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Full text of "Adolph Tobler und die Berliner gesellschaft für das studium der neueren sprachen."

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ADOLF TOBLER 

(23. MAI 1835 — 18. MÄRZ 1910) 

GEDÄCHTNISFEIER 

DER 

BERLINER GESELLSCHAFT FÜR DAS 
STUDIUM DER NEUEREN SPRACHEN 

VOM 

12. APRIL 1910 




In ihrer Sitzung vom 12. April 1910 hat die Berliner Ge- 
sellschaft für das Studium der neueren Sprachen eine Gedächtnis- 
feier für Adolf Tobler abgehalten, bei welcher der Vorsitzende, 
A. Risop, und A.Toblers Nachfolger an der Universität, H. Morf , 
das Wort ergriffen. Einem Wunsche der Gesellschaft entsprechend, 
bringen wir in folgendem den Wortlaut der beiden Ansprachen: 


Adolf Tobler 

und die 

Berliner Gesellschaft für das Studium der neueren Sprachen. 

Meine Herren! 

Als wir vor wenigen Wochen hier zum letztenmal versam- 
melt waren, da ahnte wohl niemand von uns, dals die Stunde 
des Scheidens gekommen war, des Scheidens von dem Manne, 
der so lange im weitesten und tiefsten Sinne des Wortes der 
Unsere gewesen war; überraschend und unerwartet kam allen 
denen die Kunde von Adolf Toblers Hinscheiden, die ihn hier 
eben noch in scheinbar ungebrochener Frische gesehen hatten 

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oder sich iu umnittelbarem Gedankenaustausch seiner altgewohnten 
scharfen Urteilskraft, seines wie immer in reicher Fülle heran- 
strömenden Wissens und nicht zum mindesten seiner frohbewegten, 
mitteilsamen Stimmung hatten erfreuen dürfen. Und doch schon 
wenige Tage später warf ein sich plötzlich einstellendes schweres 
Leiden ihn auf das Krankenbett, von dem sich der Fünfund- 
siebzigjährige nicht wieder erheben sollte. Um ihn trauern die 
hinterbliebenen Kinder, denen er ein treuer, sorgsamer Vater ge- 
wesen war, trauert die Wissenschaft, die ihn zu ihren Besten 
zählte, um ihn trauert der weite Kreis der Freunde, trauern vor 
allem auch wir, die wir ihn in dem stolzen Bewusstsein seiner 
geistigen Führerschaft als die Zierde unserer Gesellschaft anzu- 
sehen uns gewöhnt hatten. Wenn es heute meine Aufgabe ist, 
Ihnen noch einmal vor die Seele zu führen, was der Heim- 
gegangene gerade uns gewesen ist, so fällt es in diesem Falle 
schwer, die beiden Anschauungsformen, die uns bei der Charakter- 
zeichnung grofser Männer der Wissenschaft als leitende Gesichts- 
punkte vorzuschweben pflegen, voneinander zu trennen; ich meine 
ihre Bedeutung als Mensch und als Gelehrte. Es fällt schwer, 
sagte ich, in unserem Falle diese Scheidung vorzunehmen; ich 
hätte sagen sollen, dafs in Adolf Tobler alle Seiten seines reich- 
entwickelten Innenlebens zu einer einzigen in sich abgeschlossenen 
Wesensform zusammengefafst erschienen, und dafs jeder Versuch, 
in ihm den Menschen vom Gelehrten zu trennen, zu einer Ver- 
dunkelung des Eindruckes seiner Gesamtpersönlichkeit führen 
muls. Es tut wohl kaum not, diesem Gedanken für jetzt weiter 
nachzugehen; alle, die Tobler näher kannten, wissen, dafs in dieser 
Geschlossenheit der Grundzug seiner Natur zum Ausdruck kam. 
Um von der Bedeutung Toblers für unsere Gesellschaft handeln 
zu können, wäre es demnach geboten, in weitausholender Dar- 
stellung bei all dem zu verweilen, was er in allgemein anerkannter 
fruchtbarer Forscherarbeit an Förderung für die wissenschaftliche 
Erkenntnis sprachlichen Lebens, insonderheit soweit die neulatei- 
nischen Idiome in Betracht kommen, geleistet hat; in eine Wür- 
digung der seltenen Gabe rein begrifflichen Schauens einzutreten, 
vermöge deren es ihm glückte, die in seinen Umkreis fallenden 
Erscheinungen der Aufsenwelt in der ganzen Reinheit ihrer von 
allem Zufälligen und Sekundären geläuterten Wesenheit zu er- 
fassen ; — ich müfste nachprüfenden Blickes Umschau halten über 
den gewaltigen, unbegrenzt erscheinenden Bereich seines positiven 
Wissens; müfste reden von der durch feinsinnigen künstlerischen 
Takt gezügelten und anderseits durch bewufstes Wollen zu höch- 
ster Anspannung gesteigerten Kraft, die sprachliche Erscheinungs- 
welt in ihrem Wachsen und Werden zu belauschen und zu be- 
greifen und der Entwicklung der Dinge bis zu ihren letzten 
Daseinsformen zu folgen, und zwar nicht nur sofern die Ge- 


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schichte dabei die materiellen Einzelheiten an die Hand gibt, 
sondern vor allem auch soweit der Forderung zu genügen war, 
die bei der Sprachschöpfung wirksam werdenden seelischen Vor- 
gänge in ihrer wundersamen Gesetzmäßigkeit und triebkräftigen 
Frische zu enthüllen. Alles das, vermehrt und erweitert durch 
zahlreich wiederkehrende Seitenblicke auf scheinbare Nebengebiete, 
müfste ich hier ausführlich erörtern, um dann zu dem Nachweis 
überzugehen, dafs die so von ihm den Objekten seiner wissen- 
schaftlichen Erkenntnis gegenüber geübte Schärfe des Urteils 
und die damit gegebene Forderung bedingungslosester Wahr- 
haftigkeit auch auf seine allgemeine Lebensanschauung, sagen wir 
seine allgemeine Menschlichkeit bestimmend eingewirkt und sei- 
nem Wesen die ihm eigene lückenlose Ausgeglichenheit und 
Gröfse gegeben hat. 

Nur wenige, meine Herren, sind unter uns, die nicht den 
Vorzug gehabt haben, zu seinen Füfsen dem Studium der roma- 
nischen Philologie obzuliegen; die Mehrzahl von uns sind aus 
seiner Schule hervorgegangen, und so ist es denn gestattet, einen 
kurzen Blick auch auf seine Tätigkeit als akademischer Lehrer 
zu werfen. Die Frage nach der Art der Methode, die Adolf 
Tobler bei seiner Unterweisung zur Anwendung brachte, ist bald 
beantwortet — allen unfruchtbaren und inhaltslosen Spekulationen 
abgeneigt, ist dieser aus einem Gusse geformte Gelehrte allezeit 
darauf bedacht gewesen, die Tatsachen selber reden zu lassen, 
dem eigenen Ich, der eigenen Persönlichkeit dabei aber nur so 
weit Raum zu gönnen, als sie doch eben der Sammelpunkt des 
aus reichster Sachkenntnis und umfassendster Belesenheit zu- 
sammengebrachten Materials war und in ihr der geistige Prozefs 
sich vollzog, durch den die Gegenstände seiner empirischen Er- 
fahrung zu der Höhe gesicherter Erkenntnisse und dem Adel 
allgemeingültiger Ideen erhoben wurden. Dieses aller phantasti- 
schen Schwärmerei abholde, aber von einem echten, aus den 
Dingen selbst geborenen Idealismus beflügelte Können ist es, 
das seiner Forscherarbeit überhaupt und seinem Lehrverfahren 
insbesondere als wesentlichstes Merkmal anhaftet, und vermöge 
dessen er diejenigen, die ihn begriffen, zu ernstem Streben und 
tatkräftiger Nacheiferung anzuregen wufste. Wie Tobler selbst 
unter den um die Förderung der romanischen Philologie be- 
mühten Forschern unbestritten und fraglos den ersten Platz ein- 
nahm, so galt es und gilt es auch als eine besondere Auszeich- 
nung, sein Schüler genannt zu werden. Die Erfahrungen, die 
Tobler in eigener Wirksamkeit als Gymnasiallehrer gesammelt 
hatte, und die er durch ununterbrochene, wenn auch meist passive 
Anteilnahme an der Ausgestaltung des höheren Schulwesens alle- 
zeit zu mehren und zu vertiefen beflissen war, hatten ihn die 
Schranken erkennen lassen, die der heranwachsenden Jugend bei 


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der praktischen Betätigung ihres Wissens von der fremden Sprache 
gezogen sind, und es ist Ihnen gegenwärtig, dafs er sich vor gar 
nicht langer Zeit auch zu uns in einem fesselnden Vorträge über 
dieses uns alle so nahe angehende Problem ausgesprochen hat. 
Derselbe in ihm zu ethischem Zwange gesteigerte Sinn für die 
Wirklichkeit, eng verknüpft mit der unüberwindlichen Scheu vor 
willkürlicher Entstellung der einmal erkannten Wahrheit, hatte 
in ihm die Überzeugung reifen lassen, dafs auch im neusprach- 
lichen Unterricht die Übermittelung und Erklärung des Tatsäch- 
lichen nach Mafsgabe einer im Anschlufs an die Ergebnisse der 
wissenschaftlichen Forschung verfahrenden Lehrmethode vor sich 
zu gehen habe. Wohl veranlafste ihn die in entgegengesetzter 
Richtung verlaufende allgemeine Entwicklung der Dinge schon vor 
langen Jahren zu trüben, sorgenvollen Betrachtungen; aber wenn 
ihm nun, kurz vor seinem Heimgange, die Wahrnehmung der 
Unabänderlichkeit der einmal eingeschlagenen Wege Worte er- 
gebungsvoller Resignation entlockte, so ahnte er nicht, dafs nicht 
wenige seiner im Lehramt tätigen Schüler die theoretische Ge- 
wifsheit, dafs der Meister dem erziehenden Unterrichte die rechte 
Bahn gewiesen habe, alltäglich zu frischer fröhlicher Tat werden 
lassen. 

