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Full text of "Über das Studium der Individualität"

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THE 
CHARLES MYERS 
LIBRARY 


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Collection 


NATIONAL INSTITUTE 
OF 
INDUSTRIAL 
PSYCHOLOGY 





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Pädagogische Monographien 


herausgegeben von Dr. E. Meumann, 


= o. Professor der Philosophie und Pädagogik am öffent- 
lichen Vorlesungswesen in Hamburg. 


FIEITEIITNTUTHTUEHSEAEHSHEHEAENEN 


XIV. Band. 


Über das Studium der Individualität. 


Von 


Prof. Dr. A. Lasurski. 


Mit Programm der Untersuchung der Persönlichkeit in ihren Beziehungen 
zur Umgebung von S. Franck und A. Lasurski. 


Deutsch von N. Gadd. 


PR: 
[No 


OTTO NEMNICH 
T— VERLA — 


LEIPZIG. 
1912. 





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WELLCOME INSTITUTE 
LIBRARY 


AV 






Coll. 
No. 








Em Andenken des grossen Menschenkenners 
Fedor Michailowitsch Dostojewskij 


widmet sein Werk in ehrfurchtsvoller Dankbarkeit 


der Verfasser. 


Inhaltsverzeichnis. 









une N ee ER en 
Kapitel I. Begriff der Neigung; ihre Entwicklungsstufen oder Potenzen. 
_ Einfache und zusammengesetzte Neigungen. Das anatomisch - phy- 
siologische Korrelat der Neigungen; ihre inneren und äußeren 
Äußerungen. Begriff des Anreizers, Die Gewohnheiten und ihr Ver- 
hältnis zu den Hauptneigungen. Das verschiedene Verhältnis der 
Hauptneigungen untereinander. Definition des Charakters 5 
Kapitel II. Die neuro-psychische Organisation als eine funktionelle Ein- 
= heit; verhältnismäßige Unabhängigkeit der einzelnen Funktionen. Die 
biologische Bedeutung der wichtigsten psychischen Fähigkeiten, resp. 
Hauptneigungen; Wechselverhältnis der wichtigsten Erkenntnis-, Ge- 
= fühls- und Willensfunktionen. Die Prozesse der Assoziation und 
= Apperzeption. Der Unterschied unserer Hypothese von der Ver- 

mögenstheorie . . . 


Kapitel III. Die auf Tatsachen gegründeten und der psychologischen 
= Analyse unterworfenen Charakteristiken als unentbehrliches Material 
der wissenschaftlichen Charakterologie. Bedeutung von ausführlichen 
Programmen der Untersuchung der Persönlichkeit, Endo- und exo- 
psychische Seiten der Persönlichkeit. Programm der Untersuchung 
der subjektiven (endopsychischen) Seite: erster, leitender Teil; zweiter, 
erläuternder Teil en SE ME RER Rt Re > R ER S 
Kapitel IV. Methoden der Zusammenstellung von Charakteristiken. 
Methode der äußeren Beobachtung, die Möglichkeit ihrer Vervoll- 
kommnung. Muster eines Journals, ergänzender Notizen und einer 
fortlaufenden Aufzeichnung. Muster einer. Charakteristik. Das natür- 


liche Experiment als eine weitere Vervollkommnung der äußeren Be- 
obachtung . . . . 


Kapitel V, Begriff der charakterologischen Analyse von psychischen 
Erscheinungen; Beispiele einer solchen. Möglichkeit einer Anwendung 
der experimentellen Methode und der Methode der äußeren Beob- 
achtung, Das statische und das dynamische Verfahren bei charak- 
terologischer Analyse. Die Bedeutung dieser Analyse bei Unter- 
suchung der endo- und exopsychischen Seiten der Persönlichkeit 





Seite 


29 


49 


73 


103 


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Seit" 

Kapitel VI. Die nr Richtung und die Aufgaben der Individual- 
psychologie: sie soll eine Wissenschaft und keine Kunst, eine theo- 
retische und keine angewandte Disziplin sein. Die sich daraus er- 
gebenden Folgen. Verhältnis der individuellen Psychologie zur all- 
gemeinen. Einige Ideen zur künftigen Klassifikation der Persönlich- 
keiten: sie soll vorzüglich auf dem Wege der Induktion ausgearbeitet 
werden; sie soll nicht bloß psychologisch, sondern psycho-sozial sein. 

Die Einteilung der Persönlichkeiten nach ihrem psychischen Niveau 
und psychischen Inhalt . . . a NN ee N 
Anhang. SS. Franck und A. Lasurski. T eean der Fragepunkte zur 
Untersuchung der Persönlichkeit in ihren Beziehungen zur Umgebung 149 








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7 A ` E Br PaRi eo Q 
N DEPANA ee 


Zu m een Fa 





Einleitung. 


Das Vorliegende bildet das Resumé einer Reihe von meinen Ab- 
handlungen, die im Laufe der letzten fünf Jahre in russischer Sprache 


erschienen sind‘), Mancher im Original ausführlich dargestellte und 


entwickelte Gedanke mußte hier notgedrungen stark gekürzt wieder- 
gegeben werden. Dieser Umstand erklärt das Konspektartige der Aus- 
führung, das vielleicht bei der Lektüre der zwei ersten Kapitel am 
meisten in die Augen fällt. Mit Einwilligung des Herrn S. L. Franck 
ist dem Buch das von uns gemeinsam entworfene Programm der Unter- 
suchung der Persönlichkeit in ihren Beziehungen zur Umgebung als 
Anhang beigelegt, da dieses Programm mit dem ganzen Inhalt desselben 
aufs engste zusammenhängt. 

