwendet. Noch zahlreicher sind Jene, welche alljährlich oder mindestens in 
längern Abständen mehrere Wochen in den Instituten in New-York, Chicago, Philadel¬ 
phia, Washington etc. ihre Kenntnisse erweitern. Es bestehen da^r in diesen grossen 
Centren sogenannte Post gradnate schools, also für solche berechnet, welche ihre Examina 
schon bestanden haben. Dieser Drang nach Vervollkommnung, dieses immer rege Interesse 
ist ein characteristischer Zug des amerikanischen Collegen. Woher kommt er wohl? Nicht 
zum mindesten mag der Umstand dazu beitragen, dass das relativ kurze Studium weniger 


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Uebersäitigung yerursacht. Sei dem nun wie ihm wolle, es ist unleugbare Thatsache, 
dass drüben eine grosse Anzahl vortrefflich gebildeter, auf der Höhe der modernen Wissen¬ 
schaft stehender Männer exisdrt. Ausserdem darf der europäische Einwanderer nicht 
vergessen, dass er unter der deutschen Bevölkerung, seinem gegebenen Wirkungsfelde, 
mit vielen früher eingewanderten, tüchtigen Collegen, welche deutsche Studien gemacht 
haben, zu concurriren hat. Trotz alledem wird es noch sehr vielen tüchtigen und aus¬ 
dauernden europäischen Aerzten gelingen, schöne Wirkungsfelder nebst gesichertem Ver¬ 
dienst zu erringen. 

Auch ist dort noch jeder tüchtige junge Mann willkommen als Hülfskraft, um den 
wissenschaftlichen Standard (das Ansehen) des Standes zu heben. Wie ist dies bei solcher 
numerischen Uebersetzung möglich? Die Antwort müssen wir wiederum in den allge¬ 
meinen Verhältnissen suchen. In erster Linie ist der Procentsatz der im Spital Verpflegten 
viel geringer als bei uns. So ist es mir z. B. in meiner Praxis, welche ich hauptsächlich 
in Arbeiterfamilien ausübte, nie vorgekommen, dass ich einen Patienten zur Pflege oder 
zur Vornahme einer grössere oder kleinem Operation in den Spital schicken musste. 
Dass dadurch ein schönes Feld besonders dem jungen Chirurgen eröflhet ist, brauche nur 
anzudeuten. Dazu kommt, dass, da die Bezahlung eine viel bessere ist. Niemand sich 
zu quantitativen Parforceleistungen veranlasst sieht. „Raum für Alle hat die Erde.^ 
Dies fühlt man dort allgemeiner und intensiver. 

Unter solchen Umständen ist es einleuchtend, dass auch das collegiale Verhältniss 
kein schlimmes sein muss, und wirklich kann man die Beobachtung machen, dass (ich 
rede stets nur von den respectablen Collegen, nicht von den zahlreichen Quacksalbern) 
der Verkehr stets gentlemanlike ist. Betreffs Uebernahme von anderwärts behandelten 
Patienten gelten ohne gedruckte Vorschriften so ziemlich die in der „Gesellschaft der 
Aerzte von Zürich^ stipulirten Regeln. Nicht seltene kurze Besuche im Sprechzimmer 
unterhalten die freundschaftlichen Beziehungen, während die Aerztegesellschaft, welche 
jeden Dienstag Zusammentritt, Gelegenheit gibt zum wissenschaftlichen Gedankenaustausch. 
Der zweite Act wird dabei allerdings stiefmütterlich behandelt und existirt nur durch die 
Unterstützung des deutschen Elementes. Es mag interessant sein, das Leben und Streben 
in dieser Gesellschaft kurz zu beschreiben. Obwohl unsera nachgebildet, bietet sie dennoch 
manche wichtige Verschiedenheit. Nach Vorweisung von Präparaten, nach kurzem Re¬ 
ferat über interessante Operationen oder Beobachtungen wird eine Arbeit verlesen, woran 
sich eine allgemein benützte, meist sehr interessante Besprechung anschliesst, welche durch 
zwei leaders of discussion (Discussionsanfübrer) eingeleitet wird. Diese allgemeine Dis- 
cussion wird dadurch ermöglicht, dass meist Themata von allgemeinem practischem Interesse 
gewählt werden, und dadurch, dass überhaupt Jeder nach Kräften sein Scherflein bei¬ 
steuert. Hat einer nichts Epochemachendes entdeckt, so hat er doch vielleicht aus einigen 
genauen Beobachtungen Schlüsse gezogen, welche er nun der Prüfung unterbreitet. 
Stimmt das Resultat mit demjenigen des Vortragenden überein, so verleiht er der Ueber- 
einstimmung verbindlichen Ausdruck; ist das Gegentheil der Fall, so wird in gewandter 
sachlicher Weise opponirt, und nie habe ich im Verlaufe solcher Discussionen persönliche 
Verstimmungen beobachtet. Jedes Mitglied wurde früher vom Comitö zur Mithülfe ver¬ 
bindlich aufgefordert. Die Themata sind für ein ganzes Jahr zum Voraus bekannt, wo¬ 
durch Jedem Gelegenheit gegeben wird, sich auf die Discussion vorzubereiten. Ich stehe 
nicht an, in solcher allgemeiner Discussion ein Hauptmoment für das fhichtbringende Ver- 
ständniss eines Vortrages und im Allgemeinen für die gewünschte Anregung solcher Zu¬ 
sammenkünfte zu erkennen. 

Neben diesem allgemeinen ärztlichen Verein wurde zu meiner Zeit eine neue Gesell¬ 
schaft, die „J. surgical society" mit beschränkter Mitgliederzahl gegründet, in welcher 
specifisch chirurgische Themata in kleinerm Kreise besprochen wurden. 

Hier ist es auch am Platze, Einiges über die Fachlitteratur zu sagen. Wo das 
Zeitnngs wesen zu solcher Entwicklung gelangt ist wie in Amerika, darf es auch nicht 


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wandern, wenn die medicinischen Blätter sehr zahlreich sind. Im Ganzen wird jedenfalls 
aach viel zu riel geschrieben. Ein Urtheil über den Werth der Publicationen abzugeben, 
liegt mir ferne; eines fällt aber sogleich auf: Weniger theoretische wissenschaftliche For¬ 
schung, mehr practische Belehrung und Anregung. Neben den amerikanischen Zeitschriften 
werden die deutschen und englischen viel gelesen und freut es mich hier mittheilen zu 
können, dass auch das Corresp.-Bl. f. Schw. Aerzte manchen warmen Verehrer hat. 

(Schluss folgt.) 




Schweiz. 

Selaweis« ITiilwersltiUen. Frequenz der medicinischen Facultäten 
im Wintersemester 1893/94. Aus dem Aus andern 





Canton 

Cantonen 

Ausländer 

Summa 

Total 




M. 

W. 

M. 

W. 

M. 

W. 

M. 

W. 


Basel 

Winter 

1893/94 

46 

2 

90 

1 

21 

— 

157 

3 

160^) 


Sommer 

1893 

48 

1 

84 

— 

19 

— 

151 

1 

152 


Winter 

1892/93 

48 

1 

86 

— 

23 

— 

157 

1 

158 


Sommer 

1892 

47 

1 

80 

— 

18 

— 

145 

1 

146 

Bern 

Winter 

1893/94 

78 

2 

69 

1 

25 

40 

172 

43 

215 


Sommer 

1893 

76 

— 

75 

1 

27 

45 

178 

46 

224 


Winter 

1892/93 

77 

— 

84 

2 

27 

57 

188 

59 

247 


Sommer 

1892 

64 

— 

77 

1 

23 

62 

164 

63 

227 

Genf ' 

Winter 

1893/94 

35 

2 

74 

— 

64 

65 

178 

67 

240*) 


Sommer 

1893 

30 

2 

64 

— 

78 

50 

172 

52 

224 


Winter 

1892/93 

32 

2 

69 

— 

83 

62 

184 

64 

248 


Sommer 

1892 

26 

1 

71 

— 

88 

47 

185 

48 

233 

Lanssnne Winter 

1893/94 

31 

— 

39 

— 

13 

21 

83 

21 

104*) 


Sommer 

1893 

25 

— 

33 

— 

20 

7 

78 

7 

85 


Winter 

1892/93 

28 

— 

40 

— 

16 

11 

84 

11 

95 


Sommer 

1892 

26 

— 

41 

— 

13 

1 

80 

1 

81 

Zttrieh 

Winter 

1893/94 

52 

1 

118 

2 

46 

71 

216 

74 

290") 


Sommer 

1893 

53 

2 

121 

2 

55 

64 

229 

68 

297 


Winter 

1892/93 

57 

2 

105 

2 

49 

60 

211 

64 

275 


Sommer 

1892 

60 

5 

103 

1 

59 

38 

222 

44 

266 


Total der Medicinstudirenden in der Schweiz im Wintersemester 1893/94 = 1009 
davon 643 Schweizer (1892/93 = 1023, davon 635 Schweizer). Ausserdem zahlt 
^) Basel; 5 Auditoren; ^ Genf: 9 Auditoren (1 weibliche) und 24 Schüler (1 weibliche) 
und 2 Auditoren der zahnärztlichen Schule; ^ Lausanne: 1 Auditor; ^) Zürich: 23 
Auditoren (4 weibliche). 

— Genf: Prof. M. Schiff, der berühmte Physiologe, beging am 24. Januar sein 
fünfzigjähriges Doctorjubiläum. Der Jubilar wurde in der Aula der 
Universität in grossartiger Kundgebung gefeiert. Den zahlreichen Gratulanten schliesst 
sich mit Wärme auch das Corresp.-Blatt an. 

— Die Aerzte, welche in nächster Zeit Genf besuchen, sollten es nicht versäumen, 
die laut Revue mödicale hochinteressante historische AasstoÜMg phamaccitisehea 
Prcdaktoi Hd Gcgcastiadea des Herrn B, Eeber sich anzusehen. (Geöffnet täglich 
von 1—4 Uhr bis zum 25. Februar im Gebäude der Uhrmacherschale.) 

— Das Biraeastorfer-Bitterwasser erhielt auch in Chicago (VH. internationaler 
pharmaceutischer Congress) wieder die goldene Medaille. Es ist unbegreiflich, dass 
wir jahraus, jahrein für ungezählte Tausende ausländische Bitterwässer bei uns einführen. 


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Dichtes Gewebe. 


während das eigene Land ein Product liefert, dessen Vorzüglichkeit das Ausland bei 
jeder Gelegenheit hervorhebt. Wir schweizerischen Aerzte sollten in Zukunft — dieser 
Thatsache eingedenk — das „naheliegende Gute^ mehr als bisher verwenden und nicht 
immer wieder, aus alter Gepflogenheit, die thenrern fremden Wässer verschreiben« 
— Dirchlissif GMalstrlmpfe. Es gibt Leute, welche bei der ge¬ 

ringsten Anstrengung oder bei etwas hoher Temperatur, z. B. im Sommer, unter den 
Gummistrümpfen gewöhnlicher Webeart in Schweiss gerathen, weil das gewöhnliche Ge¬ 
webe nahezu undurchlässig ist. Dadurch wird die Haut unter dem 
Strumpf wie gesotten und der Patient erhält durch den nassen 
Strumpf das Gefühl der Kälte. Nasse Gummistrümpfe trocknen ver¬ 
möge ihres dicken, undurchlässigen Gewebes bei gewöhnlicher Tem¬ 
peratur sehr langsam. Trocknet man sie aber z. B. am warmen 
Ofen, BO ziehen sie sich zusammen, werden enger und leiden auch 
sonst Schaden. 

Diesen Uebelständen beugt das durchlässige Gewebe vor, wie 
Durchlässiges Gewebe, es von der Gummi-Wirkerei Hofmann in Elgg (Zü¬ 
rich) hergestellt wird. Die Durchlässigkeit wird erreicht, indem die 
Gummifaden nicht so hart neben einander liegen wie beim gewöhn¬ 
lichen Gewebe. Es wird also bei dieser neuen Webeart von einem 
Faden zum andern ein kleiner Zwischenraum gelassen, der die Durch¬ 
lässigkeit bewirkt Nebenstehende Abbildungen veranschaulichen den 
Unterschied der beiden Gewebearten. Ich habe diese durchlässigen 
Gummistrümpfe wiederholt verordnet und bin damit nach jeder Rich¬ 
tung so sehr zufrieden, dass ich sie mit gutem Gewissen empfehlen kann. Sie werden 
nur nach Maas angefertigt, sind aber trotzdem nicht wesentlich theurer als die gewöhn¬ 
lichen, im Handel vorkommenden dicht gewobenen Gummistrümpfe. Be8tell-(Post-)Karten 
mit Massfigur und Anleitung zum Massnahmen können vom Fabrikanten gratis bezogen 
werden« J. Hartmmn, 




Ausland. 

— Der für April 1894 in München vorausgesehene XIII. Coigfress fir Inere Hedlda 
soll mit Rücksicht auf den vom 29. März bis 5. April 1894 tagenden internationalen 
Congress in Rom in diesem Jahre ausfallen und auf die Osterferien 1895 verlegt werden. 

— Bpilepsia tarda. Wenn auch die Epilepsie zu den Krankheiten gehört, welche 
weitaus in der Mehrzahl der Fälle in den ersten Deoennien des Lebens ihren Anfang 
nehmen, so sind doch die Fälle durchaus nicht selten, in welchen die ersten Anfälle der 
Krankheit erst im reifen oder sogar im vorgerücktem Alter auftreten. Der Zeitpunkt, 
wann die auftretende Epilepsie als eine tarda bezeichnet werden soll, ist allerdings ein 
willkürlicher; während Charcot und seine Schüler alle nach dem 30. Lebensjahre vor¬ 
kommenden Fälle als Spätformen bezeichnen, will Mendel die Grenze erst nach vollendetem 
vierzigsten Jahre ziehen. Dennoch konnte er unter 904 Fällen 53, d. h. 5,8^/o Beobach¬ 
tungen sammeln, bei welchen der erste epileptische Anfall nach dem 40. Lebensjahre auf¬ 
trat. Nach der Mendelhehsn. Statistik scheint das männliche Geschlecht öfter von Epilepsia 
tarda befallen zu werden (38 Fälle) als das weibliche (18 Fälle), während andere Autoren 
der entgegengesetzten Ansicht sind. Besonders interessant ist die Frage der hereditären 
Anlage. Einige Autoren bezeichnen diesen Factor als kaum in Betracht kommend, wäh¬ 
rend Mendel in etwa V« seiner Beobachtungen eine hereditäre Anlage bestimmt nach- 
weisen konnte. In einem Falle, in dem eine 41jährige Frau epileptisch wurde, litt die 
Matter an circularer Psychose, in einem anderen Falle einer 52jährigen Frau litten ein 
Bruder und ein Sohn an Epilepsie, ein im 52. Jahre epileptisch gewordener Mann hatte 
einen epileptischen Onkel, etc. Was die direct veranlassenden Ursachen anbetrifft, so 
hatte Mendel Gelegenheit einen Fall zu beobachten, bei welchem der so oft angegebene, 
aber ebenso schwer als veranlassendes Moment sicher nachzuweisende Schreck, unmittelbar 


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95 


Yon einem epileptischen Anfall gefolgt wnrde. Es handelte sich um einen 41 Jahre alten 
Maschinisten auf einem Dampfer, der durch einen unmittelbar bevorstehenden Zusammen- 
stoss mit einem andern Dampfer einen heftigen Schreck erlitt und eine Viertelstunde 
danach zwei typische epileptische Anfälle bekam. Nach einem Jahre trat der dritte und 
in den folgenden drei Jahren je ein Anfall auf. Irgend ein anderes ätiologisches Moment 
fehlte hier, auch hereditäre Belastung war nicht nachzuweisen. In anderen Fällen Hess 
sich das Ausbrechen der Erkrankung auf traumatische Momente, in zweien speciell auf 
chirurgische Eingriffe in Obren und Nase zuriiokfähren. Einen besondern Einfluss der 
Schwangerschaft und des Puerperiums konnte Mendel auf die Entwickelung der Epilepsia 
tarda nicht erkennen. Die nacbtbeilige Wirkung dieser Factoren besteht aber nicht desto 
weniger und ist bei vorhandener Disposition häuflg bei jüngeren Individuen erkennbar. 
Ans diesem Grunde schliesst sich Mendel dem Schlüsse Nerlinger's vollständig an, dass 
es „unberechtigt und höchst verantwortungsvoll ist, der epileptischen Frau zur Heirath 
zu rathen, geschweige denn, ihr Aussicht zu machen, auf Heilung ihrer Krankheit durch 
eine Schwangerschaft.^ Was den Verlauf der Epilepsia tarda anbetrifft, so ist er im All¬ 
gemeinen ein milderer und verhältnissmäasig selten so progredienter wie bei den meisten 
Fällen der jugendlicheu Epilepsie. Besonders scheint die Psyche bei Epilepsia tarda auch 
nach längerem Bestehen derselben weniger zu leiden, als bei der im jugendlichen Alter 
aufgetreten; Lehrer, Beamte, Kaufleute mit Epilepsia tarda konnten trotz öfter wieder¬ 
kehrender Anfälle ihren Beruf weiter ohne Störung ausfullen. 

(Deutsch, med. Wochenschr. Nr. 46, 1893.) 

— lieber Vaeelne. Trotz zahlreicher Versuche ist es bis dato den Bacteriologen 
nicht gelungen, den Vaccinekeim zu isoliren und auf künstlichem Nährboden zu züchten. 
Die verschiedenen als für die Vaccine specifisch beschriebenen Gebilde haben sich alle 
als Verunreinigungen erwiesen und mit keinem ist es gelungen, auf mehrere Generationen 
hinaus sicher Vaccine hervorzurufen. In einer jüngst in der Gesellschaft der Charitö-Aerzte 
gemachten Mittheilung berichtete Buttersack über die Resultate einer im kaiserlichen 
Gesundheitsamte ausgefiihrten Versuchsreihe zur Erforschung des Wesens des Vaccine- 
processes. Dass der Vaccinekeim im Pustelinhalt zu suchen ist, ist allgemein anerkannt. 
Die Lymphe ist aber im frischen Zustande vollkommen klar, was nicht der Fall sein 
würde, wenn darin Microorganismen von genügender Grösse und von einem der Lymphe 
verschiedenen Brechungsexponenten enthalten wären. Keime mit auch nur einem ähnlich 
grossen Lichtbrechungsexponenten könnten in grosser Zahl in der Lymphe enthalten, aber 
für uns nicht wahrnehmbar sein, so lange es nicht gelungen ist, dieselben entweder zn 
färben oder künstlich zu isoliren. Da die fraglichen Gebilde scheinbar gar nicht oder 
nur sehr schwer färbbar sind, bettete Buüersack seine Präparate zur Untersuchung in 
Luft, d. h. in ein Medium mit schwachem Brechungsexponenten ein. Mit Hülfe dieser 
Methode hatte schon früher Koch ungefärbte Geissein erkannt. B. untersuchte zunächst 
einige frisch geimpfte Kinder. In seinen Präparaten fand er constant ausgedehnte Netz¬ 
werke aus blassen Fäden. Die Fäden hatten überall die gleiche Breite, Hessen sich über 
weite Strecken verfolgen und enthielten in manchen Präparaten sehr zahlreiche ganz 
kleine, blasse, immer gleich grosse, theilweise in Ketten angeordnete Körperchen. 

Ein Vergleich mit dem klinischen Verlauf der Pustel lehrte bald, dass die Fäden 
in der wachsenden und vollentwickelten, die Körperchen in der in Rückbildung begriffenen 
Pustel vorwiegend vorhanden waren. Aus verschiedenen Impfanslalten wurden Trocken¬ 
präparate sowie Dauerlymphe von Kälbervaccinen untersucht, und immer fanden sich die 
erwähnten Körperchen in der Dauerlymphe, während die aus frischer Lymphe hergestellten 
Deckglaspräparate durchweg Fäden enthielten. Ausgedehnte Untersuchungen auf 100 
Kinder, sowie Impfversuche nnd Ueberimpfungen auf Kälber ergaben constant die gleichen 
Gebilde, so dass Verf. in denselben ein Characteristicum der Vaccinepusteln sehen will. 
Dass es sich dabei nicht um Fibrinfäden handelte, überzeugte sich Verf. durch einen 
Vergleich im Verhalten gegenüber den üblichen Fibrinreagentien. Ferner fehlten dieselben 


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constant bei allen anderen untersuchten Pusteln : Acnepusteln, Brandblasen, Exsudaten, 
Transsudaten und in aus normaler Haut Giessender Lymphe; dagegen fand er dieselben 
in verschiedenen Pockenfallen und zwar in frischen Fällen die Fäden, in weiter vorge¬ 
schrittenen die Sporen. Auf Kälber überimpft, lieferte das Yariolamaterial dieselben In¬ 
filtrationen mit denselben Fäden, wie die gewöhnliche Lymphe. 

(Deutsch, med. Wochenschr. Nr. 51, 1893.) 

— Neriaa Oleander ein Herztonicum. Die Oleander-Präparate wurden schon in 
den fünfziger Jahren besonders von französischen Forschern als wirksame Herzmittel em¬ 
pfohlen. Im Jahre 1885 isolirte Schmiedeberg aus dem Nerium Oleander zwei Glycoside, 
das Neriin und das Oleandrin, welche in chemischer sowie in pharmacologischer Hinsicht mit 
den wirksamen Digitalisglycosiden die grösste Aehnlichkeit zeigten. Eine eingehendere 
pharmacologische Prüfung dieser Präparate wurde jedoch bis zum heutigen Tage unter¬ 
lassen und dieselben haben auch keinen Eingang in der Praxis gefunden. Neuerdings 
untersuchte v, Oefele die Wirkung der Blätter, der Rinde und der Früchte des Nerium 
Oleander auf den Ereislanfapparat. Die Wirkung ist eine prompte und nachhaltige; der 
Puls wird langsamer, kräftiger und regelmässiger. Die Respirationsfreqnenz nimmt ab, 
die Diurese zu, bei gleichzeitiger Beförderung des Stuhlganges. Die peristaltikerregende 
Wirkung des Oleanders ist eine Contraindication zu seiner Anwendung bei bestehendem 
Erbrechen und Durchfallen. Als grosse Dose gibt v. Oefele Dosen an, die etwa 0,5 der 
Rohdrogue entsprechen, wie z. B. 5 gr. der Merck'schen Tinctur je ein bis zwei Tage 
zu nehmen. Mb kleine Dose rechnet er 0,05 — 0,1 der Rohdrogue. Nach ihm sind 
folgende Formeln zur Receptur empfehlenswerth: 

Rp. Tr. Nerii Oleandri Merck 10,0, Aq. Lauro cer. 1,0; zwei- bis dreimal täglich 
20 Tropfen in einem Elsslöffel voll Zuckerwasser. 

Rp. Pulv. fol. Nerii Oleandri 1,0, Pulv. flor. Sambuc. 1,0, Succ. Juniper. inspiss, 
q. s. ad pilul. No. XXX, D. 8. tgl. 3—5 Pillen. 

Rp. Fruct. Nerii Oleandr. exsiccat. conc. 1,0, Stipit. Spartii Scoparii 5,0, Aq. 
fervid. 100,0, Macer. per hör. dimid., cola, filtra, adde Aq. Menth, pip. 10,0. M. D. S. 
Stündlich ein Esslöffel. (Deutsch, med. Wochenschr. Nr. 45, 1893.) 

— Terpentia gefon Diphtherie ist vielfach empfohlen und von zuverlässiger Seite 
in seiner Wirkung sehr gerühmt. Allein der unangenehme Geschmack des Terpentinöls 
erschwert seine Anwendung; die Verabreichung in Kapseln aber, die sich erst im Magen 
lösen, widerspricht der Forderung, dass das Präparat in unmittelbare Berührung mit den 
erkrankten Geweben des Rachens kommen soll. Generalarzt Fröhlich empfiehlt nun in 
Nr. 51 der Münchner med. Wochenschrift eine Darreichungsform, welche bei der Ein¬ 
führung in den Mund keinen andern Geschmack zeigt, als den eines Zuckerplätzchens. 
Die 5 Tropfen Ol. tereb. enthaltenden mit leicht löslicher Zuckerhülle gebildeten Kapseln 
öffnen sich beim Lutschen an dem Gaumen oder während der Schluckpressung und er- 
giessen ihren Inhalt an die gewünschte Stelle, wo der Geschmack dann nicht mehr so 
unangenehm berührt, wie auf der Zunge. — Dr. Fröhlich empfiehlt als Yorbengungs- 
mittel im Hausgebrauche 3stündlich eine Kapsel nehmen zu lassen. — Bei Erkrankten 
sind 25 Kapseln täglich (5 gr. Ol. tereb.) das erlaubte Maass. Zu beziehen sind die 
Kapseln (Schachteln zu 24 Stück ä 75, zu 12 ä 40 Pfg.) durch Vermittlung der Apo¬ 
theken bei dem Erfinder, Herr Bücking, Conditor in Plauen. 


Brlerkasten. 

Besucher des Congresses in Rom: Die Firma Th. Cook & Son ist durch das Centralcomitd des 
Congresses beauftr^t, sich der Beschaffung von Unterkunft für die Congressbesucher zu unterziehen 
und Ausflüge um Kom, nach Neapel und Sicilien zu reducirten Preisen zu veranstalten. Wer noch 
nicht weise, wo er sein Haupt hinlegen soll, wende sich also an obige Firma. (Filiale in Luzern.) 

Verschiedene Correspondenten: Bitte um Geduld. Krankheitshalber blieb in den letzten 14 
Tagen Manches unerledigt. E, H, 

Scbweighauserische Buchdruckerei. — B. Schwabe, Verlagsbuchhandlung in Basel. 


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COREESPONDENZ-BLATT 


Erscheint am 1. nnd 15. 
jedes Monats. 

Inserate 

35 Cts. die gesp. Fetiizeile. 


fQr Preis des Jahrgangs 

Fr. 12. — für die Schweiz, 
Fr. 14.50 für das Ansland. 
* Alle Fostbnreanx nehmen 
Bestellungen entgegen. 

Herausgegeben von - 


Schweizer Aerzte 


I>i*. Ej. Hafftex* and T>r. A.. Ja-quet 

in Frauenfeld. in Basel. 


N! 4. XXIV. Jahrg. 1894. 15. Februar. 


lahAltt 1) OrlflBalarbAlten: Dr. Dr, Hotek: Zur Lehre tod der SehDerreBkrenznog heiBi MeBtekeB. — Prot Dr. 
Tmü: Beiinc lar Sennatbermtl* TeUnne. — 2) Verei neberiehke: Oeselleeheft der Aerste in Zfirieh. — Medicinieehe 
QtfelltcbBfl der SUdt Baeel. — 8) Befernte and KrülkeB: Dr. W. Mariig: Beitrige inr Chirurgie der OnUenwege. ~ • 
5. HBBtBBomslieB bei innem KmnkheiteB. ~ Paul Uifart: La pntiqne gjDdeolo^qne et obetmenle dee höpitenz de 

Pnrii. — Dr. A. Kükntn Die habituelle Obetipation. — Prof. Dr. A. «om Winiuanir: Die ohirargiaehoB KrankhelteB der Haut. 

» 4)CanteBale Correapond enzent Xedidniachea aua Anerika. ^ehluaa.) — 5) Woeh an be r ich t: Baael: Berufung 
TOB Dr. K B u mm ala Profeaaor. — Baael: Einweihung dea hrgienfachen Inatitutea. -> Pedometriaehe Meaaungen. — XI. internat. 
ned. Congreaa in Born. — Prof. BtUrofAf. —Prof. Frankiahä%uar — Prof. Dr. Äug, Hineh f. ^ XIIL Congreaa fhr innere Me. 
Sida. — 19. VeraaaiBilnng dea deutachen Vereina fhr öffanil. Geanndheitapfloffe. — Jahreeeongreaa der InroB* und NerrenArate 
ftraasda. ZuBge. — lAhnung Bach Aetherinjeetionen. — BromAUiyltodoofbll. — Aethertodeafhll. — Pathologie dea Mnakel- 
rhanmatiaBoa. — Zeraetinng dea Ohloroforraa. -- Verbreitung der anateokenden Krankheiten in AuatraHen. — Magenana* 
waaehuBgen gegenhartniekigeB Singultua. — Chareot-Denkmal. — 6)Hfilfakaaae ffir Soh weiter Aerate. — 7) Biblio- 
graphiaehea. 


Origfixial - A.z*l>eiteit. 

Zur Lehre von der Sehnervenkreuzung beim Menschen. 

Von Dr. Fr. Hasch. 

In der von Prof. Michel in Wfirzburg für das QerhardPatAie Handbach der 
Kinderkrankheiten bearbeiteten zweiten Abtheilung der .Krankheiten des Auges im 
Kindesaiter* (1889) lesen wir auf Seite 495: 

.Wie für das Thier, so erachte ich auch für den Menschen eine volbtandige 
Krenznng der Sehneryenfasem im Chissma als anatomisch nachgewiesen, wobei aber das 
Verhalten des Chiasma nnd des entgegengesetzten Tractns nach Enucleation eines Auges 
beim neugebornen Thiere nicht znr Entscheidung der Frage verwerthet werden kann, ob 
im Chiasma eine ToUständige oder unvollständige Kreuzung stattfindet Erst der gleiche 
operative Eingriff beim erwachsenen Thiere oder eine lange bestehende einseitige Phthisis 
bnlbi heim Menschen zeigt, dass die Erscheinungen der anfeteigenden Atrophie oder 
Degeneration dnrch das Chiasma hindnrch nur in den entgegengesetzten Tractns sich 
geltend machen, was eine vollständige Kreuzung im Chiasma voraussetzt.“ 

Man kfinnte leicht versucht sein zu glauben, dass diese so apodiktisch hinge* 
stellten Sätze den Standpunct der Mehrzahl der Anatomen und Pathologen kenn¬ 
zeichnen sollen, während doch in Wirklichkeit Michd hente so ziemlich isolirt mit 
seiner Auffassung dasteht 

Es schien mir daher am Platze, auch für weitere Kreise die Auffassung der 
Gegner einmal zur Sprache zu bringen und einige neue fdr dieselbe sprechende 
Thatsachen vorzuffihren. 

Vorher müge mir jedoch gestattet sein, an einige Uauptdaten ans der so sehr 
interessanten Geschichte des zuweilen vielleicht mit etwa allzu grosser Animosität 
geführten Streites zu erinnern. 

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Vor Galen glaubte man, dass beim Menschen die beiden Sehnerven sich im 
Chiasma vollständig kreuzen, ohne dass wir jedoch genauere Andeutungen besitzen, 
wie man sich diese Kreuzung dachte. 

Galen, Vesal, Varolius, Santorini u. A. nehmen, gestutzt auf einzelne Beob¬ 
achtungen, an, dass die Sehnerven im Chiasma sich einfach ohne Kreuzung an einander 
legen, indem die Fasern des rechten Tractus zum rechten, die des linken Tractus 
zum linken Auge verlaufen. 

Eine dritte Erklärung des Faserverlaufs im Chiasma wurde vertreten durch 
Caldani, Ackermann, Michaelis, Wenzel, Weher u. A., die eine nur theilweise 
Kreuzung der Sehnerven des Menschen u. zw. der inneren Bändel beobachtet haben 
wollten, während die äusseren Bändel jedes Tractus zum Auge derselben Seite verlaufen 
sollten. Auch der englische Physiker Wollaslon (1824), der selbst an vorübergehender 
Gesichtsfeldbeschränkung litt, trug viel zur Begründung dieser Lehre von der ,Semi- 
decussation* der Sehnerven bei. 

Eine durchgreifende Bedeutung gewann dieselbe jedoch erst mit Joh. Midier 
(1826), welcher sie zur Erklärung der Identität der Netzhaut zu verwerthen suchte. 
Nach seiner Ansicht sollte jede Tractusfaser im Chiasma sich in zwei Fasern theilen, 
von denen die eine nach dem rechten, die andere nach dem linken Auge gehen sollte, 
u. zw. in der Weise, dass sie auf correspondirende Netzhautstellen, also z. B. auf die 
Nasenseite des einen und auf die Schläfenseite des andern Auges treten sollten. 

Bald jedoch, nachdem schon Treviranus (1835) und Volkmann (1836) die ün- 
haltbarkeit dieser Theorie erkannt und sich für eine thmlweise Kreuzung, d. b. eine 
Kreuzung der innern Faserbändel des einen mit denen des andern Tractus ausge¬ 
sprochen hatten, trat auch J. Müller (1837) dieser Auffassung bei. 

Diese Theorie von der Semidecussation der Sehnerven im Chiasma, nach welcher 
nur die inneren Bändel beider Tractus sich kreuzen, das rechte also zum 
linken, das linke zum rechten Auge geht, während die äussern Bündel ungekreuzt 
zum gleichnamigen Auge verlaufen, blieb bis in die neueste Zeit die massgebende und 
allgemein anerkannte Lehre, namentlich als anch A. v. Gräfe auf Grnnd klinischer 
Erfahrungen rückhaltlos derselben beigetreten war. 

Dem gegenüber fanden denn auch die gegentheiligen Angaben von Biesiadichi, 
welcher 1861 für das Chiasma aller Wirbelthiere mit Einschluss des Menschen die 
totale Decussation behauptete, und trotzdem im Jahre 1871 auch Broum-SSquard auf 
Grund zahlreicher Durchschneidungen des Chiasma sich dieser Ansicht anschloss, 
wenig Beachtung, bis 1873 Mandelstamm und Michel, gleichzeitig und unabhängig 
von einander, auf anatomische Untersuchungen, ersterer auch auf an Kaninchen vor¬ 
genommene Versuche gestützt, wiederum die totale Kreuzung vertheidigten. Zn dem¬ 
selben Resultate gelangte im Jahre 1874 auch Scheel auf Grnnd vieler über sämmt- 
liche Wirbelthierklassen sich erstreckender anatomischer Untersuchungen. 

Dem widersprechen indessen für den Menschen und die hohem Sängethiere direct 
die Ergebnisse von Gudden (1874, 1875 und 1879). Während dieser Forscher fand, 
dass bei allen andern Thierklassen und auch bei den niedern Sängethieren, deren Ge¬ 
sichtsfelder getrennt sind, die Sehnerven sich vollständig kreuzen, kam er für die 
hühern Sängethiere (Hund, Affe) und den Menschen, deren Gesichtsfelder sich theil- 


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weise decken, zu dem Schlüsse, dass die Kreuzung eine unvollständige sei. Dieses 
Ergebniss wurde bekanntlich sowohl auf anatomischem Wege durch Anfertigung einer 
lückenlosen Beihe von Schnitten mittelst des Mikrotom als auch namentlich in sehr 
eleganter Weise auf experimentellem Wege erzielt. 

Diese v. Guddm'achen Versuche wurden seither von einer grossen Anzahl von 
Forschern, z. Th. mit neuen Methoden, wiederholt und führten meist zu gleichen oder 
wenigstens nur in Nebendingen abweichenden Resultaten. So schien denn die Hauptthese 
jenes Forschers sicher gestellt und allgemein adoptirt, als im Jahre 1887 Michel in 
einer glänzend ansgestatteten, reich illustrirten Monographie „über Sehnerven-Degene- 
ration und Sebnerven-Krenzung* seinen frühem Standpunkt von der totalen Kreuzung 
der Sehnervenfasern, auch für den Menschen, mit neuer Kraft und neuen Mitteln zu 
vertheidigen suchte. 

So viel über die Geschichte der Frage. Uns interessirt zunächst, wie sich die 
Sache wohl beim Menschen verhält, ob wir mit einiger Sicherheit oder doch Wahr¬ 
scheinlichkeit für den Menschen eine theilweise oder vollständige Durchkreuzung der 
Sehnervenfasern im Ghiasma annehmon müssen. 

Von der normalen Anatomie dürfen wir keine entscheidende Antwort erwarten. 

Die einzelnen Fasern sind ausserordentlich zart und beschreiben zudem in ihrem 
Verlauf allerlei Krümmungen, so dass es kaum müglich ist, sie auf ebenen Durch¬ 
schnitten mit hinlänglicher Sicherheit zu verfolgen. Auch der Weg, welchen Nicati 
eingeschlagen hat, war nicht ganz von dem erwünschten Erfolge begleitet. Zwar er¬ 
gaben ihm vergleichende Messungen von sagittalen und transversalen (vertical von 
rechts nach links durch die Gbiasmamitte hindurch geführten) Querschnitten des ge¬ 
härteten Ghiasma das Verhältniss von 1:3. Und doch glaubt Nicati selbst trotz 
dieses so auffallenden Unterschiedes nicht unmittelbar den Schluss ziehen zu dürfen, dass 
auf dem Sagittalschnitt weniger Fasern getroffen würden wie auf dem transversalen, 
dass also uogekrenzte Fasern vorhanden sein müssen. Es ist dabei eben zu bedenken, 
dass der sagittale Schnitt die Nervenfasern ziemlich genau senkrecht trifft, während 
sie auf dem Transversalschnitt sehr schief geschnitten werden. Ebenso wenig scheint 
mir die von Bemheimer angewandte, recht originelle Methode geeignet, die Gegner 
der Lehre von der Partialkreuzung zu überzeugen. B. studirte an menschlichen Em¬ 
bryonen verschiedenen Alters die Entwicklung der Nervenfasern im Ghiasma und fand 
die ersten Spuren der Markscheidenbildung in der 30. Schwangerschaftswoche. Doch 
gelang es ihm nie in solchen oder noch reifem Ghiasmen eine Markfaser in ihrem 
ganzen Verlaufe weder von dem Tractns in den gleichseitigen, noch in den gegen¬ 
überliegenden Sehnerven zu verfolgen. 

Da nun auch das Experiment hier nicht statthaft ist, so ruht eben unsere ganze 
Hoffnung auf den klinischen Beobachtungen, die gewissermassen als Experimente zu 
betrachten sind, welche die Natur selbst am Menschen vernimmt, und dann vor allen 
Dingen auf der pathologischen Anatomie. 

Von grosser Bedeutung in dieser Hinsicht sind zunächst die Fälle von Hemianopsie, 
bei welchen in Folge von Leitungsunterbrechung der centralen Sehuervenfaserung auf 
einer Seite nicht etwa Blindheit des der Läsion entgegengesetzten Auges eintritt, sondern 
ein Ausfall der dem verletzten Tractus (resp. dessen centralen Ausstrahlungen) ungleich- 


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namigen Gesichtsfeldhälften beider Augen. Diese Thatsache an sich dentet schon mit 
fast zwingender Gewalt darauf hin, dass ans jedem Sehnerven Fasern in beide Tractus 
übertreten, dass also im Cbiasma eine partielle Kreuzung derselben statthaben muss. 
Dem entg^en meint jedoch Michd, dass die Hemianopsie mit der anatomischen Frage 
einer unvollständigen oder vollständigen Kreuzung der Sehnerven im Cbiasma gar 
nichts zu thun habe. ,Die gleichseitige Hemianopsie aus centralen Ursachen ist eine 
physiologische Forderung, welche sich aus der Kreuzung der motorischen und sensiblen 
Bahnen für die KOrperhälften im Gehirn ergibt und sonach als die centrale Hemi¬ 
plegie oder Hemianästhesie beider Augen zu betrachten ist.* 

Diesem Einwand lässt sich am einfachsten begegnen, wenn es möglich ist, die 
von der lädirten Stelle ausgehende Atrophie der Nervenfasern durch das Cbiasma 
hindurch in die beiden Optici zu verfolgen. Es muss ja wohl, wenn die Hemianopsie 
lange genug besteht, eine ununterbrochene, centrifugal fortschreitende Atrophie sich 
ausbilden, die, sobald sie bis zum Auge vorgedrungen ist, dort mit Hülfe des Augen¬ 
spiegels zu constatiren sein wird. 

Nun sind aber solche ophthalmoscopiscbe Befunde von secundärer Atrophie an 
der Sehnervenpapilie noch sehr selten gemacht worden, offenbar weil es recht langer 
Zeit bedarf, bis dieselbe soweit vorgedmngen ist. Aus den Untersuchungen von 
V. Monakow (Corr. f. S. A. 1888 p. 348) geht sogar hervor, dass nach Zerstörung 
der Rinde eines Hinterhanptlappens — ziemlich häufiger Ausgangspunkt für Hemianopsie 
— die deutlich sichtbare Atrophie auf den zugehörigen Stabkranztbeil und die Gang¬ 
lienzellen der gleichseitigen drei primären Opticusganglien sich beschränkt und nicht 
weiter in die Peripherie sich verfolgen lässt. Diese Enttäuschung ist mir erst noch in 
allerletzter Zeit zu Theil geworden bei einer rechtseitigen Hemianopsie, welche im 
Jahre 1885 nach einer Apoplexie aufgetreten war. Die Gesichtsfelder blieben sich, 
wie wiederholt constatirt wurde, seither gleich. Am 4. Febr. v. J. starb Pat., 78 
Jahre alt, in Folge einer Himembolie. Als Ursache für die Hemianopsie ergab sich 
ein alter cystoider Erweichungsherd im linken Occipitallappen. Das mir gütigst von 
Herrn Prof. Bofh zur Verfügung gestellte Cbiasma wurde nach Mareki behandelt, 
zeigte jedoch ebensowenig wie die anhaftenden Stückchen der Tractus und Optici 
irgend welche Spuren von Degeneration. 

Nor ganz ausnahmsweise kommt es nachträglich doch noch zu sichtbaren Ver¬ 
änderungen am Tractus, Ghiasma und Sehnerv. Enies meint, dass es sich io diesen 
seltnen Fällen um ein Weiterkriechen eines degenerativen entzündlichen Processes 
bandle, der nach Zerstörung der Ganglienzellen auch die Sehnervenfaserendnetze in 
den primären Opticnsganglien ergreift und dann auch zur Entartung der Tractus- und 
Sehnervenfasern, weiterhin zu der der Ganglien der Netzhaut führt. 

Eher wird man dazu kommen, eine Atrophie des Sehnerven und der Papille 
nachzuweisen, wenn die Dmcknrsacbe, welche die Hemianopsie hervorgemfen hat, 
weiter nach vorn, besonders wenn sie in der Nähe des Ghiasma sitzt. Aber auch in 
diesen Fällen wird es ja oft genug geschehen, dass die Kranken sterben, ehe es zu 
intraorbitalen oder intraocularen Veränderungen gekommen ist Andrerseits mag daran 
auch Schuld sein, dass ein solcher Patient wohl noch lange Zeit am Leben bleibt, 
aber später nicht mehr mit dem Augenspiegel untersucht wird. Selbstverständlich 


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liegt dann nach dem Tode auch kein Anlass vor, die Sehnerven einer genaueren ana* 
tomischen Untersuchung zu unterziehen. 

Nun finden sich in der Litteratnr aber doch einige Beobachtungen vor, bei welchen 
die Atrophie wirklich mit Sicherheit über das Ghiasma hinaus in die Sehnerven ver¬ 
folgt werden konnte. 

Einen derartigen Fall habe ich im Jahre 1878 beschrieben: 

Bei einer nach Himapoplexie entstandenen linksseitigen Hemianopsie ergab nach 
3 Jahren die Section rechts hinter dem Thalamus eine grosse, bis ins Unterhorn 
reichende Höhle, die den grössten Theil des Hinterhauptlappens zerstört hatte. Der 
rechte Tractus und Opticus waren dünner als der linke. Microscopiscb bestand auf 
Querschnitten sowohl rechts als links unzweifelhafte Atrophie der centralen Bündel der 
Sehnenren. 

Leider standen damals die ausgezeichneten Methoden zur Färbung degenerirter 
Nervenfasern {Weigert^ Fol, Marchi) noch nicht zu Gebote. 

Sehr wichtig ist ferner eine Beobachtung von Siemerling (1888). 

Es handelt sich um einen Fall von gummöser Erkrankung der Himbasis mit Be¬ 
theiligung des Ghiasma. Im Leben wurde beidseits Atrophie des Opticus constatirt; links 
bestand totale Amaurose, rechts hochgradige Amblyopie und typische temporale Hemi¬ 
anopsie. Dem entsprechend zeigte sich der linke Tractus in seinem ganzen Verlauf bis 
einschliesslich der corp. geniculata und des pulvinar umgewandelt in einen Tumor, welcher 
weit auf die Umgebung übergegriifen hatte. Rechter Tractus, Ghiasma und beide Optici 
waren zum Theil syphilitisch infiltrirt, und zwar auf der linken Seite stärker, zum Theil 
atrophisch. — Für uns ist nun wichtig, dass sich im ganzen Verlaufe von der rechten 
Papille an bis zur Ausstrahlung des rechten Tractus im corp. geniculatum ein zusam¬ 
menhängender, dem ungekreuzten Bündel entsprechender Nerrenfaserzug verfolgen Hess. 

Am internationalen Ophthalmologencongress in Heidelberg (1888) machte Schmidt^ 
Rimpier folgende Mittheilung: 

Im Jahre 1882 bekommt ein Mann einen Hieb ron 4 cm Länge auf den Schädel 
und wird bewusstlos; als er wieder zu sich kam, bemerkte er eine linkseitige Hemianopsie 
am rechten Auge (das linke war blind seit dem 9. Jahre durch Verletzung). Es traten 
▼erschiedene Dimerscheinungen ein; auf der Ro^er’schen Klinik behandelt, wird ein Abs- 
eesa entleert; der Pat. wird gesund und ohne Lähmung entlassen. Anfang 1887 traten 
Erscheinungen von Phthisis auf; Pat. stirbt Ende 1887. — Die Hemianopsie war wieder¬ 
holt constatirt worden und vollständig gleich geblieben, wie sie Anfangs war; Sehschärfe 
stets normal; ophthalmoscopische Veränderungen mit Sicherheit nicht nachzuweisen. — 
Die Section des Gehirns (Prof. Marchand) ergab Zerstömng des rechten Hinterhaupt¬ 
lappens, entsprechend der Verletzung; sie liess nur den hintersten Theil frei. Gortical- 
masse und Hiramasse waren in Narbengewebe yerwandelt, der Hinterhauptlappen ge¬ 
schrumpft. Die Untersuchung des Opticus durch Querschnitte ergab am for. optienm eine 
atrophische Partie, die die untere Peripherie einnahm und sich mit sichelförmigen Enden 
hoch in die nasale, weniger in die temporale Hälfte des Nerven erstreckte. Nach Ein¬ 
tritt der Arterie schob sich ein Keil gesunder Nervenmasse zwischen die temporale Seite 
ein und verschob so die atrophischen Partien an die obere und untere Peripherie, wo sie 
auch nasalwärts Übergriffen. 

Auf einen letzten Fall, der als eigentliches „experimentnm crucis'^ darf ange¬ 
sehen werden, macht Wübrand aufmerksam. Weir^MitcheU (1889) erzählt folgende 
Krankengeschichte: 

Ein 45jähnger Mann batte seit etwa 5 Jahren über schwere Sehstörungen, Kopf¬ 
schmerzen, leichte Ermüdbarkeit und andere unbestimmte Cerebralbeschwerden geklagt« Die 


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Untersuchung der Augen (durch Thomson) ergab normales Yerhalten der Augenmuskeln, 
Iris etc., dann aber absolute Aneesthesie der nasalen Hälfte beider Netzhäute und Herab* 
Setzung der noch vorhandenen Sehschärfe ^nf ’/in ohne Stauungspapille und mit nasaler 
Papillenatrophie. Ohne wesentliche Aenderung — nur die Sehkraft nahm auf dem linken 
4uge allmälig bis auf ^/so ab — trat plötzlich Coma und Tod ein. — Die Section er¬ 
gab neben hochgradigem Hydrocephalus externus eine citronengrosse Cyste, die die Sella 
turcica zum Druckschwund gebracht und das Chiasma in der Medianlinie aus einander 
gesprengt hatte, so dass jede Verbindung zwischen dem rechten und dem linken Tractus 
opticus zerstört war. Jeder Tractus setzte sich nach vorne nur in seinem Antheil an 
dem gleichseitigen Nervus opticus fort. Die gekreuzten Fasern zum entgegengesetzten 
Sehnerven waren völlig geschwunden. Statt des Chiasma fanden sich also 2 dünne 
atrophische Nervenbündel, welche direct vom Tractus erst nach vorn und aussen zum 
Augapfel hin verliefen und die wie Tangenten den rundlichen Tumor an seinen Aussen- 
flächen berührten. Die genauere Untersuchung stellte dann noch fest, dass der Tumor 
durch ein Aneurysma gebildet war, das sich an einem abnormen Yerbindungsast, der 
unter dem ursprünglichen Chiasma von einer zur andern Carotis interna verlaufen war, 
ausgebildet hatte. — Die klinischen Symptome von Seiten des Sehorgans entsprachen, 
also vollständig dem anatomischen Befunde, der einem Durchschneiden des Chiasma in 
sagittaler Richtung zu vergleichen war. 

Ob unter den massenhaften Mittheilnngen über Hemianopsie, die in der opbthal- 
mologiscben Litteratur aufgespeichert sind, nicht noch weitere hieher passende Beob¬ 
achtungen zu finden wären, kann ich nicht sagen. Beim Durchgehen der verschiedenen 
Jahrgänge unseres Jahresberichtes konnte ich wenigstens keine weitem entdecken. 
Etwa übergangene Autoren mögen mich daher entschuldigen. Immerhin scheinen mir 
die citirten Beobachtungen mit Nothwendigkeit darauf hinzudeuten, dass die Partial¬ 
kreuzung der Sehnervenfasern im Chiasma des Menschen nun eben einmal als eine 
unerschütterliche Thatsache anzusehen ist. 

Von grösster Wichtigkeit für die Frage der Total- oder Partialkreuzung im 
menschlichen Chiasma sind dann noch alle jene Fälle, wo ein Auge zerstört oder er¬ 
blindet ist und das Leben noch längere Zeit angedauert hat. Wie bei Läsionen in 
den centralen Partien eine descendirende Atrophie der Sehnerven eintritt, die, wie wir 
gesehen haben, bis zum Auge fortschreiten kann, ebenso gibt die Zerstömng der 
peripheren Opticus-Enden Anlass zu einer aufsteigenden Entartung, nur dass dieselbe 
rascher und sicherer, im Allgemeinen um so rascher, je jünger das betreffende In¬ 
dividuum, über das Chiasma hinaus auf die Tractus übergreift. Diese ascendirende 
Degeneration der Sehnerven beginnt mit einem Schwund der Markhülle der Nerven¬ 
fasern und führt allmälig zu einem vollständigen Untergang der Nervensubstanz, so 
dass schliesslich nur noch das bindegewebige Gerüst der Nerven übrig bleibt. 

Dank den von Weigert und PcU einerseits, von Marchi und Algeri andrerseits 
in die microscopische Technik eingeführten Färbmethoden ist es uns nun möglich, alle 
degenerirten Nervenfasern mit Sicherheit von den normalen zu sondern. Bei der 
erstem wird bekanntlich die Markscheide der normalen Fasern intensiv blauschwarz 
gefärbt, während die degenerirten ungeftrbt bleiben und eventuell durch irgend eine 
Contrastfarbe nachträglich tingirt werden können. Umgekehrt bei der zweitgenannten 
Methode, welche die normalen Fasern fast ungeförbt (blassbräunlich) lässt, während 
die in Degeneration begriffenen durch zahlreiche, innerhalb der Markscheiden auf¬ 
tretende schwarze Tropfen deutlich sich abheben. 


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—. 103 


Es ist klar, dass mit Hülfe dieser Mittel jeweilen sicher sich wird entscheiden 
lassen, oh eine durch Leitiingsunterbrechang oder Zerstörung des einen peripheren 
optischen Endapparates hervorgerufene Atrophie sich nur in den einen oder in beide 
Tractus erstreckt. Durch die Qöte von Herrn Prof. Both und Dr. Dubler habe ich 
non in der letzten Zeit drei Chiasmata zur Untersuchung bekommen von Personen, 
welche früher schon von mir behandelt und zum Theil seit vielen Jahren auf einer 
Seite erblindet gewesen waren. Ehe ich auf diese Fälle näher eintrete, will ich auch 
hier die bisherigen einschlägigen Beobachtungen kurz erwähnen, so weit sie für unsere 
Schlussfolgerungen in Betracht kommen können. 

Die älteren Beobachtungen, über einseitige Opticusatrophie und deren Fort¬ 
pflanzung auf Chiasma und Tractus sind in ihrer grossen Mehrheit zu Gunsten einer 
Partialkreuzung gedeutet worden {Woinow 1875, Bonders 1875, Spritnon 1875, 
Plenk 1876, Sehmidt-IUmpler 1877, Mane 1877, Baumgarten 1878, Kellertnann 1879, 
Becker 1879, v. Gudden 1879, Ädamäck 1880, Burtscher 1880, Samelson 1881, 
Marchand 1882, Deutsehmann 1883, Burdach 1883.) Nur 3 Autoren (v. Biesiadecki 
1861, V, Mandaeh 1873, Popp 1875) neigen eher zur Annahme einer vollständigen 
Kreuzung der Sehnervenfasern. Doch muss diese Auffassung, wie übrigens v. Biesia¬ 
decki für seine Fälle sofort selbst zugesteht, nicht so ohne Weiteres getheilt werden; 
der mitgetheilte pathologische Befund beweist im Grunde eben bloss, dass der grössere 
Theil der Tractusfasern zum entgegengesetzten Nerven geht. Es bleiben dann noch 
zwei Fälle (Gowers 1878, Nieden 1879) etwas zweifelhafter Natur übrig; jedenfalls war 
kein Unterschied im Verhalten der beiden Tractus zu constatiren. Die Atrophie schien 
eben am Chiasma Halt gemacht zu haben. 

Diese sämmtliche Fälle sind noch mit recht unvollkommenen und trügerischen 
Hülfsmitteln (Färbung mit Carmin, Pikrocarmin, Zerzupfung u. dgl.) untersucht worden. 
Höchstens verdient hier KeUermann hervorgehoben zu werden, welcher ausser der 
Carminfärbung auch noch die Gold- und Osminmimprägnation versucht hat, ohne 
jedoch damit bessere Resultate zu erzielen, als mit der Carminbebandlung. 

Einzelne Forscher haben sich gar nur mit der Feststellung des macroscopiscben 
Verhaltens oder einer Messung und Vergleichung der Querschnitte der Optici und 
Tractus begnügt. Solche Untersuchungen haben selbstverständlich einen sehr bedingten 
Werth; die Verhältnisse liegen ja selten so klar, dass sie keinen Zweifel zulassen. 

Im Jahre 1884 wurde dann die vortreffliche Wei^erf’scbe Hsematoxylinmethode, 
von deren Leistungsfähigkeit und Wirkungsweise bereits die Bede war, in die histo- 
l(^sche Technik eingeführt und später von Pal in der bekannten Weise vereinfacht. 
Müdiel war der erste, welcher im Jahre 1887 in der schon erwähnten Monographie 
das neue werthvolle Hülfsmittel auf unsern Gegenstand anzuwenden suchte. Gleich 
wie aus seinen Thierversuchen glaubt er auch aus der Untersuchung von 4 mensch¬ 
lichen Chiasmata (3 Fälle von einseitiger Opticusatrophie, 1 Fall von einseitigem 
Anopbthalmus) auf eine totale Kreuzung sämmtlicber Tractusfasern schliessen zu 
müssen. 

Leider hat Michd nur an Horizontalschnitten untersucht oder wenigstens nur 
selche abgebildet, wovor schon Samelson gewarnt hatte, ,da sie gar zu leicht zu 
Täuschungen Anlass gäben*. 


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Die Schlussfolgerungen JMfcÄeTs sind seither von Bemheimer (1889), Geermak 
(1889) und Hebdld (1892), welche sich ebenfalls der Weigert'schen Methode bedienten, 
lebhaft bestritten und wohl auch widerlegt worden. Bemheimer fand bei Zerlegung 
eines Ghiasma mit inseitiger Sehnervenatrophie in Serienschnitte auf der untern 
Chiasmahälfte ganz dasselbe Aussehen, wie es Michd für das ganze Ghiasma beschreibt, 
während die Schnitte der obern Hälfte eben nur im Sinne einer theilweisen Kreuzung 
sich deuten lassen. Aehnlich meint Hebold^ dass Michel zu solchem Ergebniss ge¬ 
kommen sei, weil ,die Anwendung der horizontalen Schnittrichtung ihm die Thatsachen 
verdunkelt^ habe, während Querschnitte sofort das richtige Licht in die Sache ge¬ 
bracht hätten. Geermak endlich konnte sich ebenfalls an 2 Ghiasmen, wovon das 
eine horizontal, das andere quer geschnitten wurde, von der theilweisen Kreuzung 
überzeugen. 

So viel über die Litteratur. Bei dem noch immer etwas zweifelhaften Stand der 
Frage scheint es mir sehr erwünscht noch weitere, mit Hülfe der neuern Methoden 
durchgeführte Beobachtungen ins Feld führen zu können. 

Der erste Fall betrifft eine Frau Bless, bei welcher ich im Jahre 1888 recht¬ 
seitige Amaurose iu Folge Ton Glaucoma absolutum constatirt hatte. Im Oktober 1892 
starb Patientin im Alter von 70 Vs Jahren durch Himapoplexie. Wie lange das rechte 
Auge erblindet war, Hess sich nicht sicher nachweisen; jedenfalls handelt es sich um 
mindestens 4 Jahre. 

Schon bei macroscopischer Untersuchung zeigte sich der rechte Sehnerv auffallend 
dünner als der linke; der linke Traetns schmäler als der rechte.. 

Das Ghiasma wird sammt Sehnerven und Tractus in Müller'scher Flüssigkeit und 
steigendem Alcohol gehärtet, in eine Serie von Querschnitten zerlegt; letztere nach Weigeri- 
Pal behandelt und mit alcoh. Boraxcarmin nachgefärbt. 

Bechter Opticus ganz atrophisch und frei von jeder Nervenfaser; der linke durch¬ 
aus normal. 

In der Nähe des Ghiasma treten am untern (basalen) Rande des rechten Sehnerven- 
querschnittes einzelne, in der Längsrichtung getroffene, schwarz gefärbte, feine Nerven¬ 
fasern auf, während am linken Sehnerven die meisten Fasern quer getroffen sind. 

Noch näher dem Ghiasma hat der sichelförmige Streifen von Markfasern an Aus¬ 
dehnung etwas zugenommen, und zeigt beim Uebergang in das Ghiasma selbst einen 
ganz deutlichen Zusammenhang mit ebensolchen Fasern der linken Seite, indem dieselben 
in bogenförmigem Verlauf und mit nach dem Gehirn zu gerichteter Gonvexität von der 
linken zur rechten Seite binüberziehen. Dieses von links nach rechts die Mittellinie über¬ 
schreitende Bündel gut erhaltener Nervenfasern wird auf den folgenden Schnitten immer 
stärker, seine Fasern vertheilen sich auf dem ganzen rechten Querschnitte mehr und 
mehr, finden sich aber in der basalen Partie einstweilen noch reichlicher vor, als an 
andern Stellen. 

Zu Anfang ist am linken Querschnitt keine Abnahme zu bemerken. Weiter hinten 
jedoch tritt am basalen Rande des mittlern Theils eine bald auch von freiem Auge sicht¬ 
bare atrophische Stelle auf, die mehr und mehr an Ausdehnung wächst, während gleich¬ 
zeitig auf der rechten Seite des Querschnittes die Masse der normalen Fasern ganz be¬ 
deutend zunimmt. 

So kommt es, dass schliesslich der ganze linke Tractus, so weit er verfolgt werden 
kann, auffallend hinter dem rechten zurückbleibt. Wir sehen dann auf den letzten 
Schnitten den rechten Tractus (resp. die markhaltigen Fasern desselben) viel stärker ent¬ 
wickelt als den linken, etwa im Yerhältniss von 2:1. Von der Mittellinie her schiebt 
sich eine keilförmige, massig atrophische Partie zwischen die normalen Fasern hinein, 


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um sich gegen den lateralen Band allmllig zn verlieren. Am linken Traotus betrifft die 
Atrophie den ganzen medialen Theil des Querschnittes und namentlich auch den basalen 
Rand desselben. 

Ans den beschriebenec Präparaten scheint mir in unzweidentiger Weise hervor¬ 
zugehen : 

1) Dass die Fasern des einen Opticus in beide Tractns flbergehen; 

2) dass der gekreuzte Antheil die grossere Masse bildet; 

3) dass die Fasern des ungekrouzten Bändels im Tractus nicht ganz dicht ge¬ 

drängt bei einander liegen und eine keilfOrmige Figur bilden, die sich von der Mittel¬ 
linie her bis gegen den lateralen Band hin zwischen die normalen Fasern hineinschiebt, 
während das gekreuzte Bändel wesentlich den medialen Theil und den basalen Band 
einnimmt. • 

Ein ganz ähnliches Besultat ergab die Untersuchung des Cbiasma von M i n a 
Blum, welche mit 19 Jahren an Pbthisis starb, nachdem im 5. Jahre das linke 
Ange an Entzändnng zu Grunde gegangen und im 15. Jahre wegen grosser Empfind¬ 
lichkeit von mir enucleirt worden war. Oie Behandlung des Cbiasma war dieselbe 
wie im vorigen Falle. Bei der grossen Aehnlichkeit mit dem letztem ist es kaum 
nötbig, näher auf die Präparate einzugeben. 

In einem dritten Falle: Hans Vollenhals: Verlust des rechten Auges im 
12. Jahre dnrcb Pnlverexplosion; Tod im 37. Jahre an Pbthisis pulm., wollte ich das 
IfarcAt’sche Verfahren in Anwendung ziehen. Sei es nun, dass das Präparat nicht 
frisch genug oder die Degeneration der Nervenfasern schon zu weit gediehen war; jeden¬ 
falls entsprach das Besultat der Färbung nicht der von den Erfindern der Methode ge¬ 
gebenen Beschreibung. Die noch myelinhaltigen Theile nahmen eine blass graulichgrfine 
Färbung an, während die atrophischen Partien zunächst ungefärbt blieben und erst durch 
Boraxcarmin lebhaft roth tingirt wurden. Leider Hess sich nachträglich nicht mehr 
nach Pa/ färben, da es sich ja hier um Schnittfärbung handelt, bei der Jforcht’schen 
Methode aber schon die Stücke geförbt werden müssen. Immerhin war an den Schnitten 
doch die Hauptsache, die Trennung der normalen von den atrophischen Partien, zum 
Theil schon macroscopisch ganz gut zu sehen. 

Der rechte Opticus ist ganz atrophisch, auf dem Querschnitt durchweg roth gefärbt, 
auf ca. Ys der Dicke des linken reducirt. 

Schon gleich beim Uebergang ins Cbiasma treten auch rechts markhaltige Fasern 
auf, deren Masse mehr und mehr zunimmt, so dass sie in der Mitte des Chiasma auf 
beiden Seiten so ziemlich gleichmässig vorhanden sind. 

Jenseits des Chiasma zeigt sich die linke Seite, also der linke Tractus, merklich 
dünner als die rechte. 

Auch diese Beobachtung kann wohl nur im Sinne einer Partialkreuzung aufge¬ 
fasst werden, wenn es auch bei der blassen Färbung weniger leicht mäglich war, die 
verschiedenen Bändel auseinanderzuhalten, als dies bei den zwei ersten, nach Weigert- 
PtU gefärbten, der Fall war. 

Ich habe im Vorliegenden die sebOnen experimentellen üntersnebungen v. Oudden’s 
u. A. (von neuern Autoren seien namentlich Sitiger und Müneer angeführt) absichtlich 
unberücksichtigt gelassen, weil ich mir ja vorgenommen hatte, ausschliesslich am 
Menschen constatirte Befunde in Betracht zn ziehen. Dieselben scheinen mir denn 
auch — bei objectiver Benrtheilnng — vollauf genügend, um auf die Frage, ob 
partielle oder totale Kreuzung, eine unzweideutige Antwort zu geben. Weniger möchte 


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ich dies behaupten bezüglich der Frage nach der Verlaufsrichtung des gekreuzten 
und ungekreuzten Bündels im Tractus, über welche die einzelnen Forscher bedeutend 
von einander abweichen. Auch auf Grund meiner eigenen Beobachtungen wage ich 
nicht mich für die eine oder andere dieser Anschauungen zu entscheiden. Bis weitere, 
mit den neusten technischen Hülfsmitteln ausgeführte Untersuchungen vorliegen, möchte 
ich mich noch am ehesten der von Wübrand vertretenen Auffassung anschliessen, 
welche vorderhand die Möglichkeit von zahlreichen individuellen Varianten zulftsst. 


Beitrag zur Serumtherapie des Tetanus. 

Von Prof. Dr. Tavel, Born. 

Wie bekannt, ist nicht bei jeder Infectionskrankheit die Wirkungsweise des Heil* 
serums eine einheitliche. 

Beim Tetanus, bei der Diphtherie ist die Hauptwirkung eine antitozische, indem 
das Heilserum die Eigenschaft besitzt die vom Tetanus- resp. Diphtheriebacillus pro- 
ducirten Gifte im Körper zu neutralisireu oder auf den Organismus derart einzuwirken, 
dass dieser seinerseits den Einwirkungen der Bacteriengifte entgegenarbeitet. Die Ent¬ 
wickelung der Bacillen im Körper wird hingegen vom Heilserum nicht beeinflusst. 

Bei andern Infectionskrankheiten, wie z. B. beim Typhus, bei der Cholera, bei 
der Bacillus pyocyaneus - Krankheit findet nach Einführung von Heilserum eine Zerstörung 
der Bacterien statt, sei es auf statischem Wege, indem das Heilserum direct Bacterien- 
tödtend oder abschwächend wirkt, sei es auf dynamischem Wege, indem die Phagocytose 
angeregt wird. Eine Wirkung des therapeutischen Serums auf die von den Bacterien 
producirten Toxine fehlt, die Thiere sind nach der Sernmbehandlung dem Gifte gegen¬ 
über ebenso empfindlich wie vorher. Ist ein Thier einem Bacteriengifte gegenüber 
unempfindlich gemacht worden, so ist es giftfest, ist es aber gegen die Entwickelung 
der Bacterien im Körper geschützt, so ist es immun. 

Wie die Immunität kann auch die Giftfestigung vor oder nach der Bacterien- 
resp. Gifteinführung erzielt werden. 

Die Verhältnisse der Giftfestigung sind experimentell beim Tetanus am besten 
studirt worden. Man nimmt bei dieser Krankbeit an, dass die von den Bacillen pro¬ 
ducirten Gifte, ähnlich wie Fermente im Körper, gewisse Spaltungen bewirken, welch’ 
letztere erst die bekannten Intoxicationserscheinungen hervorrufen. Das Heilserum wirkt 
nur auf die Bacteriengifte, indem es ihre fermentative Wirkung hemmt oder die Bil¬ 
dung eines Antiferment veranlasst; die Spaltungsproducte des Giftes lässt es aber un¬ 
beeinflusst. Dies erklärt uns, warum die Wirkung des Serums nur während der 
Periode der Krankheit stattfindet, in welcher das Gift die toxischen Spaltungsproducte 
noch producirt; ist einmal diese fermentative Periode beendet oder sind schon zu viele 
toxische Spaltungsproducte producirt worden, so nützt die Serumbehandlung auch 
nichts mehr. 

Will man also die antitoxische Serumtherapie anwenden, so muss dieselbe früh 
d. h. so bald wie möglich nach Ausbruch der ersten Erscheinungen eingeleitet werden; 
nur unter diesen Umständen hat man die Aussicht, auch bei Fällen, die sonst tödtlich 
yerlaufeu wären, Erfolge zu erzielen. Die speciell aus Italien günstig lautenden Be- 


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richte über Semmbehandlung des Tetanus veranlasste auch uns, dementsprechend 
Thiere zu immunisiren, um die Serumtherapie gelegentlich anwenden zu können, und 
durch das Entgegenkommen der Inselspitaldirection konnten wir zwei Hunde beschaffen 
und verpflegen, die während des Sommersemesters 1893 immunisirt worden sind. 

Schon bald bot sich die Gelegenheit, die Wirkung ihres Heilserums zu prüfen. 

Am 15. September 1893 wurde das Kind A. A. wegen einer inficirten Wunde der 
Wange ins Spital Salem gebracht, wo ich es in Abwesenheit von Herrn Dr, Durmnt sah; 
anamnestische Details konnten erst später von der Mutter des Kindes in Erfahrung ge¬ 
bracht werden: 

Am 7. September wurde es auf dem Felde von einem jungen, nicht beschlagenen 
Pferde mit dem Hufe auf die linke Wange geschlagen. Pat. wurde zu Hause aus¬ 
gewaschen und am Nachmittag des gleichen Tages zum Arzte gebracht. Dieser legte 
nach Desinfection der Wunde drei Nadelsuturen an der Wange und eine an der Nase an. 
Am ersten Tage war das Allgemeinbefinden des Kindes gut, am folgenden trat Schwellung 
auf, die am 9. September noch zuuahm. Am 10. September wurden die Nähte weg¬ 
genommen, die Wunde war verklebt. Die folgenden Nächte schlief das Kind nicht. Am 
13. September hatte sich die Wunde wieder geöffnet, der Arzt wusch die Wunde aus 
und suchte die Ränder mit Heftpflaster zusammen zu bringen. Am 14. September be¬ 
merkte die Mutter, dass das Kind den Mund nicht mehr gut aufmachen konnte. Am 

15. ging es noch schlechter, der Aligemeinzustand war schlimmer, sehr starke Schwellung 
der ganzen linken Wange vorhanden. An diesem Tage wurde das Kind ins Spital ge¬ 
bracht, die Wunde antiseptisch gewaschen und Umschläge gemacht. Ich sah das Kind am 

16. September Abends und schob die Verziehung des Mundes und die Schwierigkeit beim 
Aufmachen desselben zuerst auf die sehr starke Schwellung der Wange; Krämpfe und 
Nackenstarre fehlten vollständig. Es wurde jedoch auf die Möglichkeit des Auftretens 
eines Tetanus aufmerksam gemacht. Am 17. Abends wurde mir berichtet, das Kind habe 
Zuckungen und Nackenstarre gehabt. 

Am 18. September Morgens wurde folgender Status notirt: Das Kind liegt in 
Rückenlage, den Kopf etwas nach rückwärts gebeugt, schwitzt sehr stark, ohne besonders 
roth zu sein, sieht nicht schlecht aus, athmet zeitweise ganz ruhig, zeitweise ziemlich 
mühsam, bewegt Arme und Beine ganz gut; die Augen sind halb geschlossen. Das 
rechte Auge wird beim Anrühren mit dem Finger ganz geschlossen, das linke nicht 
vollständig. 

Der Mund ist nach rechts verzogen, die Verziehung wird noch deutlicher beim 
Schreien oder Weinen. Auf Befehl wird der Mund etwas anfgemacht und die Zähne 
etwa 1 cm weit von einander entfernt. Bei der Untersuchung des Nackens findet man 
entschieden eine Muskelstarre, obgleich Pat. den Kopf- nach rechts und links drehen kann. 
Man bemerkt auch etwas Spannung im Platysma, während die Masseteren nicht stark 
contrahirt sind. 

Die Streckmuskeln der Wirbelsäule scheinen zeitweise etwas contrahirt zu sein, 
die Bauchwand ist gespannt, zeitweise bretthart, nicht eingezogen. Während Pat. schläft, 
bekommt er plötzlich Zuckungen und wacht auf, dabei sieht man einen ausgesprochenen 
Krampf im Gebiete des rechten untern Facialisastes, während im Gebiete des linken 
Fadalis keine Krämpfe entstehen. 

Ein Unterschied in den Pupillen fehlt, sie reagiren beide gut. Puls etwas unregel¬ 
mässig, 96 Schläge, sonst gut, Reflexe erhöbt. 

Die Wunde, deren Umgebung stark geschwollen ist, geht vom linken Nasenflügel 
quer durch die Wange. Ans derselben fliesst ein dünner Eiter. Beim Sondiren kommt 
man durch zwei Löcher in die Tiefe auf den blossgelegten Oberkiefer. Die Brücke 
zwischen beiden Löchern wird durchgeschnitten und die Wunde mit Jodoformgaze tam- 
ponirt. 


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Gleich nachher entsteht ein heftiger Krampfanfall, besonders im Gebiete des rechten 
Facialis, des Nackens nnd des Rückens; die Athmnng wird erst mühsamer und hört dann 
ganz auf, jedoch geht der von hochgradiger Cjanose begleitete, höchst bedrohliche £r- 
stickungsanfall bald vorüber, das Kind erholt sich wieder. 

Die anfänglich zwischen Meningitis und Tetanus etwas schwankende Diagnose wird 
durch diesen Anfall sicher gestellt und es wird gleich zur Bereitung des antitoxischen 
Serums geschritten. 

Im Laufe des Tages wurden sehr häufige Krampfanfalle und darunter einige sehr 
heftige Erstickungsanfälle beobachtet; das Schwitzen dauert fast ununterbrochen. 

Abends 1 gr Chloral; um 9 Uhr 8 com Heilserum subcutan. Temp. 36,9^, 
Puls 76. Die Nacht ist schlecht: das Kind hatte mehrere sehr heftige Anfälle. 

19. September. Temp. 37,4^, Puls 112. Das Schlucken geht etwas besser vor 
sich; 1 gr Chloral und lOccmSerum. 

Der Zustand ist derselbe wie gestern Abend: alle 5—10 Minuten ein leichter 
Anfall, wobei das Kind Schmerz äussert. Während des Anfalls bemerkt man neben der 
immer bestehenden leichten Starre im Gebiete des linken Facialis einen ausgesprochenen 
Krampf im rechten Facialis, so dass man das Bild einer linksseitigen Facialislähmung 
hat. Die Krämpfe erstrecken sich auf die untern Extremitäten, die gestreckt sind, mit 
Equinusstellung der Füsse, während die obem Extremitäten in den meisten Anfallen frei 
bleiben. Pat. klagt über den Bauch nnd die Masseterengegend. Abends: Temp. 37,2^, 
Puls 108. 1 gr Chloral, 7 ccm Serum. Die Nacht ist besser wie die vorige, nur 

zwei stärkere Anfälle. 

20. September. Temp. 37,5®, Puls 96. Die Umgebung der Wunde ist odematos 
und geschwollen: Chloroformnarcose, breite Eröffnung, Thermocauterisation, Jodtinctur- 
bepinselung, Salicylsäurepulververband, 5 ccm Serum. Während des Tages mehrere 
stärkere Anfälle; das fortwährende frühere Schwitzen wurde gestern nur während der An- 
fälle beobachtet und heute noch viel seltener. Abends: Temp. 36,8®, Puls 100. Chloral 
1 gr, 8 ccm Serum. Während der Einspritzung entsteht ein heftiger Krampfanfall 
mit Betheiligung der obem Extremitäten. Die Nacht war ziemlich gut, das Kind schlief 
viel. Zwei stärkere Anfälle. 

21. September. Temp. 37,6, Puls 120. 8 ccm Serum. Das Oedem der Wunde 

hat nicht zugenommen, die Wundränder fühlen sich immer noch derb an. Das Kind 
klagt immer stark über den Kopf, die Wangen und den Bauch, hat ausser den seltenen 
schwächem Anfällen im Laufe des Nachmittags drei stärkere Anfälle. Abends Temp. 
37,5®, Puls 124. 8 ccm Serum. Während der Nacht hat Pat. einen äusserst hef¬ 

tigen Krampfanfall mit Erstickung, Cyanose und kaum fühlbarem Puls. 

22. ^ptember. Temp. 37,1®, Puls 116, schwach. 8 ccm Serum. Pat. 
schläft während des Tages viel, hat weniger Anfälle, bekommt weiter Peptonclysmata 
mit im Ganzen täglich 2 gr Chloral; die Schwellung der Wunde hat abgenommen. 
Abends: Temp. 37,0®, Puls 104. 10 ccm Serum. Nacht ruhig, nur ein schwacher 
Anfall. 

23. September. Temp. 37,0®, Puls 116, besser. 8 ccm Serum. Während der 
Anfälle bemerkt man jetzt auch etwas Krampf im Gebiete des linken gelähmten Facialis; 
die Wunde hat sich unter Lysolvorband gereinigt. Abends: Temp. 36,3®, Puls 104. 
10 ccm Serum. Um 8 Uhr Abends und um Mitternacht Erstickungsanfälle, Nacht 
sonst ziemlich ruhig. 

24. September. Temp. 36,9®, Puls 124. 10 ccm Serum. Während des 
Tages keine stärkeren Anfälle. Abends: Temp. 37,1®, Puls 116. Peptonclysmata mit 
Chloral werden weiter gegeben. Pat. bat eine unruhige Nacht mit einigen nicht heftigen 
Anfällen. 

25. September. Temp. 37,0®, Puls 112. 10 ccm Serum. Das Kind ist 

unruhig, ohne starke Anfölle zu haben. Abends: Temp. 36,9®, Pnls 108. 10 com 


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Serum. Auch während der Nacht Unruhe; das Kind hat Schmerzen, jedoch nur einen 
Btärkem Anfall. 

26. September. Temp. 37,2**, Puls 124. Da an den Injectionsstellen die Haut 
cyanotisch aussieht und in der Umgebung eine erythematöse Röthung entstanden ist, 
werden die Seruminjectionen ausgesetzt. Der Allgemeinzustand sowie die Wunde sind 
übrigens besser, die Anfälle haben fast aufgehSrt, nur die Starre besteht weiter. 

Am 26. und 27. September hat das Kind öfters Nieskrämpfe, kann aber riel besser 
schlncken. Der Urticaria-ähnliche Ausschlag ist auch auf Brust und Ctosioht aufgetreten; 
die Injectionsstellen sehen am 27. September weniger cyanotisch ans. 

Am 28. September ist der ganze Körper von Urticariaflecken bedeckt, die oft rasch 
verschwinden und dann wieder anftreten. An diesem Tage werden noch zwei Krampf¬ 
anfälle beobachtet, von da ab keiner mehr. Das Kind kann jetzt ziemlich gut schlncken, 
es trinkt viel. Der weitere Verlauf bietet nur noch folgendes Bemerkenswerthe: Die 
Facialislähmnng verschwand erst gegen Ende Ootober. Anfangs Ootober sah das Kind 
ödematös und gednnsen ans, am Scrotnm ziemlich starkes Oedem, im Urin kein Eiweiss. 
Das Oedem verschwindet am 10. October. 

Am 12. October Temperaturerhöhung bis 38,5**, vom 14. bis zum 26. October 
abendliche Temperaturen zwischen 39,0 und 39,8** ohne Appetitstörung und ohne andere 
anfBndbare Ursache als vier kleine Abscesse der Kopfschwarte und des Halses, die theils 
incidirt wurden, theils spontan sich öfineten. — Das Kind wird am 7. November mit fast 
geheilter Wunde entlassen. 

Klinisch sind an diesem Falle folgende Punkte hervorzuheben; 

1) Die Inenbationszeit. Die ersten Erscheinnngen wurden von der 
Mutter am 14. September also 7 Tage nach der Verletzung beobachtet. Das Kind 
konnte den Mund nicht mehr gut aufmachen, die Schluckbeschwerden, die beim Ein¬ 
tritt am 15. von der pflegenden Schwester beobachtet wurden, bestanden wahrschein¬ 
lich auch schon damals; heftigere Krämpfe zeigten sich erst am 17. also nach 10 Tagen. 

Prognostisch ist die Incnbationszeit von sehr grosser Wichtigkeit; während nach 
Brvumer bei einer Incnbationszeit von 1—5 Tagen die Mortalität 907« beträgt, geht 
dieselbe bei einer solchen von 5—10 Tagen auf 707o herunter. 

Eine Incubation von 12 oder mehr Tagen sieht man bei den chronischen Fällen, 
die gewöhnlich in Genesung übergehen. 

2) Die Ausdehnung der tetanischen Starre gibt ebenfalls 
nach der Zusammenstellung von Bnmner wichtige Anhaltspunkte für die Prognose; 
die Zahlen zeigen, «dass die Aussichten dort sich besser gestalten, wo die Krämpfe 
localisirt bleiben*. Bezüglich dieses Punktes wäre nun unser Fall prognostisch als 
ein schwerer zu bezeichnen gewesen, da schon am 18. die Krämpfe ganz allgemein 
geworden waren und zwischen den Anfällen eine beständige Rücken- und Banebstarre 
bestand. 

3) Die Facialislähmnng, die beim Kopftetanns häufig beobachtet wird, 
zeigte hier folgende Eigenthümlichkeiten: Zwischen den Anfällen, wenn das Kind ganz 
ruhig lag oder schlief, konnte im Gebiete des rechten Facialis keine Starre constatirt 
werden; der linke Mundwinkel stand aber etwas weiter unten als der rechte und die 
Lippen schienen links etwas starr zu sein, welche Eigenthümlichkeiten vielleicht nur 
auf die starke Schwellung der Wange znrückzuführen sind. 

War das Kind nicht sehr ruhig, so entstand im Gebiete des rechten Facialis 
eine tonische Starre, die eine deutliche Verziehung des Mondes nach rechts bedingte. 


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Während den stärkeren Anfällen war die Verziehung eine sehr starke; erst später, 
nämlich am 23. September, wurde im Gebiete des linken -Facialis eine positive Starre 
während der Anfölle beobachtet. 

Die Lähmung des Sphincter palpebrarum konnte an den 2 ersten Tagen sicher 
constatirt werden, später war die cedematöse Schwellung zu stark, um darüber artheilen 
zu können. 

Sehr schön war die Lähmung des unteren Facialisastes am Verhalten des Mnsc. 
mentalis zu beurtheilen, da nur links Einziehung der Haut des Kinns beobachtet 
wurde. 

Die Facialisläbmung gibt speciell beim acuten Eopftetanus eine ungünstige 
Prognose. Klemm zählt unter 16 mit Lähmung complicirten, acuten Fällen nur ein¬ 
mal Genesung, während von 6 chronischen Fällen der Art keiner letal endete. (C. 
Brunner: Beiträge zur klin. Chirurgie, Bd. X, 309.) AWert, der allerdings die Fälle 
nicht in acute und chronische theilt, gibt eine viel günstigere Prognose; die Mortalität 
beläuft sich auf ungefähr 58VO. 

4) Die Dysphagie ist bei Eopftetanus eine häufige, aber nicht immer vor¬ 
kommende Erscheinung; in unserem Falle traten die Schlingbeschwerden sehr früh auf 
und dauerten so lange wie die Erampfanßdle. Bis zum 20. September konnte Pat. 
mit Mühe noch Milch, Bouillon und Wasser trinken, von da an bis zum 27. nur noch 
hie und da etwas Wasser, was uns zur künstlichen Ernährung per rectum zwang. 