Wohl wissen die Älteren unter uns, die ihn in der Voll- 
kraft seiner Jahre kennen lernten, wieviele seiner Hörer sich da- 
mals durch die nachsichtslose Strenge seiner Anforderungen und 
die Unerbittlichkeit seiner Kritik abschrecken liefsen, die vor- 
geschriebenen Examina bei ihm abzulegen. Die Jüngeren, die 
unter anderen Verhältnissen herangereift sind, haben, wie ich 
von verschiedenen Seiten vernehme, die unerschütterliche Sach- 
lichkeit seines Wesens, soweit sie auch in seiner äufseren, alle 
Vertraulichkeit, wie es schien, verscheuchenden Haltung zur Er- 
scheinung kam, in ihrem ganzen Ernste nicht mehr kennen ge- 
lernt — auch ihm hatten die vorschreitenden Jahre die alte Er- 
fahrung gebracht, dafs es nicht immer möglich ist, die eigene 
Gröfse, und wäre es auch nur im Umrifs, auf die Umgebung zu 
projizieren. Gewifs, meine Herren, auch uns konnte es nicht 
entgehen, dafs die Unnahbarkeit, wie so viele, die unseren Tobler 
nicht genügend kannten, den von ihm ausgehenden Eindruck 
ernster Würde genannt haben, in den letzten Jahren einer freund- 
lichen Milde und einem liebenswürdigen Entgegenkommen auch 
im persönlichen Verkehr gewichen war. Aber von der un- 
beeinträchtigten Tiefe seiner Gelehrtennatur und dem in ihm nie 
müde gewordenen Forschungstrieb hat er bis in die letzten Zeiten 
hinein in unvergänglichen Proben Zeugnis abgelegt. Wenn der 
fünfundsiebzigjährige Jakob Grimm in seiner ergreifenden aka- 
demischen Rede Über das Alter der schönen Zeilen aus Hugo 
von Trimbergs Renner gedenkt, in denen der greise Dichter das 


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Alter mit der tröstlichen Abendröte und einer im Regen heim- 
fahrenden müden Biene vergleicht, dann aber selber fortfährt, 
dafs in begabten, auserwählten Männern Kraft und Ausdauer 
fast ohne Abnutzung weit länger nachhalten, so behält diese 
Wahrheit, wie für Grimm selbst und den von ihm genannten 
Humboldt, auch für Adolf Tobler ihre volle Geltung. Der In- 
halt dessen, was er bei seinem letzten Hiersein uns noch vor- 
zutragen verheifsen hatte , entzieht sich nun unserer Einsicht, aber 
es ist bezeichnend für den Unermüdlichen, dafs er bis zum letzten 
Atemzuge beflissen gewesen ist, durch sein Können und seine 
Arbeit die wissenschaftlichen Zwecke unserer Gesellschaft zu för- 
dern. Und des wissen wir ihm Dank.' IT 

Nach Ausweis der Mitgliederverzeichnisse ist Tobler erst im 
Jahre 188 1 in unsere Gesellschaft eingetreten. Wenn ich nach 
einer Erklärung für die immerhin auffällige Tatsache suche, dafs 
er erst im vierzehnten Jahre seines hiesigen Aufenthalts den An- 
schlufs an die ihm wissenschaftlich wesensverwandten Berliner 
Kreise gesucht hat, so glaube ich aus gewissen Eröffnungen, die 
Tobler mir noch in der letzten Sitzung gesprächsweise gemacht 
hat, schließen zu dürfen, dafs eine der Ursachen seines Fern- 
bleibens in der Beurteilung, die seiner Berufung auf den im 
Herbst 1867 neugegründeten Berliner Lehrstuhl für romanische 
Philologie von manchen Seiten zuteil wurde, gesucht werden mufs. 

Nun, meine Herren, wer sich mit der Geschichte der roma- 
nischen Philologie, soweit ihre Entwicklung sich in Berlin voll- 
zog, beschäftigt hat -und ihren mannigfachen Schicksalen und der 
wechselnden Einschätzung ihres Wertes innerhalb der Gesamtheit 
des Universitätsunterrichtes nachgegangen ist, der wird gewahr 
werden, dafs nach einer langen Periode unsicheren Tastens und 
schwankenden Erfolges die amtlich berufenen Instanzen sich zu 
der Auffassung durchgerungen hatten, dafs ein dem allgemeinen 
Geiste der Universität angemessener Betrieb der jungen roma- 
nistischen Wissenschaft nur im Sinne der von Friedrich Diez 
begründeten historisch-vergleichenden Methode zu erwarten war. 
Schon im Jahre 1859 benutzte die philosophische Fakultät einen 
sich bietenden äufseren Anlafs, um behördlichen Ortes wegen der 
Gründung einer aufserordentlichen Professur für die romanischen 
Sprachen vorstellig zu werden, und liefs dabei deutlich durch- 
blicken, dafs die Diezsche Art als die Methode xar o/jjv an- 
zusehen sei. Von den in Berlin lebenden Gelehrten, die damals 
für ein derartiges Lehramt mehr oder weniger geeignet schienen, 
und unter denen sich auch der Gründer unserer Gesellschaft sowie 
der als tüchtiger Kenner des Provenzalischen bekannte C. A. F. 
Mahn befanden, schien keiner dem von der Fakultät erstrebten 
Ideale so nahe zu kommen wie der durch seine ausgezeichneten 
sprachwissenschaftlichen Arbeiten zu wohlverdientem Ruhm ge- 


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langte Eduard Mätzner, der denn auch für die Professur aus- 
ersehen wurde; eigentliche Schüler von Diez waren noch nicht 
hervorgetreten, und insbesondere war damals von unserem erst 
24jährigen Tobler noch nicht die Rede. Der Antrag der Fakultät 
vom Jahre 1859 blieb aus unbekannten Gründen ohne Erfolg. 
Erst im Frühjahr 1867, als im Staatshaushaltsetat für dieses Jahr 
die Besoldung für einen ordentlichen Professor der romanischen 
Philologie an der Berliner Universität flüssig gemacht worden 
war, hatte die philosophische Fakultät unter Vorantritt ihres 
Dekans Moriz Haupt von neuem Gelegenheit, der Regierung ihre 
Anschauungen und Wünsche bezüglich der Besetzung dieser Pro- 
fessur darzulegen. Im Laufe der bis 1867 verflossenen acht 
Jahre waren sowohl Mätzner wie Mahn dem Alter entwachsen, 
innerhalb dessen man die für die Verwaltung eines so schwierigen 
und obendrein neu zu gründenden Lehramts erforderliche Frische 
voraussetzen zu dürfen meinte, und überdies sprach man jetzt 
unumwunden die Überzeugung aus, dafs nur einem aus der 
Bonner Schule hervorgegangenen Philologen der neue Lehrstuhl 
an vertraut werden dürfe. Schon unter dem 27. Januar 1867 war 
Haupt mit dem ihm, man darf wohl sagen befreundeten Diez 
brieflich in Verbindung getreten, um geeignete Vorschläge von 
ihm zu erbitten, wiederum bekräftigend, dafs kein anderer als 
ein von ihm vorgebildeter Gelehrter berufen werden würde. 
Adolf Tobler hat 1894 in den Sitzungsberichten der Königlich 
Preufsischen Akademie der Wissenschaften, deren ordentliches 
Mitglied er seit 1882 gewesen war, die später in seinen Besitz 
übergegangene, bis in das Jahr 1840 zurückreichende Korrespon- 
denz zwischen Diez und Haupt veröffentlicht und damit denn 
auch die Briefe beider Männer, die von seiner eigenen Berufung 
handeln, wenn auch nicht in der uns heute wünschenswert er- 
scheinenden Vollständigkeit zum Abdruck gebracht. Auf die ihm 
von seiten Haupts zugegangene Bitte um Vorschläge, wobei der 
Berliner Professor bereits auf den ihm zehn Jahre früher be- 
kannt gewordenen Tobler hinweist, antwortete Diez unter dem 
4. Februar 1867. Dieses gewichtige Schriftstück hat Tobler 
insofern nicht vollständig wiedergegeben, als er einige, die Vor- 
züge seiner Persönlichkeit sowie seine wissenschaftliche Tüchtig- 
keit anerkennende Worte des Altmeisters unterdrückt hat. Ich 
befinde mich in der Lage, diesen mir aus einer durchaus ein- 
wandfreien Quelle zugeflossenen Passus der in den Sitzungs- 
berichten zu lesenden Fassung des Briefes ergänzend einzufügen 
und Ihnen das, was Tobler die Bescheidenheit verbot, der Nach- 
welt zu überliefern, im Verein mit dem Übrigen als ein nun 
lückenloses historisches Dokument mitzuteilen. Der Brief lautet 
bis zu der Stelle, wo Diez auf etwas anderes zu sprechen kommt, 
folgendermafsen : 


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Hochverehrter Herr! 