Den Grundgedanken dieser Arbeit bildet die Überzeugung, daß eine 
planmäßige und systematische Untersuchung der menschlichen Persön- 
lichkeit sowohl möglich, als notwendig ist. Ohne zu leugnen, daß der 
dichterischen Intuition, die bereits so vieles zum Verständnis fremden 
Seelenlebens beigetragen hat, eine große Bedeutung zukommt, glauben 
wir nichtsdestoweniger, daß neben derselben die wissenschaftliche Cha- 
rakterologie oder, wie man sie noch sonst nennt, Individualpsychologie, 
ihren Platz behaupten müsse, sie, die den Weg der Beobachtung und 
Analyse, den Weg des Sammelns von Tatsachen und der Konstruktion 
von Hypothesen, mit einem Wort den Weg, auf dem die moderne natur- 
wissenschaftliche Psychologie fortschreitet, einschlägt. Indem sie mit 


1) Die wichtigsten von ihnen sind: „Abriß der Wissenschaft von den Charakteren“, 

2. Aufl. St. Petersb. 1908. „Schülercharakteristiken“, St. Petersb. 1908. „Versuch einer 
Klassifikation der Persönlichkeiten“, Aufsatz im Journal „Wjestnik Psichologii“ 1908; 
eine Reihe von Aufsätzen über die psychischen Fühigkeiten und deren biologische Grund- 
lagen, wie auch über die Bedeutung dieses Begriffs für die moderne wissenschaftliche 
Psychologie in der Zeitschrift „Woprossy filosofii i psichologii“ 1909—10. 

Pädagog. Monographien, herausgegeben von Meumann. Bd. XIV. il 

(Lasurski, Ueber das Studium der Individualität). 


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der allgemeinen Psychologie aufs engste verbunden ist, von ihr ausgeht 
und sich auf sie gründet, muß sie doch mit der Zeit sich zu einer ab- 
gesonderten, selbständigen wissenschaftlichen Disziplin gestalten, die ihr 
eigenes Forschungsgebiet besitzt und ihre eigenen bestimmten rein 
theoretischen (und nicht bloß angewandte) Zwecke verfolgt. Ihre Haupt- 
aufgaben sind: die Untersuchung der elementarsten und zu gleicher Zeit 
der wichtigsten individuellen Differenzen und deren Korrelationen ; die 
Untersuchung der typischsten, charakteristischen Äußerungen dieser ele- 
mentaren Differenzen, endlich die Untersuchung jener vielfach zusammen- 
gesetzten Komplexe (Typen und Charaktere), welche durch die Wechsel- 
wirkung zwischen der psychischen Organisation des Menschen und den 
auf ihn einwirkenden Faktoren seiner Umgebung ins Leben gerufen 
werden. 

Während der letzten Jahrzehnte wurde die Erforschung der 
menschlichen Persönlichkeit hauptsächlich in zwei Richtungen unter- 
nommen; einerseits wurden die individuellen Differenzen und deren 
Korrelationen vorzüglich mittels des Experiments untersucht, anderer- 
seits die wichtigsten Formen der menschlichen Charaktere beschrieben 
und klassifiziert. Es scheint uns, daß die Vereinigung dieser beiden 
Richtungen nicht nur für die Zukunft als wünschenswert erscheint, 
sondern auch in der Gegenwart schon ausführbar sei, und daß ein der- 
artiger Versuch vieles zur Beleuchtung dieses schwierigen und nebel- 
haften Gebiets beitragen würde. 

Eine zweite Eigentümlichkeit dieses Buches ist die Bedeutung, die 
wir dem Begriffe der psychischen Neigung oder Fähigkeit verleihen. 
Es scheint uns vollkommen unmöglich, ohne diesen Begriff eine wissen- 
schaftliche Charakterologie zu konstruieren. Um die einzelnen Indi- 
vidualitäten in einer bewußten und klaren Weise einander gegenüber- 
zustellen, um die Struktur jedes einzelnen Charakters bloßlegen zu 
können, muß man in dem letzteren jene elementaren Hauptneigungen, 
die in ihrer Gesamtheit die psychische Organisation des gegebenen 
Menschen ausmachen, unterscheiden. Den Menschen aus seinen 
Neigungen zu rekonstruieren ist das Ziel, nach welchem wir 
in jedem einzelnen Fall zu streben haben. Dabei hüten wir uns jedoch, 
den empirischen Standpunkt zu verlassen. Der Begriff der ‚Neigung 
oder der Fähigkeit ist, insofern er in der Individualpsychologie unent- 
behrlich ist, eigentlich bloß ein Hinweis auf die Tatsache einer mehr- 
fachen Wiederholung dieser oder jener einfachen oder komplizierten 
Äußerungen bei ein und demselben Subjekt. Der Aee 
gründung, die wir diesem Begriff im 2. Kapitel unseres Buches 5 > 
kann widersprochen oder beigestimmt werden, aber die Bedeutung dieses 


— de 


f Begriffs für das Sammeln, die Systematisierung und Bearbeitung des 


faktischen Materials zu leugnen, scheint uns kaum möglich. 

Die Persönlichkeit des Menschen wird jedoch durch seine psychische 
oder neuro-psychische Organisation bei weitem nicht erschöpft. Keine 
geringere Bedeutung kommt dem Gepräge zu, welches dem Menschen 
von seiner Umgebung im weitesten Sinne des Wortes aufgedrückt wird. 
Eine ausführliche Beschreibung von Äußerungen, die wenig oder garnicht 
von dem Bestand der neuro-psychischen Organisation abhängen und doch 
in charakterologischer Hinsicht von großer Bedeutung sind, wird der 


= Leser im Programm, das den Anhang des vorliegenden Werkes bildet, 


= finden. Diese beiden Seiten der menschlichen Persönlichkeit können 
= einander entweder entsprechen oder nicht, können rein mechanisch an- 


einandergefügt, oder im Gegenteil miteinander organisch verbunden sein; 
das alles besitzt sowohl für die Struktur der einzelnen Persönlichkeiten, 


als für deren Gruppierung eine äußerst wichtige Bedeutung. Im Zu- 





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sammenhang damit steht unsere Ansicht von der Klassifikation der Cha- 


7 raktere; diese soll nicht bloß psychologisch, sondern 
= psycho-sozial sein, indem das Wort „sozial“ im weitesten Sinne 


verstanden werden muß. Die Unzulänglichkeit der modernen Klassi- 
fikationen von Charakteren wird, unserer Meinung nach, nicht durch 


| ihre Unrichtigkeit, sondern vielmehr durch ihre Einseitigkeit bedingt, 

= indem sie ausschließlich von den Eigentümlichkeiten der psycho-physiolo- 

gischen Organisation des Menschen ausgehen, ohne die andere, nicht 
minder wichtige Seite der Persönlichkeit zu berücksichtigen. 