5) Die asphyktischen Anfälle müssen, glaube ich, auf einen Olottis- 
krampf zurückgeführt werden. Zwischen den Anfällen war die Atbmung von normaler 
Frequenz, oft aber sehr mühsam ünd zwar ging die Erschwerung der Athmung parallel 
mit der Starre der Banchwand. 

Während des asphyktischen Anfalles, der gewöhnlich ganz plötzlich eintrat, 
konnten die Respirationsanstrengnngen und Bewegungen des Brustkorbes sehr gut con¬ 
statirt werden, es ging aber keine Luft durch die Glottis. Bei dem Nachlassen des 
Anfalles giug zuerst einige Male Luft. langsam mit zischendem Geräusch wie beim 
Croup durch und erst nach und nach wurde die Respiration wieder normal. Die Be- 
theiligung der Respirationsmukein wird stets und allerseits als ein ungünstiges Zeichen 
quoad eventum betrachtet. 

6) Auf eine in nnserm Falle speciell auffällige Erscheinung möchten wir noch 
aufmerksam machen: das Schwitzen. Man nimmt im Allgemeinen an, dass diese 
Function parallel mit der Muskelarbeit einhergeht, was in unserm Falle nicht ganz 
zutraf, bewiesen dnreh den Umstand, dass das Schwitzen am Anfang der Krankheit, 
zu einer Zeit, wo die Krämpfe sich noch nicht eingestellt hatten, am stärksten be¬ 
obachtet wurde; seit dem Eintritt ins Spital wurde das beständige Schwitzen von der 
pflegenden Schwester hervorgehoben. Am Tage nach dem Beginn der Serumbehand¬ 
lung wurden freie Intervalle beobachtet und am 20. hatte das Schwitzen fast ganz 
aufgehört. 

7) Eine andere Erscheinung muss auch in causale Verbindung mit der Serum- 
therapie gebracht werden, wir meinen das Auftreten der Urticaria, die schon 
von verschiedenen Autoren beobachtet worden ist. Es ist interessant, zu constatiren, 
dass mit dem Auftreten derselben die tetanischen Erscheinungen bis auf eine leichte 


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Muskelstarre fast verschwanden; speciell wurde zu dieser Zeit eine Besserung des 
Schlingaktes beobachtet. Die grosse Unruhe des Kindes während der zwei ersten 
Tage wird wohl mit dem Auftreten des Ausschlages Zusammenhängen. 

Bakteriologisch ist folgendes zu bemerken: 

1) Im Eiter der Wunde konnten keine Tetanusbacillen gefunden werden. 
Nach meiner Erfahrung sind dieselben in den meisten Fällen sehr schwer zu finden. 
Ich habe im Laufe der letzten Jahre bei 10 Fällen von Tetanus nach Bacillen ge¬ 
sucht und nur in einem einzigen ein positives Resultat bekommen, da allerdings in 
ziemlich grosser Anzahl. 

Eine mit dem Eiter am 19. geimpfte Maus blieb gesund. Dies beweist jedoch 
durchaus nicht, dass der Tetanus nicht von dieser Wunde ansgegangen ist, sondern 
nur, dass zu dieser Zeit die Bacillen schon abgestorben und das Gift resorbirt war. 

2) Der Urin des Pat. wirkte auch in einer Dosis von 10 ccm subcutan einem 
Kaninchen eingespritzt nicht toxisch. 

3) Die antitoxische Kraft des angewendeten Serums konnte wegen Mangels an 
Mäusen nicht gleich festgestellt werden; eine nachträgliche Untersuchung mehrere 
Tage nach Beendigung der Behandlung ergab noch eine antitoxische Wirkung bei 
Mäusen nach Impfung von 1:500000 des Körpergewichtes also mit einer Dosis von 

25 ^ 

Das Serum desselben Hundes konnte einige Wochen später sofort nach der Ent¬ 
nahme genauer untersucht werden und ergab einen viel stärkeren Giftfestigungswerth, 
da eine Maus nach Präventivimpfung mit einer Dosis Serum von 1:1000000 des 
Körpergewichts die doppelte minimale tödtliche Tetannsgiftdosis vertrug und nur einen 
localen einseitigen Tetanus bekam, was nach der Berechnung von Bering einem Im- 
munisirungswerth des Serum von 1:2000000 entspricht. Berechnet man nach den 
Untersuchungen von Bering an Mäusen die zur Heilung des Tetanus nöthige Anti- 
toxindosis nach Ausbruch der Krankheit, so sieht man, dass eine tägliche Dosis von 
20 ccm eines Serums mit 1 :2000000 Immunisirungswerth (resp. 40 ccm des Normal¬ 
serum 1: 1000000) nöthig ist, um ein Thier von 20 kg vor dem sicheren Tod zu 
retten. Unsere Dosen waren allerdings etwas weniger stark, jedoch genügend, da das 
Kind, dem Alter entsprechend, ungefähr 16 kg gewogen haben muss. 

4) Die Zubereitung des Serums geschah folgenderweise: Unter 
leichter Cbloroformnarkose wurde .unter Assistenz des Herrn Dr. Krumiein, Assistent 
des Instituts, ans der Femoralis des Hundes Blut entzogen und in sterilisirte Glas- 
cjlinder aufgenommen. Nach einer Viertelstunde wurde das Coagulum vom Rande 
des Glases abgelöst, das Blut während 1 Stunden centrifugirt und alsdann das oben 
abgeschiedene klare Serum in sterile Reagensgläschen vertheilt. 

Diese uns von Herrn Professor Drechsel empfohlene Methode der Sernmge- 
winnung ist ausserordentlich bequem, indem sie in sehr kurzer Zeit ein absolut klares 
und helles Serum liefert; wartet man nicht lange genug die vollständige Ausbil¬ 
dung der Goagulation vor dem Centrifugiren ab, so bekommt man allerdings ein 
mit Blutfarbstoff geßrbtes Serum, das oft noch nachträgliche leichte Gerinnselbildun¬ 
gen zeigt. 


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Aus einem einzigen Falle ist selbstverständlich die Wirkung der Serumtherapie 
des Tetanus nicht zu beurtheilen, um so mehr als man weiss, dass der Tetanus oft 
auch spontan oder mit den sonstigen therapeutischen Massnahmen heilt. 

Die experimentellen Versuche sprechen aber ganz entschieden ffir die Zweck* 
mSssigkeit dieser ätiologischen Therapie, indem es nach Darreichung einer 
sicher tödtlichen Tetanustoxindosis mit keinem anderen Mittel gelungen ist, ein Thier 
zu retten, während das Heilserum in der nöthigen Quantität und zur rechten an¬ 
gewendet, ganz sicher lebensrettend wirkt. 

Die Serumtherapie des Tetanus wirkt wie Eingangs gesagt nur auf das Tetanus- 
gift nicht aber auf die toxischen Spaltungsprodncte desselben im Körper; ausserdem 
beeinflusst die Serumtherapie in keiner Weise die localen Wund Verhältnisse, noch die 
allgemeinen Erankheitserscbeinungen, sie schliesst also, wie ich hier noch ausdröcklich 
betonen möchte, weder die locale Therapie, noch speciell die symptoma¬ 
tische Therapie, die sie nicht ersetzen kann und will, aus. 

Einen zweiten Fall von acutem, allgemeinem traumatischem Tetanus, hatte ich 
Gelegenheit, dank der Freundlichkeit meines Collegen Herrn Prof. SahU^ auf seiner 
Abtheilnng mitzuheobachten und ebenfalls mit Antitoxin zu behandeln; wir werden 
später über diesen ebenfalls in kurzer Zeit zur Heilung gebrachten Fall zu berichten 
Gelegenheit nehmen. 


'Vei*eiiä8l>eiriolit;e. 


Gesellschaft der Aerzte in ZDrich. 

3. WlatereltzMf, dea 9. Deeeaiber 1893, iai Hireaal der eUrarg. KUalk.') 

Präsident: Prof. Haah, — Actuar: Dr. Cmrad Brunner. 

I. Prof. Krönlein: Demnstnitltnen. 

1) Fall Yon Meningooele spuria traumatica. Bei dem jetzt Ijährigen 
Jungen entwickelte sich bald nach der Geburt, die unter Anwendung der Zange erfolgte, 
ein langsam wachsender fluctuirender Tumor am Occipnt. Der Tumor ist also nicht 
congenital, und dieses anamüestisch festgestellte Factum sichert vor Allem die gestellte 
Diagnose. Bei der vorgenommenen Punktion entleerte sich eine wasserhelle Flüssigkeit 
Ton characteristischer Beschaffenheit. Der Tumor füllte sich bald von Neuem. Prof. Krön¬ 
lein erinnert daran, dass der erste derartige Fall von Bülroih beschrieben worden sei 
und dass Dr. Kappeier in Zürich 13 derartige Beobachtungen io seiner Dissertation zu¬ 
sammengestellt habe. 

2) Fall von congenitalem Carcinom der Halsgegend. Bei einem Jungen 
von 1 Jahr und 3 Wochen zeigte sich hinter der Clavicula ein wallnnssgrosser Tumor, 
der namentlich beim Schreien Stridor und Dyspnos verursachte. Dieser Tumor wurde 
durch eine schwierige Operation exstirpirt; es verlief über die Geschwulst die Carotis. 
Die microscopische Untersuchung stellte die Diagnose auf Carcinom. 

3) Fall von Oesophagotomie wegen Fremdkörper zum 2. Mal an dem 
nämlichen Pat ausgeführt. Die 1. Operation wurde von Dr. Fritzsche in Glarus wegen 
eines im Oesophagus stecken gebliebenen Knochenstückes ausgeführt. Diesmal verschluckte 
Pat. ein grosses Stück zähen Kuhfleisches, welches sich so fest einkeilte, dass die Ent¬ 
fernung auf anderem Wege unmöglich wurde. Die Operation wurde am 21. November 
1893 ausgeführt. Die Heilung erfolgte ohne jede Störung. 

') EiDgeganges 27. Januar 1894. Bed. 


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4) Fall von Herniotomie und Darmresection wegen Hernia cruralis 
incarcerata mit Gangrsen des Darmes. Vollständig glatte Heilung. 

5) Fall von Hernia inguino-properitonealis der linken Seite 
mit Verlagerung des Coecums sammt proc. vermiformis und 
Perforation des letztem. Herniotomie. Eine bisher wohl einzig da¬ 
stehende Beobachtung. Bei der vorhandenen ciÄumscripten Peritonitis war anfangs der 
Heilverlauf mit Fieber verbunden; die Patientin genas aber vollständig. Prof. Krönkin 
theilt mit, dass sich in den letzten Jahren die Mittheilungen über H. properitonealis sehr 
gemehrt haben und dass jetzt die Fälle durch die Operation meistens geheilt werden, 
während früher fast alle starben, da man nicht im Stande war, die Diagnose zu stellen. 

6) Fall von Laparotomie wegen Peritonitis nach Contusion des Abdomens 
durch Fall. Die Operation wurde in Abwesenheit von Prof. Krönlein durch Dr. Schlatler^ 
Secundararzt, ausgeführt; dabei entleerte sich eine grosse Menge von Eiter und zersetztem 
Blut. Es ist anzunehmen, dass die eitererregenden Microorganismen hier die durch das 
Trauma leedirte Darmwand passirten und im günstigen Nährboden des Blutergusses sich 
vermehrten. Die Heilung nach der Operation erfolgte sehr rasch. 

7) Stichwunde der Bauchwand mit Darmprolaps und 
Darmverletzung. Die prolabirten verletzten Darmschlingen wurden in richtiger 
Weise vom zuerst gerufenen Arzte nicht reponirt, sondern es wurde von demselben die 
Stichwunde des Darmes durch eine Naht verschlossen, und über den vorgelagerten Darm 
ein Verband angelegt. Dr. SchlaUer nahm eine gründliche Desinfection vor, legte an 
den Darmwunden neue Nähte an und reponirte. Die Heilung erfolgt^ glntt. 

Discussion: Prof. Haah frägt den Vortragenden an, ob das Kind mit dem 
congenitalen Carcinom schon vor der Operation eine Verschmälerung der Lidspalte ge¬ 
zeigt habe. Prof. Krönlein bejaht diese Frage. 

II. Dr. Eingier ; Hysterfseiier HiIIshis seil 15 Mtnaleii* (Autoreferat.) X... zwölf- 
iähriges chlorotiscbes Mädchen, machte bis zum 6. Jahre eine Lungenentzündung, die Maseru 
und eine diphtheritische Mandelentzündung durch. Von letzterer Krankheit an delicater Zu¬ 
stand ihres Nervensystems; sie erschrak wegen nichts, war ungewöhnlich empfindlich. Vor 
20 Monaten starb ihr Vater, dessen Tod sie sehr angriff und ihre Erregbarkeit steigerte. 
Bald nachher verschiedene, ihr Nervensystem erschütternde Begebenheiten. So wurde in 
einem Nachbarhause eine Katze (die sie sehr liebte) zum 2. Stockwerk hinausgeworfen. 
Pat. kam dadurch in nervöse Bewegungen, Zittern, Angstanfälle und fand erst nach und 
nach ihre Sprache wieder; von da an schnell Emotionen und Schrecken. Einige Wochen 
nachher sagt man ihr, ein Hund hätte ihrem Bruder das Ohr abgefressen, wodurch sie 
in eine Krise von Krämpfen und Zittern kam, wie gelähmt war. Niemanden mehr er¬ 
kannte; sie kam nur langsam zu sich und hatte ihre Sprache vollständig verloren. Von 
da an starke Aufregung, empfindliche, gereizte Stimmung, oft Anfälle von Zittern und 
Krämpfen. Durch Douchen und dreimonatlichen Landaufenthalt einige Besserung und 
Kräftigung, doch keine Sprachföhigkeit. Mit der Zeit kam sie dazu, sich für den Um¬ 
gang mit ihrer Mutter und Geschwistern ein kleines Wortregister zu bilden und etwa 
19 sinnlose Worte deutlich auszusprechen. Dieselben sind z. B. mamandre für maman, 
aouhad = moi-möme, dog = monsienr, dog aouhad = son frere, hue = joli, hue 
es^dre = Dien etc. Das einzig richtige Wort „rester**, dessen sie sich bedienen konnte, 
hatte sie in einem Momente von Angst wieder ergriffeu. 

Pat. kam drei Tage vor Weihnachten 1892 in die suggestive Behandlung und ver¬ 
fiel in erster Sitzung in tiefen Somnambulismus. Da die Versuche, sie in der Hypnose 
sprechen zu machen, fehlschlugen, so gab ich ihr die Suggestion ä echeance, dass sie 
vom Neujahr an wieder sprechen könne. Während der Nacht auf Weihnachten brannten 
ihrer Wohnung gegenüber zwei Häuser nieder. Als ich nach ca. Ys Stunde zu ihr 
kam, war sie in grosser Aufregung und hatte starke Anfälle von Zittern. Ich Hess sie 
ins Bett bringen, schloss ihr die Augen und befahl ihr zu schlafen bis nächsten Mittag 

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und vom Brande nichts mehr zu wissen. Andern Tags schlief sie nach 12 Stunden noch 
ganz ruhig, und erweckt hatte sie keine Ahnung mehr von dem Vorgefallenen. Ohne 
den verlängerten Schlaf hätte der Zufall höchst bedenkliche Folgen haben können. Schon 
am Sylvester brachte ich die Pat. dazu, erst zögernd, dann deutlich alles nachzusprechen 
und bald auch Antworten zu geben. Als ich ihr aber ein Wort, das sie nicht nach¬ 
sagen konnte, aufschrieb, nahm ich wiÄr, dass sie nicht lesen konnte und bei weiterer 
Prüfung zeigte es sich, dass sie weder Buchstaben noch Zahlen kannte und ich ihr auch 
das Lesen sowohl, als das Schreiben einüben musste. Die Einübung von Sprechen, Lesen 
und Schreiben nahm etwa zwei Stunden in Anspruch. Am Neujahrstage erwachte sie 
freudig und es war eine günstige Umstimmung in ihrem Wesen wahrnehmbar. Nach 
einer Woche trat sie, leider zu früh aus der Behandlung; zur vollständigen Beruhigung 
ihrer Nervosität hätte diese etwas länger dauern sollen, obwohl es ihr seither gut geht. 

Man nahm gewöhnlich mit Charcot^) an, dass der hysterische Mutismus eine rein 
motorische Aphasie der Sprache sei und sich sowohl durch ihre Vollständigkeit als auch 
durch ihren absoluten Character auszeichne, indem der Patient nicht etwa auf den Ge¬ 
brauch einzelner Worte eingeschränkt, sondern vollkommen sprach- und selbst stimmlos 
(aphonisch) sei, ferner dass das Schreibvermögen eher gesteigert sei. Nun hat aber 
Charcot selbst in den poliklinischen Vorlesungen (die jüngst von Freud übersetzt er¬ 
schienen sind) dieses frühere Bild als „zu eingeschränkt^ erklären müssen. Er bespricht 
hier einen Fall^, bei dem eine gewisse Zeit lang Agraphie bestand; die Patientin konnte 
„einige Striche, selbst Buchstaben bezeichnen, es gelang ihr aber damals nicht, ihren 
Gedanken Ausdruck durch die Schrift zu geben, sie hatte, wie sie sagte, die Orthographie 
des Wortes vergessen“. In einem andern Falle, der acht Tage vorher stumm war, be¬ 
stand „Amnesie gewisser Worte und Theile von Wörtern, wenn diese etwas länger 
waren; das erinnert also lebhaft an das Verhalten bei organischer Aphasie, nur fehlt bei 
dem Kranken das Symptom der Paraphasie, der Wortverwechslung“ sagt Charcot. Bei 
meiner Patientin war Paraphasie, Agraphie und Alezie vorhanden. Es scheint somit das 
Bild des hysterischen Mutismus durchaus nicht eingeschränkt zu sein und sehr zu variiren. 

Discussion: Dr. Ad. Frick glaubt, dass die allzu minutiöse Untersuchung 
und Beschreibung des hysterischen Krankbeitsbildes keinen grossen Werth habe. Bei 
so ausserordentlich suggestiblen Personen, wie es die Hysterischen sind, hat eben die 
blosse Untersuchung einen grossen suggestiven Einfluss, und es werden auf diesem Wege 
eine Reihe künstlicher Krankheitsbilder geschaffen. Sprecher wundert sich, das dies z. B. 
Charcot entgangen zu sein scheint; denn gerade Charcot hat eine Unzahl solcher hyste¬ 
rischer Krankheitstypen geschaffen; fand er doch fast jede nicht hysterische Nervenkrank¬ 
heit bei Hysterischen copirt als hysterische Pseudotabes, Pseudosclerose etc. Und doch 
war es gerade Charcot^ der den hysterischen Ursprung dieser Krankheitsbilder zu dia- 
gnosticiren lehrte aus dem auffallenden, man kann nicht wohl anders sagen als laien¬ 
haften Zug, der denselben, eigenthümlich ist, und der sich ganz besonders deutlich 
zeigt bei den Anästhesien, die meist nicht auf bestimmte Nervengebiete beschränkt sind, 
sondern auf nach laienhaften Begriffen abgegrenzte Gebiete, z. B. auf die Hand mit 
ringförmiger Abgrenzung am Handgelenk, auf den Arm mit ebensolcher Abgrenzung an 
der Schulter etc. Es zeigt dies deutlich den Einfluss der Autosuggestion des Laien, die 
freilich nach und nach durch die ärztliche Untersuchung modifleirt und schliesslich völlig 
corrigirt werden kann. Ein hysterischer Anatom würde zweifellos eine den Nervenbahnen 
entsprechend abgegrenzte Ansesthesie bekommen. 

Von dem therapeutischen Einfluss der Suggestion bei Schreckneurosen hat Frick 
mehrere eclatante Beispiele gehabt. Ein besonders schöner Fall war der Folgende: Ein 
Mädchen war vor Jahren aus dem Fenster des dritten Stockwerkes auf die Strasse ge¬ 
fallen. Aeussere Verletzungen gering. Seither war das Mädchen psychisch verändert, 

*) Legons sur les roaladies du Systeme nerveux. Tome III, legon 26. p. 422 ff. 

*) Poliklinische Vorträge. 3. Lieferung. S. 272 ff. 


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ungehorsam und unwirsch. Besonders aber hatte es Anfälle von Jähzorn, in welchen es 
sich auf dem Boden wälzte, alles zu Boden warf, selbst die Fensterscheiben einschlug 
u. 8. w. Solche Anfälle traten ziemlich häufig ein, namentlich jedesmal bei psychischer 
Erregung, Tadel u. dgl. Sie hatten Jahre lang gedauert und man hatte sie als Folge 
einer Hirnverletzung bei dem Fall aufgefasst. 

Das Mädchen wurde nun von F, hypnotisirt, was sehr leicht gelang. Es wurde 
Beruhigung der Nerven und Aufhören der Anfälle suggerirt. Er war an dem Tage, an 
welchem Abends der Brand im Grimmenthurm statt hatte. Die Familie wohnte in der 
Nähe, die Feuersbrunst verursachte grosse Aufregung; die Mutter erwartete einen An¬ 
fall, statt dessen kam bloss ein Weinkrampf, der gegen eine halbe Stunde dauerte. Am 
folgenden Tage noch eine Hypnotisirung; seither sind nie mehr solche oder ähnliche 
Anfälle aufgetreten (Sprecher sieht die Pat. auch jetzt noch von Zeit zu Zeit), das 
Mädchen war auch sonst psychisch wiederhergestellt und hatte sein widerspenstisches, 
ungehorsames Wesen abgelegt. 

Auch bei der traumatischen Neurose hat eine vorsichtige suggestive Behandlung 
den besten Erfolg. Sie ist auch eine Schreckneurose, eine autosuggestive Krankheit; nicht 
das körperliche, sondern das psychische Trauma ist die wirkliche Ursache der traumatischen 
Neurose. Sie ist ausserordentlich nahe verwandt, wenn nicht identisch mit der Hysterie, 
reepective mit gewissen Formen nicht traumatischer Hysterie, und auch für die trauma¬ 
tische Neurose gilt der Satz, dass man durch allzu minutiöse, unvorsichtige Untersuchung 
leicht künstlich neue Krankheitssymptome und schliesslich neue Krankheitsbilder erzeugt. 

Dr. Bingier: Ich bin mit der Ansicht des Herrn Collegen einverstanden. Es hat 
ja besonders Bemhem auf diese Fehlerquelle der Schule Charcofs aufmerksam gemacht 
und die sogen, hysterischen Stigmata als nichts anderes, denn Artefacto erklärt. Ein 
Beweis für die Richtigkeit der Ansicht Bemheim*^ scheint mir auch zu sein, dass man 
in der Landpraxis weder hysterogene Zonen noch die vielgestaltigen Acsthesien bei den 
Patienten wahmimmt und das Bild der Hysterie hier ein viel einfacheres ist, wie ich cs 
selbst beobachten konnte. Man kann eben den Hysterischen alle möglichen Gefühle 
hineinfragen d. h. suggeriren. 

UI. Prof. Bibbert, Demonstration eines Falles von Obllteratian der Vena eava 
Inferler mit hochgradiger Ektasie der collateralen Yenen. 

Discussion: Prof. Krbnlein bemerkt, dass er ähnliche Fälle zu beobachten 
Gelegenheit hatte. Bei einem dieser Fälle, einem jungen Manne entwickelte sich das¬ 
selbe Bild nach vollständiger Ablatio penis et scroti. 

Dr. n. Müller kennt den vorgestellten Pat. von früher her; es war derselbe früher 
wegen Typhus im hiesiger Spitalbehandlung; damals wurde die Diagnose auf Thrombose 
beider vense femorales gestellt. 

Prof. Wyss sind 3 derartige Fälle bekannt; einer entstand nach Typhus, ein anderer 
ebenfalls nach einem Trauma; ein weiterer wurde seiner Zeit von Dr. Kaufmann der 
Gesellschaft vorgestellt. 

Medicinische Geseilschaft der Stadt Basei. 

SltzBBff ¥•■ 16. Nereaber 1893J) 

Präsident: Dr. Th, Loiz, — Actuar: Dr. VmderMühll. 

Prof. Bunge: lieber PleHaioe nad TexalbBHine. 

SitzBBf vffli 21. Deeeaiber 1893.0 

Präsident: Dr. Th, Loiz, — Actuar: Dr. VonderMühll, 

Zum Präsident für 1894 wird Prof. Siebenmann gewählt; Cassier Dr. Hoff mann 
und Aktuar Dr. VonderMühll werden auf ein weiteres Jahr bestätigt. 

Prof. Immermann stellt eine 19jährige sonst gesunde und hereditär nicht belastete 

Eingegangeu 21. Januar 1894. Red. 


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Patientin vor, bei der sich im Laufe der letzten 4 Jahre unter anfänglichen sensiblen 
Reizerscheinungen (neuralgischen Symptomen) und Parmsthesien (subjectiven Wärme- und 
Kälte Wahrnehmungen, sowie Formicationen) allraählig eine complete Analgesie und Ther- 
moanaesthesie der rechten obern Extremität und der angrenzenden Theile der rechten 
Brusthälfte, vorn und hinten ausgebildct hat. Zugleich entwickelte sich im Bereiche des 
rechten Armes eine mässige Hyperplasie des Untcrhautbiudegewehes (Elephantiasis Arabum) 
und eine Hyperostose namentlich der Phalangen und der Epiphysen des Ellenbogen¬ 
gelenkes, vor Allem des Olekranon. Keine vasomotorische Erscheinungen, auch keine 
Anomalien der Schweissabsonderung (weder Hyperidrosis, noch Anidrosis) — dagegen 
wiederholte, wenn auch nur leicht verlaufende Panaritien. Die Muskeln verhalten sich 
trophisch normal, zeigen auch keine qualitativen Veränderungen der electrischen Erreg¬ 
barkeit, und erwiesen sich sowohl für gröbere, wie auch für feinere Verrichtungen 
(Häkeln, Schreiben) bis jetzt brauchbar. Dementsprechend ist auch das Muskelgef&hl 
und das stereognostische Vermögen gut erhalten, — wogegen der einfache Tastsinn 
deutlich, — der Raumsinn der Haut sogar sehr erheblich abgestumpft sind. 

Am wahrscheinlichsten ist nach den vorliegenden Erscheinungen die Annahme 
einer Syringomyelie im Bereiche des unteren Halsmarkes und des obern Brustmarkes 
rechterseits, da sowohl eine hysterische Analgesie und Thermoansssthesie, wie auch eine 
Affection der sensibeln Endapparate der Haut oder der gemischten Nervenstämme im 
Bereiche des rechten Plexus brachialis mit Bestimmtheit sich ausschliessen lassen. 

Dr. Jaqiiet: Zir Diftfiesllk der fanelltBellen KreisleofsstSrnnfeii. (Wird in 
extenso erscheinen.) 

Dr. Keller (Rheinfelden) zeigt Pläne für ein neu zu erstellendes Araenbad in 
Rheinfelden. 


und Sliritilcen. 

Mittheilungen aus Kliniken und medicinischen Instituten der Schweiz. 
Beiträge zur Chirurgie der Gallenwege. 

Von Dr. W, Martig in Ranflüh. 3. Heft. 

Die nach Indicationsstellung und Art des Eingriffs so mannigfaltige Chirurgie der 
Galleuwege bedarf zur weitern Abklärung der noch sehr auseinander gehenden Meinungen 
sorgfältiger und unparteiischer Verwerthung der rasch anwachsenden Casuistik. In 
seiner Doctordissertation unterzieht sich Martig der Aufgabe, die seit dem Erscheinen der 
„Beiträge zur chirurgischen Therapie der Gallenwege“ von Prof. Courvoisier (1890) ver¬ 
öffentlichten oder aus nahen Krankenhäusern ihm persönlich bekannt gewordenen Kran¬ 
kengeschichten zusammenzustellen. Die Ordnung geschah nach der Art der ausgeführten 
Operation; so gelangt Verf. am Schlüsse jedes Capitels zur Feststellung der unbedingten 
und relativen Indicationen, der Vor- und Nachtheile jedes einzelnen Verfahrens. Eine 
Zusammenstellung dieser Schlusssätze wäre der Würdigung concurrirender Operationen 
förderlich gewesen. Indem Verf. den Standpunkt Courvoisier's vertritt, vermeidet er, 
bevorzugte Verfahren besonders ins Licht zu setzen und sucht der Mannigfaltigkeit der 
Erkrankungen die berechtigte Mannigfaltigkeit der operativen Eingriffe unparteiisch gegen¬ 
überzuordnen; das hinderte nicht, die Thatsache hervorzuheben, dass die von Einzelnen 
bekämpfte Chclecystendyse {Courvoisier)^ die Versenkung der eröffneten und durch Naht 
wieder geschlossenen Gallenblase in die Bauchhöhle, in letzter Zeit an Boden zu gewin¬ 
nen scheint. A, Christ, 

Hautanomalien bei Innern Krankheiten. 

Klinische Vorträge für Aerzte und Studirende von S. Jessner, Berlin 1893, A. Hirschwald. 

Liegen in andern Specialdisciplinen (Ophthalmologie, Gynäkologie etc.) vorzügliche 
Monographien über die pathologischen Beziehungen des Gesammtorganismus zum betreffen- 


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den Organe vor, so fehlte es bis jetzt vollständig an einer übersichtlichen kritischen Zu¬ 
sammenstellung der Veränderungen der Haut bei innern Krankheiten. Mit Unrecht; 
geben doch die Anomalien der Haut so manchen werthvollen Fingerzeig für tiefer¬ 
liegende Erkrankungen der Körpers; ist die Haut doch in vielen Beziehungen der 
Spiegel des Körpers! Wer aber in diesem Spiegel zu lesen versteht, hat einen grossen 
Theil der vielbewunderten und heutzutage leider nur wenig geübten Kunst der alten 
Aerzte, des ärztlichen Blickes, erfasst! Ueber dem m i k r o skopischen Sehen wird das 
m a k r o skopische Sehen gegenwärtig häufig nur zu sehr vernachlässigt! 

In Yortragsform erörtert Verfasser die Beziehungen der innern Krankheiten zu den 
Anomalien der Haut, hiebei stets die Wichtigkeit der Kenntniss der Haut Veränderungen 
für den idnern Mediciner, der innern Krankheiten für den Dermatologen hervorhebend. 

Wir müssen uns versagen, auf den reichen Inhalt der Arbeit näher einzugeben. 
Sie bietet eine Fülle von worthvollen Details, von Beobachtungen, die, allenthalben in 
der medicinischen Litteratur zerstreut, Verfasser mit grossem Fleiss und fachmännischem 
Verständniss zusammengetragen. Lobend müssen wir in diesem specioll zu Unter¬ 
richtszwecken geschriebenen Werke erwähnen, dass Verf. es vermieden hat (so ver¬ 
führerisch nahe es lag), auf weitläufige Speculationen und geistreiche Erklärungsversuche 
in der Deutung der Beziehung der Hautefflorescenzen zu den betreffenden Krankheiten 
sich näher einzulassen. 

Sind besonders die Nervenkrankheiten und ihr Verhältniss zur Haut mit sichtlicher 
Vorliebe behandelt, so hätten wir Anderes, so die Krankheiten der Verdauungsorgane, 
etwas ausführlicher gewünscht. Welch interessante, diagnostisch werthvolle Beziehungen 
ergeben sich z. B. zwischen chronischen Intoxicationen (Blei, Quecksilber, Arsen etc.) 
und Haut, zwischen gewissen Medicamenten und Haut (Arzneiexantheme)! — 

Eine übersich^tliche Inhaltsangabe erhöbt die Brauchbarkeit des kleinen (112 Seiten 
umfassenden), klar und anregend geschriebenen Werkchens. 

Dasselbe kann den Collegen zur Auffrischung und zum Studium bestens empfohlen 
werden; niemand wird es unbefriedigt und ohne Gewinn aus den Händen legen. 

Hems (Zürich). 


La praiique gyn£cologique et obst^tricale des höpiiaux de Paris. 

Par Paul Lefert. Paris 1893. J. B, Bailliöre et fils. Preis 3 Fr. 

Der Verf. gibt in kurzer und gedrängter Form die von 65 Autoren empfohlenen Be¬ 
handlungsmethoden der verschiedenen gynmcologischen und gehurtshülfliehen Affectionen. 
Das Büchlein gibt ein genaues Bild von den gegenwärtig in dieser Materie herrschenden 
Anschauungs- und Behandlungsweisen. Es wird so nicht nur für denjenigen, welcher 
durch persönlichen Verkehr in den verschiedenen Pariser Kliniken und Spitälern die 
Methoden kennen gelernt hat, ein wünschenswerthes Nachschlagebuch, sondern auch für 
denjenigen Practiker empfehlenswerth, welcher aus der Feme sich mit den in der fran¬ 
zösischen, spec. Pariser-Gynfficologie und Geburtshülfe bestehenden Anschauungen und 
Therapie etwas bekannt machen möchte, ohne Sammelwerke oder Monographien durch¬ 
sehen zu müssen. Bei den einzelnen Affectionen sind jeweils die Methoden verschie¬ 
dener Autoren, allerdings meist ohne Begründung oder Kritik angegeben. So lassen sich 
leicht Vergleiche anstellen. Viele Angaben sind ganz neu. Ein Sach- und Autoren¬ 
register erleichtert die Aufsuchung des Einzelnen sehr. Dr. H, Keller. 


Die habituelle Obstipation und ihre diätetisch-hygienische Behandlungsweise. 

‘ Von Dr. Ä. Kühner. Leipzig 1892. B. Konegen. Preis 40 Pf. 

Verf. weist zunächst auf die Prophylaxis hin, indem dafür gesorgt werden 
muss, dass die vorübergehende Verstopfung nicht zur habituellen werde durch Vermeidung 
von schwer verdaulichen Nahrungsmitteln. Durch zweckmässige Ernährung 


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in den beiden ersten Lebensjahren mit Milch, Fleischbrühe etc., Beschränken 
der compacten Speisen, namentlich Amylaceen und Yegetabilien und durch regelmässiges 
Anhalten zur täglichen Defeccation wird die vielfach als erblich betrachtete Obstipation 
schon bei Kindern verhindert werden. Für das spätere Alter wird die Berücksichtigung 
der vegetabilischen Kost sehr empfohlen, da diese die nöthige Menge von Ballast 
liefert, welcher als Cellulose besonders im Kleienbrod (Grahambrod) die peristaltische Be¬ 
wegung des Darmes befördert. Genügende Flüssigkeit zur Verdünnung des Speisebreies 
ist nothwendig. Die sog. kleinen Mittelchen wie Trinken eines Glases kalten oder heissen 
Wassers nüchtern, Rauchen einer Pfeife Tabak, Obstgenuss nüchtern etc. leisten oft 
Grosses. 

Das beste und wirksamste Mittel nennt Yerf. die Gewohnheit, zur be¬ 
stimmten Stunde zu Stuhl zu gehen, wobei die hockende Stellung anempfohlen 
wird. Fernere Mittel sind angemessene Körperbewegung im Freien und 
als Hausgymnastik und Massage mit oder ohne schwedische Heil¬ 
gymnastik. ln medico - mechanischen Instituten werden ebenfalls günstige Resultate 
erzielt, namentlich mit der maschinellen Massage in Form der Bauchwalkung. 

Das Wasser bei innerlichem und äusserlichem Gebrauche ist 
ein Universalmittel nach der Erfahrung des Verfassers zur Heilung der Obstipation. 

Ein besonderes Capitel widmet Yerf. der Obstipation im Kindesalter, 
welche er durch Massage, die mit trockener Hand und fast nur auf der linken Seite 
und den untern Seitentheilen ausgeübt wird, mit grösstem Erfolg behandelt. Die Dauer 
der Massage darf 10 Minuten nicht übersteigen. JET. Keller. 


Die chirurgischen Krankheiten der Haut und des Zellgewebes. 

Von Prof. Dr. A. von Winiwarier. Deutsche Chirurgie, Lieferung 23. Stuttgart bei Enke. 

Octav, 754 pag. Preis Fr. 26. 70. 

In wirklich sehr anziehender und gründlicher Weise werden wir dnrch den Yerf. 
in die chirurgischen Krankheiten der Haut und des Zellgewebes eingeführt. Zuerst 
werden uns deren Verletzungen: die Quetschung und die Quetschwunden, die Zerreissung 
und die Risswunden, sodann die Combination Beider mit Anschluss der Bisswunden ge¬ 
schildert. Bei den einfachen Verletzungen kommen die Schnitt- und Hiebwunden zur 
Sprache; daran anschliessend allgemeine Bemerkungen über den Heilungsprocess und die 
Behandlung dieser Verletzungen. Ein letztes Capitel ist den vergifteten Wunden und 
ihrer Behandlung gewidmet. Die Anomalien der Blutvertheilung in der Haut bilden 
den Inhalt des zweiten Abschnittes, weniger weil sie häufig Gegenstand des chirurgischen 
Handelns werden, als vielmehr weil es wichtig ist, diese Zustände von andern zu unter¬ 
scheiden, bei denen die Hyperämie oder die Anämie nur ein Symptom darstellt. Die 
acuten Entzündungen der Haut, welche W. in Entzündungen mit serösem Exsudat und 
von desquamativem Character (erythematöse Dermatitis, Erysipel) und in solche mit pla¬ 
stischem Exsudat und destructivem Character (Phlegmone, Furunkel und Carbunkel) ein- 
theilt, werden hier in geradezu mustergültiger Weise behandelt; ebenso die Gangrän 
der Haut in ihren verschiedenen Formen, Ursachen und Behandlungen. Die chro¬ 
nischen Entzündungen theilt W. in nicht infectiöse der Haut (Geschwüre, Ulcera) 
und des Zellgewebes (Elephantiasis Arabum und Sclerodermie) und in infectiöse ein 
(Lupus, Tuberculose der Haut und Tuberculose des Zellgewebes: Scrophuloderma). Der 
Umstand, dass W. über 200 Seiten zur Besprechung dieser Krankheiten bedurfte, spricht 
hinlänglich für die Einlässlichkeit, mit der er diesen für die Praxis so wichtigen Gegen¬ 
stand behandelt. Im VI. Abschnitt werden die Neubildungen der Haut, zuerst die ein¬ 
fachen Hyperplasien (Schwiele, Clavus, Warze etc.), dann die echten Geschwülste, die 
desmoiden und epithelialen und als Anhang dazu die Narben behandelt. Den letzten 
Abschnitt bildet die Besprechung der Fremdkörper in der Haut und dem Zellgewebe und 


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zwar zunächst der sog. todten Fremdkörper (Emphysem, Oedera, eigentliche Fremdkörper : 
Pulver, Glas etc.) und sodann der lebendigen Fremdkörper oder chirurgisch wichtiger 
Parasiten (Cysticercus und Elchinococcus telm cellulosee, Dipterenlarven und Milben). Dies 
in Kurzem der Inhalt eines Buches, welches kein Leser ohne Befriedigung aus der Hand 
legen wird. Dumont. 


Oemtoneile Ooi^ireispoiideiizeii. 


Hedlelnlscbes ans Amerika. (Schluss.) 

Gehen wir nun zum Verhältniss zwischen Arzt und Patient über, so begegnen wir 
auch da ungewohnten Ansichten und Practiken. Das Verhältniss hat an Patriarchalisch- 
freundschaftlichem verloren und an Geschäftlichem gewonnen. Nach Bezahlung der Rechnung 
fühlt sich der Amerikaner quitt und specielle Dankbarkeit und Anhänglichkeit darf man von 
ihm nicht verlangen. Ohne triftigere Gründe wird er daher auch seinen Arzt wechseln. Die 
eingewanderten deutschen Familien machen in diesem Punkte bis zu einem gewissen Grade 
eine rühmliche Ausnahme, so dass auch die amerikanischen Aerzte diese Eigenschaft besonders 
schätzen. Nach diesem wird es Niemand wundern, dass das Recbnungsgeschäft wirklich 
geschäftlich abgewickelt wird. In regelmässigen Intervallen werden die Rechnungen aus¬ 
gestellt und eventuell die Säumigen gemahnt. Vielfach geschieht es, dass sogenannte 
Collectors (Einzieher) dies besorgen. Eine Aufrundung der Summe oder gar eine Selbst¬ 
taxation ist unerhört. Beschenken lässt sich der Arzt nicht. Sehr oft dagegen wird auf 
Reduction der Rechnung gedrungen und zwar nicht nur von bedürftigen, sondern gelegent¬ 
lich sogar von sehr wohlhabenden Familien, welche dann als Aequivalent z. B. Baarbezah- 
lung proponiren. Im Grossen und Ganzen ist man vom guten Willen der Leute abhängig 
und wird das Gesetz kaum angerufen. Zur Ehre der deutschen Arbeiterbevölkerung sei 
es gesagt, dass sie in dieser Beziehung sich von der amerikanisch-irischen, besonders 
aber von den Schwarzen auszeichnen. Die Letztem sind sehr freundliche, dankbare, sogar 
delikate Patienten, aber bezahlen thun sie principiell nicht. 

Was nun die öffentliche Gesundheitspflege anbetrifft, so wird auch da sehr viel ge¬ 
leistet. Ein Board of health (Gesundheitsrath), aus drei Mitgliedern bestehend, sorgt für 
die allgemeinen hygieinischen Ausführungen. Es besteht Anmeldepflicht für die epide¬ 
mischen und ansteckenden Krankheiten. Die inficirten Häuser werden mit grossen ver¬ 
schiedenfarbigen Zetteln versehen, welche nach bestimmter Zeit vom Sanitätspersonal ent¬ 
fernt werden. Sofort wird der betreffenden Schule Anzeige gemacht. 

Auch für die Desinfection sind Vorschriften vorhanden, eventuell wird sie von Sani¬ 
tätspolizisten ausgeführt. 

An öffentlichen Krankenanstalten erwähne in erster Linie den Stadtspital (City 
hospital), welcher sich aus kleinen Anfängen seit ca. 20 Jahren zu einem wohlversorgten 
Institut herangebildet hat. Aus der Art der Leitung ersehen wir, wie weit die poli¬ 
tischen Eigenthümlichkeiten ihre Wellen werfen. An der Spitze steht der Superintendent, 
ein vom Stadtrath gewählter Arzt, der sowohl die Behandlung als die Verpflegung über¬ 
wacht. Er wird aus der herrschenden politischen Partei erwählt und wechselt unerbitt¬ 
lich mit der siegenden Partei. Der Superintendent erwählt nun aus den Reihen der 
tüchtigsten Aerzte mehrere ans, denen die einzelnen Krankenabtheilungen anvertraut 
werden. Natürlich handelt es sich um eine Gratisleistung von Seiten der Aerzte. Ist 
nun der betreffende Abtheilungsarzt mit einem der bestehenden Colleges in Verbindung, 
so kann er sein Material den Studenten zur Verfügung stellen. Unter diesen Consulting 
physicians of the hospital wirken mehrere Assistenzärzte, welche nach absolvirtem Aerzte- 
examen um die Stelle erfolgreich concurrirt haben. 

Als Pendant zu unserer Poliklinik ist die City dispensary zu nennen, welche eben¬ 
falls unentgeltlich Consultationen ertheilt und Hausbesuche macht. Auch hier functio- 


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niren neben dem Chef und den Assistenzärzten mehrere Consulting physicians, welche 
abwechselnd die Patienten behandeln und dabei den Studenten Unterricht ertheilen. Wenn 
wohl auch mancher Nachtheil aus dieser Decentralisation der ärztlichen Oberaufsicht ent¬ 
springt, so sind auch die Yortheilo nicht zu übersehen: Kleinere Krankenabtheilungen 
für die Kranken, vielseitigere Anregung für die Studenten, Wetteifer unter den berufenen 
Aerzten. 

Neben dem Cityhospital für die ärmere Bevölkerung besteht der St. Yincenthospital 
k la hiesigem Schwesternhaus, in welchem die Patienten durch ihre Privatärzte behandelt 
werden. Schon lange existirt eine Privatklinik für Nervenkranke unter ausgezeichneter 
ärztlicher Leitung. Während noch in den letzten Jahren auch die grössten Operationen 
(Laparotomien z. B.) fast ausnahmslos im Privathause ausgeführt wurden, so wurden in 
jüngster Zeit drei Privatspitäler für Frauenkrankheiten und chirurgische Fälle eingerichtet, 
welche alle prosperiren. 

Ausserhalb der Stadt finden wir das Insane Asylum (Irrenanstalt), das von einem 
St. Galler erbaut wurde. Dasselbe ist in Anlage und innerer Einrichtung mustergültig 
zu nennen und bietet Raum für 1313 Patienten. Die gleichen Yorzüge vereinigt das 
von schönen Anlagen umgebene, mitten in der Stadt gelegene Deaf und Dumb Asylum 
(Taubstummenanstalt). 

Indianapolis besitzt zwei reguläre Medical Colleges, beide nach amerikanischer Art 
Privatuntemehmen, welche durch Beiträge und Legate Privater gegründet wurden und 
unterhalten werden. Oft hört man von verschwenderischen Mitteln, welche solchen In¬ 
stituten zufliessen und es ist Thatsache, dass einzelne zu den reichst dotirten Anstalten 
gehören. Wenn auch ein solcher Goldregen auf diese noch nicht herniedergefallen, so 
wird doch mit den vorhandenen Mitteln durch weise Sparsamkeit und practische Yer- 
wendung viel geleistet. Die Professoren und Docenten beziehen keine bestimmten Ge¬ 
hälter. Trotzdem versäumen sie nicht, durch weite Reisen und lange Studien auswärts 
ihre Kenntnisse zu vermehren. 

Um die relativ hohe Entwicklung dieser vielen medicinischen Einrichtungen richtig 
zu beurtheilen, darf man nie vergessen, dass die Stadt, wie oben mitgetheilt, anno 1850 
nur 8000 Einwohner zählte und dass es sich mit wenigen Ausnahmen (Insane asylum) 
lediglich um Privatunternehmen handelt ohne nennenswerthe staatliche Unterstützung. 

Um einigermassen erschöpfend zu sein, muss hier auch einzelner Hülfsbranchen 
Erwähnung gethan werden, in erster Linie des Apothekerwesens. Auch es hat 
sich ganz unabhängig von europäischen Regeln entwickelt. Yergeblich sucht man ein 
chemisches Laboratorium, in welchem das Rohmaterial verarbeitet wird. Diese Arbeit ist 
schon lange an die chemischen Fabriken übergegangen und wird von jenen mit einer 
Sorgfalt, Genauigkeit und Preiswürdigkeit besorgt, wie es eben nur der Grossbetrieb er¬ 
möglicht. So bleibt der Apotheke nur der Detailverkauf übrig. Die unsichern Infuse, 
Decocte, Macerationen etc. werden selten oder nie verschrieben. Die Grossindustrie liefert 
täglich eine Unmasse von combinirten Medicamenten, besonders in Pillen und comprimirten 
Formen, welche alle den Yorzug der genauen Dosirung, des angenehmen Geschmackes 
und Aussehens haben. Uebrigens bestrebt sich auch der Arzt, eine möglichst gefällige 
Form ausfindig zu machen und werden trockene Medicinen fast ausnahmslos in Gelatine¬ 
kapseln dispensirt. Grosse Medicinfiaschen mit Esslöffeldosen sind nicht salonfähig. 

Wenn das Arbeitsfeld des Apothekers in oben erwähnter Richtung hin eingeschränkt 
ist, so hat es in anderer eine Erweiterung erfahren, welche uns Europäer in Staunen 
versetzt. Ein sehr bedeutender Yerkauf von kohlensäurehaltigem Wasser mit den mannig¬ 
faltigsten Zusätzen, ein unglaublicher jDonsum von Ice cream geht Hand in Hand mit 
dem Yerkauf von Toiletteartikeln (Spiegel, Bürsten, Parfümerien), von Schreibmaterialien, 
von Farbwaaren, Glaswaaren, Cigarren, Kautabak, Liqueuren, Wein, Yerbandstoffen, 
Krankenpflege-Utensilien etc. Neben allen möglichen Patentmedicinen verkauft jede Apo¬ 
theke ihre besondern Specialitäten gegen Hühneraugen, Husten, Wunden etc. Von einer 


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staatlichen Controlle über den Besitz von gewissen Medicamenten etc. ist keine Rede. 
Doch würde man sich irren, wenn man darum annehmen wollte, man könne sich deshalb 
weniger verlassen. Die Concnrrenz ist eine bessere Aufsicht als die Staatsgewalt. Da¬ 
neben dispensiren auch in der Stadt viele Aerzte selbst. 

lieber das Hebammenwesen kann ich nur wenig berichten. Die Aerzte werden mei¬ 
stens an deren Statt auch zu den normalen Geburten engagirt und jedenfalls zum Vor¬ 
theil der Frauen, denn es kommen auffällig wenig alte exsudative Prozesse zur gynsecolo- 
gisdien Behandlung. 

Was die chirurgischen Instrumente^) anbetrifft, so ist allgemein bekannt, dass sie 
unvernünftig theuer sind; doch muss zugefügt werden, dass sie in Eleganz, Exactheit der 
Ansführung und Qualität des Materials von den unsern kaum erreicht werden. In der 
Construction von immer neuen und verbesserten Untersuchungsstühlen, Operationstischen, 
Sterilisations-Apparaten und andern Utensilien steht Amerika wohl obenan. 

Damit will ich nun meine allgemeinen Betrachtungen schliessen und im Folgenden 
noch einige persönliche Beobachtungen mittbeilen. 

Indianapolis ist ein Malariaplatz. Früher ist die Krankheit mit grosser Heftigkeit 
aofgetreten, so dass sie noch vor 25 Jahren nicht selten unter Krampferscheinnngeu in 
kurzer Zeit (wenigen Stunden) zum Tode führte. Jetzt ist die Infection weniger maligner 
Natur, hat aber an Ausdehnung noch nicht viel eingebüsst. Jeder Ankömmling muss 
früher oder später seinen Tribut bezahlen. In schweren Fällen wird das Fieber remit- 
tirend und zuletzt constant, so dass die Differenzial-Diagnose mit Typhus oft schwierig 
wird. Aus persönlicher Erfahrung kann ich berichten, dass die Temperatur wochenlang 
zwischen 40 und 41 schwankt und durch Chinin vorübergehend nicht mehr beeinflusst 
wird. Malaria complicirt und modiflcirt so ziemlich jede Erkrankung, jeden chirurgischen 
Eingriff und tritt in den wunderlichsten Formen auf, so dass deren Diagnose und Be¬ 
handlung trotz der Alltäglichkeit eine sehr interessante ist. Im Gegensatz zu der Malaria, 
die das tägliche Brod genannt werden kann, fallt die Seltenheit tuberculöser Erkrankung 
insbesondere bei den gebornen Amerikanern auf. Tuberculöse Knochenerkrankungen sind 
ganz selten. Aehnlich verhält es sich mit der Rachitis, welche dem Geburtshelfer nur 
wenig Arbeit verschafft. Der Unterschied muss jedenfalls in der kräftigeren Volks- und 
besonders Kinder-Emährung liegen; Butter, Fleisch, Milch und Eier fehlen selbst auf dem 
Tisch der Armen nie. 

Der Ruf der amerikanischen Chirurgen ist schon lange nach Europa gedrungen. Es 
war daher mein Bestreben, in den verschiedenen Städten, wohin mich die Reise führte, 
die Chirurgen an der Arbeit zu sehen. Eine Visitenkarte genügt zum Eintritt und ist 
man überall eines freundlichen Empfanges sicher. 

Obne Ausnahme wird überall die Anti- resp. in neuerer Zeit meistens die Asepsis 
aufs minutiöseste dnrchgeführt. Die Antiseptica variiren und erkennt man auch darin 
eine stark bervortretende Individualisirnng. Karbolsäure und Sublimat stehen an der 
Spitze der Antiseptica. Instrumente und Verbandstoffe werden meistentheils sterilisirt. 
Als Nahtmaterial wird neben Seide und Catgut vielfach Silkworm verwendet. Im Ganzen 
verfügt der Amerikaner über eine nicht gewöhnliche Technik und befleissigt sich der 
möglichsten Einfachheit in Assistenz und Instrumentarium. 

Einen höchst interessanten und lehrreichen Nachmittag verlebte ich im Presbyterian 
hospital in Chicago bei unserm Landsmann Prof. Senn, Ein äusserst reichhaltiges Material 
wird in gedrängter Kürze wissenschaftlich und practisch erschöpfend behandelt. Die Prac- 
ticanten werden gehörig gequetscht und deren Fingernägel sogar vor der Operation einer 
genauen Besichtigung unterworfen. Die Operationen gehen glatt und elegant vor sich 
und, was die Hauptsache für den Zuschauer ist, können wirklich von Allen genau verfolgt 
werden, wobei allerdings die Herren Assistenten nicht die beneidcnswerthesten Positionen 
einnehmen müssen. Unter den grössern Operationen erwähne die Extirpation eines Manns- 

*) Die Instrumente, welche der Arzt persönlich einführt, sind zollfrei. 


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kopf-grossen subserösen und interstitiellen Desmoids aus der Bauchwand; die Trepanation 
eines handtellergrossen eingedrückten Schädelknochens wegen epileptischer Anfälle. Nach 
completer Blutstillung durch massige Compression wurde nicht das Knochenstück in toto 
zur Bedeckung des Defectes benützt, sondern es wurden zahlreiche kleine glatte Knochen¬ 
partikelchen auf die Dura implantirt und mit dem Hautlappen bedeckt. Capilläre Drai¬ 
nage mit Catgutfaden an den untern Wund winkeln. Ausserdem wurde eine Uranoplastik 
ausgeführt, eine Cyste des Präputiums excidirt, eine Phimosen-, eine Varicocelen-Operation 
gemacht, eine Osteosarcom der Tibia vorgestellt und zudem noch die Resultate früherer 
Operationen gezeigt. 

Im Chicagoer Woman’s hospital operirten Dr. Robinson und Dr. Martin einen Fall 
von Ileus. Da das Hindemiss nicht gehoben werden konnte, so wurde eine Anastomose 
zwischen Colon ascendens und einer Dünndarmschlinge angelegt, wobei anstatt der iS^n'schen 
decalcinirten Knochenplatte die von Robinson construirte Kautschuk platte in Anwendung 
kam. Zwei Stück weichen Gummis sind vermittelst Catgut so vereinigt, dass sie nach 
Resorption des Catgutes frei werden und mit dem Koth entfernt werden. Die Anlegung 
der Anastomose dauerte kaum eine Viertelstunde. (Vorweisung der Platte.) 

Bei Dr. Eastman in Indianapolis hatte Gelegenheit, einer nach ihm modificirten 
Fr«/nd’schen Operation beizuwohnen. Die Methode wurde ursprünglich für jene Fälle 
von Myomectomien ausgebildet, bei welchen eine extraperitoneale Stielversorgnng erwünscht 
ist, der Stiel aber nicht lange genug, um in die Bauchdecken eingenäht zu werden. 
Das hintere Scheidengewölbe wird auf einem extra construirten, mit einer Rinne versehenen 
Stab, der durch die Scheide eingeführt wird, eingeschnitten. Die Ligaturfäden der 
Scheidengewölbe werden lang abgeschnitten and am Schluss zusammen vermittelst einer 
Zange durch die Vagina herausgeführt. Dadurch kommt im Becken drinn Serosa an 
Serosa und die rauhe Wundfläche liegt in der Vagina, also extraperitoneal.^) 

Im St. Francis hospital in New-York konnte bei Dr. Edebohls einer vaginalen Total- 
exstirpation beiwohnen. Die beiden Lig. lata wurden in Pincetten abgeklemmt und nach¬ 
träglich ausserhalb noch mit einem Seidenfaden ligirt. ln allen Einzelheiten bekundigt 
sich ein scharf kritischer Geist und ein nimmer rastender Drang nach Vervollkommnung. 
Der Griff eines hintern Simm'schen Speculums ist in einen Haken verwandelt, an wel¬ 
chem ein Gefäss hängt, weiches das ablaufende Blut und die Irrigationsflüssigkeit auf¬ 
nimmt und so durch seine Schwere das Speculum flxirt und damit die Hand eines 
Assistenten ersetzt. Edebohls hat auch einen Operationstisch construirt, der für den 
Gynmcologen wohl die meisten Vortheile vereinigt. Mit grösster Leichtigkeit wird während 
der Operation die Trendelenburg'hch^ Lage hergestellt. Daneben ist der Tisch gleicher- 
massen geeignet für Operationen am Damm. Als Material wurden ausschliesslich Eisen 
und Glas verwendet und werden somit alle Anforderungen der Antiseptik erfüllt. Auch 
die Frage der Beinstützen scheint mir glücklich gelöst zu sein. Die untern Extremitäten 
werden durch Doppelbänder auf einfache Weise an den Füssen aufgehängt, wodurch 
keine Circulationshindernisse bedingt werden und die Lage auch bei Bewegungen des 
Rumpfes unverändert beibehalten werden kann.^ Tisch und Beinstützen haben sich mir 
gut bewährt. 

Mit wenigen Worten will ich noch Dr. Langes Privatspital in New-York erwähnen. 
Dr. Lang ist wohl der bekannteste Chirurg des Ostens. Die Einrichtung des Operations¬ 
saales mit Oberlicht, die practische und doch geschmackvolle Ausstattung der Kranken¬ 
zimmer, die einfachen Bade-Einrichtungen, die musterhafte Ordnung werden mir stets in 
bester Erinnerung bleiben. 

In letzter Zeit sind einige neue Zander'Bche Institute in Chicago und New-York, 
mit den besten und neuesten Maschinen ausgestattet, errichtet worden und erfreuen sich 
einer stets wachsenden Kundschaft und Popularität. 

1) Beschrieben in the medical News, 1. August 1891. 

*) Der Operationsstuhl wurde beschrieben in der Illustr. Monatsschr. für ärztl. Polyt., Sept. 18‘.^. 


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Zum Schluss habe ich noch der New-York Academy of medicine in der West 43. 
Strasse einen Besuch abgestattet, last but not least. Es ist dies der stolze Mittelpunkt 
des medicinischen Lebens, worin in mehreren grossem und kleinern Sitzungssälen alle 
medicinischen Gesellschaften ihre Versammlungen abhalten, wo neben einei: grossen Fach¬ 
bibliothek Lese-, Rauch- und Gesellschaftszimmer bestehen. Das mehrstöckige, einfache, 
aber imposante Gebäude wurde aus Schenkungen von Laien und Aerzten erbaut und darf 
jeden New-Yorker Arzt mit Stolz erfüllen. 

Meine Herren! Dies sind in Kürze einzelne Beobachtungen, welche ich in 1 ihrigem 
Aufenthalte zu machen Gelegenheit hatte. Ich habe eine längere Zeit Torübergehen 
lassen, damit sich meine Eindrücke möglichst abklären konnten. Dennoch yerlangeo Sie 
kein absolut objectires Urtheil. Meine Schilderung wird in vielen Punkten nicht über- 
einstimmen mit den Eindrücken, welche europäische medicinische Reiseonkels bekommen. 
Nur ein längerer Aufenthalt, ein längeres Zusammen-Leben und -Streben, eine nähere 
Bekanntschaft mit der Elntwicklung der Verhältnisse kann zu einem annähernd gerechten 
Urtheil führen. Mein Zweck wird erreicht sein, wenn es mir gelungen sein sollte, das 
Interesse für und die Achtung vor den amerikanischen medicinischen Verhältnissen ge¬ 
fordert zu haben, so dass die Ansicht allgemeiner wird: es kann auch aus Amerika 
etwas Gutes kommen. Dr. H, Häberlin (Zürich). 


W oolieikböiricliti. 

Schweiz. 

BaseL Als Nachfolger von Prof. Fehling wurde Docent Dr. E. Bumm in Würz¬ 
burg zum Professor der Geburtshülfe und Gynäcologie an der Universität Basel ernannt. 
Der neue Professor, der vielen unserer jüngeren Collegen von den Feriencursen her wohl 
bekannt sein wird, war zunächst Assistent von Scanzoni, dann verweilte er längere Zeit 
in Paris, wo er an der Materaite arbeitete, und als er nach Würzburg zuröckkehrte, 
habilitirte er sich dorthin für Geburtshülfe und Gynäcologie. Die zahlreichen wissen¬ 
schaftlichen Arbeiten des Herrn Bumm^ worunter wir nur die Untersuchungen über den 
Gonococcus und die Erreger des Puerperalfiebers nennen möchten, vor allem aber sein 
aossergewöhnliches Lehrtalent gestatten jetzt schon, diese Wahl als eine sehr glückliche 
zu bezeichnen. 

BaseL Am 12. Januar wurde das vor zwei Jahren von den Behörden be¬ 
willigte hygienische Institut in Basel eingeweiht. Bis dahin hatte der 
Docent für Hygiene ein einziges Zimmer im physiologischen Institute als Privatlaboratorium 
zur Verfügung, so dass an eine Entwickelung des hygienischen Unterrichtes in practischem 
Sinne gar nicht zu denken war. Das neue hygienische Institut befindet sich in einem 
alten Schulhause zusammen mit der cantonalen chemischen Versuchsstation, und enthält 
neben Hörsaal, Sammlung und Privatlaboratorium des Directors noch Laboratorien für 
Schüler, welche practisch hygienisch zu arbeiten wünschen. Zur Einweihung seiner neuen 
Anstalt hatte der Docent für Hygiene an der Basler Universität, Prof. A, E. Burckhardt^ 
seine jetzigen und früheren Schüler eingeladen. In einer höchst interessanten Eröffnungs- 
vorlesung brachte er ihnen das Resultat eigener Forschungen über epidemiologische 
Verhältnisse in Basel in früheren Jahrhunderten und schloss mit dem Wunsche, dass 
die neue Anstalt zum Nutzen der Stadt, der Studirenden und der kranken Menschheit 
gedeihen möge. Ein kleines Nachtessen vereinigte nach der Vorlesung Lehrer und 
Schüler, und man trennte sich in später Stunde, nachdem wiederholt aufs Wohl der 
Hygiene und ihres neuen Tempels toastirt worden war. J. 

— Pedenetiisehe Messugea der I•k•■tl•ri8clle■ LeistaBgea elaes gesudea 
Arztes« Durch die Güte des schweizer. Oberfeldarztes gelangten wir in den Besitz von 
brieflichen Mittheilungen eines schweizerischen Arztes (Stadtarzt) über während des Jahres 
1893 exakt und konsequent vorgenommene Schrittzählungen mittelst Pedometers. Diese 


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Messungen bilden einen interessanten Beitrag zur physiologischen Leistungsfähigkeit eines 
gesunden Arztes; wir entnehmen dem Berichte folgende wesentliche Angaben: 

Der Pedometer zeigte jeden mehr oder weniger feldmässigen Schritt an, ebenso jede 
Treppenstufe, dagegen nicht die ganz kleinen Schritte und Bewegungen in der Sprech¬ 
stunde. Solcher Schritte machte der betr. Arzt ira Jahr 1893: 9,760,900, also per Tag 
26,742 (darunter 1500—2000 Treppenstufen). Während des ganzen Jahres war er 
ohne Ausnahme von früh Morgens bis Abends 10 Uhr auf den Beinen gewesen und 
selten mit Tram oder sonstwie gefahren. Die Arbeit war stets die gleiche; Spaziergänge 
kamen so gut, wie gar nicht vor (15,000 Besuche und Consultationen). Bei einer täg¬ 
lichen Leistung von 30,000 Schritten war spürbare Müdigkeit da, während bei einer 
Schrittzahl von über 30,000 (z. B. 34,000) am andern Morgen eine wesentliche Steifig¬ 
keit in den Beinen sich fühlbar machte und eine vollständige Restitution der Kräfte in 
der sonst gewohnten Schlafzeit (10 Uhr Abends bis 4 Uhr Morgens) entschieden nicht 
eintrat. Bei 30,000 täglichen Schritten war für den Untorsucher die Grenze zwischen 
behaglicher Müdigkeit und Uebermüdung. — Interessant ist die Regelmässigkeit, mit 
welcher er, ohne auf den Pedometer zu sehen, mit Rücksicht auf den Grad der be¬ 
stehenden Müdigkeit auf 100 Schritte genau errathen konnte, wie viel der Pedometer 
anzeigen werde. 

— Mitttaeilnnfea für die sehweizerisflieH Besaeher des XL iateraatleaalea 
aiedleiaisehea Cea^resses ia Reai: 29. Hirs bis 5. April 1894. Den im Laufe der 
letzten Wochen beim Präsidenten des schweizerischen Nationalcomite^s, Herrn Prof. Kocher^ 
eingegangenen Zuschriften und Programmen entnehmen wir folgendes Wissenswerthe: 

Um den Congressisten und ihren Angehörigen das AufBnden von Wohnungen und 
den Besuch der interessantesten und schönsten Punkte Süditaliens zu erleichtern, hat das 
Centralcomitö des Congresses die Firma Th. Cook & Sohn von Amtes wegen beauftragt, 
sich der Beschaffung von Unterkunft für die Congressbesucher zu unterziehen und Aus¬ 
flüge in Rom selbst, in die Umgegend von Neapel und nach Sicilien zu veranstalten. 
Mit Hülfe dieser Einrichtung werden der Aufenthalt in Rom, sowie die sich eventuell 
daran anschliessenden Ausflüge mit aussergewöhnlich ermässigten Ausgaben verbunden. 
Die Firma Cook berechnet für Wohnung, Mahlzeiten, Bedienung und Beleuchtung in den 
ersten H6tels und Pensionen Roms Fr. 12. 50 per Tag und Person, eventuell mehr nach 
Massgabe des beanspruchten höheren Comforts. Die Excursionen von Neapel auf den 
Vesuv, nach Pompeji, Capri, Sorrento, Castellamare und ßajae, in der Dauer von 3 Tagen, 
werden Alles inbegriffen circa Fr. 70 per Person kosten. Die Excursionen nach Sicilien, 
von zehntägiger Dauer, werden folgenden Fahrplan verfolgen: Neapel-Messina-Taormina- 
Catania-Girgenti-SyrakuS'Palermo-Neapel, und werden circa Fr. 280 per Person kosten, 
Dampfboot, Eisenbahn, Hotels, Mahlzeiten, Wagen, Führer, Trinkgelder u. s. w. inbe¬ 
griffen. Selbstredend Reise und Verpflegung erster Classe. Für Ausflügler zweiter Classe 
werden geringere Preise berechnet werden. Die Congressisten werden ersucht, sich so» 
wohl wegen Unterkunft in Rom, als wegen Theilnahme an den Ausflügen so bald wie 
möglich an die nächstgelegene Agentur der Firma Cook & Sohn zu wenden, womöglich 
noch vor dem 15. Februar. Detaillirte Programme und Instructionen für die Reise 
werden vom Centralcomite allen Eingeschriebenen zugesandt. 

Ansuchen um Instructionen, Reiselegitimationspapiere und Programme sind an den 
Generalsecretär des XL internationalen medicinischen (Kongresses in Genua zu richten. 

Die aussergewöhnlich günstige und nicht wiederkehrende Gelegenheit, mit relativ 
geringen Auslagen nicht nur die in seltener Bequemlichkeit dargebotenen Herrlichkeiten 
Roms, sondern auch die schönsten Punkte Italiens besuchen zu können, wird, so hofft 
das Centralcoraitö, manchen Collegen veranlassen den Congress zu besuchen, der vielleicht 
aus irgend einem Grunde zu Hause geblieben wäre. 

In einem vom 20. Januar datirten Schreiben des Generalsecretärs Prof. Maragliano 
werden alle Bedenken zerstreut, welche man allenfalls in Erinnerung an die von der 


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Presse gemeldeten öfiPentlichen Rahestörungen in Italien haben könnte. £s wird versichert^ 
dass diese ganz isolirten Ereignisse, „das geringe Aequivalent der in ganz Europa vor¬ 
kommenden anarchistischen Bewegung*^, die Rübe and Ordnung Italiens in keiner Weise 
zu stören vermochten und dass die Congressbesucher das nämliche Gefühl absoluter 
Sicherheit haben dürfen, welches sie — die im Lande der betr. Ereignisse Wohnenden, 
keinen Augenblick verlassen hat. 

ln Wiederholung früherer Mittheilungen (vergl. Corr.-Blatt 1893, pag. 94, 285, 
349 etc.) wird hier nochmals ausdrücklich daran erinnert, dass die Anmeldungen beim 
Präsidenten oder Schriftführer des schweizerischen Nationalcomite’s (Prof Kocher in 
Bern; Prof. D^Espine in Genf) zu geschehen haben, von wo her jede Auskunft erhält¬ 
lich ist. Wer sich nicht baldigst zur Anmeldung entschliesst, 
wird von zahllosen Vergünstigungen, wie sie den frühzeitig 
inscribirten C o n g r e s s t h e i l n e h m e r n zukommen, ausgeschlos¬ 
sen sein. Wer durch das Nationalcomite beim Centralcomite in Rom angemeldet 
ist, dem werden baldigst die Reiselegitimationspapiere und alle nöthigen Ausweise zuge¬ 
stellt werden. 

Ist einmal die Zahl der schweizerischen Theilnehmer bekannt, so Hessen sich viel¬ 
leicht gemeinschaftliche Reiserouten etc. via Correspondenz-Blatt arrangiren. Thatsächlich 
sind die Anstrengungen, welche das Centralcomite, Baccelli an der Spitze, zum Gelingen 
des Congresses machen, ganz ausserordentliche und derselbe wird seine Vorgänger an 
Grossartigkeit und Reichthum in erhabenen Genüssen bei Weitem übertreffen. Für den 
Arzt gibt es keine gleich günstige Gelegenheit mehr, als Mitglied eines wissenschaftlichen 
Congresses Italien und das ewige Rom so bequem und mit so geringen Opfern kennen 
zu lernen. 

An die schweizerischen Militärärzte, welche den Congress zu be¬ 
suchen gedenken, ergeht hiemit die Einladung, sich bis spätestens den 
2 5. Februar beim Schweiz. Oberfeldarzt anzumelden. Sie er¬ 
halten alsdann ein specielles Programm der XIV. Section zugesandt und werden in Rom 
als schweizerische Militärärzte legitimirt; weitere Verbindlichkeiten erwachsen ihnen aus 
der Anmeldung nicht. 

Ausland. 

— Aus A b b a z i a kommt die Trauerkunde, dass daselbst am 6. Februar Prsf. 
Biliretb, 67 Jahre alt, gestorben ist. Das bedeutet einen unersetzlichen Verlust für die 
medicinische Wissenschaft, aber vor Allem ist es auch der edle und grosse Mensch, um 
den stahllose Freunde und Verehrer wahrhaftig und von ganzem Herzen trauern. — Das 
Corr.-Blatt wird baldigst einen Necrolog aus der Feder eines Freundes des Verstorbenen 
bringen. 

— In Halle starb, seit Jahren an Körper und Geist gebrochen, Prtf. Frankea- 
hiaser, einst Lehrer der Geburtshülfe und Gynajcologie in Zürich; zahlreiche Schüler 
werden dem einstigen vorzüglichen und liebeuswürdigen Lehrer ein dankbares Andenken 
bewahren. 

— In Berlin starb Prof. Dr. Aa|^. Hirsch, 77 Jahre alt, Verfasser des berühmten 
„Handbuches der historisch-geographischen Pathologie^. 

— Der Xin, Coagrcss fhr laaere Medicia ist, mit Rücksicht auf den XI. inter¬ 
nationalen medic. Congress in Rom verschoben und wird erst im Jahre 1895 in München 
abgehalten werden. 

— Die acaazebate Vcrsaainilaaf des Heatschea Vereias fbr dffeatllebe Ge- 

saadheilsplCfC wird vom 19. bis 22. September 1894 in Magdeburg stattfinden. Als 
Verhandlungsgegenstände sind in Aussicht genommen: 1. Die Massregeln 

zur Bekämpfung der Cholera; 2. Hygienische Beurtheilung von Trink- und Nutzwasser; 
3. Die Nothwendigkeit extensiverer Bebauung und die rechtlichen und technischen Mittel 
zu ihrer Auaführung; 4. Beseitigung des Kehrichts und anderer städtischer Abfälle, be- 


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126 


Bonders durch Verbrennung; 5. Abtritts- und Ausgusseiurichtungen in Wohnhäusern; 

B. Zulässigkeit der Gasheizung in gesundheitlicher Beziehung. 

— Der JfthreseoBgress der Irres- ni Nerveaftrzte franzdsisclier Zan^e findet 
vom 6.—11. August 1894 in Clermont-Ferrand statt. Verhandlungs¬ 
gegenstände: 1) Pathologie mentale: Des rapports de THysterie et de ia Folie. 
Ref.: Gilbert Ballei, prof., Paris; 2) Pathologie nerveuse: Des Nevrites-Peripheriques. 

Ref.: M. P. Marie, prof., Paris; 3) Legislation et Administration: De l’Assistance et de 
la Legislation relatives aux alcooliques. Ref.: M. Ladame, privat-docent, Gen^ve. Alle 
Anmeldungen an Dr. P. Hospital^ medecin en chef de l’etablissement d’alienes de Sainte- 
Marie-de-l’Assomption, ä Clermont-Ferrand. 

— Ein Fall von Lfthaiaagf aaeh Aetharlajectiaaea wurde von Eherhart (Köln) ^ 
beobachtet. Es handelte sich um eine collabirte Frau, welcher zwei Aetherinjectionen, 
die eine in der Mitte des rechten Vorderarmes, die andere handbreit unterhalb des Ole- 
cranons gemacht wurden. Am anderen Tag war eine Lähmung des Mittel-, Ring- und 
kleinen Fingers der rechten Hand vorhanden. Dabei hatte die Patientin gar keine 
Schmerzen, speciell waren die Injectionsstellen nicht schmerzhaft. Erst nach längerer 
Behandlung kehrte die Beweglichkeit wieder, zuerst im Mittelfinger, dann in den beiden 
anderen. Bis zur vollständigen Restitutio ad integrum waren aber volle sechs Wochen 
nöthig. Diese Fälle, wenn auch selten, sind schon wiederholt beobachtet worden. Es 
handelt sich dabei wahrscheinlich um eine Neuritis der peripheren Nerven, durch die 
Einwirkung des Aethers auf dieselben hervorgerufen, und keineswegs um eine directe 
Verletzung der Nerven bei den Einspritzungen. (Deutsche med. Wochenscbr. Nr. 47.) 

Eine analoge Lähmung (Extensoren des kleinen und des Ringfingers) beobachtete 
ich nach Campherätherinjection in die Streckseite des rechten Vorderarms bei einer II 
para mit atonischer Uterusblutung. Die Lähmung, mit welcher auch sensorische Störungen 
verbunden waren, verlor sich erst nach 7 Monaten unter dem Gebrauche des constanten 
Stroms. E, H. 

— Aus der Bardelehen'hehm Klinik in Berlin wird ein Broaikthyltodesfall ge¬ 
meldet. (Centralbl. f. Chir. 1894 Nr. 2.) Eine 21jährige Frau, schwächlich aber bis auf 
eine zu operirende Mastdarmfistel scheinbar gesund, wurde bromäthylisirt, indem die mit 
10 Tropfen angefeuchtete Maske Minute lang vorgehalten und nachher der Rest des 
Mittels, 15 gr aufgegossen wurde. Nach einem sehr kurzen Excitationsstadium, in 
welchem die Athmung ganz frei war, trat nach weniger als Ys Minute die Betäubung 
ein. Fast gleichzeitig hörte aber das Herz zu schlagen auf. Die Athmung ging, erst 
in normaler Weise, dann schnappend, noch Stunde weiter. Herzmassage, Aether¬ 
injectionen, faradischer Strom, Kochsalzinfusion (1500 gr) in die Vena med. basil. blieben 
erfolglos. 

Sectionsbefund : linkes Herz fest contrahirt, leer; Muskulatur buntscheckig (fettige 
Entartung); rechtes Herz schlaff, leer. „Ob hier das Betäubungsmittel, das bisher im 
Allgemeinen für harmlos (nur in kleinen Dosen; Red.) gehaltene Bromäthyl, die 
Herzlähmung herbeigeführt hat, oder ob es sich um jenen Zustand der Herzschwäche 
handelte, den wir mit den jetzigen Hülfsmitteln nicht nachweisen können und das schon 
oft den plötzlichen Tod eines Menschen auch ohne Anästhetikum verursacht hat, ist 
schwer zu bestimmen.^ Jedenfalls mahnt der Fall zur Vorsicht! Auf gleicher Klinik 
ereignete sich ein Aetbertodesfaii. Eine Frau mit Insufficienz der Aortenklappen wurde 
zur Herniotomie ätherisirt. (Asphyktische Methode nach Juülard,) Nach 48 Minuten 
und Verbrauch von 240 gr Aether trat Schlechterwerden des Pulses ein. Nach 53 
Minuten (250 gr Aether): Herz- und Athemstillstand. Die Obduction ergab: „Aethertod 
durch Herzlähmung; nirgends Erstickungserscheinungen. (C.-Bl. f. Chir. 1894, Nr. 5.) 

— Zur PatboUgie des Haskeirheaaatisaias* Trotz der Häufigkeit dieser Affec- 
tion sind unsere Kenntnisse über seine Aetiologie und Pathologie noch sehr mangelhaft. 
Als Grund dafür mag die relativ kurze Dauer und die Benignität der Krankheit ange- 


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fuhrt werden, so dass es kaum Vorkommen durfte, dass ein Fall von uncomplicirtem 
Muskelrheumatismus zur Seotiou käme. Auf Grund zahlreicher Beobachtungen ist doch 
Leute der Meinung, dass der Muskelrheumatismus auf eine Infection zurückzuführen sei, 
wofür ihm verschiedene beobachtete Erscheinungen zu sprechen scheinen. In einzelnen 
Fällen geht dem Auftreten der Muskelschmerzen ein Prodromalstadium voraus: es besteht 
eine Zeit lang Mattigkeit, Appetitlosigkeit, Kopfschmerz, Schwindel, Erbrechen, hie 
und da auch Erhöhung der Temperatur. In den meisten Fällen setzt aber die Affec- 
tion plötzlich mit einem äusserst heftigen Schmerz in diese oder jene Muskelgruppe 
ein. Die als Ursache dieser Schmerzen oft angegebene Ueberanstrengung ist nicht ge¬ 
nügend, um die hochgradige Schmerzhaftigkeit zu erklären; ferner ist nach einer Muskel- 
zerreissung der Schmerz streng localisirt und verbreitet sich nicht wie bei der Lumbago 
auf andere Muskelgruppen. In der Mehrzahl der Fälle verläuft der Muskelrheumatismus 
fieberlos; jedoch beobachtete Leute in ungefähr einem Drittel seiner Fälle ein bald 
schwächer, bald stärker ausgesprochenes Fieber. Eine wichtige Complication, welche 
man bis jetzt als ausschliesslich bei Gelenkrheumatismus vorkommende l)etrachtete und 
welche allerdings für die infectiöse Natur des Muskelrheumatismus zu sprechen scheint, 
ist die Endocarditis. In drei Fällen hatte Leute Gelegenheit, im Verlaufe eines reinen 
Muskelrheumatismus das Auftreten einer Endocarditis zu beobachten. In nicht wenigen 
anderen Fällen bestanden ebenfalls Geräusche am Herzen; da die Patienten aber mit 
denselben ins Spital eingetreten waren, war die Möglichkeit vorhanden, dass es sich dabei 
nm alte Geräusche handeln könnte. Aus diesen Gründen hält es Leute für-wahrschein¬ 
lich , dass der Muskelrheumatismus in naher Beziehung mit dem Gelenkrheumatismus 
stehe, so dass vielleicht beiden derselbe, aber verschieden virulente Infectionsstoff zu 
Grunde liege. (Deutsch, med. Wochenschr. Nr. 1, 1894.) 

— Ueber die ZerselzHf des ChUreferais Mm Chltroftrairen bei Gasliebt 
stellte Kyll eine Reibe von Versuchen an. Als er ein Gemisch von Leuchtgas und 
Chloroformdämpfen anzündete, erschien die Flamme grünblau umsäumt. Jodkaliumstärke¬ 
papier über die Flamme gehalten, bläute sich sofort; mit Indigolösung befeuchtetes Papier 
wurde entförbt. Ein über die Flamme gehaltenes Becherglas füllte sich mit erstickenden 
dichten Nebeln von Salzsäure und Chlordämpfen. Ein mit Chloroform getränktes Fliess¬ 
papier an die Zuglöcher einer Petroleumlampe gehalten, genügte, um dieselben Erschei¬ 
nungen hervorzurufen. Das von Langenteck als schädliches Zersetzungsproduct des Chloro¬ 
forms in Gegenwart von Gaslicht angegebene Phosgengas konnte Kyll in keinem Falle 
nach weisen. Er fand qur grosse Mengen von activem Chlor und Salzsäure. Diese zwei 
Körper sind beide heftige Reizmittel des Respirationstractus und ihre Gegenwart genügt, 
um die unangenehmen Erscheinungen des Chloroformirens bei künstlicher Beleuchtung zu 
erklären. (Deutsch, med. Wochenschr. Nr. 47.) 