Bonn 4 Feb. 67. 


Ihr Brief hat mir Freude gemacht, theils weil es wieder einmal Zeilen 
waren von Ihrer Hand, theils weil ich daraus erfuhr, dafs nun auch Berlin 
einen Lehrstuhl für romanische Sprachkunde und Litteratur erhalten soll. 
Ihre sehr geehrte Anfrage kann ich in Kürze damit beantworten, dafs ich 
mich mit Ihnen, der Sie ja selbst Kenner sind auf diesem Gebiete, durch- 
aus einverstanden erkläre. Ich hatte Gelegenheit, Tobler hier in Bonn, 
wo er, wenn ich nicht irre, zwei Semester studiert hat, genauer kennen 
zu lernen und sein nicht gewöhnliches Talent und sein rasches freudiges 
Vordrängen in dem erwählten Fache zu beobachten. Nachher hat er in 
Italien handschriftliche Studien gemacht und sich in der Herausgabe alt- 
französischer Texte als tüchtiger Kritiker, in einigen litterarhistorischen 
Arbeiten als kenntnifsreicher, selbst geistvoller Beurtheiler gezeigt. Soviel 
ich weifs, ist er noch in Solothurn 1 an einer Schule in nicht ungünstigen 
Verhältnissen, aber auch viel in Anspruch genommen. Gewifs würden 
Sie einen liebenswürdigen Collegen an ihm gewinnen. 

Ihr treu ergebener F. Diez. 

Ich mochte Ihnen, meine Herren, die Kenntnis dieses be- 
deutsamen Schriftstückes vor allem deshalb nicht vorenthalten, 
weil hier ein Gelehrter ersten Ranges, der in vertrautem persön- 
lichen Verkehr vielfach Gelegenheit gehabt hatte, das Wesen un- 
seres Tobler als Mensch und als Jünger der Wissenschaft zu 
erkennen, in seiner schlichten Weise gewissermafsen im Keime 
die hervorragenden Eigenschaften angedeutet hat, die wir in ihrer 
Entfaltung allezeit an unserem nun dahingegangenen Ehrenvor- 
sitzenden bewundert haben. Zugleich aber beweist Diezens Brief 
nebst anderen oben berührten Dokumenten, dafs Tobler ohne sein 
Zutun zu einem freilich wesentlichen Faktor in der nach den 
Gesetzen historischer Notwendigkeit fortschreitenden Entwicklung 
geworden war, und demnach ein berechtigter Grund zu irgend- 
welcher Mifsstimmung ihm gegenüber keineswegs vorhanden war. 

So ist denn Adolf Tobler 29 Jahre lang der Unsere ge- 
wesen, zunächst als ordentliches Mitglied, bis er nach Zupitzas 
Tode 1895 zum Vorsitzenden gewählt wurde und, als er 1905 
dieses Amt niederlegte, den ihm als ein besonderes Zeichen un- 
serer Liebe und Verehrung angetragenen Ehren Vorsitz übernahm. 
Es geht nicht an, die ganze Fülle dessen, was er in dieser langen 
Reihe von Jahren unserer Gesellschaft an Erleuchtung gebracht hat, 
in den engen Rahmen einer zeitlich beschränkten Darstellung zu- 
sammenzufassen. Doch schon ein schneller kurzer Überblick über 
die von ihm gehaltenen Vorträge, deren die siebzig übersteigende, 
von keinem anderen Mitgliede auch nur annähernd erreichte Zahl 
erkennen läfst, wie ernst er es von Anfang an bis zum letzten 
Ende mit den als Mitglied unserer Gesellschaft übernommenen 
Pflichten genommen hat, bringt uns die Gewifsheit, dafs in ihrer 
Gesamtheit alle Richtungen dieses früchteschweren Gelehrten- 


Das ist ein Irrtum; Tobler war damals schon in Bern. 


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lebens zur Erscheinung gekommen sind. Es galt allezeit in der 
Gesellschaft als ein Ereignis, wenn es hiels, dafs Tobler das Wort 
zu einem Vorträge ergreifen würde, und in der Tat folgte mau 
nicht ohne ein gewisses ästhetisches Behagen seinen klar und tief 
angelegten Gedankengängen, zumal er ihnen eine der Höhe ihres 
Gegenstandes angemessene, fest und sicher einherschreitende Würde 
der Form zu geben wufste. Immer darauf bedacht, aus der Masse 
des herandrängenden Stoffes die ihm Leben und Gestalt gebende 
Idee gewissermafsen in ihrer Beinkultur herauszukristallisieren, 
bot er uns die neuesten Ergebnisse seiner Studien auf dem von 
ihm mit so viel Liebe und Erfolg gepflegten Gebiete der roma- 
nischen Syntax; entwickelte er vor uns seine von reichster Sach- 
kenntnis und feinstem Spürsinn getragenen Ideen über den Ur- 
sprung dunkler Wörter; und nicht weniges von dem, was nach 
seiner Veröffentlichung durch den Druck ihm den bewundernden 
Beifall der Gelehrtenwelt brachte, durften wir zuerst erfahren. 
Mit wie feinem Gefühl für das innezuhaltende Mals verstand er 
es, den Mitgliedern unserer Gesellschaft, die doch natürlich un- 
vorbereitet vor die ihnen durch Tobler nahegebrachte Materie 
gestellt wurden, in das Wesentliche der Frage, die er zu behan- 
deln gedachte, in das, worauf es ankam, einzuführen und auf so 
geschaffener sicherer Grundlage seine Entwicklungen aufzubauen; 
so wenn er sich angelegen sein liefs, bisher dunkel gebliebenen 
oder von anderen mitsverstandenen Textstellen unter Anwendung 
eines wiederum aus zuverlässigster Vertrautheit mit der Sprach- 
entwicklung und Kenntnis des historisch Möglichen erwachsenen 
kritischen Verfahrens die rechte Deutung oder allein zulässige 
Fassung zu geben, eine Kunst, in der er uns und allen Fach- 
genossen als unbestrittener Meister galt. Eine wie tiefe, zuweilen, 
wie es scheinen konnte, an eigenen Erfahrungen gereifte Menschen- 
kenntnis legte er an den Tag, wenn es ihn drängte, sich vor uns 
über die Eindrücke auszusprechen, die die Werke neuerer Lite- 
ratur, etwa gewisse Dichtungen seines älteren Landsmannes Kon- 
rad Ferdinand Meyer, auf sein zum Empfangen wie zum Geben 
gleich bereites Gemüt ausgeübt hatten; und mit welcher Menschen- 
liebe und verständnisvollen Hochachtung für das Urwüchsige er 
sich in der kernigen Schlichtheit seines eigenen Wesens auch für 
die nach Form und Inhalt oftmals wenig zarten, aber immer 
treffenden Geistesprodukte des niederen Volkes erwärmen konnte, 
liefsen uns seine Vorträge über die später in Buchform mit Über- 
setzungen von ebenbürtiger Urkraft erschienenen Bauernsprich- 
wörter, über die von ihm mit besonderer Freude aufgenommenen 
Volkslieder oder seine in weiteren Kreisen bekanntgewordenen 
Äufserungen über den Begriff ‘Chauvinismus' erkennen»! 