Was endlich die Methoden der Untersuchung anbelangt, so wird 
die systematisch geführte objektive äußere Beobachtung, die gegen- 
wärtig, wenigstens inbezug auf das gegebene Gebiet, so ungerecht ver- 
nachlässigt wird, von uns in den Vorderplan gestellt. Das Studium 
von Biographien und typischen Gestalten der Dichtung kann freilich 
sehr wertvoiles Material liefern, doch werden die ersteren gewöhnlich 
bloß solchen Menschen gewidmet, die in irgend einer Hinsicht über das 
Mittelmäßige hinausragen, die letzteren werden durch das Prisma des 


künstlerischen individuellen Schaffens gebrochen. Die experimentelle 


Methode, die gegenwärtig die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zieht, 
kann und wird auch wahrscheinlich der Individualpsychologie wichtige 
Dienste erweisen, doch scheint es uns, daß ihre Bedeutung für das ge- 
gebene Gebiet gewissermaßen beschränkt ist. Die Rolle des Experi- 
ments besteht vor allem in der detaillierten Untersuchung einzelner 


einfachen psychischen Funktionen (resp. individueller Differenzen, die 


durch das Vorherrschen dieser oder jener Funktion hervorgerufen 
werden), so wie in der Bloßlegung der zwischen diesen Funktionen 
1* 


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stattfindenden gesetzmäßigen Korrelationen. Die Feststellung dieser 
Korrelationen erlaubt uns sodann ein Schema jeder gegebenen Persön- 
lichkeit zu konstruieren, sobald wir erfahren haben, welche individuelle 
Eigentümlichkeiten in ihr vorherrschen. Keine geringere Bedeutung 
kommt dem Experimente auch in den wichtigen und mannigfaltigen 
Untersuchungen zu, die wir mit dem allgemeinen Namen der „charak- 
terologischen Analyse der Äußerungen“ bezeichnen, und deren Aufgabe 
darin besteht, zu bestimmen, welche elementare Neigungen die unent- 
behrliche Grundlage für die Entstehung dieser oder jener komplizierten 
Äußerung bilden. Inbezug auf die Lösung aller derartigen Fragen er- 
scheinen die in Laboratorien vorgenommenen experimentellen Unter- 
suchungen, mit ihrer Genauigkeit und Gründlichkeit der Analyse, mit 
der Möglichkeit der Wahl und Konzentrierung auf ein verhältnismäßig 
beschränktes Problem als sehr zweckmäßig. 

Dasselbe kann aber nicht auch von dem anderen, vielleicht noch 
wichtigeren Teil der Wissenschaft von den Charakteren behauptet 
werden — wir sprechen von der Diagnose der Persönlichkeiten oder 
der sogenannten Psychognosis. Hier hat sich die experimentelle Me- 
thode in der Gestalt der zuerst so vielversprechenden mental tests, 
unserer Ansicht nach, als unzulänglich erwiesen. Die experimentellen 
Intelligenzprüfungen können, wie es scheint, nur da einigermaßen nützlich 
sein, wo scharf ausgeprägte Defekte des psychischen Lebens vorhanden 
sind, nämlich bei Untersuchung von Geisteskranken und von Kindern, 
die in ihrer Entwicklung zurückgeblieben sind. Bei normal entwickelten 
Individuen ist ihr Ertrag ein geringer: im besten Fall gewinnt man 
einzelne, mehr oder weniger scharfe, die allgemeine Charakteristik er- 
gänzende Züge; die Charakteristik selbst wird jedoch auf Grund der 
auf dem Wege der Beobachtung festgestellten Fakta konstruiert. Fürs 
erste bildet das Sammeln dieser auf Tatsachen gegründeten Charak- 
teristiken, unserer Meinung nach, die nächste und zwar eine sehr wichtige 
Aufgabe der wissenschaftlichen Charakterologie. Es muß daher zu einer 
Ausarbeitung und-Vervollkommnung der Methode, welche hier auch 
gegenwärtig noch als die grundlegende erscheint, nämlich der Methode 
der äußeren objektiven Beobachtung, geschritten werden. ‚Die Resultate 
einiger Versuche, die von mir und meinen Mitarbeitern in dieser Richtung 
unternommen worden sind, findet man Kapitel III und IV. 

Ein weiterer Schritt in dieser Richtung muß, wie es: scheint, der 
sein, daß spezielle neue Methoden der Untersuchung ausgearbeitet 
werden müßten, welche einerseits dem Beobachter das Heraustreten aus 
dem passiven Zustand, in dem er sich bei der einfachen Do 
befindet, gestatten würden, und andererseits sich dem Leben nähern, 


Sn 


eine größere. Natürlichkeit im Vergleich zu den in den Laboratorien 
gewöhnlich angewandten psychologischen Experimenten besitzen würden. 
Eine ausführlichere Charakteristik dieser „natürlichen Experimente“ findet 
der Leser weiter unten (Kap. IV); an dieser Stelle beschränken wir uns 
bloß auf den Hinweis, daß ein derartiges Vorgehen der in der Medizin 
gewöhnlich angewandten Methode der klinischen Untersuchung sehr 
ähnlich sein müsse. Bei dieser letzten beschränkt sich der Arzt auf 
eine einfache Beobachtung nicht, sondern läßt den Kranken eine Reihe 
von bestimmten im voraus gewählten Bewegungen und Handlungen voll- 
ziehen; diese stellen. aber in weitaus den meisten Fällen nichts Außer- 
gewöhnliches, Erkünsteltes, absichtlich Erfundenes dar, sondern wieder- 
holen bloß Äußerungen und Tätigkeiten, die dem Kranken in seinem 
gewöhnlichen, alltäglichen Leben ganz geläufig sind. Die detaillierte 
Ausarbeitung einer analogen Methode für das Gebiet der Individual- 
psychologie könnte von großer Bedeutung sein, besonders für Pädagogen, 
da diese Methode die psychologische Untersuchung der Persönlichkeit 
den rein pädagogischen Beobachtungen und Experimenten, von denen 
sie in ihrer gewöhnlichen, alltäglichen Praxis beständig Gebrauch 
machen, annähern würde. 