— Ueber die Verbreitiof der aBsteckeadeD Krankheiten des Hensehen nnd 
der Thiere in AnstraÜen enthält die Revue generale des Sciences (Nr. 1, 1894) interes¬ 
sante Angaben von Dr. Loir^ Director des JPasteur^sehen Institutes in Sydney. Die geo¬ 
graphische Lage dieser grossen Insel, welche für den Verkehr mit der übrigen Welt 
ausschliesslich auf die Wasserstrassen angewiesen ist, gestattet mit einer an anderen Orten 
kaum erreichbaren Sicherheit, den Ursprung jeder einzelnen Epidemie festzustellen und den 
Modus ihrer Verbreitung zu verfolgen. Zur Zeit der Ankunft der ersten Europäer nach 
Australien waren unsere Infectionskrankheiten dort unbekannt; dieselben wurden nach 
und nach importirt, nnd zwar so, dass es fast für jede Krankheit möglich war, genau 
den Zeitpunkt und die Bedingungen anzugeben, unter welchen dieselbe ausbrach. Die 
Zeit der Ueberfahrt, die früher volle vier Monate dauerte, und heute immerhin noch 
vier Wochen in Anspruch nimmt, genügt, um eine in Europa contrahirte Ansteckung zum 
Ausbruch zu bringen, so dass bei der Ankunft in Australien die Krankheit in voller 
Entwickelung oder bereits in Heilung begriffen ist. So ist es auch gelungen, mit Hülfe 
einer strengen Quarantäne der inficirten Schiffe bis zum heutigen Tage den australischen 


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ContiDeDt vor der Variola zu schützen. Zum ersten Male wurden die Blattern 1825 
durch ein mit Deportirten beladenes englisches Schiff nach Sydney gebracht; dieselben 
verbreiteten sich aber nicht. Im Jnni 1892 brachen ebenfalls auf einem englischen 
Schiff die Blattern aus; dieselben wurden aber erst in Sydney als solche erkannt, nach¬ 
dem in Melbourne einige Passagiere das Schiff bereits verlassen hatten. Die Gasthöfe, 
in welchen diese Passagiere abgestiegen waren, wurden in Quarantäne gesetzt und eine 
weitere Verbreitung der Epidemie konnte verhindert werden. Ebenfalls wurde 1838 
Flecktyphus nach Sydney gebracht. Ein Schiff mit 285 Auswanderern musste eine 
Quarantäne von drei Monaten halten; es starben 33 Personen; die Verbreitung der 
Epidemie wurde aber aufgehalten. Cholera wurde 1841 importirt; durch Quarantäne 
des inficirten Schiffes gelang es aber, die Landbevölkerung zu schützen, und seitdem hat 
Australien noch nie eine Oholeraepidemie gesehen. — Das Eindringen des Typhus ab¬ 
dominalis, welcher 1831 zum ersten Male in Sydney erschien, der Masern (1828), der 
Influenza (1838) und des Keuchhustens (1828) konnte aber trotz Quarantäne nicht ver¬ 
hindert werden, weil man damals die Bedeutung der indirecten Infection für diese Er¬ 
krankungen noch nicht genügend gewürdigt hatte. Diphtherie existirte bereits in den 
ersten Jahren der Oolonisation und gilt im Allgemeinen als eine sehr ernste Krankheit. 
Scharlach erschien zum ersten Male 1841 und richtete grosse Verheerungen unter der 
kindlichen Bevölkerung an. Lepra wurde von den Chinesen importirt und verbreitete 
sich mit denselben ira ganzen Lande. 

Für die Epizootien gestalten sich die Verhältnisse ganz analog. Rotz und Hunds- 
wuth sind z. Z. in Australien noch unbekannt. Die Pferde werden vor dem Ausladen 
von einem Thierarzt und einem Viehinspector sorgfältig untersucht und beim geringsten 
Zweifel über die Gesundheit der Thiere wird die Erlaubuiss zum Ausladen verweigert. 
So musste z. B. wegen Rotz ein aus Amerika mit 60 Pferden ankommender Circus mit 
demselben Schiff nach Amerika zurückkehren, ohne den australischen Boden berührt zu 
haben. Die nach Australien importirten Hunde müssen eine Quarantäne von sechs 
Monaten auf Kosten des Inhabers halten, so dass sehr wenig Hunde überhaupt importirt 
werden können. Milzbrand, Rauschbrand und Rinderpneumouie wurden in den vierziger 
und fünfziger Jahren nach Australien gebracht, und die dortigen Viehzüchter haben viel 
darunter zu leiden. In den letzten Jahren wurden die Pas/eur'sehen Präventivimpfungen 
gegen diese Krankheiten anscheinend mit sehr guten Resultaten vorgenommen. Gegen 
Milzbrand allein sind bis jetzt über 400,000 Schafe inoculirt worden. 

— Maf^eaanswasebaDfrea gegen hnrtniekigen Slngnltnn« ln den Fällen, in 
welchen alle Mittel im Stich lassen, und trotz Anwendung von Eis, Cocain, Morphium, 
Pilocarpin, der Singultus nicht coupirt worden kann, hilft oft noch in überraschender Weise, 
wie schon früher (Corr.-Blatt 1893, pag. 807) erwähnt, eine Auswaschung des Magens 
mit warmem Wasser. Gallani und Colemann theilen zwei derartige Fälle mit (Centralbl. 
f. gesammto Therap. Nr. 1. 1894) und wir selbst hatten wiederholt Gelegenheit, die 
günstige Wirkung dieses Eingriffs zu constatiren. Im Falle von Colemann war der Pat. 
70 Jahre alt, der Singultus hielt trotz aller angewendeten Mittel durch neun Tage an, 
auch in tiefster Narcose; der Kranke war schon ganz erschöpft. Unmittelbar nach einer 
Magenauswaschung hörte das Schluchzen auf, worauf sich der Kranke rasch erholte. 

— Cbareot-Denkmal. Um das Andenken des jüngst verstorbenen Meisters zu ehren, 
hat sich ein aus Schülern und Verehrern GmrcoVs zusammengesetztes Comitö zur Er¬ 
richtung eines CÄarco^Denkmals gebildet. Die grossen Verdienste CharcoV% um die med. 
Wissenschaft gehen diesem Projecte den Character einer internationalen Kundgebung, und 
es wird bereits überall dafür gesammelt. Da unter den schweizerischen Aerzten zahl¬ 
reiche frühere Schüler und Zuhörer CharcoVs sich befluden, ist das Corr.-Blatt gerne 
bereit Beiträge in Empfang zu nehmen und dem Comite zu übermitteln. Etwaige Bei¬ 
träge sind zu senden an Dr. E. Haffter^ Frauenfeld, oder Dr. A. Jaquet in Basel. 

Schweighauserische Buchdmekerei. — B. Schwabe, Verlagsbuchhandlang in Basel. 


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COERESPONDMZ-BLATT 


Erscheint am 1. und 15. 
jedes Monats. 

Inserate 

35 Cts. die gesp. Petitzeile. 


Preis des Jahrgangs 
Fr. 12. — für die Schweiz, 


ÄpIi TITDl A öl* ^ Ausland, 

k3 vU W t51Zi\51 ÜLÜl Zl t\5i AUe Postbureanx nehmen 


^ Herausgegeben von 

X>x*. £2. Hafftex* and T>r. A.» Ja^net 

in Frauenfeld. in Basel. 


Alle Postbureanx nehmen 
Bestellungen entgegen. 


N: 5. _ XXIV. Jahrg. 1894. _ 1, Mftrz. 

lahallt 1) OrleiaeUrbait«!!! i. Soein: Tk, BiÜroiM, — Prot Massini: Die PhumaeopcM helTetiea. — 8) Verelnf* 
berichte: Geeelle^ft der Aente ia Zfirieb. — 3) Beferete aed Kritiken: B, Hüdibrondt: Bzpeiimentelle Uater- 
•aohaafen Aber AaUaepiie btf der Staaroperatioa. — Paul RdüMsburgtr: AaeepdlnagM der TOrdern Aageokaninier bei der 
Staarextractioa. — Prot Dr. A. Dnucka: Bibliothek der geeammten medicinischen Wiaeenaobaften. ~ Dr. A. Bar: Der Ver¬ 
brecher in anthropologifcber Bexiehaag. — Dr. Carl 0$hrmcmn: Kürper, Gehirn, Seele, Gott. — M.D. 8.: Aerxtliebe Knnet und 
aedieiaieche Wieeeiiechaft. — Dr. Ctm Wautl: Alte Brihhrnagen in Liobie der aenea Zeit. — Prof. Dr. Adolf S jrümpHl : 
Batatehnag and Hailaag Toa Kraakheiten darob Voratellnngen. ^ W. B, Oowtro: Sjphilia aad Nerrenayatem. — P. Looohaft: 
Graadlagen der theoreiLKbea Anatomie. — Dr. B. Haug: Die Krankhdten dea Obrea. — Dr. Th. Bum^: Aaa den Hanbarger 
StaatakrankenbAaaani. — fHodrieh von Sotmaxh and B. KowaUig: Chirargiacbe Technik. — B. F^ramk: Badiealoperation Ton 
Lejetenhamiea. — IV*. Morkel and B. Bonnol: Ergebniaae der Anatomie and Bntwiekelnngageachiohte. — 4) Ga atonale Ger> 
reapoad enaeai Aargaa: Dr. it^guaf BeAagdar f. -< 5) Woeh ea ber ieh t: Baael: Baoteriologiacher Cars. — Xedidn. 
Pachezanen. — niaatrhter Catalog ron Hauowumn in 8t. Gallen. — Prof. Dr. Albarl iMcko f. — AlTareaga-Prdaanfgabe. — 
Dr. ünna't dermatologiaehe Preiaaafi^be. — SanitAtageaeta für die Stadt London. — Abaonderang and Deainfeetion bei Maaern. 
— BehaadJaag den S^ra. — Synptomatiache Taohjeardie der Phthiaiker. — GlaaAtfllBaelgkeit. — Baatea aar Uateratfttsaag 
der Taxis dea eingeklemmten Braches. — XI. internationaler Coograaa in Bom. — 6) Bri e fk a st en. 


Oi* igf izi.a .1 ten . 

Th. Billroth. 

Dea 6. Februar früb 1 ‘/s übr starb in Abbazia Theodor Biüroth, der bedeutendste 
und verdienstvollste Chirurg unserer Zeit. Einem alten Freund und warmen Verehrer 
des grossen Todten sei es gestattet, ihm in diesem Blatt, dessen Leserkreis so viele 
seiner Scbfiler zählt, einen Nachruf zu widmen. Freilich sind die folgenden Zeilen 
allza sehr unter dem lähmenden Eindruck des herben Verlustes und mit zu eiliger 
Feder geschrieben, als dass sie ein irgendwie abgerundetes Bild des erloschenen reichen 
Lebens geben wollten. 

Christian Albert Theodor BiUroth wurde am 26. April 1829 zu Bergen auf der 
Insel Bägen geboren als Sohn eines evangelischen Predigers und Neffe des Dr. TTtl* 
hdtn Friedrich B., verdienten Stadtphysicus zu Stettin.. ,Ich bin freilich in Pommern 
geboren, doch von schwedischem Blut beiderseitiger Grosseltern, mit französischem ar> 
grossmätterlichem Einschlag, ein sonderbarer Mischling, im Vaterlande Ernst Moriz 
Amdt’s gezüchtet und erzogen.*') Diesem nordischen Ursprung verdankte aohl Billroth 
die zähe Ausdauer, und unermüdliche Thatkraft, die wir stets an ihm anstaunten. 
Freilich lässt der durch Krankheit gebrochene und weich gestimmte Mann dies nicht 
gelten; denn im gleichen Brief heisst es: 

,Ich glaube, dass man sich über mich vielfach täuscht. Man hält mich meist 
für eine energische, immer nach neuer schaffender Thätigkeit ringende Natur. Ganz 
im Qegentbeile. Ich bin eigentlich ein durch und durch sentimentaler Ostseehäring, 
eine Hamlet-Natur, die nur durch äussere Verhältnisse und Selbsterziehung sich jede 

') Brief au Ed. Bantliek vom 11. Juli 1893. 

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energische Action mit Mähe abringt und eist, wenn sie nicht mehr rückgängig za 
machen ist, aus Ehrgeiz and Eitelkeit das einmal ausgesprochene Wort nicht mehr zuräck- 
nebmen will und dann mit äusserstem innerem Anpeitschen zur Tbat keucht* Wir 
kennen diese .erkeuchten* Tbaten und anerkennen sie besser! An dem .senti¬ 
mentalen Häring* aber ist etwas Wahres: der Hang zur Schwärmerei und die 
Liebe zum Meere. .Ein Lieblingswnnsch von mir ist, auf einem Balcone mit dem 
Blick aufs Meer und auf die Berge mich commod zum Sterben znrechtzulegen und 
ruhig das allmälige Stillstehen meiner Maschine zu beobachten.“) Dieser Wunsch ist 
in Erfüllung gegangen; der gewaltige Geist, der von der Brandung des baltischen 
Meeres seine ersten Eindrücke erhielt, löschte ruhig und gelassen aus am Gestade des 
Quarneros. 

BiUroth besuchte das Gymnasium in Greifswald und wurde 1848 an der Uni¬ 
versität immatrikulirt; 1849 zog er mit Baum nach Güttingen. Letzterer sowie Conrad 
Martin Langenbeck, Wähler, Wilhelm Weher und Rudolf Wagner waren dort seine 
Lehrer, Seine Studien beschloss er in Berlin unter Johannes Müller, Schönlein, Traube, 
Bernhard von Langenbeck und promovirte 1852 mit der Dissertation: ,De natura et 
causa pulmonum affectionis, qus nervo utroqne vago dissecto exoritnr.“ Nach einer 
wissenschaftlichen Reise nach Wien und Paris wurde er 1853 Assistenzarzt an Lern- 
genbeck'i Klinik und habilitirte sich 1856 als Privatdocent iür Histologie und Chirurgie; 
1860 zum Director der chirurgischen Klinik in Zürich ernannt, blieb er in dieser 
Stellung, bis er 1867 an SeshuVs Stelle nach Wien berufen wurde. 

Dies der äussere Rahmen, weicher ein ungewöhnlich glänzendes Lebensbild von 
harmonischer Vollendung umfasste. Denn BiUroth war nicht nur von Gottes Gnaden 
ein Fürst der Wissenschaft, ein Forscher auf breitester Basis, ein begeisterter und be¬ 
geisternder Lehrer, ein Chirurg von grosser technischer Begabung und vollendeter 
Ausbildung, ein überaus productiver gedankenreicher Schriftsteller von klassischem 
Styl, sondern auch ein Mensch, dem nichts Menschliches fremd blieb, von dem Shakes¬ 
peare gesagt hätte, er sei .in der Verschwendung der Natur* geboren. Die wissen¬ 
schaftliche Bedeutung des Mannes auch nur zu skizziren, biesse eine Geschichte der 
Chirurgie der letzten 30 Jahre schreiben. 

BiUroth fing an selbstständig zu arbeiten zu einer Zeit, wo die practische Me- 
dicin and mit ihr die Chirurgie sich nicht mehr begnügen konnte, therapeutische Ziele 
zu verfolgen. Physiologie, Histologie waren damals rasch sich emporschwingende 
Wissenschaften und die grössten Vertreter derselben, Lotte, Johannes Mütter, Wagner, 
Henle, Vogel u. A. bemühten sich, ihre Forschungen auch für die Pathologie frucht¬ 
bringend zu gestalten. Es dämmerte die MorgenrOtbe einer neuen Zeit, die mit Ftr- 
chm und seiner Schule zu glänzender Tageshelle emporstieg. Langenbeck selbst war 
von der Physiologie zur Chirurgie übergegangen, ein Entwicklungsgang, der seiner Lehr¬ 
methode den Stempel aufdrückte und seinen Einfluss auf Schüler und Assistenten 
wesentlich bestimmte. Der junge, reich begabte Assistent der chirurgischen Klinik 
entzog sich diesem Einflnss nicht; seine ersten Arbeiten .über den Bau der Schleim- 
polypen“, .über die Entwicklung der Gefässe“, seine „Beiträge zur pathologischen 
Histologie* legten Zengniss ab für den Eifer, mit welchem er solchen Untersuchungen 

*) Abbazia, Wiener med. Wacheuschrift, 1885. 


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oblag, zugleich fiSr die Reife und Selbstständigkeit seiner Arbeitskraft Ansser den 
genannten grossem Abhandlungen finden sieb ans dieser Assistentenzeit (1858—1860) 
in der „Deutschen Klinik*, in J. MüUer'a «Archiv ffir Anatomie und Physiologie*, 
in der «Zeitschrift fSr wissenscbaftliobe Zoologie*, in Virchote'B «Archiv* zahlreiche 
grossere und kleinere Arbeiten aus BiUrofh'a Feder, s&mmtlicb der normalen und 
pathologischen Histologie angebOrend. Daneben in der «Deutschen Klinik* eine 
Reihe von Beobachtungen und casuistischen Hittheilnngen klinisch - chirurgischen 
Inhalts. BiOroth erhielt 1858 einen Ruf als Professor der pathologischen Ana¬ 
tomie nach Greifswald, konnte sich aber nicht entschliessen, der Chirurgie untren zu 
werden. 

Vertraut mit allen Hfilfsmitteln der feineren microscopischen Untersuchung, 
practisch erzogen an mner Schule, die stets darauf ausging, der Chirurgie neue Ge¬ 
biete zu erschliessen und an Kähnheit des operativen Handelns alle andern fiberstrahlte, 
gewohnt ffir die Forderung seines Wissens und Könnens allein auf die Mittel und 
Methoden der modernen Naturforschung — Beobachtung und Experiment — sieh zu 
stützen und dadurch von vorneherein vor jeder üeberschreitung gesichert, war BülroBi 
wie kein anderer vorbereitet und beAbigt, die selbststftndige Leitung einer grossem 
Klinik zu fibernebmen. Es war daher ein glücklicher Griff der Zürcher Erziehnngs- 
behOrde, bei Neubesetzung der Lehrkanzel für Chirurgie ihre Wahl auf den Sljfthrigen 
Berliner Assistenten zu lenken. Dieser entwickelte sich rasch za einem Kliniker aller¬ 
ersten Ranges. 

Seine erste grossere Leistung waren die Arbeiten über «Wundfieber und aceidentelle 
Wnndkrankheiten*, in welchen zum ersten Male über fortgesetzte exacte Temperatnr- 
beobachtungen an chirurgisch Erkrankten berichtet wurde. Das Bestreben des Ver¬ 
fassers, einen Typus, eine Regel zu finden, unter welche sich die Erscheinungen bringen 
liessen, batte wenig Erfolg. Die Frage wurde daher experimentell wieder in Angriff 
genommen; nach unzähligen, in der mannigfaltigsten Weise modificirten Thierversuchen 
konnte der Satz formulirt werden, dass jedes Wundfieber die Folge einer Blutintoxi- 
eation, einer Infection sei. Die Fiebererreger sind auch meist Entzfindungserreger; sie 
sind wahrscheinlich moleculserer, vielleicht organisirter Natur ; sind es kleinste Lebe¬ 
wesen, so wirken sie nicht an sich, sondern durch die unter ihrem Einfluss gebildeten che¬ 
mischen Gifte. In einer dritten Arbeit galt es zu 4 )rfifen, in wie weit Experiment und 
klinische Beobachtung sich decken und mit der Hypothese stimmen. Zu einer Zeit, 
wo die Bacteriologie noch im Schoosse der Zukunft schlummerte, gehörten die Problmie, 
die hier zu einem gewissen Abschlüsse gebracht wurden, zu den denkbar schwierigstea 
und verwickeltsten. Beim nochmaligen Dnrchlesen der BiUroth'sßhen Arbeiten staunt 
man über die Fülle von neuen Gedanken, von geistreichen, grOsstentheils später be¬ 
stätigten Hypothesen, über den prophetischen Seherblick des genialen Verfassers. Es 
war eine ganz nngewOhnliche Erscheinung, dass ein Chirurg es wagen durfte in den 
«Hysterien der inneren Medioin zu wfihlen*. — Für uns schweizerische Chirurgen 
war es eine sehOne Zeit. Der persönliche Verkehr mit dem liebenswürdigen, zu ge¬ 
meinsamem Gedankenaustausch stets bereitwilligen Collegen gab unserm chirargischen 
Denken eine ungewohnte Richtung. Es zog ein warmer Geistesfrfihling in unser 
Ländcben! 


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Sülroth empfand bald das Bedürfniss, die Besultate seiner Forschung seinen 
Schölem mnndgerecht zn machen. Es entstand in Zfiricb «Die allgemeine 
chirurgische Pathologie*, ein Lehrbuch, aber nicht in der starren, ,rein 
objectiren Form der alten Lehrbficher*, «kfihl bis an das Herz hinan*, .trocken vom 
Wirbel bis zur Zehe*, sondern in der Form von Vorlesungen, in welchen das warm 
pnlsirende Denken und Tr^hten des begeisterten Lehrers in subjectivester Weise anregend 
und befruchtend auf den Geist des Lesers wirkt. Trotz manchem Achselzucken Älterer 
Collegen hat doch wohl kaum ein Lehrbuch solch’ einen immensen Erfolg gehabt In 
alle Sprachen äbersetzt, hat es eben seine 15. deutsche Aufli^e erlebt und steht jetzt 
noch unäbertroifen da. — Eine zweite ebenso neue, ja ffir die damalige Zeit kühne 
That waren die .Chirurgischen Erfahrungen*, eine wahrheitsgetreue, vollst&ndig inte¬ 
grale Berichterstattung über Alles und Jedes, was in der Klinik vorkam. Sie ent¬ 
standen ans dem Bedürfniss .nach Klarheit über das, was wir wissen, und das, was 
wir nicht wissen*, nach .unbedingter Wahrhaftigkeit gegen sich selbst und gegen die 
Andern* und sollten die Möglichkeit darthun, auch auf dem Gebiet der klinischen 
Heilkunde eine ebenso sichere Beobachtungsbasis zu gewinnen wie auf dem Gebiet 
anderer Theile der Naturwissenschaft. Dies setzt allerdings eine gleichmässige Methode 
der Beobachtung, gleichmässige Art der Verwerthnng der Beobachtungen voraus. Für 
die junge Generation der Mediciner, die zumeist historischer Forschung nicht hold sind, 
ist es schwer, sich eine Vorstellung der reformatorischen, ja revolutionären Wirkung 
dieser Jahresberichte zn machen. Wenn bis dahin in chirurgischen Büchern überhaupt 
von Zahlen die Bede war, setzten sich dieselben aus mehr oder weniger zufälligen 
Veröffentlichungen aus Kliniken und Spitälern zusammen. Letztere selbst waren 
in der Begel einem bestimmten therapeutischen Zweck zulieb entstanden, sie sollten 
einer neuen Operation das Wort reden oder ein neues Heilverfahren empfehlen und 
theilteu vorzugsweise glückliche Ergebnisse mit. — Damit soll nicht gesagt 
werden, dass unsere alten Meister unredliche Autoren waren, aber sie fühlten 
sich keineswegs verpflichtet, schlimme Erfahrungen und ungünstige Besultate zn 
veröffentlichen. Von da zur bewussten oder unbewussten Vertuschung und Schön¬ 
färberei war freilich der Schritt nicht gross. Es leuchtet ein, dass aus solchen 
Materialien unter dem Schein des Exacten eine Statistik entstand, die, an sich viel¬ 
leicht richtig, dem richtigen Sachverhalt nicht entsprach und dass bei Vielen eine 
unüberwindliche Abneigung gegen die Anwendung der statistischen Methode in der 
practischen Chirurgie überhaupt erzeugt wurde. — Es gehörte für einen jungen 
Kliniker ein grosser Mutb dazu, mit dem Hergebrachten zu brechen und rficksichts- 
und vornrtheilslos über alles klinisch Erlebte zn berichten. Eine solche periodisch 
abgelegte Generalbeicbte, die sich keine andere Aufgabe stellt als an Stelle allge¬ 
meiner Eindrücke und nebelhafter Vorstellungen die mathematische Strenge der Zlahl 
zu setzen, ist und soll nicht wissenschaftliche Production im eigentlichen Sinn sein; 
sie bildet aber das Material zum Studium vieler wichtiger chirurgischer Fragen: 
Häufigkeit und Tödlichkeit der accidentellen Wundkrankheiten, endliches Schicksal der 
an Tumoren, an localer Tuberculose Behandelten u. s. w. u. s. w. 

Die drei genannten Arbeiten sind für die weiteren Forschungen BiUroth's grund¬ 
legend geblieben. Unablässig beschäftigte ihn die Frage nach Aetiologie und Behänd- 


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lang der Wandkrankheiten; 1874 erschienen die , Untersuchungen über die Vegetations- 
formen der Goccobacteria septica“, das Besnltat Sjfthriger rastloser Arbeit und unermess¬ 
licher geistiger Eraftanstrengnng. Trotz der noch unTollkommenen Zfichtnngstechnik 
gelang es Billroth eine Anzahl büchst werthroller, durch die exacte Forschung späterer 
Zeit bestätigter bacteriologischer Thatsachen festzustellen und in das Wesen der In- 
fection tiefer einzudringen. Ganz erstaunlich ist auch hier die Summe der Beob¬ 
achtungen, die lichtvolle Behandlung der Probleme, welche sich im Verlauf der Unter¬ 
suchung aofdrängten, die genialen Ausblicke in die Zukunft und die Nutzanwendungen 
für die Gegenwart. Doch fühlte der Verfasser, dass die ihm zu Gebot stehenden 
Methoden nicht genügten, um die riesige Aufgabe, die or sich gestellt batte, voll be¬ 
wältigen zu künnen. .Ich bin schon oft bald in diese, bald in jene Sackgasse ge- 
ratben“, schreibt er einem Freund mitten ans seinen Stadien. .Ich habe von dieser 
Arbeit zu sehr das Bewusstsein zurückbehalten, dass ich etwas schajDTen wollte, wozu 
meine Kräfte nicht ausreichten.* .Es ist eine Thorheit sich darüber zu grämen, es 
ist albern darüber za spütteln. Freuen wollen wir uns, dass die Zeit so rasch arbeitet. 
Freuen wollen wir uns, dass immer Besseres geschaffen wird, dass wir der Wahrheit 
immer näher kommen*, heisst es in der Einleitung! 

Es ist eigentlich nicht verwanderlicb, dass BiUroth Lister's Wundbehandlung 
nicht blindlings acceptirte. Er erkannte sofort, dass die physiopathologische Begründung 
derselben nicht ganz richtig sein künne, dass es nüthig sei. Unwesentliches vom 
Wesentlichen in der Methode auszuscheiden. Die vielen schon längst über Bord ge¬ 
worfenen kleinlichen Umständlichkeiten des ursprünglichen Ver&hrens forderten seinen 
Humor heraus: .Wir baden in Ostende gewühnlich ohne Garbolsäure; auch brauchst 
Du kein Silk-protective mitzubringen, denn wir baden immer im .Paradis**, schrieb 
er mir 1875 aas Garlsbad! 

Als im Juli 1870 der Eriegsruf erschallte, da flammte wieder die .unter der 
Asche der Zeit durch Oxydation des internationalen Verkehrs kaum noch glimmende 
Glnth seines deutschen Patriotismus* hell auf und Billroth war einer der Ersten, der 
in den Lazarethen von Weissenbnrg und Mannheim sein Wissen und sein Eünnen in 
den freiwilligen Dienst der Humanität stellte. So entstanden die .Chirurgischen 
Briefe aus den Eriegslazarethen*, Einder des Augenblicks, wie er 
sie nannte, in welchen aber die wichtigsten Abschnitte der Eri^chimrgie der Reihe 
nach and stets an der Hand der eigenen Beobachtung zur Behandlung kamen. In 
diesen Briefen kommt das eigene schriftstellerische Talent Bülroth'B recht zum Aus- 
draek. Er fürchtete nichts so sehr als .langweilig gefunden zu werden*; er war 
daher stets bemüht, die Schablone des Systems zu vermeiden and neue litterarische 
Formen zu finden. Dies ist ibm hier besonders gut gelungen. Welche ungeheure, 
theilweise an sieh recht trockene Anhäufung von Arbeitsstoff, von exaeten Beob¬ 
achtungen, sind da gleichsam spielend in der angenehmen Form einer zwanglosen Er¬ 
zählung streng wissenschaftlich verwerthet! Wie versteht er es, den Emst und die 
Schwierigkmt seiner Thema mit Schilderungen und Ergüssen von subjectiven Empfin¬ 
dungen zu würzen, die aus ganz persönlichen momentanen Stimmungen und Eindrücken 
hervorgegangen sind! 

Kaum aus dem Feldzuge zurückgekehrt, geht es zu neuer Friedensarbeit und 


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zwar auf «inem Gebiet, das der Berufsthätigkeit nicht unmittelbar angehörte. Da 
wird aus aller Herren Länder ein ungeheures Material über die Gesehiehte und die 
Organisation des höhern medicinischen Dnterrichts gesammelt und aus dem Chaos des 
spröden Arbeitsstoffes entsteht wieder ein wahrheitgetreues, alle Schw&dien und Löcken 
unbarmherzig anfdeckendes, formrollendetes Buch: .lieber das Lehren und 
Lernen der medicinischen Wissenschaften an den ünirer* 
sit&ten der deutschen Nation*. — Ich muss es mir versagen, auf den 
Inhalt dieses Buches, als dessen Ergänzung 10 Jahre später (1886) die „Aphoris- 
men zum Lehren und Lernen etc.* erschienen, näher einzugehen. Das- 
sribe erregte ein gerechtes Aufsehen und die offene Art, wie viele bisher mehr oder 
minder ignorirte Schäden aufgedeckt und die zeitgemässen Vorschläge zu deren Be¬ 
seitigung gemacht wurde, rief vielfachen Widerspruch hervor. 

Die weitere Verfolgung der litterarischen Thätigkeit BiUroth's als Herausgeber 
der .Deutschen Chirurgie*, des .Archiv für klinische Chirurgie* würde mich weit 
über die mir gesteckten Grenzen hinausfübren; es gibt wohl keine Frage der chirur¬ 
gischen Pathologie, die während der letzten 30 Jahre in der medicinischen Welt an¬ 
geregt worden wäre, ohne dass BiUroth zu derselben Stellung genommen hätte. Die 
Aufzählung aller seiner Aufsätze über geschichtliche Themata, seiner Necrologe, seiner 
kritischen Anzeigen, seiner Publicationen auf dem Gebiete der Krankenpflege im Frieden 
und im Felde, der zahllosen unter seinem Einflüsse entstandenen Arbeiten einer ganzen 
Schaar talentvoller Schüler würden allein ganze Seiten ausfüllen. 

BiUroth hat aber seinen Namen mit goldenen Lettern nicht nur in das 
Buch der Geschichte der Chirurgie, sondern in Kopf und Herz seiner Schüler 
eingetragen. Wie er als Lehrer wirkte, steht noch im Gedächtniss vieler Leser 
dieser Blattes. Sein Vortrag in der Klinik zeichnete sich durch Gedankenreich¬ 
thum und durch die originelle fesselnde Form aus. Er trachtete stets seine 
Zuhörer der klinischen Beobachtung und der innern Medidn näher zu führen und 
tadelte, dass in der Chirurgie die anatomische und operative Biohtnug die Oberhand 
gewinne. 

Im Verkehr mit seinen Assistenten war er von einer geradezu bestrickenden 
Liebenswürdigkeit und wurde auch dafür durch rückhaltlose Anhänglichkeit belohnt. 
Nächst Langenbeek hat er die grösste Anzahl tüchtiger Fachchirurgen herangebildet; die 
chirurgischen Lehrstühle in Heidelberg, Breslau, Prag, Graz, Lüttich, Utrecht sind mit 
seinen Schülern besetzt. Er batte eben, wie Langenbeek, den Scharfblick für das 
Talent und noch mehr das Wohlwollen, das Interesse, das er den Bestrebungen jüngerer 
erlegen entgegenbrachte, zog das Talent zu ihm heran; er verstand es auch meister¬ 
haft in Jedem gerade die Seiten zu befruchten, die ihm der Ausbildung am fähigsten 
schienen und noch etwas: die eigene Schöpfungskraft Hess ihn nie auf den Gedanken 
kommen, er könne durch Heranbilden geistvoller Schüler an der eigenen Autorität 
Schaden nehmen. .Was ich über dem Strich zu sagen habe, überlasse ich mit Vor¬ 
liebe der jüngem Generation meiner Schüler*, heisst es in einem Feuilleton ans 
Abbazia (1885). 

In der operativen Technik hat BiUroth Grossartiges gelüstet. Ich 
erinnere nur an die Ausbildung der Kropfoperationen, der Darm- und Dterusebirurgie. 


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Am 31. December 1873 wurde yon ihm die erste ain Menschen ausgeföhrte Total¬ 
exstirpation des Keblkopiö vorgenoihmen, am 29. Jannar 1881 die erste Magen- 
resection. Beide Eingriffe waren nicht, wie man es vielfach glauben machen wollte, 
.tollkühne Experimente am Menschen*, sondern anatomisch, physiologisch und tech¬ 
nisch in allen Theilen wohl vorbereitet und wohl erwogen; Operationen, die, vielfach 
nachgemacht nnd nachgepröft, eine bleibende Bereicherung unseres chirurgischen EOn- 
nens sind. 

BiUroth war eine gottbegnadete, harmonisch ansgebildete Persönlichkeit: scharfer 
Verstand, lebhaftes Auffassungsvermögen gepaart mit schöpferischer Phantasie in einem 
edel geformten kräftigen Körper. Sein tiefliegendes, aber lebhaftes blaues Auge blickte 
mild strahlend vor sich nnd das Lächeln seiner Lippen war von bestrickender Liebens¬ 
würdigkeit. In seinem Charakter war Thatkraft und starker Wille in seltsamer Weise 
verbunden mit aussergewöhnlichem Wohlwollen und Milde des ürtheils. Im persön¬ 
lichen Verkehr stets bei gutem Humor und voll Lebensfreude, übte er nie heissende 
Kritik, hatte vielmehr die seltene Gabe, bei Jedem die guten Seiten herauszufinden. 
Er war ein leidenschaftlicher Musikfreund und gewandter Musiker, ein feiner Kenner 
der Meisterwerke der Tonkunst, auch guter Zeichner und Maler. Seit 1856 mit Frau 
Christel geb. Michaelis (Tochter des Hofmedicus) verheirathet, hatte er ein sehr glück¬ 
liches Familienleben. Von der Natur so verschwenderisch ausgerüstet, musste BiUroth 
äberall der Mittelpunkt einer edlen, lebensfrohen Geselligkeit werden. So war es in 
Zürich, wo ich im Kreise der Seinigen und der hervorragenden Männer, die sich um 
ihn schaarten, unvergessliche Stunden verlebte. Aber erst in Wien fand BiUroth 
voll und ganz den Thätigkeitskreis, für den er geschaffen war. Das Grosse und 
Schöne, das die Kaiserstadt ihm bot, erfasste seine Gelehrten- und Künstlernatur mit 
der ganzen ihr eigenen Arbeite- und Lebensenergie. Doch blieben ihm hier die Ent- 
täuschnngen nicht erspart; nicht ohne Kampf gegen kleinlichen Neid und niedrige 
Intrigue musste er sich seine Stellung erringen. Dann aber kam die Zeit, wo Biü- 
rxAh unter seinen Collegen, seinen Schülern, den Künstlern und der ganzen Bevölkerung 
der Hauptstadt eine höchst populäre, überall mit Begeisterung begrüsste Persönlich¬ 
keit ward. Kein Wunder, dass er in diesem Boden, welcher seiner Eigenart so adäquat 
war, tiefe Wurzeln fasste und durch die glänzendsten Anerbietungen sich nicht be¬ 
stimmen lies, sein Adoptivvaterland zu verlassen; 1872 lehnte er einen Ruf nach Strass- 
bnrg, 1882 den durch Langeribeck'i Rücktritt verwaisten Lehrstuhl an der ersten 
Universität Deutschlands ab. Die glänzendsten äusseren Zeichen der Anerkennung 
wurden BiUroth in reichstem Maass zu Theil; er war k. k. Hofrath, Mitglied des 
Herrenhauses, Mitglied der Akademie der Wissenschaften, Ehrenmitglied einer Unzahl 
gelehrter und ärztlicher Gesellschaften, Inhaber hoher und höchster Orden, etc. etc. 
Weder dies Alles, noch die Jahre, noch die heranschleichende, tückische Herzkrankheit 
mit ihrem Gefolge von körperlichen Beschwerden vermochten seinen Blick zu trüben, 
seine Empfindlichkeit für alles Schöne und Grosse zu mindern, sein für alte Freund- 
sdiaft warm schlagendes Herz zu schwächen. Er wurde nur noch milder. Ein weicher, 
melancholischer Hauch legte sich verklärend auf sein ganzes Wesen. — Am Abend 
des schönen Festes, das ihm bei seinem 25jäbrigen Wieneijubiläum bereitet wurde, 
schrieb er mir: 


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Lieber alter Freund! 

.Herzlichen Dank für Deine Qlnckwfinsebe! Man hat mir heute hier ein sehr 
schönes Fest bereitet. Die Lente sagen, es sei erhebend gewesen. Ich sage Dir 
heimlich auf gut wienerisch: ,A scbOne Leich war’s!“ So ein Dreiriertel-Bogrübniss, 
wobei man zugleich Begrabener und Leidtragender ist. Man bat mich mit Ehre, aber 
noch mehr mit Liebe zngedeckt. Da wird sich’s denn bald sanft ruhen lassen! Ade! 
Ade! Ade! Still alter Maulwurf!“ » • m -o 


Der schonen Zfircherzeit gedachte Bülroth immer gerne. 

Unterm 18. März 1892 schreibt er: 

.Wie schon war unser Zusammenleben in der Schweiz!! es war die Idylle 
meines Lebens. Ich hatte nicht viel, erwarb wenig, war aber innerlich lustig und 
lebensfroh und glücklich. Auch im ersten Decennium in Wien schwamm ich noch 
behaglich im Meer des Daseins. Doch das ist lange vorbei, und ich gäbe wahrlich 
alle meine sogenannte Berühmtheit um die berühmte Heiterkeit und Flottheit meines 
früheren Daseins. Ich bin ganz Malbeureux imaginaire geworden. Doch was nützt 
es, wenn ich mir täglich sage, dass es wenigen Menschen so gut ergangen ist, wie 
mir — die melancholische Grundstimmung ist einmal da, mit oder ohne Grund, das 
ist einerlei .... Gerne mOchte ich sagen: Auf Wiedersehen! . . . .“ 

.Mein Tagewerk ist vollbracht. Alles von mir Geschaffene ist so organisirt, 
dass der Bestand desselben gesichert erscheint“, heisst es in einem seiner letzten 
Briefe. Diese Worte gelten in erster Linie für sein geistiges Werk, das fortleben und 
fortwirken wird unter den Menschen. Mit dem Tode Bülroth's trifft also die Wissen¬ 
schaft kein Verlust. Die hehre Gleichgültige schreitet, im Bewusstsein ihrer unversieg¬ 
baren SchOpfungskraft, mit souveräner Ruhe über die Gräber ihrer edelsten Sohne 
hinweg. Eine nnausfüllbare Lücke aber wird Bülroth's Tod in den Herzen Aller lassen, 
die ihm nahe standen und seine Freunde sich nennen durften. Die milde Harmonie 
seines Wesens, das völlige Ebenmaass seiner ganzen Art, die gleichmässige Ausbildung 
aller vornehmen Seiten seiner edlen Menschennatur, die Treue seiner Gesinnung, das 
haben sie in Wien unwiderbringlich in die Gruft versenkt, unter Blumen und Mnsik- 
klängen, wie es für den Fürsten Bülroth sich ziemte. . o • 


Die Pharmacopcea Helvetica Editio tertia, im Vergleich mit der Editio II 

und dem deutschen Arzneibuch. 

Von Prof. Massini, Basel. 

Endlich ist der Zeitpunkt berangekommen, wo das längst erwartete Werk einer 
officiellen Schweizerischen Pharmacopoe das Licht der Welt erblickt hat. Im Laufe 
des Monats December ist dieselbe im Buchhandel erschienen und auf 1. Juli 1894 
soll sie in Kraft treten. Wir erinnern nur kurz daran, dass die zwei ersten Ausgaben 
der Schweiz. Pharmacopce, diejenige des Jahres 1865 und die Editio altera aus dem 
Jahre 1872 mit Supplement vom Jahre 1876 der Initiative des Schweiz. 
Apothekervereins ihr Entstehen verdankten und als privates Unternehmen im 
Aufträge dieses Vereins durch eine ans seiner Mitte aufgestellte Commission sind re- 


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digirt worden. Freilich hat der Bandesrath schon die erste Ausgabe im Jahre 1867 
für die Schweiz. Armee als massgebend erkl&rt und mit Ausnahme der Gantone Genf 
und Unterwalden wurde dieselbe auch in den Cantonen als officielles Arzneibuch ein- 
geführt, allein erst im Jahre 1888, als sich das dringende Bedfirfoiss einer Revision 
der II. Ausgabe geltend machte, wurde durch Herrn Bandesrath Schenk, dem Vor¬ 
steher des Schweis. Departements des Innern, Herr Prof. Ed. Schär, dazumal Vor¬ 
steher des pharmaceutischen Institutes am Polytechnikum im Zflrich eingeladen, ein 
vom Standpunkte der wissenschaftlichen Pharmade ausgehendes Gutachten über Um¬ 
fang und Gharaeter einer schweizerischen Landespharmacopoe, sowie 
über den Modus procedendi für die Erstellung eines solchen Werkes einzureicben. 

Dies geschah und es wurde durch den Schweiz. Bandesrath am 15. Februar 1889 
die Aufstellung einer Schweizerischen Pharmacopoecommission, bestehend aus 4 Medici- 
nem, 6 Pharmaceuten, 2 Ghemikem, 1 Veterinär und ebenso vielen Suppleanten, be¬ 
schlossen. Diese Gommission trat erstmals am 2. Mai 1889 zusammen und wählte 
eine Bedactionscommission, bestehend ans 3 Apothekern, 2 Aerzten, 1 Gbemiker und 
1 Thierarzt: dieselbe trat am 25.—26. Mai 1889 zusammen, stellte die Series medica- 
minnm der neuen Pbarmacopoe fest und verschickte dieselbe im Juli gleichen Jahres 
zur Prüfung an alle hetheiligten Kreise der Schweiz; als Termin zur Eingabe von 
Wünschen und Bemerkungen war . der 15. November festgesetzt und diese Frist auf 
den 1. December verlängert worden. Dass seit jener Zeit 4 volle Jahre verstrichen 
sind, bis das Werk dmckfertig wurde, rührt einestheils daher, dass zahlreiche Artikel 
einer vülligen Umarbeitung unterzogen worden sind, wobei theilweise büchst zeit¬ 
raubende Versuche nüthig waren, anderntheils davon, dass die Uebersetznng in die 
8 Landessprachen weit grosseren Schwierigkeiten begegnete, als von vomeherein war 
angenommen worden. Nun aber haben wir die Befriedigung, dass die Schweizerische 
PharmacopcB jedem Landestheil in seiner Muttersprache dargeboten wird, und wenn 
auch diese Polyglottie dem Bureau der Redactionscommission, dem Herrn Prof. Dr. 
Schär in Strassbarg und den Herren Apothekern Weber in Zürich und Odot in 
Lausanne viel Mühe und Arbeit bereitet hat, so ist eben doch für das Verständniss 
der Znbereitungsart die Redaction in modernen Sprachen viel zweckmässiger gewesen, 
als ein lateinischer Text. 

Wenn wir nun auf das Werk selbst einen Blick werfen, so dürfen wir wobl be¬ 
haupten, dass dasselbe unter den neuem Pharmacopoen einen sehr ehrenvollen Platz 
einnimmt und dass dasselbe nicht allein den frühem Ausgaben der Schweizerischen 
Pbarmacopoe, sondern auch denjenigen unserer Nachbarländer gegenüber sehr nam¬ 
hafte Fortschritte aufweist, und diess mücbte ich ganz besonders hervorheben in 
Bezug auf die sorgfältige Redigirung der Herstellnngsweise chemischer Producte uud 
galeniscber Präparate, wie auch in Bezug auf die Prüfungen derselben auf Reinheit 
and auf Gehalt. 

Als eine namhafte Neuemng, welche unsere neue Pbarmacopoe mit dem deutschen 
Arzneibuch gemein bat, ist zu begrüssen die Aufnahme einer grosseren Anzahl von 
allgemeinen Artikeln über die Zubereitung einzelner Arzneiformen; während 
die Editio altera der S. P. deren nur 4 zählte, nämlich Decocta, Elsosacchara, Extracta 
ond Tinctnrs, finden wir in der neuen Ausgabe 19, nämlich Aquse destillats, Decocta, 


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Elseosacobara, Emplastra, Emulsiones, Extracta, Granula, InAisa, Linimenta, Olea 
setherea, Pastilli, Percolatio, Pulveres, Sirupi, Species, Suppositoria, Tinetune, Unguenta 
und Vina; das deutsche Arzneibuch z&blt deren 24, nämlich es fehlen dort die Artikel 
Pulveres, indem die betreffenden Vorschriften in der Vorrede enthalten sind, Percolatio, 
statt welcher ein besonderer Artikel Extracta fluida aufgenommen ist, und Olea »tberea; 
dafür aber sind noch aufgefOhrt Capsuls, Eleotuaria, Pilnl», Saturaticmes, Styli cans- 
tici. Tabul» und Trochisci. Ans den in den obigen Artikeln enthaltenen Vorschriften 
hebe ich folgende hervor: Die destillirten Wasser sollen durch Dampf¬ 
destillation <dine vorborgehende Befeuchtung der Substanzen bergestellt werden, während 
nach der bisherigen Pharmacopoe nnd nach dem Deutschen Arzaeibnch die Drogne 
erst mit Wasser bezw. Wasser nnd Weingeist übergossen und dann destillirt wird. 
Bei den Decocten wird wie bisher angenommen, dass Mangels einer bestimmten 
Vorschrift die Golatnr das lOfache der Drogne betrage, für die schleimigen Substanzen 
aber in Abweichung von der bisherigen Vorschrift das 20fache; ausserdem wird be¬ 
stimmt, dass bei Substanzen, welche in der Tabelle der Separenda und Venena stehen, die 
Vorschrift des Arztes verlangt werde, was sehr zu begrüssen ist. Das Deutsche 
Arzneibuch enthält diese letztere Verordnung für die ArznäkOrper, bei denen eine Dosis 
maxima festgesteilt ist. 

Die eingreifendsten Veränderungen betreffen die Extracte, indem hier die 
bei uns durchaus neue Form der flüssigen Extracte, der sogenannten Fluid- 
extracte eingeführt wird, welche mit Hülfe des Percolators hergestellt eine 
möglichst vollständige Erschöpfung der Drognen erzielt, so dass dieselben als überaus 
wirksame und daher bei den toxischen Substanzen mit grosser Vorsicht zu gebrauchende 
Präparate müssen angesehen werden. Obwohl 1 Theil des Flnidexbactes in der 
Kegel 1 Theil der Drogne entspricht, so muss das Fluidextract entschieden als 
kräftiger angesehen werden, als die Drogne selbst, weil letztere, wenn in Sub¬ 
stanz gegeben, vom KOrper eben nicht vollständig erschöpft wird und wohl auch viel 
langsamer zur Resorption kommt als das Fluidextract. Herr Prof. Prevost in 
Genf hat sich der Mühe unterzogen, mit mehreren der starkwirkenden Flnidextracte 
Versuche anzustellen und ist dabei zu Resultaten gekommen, welche diese Tbatsache 
ausser allen Zweifel stellen: Prevost erhielt bei Rana tempmraria Herzstillstand bei 
folgenden Dosen: 

Exlract. fluid. Extract. fluid. Extract. fluid. 

Convallari» Digitalis EHgitalis von anderer Drogne 

0,003 0,02 0,04 

Digitaline Digitalin. Digitaline Infus Digit. 

Homolle et germanic. Nativelle 1:20 

Quevenne (Digitoxin) 

0,0015 0,003 0,0008 0,1 

ferner für Aconitpräparate bei Rattoi und Meerschweinehen von eirca 100 gr Kürper¬ 
gewicht betrug die tödliche Dosis 

Tinctura aeoniti Extr. fluid. Extr. fluid. Aconitini 

e herba recente Mr. 1 Nr. 17 Dnquesnel 

0,67 0,003 0,08 0,0001 


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Eb ergeben sieh hieraus die Thatsachen, dass, da die Herstellung der Fluidextraete 
stets in derselben Weise erfolgte, diese Prftparate die Differenz der Droguen fiberans 
scharf wiederspiegeln, b« zwei Digitaliseitracten Differenzen von 1:2, bei Aconitex- 
traeten ans 2 versehiedenen Knollen von 1:10; ferner dass das Gonvallariaextraot 
fir Batrachier ein sehr starkwirkendes Herzgift ist, und endlich, dass die Fluidextraete 
5 bis 2,5 Mal so stark wirken, als Infuse. 

Wir haben ans diesem Grunde die Maxinuüdosen ffir die Fluidextraete halb so 
stark angesetzt, als ffir die Drogue, also z. B. 

ffir Folium Digitalis Dosis simpl. max. 0,2, Dosis pro die 1,0, 
ffir Extr. fluid. Digitalis • . • 0,1, , , . 0,5. 

Noch wichtiger ist die Differenz der Bxtracta sicca der neuen Pharmacopoe von 
denjenigen der Editio altera und denjenigen des Deutschen Arzneibuches; diese Extracta 
sicca werden entsprechend den Abstracta der amerikanischen Pharmacopoe nach vorher¬ 
gegangenem Percolationsverfahren auf Trockensubstanz reducirt und mit Reispulver so 
vermischt, dass ein Theil Extractum siccum zwei Theilen der Drogue entspricht; um 
von vorneherein jedem Irrthnm vorzubeugen, werden diese Trockenextracte als Extractum 
duplex bezeichnet und die Dosirung beträgt folgerichtig die Hälfte der Fluidex- • 
traetdosis. Nach der bisherigen Pharmacopos werden die Extracta sicca so bereitet, dass 
ein Tbeil des Extractum spissum mit 2 Theilen Milchzucker getrocknet und dann soviel 
Milchzucker noch zugesetzt wird, dass das Gewicht des Trockenextractes das Sfache 
des Extractum spissum beträgt, das erstere ist also 3 Mal schwächer; das Deutsche 
Arzneibuch bereitet die Trockenextracte der narcotischen Substanzen durch Vermischen 
mit Sfissbolzpulver, so dass 2 Theile des Extractum siccum 1 Theil von Extrac¬ 
tum spissum entsprechen, also das Trockenextract halb so stark ist, als das Extractum 
spissum. 

Es mag nun gewagt erscheinen, gerade bei den narcotischen Substanzen so fiber- 
aus kräftige Präparate einzuffibren und es ist in der Tbat von verschiedenen Seiten 
dies Bedenken geäussert worden; dem gegenüber muss aber bemerkt werden, dass bei 
gleicher Drogue das Percolationsverfahren eine viel grfissere Oleicbmässigkeit des 
Extractes garantirt als das bisherige Verfahren der einfachen Maceration und Ein¬ 
dickung , bei welcher ja nie ein bestimmtes Verhältniss zwischen Drogue und 
Extraetnaasse postulirt war, sondern bei welcher vorgesebrieben war, es werde die 
Macerationsflfissigkeit zur Dichtigkeit zweiten Grades eingedickt, ohne dass erhellte 
ob 1 Theil Extract 2, 3 oder 5 Theilen der Drogue entsprach. Auch die Haltbar¬ 
keit der Fluidextraete, die io leicht zu verschliessenden Geffissen anfbewahrt werden 
kfinnen, erscheint als eine weit grfissere, als die der in offenen Tfipfen aufbewahrten 
und mit der Zeit leicht eintrocknenden oder, wenn bygroscopiscb, Wasser anziehenden 
Extracta spissa. 

Die Editio tertia enthält Extracta flnida und Extracta duplicia ffir folgende 
Arzneikfirper: Tuber Aeoniti. Radix Belladonn», Fructus Conii, Folium Digitalis, 
Folium Hyoscyami und Semen Stramoaii; von dw Chinarinde erstellt sie ein Extractum 
flaidoii» und ein pulverffirmiges Extractum spiritnosum, ebenfalls auf dem Pereolator 
bergeetellt; nur Fhiidextraote bringt sie von Semmi Colebici, Cortex Condnrango, 
Herba Convallariie, Folium Eucalypti, Rhizoma Hydrastis, Radix Ipecaenanhte, Cortex 


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Mezerei, Cascara Sagrada, Badix Senegse. Von Secale oornntum wird ein dünnes Ex- 
tract anf dem Percolator dargestellt im Yerh&ltniss von 8 Theilen Drogne zu 1 Theil 
Extract, und von diesem mit 1 Theil Extract, 2 Theilen Wasser und 1 Theil Glycerin 
zu Injectionszwecken ein Bxtractnm Secalis cornnti solntum bereitet, 1 Theil des¬ 
selben entspricht 2 Theilen Mutterkorn. Ebenfalls mittelst des Percolationsverfahrens 
werden bereitet: das Extractnm Cannabis indicse (spissnm), Cubeba (dünn), Filicis 
(dünn), Strychni (trocken); die übrigen Extracte werden nach dem alten Verfobren 
bergestellt 

Das Deutsche Arzneibuch enthält Fluidextracte nur von Cortex Condurango, 
Cortex Frangula, Rbizoma Hydrastis und Secale cornutum; bei allen übrigen wurde 
das Percolationsverfahren noch nicht eingeführt. 

In Bezug auf die Consistenz bestimmt die neue Schweizerische Pharmacopa 
ansser den Flnidextracten 3 Grade, dünne, dem frischen Honig gleichend, dicke, bei 
110** getrocknet 18—20**/» ihres Gewichtes verlierend, trockene, bei 110** nicht mehr 
als 4*’/o ihres Gewichtes verlierend; das deutsche Arzneibuch: dünne, welche dem fn- 
schen Honig gleichen, dicke, welche erkaltet sich nicht ausgiessen lassen, und trockene, 
welche sich zerreiben lassen; die Pharmacopaa helv. Ed. 11. Extracta I. Grades, von 
der Consistenz eines dicken Sirups, II. Grades von der Consistenz eines dicken Honigs, 
III. Grades von Pillenconsistenz (Extract. Quassia). 

Der Artikel Granula bringt die dem Practiker willkommene Vorschrift für 
die Herstellung dieser für die Verordnung von kleindosirten Mitteln zweckmässigen 
Arzneiform; dieselben halten 5 cgr Gewicht und sind zu 8 Theilen aus Gummi 
und zu 7 Theilen aus Zucker erstellt; im deutschen Arzneibucbe werden die¬ 
selben bei gleichem Gewichte aus 1 Theil Gummi und 4 Theilen Milchzucker mit 
107o glycerinhaltigem Sirupus simplex formirt. Es genügt also in Zukunft die 
Verordnung Granula atropini sulfurici 0,3 mgr continentia Nr. X, oder 

Atropini sulfur. 0,003. 

Massa granulorum q. s. ut flant granula Nr. X. 

Boi den I n f u s e n gelten in Bezug anf die Dosirung die gleichen Kegeln wie 
bei den Decocten, es soll mit kochendem Wasser übergossen und vor dem Coliren 
eine Viertelstunde stehen gelassen werden. Der Gebrauch sogenannter Infusa sicca ist 
nicht gestattet. Im Deutschen Arzneibuch wird nach dem Uebergiessen mit kochendem 
Wasser das Infus 5 Minuten lang dem Dampf des siedenden Wasserbades ausgesetzt 
und die Flüssigkeit erst nach dem Erkalten abgeschieden. 

Das Percolationsverfahren ist in einem besonderen Artikel Percolatio 
beschrieben, da in der neuen Pharmacopoea belvetica auch einzelne Tinctnren auf dem 
Percolator bereitet werden; im deutschen Arzneibuche findet sich die Vorschrift zur 
Percolation unter dem Titel Extracta flnida. 

Im Artikel Pulver es ist für die wichtigsten Droguen der Feinheitsgrad der Zer¬ 
kleinerung nach der in den Vorbemerkungen angegebenen Scala bestimmt und einige 
practiscbe Winke und Vorschriften für die Art der Trocknung und Zerkleinernng angegeben; 
die Vorschriften über die Feinheit der Pulver sind bei uns neu, aber in den meisten 
neueren Pharmacopoeen eingeführt. 


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Bei den S p e c i e e wird io der Begel för Blätter, Blätben and Eränter Sieb I, 
fär Hdlzer, Rinden und Wurzeln Sieb II, ffir Früchte und Samen Sieb III verwendet, 
Ausnahmen sind bei den einzelnen Species notirt. 

Sehr willkommen ist der Artikel Suppositoria, bei welchem ausser 
den mit Gacaobutter hergestellten Stuhlzäpfchen zweckmässige Vorschriften für 
Glycerinsuppositorien und för Qelatinevaginalkngeln enthalten sind. Hoble Zäpf> 
eben (iSaM^er’sche Suppositorien) sind nur auf ärztliche Verordnung hin zu ver¬ 
wenden. 

Bei den Tincturen bleibt die bisherige Verordnung in Kraft, dass fehlende 
Flüssigkeit nach dem Pressen nicht darf ersetzt werden. Mittelst des Percolations- 
verfabrens werden bereitet die Tinctura Aconiti tuberis, Belladonnse, Calami, Galnmbse, 
Cannabis indiese, Cantharidis, Gapsici, Cardamomi, Gascarillie, Cinchonm, Ginchons 
composita, Cinnamomi, Goes, Colchici, Digitalis, Eucalypti, Galls, Gelsemii, Gentiana, 
Ipecacuanhs, Lobelis, Pimpinells, Quebracho, Secalis cornuti, Strophanti, Strychni, 
Valeriana, Valeriana stherea und Zingiberis. 

Bei den Salben findet sich die zweckmässige Vorschrift, dass för Decksalben 
Mineralfctte, för Salben mit Beimengungen, welche resorbirt werden sollen, thierische 
Fette verwendet werden sollen, weil letztere leichter in die Haut eindringen. 

Der Artikel V i n a endlich enthält werthvolle Bestimmungen zur Vermeidung 
von Verunreinigungen (Gypsen, Deplätriren etc.); solche fehlen gänzlich im deutschen 
Arzneibuch. 

Nach Abzug der 19 Artikel, welche allgemeine Vorschriften enthalten, finden 
wir in der neuen Schweizerischen Pharmacopoe 778 Arzneimittel; die 2. Ausgabe ent¬ 
hielt 589 Artikel, wovon 4 allgemeine Vorschriften, also 585 Arzneimittel, das Sup¬ 
plement 446 Artikel mit 1 allgemeinen Vorschrift, also 445 Arzneimittel, zusammen 
im Haupttheil und Supplement der Editio altera 1080 Arzneimittel. Das Deutsche 
Arzneibuch enthält 599 Artikel, wovon 24 allgemeine Vorschriften, also 575 Arznei¬ 
mittel; wir können also wohl behaupten, dass das neue schweizerische Werk die rich¬ 
tige Mitte hält, denn die starke Bednetion im Deutschen Arzneibuch rief sofort 
einem Supplement, das schon im Jahre 1891 erschien und nicht weniger als 811 
Nummern enthält; dasselbe wurde bearbeitet und herausgegeben vom Deutschen Apo¬ 
thekerverein und enthält ein grossartiges Sammelsurium alter und neuer Arzneimittel, 
darunter nahezu alle Präparate unseres Supplementes. 

Ich habe nun folgende Tabellen aufgestellt, welche zunächst die Veränderungen in 
der Series medicaminum der neuen Schweizerischen Pharmacopoe hervorheben: 

Tabelle I. Uebersicht über die in die Editio tertia neu aufgenommenen 
Mittel, welche weder in der Editio altera noch im Supplement zu derselben ent¬ 
halten sind. 

Tabelle II. Uebersicht über die Arzneistoffe, welche in der Editio altera 
enthalten, aber in die Editio tertia nicht aufgenommen worden sind. 

Tabelle III. Uebersicht fiber die Arzneistoffe, welche im Supplement ent¬ 
halten, aber nicht in die neue Pharmacopoe aufgenommen wurden. 

Die im Deutschen Arzneibuch enthaltenen Artikel sind in allen Tabellen mit 
D. A. bezeichnet. 


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I. Uebersieht ttb«r 4ie Arzneistoffe der Pharmacopesa helvetiea Ed. IH, welche weder in 
Editio II noch hn Supplement enthalten sind (154). 


AdepB LanK. 

Agaricns albns. 

Amylam Oryzse. 

Bolus alba. D. A. 
Chrysarobinnm. D. A. 
Coccionella. 

Gortex Condurango. D. A. 
Gortex Mexerei. 

Gortex Quebracbo. 

Gortex Ehamni Frangul». D. A. 
Gortex Bhamni Pursblanse. 
Gortex Salicis. 

Dextrinum. 

Flos SpirsBffi. 

Folium Gocse. 

Folium Eucalypti. 

Folium Jaborandi. D. A. 
Folium Juglandis. D. A. 

Acetanilidum. D. A. 

Acidum agariciuicnm. D. A. 
Acidum formicicum. D. A. 
Acid. hydrobromicum dilut. 
Acid. hydrochloricum. 

Acid. nitricum dilut. 

Acid. valeriauicum. 

Aether bromatus. D. A. 
Alcohol absolutus. 

Aluminium aceticotartar. 
Aluminium sulfuricum. 
Ammonium benzoicum. 
Ammonium sulfoichtbyolic. 
Ammonium salfuricum. 
Ammonium valerianicum. 
Antipyrinum. D. A. 
Apomorpbinum hydrochloricum 
D. A. 

Bismuthum salicylicum. 

Galcium sulfuricum ustum. D. A. 
Gamphora monobromata. 

AiQmoninm valerianic. solutum. 
Aqua phenolata. D. A. 
Extraetom Golchici fluid um. 
Extractum Gondurango fluid. 
D. A. 

Extractum Gonvallariae fluid. 
Extractum Eucalypt. fluid. 


A. Rohstoffo und Droguan ( 52 ). 
Folium Bosmarini. 

Folium Bubi fruticosi. 

Fmctus Gapsici. D. A. 
Fructus Carvi. D. A. 

Fructus GassisB fistulsc. 

Fructus Gonii. 

Fructus Myrtilli. 

Fmotns Papaveris immaturi. 
D. A. 

Fructus Petroselini. 

Fructus Sennse. 

Gelatina animalis. 

Gutti. D. A. 

Herba cannabis indicce». 

Herba GonYallarite. 

Herba Lobelise. D. A. 

Herba Butce. 

Herba Thymi. D. A. 

B. Chamitcha Präparata ( 59 ). 
Gerium oxalicum. 

Ghininum hydrobromicum. 
Ghininum salicylicum. 

Goeainum hydroehloric. D. A. 
Codeinum phosphoricum. £>. A. 
Goffeinonatrium benzoicum. 
Goffeinonatrium salicylicum. 
Goffeinum citricum. 

Ghiajacolum. 

Homatropinum sulfuric. D. A. 
Hydrargy r.chlorat. vapore parat. 
D. A. 

Hydrargyr. sulfuric. basicum. 
Hyoscinum hydrobromicum.D.A. 
Jodolom. 

Kalium sulfuratum (purum). 
Kalium carbonic. purum. 
Lithium salicylicum. 

Mannitum. 

Mentholum. D. A. 
Naphtbalinum. D. A. 

C. Galanlscha Präparata (43). 
Extractum Hydrastis fluid. 
Extractum Ipecacuanha» fluid. 
Extractum Mezerei fluid. 

Extr. Bhamni Purshiaum fluid. 
Extractum Secalis cornuti solut. 
Extractum Stramonii duplex 

e Semine. 


Hirudo. D. A. 

Oleum Santali. 

Badix Gelsemii. 

Badix Ononidis. 

Bhizoma Hydrastis. 1). A. 
Bhizoma Zedoarisc. D. A. 
Sapo kalinus. D. A. 

Semen Gydoniss. 

Semen Sabadillm. 

Semen Strophanti. D. A. 
Spiritus e vino. D. A. 

Sulfur sublim, crudum. D. A. 
Talcum. D. A. 

Tuber Aconiti. D. A. 

Turio Pini. 

Yaselinum. 

Yioum Marsalense. 


Naphtholum. D. A. 

Natrium benzoicum. 

Natrium jodatum. D. A. 
Natrium salicylicum. D. A. 
Phenaoetioum. D. A. 
Phosphorus amorphus. 
Physostigminum salicylicum. 

D. A. 

Pilocarpinnm hydroehloric. D. A. 
Plumbum nitricum. 

Besorcinum. D. A. 
Saccharinum. 

Salolum. D. A. 

Sparteinum sulfuric. 
Strychninum sulfuric. 
Sulfonalum. D. A. 

Terpinum hydratum. D. A. 
Thymolum. D. A. 

Urethanum. 

Zincum oxydatum purum. D. A. 


Extractum Stramonii flnidum 
e Semine. 

Ferrum albnminatum solntum. 
D. A. 

Ferrum oxycbloratum solutum. 
D. A. 

Oleum jecoris aselli jodat. 


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143 


Pastilli Ammonii chlorati. 
Pa^tilli MenIhcD angliei. 
Phenolnm liqaefactum. D. A. 
Pilnlffi hyoscyami compoB. 
Pnlvi« pro pedibus. 

Sebmn benzoinatam. 

Sirupns Picis cum codeino. 
Sirupus Rateubise. 

Sirupus Tamarindi. 


Sirupus TerebinthineB. 

Sirupus Turionis Pini. 

Spiritus Citri. 

Tinctura Aconiti herb» recentis. 
Tinctura Aconiti tuberis. D. A. 
Tiuctura Benaoes setberea. 
Tinctura Caacarill». 

Tinctura Cocsb. 

Tinctura Gelsemii. 


Tinctura Jalap» compos. 
Tinctura Qnebracho. 

Tinctura Strophanti. D. A. 
Unguentum boricnm. D. A. 
Unguentum Hydrargyr. bijodati. 
Unguentum Plumbi jodati. 
Yinnm Coc». 

Vinum Condurango. D. A. 
Vinnm Pepsini. D. A. 


IL Uebersicht derjenigen Arzneistoffe, weiche bi der Pharmacopeea heivetica Ed. It ent¬ 
halten, aber in die Ed. Hl nicht sind aufgenommen worden. 


Acetum. D. A. 

Amylnm Marantee. 

Carics. 

Colla piscinm. 

Cortex ChinsB fuscns. 

Flores Farfar». 

Flores Millefolii. 

Folia Lanrocerasi. 

Folia Millefolii. 

Formics. 

Fmctns Lanri. D. A. 

Fmctns Coriaodri. 

Fructns Pbellandrii. 

Herbe Conii. D. A. 

Acid. hydrochlor. crndum. 

Acid. chloronitrosum. 

Acid. nitrio. crndum. D. A. 
Acid. phosphor. glaciale. 

Acid. snocinicum. 

Acid. snlfaric. crndum. D. A. 
Aconitinnm. 

Ammon, carbon. pyrooleosnm. 
Benzolnm. D. A. 

Ammoniacnm pnlveratum. 

Aqua Anisi. 

Aqnn Ceraaorum. 

Aqna cinnamomi. 

Aqna Melissa. 

Aqna Peiroselini. 

Aqna Sambnci. 

Aqna Tilia. 

Aqna Valeriana. 

Emplastmm Cerussa. D. A. 
Emplastmm resinoinm. 

Emnlsio Amygdalarum. 

Emulaio oleosa. 


A. Rohstoffe und Droguon (40). 
Lactucarium. 

Lignnm Sandall. 

Macis. 

Mastiche. 

OL Amygd. athereum. 

Ol. Anrantii corticis. 

Ol. Calami. D. A. 

Ol. Papaveris. D. A. 

Ol. Petra. 

Ol. Ruta. 

Ol. Sesami. 

01. Succini. 

01. Valeriana. 

Olibanum. 

B. Cbomiacho Prffparato (26). 
Bismutbum. 

Calcium chloratum. 

Carboneum sulfuratum. 
Coniioum. 

Ferrum chloratum. 

Ferrum phosphoricnm. 

Ferrum sesqnichloratum. D. A. 
Hydrarg. nitric. oxydnlatnm. 
Kalium carbon. crndum. D. A. 

C. Galoaitche Präparate (46). 

Extractum Anraniiomm. 
Extractnm Calami. D. A. 
Extractum China frigid, parat. 

D. A. 

Extractnm Chelidonii. 
Extractnm Colnmba. 

Extractnm Dnlcamaree. 
Extractnm Graminis. 

Extractnm Lactoea. 

Extractnm MillefoliL 
Extractum Myrrha. 

Folia Senna depurata. 
Galbanum pnlveratum. 


Radix Carlina. 
Radix Ennla. 
Radix Pyrethri. 
Sandaraca. 

Rhizoma Arnica. 
Rhizoma Asari. 
Rhizoma Caricis. 
Rbizoma Cnrcnma. 
Semen Cardamomi. 
Semen Hyoscyami. 
Spongia. 

Tuber China. 


Morphinnm. 

Morpbinnm aceticnm. 

Natrium carbon. cmdnm. D. A. 
Natrium carbon. dilapsnm. D. A. 
Spiritus concentratns. 
Strychninum. 

Tartarus ferratus cmdus. 
Zincum aceticnm. D. A. 


Gossypium fnlminans. 

Liq. ammonii carbon. pyrooleosi. 
Liquor ammonii suoeinici. 
Oleum Chamomilla ooctum. 
Opium pnlveratum. 

Oxymel. 

Plumbum tannic. humidum. 
Pnlv. aromaticns ruber. 

Syrupus amygdalarum. D. A. 
Syrupus balsami pemviani. 
Syrupus Rhoeados. 

Spiritus Aetheris chlorati. 
Spiritus aromaticns. 


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144 


Spiritus Rosmarini. Tincturs St ramonii. UDguentom rosatum. 

Tinctura Aconiti (e foliis siccis). Unguentum Belladonnse. ^ Yanilla saocharata. 

Tiuctura aromatic. acida. Unguentum Digitalis. 

III. Uebersicht der im Supplement der Schweizer. Pharmacopoe enthaltenen, aber in die 


Editio 

Acidum phenylicum crudum. 

Fel Tauri inspissatum. 
Lactucarium gallicum. 

Pulpa Cassise. 

Acidum arsenicicum. 

Acidum oxalicum. 

Acidum sulfurosum solutum. 
Acidum trichloraceticum. D. A. 
Aether ansestheticus. 

Aethylenum chloratum. 
Argentum oxydatum. 

Baryum chloratum. 

Bismuthum carhouicum. 
Bismuthum valerianicum. 
Ghinidinum sulfuricum. 

Ghininum arsenicicum. 

Ghininum citricum. 

Ghininum ferrocitricum. 
Ghininum lacticum. 
Ginchonidinum sulfuricum. 

Acetum aromatioum spirit. D. A. 
Acetum camphoratnm. 

Acetum phenylatum. 

Acetum Digitalis. 

Acetum Rubi idaei. 

Aether cantbaridatus. 

Aether phosphoratus. 

Antimon, diaphoret. ablutum. 
Aqua aromatica. 

Aqua camphorata. 

Aqua Gastorei Rademacheri. 
Aqua chamomill. concentrata. 
Aqua gland. Quercus Rädern. 
Aqua Kreosoti. 

Aqua Melissse concentrat. 

Aqua Menthae spirituosa. 

Aqua NicotiansB Rädern. 

Aqua Nuc. vomic. Rädern. 

Aqua Opii. 

Aqua phagedinnioa flava. 

Aqua phagedsenica nigra. 

Aqua Quassiae Rademacher. 


tertia nicht aufgenommenen 

A. Rohstoffe und Droguen (16). 
Resina Scammoniae. 

Oleum Absinthii. 

Oleum animale aetiier. 

Oleum cinnamom. ceylan. 

B. Chemische Prflpante (48). 

Ginchoninum. 

Ginchoninum sulfuricum. 
Guprum oxydatum. 

Guprum sulfuric. ammoniatum. 
Digitalinum. 

Ferrum acetic. oxydat. solubile. 
Ferrum citricum oxydat. D. A. 
Ferrum oxydnlato oxydatum. 
Ferrum pyrophosphor. natronat. 
Ferrum pyrophosphor. oxydat. 
Hydrargyrom cyanatum. D. A. 
Hydrargyrum oxydnlat. nigrum. 
Hydrargyrum snlfurat nigrum. 
Hydrargyrum sulfurat. rubrum. 
Kalium bioxalicum. 

Kalium carbonic. crudum 65*/o. 

C. Galenische Prflparate (233). 

Aqua Rubi idaei concentrata. 
Aqua Seidschütz facticia. 

Aqua Yalerian» concentrata. 
Baisamum nervinum. 

Baisamum Nucists. D. A. 
Goiocynthis prsparata. 

Gonserva Rosarum. 

Decoctum album Sydeuhami. 
Decoctum Sarsaparillae comp, 
fortius. D. A. 

Decoctum Sarsaparilbe comp, 
mitius. 

Electuarium phosphoricum. 
Electuarium Theriaca. 

Elixir proprietatis Paracelsi. 
Emplastrum adhsesiv. Pharm, 
german. 

Emplastrum Ammoniaci. 
Emplastrum aromaticum. 
Emplastrum fcstidum. 
Emplastrum frigidum. 
Emplastrum de Galbano crocat. 


Artikel. 

Oleum MajoransB. 
Oleum Salvi». 


Kalium chloratum. 

Kalium cyanatum. 

Liquor natrii silicici. D. A. 
Magnesium citricum. 

Magnesium lacticum. 

Magnesium tartaricnm. 
Manganum carbonicum. 
Narceinum. 

Narcotinum. 

Natrium chloricum. 

Natrium santonicum. 

Sulfur jodatum. 

Tri me thy laminum. 

Zincum carbonicum. 

Zincum ferrocyanatum. 

Zincum lacticum. 

Emplastrum Hyoscyami. 
Emplastrum Meliloti. 
Emplastrum Minii rubrum. 
Emplastrum miraculos. Rädern. 
Emplastrum phenylatum. 
Emplastrum viride. 

Emulsio cerata. 

Emulsio resinosa. 

Emulsio Ricini. 

Essentia dulcis. 

Extractum Arnicse. 

Extractum Aloes acido sulfuric. 
correct. 

Extractum Gentaurii minoris. 
Extractum Gbamomillm. 
Extractum GinsB. 

Extractum Enule. 

Extractum fab» calabari». 
Extractum Fumarie. 

Extractum Gratiola. 

Extractum Guajaci. 

Extractum Hellebori nigri. 


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145 


Extractnm Laetue» Yiros». 
Extractom Ligni Gampechiani. 
Extractnm Malti. 

Extractom Malti com Chinino. 
Extract. Malti com Ferro jodato. 
Extractnin Malti ferratom. 
Extractom Marrobii. 

Extractom Nicotianse Hadem. 
Extract. Nocia yomicffi aquosom. 
Extractom Polaatillffi. 
Extractom Saponari». 
Extractom Stramooii herbse. 
Extractom Sarsaparille spirit. 
Ferrom jodatom saccbaratom. 
Fomigatio chlori. 

Gelatina Licbenis islandici. 
HjdrargyTom atibiatom aolfor. 
Lichen islandicoaamaritie privat. 
Liqoor Ammonii carbonici. 
Liqoor Ammonii caoatici api- 
ritooa. 

Liqoor anodynos Terebint. Rad. 
Liqoor Calcarie ohiorate Badem. 
Liqoor Hydrarg. nitriei oxydol. 
Liqoor Hydrarg. nitriei oxydati. 
Liqoor Natrii nitriei Badem. 
Magneaiom citricom liquidum. 
Mastix odontalgica. 

Maaaa pilolarom e Cynoglosao. 
Mel e Mercoriak. 

Mellago Qraminis. 

Mellago Taraxaci. 

Mixtora Chopartii. 

Mixtura volneraria aeida. 

Oleom Belladonne coctom. 
Oleom carboliaatom. 

Oleom Carvi pingue. 

Oleom Chamomille citratum. 
Oleum Hyoacyami camphoratom. 
Oleom H 3 rperici. 

Oleom Jecoria aselli ferratom. 
Oleom Lini aolforatohi. 

Oleom morphinatom. 

Oleom terebinthine sulforatom. 
Oxymel Aerogioia. 

Oxymel Colchid. 

Pasta gnmmosa alba. 

Pasta gommoaa flava. 

Pasta Liqoiritie. 

Pastilli Althee. 

Pastilli Ferri lactici. 

Pastilli Liqoiritie. 

Pastilli Magoeska (carbon). 


Pastilli Magneaie oste. 

Pastilli stromales. 

Pastilli Solforis. 

Pilule alterantes Plomeri. 
Pilole hydrarg. protpjodaticomp. 
Pilole kxaotea. 

Pilole mercorialea coerulee. 
Pilule mercuriales laxantes. 
Pilole odontalgice. 

Pulvis alterans Plumeri. 

Pulvis aromaticos laxans. 

Polvis dentifricius camphoratos. 
Pulvis diureticuB. 

Pulvis effervescens e Magnesia. 
Pulvis equorum. 

Polvia ad Limonadam. 

Polvis Stibii compoaitos. 

Polvia Btramalis. 

Polvis temperans mber. 

Roob Ebuli. 

Sapo eamphoratns. 

Sapo guajacinos. 

Serom Laotis. 

Simpoa Asparagi. 

Sirupoa Belladonne. 

Sirupus Calcii hypophosphorosi. 
Sirupus Cerasorum. D. A. 
Sirupus Chamomille. 

Sirnpus Chine ferratos. 

Sirupus Chlorali hydrati. 
Shrupoa Cichorii cum Bheo. 
Sirupus Croci. 

Sirupus Cydoniorum. 

Sirupus Digitalis. 

Sirupus Ferri oxydati solobilis. 
D. A. 

Sirupus Manne. D. A. 

Sirupus Menthe. D. A. 
Sirupus Papaveris. D. A. 
Sirupus Persicorom. 

Sirnpus Rubi fruticosi. 

SiropoB Yiolarum. 

Species ad Elixir domestienm. 
Species laxantes. 

Species narcotice. 

Species nervine Hofelandi. 
Species pectoraks cum froctibos. 
Species poerperarum. 

Spiritus ammonii aromaticos. 
Spiritus Angelice compos. D. A. 
Spiritus anhaltinuB. 

Spiritus Mastiches comp. 
Spiritus Thymi. 


Soccos herbarom. 

Tinctura Aooniti etherea. 
Tinctora Ambre com Moscho. 
Tinct Artemisie radic. Badem. 
Tinctora Bensoes compos. 
Tinctora Burse pastoria Badem. 
Tinctora Cardamomi compoa. 
Tinctora Cardoi Marie Badem. 
Tinctora Chelidonii Rademach. 
Tinct. Chelidonii compos. Badem. 
Tinctora Coccionelle. 

Tinctora Coocionelle Badem. 
Tinctora Cooii. 

Tinctora Copri acet. Badem. 
Tinctora Cynosbati fiingi Badem. 
Tinctora Digitalis etherea. 
Tinctora Ferri acetic. Badem. 
Tinctora Ferri chlorati. 
Tinctora Ferri tartarici. 
Tinctora Goajaci ammoniata. 
Tinctura Hyoscyami. 

Tinctura Jodi decolorata. 
Tinctora nareotic. Pharm, gallic. 
Tinctora narcot. Pharm, germao. 
Tinctora Nocum vomic. Badem. 
Tinctora odontalgica Botot 
Tinctora Opii acetosa. 

Tinctora Pini composita. 
Tinctora Rhois toxicodendri. 
Tinctora Scille compoa. 
Tinctura Scille kalina. 

Tinctora Senne. 

Tinctura Spilanthis comp. 
Tinctora Yaleriane ammoniata. 
Tinctora Yeratri. D. A. * 
Tinctura volneraria rubra. 
Tinctora Zingiberis anglica. 
Ungnentum acre. 

Unguentum basilicom. D. A. 
UnguentomBorse pastor.Badem. 
Ungnentnra Calami naris Badem. 
Ungoentom carboliaatom. 
Unguentum Cerosse. D. A. 
Unguentum Chine. 

Unguentum Conii. 

Unguentum Dupuytren. 
Ungoentom Hydrarg. citri nom. 
Ungoentom Hyoacyami. 
Ungoentom Jodi Bademach. 
Unguentom labiale. 

Ungnentum narcotico - balsam. 
Heltmondi. 

Unguentom nervinom. 

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tJnguentum stramale. 
Unguentum Styracis. 
Unguentum Terebinth. comp. 
Unguentum Picis. 

Unguentum ophthalm. JaninL 


Ung. ophthabn. Lausanniense. 
Ung. ophtbalm. simplex. 
Unguentum opiatum. 
Unguentum oxygenatum. 
Yinum camphorat. D. A. 


Yinnm Chin» malacens. 
Yinum ferratum. 

Yinum strumale. 


Zur Tabelle I erlaube ich mir folgende Bemerkungen: Selbstverständlich 
figoriren in derselben alle jene Arzneimittel, welche sich seit dem Erscheinen der 
Editio altera bei uns eingebärgert haben, und es beweist nur die Länge der Frist, die 
seit dem Erscheinen der 2. Ausgabe verflossen ist, wenn Präparate wie Natrium 
salicylicum als Novum figuriren. Die Auswahl der neuen Mittel ist im Ganzen eine 
vorsichtige gewesen und nur wenige wurden anfgenommen, denen wir wohl in einer 
zukünftigen Ausgabe nicht mehr begegnen werden; dazu wird wohl zu rechnen sein, 
das Jodol, der Mannit, das ürethan. 

Von ältern Präparaten sind einige als Ersatz oder zur Ergänzung schon vor¬ 
handener Mittel aufgenommen worden, z. B. die Fructus Gonii statt der Herba 
Conii, Tuber Aconiti neben Folium Aconiti, Sapo kalinns, pharmaoeutisch hergestellt, 
neben der käuflichen Ealiseife, Zincum oxydatum purum neben den Flores Zinci. Bei 
manchen Artikeln macht sich der italienische und romanische Einfluss geltend und es 
muthet uns sonderbar an, die Fructus Cassise fistulae und neben der schon übermässig 
grossen Zahl der Sirupe noch 5 neue von zweifelhafter Wünschbarkeit zu sehen. 

Einzelne Mittel sind für den Veterinärgebrauch bestimmt, wie Cortex Salicis, 
Hydrarg. sulfnricum basicum, Plumbum nitricum, Unguentum Hydrargyri bijodati. 

Eine Anzahl Rohstoffe sind als Bestandtheil galenischer Präparate aufgenommen, 
z. B. Folium Rosmarini, Fructus Capsici, Fructus Petroselini, Herba Rute und Herba 
Thymi, Radix Ononidis, Rhizoma Zedoarise. 

Immerhin bleiben noch eine Anzahl Präparate, die zum mindesten als Luxus 
erscheinen müssen, z. B. die 2 neuen Ghininsalze, das Lithium salicylicum neben dem 
carbonicum, das Strychninum sulfuricnm neben dem nitricum und manche andere mehr. 

In der Tabelle II bemerken wir zunächst den Wegfall einer Reihe von 
Rohproducten, deren chemisch reines Präparat aufgenommen ist, z. B. Acetum, den 
rohen Weinessig; es wurde nur der aus Essigsäure bergestellte Acetum purum be¬ 
halten, ferner fallen weg Acid. hydrochloric. crudum, Acid. nitricum crudum, Acid. 
sulfnricum crudum, Kalium carbonicum crudum, Natrium carbonicum crudum, Tartarus 
ferratns crudus, während Fern sulfur. crudum, Zinc. oxyd. beibehalten sind. 