Und schliefslich, wer von uns gedenkt nicht der weihevollen 
Stunden, in denen unser heimgegangener Meister, tief ergriffen 


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dem Gebote seines Herzens folgend, es unternahm, seiner und 
unserer Trauer um abgeschiedene Freunde, Amts- und Fach- 
genossen Worte zu leihen. Seinem jüngeren Freunde Adolf Gas- 
pary und wenige Jahre später seinem ihm freundschaftlich nahe- 
stehenden Universitätskollegen, unserem früheren Vorsitzenden 
Julius Zupitza, hat er einst in tiefempfundener Würdigung ihres 
Wertes ehrende Worte in die Ewigkeit nachgerufen, und wir 
sind, selber tief ergriffen, Zeugen geworden, wie unser Tobler in 
seinem bitteren Leid um seinen vielgeliebten, von früher Jugend 
her ihm engverbundenen Studienfreund Gaston Paris, von Schmerz 
übermannt, verzichten mufste, alles das zu sagen, wovon sein 
Herz so tief bewegt war. 

Und so ist es gewifs nicht allzu vermessen, wenn ich zu 
sagen wage, dafs aufser seinen nächsten Angehörigen wohl kaum 
ein anderer von den geselligen Kreisen, denen Tobler angehört 
hat, so oft und so ergiebig Gelegenheit gehabt hat, in die ver- 
schiedenen Seiten seines reichen Innenlebens Einblick zu ge- 
winnen, wie gerade wir, wie gerade unsere Gesellschaft. Wir 
haben das Glück gehabt, ihn in der Blüte kraftvoller Männlich- 
keit und dann lange Jahrzehnte hindurch bis in sein hohes Alter 
den Unseren zu nennen; uns war es vergönnt, ihm in kurzen 
Fristen immer wieder nahezutreten, uns des Lichtes und der 
Wärme der von ihm ausgehenden Weisheitsfülle zu erfreuen; 
uns ist er nicht nur der grofse Gelehrte gewesen, uns hat er sich 
auch in seiner ganzen schönen Menschlichkeit enthüllt. 

Und wenn ich nun den uns bleibenden Eindruck von seiner 
Persönlichkeit kurz zusammenfassen darf, so wüfste ich mich 
keiner schöneren und treffenderen Worte zu bedienen als der- 
jenigen, mit denen Tobler selbst noch vor wenigen Jahren dem 
Wesen der beiden ihm am nächsten stehenden Fachgenossen ge- 
recht zu werden versucht hat, wenn er gelegentlich seiner Ver- 
öffentlichung einer Anzahl von Gaston Paris an Diez geschrie- 
bener Briefe ‘des unauslöschlichen Eindrucks einer unendlichen 
Güte, einer vollen Reinheit und höchsten Adels der Gesinnung' 
gedenkt, den der persönliche Umgang mit Diez und dann mit 
Gaston Paris, der auch hinsichtlich dieser hohen Eigenschaften 
ein würdiger Schüler des grofsen Meisters gewesen sei, bei ihm 
hinterlassen habe. Dieses schöne Urteil ist für uns jetzt, da 
Tobler sich zu den beiden vor ihm dahingegangenen Freunden 
gesellt hat, besonders ergreifend, weil er, auf seinen eigenen Tod 
anspielend, mit dem Geständnis nicht zurückhält, dafs er nicht 
zu hoffen wage, so innig er es auch wünsche, vor der Nachwelt 
mit dem wohlverdienten Anspruch auf die gleiche auszeichnende 
Beurteilung zu erscheinen. 

Ja, meine Herren, dieser gute, reine Mensch ist unser ge- 
wesen, und wenn es uns nun auch hinfort nicht mehr gegönnt 


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ist, ihn in seiner Körperlichkeit hier unter uns zu sehen, so wird 
die Erinnerung an die köstliche Zeit, da er bei uns war, unver- 
gänglich in uns leben und Gutes und Schönes in uns wirken. 
Wenn wir einst in festlicher Zeit seinem in Erz gegrabenen Bilde 
in poetischer Form den Gedanken beifügten, dafs unter seinem 
Schatten der Weingarten sich eines gedeihlichen Wachstums er- 
freue, und wir dem Worte ‘Schatten’ in dieser Verbindung die 
ihm in biblischer und von da aus auch in altromanischer Sprache 
anhaftende Bedeutung von Schirm und Schutz gegen die Unbilden 
des Lebens zuerkannt wissen wollten, so ist nun dasselbe Sprüch- 
lein in einem tieferen, weihevolleren Sinne zu einer neuen Wahr- 
heit geworden — Tobler bleibt der Unsere, und in diesem Sinne 
rufen wir ihm nach: Ave, pia anima! Alfred Risop 


Adolf Tobler. 

Ein Lebensbild. 

Eine tragische Fügung hat es gewollt, dafs ich, der ich einst 
in ihre Mitte durch unseren Meister und Freund Adolf Tobler 
eingeführt worden bin, hier, wo Sie so oft seinem Wort gelauscht 
haben, nun zum erstenmal das Wort ergreife, um dem toten 
Meister und Freund zu huldigen. 

Wir hatten noch auf ein langes Zusammensein gerechnet. 

Er mochte nicht von heut’ auf morgen von seiner Lehr- 
tätigkeit lassen, die hier fast ein halbes Jahrhundert seines Lebens 
erfüllt hat, und mir erschien es als ein reiches Geschenk meines 
akademischen Schicksals, dafs er neben mir bleiben und mir 
die Übernahme der Aufgabe erleichtern würde, die mir durch 
sein Vertrauen viel mehr als durch mein Verdienst zugefallen 
ist. Denn wer würde die Aufgabe, eines A. Tobler Nachfolger 
zu sein, ohne Zagen übernehmen? 

Unsere letzten Unterredungen galten diesem schönen Plane 
gemeinsamer Lehrtätigkeit, und in diesen Gesprächen kam seine 
vornehme Gesinnung und sein Wohlwollen zu unvergefslichem 
Ausdruck. Er dachte nicht an sich; er dachte an die Sache und 
an den anderen. Guten Mutes, vertrauensvoll schied ich vor 
einigen Wochen von ihm: 

Qui a proudome parole, si se repose heifst es in seinen ‘Sprich- 
wörtern des gemeinen Mannes’.' 

Wir durften weiter auf seine Vorlesungen über historische 
Syntax, über Hermeneutik, über Dante rechnen, und der Kreis 
seiner Seminaristen sollte ihn nicht entbehren. 


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Das ist nun anders gekommen. Mit der Wucht der Zer- 
störung ist das Schicksal hereingebrochen, hat alle Zukunftspläne 
zunichte gemacht und in den Kreis der Fachgenossen laute Klage 
und Trauer gebracht. 

Ihm ist freilich ein Wunsch in Erfüllung gegangen: er ist 
mitten aus der Arbeit hinweggenommen worden. Er ist, wie er 
es sich wünschte, sozusagen am Schreibtisch, gleich Petrarca, ge- 
storben. 

Nun soll ich von ihm zu Ihnen sprechen, zu Ihnen, die Sie fast 
alle seine Schüler und hier lange Jahre hindurch seines Geistes 
Genossen gewesen sind, ich, der ich immer fern von ihm gelebt 
habe und der ich in meiner Studienzeit den Weg nach Berlin 
leider nicht gefunden. Man möchte sagen, ich sollte hier eher 
von Ihnen hören als zu Ihnen reden. Wenn ich gleichwohl 
den ehrenvollen Auftrag, der mir durch unseren Vorsitzenden 
geworden ist, übernommen habe, so geschah es, weil Herr Risop 
selbst erst das Wort zu ergreifen versprach und weil ich als 
Landsmann und Freund des Verewigten Ihnen allerlei hoffe 
sagen zu können, was Sie in dieser Stunde freundlich aufzunehmen 
bereit sind. 

Meine Beziehungen zu Adolf Tobler gehen ins Jahr 1878 
zurück. Er war in jenem Sommer in der Schweiz, und von Zürich 
aus suchte er mich in meinem Elternhause zu Winterthur auf. 
Sie können sich denken, welch freudige Erregung dieser Besuch 
mir brachte und wie glücklich ich war, von Professor Tobler eine 
Empfehlungskarte an Gaston Paris zu erhalten, bei dem ich meine 
Studien fortsetzen wollte. Unzertrennlich ist für mich die Er- 
innerung an diese beiden geistigen Führer, und in der langen 
Reihe von Briefen und Karten, die ich von beiden aufbewahre, 
sind mir die teuersten zwei Stücke, die ihre beiden Namen ver- 
einigen: ein! Brief aus Le Pouliguen (1889), den Gaston Paris 
und sein Gast Adolf Tobler gemeinsam geschrieben haben, in die 
vier Seiten sich teilend, und eine Visitenkarte mit ihrer beider 
Namen, das sichtbare Zeugnis ihres unvergefslichen gemeinsamen 
Besuches in Bern (1883). In freundschaftlichem Verkehr mit Adolfs 
Schweizer Brüdern durfte ich aus der Ferne an seinem Leben 
Anteil nehmen. Indessen haben wir uns auch in unserer Heimat 
öfters getroffen, in Freude und auch in Leid. Am Sterbebett 
seines Bruders, meines Kollegen Ludwig Tobler, führte mich mein 
Amt als Dekan in gemeinsamer Trauer mit ihm zusammen. Hier 
in Berlin habe ich im Laufe der Jahre viel teure Stunden, oft als 
Gast seines Hauses, mit ihm verbracht. So glaube ich manches über 
ihn und durch ihn zu wissen, wovon ich hier, in seiner wissenschaft- 
lichen Familie, reden darf. Ich möchte hauptsächlich die schwei- 
zerische Vorgeschichte des Berliner Romanisten Ihnen erzählen. 