Das ist das Wesentliche, was wir in diesem Buche darzulegen be- 
absichtigt haben. Inwiefern unsere Ansichten sich als richtig und 
fruchtbar erweisen werden — entscheidet die Zeit. 


A. Lasurski. 


Kapitel I. 


Es ist uns allen wohlbekannt, daß jeder Mensch sich von seinen 
Mitmenschen durch irgend etwas unterscheidet, jeder seine „individuelle 
Physiognomie“ besitzt. Neben einer ganzen Reihe von Eigenschaften, 
die in einem größeren oder geringeren Grade allen Menschen gemein 
sind, gibt es eine noch größere Zahl von Eigenschaften, die sowohl in- 
bezug auf ihre Qualität als auch inbezug auf ihre Intensität bei ver- 
schiedenen Menschen scharf variieren. Freilich wird der Begriff der In- 
dividualität wie wir weiter unten sehen werden, durch diese „indi- 
viduellen Differenzen“ noch nicht erschöpft, indem er noch andere, nicht 
minder wesentliche Seiten enthält; nichtsdestoweniger erscheinen das. 
Studium und die Gruppierung dieser Differenzen, sowie der ihnen zu 
Grunde liegenden psychischen Fähigkeiten (oder Hauptneigungen, wie 
wir sie im Folgenden nennen werden) als eine der wichtigsten Fragen 
der individuellen Psychologie, weshalb wir uns ihnen auch in erster 
Linie zuwenden 1). 

Nach einer längeren und systematischen Beobachtung eines be- 
liebigen Menschen, während der die charakteristischen Außerungen, 
nach denen wir die innere Welt der Menschen zu beurteilen pflegen, 
sorgfältig notiert werden, gelangt man leicht zur Überzeugung, daß 
diese Äußerungen bei jedem gegebenen Individuum bei weitem nicht so 
mannigfaltig und unbeständig sind, wie es auf den ersten Blick hätte 
erscheinen können. Das zwei oder drei Wochen geführte Journal er- 
bringt bereits Notizen, welche sich beinah in derselben Form wieder- 
holen. Neben zufälligen Erscheinungen, die für das gegebene Subjekt 
nicht typisch sind und bloß infolge eines ungewöhnlichen Zusammen- 
treffens von Umständen entstehen, treten nach und nach die beständigen 

1) Ausführlicher über „individuelle Differenzen“ und „psychische Fähigkeiten“ bei 
W. Stern: „Differentielle Psychologie“ u. E. Meumann: „Intelligenz und Wille“, und 
„Vorlesungen zur Einführung in die experimentelle Pädagogik“. 





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Züge der gegebenen Persönlichkeit hervor, die sich unabänderlich äußern, 
sobald die Umstände den geringsten Anlaß dazu bieten. Nach Ablauf 
einer bestimmten Untersuchungsperiode sind wir allezeit imstande zu 
behaupten, daß wenn auch im gegebenen Moment gewisse Außerungen 
am betreffenden Menschen nicht wahrgenommen werden, die Möglichkeit 
ihrer Entstehung dennoch sehr groß ist, und daß sie früher oder später 
ans Licht treten werden. So gelangen wir zum Begriff der psy- 
ehischen Neigung, die vorläufig als die Möglichkeit einer mehr- 
maligen Wiederholung irgend eines psychischen Prozesses bei einem und 
demselben Subjekt definiert werden kann. 

Der Intensitätsgrad, den diese oder jene Neigung erreicht, oder ihre 
Potenz (resp. die größere oder geringere Wahrscheinlichkeit der 
Wiederholung eines bestimmten Prozesses) ist bei verschiedenen Menschen 
ein verschiedener, und eben dieser quantitative Unterschied bedingt in 
beträchtlichem Maße die Mannigfaltigkeit der menschlichen Charaktere, 
denn, je nachdem diese oder jene Hauptneigung bei dem gegebenen 
Menschen dominiert, gestaltet sich auch seine Persönlichkeit anders. 
Wir besitzen mehrere Methoden, die uns erlauben die Potenz einer und 
derselben Neigung bei verschiedenen Menschen annähernd festzustellen, 
wie auch zu ermitteln, welche Neigungen bei einem und demselben In- 
dividuum die herrschenden sind, d.h. an Intensität alle übrigen über- 
treffen. 

Um den ersten Zweck zu erreichen, versucht man das Minimum des 
Anreizers zu ermitteln, das im Stande ist eine entsprechende Erscheinung, 
z. B. die Entstehung irgend welcher Empfindung oder eines Gefühls, 
hervorzurufen; die Größe dieses minimalen Anreizers erweist sich bei 
verschiedenen Personen als verschieden, was uns erlaubt die verhältnis- 
mäßige Entwicklung der entsprechenden Neigung bei ihnen zu beurteilen. 
Oder man vergleicht die Intensität, mit der sich eine und dieselbe Nei- 


gung (z. B. Neigung zur Angst, zum Zorn, aktive Aufmerksamkeit u. s. w.) | 


bei verschiedenen Menschen, bei gleich großem Anreizer und bei möglichst 
gleichen äußeren und inneren Umständen äußert; die größere oder ge- 
ringere Intensität der Äußerungen bildet in diesem Fall, bei Beurteilung 
der Potenz der entsprechenden Neigung, das Kriterium. So z. B., wenn 
wir das Leben zweier Menschen von derselben Gefahr bedroht sehen, 
halten wir (falls Nebenumstände, welche die Sache verwickeln, fehlen), 
denjenigen von ihnen für den größeren Feigling, bei dem die Zeichen 
der Angst am deutlichsten zu Tage treten !). 