Von den übrigen aus der Editio li weggefallenen Präparaten werden wir nur 
wenige ernstlich vermissen; als solche wären vielleicht zu bezeichnen das Benzol und 
das crystallisirte Ferrum sesquichloratnm, alle übrigen sind zum mindesten entbehrlich, 
die Emulsionen, die narcotischen Salben, an sich von zweifelhaftem Werthe, sind durch 
allgemeine Vorschriften ersetzt; Präparate, die doch nur frisch zur Herstellung galoni- 
scher Mittel verwendet werden, wie Formicse'und Folia lanrocerasi sind ebenfalls aus¬ 
gefallen; ebenso die Artikel Ammoniacum, Galban um und Opium pulverratum, da über 
die Pulverisirung derselben im Allgemeinen Titel Pulveres das Nüthige enthalten ist. 

Sehr erfreulich ist die grosse Zahl der aus dem Supplement der Editio altera 
weggelassenen Artikel und wenn wir die lange Liste der Tabelle III durchgehen, 
so werden wir selbst bei denjenigen Mitteln, welche das Deutsche Arzneibuch noch 


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aaff&hrt, kaum eines finden, dessen Beibehaltung einem dringenden Bedfirfnisse ent> 
sprechen würde; mir persSnlich wäre die Aufnahme der Trichloressigsäure, der Aqna 
Kreosoti, des Decoctum Sarsaparillae compositnm und des Sirupus Mann» erwünscht 
geweS6n. (Fortsetzimg folgt.) 




Gesellschaft der Aerzte in ZOrich. 

4. WiitersitEUf Im HSrsMl der ■edlclilsehei Kliilk des CMtoisspitols, des 

20. Jaioar 1894.0 

Präsident: Prof. Haab. — Actaar: Dr. Conrad Brunner. 

1. Dr. W. V. Murali. Demonstration eines Präparates yoa. ceifeiitaler Pyeie- 
pkrese. Entfernung des Tumors bei einem 9jährigen Knaben. Schnittfiihrang nach 
König. M. wird über den seltenen Fall ausführlicher berichten nach genauer Unter¬ 
suchung des Präparates. 

2. Prof. Eickhorst stellt 1. zwei Praaei mH IilaeBzaeaBplleatlanen vor. Yor- 
tragender erinnert, dass man heute der Krankheit viel ruhiger gegenüber steht, als im 
Jahre 1889—90, weil damals viele Aerzte die Krankheit nur aus den Büchern kannten; 
er hab« von jener Epidemie noch eine Reihe von interessanten Nachkrankheiten gesehen, 
s. B. Diabetes mellitus, Diabetes insipidus, progressive Bulbärparalyse, Polyneuritis und 
Anderen. Schon Ende November 1893 habe der Vortragende in dem ärztlichen Verein 
die Collegen aufmerksam gemacht, dass er sehr eigen thümliohe Formen von Pneumonie 
auf der Klinik zu behandeln bekommen habe, die ihm den Gedanken nahe gelegt hätten, 
dass es sich um loüuenzaeinflüsse handle; es waren Pneumonien mit geringem Fieber, 
mehrfachen zerstreuten kleinen Herden, meist doppelseitig, nicht kritisch endigend> da¬ 
gegen mit schwerem Ergriffensein des Allgemeinbefindens und häufigem tödtlichen Ausgang; 
seitdem hat der Vortragende 31 solcher Fälle auf der medic. Klinik behandelt, und es 
zweifelt wohl kein Zürcher Arzt daran, dass wir seit Wochen in Zürich eine ausgedehnte 
Influenzaepidemie haben. Vortragender sah innerhalb einer Woche 3 Fälle von Pneumonie 
in Lnngengangrän übergehen. Ein kräftiger junger Mensch war plötzlich mit Schüttel¬ 
frost unter pneumonischen Erscheinungeo erkrmikt, kam nach 10 Tagen mit einer links¬ 
seitigen serösen Pleuritis zur Aufnahme (die seröse Natur wurde durch Probepunction 
festgestellt). Nach 4 Tagen fotide Exspirationsluft, am nächsten Tage reichliche Expeo- 
toration von eitrigen Massen und Zeichen von Pneumothorax; nochmalige Probepunction 
entleert hämorrhagisches, eitriges, stinkendes Exsudat aus der Pleurahöhle; Pat. wurde 
auf die chirurgische Klinik verlegt und dort mit Erfolg operirt. 

Die 2. Beobachtung betrifft einen Studenten der Theologie, der mit einer doppel¬ 
seitigen Pneumonie zur Aufnahme gelangt; die Pneumonie verlief scheinbar günstig, aber 
am Anfang der 2. Woche bekommt Pat. plötzlich stinkenden Auswurf, am nächsten Tage 
Zeichen der Pneumothorax, dessen jauchige Natur durch Probepunction festgestellt wurde; 
auch er wurde von Prof. Krönkin mit Erfolg operirt. 

Endlich sah der Vortragende noch in der konsultativen Praxis eine junge Frau, 
welche vor 8 Tagen an einer handtellergrossen fibrinösen Pneumonie des Unterlappens 
erkrankte; sie hatte vor 2 Tagen beim Aushusten selbst den Geruch ihrer Aus- 
athmungsluft bemerkt; hier dehnte sich allmälig der Lungenbrand über den Unter- und 
Oberlappen rechts aus, zu einer Perforation in die Pleurahöhle kam es nicht und die 
junge Frau ging in der 3. Krankheitswoche durch Kräfte verfall zu Grunde. 

Von den beiden vorzustellenden Kranken ist die eine Mitte December unter den Er¬ 
scheinungen eines Bronchokatarrhs verbanden mit Frost, Fieber und Gliederschmerzen er- 

') Eingegangen 5. Februar 1894. Red. 


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krankt; kaum waren die Erscheinungen im Abnehmen begriffen, so bildete sich eine 
Schwellung der rechten Parotis aus; Pat. musste vor 3 Tagen incidirt werden, da die 
geröthete und geschwollene Parotis an 2 Stellen deutlich fluctuirte und ausserdem der 
Eiter beim Oeffnen des Mundes theilweise aus dem Ductus stenonianus ausfloss. Pat. ist 
ganz fleberfrei und fühlt sich gut. 

Der Eiter wurde bakteriologisch untersucht; es Hessen sich in ihm neben dem 
Staphylococcus aureus auch sogenannte Influenzabaoillen nach weisen. 

Sehr viel ernster steht es um die 2. Patientin; sie liegt seit einigen Wochen auf 
der Abtheilung mit einem Ekzem der Kopfhaut, welches geheilt war. Yor ungefähr 
10 Tagen erkrankte sie fieberhaft unter den Erscheinungen des Bronchokatarrhs, zu dem 
sehr bald eine umschriebene Pneumonie im rechten Unterlappen hinzutrat; nach wenigen 
Tagen bekommt sie plötzlich um y24 Uhr Morgens einen heftigen Schmerz im rechten 
Arm, der Arm ist pulslos, kalt und leichenblass, die Pulslosigkeit geht bis über die Art. 
subclayia hinaus; allmälig beginnen die Erscheinungen der Mumification an den Fingern 
und des feuchten Brandes am Unterarme und es dürfte der Tod in kürzester Zeit zu 
erwarten sein. Bei dieser Pat. wies man Bacillen nach, welche bei Färbung mit Ztc^/’scher 
Carboifuchsinlösung genau den Influenzabacillen glichen; Präparate wurden unter dem 
Mioroscop demonstrirt. Herr Dr. Banholeer legte auf Blut-Agar Oulturen an ; dieselben 
wuchsen nach der von Pfeiffer geschilderten Weise. P. S. Ob es sich bei der Pat. 
um eine Embolie oder Thrombose handle wurde offen gelassen, doch die Embolie für 
wahrscheinlich erklärt, weil das Ereigniss so plötzlich eingetreten war; nichtsdestoweniger 
ergab die 2 Tage später ausgeführte Autopsie einen Thrombus in der rechten Art. 
subclavia. 

2. Arfyrie bei eiiem Juffea ■Mehea. Ein Mädchen von 25 Jahren war im 
Jahre 1889—90 auf der medic. Klinik wegen multipler Him-Rückenmarkssklerose be¬ 
handelt worden; sie hatte von Juli 1889 bis December 1889 etwas mehr als 4 gr Argent. 
nitric. genommen; im März 1890 verliess sie die Klinik, da sie so weit gebessert war, 
dass sie wieder arbeiten konnte; das Intentionszittem war nach der Suspensionsbehand- 
lung sehr schnell geschwunden; Pat. arbeitete viel auf dem freien Felde und bemerkte 
erst im December 1890, obwohl sie inzwischen keine Medicinen gebraucht hatte, dass 
ihre Gesichtsfarbe schwärzlich verfärbt wurde; die Verfärbung wurde allmälig intensiver, 
breitete sich auch über die übrige Haut und allmälig wurde das Intentionszittem sehr be¬ 
trächtlich und Pat. gelangte im December 1893 wieder zur Aufnahme. Man findet 
die schwärzliche YerHlrbung auch auf der Conjunct. sclerm, so weit die Lidspalte offen 
ist, ebenso auf der Mundschleimhaut. Ein schwarzer Saum findet sich am Zahn¬ 
fleisch vor. Auf der Innenfläche der Hornhaut hat sich ein glitzernder zackiger Kranz 
niedergeschlagen, dessen Ausdehnung von der Coraea-scleralgrenze gerechnet 2—3 mm 
beträgt. 

3. VeretellnBi^ vei 2 ■Uehei mit MlUpler Hiri-RlekeBBarkssclerese bbiI 

elBer Ptbb biH Paralysls agltoBS. Vortragender demonstrirt zunächst an dem eben 
erwähnten Mädchen mit Argyrie das Intentionszittem und die skandirende Sprache; da¬ 
neben besteht leichte Schwäche des detrusor vesicm; es wird ganz besonders hervorgehoben, 
dass, wenn die Pat. aufgeregt ist und unter dem Eindmck steht, Bewegungen ausführen 
zu müssen, dann scheinbar in der Ruhe an der Armmuskulatur eine Art von 
Zitterbewegungen aufzutreten scheinen; im Krankensaal verhalten sich die Muskeln in 
der Ruhe absolut bewegungslos und zum Ueberfluss werden noch Muskelknrven demon¬ 
strirt, aus denen mit mathematischer Beweiskraft hervorgeht, dass bei gewohnter Um¬ 
gebung und frei von Aufregung Schüttelbewegungen sich nur bei beabsichtigten Be¬ 
wegungen einstellen. Pat. stammt aus einer schwer nervös belasteten Familie; eine 
Schirester ist im Irrenhause, zwei Brüder leiden an myopathischer Muskelatrophie und 
befanden sich zur Beobachtung einige Zeit auf der medicinischen Klinik; der eine Bmder 
zeigte die Erscheinungen der Pseudohypertrophie der Muskeln, der andere diejenigen der 


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149 


infimtileQ Moskelatrophie. Pat. wird wieder saspendirt werden; es wird die Art der 
Suspension an ihr demonstrirt. 

Die zweite Kranke, ein Mädchen Ton 29 Jahren, bietet die specifisohen Symptome 
von multipler Him-Bäckenmarkssclerose (Intentionszittem, scandirende Sprache) in noch 
höherem Grade dar; nach einem Torgehaltenen Gegenstände kann sie nur greifen, wenn 
sie mit der anderen Hand den Arm möglichst fest^lt, und auch beim Sprechen greift 
sie mit der Hand nach dem Unterkiefer, um ein übermässiges Schütteln zu vermeiden. 
Nystagmus hat diese Pat. ebenso wenig wie die vorausgegangene, dagegen hat sie wieder- 
holentlich Anfälle von Bewusstlosigkeit ohne nachfolgende Lähmung gehabt. Interessant 
ist, dass sich die ersten Erscheinungen des Intentionszittems bis in das 6. Lebensjahr 
verfolgen lassen und dass die Pat. bei Sjähriger Beobachtung auf der Klinik fast täglich 
Fieberbewegungen von 37,8—39^ zeigt, ohne dass sich an den inneren Organen etwas 
Besonderes nachweisen lässt und die Pat. an Appetit und Kräften gelitten hätte. Ge¬ 
nauer g^ht der Vortragende auf eine Besprechung der Beranken und ihrer Elrankheit 
wegen der vorgerückten Zeit nicht ein, demonstrirt aber auch von dieser Kranken eine 
Muskelknrve während des Intentionszittems. 

Zum Vergleich wird noch eine alte Frau mit ausgesprochenen Erscheinungen von 
Paralysis agitans gezeigt und auf das vorübergehende Aufhören der sonst ununter¬ 
brochen bestehenden Schüttelbewegungen bei Aufforderung und auf die Erscheinungen 
der Retropulsion aufmerksam gemacht. Auf der vorgewiesenen Kurve sieht man sofort 
den Unterschied zwischen den beiden demonstrirten Krankheiten. 

An der Discussion betheiligen sich die Herren Dr. v, Monakow und Prof. 
EichhorsL 

3) Dr. Conrad Brunner. Weitere Hitthellnnfen Iber TetMis« Der Vortragende 
giebt ein Rösumö seiner. Untersuchungen über die Art der Wirkung des Tetanusgiftea 
auf das Nervensystem und demonstrirt bei dieser Gelegenheit das Symptomenbild des 
Tetanus beim Frosche. Die ausführliche Mittheilung dieser Untersuchungen 
erfolgt in den „Beiträgen zur klinischen Chirurgie". 


Referate und Kritiken. 

Experimentelle Untersuchungen Ober Antisepsis bei der Sturoperation. 

Inangnral'DiBsertation von R. Hildebrandt, Assistenzarzt der Unirersitäts-Augenklinik Zürich. 
. Hamburg 1893. 

lieber die Ausspülungen der vordem Augenkammer bei der Staarextraction 

an der Basler ophthalmologischen Klinik. Inaugural-Dissertation von Faul Böthlisberger, 
med. pract. (Herzogenbuc^ee). Bern 1893. 

Ob die jetzt allgemein vor Augenoperationen geübte Desinfection des Conjunctival- 
Backes mehr bloss eine mechanische Reinigung oder eine wirkliche Sterilisation sei, ist 
die Frage, welche Verf. zum Thema seiner Dissertation gewählt hat. Es darf als fest¬ 
stehende Thatsache angesehen werden, dass in jedem, macroscopisch vollkommen normal 
aossehenden Conjunctivalsack Bacterien der gefährlichsten Art vorhanden sein können. 
An 11 von Prof. Haab operirten Fällen von Cataracta senil, stellte Verf. seine Beob¬ 
achtungen an. Kurz vor der Desinfection des Conjunctivalsackes, ferner ein und mehrere 
Tage nach der Operation wurden Impfungen ans dem Conjunctivalsack in Agar und Ge¬ 
latine ausgeführt. Elf Fälle sind, wie Verf. selbst sagt, eine zu geringe Zahl, als dass 
man den Ergebnissen eine allzu grosse Beweiskraft beimessen dürfte. Immerhin ergeben 
sich aus den Beobachtungen recht interessante und bemerkenswerthe Resultate: Ein Zu¬ 
sammenhang zwischen der Beschaffenheit des Conjunctivalsackes und dem Verlauf der 
Wundheilung erscheint als zweifellos. Gerade bei den Fällen, deren Heilungsverlauf ein 
sehr günstiger war, zeigte sich, dass in dem geimpften Röhrchen entweder keine Wuche- 


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rung aoftrat, oder dass eine Colonie nicht pathogener Coccen das Ergebniss der Im¬ 
pfang war. 

Eine complete Sterilisation des Augenbindehautsackes hält Yerf. nicht wohl für 
möglich; dagegen wird durch unsere Desinficientien die Menge der Keime vermindert 
und daher doch immerhin die Infectionsmöglichkeit eingeschränkt. Yerfasser betont noch 
besonders, dass die mehr oder weniger schweren iritischen Processe im Gefolge der Staar- 
Operation bis jetzt zu wenig mit Infection in Yerbindung gebracht worden seien, während 
dieselbe hier gewiss eine mindestens ebenso grosse Rolle spiele wie andere haupt¬ 
sächlich beschuldigte Momente (Quetschung, Constitutionsverbältnisse etc.). 

In der vorantiseptischen Zeit wusste man aus reiflicher Erfahrung genau, dass das 
Resultat der Augenoperationen ein um so besseres war, je weniger Instrumente ins er- 
öffnete Auge eingefuhrt wurden. Die Ausspülung der vordem Augenkammer bei der 
Staaroperation wurde zwar zu jeder Zeit von einzelnen Operateuren geübt; allein man 
kam immer wieder und aus guten Gründen davon ab. Fast alle Autoren vom Schluss 
des vorigen Jahrhunderts und der ersten Hälfte des gegenwärtigen äusserten sich in sehr 
absprechender Weise über diese Operation. Erst die Periode der Antisepsis hat die 
Frage neuerdings in Discossion gebracht. Warum sollte bei rigorosester Yermeidung 
einer Infection die Ausspülung der vordem Augenkammer bei der Staaroperation nicht 
ihre Yortheile haben? 

Die Resultate der Mellinger^9Q\iG!\. Yersuche über Einbringung differenter und in« 
differenter Flüssigkeiten in die vordere Kammer sind in der Arbeit ausführlich verwerthet. 
Es geht aus ihnen hervor, dass die schlimmen Folgen einer Yorderkammerausspülung um 
so grösser sind, je differenter sich die Flüssigkeiten gegenüber der Endothelauskleidung 
dieses Raumes verhalten. Gerade die zuverlässigen Antiseptica greifen stark an und 
können zu bleibenden Trübungen Anlass geben. Besonders ominös sind Sublimat, Aqua 
chlorata uod Alcohol. 

4% Borsäurelösung hat sich als sehr gute und absolut unschädliche Ausspülungs- 
flüssigkeit erwiesen. 

Der Schluss der Arbeit gipfelt in dem Satze: Die Ausspülung der vordem Augen¬ 
kammer ist indicirt, aber nur zum Zwecke der mechanischen Reinigung des Papillär- 
gebietes und allenfalls zur Reposition der Iris, niemals zu Zwecken der Antisepsis. Beste 
Ausspülungsflüssigkeit ist: concentrirte Borsäurelösung. Das angewendete Instrument ist 
die von Th, ühk modificirte Undine. Fßster, 

Bibliothek der gesammten medicinischen Wissenschaften. 

Für practische Aerzte und Specialärzte. Herausgegeben von Hofrath Prof. Dr. A, Dräsche 
in Wien. Max Merlin, Wien und Leipzig 1893. Liefemng 10—12. 

In rascher Folge erscheinen die einzelnen Hefte, durchgängig mit sehr guter Aus¬ 
führung der verschiedenen Artikel. Es ist unmöglich, genauer auf den Inhalt einzugehen; 
es sollen deshalb nur die Titel angegeben werden, vielleicht dann und wann mit ganz 
kurzer Nebenbemerkung. In diesen Lieferungen werden behandelt: Bleipräparate, Blut¬ 
egel, Blutgifte, Blutpräparate — Hämatogen, Hommels moderne sogenannte Specialität, 
verdient keine besondere Würdigung und ergab keine sichtliche Wirkung auf den Blut¬ 
befund; Borsäure, Brechmittel, Brom, Calcium, Campher, Cannabis, Canthariden, Carbol- 
säure, Cardiaca, Carminativa, Cascarille, Castoreum — lieber das interessante Thier er¬ 
halten helfen, als hysterischen Launen und kaum zu rechtfertigendem Luxus dienen; 
Catechu, Chamomilla, Chinapräparate — wesentliche Wirkung Abtödtung der Malaria¬ 
plasmodien. Bronchialasthma — Reflexneurose; Bronchialaffectionen, Brust- und Bauch- 
eingeweidetopographie, Cachexie, Cardialgie, Catarrhus sestivus, Cerebrospinalmeningitis, 
Chorea — Neurose; chylöses Ascites, circuläres Irresein, Colitis, Convulsionen, Coordina- 
tionsstörungen; Croup — Symptomenbild für verschiedene Ursachen. Seüz. 


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Der Verbrecher in anthropologischer Beziehung. 

Yon Dr. Ä. Bter^ Geh.-Sanitätsratb, Oberarzt an dem Strafgefängniss Piöizensee und 
fiezirksphysikus in Berlin. Mit 4 lithogr. Tafeln. Leipzig, G. Thieme 1893. Preis Fr. 20. 

Der Yersuoh, gewissermassen eine besondere menschliche Rasse des Verbrechens 
mit eigenthümlichem Körperbau und besonderer Geistesbeschaffenheit anfzustellen, findet 
eine eingehende Kritik dureh den Verfasser, dem ein ungewöhnlich grosses Beobachtungs¬ 
material und jahrelange Erfahrung zu GelM)te stehen. Sein Urtheil ist, wie jeder Leser 
sieh tiberzengen wird, ein sehr wohl begründetes und geht dahin: 

„Der Verbrecher, der gewohnheitsmassige und der scheinbar als solcher geborene, 
tragt viele Zeichen einer körperlichen und geistigen Missgestaltung an sich, diese haben 
jedoch weder in ihrer Gesammtheit noch einzeln ein so bestimmtes und eigenartiges Ge¬ 
präge, dass sie den Verbrecher als etwas Typisches von seinen Zeit- und Stammes¬ 
genossen unterscheiden und kennzeichnen. Der Verbrecher trägt die Spuren der Ent¬ 
artung an sich, welche in den niedem Volksklassen, denen er meist entstammt, häufig 
verkommen, welche durch die socialen Lebensbedingungen erworben und vererbt, bei ihm 
bisweilen in potenzirter Gestalt auftreten. Wer die Verbrechen beseitigen will, muss die 
socialen Schaden, in denen das Verbrechen wurzelt und wuchert, beseitigen, muss bei den 
Feststellungen der Strafarten und bei ihrem Vollzüge mehr Gewicht auf die Individualität 
des Verbrechers als auf die Kategorie des Verbrechens legen." 

„Dort, wo das Verbrechen der Individualität so inne wohnt, dass eine Umänderung 
80 wenig möglich ist, wie der Neger seine Haut oder der Leopard seine Fleckung nicht 
ändern kann, dort wurzelt das Verbrechen in einem kranken Geistesleben, dort haben 
wir es mit einem Geisteskranken, nicht mit einem Verbrecher zu thun." Seiis. 

Körper, Gehirn, Seele, Gott. 

Von Dr. med. Carl Oehrmann^ pract. Arzt in Berlin. Vier Theile mit elf Tafeln. Erster 
und zweiter Theil. Dritter Theil. Berlin, Felix L. Dames 1893. Preis 48 Mark. 

Wenige Zeilen, wortgetreu abgedruckt, ergeben völlig Inhalt und Bedeutung dieser 
achtzehnhundert Druckseiten: 

yEin sehr wichtiges Mittel zur Erforschung der Grosshimrinde sind nun Experimente, 
die ich ihrer Natur nach als künstliche Träume bezeichnen möchte. Ich bepinselte 
nämlich zur Nacht dieses oder jenes Glied, respective dieses oder jenes Muskelgebiet mit 
Collodium, wodurch einerseits dessen Gentrnm erregt, andererseits seine normale Lösung 
nach diesem Gliede gehindert wurde. In Folge dessen entäusserte sich das betreffende 
Centrum durch Traumvorstellungen — welche eben über sein Wesen Aufschluss geben 
— wie z. B. bei dem Experiment, welches die Bedeutung der zweiten linken Zehe als 
Symbol des Gehorsams ergab." HI. S. 303. 

„In diesem Falle hatten sich also Scientia essend!, Vis und Navis durch Symptome 
entäussert, welche dem Ideenkreise entsprechen, dass Gott in den Nachen des Herzens 
eingestiegen ist, und zeigt das Gemüth seine doppelte Bedeutung einerseits im Dienste 
Gottes, andererseits im Dienste der Inertia (Anziehungskraft). Das Resultat dieser 
doppelten Function ist das Aufgehen der Innern Windmühlenthür (die Entlastung des 
Grenzstrauches und der Wahrheit durch den weissen Hut), deren Thürgerüst die Inertia 
ist, vom Languor aus; denn die Vis-Gesundheit ist die Verbindung der Conscientia Dei 
mit dem Languor." UI. S. 799. 

„Die Tafeln A. 1. 1. und r. 1 stellen die nur durch die Hirnhäute getrennten 
medianen Flächen des hinteren Grosshims dar, so dass die Centren „Zeit" und „ver¬ 
lassen", „schwimmen" und „Unendlichkeit" an einander grenzen." II. S. 295. 

„16. November 1891. Frau S. Lungenleidend (das Gentrnm der Armuth ver¬ 
bindet das Centrum des Blutes mit demjenigen der Athmnng) bat vor 10 Tagen um 
meinen Besuch; sie ist hoffnungslos. Gestern war ihr tagüber sehr schlecht. Abends 
bekam sie mit einmal wie einen Schlag vom Scheitel bis zur Zehe, verlor die Sprache 


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und wurde steif and kalt; das Ghuize dauerte aber nur wenige Minuten. Vorgestern 
hatte sie Schmerzen im linken M. leyator scap. (Symbol des ThttrflOgels der Inertia 
meditata.)" HI. S. 1448. SeiUf. 

Aerztliche Kunst und medicinische Wissenschaft 
Ein Beitrag zur Klarstellung der wahren Ursachen der „ärztlichen Misere" von Dr. Martin 
Mendelssohn, Wiesbaden, J. F. Bergmano. 1894. 2. Aufl. Preis 80 Pfg. 

„Wenn vrir erst wieder einmal die ärztliche Kunst treiben und nicht mehr das 
medicinische Handwerk, dann werden wir auch die Känstlerpreise wieder haben.* 

Seite. 


ARe Erfahrungen inr Lichte der neuen Zeit und ihrer Anschauungen Ober die Entstehung 

von Krankheiten. 

Von Dr. Carl JVeneelj Geh. Medicinalrath in Mainz. Ueber den Schutz gegen die 
Gefahren von Scharlach und Masern. — Ueber die natürliche und künstliche Entleerung 
des Magens durch den Mund. — Eine Blasenmole im Eileiter und einige andere Ergeb¬ 
nisse bei Leichenuntersuchungen. — Wiesbaden, J. F. Bergmann. 1893. Preis Fr. 4. 80. 

Der würdige Herr verdient mehr Nachfolger, wenn er bei 1364 von den 2335 
Leichen seiner Praxis die Sectionen ausführte und daher einige interessante Befunde mit¬ 
theilen kann, als indem er mit Speckeinreibungen Masern und Scharlach und mit 
Brechmitteln, den „mächtigsten unter allen Fiebermitteln* die Cholera bekämpft. 

Seile. 


lieber die Entstehung und die Heilung von Krankheiten durch Vorstellungen. 

Bede beim Antritt des Prorectorats der kgl. Universität Erlangen, gehalten am 4. Novem* 
ber 1892 von Dr. Adolf Strümpell^ ord. Professor der speciellen Pathologie und Therapie. 

Fr. Junge. 1892. Preis 60 Pfjg. 

Die Hypnose ist nichts Anderes als eine künstlich hervorgerufene schwere Hysterie, 
Anlass zu fortschreitender psychischer Entartung. Zur häufigen berufiimässigen Ausübung 
des Hypnotisirens gehört eine ganz besondere Neigung und ein gewisses schauspielerisches 
Talent. Würde der Hypnotismus sich die Stellung einer allgemein verbreiteten Heil¬ 
methode erringen, so müsste er gerade hierdurch seine gepriesene Heilkraft verlieren, 
weil das allgemeine Bekanntwerden seiner Erscheinungen und seines Wesens sein Ansehen 
bei den Hülfe Suchenden untergraben würde. Seüz. 


Syphilis und Nervensystem. 

Von W, B. Oowers. Autorisirte deutsche Uebersetzuug von Dr. med. Lehfeldt. Berlin. 

S. Karger, 1893. 

Der sehr erfahrene Verfasser gibt eine werthvolie Uebersicht über diese höchst¬ 
wichtigen Beziehungen, indem er eben so sehr bestrebt ist, alle dunkeln und strittigen 
Punkte hervorzuheben als anderseits das Sichere und Gewisse in seiner vollen Bedeutung 
hinznstellen. Seile, 

Grundlagen der theoretischen Anatomie. 

Von P, Lesshafl. I. Theil. Mit 52 eingedruckten Holzschnitten, gr. 8^. 341 Seiten. 

Leipzig. J. C. Hinrich'sche Buchhandlung. 1892. 5 Mark. 

Der Verfasser, welcher durch seine Untersuchungen über das Becken einem weiteren 
Kreise bekannt sein dürfte, leitet sein Buch nicht allzuglücklich mit folgenden Worten 
ein: „Die Erforschung der Grundidee des Bauet des menschlichen Körpers und die Er¬ 
klärung seiner Formen auf Grund dieser Idee bildet den Gegenstand der theoretischen 


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«Anatomie^. ThaUaohlioh handelt es sich um eine breite Behandlung des allgemeinen 
Theiles der systematischen Anatomie mit der Tendenz überall die Zweckmässigkeit und 
Oekonomie des Baues nachzuweisen. Die Frage nach den Ursachen der zweckmässigen 
Ausgestaltung, welche man vielleicht von einem neueren Versuche dieser Art erwartet, 
ist kaum ernstlich angefasst. 

Im I. Capitel werden die Qewebe des festen Eörperskeletes und 
ihre allgemeinen Eigenschaften behandelt. Auch das Bindegewebe, das 
elastische Gewebe, das Fettgewebe, das Blut, die Zelltheilung finden hier Berücksichtigung. 
Der Vorgang der Ossification aber kommt recht schlecht dabei weg. Das II. Capitel ist 
dem Enochensystem gewidmet: Eintheilung der Enochen, Bedeutung des Periostes, 
Enochenarchitectnr, Enochenmark, mechanische Verhältnisse der Enochen, Wachsthum 
derselben — mit Strelzow tritt der Verfasser für ein interstitielles Wachsthum in die 
Schranken — Abhängigkeit des E^nochenwachsthums von der mechanischen Einwirkung 
der Umgebung und von den Ernäbrungsbedingungen (Hinweis auf Experimente russischer 
Forscher), Entwicklung des Enochensystems, wobei eine Skizze der Entwicklung vom Ei 
an bis zum Auftreten der ersten Skeletanlagen (10 Seiten) voransgeschickt wird. 

III. Capitel. Allgemeine Anatomie der Enochenverbindungen. 
Die Gelenke werden eingetheilt in einfache und complicirte; bei letzteren ist die Con- 
gruenz durch Synovia, dickere Enorpellagen, fasrige Menisci, oder einfache und gegliederte 
Enochenmenisci bergestellt. Die Bänder werden im Leben durch Muskeln direct oder 
indirect vor maximaler Beanspruchung und Dehnung geschützt. Besondere Bedeutung 
kommt den Gelenken zu für die Milderung der Stösse. Hier besonders tritt die Neigung 
des Verfassers, von allgemeinen Sätzen aus die einzelnen Verhältnisse, z. B. ganzer Ge¬ 
lenke aprioristisch zu oonstruiren, zu Tage. Zum Schluss werden einzelne grössere Ge¬ 
lenke ziemlich speziell aber ohne Abbildungen besprochen. 

IV. Capitel. Allgemeine Anatomie des Muskelsystems. Referent 
hält die Grundlagen, welche vom Verf. für die Beurtheilung der mechanischen Verhält¬ 
nisse der Muskelwirkuug aufgestellt werden, für ungenügend und fehlerhaft. Auch fehlt 
hier, so gut wie bei den Geweben der Stützsubstanz, jedes Verständniss für Wirksamkeit 
der functioneilen Anpassung. Eine genauere Analyse des langen und im Ganzen uner¬ 
quicklichen Capitels würde zu weit führen. 

Doch findet man sorgfältige Literaturangaben namentlich über russische Arbeiten, 
die uns schwer zugänglich sind. Recht ansprechend ist auch der Excurs über den 
Mechanismus des Gesichtsausdruckes. Ferner sind lehrreich die Zusammenstellungen über 
Muskelgewichte und im V. Capitel diejenigen über Schwerpunkts- und Gewichtsbe¬ 
stimmungen des Eörpers und seiner Glieder und über die Proportionen. 

Im zweiten Theile sollen die allgemeinen Grundlagen des Baues der vegetativen 
Organe und der Organe der activ-psychischen Thätigkeit auseinander gesetzt werden *, auch 
soll sich anschliessen eine kurze historische Uebersicht der biologischen Theorien und die 
Behandlung der Vererbungsfrage, als Folgerung aus allem vorher Gesagten. Sirasser, 

Die Krankheiten des Ohres in ihrer Beziehung zu den Allgemeinerkrankungen. 

Von Dr. B. Haug, Wien, Urban und Schwarzenberg. 296 S. 

Verfasser hat mit enormem Fleiss die betreffende Literatur gesanunelt, zweckmässig 
geordnet und verwerthet. Indem er hauptsächlich die klinischen Erscheinungen berück¬ 
sichtigt, hat er damit eine Ergänzung geschaffen zu der Arbeit von MooSy welche 1892 
in 8chfcartee^% Handbuch der Ohrenheilkunde als Capitel XII erschienen ist und 
mehr die pathologisch-anatomische Seite dieser interessanten Fragen beleuchtet. Haug 
bat vor allem aus versucht, den Wünschen des practischen Arztes nachzukommen; er hat 
in allgenieinverständlicher Weise geschildert, wie beinahe jede der allgemeinen Infections- 
krankheiten in mehr oder minder hohem Grade sich auch im Ohr localisirt, wie nament¬ 
lich Scharlach und Diphtherie hier verhäugnissvoll einwirken, wie aber auch bei Influenza, 


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154 


Masern, Pneumonie, Keuchhusten, Mumps, Typhus, CerebrospinalmeningiiiB, Variola, 
Erysipel und ferner bei Tuberculoso, Syphilis und Malaria sowohl das Mittelohr, als das 
Labyrinth erkrankt. Ferner finden wir eingehende Beschreibungen von den Ohraffectionen, 
welche bei Rachitis, Leukämie, Circulationssiorungen, Nephritis, Qenitalleiden, Tabes, 
Himkrankheiten und Intoxicationen relativ häufiger zur Beobachtung gelangen. Ein 
Schlusscapitel ist den Erkrankungen gewidmet, welche auf entgegengesetztem Wege, 
nämlich von dem primär erkrankten Ohre aus, in andern Organen entstehen; und an¬ 
hangsweise finden sich auf 6 Tafeln 102 chromolithographirte Trommelfellbilder eigener 
Beobachtung. 

Einzelne Stellen des Textes, welche durch ihren unpassend burschikosen Ton oder 
durch unrichtig gewählte Fremdwörter den günstigen Gesammteindruck momentan stören 
müssen, werden in einer zweiten Auflage sich leicht ändern lassen. Siebenmann. 


Aus den Hamburger Staatskrankenhäusern. 

Pathologisch-anatomische Tafeln nach frischen Präparaten. Unter Mitwirkung von Prof. 
Kost redigirt von Dr. Th. Bumpel. Kunstanstalt (vorm. Gustav W. Seitz) Wandsbeck- 

Hamburg. Lieferung III.—VI. 

Von dem Pracht werke, dessen I. und 11. Lieferung wir bereits besprochen, sind 
seitdem 4 weitere erschienen. Die Tafeln geben folgende Präparate wieder: Kre^ des 
Zwölffingerdarms; Zottenkrebs desselben Organs, beide in der Gegend der Papille; Miliar- 
tuberculose des Peritoneum; Knochenmark bei perniciöser Anrnmie; desgl. bei Leukssmie. 
Ferner eine reiche Serie makro- und mikroskopischer Cbolerabefunde (Darm in ver¬ 
schiedenen Abschnitten und Krankheitsphasen, Niere in verschiedenen Zuständen, Cholera¬ 
exanthem). Lebercirhose, Periostales und myelogenes Sarcom. Secundäre Sarcome im 
Knochenmark und im Darm. 

Die Abbildungen sind ausgezeichnet, der Text kurz und prägnant. Wir können 
das früher geäusserte Lob nur wiederholen. Hanau. 


Chirurgische Technik. 

Von Friedrich von Esmarch und E. Kowalzig. 

I. Band: Verbandlehre. 

Die rühmlichst bekannte gekrönte Preisschrift von v. Esmarch erscheint hier in 
4. Auflage, neubearbeitet. Verf. wählte sich zum Mitarbeiter seinen frühem Assistenten 
und sehr gewandten Zeichner Dr. Kowalzig. Das ausgezeichnete Werk bedarf hier keiner 
ausführlichen Besprechung; der frühere Grundsatz mit Hülfe vieler Abbildungen und mit 
möglichst wenig Worten, „kurz und bündig*^ alle Operationen zu schildern scheint uns 
in dieser neuen Auflage ganz besonders glücklich durcbgeführt zu sein. 

Die „chirurgische Technik" v. EsmarcKs besteht nun aus folgenden Bänden: 

I. Band: Wundbehandlung und Verbände. 

n. Band: Die im Kriege vorzugsweise vorkommenden Operationen. 

III. Band: Alle übrigen Operationen. Dr. E. Kummer (Genf). 


lieber die Radicaioperation von Leistenhernien. 

Von B. Frank. Wien 1893. 32 Seiten. 8 Abbildungen. 

Hübsche kritische Besprechung des gegenwärtigen Standes der Frage. Mittheilung 
eines neuen Verfahrens der Versorgung des Samenstranges, welcher durch eine künstlich 
angelegte Rinne der Symphyse geführt wird, so dass völliger Verschluss des Leisten- 
kanals möglich wird. Bei 32 so ausgeführten Radicaloperationen niemals Necrose des 
Hodens. Ueber Endresultate lässt sich bei dem jungen Verfahren noch nicht sprechen. 

E. Kummer (Genf). 


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Ergebnisse der Anatomie und Entwickeiungsgeschichte. 

Herausgegeben von Fr, Merkel und B, Bonnet, I. Band, 1891, mit 47 Abbildungen 
im Texte. Wiesbaden, J. F. Bergmann, 1892. 8^ ca. 790 Seiten. 

Die vorhandenen vorzüglichen Jahresberichte der Anatomie und Entwiche!uogs- 
geschichte sind im Wesentlichen Register der alljährlich erschienenen Arbeiten mit kurzer 
Inhaltsangabe; ihr Ruhm ist möglichst grosse Objectivität und Vollständigkeit. So nütz¬ 
lich und unentbehrlich sie dem Forscher geworden sind, so wenig befriedigen sie den 
Leser, der sich über Stand und Entwickelung irgend einer anatomischen Frage rasch und 
erschöpfend orientiren will. Das Jahrbuch von Merkel und Bonnet will hier einem wirk¬ 
lich vorhandenen Bedürfniss abhelfen und schon der vorliegende erste Band, welcher von 
der fachmännischen Kritik sehr wohlwollend aufgenommen worden ist, scheint ganz ge¬ 
eignet zu sein, auch weitere Kreise für die auf anatomischem Gebiete herrschende rege 
Thätigkeit zu interessiren. 

Unsere Referate, so erklärt der eine der Herausgeber in der Vorrede, sollen grössere 
und wichtigere Fragen in der Form von möglichst übersichtlichen Essays besprechen. 
„Von erfahrenen Forschern sollen lebensvolle und farbenreiche Bilder gezeichnet werden. 
Die Arbeiten sollen nicht trockene Auszüge sein, sondern sie beanspruchen durchaus den 
Werth von Originalarbeiten individuellen Gepräges und die Redaction hat es sorgfältig 
vermieden, ihren Mitarbeitern einen uniformirenden Zwang anzulegen.^ 

Man muss zugeben, dass dieses Programm im Grossen und Ganzen glücklich durch¬ 
geführt worden ist. 

Ganz 'besonders verdienen hervorgehoben zu werden die Berichte von W. Flemming 
über die Zelle, von B, Barfurth: Regeneration, B, Bonnet: Einleitender Ueberblick über 
den gegenwärtigen Stand der Entwickeiungsgeschichte, Th, Boveri: Befruchtung (eine wahr¬ 
haft klassische Abhandlung, allein 90 Seiten), G, Bom: Erste Entwickelungsvorgänge, 
Ä, Froriep: Entwickeiungsgeschichte des Kopfes, J.Bückert: Entwickelung der Exeretions- 
Organe, ferner das Referat MerkeV^ über Haut, Sinnesorgane und topographische Ana¬ 
tomie, von Cam-Golgi über die Histologie des Nervensystems, von Fh, Stöhr über den 
Verdauungsapparat, von U. Strahl über Placenta und Eihäute. Die Ausstattung des 
Werkes ist eine musterhafte. Strasser, 


Oantonale Oox*i*eeipoxidenzexi. 

Aargan. Dr. Aifist Sehiyder ii Kalseratahl f. Dr. Schnyder ist gestorben! 
Wie ein Schreckensruf drang diese Trauerbotschaft den 15. Januar Morgens von Hohen- 
thengen nach Kaiserstuhl und in die umliegenden Gemeinden diesseits und jenseits des 
Rheins. Wer den kräftigen, blühend aussehenden, im schönsten Mannesalter stehenden 
Arzt noch zwei Tage zuvor gesehen hatte, der konnte trotz der Nachricht von dessen 
plötzlich erfolgter Erkrankung das Furchtbare kaum glauben. 

Dr. Schnyder, in letzter Zeit durch die auch in jener Gegend heftig anfgetretene 
Inflnenzaepidemie noch mehr als sonst in Anspruch genommen, litt schon seit circa 3 
Wochen ab und zu an Magenschmerzen, denen er aber leider weiter keine grössere Beachtung 
schenkte; wie immer lag er rastlos seiner sehr ausgedehnten Praxis ob. Als er am 13. 
Januar, Mittags 2 Uhr, in Begleitung seines Jagdaufsehers von G ü n z g e n (Grossherzog¬ 
thum Baden) sich auf dem Heimweg befand, wurde er plötzlich mitten auf dem Weg 
von solch' furchtbaren Magenschmerzen befallen, dass er sich niederlegen wollte und nur 
durch eifriges Zureden seines Begleiters und gestützt auf denselben unter unsäglichen 
Schmerzen in das in der Nähe sich befindliche Gasthaus zum Lamm in Hohenthengen sich 
schleppen konnte. Eine von ihm selbst sofort richtig diagnosticirte Magenperfo¬ 
ration mit ihren foudroyanten Folgeerscheinungen liess leider über die Prognose keinen 
Zweifel. Nach kaum 35 Stunden währendem Krankenlager erlag er seinen Leiden im 
Alter von nur 41 Jahren. 


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Dr. Äugtet Schnyder war geboren den 8. März 1853 als der Sohn Ton Hm. Getnlius 
Schnyder f, gewesenem Kaufmann und Gemeindeammann in Ennetbaden. — Er besuchte 
die Gemeindeschnlen von Ennetbaden und Baden, die Bezirksschule von Baden und trat 
im Jahr 1870 ins Gymnasium in Zürich ein. Nach woblbestandener Maturität im Jahr 
1874 besuchte er als Student der Medicin die Universität in Zürich. Alle seine Studien¬ 
freunde werden sich des liebenswürdigen, gefälligen und stets pflichteifrigen Comroiiitonen 
erinnern, der als Assistent des Hm. Prof. Hermann Meyer den unwissenden Neuling in 
die Geheimnisse der Anatomie quasi als Prosector einführte. Nach absolvirtem Propä- 
deuticum war er Assistent bei Hrn. Prof. Hugueninf später während zwei Semestern 
Privatassistent des Hrn. Bezirksarztes Dr. Zehnder in Oberstrass, wo er sich reichliche 
Erfahrungen für die kommende Praxis sammelte und damals schon bei den Patienten 
sehr angesehen und beliebt war. Im Wintersemester 1878/79 wurde er Assistent der 
Poliklinik und bekleidete diese Stelle auch noch zum Theil im Sommersemester 1879. 
Nach absolvirtem Staatsexamen begab er sich im November 1879 nach Wien, um sich 
in verschiedenen Specialcursen weiter auszubilden. — Bald nach seiner Rückkehr im 
März 1880 starb auch noch im kräftigsten Mannesalter Dr. Schmid in Kaiserstuhl und 
Schnyder^ der sich nach reger medicinischer Thätigkeit sehnte, entschloss sich sofort, dessen 
Praxis auflsunehmen. — Mit grossem Geschick und Glück hatte er sich sehr bald das 
Zutrauen von Kaiserstuhl und der umliegenden Gemeinden auf schweizerischem und 
badischem Gebiete erworben, und er vergalt dasselbe durch regen Pflichteifer bei Tag 
und Nacht, durch sein gerades, offenes und leutseliges Wesen. Ja, Dr. Schnyder war 
ein wissenschaftlich gebildeter und practisch tüchtiger Arzt, es galt aber auch bei ihm 
der Spruch: „Dass nur ein wahrhaft guter Mensch ein guter Arzt sein könne.^ 
Ein grosses Leichengeleite und die allgemeine uugeheuchelte Trauer um den ge¬ 
liebten Arzt und Berather legte Zeugniss ab für die ungetheilte Achtung und Liebe, die 
er genossen. Das mag der schmerzgebeugten jungen Wittwe und ihren beiden Kindern 
einigermassen zum Trost gereichen. Wir aber, die wir dem theuren Verblichenen so 
nahe gestanden, 

. . . wir weinen und wünschen Ruhe hinab 

in unseres Bruders stilles Grab. K. 


^%Voolieiil>eiriolit. 

Schweiz. 

Basel. Bacterioiogischer Ours vom 19. März bis zum 14. April. Be¬ 
ginn Vormittags 9 Uhr im Microsoopirsaal der pathol.-anatom. Anstalt. Anmeldungen 
bei Dr. A, Dubler, 

— Das medlclilsehe Faehexamea haben 1893 bestanden: 

In Basel. Hermann Christ von Basel; Otto Burckhardi von Basel; Hermann 
Wille von Basel; Joseph Heinema/nn von Hitzkirch (Solothurn); Pius Jäggi von Rechers- 
wil (Solothurn); Max Bider von Basel; Eugen Nienhaus von Basel; Ernst Niebergaü 
von Basel; Theodor Schneider von Basel; Arthur Gloor von Basel; Walther Jann von 
Stans; Wilhelm Kesselbach von Luzern; Eugen Bürcher von Brig (Wallis); Emst Bau¬ 
mann von Herisau; Alfred Schweieer von Neuenburg; Bobert Kistler von Schwyz; Jacob 
Nadler von Frauenfeld. 

In Bern. Joseph Fischer von Triengen (Luzern); Eduard Bauer von Neuohätel; 
Eugen Bychner von Aarau; Edwin Scheidegger von Sumiswald (Bern); Ernst Mosmann von 
Bergdorf; Anton Schnöller von Katzis (Graubünden); Hermann Oitiger von Rothenburg 
(Luzern); Carl Döpfner von Zürich; Jacob Amhühl von Schötz (Luzern); Joseph Huber 
von Besenbüren (Aargau); August Seiler von Basel; Hermann Bey von Lens (Wallis); 
Xaver Moser von Hitzkirch (Luzern); Julius duster von Altstätten (St. Gallen); Budolf 


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LhM von Bern; Alfred v, Lerber Ton Bern; Hans Schenk yon Sigoaa (Bern); Carl 
StetÜer von Bern; Laura Farster von Sidney (Australien); ClSmeniine Broge von Estavayer 
(Freibarg); Hans Christen von Herzogenbuchsee; Hugo Hiss von Isenfluh (Bern); Albert 
Knaus von St Johann (St. Qallen); Alfred Clement von Romont (Freiburg); Henri de 
Stbcklm von Freiburg; Eduard Michel von Netstall (Glaros). 

In Genf. Friedrich Blank von Bolligen (Bern); Jean Braun von Petit Saconnex 
(Genf); Victor Broccard von Ardon (Wallis); Frank Bracher von Caronge (Genf); Georg 
W^lin von Bischoffiszell (Thurgau); Camille Levy von Langenthal; AndrS Monastier 
von Lausanne; Eughne PcUry von Genf; Auguste Chätelain von Neach4tel. 

In Lausanne, üieodor Stephani von Genf; F. Ch, CSsar JPaccoud von Pr6von- 
loup (Vaud); Albert Jommi von Payeme (Vaud); O. H, Adolphe Bochas von Romain- 
motier (Vaud); Ch. Louis Zimmer von Eohiohens (Vaud); Alfred Ackermann von Romans- 
hom (Thurgau); Charles Hegglin von Menzingen (Zog); Eugh^ Olwier von La Sarraz 
(Vaud); Michl. Wühm. Luber von Amsterdam; Jean Stöcklm von Hermetschwyl (Aargau). 

In Zürich. Dominik Bezzola von Zemetz (Granbünden); Wühelm BreUer von 
Andelfingen (Zürich); Anton BiMer von Davos; Theodor Hitzig von Burgdorf; Budolf 
Wolfensberg von Bauma (Zürich); Milde Bosenzweig von Berlin; Milica Sikglin you 
Agram; Oihmar Altermatt von Nieder - Gösgen (Solothurn); Otto Briner von Zürich; 
Wiüy DSteindre von St. Gallen; Augtwt Egloff von Tägerweilen (Thurgau); Fried- 
rieh Homer von Zürich; Wedo Koch von Laufenbnrg (Aargau); Theodor Lang von 
Oftringen (Aargau); Ludwig von Mur alt von Zürich; Erhard Pßster von Taggen (Schwyz); 
Gabriele von Pössanner von \7ien (Oesterreich); Otto Bahm von Hallau (Schaffhausen); 
Emma Bhyner von Stäfa (Zürich); Otto Spbndly von Zürich; Alfred Ulrich von Stammheim 
(Zürich); Karl Blattner von Aarau; Molly Herbig von Maraunenhof (Ostproussen); Maria 
Prita von Panesova (Ungarn); Fridolin Schßnenberger von Bützschwyl (St. Gallen); Her- 
mann Steiner von Zürich; Bemard Winkler von Luzern. 

— Ein soeben erschienener Illnslrirter Calalei^ des Sanitatsgeschäftes Hausmann 
in St Gallen über chirurgische, medicinische, pharmacentische, hygieinische etc. Instru* 
mente und Apparate verdient die Aufmerksamkeit der Aerzte in besonderem Masse. Der 
prachtvoll ausgestattete, über 600 Quartseiten grosse und mit zahllosen guten Illustrationen 
versehene Band hat einen weit hohem Werth, als den einer gewöhnlichen Preisliste^ er 
enthält, mit grossem Yerständniss und übersichtlich geordnet, alle Artikel, welche den 
Arzt auf allen möglichen Gebieten seiner practischen und wissenschaftlichen 
Tbätigkeit interessiren können und wird dem Practiker auch als Nachacblage- und Orien- 
tirungsmittel gute Dienste leisten. 

Ausland. 

— Pref. Dr. Albert Ueke f. Nur 14 Tage nach Billroth starb sein Altersgenosse 
und Mitherausgeber des Sammelwerkes der deutschen Chirurgie, Prof. Lücke in Strassburg, 
1865—70 klinischer Lehrer in Bern. Während der Sprechstunde erlag er einem Herz¬ 
schlage. — Seine Arbeiten auf dem Gebiete der Kriegschirurgie, über Krankheiten der 
Schilddrüse etc. sichern ihm einen unvergänglichen Namen. 

— Alvarenga-Prelsaallfabe. Die Hufeland^Bche Gesellschaft stellt folgende 
Preisaufgabe: Ueber Autointoxication vom Intestinaltractus aus und über Verhütung und 
Beseitigung derselben. Der Preis beträgt 800 Mark. 

Einzureichen sind die Arbeiten bis zum 1. März 1895 an Dr. Oscar Liebreich^ 
Berlin lY, Margarethenstrasse 7. 

Die Arbeiten müssen mit einem Motto versehen sein, welches auf einem dabei ein¬ 
zureichenden Briefcouvert, in dem eingeschlossen der Name des Verfassers sich befinden 
soll, zu stehen hat. 

Zulässige Sprachen: Deutsch, Englisch, Französisch. Die nicht preisgekrönten Ar¬ 
beiten werden auf Verlangen bis zum 1. August 1895 den Einsendern zurückgegeben. 

Die Bekanntmachung der Zuertheilung des Preises findet am 14. Juli 1895 statt. 


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— Dr. lIiM*8 deraatoUi^sehe Preisaofpike für 1894 lautet: ^Es soll untenaeht 
werden, ob und in wie weit die in neuerer Zeit aufgestellten Behauptungen, dass colla- 
gene, elastische Fasern und sesshafte (pigmentirte) Bindegewebszellen in die normale 
Stachelschicht hineinreichen, begründet sind." — Der Preis betragt 300 Mark. Näheres 
über die Bedingungen der diesjährigen Preisaufgabe ist zu erfahren von der Yerlags- 
buchhandlung Leopold Voss, Hamburg, Hohe Bleichen 34. 

— In Vollführnng des Sultitsgesetzes fir die Stadt Leadea vom Jahre 1831 
hat die Sanitätsbehörde dieser Stadt ein fünfstöckiges Gebäude eingerichtet zur Unter¬ 
bringung der bedürftigen Familien, deren Wohnungen infolge Ton Infectionskrankheiten 
desinficirt werden müssen. Die Kosten fallen gänzlich auf Last der Sanitätsbehörde, 
welche noch für die durch die Desinfectionsproceduren beschädigten Gegenstände ange¬ 
messene Indemnisirung gewährt. Vivat sequens. (Sem. mödio. Nr. 10.) 

— Ueber Absaaderoaf aad Desiafeetiaa bei Haaera. Bei Anlass der Abfassung 
eines Gutachtens der Academie de medecine über die Nothwendigkeit der obligatorischen 
Anzeige der Infectionskrankheiten, entspann sich vor einigen Monaten eine sehr lebhafte 
Discussion darüber, ob die Masern als Infectionskrankheit ebenfalls anzuzeigen und bei 
denselben ähnlich wie bei Scharlach, Diphtherie etc. zu verfahren sei. Die Commission 
der Acadömie war für Anzeige, der bekannte Kinderarzt Grancher dagegen, und seine 
zahlreichen in einer meisterhaften Rede auseinandergesetzten Gründe fanden die Zustim¬ 
mung der Acadömie, welche den fraglichen Artikel verwarf. In der Nr. 2 der „Mödecine 
moderne" behandelt Cemhy dieselbe Frage, indem er die Hanptargumente von Qrancher 
wiederholt und erläutert. Bevor man die Kranken isolirt und die durch dieselben be¬ 
nutzten Gegenstände einer umständlichen Desinfection unterwirft, wird es gut sein sich 
zu fragen: was ist die Desinfection im Stande zu leisten und darf man von derselben 
erwarten, dass sie der Verbreitung der Seuche effectiv entgegenwirken wird? 

Die Incubationszeit der Masern ist bekannt und ziemlich constant; zehn Tage braucht 
gewöhnlich der Keim vom Augenblicke der Ansteckung bis zum Ausbruch der fieber¬ 
haften Symptome, mit den catarrhalischen Erscheinungen. Das Exanthem, das einzig 
charakteristische Zeichen, zeigt sich erst drei oder vier Tage später. Während dieser 
ganzen Zeit bleibt der kleine Masernkranke in Contact mit Geschwistern und Freunden 
und wird erst isolirt, nachdem die Diagnose durch das ausgebrochene Exanthem gesichert 
wurde. Diese Absonderung ist aber meist erfolglos; nach und nach erkranken die übri¬ 
gen Geschwister und die Krankheit verbreitet sich unausgesetzt. Das Kind ist eben zu 
spät isolirt worden. Zu einer Zeit, wo die Diagnose noch nicht gestellt werden kann, 
am ersten Tage der Invasionsperiode, sind die Masern schon ansteckend, und nach ge¬ 
wissen Autoren hört in vielen Fällen ihre Virulenz mit dem Erscheinen des Hautaus¬ 
schlags auf. Im Gegentheil zu dem, was noch vielfach angenommen wird, sind es nicht 
die Abschuppungen der Epidermis, welche am meisten zur Verbreitung der Seuche bei¬ 
tragen, sondern hauptsächlich die catarrhalischen Absonderungen der entzündeten Schleim¬ 
häute. Inoculationsversuche haben die Virulenz der letzten Producte aufs Evidenteste 
nachgewiesen. — Wie vollzieht sich nun die Ansteckung der Masern? Sie kann eine 
directe oder eine indirecte sein. Die directe Ansteckung ist weitaus die häufigste, wäh¬ 
rend die indirecte durch inficirte Personen und Gegenstände, wenn auch möglich viel 
seltener vorkommt, als viele Autoren es angenommen haben. Der Grund dazu ist die 
allem Anschein nach sehr geringe Vitalität des Maserncontagiums. Sevesire z. B. glaubt 
nicht, dass die Dauer der Virulenz zwei bis drei Stunden überschreite; andere nehmen 
einen etwas grösseren Zeitraum an; im Allgemeinen aber sind die Autoren über die 
schwache Lebenskraft des Masemgiftes einig. 

Aus den beiden angeführten Gründen ergibt sich, dass die Isolirnng der Masem- 
kranken zur richtigen Zeit nicht durchzuführen ist und erst zu einer Zeit erfolgt, zu 
welcher dieselben nicht mehr oder nur in geringem Grade für ihre Umgebung zu fürch¬ 
ten sind. Die in den grossen Kinderspitälem vorgenommenen Massenisolirungen haben 


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bis jetzt keine günstigen Resultate ergeben. Die Morbidität innerhalb der Spitalbevölke- 
mng nahm nicht ab, während im Gegentheil die Mortalität unter den in grosseren Bäu¬ 
men gemeinschaftlich untergebrachten Kindern in ganz bedenklicher Weise znnahm. So 
stieg z. B. im Hüpital des Enfants malades die Mortalität, welche vor der Isolirung 
27—38^0 betrug, auf 40—48, sobald die Massenabsonderung streng durchgeführt wurde. 
Die Ursache dieser ungünstigen Resultate liegt in den Complicationen der Masern, ganz 
besonders in der Bronchopneumonie. Die Masern erhöhen in ganz bedenklichem Grade 
die Empfänglichkeit für die Bronchopneumonie. Wird ein Masernkranker in einem Raum 
untergebracht, in welchem bereits zahlreiche Kinder mit Bronchopneumonie gelegen sind, so 
läuft er grosse Gefahr, yon dieser unheimlichen Affection befallen zu werden und der¬ 
selben zu unterliegen, ln einer Privatwohnung ist bei genügender Pflege diese Gefahr 
lange nicht so gross, was auch die weitaus besseren Resultate der Maserobehandlung in 
der Stadtpraxis gegenüber derjenigen der Spitalpraxis erklären kann, selbst wenn man 
Ton den Fällen abstrahirt, welche schon mit Complicationen behaftet ins Spital gebracht 
werden. 

Wenn aber bei den gewöhnlichen, uncomplicirten Masern eine Absonderung erfolglos 
ist, weil sie zu spät yorgenommen wird, und eine Desinfection der Gegenstände in An¬ 
betracht der geringen Lebensfähigkeit des Maserncontagiums nicht nothwendig erscheint, 
so gestaltet sich die Frage anders, sobald die Masern mit Bronchopneumonie complicirt 
sind. In diesen Fällen ist eine Isolirung der Kranken, sowie die Desinfection der in- 
fieirten Räumlichkeiten und der Gegenstände dringend nothwendig. Die Virulenz der 
Pneumoniekeime ist yerschieden; sie kann aber durch wiederholte Uebergänge yon einem 
Masemkranken auf den andern hochgradig gesteigert und resistenzfähig gemacht werden. 

In Anbetracht der grossen Disposition der Masernkranken für Bronchopneumonie 
muss man selbst in den anscheinend gutartigsten Fällen durch richtige hygienische Maass¬ 
regeln den Ausbruch dieser gefährlichen Complication zu yerhindem suchen. Durch 
häufige Reinigungen der Nasenhöhle, des Mundes und des Rachens mit Borsäurelösung oder 
anderen unschädlichen Antisepticis, durch sorgfältige Reinhaltung der Genitalien und der 
Analgegend, durch Lüftung der Krankenzimmer ist in dieser Beziehung yiel zu machen 
und selbst in den ungünstigsten Verhältnissen lassen sich diese prophylaotischen Maass¬ 
nahmen leicht durchführen. 

— Zur Behaudlug des Sters !■ der Speiserihre nd Im Mugn wird yon 

Aufrecht die innere Darreichung einer dreiprocentigen Lösung yon Natron biboracicum, 
2stündlich einen Esslöffel, empfohlen. Mit Hülfe dieses indifferenten Mittels sah er in 
yerschiodenen Fällen nach 1—2 Tagen die durch den Soor heryorgernfenen Beschwerden 
yollständig yerschwinden. (Therap. Monatsschr. Nr. 8, 1893.) 


Nttiien fir die Besseher des ialermt. Genfresses in Btm. 

Die Eröffnung desselben findet Donnerstag, den 29. März, Morgens, in Anwesenheit 
des Königs, im Costanzi-Theater statt. — Auf dem Capitol yeranstaltet 
die Stadt Rom den Congressbesuchern sammt ihren Damen einen feierlichen Empfangs¬ 
abend. Zu all’ den zahlreichen Festlichkeiten sind sämmtliche mit Festkarten 
yersehenen Herren und Damen berechtigt. 

Die Festkarten bezieht man unmittelbar nach der Ankunft in Rom im Anmelde- 
und Auskunftsbureau in der Via Genoya, nach Vorweisung seiner Legitimations¬ 
papiere. Letztere muss der zum Congress Reisende durchaus bei sich führen, wenn 
er die enorme Fahrpreisermässigung der Bahn- und Dampfschifffahrtgesellschaften ge¬ 
messen will. Diese Legitimationspapiere, welche zudem Alles für den Congress, die Reise 
nach Rom, Unterkunft daselbst, Ausflüge, Rundtouren etc. Wissenswerthe enthalten, er¬ 
hält man, sobald man sich beim Nationalcomite (Prof. Kocher, Bern ; Prof. D'Espine, 
Genf) oder beim Generalsecretär (Prof. Maragliano, Genua) zur Thoilnahme am Congress 
gemeldet hat. (Visitenkarte mitsenden.) — Vorausbezahlung der Einschreibegebühr (für 


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Herren 25 Fr., fSr Damen 10 Fr.) ist nicht unbedingt nöthig, ermdgiioht aber eine 
raschere Erledigung der ersten Geschäfte des in Rom ankommenden Congressisten auf 
dem Empfangsbnreau. 

Für Unterkunft wende man sich an Cook & Son in Rom, oder direct an ein HAtel, 
oder aber erst bei Ankunft in Rom an das Wohnnngsbureau des Congp^sses am Cen¬ 
tralbahnhof. 

Tour- und Retourbillets oder aber Rundfahrtbillets beliebiger Combination (alle nur 
wünscbbaren und möglichen Details sind in den jedem Einzelnen zugeschickten Legi¬ 
timationspapieren zu finden) werden an der italienischen Grenzstation (Chiasso, Luino, 
Modane etc.) gelost und bezahlt; es ist gestattet, das Land an beliebig anderer Grenz¬ 
station zu verlassen, als es betreten wurde. 

Wer von Rom Ausflüge nach Neapel oder Sicilien zu machen gedenkt, kann sich 
jetzt schon bei Cook & Son, welche derartige Excursionen zu fabelhaft billigen Taxen 
arrangiren und persönlich leiten, anmelden. Er kann aber auch mit seinem Entschlösse 
bis zur Ankunft in Rom warten; auch als Einzelreisender wird er alle AusflQge zu re- 
ducirten Taxen machen können. — Beispiel einer schönen Rundtour: via Gotthard- 
C h i a s s 0 -Mailand-Turin-Geuna-Spezia (von Genua bis Chiavari wenn immer möglich 
im WagenI Herrlichster Theil der Riviera!) -Livomo-Rom-Neapel-Rom-Florenz-Bologaa- 
Yenedig - Verona - A1 a und via Insbruck heim. Auslage für I. Classe: Fr. 152,60; 
U. Classe: 106,85. Gültigkeit aller Rundreisebillets: 60 Tage. 

In Chiasso braucht man nur unter Vorweisung der Legitimation 
die aus einem Schema (Beilage der Legifimationspapiere) ersichtlichen Buchstaben und 
Zahlen der verschiedenen Combinationen (für obiges Beispiel XXII H. H. 5) am Schalter 
zu nennen und — zu bezahlen, um sofort das gewünschte Billet zu erhalten. 

Auch Angehörige der Congressisten, welche nicht am Oongresse sich ein- 
schreiben lassen, haben Anspruch auf Ermassigung der Reisetaxen (30^/o gegenüber 50^0 
für die Congrosstheilnehmer — Herren und Damen). Ueber Hötels etc. ertheile ich 
gerne private Auskunft so gut, als möglich. E, H, 

Den leider erst nach Schluss dieser Nummer eingehen¬ 
den C on gr e SS ac t e n entnehmen wir nur noch die Notiz, dass 
vom 1. März an alle Anmeldungen für den Congress beidem 
NnUonaiceBUe zu geschehen haben (lieht mehr in Rom-Genna), wel¬ 
ches den Angemeldeten dann die nöthigen L e g i t i m a t i on s- 
papiere zustellen wird. 

Brlefkaiten« 

Spitalarzt Dr. Kappeier^ Münsterlingen: Ihre Reminiscenzen an Biüroth mussten ans änssern 
Gründen leider auf nächste Nnmmer verschoben werden. 

Dr. N. in Feldkirch: Wir müssen, nm eine Grenze zn haben, daran festhalten, dass nur über 
solche Bücher referirt wird, welche vom Verleger oder Antor an die nBedaction des Corr.-Blattes“ 
eingeschickt nnd von derselben einem bestimmten Referenten zngesteÜt worden, was mit dem be¬ 
treuenden (^ns bereits geschehen ist. Immerhin freundlichen Dank. 

Dr. A. in Z.: Sie wünschen Organisation eines gemeinschaftlichen Vorgehens der schwei¬ 
zerischen Aerzte gegen die Gb’enlich’sche Initiative nnd betonen, dass wir die Vorwürfe, welche 
nnserm Stande von Seiten der Arbeiter gemacht werden, nicht sitzen lassen dürfen. — Zur Abwehr 
der letztem mögen unsere T baten sprechen. Mit za energischer nnd »wohlor^anisirter* öffent¬ 
licher Stellungnahme aber würden wir, wie in Erinnemng an die Erfahmngen wahrend des Impf- 
stnrms zn furchten ist, wieder nichts erreichen, als bei Krämerseelen kleinliche Verdächtigungen 
wachmfen nnd am Ende der guten Sache mehr schaden als nützen. — Damit sei nicht gesagt, dass 
ein Arzt nicht verdienstlich handelt, wenn er bei Gelegenheit seiner Ueberzengnng auch in öfient- 
licher Versammlung Ausdruck verleiht. Im Ganzen aber werden wir mehr erreichen, wenn 
wir, ein Jeder im Kreise seiner Client^le, auf die grossen Gefahren der von Greulich 

f eforderten unentgeltlichen Krankenj^ege hinweisen nnd die Zweckmässigkeit, ja Nothwendigkeit 
er Forrer’schen Vorlage betonen. Dies zn thnn, bei jeder Gelegenheit — ein Jeder nach seiner 
Ueberzengnng im Zwiegespräche zn belehren nnd anfznklären ist eine patriotische Pflicht des schwei¬ 
zerischen Arztes, deren gewissenhafter Erfüllung ein grosser Erfolg gesichert wäre. 

Schweighanserische Bnchdmckerei. — B. Schwabe, Verlagsbuchhandlung in Basel. 


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COERESPONDENZ-BLATT 


Encheint am 1. nnd 15. 
jedes Monats. 

Inserate 

35 Cts. die gesp. Petitzeile. 


fär 


Preis des Jahrgangs 
Pr. 12. — für die Schweiz, 


ÄpIi TXTÖl f/ÖT* A Ö'P ^ Aosland 

W KjlnKjl JWjL /j tül ah« Posthnr«aux n«hm«» 


Herausgegeben von 


Alle Posthnreaux nehmen 
Bestellungen entgegen. 


I>r. E. Haflflei* 

in Frauenfeld. 


und Dr* Jaqiiet 

in Basel. 


N! 6. 


XXIV. Jahrg. 1894. 


15. März. 


lakalts 1) OriginaUrb«ii«n: Dr. 0. KapptUr: Zur Erinaerong aa Theodor SiUroih, — Prof. JOtuoini: Die Phanaa- 
eopoa heWetiea. (Fortaetsnag and Sohlnsa.) — 2) Vereinsberletite: Geiellaohaft der Aerite in Zftrich. — lledielaisoh- 
pbarauteenliacber Besirkarerdn Bern. — 8) Referate und Kritiken: Prof. Dr. C. Qarri: Die Aetheraareose. — Dr. 0. 
Sedöger: Let um mn'o medidnisohe Tasokenatlanten. — Prof. Dr. Äth. Bulmibwrg: Beal-Enojelopädie der geaammtea Heilkonde.— 
OCantoaale Correapondenien: Genf: Hietoriache Anaatellnng. — 5) W oeh «n ber ich t: Sanitariaeb-demographUehea 
WoebeaMiUeUo. — Beobnnng der Hlilftkaaae für Sohweiier Aerete. — Zur Frage der aaentgeltlicben Krankenpflege. — Sebweia. 
HebaaiMaBaitnag. — Henkranke Uidcban. — DarmAnlniaa nnd Hantexantbeme. — Bömiaeber Oongreaa. — 6) Briefkaaten. 
— 7) Hftlfakaaae Iflr Sohweiier Aerite. 


Oi'igp’inal - JlLjrl>ei ten. 

Zur Erinnerung an Theodor Billroth. 

Es war zar Zeit der Ferien, als BiUroth nach Zfirich kam und die chirurgische 
Klinik Obernahm. Er lud uns junge Studenten eines Tages in den Operationssaal und 
operirte einen Nasenrachenpolypen. Noch sehe ich ihn vor mir. Auf dem jugendlich¬ 
elastischen ESrper den geistvollen, bartumrahmten Kopf mit den ernst, fast strenge 
blickenden, blauen Augen nnd der schön gewölbten Stirne, wie er uns freundlich 
begrfisste nnd nur bedauerte, dass wir so wenig von der Operation sehen konnten. 
Mit einena Schlag batte er unsere Sympathie und unsere ganze Aufmerksamkeit ge¬ 
wonnen. 

Mit BiBroth zog die moderne Chirurgie in die Hörrftume der Zäricher chirurgischen 
Klinik ein, die Chirurgie, die abweichend von der rein anatomisch operativen Richtung 
auf die physiologische nnd pathologisch-anatomische Forschung sich auf baut, dem 
Wesen nnd den Ursachen der Krankheiten nachforscht und alle Hölfsmittel nnd 
Forscbnngswege der modernen Naturwissenschaft sich zu eigen macht. Hat es doch 
Billroth als eine seiner Lebensaufgaben betrachtet, die Chirurgie der klinischen Be¬ 
obachtung nnd innern Medicin wieder näher zu führen. Und welch’ ein glänzender 
Vertreter dieser neuen Richtung war der junge Professor. Auf der Höhe seiner Auf¬ 
gabe, ein vollendeter Microscopiker, mit allen Untersuchungsmethoden äuFs innigste 
vertrant, ein begeisterter und begeisternder Lehrer, dabei ein kühner Operateur, ein 
feinfühlender Arzt nnd ein edler Mensch. Wer von seinen frühem Schälern könnte 
jemals die schönen nnd genussreichen Stunden vergessen, die wir in seiner Klinik 
verlebten. 

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BiUroth war kein Schulmeister und Eindriller. An den Praktikanten wurden 
nur die nöthigsten Fragen gestellt, dann ging er selbst an die wissenschaftliche Er¬ 
örterung des Falles und knöpfte daran, sofern die Zeit nicht durch Operationen ganz 
in Beschlag genommen war, äusserst reizvolle, sehr oft improvisirte, klinische Vor¬ 
träge. Unvergesslich sind mir namentlich die Schilderungen der feinem Vorgänge 
der Wundbeilung, der Bildung des Gallus bei Enochenbrüchen, der anatomischen Ver¬ 
änderungen bei Enochenentzünduug u. s. w., alles mit Vorweisung von Präparaten, 
Zeichnungen, Photographien. Oder bei Vorstellung eines Lippencarcinom’s macht er 
einen geistvollen Excurs in die Aetiologie der Geschwülste oder ein fiebernder Ver¬ 
letzter gibt ihm Anlass zu einer lebendigen Schilderung der Wundinfectionskrankheiten, 
ein Capitel, das ihn damals so intensiv beschäftigte und durch seine schönen Unter¬ 
suchungen eine wesentliche Klärung und Sichtung erfuhr. 

BiUroth'a Vortrag hatte etwas Temperamentvolles; holprig sprudelnd wie ein 
Bergbach, war er auch erfrischend, wie ein solcher, oftmals sorgföltig vorbereitet, auf 
den Gegenstand concentrirt, aber noch häufiger improvisirt, abspringend, scheinbar 
fernliegende Dinge herbeiziehend und bis an die Grenze des Wissens vordringend. 
Aber immer wurden nebenbei an der Hand des vorliegenden Materials die wichtigsten 
Gegenstände der Chirurgie in jedem Semester eingehend und systematisch besprochen. 

Aber auch in der chirurgischen Kunst war mit BiUroth eine neue Zeit in 
Zürich aufgegangen. Die Grenzen der operativen Chirurgie wurden bis in’s Ungeahnte 
erweitert. Plastische Operationen, conservirende Enochenoperationen u. V. a., bisher 
in der Züricher Klinik nicht geübt, waren tägliche Geschehnisse. Aber was damals zu¬ 
meist das Erstaunen und die Bewunderung der Schüler erregte, das waren die grossen 
Geschwulstoperationeu Bülroth's, denen nicht selten auch die Chirurgen der benach¬ 
barten Universitäten beiwohnten. 

Die Raschheit und Sicherheit seines Operirens war wohl damals unerreicht, auch 
später sah ich niemals Gleiches, selten Aehnliches. Die unerschütterliche Buhe ver- 
liess ihn auch in den schwierigsten Lagen niemals. Er fasste mit derselben Sicherheit 
die spritzende Carotis, wie die kleinste Muskelarterie; besondere Schwierigkeiten und 
Complicationen hatten einen besondern Reiz für ihn und wurden spielend überwunden. 
Auch während der subtilsten Operationen machte er fast ohne Unterbruch erläuternde 
Bemerkungen, erklärte das weitere Vorgehen und gewährte den Zuschauern zuweilen 
einen kurzen Blick auPs Operationsfeld, sodass auch der ferner Stehende den Gang 
der Operation bis zu Ende verfolgen konnte, und selten leerte sich, wie anderswo, der 
Hörsaal vor Schluss der Operation. 

BiUroth operirte in Zürich mit 3 Assistenten. Der erste besorgte die eigentliche 
Assistenz, der zweite reichte die Instrumente, der dritte und jüngste chloroformirte. 
Anleitung wurde keine ertheilt. Jeder musste rasch über seine Stellung und Thätigkeit 
bei der Operation mit sich selbst in’s Klare kommen und dass er mit gespanntester 
Aufmerksamköit der Operation folgte und sein Bestes that, das verstand sich von 
selbst. Wer sich nicht für diese Art von Arbeit eignete, wurde kurzer Hand bei 
Seite gesetzt. Ein anerkennendes Wort des Chefs am Schluss der Operation war unser 
Stolz und wenn einer von uns im spätem Verlauf der Klinik oder des Tages selbst 
operiren durfte, so wusste er, dass er die Sache ganz besonders gut gemacht hatte. 


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Die Bauchchirurgie war damals noch im Embryonalzustand und die gynäcologischen 
Operationen waren der Frauenklinik zugewiesen. Ich sah während meines Aufenthalts 
in Zfirich eine einzige Ovariotomie in der alten Gebäranstalt. Spencer Wells hatte, 
kurze Zeit vorher von Breslau hergerufen, eine Ovariotomie in Zürich gemacht, und 
Breslau operirte kurze Zeit nachher eine Ovariencyste unter der wirksamen Assistenz 
BmrotK's. Der Fall war complicirt, die Operation dauerte ungewöhnlich lange und 
Patientin starb andern T^s an septischer Peritonitis. Erst nach meinem Weggang 
von Zürich machte BiXlroth in seiner Klinik eine Ovariotomie mit günstigem Erfolg. 
Noch auf 2 Punkte seiner klinischen Thätigkeit möchte ich hinweisen: Bei den vielen 
und schweren Verletzungen, die zu Anfang der 60er Jahre der chirurgischen Klinik 
zuflossen, war in der damaligen vorantiseptiseben Zeit Pysemie und Septiesemie kein 
seltenes Vorkommniss. Die Arbeit in der Klinik war mitunter eine riesengrosse. 
Bälroth verband die schweren Fälle selbst und war unermüdlich in der Ergrfindung 
der Ursachen dieser mörderischen Krankheiten. Das Alles ist in seinen Studien über 
Wundinfection niedergelegt und gehört nicht hieher, aber hervorheben möchte ich, dass 
die Kranken — keineswegs der Stolz der Klinik — immer und immer wieder den 
Studirenden vorgeführt und vorgestellt wurden, damit auch sie die Schattenseiten der 
chirurgischen Thätigkeit und die Mängel des chirurgischen Könnens aus eigener An¬ 
schauung kennen lernten. Und noch etwas: Auf der ftlfro^A’schen Klinik wurde 
damals fflr die Ausbildung des Gypsverbandes ausserordentlich viel gethan; die ge¬ 
wonnenen Resultate sind in der Dissertation des damaligen Assistenten, Dr. Bis, der 
sich speciell mit diesem Gegenstand beschäftigte und die Technik sehr vervollkommnete, 
zusammengestellt und es wurde damals dem Gypsverband ein grosses Gebiet von Ver* 
letzungen und Verkrümmungen, Gelenkleiden etc. gewonnen. Da folgte BiUroth auch 
einmal dem Vorschläge Bonnet's und schloss der Tenotomie bei pes varus unmittelbar 
das Redressement und den Gypsverband an. Er hatte dabei das Unglück, dass der 
Fass des kleinen und zarten Patienten theilweise gangränös wurde. Auch dieser Kranke 
wurde wiederholt und in jedem Stadium der Gangrän vorgestellt als warnendes Bei¬ 
spiel einer gefährlichen Behandlungsmethode. 

Ein Vertuschen schlechter Resultate kannte die BiUroth'aehe Klinik nicht. 

BiUroth besass eine Arbeitskraft und Arbeitslust von seltener Ausdauer. Ich 
erinnere an sein erstes Sommersemester. Von 7—8 Uhr hielt er Operationscurs, von 
8—9 Uhr las er allgemeine Chirurgie, um 9 Uhr begann die Spitalvisite, bei der alle 
wichtigeren Verbände gemacht und die neu eintretenden Kranken untersucht wurden, 
von or Klinik und dann wurde fast regelmässig bis 1, oft bis 

2 Uhr fort operirt. Um 3 Uhr sass er schon wieder hinter dem Microscop in seinem 
Spitalarbeitszimmer, woselbst er den Nachmittag verbrachte, ab und zu auch kleinere 
Operationen vollführend, oder Kranke besuchend. Um 6 Uhr trafen wir ihn gewöhnlich 
in Vischer’s Vorlesungen über Faust, und wenn wir in später Abendstunde — wir 
wohnten im gleichen Hause — nach Hause gingen, brannte in seinem Arbeitszimmer 
noch Licht. Er hatte, wie er uns zuweilen erzählte, wieder einen Druckbogen seiner 
chirurgischen Pathologie und Therapie geschrieben. Aber auch bei fröhlichen Anlässen 
and academischen Festen war er einer der ausdauerndsten. Er war kein Gelegenheits¬ 
redner und sprach selten oder nie, aber schon seine Anwesenheit gab jedem Fest eine 


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besondere Weihe. Sein Bestreben ging bei solchen Anl&ssen namentlich dahin, die 
künstlerische Seite zu pflegen und zu hegen. Ich erinnere mich noch, wie einst, 
lediglich auf sein unwiderstehliches Drängen, der damalige Privatdocent und Dichter 
Carl Morell in mitternächtiger Stunde unter dem Jubel der Versammlung uns die 
jüngsten Kinder seiner Muse verführte. Billroth lebte, so lange ich in Zürich war, 
ganz seinem Lehrberuf. Privatprazis hatte er keine nennenswerthe, — er suchte sie 
nicht — und es wurden zu meiner Zeit kaum 6—8 grossere Operationen ausserhalb 
des Spitals gemacht. So ist auch seine damalige, geradezu erstennliche, litterarisebe 
Thätigkeit einigermassen zu erklären. Er, der Professor der Chirurgie, gab damals 
noch mehrere, rein histologische grossere Arbeiten heraus, so über die Milz, über die 
Beziehungen der Qefässerkranknngen zur chronischen Encephalitis; dann erschienen in 
rascher Folge: Ueber abscedirende Pleuritis. Ueber einige, durch Enochendefecte be> 
dingte, Verkrümmungen des Fusses, ferner kleinere chirurgische Mittheilungen. Ueber 
Knochenresorption, dann die hoch bedeutsamen Beobachtungsstudien über Wnndfieber 
und accidentelle Wundkrankheiten, ferner osteoplastische Miscellen, Meningocele spnria. 
Zur Frage, ob gewisse chirurgische Krankheiten epidemisch Vorkommen. 1863 erschien 
seine Allgemeine chirurgische Pathologie und Therapie, ein Werk, das wir, als seine 
ersten Schüler in Zürich, io seinen Vorlesungen über allgemeine Chirurgie entstehen 
und sich entwickeln sahen und dessen reformatorischer Einfluss auf die ganze Chirurgie 
jetzt allgemein anerkannt ist. Dann folgen ein Nekrolog auf seinen Freund C. Fock, 
Beobachtungsstudien über Wundfleber und accidentelle Krankheiten zweite Abhandlung, 
Anatomische Beobachtungen über das normale Knochen wachsthum. Ueber Periostitis 
und Caries, Aphorismen über Adenom und Epitbelialkrebs, Beobaebtungsstudien über 
Wundfieber und accidentelle Krankheiten dritte Abhandlung und endlich die chirur¬ 
gischen Erfahrungen 1860—1867, die für die chirurgische Statistik eine neue Aera, 
die der Vollständigkeit und Wahrhaftigkeit, inaugurirten. Mit diesen schliesst die 
schriftstellerische Thätigkeit in Zürich ab. 

Und BiUroth am Krankenbett. Um seine Macht über den Kranken zu verstehen, 
muss mau selbst miterlebt und mitgefühlt haben, wie sich beim ersten Erscheinen 
BiUroth's am Krankenlager das volle nnd unbedingte Vertrauen in die Seele des 
Kranken schlich. War es der Zauber seiuer Persönlichkeit, war es die autoritative 
Sicherheit seines Auftretens, die liebevolle Sorge, die Freude über jeden Wandel zur 
Besserung, die sich mehr auf seinem Gesichte wiederspiegelte, als in Worten sich 
kundgab, es ist schwer zu sagen. 