Das alte Züricher Geschlecht der Tobler hat der Vaterstadt 


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manchen tüchtigen Mann geschenkt. Die nächsten Vorfahren 
unseres Freundes waren Geistliche, Land- und Stadtpfarrer, Chor- 
herren und Professoren der Theologie. Ein kräftiges Geschlecht 
mit kinderreichen Familien, die gelegentlich an Gestalten aus 
Meister Gottfrieds Novellen erinnern. Die Tobler des ausgehen- 
den achtzehnten Jahrhunderts waren ‘liberal'; sie gehörten zu den 
‘Patrioten', wie der parteipolitische Ausdruck lautete. Sie waren 
Anhänger des Umschwunges, den die Französische Revolution dem 
Lande gebracht und der das patrizische Regiment stürzte. Poli- 
tischer Freisinn war Toblersches Familienerbe, auch bei denen, 
die sich nicht mit Politik beschäftigten. Bei manchem Familien- 
glied zeigt sich ein künstlerischer Einschlag: der malt, der andere 
dichtet, dem dritten hat die Musik es angetan. In der nächsten 
Verwandtschaft erscheint auch ein Philologe: Adolf Toblers Grofs- 
onkel Kaspar Hirzel hat eine französische Grammatik ge- 
schrieben, die lange Autorität genols. 

Man will beobachtet haben, dafs des Grofsvaters Art oft 
auf den Enkel übergeht. Nun, Adolf Toblers Grofsvater, der 
Pfarrer Tobler von Stäfa, wird in einer Familienchronik mit 
Worten geschildert, in denen wir den Enkel wiedererkennen: 

‘Er nahm teil', heilst es von dem alten Pfarrherrn, ‘an jeder 
unschuldigen Freude, hatte offenen Sinn für jede Schönheit der 
Natur, für die Genüsse der Kunst, namentlich der Musik und 
des Gesanges, war empfänglich für Freundschaft, Liebe und traute 
Geselligkeit. Bescheiden, drängte er sich nie vor, aber ein ge- 
wisses Selbstgefühl, das ihm seine nicht geringen Geistesgaben 
und sein reines sittliches Bewufstsein gar wohl erlaubten, be- 
wahrten ihn vor unmännlicher Furcht und aller unwürdigen 
Kriecherei. Wo es am Platze war, scheute er sich nicht, schlech- 
ten Subjekten, auch wenn sie hochgestellt waren, die bittere 
Wahrheit ins Gesicht zu sagen.' 

So der Pfarrer von Stäfa und so sein Enkel, der Berliner 
Professor. 

Adolfs Vater, der Pfarrer Salomon Tobler, war eine 
weiche träumerische Künstlernatur, den Familientradition in die 
Laufbahn des Theologen gedrängt hatte. In ihm trafen die ver- 
schiedenen künstlerischen Einschläge der Vorfahren zusammen. 
Aber seine künstlerische Anlage fand keine systematische Aus- 
bildung. Nach der Eingebung des Tages zeichnete er, sang er 
zum Saitenspiel, und die Inspiration einer glücklichen Stunde 
weckte auch den Poeten in ihm. 

Das Stadtkind heiratete 1820 ein gebildetes, tüchtiges Mäd- 
chen vom Lande, und bei der Hochzeit machte den Maitre de 
plaisir Vetter Salomon Hirzel, der spätere Leipziger Buchhändler, 
dessen Tochter ein halbes Jahrhundert nachher Adolf Toblers 
Gattin werden sollte. 


15 


Adolf war das zweitjüngste Kind von sechs Geschwistern. 
Er hatte eine ältere Schwester und vier Brüder, die er sämtlich 
überleben sollte. 

Drei ländliche Stationen bezeichnen den pfarramtlichen Lebens- 
weg Salomon Toblers: erst das einsame, unwirtliche Sternenberg, 
dann das liebliche Hirzel auf der Höhe des Albis und endlich 
das idyllische Embrach. 

Im Pfarrhaus zu Hirzel, wo der entzückte Blick vom blauen 
Zürcher See hinaufschweift zu den Alpen, kam Adolf Tobler zur 
Welt, 1835, als der Vater eben sein Epos vom Heldenkampf der 
Nidwaldner gegen die Franzosen vollendet hatte. Adolf ist der 
Sohn des Dichters der ‘Enkel Winkelrieds*, über welche Corni- 
celius vor zwei Jahren in unserem Archiv gehandelt hat. In diesem 
Pfarrhause war auch Meta Heufser geboren, eine bekannte 
schweizerische Dichterin, und deren Tochter, Johanna Spyri, 
stammt ebenfalls aus Hirzel. Es ist ein Poetennest, dieses Berg- 
dörfchen hoch über dem Sihltal. 

Diesem Pfarrhaus gelten die Strophen des Huldigungs- 
gedichtes ‘An mein Vaterland’, das Salomon Tobler den ‘Enkeln 
Winkelrieds* vorausgesandt hat: 

Heil mir! Hier hebt auch mir sich eine Hütte, 

Ich tauschte sie um keinen Goldpalast; 

Hier leb’ ich in des freien Landes Mitte, 

Von Sorgen frei in süiser Friedensrast. 

Ein treues Weib und holde Kinder weben 
Der Freuden viel in mein verborgnes Leben. 

Der eignen Bäume Frucht pflückt unsre Hand, 

Uns reift das goldne Korn auf eignem Land. 

Ob auch aus Balken kunstlos nur gefüget, 

Schützt doch vor Glut und Frost das niedre Dach. 

Mit schwankem Grün und sülsen Früchten schmieget 
Die Rebe sich ums freundliche Gemach. 

Auf hehre Alpen sieht’s und stille Tale, 

Errötet von des Morgens erstem Strahle, 

Und sinkt die Sonne hinterm Bergeskranz, 

Brennt flammengleich der kleinen Fenster Glanz. 

Hinter diesen kleinen Fenstern sang der Pfarrherr seine 
Kinder in den Schlaf, mit der Gitarre an ihren Bettchen sitzend; 
auf diesen Höhen fuhr der Pfarrherr, wie er selbst berichtet, 
seine Jungen in einem kleinen Wägelchen stundenlang durch Feld- 
und Wiesenwege. 

Doch nur die ersten fünf Lebensjahre verbrachte Adolf hier 
oben. Der politische Sturm des Jahres 1839 brauste auch durch 
das Pfarrhausidyll von Hirzel. 

Die Berufung D. F. Streufs’ als Theologieprofessor an die 
junge Universität Zürich war im September 1839 das Signal zur 
Auflehnung des konservativen Volkes gegen die liberale Regie- 


16 


rung geworden. Auf den Ruf, dafs die Religion in Gefahr sei, 
war das erregte Landvolk, ein kirchlicher Landsturm, nach der 
Hauptstadt gezogen und hatte die Regierung gestürzt. Auch Be- 
wohner von Hirzel hatten an dem Zuge teilgenommen. 

Am Sonntag darauf tat Pfarrer Tobler einen schweren Gang 
nach seiner Kirche. Er fühlte die Verpflichtung, ein offenes 
Wort über diese revolutionären Vorgänge zu sagen, und wufste, 
dafs er damit in Gegensatz zu seiner konservativen und glaubens- 
eifrigen Gemeinde treten würde. Seine Worte erregten denn 
auch leidenschaftlichen Widerspruch. Er konnte den sonntäg- 
lichen Gottesdienst nicht zu Ende führen, und seines Bleibens 
war in der friedlosen Gemeinde nicht mehr. Im blühenden Mai 
des folgenden Jahres bezog er die Pfarrei Embrach. 

Hier wuchs Adolf heran. Diesem Pfarrhause galten seine 
Jugenderinnerungen. Daher stammen die Bilder, die Sie alle in 
seinem Berliner Studierzimmer gesehen haben. Hier hat er die 
Volksschule besucht, an die er sich gern und dankbar erinnerte. 

Von hier kam er mit dreizehn Jahren (Ostern 1848) zu seiner 
Ausbildung ans Gymnasium nach Zürich, das er im April 1854 
mit glänzendem Zeugnis absolvierte. Nur in einem Fache fehlte 
ihm die höchste Note: im Französischen. So schien er nicht zum 
Romanisten bestimmt. 