1) Diese Methoden entsprechen im ganzen demjenigen Verfahren, welches in der 


Experimentalpsychologie gewöhnlich den Namen der Eindrucks- und Ausdrucksme- 
thode trägt, 


e 


Um die dominierenden Neigungen des gegebenen Subjekts zu er- 
mitteln, beobachtet man die Fälle, wo unter der Einwirkung eines kom- 
plizierten Anreizers gleichzeitig mehrere einander widersprechende und 
einander hemmende Neigungen tätig sind. Diejenigen, die in diesem 
Wechselstreit stets die Oberhand behalten, zeichnen sich offenbar durch 
eine intensivere Entwicklung aus als die ihnen entgegengesetzten. 
Eine schüchterne und furchtsame Frau zeigt bei der Rettung ihres 
Kindes einen wunderbaren Mut; wir urteilen: ihre Liebe zum Kinde ist 
stärker, als das Gefühl der Furcht. 

Hier kann uns eine wesentliche Einwendung gemacht werden. Die 
Möglichkeit einer genauen Messung irgend welcher psychischen Vor- 
gänge ist, wie bekannt, eine vielfach bestrittene Frage. Nach einer 
sehr verbreiteten und genügend motivierten Meinung, haben wir gar 
kein Recht, von einer verschiedenen Intensität der Empfindungen zu 
reden, da es unmöglich ist, die stärkeren Empfindungen mit den 
schwächeren auf die Weise zu messen, wie die Länge des Gegenstandes 
mit Arschinen und ihr Gewicht mit Pfunden gemessen wird: die starke, 
intensive Empfindung ist etwas, was sich qualitativ von der schwachen 
Empfindung unterscheidet, und der Unterschied zwischen ihnen kann 
ebensowenig gemessen werden, wie derjenige zwischen zwei verschieden- 
artigen Empfindungen, z. B. der roten und der grünen Farbe. Wird 
die Möglichkeit einer Messung sogar in Bezug der einfachsten Em- 
pfindungen bestritten, um wie viel mehr müssen wir das auf das Gebiet 
der komplizierten Vorgänge, mit denen es die Individualpsychologie zu 
tun hat, beziehen. 

Auf diese Einwendung darf erwidert werden, daß eine derartige 
Messung für die Individualpsychologie nicht unentbehrlich ist. Um die 
Neigungen und deren Verhältnis zu einander zu untersuchen, ist es 
nicht unbedingt erforderlich, zu wissen um „wieviel“ oder „wieviel mal“ 
eine psychische Erscheinung intensiver als eine andere ist. Es genügt 
schon, darauf hinzuweisen, daß zwischen ihnen ein Unterschied besteht 
und die eine von ihnen intensiver ist, als die andere. Die Existenz 
dieses Unterschieds aber ist eine unanfechtbare Tatsache, welche uns 
mittelbar und unmittelbar, auf dem Wege der inneren Erfahrung ge- 
geben wird. Jede Empfindung, resp. jedes Gefühl, welches im Menschen 
entsteht, und sich auf irgend eine Art dokumentiert, kann einmal 
schwach sein, ein anderes Mal etwas stärker, dann noch stärker u. s. w. 
Und wenn von der Notwendigkeit gesprochen wird, die Potenz einer 
beliebigen Neigung zu definieren, so bedeutet es bloß, daß mittels Beob- 
achtung von verschiedenen Erscheinungen bestimmt werden soll, welche 


ag 


von den im voraus festgestellten Stufen der Skala den Außerungen 
dieser Neigung bei dem beobachteten Subjekt entspricht. 

Im allgemeinen zeichnet sich jede Potenz einer beliebigen Neigung 
durch eine bedeutende Beständigkeit und Stabilität aus, besonders gilt 
das für das reifere Alter, wo der Charakter des Menschen sich bereits 
herausgebildet hat, und wo die wichtigsten individuellen Züge mehr 
oder weniger scharf hervortreten. Allerdings sind Veränderungen des 
Charakters auch bei Erwachsenen möglich, aber diese Veränderungen 
gehen dann meistens äußerst langsam und allmählich, unter dem Einfluß 
der in bestimmter Richtung beständig wirkenden äußeren Umstände, 
vor sich. Fälle des sogenannten plötzlichen Umschwungs im Charakter 
werden am erwachsenen Menschen höchst selten beobachtet; gewöhnlich 
beschränkt sich die Wandlung auf eine Veränderung in der Art der 
Äußerungen und ihrer Konfigurationen, aber die Neigungen selbst, die 
diesen zugrunde liegen, bleiben unverändert. 

Die verbreitete Meinung, daß der Charakter des Menschen etwas 
sehr Veränderliches und Unbeständiges sei, hängt ausschließlich damit 
zusammen, daß man die oben beschriebenen wirklichen Ver- 
änderungen mit den scheinbaren verwechselt, die schließlich auf 
die zu- oder abnehmende Anspannung der einzelnen Neigungen, 
zurückgeführt werden können. Bei einer und derselben Potenz kann 
die Neigung in verschiedenen Momenten einen verschiedenen Grad der 
Anspannung besitzen, was auch eine größere oder geringere Schärfe der 
entsprechenden Außerungen zufolge hat. Der Grad der Anspannung 
wird durch verschiedene Faktoren bedingt: durch die größere oder ge- 
ringere Kraft des im gegebenen Moment wirkenden Anreizes, durch die 
vorangegangene Tätigkeit der betreffenden Neigung (Ermüdung), durch 
die Einwirkung anderer, auf irgend eine Weise mit ihr verbundenen 
Neigungen u. s. w. Im Zusammenhang mit der wechselnden An- 
spannung der Neiguug werden auch die Äußerungen der Persönlichkeit 
modifiziert, wobei diese „scheinbaren“ Veränderungen wiederholt auf- 
treten und sehr mannigfaltig sein können, im Gegensatz zu den „wirk- 
lichen“ Veränderungen des Charakters, von denen oben die Rede ge- 
wesen ist. 