BiHroth'a grosse Menschenkenntniss gestattete ihm ein sicheres Urtheil über 
seine damals schon zahlreichen Schüler. Hatte er einmal redliches Streben und Lust 
und Liebe zum Fach in einem derselben erkannt, so war er auch unermüdlich und 
jederzeit bereit, ihn durch ein aufmunterndes Wort und wohl auch durch directes Ein¬ 
greifen zu fördern. Es ist wohl nur Wenigen bekannt, dass er, überhäuft mit Arbeiten 
und bei einer Zeiteintheilung, wo jede Minute ausgefüllt war, Schülern, die mit histo¬ 
logischen Arbeiten beschäftigt waren, Injectionspräparate, Zeichnungen anfertigte, die 
microscopischen Schnitte durchsah. Hatte er einen guten Kern gefunden, so übersah 
er auch kleine Fehler, und hatte er Grund zur Rüge, so geschah es in der rücksichts¬ 
vollsten Form. Trotz aller Unbefangenheit und Offenheit des Urtheils und trotz der 


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strengen und gerechten Kritik, die er an seine und Anderer Leistungen anzulegen 
gewohnt war, war er doch auch immer bereit, an seinen speciellen Fachgeuossen-nnd 
an den practischen Aerzten zu loben, was zu loben war. Unter den letztem hat er 
heute noch zahlreiche Verehrer in der Schweiz. 

Denen aber, die das Glfick hatten, ihm näher zu treten, war er zeitlebens ein 
väterlicher Frennd, der anfmuntert, anregt, anerkennt, wo anzuerkennen ist, auch wohl 
zur Ruhe und Erholung räth. Als ich ihm einst, schon länger selbstständig thätig, 
bei einer persönlichen Begegnung, äber schlechte Resultate einer Operation vorklagte, 
gab er mir zur Antwort: der ist kein richtiger Chirurg, der nicht auch einmal ein 
schlechtes Resultat vertragen kann. Als ihm Freund Haffter 1880 über meine Genesung 
und nunmehrige Reisefähigkeit berichtete, stellte er mir in ausführlichster Auseinander¬ 
setzung seine eigenen reichen Erfahrungen über südliche Curorte zur Verfügung. Eine 
Charaktereigenschaft, die gerade bei BiUroth, der doch unstreitig an der Spitze der 
deutschen Chirurgie stand, nicht hoch genug geschätzt werden kann, ist seine wahrhaft 
rührende Bescheidenheit in Beurtheilung seiner eigenen Leistungen und ich kann mir 
nicht versagen als Beweis hiefür einige Stellen aus seinen Briefen anzuführen. '1879, 
als ich ihm meinen Beitrag zu dem grossen Handbuch der Chirurgie zuschickte, schrieb 

er:.Wie kann es für einen Lehrer grossere Genng- 

thnnng geben, als zu erfahren, dass seine Aussaat auf 
fruchtbaren Boden gefallen ist.Meine Arbeits¬ 

kraft gebt zu Ende. Bart und Haar sind fast weiss geworden, 
doch habe ich auch hier Freude an meinen Schülern, die 
nicht nur meine flüchtig h i n g e w o r f e n e n Ideen fruchtbar 
zu gestalten wissen, sondern nicht minder selbstständig 
denken und arbeiten. So sehe ich denn freudig dem Abend 
meines Lebens entgegen und darf mich wohl im Kreise 
meiner Familie und meiner Schüler, meiner, geistigen 
Sohne und Enkel, glücklich schätzen! Und das schrieb BfttrotA zu 
einer Zeit, als er eben der Chirurgie des Magens neue Bahnen Öffnete. Oder im Jahre 1880 

bei Zusendung einer andern Arbeit:.Ich bin sehr stolz auf meine 

Schüler, sie werden Manches vollenden, was ich erstrebte. 
Ich bin inzwischen ganz grau geworden, kann wohl als 
Lehrer und Arzt noch hie und da mit der Erfahrung des 
Alters anregen und rathen, doch nicht mehr mit meinen 
Schülern in die Wette arbeiten . 

1864 verliess ich Zürich. Ein Jahr später wohnte ich dem grossartigen Fest 
und Fackelznge bei, den die Studentenschaft zu Ehren BiUroth's gab, als er die Be¬ 
rufung nach Heidelberg ablehnte. Vom Balkon des Züricherhofs hielt er eine be¬ 
geisternde Rede an die gesammte Studentenschaft und beim Bankett schilderte er in 
entzückender Weise, was Alles er Zürich danke und wie er nie vergessen werde, 
wie einst als schönstes Geschenk an dem Weihnachtsbaum des Berliner Privatdocenten 
der Brief hing, der ihm die Ernennung zum Professor der Chirurgie in Zürich brachte. 

Zwei Jahre später begann er seine Siegeslaufbabn in Wien. 

ln der Schweiz leben noch viele seiner frühem Schüler, manche, so seine 


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Assistenten Dr. Wäckerling und Dr. Ziiblin, sind ihm im Tode vorausgegangen, alle 
bewunderten und liebten in ihm den grossen Chirurgen, den mächtig anregenden 
Lehrer, den genialen Forscher von seltener Arbeitskraft und nicht zum wenigsten den 
edlen Menschen, der eine Fülle schöner Gedanken und Glück und Segen spendender 
Arbeit ausstrOmte. Die aber, denen er näher stand, betrachten es zeitlebens als eine 
besonders glückliche Fügung des Geschicks, dass ihr Lebensweg eine kurze Spanne 
Zeit neben der Bahn dieses wunderbaren Mannes einherging. 

Münsterlingen, Februar 1894. Dr. 0. Kappeier. 

Die Pharmacopcea Helvetica Editio tertia, im Vergleich mit der Editio il 

und dem deutschen Arzneibuch. 

Von Prof. Massini, Basel. 

(Fortsetzong and Schlags.) 

Die zwei folgenden Tabellen IV und V ergeben die Differenzen in der Serics me- 
dicaminum zwischen Pb. helr. III und Deutschem Arzneibuch. 

IV. Uebersicht derjenigen Arzneistoffe, welche in die Pharmacopoea helvetica Editio III 
aufgenommen sind, aber im Deutschen Arzneibuche fehlen (271). 


Adeps Lanse. 

A. Rohstoffe und Droguen (71). 
Fructus Cannabis. 

Oleum Santali. 

Aether Petrolei. 

Fructus Cassia fistula. 

Pbospborus amorphus. 

AgaricuB albns. 

Fructus CoQÜ. 

Radix Belladonna. 

Amylum Oryza. 

Fructus Myrtilli. 

Radix Gelsemii, 

Castorenm. 

Fructus Petroselini. 

Resioa Guajaci. 

Gaulis Dulcamarffi. 

Fructus Senna. 

Resina Pini. 

Coccionella. 

Gelatina alba. 

Rhizoma Graminis. 

Cortei Ciunamomi ceylanic. 

Glandula Lupuli. 

Rhizoma Imperatoria. 

Cortex Mezerei. . 

Guarana. 

Rhizoma Tormentilla. 

Cortex Quebracbo. 

Herba Cannabis. 

Sapo stearinicns. 

Cortex Rhamni Purshiana. 

Herba Convallaria. 

Scammonium. 

Dextrinum. 

Herba Majorana. 

Semen Cydonia. 

Elemi. 

Herba Ruta. 

Semen Sabadilla. 

Flos Chamomilla romana. 

Herba Sabina. 

Semen Sinapis alba. 

Flos Rhoeados. 

Kino. 

Semen Stramonii. 

Flos Spiraa. 

Lignum Juniperi., 

Spiritus e Saccbaro. 

Folium Aconiti. 

Mel. 

Strobilus Lupuli. 

Folium Adianti. 

Oleum Aurantii floris. 

Turio Pini. 

Folium Aurantii. 

Oleum Bergamotta. 

Vaselinum. 

Folium Coca. 

Oleum Cajeputi. 

Vinum album. 

Folium Eucalypti. 

Oleum Cbamomilla. 

Vinum malacense. 

Folium Rosmarin!. 

Oleum Juniperi empyreumat. 

Vinum marsalense. 

Folium Rubi fmticosi. 

Oleum Pini Pumilionis. 

Vinum robrum. 

Fructus Anisi stellati. 

Oleum Rusci. 


Acidum nitricum dilutum. 

B. Chemitche Präparate (51). 
Aluminium acetico tartaric. 

Ammonium sulfuricum. 

Acidum valerianicum. 

Ammonium benzoicum. 

Ammonium valerianicam. 

Alcohol abw)lutus. 

Ammonium jodatum. 

Bismuthum salicylicnm. 

Alumina hydrata. 

Ammonium sulfoichthyolicum. 

Calcium hypophosphorosum. 


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Camphora monobromata. 
Cerinm ozalicum. 

Chinin um. 

Chininiun bisalfnricnm. 
Chininnm hydrobromicnm. 
Chininum salicylicom. 

Chininnm yalerianicam. 
Codeinnm. 

Coffeinonatrinm benzoicom. 
Coffeinonatrinm salicylicnm. 
Coffeinum citricnm. 

Cnpnun aceticnm. 

Feimm citricnm ammoniatnm. 
Fermm ozydatnm. 

Ammoninm valerianicnm solnt. 
Antidotum Arsenici. 

Aqua Anrantii (flormn). 

Aqua Lanrocerasi. 

Aqua Salvise concentrata. 

Aqua Sambnci concentrata. 
Aqna Sedativa. 

Aqna Tili» concentrata. 
Argentum nitricnm fnsnm. 
Calcinm snlfaratnm solntnm. 
Ceratnm Cetacei. 

Electuarinm Copaiv». 
Emplastrnm Belladonnse. 
Emplastrom Conii. 

Emplastrnm hydrargyr. compos. 
Emplastrnm opiatnm. 
Emplastrnm oxycrocenm. 
Emplastrnm resinosnm. 
Extractnm Aconiti dnplex. 
Extractnm Aconiti flnidom. 
Extractnm Cannabis indic». 
Extractnm Cinchon» flnidnm. 
Extractnm Colchici flnidnm. 
ExtractnmColocynthidis compos. 
Extractnm Conii dnplex. 
Extractnm Conii flnidnm. 
Extractnm ConvaUari» flnidnm. 
Extractnm Digitalis dnplex. 
Extractnm Digitalis flnidnm. 
Extractnm Encaljrpti flnidnm. 
Extractnm Ipecacnanh» flnidnm. 
Extractnm Jnglandis. 
Extractnm Mezerei. 

Extractnm PimpineU». 
Extractnm Qnassiee. 

Extractnm Hatanhiee. 

Extr. Bhamni purshianse fluid. 


Ferrnm pyrophosphoricnm cum 
Ammonio citrico. 
Gnajacolnm. 

Hydrargymm jodatum. 
Hydrargyr. snlfnricnm basicnm. 
Jodolnm. 

Kalium carbonicnm depnratnm. 
Kalinm snlfuratnm (pnmm). 
Lithium salicylicnm. 

Mangannm hyperoxydatum. 
Mannitnm. 

Morphinnm snlfnricnm. 

Natrium arsenicicnm. 

Natrium benzoicnm. 

C. Salenitcbe Priptrate (149). 

Extractnm Sei 11». 

Extractnm Secalis cornnti solnt. 
Extractnm Seneg» flnidnm. 
Extractnm Stramonii dnplex. 
Extractnm Stramonii flnidnm. 
Extractnm Valerian». 

Ferrnm snlfnricnm oxydatnm 
solntnm. 

Hydrargymm bicbloratnm solnt. 
Kalinm silicienm solntnm. 
Limonata aerata laxans. 
Linimentnm Calcis. 

Linimentum Styracis. 
Linimentnm Terebinthin» com¬ 
positum. 

Looch albnm oleosum. 

Mel boraxatnm. 

Mixtura gummosa. 

Mncilago Cydoni». 

Natrium arsenicicnm solntnm. 
Natrium hypochlorosnm solnt. 
Olenm Cbloroformii. 

Oleum Hyoscyami compositum. 
Olenm Jecoris jodatum. 

Olenm phosphoratnm. 

Opodeldoc jodatum. 

Opodeldoc jodatum liquidum. 
Pastilli Ammonii chlorati. 
Pastilli ipecaenanh». 

Pastilli Ipecaenanh» c. Opio. 
Pastilli Kalii chlorici. 

Pastilli Kennetis. 

Pastilli Kermetis cum Opio. 
Pastilli Menth» anglic». 

Pastilli Natrii bicarbonici. . 
Pilnl» aloetic». 

Pilnl» ferrat» kalin». 


Natrium pyrophosphoricnm. 
Plnmbnm jodatum. 
Plumbum nitricnm. 
Plnmbnm tannicum. 
Saccharinum. 

Sparteinnm snlfnricnm. 
Stibinm snlfuratnm rubrum. 
Strychninnm snlfnricnm. 
Tartarus ferratns. 
Urethannm. 

Zincum snlfophenolicnm. 
Zincum valerianicnm. 


Pilnl» Fern jodati. 

Pilnl» hydragog» Heimii. 
Pilnl» Hyoscyami composit«. 
Pilnl» Rhei composit». 

Pulvis aromatiens. 

Pulvis caustiens. 

Pulvis effervescens ferratns. 
Simpns Adianti. 

Simpus Aetheris. 

SimpuB Anrantii floris. 

Sirnpns Balsami tolntani. 
Sirupns Cinchon». 

Simpns Citri. 

Sirupns (k)chleari» compositns. 
Simpns Cochleari» jodatns. 
Sirnpns Codeini. 

Sirnpns Ferri pomati composit. 
Simpus Gummi arabici. 

Sirupns hollandicns. 

Simpus Mann» compositns. 
Simpns Mori. 

Sirnpns Morphini. 

Sirnpns Opii. 

Simpns Picis cnm Codeino. 
Simpus Ratanhi». 

Simpns Sarsaparill» compositns. 
Sirnpns Tamarindi. 

Simpus Terebinthin». 

Sirnpns Turionis Pini. 

Species amar». 

Spiritus balsamicns. 

Spiritus Citri. 

Spiritus Rosmarini composit. 
Spiritus Serpylli. 

Stibinm chloratum solutum. 
Succus Citri facticins. 

Snccns Sambnci inspissatus. 


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168 


Tinctura Absinthii composit. 
Tinctara Aconiti herb« recentis. 
Tinctara Aloes. 

Tinctura Asae fcetidae. 

Tinctara Belladonn». 

Tinctura Benzoes aetherea. 
Tinctora Calurabae. 

Tinctura Cannabis indicae. 
Tinctura Cantharidis. 

Tinctura Cardamomi. 

Tinctura Cascarillae. 

Tinctura Castorei. 

Tinctura Cocae. 

Tinctara Croci. 


Tinctara Eucalypti. 
Tinctura Fceniculi compos. 
Tinctura Gelsemii. 
Tinctura Guajaci. 

Tinctara Jalapae compos. 
Tinctura Ipecacuanhse. 
Tinctura Kino. 

Tinctara Pimpinellse. 
Tinctura Quebracho. 
Tinctura Sabadille. 
Tinctura Secalis cornuti. 
Tinctura Vanillae. 
Unguenta narcotica. 
Unguentum camphoratum. 


Unguentum Eiemi. 

Ung. Hydrargyri bijodati. 
Unguentum Mezerei. 
Unguentum Plnmbi jodati. 
Unguentum Populi. 

Unguentum sulfuratum. 
Unguentum sulfuratum compos. 
Vinum aromaticum. 

Vinum Gincbonae. 

Vinum Coca. 

Vinum diureticum. 

Vinum Gentiana. 


V. Uebersicht derjenigen Arzneistoffe, welche im Deutschen Arzneibuch enthalten sind, 
aber in der Pharmacopoea helvetica Editio III fehlen (72). 


Acetum crudum. 

Acetum pyrolignosum. rectif.^) 
Albumen ovi siccum. 

Argentum foliatum. 

Cortex Quillaia. 

Folia Farfara. 

Fructus Aurantii immaturi. 
Fructus Lauri. 

Acidum chloronitrosum. 

Acidum nitricnm crudum. 
Acidum sulfuricum crudum. 
Acidum trichloraceticum. 
Amylenum hydratum. 

Benzinum Petrolei. 

Baisamum Nucista. 

Charta sinapisata. 

Decoctum Sarsaparilla compos. 
Elixir amarum. 

Emplastrum cantharid. pro usu 
veterinario. 

Emplastrum cerussa. 

Extractum Calami. 

Extractum China aquosum. 
Extractum Frangula. 

Liquor natrii silicici®) 


A. Rohstoffe und Droguen (24). 
Fructus Rhamni cathartic«.®) 
Fungus chirurgorum. 
Gossypium depuraium. 

Gutta Percha. 

Herba Cochlearia. 

Herba Conii.®) 

Herba Meliloti. 

Keratinum. 

B. Chemische Präparate (18). 
Chloralum formamidatum. 
Ferrum citricum oxydatum.®) 
Ferrum sesquichloratum. 
Hydrargyrum cyanatum. 
Kalium carbonicum crudum. 
Natrium carbonicum crudum. 

C. Galenische Präparate (30). 
Oleum cantharidatum. 

Rotulte Sacchari. 

Pilulse Jalapie. 

Sirupus Amygdalarum. 

Sirupus Cerasorum. 

Sirupus Ferri qxydati. 

Sirupus Manns. 

Sirupus Menthse. 

Sirupus Papaveris. 

Sirupus Senate. 

Spiritus angelicffi compositus. 


Oleum Calami. 

Oleum Olivarum commune.^) . 
Oleum Papaveris. 

Paraffinum liquidum.®) 
Paraffinum solidum.®) 

Placenta Seminis Lini. 

Resina Dammar. 

Semen Arecte. 

Natrium carbonicum siccum. 
Paraldehydum. 

Physostigminum sulfuricum.®) 
Plumbum aceticum crudum. 
Thallinum sulfuricum. 

Zincum aceticum. 

Tinctura amara. 

Tinctara Veratri. 

Unguentum basilicum. 
Unguentum Cerussae. 
Unguentum Cerussse camphorat. 
Unguentum Paraffini.®) 
Unguentum Terebinthin«. 
Vinum camphoratum. 

Vinum Ipecacuanhse. 


Bei den aus der II. Ausgabe in die III. Ausgabe aufgenommenen Artikeln finden 
wir folgende Aendernngen der Namen und Bezeichnungen. (Der Zu- 


^) Neben A. p. crudum. *) Sirup. Rhamni catharticie bei uns aus frischen Beeren bereitet. 
*) Bei uns Fructus Conii. ®) Neben Ol. olivar. purum. ®) Bei uns Vaselinum. ®) Bei uns Ferr. 
citric. ammoniatum. ®) Neben Ph. salicyl. (pro usu veterinär.). ®) Bei uns Kalium silic. solutom. 


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Satz D. A. bedeutet, dass die betreffende Bezeichnung ins Deutschen Arzneibuch ent¬ 
halten ist. S. bezeichnet die Artikel des Supplementes der Ed. II.) 

1. Die neue Pharmacopoe bringt allgemein die Bezeichnung der Droguen im 
Singularis, gegenüber dem Pluralis der bisherigen Ausgabe und des Deutschen Arznei¬ 
buchs, nämlich: 


Amjgdala amara statt Amjgdalse. 

Amjgdala dnicis. 

Aqoa Amygdal« statt Amygdalarum. 

Aqna Rosas statt Rosaram. 

Caotharis statt Caotharides. 

Caryophyllns statt Caryophylli. 

Colocyntbis. 

Cortex Anraatii statt Aarantionun. 
fimplastmm Cantharidis statt Emplast. Cantha- 
ridnm. 

Emplastram Cantharidis perpet. 

Extractum Cubebss statt Extractnm Gnbebarnm. 


Flos Arnicse statt Flores Arnicae.* 

— Chamomiils. 

— Cinae u. s. w. 

Folinm Aconiti statt Folia Aconiti. 

— Althaeae. 

— Belladonnse u. s. w. 

Galla statt Gallas. 

Oleom Amygdalae statt Amygdalarom. 

— Olivas statt Olivarom. 

Spiritus Formicae statt Formicarom. 

Tinctura Anrantii statt Anrantiomm. 

Uogoent. Cantharidis statt Cantharidnm n. s. w. 


2. Kleinere Aendernngen in der Schreibweise finden wir bei folgenden Artikeln: 

Editio IL 


Pharmacopoea helvet. Editio III. 
Acidnm arsenicosom D. A. 

Adeps benzoinatns. 

Bismothnm snbnitricom D. A. 

Calcaria chlorata D. A. 

Chloroformnm. 

Cortex Cinnamomi ceylanicns. 

Extractnm Ferri pomatnm D. A. 

Ferrnm sulfnricnm oxydatnm solotnm. 
Flos Kosso. 

Jodoformnm. 

Linimentnm ammoniatnm camphoratnm. 
Mel Rosae. 

Natrinm snlfnricnin siccom D. A. 

Sapo Stearinicos. 

Semen Foenngraeci D. A. 

Simpns D. A. 

Siropns gnmmi arabici. 

Simpns Opii. 

Spiritns Saponis. 

Soccns Citri facticins. 


Acidnm arseniosom. 

Adeps benpatns D. A. 

Bismnthom nitricum. 

Calcinm hypochlorosnm. 

Chloroformiom D. A. 

Cortex Cinnamomi ceylanici. 

Extractnm Ferri pomati. 

S. Ferrnm snlfuricom oxydatnm liqnidnm. 
Flores Koso D. A. 

S. Jodoformiom D. A. 

Linimentnm ammoniato camphoratnm D. A. 
Mel rosatom D. A. 

Natrinm solfuricam dilapsnm. 

Sapo sebacens. 

Semen Foeni grseci. 

Syrnpns. 

Syropns gnmmosns. 

Syrnpns opiatns. 

Spiritos saponatns D. A. 

S. Snccns Citri artificialis. 


3. Bei eiuer Reihe von Pflanzendroguen wird statt des bisher gebräuchlichen 
vulgären Namens der botanische Genusname eingeführt: 

Pharmacopoea helv. Editio 111. Editio II. 


Cortex Ciochonae. 

Extract. — 

Tinctnra — 

Simpns — 

Yinnm — 

Extractnm Menyanthis. 
Folinm — 

Extractnm Strychni D. A. 
Semen Strychni D. A. 


Cortex Chin» Calysay®. 

Extract. Chin®. 

Tinctnra — D. A. 

Syrnpns — 

Yinnm — 

Extractnm Trifolii fibrini D. A. 
Folia — — D. A. 

Extractnm Nncis vomic®. 

Nux vomica. 


D. A. 

Cortex Chin». 




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170 




Tinctura Strychni D. A. 
Oleom Myristicffi. 

Foliom Adianti. 

Siropos Adianti. 
Strobilns Lupnli. 


Tinctura nucis vomice. 
Oleum nuoistse D. A. 

Folinm Capilli. 

SyrnpuB Gapillorom Veneris. 
Strobilns Hnmnli. 


Warum in letzterm nun auf einmal der Speciesname statt des Genusnamens 
figurirt, weiss ich nicht. 

4. Eine Reihe weiterer Abänderungen betrifft die Bezeichnung des Pflanzentheils, 


welcher die Drogue bildet. 

Pharmacopoea helv. Ed. III. 
Canlis Dnlcamaree. 

Colocynthis. 

Cortex Sassafras. 

Frnctns Cubebae. 

Fmctns Tamarindi. 

Frnctns Vanillm D. A. 

Folinm Hyoscyami. 

Glandola Lnpoli. 

Semen Strychni D. A. 


Pharm, helv. Ed. II. 

Stipites Dnlcamar». 

Fmctns Colocynthidis I>. A. 

Lignnm Sassafras D. A. 

CnbelwB D. A. 

Tamarindi. D. A. Pnipa tamarindornm crnda. 
Vanilla. 

Herba Hyoscyami. 

Lnpnlinnm. 

Nnx vomica. 


5. Die Liquores der bisherigen Pharmacopm und des Deutschen Arzneibuches 
werden in der neuen Ausgabe mit „solntum* bezeichnet. 


Pharmacop. helv. Ed. III. 
Alumininm aceticnm solntnm. 
Ammonium aceticnm solotnm. 
Ammoninm hydricnm solntnm. 
Calcium hydricnm solntnm. 

Chlornm solntnm. 

Ferrum albnminatom solntnm. 

Ferrum aceticnm solntnm. 

Ferrnm jodatum. 

Ferrum oxychloratnm solutom. 
Ferrom sesqaichloratnm solutom. 
Kalium aceticum solntnm. 

Kalium arsenicosom solntnm. 

Kalium carbonicum solutum. 

Kalium hydricnm solntnm. 

Kalium silicicum solotnm. 

Natrium hydricnm solutum. 

Natrium hypochlorosum solutum. 
Plumbum subaceticnm solutom. 

Stibinm chloratum solntnm. 

Dagegen. 

Spiritus Ammonii anisatos. 


Pharmacop. helv. Ed. II. 

S. Liquor Aluminii acetici D. A. 

Liquor Ammonii acetici D. A. 

Liqnor Ammonii caustici D. A. 

Liquor Calcii oxydati. D. A. Aqna Calcariss. 
Liquor Chlori. D. A. Aqna chlorata. 

D. A. Liqnor lerri albnminati. 

Liquor Ferri acetici D. A. 

Ferrnm jodatnm. D. A.: Liquor ferri jodati. 

D. A. Liqnor ferri oxychlorati. 

Liqnor Ferri sesqnichlorati D. .A. 

Liqnor Kalii acetici D. A. 

Liqnor Kalii arseniosi D. A. Liquor Kalii ar- 
senicosi. 

Liqnor Kalii carbonici D. A. 

Liqnor Kalii hydrid D. A. Liqnor Kali canstici. 
S. Liquor Kalii silicici. 

Liqnor Natrii hydrici D. A. Liqnor Natri canstici. 
S. Liqnor Natrii hypochlorosi. 

Liquor Plumbi acetici. D. A. Liquor Plnmbi sub- 
acetici. 

Liqnor Stibii chlorati. 

Liqnor Ammonii anisatns D. A. 


6. Znfägang bezw. Weglassung genauerer Bezeichnungen. 


Pharmacop. helv. Ed. III. 
Acidum aceticnm D. A. 

Acidum phosphoricnm dilntum. 

Acidum hydrochloricnm dilntum D. A. 
Aqua Cinnamomi D. A. 


Pharmacop. helv. Ed. II. 
Acid. acetic. crystallisatnm. 

Acid. phosphoricnm D. A. 

Acid. hydrochloricum. 

Aqua Cinnamomi spirituosa. 


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171 


Aqaa Menthae, ebenso Foliam^ Olenm, Spiritns. 
Aqua Sedativa. 

Calcium aulfuratum solutom. 

Emplaatrum Minii fuscum. 

Emplastrum Plumbi. 

Extractum Cubebee. 

Extractom Filicia D. A. 

Extractum Joglandis. 

Ferrum citricum ammoniatum. 

Ferrum sulfuricum aiccum D. A. 

Flos Ros» D. A. 

Guarana. 

Hydrargyrum bichloratum D. A. 

Hydrargyrum bichloratum solutnm. 

Hydrargyrum chloratum D. A. 

Hydrargyrum jodatum. 

Looch aibum oleosum. 

Natrium arseuicicum solutum. 

Oleum Garvi D. A. 

Oleum Chamomill». 

Oleum Cinuamomi D. A. 

Oleum Hyoscyami D. A. 

Opium D. A. 

Pulpa Tamariüdi depurata D. A. 

Sal Carolinum faetitium D. A. 

Sapo Kalinus venalis D. A. 

Species laxantes D. A. 

Spiritns D. A. 

Terebiuthina D. A. 

Unguentum Plumbi Hebr». 

Vinum aibum. 

Yinum rubrum. 

Im PriDoip wurde beschlossen, den 
wie van Swieten, Raspail, St. Germain, doch 
Pilulse bydragogse Heimii beibehalten. 


Aqua Menth» piperit» D. A. 

S. Aqua sedativa Raspail. 

S. Liquor Calcii snlfurati Vlemingkx. 

Emplastrum fuscum. D. A. Emplastrum fuscum 
camphoratum. 

Emplastrum Plumbi simpler. D. A. Emplastrum 
Litbargyri. 

Extractum cnbebarum »thereum. D. A. Extract. 
cubebarum. 

Extractum Filicis »thereum. 

S. Extractum Juglandis foliorum. 

S. Ferrum citricum oxydatum ammoniatum. 

S. Ferrum sulfuricum oxydulatum siccum. 

Flores Kos» gallic». 

S. Pasta Quarana. 

Hydrargyrum bichloratum corrosivnm. 

S. Liquor mercnrialis van Swieten. 

Hydrargyrum chloratum mite. 

Hydrargyrum jodatum flavum. 

S. Looch aibum. 

S. Liquor arsenicalis Pearsoni. 

S. Oleum Garvi »thereum. 

Oleum Chamomill» »thereum. 

Oleum Ginnamomi chinensis. 

Oleum Hyoscyami coctum. 

Opium crudum. 

Pulpa Tamarindornm. 

S. Sal Thermarum Carolinensium faetitium. 

Sapo Kalinus. 

Species laxantes St. Germain. 

Spiritus alcoholisatus. 

Terebiuthina Laricis. 

S. Unguentum Hebr». D. A. Ung. diachylon. 
Vinum aibum generosum. 

Vinum rubrum generosum. 

Präparaten keine Eigennamen beizufngen 
sehen wir solche bei Ung. Plumbi Hebrae, 


7. Anderweitige Aenderungen. 

Ph. helv. Ed. 111. Ph. helv. Ed. 11. Deutsches Arzneibuch. 

Acidum agaricinicum. Agaricinum. 

Aqua phenolata. Aqua carbolisata. 

Calcium oxydatum. Calcium oxydatum. Calcaria usta. 

Electuarium lenitivum. Electuarium lenitivum. Electuarium e Senna. 

Elixir pectorale. Elixir pectorale. Elixii\c Succo Liquiriti». 

Emplastrum Hydrargyricompos. S. Emplastrum de Vigo cum 

Mercurio. 

Emplastrum resinosum. S. Emplastrum Picis. 

Hydrargyrum amydato-bichlor. Hydrarg. pr»cip. aibum. Hg. pr»cip. albiim. 

Kalium hydricum. Kalium hydricum. Kalium causticum fusum. 

Linimentum Terebinth. compos. S. Linim. Terebinthin» Stockes. 

Magnesium oxydatum. Magnesium oxydatum. Magnesia usta. 


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172 


Ph. helv. Ed. IIT. 
Natrium hyposnlfurosum. 

Oleum chloroformi. 

Oleum hyoscyami compo». 
Oleum Pini Pumilionie. 

Oleum Tiglii. 

Opodeldoc. 

Opodeldoc jodatum liquidum. 
Opodeldoc liquidum. 

Paetilli Menthae. 

Phenolum. 

Pilulm ferratffi kalinse. 

PilulaB fern carbonici. 

Plumbum oxydatum. 

Potio effervesceng. 

Pulvis effervesceng. 

— — anglicus. 

— — laxans. 

Pulvis IpecacuanhsB opiatus. 
Pulvis Magnesiae comp. 
Pyrogallolum. 

Sirupus Cochleariae compos. 
Sirupus Cochleariae jodatus. 
Spiritus aethereus ferratus. 
Spiritus e Saccharo. 

Spiritus Rosmarini compositus. 
Succus Juniperus inspissatuK. 
Succus Liquiritiae depuratus. 
Succus Sambuci inspissatus. 
Tinctura Aloes composita. 
Unguentum cereum. 

Unguentum refrigerans. 

Yinum Aurantii compositum. 
Vinum Rhei compositum. 
Zincum sulfophenolicum. 


Ph. helv. Ed. II. 
Natrium hyposulfurosum. 

S. Linimentum Chloroformii. 

S. Baisamum tranquillans. 

S. Oleum templinum. 

Oleum Tiglii. 

Opodeldoc. 

S. Spiritus Stnunalis. 

Opodeldoc liquidum. 

Pastilli Menthae piperitae. 
Acidum phenyiicum. 

S. Pilulae ferratae Blaudii. 

S. Pilulae ferratae Valleti. 
Plumbum oxydatum. 

S. Potio Riveri. 

Pulvis effervesceng. 

— — anglicus. 

— — laxans. 

Pulvis Doveri. 

Pulvis Magnesiae comp. 

S. Acidum pyrogallicum. 

S. Sirupus antiscorbuticus. 

S. Sirupus antiscorbuticus jodat. 
Spiritus aethereus ferratus. 

S. Rhum. 

S. Spiritus vulnerarius. 

Roob Juniperi. 

Extractum liquiritiae. 

Roob Sambuci. 

S. Elixir ad longam vitam. 
Unguentum simplex. 
Unguentum refrigerans. 

Elixir Aurantiorum. 

Tinctura Rhei vinosa. 


Deutsches Arsneibuch. 
Natrium thiosulfuricum. 


Oleum Crotonis. 

Linimentum saponato-camphor. 

Spiritus saponato-camphoratus. 
Rotulae Menthae piperitae. 
Acidum carbolicum. 

Pilulae ferri carbonici. 
Lithargyrum. 

Potio Riveri. 

Pulvis aerophorus. 

— — anglicus. 

— — laxans. 

Pulvis Magnesiae cum Rheo. 
Pyrogallolum. 


Tinctura ferri chlorati aethcra. 


Succus Juniperi inspissatus. 
Succus Liquiritiae depuratus. 

Tinctura Aloes composita. 
Unguentum cereum. 

Unguentum leniens. 

Elixir Aurantiorum. 

Tinctura Rhei vinosa. 

Zincum sulfocarbolicum. 

Da durch diese diversen und meiner Ansicht nach nicht immer ganz consequenten 
und glücklichen Namensänderungen das Aufsuchen der Artikel erschwert wird, werden 
im Synonymenverzeichniss alle Bezeichnungen der Ed. II. aufgefuhrt. 

Wichtiger noch als die Veränderungen der Bezeichnungen sind die Aen- 
derungen des Gehaltes und der Zusammensetzung, welche die neue Ausgabe 
unserer Pharmacopoe sowohl der bisherigen Ausgabe als dem Deutschen Arzneibuch 
gegenüber bringt. 

Eine grosse Zahl dieser Abänderungen betreffen complicirtere galenische Präparate 
und sind mehr pharmaceutisch-technischor Natur, ohne dass die Wirkungsweise des 
Präparates dadurch wesentlich modificirt wird; wir werden auf die Abänderungen nur 
aufmerksam machen, ohne jedoch in die Details einzugehen, welche den Arzt weniger 
als den Apotheker interessiren. 

Einen wesentlichen Unterschied sehen wir zunächst bei den Acida, indem 
versucht wurde, den Procentgehalt der verdünnten Säuren auf einfachere und gleich- 
mässigere Verhältnisse zu bringen. ' 


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173 


Ph. helv. Ed. III. 

Ph. helv. Ed. II. 

Deutsches Arzneibuch. 

Acetam purum 57o 

67o 


Acetum pjrolignosum 57o Essigsäure 


67o Essigsäure 

6—8®/o Theer 

6-l07o Theer 


Acidum aceticum di lut. d(P/o 

20,470 

30®/o 

Acidum hydrochloricum dilut. 107o 

12,470 

12,570 

Acidum nitric. dilut. 257« 

18,5770 

2570 

Acidum phosphoricum 107o 

14,8Vo 

2570 

Acid. sufuricum dilut. W/o 

13,47o 

167o 


Bei A d e p s findet bei uns die Benzoinirnng mit Benzoeharz, 2 anf 100 Fett, 
nach Editio II 1 Benzoe auf 40 Fett, im Deutschen Anneibuch mit Benzoesäure 1 :99 
statt. Nach der gleichen Weise wird, nach Editio III Sebum benzoinatum 
bereitet, während in Editio II keine Vorschrift besteht und im Deutschen Arzneibuch 
der Hammelstalg mit 2”/« Salicylsäure behandelt wird (Sebum salicylatum). 

A e t h e r wird in der Editio tertia entsprechend dem Deutschen Arzneibuch in 
grösserer Reinheit rerlangt, so dass er sich dem absoluten Aether nähert, was bei der 
vermehrten Verwendung dieses Präparates zur Narcose sehr zu begrössen ist; das 
specifiscbe Gewicht wird zu 0,720—0,722, in Editio II zu 0,725—0,730, im D. A.- 
B. zn 0,720 festgestellt. 

Argentum nitricum fusum wird in Ed. III mit 57» Ealiumnitrat 
verschmolzen, in Ed. II und D. A.«B. besteht es aus reinem Argentum nitricum; der 
Zusatz bedingt eine grössere Festigkeit des Stiftes; daneben findet sich noch wie in 
Ed. U und D. A.>B. das Argentum nitricum cum kälio nitrico 1:2. 

Aqua Ros» wird in Ed. III als käufliches Rosenwasser, in Ed. II durch 
Destillation von 5 Theilen ans 1 Theil Rosenblättern, im D. A.-B. durch Schütteln 
von 4 Tropfen Rosenöl mit 1 Liter lauen Wassers vorgeschrieben. 

Aqua phenolata ist in Ed. III 57», im D. A.-B. 37». 

Das G 011 0 d i u m wird in Ed. III und dem D. A.-B. aus 2 Theilen Schiess* 
baumwolle, 6 Theilen Weingeist und 42 Theilen Aether bereitet, in Ed. II ans 1 Theil 
Schiessbaumwolle, 1 Theil Weingeist und 18 Theilen Aether. 

Das Electnarium lenitivum besteht nach der 
Editio III ans Pulpa tamarind. 4 Fol. Senn» 2 Mel 3 Tart. depnratns 1 

, II , , , 18 n ■ 20 Syr. simpl. 50 Fructus coriandri 2 

D. A.-B. , , , 5 , , 1 Syr. simpl. 4. 

Bei den Pflastern sind fast bei sämmtlichen Vorschriften Veränderungen 
sowohl gegenüber der Editio II als gegenüber dem D. A.-B. eingetreten, welche theils 
als Vereinfachungen, theils als technische Verbesserungen aufzu fassen sind. Ohne in 
alle Details einzutreten bemerken wir, dass statt dem Emplastrnm Cantharidis perpetnum 
unter diesem Namen in Ed. III eine practiscbe Vorschrift zur Bereitung von Mouches 
de Milan aufgenommen wurde; das neue Emplastrum Plnmbi wird durch Kochen von 
60 Oleum Oliv» mit 32 Lithargyrum bereitet, nach Ed. II durch Kochen von 10 
Lithargymm, 9 Adeps, 9 Oleum Oliv, und 2 Aqua, nach D. A.-B. aus 5 Lithargyrum, 
5 Adeps, 5 01. Olivar. und 1 Wasser. Das Emplastrum adhssivum nach Ed. Hl 
durch Schmelzen von 80 Emplastr. Plumbi mit je 5 Elemi, Gera flava, Golophonium 
und Terpentin, nach Ed. II aus 5 Emplastr. Plumbi mit 1 Golophonium, nach D. 


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174 


A.-B. aus 100 Empl. Plumb., je 10 Gera flava, Resina Dammara, Colophooiam und 
1 Terpentin. 

Was die Extracte anbelangt, so haben wir schon bei dem allgemeinen Titel 
auf die wichtigsten Veränderungen aufmerksam gemacht; sehr zweckmässig erscheint, dass 
bei Eztractum Ginchonm, Extractum Opii und Extractum Strychni der Alkaloidgehalt des 
Extractes bestimmt wird, und zwar fflr Extractum Ginchonm fluidum auf 3,57o, für 
Extract. Ginchonse spirituosum auf 127o an Alkaloid, für Extract. Opii 18—207» 
Morphin, für Extract. Strychni 157o Alcaloid; bei den übrigen Extracten, welche 
Alcaloide oder Glycoside enthalten, bei denen aber eine quantitative Bestimmung 
grössere Schwierigkeit bietet, werden wenigstens sehr genaue Pröfungsmethoden ange¬ 
geben. Die Editio II giebt gar keine Procentgehalte an und auch keine Bestimmungen 
über den qualitativen Nachweis der Alkaloide, ebensowenig das D. A.-B., welches nur 
bei Extractum Opii in 3 gr wenigstens 0,34 Morphin verlangt. 

Von weiteren Aenderungen dürfte interessiren, dass Extract. Aconiti nach Ed. III 
ans den Knollen, nach Ed. II aus den Blättern, Extract. Bellad. nach Ed. III aus 
der Wurzel, nach Ed. II aus den Blättern, nach D. A.-B aus dem frischen Kraut 
bereitet wird. Extractum Gonii nach Ed. III ans den Früchten, nach Ed. II aus den 
getrockneten Blättern; diese Extracte der Ed. III sind kräftiger als die bisherigen, 
da die Rohdrogue reicher an wirksamen Bestandtheilen ist. Extractum Juglandis wird 
aus den grünen Wallnussschalen, nach Ed. II aus den Blättern bereitet. Die bisherige 
Pharmacopoe bot uns 3 Gbinaextracte, ein pulverförmiges Extractum Ghinse durch üeber- 
giessen von Gort. Ghinse fuscus mit 4 Theilen siedendem Wasser; ein Extractum Gbin. 
frigide paratum durch Maceration von Gortex Ghinse fuscus mit kaltem Wasser 
(2. Grades) und ein Extract. Ghinse spirituosum (Suppl.) durch Digeriren von Gort. 
Ghinse Huanuco mit Spiritus dilutus (2. Grades); die Ed. III enthält ein Fluidextract 
aus Gort. Ginchonse ruber und ein trockenes Extract. spirituosum; das D. A.-B. enthält 
ein dünnes Extract. Ghinse aquos., durch Maceration mit Wasser bereitet, und ein 
trockenes Extractum Ghinse spirituosum, durch Digestion mit Spiritus bei 15—20**. 
Das Extractum Strychni der Ed. III ist ein trockenes Extract, auf dem Percolator 
mit Spiritus dilutus bereitet; die Ed. II enthält ein Extract. Strychni spirituosum 
II. Grades und im Suppl. ein trockenes Extract. Strychn. aquosum. Das Extractum 
Strychni des D. A.-B. wird durch Digestion bei 40** mit verdünntem Weingeist be¬ 
reitet und ist trocken. — Das Extractum Ferri pomati wird nach Ed. III mit frisch 
geftlltem Ferrum oxydatum bereitet, enthält 77o Eisen, ebenso in Ed. II; im D. A.-B. 
aus 1 Tbeil Ferrum pulveratum mit 100 Theilen frischem Apfelsaft. 


Von den übrigen Eisenpräparaten zeigen Folgende Differenzen: 



Ed. UI. 

Ed. U. 

D. A.-B. 

Ferrum aceticnm solutum 

5®/o Eisen 

87o 

4 , 8—570 

Fermm carbonicnm saccharatom 

l(P/f 

20—287o 

9 , 5-1070 

Ferrum jodatum 

257 . 

2bVü 

50»/. 

Ferrum citricum ammon. mit 20 Th. 

Eiaenchlorid 

mit 10 Th. Eiseuchlor. bereitet 


Ferrum oxjdatum saccharat. solubile 

SVo 

370 

2,8»/o 

Ferrum sulfuricum oxydatum solutum 

KP/o 

870 


Piluls ferrate kalinse k 

0,01 Eisen 

0,02 


Pil. Ferri carbouici 

0,02 , 

0,05 

0,02 


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175 


Ed. m. Ed. n. D. A.-B. 

Sirup, ferr. jodat. l*/o Jodeisen l“/« 5% 

Tinctnr. Ferri scetic. tetherea 4*/o 6*/o 4®/» 

Hydrargyrum bichlorat solutum wird nach der 
Ed. III 1 Sublimat nach dem 1 Sublimat 

aus 100 Spiritus Suppl. der 500 Spiritus coucentratus 

900 Wasser Ed. II aus 500 Wasser bereitet. 

Das L i n i m e n t u m S t y r a c i s der Ed. III besteht aus gleichen Theilen 
Styrax and 01. Lini, das der Ed. II aus 30 Styrax, 10 Spiritus concentratus und 
50 01. Sesami. 

Das Oleom Ghloroformi besteht bei Ed. III ans 1 Chloroform und 3 01. 
olivse, bei Ed. II aus 1 Chloroform und 4 01. olivarum. 

Das Linimentum ammoniatnm ist bei uns mit 01. olivs 1:3, im 
D. A.-B. mit 1 Liquor ammon. caustic. und 3 01. oliv., 1 01. papaver. bereitet, ähnlich 
das Liniment, ammoniatum camphoratnm. 

Zahlreiche Detailänderungen zeigen die übrigen Linimente und die Opodeldoc. 

M ncilago Gummi arab i ci in Ed. 111 1:3, in Ed. II und D. A.-B. 1:2. 

M u c i 1 a g 0 S a 1 e p. in Ed. III mit Sacch. lactis, in Ed. 11 mit Saccb. album, 
im D. A.-B. ohne Zucker bereitet. 

Bei den Pastillen sind folgende Aenderungen zu erwähnen: 

Im Suppl. Ed. II sind die Pastilli Ipecacoanbte, Kali chlorici und Eermetis mit 
Aq. naphs», io Ed. III ohne solches ; die Pastilli Na. bicarb. im Supplement 
ohne OL Menthm, in Ed. III mit 01. Menthse. Die Pastilli Eermetis cum Opio ent¬ 
halten im Suppl. 4 mgr Extr. Opii und 8 mgr Kermes, in Ed. II je 2 mgr 
Opium und Kermes. Die Pastilli Ipecac. c. Opio (Vignier) im Supplement je 5 mgr 
Bad. Ipecac. und Opium, in Ed. III je 2 mgr; die Santoninpastillen, bisher Tabernacula 
ä 0,033 werden jetzt als eingrammige Pastillen zu 25 mgr Santonin bereitet, ebenso 
im D. A.-B. 

Kleinere Veränderungen zeigen Pulvis effervescens. Pulvis Li- 
quir. comp., Pulvis Magnesi» cumRbeo, Pul v. effervescens 
ferrat., Pulvis aromaticus. Bei uns wird das Pulvis pro pedibus 
bereitet aus 15 Al^un und 85 Talk, im D. A.-B. aus 3 Acid. salicyl., 10 Weizenstärke 
und 87 Talk. 

Vom Sal Carolinum enthielt das Supplement 2 Formeln, ein pulverf&rmiges 
durch Mischen von 100 Natr. sulf. sicc., 75 Na. bicarb., 25 Na. chlorat. bereitet und 
ein crystallisirtes, durch Lösen und Crystallisiren von 125 Na. sulf. crystall., 25 Na. 
chlorat. und 50 Na. carb. in 250 Aqua. Die Editio tertia gibt nur ein pulverförmiges 
an. Na. sulf. sicc. 22, Na. chlor. 9, Na. bicarb. 18, kali sulf. 1, entsprechend der 
Vorschrift des D. A.-B. 

Das Oleum phosphoratnm der Ed. III ist P/o, das der Ed. II 1:80. 

Von den Sirupen der Ed. III sind Sirupus Ginchonm (10:90), Sirup. Ipecac. 
(1:99) und Sirup. Senegse (5:95) aus Fluidextract bereitet, die narcotischen Sirupe 
zeigen den gleichen Gehalt wie in der Editio II, nämlich Sirupus Codeini 27oo< Sirup. 
Morphin! 17oo, Sirup. Opii 2^jwt (Extract. opii), dazu kommt noch der Sirup. Picis 
cum Codeino, der l7oo Codein enthält. In den Bereitungsvorschriften sämmtiicher 


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176 -r- 


Sirupe besteheu bald grössere, bald kleinere Abweichungen der Ed. III gegen Ed. II 
und D. A.-B., dasselbe gilt von den Species und von den aromatischen 
Spiritus. Spiritus Saponis ist in Ed. III aus Sapo kalinus bereitet, in Ed. II aus 
Sapo oleaceus (Natronseife), im D. A.-B. aus Kaliseife. 

Wichtiger ist das Verhältniss der Alkoholdilutionen: 

Ed. m. Ed. IL D. A.-B. 


Alcohol absolntas 
Spec. Gew. 0,80. 

Spiritus 92,5—94 Gew. ®/o 
Spec. Gtew. 0,812—0,816. 


Spiritus diiutns 62,5 Gew. ®/o 
2 Th. Spiritus, 1 Th. Wasser 
Spec. Gew. 0,890—0,892 


Spiritus alcoholisatus 957o 
0,81—0,80. 

Spiritus coucentratus 86—86®/o 
0,834—0,830 
Spiritus dilutus 64®/o 
100 Spir. conc. 

37 Aqua 
0,892 -0,889 


Spiritus 87,2—85,6®/o 
0,83—0,834. 


Spiritus dilutus 60—öl®/« 
7 Spiritus 
3 Aqua 
0,892—0,896. 


In Bezug auf die Tincturen haben wir beim allgemeinen Artikel gesehen, dass 
zahlreiche derselben auf dem Percolator bereitet werden; dieselben sind zweifelsohne 
viel kräftiger als die durch einfache Maceration oder Digestion bereiteten Tincturen 
der bisherigen Pharmacopoe und des Deutschen Arzneibuchs. 

Von weiteren Abweichungen notire ich: 

ln Editio III haben wir 2 Aconittinctnren, die Tinctnra Aconiti herbe recentis 
aus 1 Theil frischen Aconitblättern und 1 Theil Weingeist bereitet, den Alcoholatnres 
der französischen Pharmacope entsprechend, und die ans Knollen auf dem Percolator 
bereitete sehr kräftige Tinctura Aconiti tuberis 1:10, erstere ist wenig giftig, Dosis 
simpl. 1,0, pro die 8,0; letztere Dosis simpl. 0,25, pro die 1,0. Die Editio II hat 
eine Tinct. Aconiti aus getrockneten Blättern 1:5 und im Supplement eine Tinct. 
Aconiti setherea aus den trockenen Blättern 1:5; das D. A.*B. eine Tinctur aus 
Knollen 1:10, Dos. maxim. 0,5, pro die 2,0. Tinct. Belladonnse in Ed. III aus dem 
Kraut 1:10, in Ed. II Snppl. 1:5. Tinct. Cannabis in der Ed. III aus Herbte 
Cannabis 1:10, in der Ed. II ans 1 Th. Extr. Cannabis und 20 Spiritus concentratns. 
Tinct. Colchici in Ed. III 1:10, in Ed. II 1:5, D. A.*B. 1:10. Tinct Digitalis in 
Ed. III 1:10, in Ed. II 1 :5, D. A.>B. aus 5 Theilen frischem Kraut mit 6 Wein¬ 
geist (Alcoolatnre). Tinct Lobelise in Ed. III 1:10, in Ed. II 1:5, D. A.-B. 1:10. 

Bei den Salben ist hervorzuheben, dass die Unguenta narcotica nach Ed. III 
aus 2 Theilen Fluidextract und 8 Schweinefett bestehen, nach Ed. II Suppl. aus 10 
Theilen Extract., 1 Spiritus, 1 Aqua und 90 Unguentum cereum. 

Mit Vaselin sind bereitet Ung. boricum lO^o, Ung. prsecipitati albi IO**/«, Ung. 
Plumbi 10*/«* Ung. Zinci 10®/o (weisses Vaselin) und Ung. Hydrargyr. bijodat. 10*/o, 
Ung. Hg. oxydati 5*/o, Ung. Plumbi tannici (gelbes Vaselin); Das D. A.-B. verwendet 
das aus 1 Theil festem und 4 Theilen flüssigem Paraffin bereitete Unguentum Paraffini, 
das in einzelnen Fällen auf die Haut reizend wirkt. 

Für Ung. cinereum gibt die Ed. III eine sehr gute Vorschrift, das Hg. wird 
mit Lanolin exstingnirt und dann dem Schweinefett vermischt (34*/o); Unguentum 
cereum besteht nach Ed. III aus 01. Oliv» 70, Cera a 1 b a 30, Benzoe 2, nach Ed. II 
ans Cera alba 1 und Adeps suillus 6, nach D. A.*B. ans Cera flava 3 und 01. 


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177 


olivar 7. Sehr zu begrässen ist auch die uun einheitliche und zweckmässige Vorschrift 
für Ung. Hebrse, nämlich 25 Lithargyrum mit 75 Ol. oliv» gekocht und 2 Benzoe 
zngesetzt; in Ed. II 8uppl. waren bekannterweise 2 Vorschriften, die 1. bessere durch 
Kochen von 100 Lith. mit 400 01. olivae und Zusatz von 01. Larendulse 8 bereitet, wobei 
letzteres oft reizend wirkte, und die 2. schlechtere durch Schmelzen von je 50 Theilen 
Emplastr. Plumbi und OlirenOl und 1 Qlycerin. Nicht besser ist die Vorschrift des 
D. A.-B. (Schmelzen gleicher Theile von Dng. Plumbi und 01. Olivae). 

Bei den Weinen ist die Einffihrung des herben und zu Bitterstoffen im Qeschmack 
besser harmonirenden Marsala statt des süssen Malaga sehr erfreulich; Malaga findet 
sich nur noch im Vinum Aurantii compos., dem alten Elixir Aurantiornm; Marsala 
dagegen im Chinawein (27o Fluideztract), Cocawein (57o Blätter), Vinum Colchici 
{107o Fluideztract), Vin. Condurango (107» Fluideztract), Vin. Gentianse (57o Wurzel), 
Vinum Pepsini (57o), Vinum Bhei comp., der bisherigen Tinct. Khei vinosa und im 
Vinum Stibiatum. Das D. A.-B. hat bekanntlich schon früher in Ed. II den ebenfalls 
herben Xeres rorgezogen. Die an Eztractivstoff ärmeren herben Weine nehmen auch viel 
mehr von den löslichen Stoffen der Droguen in sich auf als der an Eztractivstoff und 
Zucker reiche Malaga, wie dies von Prof. Buttin ist nachgewiesen worden. 

Als sehr zweckmässige Neuerungen sind sodann hervorzuheben, dass wie auch in 
den meisten neuern Pharmacopoen die Mazimaldosen nicht allein in einer Tabelle 
am Schluss vereinigt sich finden, sondern jeweilen auch den Artikeln beigedruckt sind; 
ferner dass bei den Bohstoffen die aus ihnen bereiteten einfachen Galenischen Präparate 
angemerkt sind, z. B. Cortez Cinchonm (Eztract. fluid, et spirit., Sirup. Tinct., Vinum); 
diese letzteren Angaben hätte ich gerne noch vollständiger gewünscht. 

Beich ausgestattet ist die neue Pharmacopoe mit Tabellen, nämlich mit 
17, die bisherige inclusive Supplement enthielt deren 13; das D. A.-B. nur 6, eine 
Reagentientabeile, die Mazimaldosentabelle, die Tabelle der Gifte, die Tabelle der Sepa- 
randa, die Tabelle der speciflscben Gewichte und die sehr reichhaltige Synonymentabelle. 

Unsere Ed. III gibt von pharmaceutisch-chemischen Uilfs- 
tabellen eine Beagentientabelle, eine Tabelle der volumetrischen Lösungen, eine 
Löslichkeitstabelle, eine Alkoboltabelle nach Hehner, die Tabelle des spec. Gewichtes 
von Ammoniaklösungen, von Kalilaugen, von Natronlaugen, von Salpetersäuren, von 
Salzsäuren, von Schwefelsäuren; eine Vergleichstabelle der Grade des .Bawm^schen 
Aräometers mit den spec. Gewichten, 2 Saturationstabellen und eine Beductionstabelle 
der specifischen Gewichte, sodann führt sie neu ein die in andern Pharmacopcen längst 
enthaltenen T a b e 11 e n derVenena und Separanda, welche endlich Anhaltspunkte 
geben za Vorschriften über die Abgabe von Giften; daneben folgt die Mazimal¬ 
dosentabelle, bei der das Bestreben dahin ging, sich so weit als möglich den 
Vorschriften des D. A.-B. anzuschliessen, der frühem Ed. II gegenüber werden die 
Dosen erweitert für Acid. arsenicosum, Acid. hydrochloricnni, Bulbus Scillae, Godein, 
Eztract. Opii, Eztract. Scillse, Folium Digitalis, Folium Stramonii,' Calomel, Hydrarg. 
ozydatam, Kal. arsenicosum solutum, Kreosot, Morpbinum, Natr. arsenicosum solutum, 
Opium, Phenolum, Strychniu, Tart. stibiat,, Tinct. opii simpl. und crocata. 

Namhaftere Herabsetzung der Dosen finden wir bei Arg. nitricum, Atropin, 
Cantharis, den möisten Fluideztracten und Eztracta duplicia, dem Phosphor, dem San- 

12 


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178 


tonin, Semen Strycbni, den Tincturen von Cannabis, Cantbaris, Colchicum, Strychnos, 
bei Vinnm Colchici, Zincum valerianicum. 

Neu aufgenommen in die Maximaldosentabelle sind Acetanilid, Antipyrin, Auro- 
Natrium chloratum, Chloroformum, Cocainnm hydrochloricum, Codeinum phosphoricum, 
die Coffeinsalze; Colocyntliis, Extract. Colocynthidis compositum, Folium Jaborandi, 
Homatropinum, Herba Cannabis, Frnctus Conii, Hg. chloratum vapore paratnm, Kalium 
chloricum, Natrium arsenicicum, Ol. phosphoratum, Pheuacetiiium, Physostigminum 
salicylicum und Pilocarpiuum hydrochloricum, Podophyllin, Salol, Scammonium, Semen 
Colchici, Sparteinum sulfuricum, Sulfonal, Tinct. Gelsemii, Tinct. Ipecacuanhse, Tinct. 
Scillse, Tinct. Seealts cornuti, Tinct. Stropbanti, Tuber Aconiti, Tuber Jaiaprn, Urethan, 
Vioum stibiatum; gestrichen, ausser denjenigen der nicht mehr aufgenommenen Artikel 
die Maximaldosen von Kalium jodatum, Kalium bromatum und Kalium nitricum, 
Oleum Sinapis und Zincum chloratum. 

Von der Aufnahme einer Maximaldosentabelle fdr Kinder wurde abgesehen, weil 
befürchtet wurde, dieselbe könnte in gerichtlichen Fällen verbindlich gemacht werden, 
während doch der Apotheker über das Alter des Patienten nicht immer unterrichtet ist. 

Ich habe eine Zusammenstellung der Maximaldosentabellen der Editio 111, der 
Editio 11 und des D. A.-B. ausgearbeitet, welche am besten eine Uebersicht über die 
Aenderungen in der Dosirung gestattet; ebenso eine Maximaldosentabelle für Kinder, 
nach 4 Altersklassen getrennt. Die Zahlen, welche unter dem Namen des Arzneimittels 
stehen, geben die Dosen der Maximaldosentabelle für Kinder bis zum Ende des 
2. Jahres in dem Supplement der Ed. II der Pharmac. helv. an; die letzte Colonne ent¬ 
hält zum Vergleich die Maximaidosen für Erwachsene der Editio III. 

Als eine Neuerung, welche, so viel mir bekannt, unsere neue Pharmacopoe allein 
eingeführt bat, ist sodann zu nennen eine hauptsächlich für die Aerzte berechnete 
Gehaltstabelle, welche eine vergleichende Uebersicht des Gehaltes und der 
Dosirung der heroischen Arzneimittel unserer Pharmacopoe gibt. 

Die Synonymentabelle ist bei weitem nicht so reich gehalten wie diejenige 
des Deutschen Arzneibuchs; es wurden vorzüglich die noch gebräuchlichen Bezeichnungen 
der beiden früheren Ausgaben unserer schweizerischen Pharmacopoe berücksichtigt. 

Was endlich die Ausstattung der Pharmacopoe in Bezug auf Druck und Papier 
anbelangt, so darf sie sich neben den besten neuern Pharmacopoen wohl sehen lassen 
und so glaube ich, dass das neue Werk, wenn es auch wohl nach dieser oder jener 
Seite hin zu Ausstellungen Anlass geben mag, indem es dem Einen zu viel, dem 
Andern zu wenig bietet, doch als ein durchaus gelungenes und der Schweiz Ehre 
bringendes darf angesehen werden. 

Vergleichende Tabelle der Maximaldosen für Erwachsene. 



Pharm, helv. Ed. III. 

1 Pharm, helv. Ed. 11. | 

peutsches Arzneibuch. 


Dos. max. 

Dos. max. 

Dos. max. 

Dos. max. 

Dos. max. 

Dos. max. 

Acetanilidam 

simpl. 

0,5 

pro die. 
3,0 

simpl. 

pro die. 

simpl. 

0,5 

pro die. 
4,0 

Acidmn agaricinicum 

Acidum arseuicosum 

0,03 

0,005 

0,1 . 
0,02 

0,005 

0,01 

0,1 

0,005 

0,02 

Acidum hjdrobromicum dilut. 

1,5 

5,0 

— 

- 

— 

— 


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179 



1 Pharm, helv. Ed. III. 1 

1 Pharm, helv. Ed. II. | 

peutsches Arzneibuch. 


Dos. max. 

1 Dos. max. 

Dos. max. 

1 Dos. max. 

Dos. max. 

Dos. max 


simpl. 

pro die. 

simpl. 

pro die. 

simpl. 

pro die. 

Acidum hydrochloricom dilut. 

1,0 

5,0 

1,0 

1 4,0 

— 

j — 

Acidum hydrocyanicam 

— 

— 

0,05 

' 0,2 

— 

— 

Acidum nitricum dilat. 

1,0 

3,0 

1,0 

4,0 

— 

— 

Acidum sulfuricum dilut. 

1,5 

5,0 

2,0 

8,0 

— 

— 

Acoaitinum 

— 

— 

0,001 

0,005 

— 

— 

Aether phosphoratus 

— 

— 

0,25 

0,75 

— 

— 

Amylenum hydratam 

— 

— 

— 

— 

4,0 

8,0 

Amylum nitrosum ad inhalat. 

0,25 

1,0 

0,25 

1,0 

— • 

— 

gtt V. 

gtt. XX. 

gtt. V. 

gtt. XX. 



Antipyrinnm 

2,0 

6,0 

— 

— 

— 

— 

Apomorphinom hydrochloricum 

0,02 

0,1 

0,02 

0,06 

0,02 

0,1 

ad inject, snbcut. 

0,005 

0,015 

0,005 

0,015 

— 

— 

Aqoa Amygdal» 

2,0 

8,0 

2,0 

10,0 

2,0 

8,0 

Aqna Lauroceraai 

2,0 

8,0 

2,0 

10,0 

— 

— 

Argentum nitricum 

0,03 

0,2 

0,05 

0,25 

0,03 

0,2 

Argentum oxydatum 

— 

— 

0,1 

0,5 


— 

Atropin am sulfuricum 

0,001 

0,003 

0,001 

0,005 

0,001 

0,003 

Anronatrium chloratum 

0,05 

0,2 

— 

— 

0,05 

0,2 

Baryum chloratum 

— 

— 

0,2 

1,0 

— 

— 

Bulbus Scillae 

0,5 

3,0 

0,2 

0,8 

— 

— 

Cantharis 

0,05 

0,15 

0,05 

0,25 

0,05 

0,15 

Chininum arsenicicnm 

— 

— 

0,01 

0,05 

— 

— 

Chloralum formamidatum 

— 

— 

— 

— 

4,0 

8,0 

Chloralum hydratum 

3,0 

6,0 

2,0 

8,0 

3,0 

6,0 

Chloroformnm 

0,5 

1,0 

— 

— 

0,5 

1,0 

Cocainum hydrochloricum 

0,05 

0,15 

— 

— 

0,05 

0,15 

ad inject, snbcntan. 

0,05 

0,1 

— 

— 

— 

— 

Codeinum 

0,1 

0,4 

0,05 

0,25 

— 

— 

Codeinum phosphoricum 

0,1 

0,4 

— 

— 

0,1 

0,4 

CofFeino-Natrium benzoicum 

1,0 

3,0 


— 

— 

— 

Coffeino-Natrium salicylicum 

1,0 

3,0 

— 

— 

— 

— 

Coffeinum 

0,5 

1,5 

— 

— 

0,5 

1,6 

Coffeinum citricum 

0,5 

1,5 

— 

— 

— 

— 

Colchicinum 

— 

— 

0,002 

0,01 

— 

— 

Colocynthis 

0,25 

1,0 

— 

0,004 

0,5 

1,6 

Coniinnm 

— 

— 

0,001 

— 

— 

Croton chloralum hydratam 

— 

— 

1,5 

6,0 

— 

— 

Cuprum sulfuricnm 

0,05 

0,5 

0,05 

0,5 

1,0 

— 

ad usum emeticnm 

— 

1,0 

0,5 

1,0 

— 

'- 

Coprum sulfuricnm ammoniatum 

— 

— 

0,05 

0,5 


— 

Corare ad inject, subcutan 

— 

— 

0,002 

0,006 

— 1 

— 

Digital! num 

— 

— 

0,002 

0,01 

— 

— 

Extractum Aconiti duplex 

0,005 

0,015 

— 

— 



Extract. Aconiti fluidum ^ 

0,01 i 

0,03 

— 

— 

— 

— 

Extract. Aconiti 

— 

— 

0,2 

0,6 

— 

1 - 

Extract. Belladonnae duplex 

0,025 

0,075 

— 

— 

— 

' - 

Extract. Bellad. fluidum 

0,05 

0,15 

— 

— 

— 

1 

Extract. Belladonnae 

— 

— 

0,05 

0,15 

0,06 

I 0,2 

Extract. Cannabis indicae i 

0,1 

0,5 

0,2 

0,8 

- 1 

1 


Digitized by LjOOQle 



180 



1 Pharm, helv. Ed. III. | 

1 Pharm, helv. Ed. II. | 

IDeutsches Arzneibuch. 


Dos. max. 

Dos. max. 

Dos. max. 

Dos. max. 

Dos. max. 

Dos. max. 


simpl. 

pro die. 

simpl. 

pro die. 

simpl. 

pro die. 

Extract. Colchici flaidam 

0,05 

0,1 

— 

— 

— 

— 

Extract. Colocynthidis 

0,05 

0,2 

0,05 

0,25 

0,05 

0 ,2. 

Extract Colocynthidis comp. 

0,25 

1,0 

— 

— 

— 

— 

Extract. Cooii duplex 

0,05 

0,25 

— 

— 

— 

— 

Extract Conii fluidum 

0,1 

0,5 

— 

— 

— 

— 

Extract. Conii 

— 

— 

0,1 

0,4 

— 

— 

Extract. Convallariae fluid. 

0,1 

0,2 



— 

— 

Extract. Digitalis duplex 

0,05 

0,25 

— 

— 

— 

— 

Extract. Digitalis fluid. 

0,1 

0,5 

— 

— 

— 

— 

Extract. Digitalis 

— 

— 

0,1 

0,5 

— 

— 

Extract. Fabse Calabar. 

— 

— 

0,02 

0,06 

— 

— 

Extract Filicis 

— 

10,0 

— 

— 

— 

— 

Extract. Hyoscyami duplex 

0,05 

0,15 

— 

— 

— 

— 

Extract. Hyosc. fluid. 

0,1 

0,3 

— 

— 

— 

— 

Extract. Hyoscyami 

— 

—• 

0,2 

0,8 

0,2 

1,0 

Extract Ipecac. fluid. 

0,05 

0,25 

— 

— 

— 

— 

Extract Opii 

0,1 

0,25 

0,05 

0,5 

0,15 

0,5 

Extract Sei 11» 

0,2 

1,0 

0,2 

0,8 

— 

— 

Extract Secaiis cornuti 

0,1 

0,5 

0,2 

0,8 

— 

— 

ad inject, subcut. 

— 

— 

0,1 

0,5 

— 

— 

Extract. secaiis cornuti solutnm 

0,5 

2,0 


— 

— 

— 

Extract. Stramonii duplex 

0,025 

0,075 

— 

— 

— 

— 

Extract. Stramonii fluidum 

0,05 

0,15 

— 

— 

— 

— 

Extract. Stramonii 

— 

— 

0,1 

0,4 

— 

— 

Extract. Strycbni 

0,05 

0,15 

0,05 

0,2 

0,05 

0,15 

Extract Strycbni aquosum 

— 

— 

0,2 

0,6 

— 

— 

Ferrum sesquicbloratumsolutum 

1 ,0^ 

4,0 

1,0 

4,0 

— 

— 

Folium Aconiti 

0,1 

0,5 

0,1 

0,5 

— 

— 

Folinm Belladonn» 

0,1 

0,5 

0,1 

0,5 

0,2 

1,0 

ad infus 


, — 

0,25 

1,0 



Foiium Digitalis 

0,2 

1.0 

0,1 

0,5 

0,2 

1,0 

Folium Digitalis ad infusum 

— 

2,0 

1,5 

4,0 

— 


Folium Hyoscyami 

0,2 

1,0 

0,2 

1,0 

0,5 

1,5 

Folium Jaborandi ad infusum 

— 

6,0 

— 

— 

— 


Folium Stramonii 

0,2 

1,0 

0,2 

0,8 

— 

_ 

Fructus Conii 

0,2 

1,0 



_ 


Guajacolum 

0,5 . 

3,0 

— 

— 

— 

— 

Gutti 

0,2 

1,0 

0,2 

1,0 

0,5 

1,0 

Herba Cannabis indic» 

0,5 

2,0 





Herba Conii 

— 


0,1 

0,5 

0,5 

2,0 

Herba Sabinse 

1,0 

2,0 

1,0 

4,0 

_ 


ad infusum 


— 

2,0 

8,0 

_ 

_ 

Homatropinum bydrobromicum 

0,001 

0,002 


-.r- 

0,001 

0,003 

Hydrargyrum bicbloratum 

0,02 

0,05 

0,02 

0,05 

0,02 

0,1 

Hydrargyrum bijodatnm 

0,02 

0,05 

0,02 

0,05 

0,02 

0,1 

Hydrargyrum chloratum 

0,5 

2,0 

0,2 

1,0 

— 


ad US. laxat. 

— 

— 

0,5 

2,0 

— 

— 

Hydrarg. chlorat. vap. parat 

0,1 

0,5 

— 

— 

— 

— 

Hydrarg. cyanatum 

— 

— 

0,01 

0,04 

0,02 

0,1 


Digitized by LjOOQle 




1 Pharm, helv. Ed. III. | 

1 Pbarm. helv. Ed. II. | 

iDeutsches Arzneibuch. 


Dos. max. | 

Dos. max. 

Dos. max. 

Dos. max. | 

Dos. max. 

Dos. max. 


simpl. 

pro die. 

simpl. 

pro die. 

simpl. 

pro die. 

Hydrarg. jodatnm 

0,05 

0,2 

0,05 

0,2 

— 

— 

Hydrarg. nitric. oxydnlat. 

— 

— 

0,01 

0,05 

— 

— 

Hydrarg. oxydat. 

0,02 

0,1 

0,02 

0,05 

0,02 

0,1 

Hydrarg. oxydat. flaviun 

0,02 

0,05 

— 

I — 

0,02 

0,1 

flydrargyr. oxydulat. nigrnm 

— 

— 

0,1 

0,5 

— 

— 

Hyoscinnm hydrobromicom 

0,0005 

0,002 

— 

—- 

0,0005 

0,002 

ad inject, sabcnt. 

0,0002 

0,001 

— 

— 

— 

— 

Jodoformnm 

0,2 

1,0 

— 

— 

0,2 

1,0 

Jodum 

0,05 

0,2 

0,05 

0,25 

0,05 

0,2 

Kalium arsenicosum solutnm 

0,5 

2,0 

0,5 

1,5 

0,5 

2,0 




gtt. X. 

gtt. XXX. 



Kalium bromatum 

— 

— 

4,0 

10,0 

— 

— 

Kalium chloricum 

1,0 

5,0 


— 

— 


Kaliam cyanatum 

— 

— 

0,02 

0,05 

— 

— 

Kalium jodatum 

— 

— 

2,0 

8,0 

— 

— 

Kalium nitricum 

— 

— 

4,0 

15,0 

— 

— 

KreoBotum 

0,5 

3,0 

0,05 

0,2 

0,2 

1,0 

Lactucarium (germanicum) 

— 

— 

0,5 

1,5 

— 

— 

Morpbinnm aceticam 

— 

— 

0,02 

0,06 

— 

— 

Morphin um hydrochloricum 

0,03 

0,1 

0,02 

0,06 

0,03 

0,1 

Morphinum sulfuricum 

0,03 

0,1 

0,02 

0,06 

— 

— 

ad inject, subcut. 

— 

— 

0,01 

0,05 

— 

— 

Natrium arsenicicum 

0,005 

0,01 

— 

— 

— 


Natrium arsenicicum solnt. 

1,0 

4,0 

0,5 

1,5 

— 





gtt. X. 

gtt. XXX. 



Olenm Amygdalarum setherenm 

— 

— 

0,05 

0,2 

— 

— 

Oleum phosphoratum 

0,1 

0,5 

— 

— 

— 

— 

Olenm Sabinas 

— 

— 

0,1 

0,5 

— 

— 

Olenm Sinapis asthereum 

— 

— 

0,01 

0,05 

— 

— 

Oleum Tiglii 

0,05 

0,1 

0,05 

0,2 

0,05 

0,1 


gutta nna 

gnttae U. 

gutta una 

gtt. quatt. 



Opium 

0,15 

0,5 

0,1 

0,5 

0,15 

0,5 

Paraldehydum 

— 

— 

— 

— 

5,0 

10,0 

Phenacetinum 

1,0 

5,0 

— 

— 

1.0 

5,0 

Phenolnm 

0,1 

0,5 

0,05 

0,5 

0,1 

0,5 

PhoBpborDB 

0,001 

0,005 

0,005 

0,05 

0,001 

0,005 

Physostigminum salicylicum 

0,001 

0,003 

— 

— 

0,001 

0,003 

Pilocarpinum hydrochloricum 

0,02 

0,05 

__ 

— 

0,02 

0,05 

Plumbum aceticum 

0,1 

0,5 

0,1 

0,5 

0,1 

. 0,5 

Podophyllinnm 

0,1 

0,3 

— 

— 

— 

— 

Pulyis Ipecacnanhas opiatus 

1,0 

4,0 

1,0 

4,0 

— 

— 

Radix Belladonnas 

0,1 

0,5 

0,1 . 

0,5 

— 

— 

Radix Ipecacnanhas 

0,1 

0,5 

0,2 

1,0 

— 

— 

ad infusnm 

— 

2,0 

0,5 

2,0 

— 

— 

ad UBum emeticum 

— 

5,0 

1,0 

4,0 

— 

i — 

ad US. emet. pro infus 

— 

— 

2,0 

6,0 

— 

t — 

Reaina Jalapas 

0,6 

1,5 

0,5 

1,5 

— 

— 

Rhizoma Vera tri 

— 

— 

0,2 

0,8 

— 

— 

Salolnm 

2,0 

8,0 

— 

— 

— 

— 


Digitized by LjOOQle 




182 



Pharm, helv. Ed. III. 1 

1 Pharm, helv. Ed. II. | 

iDentsches Arzneibuch. 

L 


Dos. max. 

Dos. max. 

Dos. max.' 

Dos. max. | 

Dos. max. 

Dos. max. 


simpl. 

pro die. 

simpl. 

pro die. 

simpl. 

pro die. 

Santoninom 

0,05 

0,25 

0,1 

0,5 

0,1 

0,5 

Scammoniam 

0,2 

0,5 


— 1 

— 

— 

Secale cornatnm 

1,0 

5,0 

1,0 

5,0 1 

— 

— 

— ad infasum 

— 

10,0 

2,0 

10,0 ) 

, — 

1 — 

Semen Colchici 

0,2 

LO 

— 

— 

— 

— 

Semen Strychni 

0,1 

0,2 

0,1 i 

0,5 

0,1 

0,2 

Spartein nm snlfnricnm 

0,2 

0,8 

_ i 

— 

— 

— 

Stiychninnm oitricnm 

0,01 

0,02 

0,005 

0,02 

0,01 

0,02 

— ad inject, snbcnt. 

0,005 

0,01 

— 

— 

— 

— 

Strychninnm snlfnricnm 

0,01 

0,02 

0,005 

0,02 

— 

— 

ad inject, snbcnt. 

0,005 

0,01 

0,001 

0,005 

— 

— 

Snlfonalnm 

4,0 

8,0 

— 

— 

4,0 

8,0 

Tartarus stibiatns 

0,2 

0,5 

0,05 

0,2 

0,2 

0,5 

ad ns. emeticnm 

— 

— 

0,2 

0,8 

— 

— 

Thallinnm snlfnricnm 

— 

— 


— 

0,5 

1,5 

Tinctnra Aconiti herbs recent. 

1,0 

3,0 

— 


— 

— 

Tinct. Aconiti tnberis 

0,25 

1,0 

— 

— 

0,5 

2,0 

Tinct. Aconiti foliomm 

— 

— 

1,0 

5,0 

— 

— 

Tinct. Belladonn» 

0,5 

2,5 

0,5 

2,5 

— 

— 

Tinct. Cannabis indic» 

1,0 

5,0 

2,0 

15,0 

— 

— 

Tinct. Cantharidis 

' 0,5 

1,5 

0,5 

2,0 

0,5 

1,5 

Tinct. Colchici 

1,0 

3,0 

1,0 

5,0 

2,0 

5,0 

Tinct. Colocyntbidis 

1,0 

5,0 

1,0 

5,0 

1,0 

5,0 

Tinct. Conii 

— 

— 

1,0 

5,0 

— 

— 

Tinct. Digitalis 

1,0 

5,0 

1,0 

5,0 

1,5 

5,0 

Tinct. Gelsemii 

1,0 

5,0 

— 

— 

— 

— 

Tinct Jodi 

0,25 

1,0 

0,25 

1,0 

0,2 

1,0 

Tinct. Ipecacnanbse 

0,5 

2,5 

— 


— 

— 

Tinct. Lobelie 

1,0 

5,0 

1,0 

5,0 

1,0 

5,0 

Tinct. Opii benzoica 

10,0 

40,0 

10,0 

40,0 i 

— 

— 

Tinct. Opii crocata 

1,5 

5,0 

1,0 

5,0 

1,5 

5,0 

Tinct. Opii simplex 

1,5 

5,0 

1,0 

5,0 

1,5 

5,0 

Tinct. Scillffi 

2,5 

10,0 

— 

— 

— 

— 

Tinct. Secalis cornnti 

5,0 

20,0 

— 

— 

— 

— 

Tinct Stramonii 

— 

— 

1,0 

5,0 

— 


Tinct. Strophanthi 

1,0 

3,0 


— 

0,5 

2,0 

Tinct Strychni 

0,5 

2,0 

1,0 

5,0 

1,0 

2,0 

Tnber Aconiti 

0,1 

0,5 

— 

— 

0,1 

0,5 

Tnber Jalape 

1,0 

5,0 

— 

— 


— 

Uretliannm 

4,0 

8,0 

— 

— 

— 

— 

Veratrinnm 

0,005 

0,02 

0,005 

0,02 

0,005 

0,02 

Vinnm Colchici 

1,0 

3,0 

2,0 

6,0 

2,0 

5,0 

Yinnm Stibiatnm 

10,0 

20,0 

— 

— 

— 

— 

Zincnm chloratnm 

— 

— 

0,02 

0,1 

— 

— 

Zincnm oyanatnm pur. 

— 

— 

0,01 

0,05 

— 

— 

Zincnm oxydatnm pnr. 

0,2 

1,0 

0,2 

1,0 

— 

— 

Zincnm snlfnricnm 

0,1 

1,0 

0,1 

0,5 

1,0 

' — 

ad ns. emetic. 

— 

— 

1,0 

— 


j — 

Zincnm valerianicnm 

0,1 

0,5 

0,2 

1,0 

— 

1 _ 


Digitized by LjOOQle 


183 


Maximaldosentabelle für Kinder. 



0—1 Jahr 

2—4 Jahre 

5—] 

.0 Jahre 

11—15 Jahre 



Vio 

1 

A 


V» . 


1 

Acetanilidum 

0,02 

0,1 

0,05 

0,2 

0,15 

0,5 

0,25 

1,0 

Acid. hydrochloricum dilut. 

0,05 

0,15 

0,1 

0,3 

0,2 

1,0 

0,25 

1.0 

0,5—2,0 









Acidum tannicnm 

0,005 

0,02 

0,01 

0,05 

0,05 

0,2 

0,05 

0,5 

Antipyrinum 

0,05 

0,1 

0,1 

0,4 

0,5 

1,0 

1,0 

2,0 

Apomorphinmn 

0,001 

0,005 

0,001 

0,01 

0,003 0,02 

0,005 

0,05 

0,005—0,015 









ad inject, subcut. 

— 

— 

0,001 

0,005 

0,002 0,01 

0,005 

0,01 

0,002^0,006 









Aqna Amygdalse u. Aqua 









Lanrocerasi 0,5—1,5 

0,05 

0,2 

0,1 

0,5 

0,25 

1,0 

0,5 

2,0 

Argent. nitric. 0,005—0,05 

— 

— 

0,005 

0,02 

0,01 

0,04 

0,02 

0,06 

Atropinnm sulfaric. 

— 

— 

0,0001 

0,0002 

0,0002 0,0001 

0,0005 0,001 

Camphora 

0,02 

0,05 

0,05 

0,2 

0,1 

0,5 

0,2 

1,0 

Chinin, snlfuricum 

0,05 

0,1 

0,1 

0,2 

0,2 

0,6 

0,3 

1,0 

Chinin, tannic. 

0,05 

0,1 

0,1 

0,3 

0,2 

1,0 

0,3 

1,5 

Chloral. hydrat. 0,5—1,5 

0,1 

0,3 

0,2 

0,5 

0,5 

1,0 

1,0 

2,0 

Cocainnm hydrochlor. 

0,002 

0,005 

0,005 

0,015 

0,01 

0,03 

0,025 

0,05 

Codeinum phosphoricum 

0,005 

0,01 

0,005 

0,02 

0,01 

0,03 

0,02 

0,05 

Coffeino-Natr. benzoicum 









u. salicylicum 

0,02 

0,05 

0,05 

0,2 

0,1 

0,5 

0,2 

1,0 

Cnpnun sulfuric. 0,1—0,5 


— 

0,2 


0,3 

0,5 

Exiract. Beilad. fluid. 


— 

0,01 

0,03 

0,015 0,05 

0,02 

0,06 

(Spiss. 0,002—0,02) 









Extract. Digital, fluid. 

— 

— 

0,02 

0,06 

0,02 

0,1 

0,05 

0,25 

(Spiss. 0,01—0,05) 









Extract. Ipecac. fluid. 