Leider hat er über sein Leben keine Aufzeichnungen .hinter- 
lassen. Einzig über diese Züricher Bildungszeit findet sich einiges 
aus seiner Feder in einem Italienisch geschriebenen Aufsatze mit 
dem Titel Zsurigo ' , den er einige Jahre später in einem Floren- 
tiner Familienblatte veröffentlichte, und den er, um seine Spur 
zu verwischen, als aus den Papieren eines verstorbenen Schwei- 
zers stammend ausgab. 

Da sehen wir den Gymnasiasten, der seine freie Zeit der 
Musik widmet, dessen bescheidenes Zimmer ein Klavier schmückt, 
der seine Mitschüler mit Vorträgen und Unterricht für seine 
Kunst begeistert und sie sogar in den Zwischenpausen um sich 
schart, um ihnen aus einer Musikzeitschrift vorzulesen. Die 
Jahrestage berühmter Komponisten feierte er im stillen Kämmer- 
lein, indem er bei einer Tasse Kaffee die Biographie des Meisters 
las und den Tag über aus dessen Werken spielte. Bei den be- 
rühmtesten Konservatorien zieht er Erkundigungen ein über die 
Aufnahmebedingungen. 

Er wollte Musiker werden. 

Als er am Scheidewege stand, nach der Maturitätsprüfung, 
da brachte der Rat seines älteren Bruders Ludwig und eines 


1 ‘Zurigo. Queato scritto fu trovato fra le carte lasciate da uno 
Svizzero morto in Italia.’ Estr. dalle ‘Letture di Famiglia’, Decade II, 
Tomo IV. Firenze, Tip. Galileiana di M. Cellini e. C. o. D. 39 8. 


17 


lieben Lehrers den Neunzehnjährigen davon ab. Er wandte sich 
dem Studium der Philologie zu, und die romanischen Sprachen 
zogen ihn besonders an. Drei Gründe nennt er dafür. Einmal 
fesselte ihn diese divergierende Entwicklung des Latein. Dann er- 
schien ihm das Studium des Romanentums für einen Schweizer, 
dessen Vaterland deutsch-romanisch ist, als eine patriotische Auf- 
gabe, dienlich a piü intima fusione delle miste nazionaliiä. Und 
endlich wollte er der verhängnisvollen Lehrmethode derer ent- 
gegentreten, die blols zu parlieren verstehen und nichts erklären 
können: opporsi al pernicioso meiodo di coloro che , non spiegando 
nulla, non sapendo le ragioni di nulla, preparati all* insegnamento per 
il solo soggiorno all’ estero v’intronano gli orecchi finche non cicalate 
come loro ... 

Liegt nicht schon hier das Wesen seines Lehrens und For- 
schens ausgesprochen? Liegt nicht die Einheit seiner Lehre in 
diesen Worten spiegare ... sapere le ragioni ? Wie hat er die Auf- 
gabe, die er hier in jugendlichem Eifer formuliert, in reicher 
Lebensarbeit erfüllt! Und richtete sich seine Kritik nicht zeit 
seines Lebens contro il metodo di coloro che non spiegano nulla , che 
non sanno le ragioni di nulla? 

Vier Semester ist er in Zürich immatrikuliert, ein lebens- 
frohes Mitglied der Studentenverbindung Zofingia. In höchst 
amüsanter Weise hat er in jenem Florentiner Familienblatt die 
Biersitten dieses trinkfesten Völkchens geschildert, unter feier- 
licher Anrufung des Gambrinus, von Füchsen (volpi) und Burschen 
(i garzoni ), von Brandern (bruciati) und alten Häusern (case vecchie), 
von Biertaufen und Salamandern geredet mit der Sachkenntnis 
der eigenen Erfahrung. Er erzählt den erstaunten Florentinern, 
wie der Züricher Student spät aus der Kneipe ans Ufer des Sees 
zieht, dort ein mitternächtiges Bad nimmt und dann zur Höhe 
des Utliberges emporsteigt, um die Sonne aufgehen zu sehen. 
Die 100 Züricher Studenten, meint er, trinken nicht weniger als 
die 800 Tübinger und machen mehr Lärm als die 1600 Berliner. 

Zürich hatte damals noch keine romanistische Professur. Der 
Philosoph Bobrick, von dessen etwas abenteuerlicher Persönlichkeit 
Tobler noch später sprach, kündigte gelegentlich Lektüre neuerer 
spanischer Dichtungen an. Das ist das erste romanistische Kolleg 
und das einzige, das Tobler in der Züricher Studienzeit hörte. 
Sein Studium galt besonders der klassischen und der germanischen 
Philologie. Er hörte bei Köchly, Schweizer-Sidler, F. Th. 
Vis eher u. a. 

Sein fünftes und sechstes Semester verbrachte er in Bonn 
(1856 — 57). Er hörte Gotisch, Dantes Inferno und Calderön bei 
Friedrich Diez, vergleichende Grammatik der romanischen 
Sprachen, Altfranzösisch und Proveuzalisch bei Delius, Neu- 
französisch bei Monnard. Der Vater im Pfarrhause zu Em- 


18 


brach freute sich der Studien seines Sohnes Adolf, nahm sein 
Italienisch wieder auf und erschlofs sich mit den Büchern seines 
Sohnes auch die spanische Literatur. 

In Bonn macht Tobler zwei Bekanntschaften, die in der 
Folge für sein Leben grolse Bedeutung gewannen: er lernte 
Moritz Haupt und Gaston Paris kennen, Moritz Haupt, 
den Berliner Philologen, dem er im Hause Bückings vorgestellt 
wurde und dessen Kollege er einst werden sollte, und den sieb- 
zehnjährigen französischen Studenten Gaston Paris, mit dem der 
Einundzwanzigjährige hier eine Freundschaft fürs Leben schlofs. 
Ein Wintersemester (1856/57) waren die beiden in Bonn zu- 
sammen, Tobler hörte Calderön, Paris Tasso bei Diez, mit dem 
sie beide auch persönlich Verkehr pflegten. Es ist eine merk- 
würdige Fügung, dafs die Lebensfreundschaft der beiden grofsen 
Meister unseres Faches zu Bonn geschlossen wurde, gleichsam 
unter den Auspizien dessen, der unsere Wissenschaft aus der 
Taufe gehoben hat: Friedrich Diez! Hier klingen drei grofse 
Namen zusammen. Und im Verkehr der beiden Studenten hat 
gewils der ältere und in seiner Studienrichtung gefestigte Tobler, 
der schon im sechsten Semester stand und tüchtige Kenntnisse 
besafs, einen bestimmenden Einflufs auf den jüngeren Paris ge- 
übt, der seinen Weg noch suchte. 

Zur Bonner Studienzeit hat Tobler sich einmal im Archiv 
(CXV, 75) kurz geäufsert. Da erzählt er, wie er jede Woche auf 
eine Stunde allein zu Diez in die Wohnung kam und nach eigener 
Wahl dieses oder jenes Stück aus Mahns Werken der Troubadours 
übersetzen durfte. In diesem persönlichen Umgänge empfing er 
von seinem Lehrer den unauslöschlichen Eindruck ‘einer un- 
endlichen Güte, einer vollen Reinheit und höchsten Adels der 
Gesinnung*, und er fügt hinzu: ‘dafs man mich in solchem Zu- 
sammenhang einmal un eleve de Diez nenne, darf ich nicht zu 
hoffen wagen, sonst würde ich es innig wünschen*. 

Im Sommer 1857, also am Schluis seines siebenten Semesters, 
promovierte Tobler in Zürich mit seiner Arbeit über die roma- 
nische Konjugation, welcher ‘Bemerkungen zum provenzalischen 
Alexanderlied* angehängt sind, die schon eine ungewöhnliche Be- 
lesenheit verrieten und ganz in der Art gehalten sind, wie er sie 
später zu einer langen Reihe von Texten liefern sollte. 

Auf die Lehrjahre folgen die Wanderjahre, denn erst vier 
Jahre nach seinem Examen trat er in den Staatsdienst. Diese 
Wanderjahre verbrachte er studierend und unterweisend im In- 
und Auslande, in Italien und Frankreich. Im Spätjahr 1858 
finden wir ihn in Rom; dann nimmt er eine Stelle für Franzö- 
sisch und Italienisch im berühmten Institut Hofwyl bei Bern 
an. Der Direktor sieht ihn nach anderthalb Jahren mit ‘wahrem 
Bedauern* scheiden und nennt ihn den Freund seiner Kollegen 


19 


und Schüler. Adolf Tobler vertauscht Hofwyl mit Florenz. Da 
unterrichtet er während acht Monaten den Sohn des Deputierten 
Cavaliere Bartolommeo Cini, der ihm ebenfalls ein glänzen- 
des Zeugnis mitgibt, denn ‘sarebbe difficile incontrare persona piü 
degna di ogni elogio e di ogni stima\ und in dessen Familie nach 
dem Zeugnis Pio Rajnas noch heute des jungen Schweizer Leh- 
rers Andenken lebendig ist. Ein Florentiner Gymnasialdirektor 
bescheinigt im Frühjahr 1861 dem scheidenden Signor dottore 
Ad. Tobler di Zurigo, dafs er so umfassende und genaue Kennt- 
nisse in italienischer Sprache und Literatur besitze ‘da potere in - 
segnare Vuna e Valtra con perfezione\ Dafs er das Italienische be- 
herrschte, das beweist eben jener Aufsatz ‘Zurigo', der in seiner 
feinen und humorvollen Art schon ganz den Habitus des späteren 
Adolf Tobler zeigt. Das ist der Schalk, den wir kennen, der 
hier die Feder führt, der von akademischer Freiheit, von Fackel- 
zug und Katzenmusik erzählt und über solche Jugendbeichte 
lächelt, um sie von neuem zu beginnen. Mir ist, als fühlte man, 
wie der Schreiber von der Lektüre Manzonis herkommt, dessen 
behagliches Plaudern, dessen lehrhafte Digression und scherz- 
haften Zwischenbemerkungen ihm sympathisch sein mufsten. 