Nimmt man die vorstehende vorläufige Begriffsbestimmung der 
Neigung oder der seelischen Eigenschaft an, so wird man eigentlich 
gezwungen anzuerkennen, daß beinah jedem seelischen Erlebnisse eine 
Neigung entspricht, denn nur die seltensten psychischen Prozesse 
zeichnen sich durch eine derartige Eigenartigkeit aus, daß ihre Wieder- 
holung bei dem gegebenen Individuum als ausgeschlossen erscheint. 
Doch sind lange nicht alle Neigungen dem Psychologen und Charak- 


Eee 


terologen gleich wichtig; wir besitzen gewisse Kriterien, die uns er- 
lauben, aus der unendlichen Mannigfaltigkeit der psychischen Neigungen 
oder Dispositionen die verhältnismäßig geringe Zahl der Haupt- 
neigungen auszuscheiden, deren Gesamtheit das Tiefste und Wichtigste 
in der subjektiven Organisation des Menschen umfaßt. Von einer de- 
taillierten Mitteilung über diese Kriterien abstehend, heben wir an dieser 
Stelle nur zwei derselben hervor, die als die wesentlichsten erscheinen 
und für die allgemeine Psychologie wie auch für die Individualpsycho- 
logie eine gleiche Bedeutung haben, nämlich — die Einfachheit und 
Stabilität der einzelnen Neigungen. 

Es gibt einfache (elementare) und zusammengesetzte 
(komplizierte) seelische Eigenschaften. Zu den ersten gehören z. B. die 
Neigung zur größeren oder geringeren Geschwindigkeit irgend eines 
intellektuellen Prozesses, die größere oder geringere Erregbarkeit der 
Gefühle, die Fähigkeit, etwas im Gedächtnisse zu bewahren, die Fähig- 
keit zu einer größeren oder geringeren Anspannung des Willens, zu den 
zweiten z. B. Heuchelei, Interesse für das Theater, rednerische Be- 
gabung, ethische Anschauungen, soziale Gewohnheiten. Eine scharfe 
Grenze kann allerdings zwischen den einfachen und zusammengesetzten 
Fähigkeiten nicht gezogen werden, da eine ganze Reihe von Übergangs- 
stufen möglich ist; doch bleibt der Unterschied zwischen den extremen 
Repräsentanten jeder von diesen Gruppen sehr bedeutend. 

Für die wissenschaftliche Psychologie haben die einfachsten Nei- 
gungen, die wenigstens gegenwärtig keiner weiteren subjektiven Analyse 
zugänglich sind, eine besondere Bedeutung. Sie sind es ja, die schließlich 
jene „charakterologischen Elemente“ bilden, aus welchen wir bei ge- 
nügend reichem Material jede einzelne Persönlichkeit wenigstens in 
ihren Hauptzügen „rekonstruieren“ können. 

Was die zusammengesetzten seelischen Fähigkeiten anbelangt, so 
bietet ihre Untersuchung, die praktisch sehr wichtig ist, vom Stand- 
punkte der theoretischen Psychologie, bei weitem nicht dasselbe In- 
teresse. Indem wir zur Untersuchung einer beliebigen zusammen- 
gesetzten Neigung schreiten, werden wir unvermeidlich genötigt, dieselbe 
in ihre Bestandteile zu zerlegen, wobei wir diese Zergliederung so lange 
werden fortsetzen müssen, bis wir zu Elementen gelangen, die nicht 
weiter analysiert werden können, d.h. zu eben denselben einfachen 
Neigungen. Va 

Andererseits erweisen sich die zusammengesetzten Dispositionen, 
welcher Art sie auch seien, als lange nicht so stabil, dauerhaft unver- 
änderlich in ihren Bestandteilen, wie die einfacheren seelischen Eigen- 
schaften. Solche Neigungen, wie Heuchelei, Interesse für das Theater, 


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gewisse soziale Anschauungen und Sympathien kommen bekanntlich in 
= den allerverschiedensten Formen vor, werden außerdem in beträcht- 
_ lichem Maße unter dem Einfluß der äußeren Umstände gebildet und 
können bei einer Veränderung in den letzteren wesentlich modifiziert 
werden, obgleich die subjektiven Grundzüge der Persönlichkeit durchaus 
dieselben bleiben. Solche rein äußerliche Veränderungen und Modifi- 
zierungen des Charakters können, wie wir es weiter unten sehen werden, 
dem Charakterologen ein bedeutendes Interesse darbieten; jedoch wird 
er stets sein Hauptaugenmerk auf diejenigen elementaren, stabilen und 
stets qualitativ gleichartigen Seiten der psychischen Organisation zu 
richten haben, welche, indem sie einen mehr oder weniger hohen Inten- 
sitätsgrad erreichen, die Grundlage des psychischen Lebens und der Tätig- 
keit eines jeden Menschen bilden. 

| Schon die oben angeführten Beispiele der einfachen Hauptneigungen 


(Neigung zur Geschwindigkeit der intellektuellen Prozesse, die Erreg- | 


barkeit der Gefühle, die Fähigkeit, etwas im Gedächtnis zu bewahren, 


die Fähigkeit zur Anspannung des Willens) zeigen, daß dieser Begriff ı 
auf keinen Fall mit der sogenannten „psychischen Atomen“ identifiziert 


werden darf. Bekanntlich verstehen unter diesen psychischen Atomen 
einige Psychologen die Empfindungen, indem sie sich bemühen, jedes 
psychische Erlebnis in uns ohne Rest in verschiedenartige Empfindungen 
zu zerlegen, um es nachher mittels dieser letzten zu rekonstruieren, wie 


der Chemiker zusammengesetzte Körper aus Atomen konstruiert. : 


Andere Psychologen unterscheiden zwei Arten von Elementen: die Em- 
pfindungen und die einfachen Gefühle. Unter den Hauptneigungen wird 
jedoch, wie wir es gleich sehen werden, etwas ganz anderes verstanden. 