0,002 

0,01 

0,005 

0,03 

0,01 

0,05 

0,02 

0,1 

Extr. Strychni 0,005—0,02 

0,002 

0,01 

0,005 

0,03 

0,01 

0,05 

0,02 

0,1 

Extr. Opii 0,003—0,015 

— 

— 

0,005 

0,02 

0,02 

0,05 

0,03 

0,1 

Extract. Filicis 


— 

2,0 


3,0 

5,0 

Extr. Sec. cornut. 0,05—0,2 

— 

— 

0,02 

0,1 

0,03 

0,2 

0,05 

0,25 

Ferrum lacticum 

— 

— 

0,01 

0,03 

0,05 

0,15 

0,05 

0,15 

Fcrr. sesquichl. 8ol.0,2—1,0 

— 

— 

0,1 

0,3 

0,25 

1,0 

0,25 

1,5 

Flores Cinse 

0,3 

1,5 


3,0 

6,0 

Fol. Digit, ad infus.0,5—1,5 

0,05 

0,25 


0,5 

1,0 

FoL Jahorandi ad infus. 


— 

1,0 


2,0 

3,0 


flydrargyrum chlorat. mite 

0,01 

0,03 

0,05 

0,15 

0,1 

0,3 

0,2 

0,6 

0,1—0,5 









Hydrargyrum jod. flav. 

0,002 

0,006 

0,005 

0,015 

0,01 

0,03 

0,03 

0,06 

Kalium arsenicosum solnt. 

0,02 

0,06 

0,05 

0,15 

0,1 

0,3 

0,1 

0,5 

0,1—0,5 









Kalinm bromatum 

0,1 

0,3 

0,2 

0,5 

0,5 

1,0 

0,5 

2,0 

Kalium chloricum 

0,05 

0,25 

0,2 

1,0 

0,3 

1,5 

0,5 

2,5 

Kalium jodatum 

0,05 

0,1 

0,1 

0,3 

0,5 

1,0 

0,5 

2,0 

Kreosotum depuratum 

0,01 

0,03 

0,02 

0,06 

0,05 

0,1 

0,1 

0,5 


Erwachsene 

0,5 3,0 

1,0 5,0 


2,0 6,0 
0,02 0,1 

0,005 0,015 


2,0 8,0 
0,05 0,2 
0,001 0,003 


2,0 6,0 
0,05 0,15 
0,1 0,4 

1,0 3,0 

1,0 

0,05 0,15 

0,1 0,5 

0,05 0,25 
0,05 0,15 
0,1 0,25 

10,0 

0,1 0,5 

1,0 4,0 

2,0 

6,0 

0,5 2,0 

0,05 0,2 
0,5 1,5 


1,0 5,0 
0,5 3,0 


Digitized by LjOOQle 



— 184 — 



0-1 

Jahr 

2—4 Jahre 

5—10 Jahre 

11—15 Jahre 


1 

/jo 


‘A 


V*' 

V 


Morphin, hydrochloric. u. 

— 

— 

0,001 

0,003 

0,005 

0,01 

0,01 

0,03 

snlfur. 0,001—0,005 









Moschus 

0,01 

0,03 

0,02 

0,05 

0,05 

0,1 

0,05 

0,15 

Natrum arsenicicnm solut. 

0,05 

0,15 

0,1 

0,3 

0,25 

1,0 

0,5 

1,5 

01. phosphoratum 

0,05 

0,05 

0,05 

0,1 

0,1 

0,2 

04 

0,3 

Opium 0,005—0,02 

0,005 

0,01 

0,01 

0,04 

0,04 

0,1 

0,04 

0,2 

Fhenacetinnm 

— 

— 

0,05 

0,5 

0,2 

0,5 

0,3 

1,0 

Phosphoms 

0,0005 0,0005 

0,0005 0,001 

0,001 

0,002 

0,001 0,003 

Kassowitz 0,01:100 









1-2 Caffeelöffel 









Physostigmin, salicyl. 

— 

— 

0,0002 0,0006 

0,0003 0,001 

0,0003 

0,001 

Pulv. Ipec. Opiat. 0,05—0,2 

0,025 

0,05 

0,05 

0,2 

0,2 

0,5 

0,2 

1,0 

Rad. Ipec. ad infus. 0,2—0,8 

0,05 


0,1 


0,2 

0,3 

ad usum emetic. 0,5—1,0 

0,2 


0,5 


1,0 

2,0 

Resina Jalapse 0,1—0,5 

0,025 

0,075 

0,1 

0,3 

0,2 

0,6 

0,2 

1,0 

Salolum 

0,05 

0,2 

0,2 

1,0 

0,5 

2,0 

0,5 

3,0 

Santoninum 0,025—0,15 

0,005 

0,01 

0,02 

0,1 

0,05 

0,15 

0,05 

0,2 

Scammoninm 

— 

— 

0,02 

0,06 

0,05 

0,15 

0,1 

0,25 

Secale cornntnm 0,5—1,5 

— 

— 

0,05 

0,5 

0,1 

1,0 

0,5 

2,5 

ad infusum 


— 


1,0 

2,0 

5,0 

Strychnin, nitr. et sulfuric. 

— 


0,001 

0,003 

0,002 

0,006 

0,005 

0,01 

ad inject, subcut. 

— 

— 

0,0005 0,001 

0,001 

0,003 

0,0025 0,005 

Sulfonalum 

— 

— 

0,2 

0,5 

0,5 

1,0 

0,5 

2,0 

Tartarus 8tibiatus0,01—0,05 


_ 

0,02 

0,05 

0,05 

0,1 

0,05 

0,2 

0,05—0,15 ad us. emet. 









Tinctura Aconit, ex herba 

0,05 

0,15 

0,2 

0,6 

0,3 

1,0 

0,5 

1,5 

Tinctura Belladonnse 

0,02 

0,05 

0,05 

0,2 

0,1 

0,5 

0,2 

1,0 

Tinct. Cannabis 

0,05 

0,15 

0,1 

0,5 

0,2 

1,0 

0,5 

2,0 

Tinct. Colocynthidis 

— 

— 

0,1 

0,25 

0,2 

1,0 

0,5 

1,5 

Tinct. Digitalis 0,5—1,5 

0,05 

0,15 

0,1 

0,5 

0,2 

1,0 

0,5 

2,0 

Tinct. Gelsemii 

— 

— 

0,1 

0,5 

0,2 

1,0 

0,5 

2,0 

Tinct. Jodi 

— 

— 

0,05 

0,15 

0,1 

0,3 

0,15 

0,5 

Tinct LobelisB 

— 

— 

0,2 

1,0 

0,3 

1,5 

0,5 

2,5 

Tinct. Opii benzoica 

0,1 

0,5 

0,5 

2,0 

1,0 

5,0 

2,0 

10,0 

Tinct. Opii crocata et Sim¬ 









plex 0,1—0,5 

0,01 

0,05 

0,05 

0,15 

0,1 

0,5 

0,5 

2,0 

Tinct. Scillse 

0,05 

0,15 

0,15 

1,0 

0,5 

2,0 

1,0 

5,0 

Tinct. Strychni. 0,5—2,0 

0,025 

0,05 

0,1 

0,3 

0,25 

0,75 

0,25 

1,0 

Tinct Strophanthi 

— 

— 

0,2 

0,6 

0,3 

1,0 

0,5 

1,5 

Tuber Jalapse 0,5—2,0 

0,05 

0,15 

0,1 

0,5 

0,2 

1,0 

0,5 

2,0 

Urethanum 

— 

— 

0,5 

1,0 

1,0 

2,0 

2,0 

4,0 

Vinum Colchici 

— 

— 

0,1 

0,5 

0,3 

1,0 

0,5 

1,5 

Vinum stibiatum 4,0—10,0 

— 

— 

2,0 

4,0 

3,0 

6,0 

5,0 

10,0 

Zinc. oxydatum 0,05—0,2 

0,01 

0,05 

0,05 

0,2 

0,05 

0,3 

0,1 

0,5 

Zinc. sulfuricum 

— 

— 

0,02 

0,2 

0,03 

0,3 

0,05 

0,5 

Zinc. valcrianicum 

0,005 

0,015 

0,01 

0,05 

0,03 

0.1 

0,05 

0,2 


Erwachsene 
0,03 0,1 


1,0 4,0 

0,1 0,5 

0,15 0,5 
1,0 5,0 

0,001 0,005 


0,001 0,003 
1,0 4,0 

4,0 
5,0 

0,5 1,5 

2,0 8,0 

0,1 0,25 

0,2 0,5 

1,0 5,0 

10,0 

0,01 0,02 

0,005 0,01 

3,0 6,0 

0,2 0,5 

1,0 3,0 

0,5 2,5 

1,0 5,0 

1,0 5,0 

1,0 5,0 

1,0 5,0 

0,25 1,0 

1,0 5,0 

10,0 40,0 

1.5 5,0 

2.5 10,0 

0,5 2,0 

1,0 3,0 

1,0 5,0 

4,0 8,0 

1,0 3,0 

10,0 20,0 

0,2 1,0 

0,1 1,0 

0,1 0,5 


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185 


'Vereinsberiolite. 

Gesellschaft der Aerzte in ZUrich. 

5. WiatersIliHag', Samstef 3. Fekniar 1894.') 

Präsident: Prof. Haab. — Actuar: Dr. Conrad Brunner. 

1) Dr. Heuss, Demonstration eines Falles von Hycosls faifoldes, der durch das 
lange Bestehen der Affection und deren Circumscriptheit von besonderem Interesse ist. 
Bei diesem seltenen Hautleiden handelt es sich bekanntlich um eine gewöhnlich mit 
eczem- oder psoriasisähnlichen Erscheinungen einsetzende, später mit Bildung von knotigen 
Infiltraten und sarcomähnlichen Tumoren, die Neigung zur Ulceration zeigen, einher¬ 
gehende und meist innert l-r-S Jahren unter Erscheinungen von Marasmus etc. zum Exit. 
let. führende, in ihren Ursachen noch vollständig unbekannte Erkrankung. 

Pat. ist ein 40jähriger, im Uebrigen vollständig gesunder, aus gesunder Familie 
stammender Landmann aus dem Canton Schaff hausen. Affection soll im 12. Jahr als 
rother, leicht juckender Fleck am Oberarm begonnen haben; trotz ärztlicher Behandlung 
dehnte sich der Fleck weiter aus, neue Flecken traten in der Umgebung auf, im Jahr 
1882 fingen die bisher nie nässenden Efflorescenzen zu ulceriren an, im Frühjahr 1898 
begann die Geschwulst am Oberarm. 

Zeigt die obere Hälfte dos Oberarms lebhaft rothe, guirlandenförmige, einer Psoria¬ 
sis gyrata ähnliche, schwach juckende Efflorescenzen, so ist die Gegend nach ab¬ 
wärts, besonders Innenseite des Oberarms, Ellenbeuge, oberes Drittel der Ulnarseite^ des 
Vorderarms in eine mehr oder weniger rothe, theils ulcerirende, reichlich gelben Eiter 
secernirende, theils mit gelbbraunen dicken Eiterborken, oder dünnen Schuppen, theils 
mit glänzend rother, gespannter Haut bedeckte Fläche verwandelt. Bemerkenswerth 
ist ein im untern Drittel an der Innenseite des Oberarms sitzender haselnussgrosser 
flacher Tumor. Derselbe ist mit eingetrocknetem Eiter bedeckt, mässig derb, soll noch 
grosser, wallnussgross, gewesen sein. — Keine Lymphdrüsenschwellungen, keine Blut¬ 
veränderungen nachweisbar. 

Trotz des auffallend langen, 28jährigen Bestehens {Besnier erwähnt 2 Fälle von 15, 
bezw. 18 Jahren Dauer) von der Beschränkung der Erkrankung auf die rechte obere 
Extremität musste im Hinblick auf die characteristische Combination von vorausgegangenen 
und gleichzeitig bestehenden oberflächlichen psoriasisähnlichen Efflorescenzen und von 
Ulceration und Neubildung die Diagnose auf Mycosis fungoides gestellt werden. Andere 
chronische Erkrankungen: Eczem, Psoriasis, Lues, Tuberculose, Sarcom, Lepra etc. Hessen 
sich mit Sicherheit ausschliessen. — Die mikroscopische Untersuchung eines excidirten 
Hautstückchens, entnommen einer psoriasiformen Efflorescenz, bestätigten die klinische 
Diagnose (Bildung von epithelioiden Zellen, ausgehend von den Papillargefässen, in 
Nestern und nischenförmigen Spalten bis ins gewucherte Epithel reichend). 

Trotz der fatalen Prognose im Allgemeinen (nur Eöbner und Wolff berichten von 
je einem geheilten Fall) möchte der Vortragende dieselbe in diesem speciellen Fall in 
Anbetracht des bisherigen, relativ günstigen Verlaufes nicht so ungünstig stellen und 
therapeutisch einen Versuch mit steigenden Arseninjectionen, local mit 5—10®/o Pyro- 
gallolpaste machen. 

Schliesslich weist H, die Photographien eines 1889 in Bern an der dortigen der¬ 
matologischen Klinik beobachteten Falles vor, der durch überaus rasche Entwicklung von 
Tumoren ohne eczematiformes Vorstadium und schnellen Verlauf (Tod nach Jahren 
an Marasmus) sich auszeichnete (Mycosis fungoid. d’emblee). — Ein weiterer Fall wurde 
von Prof. Immerma/nn in Basel kurze Zeit darauf beobachtet, der heutige dürfte der 
dritte in der Schweiz bekannt gewordene sein. 

Eiugegangen den 19. Febmar 1894. Red. 


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186 


Discussion: Dr. W. Schulthess erwähnt, dass er in den Jahren 1880—82 
Gelegenheit hatte, einen Fall von Mycosis fongoides zu beobachten. 

Die betreffende Patientin zeigte über den ganzen Körper verbreitete kirsch- bis 
nossgrosse Knoten, welche in geröthetem Grande standen, der in ähnlicher Weise erhaben 
war wie die befallenen Stellen in der Gegend des rechten Deltoides bei dem h^ute de- 
monstrirten Patienten. Die Knoten secernirten meistens eine seröse Flüssigkeit. Sie 
wanderten, aber nur äusserst langsam. Abheilung der zuerst befallenen Stellen, 
wenigstens soweit es sich nicht um eigentliche Knotenbildung, sondern nur um flache 
Hautinfiltration handelte. Die Patientin starb nach 4—öjähriger Dauer des Leidens an 
catarrhalischer Pneumonie. 

2) Prof. Bibbert. Uebersicht Iber die pathogene BedentODf der Protozoen nti 
besonderer Bericksiehtirnnf des Cnrcinonis. Er schildert die morphologischen, ent¬ 
wicklungsgeschichtlichen und sßtiologischen Verhältnisse der Amceben, Sporozoen und In¬ 
fusorien und hebt besonders die Bildung der Pseudonavicellen und der sichelförmigen 
Körper bei den Coccidien, der segmentirten Zustände bei dem Plasmodium malarise hervor. 
Sodann gibt er eine Uebersicht über die in Carcinomen vorkommenden intercellularen und 
intracellularen, intravacuolären Gebilde, der multiplen als „Sporocysten" bezeichneten 
Dinge, der Körper mit sichelförmigen Einlagerungen etc. Er zeigt, dass alle diese ver¬ 
schiedenartigen Dinge durchaus nichts Typisches darstellen, dass die zelligen Gebilde mo- 
dificirte Epithelzellen oder Leukocyten, die übrigen kugeligen, körnigen Einschlüsse de- 
generirte Zellen und Kerne, die Sicheln Degenerationsproducte von Kernen darstellen 
u. s. w. Nichts spricht dafür, dass die Einschlüsse auch nur zum Theil parasitärer 
Natur sein müssten. 

3) Der von Prof. Krönlein angekündigte Vortrag: Uebor die BedeBiDDi^ der 
OpermilOB Biollf Ber OesIchtstBBioreB kann wogen vorgerückter Zeit nicht mehr gehalten 
werden und wird auf nächste Sitzung verschoben. Prof. Krönlein demonstrirt einen als 
Ausgangspunkt für den Vortrag dienenden Pall von geheilter totaler Resection eines 
Oberkiefers nach v. Langenbeck. Die Operation wurde vor 3 Wochen vorgenommen mit 
Erhaltung des Involucrum palati duri, so dass vollständiger Abschluss gegen die Choanen 
zu Stande kam. 

Dr. Conrad Brunner demonstrirt eine Patientin, bei welcher er im Jahre 1887 in 
Vertretung von Herrn Prof. Krönlein als Assistent der Chirurg. Klinik die totale Resection 
eines Oberkiefers wegen SmrcoBi vorgenommen hatte. Pat. ist gegenwärtig, nachdem 
8 Jahre seit der Operation verflossen, vollständig frei geblieben von Recidiv. 


Medicinisch-pharmaceutischer Bezirksverein Bern. 

II. Sitzuif !■ Wiaterseaester 1893/94, Dieastof dea 28. Naveaiber, Abeads 8 Uhr, 

tai Caslaa. *) 

Präsident: Dr. Bumont. — Actuar: Dr. Bohr. 

Anwesend 22 Mitglieder, 2 Gäste. 

1) Vortrag von Prof. Dr. Girard über RBdiealopeniUOB VOB iBgfBlBBiherBieB. Der 
Vortragende bespricht den gegenwärtigen Stand der Technik bei der Radicaloperation der 
Inguinalhernien. Vom Herbst 1884 bis zum 30. Juni 1893 hat er 101 Radicaloperationen 
ausgeführt, wovon 45 nach Czerny^ 17 nach Ma^evoen^ 4 nach Bassinij 2 nach Kocher 
und 33 nach eigenem, näher zu beschreibendem Verfahren. Um einen möglichst ge¬ 
nauen und hohen Verschluss des Bruchsackes ohne Zurücklassen eines Trichters zu er¬ 
reichen, hält G. für nothwendig, in den meisten Fällen den Inguinalcanal zu spalten, 
wodurch eine genaue Controlle der Bruchsacknaht oder Ligatur gestattet wird. Das blosse 
Herausziehen {Czerny)^ Torquiren (Kocher, Wölfler\ oder Falten zur Pelottenbildung, ge- 

Eingegangen den 18. Februar 1894. Red. 


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187 


nügt nicht immer. In einem Falle von schräger Hernie, wo die Operation nach Kocher 
mit Torsion des Sackes ansgeführt wurde, liess sich das Torhandensein eines Trichters 
nach weisen, indem G. vor Vollziehung der Hautnaht sich noch entschloss, den Leisten¬ 
canal zu spalten und den torquirten Sack am Uebergang in das parietale Peritoneum zu 
incidiren, worauf der Bruchsack nach höherer Unterbindung resecirt wurde. Vielleicht 
mag bei jener Ausführung des übrigens eleganten Kocher^wiheu Verfahrens die Torsion 
des Sackes nicht energisch genug vorgenommen worden sein. 

Die Spaltung des Inguinalcanals zur besseren Bruchsackobiiteration wurde be¬ 
kanntlich schon im Jahre 1876 von Kiesel consequent ausgeübt. G. hält dafür, dass 
die guten Resultate der Ro^mrsohen Operation zum grossen Theil durch die Canal¬ 
spaltung und damit verbundene exacte Versorgung des Bruchsackhalses erklärt werden. 

Bezüglich der Behandlung des Bruchsackes bemerkt G., dass die Torsions- und 
Faltungsmethoden {Macewen , Kocher , Wölfier) nicht ganz gefahrlos sind. Bei einer 
üfocwew’schen Operation (59jähriger, etwas decrepider Patient) sah er den zu einer 
Pelotte freilich energisch zusammengefalteten voluminösen Bruchsack necrotisiren und 
Exitus eintreten. Dieser Todesfall ist übrigens der einzige, welchen G, unter den er¬ 
wähnten 101 Operationsfällen zu beklagen hatte. Es ist nicht einzusehen, warum die 
Torsion oder Faltung des Bruchsackes gegenüber der unter Oontrolle des Auges ausge¬ 
führten möglichst hohen Verschliessung des Bruchsackhalses ein Vortheil sein soll. Der 
Macewen'sehen Pelottenbildung dürfte übrigens nur bei dickeren Brucbsäcken eine Wirk¬ 
samkeit zuerkannt werden. Nach 17 Macewen'schen Operationen sah G, 2 Mal Recidive 
eintreten, vielleicht weil er die Patienten nicht so lang im Bett behalten konnte, als es 
von Macewen verlangt wird. 

Die Behandlung des Inguinalcanals besitzt eine grosse Bedeutung. Die einfache 
Naht des äusseren Leistenringes ist wohl als ungenügend zu bezeichnen. Logischer ist 
die Verengerung des Canals mittelst tiefer Nähte durch die Aponeurose des Obliq. ex- 
ternus {Macewenj Kocher^ Lucas^ Championnüre)\ ferner die Verlagerung des Samen¬ 
stranges nach Bassini oder nach Wölfier (durch einen Spalt des M. rect. abdom.) oder 
nach Frank (in eine im horizontalen Schambeinast eingemeisselte Rinne). Endlich die 
Verstärkungen der Bauchwand durch Theile des Rectus {Wölfier, Berger), 

G. bedient sich seit Sommer 1892 in den meisten Fällen folgenden Verfahrens: 

1. Ausgedehnte Spaltung des Ingninalcanals resp. der Obliquusaponeurose parallel 
mit den Fasern und, beim Erwachsenen, 3—4 cm oberhalb des lig. Ponparti. 

2. Wenn es leicht geht, Ablösung des Bruchsackes und möglichst hohe Unter¬ 
bindung, bei breitem Infundibulum Naht desselben unter Controlle des Auges. Ist die 
Ablösung des ganzen Bruchsackes vom Funiculus sehr schwierig, so wird sie nur am 
Annnl. inguin. internus vorgenommen und der Verschluss mit Naht oder Ligatur je nach 
Breite des Halses ausgeführt. 

3. Knopfnaht des unteren Randes des obliq. internus möglichst tief gegen das 
lig. Ponparti, also wie Bassini, jedoch ohne Verlagerung des Funiculus. 

4. Knopfnaht des oberen Randes des Einschnittes durch die Obliquusaponeurose, 
ebenfalls am lig. Ponparti. 

5. Herüberschlagen des unteren 3—4 cm breiten Randes des Spaltes der Obliquus¬ 
aponeurose über den schon vernähten oberen Rand und Befestigung desselben mit Knopf¬ 
nahten. So bekommt man eine 3—4 cm breite Verdoppelung der Obliquusaponeurose 
längs des lig. Ponparti, welche nicht nur eine Verstärkung der Dicke und eine Ver¬ 
minderung der Wölbung, sondern auch eine festere Spannung des bezüglichen Banch- 
wandtheiles abgibt. Der Ingninalcanal wird damit gleichzeitig wesentlich verengert und 
der äussere Leistenring derart verkleinert, dass nur ganz knapp die Oeffnnng zurück- 
bleibt, welche für den Durchgang des Samenstranges nothwendig ist. Beim weiblichen 
Geschlecht erhält man einen gänzlichen Verschluss. In gewissen Fällen von grossen ver¬ 
alteten schrägen Brüchen, wo der Inguinalcanal sehr verbreitet und in sagittaler Richtung 


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188 


verschoben ist, sowie bei directen Brüchen mit breiter Brachpforte, suchte G, ausserdem 
eine besondere Verstärkung der Baachwand zu erreichen, indem er ein grösseres 5—6 cm 
langes, 3 cm breites Stück Periost von der vorderen Tibiafläche entfernte und mit 
4—6 Nähten in den unteren Theil des Inguinalcanals ausgebreitet fixirte, resp. trans- 
plantirte. 

In 6 Fällen von Inguinal- und 2 Fällen von Cruralhernien heilte der Periostlappen 
ohne Zwischenfall ein und bildete eine breite, derbe, resistente Verstärkung, jedoch ohne 
nachweisbare Enochenneubildung. Die Unterschenkelwunde heilte unter Zurücklassen 
einer beweglichen lineären Hautnarbe. 

Dass eine Heilung per primam für das Erreichen eines guten definitiven Resultates 
bei jedem beliebigen Operationsverfahren nöthig ist, braucht nicht betont zu werden. 
Aber auch Hämatombildung kann eine gute primäre Verklebung stören; aus diesem 
Grande draiqirt G, principiell und mitunter an 2 verschiedenen Stellen. 

Wichtig ist endlich die Frage, welches Nähmaterial für Verschluss des Brachsackes 
und Muskel- resp. Aponeurosennaht verwendet werden soll. 

Ueber die Schede'sehe verlorene Silbernaht besitzt G. keine persönliche Erfahrung; 
er zieht dickeres Catgut der Seide entschieden vor. 

Wenn nämlich eine Eiterung noch so gelinder Natur vorkommt, ein Ereigniss, 
welches sich schwerlich stets mit absoluter Sicherheit in praxi vermeiden lässt, besonders 
wenn man, wie 6r., in nicht ganz günstigen Verhältnissen operiren muss, so erlebt man 
bei Seidennähten die allerunangenehmsten Complicationen. Bis die letzten Seidenknoten 
herausgekommen sind, dauert die Eiterung mitunter Monate lang, während die Elimination 
von Catgut viel leichter und rascher vor sich geht. Es kann auch nachträglich, trotz 
prima intentio, Eiterung um versenkte Seidennähte eintreten. Bei der Operation einer 
faustgrossen Cruralhemie mit Periosttransplantation von der Tibia her, wo sämmtliche 
Nähte aus Seide bestanden, heilte die Wunde absolut reactionslos zu. Der breite Periost¬ 
lappen veranlasste nicht die geringste Störung. Acht Monate später berichtete die Pat. 
über ihre gänzliche Heilung. Circa 1 Jahr nach der Operation stellte sich ans unbe¬ 
kannter Ursache in der Tiefe eine Eiterung ein, welche in die Blase perforirte, so dass 
die Nähte in die letztere gelangten, wo sie zur Bildung von grossen Blasensteinen Anlass 
gaben. Circa 2 Jahre nach der Operation wurden die Steine mittelst Lithotripsie ent¬ 
fernt ; sie enthielten die dicken Seidenknoten der Brachsackunterbindung und der 
Baachpfortennaht. Der Bruch war übrigens vollkommen gut und radical geheilt ge¬ 
blieben. 

Ueber die Enderfolge seiner Hernienoperatiouen lässt G, gegenwärtig eine genaue 
Nachforschung anstellen; die betreffenden Resultate werden demnächst veröffentlicht 
werden. 

Discussion: Prof. Tavel gibt zu, dass seiner Zeit mit der Verwerfung des 
Catgut zu weit gegangen wurde. Die aseptisch (nicht antiseptisch) präparirte Seide hat 
sich nicht ganz bewährt, indem öfters dabei Infectionen auftraten. Diese sind wohl so 
zu erklären, dass während der Operation pathogene Pilze aus der Luft oder durch Contaot 
sich an die Faden setzten, und auf diesen als auf Fremdkörpern weiter wachsen konnten. 
Bei antiseptisch präparirter Seide hingegen wirkt das Antisepticum noch längere Zeit 
nach und hindert die Entwicklung allfällig auf ihr haftender Keime. Die Rückkehr zum 
Catgut in vielen Fällen ist insofern sehr berechtigt, als man jetzt bessere Desinfections- 
metboden kennt als früher, wo man ölige oder alcoholische Lösungen von Antiseptica 
dazu verwandte, während nur wässerige Lösungen sicher antiseptisch wirken. So hat 
man in letzter Zeit viel schönere Erfolge mit Catgut als früher; ob gerade die Bruch- 
pfortennaht durch Anwendung des Catgut gewinnt ist Prof. Tavel fraglich. 

Dr. Latus constatirt, dass seine mit Dr. Flach auf der chirurgischen Klinik unter¬ 
nommenen zahlreichen Untersuchungen über Nahtmaterial die Vorzüge des antiseptischen 
vor dem aseptischen zur Evidenz bewiesen. 


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189 


Prof. GHrard hat seinen Catgnt seit jeher mit wässerigen Lösungen yon Antisepticis 
desinficirt. Seine Bereitungsweise, die ihm stets gute Resultate gegeben, ist folgende: 
1) Gründliche Entfettung mit S<^mier8eife, dann Erhitzung auf 145® während 7*—^^1 
Stunde, nun ganz langsame Abkühlung; Einlegen während 8—12 Stunden in wässerige 
l®/oo HgJs-Lösung und schliesslich Auf bewahren in l®/oo alcoholischer HgJs-Lösung. So 
bereiteter Catgut ist auch bacteriologisch oft, aber immer mit negativem Resultat unter¬ 
sucht worden. Das Hg*Jodid zieht Girard dem £[g-Chlorid entschieden vor, bei gleicher 
Desinfectionskraft wirkt es doch weniger toxisch, indem das Molecül des ersteren bedeu¬ 
tend weniger Hg enthält, als das des letzteren. 

Prof. Tavel glaubt, dass das Erhitzen im Ofen bei dieser Bereitungsweise eigentlich 
überflüssig sei; Prof. Oirard behält dieses Procedere gern bei, er müsste sonst den Catgut 
länger als nur 8—12 Stunden in der wässerigen Jodidlösung belassen, wobei dieser aber 
leicht brüchig würde. 

Dr. Dumoni erwähnt, dass er nie vom Catgut abgegangen sei; auch vom früher 
gebrauchten Juniperuscatgut, dessen Präparationsweise bacteriologisch wohl anzufechten 
sei, habe er klinisch doch ganz gute Erfolge gehabt. 

2) Dr. Lam: Demonstration zahlreicher Pholeg^me von chirurgischen, in Pom¬ 
peji aufgefundenen Apparaten und Instrumenten. 

Keine Discussion. 

, 3) Dr. Bich: Demonstration frisch exstirpirter VtenisadBexe (Tuben und Ovarien), 

die klinisch das ausgesprochene Bild der Genitaltuberculose darboten. Die 27jährige 
Patientin (Yirgo) litt seit zwei Jahren an öfters sich wiederholenden Pelvioperitonitiden 
und in den letzten Monaten an beständigen Schmerzen im Unterleib. Da trotz der man¬ 
nigfachsten Behandlung keine Besserung eintrat, suchte sie chirurgische Hülfe zur Hebung 
ihrer Leiden. 

Der Befund ergab einen kleinen antefleotirten Uterus, rechts und links daneben 
stark bleistiftdicke, harte Stränge; deijenige der rechten Seite vergrösserte sich nach der 
peripheren Seite zu einem zwetschgengrossen harten Tumor.. Diagnose: Tuberculosis 
tubarum, da Gonorrhoe absolut auszuschliessen war. 

Die Operation bestätigte die Diagnose. In der rechten Tube war ein zwetschgen¬ 
grosser käsiger Herd, beide Tuben stark hypertrophisch, hart; beim Durchschneiden quoll 
die Tubenschleimhaut in der Form fungöser Granulationen aus dem Lumen heraus. 

Die Tubenaffectionen, die durch Gonorrhce hervorgerufen werden, bieten meist ein 
ganz anderes Bild dar und stellen dünnwandige, wellenförmig verlaufende, weite Säcke 
dar. Hierzu bemerkt Referent, dass hierzulande die gonorrhoischen Tubenaffectionen 
weit seltener verkommen als anderswo, was aus vielen Operationsstatistiken ersichtlich 
ist; der Grund hievon mag darin liegen, dass Gonorrhoe weniger verbreitet ist als in 
andern Ländern und namentlich in grossen Städten; vielleicht haben auch bei uns die 
gonorrhoischen Affectionen der weiblichen Genitalien weniger Neigung, in die höhem 
Partien derselben zu ascendiren. 

Die bacteriologische Untersuchung ergab ein negatives Resultat, da keine Tuberkel¬ 
bacillen nachgewiesen werden konnten. Patientin zeigt sonst nirgends Erscheinungen von 
Tuberculosis. 

Zur Zeit der Einreichung des Referates, 11 Tage nach der Operation, ist Patientin 
geheilt und hat alle ihre Beschwerden im Unterleib verloren. 

ln der Discussion bemerkt Prof. Tavel, dass der Umstand, dass bei der bac- 
teriologiscben Untersuchung des Präparates nichts von Culturen gewachsen sei, sehr für 
Tuberculose spreche; allerdings gebe es auch wieder Salpingitiden mit Granulationen und 
Eiterbildung, wo bacteriologisch nichts wachse und die doch nicht tuberculösen Characters 
seien. 

Von Dr. Bumoni und Dr. Bich wird hervorgehoben, wie die dünnwandigen, am- 
pullenfSnnigen, mit dünnflüssigem Eiter gefüllten Säcke typisch für die gonorrhoische 


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190 


Salpingitis seien und wie sie den Patienten durch die Möglichkeit des Platzens bei An¬ 
strengungen und Untersuchungen gefährlich werden können. 

4) Das Präsidium begrUsst den bisherigen Sanitatsreferenten Dr. Schmid als Dtrector 
des DSD creirten schweizerisehen OesnidheilSAiites. 

5) DenenstratiOB des Modells einer telephonlsehen Kofelsonde, speciell für den 
Felddienst, durch Hrn. Dr. Mieville von St. Imier: Im August laufenden Jahres hatte ich Ge¬ 
legenheit, die j^e^Psche telephonische Sonde zur Diagnose und Extraction einer 7 mm Reyol- 
verkugel aus der Schädelcapsei anzuwenden. Ein 33 Jahre alter Mann in St. Immer er¬ 
hielt einen Revolverschuss in die linke Schläfe: Einschussöffnung mit geschwärzten Rändern 
in der Mitte zwischen Meatus acustic. ext. und Linea semicirc. os. front. Eine Stunde 
nach dem Vorfall Erscheinungen von Himdruck. * Puls 48. Keinerlei Lähmungserschei¬ 
nungen, welche auf eine Verletzung von Hirnsubstanz deuten würden. Herr Prof. Girard, 
um eine Consultation gebeten, hatte die Freundlichkeit, noch gleichen Abends die Ex¬ 
traction des Projectils vorzunehmen. Er improvisirte mit einem Handtelephon eine tele¬ 
phonische Sonde, indem an der einen Leitungsschnur ein silberner Löffel, an der andern 
eine solche Sonde angebracht wurde. Der Löffel wird in den Mund des Patienten placirt, 
die Sonde in den Schusscanal eingeführt. Sie stösst in der Tiefe von ca. 3 cm auf einen 
harten Körper, wobei im Telephon ein sehr deutliches »Clik^ gehört wird, d. h. der 
harte Körper ist das gesuchte Projectil oder ein Stück desselben. Die Extraction des 
stark deformirton Geschosses gelingt nach breiter Durchschneidung des M. temporalis und 
Entfernung kleinerer Knochensplitter ohne besonderen Zufall. In der circa 1 cm langen 
ovalen Oeffnung der Pars squamos. alse magnse os. sphenoüd. präsentirt sich nach Ent¬ 
fernung des Geschosses das Gehirn. Es verdient erwähnt zu werden, dass eine 7 mm 
Revolverkugel zu einem guten Bruchtheil in die Sohädelhöhle eingedrungen ist ohne das 
Gehirn zu verletzen. Die Kugel plattete sich nach Durchdringung der Schläfenbein¬ 
schuppe an der resistenten Knochenmasse des grossen Keilbeinflügels ab. Die Heilung 
erfolgte ohne Störung unter Jodoformgazetampons durch Granulation. Im Verlaufe der 
Heilung tritt keine Temperaturerhöhung ein. Druckpnls besteht noch an einigen Tagen 
nach der Operation« 

Der eminente Nutzen der telephonischen Sonde zu einer raschen, keinen Zweifel 
zulassenden Diagnose des Sitzes des metallischen Fremdkörpers ist in die Augen springend. 
Die Wünschbarkeit, ein handliches Instrument zu besitzeo, das die nicht immer und 
überall mögliche, jedenfalls auch zeitraubende Improvisation einer telephonischen Sonde 
mit Hülfe öffentlich Telephone ersetze, veranlasste Herrn A. Weber, technischen Director 
der Fabrik electrischer Apparate in Sonceboz, ein solches Instrument zu combiniren, das 
für den Chirurgen und ganz besonders für Kriegschirurgie in Ambulancen und Militär¬ 
spitälern stets zur Hand sei. 

Der ganze Apparat lässt sich in einer Rocktasche leicht unterbringen und besteht 
aus einem kleinen, sehr feinen Telephon, das mit Hülfe eines Lederriemens am „bessern^ 
Ohr befestigt wird, aus zwei Leitungsschnüren, von denen die eine eine silberne Platte trägt, 
die andere das beliebige Einfügen von Sonden, Punctionsnadeln, Kugelzangen etc. ge¬ 
stattet. Ein Brett aus Nussbaumholz erlaubt, Telephon, Sonden und Leitungsschnüre nach 
Art der Angelschnüre schonend aufzuheben. 

Ueber telephonische Sonden hat Herr Dr. Bubois im medicinisch-pharmaceutischen 
Bezirks verein von Bern einen Vortrag gehalten. (Correspondenzblatt für Schweizer Aerzte, 
Jahrg. XVm, 1888.) 

Die Beschreibung des ursprünglichen von Harwey Girdner combinirten Apparates 
befindet sich in der illustrirten Monatsschrift der ärztlichen Polytechnik (X. Jahrg., 1888, 
pag. 229 u. w.). Besonders einlässlich wurde die telephonische Sonde in der Kocher^schen 
Festschrift (1891) von Dr. Kaufmann in Zürich behandelt, welcher einen von ihm com¬ 
binirten Apparat angibt, welcher den ursprünglichen Apparat von Girdner vervollkommnet 
Erstannlicherweise begnügt sich Dr. Kaufmann mit der Aussicht, jeweilen ein Telephon 


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191 


zur ImproYisation einer telephonischen Sonde zu finden. Eine solche Hoffnung wird ge¬ 
rade im Kriegsfall trugen. Der vorgewiesene Apparat hingegen steht dem Militärarzt 
stets zur Verfügung. 

In der Discussion wird die Brauchbarkeit des Instrumentes von den HH. Ober¬ 
feldarzt Ziegler, Prof. Girard, Dr. Ihibois und Dr. Dumoni hervorgehoben. 


Referate und Kritiken. 


Die Aethernarcose. 

Von Prof. Dr. C, Garrh, I. Assistenzarzt der Chirurg. Klinik Tübingen. H. Laupp'sche 
Buchhandlung Tübingen 1893. 8® geh. 48 S. Preis Fr. 1. 35. 

Seitdem durch genaue statistische Erhebungen festgestellt wurde, dass man bei 
Anwendung von Chloroform für Narcose einen ungleich viel grösseren Procentsatz von 
Todesfällen zu beklagen hat, als bei Aetherisirung, hat der Aether auf dem Oontinent 
wieder festen Fuss gefasst. Langsam bekennt sich ein Chirurg nach dem andern wieder 
dazu und es spricht jedenfalls für dieses Narcoticum, dass, wer es eine Zeitlang versucht 
hatte, nicht mehr zum Chloroform zurückgriff. Immerhin ist „Hie Aether I — Hie 
Chloroform I“ noch ein eigentlicher Streitruf. 

Die objectiv und anziehend geschriebene Arbeit Garrh\ wird von allen Aether- 
freunden mit Freuden begrübst werden und dem Aether auch neue Freunde gewinnen. 
Es ist keine Streitschrift, sondern eine sachliche Darstellung von Allem, was die Aether¬ 
narcose betrifft auf Grund eigener (1200 Narcosen) sorgfältig bearbeiteter Erfahrungen. 
Licht- und Schattenseiten werden gleichmässig hervorgezogen und doch spricht aus der 
Arbeit eine Begeisterung für den Aether und eine Ueberzeugung, der man sich nicht 
verschliessen kann! 

Zuerst wird die Geschichte der Aethernarcose kurz behandelt; interessant ist 
für uns, dass auf dem Continente Chirurgen der Schweiz fast die ersten waren, die sich 
dem Aether wieder zuwandten {Julliard, Roux, Dumont und Fueter) und zur Verbreitung 
der Aethernarcose wesentlich beitrugen. Im Capitel Technik empfiehlt ß. die Jiilliard^- 
sehe Maske (besonders in der Modification von Dumonf) und gibt auch Anleitung zum 
Improvisiren von Aethermasken, was für den practischen Arzt unter Umständen wichtig 
ist. Ueber Technik- und Narcosenverlauf braucht wohl kaum eingehender 
referirt zu werden im ärztlichen Blatte eines Landes, wo an den meisten grossem In¬ 
stituten die Aethernarcose eingefübrt ist und die meisten practischen Aerzte Gelegenheit 
batten, dieselbe durch Anschauung kennen zu lernen. 

Mit lauten Zungen redet für die Aethernarcose die Besprechung eigener und fremder 
Untersuchungsresultate über die physiologische Wirkung der Aetherinhalation: 
Der Blutdmck ist erhöht, die Pulsstärke gesteigert, die Herzaction regelmässig (in 
mehrem Fällen hoben einige Aetherinhalationen den durch Chloroform schlecht ge¬ 
wordenen Puls rasch wieder). 

Das Herz ist also nur in zweiter Linie bedroht; zuerst lähmt der Aether das 
Respirationscentrum’ und hier ist durch künstliche Respirationen wohl immer noch zu 
helfen. Das Gespenst der Aethernephritis existirt nicht! — Erbrechen sah G, in 
25®/o während und in 40®/o nach der Narcose und schreibt es hauptsächlich dem zähen 
Schleim im Rachen und dem Ekel über die lange nach Aether riechende Exhalationsluft 
zu. — Die Schleimansammlung im Rachen und in der Luftröhre hat nichts zu bedeuten. 
Wer gewohnt ist, mit Chloroform zu arbeiten, der wird allerdings durch dieses beständige 
Röcheln erschreckt; es führt aber dieser schaumige Schleim nie zu ernsten Respirations- 
hindemissen. 

Ein Blick auf die Statistik der Todesfälle wird die Chloroformfreunde jedenfalls 
zom Nachdenken zwingen. Es figuriren da 350500 Aetheraarcosen mit 25 Todesfällen 


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192 


(1:14000), daneben 133729 Chloroformnarcosen mit 46 Todesföllen (1:2907)! — 
Contraindicationen gegen Aetherisirong sind nur Erkrankungen des Respirationstracius 
und die Nähe des Glübeisens. 

Die anziehend geschriebene Arbeit mit ihrer Fülle von Anleitung und practischen 
Bemerkungen kann jedem Arzte angelegentlich empfohlen werden, sei er nun Aether- 
oder Chloroformfreund. C. Hmgler, 


Lehmann’s medicinische Taschenatlanten. 

Band II. Geburtsbülfe U. Theil. Geburtshülfliche Diagnostik und Therapie. Mit 145 
Abbildungen von Dr. 0. Schäffer, München, J. F. LeWann, 1894. Preis 8 Mark. 
Geber den ersten Band wurde im Jahrgang 1892 dieses Blattes pag. 679 referirt. 
Der vorliegende Band ist eine Ergänzung des ersten, insofern er sich mit der anatomischen 
Basis der physiologischen und pathologischen Erscheinungen in der Schwangerschaft und 
während der Geburt befasst und daraus die diagnostischen Merkmale und die Indicationen 
für die Therapie ableitet. — Ein knapper, in Form von festen Lehrsätzen aufgesetzter 
Text erhöht die Brauchbarkeit des kleinen Atlas für den practischen Arzt. — Die 
Technik in der Herstellung der Tafeln ist bedeutend vervollkommnet; zahlreiche Original- 
zeichungen sind in instructivem und grossentheils recht schönem Buntdruck ausgeführt. 
In einem Schlusscapitel sind die geburtshülüich nothwendigsten, Recepte, Instrumente und 
Vorschriften für Asepsis und Antisepsis zusammengestellt. Im Yerhältniss zu dem, was 
das Werk bietet, ist der Preis ein sehr mässiger. E. Haffter. 


Real-Encyclopädie der gesammten Heilkunde. 

Medicinisch-chirurgisches Handwörterbuch für practische Aerzte. Unter Mitvrirkung zahl¬ 
reicher Gelehrter herausgegeben von Prof. Dr. Alb, Eulenburg, Mit zahlreichen Illu¬ 
strationen in Holzschnitt und Farbendrucktafeln. 3. gänzlich umgearbeitete Auflage. 

Wien und Leipzig, Urban & Schwarzenberg. Preis pro Lieferung M. 1. 50. 

Vor uns liegt der erste Band (1.—10. Lieferung) dieses monumentalen Riesen¬ 
werkes, auf dessen grosse Bedeutung in diesem Blatte schon mehrmals hingewiesen wurde. 
(1879 pag. 583; 1885, 1886 und 1887.) Das ganze Werk, ca. 20 Bände stark, wird 
im Verlaufe der nächsten 5 Jahre in regelmässigen Zwischenräumen erscheinen. Der 
Herausgeber an der Spitze von 128 Mitarbeitern, für jede specielle Disciplin anerkannte 
Autoritäten, stellt sich die riesenmässige Aufgabe, Alles, was immer zum Besitz der 
medicinischen Wissenschaft und Praxis gehört, in gedrängter Form aber vollständig und 
übersichtlich zusammenzustellen. — Für den Arzt, der nicht in der Lage ist, Special¬ 
archive sich anzuschaffen und zu studiren, bildet dieses Werk ein unschätzbares Besitzthum, 
ein Nachschlagebuch für alle ihn im Laufe der Praxis berührenden Fragen, einen 
Ersatz für eine complete medicinisch - chirurgische Bibliothek. Die einzelnen Artikel 
sind von practischer Kürze, meist vorzüglich abgefasst und ermöglichen, durch jeweilige 
genaue Literaturangabe am Schlüsse, mühelos ein tieferes Eindringen in die betreffende 
Materie. 

Band I behandelt: Aachen—Antisepsis. Von dem reichen Inhalt seien erwähnt 
und besonders hervorgehoben die Artikel: Abasie (Ziehen)] Abdominaltyphus (Zueleer) mit 
guten Holzschnitten und schönem Farbendruck; Abführmittel (Lewin)] Abortus (Hofmann)] 
Abscess (Albert); Accommodation (Schmidt-Bimpler)] Acne (Kaposi)] Actinomycose (Birch- 
Eirschfeld) ; Agarophobie (Binswanger) ; Albuminurie (Munh) ; Amputation (Qurlf) ; Angina 
pectoris (A, Fr(Bnkel)] Antisepsis und Asepsis (Küster). 

Die Ausstattung des Werkes ist, wie man das von der verlegenden Firma gewohnt 
ist, eine vorzügliche. Es soll hier über jeden erschienenen Band einlässlicher referirt 
werden. E. Haffter. 


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193 


Oantonale Ooinreeipondeiizeii« 


Oenf. Biae Ustoiisehe Aasstelluf aaf den Gebiete der Hedlela and Phar- 
mele. Herr Apotheker Burkhard Beher in Genf hat das erste Vierteljahrhundert seiner 
pharmacentischen und schriftstellerischen Thätigkeit mit der Ausstellung seiner reichen 
in Beziehung zur Geschichte der Heilkunde stehenden Sammlungen abgeschlossen. 

Einem grossen Saale des Mus6e des arts d6coratifs wurde zu diesem Zwecke, soviel 
es die Umstande erlaubten, das Ansehen einer mittelalterlichen Apotheke verliehen. 
Dazu tragt besonders die Errichtung eines mit antiken Apparaten behängten und über¬ 
stellten Herdes mit Kamin nicht wenig bei. Auf Gestellen, Piedestalen und in Glas¬ 
schranken stehen etwa 400, theilweise aus den berühmtesten Töpfereien Europa’s stam¬ 
mende alte Apothekergefässe, in Majolika, Fayence und Porzellan. Als grossartige 
Museumsstücke müssen besonders angesehen werden: ein grosser in maurischem Style ge¬ 
haltener Topf aus Palermo, etwa 20 Stücke aus Urbino und Casteldurante in pracht¬ 
vollem Farbenglanze, ungefähr 70 Stücke aus Savona, Genua, Mailand, 5 Gefasse aus 
der Töpferei Winterthur des XVII. Jahrhunderts, u. s. w. Dann sind vorhanden etwa 
400 sehr verschieden geformte Glasgefasse mit eingebrannten Schildern, über 30, z. Th. 
grosse, meistens mit Wappen, Inschriften und Ornamenten gezierte Bronzemörser aus der 
deutschen Schweiz. Dann Saugdaschen für Kinder und Kranke, Reiseapotheken, Gewichte, 
Wagen, aller Art sowohl in der Apotheke als in der Chirurgie und Medicin angewandte 
Apparate, viele Droguen früherer Zeiten und Specialitaten. Drei Glaskästen sind mit 
Portraitmedaillen gefüllt; unzählige Portraitstiche zieren die Wände, sodass man hier über 
1000 Portraits von Medicinem, Naturforschern, Chemikern u. s. w. zu studiren Gelegen¬ 
heit hat. Besonders zahlreich liegt auf, die alte therapeutische Litteratur: Pharmacopoen, 
Kräuterbücher, Werke über Chemie, Botanik und medicinisch-pharmaceutische Geschichte, 
viele Manuscripte (worunter ein Pergamentband der Alexandrin. Schule aus dem XII. Jahr¬ 
hundert), Documente, Diplome von Aerzten, Chirurgen und Apothekern, Receptsammlungen, 
Correspondenzen berühmter Aerzte, Apotheker und anderer Naturforscher, überhaupt noch 
viele Gegenstände aller Art, welche sich mit der Pharmacie oder der Medicin in Be¬ 
ziehung bringen lassen. Es mögen im Gtinzen wohl bei 3000 Nummern sein, was füg¬ 
lich zu der Voraussetzung berechtigt, dass diese kostbare Sammlung einzig in ihrer Art 
dasteht. Dass es aber nichts Neues unter der Sonne gibt, beweisen wieder eine Anzahl 
dieser Antiquitäten. 

So fand Herr Beher in einer Reiseapotheke des XVII. oder Anfangs XVHI. Jahr¬ 
hunderts eine mit Flüssigkeit gefüllte Glasperle, wie sie jetzt für sterilisirte Flüssigkeiten 
im Gebrauche sind. Eine ganz in getriebenem Kupfer dargestellte Lampe der Sammlung, 
aus einer alten Winterthurer Apotheke, diente wohl lange vor Humphry Bavy als Keller¬ 
lampe und doch gleicht sie den Sicherheitslampen für Kohlenbergwerke auf ein Haar. 
Ein Biberon in Glas, mit Luftloch mitten in der Ausbauchung, neu patentirt vor ein 
paar Jahren, hat hier einen 200jährigen Vorgänger gefunden. Wie die hier ausgestellten 
altgriechischen und römischen Augenbädergefässe beweisen, haben diese die nämliche 
Form bis auf unsere Tage bewahrt. Und so steht es noch mit manchen andern Dingen. 

Für medicinisch-pharmaceutische Kreise sehr interessant erscheint eine grosse Vase 
aus Holz mit der Aufschrift „Theriaca Andromachi^. Es dürfte dieses der ofücielle Be¬ 
hälter sein, worin in früheren Jahrhunderten in Genf der Theriac öffentlich dargestellt 
wurde. Solche Gefässe sind äusscrst selten geworden und man erinnert sich des grossen 
Aufsehens, welches die Auffindung eines solchen Gefasses vor einigen Jahren in der 
Pariser medicinischen Fakultät verursachte. Wer Zeit findet, die Ausstellung des Herrn 
B, Beher zu besuchen, der versäume dieses nicht. Es dürfte sich wohl nicht so schnell 
wieder eine so glänzende Gelegenheit finden, die Geschichte unserer Wissenschaft an der 
Hand einer Sammlung zu studiren. Dr. Ckyrnte, 


13 


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194 


W ooliLeiil>ei*iclit. 

Schweiz. 

— Das seit Neujahr erscheinende und jedem schweizerischen Arzte gratis zuge¬ 
stellte SeBltariseh-denofniphtsche Woeheebllleiie ist ein erstes, sichtbares Geschenk, 
welches unser neu geschaffenes Gesundheitsamt (an der Spitze nnser viel verdienter ehe¬ 
maliger Sanitätsreferent) in Verbindung mit dem statistischen Bureau uns zukommen 
lässt und wofür wir ihm recht dankbar sein dürfen. Das Bulletin bringt uns die wich¬ 
tigen und exacten Zusammenstellungen des seit Jahren unermüdlichen und schöpferischen 
statistischen Bureau (Director Guillaume) und — zweisprachig — alles Wissenswerthe 
über die epidemischen Krankheiten im Ausland und alle das schweizer. Gesundheitswesen 
betreffenden Erlasse. Am Ende des Jahres wird der schweizer. Arzt einen stattlichen 
Band in Händen haben, der ihm als Nachschlagebuch bald unentbehrlich sein dürfte. — 


milfiikMfle für Schwelxer Aerzte and Barekhardt-Baader- 

Stlftong. 

Verehrte Collegenl 

Wir brauchen den Zahlen der nachfolgenden Rechnung wenig beizufügen, da sie 
für sich selbst deutlich sprechen. Unsere Ausgaben für Unterstützungen sind im Laufe 
der letzten beiden Jahre bedeutend gestiegen (von 3440 auf 6090 Fr.), unsere Einnahmen 
ungeföhr gleich geblieben; dem entsprechend ist die Zunahme des Vermögens die zweit¬ 
niedrigste seit dem Bestände der Kasse. Wir betreten das neue Jahr mit Verpßichtungen, 
welche schon die Höhe des Vorjahres erreichen, und neue Begehren melden sich. So 
sind wir denn mehr als je in der Lage, nicht nur die alten Freunde der Kasse um ihre 
fernere thatkräftige Unterstützung zu bitten, sondern an die Mitwirkung Aller zu appelliren, 
um das segensreiche Werk in bisheriger Weise weiter führen zu können. 

Bern und Basel. Der Präsident der schweizerischen Aerztecommission: 

Prof. Th, Kocher, 

Der Verwalter der Hülfskasse: 

Dr. Th, Lotz-Landerer, 


Bllfte Reehaong von 1. Junar bis 31. Deeenber 1893. 

Einnahmen. Fr. Ct. 

Saldo alter Rechnung 


Beiträge für die Hülfskasse: Anzahl 


Aus 

dem 

Canton 

Aargau 

16 zus. 230) 
‘)1 & 160/ 

^ 17 

380. 

— 

T> 

ff 

ff 

Appenzell 

1 k 10\ 
*) 1 k 100/ 

2 

110. 

— 

n 

ff 

ff 

Baselstadt 

29 

940. 

— 

w 

ff 

ff 

Baselland 


4 

60. 

— 

» 

ff 

ff 

Bern 


66 

1195. 

— 

ft 

ff 

ff 

Freiburg 

3 zus. 30) 
*) 1 k 30/ 

^ 4 

60. 

— 

J! 

ff 

ff 

St. Gallen 

26 zus. 720) 
') 1 k 200/ 

[ 27 

920. 

— 

V 

ff 

ff 

Genf 

7 

105. 

— 


ff 

ff 

Glarus 


2 

50. 

— 

Ji 

ff 

ff 

Graubünden 


13 

160. 

— 


N 



Uebertrag 

171 

3980. 

— 


') Beiträge 

von Vereinen. 






Fr. Ct. 
659. 15 


659. 15 


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195 




Anzahl 

Fr. 

Ct. 

Aus 

üebertrag 

171 

3980. 

_ 

1 dem Canton Luzern 

14 

220. 

- 


„ „ Neuenburg 

7 

125. 

_ 

1» 

^ „ Schaffhausen 

1 

5. 



y, yf Schwyz 

4 

60. 


m 

^ „ Solothurn 

9 

155. 

_ 


^ n Tessin 

27 

157. 

_ 

n 

, , Thurgau 

6 

185. 

_ 

n 

„ y, Unterwalden 

2 

20. 

_ 

n 

» , üri 

2 

25. 

- - 


„ , Waadt 

16 

370. 

_ 

n 

- . Zug 

6 

60. 

_ 

n 

« , Zürich 

66 

1250. 

— 



331 




Von Diversen: 




Von 

Herrn Dr. Eduard Hess in Cairo 

1 

25. 


n 

„ „ Hensser in Davos-Platz zum Andenken 





an seinen Vater, Herrn Dr. Heusser-v. Flugi sei., 
früher Arzt in Richtersweil 

1 

150. 


n 

Ungenannt 

1 

4. 

_ 

n 

Herrn Dr. Zürcher in Nizza 

1 

40. 

_ 


„ „ Wilh. Odermatt in Rapperswyl Namens 

der Hinterlassenen zum Andenken an ihren ver¬ 
storbenen Vater, Herrn Dr. Adolf Odermatt- 
Hottinger sei., früher Arzt in Beckenried 

1 

200. 



Herrn Dr. F. Born in Buenos-Aires durch tit. 





Solothurner Kan tonalbank 

1 

50. 


Anonym, Ueberschuss einer Reohnung 

Legat von Fräulein Eleonore Gattiker sei. in Bern als 

1 

7. 

60 


Andenken an ihren Vater 

1 

100. 

_ 

Von 

Herrn Dr. Emil Welti in Paris 

1 

10. 

_ 

•» 

der Verlassenschaft des Herrn F. Paravicini-Trümpy 




sei. in Ennenda zu dessen Andenken 

1 

500. 

— 



10 




Beiträge für die Burckhardt- 




Baader-Stiftung: 




Aus 

dem Canton Appenzell 

*) 1 

50. 

_ 

yf 

,, y, Baselstadt 

1 

25. 

_ 

yt 

yy 1 » Bern 

2 

25. 

_ 

*» 

n y, St. Gallen 

2 

110. 

_ 

« 

r, V Luzern 

1 

10. 


n 

rt V Solothurn 

1 

10. 


n 

^ fl Tessin 

0 1 

100. 

_ 

V 

fl fl Thurgau 

1 

10. 

_ 

yj 

fl fl Waadt 

1 

20. 

_. 

V 

fl fl Zürich 

1 

10. 

— 


üebertrag 

12 




Beitrage von Vereinen. * 


Fr. Ct. 
659. 15 


6,612. - 


1,086. 60 


370. — 
8727. 75 


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196 


Anzahl 

Von Diversen: üebertrag 12 

Von Herrn Dr. Heusser in Davos-Platz zum Andenken 
an seinen Vater Herrn Dr. Heusser-v. Flugi sei., 
früher Arzt in Richtersweil 1 

Capitalien: 

Rückzahlung der Bank in Basel 

„ des Cantons Neuenburg 2 Oblig. 4 4®/o 

Capitalzinse: 
wovon Zinsen der Hülfskasse 

„ , der Burckhardt-Baader-Stiftung von Fr. 14,921.— 

4 37470 

Agiogewinnst auf den angekauften Fr. 3000, Oblig. der 
Stadt Zürich a 977o 

Ausgaben. 

1. Capitalanlagen 

2. Bezahlter Marchzins auf den angokauften Oblig. der Stadl 

Zürich 

3. Depositengebühr, Incassoprovision etc. an die Bank in Basel 

4. Frankaturen und Posttaxen 

5. Druckkosten und dergleichen 

6. Verwaltungskosten 

7. Unterstützungen an 6 Collegen in 17 Spenden 

„ ,13 Wittwen von Collegen in 71 Spenden 

und zwar aus der Hülfskasse Ft, 5530. 46 

ans der Burckhardt-Baader-Stiftung, deren 

Zinsen , 559. 54 

Zusammen 88 Spenden an 19 Personen Fr. 6090. — 

8. Baarsaldo auf neue Rechnung 


Fr. Ct. Fr. Ct. 

8,727. 75 


150. — 150. — 

910. 40 

2000. ~ 2,910. 40 

2,652. 68 

2093. 14 

559. 54 
2652. 68 

90. — 
14,530. 83 

7,000. ~ 

44. 30 
58. 78 
64. 18 
176. — 
141. 75 

1280. — 

4810. — 6,090.- — 


955. 82 


Die eigentlichen Einnahmen sind: 

Freiwillige Beiträge von Aerzten für die Hülfskasse 6612. — 

Diverse Beiträge für die Hülfskasse 1086. 60 

Freiwillige Beiträge von Aerzten für die Burckhardt-Baader- 

Stiftung 370. — 

Eine Gabe zum Andenken an einen Verstorbenen 150. — 

Eingegangene Capitalzinse 2652. 68 

Agiogewinnst 90. — 

Die eigentlichen Ausgaben sind: 

Die Posten 2—7 wie oben 


Also Mehreinnahme gleich dem Betrag der Vermögenszunahme 

Status. 

Verzinsliche Rechnung der Bank in Basel 
84 bei der Bank in Basel deponirte Schuldtitel 
Baar-Saldo 

Summe des Vermögens am 31. December 1893 


14,530. 83 


10,961. 

28 

6,575. 

01 

4,386. 

27 

2,281. 

26 

72,000. 

— 

955. 

82 

75,237. 

08 


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197 


Dasselbe besteht aus 

dem Fond ohne besondere Bestimmung (Hülfskasse) 
der Burokhardt-Baader-Stiftnng 

Am 31. December 1892 betrug das Vermögen: 

Fond ohne besondere Bestimmung 
Burckhardt-Baader-Stiftung 

Zunahme im Jahre 1893 


Fr. Ct. Fr. Ct. 
59796. 08 

15441. — 75,237. 08 

55929. 81 

14921. — 70,850. 81 

4,386. 27 


Nämlich Zunahme des Fonds ohne besondere Bestimmung 



(Hülfskasse) 




3866. 27 


Zunahme der Burckhardt-Baader-Stiftung 


520. — 







4386. 27 


Jahr 

Freiwillige 
Beiträge 
von Aerzten 

Diverse 

Beiträge 

Legate 

Unter¬ 

stützungen 

Bestand der 
Kasse Ende 
des Jahres 

Vennögens- 

zunahme 


Fr. Ct. 

Fr. Ct. 

Fr. 

Fr. Ct. 

Fr. Ct. 

Fr. Ct. 

1883 

7,042. — 

530. — 

— 

— . — 

7,396. 95 

7,396. 95 

1884 

3,607. — 

100. — 

— 

— . — 

11,391. 91 

3,994. 96 

1885 

7,371. — 

105. — 

2,500 

200. — 

21,387. 06 

9,995. 15 

1886 

7,242. — 

25. — 

2,000 

1,530. - 

29,725. 48 

8,338. 42 

1887 

7,183. — 

140. — 

1,000 

2,365. ^ 

36,551. 94 

6,826. 46 

1888 

5,509. 50 

285. — 

1,000 

3,153. 35 

41,439. 91 

4,887. 97 

1889 

6,976. — 

156. 85 

— 

3,575. 35 

46,367. 47 

4,927. 56 

1890 

11,541. — 

375. — 

2,300 

3,685. — 

58,587. 31 

12,219. 84 

1891 

6,345. — 

103. 75 

2,000 

3,440. - 

65,671. 30 

7,083. 99 

1892 

6,737. — 

485. — 

1,000 

5,180. — 

70,850. 81 

5,179. 51 

1893 

6,982. — 

1,136. 60 

100 

6,090. — 

75,237. 08 

4,386. 27 


76,535. 50 

3,442. 20 

11,900 

29,218. 70 


75,237. 08 


Fr. 91,877. 70 

Basel, Januar 1894. Der Verwalter: Dr. Th, Lotz-Landerer, 


Basel, den 3. März 1894. 

Herrn Professor Kocher,^ Präsident der schweizer. Aerzte^Commission in Bern. 

Hochgeehrter Herr! 

Die Unterzeichneten haben die Rechnung der Hülfskasse für Schweizer Aerzte pro 
1893, ausgestellt und vorgelegt von dem Herrn Verwalter Dr. Theoph, Lötz-Länderer^ 
geprüft, die Posten der Rechnung mit den Einträgen in den Büchern verglichen und den 
Titelbestand mit dem Depositenscheine der Bank in Basel confrontirt. 

Diese Prüfung hat die Richtigkeit der Rechnung in allen ihren Theilen ergeben, 
so dass wir beantragen, es möge dieselbe gutgeheissen und dem Verwalter, Herrn Dr. Lotz^ 
alle seine Arbeit und Bemühung bestens verdankt werden. 

Der Ghing und Stand dieser Rechnung lässt erkennen, dass das allgemeine Bekannt¬ 
werden der Leistungen der Kasse eine stetige Vermehrung der Ausgaben nach sich zieht, 
mit der die Vermehrung der Einnahmen nicht Schritt hält, und ebenso, dass die ver¬ 
schiedenen Landestheile sich in sehr ungleichem Maasse durch Beiträge betheiligen. Dies 
mag den Wunsch rechtfertigen, es möchten alle in günstigeren Verhältnissen lebenden 
und wirkenden Aerzte der Schweiz nach dem Maasse ihrer Kräfte an dem patriotischen 
Werke mitwirken. 

Hochachtungsvoll empfehlen sich Ihnen 

Die Rechnungsrevisoren: 

Prof. Fr, Burckhardi, E, Iselin, Dr. Eud, Massini. 


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Aerzte 1893 


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— Mit Freude nehmen wir Notiz von der Errichtung einer Professor fBr Hyifieine 
am eidl^enSssischen PolytechnikoB« Damit ist ein schon vor 10 Jahren durch die 
schweizerische Aerztecommission aufgestelltes Postulat erfüllt worden. Gewählt wurde 
auf den neu creirten Lehrstuhl Dr. Otto Bolh vom hygieinischen Institut der Universität 
Zürich. Ihm sowohl, wie der durch diese Wahl vorzüglich ausgerüsteten Lehranstalt 
unsere besten Glückwünsche. 

— Zor Frofe der Dnentgfeltlichen Kronkenpleife. Negationen und Positionen 
von Dr. med. Gustav Beck in Bern, betitelt sich eine kürzlich bei Schmid, Francke & Co. 
erschienene Brochure, welche berechtigtes Aufsehen erregt hat, vor Allem durch die 
Originalität der darin gemachten Vorschläge und durch die consequente und sehr ge¬ 
schickte Durchführung einer ganz neuen, allerdings am Studirtische ausgedachten 
und practisch kaum realisirbaren Idee. — Nicht die Kranken, sondern die Gesunden 
sollen den Arzt bezahlen. Die Yolksgesundheit, der wichtigste Bestandtheil der allge¬ 
meinen Yolkswohlfahrt ist das Resultat der Functionen der zur Ausübung der Gesund¬ 
heitspflege concessionirten Gesundheitserhalter, der Aerzte, und daher soll der Patient 
für die gesunden Tage des Jahres, nicht für die Krankheitstage 
den Arzt entschädigen. 

Je gesunder die Bewohner eines Districtes bleiben, desto grösser ist die Einnahme 
des ihn besorgenden Arztes, desto beträchtlicher ist die Summe des von ihm einzu- 
kassirenden Gesundheitsgeldes, während jeder Krankheitstag eines ihm Anvertrauten eine 
Verdienst red uction für ihn bedeutet. — So geht das Privatinteresse des Arztes parallel 
mit demjenigen des Publikums; die Erhaltung eines vorzüglichen allgemeinen Gesund¬ 
heitszustandes bedeutet für ihn das einträglichste Geschäft; er soll aber auch verant¬ 
wortlich gemacht werden für die Gesundheit sämmtlicher Individuen seines Wirkungs¬ 
kreises etc. etc. (deren Lebensführung er natürlich in keiner Weise beeinflussen kann!). 

Sei es, dass der Verfasser durch ein Gegenstück den Greulich’schen Entwurf ad 
absurdum führen wollte oder aber, dass er an die Ausführbarkeit seiner Propositionen 
ernstlich glaubt — seine Brochure ist äusserst lesenswerth, sehr anregend geschrieben, 
und enthält Manches, das zum Nachdenken aufiPordert, und jeder College, der sich um die 
wichtigste der jetzt schwebenden socialpolitisehen Fragen interessirt — und das thun 
wohl Alle — sollte sie lesen. 

Das aber wollen wir hier noch betonen, dass auch die schweizerischen Aerzte, 
namentlich unter Anführung Sonderegger^a^ seit Jahren einen guten Tbeil ihrer Kraft der 
Gesundheitspflege zugewendet haben, ja dass, was überhaupt im Capitel Volksgesundheits- 
pflege geleistet worden, von jeher von den Aerzten ausgegangen ist und dass es der 
Einrichtung der projectirten „verkehrten Welt" jedenfalls nicht dazu bedarf, um sie in 
dieser Beziehung zu ihrer Pflicht zu führen. 

— Nachdem wir auf pag. 540 des letzten Jahrganges die von Herrn Hoffmann, 
elastische Strumpfwirkerei in Elgg, erfundene: Schweiz. Mütter- und Hebammenzeitung 
nach Gebühr beurtheilt, geziemt es uns, mitzutheilen, dass die Sache nun in ein besseres 
Fahrwasser gelenkt hat. Seit Neujahr erscheint unter der fachmünnischen Redaction des 
Herrn Dr. Häberlin in Zürich die Sekweizerisehe HebaBnenzeitani^, als Organ eines 
soeben an einem ersten schweizerischen Hebammen tag in Zürich gegründeten schweizer. 
Hebammenvereines und es ist zu hoffen, dass das so redigirte Blatt dazu beitrage, die 
in der Praxis stehenden und von der „Wissenschaft" abgeschnittenen Hebammen auf 
einem gewissen Niveau zu erhalten. 

Ausland. 

— Gesteigerte DamfkalBiss nad Haatexaathene. Es ist seit langem bekannt, 
dass eine wichtige Hauterkrankung, die Urticaria, mit Storungen im Digestionstractus in 
einem bestinunten Zusammenhang steht. So interessant dieser Zusammenhang an sich 
sein kann, blieb doch bis zum heutigen Tage die Natur desselben ohne Erklärung. Einen 
Versuch zur Lösung des Räthsols machte Singer^ indem er sich über die Zustände im 


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200 


Darmtractus durch eine genaue Untersuchung der abnormen Fäulnissproducte im Harne 
zu orientiren suchte. Er untersuchte regelmässig den Ham auf seinen Gehalt an Indican 
und an gepaarten Schwefelsäuren und kam zur Ueberzeugung, dass es eine Gruppe von 
Dermatosen giebt, bei welcher die Zeichen der gesteigerten Darmfäulniss mit grosser 
Regelmässigkeit auftreten und mit dem spontanen Ablauf der Affection wieder zuräck- 
gehen, während umgekehrt Massnahmen zur Bekämpfung der Darmstörnng einen nicht 
zu verkennenden heilenden Einfluss auf die Hauterkrankung ausüben. Ein fast constantes 
Symptom bei der idiopathischen Urticaria (ausgeschlossen sind natürlich Urticaria aus 
äusseren Ursachen, Epizoen, Dysmenorrhoe, u. s. w.) ist das Auftreten gesteigerter Indican- 
mengen im Harne; ausserdem beobachtet man regelmässig eine Vermehrung der Aus¬ 
scheidung der Aetherschwefelsäuren. Dieselben Erscheinungen fand Singer ebenfalls bei 
gewissen Formen von Acne vulgaris, und bei Pruritus senilis, so dass er dazu geführt 
wurde einen bestimmten Zusammenhang zwischen der Resorption der Fäulnissproducte 
und dem Hautausschlag anzunehmen. Die Darmaffection braucht nicht nothwendigerweiso 
von erheblichen Störungen mit äusserlich wahrnehmbaren Symptomen begleitet zu sein; 
die gesteigerte Fäulniss kann bei anscheinendem Wohlbeflnden vorhanden sein, während 
in anderen nicht seltenen Fällen Yerdauungsbeschwerden, Brechreiz, Aufstossen, Pyrosis, 
Trägheit des Darmes, Obstipation, Flatulenz, beobachtet werden können. Durch Dar¬ 
reichung von Menthol in Gelatinekapseln von 0,1 täglich 6—8 Stück, trat eine Rück¬ 
bildung der Hautaffection ein, während eine ausschliessliche Behandlung mit gelinden 
Abführmitteln zwar Besserung der Symptome, aber nie vollständige Heilung zur Folge 
hatte. E, Freund berichtet ebenfalls über Fälle von Erythema multiforme, in welchen 
eine Intoxication vom Darme aus angenommen wurde, und welche auf Darreichung von 
Calomel überraschend schnell heilten. (Wien. klin. Wochenschr. Nr. 3.) 

— Ab die Besocher des rtaisehea CoBfresses. Cook & Son, Luzern, theilen 
mit, dass ihre Firma mit allen Eisenbahngesellschaften Verträge ab¬ 
geschlossen hat, welche sie in den Stand setzen, Congressbesuchern alle möglichen Billets 
zu ganz ausserordentlich reducirten Preisen abzugeben. 

WichU^e NoUz: 1) Wer über französisches Gebiet reist bedarf, um der bewilligten 
Ermässigungen theilhaftig zu werden, unbedingt (nebst den übrigen Legitimations- 
papieren) eines lettre dMnvitation (erhältlich bei den Herren Prof. Kocher^ Bern, und 
B'Espiney Genf). 

2) Jedes schweizerische Congressmitglied möge sich unmittelbar nach der Ajikunft 
in Rom anmelden 

a) beim römischen Anmelde- und Auskunftsbureau (Via Genova), um dort die 
Mitgliedkarte etc. zu erhalten, 

b) im Bureau des schweizerischen Nationalcomites (Mittelbau des Policlinicums). 


Brlefliuteii. 

Dr. S, in B. Dass die nächste Versammlung des Centralvereins (in Zürich) die Greulich’sche 
Initiative auf die Traktandenliste setzt und ihre Meinung zu Händen der Behörden darüber abgibt, 
liegt auch in meinem Sinne und es sind bereits die nötigen Schritte dafür gethan. Meine Brief- 
kastennotiz in letzter Nummer ging nur gegen die yorgescmagene Organisation von ärztlichen Orts¬ 
und Wanderpredi^rn. E. H. 

Dr. B. in B.: Schweizerische Retourbillets bis zur italienischen Grenzstation von längerer als 
gewohnter Gültigkeit (60 Tage und darüber) verschafi’en Cook & Son, Luzern, durch welche über¬ 
haupt alles nur Denkbare erhältlich ist, beispielsweise auch die sehr bequemen, zum Besuche Hötels 
ersten Ranges berechnenden Hotelcoupons. Auch die Berechtigung, mit Zügen ausschliesslich 
I. Classe fanren zu dürfen, kann durch die betr. Firma erworben werden. — Dr. Fr, in Bern: Ihre 
Arbeit über Castration erscheint in nächster Nummer. 


Separatabdrucke der In Nr. 5 und 6 dieses Blattes erschienenen Arbeit des Herrn Professor 
Dr. Maasinif „Die Pharmacopcsa Helvetica Editio tertia etc.** sind von der Verlagsbuchhandlung Benno 
Schwabe In Basel zum Preise von Fr. 1. — zu beziehen. 

Schweighauserische Bucbdruckerei. — B. Schwabe, Verlagsbuchhandlung in Basel. 


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CORRESPONDENZ-BUTT 


Erscheint am 1. und 15. 
jedes Monats. 

Inserate 

35 Cts. die gesp. Petitzeile. 


für 

Schweizer Aerzte. 

Herausgegeben von 


Preis des Jahrgangs 
Fr. 12. — für die Schweiz, 
Fr. 14.50 für das Ansland. 
Alle Postbureaux nehmen 
Bestellungen entgegen. 


"Em HAfflei* und Dr» Ja^quet 

in Franenfeld. in Basel. 


N! 7. XXIV. Jahrg. 1894. 1. April. 


iBlieU: 1) Ori g inaUrbeiten: Dr. Max Frandt: Zar Beartheilaog des Werihet der Outraiion bei Myomen dea Uterne. 

— Dr. Fr, Bnmnar: SobaasTerletxang dnreh dai neue echweit. Ordonnanxgewebr. — Dr. CaW Blunmr: Erfolg der Sablimai- 
methode bei Lebereebinoooccaa. — A. Mauehle: Intolerani gegen Jodpr&pnrate. — Prof. Pflügtr and Dr. MMingtr: Beitrag aar 
Myopie-Frage. — 2) Vereineberiehte: Medieiniecbe Gesellaehaft der Stadt Basel. — lle^claisob-pbarmaeeatieeber Besirke- 
▼ereia Bern. — 8) Referate and Kritiken: Lo%uneau: Cbirargle dee Toiee arinairee. — Dr. Zpof Maür: Geriehtlieh' 
medieiniecbe Otsoistik der Konetfehler. — Dr. PA. Zamtr: Therapentisebea Handlexikon. — JShief Barth : Die Cbolera. — B. 
Bmmaridt and JEf. IVilUeh: Anleitang in hygienischen Untersaehangen. — Tk%tr» Brandt: Behaadlnag weiblieher Geeehleehte- 
krankheiteo. — 4) Cantonale Correspond ensen: Baselland: Dr. med. JTums f. — 5) Woeh en be r ieh t: Sehweiserisohe 
Pharmaeopm. — Mittheilangen aas der Praxis. — Deatsche otologisehe Oeeellscbaft Berxkranke Midoben. — Der Besigither. 

— Behandlnng der Stomatitis. — Symptomatische Taohyeardie der Phthisiker. — GlasAtsflftasigkeit. — Hasten sar Unterstfttiang 
der Tiaxie eingeklemmter Brüche. — Zinkleim. — Aoonitin bei Nenralgien. —6) Bri efkasten. 


Oirigfinalten. 

Aus der geburtshülflichen-gynsekologiscbeu Klinik in Bern. 

Zur Beurtheilung des Werthes der Castration bei Myomen des Uterus. 

Von Dr. Max Frank, Assistent der Klinik. 

Wenn ich dazu schreite, einige kurze Mittheilungen über ein schon viel be¬ 
sprochenes Thema, die Gastration, insbesondere deren Wirkung bei Uterusmyomen zu 
machen, so sind es vor allem 2 Umst&nde, die mich dazu auffordern. Vor allem er¬ 
scheint es mir angebracht, dass über die Erfolge gewisser Operationen, gegen deren 
Berechtigung sich noch immer, besonders auch wieder in der letzten Zeit Stimmen 
Tomehmen lassen {Fritsch, Martin) und deren Einführung also allein die Erfahrung 
der Statistik entscheidet, von Zeit zu Zeit berichtet wird. Und zwar ist es dabei 
noch von Belang, dass die betreffenden Fälle möglichst von ein und demselben Operateur 
ausgesucht und operirt wurden. Es wurden aus der hiesigen Klinik bis zum Jahre 
188d die Resultate-der Castration bei Uterus-Myomen von Dr. Staheli zusammenge- 
stellt. (Gonfr. dieses Blatt Jahrgang 1889.) Diese Zusammenstellung soll im Fol¬ 
genden weiter geführt werden. 

Der zweite Grund, welcher mich veranlasste, auf diesen Gegenstand zurück- 
znkommen, ist der, dass gerade in der letzten Zeit ein Vorschlag zur Behandlung der 
Uterus-Myome gemacht wurde, der, wenn er sich bewähren sollte, in eine aussichts¬ 
volle Conenrrenz mit der Gastration treten könnte; ich meine die von Oottsehalk und 
Küstner vorgeschlagene Unterbindung der Aa. uterin, von der Vagina aus, über deren 
Wirkung zunächst noch weitere Mittheilungen abzuwarten sind. (Confr. Gentralblatt 
für Gynskologie 1893, Nr. 33 und 39.) 

14 


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202 


Die Castration bei Uterus-Myomen ist, als sie vor etwa 17 Jahren zum ersten 
Male ausgefübrt wurde, anfangs in ihren Erfolgen stark angezweifelt worden und 
wenn man sie schliesslich auch anerkannte, so wollte man sie doch nur fär eine ganz 
bestimmte, relativ kleine Anzahl von Fällen, als berechtigte und nutzbringende Be¬ 
handlungsweise zulassen. Zunächst glaubten Viele, dass die Castration nur bei Tumoren 
anzuwenden sei, als deren Hauptsymptom Blutungen auftreten und vor allem noch 
dann, wenn diese Blutungen einen menstruellen Typus erkennen Hessen. Man neigte 
zu dieser Meinung, da man annahm, dass mit der Entfernung der Ovarien auch der 
von ihnen ausgehende ,menstruelle Reiz* und mithin auch die menstruelle Blutung 
fortfalle. Doch das ist nicht das einzige Ziel, welches durch die Entfernung der 
Ovarien erstrebt wird. Die Erklärung der Wirkung dieser Operation hat man vor 
allem von 2 Gesichtspunkten aus zu geben. Einmal kommt, wie eben erst bemerkt, 
durch die Abtragung der Ovarien der regelmässig wiederkebrende die Menstruation 
bedingende Reiz in Fortfall. Wir wissen nun aber, besonders auch nach den neueren 
Untersuchungen von GoUschalk (Ztschrft. für Geburtsh. und Gynsek., Band XXVII, 
Heft I, S. 168), dass beim Zustandekommen und vor allem beim weiteren Wachs¬ 
thum der Myome gewisse irritative Vorgänge eine grosse Rolle spielen. Durch das 
Aufhüren des menstruellen Reizes fällt also ein Umstand fort, der eventuell eine 
Weiterentwickelung der Myome fördern könnte. Nun kommt noch hinzu, dass durch 
die künstlich anticipirte Klimax, wie auch nach der natürlichen Menopause, eine 
Atrophie der ganzen Genitalorgane einzutreten pflegt, wie uns die Untersuchungen von 
Hegar und Kehrer darthun. Es tritt dann aber nicht nur eine Atrophie der Uterus¬ 
muskulatur, sondern auch eine solche der von ihr eingeschlossenen Geschwulstmasseii 
ein, die ja auch ihrem Hauptbestandtbeil nach ebenfalls aus glatten Muskelfasern be¬ 
stehen, — Ferner ist auch in den ausgesprochenen Fällen von künstlich erzeugtem 
Klimax eine deutliche .4trophie der Schleimhaut des Uterus eingetreten (vergl. die 
Versuche von Beissmann und Weissmann, ref. in Schmidt's Jahrbüchern 1890), ein 
Umstand, der von ziemlicher Bedeutung ist, da doch von dem bei Myomen fast stets 
krankhaft veränderten Endometrium Hauptsymptome, wie oft lebepsgefährlicbe Blutungen 
und schwächender Fluor auszugehen pflegen. Zu diesen Wirkungen der Gastration 
kommt, als nicht ausser Acht zu lassendes Moment, die so plötzlich veränderten Gir- 
culationsverhältnisse und speciell die geringere Blutzufuhr. Wenn sich auch allmählich 
wieder Anastomosen bilden werden, so bleibt doch für einige Zeit eine Beschränkung 
in dieser Beziehung bestehen und es ist stark zu bezweifeln, ob überhaupt bei der 
eintretenden Tbromben-Bildung jemals sich die GirculationsVerhältnisse vollkommen 
ausgleichen werden und nicht vielmehr ein dauernder, wenn auch nur geringer Aus¬ 
fall der Blutzufuhr und eine dauernde Abnahme des Fnllungsgrades der Arterien sich 
geltend machen wird. Auf diese Wirkungsweise dürfte auch wohl einzig und allein 
der Erfolg nach der vaginalen Unterbindung der Art. uterin, zurückzuführen sein. 
Auch Rydygier hat (Wien. klin. Wochenschrift 1890) nach Unterbindung der Arterien 
allein per Laparotomiam, ohne Gastration, eine Verkleinerung eines Myoms ein- 
treten sehen. 