Von Florenz ging's im Mai 1861 zu einem mehrmonatlichen 
Aufenthalt nach Paris. Die Frage nach einer Lebensstellung 
wird dringlicher. Verschiedene Aussichten werden erwogen. Da 
bietet sich im Herbst des Jahres Solothurn mit einer Lehrstelle 
für französische Sprache an seiner Kantonsschule. 

Fünf Jahre hat Tobler diese Stelle innegehabt. Er lehrte 
da, wie ihm zum siebzigsten Geburtstage ein alter Schüler be- 
zeugt, ‘ein solides, wetterfestes Französisch'. Der junge Mann 
mit der hohen Gestalt und dem durchdringenden klaren Blick 
erwarb sich rasch die Zuneigung der Schüler, die Hochachtung 
der meist schon älteren Kollegen und aller gesellschaftlichen 
Kreise. Aus dem angeregten Leben dieser Solothurner Zeit hat 
Lazarus in seinen Lebenserinnerungen geplaudert. Lazarus fuhr 
von Bern herüber zur Solothurner ‘Töpfergesellschaft', und wohl 
erkennt man in seinen Schilderungen den, der den Namen ‘der 
Troubadour' trug und als ‘Sänger, Junggeselle und moderner Phi- 
lologe' bezeichnet wird. Tobler sang, übersetzte und kommen- 
tierte nicht nur fremde Lieder; er dichtete auch selbst. Er liebte 
es, das Erlebte in dichterische Form zu kleiden, den Abschied 
vom Vaterhause oder den politischen Kampf, und das zarte Wort 
wie das herbe und ironische standen ihm zur Verfügung. Hier 
hat Tobler Beziehungen geknüpft, die fürs Leben vorhielten. 
Noch nach Jahrzehnten war den Solothurnern der tüchtige junge 
Magister in Erinnerung, der Direktor ihrer ‘Liedertafel', der 
liebenswürdige und lebensfrohe Gesellschafter, der charaktervolle 
Bürger, der im Verkehr mit den politischen Machthabern, wie 

2 * 


20 


eine Solothurner Zeitung sagte, ‘so etwas wie einen Stecken im 
Röcken hatte’. 

Im Herbst des Jahres 1866 folgte Tobler einem Ruf an 
die Kantonsschule zu Bern als Lehrer des Französischen und 
Italienischen. In Bern traf er seinen älteren Bruder Ludwig 
als Extraordinarius für germanische Philologie an der Uni- 
versität, und ihn selbst mufste die Möglichkeit der Habilitation 
locken. 

Mittlerweile war er in den Kreisen der Fachgenossen durch 
eine Reihe von Arbeiten bekannt geworden, die von ungewöhn- 
lichen Kenntnissen, von Scharfsinn und Gründlichkeit zeugten 
und ihn als Kenner der verschiedensten Gebiete der romanischen 
Linguistik und Literaturgeschichte legitimierten. Provenzalische 
und altfranzösische Texte hatte er seit 1858 in Eberts Jahrbuch , 
in Herrigs Archiv, beim ‘Stuttgarter literarischen Verein 5 , als Bei- 
lage zum Solothurner Schulprogramm herausgegeben. Ein erfolg- 
reiches ‘Italienisches Lesebuch für Gymnasien und Realschulen 5 
(1866, zweite Auflage 1868) liefs den erfahrenen Schulmann er- 
kennen. Geschmackvolle Vorträge und Aufsätze, mit denen er 
sich an ein weiteres Publikum wandte, zeigten die Kunst seiner 
populär - wissenschaftlichen Darstellung. Mit der gleichen Sach- 
kenntnis berichtete er über Ugo Foscolos Aufenthalt in Zürich 
(1862) wie über das volkstümliche Epos der Franzosen (1866). 
Im nämlichen Jahre führt er in der ‘Beilage zur allgemeinen 
Zeitung 5 dem deutschen Publikum Gaston Paris 5 Histoire poetique 
de Charlemagne vor, welches Buch ihm der Freund en souvenir de 
longue amitie gesandt hatte. Und noch 1866 schrieb er über den 
Roman Flamenca einen Artikel in den ‘Grenzboten 5 und veröffent- 
lichte zugleich in den ‘Göttinger gelehrten Anzeigen 5 jene kapitale 
Besprechung der Meyerschen Ausgabe, die den Meister verrät. 
Genug! Ich wüfste nicht, wer damals in deutschen Landen in 
ähnlicher Weise den neuesten Forschungen auf romanistischem 
Gebiete, kritisch und mitarbeitend, folgte, wie der junge Schweizer 
Gy mnasiall ehrer. 

Unter diesen Umständen hiefs die philosophische Fakultät 
der Universität Bern zu Anfang 1867 sein Habilitationsgesuch 
für romanische Sprachen und Literaturen willkommen, und er 
kündigte für das Sommersemester ein einstündiges Kolleg ‘Ein- 
leitung in das Studium der provenzalischen Sprache und Lite- 
ratur 5 an. Doch fand sich kein Zuhörer, wie er mir später ein- 
mal schrieb. 

Ein seltsames Zusammentreffen! In den nämlichen Tagen, 
da die Berner Fakultät seine Habilitation genehmigte, entschied 
sich auch in Berlin sein Schiksal. Der damalige Dekan der Ber- 
liner Fakultät, Moritz Haupt, wendet sich im Januar 1867 an 
den alten Diez nach Bonn mit der Nachricht, dafs Berlin für 


21 


seinen neubegründeten romanistischen Lehrstuhl einen tüchtigen 
Philologen suche. Wie Haupts und Diez' Vorschläge sich in der 
Person des jungen Tobler begegneten, haben Sie eben gehört. 

Vier Monate darauf, am 23. Mai, seinem zweiunddreifsigsten 
Geburtstage, erging an Adolf Tobler der Berliner Ruf für ein 
Extraordinariat mit 1000 Talern Gehalt, und am 27. Mai kommt 
er bei den Berner Unterrichtsbehörden um seine Entlassung ein. 
In dem Entlassungsgesuch bezeichnet er die akademische Wirk- 
samkeit als etwas, das seit langer Zeit Gegenstand seines sehn- 
lichen Wunsches gewesen sei. Bern, das ihn nur so kurze Zeit 
besessen, liefs ihn mit herzlichen Wünschen und mit dem Aus- 
druck des tiefsten Bedauerns scheiden. Das Schreiben der Schul- 
kommission leiht der Überzeugung Worte, dafs Tobler ‘ mit der 
ihm eigentümlichen Auffassung und Lösung' des gymnasialen 
Pensums ‘die gediegensten Ergebnisse' erwarten liefs. 

So verlor Bern seinen ersten Romanisten — und zugleich 
seinen Musikreferenten. Adolf Tobler lieferte dem Berner ‘In- 
telligenzblatt' pseudonyme Konzertberichte, deren Geheimnis die 
Redaktion versprochenermafsen treulich wahrte. Dafs der unbe- 
kannte Referent auch im Lehrerzimmer nicht immer Zustimmung 
fand, ist natürlich. Hier seinen ahnungslosen Kritikern gegen- 
überzustehen, bereitete ihm Spafs. 

Mit dem Wintersemester 1867 trat er in die hiesige Univer- 
sität ein, als Kollege von Mommsen und Ranke, Müllenhoff und 
Steinthal, Boeckh und Haupt, Bopp und Droysen. 

Er begann mit dem Chevalier au lyon, der ihn durch die 
vierzig Jahre seiner hiesigen Tätigkeit begleitet hat, und mit 
Provenzalisch. Hinter dem Altfranzösischen und Provenzalischen 
trat das Italienische, das ihn bisher vorzugsweise beschäftigt hatte, 
in Berlin zurück; doch hielt er regelmäfsig über Dante — wie 
auch über Cervantes — Kolleg. Schon damals las er in der 
Frühe des Tages. Bereits im Sommer 1868 kündigte er jene 
Übungen der ‘romanischen Gesellschaft' an, aus welchen sein 
Seminar hervorgegangen ist. 