Eine gewisse Ähnlichkeit zwischen unseren Hauptneigungen und | 


den psychischen Atomen ist allerdings nicht zu leugnen; sie besteht 
darin, daß sowohl diese, als auch jene die einfachsten psychologischen 
Elemente darstellen, die, wenigstens bei den gegenwärtigen Unter- 
suchungsmethoden, keiner weiteren Analyse zugänglich sind; außerdem 
haben wir es in beiden Fällen nicht mit einem psychischen Prozeß, als 
mit einem Ganzen zu tun, sondern bloß mit irgend einer Seite dieses 
Prozesses, welche sich beinah in derselben Form wiederholt. Infolge- 
dessen muß unsere vorläufige Begriffsbestimmung der psychischen Nei- 
gung verengert werden: unter der Neigung verstehen wir die Mög- 
lichkeit einer mehrmaligen Wiederholung einer ele- 
mentaren Seite dieses oder jenes psychischen Prozesses 
bei dem Objekt der Beobachtung. 

Auf das eben Angeführte beschränkt sich aber auch die Ähnlichkeit 
zwischen unseren Hauptneigungen und den psychischen Atomen, nun 


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folgt der Unterschied und zwar ein sehr wesentlicher. Vor allem sieht 
der Anhänger der Atom -Theorie in den Empfindungen und einfachen 
Gefühlen ausschließlich bewußte Erlebnisse und nichts weiter. Indem 
er einen komplizierten Prozeß in seine Bestandteile zu zerlegen bestrebt 
ist, bezweckt er allezeit bloß eine ausführliche Analyse dessen, was 
das Subjekt im gegebenen Moment erlebt, nicht die Ursachen, warum 
er es erlebt. Wenn wir dagegen von den psychischen Neigungen reden, 
so meinen wir vor allen Dingen die Möglichkeit der Entstehung 
irgend einer bestimmten Seite eines psychischen Prozesses, d. h. jene 
von uns noch ungenügend erforschte innere und äußere Bedingungen, 
jene Wechselwirkung zwischen konstanten Anlagen oder Dispositionen 
des betreffenden Menschen und den äußeren Umständen oder Anreizern, 
infolge deren im gegebenen Moment bestimmte Empfindungen, Gefühle 
und deren Kombinationen bei dem gegebenen Menschen entstehen. Die 
einzelnen Seiten der psychischen Prozesse, die von unserem Bewußtsein 
unmittelbar wahrgenommen werden, interessieren uns nicht an und für 
sich, sondern bloß soweit sie uns erlauben, die Natur der Haupt- 
neigungen, deren Außerungen sie sind, wie auch die Wechselwirkung 
zwischen denselben zu beurteilen. 

Der zweite Unterschied besteht darin, daß der Begriff der Neigung 
nicht nur auf den Inhalt des Bewußtseins im engern Sinn bezogen 
werden soll, sondern auch auf die sogenannten formalen Seiten unseres 
Seelenlebens, wie die Geschwindigkeit einzelner psychischer Prozesse 
und ihre Wechselwirkung, die Eigentümlichkeiten ihres Verlaufs u. s. w. 
Damit wollen wir durchaus nicht sagen, daß alle Abarten der Haupt- 
neigungen für unser seelisches Leben durchaus die gleiche Bedeutung 
haben oder sich zu einander auf gleiche Art verhalten. Im Gegenteil 
ist der Unterschied, der unter den einzelnen Hauptneigungen und ihren 
Wechselbeziehungen besteht, sehr groß, die Aufgabe der Psychologie 
besteht eben darin, diesen Unterschied zu untersuchen und die Stelle, 
die jede Hauptneigung in der allgemeinen psychischen Organisation ein- 
nimmt, zu definieren. Aber eine derartige Synthese der einzelnen Nei- 
gungen kann nur das Resultat einer ausführlichen Untersuchung und 
Analyse derselben sein; indem wir zu dieser Untersuchung schreiten, 
müssen wir bei jeder psychischen Erscheinung ohne Ausnahme dieselben 
Methoden und Kriterien anwenden, und nicht infolge irgend einer vor- 
gefaßten Meinung irgend eine Gruppe von seelischen Eigenschaften 


(z. B. die Neigungen, die sich auf die formale Seite der psychischen 


Prozesse beziehen), im voraus herausheben und den übrigen entgegen- 


stellen. 
Da der so erweiterte Begriff der Neigung sehr mannigfaltige 


un nt nn hen. ae win irn 





Bla e 


Elemente umfaßt, werden wir genötigt auch den Begriff des ana- 
- tomisch -physiologischen Korrelats dieser Neigung zu erweitern. Die 
Anhänger des psychischen Atomismus, welche bestrebt sind, jeden 
seelischen Vorgang in ganz homogene Atome, Vorstellungen oder Em- 
pfindungen, zu zerlegen, neigen gewöhnlich zur Annahme einer strengen 
Lokalisation dieser Empfindungen in gewissen Rindengebieten. Noch 
mehr — sie versuchen sogar innerhalb eines jeden einzelnen Rinden- 
gebietes (z. B. des Seh- oder Hörgebietes) Teile abzusondern, welche 
irgend einem Teil der Retina oder der verschiedenen Höhe der Töne 
u. s. w. entsprechen sollen. Um das Vorhandensein von Assoziationen 
der Vorstellungen zu erklären, beruft man sich häufig darauf, daß ge- 
wisse Bilder in entsprechenden Zellen der Hirnrinde lokalisiert sein 
müßten und daß eine wiederholte Kombination derselben Vorstellungen 
die Leitung des Nervenstromes vermittels der die betreffenden Zellen 
verbindenden Fasern erleichtere. 