Bei der Gastration geht es absolut nicht an, bestimmte Indicationen für sie auf¬ 
zustellen, dagegen sind gewisse Gontraindicationen aufrecht zu erhalten. Dies sind vor 


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203 


aUem schon eingetretene oder nur drohende Veränderungen der Geschwulst, besonders 
regressiver Art, Diese würden durch die in Folge der Operation gesetzte venöse 
Stase nur beschleunigt und befördert werden. Besonders sind in dieser Beziehung 
cystische und stark erweichte, also auf beginnende Nekrose suspecte Fälle zu beachten. 
Allerdings sind auch Fälle von cystischen Geschwülsten beschrieben worden, bei 
welchen mit Erfolg die Castration angewendet wurde {Schleich, Inaug.-Dissertation, 
Gddenberg Centralbiatt f. Gynsekol. 1886). — Ferner ist auch diese Operationsart 
ansznschliesseu, wenn man Vei'dacht auf maligne, sarcomatöse Degeneration des Tumors 
hat. Dieser Verdacht dürfte sich besonders auf schnelles Wachsthum, raschen Kräfte* 
verfall, starken, übelriechenden Ausfluss und Ascites stützen. — Endlich wird man die 
Castration nicht unternehmen, wenn für den Augenblick direct lebensgefährliche Symp* 
tome zu bekämpfen sind, die durch die Grösse und Ausdehnung der Geschwulst her* 
vorgernfen werden, die also auch nur durch eine Radicaloperation sofort beseitigt 
werden können, ich meine hier vor allem stark ausgesprochene Incarcerations* 
erscfaeinungen. — Auch bei solitären, dünnstieligen, subperitonealen Myomen resp. 
Polypen dürfte die Entfernung des Tumors selbst vor der Castration den Vorzug ver* 
dienen, da erstere Operation keine grössere Gefahr, als die letztere, bedingt. 

Diese Categorie von Geschwülsten ausgeschlossen, kann man bei allen andern, 
auch bei den vom Collum ausgehenden Myomen die Castration anwenden. Mit Vor* 
liebe wird man sich jedoch zu ihr bei mittelgrossen, vom Uteruskörper ausgehenden, 
sei es interstitiellen oder submncösen Myomen entschliessen, wenn noch eine Anzahl 
anderer kleinerer, eben erst im Weiter*Wachstbum begriffener Myomknollen vor* 
banden sind. 

Was man bei der Castration immer bedenken soll, ist, dass man eigentlich nur 
eine palliative Therapie ausübt, die jedoch, mit wenigen Ausnahmen, für immer die 
lästigsten Symptome und Beschwerden (Blutungen und Schmerzen) beseitigt, ja in sehr 
vielen Fällen auch ein Schrumpfen des Tumors selbst herbeiführt. Man wird deshalb 
die Castration nur in den Fällen vorziehen, wo die Entfernung der Ovarien voraus* 
sichtlich leichter stattfinden kann, als die Abtragung des Myoms selbst. Ferner dann, 
wenn die Symptome nicht so schwere sind, dass sie den Gefahren der Radicaloperation 
die Wage halten, die Patienten auf der andern Seite aber erklären, wo möglich von 
den Beschwerden befreit oder wenigstens gebessert zu werden. — Die Myomotomie 
gibt, besonders in complicirten Fällen, auch in der Hand geübter Operateure noch 
nicht die relativ guten Resultate der Castration. Lawson-Tait hatte in 262 Fällen 
von Castration eine Mortalität von 1,2% und Honoite hat bei seinen Myomotomien 
resp. Amputat nteri snpravagin. 257» Mortalität, auch bei der extraperitonealen 
Methode; dagegen hat er von 21 Castrationen keine Patientin verloren. (Centralblatt 
f. Gynaek. 1892, Nr. 16.) 

In vielen Fällen wird man noch direct vor der Eröffnung des Abdomens unent* 
schieden sein, ob man sich zur Castration oder der Radicaloperation entschliessen soll. 
Man wird in diesen Fällen, auf beide Operationen vorbereitet, zunächst die Laparotomie 
nnr als eine explorative betrachten und sich je nach den gefundenen Verhältnissen zu 
dem zweckmässigsten Verfahren entschliessen. Wir werden die radicale Entfernung 
des Tumors dann ins Auge fassen, wenn er leicht in die Höhe zu schieben, ohne Ver* 


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204 


wachsuQgen ist, die Stielverb&Unisse güDstige sind, so dass, wo möglich, das Cteras- 
Cavum nicht eröffnet zu werden braucht. — Wir werden aber ausser diesen, den 
Tumor selbst betreffenden Momenten auch noch den allgemeinen Kräftezustand der 
Patiefitin in Betracht ziehen mflssen, ob diese uns stark genug erscheint, um eine 
längere Operation aushalten zu können. Denn gerade unter diesen Kranken finden 
wir durch die Ansemie stark geschwächte Patienten, welchen vor allem von Seiten 
des Herzens (braune Atrophie) Gefahr droht, und welchen besonders die ungünstige 
Wirkung einer längeren Operation resp. Narkose, und eines stärkeren Blutverlustes 
erspart werden muss. Für solche Frauen ist entschieden die Castration, vorausgesetzt, 
dass sie incomplicirt ist, die leichtere, d. h. schneller auszuführende und mit weniger 
Blutverlust verbundene Operation. — Die Üastration werden wir aber auch unter Um¬ 
ständen noch neben der Abtragung eines Myoms vorznnehmen haben, z. B. wenn ein 
subserOses, leicht abtragbares Myom entfernt wurde, und wenn noch kleinere, zur Zeit 
noch keine Beschwerden verursachende Myome vorhanden sind, deren WeiterentWickelung 
wir hemmen wollen. 

Die Gefahren der Castration sind jedoch nicht immer so geringe, die Technik 
der Operation ist nicht immer eine leichte. Einmal kOnnen die Ovarien so versteckt 
liegen, dass sie kaum oder gar nicht aufzufinden sind. Ferner sind sie bisweilen so 
in die Länge gezogen und so fest auf der Geschwulst aufsitzend, dass es äusserst 
schwierig ist, alles Ovarialgewebe zu entfernen. Endlich können sie auch durch Ad¬ 
häsionen in der Tiefe des Beckens fixirt oder so von stark entwickelten Gefässen um¬ 
geben sein, dass ihre Isolirnng und Auslösung ohne grössere Gefahr kaum möglich 
erscheint. Solchen Verhältnissen sind wir, wie wir unten sehen werden, auch in 
unseren Fällen begegnet. Es hängt dann von dem richtigen Tact und Urtheil des 
Operateurs ab, ob er dann die Castration oder die Myomotomie oder das vollkommene 
Abstehen von einem weiteren operativen Eingriff für zweckmässig hält. 

Wenn wir nun als Vortheile der Castration die. im Allgemeinen günstigere 
Mortalitätsstatistik und die leichtere technische Ausführbarkeit angeführt haben, dürfen 
wir auch nicht vergessen, auf die eventuellen Nachtheile hinzuweisen. Vor allem ist 
hier der schon oben erwähnte Hauptvorwurf, welcher der Castration gemacht wird, 
hervorznheben, dass die Operation das eigentlich Kranke, den Tumor selbst, unange¬ 
tastet lässt und nur die lästigen Symptome desselben zu beseitigen trachtet. Wir 

müssen bedenken, dass eventuell auch der erhoffte Erfolg ausbleiben kann und wir 
genötbigt werden können zum zweiten Male, zum Zwecke einer radicaleren Operation 
die Laparotomie zu machen. Im Allgemeinen wird jedoch dieses fatale Ereigniss nicht 
allzu oft Vorkommen. — Dann müssen wir noch anführen, dass wir durch die 

Castration die Unannehmlichkeiten der anticipirten Klimax, die vor allem in nervösen 
Symptomen bestehen, herbeiführen. Ferner ist auch von den Pat., welche der Castra¬ 
tion sich unterzogen haben, wenn auch nicht von allen gleichmässig, besonders von 
Nulliparen, Klage über das Verschwinden der Libido sexualis geführt worden. Diese 
Beschwerden werden sich jedoch auch einstellen, wenn die radicale Operation gemacht 
wurde, bei der doch auch fast immer die Ovarien mit abgetragen werden müssen. 

Endlich ist auch der Castration noch der Vorwurf gemacht worden, dass sie zur 

cystischen Degeneration und dann zur raschen Vergrösserung der Tumoren führe, auch 


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205 


wenn vor der Operation noch keine Andeutung dieser Veränderung bestand. Man hat 
da besonders anf einen Fall von Hegar und Schröder hingewiesen. — Also auch diese 
eben erwähnten Nachtheile mfissen bei der Indicationsstellung, bei der Wahl der 
Operationsmethode in Erwägung gezogen werden. 

Seit 1889 bis zum Abschluss dieser Zeilen wurden in hiesiger Klinik im Ganzen 
20 Fälle von Myoma uteri ffir die Gastration bestimmt. Eine kleine Tabelle mag 
knrz die einzelnen Fälle besonders auch bezüglich der weiteren Erfolge näher charac- 
terisiren. 

In dem oben erwähnten Zeitabschnitt, also von 1889 an, wurden an unserer 
Klinik im Ganzen 116 Fälle von Myomen behandelt. Von diesen kamen 69 Fälle, 
d. i. 59,57» 2 nr Operation und von diesen wieder 20 resp. 21 zur Castration d. i. 
28,97». Der eine Fall ist insofern kein reiner Fall und deshalb nicht in der Tabelle 
angeführt, weil als Hanptoperation eine Enucleation von 2 subserüsen Myomen vor* 
genommen und daran erst die Castration angeschlossen wurde, da im zurückbleibenden 
üterns ganz kleine Myomkeime noch nachweisbar waren. 

Von den 20 in der Tabelle aufgeführten Fällen konnte in nicht allen die Opera¬ 
tion glatt dnrcbgeführt werden. — Im Fall 5 und 8 waren die Ovarien trotz langen 
Snchens und trotz der Zuhülfenafame einer in den Uterus eingeführten Sonde (confr. 
Stähdi 1. c.) nicht aufzufinden, resp. das eine, nachdem eine kleine Cyste desselben 
geplatzt war, wegen Kürze des Stieles nicht abzutragen (Fall 5). Diese Fälle sind 
also bei der Beurtheilung der späteren und Dauer-Erfolge der Operation ganz aus- 
zuschliessen. Ebenso war auch der Fall 19 derart, dass man nur 1 Ovarium ent¬ 
fernen konnte. Das linksseitige war so von grossen, etwa daumendicken Geßssen um¬ 
geben, dass eine Isolirnng desselben nur mit grösster Lebensgefahr der Pat. hätte 
stattfinden können. Dieser Fall ist demnach ebenfalls ausser Rechnung zu setzen. 
Dagegen bietet er uns nach anderer Richtung bin, die allerdings von unserem Gebiet 
ziemlich fern liegt, manches Interessante. Es wurde in diesem Falle bei wenig vor¬ 
geschrittener Schwangerschaft der conservative Kaiserschnitt ausgeführt; er beweist 
demnach, dass man zur Vornahme der Sectio csesarea nicht erst den Wehenbeginn ab¬ 
solut abwarten muss. Er erfüllt jene Forderung von Fritsch, der die Hoffnung aus- 
spricbt, dass ein Fall zur Beobachtung kommen möge, bei dem in der Schwangerschaft 
ohne jede Wehen der Kaiserschnitt indicirt sei. (Früsdi, Bericht über die gynsekol. 
Operationen des Jahrganges 1891/92, S. 198.) 

Bei dieser Patientin gaben die Indication zum operativen Eingreifen heftige 
Schmerzen ab, unter welchen dieselbe Tag und Nacht fortwährend zu leiden hatte und 
von welchen sie unter allen Umständen befreit sein wollte. Neben einer fünfmonatlichen 
Gravidität war ein linksseitiges, intraligamentäres Uber kindskopfgrosses Myom constatirt 
worden. Man machte die Laparotomie, um womöglich das Myom allein, oder zusammen mit 
dem Uterus zu entfernen. Es ergab sich jedoch, dass das Myom allseitig so von dicken 
Gewissen umgeben war, dass ohne die grösste Lebensgefahr für die Pat. dasselbe nicht 
entfernt werden konnte. Man musste sich sagen, dass die Hauptbeschwerden wohl der 
wachsende Uterus mache, vielleicht in Folge der grossen Spannung des peritonealen 
Ueberzuges, und dass nach Unterbrechung der Gravidität voraussichtlich die Schmerzen 
sistiren würden und auch das Myom in seiner Wachsthumsenergie herabgesetzt werden 
würde. Man entschloss sich deshalb zum conservativen Kaiserschnitt. Der Schnitt durch 
den Utems wurde so angelegt, dass er vorzugsweise den Fundus traf. Es dürfte von 


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206 


einiger Bedeutung sein, das untere Uterinsegment bei der Schnittfiihrung möglichst zu 
vermeiden. Der Fundus ist musculöser und von stärkerem Dickendurchmesser, Eigen¬ 
schaften, die günstig auf die Blutstillung und Wundverklebung einwirken. — Der etwa 
dem 5.—6. Monat entsprechende Foetus wurde mit der intacten Eiblase entfernt. Die 
Beherrschung der Blutung fand durch manuelle Compression statt, da das Myom ver¬ 
hinderte, den elastischen Schlauch fest umzulegen. Die Uteruswunde wurde durch fort¬ 
laufende Catgutnaht, die die Uterusschleimbaut mitfasste, in 3 und an einzelnen Stellen 
in 4 Etagen vernäht. Die oberste Nahtreihe vereinigte dabei das Peritoneum. Der 
Uterus contrahirte sich gut, der Blutverlust war kein allzu grosser. Um das Myom im 
Wachsthum zu hemmen und eventuell auch zur Rückbildung zu bringen, sollte die 
Castration angeschlossen werden. Doch es war aus den oben angeführten Gründen nur 
1 Ovarium zu entfernen. Auf der andern Seite wurde nur die Tube abgebunden. Die 
Reconvalescenz wurde durch Anfplatzen der Bauchwnnde, die in 3 Etagen (Peritoneum, 
Muscnlatur -f. Fascie, Haut) genäht war, gestört. Nachdem die Därme etwa Stunde 
unter dem Verband frei gelegen waren und fibrinösen Belag zeigten, wurde nach 
Ausspülen der Abdominalhöble mit Kochsalz-Sodalösung die Wunde durch tiefe und ober¬ 
flächliche Seidenknopfnähte wieder geschlossen. Pat. befand sich bei der Entlassung 
leidlich. Es hatten sich jedoch Zeichen einer floriden Phthise entwickelt, welcher die Pat. 
nach 4 Monaten zu Hause erlag. 

Es kommen also bei Beurtheilang des Werthes und des Erfolges der Castration 
bei Dterusmyomen 17 Fülle in Betracht. 

Wir ersehen zunächst aus denselben, dass gegen die verschiedensten Arten von 
Myomen die Castration vorgenommen wurde, sowohl bei interstitiellen, als auch bei 
submucösen und subperitonealen. Auch der speciellere Sitz der Myome war nicht 
massgebend für die Indication resp. Contraindication der Operation. Es worden sowohl 
vom Fundus ausgehende Tumoren, ebenso auch solche, die vom Collum ausgingen 
(Fall 4 und 8), als auch intraligamentäre (Fall 1 und 13) mit Erfolg behandelt. 

Was das Alter der Operirten anlangt, so findet sich unter denselben eine Patientin 
von 48 Jahren (Fall 10), eine von 47 Jahren (Fall 2) und mehrere von 45 Jahren. 
Das Durchschnittsalter war 40 Jahre. Also auch das dem Klimakterium nahe Alter 
war kein Qegengrund der Castration. Es ist von verschiedenen Seiten früher hervor¬ 
gehoben worden, dass es bei Frauen dieses Alters nnnOtbig sei, das künstliche Klimak¬ 
terium herbeizuführen, da doch ihnen das physiologische direct bevorstehe. Dem 
gegenüber ist jedoch zu bemerken, dass bei Myomen es gerade schwer ist, zu ent¬ 
scheiden, ob die Blutung noch eine rein menstruelle ist, ferner, dass gerade bei 
‘Myomen das Klimakterium um ein Bedeutendes weiter hinaus geschoben zu sein 
scheint. Wir haben gegenwärtig eine Pat. mit einem kleinkindskopfgrossen Myom in 
Beobachtung, die 51 Jahre alt und noch alle 4 Wochen menstruirt ist, die Regel hält 
öfters 14 Tage und darüber an und ist profus. Dieses Hinausgeschobenwerden der 
Klimax ist in einzelnen Fällen nicht allzu sehr zu verwundern, da wir bei Myomen 
so oft eine Veränderung der Ovarien und zwar in irritativer Richtung hin antreffen. 
— Wir haben bei unseren Pat., die etwas vorgerückteren Alters waren, besonders im 
Fall 10 (48jährig) einen prompten Erfolg verzeichnen können. Wir werden uns um 
so eher, auch im klimakterischen Alter zur Castration entschliessen, als uns für den 
Erfolg der Operation, wie schon anfönglich bemerkt, nicht allein der Fortfall des 
ovariellen Reizes, sondern auch die momentane Veränderung resp. Beschränkung der 
Circulation von Belang zu sein scheint. Was die Beschwerden betrifft, welche die 


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207 


Operation indicirten, so waren es die gewöbnlicben, die bei der Myomtberapie zu 
einem activeren Vergeben zu nOthigen pflegen: Blutungen, Schmerzen, Zunahme der 
Geschwulst, Druck- resp. Zerrungssymptome auf benachbarte Organe. Bei dem Typus 
der Blutungen achteten wir nicht darauf, wie einige vorschreiben, ob dieselben noch 
einen menstruellen Cbaracter erkennen liessen und wir haben auch bei den ganz 
atypischen Hsemorrbagien eine günstige Wirkung der Operation nicht vermisst. 

Deber Schmerzen war bei den meisten unserer Fälle Klage geführt worden, be¬ 
sonders über solche kurz vor oder zur Zeit der Menses. Auch Druck- oder besser 
Zerrungserscheinnngen auf Nacbbarorgane gaben für uns keinen Qegengrund gegen 
die Castration ab. Selbstverständlich wurden nicht solche Fälle genommen, wo diese 
letztgenannten Beschwerden so stark waren, dass sie sofort und dringend dauernde 
Abhilfe verlangten. Speciell im Fall 18 wurde über ürinbeschwerden, speciell über 
Öfters eintretende Urinverhaltung geklagt. Auch in diesem Falle wurde die Castration 
vorgenommen, in der Erwartung, dass durch Schrumpfen der Geschwulst auch dieses 
lästige Symptom verschwinden würde. 

Um nun den Einfluss, welchen die Operation gehabt hat, darzuthun, wollen wir 
zunächst auf die Menstruations- resp. Blutungsverhältnisse hinweisen. In 12 Fällen 
d. i. in 70 ,570 setzten die Blutungen, nachdem nach der Operation kurze Zeit blutiger 
Ausfluss bestanden hatte, ganz aus. (Fall 2, 4, 6, 7, 9, 10, 11, 12, 14, 15, 18, 
20.) In Fall I, 13 und 17 sind noch einige Male atypische Blutungen von kurzer 
Dauer und geringer Stärke aufgetreten, in den letzten 2 Monaten ist keine Blutung 
mehr erfolgt. Im Fall 16 tritt die Regel noch alle 4 Wochen ein, jedoch ist der 
Blutverlust um die Hälfte geringer, als vor der Operation. In einem Falle war über 
den Erfolg der Operation keine Auskunft zu erhalten. In den bekannten Fällen ist 
also, was die Beschränkung der Blutung anlangt, ein gutes Resultat zu verzeichnen. 
Betrachten wir ferner die Grüssenverhältnisse der Tumoren, wie sie durch die Operation 
beeinflusst wurden. In 9 Fällen sind die Tnmoren zurückgegangen bisweilen so, dass 
man sie auch in Narkose nicht mehr nach weisen konnte. (Fall 2, 6, 7, 9, 10, 12, 
14, 15, 18.) Einmal wurde die Geschwulst grösser (Fall 1), ohne indess, wenigstens 
bis jetzt, stärkere Beschwerden hervorzurufen. In 4 Fällen hlieb sich die Geschwulst 
gleich (Fall 11, 13, 17 und 20). Im Fall 17 veränderte sich ihre Consistenz, so dass 
sie sich jetzt fast cystisch anfühlt. In 3 Fällen war keine genügende Auskunft über 
die Grösse des Tumors zu erhalten. — Was die Beseitigung von Schmerzen anlangt 
und anderer Symptome (Urinheschwerden), die vor der Operation bestanden, so waren 
diese unter den Beschwerden, welche die Operation mit indicirten, 10 Mal angegeben. 
(Fall 1, 6, 9, 11, 12, 13, 15, 17, 18, 20). In allen diesen Fällen gingen diese Be¬ 
schwerden ganz zurück oder wurden so gering, dass sie keine nennenswerthen Störungen 
hervorriefen. Um auf die Nachtheile, welche die Operation mit sich brachte, hinzu¬ 
weisen, so Anden sich bei 7 Fällen nervöse Beschwerden, wie Herzklopfen, Congestionen, 
Hitze- und Angstgefühl, besonders zur Zeit der fälligen Regel erwähnt, Beschwerden, 
welche jedoch von den Fat. keineswegs in den Vordergrund gestellt wurden. Mehr 
klagten einzelne Fat., besonders Fall 10, über stärkeren Ausfluss. Derselbe ist wohl 
seiner Entstehung nach mit den Alterscatarrhen in Analogie zu setzen. Durch den 
Schwund des Fettes and die Rückbildung der Gewebe in der Umgebung der Genitalien 


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208 


kommt wohl leicht ein Eiaffen der Vagina und in Folge dessen häufiger ein Zutritt 
schädigender Momente zu Stande. In einem Fall klagte die Pat. Ober das Erloschen¬ 
sein der Sexualempfindung (Nr. 17) und einmal über Neigung zu stärkerem Fettansatz. 
(Nr. 9.) 

Von den 20 Pat. ist keine der Operation erlegen. Was die Reconvalescenz an¬ 
langt, so verlief sie im Allgemeinen ungestört. Einige Male konnten wir nach der 
Operation einen stärkeren und längere Zeit anhaltenden Blutabgang ans den Genitalien, 
welcher wohl auf die in Folge der Gefässunterbindung gesetzten Stauung zurfickzn- 
ffihren ist, beobachten, gegen welchen wir Extr. Hydrast. und Injectionen von ver- 
dänntem Acet. pyroliqnos. wirksam fanden. 2 Mal wurde eine Lungenembolie, die 
einen Infarct hervorrief, beobachtet, welche jedoch keine ernsteren Folgen fQr die Pat. 
hinterliess. (Nr. 12 und 16.) Diese Emholien sind wohl auf die von der Unter¬ 
bindung der GeAsse herröhrenden Thromben znröckzuföhren. 

Ich möchte endlich noch kurz auf einen Befund an den exstirpirten Ovarien auf¬ 
merksam machen. Oie Untersuchung derselben fand, soweit sie vorgenommen wurde, 
im hiesigen patholog. Institut statt. In 2 Fällen (2 und 10) fand man eine Atrophie 
der Ovarien; trotzdem machten in denselben starke Blutungen Beschwerden, die durch 
die Castration gehoben wurden. Es sind dies Fälle, auf welche Hofmeyer (Congress 
ffir Gynsekologie in Bonn) hingewiesen hat und auf welche sich stötzend er be¬ 
hauptet , dass besonders die Geftssunterbindung das wirksame Moment bei der 
Gastration sei. Die sonst noch untersuchten Ovarien zeigten meist pathologische 
Veränderungen, auf welche schon von Tapar (Gentralblatt för Gyniekologie 1890, 
Nr. 49) und von Btdius (Verhandlungen d. Gynsek. Congresses in Bonn) hingewieseo 
worden ist. 

Was nun die Technik und die Vorbereitungen zur Operation anlangt, so wurde 
zunächst, wenigstens in den in der letzten Zeit operirten Fällen schon einige Tage 
vor der Operation eine genaue Desinfection der Vagina mit Sublimat vorgenommen 
und besonders auch die Portio und der Gervicalcanal mit Tinctr. Jodi getränkt. Diese 
Vorsichtsmassregel wurde deshalb ausgeführt, damit man bei besonderer Erschwerung 
der Gastration direct die Radicaloperation, wobei mau ja auf eine Eröffnung des Gavum 
Uteri gefasst sein muss, anschliessen kann. 

Ferner dürfte es sich empfehlen, wie wir es öfters gethan haben, in Fällen, wo 
starke Blutungen vorhanden sind, wenn möglich einige Tage vorher eine Dilatation 
und Ahtastnng des Gavum uteri vorzunehmen, zu curettiren, eveni Unebenheiten zu 
entfernen und daran eine Aetzung mit 507« Acid. carbolic. oder einem andern Mittel 
anzuschliessen. Dieses Vorgeben ist deshalb gerechtfertigt, weil einmal der Erfolg 
der Operation durch kleine im Endometrium und besonders im Cervix zuröckgebliebene, 
polypöse Gebilde vereitelt werden kann. Ferner ist es auch wönschenswertb, dass 
die bei Myomen fast stets krankhaft veränderte Mucosa beseitigt resp. umgebildet 
werde. 

Die Laparotomien werden bei uns vollkommen aseptisch ausgeführt und zwar seit 
einem Jahr mit feuchter Asepsis. (Feucbthalten der Abdominalhöhle mit warmer Eoch- 
salz-Sodalösung während des Offenstehens der Peritonealhöhle, feuchte Eochsalz-Soda- 
Tupfer, vergl. deren Vortheile in diesem Blatte 1893, Wdlthard, zur Verhütung der 


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209 


peritonealen Adhäsionen, und denselben im Archiv f. experim. Patbol. und Pharmakol. 
Band XXX.) Als Dnterbindungs- und Ligaturmaterial benützen wir in der letzten 
Zeit Catgut, welches durch trockene Hitze sterilisirt und in Sublimatalkobol anfbe* 
wahrt wird. Wir haben deshalb die Seide als Unterbindnngsmaterial aufgegeben, weil 
dieselbe nicht resorbirt wird und einen dauernden Beiz ansObt, der Veranlassung zu 
Eisudation, besonders um den Stumpf, und zu Verwachsungen liefern kann. Die 
sonstige Technik der Operation ist die allgemein übliche. Die Lagerung zur Operation 
ist die Hochlagerung nach Trendelenburg, welche den Vorfall der Därme einschränkt 
und den Zugang zur Tiefe des Beckens erleichtert. Der Bauchschnitt wird relativ 
klein angelegt, so dass etwa die halbe Hand eingehen kann. Die Ovarien werden 
durch die Finger nach Orientirung vom Uterus aus aufgesucht und wenn müglich 
ohne weitere Instrumente vor die Bauchwunde gezogen. Wo dies nicht geht, wird, 
um möglichst exact abbinden zu können, die Hegar'wbe Ovarienzange angewandt. 
Bei der Abbindnng wird die Tube mit zu entfernen gesucht, vor allem schon deshalb, 
um einen besseren Stiel bilden zu können. Auf diese Weise wird man auch der For¬ 
derung von Lawson-Tait gerecht, welcher Autor das Hauptgewicht auf die Entfernung 
der Tube legt, da mit derselben ein Nerv ziehe, auf dessen Bahnen der Impuls zur 
Menstruation nach dem Uterus verlaufe. Dieser Nerv müsse, wenn die Operation 
Effect haben soll, durchtrennt werden. — Die Unterbindung geschieht mit der Des- 
cftdwtp’schen Nadel nach 2 Seiten hin. Um eine eventuelle Nachblutung zu ver¬ 
hüten, wird oberhalb dieser Doppelligatur eine zweite in die Gewebe verankerte an¬ 
gelegt, die, wenn sich die erste lösen sollte, noch genügend comprimirt. Die 
Abtragung der Ovarien erfolgt mit dem Paquelin. Durch die Anwendung desselben 
vermeidet man nach Küstner am ehesten Adhäsionen, dann kann man aber auch 
noch durch denselben etwa zurückgebliebene Reste des Ovariums am besten zer¬ 
stören. 

Die Vereinigung der Bauchwnnde fand in der letzten Zeit in 3 fortlaufenden 
Etagen statt. (Peritoneum, Musculatur -H Fascie, Haut.) Die versenkten Nähte 
worden mit Gatgut ausgeführt, die Haotnaht mit Seide. Zur Compression der einzelnen 
Wundschichten wurden noch einzelne tiefere Seidenknopfnähte gelegt. 

Wenn wir die aus der Operation erwachsenen Besoltate, speciell die Vortheile, 
gegen die etwaigen Nachtheile abwägen, so müssen wir zu dem Schlüsse kommen, 
dass die Castration als Operation gegen die Beschwerden der Myome angelegentlichst 
zu empfehlen ist, besonders dann, wenn eine radicalere Operation, wie es wohl meist 
der Fall sein wird, grössere Gefahren involviren würde. Wir können sie, mit Aus¬ 
nahme der zu Beginn erwähnten Kategorien in allen Fällen mit Aussicht auf Erfolg 
anwenden. Und wenn wirklich hie und da einmal eine Gastration ohne Erfolg aus¬ 
geführt wurde, so dass später noch eine 2. Laparotomie zum Zweck einer Radicalbe- 
handlung nöthig wird, so ist dies noch kein Grund, um ein principieller Gegner zu 
werden. Wir könnten sonst nicht bei der jetzt noch immerhin ziemlich wenig gün¬ 
stigen Prognose der Myomotomie einer ganzen Anzahl von Pat., deren Beschwer¬ 
den nicht den event. Gefahren einer Radicaloperation entsprechen, durch diese 
relativ leichtere und günstigere Operation Erleichtung, ja sogar dauernde Heilung 
verschaffen. 


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210 


Name 

Alter 

1 

■ ? p. 

.. . .. ■ 

Beschwerden 

! Sitz des Tumors und Grösse 

1) FranSch. 

36 

8 P. 

Starke stechende Schmerzen im Leib. 

Kindskop^r., intraligamentäres 
Myom, von der r. Üteruskantc 
ausgehend. 

2) Frau N. 

1 

47 

12 P. 

Blutungen, die oft 3 Wochen anhielten. Starke 
Anämie. 

Faustgrosses interstit. Myom des 
Fundus. 

3) Frl. B. 

31 

0 P. 

Blutungen bis 6 Wochen anhaltend, Harn¬ 
drang, Drängen nach unten. Nervöse Symp¬ 
tome. 

Ueber faustgrosses interstit. Myom 
des Fundus. 

4) Frau Cr. 

42 

0 P. 

Sehr profuse, unregelmässige, anteponirende, 
schwächende Menses. Herzklopfen und Magen¬ 
beschwerden. 

Eigrosses Myom der l. Wand 
des Uterus, besonders de-s Cer vis. 

5) Frau R. 

45 

0 P. 

Profuse Menses, starke Dysmenorrhoe. 

Apfelgrosses interstit. Myom der 
hintern Wand des Corpus. 

6) Frl. M. 

33 

0 P. 

Starke Schmerzen im Leib und Kreuz, so 
dass Pat. arbeitsunfähig war. 

Klein eigrosses interstit. Myom 
des Fundus. 

7) Fr. Tsch. 

45 

0 P. 

Starke Blutungen. 

Ueber gänseeigrosser Tumor der 
hintern Uteruswand. 

8) Frl. B. 

30 

0 P. 

Starke anteponirende Menses, Schmerz im 
Leib, Zunahme des Umfanges des Abdomens, 
Harndrang. 

Faustgrosser interstit. Tomor der 
vorderen Wand, apfelgrosses inter- 
ligament. Myom der r. Wand. 

9) Frau V. 

41 

1 P. 

Starke, unregelmässige Menses, Uri nbeschwer¬ 
den. Nervöse Beschwerden. 

Eigrosser subperit. Polyp der 
vordem Wand, eigrosses interstit. 
Myom der hintern Wand, meh¬ 
rere kleine subperitoneale Myome 
am Fundus, kleines interljgam. 
Myom r. 


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- 211 ~ 


Einfluss der Operation 

a. Grösse des Tamors. b. Blutangen. Bemerkungen 

c. Nervöse Beschwerden. 


Unregelmässige 5—6tägige Blutungen, wenig Heilung p. jpr. Bei der Pat. war 7 Monate vor der Castration, 

^tark, ohne l^bmerzen. In der letzten Zeit als sie im tV. Monat gravid war. wegen starker Schmerzen die 

keine Blutungen mehr. Geschwulst etwas ge- Laparotomie gemacht worden, aa man event. einen Ovarial- 

wachsen. Keine nervösen Besehwerden, tumor vor sich zu haben glaubte. Da jedoch das Myom vor- 
Schmerzen geringer wie früher. aussichtlich die Geburt ni(dit störte, wurde, um die Gravidität 

nicht zu unterbrechen, weiter kein Eingriff vorgenommen und 
4 Wochen nach der Entbindui^, bei welcher eine starke Nach- 
geburtsblntung auftrat, die Castration gemacht. Operation: 
14. October 1889. 

Keine Menses. Tumor abgenommen. Keine Heilung p. pr. Vor der Operation vergeblich mit Curettement 

nervösen Beschwerden. Zunahme der Kräfte, behanoelt. Befund d. Ovarien: Ovar, klein, Kinde mit nor¬ 

malem Stroma, aber ohne Follikel, also Atrophie. Operation: 
8. Januar 1890. 

Heilung p. Ovarien klein, cystisch degenerirt. Operation : 


Menses erloschen, Allgemeinbefinden gut. Heilung p. pr. Operation: 14. April 1890. 


Heilung p. pr. K. Ovarium nicht zu finden. L. Ovarinm 
schwer in die Höhe zu ziehen, fast ganz von einer kleinen 
Cyste eingenommen. Als dieselbe platzte, war der Rest nicht 
mehr abzubinden. Die supra-vaginale Anmutation war nicht 
möglich, da der Uterus sicn nicht in die Höhe ziehen liess. 

Keine Menses, Allgemeinbefinden gut. Uterus Heilung durch geringe Stichcanaleiterung verzögert. Befund 

klein, vom Tumor nichts zu fühlen. der Ovarien: Stroma normal, ohne LjTnphkörperchen. Sehr 

wenig kleine Follikel, dagegen mehrere grosse. Auch collabirte 
Follikel mit Membran. Granulös, und Corpor. alb. Operation : 
7. Februar 1891. 

Blutangen verschwunden. Tumor kleiner ge- Heilung p. pr. Vor der Operation Curettement und Ergotin 

worden. Allgemeinbefinden sehr gut. Zur vergeblich versucht. Befund der Ovarien: Stroma unter der 

Zeit der erwarteten Menses Congestionen. Oberfiäche stellenweise sehr kernreich. Zahlreiche Corpor. alb. 

und kleine Follikel. Von der Oberfläche gehen zanlreiche 
Einbuchtungen aus, die mit Cylinderepithel ausgekleidet sind. 
An mehreren Stellen im Hilus-Stroma Gruppen von theils zu¬ 
sammenhängenden, schmalen Drüsenschläocnen, die von einem 
einschichtigen Cylinder-Epithel ansgekleidet sind. Operation: 
6. Mai 1891. 

Heilung p. pr. Die Enucleation wegen starker Venenentwicke¬ 
lung zu gefährlich. Deshalb Castration beschlossen. Kein 
Ovarium aufzufinden. Auch nicht nach Einführen der Sonde. 
Operation: 15. Juni 1891. 

Keine Blutung, Tumoren zurückgegangen. Heilung p. pr. Befund der Ovarien: Das kleinere 1. Ovarium 
Allgemeinbefinden sehr gut. Geringe Con- zeigt zellreiches Stroma mit vielen Gräflichen Follikeln und 
gestionen. Stärkere Corpulenz. Corp. alb. Das rechte grössere Ovarium zeigt einen ähnlichen 

Befund, nur dass sich hier noch 2 collabirte Follikel mit 
gewucherter Theea und ein Corp. lut. ver. finden. Operation : 
6. Februar 1892. Direct vor der Operation Curettement und 
Aetzen mit 507o Carbol. 


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212 


Name 

Alter 

? p. 

Beschwerden 

Sitz des Tumors und Grösse 

10) Frau E. 

48 

1 P. 

Blutungen, bis 6 Wochen anhaltend. 

Gänseeigrosses interstit. Myom 
der 1. Wand. 

11) Frl. J. 

41 

0 P. 

Starke Schmerzen im Leib, Anschwellung 
desselben. 

Subseröses eigrosses Myom der 
vorderen Wand. Eine Reihe 
kleinerer. 

12) Frau Gf. 

38 

0 P. 

Starke unregelmässige Menses, Schmerz im 
Leib. Nervöse Beschwerden. 

Eigrosser subser. Tumor der vor¬ 
dem Wand, kindskopfgrosse» 
interstit. Myom des Funoos. 

13) Frl. Gl. 

38 

0 P. 

Starke unregelmässige Blutungen. Grosse 
Schwäche. Schmerzen im Leib. 

lieber faustgrosses 1. interligam. 
Myom. 

14) Frau M. 

41 

0 P. 

Atypische bis 1 Monat anhaltende Blutungen, 
starke Ansemie. 

Eigrosser Tumor der vordem 
Uteruswand. 

15) Frau B. 

42 

0 P. 

Schmerzen und Gefühl eines Fremdkörpers 
im Abdomen. 

Apfelgrosses, subperiton. Myom 
der vordem Wand. 

16) Frau L. 

41 

5 P. 

Starke unregelmässige Blutungen, Schmerzen 
im Leib. 

Kindskopfgrosses interstit. Myom* 

17) Frau WJ 

38 

0 P. 

Profuse Menses, öfters Harnverhaltung. 

üeber kindskopfgrosses interstit., 
z. Th. snbmucös entwickeltes 
Myom. 

18) Frl. P. 

45 

0 P. 

Dysmenorrhoe. Schmerzen im Leib, öfters 
Harnverhaltung, so dass Catheter nöthig war. 

Mannskopfgrosses intcrstitMyom 
des Funaus. 

19) Frau L. 

36 

2 P. 

Starke Schmerzen. 

Kindskopfgr. interligam. Myom 
des Cervix. 

20) Fraa B. 

43 

3 P. 

Starke unregelmässige Menses, starke Ansemie, 
Schmerzen im Leib. 

Rindskop^r. submucöses Myom 
der vordem Wand. 


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213 


Einfluss der Operation 

t. Grome des Tamors. b. Bluiangen. 
c. Nervöse Beschwerden. 


Keine Blutung mehr. Tnmor anch in Nar¬ 
kose nicht m^r nachznweisen. Fluor. 


Keine Menses. Allgemeinbefinden gnt. Frü¬ 
here Schmerzen verschwanden. Tnmor gleich 
geblieben. 

Menses erloschen. Tumoren kleiner gewor¬ 
den. Schmerzen verschwunden. Allge¬ 
meinbefinden gut. Keine nervösen Beschwer¬ 
den. Im Gegentheil die firühern sind ver¬ 
schwunden. 

Nach der Operation hie und da etwas Blut- 
ibgang: seit keine Blutung mehr. 

Geschwulst gleich geblieben. Gutes Allge- 
nieinbefinden. Keine Ansemie. Zunahme des 
Körpergewichtes um 20 Pfund. Zur Zeit 
der erwarteten Menses Hitze und Ziehen 
im ganzen Körper. Fluor. 

5 Wochen lang nach der Operation Blutung, 
seitdem keine Menses, die Geschwulst ist 
kleiner geworden. Allgemeinbefinden be¬ 
deutend oesser. — Congestionen und Herz¬ 
klopfen. 

Menses verschwanden. Tumor kleiner ge¬ 
worden. Allgemeinbefinden gut. Hie und 
da Congestionen. 

Menses alle 4 Wochen, die Hälfte weniger 
Blutverlust als vor der Operation. Schmerzen 
aur noch gering. Allgemeinbefinden gut. 

1 Mal Blutung im Sept. 1893, viertägig, 
seitdem nicht mehr. Tumor kindskopfgross, 
weich sich anfühlend. Keine Beschwerden. 
Beischlaf lästig geworden. 

Keine Menses, Tumor zurückgegangen, ab¬ 
solut keine Beschwerden. 

4 Monate nach der ^eration an Phthise 
gestorben. Bei der Entlassnug war Pat. 
frei von Schmerzen. 


Bis letzt keine Menses, nachdem etwa 3 
Wochen lang nach der Operation schwache 
Bintang angehalten hatte. G^hwulst nicht 
reriadert. Pat. fohlt sich kräftiger als vor 
der Operation. 


Bemerkungen 


Heiln^ p. pr. Befand der Ovarien: Rinde schmal, ohne Pri- 
mitiv-FoUikel, mit spärlichen grossem Follikeln, die noch 
Membran, granulös, haben. Stroma normal. Viele Corpor. 
alb. Atroph, der Ovarien. — Operation: 9. Angnst 1890. Am 
Tage vorher Abtasten des Cavnm nteri, Cnrettement, Aetzen 
mit Acid. nitr. fnm. Tamponade mit Jodoformgaze. 

Heilung p. pr. Befand der Ovarien; Stroma normal. Zahl¬ 
reiche grosse Follikel und Corpor. alb. An einer Stelle eine 
grosse Anzahl kleiner Follikel. Operation. 23. Mai 1892. 

Heilung durch einen r. Lnngeninfarct gestört. Befand der 
Ovarien: Im einen Ovarinm ein Corp. Int. Zahlreiche grosse 
Follikel und Corpor. alb. Wenig kleiue Follikel. Stroma 
normal. Operation 8. Juni 1892. 


Heilung p. pr. Operation: 9. November 1892.* Vorher Curette- 
ment, Aetznng mit Acid. nitr. fnm. Tamponade des Utems 
mit Jodoformgaze. 


Heilung p. pr. Operation: 21. November 1892. Vorher Cu- 
rettement, Aetzen mit Acid. nitr. fnm. Tamponade des Uterus 
mit Jodofonngaze. 


Heilnng p. pr. 


Heilung durch 
Mai 1892. 

Heilung p. pr. 


Operation: 7. December 1892. 

einen Lnngeninfarct gestört. Operation: 

Operation: 5. März 1893. 


16. 


Heilnug p. pr. Operation: 2. März 1893. 


Conservative Sectio ceesar. im V. Monat der Gravidität. Ver¬ 
such der Castration. Das zweite Ovarinm kann wegen starker 
Gefässentwickelnng nicht entfernt werden. Abbinden der ent¬ 
sprechenden Tube. Reconvalescenz dnrch Anfplatzen der Bauch¬ 
wunde gestört. Operation: 6. März 1893. 

Heilung p. pr. Operation: August 1893. 


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214 


Ein Fall von Schussverletzung durch das neue Schweiz. Ordonnanzgewehr, 

Modeli 1889. 

Von Dr. Fr- Brunner am Krankenasyl Neumünster. 

Die Eigenthümlichkeiten der durch die modernen kleinkalibrigen Geschosse er¬ 
zeugten Wunden sind durch theoretische Betrachtungen und Schiessversuche längst 
klargelegt und in der deutschen Litteratur namentlich von BircJier, v, Bruns und 
Bdbart eingehend erörtert worden. Es hat sich gezeigt, dass die Wirkung der neuen 
Waffen auf den menschlichen Körper vielfach anders ist als die der alten. In Folge 
der viel grössern Energie und der geringen Deformirbarkeit der neuen Geschosse findet 
die Wirkung viel ausschliesslicher in der Bichtung der Flugbahn statt und sind die 
seitlichen Wirkungen weniger bedeutend oder ganz null: das Durchschlagsvermögen ist 
bedeutend erhöht, selten bleibt ein Projectil im Körper stecken, es ist im Gegentheil im 
Stande, drei bis vier menschliche Körper zu durchdringen, bevor sich seine Kraft er¬ 
schöpft, die hydraulische Pressung ist geringer, die Röhrenknochen werden weniger 
zersplittert und es kommen viel häufiger reine Lochscbösse ohne seitliche Zerstö¬ 
rungen vor. 

Es ist nun interessant, diese durch Schiessversuche an Leichen und lebenden 
Thieren gewonnenen Resultate durch Beobachtungen am lebenden Menschen, der sich 
in einigen Beziehungen anders verhält, zu controliren und es sind bereits aus Oester¬ 
reich durch Bogdanik und Hdbart eine ganze Reihe von Schussverletzungen mit dem 
8 mm Mannlicher - Gewehr, welche bei den Aufständen in Biala und Nnrschan 
vorkamen, beschrieben worden. Daher verlohnt es sich wohl auch, einen Fall von 
Schussverletzung durch unser neues Gewehr bekannt zu geben, um so mehr, als es der 
erste ernstliche derartige Fall zu sein scheint und als die Construction unseres Ge¬ 
schosses eine besondere ist und deshalb die Ergebnisse deutscher Autoren nicht ohne 
Weiteres auf unsere Waffe übertragen werden können. Der Fall ist folgender: 

Am 18. April 1893 kehrten einige Bewohner des Dorfes D. von einer freiwilligen 
Schiessübung auf der Wollishofer Allmend in ihren Wohnort zurück. Oberhalb des Dorfes 
Hirslanden auf offener Landstrasse wollte ein Schütze den andern zeigen wie man zielen 
müsse, er legte auf einen ca. 20 Meter vor ihm stehenden Cameraden an, drückte los 
und traf denselben, da er vergessen hatte sein Gewehr zu entladen, in die linke Schulter. 
Ein zufällig vorbeifahrender Wagen brachte den Verletzten nach dem nahe gelegenen Kran¬ 
kenasyl Neumünster, wo ich ihn^leich nach der Ankunft, ca. Stunde nach dem Unfall, 
sah. Derselbe, ein magerer aber musculöser 29jähriger Landwirth, hatte den Schuss er¬ 
halten, während er sich in aufrechter Stellung mit herabhängendem linken Arm dem 
Schützen zukehrte, er hatte nur geringen Schmerz verspürt, war nie besinnungslos ge¬ 
wesen, zitterte aber wie Espenlaub. Eine stärkere Blutung soll nie bestanden haben. 

Zuerst wurde vom Geschosse der fest auf dem Laufe sitzende Mün¬ 
dungsdeckel durchbohrt, weggerissen und dem Verletzten in Nabelhöhe an die Weste 
geschleudert, ohne ihm weiter Schaden zu thun. An seinem Boden fand sich ein rundes 
Loch vom Geschossdurchmesser mit nach aussen umgestülpten Rändern ohne grössere 
Risse oder Sprünge. Dann schlug das Projectil durch die Vorderseite von Rock, Weste 
und Hemd, in diesen Kleidungsstücken ein scharfes, wie mit dem Locheisen gemachtes, 
7 mm im Durchmesser haltendes Loch verursachend, drang ca. 3 cm unterhalb des 
Schlüsselbeins in der AfoArcnÄeewi’schen Grube in den Körper, verliess denselben etwas 
unterhalb der Spina scapulee und erzeugte noch in den Rücktheilen der Kleider drei- 


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215 


strablige Risse. Der Einschuss war kreisrund, wie mit dem Locheisen geschlagen, vom 
Durchmesser des Geschosses, mit bräunlichen Rändern, seine Umgebung ziemlich stark 
Yorgetrieben, blutunterlaufen, deutlich pulsirend; auch der nächstliegende (äussere) Theil 
der Supraclaviculargrube war angeschwollen. Der Ausschuss war ebenfalls kreisrund, 
scharfrandig, ohne Einrisse, 10 mm im Durchmesser, mit blutunterlaufener, yorgetriebener 
Umgebung. Die Lunge war unverletzt, überall hörte man Yesiculärathmen, keine Dyspnoe, 
kein Husten. Eine Fractur der Scapula liess sich nicht nach weisen, das Schultergelenk 
war unverletzt. Der Radialpuls, nach dem ich zuerst gegriffen, war links ebenso kräftig 
wie rechts, soweit sich dies bei dem zitternden Menschen feststellen Hess. Setzte man 
das Stethoscop in die Supraclaviculargrube, so hörte man ein lautes brausendes 
systolisches Geräusch. 

Der genaue Verlauf des Schusscanales liess sich erst später nach circa drei Wochen, 
als die Theile wieder abgeschwollen waren, feststellen; er ging die Spitze des Proc. 
coracoides streifend hart über die grossen Gefösse und den N. medianus hin nach dem 
Schulterblatt, das er 2 Y 2 cm unterhalb der Spina durchbohrte, seine Richtung war von 
vom nach hinten und etwas nach aufwärts und nach aussen gehend. Versuche an der 
Leiche zeigen in der That, dass man in dieser Richtung einen 7,5 mm dicken Stab 
durch den Körper stossen kann und hiebei unmittelbar über dem Nerven hingleitet ohne 
ihn oder die Gefässe zu verletzen. 

Anfangs erweckte das Geräusch in der Supraclaviculargrube in mir den Verdacht 
einer seitlichen Verletzung der Art. subclavia; da jedoch eine primäre Blutung sicher 
nicht vorhanden gewesen war — auch das Hemd war nur mässig mit Blut durchtränkt — 
und es nicht mehr wichtig blutete, so beschloss ich zu warten, indem ich Alles zur 
Unterbindung der Subclavia bereit machte. Die Umgebung der Wunden wurde ohne 
letztere selbst zu berühren desinficirt und mit Jodoformgaze und Holzwolle verbunden. 
Der Heilnngsverlauf war günstig, wenn auch nicht ganz aseptisch. Eine Nachblutung 
trat nicht ein, es musste zwar am zweiten Tage der Verband wegen blutiger Durch¬ 
tränkung gewechselt werden, allein der zweite Verband blieb 8 Tage bis zum 25. April 
liegen. Es fand sich damals in ihm dünnflüssiges, eitriges, etwas grünlich gefärbtes 
Secret nnd vor dem Ausschuss ein feiner, 2 mm langer Bleisplitter. Die höchste Tem¬ 
peratur (38,0^ bestand am dritten Tage, von da ab flel die Temperatur in vier 
Tagen auf die Norm. Am 13. Mai Entlassung: die Wunden waren trotz ihrer Kleinheit 
noch nicht völlig vernarbt, granulirten aber gut und waren in 8 Tagen zu Hause voll¬ 
ständig geheilt. Die Mohrevtheim*%Q\ie Grube war immer noch etwas geschwollen, pul- 
sirte noch und in der Supraclaviculargrube war Brausen zu hören, dagegen war an der 
Brachialis kein Geräusch hörbar. An der Scapula keine nachweisbare Fractur, Schulter¬ 
gelenk passiv gut beweglich, doch kann wegen Atrophie des Deltoides der Arm activ 
nicht gehoben werden, es besteht aber keine Entartungsreaction und nirgends im Gebiete 
des Plexus brachialis motorische oder sensorische Lähmung. Radialpuls beiderseits gleich. 

Als ich am 5. September 1893, also fünf Monate nach der Verletzung, den Pa¬ 
tienten wieder sah, war alles vernarbt: unter beiden Hautnarben ziehen sich Stränge 
senkrecht in die Tiefe, die MohrenheM^oYLB Grube ist nicht mehr vorgetrieben, nirgends 
ist mehr Brausen zu hören, wenn das Stethoscop sorgfältig aufgesetzt wird. Eine Aneu- 
rysmenbildung ist ausgeschlossen, auch der Deltoides hat sich erholt. 

Der Fall zeigt in typischer Weise die Wirkung der kleinoalibrigen Geschosse. 
Obschon das Projectil beim Durchbohren des Mündungsdeckels gewiss beträchtlich von 
seiner Energie einbösste, so war es doch noch im Stande/den Körper in einem engen 
Canale za durchsetzen, ohne seitliche Zerstörungen zu bewirken, ohne die Gef&sse und 
Nerven, über welche es hart vorbeistrich, zu verletzen und ohne das Schulterblatt zu 
zersplittern. Eine Vetterlikugel hätte unter ähnlichen Verhältnissen wegen ihres 
grössern Calibers und geringem lebendigen Kraft grössere Gefäss- und Knochen- 


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216 


Verletzungen gemacht. Auffallend ist die grosse, runde, nicht eingerissene Ausschuss- 
Öffnung, da sonst bei den Schiessversucben in der Gegend des Schulterblattes nur kleine 
runde oder schlitzförmige Ausschüsse beobachtet wurden. Es bängt dies vielleicht ab 
von der Construction unseres Geschosses und hätte sich ein Mantelgeschoss anders 
verhalten. Wahrscheinlich hat sich das Projectil vor dem Schulterblatt, an dem etwas 
Blei abgerieben wurde, ein wenig gestaucht. Die rissfOrmige Durchlöcherung der 
Bücktbeile der Kleider deutet die verminderte Energie an. — Obschon die Subclavia 
selbst nicht getroffen wurde, so ist es doch leicht möglich, dass eine grossere Arterie 
verletzt wurde, denn die Sugillation war bedeutend; trotzdem floss nur wenig Blut 
nach aussen und es scheint gerade eine Eigenschaft der neuen Schusswunden — die 
sich an der Leiche nicht constatiren lässt — zu sein, dass in dem engen Canal das 
Blut leichter gerinnt und die Blutung nach aussen und im Ganzen geringer ist. 

Schliesslich noch ein Wort über das brausende Geräusch über der Art. subclavia, 
das mich Anfangs eine Verletzung dieses Gewisses annehmen Hess. Ich habe mich 
seither überzeugt, dass man bei manchen (durchaus nicht immer anämischen) Indi¬ 
viduen ohne Weiteres ein ähnliches Geräusch hOrt, bei vielen sowie auf das Stethoscop 
gedrückt wird. Unser Patient hatte einen stark hebenden Herzstoss ohne Herzhjper- 
trophie und die übrigens reinen HerztOne waren weit über die Grenzen des Herzens 
hinaus hOrbar. Auch in der rechten Snpraclaviculargrube war das Geräusch zu hOren, 
sowie nur ein wenig auf das Stethoscop gedrückt wurde, links aber war es Anfangs 
immer, auch ohne Druck hOrbar und wurde offenbar hervorgebracbt durch Compression 
der Art. subclavia durch den ihr unmittelbar anliegenden Bluterguss. Letzterer ver¬ 
mittelte auch die auffallend starken Pulsationen in der Jtfo/wenAeim’scben Grube. Es 
verdient das Vorkommen dieses Compressionsgeräusches bei Verletzungen in unmittel¬ 
barer Nähe der Subclavia gewiss Beachtung. Leider wurde unterlassen, gleich Anfangs 
die Art. azill. oder bracbialis zu auscultiren, was für die Diagnose der Gefässverletzung 
nach den Ausführungen v. WaM'i wichtig gewesen wäre. Später fand sich kein Ge¬ 
räusch an denselben. 


Ein schöner Erfolg der Sublimatmethode bei Leberechinococcus.') 

Von Dr. Carl Blumer in Mühlehomv 

Frau E. M.-Z. in N. ist seit 1879 leidend. In jener Zeit, also vor circa 15 
Jahren, stellten sich bei der Patientin ausserordentlich heftige Schmerzen im Epi- 
gastrium ein, die in die rechte hintere Thoraxhälfte bis unter die Scapula und die 
Schulter hinauf ausstrahlten. Die Schmerzen worden damals anf den Magen bezogen. 
Morphiuminjectionen brachten jeweilen Erleichterung, nach circa 5 Wochen trat Besserung 
ein. Dieselben ErscheinuDgen wiederholten sich nun namentlich jedes Frühjahr und 
fesselten die Patientin für 4 bis 5 Wochen an’s Bett. Allmählig wölbte sich das rechte 
Hypochondrium vor. Die Leber schien zu wachsen und nun wurden die Symptome auf 
diese bezogen. 1881 gesellte sich hartnäckige Gelbsucht hinzu mit starkem Durst und 
unausstehlichem Jucken. Dieser Icterus dauerte 2 Jahre und war sehr intensiv. Seit 
dem Beginn desselben schwellten zeitweilig die Füsse und Unterschenkel ziemlich stark 
an; 1892 machte Fr. M. eine localisirte, linksseitige trockene Pleuritis durch. Ende 
December 1892 nun weilte Patientin auf Besuch bei ihren Eltern in M. Sie war gravida 

*) Vorgestellt in der med. Gesellschaft des Cantons Glarus, 25. Nov. 1893. 


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217 


und da sich ganz unverhofft am 31. d. M. sehr lebhafte Wehen einstellten, wurde ich 
gerufen, weil Fr. M. für ihre kranke Riesenleber fürchtete. Am Neujahrsmorgen erfolgte 
die Geburt eines circa 24 Wochen alten Mädchens. 

Das Abdomen der Patientin wies bei meinem Besuche sehr auffallende Erscheinungen. 
auf, deren Deutung mir vorher nicht geglückt war. Jetzt, nachdem der Uterus entleert, 
contrahirt hinter der Symphyse lag, hatte man einfachere Verhältnisse. Der gewaltige 
Leibesumfang hatte sich durch die Geburt kaum merklich vermindert. Derselbe betrug 
bei der magern Patientin über den Nabel gemessen 101 cm. Aufgetrieben war besonders 
die rechte Bauchhälfte und daselbst constatirte man percutorisch und palpatorisch einen 
riesigen, fluctuirenden Tumor mit grossbückeligem Rande. Von diesem Tumor wird die 
rechte Abdominalhälfte fast complet ausgefüllt, er reicht herunter beinahe bis zur Crista 
ossis ilei. In die Regio inguinalis dext. hinein ragt zapfenformig noch ein besonders 
langer Fortsatz. In der Medianlinie überschreitet die Geschwulst den Nabel nicht. — Die 
untere rechte Thoraxapertur ist aufgetrieben und in der Mitte zwischen dem Rippenrande 
und dem Nabel in der Mamillarlinie hatte der Tumor seine höchste Erhebung. Die Ge¬ 
schwulst, obschon respiratorisch nicht verschieblich, schien doch ganz unzweifelhaft der 
Leber anzugehdren. Die Untersuchung der andern Organe fällt negativ aus. Es besteht 
kein Ascites. Nirgends finden sich Oedeme. Die Diurese gab niemals zu Klagen 
Anlass. Dagegen leidet Pat. seit dem Bestehen dieser Geschwulst an hartnäckiger Ob¬ 
stipation. Temperatur, Puls, Respiration zeigen jetzt bei ruhiger Bettlage keine be- 
merkenswerthen Veränderungen. Fr. M. ist sehr abgemagert und macht einen cachecti- 
schen Eindruck. Sie fühlt sich schwach und ist psychisch sehr deprimirt. Die Geschwulst 
beschwere sie derart, dass sich beim Herumgehen und namentlich beim Steigen Athemnoth 
und Beklemmung einstelle. Seit circa 1 Jahre quäle sie beständig trockener Husten. 

Die Diagnose „Echinococcus der Leber^ schien mir nach der Anamnese und dem 
Befunde kaum zweifelhaft, zumal da ich wusste, dass sich der Vater der Patientin als 
Metzger stets Hunde hielt. 

Am 31. Januar dieses Jahres machte ich dann die Probepunction und schloss hieran 
gleich die Aspiration um ein Ausfliessen, eine Aussaat in die Peritonealhöhle zu ver¬ 
hindern. Mit einem feinen Trocart stach ich auf der Höhe des Tumors des besseren 
Verschlusses wegen möglichst schräg ein und entleerte gut 572 Liter einer gleichmässig 
gelberbsenfarbigen, fleckenlosen, emulsiven Brühe. Die Punctionsstelle wurde mit etwas 
Sublimatcollodium verschlossen und nun hatte Patientin einige Tage absoluter Bettruhe 
zu pflegen. In diesem Sinne verschrieb ich ihr auch noch etwas Opium. In wenigen 
Tagen hatte die Geschwulst wieder die frühere Grösse erreicht bei lebhaftem Durst und 
sparsamer Diurese. In einem halben Dutzend mikroscop. Präparate der Punctionsflüssigkeit 
fanden sich keine Blasen, keine Scolices, keine geschichteten Membranen oder Haken, auch 
enthielt die Flüssigkeit keinen Eiter oder Harnstoff. 

Am 14. März punctirte ich abermals. Es gelang aber nicht, den Tumor zu ent¬ 
leeren, da sich die Kanüle immer und immer wieder mit Flocken verstopfte. Nachdem 
ich mit Mühe circa 30 ccm des Cysteninhaltes herausbekommen hatte, injicirte ich dem 
Verfahren von Bacelli und andern folgend (Der Loberechinococcus und seine Chirurgie 
von Prof. C. Langenbuch 1890, pag. 94) 20 gr van Swieten^scher Lösung (Sublimat 
1,0 : 1000,0 Aqua). Auf die Punctionsstelle kam diesmal ein Wattetampon, befestigt 
mit Heftpflaster und Collodium. Patientin lag diesmal 8 Tage. Vom Erfolg dieser Iii- 
jection versprach ich mir nicht viel, da die Verdünnung von 20 gr l®/o Sublimatlösung 
mit über 5500 ccm Cysteninhalt doch eine zu grosse werden musste, um dem Wurm den 
Tod zu bringen. 

Als ich nach lys Monate langem Zuwarten am Tumor keine deutlichen Spuren 
des Abnehmens beobachtete, entschloss ich mich zur dritten Punction. An der Stolle der 
früheren Einstiche Adhäsionen voraussetzend und auf die definicirende Wirkung des 
Sublimats vertrauend wählte ich am 2. Mai einen dickeren Trocart; diesmal konnte die 

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218 


Cyste wieder leer gepumpt werden und ich füllte dann 30 gr van ÄW^fe^’scher Lösung 
nach und entfernte, dieselbe zurücklassend, den Trocart. 

Bei dieser Aspiration wurden nur 4 Liter einer gleichmässig schmutzig bernstein- 
gelblichgrünen Brühe gewonnen. Die Yermuthung liegt sehr nahe, dass schon die erste 
Sublimatwasserinjection nach und nach doch zum Ziele geführt haben würde. Der Tumor 
wuchs in früherer Weise rasch wieder, erlangte aber nie mehr seine alte Prallheit und 
am 28. Mai war das Abnehmen der Geschwulst ganz evideQt. Die Hydatide war 
schwappend schlaff und der Leibesumfang auf 82 cm zurückgegangen. Am 30. Juni 
endlich betrug derselbe nur noch 76 cm, also etwa das normale Maass. Der Tumor 
freilich war immer noch gut kindskopfgross, indessen ent Hess ich die Patientin in der 
Voraussetzung, die Sache werde sich successive schon machen. Das Allgemeinbefinden 
war jetzt schon ein wesentlich besseres. Nach geraumer Zeit sollte sich Fr. M. wieder 
zeigen. Meine Voraussetzung findet sich heute vollauf bestätigt. Die Patientin sieht 
verjüngt und gut genährt aus, ist lebensfroh und hat über gar nichts zu klagen. An 
Stelle des alten, grossen Tumors palpirt man heute, also 30 Wochen nach der letzten 
Punction einen sehr viel kleinem gut faustgrossen. Vermuthlich wird dieser Geschwulst- 
rest nach und nach noch mehr schrumpfen, vielleicht verkalken. Der Leibesumfang be¬ 
trägt heute bei besserem Fettpolster 73 cm. 

Diese Art der Behandlung hatte Patientin ausserordentlich wenig alterirt oder 
genirt; sie lag jeweilen nur 5 bis 8 Tage zu Bette; dazwischen besorgte sie wie vorher 
leichtere, häusliche Arbeiten oder ging promeniren. Erscheinungen von Sublimat-Intoxi- 
cation wurden niemals beobachtet. Die Resorption fand übrigens nur sehr langsam statt 
und die Verdünnung in der Cyste war zudem noch eine sehr starke. 

Beim Durchmustera der diesbezüglichen Litteratur ist mir aufgefallen, wie wenig 
diese einfache Methode geübt wird; dieselbe dürfte bei Etablirung des Wurms an subtilem 
Localitäten, Auge, Rückenmark, mit der Pravazspritze ausgefdhrt, besonders werthvoll 
sein. Statt Sublimat sind auch /3-Naphthol, Jodoformöl im gleichen Sinne mit Erfolg an¬ 
gewendet worden. Ob in meinem Palle der Wurm todt war, weiss ich nicht; nach dem 
Aussehen der Punctionsfiüssigkeit möchte man es glauben. Der Erfolg des Sublimats bei 
todtem Wurm wird bezweifelt, indessen dürfte das Sublimat nicht nur intensiv wurmtödtende 
Eigenschaften besitzen, sondern auch die Cystenwand selbst günstig beeinflussen. 

ln der Discussion wurde differentialdiagnostisch an die Möglichkeit einer Eydro- 
nephrose gedacht. Herr Dr. FrüzscJie findet den Tumorrest noch fluctuirend, nach der 
Leber zu verschieblich und derselben angehörend. 

Aus der conservirten Flüssigkeit der dritten Punction gelingt es Herrn Dr. Cloetia^ 
z. Z. Assistenzarzt im Cantonsspital, mittelst Centrifugiren Kriterien (Haken) des Echino¬ 
coccus zu gewinnen, wodurch über die Natur des Tumors jeder Zweifel gehoben wurde. 


Ein Fall ausgeprägter Intoleranz gegen Jodpräparate. 

Im Februar 1891 erlitt ich durch Sturz auf die rechte Parietooccipital-Gegend eine 
Commotio cerebri. Seit dieser Zeit machen sich hie und da unangenehme Kopf¬ 
schmerzen von eigenthümlich reissendem Charakter an dieser Stelle geltend. Um diesem 
Uebel abzuhelfen, entschloss ich mich am 12. Februar 1894, als die bezüglichen Er¬ 
scheinungen wieder auftraten, Jodkali als Resorbens anzuwenden. 872 Uhr Vormittags 
1 gr in wässeriger Lösung; momentan Brechreiz, der aber unterdrückt werden kann; 
5 Minuten später eine Tasse Milch-Caffee. Um 11 Uhr a. m. stellen sich bereits die 
ersten Erscheinungen eines Nasen-Racben-Catarrhs ein. Kaum eine Stunde später hat 
sich schon eine Stomatitis mit sehr lästiger Gingivitis hinzngesellt; das Zahnfleisch ist 
erheblich geschwollen und blutet auf Druck leicht. Um 2 Uhr p. m. stellt sich eine 
Neuralgia supra-orbitalis sinistra ein mit intensiv stechenden ziehenden Schmerzen. Die 
linke Gesichtshälfte ist gerötet, die rechte blass. Nach Verfluss von kaum einer 


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Stunde die gleiche Erscheinung im Bereich des rechten Nervus snpraorbitalis. Circa 
um 4 Uhr p. m. haben die Neuralgien ihren Höhepunkt erreicht, indem nun alle 3 
Trigeminus - Aeste sehr schmerzhaft werden; Flimmern in den Augen, starkes Thränen, 
Ohrensausen, spannendes Gefühl in beiden Parotiden, starke Speichelsecretion. Zu 
gleicher Zeit tritt im linken, äussern Augenwinkel im Bereich des obem Lides eine 
ziemlich schmerzhafte Schwellung auf, die sich langsam gegen die Nase hin ausbreitet. 
Kurz nachher dieselbe Erscheinung am rechten Auge. Um 6 Uhr Abends Temperatur 
37,8®, Puls 62—80 unregelmässig, welchselnd stark, voll und gespannt. Ausgesprochene 
Herz-Palpitationen. Antineuralgica bleiben erfolglos, so dass schliesslich Morphium 
muriatic. in Anwendung kommt (innerhalb 2 Stunden 3X0,015 gr) sowie kalte Umschläge 
auf Gesicht und Hals. Die fürchterlichen Schmerzen werden nach und nach dumpfer, 
Schlaf unmöglich. Gegen Mitternacht beängstigender Kehlkopf-Catarrb ; typisches stridoröses 
Athmen, verstärkte Herz-Palpitationen. Am 13. Februar, 8 Uhr a. m., hat die Schwel¬ 
lung der beiden obern Augenlider ihren Höhepunkt erreicht. Die Haut ist über dieser 
Partie des Gesichtes blassrot, fühlt sich nicht erhöht temperirt an. Die Geschwulst ist 
weich elastisch; die Nasenwurzel und die untern Augenlider sind frei. Temperatur 37,5®, 
Puls 68—75. Stimme immer noch fast aphonisch. Gegen Mittag gehen nach fleissigem 
Gurgeln mit kaltem Wasser die catarrhalischen Erscheinungen wesentlich zurück. Harn¬ 
menge am 12. Februar 1894 bedeutend vermehrt, Urin hell und klar; am 13. Februar 
trotz vielen Wassertrinkens Urinmenge vermindert, Harn dunkel, starkes Sediment. Es 
fehlt leider die Gelegenheit, den Harn auf Jod und eventuell auf Eiweiss- und Zucker¬ 
gehalt zu untersuchen. Stuhl diarrhoisch, Appetit schlecht, Zunge stark belegt; Neural¬ 
gien nicht mehr bedeutend. 

Schlaf vom 13. auf den 14. Februar ordentlich auch ohne Morphium. Am 14. Fe¬ 
bruar Morgens immer noch ausgesprochener Jodgeschmack im Munde; im Speichel, der 
weniger dünnflüssig, mässige Zahl tiefblauschwarzer Körnchen. Die Schwellung der 
Augenlider geht wesentlich zurück. 

15. Februar 1894. Sozusagen völlige Restitutio ad integrum; immerhin resistirt 
eine leichte Conjunctivitis und am rechten obern Augenlid hat sich ein kleines Hordeolum 
entwickelt, das auf der innem Seite des Lides leicht eröffnet werden kann. 

Zürich, Februar 1894. A. Mauchk, 


Beitrag zur Myopie-Frage. 

Die unter meiner Leitung von Herrn Dr* B, Jankowski ausgeführte statistische 
Bearbeitung eines von Herrn Dr. Eissen herrührenden auserlesenen Untersuchungsmaterials 
betreffend die Relationen zwischen Orbitabau und Myopie ist in Nr. 22 dieses Blattes, 
pag. 773 und 774, von Herrn Dr. MelUnger referirt worden in einer Weise, die mich 
zu einigen Bemerkungen veranlasst. 

Aus den ausserordentlich reichen positiven Zahlenresultaten, die zur Zeit Niemanden 
mehr überrascht haben, als mich selbst, theilt der Referent ein einziges mit, das abrupt 
hingestellt keinen Leser des Corr.-Blattcs in den Stand setzt, auch nur einigermassen 
eine Einsicht in die Ergebnisse der mühevollen Arbeit zu gewinnen. 

„Die Arbeit zeigt,“ resümirt allerdings der Kritiker, „dass wir mit Anwendung der 
SUlling^^eYken. Methode bei der Myopie niedrige Orbit® Anden, doch beweist sie auch 
nicht, dass die Myopie eine Folge der niedrigen Orbita ist.“ 

Die zuerst von Schmidi-Ilimpler ausgesprochene Idee, nicht die Orbita übe einen form- 
verändemden Einfluss auf den Bulbus, sondern im Gegentheil dürfte die Gestalt der Orbita 
von der Grösse und Form des Bulbus ihr Gepräge erhalten, wird von Herrn MelUnger 
aufgegriffen und weiter ausgeführt; „Die Stilling^Qh^ Theorie wird für mich immer 
etwas Unwahrscheinliches behalten , weil sie die Voraussetzung verlangt, dass bei der 


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Myopie ausnahmsweise der Weichtheil (Bulbus) sich nach dem Wachsthum des Knochens 
(Orbita) richte.“ 

Es kann hier nicht meine Aufgabe sein, auf den Inhalt des zweiten Heftes der Mit- 
theihingen aus Kliniken und medicinischen Instituten der Schweiz näher einzutreten. 
Hoffe, dass eine Reihe Collegen durch Lectüre des Originals eine eigene Meinung sich 
bilden werde. Einzig gegen die erwähnte Auffassung der Verhältnisse durch Schmidt- 
Bimpler und Mellinger seien mir einige Einwendungen gestattet. 

Die Thatsaohe, dass frühzeitiger Verlust des Bulbus ein Kleinerbleiben der kind¬ 
lichen Orbita zur Folge hat, wird von den beiden Herren als Stütze ihrer Ansicht be¬ 
nützt. Dieser Grund ist aber nicht einwandsfrei. Würde hier der mangelnde Gegendruck 
des fehlenden oder verkleinerten Auges gegenüber dem allgemeinen Wachsthum des 
umgebenden Knochengerüstes einzig und allein die Formveränderung der Orbita bedingen, 
so müsste entsprechend der annähernden Kugelgestalt des normalen kindlichen Auges die 
Orbita concentrisch sich verengern. Dem ist aber keineswegs so. Die Orbita reducirt 
sich in diesem Falle wesentlich nur in ihrer Höhe, sie wird zu einer horizontalen Spalte. 
Es liegt viel näher anzunehmen und es ist dies auch von anderer Seite angenommen 
worden, dass in diesen Fällen der Druck des Unterkiefers auf den Oberkiefer beim 
Kauen die ausschlaggebende Potenz sei. Die von unten nach oben wirkende Kraft findet 
am fehlenden Bulbus keinen passiven Widerstand. Von der Seite her wirkt keine ana¬ 
loge Kraft und hier macht sich das Fehlen des Bulbus für Grösse und Gestalt der Orbita 
nicht oder in sehr untergeordneter Weise geltend. 

Sollte aber einzig die Form des Bulbus für die feinem aber gesetzmässigen Ge- 
staltsVeränderungen, wie sie im Typus der Masse sich aussprechen oder wie sie bei den 
verschiedenen Refractionen sich finden, verantwortlich gemacht werden, wären die that- 
sächlich beobachteten Veränderungen der kindlichen Orbita nicht erklärbar. 

Da ich, wie angedeutet, von einem Eingehen in die Arbeit von Jankowshi absehen 
muss, sei es mir nur gestattet, an die Tabelle VIII derselben zu erinnern, welche die 
Durchschnittsmasse der Höhe und Breite der Augenhöhlen bei den verschiedenen Re¬ 
fractionen enthält. Diese Tabelle sagt uns, dass der erwachsene Myope eine Orbita be¬ 
sitzt, die durchschnittlich um 1 mm breiter und um 2 mm niedriger ist als die der 
Emmetropen und Hypermetropen. 

Käme bei der Formirung der Orbita wesentlich nur der Gegendruck des wachsen¬ 
den Bulbus in Betracht, so wäre es nicht erklärlich, dass der nicht nur in der Längs¬ 
achse, sondern vielfach auch in andern Richtungen vergrösserte myopische Bulbus eine 
Verbreiterung der Orbita von 1 mm verursachte, während er rücksichtlich der Höhe 
nicht nur nicht eine analoge Vergrösserung zu Stande brächte, sondern sogar eine Ver¬ 
kleinerung derselben um 2 mm unter den Durchschnitt der Orbita bei den übrigen 
Refractionen mit geringem mittleren Bulbusgrössen zuliesse. 

Hier kann auch die von unten nach oben wirkende Kraft der Kaumusculatur nicht 
zur Erklärung beigezogen werden, denn sie müsste sich hier in entgegengesetztem Sinne 
geltend machen; auf geringem Widerstand bei den kleinern Bulbi anderer Refractionen 
stossend müsste sie bei diesen eine Verjüngung der Orbitahöhe bedingen, während that- 
sächlich hier höhere Orbitae beobachtet werden. Die in der Natur cooperirenden Kräfte 
sind nicht immer so einfach und klar zu Tage liegend. 

Die angegebenen Differenzen der durchschnittlichen Orbita-Masse bei Myopie und 
den übrigen Refractionen lassen den Gedanken an eine feinere formgestaltende Wirkung 
des Bulbus auf die Orbita nicht auf kommen, sonst müssten wir, streng logisch vorgehend, 
annehmon, der myopische Bulbus sei in seinem vordem Abschnitte im Mittel 1 mm breiter 
und 2 mm niedriger als das hypermetrope und das emmetrope Auge, was im Ernste an¬ 
zunehmen Niemanden einfallen wird. Solch grobe Missgestaltungen wären ohne jedes 
Messinstrument durch die Inspection allein zu constatiren. 


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221 


Diese Art der BeweisfÜhroDg verlassend erwähne nur noch kurz die Fälle von 
hochgradigerAsymetrie des Schädels, gepaart mit hochgradiger 
A n 1 s o m e t r i e. Mehrfach habe ich Gelegenheit gehabt, solche Fälle in der Klinik 
und in ärztlichen Gesellschaften vorzustellen. Die Mittellinie des Gesichtes verläuft 
im Bogen mit der concaven Seite nach der verkleinerten Gesichtshälfte; dieser 
le^tem entspricht halbseitig ein ausgesprochener dulichocephaler Typus, hochgradige 
Myopie meist mit bedeutendem Astigmatismus, während mit der grossem Gesichtshälfte 
Brachycephalie mit viel geringerer Refraction, geringerer Myopie resp. Emmetropie oder 
gar Hypermetropie meist ebenfalls mit Astigmatismus correspondirt. Es wird aber kaum 
Jemanden in den Sinn kommen, die Entwicklung eines kurzsichtigen Auges für die ver¬ 
änderte Form der Orbita und im Weitern des Gesichts- und Gehirnschädels verantwortlich 
zu machen. Der gegentheilige Schluss, dass die veränderten Schädel- und Orbitaformen 
auf die Refractionen resp. auf die Bulbusformen einen ausschlaggebenden Einfluss in 
diesen Fällen ausgeübt haben werden, drängt sich unwillkürlich auf und ist dieser Schluss, 
so viel mir bekannt, bisher auch immer gezogen worden. 

Bern. Prof. Pflüger, 

Herr Professor Pflüger tadelt in obigem „Beitrag zur Myopie-Frage“ mein Referat 
über die Arbeit JmkowskPs in Nr. 22 des Jahrganges 1893 dieser Blätter und sagt, 
kein Leser des Corr.-Blattes sei in Stand gesetzt, aus dem Referat auch nur einiger- 
massen eine Einsicht in die Ergebnisse der mühevollen Arbeit zu gewinnen. Dieser Vor¬ 
wurf scheint mir nicht berechtigt. Ich habe mir in meinem Referat über die Jan- 
kowski'^sche Arbeit die Aufgabe gestellt, durch der Einleitung dieser Arbeit entnommene 
Mittheilungen die ausführlich und wörtlich angeführten Ergebnisse der Untersuchungen 
verständlich zu machen. Wie weit mir das gelungen ist, muss ich dem Urtheil der 
Leser dieses Blattes überlassen. Auf die für den Ophthalmologen sehr interessanten 
Details der JankowskVsahen Abhandlung näher einzugehen, hielt ich in einer nicht oph- 
thalmologischen Fachschrift für nicht angezeigt. Auf der andern Seite glaube ich war 
es am Platze, dem Loser dieses Blattes auch einige Gründe der Gegner der Stilling'sohen 
Theorie mitzutheilen, um nur darauf aufmerksam zu machen, dass die Entstehung der 
Myopie vorläuflg noch eine Streitfrage bleibt. 

Die für Stilling angeführten Argumente sprechen auch meistens gegen ihn. Wenn 
Herr Prof. Pflüger in seiner obigen Mittbeilung sagt, dass der Druck des Unterkiefers 
auf den Oberkiefer ein Flachwerden der frühzeitig augenlos gewordenen Orbita zur Folge 
habe, so spricht das doch gewiss für eine Passivität der Orbita gegen ihre Umgebung 
und deren Einfluss! Warum soll nun diese gleiche nachgiebige Orbita auf die Form 
ihres Inhaltes von so bestimmender Wirkung sein? 

Die Fälle von Asymetrie des Schädels mit Anisometropie sprechen ebenfalls theil- 
weise gegen Stilling^ weil manchmal gerade auf der Seite der höheren Orbita die Myopie 
gefunden wird, was auch Jankowski in seiner Arbeit, pag. 207, erwähnt. 

Basel. MelUnger, 


Veireiiieil>ei?lclite. 

Medicinische Geseilschaft der Stadt Basel. 

SitzBug^ von 18. Jaiaar 1894*0 

Präsident: Prof. Siehenmann, — Stellvertretender Actuar: Dr. A, Hägler^ Sohn. 

Die Gesellschaft beschliesst einstimmig im Sinne der Aerztecommission auf die An¬ 
regung des Prof. Vaucher in Genf betreffend Gründung eines schweizerischen Aerzte- 
vereines zur Wahrung der Standesinteressen nicht einzutreten. 

0 Eingegangen 24. Februar 1894. Red. 


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222 


Prof. Massini: Ueber die leee sehweiz. PharnaeopcB« (Erschien in extenso in 
dieser Zeitschrift.) 

Sitzoogf von 1. Fobroar 1894. >) 

Präsident: Prof. Siebenmann, — Actuar: Dr. YonderMuhll. 

Dr. Max Bider, Assistenzarzt der Allgemeinen Poliklinik wird als ordentliches Mit¬ 
glied aufgenommen. 