1868 begründete er seinen Hausstand. Sie sind Zeugen des 
Glücks gewesen, das ihm da erblüht ist. Im Sommer 1869 lehnt 
er einen Ruf nach Marburg ab, und im Januar 1870 wurde er 
ordentlicher Professor. Von diesem Ordinariat nahm er gleich- 
sam Besitz mit jener meisterlichen Ausgabe des Dit du vrai aniel 
(1871), in welcher er zuerst an einem altfranzösischen Gedicht 
es unternommen, die ursprüngliche mundartliche Gestalt wieder- 
herzustellen. 

Nun gehörte er Berlin, ohne dafs er aufgehört hätte, Schwei- 
zer zu sein und das Gedankenerbe und die Sprache seiner Hei- 
mat treu zu bewahren. Er durchlief die Ehrenämter seiner Uni- 
versität, war Dekan 1876 und Rektor 1890. 


22 


Mit Wattenbach und Diels zusammen wurde er am Leibniztage 
des Jahres 1882 in die Akademie aufgenommen und vom Sekretär 
Mommsen bewillkommt. Tobler spricht in seiner Rede von 
seinen bisherigen Arbeiten und von seinen Plänen. Wenn je eine 
Sammlung seiner kleineren Schriften veranstaltet wird, so wird 
diese kurze Rede dazu gehören. Er bestimmt hier selbst seine 
Stellung in der damaligen Forschung, spricht von seinen kritischen 
Ausgaben, seinen Arbeiten zur historischen Syntax und zur histo- 
rischen Lehre vom Versbau, besonders aber von jener Sammlung 
gelegentlicher Notizen von lexikalischen Merkwürdigkeiten, die er 
zu einem Wörterbuch des Altfranzösischen auszuarbeiten sich ent- 
schlossen habe, und umschreibt die Aufgabe, die ein solches 
Wörterbuch zu erfüllen hat. 

Und Mommsen antwortet: ‘In Dir, mein teurer Freund Tob- 
ler, begrüfsen wir den ersten selbständigen Vertreter dieser jetzt 
mündig gewordenen Wissenschaft, in Dir nicht blofs einen ihrer 
Meister, sondern zugleich den entsagenden und mutigen Unter- 
nehmer eines jener fundamentalen Werke, die geschaffen zu haben 
dem Gelehrten das reine Gefühl nützlichen Strebens gewährt, an 
denen helfend und fördernd mitgewirkt zu haben der Ruhm der 
Akademien wie der Regierungen bleibt/ 

Auch Mommsen spricht hier von Toblers Wörterbuch, dessen 
Drucklegung Tobler eben damals, nachdem er schon Druckproben 
hatte herstellen lassen, entsagt hatte. Denn Godefroys Diction- 
naire de Vancienne langue frangaise hatte 1880 zu erscheinen be- 
gonnen. Das Urteil über dieses fleifsige aber diffuse und un- 
zuverlässige Werk steht längst fest: ihm gehen in Anlage und 
Ausführung gerade die philologischen Qualitäten ab, die das 
Wörterbuch Toblers ausgezeichnet haben würden,' und wenn 
Godefroys Didionnaire uns allen genützt hat, so hat es ander- 
seits der ganzen Forschungsarbeit der letzten dreifsig Jahre den 
Schaden zugefügt, dafs sie seinetwegen Toblers Wörterbuch ent- 
behren mufste. Was uns dieses gebracht hätte, das lassen all 
die Beiträge erkennen, die Tobler zur Wortforschung in etymo- 
logischen und syntaktischen Arbeiten, in Rezensionen und An- 
merkungen zerstreut hat: blühende Zweige, die von einem Baume 
gebrochen sind, dessen ganze Krone, dessen Stamm dem Auge 
sich entzogen. Welch fruchtbeschwerte Aste dieser Baum tragen 
mag, erkennen wir auch daraus, dafs nach Toblers Überzeugung, 
‘der gröfste Teil dessen, was gemeiniglich der Syntax zugewiesen 
wird, fürs Französische durchaus dem Wörterbuche und nur ihm 
anheimfällP. 

In dem Augenblicke, da wir den plötzlichen Verlust des 
unermüdlichen Forschers beklagen, stimmt es doppelt wehmütig, 
zu sehen, wie es ihm versagt geblieben ist, sein Hauptwerk in 
den Dienst aller Forschenden und Lernenden zu stellen. Zur 


23 


Seite seines verwaisten Schreibtisches ruhen heute noch unge- 
druckt die Tausende von Zetteln, die seine schöne klare Schrift 
bedeckt, und mahnen die Lebenden an ein nobile officium. 

Seit 1875 haben sich die auswärtigen gelehrten Körper- 
schaften mit Huldigungen bei Adolf Tobler eingestellt: zuerst die 
rumänische Akademie zu Bukarest, die ihm die Ehrenmitglied- 
schaft schenkte; dann das Institut de France, das ihn zum Kor- 
respondenten ernannte und ihm im vorigen Jahre die Mitglied- 
schaft verlieh; die Gothenburger, Wiener, Münchener Akademie, 
die Accademia de' Lincei, das Istituto Lombardo usw. usw. 

Zu den Gedenktagen seines fortschreitenden Lebens, zu 
seinem Professorenjubiläum (1895), seinem siebzigsten Geburts- 
tage (1905), seinem fünfzigsten Promotionstage (1907) strömten 
aus allen Ländern die Gratulationen und Huldigungen derer zu- 
sammen, die einst zu seinen Füfsen gesessen oder sich an sei- 
nen Werken gebildet haben — es sind ganze Generationen von 
Romanisten. Diese Gedenktage hat unsere Gesellschaft wie Fa- 
milienfeste gefeiert. — 

Man hat wohl gesagt, dafs Adolf Tobler streng und kühl 
gewesen sei. Darüber möchte ich noch ein Wort sagen, der ich 
so viel Liebe von ihm erfahren habe. 

Er war vor allem streng, unerbittlich streng gegen sich 
selbst. Er lebte ganz seiner Pflicht. Es war alles kernig und 
tüchtig an ihm. Er hatte jene Zurückhaltung, jene Herbheit, die 
so oft das Angebinde tiefer Wahrhaftigkeit ist. Und er war wahr- 
haftig: das macht auch den Gelehrten und Forscher in ihm so 
grofs. Auch ich habe wohl, wie jeder, seine Herbheit erfahren. 
Sie war die Schwester seiner Liebe und Freundschaft. 

Wer seine zurückhaltende Art aus der Ferne sah, den 
täuschte der Eindruck. Enthaltung von Worten, schrieb einst 
sein Bruder Ludwig vom Vater Salomon, beweist nicht ohne 
weiteres Mangel an Gefühl. Sie kann auf Scheu vor unzarter 
Berührung, auf innerer Keuschheit beruhen. Dafs Adolf Tobler 
tief empfand, dafs er seine Schüler liebhatte und innigen Anteil 
an ihrem Ergehen nahm, dafs zeigen, denke ich, seine Schweizer 
Jahre, und das ist in der Berliner Zeit nicht anders geworden. 
Wer ihm näher kam, wer Briefe von ihm hat, der weifs davon 
zu erzählen. Und viele von Ihnen wissen es. Aus solchen 
Briefen will ich nur eine Stelle zitieren, Worte, mit denen er 
1905 den Dank ablehnte, den ihm ein alter Solothurner Schüler 
durch meine Vermittelung abstatten liefs: ‘Ich glaube nicht, dafs 
er mir für das Französisch, das er bei mir gelernt haben mag, 
zu besonderem Dank verpflichtet ist. Es wird wohl eher der 
Eindruck sein, dafs ich meine Schüler liebgehabt und mich be- 
müht habe, auf ihre werdenden Persönlichkeiten heilsam zu wir- 
ken, der ihm mein Andenken wert macht. Ich weifs aus eigener 


r 



3 0112 053548282 


Erfahrung, dafs das am ehesten haftet. Ich besuche immer noc 
sooft ich nach Zürich komme, meinen alten Sekundarlehrer Hei! 
fser, der in Embrach immer so freundlich gegen mich und d| 
neben so streng gegen sich gewesen ist/ 

Er selbst war, auf der hohen Warte, auf die das Schicks 
ihn gestellt, wie dieser Lehrer Heufser, dem er so anhing. Wer 
er, wie Sie gehört haben, es innig gewünscht hat, gleich Gast 
Paris ein eleve de Diez auch im menschlichen Sinne genannt 
werden, in meiner Güte, seiner Reinheit und dem Adel sei 
Gesinnung, dann freuen wir Nachgeborenen uns innig, ihm dies< 
Wunsch und zugleich eine Pflicht zu erfüllen und die Gütj 
die Reinheit und den Adel der Gesinnung dieses grofsfjj 
Gelehrten und Lehrers zu preisen. jj Morf 


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1