Prof. Socin bespricht Natur, Häufigkeit, Ursachen der bei Kropf kranken vorkommen¬ 
den pIStzlicheo Erstlckoogfsaofilie. Er teilt die Ansicht Krönlein% dass solche mit 
und ohne chronische Dyspnoe auftreten können und zunächst einer plötzlichen Zunahme 
der Tracheostenose zuzuschreiben sind. Letztere selbst ist weniger durch eine acute 
Volums Vermehrung der Kropfgeschwulst bedingt, als die Folge einer verstärkten Action 
der constant hypertrophirten inspiratorischen Halsmuskeln. Bei der Behandlung 
ist die Tracheotomie möglichst zu vermeiden; ein ohne Narkose rasch ausgeführter Quer¬ 
schnitt. die Durchschneidnng der Muskeln, und das Herausheben der ganzen Schilddrüse 
zur Wunde heraus beseitigt die unmittelbare Lebensgefahr. — Man kann dann in aller 
Ruhe, mit oder ohne Narkose, zur Exstirpation derjenigen Schilddrüsentheile schreiten, 
welche man für die Tracheostenose verantwortlich macht. In der Regel ist diess die 
umfangreichere eine Hälfte, jedoch sind Täuschungen möglich, so dass boim Zurücklegen 
der nicht entfernten Drüsentheile die Erscheinungen der Stenose in beunruhigender Weise 
sich wieder einstellen können, ln solchen Fällen kann man sich dadurch helfen, dass 
man die Reste der kropfigen Schilddrüse gar nicht reponirt, sondern in der offen zu 
lassenden Wunde ektopirt lässt. Es tritt eine rasche Schrumpfung der an der Luft ge¬ 
lassenen Gewebspartien ein, über welche die aseptisch gehaltene Wunde sich langsam 
schliesst, ohne eine sehr auffallende Narbe zu hinterlassen. Diese Schrumpfung und 
Atrophie der „an die Luft gesetzten" Kröpfe ist jedenfalls eine höchst interessante That- 
sache. Vielleicht Hesse sich dasselbe Verfahren bei anderen inoperablen Tumoren an¬ 
wenden, vorausgesetzt, dass wie bei der Struma, Vereiterung und Verjauchung sich 
sicher verhindern Hessen. Für den suffokativen Kropf ist diese Behandlungsweise jedenfalls 
der immer noch viel geübten Tracheotomie vorzuziehen. Sie beseitigt die drohende Er¬ 
stickungsgefahr ebenso prompt, und erlaubt eine absolut aseptische Wundversorgung, 
welche bei Anwesenheit einer Trachealkanüle selten vollständig gelingt. Dazn kommt 
es zuweilen vor, dass das Dekanüliren grosse Schwierigkeiten bereitet, indem trotz aus¬ 
gedehnter Kropfexstirpation die Athemuoth sich sofort oder wenige Tage nach Entfernung 
der Kanüle wieder einstellt. Die schrumpfenden Drüsentheile scheinen der leicht ein- 
drückbaren Luftröhre eine äussere Stütze zu gewähren und wirken gleichsam wie eine 
Schiene. — Das Verfahren ist übrigens nicht neu und bereits unter dem Namen Exothy- 
ropexie von Dr. Jahoulay^ Assistenten von Prof. Pmcet in Lyon schon geübt und be¬ 
schrieben worden. Der Ref. stellt ein nach der beschriebenen Methode operirtes Ifijähr. 
Mädchen vor, welches im Zustand höchster Asphyxie auf die Klinik gebracht wurde. 
Im Anschluss an das Gesagte werden noch zwei Fälle von Totalexstirpation des Kehl¬ 
kopfes vorgeführt: ein 41jähriger Mann, vor 3 Jahren operirt und bis jetzt recidivfrei; 
eine, den 25. November 1893 operirte 29jährige Frau, bei welcher die Heilung so glatt 
vor sich ging, dass schon am 11. Tage post oper. die Sprechkanüle eingelegt werden 
konnte; ferner 2 Fälle von lateraler Pharyngotomie, wegen maligner Tumoren des 
Gaumens und des Schlundkopfes ausgeführt. Prof. S, bespricht besonders die Nachbe¬ 
handlung solcher Operirter und legt grossen Werth auf die vorausznschickende Trache¬ 
otomie, welche während und in der ersten Zeit nach der Operation eine völlige Ab¬ 
sonderung des Athmungsrohres gestatte, die gefürchtete Schluckpneumonie vermeide und 
die aseptische Versorgung der Schlund wunde sichere. 

') Eingegangfn 24. Februar 1894. Red. 


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223 


SilzBigf von 8. Febrnftr 1894.*) 

Präsident: Prof. Siebenmann. — Actuar: Dr. Vond^MühlL 
Dr. Markees^ Assistenzarzt der Chirurg. Klinik, und Dr. de Seigneux^ Assistenzarzt 
der geburtshülflichen Klinik werden zu ordentlichen Mitgliedern aufgenommen. 

Prof. Albrecht Burckhardt: Hygleiisches aos Basels VergaDgeahelt. Die Er- 
ofoung der hygienischen Anstalt in dem alten Stachelschützenhause gibt Gelegenheit zu 
Mitlheilungen über die früheren sanitarischen Zustande Basels. — Fremde und ein¬ 
heimische Berichterstatter des 15. und 16. Jahrhunderts rühmen den Reichthum an 
Trinkwasser, die Cloaken und die freie Bauart. Auch die Lebensmittelpolizei, das Spital¬ 
wesen etc. waren gut. Dennoch hatte Basel, als Handelsstadt und Festung an der 
Grenze, von epidemischen Krankheiten sehr viel zu leiden, wie durch eine auf Quellen¬ 
studien beruhende Chronologie der Seuchen für die Jahre 1501 —1767 bewiesen wird. 
Noch anschaulicher werden die Verhältnisse durch eine graphische Darstellung der Ge¬ 
tauften und Begrabenen, deren Zahl seit 1597 Jahr für Jahr für alle Kirchgemeinden 
vollständig erhalten ist. Der Vortragende schildert hierauf die damaligen Ansichten und 
Maassregeln der öffentlichen und privaten Hygiene und legt viele seltene alte Drucke 
vor. Allerhöchsten Werth haben die leider noch nicht edirten Manuscripte von Felix 
Platter über Morbidität und Mortalität bei der grossen Pest (1609—1611); es vergingen 
fast 150 Jahre bis von den Aerzten wieder exacte Statistik getrieben wurde. {J. R. 
Zwitter.) Die Einführung der Variolation und der Vaccination leiten in die neueste 
Zeit, über welche später referirt werden soll. 

Vor und nach dem Vortrag besichtigen die Mitglieder der med. Gesellschaft das 
neue hyg. Institut. 


Medicinisch-pharmaceutischer Bezirksverein Bern. 

111. SltzBOf in Wiiteraenesler 1893/94, Diensüig den 12. Decenber, Abeids 8 Uhr, 

in Casiio.O 

Präsident: Dr. Dumont. — Actuar; Dr. Rohr. 

Anwesend 24 Mitglieder und 2 Gäste. 

1. Vortrag von Prof. Dr. Valentin: Ueber Siifiiiisiirelis Piiiiitivni^ei beileotei 

Gltarrhei« Die im Jahre 1883 von Ehrlich und Krönig zur Bekämpfung des Jodismus 
eingeführte Sulfanilsäure (C 6 H 4 NH 2 .SO 2 .OH) ist, wie ich bei einer längern Reihe von 
Formen acuter Coryza, Laryngitis und Otitis media gesehen habe, ein vorzügliches und 
rasch wirkendes Mittel gegen gewisse Symptome der acuten Catarrhe. Die Schwellung 
der Nasenmuscheln bei acuter Coryza und die wässerige profuse Secretioii wird in weniger 
als zwei Stunden wesentlich verringert oder ganz gehoben, die Röthung nimmt auffällig 
ab. Ebenso, wenn auch weniger sicher, wirkt das Mittel bei acuter Laryngitis, wo die 
starke Röthung ebenfalls verschwindet; bei Mittelohrcatarrh nimmt der Schmerz rasch ab, 
jedoch ohne dass vollständige Heilung eintritt. Die concomitirenden neuralgieartigen 
Schmerzen bei den verschiedenen Catarrhen, besonders bei influenzaartigen Formen, 
werden rasch gebessert, ächte Neuralgien aber nicht beeinflusst. 

Die Dauer der Wirkung ist keine sehr lange; nach 24 bis 48 Stunden muss man 
die Dosis wiederholen, da sonst der Catarrh meist wiederkehrt. 

Bei chronischen Catarrhen, wo man kleinere Gaben längere Zeit verordnen kann, 
werden wenigstens die besonders bei chronischer Otitis media so lästigen, schmerzhaften 
Exacerbationen seltener; die Heilwirkung ist im übrigen geringer, als bei acuten Formen. 

Das Mittel ist in Dosen von höchstens 8 gr pro die ungiftig; der Gebrauch von 
1 bis 2,0 pro die während 4—6 Wochen stört weder die Verdauung noch andere Func¬ 
tionen; nur tritt bisweilen zuletzt leichte Diarrhoe ein. Anilinwirkungen oder sonstige 

Eingegangen den 24. Februar 1894. Red. 

*) Eingegangen den 18. Februar 1894. Red. 


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224 


Yergiftungssjmptome der aromatischen Gruppe fehlen, wie das ja von vielen Sulfover- 
bindungen aromatischer Körper bekannt ist. 

Die Wirkung bei acuter Coryza tritt auf Gaben von 2 bis 4 gr nach etwa 2 Stunden 
ein. Am besten gibt man die Säure mit kohlensaurem Natron saturirt; 10,0 Acidi sul- 
fanil. pnrissimi werden von 8,5 Natr. bicarb. in 200 Wasser neutralisirt und von dieser 
Lösung 40,0 bis 80,0 pro die verabreicht, am zweckmässigsten in einer oder zwei grossen 
Gaben. Merk in Darmstadt hat übrigens jetzt ein Natrium sulfanilicum neutrale dar¬ 
gestellt, welches bedeutend reiner ist, als die übrigens recht gut wirkenden Sulfanilsäure- 
lösungen unserer Droguerien. Das Mittel ist sehr billig und schmeckt nicht allzu un¬ 
angenehm. 

Wie das sulfanilsanre Natrium eigentlich wirkt, ist noch nicht sicher. Es ist kein 
Antisepticum und kein Antipyreticum, also nicht dem Acetanilid oder Phenacetin anzu¬ 
reihen. Vielleicht handelt es sich, wie schon Ehrlich bei seinen Versuchen über Jodismus 
hervorgehoben bat, um die Zerstörung von schädlich wirkenden Nitriten, welche die Sul- 
fanilsäure unter Bildung von Diazokörpem bindet. Im Nasenschleim bei acuter Coryza 
fand sich eine sehr deutliche Nitritreaction (Färbung mit Metaphenylendiamin, welches 
mit Nitriten Bismarckbraun gibt), während im normalen Nasenschleim die Reaction meist 
fehlt. Im Larynx- und Pharynxauswurf beweist diese Schleimreaction wenig, da der ver¬ 
unreinigende Speichel fast immer auch im Normalzustand die Färbung gibt. Möglicher¬ 
weise spielt bacilläre Nitritbildung im acuten Catarrh durch ihren die Schleimhaut ver¬ 
ändernden und congestionirenden Einfluss eine wesentliche Rolle. 

üeber begonnene Thierversuche wird später berichtet werden. 

Discussion: Auf die Frage Dr. LindV^^ wie so bei Jodismus gerade die Nitrite 
— auf deren Bindung zu Diazokörpem Prof. Valentin die anticatarrhalische Wirkung der Sul- 
fanilsäure eventuell schieben zu sollen glaubt — in vermehrter Menge auftreten, erwidert 
der Vortragende, dass beim acuten Schnupfen die Nitrite nach der ausgeführten Hypothese 
eben vermehrt wären, und der Jodschnupfen wäre dann als ein aus anderer Ursache ent¬ 
standener Catarrh, der nur secundär durch das Jod hochgradig verstärkt würde, auf¬ 
zufassen. 

Dr. Miniat möchte wissen, ob sich das Mittel auch gegen acute Bronchialcatarrhe 
mit Erfolg aawenden lasse. Prof. Valentin hat darüber keine Versuche gemacht, da Con- 
trolluntersuchungen mit dem Spiegel, auf die er bei seinen Versuchen grossen Werth 
legt, hierbei ja nicht möglich sind. Jedenfalls ist eine günstige Wirkung nur im Anfang 
des Catarrhs eventuell zu erwarten, bald aber nicht mehr, wenn schon intensivere ba- 
cilläre Processe im Spiele sind. 

2. Vortrag von Dr. Dubais: lieber die therapeDtisehe Verwerthbarkeit der Va- 
gfascompressiOD. (Autoreferat bisher nicht erhältlich.) 

In der Discussion constatirte Prof. Sahli^ dass in neuster Zeit die therapeutischen 
Handgriffe sich mehren und zum Theil mit vollem Recht in Aufschwung kommen. Er 
erwähnt folgende drei, die ähnliche Wirkung haben, wie der besprochene. Ein Fall 
von paroxysmaler Tachycardie war durch Kitzeln im Halse oder Sondiren coupirbar; ein 
anderer durch Darreichung eines Brechmittels, ein Verfahren, welches freilich bei mani¬ 
fester Herzkrankheit contraindicirt ist. Hochheben der untern Extremitäten des liegenden 
Patienten, verlangsamt ebenfalls die Herzaction; auch dieses Verfahren ist freilich nicht 
irrelevant, indem schwerere Erscheinungen dadurch hervorgerufen werden können. 

Dr. Buhler erwähnt, dass Gertsch bei der Halsmassage, die bei cardialem Asthma 
schöne Erfolge zu verzeichnen hat, einen grossen Theil der Wirkung auf die Compression 
des Vagus beziehe. 

3. Der Actuar frägt den Verein an, ob er entsprechend einer im Correspondenz- 
Blatt für Schweiz. Aerzte vom 1. Dezember 1893 im Briefkasten erschienenen Anregung 
wünsche, dass fortan — wie es die basier medicinische Gesellschaft für sich beschlossen 
hat — die an Vorträge sich anschliessende Discussion nicht mehr quasi in extenso, 


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225 


sondern in ganz wenig Sätze condensirt in den Sitzungsberichten im Correspondenz-Blatt 
erscheine. Nach gewalteter Discussion, an der sich die Herren Prof. Sahli^ DDr. Lindty 
Dubaisj Durmnt betheiligen, beschliesst der Verein bei der bisherigen Art der Veröffent¬ 
lichung zu bleiben. 

IV. SitzDig^ im Wintersemester 1893/94, Dienstag^ den 9. Jnnnnr, Abends 8 Uhr, 

im Cnsino.*) 

Anwesend 25 Mitglieder. 

Präsident: Dr. Dumont, — Actuar: Dr. Bohr. 

1) Herr Apotheker Lindt wird als neues Mitglied begrüsst. 

2) Dr. Dumont demonstrirt einen 6Jlhrl|:ei Kuben, bei dem er mit Prof. Tavel 
am 7. December 1893 die circuläre Craniectomie wegen hochgradiger Idiotie ausgefuhrt 
hat. Der Knabe, der früher sehr störrisch und unruhig, namentlich aber sehr unreinlich 
war, zeigt schon jetzt deutliche Besserung nach dieser Richtung. Die bei der Trepanation 
gewonnenen Schädelrondellen werden ebenfalls demonstrirt, sie erwiesen sich ziemlich 
dünn, gegenüber denjenigen eines andern Falles von Craniectomie, bei dem der Tod drei 
Stunden nach der Operation ein trat. Hier war der Schädel sehr dick, sodass die Wahr¬ 
scheinlichkeit nahe liegt, der Exitus sei in Folge der stärker werdenden Erschütterungen 
beim Einschneiden der Furche in den Schädel eingetreten. Im Anschluss hieran bespricht 
2>. einzelne Details der Ausführung der Operation, sowie die Indicationen zu derselben. 

Discussion: Prof. Sahli wünscht, dass die Indicationen zur Craniectomie ge¬ 
nauer präcisirt werden möchten. Es sind ja doch sicher bei weitem nicht alle jugend¬ 
lichen Idioten zu craniectomiren, sondern die Operation jedenfalls nur da indicirt, wo das 
Gehirn im MissYerhältniss zur knöchernen Decke steht. Er vermisst in der Litteratur 
genaue Angaben über die Scbädclmaasse vor der Operation und über den Grad der Ver¬ 
wachsung der Knochennähte. Da es schwierig sein dürfte, aus einzelnen Schädelmaassen 
das Volum des Schädels genau zu bestimmen — und diess doch von grosser Wichtigkeit 
ist — räth er, vor jeder Operation einen Gypsabguss des Schädels zu nehmen, um so 
sein Volum genau ermitteln zu können. 

Dr. Dumont ist mit Prof. Sahli puncto genauer Präcisirung der Indicationen ganz 
einverstanden; in seinem Fall war die Indication durch das überaus ungeberdige Ge- 
bahren des kleinen Pat., das jede Pflege verunmöglichte, gegeben. Dr. Lanz, der den 
Pat. ante operationem auch gesehen hat, stimmt damit ganz überein und constatirt den 
schönen Erfolg der Operation. Zur Verminderung des für den Schädelinhalt sicher 
schädlichen Shok’s bei Ausführung der Operation, schlägt er vor, ein circularsägenartiges 
Instrument zu verwenden. 

Prof. Sahli wünscht auch, dass die Erschütterung des Schädelinhaltes möglichst 
vermieden werde, er ist überzeugt, dass das Hämmern bei der Trepanation schädliche 
Folgen für den Patienten haben kann. 

Dr. Seiler^ der bei Prof. Boux zahlreiche Craniectomien gesehen hat, nimmt die 
Ausführung mit der Hohlmeisselzange in Schutz. Er constatirt ferner, dass der Erfolg 
jeweilen so lange die Beobachtung reichte ein guter blieb, obschon nach 5—6 Monaten 
die Knochen wieder verwachsen und nur noch Furchen an ihrer Oberfläche zu erkennen 
waren, und dies geschah auch, wenn um einen dauernderen Effect zu erhalten, Periost 
und sogar Duralappen excidirt wurden. 

Dr. Dumont erwähnt, dass bei seiner Operation der Hammer nicht gebraucht 
wurde. 

2) Vortrag von Dr. Miniat: lieber die Behandloog der Laagfentobercolose. Der 

Vortragende hat bei Lungentuberculose eine forcirte Gujacolbehandlang versucht, welche 
sich ihm als nutzbringend erwiesen hat und zur Anwendung empfohlen werden dürfte. 
Bevor er auf den Modus der Application dieses Medicamentes näher eintrat, berührte Dr. 

D Eingegangen den 18. Februar 1894. Red. 


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226 


M, die herrschenden Anschauungen über die Lnngentuberculose von empyrischem Stand- 
pnncte aus. Er bezeichnete die Lnngentuberculose als eine rein örtliche infectiöse 
webserkrankung der Lunge, bedingt durch einen pathogenen Stoff, welcher die Fähigkeit 
besitzt, sich in dem von ihm ergriffenen Organe zu vermehren. Als disponirende Ursachen 
für Schwindsucht sind nebst Heredität die unproportionelle Entwickelungsform (langer 
Wuchs mit schmalem paralytischem Thorax), wie auch nach Erfahrungen von Brehmer 
das kleine erethische Herz. Kein Organ im menschlichen Körper befindet sich in so ab¬ 
hängiger Stellung zum Herzen wie die Lungen. Bei vermehrter Thätigkeit des Herzens 
entsteht eine unvollkommene Entleerung seines Ventrikels, in Folge dessen eine un¬ 
genügende Zuführung von Blut nach der Lunge und eine mangelhafte Oxydation der 
letzteren. Dieser Umstand, verbunden mit respiratorischer Unbeweglichkeit des Spitzen¬ 
parenchyms sind die Hauptgründe der eigenthümlichen Localisation der menschlichen 
Tuberculose, vorwiegend in den Lungenspitzen. Der Bacillus tuber. ist nicht der alleinige 
Träger der Tuberculose, da in späteren Stadien der Schwindsucht, bei ulcerösen und 
septischen Formen das grosse Zerstörungswerk in den Lungen auf Rechnung der ange¬ 
siedelten pyogenen Coccen zu setzen ist. Die primären Formen der Lnngentuberculose, 
die latente und catarrhalische, haben als anatomisches Substract die eingeschlossenen tuber- 
culösen Herde in der Lunge und bieten keine so schweren allgemeinen Erscheinungen dar, 
wie die oben angeführte mit secundären Infectionen, welche beide als Mischformen zu 
betrachten sind. Nachdem noch die verschiedenen Fieberformen und ihre Bedeutung bei 
Beurtheilung des stat. praes., wie auch der Prognose Lungentuberculose näher besprochen 
waren, ging der Vortragende zur Therapie mit forcirter GujacolanWendung über. Miniat 
glanbt, dass, obschon Gujacol keine specifische, rein auf Tuberkelbacillen gerichtete Wir¬ 
kung hat, es doch mehr als ein nur symptomatisch wirkendes Medicament sei, indem nach 
Seifert Gujacol die labilen, giftigen Eiweissstoffe im Blute, die Producte der Bacillen, in 
stabile Verbindungen überführt. Je mehr Gujacol dem Blute zugeführt wird, desto voll¬ 
kommener werden die labilen Eiweisskörper eliminirt und um so günstiger wird also die 
Gujacol Wirkung sein. Das stimmt mit den practischen Beobachtungen überein. M, 
wendet daher Gujacol per os, per rectum und noch als Gujacolschmiercur an, und diese 
letzte Form scheint ihm die wirksamste zu sein, insofern sie richtig und gewissenhaft 
durchgeführt wird. Per os wird Gujacol in Verbindung mit einem Stomaobicum Menthol 
und einem Analepticum Alcohol nach der Formel: Gujacoli 10,0, Menth. 2,0, Spt. vini 
200,0, S. 10,0 täglich zweimal im Zuckerwasser nach den Hauptmahlzeiten zu nehmen, 
angewendet. Ferner Rectaleingiessungen von einer Emulsion von 50,0 Wasser, ein Ei¬ 
dotter, ein Esslöffel Olivenöl und 10 Tropfen Gujacol, Abends im Bette zu appliciren. 
Endlich die Gujacolschmiercur, bestehend in täglich einmaliger tüchtiger Einreibung in 
den Subaxillargegenden einer aus 10,0 Gujacol und 50,0 Axungia bestehenden Salbe, 
durchzuführen in 10 bis 5 Tagen, sodass, je nach der Schwere des Falles 1,0 bis 2,0 
Gujacol täglich eingerieben werden musste. Die günstige Wirkung dieser Schmiercur 
zeigt sich in rascher Abnahme des Fiebers selbst mit ulceröser oder septischer Form der 
Erkrankung. Nicht zu vergessen, dass die Anwendung des Gujacols auch nach Abnahme 
der bedrohlichsten Symptome der Krankheit noch Wochen lang, allerdings in grösseren 
Intervallen fortgesetzt werden muss, um die Gujacolwirkung nicht abzuschwächen. 

In der Discussion erwähnt Prof. Besser^ dass er bei Länderer öfters die intravenösen 
Zimmtsäureinjectionen zu sehen Gelegenheit hatte; er sah dabei nie einen unangenehmen 
Zwischenfall, einzelne vorübergehende Collapserscheinungen rührten von zu wenig feiner 
Emulsion her; sowohl der Localbefund als auch das Allgemeinbefinden besserten sich 
stets. Er hat selbst das Verfahren bei Lupus versucht, aber — als zu umständlich — 
verlassen. Länderer ging vom Perubalsam zur Zimmtsäure über, weil ersterer nie ganz 
rein und die letztere sein wirksamer Hauptbestandtheil ist. 

Im Anschluss daran frägt Apotheker Studer^ ob den verschiedenen Formen des 
Tuberkelbacillus, die beschrieben werden, der rein stäbchenförmigen und der an den 


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Enden angeschwellten hantelfSrmigen verschiedene Wichtigkeit oder Bedeutung zukomme. 
Prof. S(ihlt und Dr. Lanz erwidern darauf, dass den einzelnen Formen keine differente, 
diagnostische oder prognostische Bedeutung zuzuschreiben sei. 


Chirurgie des voies urinaires. 

Von Loumeau, Bordeaux, Feret & fils, 1894. 

Das vorliegende Buch enthält in 23 Capiteln casuistische Mittheilungen über Er¬ 
krankungen der Hamwege — fast ausschliesslich sind es frühere Publicationen des Autors, 
die zu einem Bande vereinigt sind. Aus diesem Grunde erhebt sich der Werth der 
Mittheilungen nicht über den casuistischer Daten überhaupt, obschon der Yerf. an den 
einzelnen Fall seine Bemerkungen über Therapie oder Aetiologie der Affection anknüpft. 
Wenn auch manche Capitel kaum etwas Bemerkenswerthes bieten, so enthalten doch die 
meisten ausserordentlich interessante und z. Th. auch seltene Beobachtungen, die mit 
behaglicher Breite, aber anziehend geschrieben sind, loh greife nur Einiges heraus. 

Perinephritischer Abscess mit Durchbruch in die Bronchien; seltene Missbildung der 
Urethra in Form eines 8. Behandlung der chronischen Cystitis mit Sublimat nach Guym 
mit guten Resultaten. L, empfiehlt zunächst mit Instillationen von 1 : 5000 zu beginnen 
und langsam bis 1 : 2000 aufzusteigen. Hydrocelen in Verbindung mit Harnröhrenstric- 
turen verschwanden unter der Behandlung der Strictur. Einige Capitel sind Fremd¬ 
körpern und Steinen der Blase gewidmet — sie bieten wenig Neues. Verf. hat sich 
nicht einmal die Mühe genommen, solche Capitel zu verschmelzen und unter einheitlichem 
Gesichtspunkte zu bearbeiten, sondern hat einfach die früheren Publicationen aus den 
med. Wochenblättern tale quäle wieder abgedruckt. — Ferner finden wir besprochen 
Fälle von Urethrotomia interna, die Sectio alta, einen mächtigen Urethralstein u. s. w. 

Von Interesse ist ein Fall von unbeabsichtigter Resection eines grossen Stückes der 
Blase, wo der Rest der Blase an der Symphyse angenäht wurde und die Pat mit über¬ 
raschend guter Blasenfunction genas. Die Litteratur ist über derartige Fälle sehr sorg¬ 
fältig zusammengestellt. Maniakalische Zustande, die sich an die Operation anschlossen, 
wurden von L. auf den Ausfall der Function der exstirpirten Ovarien bezogen. Der 
Frau wurde in Analogie des Broton^Sequard^Bchen Verfahrens Ovarialsaft eingespritzt und 
wie es scheint nicht ohne Erfolg. Das Krankheitsbild gleicht aber auffallend dem der 
Jodoform Vergiftung und da doch Jodoform gebraucht wurde, so ist es dem Ref. unerfind¬ 
lich, weshalb L, die gewagte Diagnose Mania ovariopriva stellt. 

Das Buch ist mit einigen Tafeln und Holzschnitten illustrirt, die Ausstattung eine 
vorzügliche. Garr'e (Tübingen). 

6erichtlich*medicini8che CasuMik der Kunstfehler. 

II. Abtheilung: Antiseptik und Narkose. Von Dr. Ignaz Maier, Heuser’s Verlag, Berlin 

1893. Preis Fr. 3. 35. 

Im ersten Theile des Buches wurden uns drei Fälle von Verletzungen mitgetheilt, 
bei denen antiseptische Massregeln nicht angewandt wurden und bei welchen die Patienten 
alle drei starben. Während bei zwei derselben diese Vernachlässigung die Schuld am 
Tode mitbedingen konnte, war sie beim dritten die directe Todesursache. Alle drei 
Fälle sind von gerichtlichen Gutachten und Obergntachten der betreffenden medicinischen 
Behörden und von einigen Bemerkungen des Verf. begleitet. — Beim zweiten Theile 
der Arbeit sind wir bitterlich enttäuscht worden. Wir glaubten hier die leider zahlreich 
genug vorgekommenen Fälle vorzufinden, bei denen der Tod in der Narcose auftrat und 
welche — nach ihrem Vorkommen und nähern Verumständungen geordnet — sehr 
schönen Stoff zu einer für den Arzt wirklich nutzbringenden und sehr wichtigen Arbeit 


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abgegeben hätten. Statt dessen verliert sich aber der Yerf. in allgemeine Bemerkungen 
über die Narcose, welche er confns von guten und schlechten Quellen ohne richtigen 
Zusammenhang und Ordnung compilirt. — Dem Inhalte ist aber auch die Ausstattung 
der Arbeit entsprechend: Alles lose und ohne Zusammenhang! Wenn man das Buch 
anrührt, so bleibt einem der Umschlag in den Händen! Dumont, 


Therapeutisches Handlexikon für Aerzte und Studirende. 

Enthaltend in 350 Artikeln und 3100 Receptformeln die gebräuchlichen und neuesten 
Heilmittel und Heilmethoden nebst einem Anhänge: Allgemeine Therapie. Von Dr. Th, 
Zerner jun. Zweite vermehrte und verbesserte Auflage. Wien 1893, M. Perles. 506 S. 

Trotz vielseitiger Concurrenz ähnlicher Werke zeugt die relativ rasche zweite 
Auflage von der Brauchbarkeit dieses Handlexikons, das auch Ref. bestens empfehlen 
kann. 

ln alphabetischer Anordnung sind die Krankheiten mit jeweils folgenden prophylac- 
tischen Massnahmeu, causaler und symptomatischer Behandlung aufgeführt. Der Anhang 
enthält kurze Abhandlungen über Electro-, Hydro-, Mechanotherapie, Diätvorschriften und 
Maxiraaldosen. Alphabetische Sach- und Medicamenten-Register bilden den Schluss. 

Es folgen Angaben über Behandlung der Insolation und die doch gewiss erwähnens- 
werthe Sauerstofftherapie. Die einzige Notiz über Hypnose: es brauche ein weites ärzt¬ 
liches Gewissen, bei Neurasthenie Hypnose anzuwenden, widerspricht den heutigen Re¬ 
sultaten der Suggestionstherapie, so auch einer einschlägigen Notiz des Vorwortes. 

Sigg (Andelfingen). 

Die Cholera. 

Von Emst Barth, Für Aerzte und Beamte. 253 S. Breslau 1893. Preis Fr. 5. 35. 

Eine fleissige Compilation über Geschichte, Epidemiologie, Pathologie und Therapie 
der Cholera. Der Verf., preussischer Stabsarzt, war zur letztjährigen Epidemie nach 
Hamburg commandirt; sein Buch soll die Kenntniss von dem Wesen der Cholera erleich¬ 
tern, so dass überall eine rationelle Prophylaxe und Therapie in Scene gesetzt werden 
kann. „Wissenschaftlich“ können wir zwar die Darstellung nicht immer nennen, aber in 
gutem Sinne populär und jedenfalls practisch. Dankenswerth ist der Anhang: er enthält 
alle die vielen Verordungen, Anweisungen und Rathschläge, die im Jahre 1892 von den 
Behörden Norddeutschlands erlassen wurden. A, B, 


Anleitung zu hygienischen Untersuchungen. 

Von B, Emmerich und H, Trillich, II. vermehrte Auflage. 8®. 415 S. 97 Abbil¬ 

dungen. München, M. Rieger. In Leinwand gebunden Fr. 10. 50. 

Bayern verlangt bekanntlich in seinem Physicatsexamen auch die Ausführung einer 
hygienischen Untersuchung. Um den Candidaten die nöthigen Kenntnisse und Fertig¬ 
keiten zu vermitteln, werden im hygienischen Institute zu München Curse abgehalten. 
Die in diesen Cursen geübten und demonstrirten Untersuchungsmethoden sind in der vor¬ 
liegenden „Anleitung“ zusammengestellt. In kurzer, fast allzu elementarer Weise wird 
das Wichtigste vorgeführt über die chemische, physicalische und bacteriologisohe Unter¬ 
suchung von Luft, Wasser, Boden, Nahrungs- und Genussmitteln, Gebrauchsgegenständen, 
Heizung, Beleuchtung und Ventilation. Die Zeichnungen sind nur schematisch aber gut. 

Das Buch kann empfohlen werden, denn es erfüllt seinen Zweck: es ist ein viel¬ 
seitiges Hülfsmittel für Solche, die im Laboratorium noch nicht oder nicht mehr zu Hause 
sind und die sich vor grösseren Büchern {Flügge^ Lehmann) fürchten. Für eine dritte 
Auflage möchten wir eine nochmalige sorgfältige Revision der Namen und Zahlen 
wünschen« A, B, 


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Behandlung weiblicher Geschlechtskrankheiten. 

Von Tkure Brandt, Zweite vermehrte Auflage mit 55 Abbildungen im Text. Berlin, 

Fischer. 1893. Preis 6 Mark. 

Die erste 1891 erschienene Auflage ist damals im Corr.-Blatt für Schw. Aerzte 
besprochen worden, wir können uns daher jetzt kurz fassen. 

Das Buch hat durch Gliederung in einen allgemeinen* und speciellen Theil an 
Uebersichtlichkeit gewonnen. Es sind einige zweckmässige Abbildungen hinzugekommen, 
welche die Art der Untersuchung des Verf., seine Repositionsmethode, weitere Techni- 
cismen etc. deutlich machen. Der Abschnitt über Hebebewegungen des Uterus ist ver¬ 
vollständigt worden. Die Bezeichnungen straffe und schlaffe Lage Veränderungen sind 
durch die gebräuchlicheren fixirte und bewegliche ersetzt. In einem Anhang wird die 
Behapdlung der Blinddarmentzündung beschrieben. Allo diese Aenderungen sind auch 
Verbesserungen, so dass das Buch den Fachgenossen nur empfohlen werden kann. 

Goßnner. 


Oant^onale Oonreispondevizeii. 


Baselland. Unter allgemeiner Betheiligung von Stadt und Land wurde den 
19. Februar in Liestal unser verehrter Freund und College Dr. med. KDnz 9 nach über 
40jäbriger ärztlicher Thätigkeit zu Grabe getragen. 

Geboren den 26. Mai 1825 zu Arisdorf (Kanton Baselland) zeigte er im frühen 
Knabenalter Lust und Fähigkeit zum Studium und besuchte fünf Jahre hindurch die 
Bezirksschule in Liestal. Mit grossem Eifer lag er sodann in Basel, Zürich und Heidel¬ 
berg dem Fachstudium ob. Nachdem er die ärztliche Patentprüfung vor der Behörde 
seines Heimatkantons mit Auszeichnung bestanden hatte, besuchte er zu seiner weitem 
Ausbildung die berühmten Spitäler in Wien, München und Prag. Von dieser Studien¬ 
reise heimgekehrt, liess er sich 1852 als practiscber Arzt in seiner Heimatgemeinde 
nieder, siedelte jedoch im Jahre darauf nach Liestal über, wo er sehr bald eine aus¬ 
gedehnte Praxis fand. 

Im Jahre 1853 führte er Anna Christen, eine seinen innersten Neigungen ent¬ 
sprechende Gattin, in sein Heim, die ihm nach glücklicher Ehe vor 2 Jahren im Tode 
voranging. In seine Zeit theilten sich fast ausschliesslich seine Familie und sein Beruf. 
Die Anforderung an seinen Beruf wurde von Jahr zu Jahr grösser. Der Ruf seines 
scharfen Auges und seiner geschickten Hand drang rasch in weite Kreise, so dass seine 
Hülfe von immer zahlreichem Familien in Anspruch genommen wurde. Und zu der 
grossen Privatpraxis gesellte sich bald die weitschicbtige Arbeit im Kantonsspital. Am 
30. November 1872 übertrug ihm der hohe Landrath die ärztliche Leitung der kantonalen 
Anstalten, welche er bis zu seinem Hinscheide mit grosser Hingebung besorgt hat. Dank 
der thatkräftigen Unterstützung seines Freundes Ständerath Dr. Birmann durfte er vom 
Jahre 1877 an seine Patienten in einem wohleingerichteten Krankenhause pflegen, dessen 
gedeihliche Entwicklung zunächst dem unermüdlichen Eifer und der seltenen Gewissen¬ 
haftigkeit ihres Oberarztes zu verdanken ist. Nach Popularität hat er nie gehascht. Er 
lebte ausschliesslich seinem Berufe und stellte, um demselben völlig gerecht zu werden, 
an seine eigene, wissenschaftliche Ausbildung fortwährend so hohe Anforderungen, dass 
er alle seine Mussestunden dem Studium der neuesten Litteratur widmete und weder für 
die Pflege gewöhnlicher Geselligkeit, noch für irgend welche Betheiligung an der Tages¬ 
politik Zeit übrig hatte. Im 66. Alterejahre noch arbeitete er sich vollständig in die 
Bacteriologie hinein, richtete ein eigenes bacteriologisches Laboratorium im Kantonsspital 
ein und arbeitete dann mit jugendlichem Eifer, so oft er nur immer Zeit fand. 

Im Jahre 1891, bei Anlass der Jahresfeier der Basler-Universität wurde sein treues 
Wirken von berufenster Seite öffentlich anerkannt, als er von der medicinischen Fakultät 


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zu ihrem Ehrendoctor emanDt wurde. Diese Auszeichnung bereitete ihm grosse Freude 
und seine Freunde, die seine seltene Bemfstreue kannten, fühlten sich der gelehrten 
Körperschaft zu Dank verpflichtet, dass des Mannes Verdienst einmal aus der Verbor¬ 
genheit an’s belle Tageslicht gezogen und allseitig beleuchtet wurde. 

Im Jahre 1892 brachte ihn eine Blutvergiftung an den Rand des Grabes, doch 
erholte er sich wieder vollständig und stand im letzten Jahre seiner Aufgabe mit grosser ^ 
Frische vor. Seine vor einigen Wochen erfolgte ehrenvolle periodische Wiederwahl be- 
grüsste er ahnungsvoll mit den Worten: „Das ist nun das letzte Mal.^ Und als er am 
Sonntag, den 11. Februar, von einem Besuche bei seinem an. Lungenentzündung todtkrank 
dar nieder liegenden Freunde und Oollegen Dr. jR. in Sissach zurückkebrend, von einem 
Schüttelfrost ergriffen wurde, erklärte er sofort mit Bestimmtheit: „Nun ist mein Tage¬ 
werk vollbracht.“ 

Eine heftige Lungenentzündung setzte nach wenigen Tagen in der Frühü des 
17. Februar dem bewegten Leben ein Ziel. 

Nicht nur den Seinigen, sondern allen Freunden und Oollegen, die den Verstorbenen 
genauer kannten, wird sein Andenken in Liebe und Verehrung fortleben. P. 


W oolieikbeiriolit. 

Schweiz. 

— Schweizerische PhmmmeepsB. Oollegen, welche sich um die genauem Details 
der Unterschiede zwischen 2. und 3. Ausgabe der schweizer. Pharmacopce interessiren, 
machen wir auf die im Verlag von G. Bridel & Oie. in Lausanne erscheinende von Prof. 
Buttin, dem hervorragenden Mitgliede der Oommission für die II. und UI. Edition redi- 
girte Synopse de la pharmacopee föderale aufmerksam. 

— Hiltheiloig^en mos der Praxis. Ein empfehlenswerthes Mittel gegen Schnupfen 
ist: Acid. boric. subt. pulv. 7,0, Euphorine 3,0 (nicht zu verwechseln mit Europhen). Das 
Mittel erzeugt erst leichtes Kitzeln in der Nase, worauf ziemliche Secretion erfolgt. Auf 
nicht catarrhalisch afflcirter Schleimhaut ruft das Mittel ein Gefühl von Trockenheit in 
der Nase hervor. 

Gegen Laryngit. und Tracheitis cat. sowie leichtere Fälle von Pertussis bringt der 
von der Firma Bouroughs Welcome & Oie., London,* in Handel gebrachte »Dry Inhaler“ 
bedeutende Erleichterung, bei den ersten Affectionen oft in erstaunlich kurzer Zeit Heilung. 
Der Apparat besteht in einem cigarettenspitzartigen Glasrohrchen, vorn mit feinem Draht¬ 
geflecht abgeschlossen. Der vordere Theil bis zum Mundstück ist mit kleinen Korkstück- 
chen angefüllt. Auf das Gitter wird Eucalyptol (ol. Eucalypt. glob.) und ol. templin. (ol. 
pin. pumil.) ää 10—15 gtt. geträufelt und das Medicament so „trocken geraucht“. Eine 
einmalige Beschickung genügt für einen Tag. Die jedesmalige Inhalation (3—4 täglich) 
dauert ca. 15 Minuten. Das Röhrchen kann bei jeder Arbeit leicht gebraucht werden. 
Vor den andern Inhalationen mit ol. templin. auf beissem Wasser hat diese Trocken- 
Inhalation den bedeutenden Vortheil, dass man directen Erkältungen viel weniger aus¬ 
gesetzt ist, auch in der Kinderpraxis lassen sich diese Inhalationen besser durchführen, 
als die genannte andere Art. 

Gegen Ozsena schien mir in einem Falle Euphor. acid. boric. Jodof. ää zu Ein¬ 
blasungen mehrmals täglich von sehr gutem Erfolg. Dr. Brandenberg (Zug). 

Ausland. 

— Die deutsche otologische Clesellsehmfl, eine Vereinigung der Ohrenärzte Deutsch¬ 
lands, Oesterreichs und der Schweiz, wird ihre diesjährige Versammlung am 12. und 13. 
Mai (Pfingsten) in Bonn abbalten. Anmeldungen zur Aufnahme nimmt entgegen Prof. 
Dr. Bürkner in Göttingen, d. Z. Sekretär. 


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— Ob einem herzkraikei MidekeB die Bke mbzirmihei ist, ist eine Frage, in 
welcher noch Meinungsverschiedenheiten unter den Aerzten bestehen. So widerrathet 
Peier jedem mit einem Klappenfehler behafteten Frauenzimmer absolut die Ehe im Hin¬ 
blick auf die Gefahren, welche von einer eventuellen Schwangerschaft und Geburt für 
die Patientinnen resultiren könnten. Nach den Beobachtungen von Fma^ muss jedoch diese 
Regel in ihrer Strenge als nicht vollständig berechtigt, und die Schwangerschaft als nicht 
so absolut gefährlich für die herzkranken Frauen betrachtet werden, als man es gewöhn¬ 
lich annimmt. Während der Jahre 1891 und 1892 untersuchte Vinaj/ in der Lyoner 
Maternität 1700 Schwangere in Bezug auf den Zustand ihrer Herzens. Darunter fand 
er 29 Klappenfehler. In 18 Fällen verlief die Schwangerschaft glücklich, dreimal traten 
intercurrente Krankheiten auf, viermal beobachtete er Oedeme der unteren Extremitäten 
bei Frauen, die aber schon vorher an Yaricen litten, und blos in 4 Fällen trat während 
der Schwangerschaft eine erhebliche Verschlimmerung des Herzleidens auf. ln 24 Fällen 
wurde die Frucht ausgetragen, fünfmal wurde die Schwangerschaft durch Abortus oder 
Frühgeburt unterbrochen. Eiweiss im Urin fand sich blos in zwei Fällen. Aus seinen 
Beobachtungen zieht Vinai/ den Schluss, dass ein bestehender Klappenfehler keine ab¬ 
solute Contraindication zur Ehe und Schwangerschaft bilde. Dieselbe kann gestattet 
werden, so lange der Klappenfehler gut compensirt ist, keine Albuminurie vorhanden ist, 
und in früheren Zeiten keine erheblichen Compensationsstörungen bestanden haben. Von 
der Ehe entschieden abzuhalten sind die Fälle, bei welchen Zeichen von Herzinsufhcienz 
bereits bestehen oder bestanden haben; dieselben können durch eine Schwangerschaft 
und eine Geburt nur verschlimmert werden. (Revue de therapeutique, No. 2.) 

— Der Bssigfilher ist nach Eins ein vorzügliches Stimulans. Er regt die Athmung 
vortrefflich an, selbst wenn sie vorher durch Morphin bedeutend abgeschwächt worden 
war. Im Magen erzeugt er ein angenehmes Gefühl von Wärme und Erregung. Wahr¬ 
scheinlich beruht ein guter Theil der wohlthuenden Wirkung des Cognacs, Rhums, Aracs 
und anderer derartiger Getränke auf der Anwesenheit des Essigäthers und der verwandten 
Aether. Dosen wie für Aethyläther. (Deutsch, med. Wochenschr. Nr. 2.) 

— Zur Behudlongf der Stonmtitts empfiehlt Boennecken das Wasserstoffsuperoxyd 
in 2% Lösung, ln dieser Verdünnung besitzt die Lösung noch bedeutende antiseptische 
Eigenschaften ohne die entzündete Mundschleimhaut im geringsten zu reizen. Bringt 
man Wasserstofibuperoxyd in Berührung mit der entzündeten Schleimhaut, so wird letztere 
augenblicklich mit einer Schicht von Sauerstoffbläschen bedeckt. Dieser nascircnde Sauer¬ 
stoff besitzt ausgesprochene antiseptische Eigenschaften; sobald aber das HsOi Molecül 
zersetzt ist, hört die Wirkung auf, so dass die tiefer liegenden Schichten nicht angegriffen 
werden. Lässt man bei bestehender Stomatitis die Mundhöhle einige Minuten mit einer 
2^/o Lösung von H 2 O 2 ausspülen, so verschwindet augenblicklich der penetrante Geruch, 
und nach 248töndiger Anwendung des Mittels hat sich schon der schmierige Belag des 
Zahnfleisches abgestossen. Nach 5—6 Tagen können selbst schwere Stomatitiden durch 
diese Behandlung zur Heilung gebracht werden. Die chemische Fabrik von Marquart in 
Bonn liefert 1 Kilo Hydrogenium peroxydum (10®/o Lösung) für 1 Mark. 

(Deutsch, med. Wochenschr. Nr. 2.) 

— Die symptonmUseke Tmekyeardie der Phtklsiker. Eine anhaltende abnorme 
Erhöhung der Pulsfrequenz ist bei Lungentuberculose eine sehr häufige Erscheinung, 
welche sozusagen in allen Stadien der Krankheit beobachtet werden kann, deren Ursache 
aber uns noch vollständig unbekannt ist. ln einzelnen Fällen hat man eine Compression 
eines oder der beiden Vagusstämme durch tuberculöse Bronchialdrüsen beobachtet. Diese 
Fälle sind aber selten und wenn die Annahme von Bezanson, der in der durch die 
Nervencompression bedingten Vaguslähmung die Erklärung der Tachycardie finden will, 
hie und da zutreffen mag, so lässt sie doch unerklärt die Tachycardie, welche bei frei¬ 
gebliebenen Vagis oft beobachtet wird. Klippel sucht dieselbe zu erklären durch 
eine mit der allgemeinen Amyotrophie verbundene Ueberreizbarkeit der Muskeln und 


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speciell des Herzmuskels. Marfan ist der Ansicht, dass die Erhöhung der Pulsfrequenz 
mit der Beeinträchtigung der Athmung Zusammenhänge, eine Erklärung, welche uns 
nicht sehr glücklich erscheint. Zuletzt hat man auch in der Tachycardie den Ausdruck 
der directen Wirkung der Secretionsproducte des Koch^schen Bacillus gesehen. Bouchard 
hat aus dem Tuberculin einen Körper isolirt mit ausgesprochenen yasodilatatorischen Eigen¬ 
schaften; mit der Gefässerweiterung ist eine bei Phthisikern thatsächlich vorhandene Ab¬ 
nahme des Blutdrucks verbunden, welche als directe Folge Erhöhung der Pulsfrequenz 
nach sich zieht. (Revue de mödecine Nr. 1, 1894.) 

— «lasitzflfissigrkelt. 36 gr. Fluornatrium werden in einem halben Liter destil- 
lirtem Wasser gelöst und nach erfolgter Lösung 7 gr. Kaliumsulfat zugesetzt. Anderer¬ 
seits löst inan 14 gr. Chlorzink ebenfalls in einem halben Liter destillirtem Wasser und 
giesst zu der Lösung 65 gr. conc. Salzsäure. Diese Lösungen können in gewöhnlichen 
Glasflasohen vorräthig gehalten werden. Zum Gebrauche mischt man gleiche Volumen 
dieser beiden Flüssigkeiten zusammen und setzt der Mischung einige Tropfen chinesischer 
Tusche zu, um die Schriftzüge beim Schreiben sehen zu können. Zum Mischen beider 
Flüssigkeiten eignet sich am besten ein Würfel Paraffin, in welchem mau eine passend 
grosse Aushöhlung gemacht hat. 

Empfehlenswerth zum Signiren von Glasbehältern und Selbstanfertigung von Maass- 
gefassen. J, (Pharm. Centralh. Nr. 50, 1893.) 

— Hosteii zur UnlerstlllzDDgf der Taxis des eingeklemmten Brnckes. Wherry 
(Cambridge) erinnert an die bekannte, aber oft wieder vergessene Thatsache, dass ein¬ 
geklemmte Hernien, die vorher allen Taxisversuchen widerstunden, oft erstaunlich leicht 
zurückgehen, wenn man den Patienten während der Taxisversuche husten und dadurch 
den Bruchring erweitern lässt. (Sem. möd.) 

— Zinkleim. Die Eigenschaften eines guten Zinkleims, dessen günstige Wirkung 
bei Wunden, Geschwüren allgemein anerkannt ist, sollen zunächst in einer niedrigen Ver¬ 
flüssigungstemperatur bestehen, andrerseits soll die Gelatine aber bei einer verhältniss- 
mässig noch hohen Temperatur erstarren, damit sie so schnell wie möglich fest wird, 
und schliesslich soll sie hohen Contractionsgrad besitzen. 

Für einen weichen Zinkleim empfiehlt Hodarck folgende Formel: Rp. Aq. destill. 
55,0, Gelatinse 12,5, Glycerini 12,5, Zinci oxyd. 20,0. * Dieser Leim schmilzt bei 37,75^, 
erstarrt bei 28^ und besitzt eine Contractilität von 16 mm für ein Stäbchen von 10 cm 
Länge innerhalb 5 Tagen. 

Formel eines harten, recht contractilen Leimes: Rp. Aq. destill. 50,0, Gelatinm 15,0, 
Glycerini 10,0, Zinci oxydat. 25,0. Dieser Leim schmilzt bei 38,75®, erstarrt bei 31® 
und erreicht eine Contractilität von 22 mm auf ein 10 cm langes Stäbchen. 

(Pharm.. Centralh. Nr. 11.) 

— AeODlUn bei Neoralgiei. Bei Migräne, Pleurodynie. Gesichtsneuralgien, bei 
Gelenkrheumatismus und acuten Gelenkentzündungen wirkt oft Aconitin auffallend günstig. 
Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass das Mittel äusserst giftig ist, so dass nur 
Präparate von bekannter Herkunft und sicherer Dosirung angewendet werden dürfen. 
Anfangs wird man auch gut thun, die Empfindlichkeit der Kranken zu erproben, und 
mit 3 Pillen zu zu beginnen; dann steigt man täglich um eine Pille 

bis zu sechs pro die. Diese Dose soll nur in Ausnahmefällen überschritten werden. Tritt 
während dieser Medication DiarrhoB auf, so gehe man mit der Dosis herab. Den Aconitin¬ 
pillen kann mit Vortheil noch etwas Chinin zugesetzt werden. 

(Centralbl. f. d. gesammte Therap. Nr. U.) 


Brlefk asten. 

Prof. <Senn, Chicago: Besten Dank. In*Rom soll Ihrer lebhaft gedacht werden. 

Dr. Moryj Thun: Aufgeschoben, nicht aufgehoben. Sie dürfen sich durch eine meiner, 
dem Uebermass von Arbeit entsprungenen Unterlassungssünden nicht „lakirt fühlen**. 

Schweighauserische Buchdruckerei. — B. Schwabe, Verlagsbuchhandlung in Basel. 


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CORRESPONDENZ-BLATT 


Erscheint am 1. nnd 15. 
jedes Monats. 

Inserate 

35 Cts. die gesp. Petitzeile. 


für 

Schweizer Aerzte. 

Herausgegeben von 


Preis des Jahrgangs 
Fr. 12. — für die Schweiz, 
Fr. 14.50 für das Ausland. 
Alle Postbureaux nehmen 
Bestellutgen entgegen. 


JOi*. Ern HeifSteir und T>r» «Tctquet 

in Frauenfeld. in Basel. 


N! 8. XXIV. Jahrg. 1894. 15. April 


Inlialt: I) Originalarbeileii; Or. i. Jaquet: Zar Diagnostik dor faneiionellen KreialanÜBtöraagea. A. Kali: Thuja 
octidontalia als Ennnenagogam nnd Abortifnm. — Dr. OarlSehUMer: Uobor Dr. Oypswaite. — 2) Vereinsbericht«: 

Uedidnisoh'phannaeeatischer Besirksterein Bern. — Gesellschaft der Aerst« in Zftrieh. — 8) Referate nnd Kritiken: 
Prof. Dr. H. Fehling: Lehrbach der Frauenkrankheiten. — Prof. Dr. H. Magnus: Angeniretliche Unterrichtstafeln. — Q. Nager: 
OebSrprbfhngen an den Stadtschulen Lnxems. — Dr.P*. Wesener: Mediclnisch-klinische Diagnostik. Dr. B. Lenharts: Mikro- 
ikopie nnd Chemie am Krankenbette. — Dr. AdcHf StrimpeU: Lehrbuch der speciellen Pathologie nnd Therapie. — L. UdtU- 
wUs: Ueher des auf natfirlichem Weg« diognoeticirte nnd behandelte latente Empyem des Sinns frontalis. — Dr. P. Hsgutann: 
Die Bedeutung der Galyanoeanstik. — Dr. Egbert Braais: Die Grundlagen der Aseptik. — 4>Cantonale Correspond en- 
sen: Basel: Hoehxeitsreisen. — 5) Wochenbericht: Dijodoform. — Behandlnng der Ischias. — Die Ecoeme der Singlinge. 
Varicellen. — 6) Briefkasten.— 7) Uttlfskasse fhr Sohweiser Aerste. — 8) Bibliographisches. 


inal - ja.x*1>eiten. 


Aus der medicioischen Klinik zu Basel. 


Zur Diagnostik der functionelien Kreislaufstörungen.') 

Von Privatdocent Dr. A. Jaquet. 

Neben den durch organische Verftndernngen am Klappenapparate des Herzens 
bedingten Kreislaufstörungen gibt es zahlreiche Fälle, in welchen ein Darniederliegen 
der zur Erhaltung des normalen Gesundheitszustandes nothwendigen Blutbewegung bei 
Tollkommen gesunden Herzklappen allein auf eine gestörte Herzaction zuröckzufähren 
ist. Diese im Gegensatz zu den organischen Klappenerkranknngen mit mehr oder 
weniger Recht als functiouelle bezeichneten Störungen spielen in der Pathologie 
eine höchst nichtige Rolle, welche unbegreifiicherneise bis zum heutigen Tage so zu 
sagen nicht gewQrdigt worden ist. Blättern wir die zahlreichen Lehrbücher der 
Pathologie des Kreislaufs durch, so finden wir überall eingehende Besprechungen der 
Folgen der Klappenerkrankungen, während die anderweitigen Störungen der Blut* 
Bewegung in den meisten Fällen übergangen oder nur mit wenigen Worten erwähnt 
werden. Dass aber die Kenntniss dieser Zustände für den Arzt zum mindesten ebenso 
wichtig ist wie diejenige der Klappenerkranknngen, wird man sofort zugeben, wenn 
man sich daran erinnert, dass zu diesem Gebiete die im Anschluss an acute Infections- 
krankheiten gar nicht selten vorkommende und gefürchtete sog. acnte Herzparalyse 
gehört, ebenso die häufige und mannigfaltige Erscheinung des Herzklopfens, ferner 
die idiopathische Herzhypertrophie, die Herzdilatation, etc. Mit diesen verschiedenen 

‘) Vortrag gehalten in der medicin. Geaellachaft zn Basel. 

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Störungen muss sieb der Arzt tagtäglich befassen, ohne aber nur ini geringsten Ober 
die Natur derselben und ihre Entstehungsnrsachen orientirt zu sein. 

Die Vernachlässigung dieses Gebietes von Seiten der Pathologen und Kliniker 
ist um so weniger verständlich, als dasselbe wie kaum ein anderes in der Pathologie 
durch die physiologischen Vorarbeiten zu experimentellen und klinischen Untersuchungen 
vorbereitet erscheint. Eine einzige Ausnahme bildet bis zu einem gewissen Grade die 
Lehre von der sog. idiopathischen Herzhypertrophie, Ober welche 
wir eine Anzahl werthvoller Beobachtungen besitzen. Vor nahezu zwanzig Jahren 
stellten Seitz und gleichzeitig mit ihm Albutt, Myers und da Costa die Lehre auf, 
dass in Folge von körperlichen Ueberanstrengungen schwere Störungen der Herzactiou 
entstehen können, welche bei vollkommen erhaltenem Klappenapparate, unter den 
Symptomen einer hochgradigen Herzinsufficienz einsetzend, in zahlreichen Fällen nach 
raschem Verlaufe zum Tode führen können. Solche Zustände hatte Albvtt besonders 
häufig bei Docks- und Eisenwerkarbeitern beobachtet, während Myers und da Costa 
auf die bei Soldaten nach schweren Ueberanstrengungen auftretenden Kreislaufstörungen 
die Aufmerksamkeit lenkten. Von besonderem Werthe für die Beurtheilung der Frage 
sind aber die sorgföltigen Beobachtungen von Seite^ bei welchen in mner ganzen An¬ 
zahl von Fällen die klinische Diagnose durch die Section gesichert wurde. Die beob¬ 
achteten Kranken, fast alle Männer im besten Lebensalter, durch ihren Beruf zu 
grossen Körperanstrengungen gezwungen, wurden tbeilweise direct im Anschluss an 
eine Ueberanstrengung, tbeilweise schleichend im Laufe von Wochen oder Monaten 
von Herzklopfen und Kurzathmigkeit befallen, zu welchen sich Mb oder später die 
ganze Reibe der Erscheinungen der Herzinsufficienz hinzugesellte. In den meisten 
Fällen war die Herzdämpfung beträchtlich vergrössert und an den Ostien waren Ge¬ 
räusche zu hören; hie und da konnten dagegen letztere vollständig fehlen. Durch 
Buhe und passende Behandlung wurden oft die bedrohlichen Symptome rückgängig 
gemacht; sie kehrten aber bei den geringsten Anstrengungen wieder, so dass früh oder 
später die Patienten doch an ihrem Herzleiden zu Grunde gingen. Bei der Obduction 
der tödtlich verlaufenden Fälle fand man nur mehr oder weniger ausgesprochene 
Wand Verdickung mit Ausweitung der Herzhöhlen, unveränderte Klappen und meist 
unbedeutende Zeichen von Degeneration der Muskulatur. Aehnliche Beobachtungen 
von Müneinger an den Tübinger Weingärtnern und von Leyden haben später der 
Lehre von der Herzüberanstrengung noch eine weitere Stütze gegeben. 

Als weitere Ursache solcher Kreislaufstörungen wurde von BoUinger und Bauer 
der übermässige Biergenuss angegeben. Diese Autoren haben die Beobachtung gemacht, 
dass in Mönchen eine dilatatoriscbe Herzbypertropbie ausserordentlich häufig vor¬ 
kommt, und zwar besonders bei Individuen, die von Bernfswegen dem übermässigen 
Biertrinken im Allgemeinen sehr ergeben sind, wie Bierbrauer, Küfer, Schenkkellner, 
etc. Die dabei beobachteten Erscheinungen zeigen grosse Aehnlichkeit mit den nach 
Körperüberanstrengung vorkommenden, und die genannten Autoren betrachten als Ur¬ 
sache der Erkrankung eine Erschlaffung des Herzens in Folge der durch die Plethora 
an dasselbe gestellten höheren Anforderungen. Wie im ersten Falle findet man bei der 
Section Dilatation und Hypertrophie des Herzens bei vollkommen gesunden Klappen 
und anscheinend normaler Muskulatur. Eine fernere wichtige Ursache zur Ent- 


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stebung von Herzbypertrophie ist die Arteriosclerose, ebenso die cbroniscbe interstitielle 
Nephritis. Da aber in beiden Fallen organische Läsionen vorhanden sind, welche dem 
vermehrten Widerstand im arteriellen System zu Grunde liegen, so gehören dieselben 
nicht in den Rahmen nnserer Betrachtungen. 

Ebenso wichtig, aber weniger bekannt wie die idiopathische Herzhypertrophie, ist 
die Herzdilatation. Dass dieselbe auch in Folge von Ueberanstrengung ent¬ 
stehen kann, lehrt eine Beobachtung von Älbuit, welche dieser Forscher an sich selbst 
zu machen Gelegenheit batte. Bei einer sehr strengen Fusstour in den Alpen wurde 
er plötzlich von einer sonderbaren und eigentbömlichen Engigkeit und Athemnoth er¬ 
griffen, welche von einem höchst unangenehmen Gefühle von Ausdehnung und Pul¬ 
sation im Epigastrium begleitet war. Als er seine Hand aufs Herz legte, fühlte er 
einen angestrengten diffusen Anschlag über das ganze Epigastrium, und die auf der 
Steile vorgenommene Percussion ergab eine sehr bedeutende Dilatation des rechten 
Ventrikels. Nach kurzer Rast in horizontaler Stellung verschwanden die Beschwerden 
sowie die VergrOsserung der Herzfigur. Er konnte sich auf ebener Fläche bewegen, 
ohne Dyspnoe oder Herzklopfen zu verspüren; sobald er aber zu steigen anfing, kehrten 
die Symptome wieder. In dieser Beschreibung erkennen wir ohne Mühe den bekannten 
Symptomencomplex des ,mal de niontagne*. Diese Beobachtung von ÄlbuU, die bis 
jetzt unberücksichtigt geblieben ist, scheint mir sogar für die Erklärung der Natur 
der Bergkrankheit von der grössten Bedeutung zu sein. Paul Bert und mit ihm die 
meisten Autoren betrachten als Ursache der Bergkrankheit eine ungenügende Sättigung 
des Blutes mit Sauerstoff, eine Anoxybämie. Unsere Kenntnisse über die Atbmung 
in verdünnter Loft stehen aber mit dieser Auffassung bis zu einem gewissen Grade in 
Widerspruch, so dass man neben der mangelhaften Lungenventilation noch die strenge 
Muskelarbeit in Betracht zu ziehen gezwungen war. Neben diesen beiden Factoren 
scheint uns aber die acute Herzermüdung die wichtigste Rolle zu spielen. Die mus¬ 
kuläre Ueberanstrengung sowie die verminderte Sanerstoffspannong im Blute können 
wesentlich zur Entstehung derselben beitragen; die Symptome der Bergkrankheit sind 
aber im Wesentlichen der Ausdruck der Herzermüdung. Sie erklärt uns das Herz¬ 
klopfen, die Dyspnoe, den Schmerz im Epigastrium, den Schwindel, lauter Symptome, 
die wir bei Saoerstoffdyspnoe niemals, wenigstens nicht in so ausgesprochener Weise 
antreffen. 

Andere Beobachtungen von acuter Herzdilatation nach KOrperanstrengung wurden 
bei Anlass des letzten Congresses der Association fran 9 aise pour l’avancement des 
Sciences in Besan 9 on von Le Gendre mitgetbeilt. In Folge von einem forcirten Lauf¬ 
schritt sah er Öfters bei Knaben zwischen dem 11. und dem 16. Jahre acute und sehr 
intensive Kreislaufstörungen auftreten. In den meisten Fällen handelte es sich um 
schwere Anfälle von Tacbycardie, in anderen um acute Dilatation des rechten 
Herzens mit Asystolie. Im Anschluss au Infectionskrankheiten tritt diese Dilatation 
des rechten Herzens gar nicht selten auf, wie später zu erwähnende Beobachtungen 
zeigen sollen. 

Dass die erwähnten Factoren, die forcirte Muskelarbeit, der übermässige Bier¬ 
genuss, direct schädigend auf das Herz wirken kOnnen, scheint auf Grund der vor¬ 
handenen Beobachtungen unbedingt angenommen werden zu müssen. Dass aber dabei 


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noch andere Factoren wirksam sein müssen, ergibt sich aus der immerhin noch 
relativ sehr geringen Zahl von Herzkranken unter den vielen Tausenden von Docks¬ 
arbeitern und von Soldaten, welche denselben Schädlichkeiten unterworfen waren wie 
die von Albutt und Myers beobachteten Fälle. Ebenfalls steht die Menge der Bier¬ 
trinker, besonders in München, in keinem Verbältniss zur Zahl der Herzerkrankungen, 
so dass, wenn wir diese Factoren als ausschlaggebende Momente betrachten, wir doch noch 
daneben eine besondere Prädisposition zu solchen Störungen annehmen müssen. 

üeber die Natur dieser Prädisposition lassen sich zur Zeit nur Vermuthungen 
aufstellen; dieselbe könnte angeboren oder erworben sein. Ebenso gut wie die von 
Yirchoto constatirte mangelhafte anatomische Entwickelung des Kreislaufsapparates bei 
Chlorotischen, wäre eine congenitale, mangelhafte physiologische, functioneile Ent¬ 
wickelung denkbar. Zwei anscheinend vollständig gesunde Individuen vertragen die¬ 
selbe Muskelanstrengung in sehr verschiedener Weise. Während der Erste seine 
Arbeit ohne Störung bis zum Ende verrichtet, bekommt der Ändere bald Athemnotb, 
Herzklopfen und ist gezwungen auszusetzen. Für die erworbene Natur solcher Schwäche- 
Zustände sprechen die sehr interessanten und werthvollen Beobachtungen von Bömberg 
über die im Anschluss an Infectionskrankheiten, Typhus, Scharlach und Diphtherie 
auftretenden Myocarditiden. Diese Erkrankungen des Herzmuskels können in gewissen 
Fällen noch lange nach der vollständigen Heilung der betreffenden Infectionskrankheit 
bestehen, und es ist ganz gut möglich, dass als Folge einer solchen Myocarditis ein 
gewisser Grad von functioneller Schwäche auf längere Zeit hinaus zurfickbleibt. 

Sei es aber wie es wolle, es ist eine wichtige Aufgabe für den Arzt und den 
Kliniker solche Zustände frühzeitig zu erkennen, um die damit befallenen Individuen 
auf die Gefahren der oben erwähnten Schädlichkeiten aufmerksam zu machen und 
davor zu schützen. 

Die bisher üblichen Methoden der Diagnostik der Kreislaufstörungen sind aber 
zu diesem Zwecke wenig geeignet. Durch Percussion und Auscultation des Herzens 
können wir wohl in den meisten Fällen grobe organische Veränderungen am Herzen 
wahrnehmen, obschon es noch Fälle genug gibt, bei welchen die Obduction bedeutende 
Veränderungen an den Klappen aufdeckt, ohne dass sich dieselben intra vitam durch 
Geräusche an den entsprechenden Ostien hätten diagnosticiren lassen. Diese im Ruhe¬ 
zustände der Patienten vorgenommenen Untersuchungen sagen uns aber nichts über den 
Grad der Resistenz und Accommodationsiähigkeit des Gerzens unter dem Einflüsse der 
verschiedenen auf ihn wirkenden äusseren Factoren, obschon diese Seite der Herz- 
thätigkeit im Allgemeinen für den Arzt die wichtigste sein dürfte. 

Bei einer solchen Untersuchung, die man im Gegensatz zur statischen, die 
dynamische Diagnostik der Kreislaufstörungen nennen könnte, muss man 
durch künstliche Eingriffe Störungen der Herzthätigkeit hervorzurufen suchen, deren 
Stärke uns bis zu einem gewissen Grade über die Herabsetzung der Widerstandsfähig¬ 
keit des Herzens Aufschluss geben kann. Als derartige künstliche Eingriffe, welche 
auf den Gesammtkreislauf einen Einfluss auszuüben im Stande sind, nenne ich in erster 
Linie die Muskelarbeit, den Lagewechsel, die Athembewegungen, die Füllung des 
Magens und die Verdauung, die Application localer peripherer Reize, u. s. w. Einen 
ersten Versuch in dieser Richtung machte im Jahre 1887 Spengler unter der Leitung 


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fOD Prof. O. Wyss, und wenn auch seine Resnltate sich nicht direct in der von ihm 
angedeuteten Weise verwerthen lassen, so enthält diese Arbeit doch sehr bemerkens- 
werthe Beobachtungen ffir die uns interessirende Frage. 

Spengler untersuchte bei Gesunden und Kranken den Einfluss des Lagewecbsels 
auf die Frequenz und Gestalt der Pulscurve, und fand, dass die Unterschiede des 
Pulses in der verticalen und horizontalen Station viel ausgesprochener bei Kranken als 
bei Gesunden sind, und mit dem Fortschreiten der Reconvalescenz immer geringer werden. 

Unsererseits haben wir auf der hiesigen medicinischen Klinik in einer Serie von 
Untersuchungen, wovon die erste bereits zum Abschluss gelangt ist, die Bearbeitung 
dieser Seite der Diagnostik der Kreislaufstörungen unternommen. Wir haben mit dem 
fänflusse der Muskelarbeit auf die Tbätigkeit des Herzens begonnen. Zu diesem 
Zwecke eignet sich nicht jede beliebige Art von Muskelthätigkeit; denn um einen 
Eindruck über die Wirkung derselben auf die Herzaction zu gewinnen, muss sie mög* 
liehst ohne Störung der Athmung geleistet werden können.- Ferner ist es notbwendig, 
eine einfache gleichförmige Form der Arbeit zu wählen, damit dieselbe wenigstens 
approximativ quantitativ geschätzt werden kann. Als solche eignet sich weitaus am 
besten das Treppensteigen. In einer gleichförmigen Bewegung wird ohne Beein¬ 
trächtigung der Athmung der Körper bis zu einer bestimmten Höbe gehoben, eine 
Arbeit, die sich leicht in Zahlen ausdriieken lässt. Die daneben durch die Herz- und 
Atbmungsmuskulatur sowie durch die Rumpfmuskeln zur Erhaltung des Gleichgewichts 
geleistete Arbeit kann man bis zu einem gewissen Grade als Constante betrachten und 
ausser Rechnung fallen lassen. Den Ein¬ 
fluss des Treppensteigens an einer gewöhn¬ 
lichen Treppe von genügender Stufenzahl 
untersuchen zu wollen ist mit grossen 
Schwierigkeiten verbunden; denn der Be¬ 
obachter ist gezwungen gleichzeitig mit 
der Untersuchungsperson zu arbeiten, und 
leidet am Ende des Steigens ebenfalls an 
Dyspnoe und vermehrter Herzaction, so 
dass er nicht mit der genügenden Ruhe 
seine Beobachtung machen kann. Aus 
diesem Grunde habe ich beim Mechaniker 
Bunne einen Tretapparat construiren lassen, 
welcher die Muskelarbeit an Ort und Stelle 
zu leisten gestattet, so dass der Beob¬ 
achter in aller Ruhe den Versuch über¬ 
wachen kann. 

Dieser Apparat, den wir Ergostat genannt haben, ist nach dem Prinoip einer 
aitemirenden Druck- und Säugpumpe gebaut. In beiden gusseisernen Cylindern A und 
Al befindet sich ein Kolben a, welcher durch die Kraft des auf das Trittbrett T wirken¬ 
den Körpergewichts nach unten gedrückt wird, während nach vollendeter Excursion und 
sobald die Körperiast zu wirken aufhört, er durch das Gegengewicht D wieder in die Höhe 
gehoben wird. Die Cylinder A und Ai communiciren beide mit einem gemeinschaftlichen 
dritten Behälter B durch die Leitungen m und mi, so dass die durch den nach unten 



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sich bewegenden Kolben verdrängte Flüssigkeit von A nach B fliesst. Für gewöhnlich 
ist die Communicationsöffnung 0 im Behälter B durch ein Kegelventil abgesperrt. Dieses 
Ventil wird mit Gewichten G belastet, welche die zu seiner Ueberwindung nothwendige 
Kraft, d. h. das Körpergewicht balanciren sollen. Das liUmen o verhält sich zum Quer¬ 
schnitt des Cylinders A wie 1:10, so dass zur Equilibrirung des Körpergewichtes die 
Belastung G blos Yio dieses Gewichtes zu betragen braucht. Damit der Apparat func- 
tioniren kann, muss aber selbstverständlich das Gegengewicht etwas geringer als das 
Körpergewicht sein. Da A und Ai beide durch das Lumen o in B münden, war es 
nothwendig in den Leitungen m und mi die Ventile 1 und li anzubringen, welche bei 



der Excursion des Kolbens a einen Rückfluss durch die Leitung mi nach Ai und um¬ 
gekehrt verhindern. Die durch die Excursion des Kolbens nach B verdrängte Flüssigkeit 
fliesst weiter durch die Leitung r in den Behälter 0. Dieses gemeinschaftliche Reservoir 
steht wiederum mit A und Ai durch die Leitungen n und ni in Verbindung und ist an 
den Mündungsstellen p und pi durch ein Kegelventil abgesperrt. Wird der Kolben a 
nach unten gedrückt, so schliesst sich das Ventil p durch den darauf wirkenden Druck, 
während 1 und o sich öffnen; sobald aber a durch das Gegengewicht D in die Höhe 
gezogen wird, schliesst sich 1 während p geöffnet wird, so dass Flüssigkeit ans C nach 
A aspirirt werden kann. Ist der Apparat in Thätigkeit, so wirkt die eine Hälfte als 
Saug-, die andere als Druckpumpe; das eine Trittbrett tritt in die Ruhestellung zurück, 
während das andere seine Excursion nach unten vollführt. Der Apparat ist mit Oel ge¬ 
füllt. Die gewöhnliche Geschwindigkeit, mit der gearbeitet wird, beträgt 40 Tritte in 


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der Minute und kann innerhalb gewisser Grenzen durch Abänderung des Ventilgewichtes 
G vermehrt oder vermindert werden. Die Excursionsweite des Kolbens beträgt 20 cm, 
folglich wird bei jedem wohlausgeführten Tritte das Körpergewicht um 20 cm gehoben.') 
Die geleistete Arbeit ist das Product der Anzahl der Tritte n des Körpergewichtes K 
und der Tritthöhe 0,2 m, und kann mit Leichtigkeit in Kilogrammetern ausgedrückt 
werden x = n.K.0,2. 

Mit diesem Apparate hat im Verlaufe des letzten Jahres Herr College Christ 
eine Reihe von Versuchen angestellt, äber welche ich hier in aller Kürze berichten 
möchte. Zur Bestimmung der Aenderungen im Kreislaufapparate ist heute noch die 
sphygmographische Methode die zuverlässigste. Leider fehlen uns genaue Mittel um 
bequem und schnell Blutdruck und Kreislaufsgeschwindigkeit zu bestimmen, und so 
müssen wir uns mit den, wenn auch einigermassen dürftigen Angaben des Sphygmo- 
graphen begnügen. Abgesehen von einer allgemeinen Orientirung über die Herzaction 
und den Spannungszustand der Gefässwände, sind es hauptsächlich zwei Punkte, welche 
wir mit dem Sphygmochronographen genau zu untersuchen im Stande sind: die Fre¬ 
quenz und die Gleichmässigkeit des Pulsrhythmus. Dem zweiten Punkte hatten wir 
im Beginne unserer Untersuchungen eine besondere Wichtigkeit zugeschrieben, indem 
wir von der Annahme ausgingen, dass die Ermüdung des Herzmuskels sich durch eine 
mehr oder weniger ausgesprochene Arythmie und Asystolie documentiren würde. Wenn 
dies auch in einzelnen Fällen in der That zutrifft, so bleibt aber, wie wir es durch 
unsere Untersuchungen constatireu konnten, die Gleichmässigkeit des Rhythmus auf¬ 
fallend lange erhalten, und die beginnende Herzermüdung offenbart sich zunächst durch 
eine Anzahl anderer Symptome. Die Asystolie dürfte eben für gewöhnlich als das 
letzte der Herzlähmung direct vorangehende Symptom angesehen werden, ein Zustand, 
den wir bei unseren vorsichtig geleiteten Untersuchungen nie erreicht haben. Zur 
Bestimmung des Einflusses der Muskelarbeit auf die Herztbätigkeit wurden zunächst 
die Patienten im Ruhezustand untersucht, dann Hessen wir sie eine bestimmte Anzahl 
von Stufen am Ergostat treten, um sofort nach beendigter Arbeit den Puls wieder zu 
untersuchen. Während der Arbeit blieb der Sphygmograph auf dem Vorderarm be¬ 
festigt, um die Pulsuntersucbung sofort nach beendigter Arbeit vornehmen zu können. 

In dieser Weise wurden 29 Individuen, Gesunde und Reconvalescenten unter¬ 
sucht. Folgende Tabellen enthalten als Beispiele einige der bei diesen Versuchen ge¬ 
wonnenen Resultate: 

Tabelle I. 

Gesunde 


Name 

Pulsfrequenz 

Zunahme 

Arbeitsgrösse 

vor Arbeit 

nach Arbeit 

d. Pulsfrequenz 

in Kgrmm. 

Keller 

58 

58 

0 

2590 

Haller 

115 

130 

15 

3960 

B, 

71 

103 

32 

5500 

Schilling 

64 

102 

38 

6500 

B, 

74 

130 

56 

7000 

Thomann 

86 

136 

50 

8800 

Jaquet 

67 

125 

58 

10200 

Kündig 

73 

128 

55 

14600 


*) Für alle Einzelheiten der Technik der Versuche, a. H. Christ: üeber den Einflnag der Muskel¬ 
arbeit auf die Herztbätigkeit. Dias. Basel, 1B94. Auch Deutsch. Arch. f. klin. Med. 1894. 


I 

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Tabelle II. 


Kranke und Recon t aIesoenten 


Name 

Pulsfrequenz 

vor Arbeit nach Arbeit 

Zunahme 
d. Pulsfrequenz 

Arbeitsgrosse „ 

. jr Bemerkungen 

in Kgrmm. ® 

NeUhold 

88 

113 

25 

830 

Typhusreconvalescen t. 

Hoffmann 

92 

130 

38 

1200 

Typhusreconvalescent. 

Widmer 

130 

154 

24 

1800 

Typhusreconyalesoent. 

Senn 

91 

123 

32 

2950 

Pneumoniereconval. 

Dippel 

90 

146 

56 

5400 

Vitium cordis. 

Hoppe 

67 

150 

83 

6500 

Vitium cordis. 


Jede Muskelarbeit bewirkt wie ersichtlich eine gewisse Beschieunigung des Pulses. 
Bei gesunden Individuen ist ffir eine geringe Arbeit diese Beschleunigung schwach; 
sie nimmt aber mit der Arbeitsleistung zu, bis sie einen gewissen Grad erreicht hat. 
Aber welchen sie selbst bei beträchtlichen Muskelanstrengungen nicht hinausgeht. So 
haben wir selbst durch eine Arbeit von 14000 Kilogrammmetern in 25 Minuten die 
Pulsfrequenz nie Aber 160 Pulsscbläge in der Minute steigen gesehen; in eiuem ein¬ 
zigen Falle, bei einem Typhusreconvalescenten erreichte sie nach relativ geringer Arbeit 
die 2^hl von 166 in der Minute. Diese Zahl scheint offenbar die Grenze der Be¬ 
schleunigung der Herzaction darzustellen; dabei kann das Herz in gewissen Fällen 

seine Aufgabe noch vollständig erfAllen. Dieser Zustand darf aber nicht zu lange an¬ 
dauern, sonst treten bald die ersten Erscheinungen der HerzermAduug (Herzklopfen, 
Dyspnoe) auf. — Wenn auch im Allgemeinen ein gewisser Parallelismus zwischen Puls¬ 
frequenz und Höhe der Arbeitsleistung sich constatiren lässt, so darf dieser jedoch 
nicht zu strenge genommen werden. Lässt man dasselbe Individuum wiederholt ar¬ 
beiten, so findet man, dass einmal eine grössere Arbeit eine relativ mässige Pulsbe- 
schleunigung zur Folge hat, während das andere Mal durch dieselbe Arbeit die Puls¬ 
frequenz fast bis zum Maximum gesteigert wird. Dies wird uns aber nicht befremden, 

wenn wir alle Factoren berAcksichtigen, welche die momentane Erregbarkeit des Herzens 
beeinflussen können.') 

Vergleichen wir non die Wirkung der Arbeit bei Typhus- und Pneumonie- 
reconvalescenten oder bei Individuen mit einem Klappenfehler, so sehen wir, dass in 
diesen Fällen eine minimale Arbeit schon genügt, um eine Beschleunigung des Pulses 
hervorznrufen, wie wir sie bei Gesunden nur nach maximaler Anstrengung beobachten. 
In diesen Fällen hat das Herz offenbar viel von seiner Widerstandsßhigkeit eingebAsst 
und ist dem Einflüsse der äusseren Factoren viel mehr ausgesetzt. Dass diese erhöhte 
Reizbarkeit des Herzens, mit einem gewissen Grade von Herzschwäche gleichbedeutend 
ist, scheint aus den Symptomen hervorzugehen, welche wir in gewissen Fällen neben 
dem beschleunigten Pulse angetroffen haben. Am meisten klagen die Versuchsindividuen 
Aber etwas Athemnotb, ferner haben wir in einigen Fällen Herzklopfen beobachtet, 
und in zwei oder drei Fällen Arythmie des Pulses. Ueber die Bedeutung dieser ver¬ 
schiedenen Erscheinungen und die Berechtigung dieselben als Symptome einer be¬ 
ginnenden Herzschwäche hinzustellen, können wir hier nicht näher eingehen; es soll 
an einer anderen Stelle geschehen. Eine andere Erscheinung aber will ich hier nicht 
unerwähnt lassen, weil, so viel mir bekannt, dieselbe in der Litteratur noch nicht er- 


•) S. darüber Christ l. c. 


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241 


w&bnt worden ist and sie eine gewisse pathologische Bedeutung heansprnchen darf. 
In drei F&llen von Typhnsreconvalescenten, in welchen wir eine starke Empfindlichkeit 
des Herzens g^enflber Muskelarbeit beobachtet hatten, konnten wir durch eine sorg¬ 
fältige Percussion der Hengegend eine acute Dilatation des Herzens im Anschluss 
an Muskelarbeit feststellen, welche nach einiger Zeit, wenn sich die Patienten ruhig 
verhielten, wieder verschwand. In einem Falle ergab sogar die Auscultation ein vor¬ 
übergehendes systolisches Geräusch an der Spitze. Diese Beobachtung, welche am un¬ 
zweideutigsten für das Vorhandensein von Herzermüdung spricht, ist eil schlagender 
Beweis für die Bedeutung der functionellen Kreislaufstörungen im Anschluss an acute 
Infectionskrankheiten und für die Nothwendigkeit ihrer Berücksichtigung bei der 
Untersuchung des Kreislaufsapparates. 

Durch vorliegende Versuche, welche, wie schon bemerkt, das erste Glied einer 
Serie von Arbeiten darstellen sollen, haben wir nur versucht uns in diesem neuen 
Gebiete zu orientiren. Wir wollten nur bestimmen, in welchem Grade die längst be¬ 
kannte Erscheinbng der Pnlsbeschleunigung bei Miiskelthätigkeit durch Vorhandensein 
eines krankhaften Zustandes des Organismus beeinflusst wird und welche Folgen eine 
solche Anstrengung für den schon heruntergekommenen Organismus eventuell haben 
kann. Ohne aber irgendwelche verfrühte Schlussfolgerungen aus unseren Resultaten 
ziehen zu wollen, möchten wir auf die Aussichten hinweisen, welche dieselben uns in 
diagnostischer Hinsicht zu versprechen scheinen: Unter den von uns untersuchten 
Fällen befindet sich die Beobachtung eines Studenten der anscheinend gesund bis jetzt 
nie über erhebliche Störungen von Seiten des Herzens geklagt hatte, ausser hie und da 
Herzklopfen nach Turnübungen. Als wir ihn am Ergostat untersuchten, fanden wir 
nach einer mittelschweren Arbeit von 5500 Kgmm in 11 Minuten eine auffallende 
Beschleunigung