Im Gegensatz dazu muß die Lehre von den Neigungen, ohne die 
spezifische Wichtigkeit, welche die einzelnen Rindengebiete für ver- 
schiedene psychische Prozesse haben im mindesten zu leugnen, sich 
mehr der funktionellen Lokalisation, als der anatomischen zu- 
neigen. Von diesem Standpunkte erscheinen die Cerebralzentren nur 
als Knotenpunkte oder Bindeglieder (wenn auch sehr wichtige Binde- 
glieder) in diesem komplizierten funktionellen System, welches in Tätig- 
keit gerät, wenn wir einen diesem System entsprechenden Prozeß 
erleben. Ferner, sobald wir anerkennen, daß die Neigungen, die sich 
auf die rein formelle Seite des Seelenlebens beziehen, keine geringere 
Bedeutung haben, als diejenigen, welche sich auf dessen Inhalt beziehen, 
muß das notwendig unsere Anffassung des anatomisch - physiologischen 
Korrelats beeinflussen: solche Seiten der Gehirntätigkeit, wie die größere 
oder geringere Geschwindigkeit und Intensität der Prozesse des Zerfalls 
und der Wiederherstellung in den Gehirnzellen, die größere oder ge- 
ringere Entwicklung der Beziehungen der Zentren untereinander, z. B. 
die Fähigkeit oder Unfähigkeit, Bewegungen zu kemmen u. s. w., das 
alles wird uns nicht weniger interessieren, als die rein anatomische 
Lokalisation in den Gehirnzentren. 

Neben der Einfachheit und Stabilität kann zum Zweck der Aus- 
scheidung der Hauptneigungen noch ein Kriterium angewandt werden 
— ein Kriterium, welchem jedoch ausschließlich in der Individual- 
psychologie oder der Lehre von den Charakteren eine Bedeutung zu- 
kommt. Vom Standpunkte dieser Lehre erscheinen nur diejenigen 
Hauptneigungen als wesentlich, welche bedeutende individuelle Schwan- 
kungen erleiden, d.h. bei verschiedenen Menschen nicht gleich stark 


entwickelt sind. Bekanntlich sieht W. Stern in der genauen Fest- 
stellung einer möglichst großen Zahl von „individuellen Differenzen“ 
sogar die einzige gegenwärtig lösbare Aufgabe für diejenigen, welche 
eine wissenschaftliche Untersuchung der Charaktere erstreben. Von 
der Wichtigkeit des angeführten Kriteriums gibt schon der Name der 
Individualpsychologie Zeugnis. 

Hier kann die Frage laut werden: welcher Art individuelle Diffe- 
renzen sollen denn bei der Wahl der Hauptneigungen die größere Rolle 
spielen — die qualitativen oder die quantitativen? Einige Autoren 
stimmen für die ersteren. Ihrer Meinung nach besteht die Aufgabe des 
Charakterologen in der Untersuchung der Veränderungen, die eine und 
dieselbe Neigung bei verschiedenen Menschen erleidet, „indem sie sozu- 
sagen durch das Prisma des individuellen Charakters und Temperaments 
gebrochen wird“. Unseres Erachtens aber soll die wissenschaftliche 
Charakterologie gerade den entgegengesetzten Weg einschlagen. Als 
erstes Kriterium erscheint bei der Ausscheidung der Hauptneigungen 
ihre verhältnismäßige Einfachheit, resp. die Unmöglichkeit, sie, bei dem 
gegenwärtigen Stand der psychologischen Wissenschaft, weiter zu zer- 
gliedern‘). Im Gegenteil können die quantitativen Schwankungen in 
allen einfachen Fällen sehr scharf zu Tage treten: die Potenz irgend 
einer Hauptneigung kann bei verschiedenen Menschen innerhalb der 
weitesten Grenzen variieren. Eben diese Mannigfaltigkeit der Stufen, 
diese Möglichkeit scharfer Schwankungen in der Intensität erscheint 
bei Ausscheidung der Hauptneigungen als das dritte Kriterium. 

Gegenwärtig ist uns in den meisten Fällen gänzlich unmöglich, die 
subjektiven Faktoren, welche den Grund jeder einzelnen elementaren 
Neigung bilden, auf dem Wege der unmittelbaren Untersuchung zu er- 
mitteln. Mit anderen Worten geschieht die Untersuchung der Neigungen 
bloß vermittels ihrer Äußerungen). Alle Außerungen können in zwei 
große Gruppen geteilt werden, in äußere und innere. Die erste 
Gruppe bilden vor allem alle physiologischen Veränderungen auf 
der Peripherie des Organismus, welche sehr oft die verschiedenen 
seelischen Vorgänge begleiten, z. B. Veränderungen im Pulsschlag, in 
der Atmung und der vasomotorischen Tätigkeit, die Mimik und die 
pantomimischen Bewegungen, die Hemmung der Bewegungen, wie sie 
z. B. beim Zustand der Aufmerksamkeit stattfindet u. s. w. In einem 


1) Im Kapitel VI werden wir auf diese Frage noch zurückkommen. ee 
2) Obgleich der Terminus Äußerungen den Wortgebrauch des Originals en 
annähernd wiedergibt, haben wir keine genauere Übersetzung des russischen Ausdrucks 


finden können. 








—.. 19). — 


weiteren Sinne kann man mit dem Namen der äußeren Äußerungen 
der Neigungen das ganze Gebahren des beobachteten Subjekts belegen, 
als z. B. seine Worte und Behauptungen, die Art und Weise wie er 
andere Menschen behandelt, mit einem Wort alle die unendlich mannig- 
fachen Handlungen, vermittels welcher der Mensch mit seiner Um- 
sebung in Berührung kommt. Endlich gehören hierher auch jene noch 
wenig erforschten cerebralen Prozesse, welche gemäß dem Prinzip des 
psycho-physischen Parallelismus als unvermeidliche Begleiter jedes 
unseres seelischen Erlebnisses erscheinen. 

Für die Psychologie, und zwar für die allgemeine Psychologie wie 
für die individuelle, haben die äußeren Äußerungen nur die sekundäre 
Bedeutung einer Ergänzung, indem sie nur insofern von Wichtigkeit 
sind, als sie uns den Einblick in die innere Welt des Menschen und die 
Erforschung der sie beherrschenden Gesetze erleichtern. : 

Was die inneren Äußerungen anbelangt, so kann man eigentlich 
jeden psychischen Prozeß als eine Äußerung mehrerer einfachen oder 
zusammengesetzten Neigungen betrachten. Aber wie wir aus einer 
sroßen Zahl der psychischen Dispositionen eine verhältnismäßig geringe 
Zahl elementarer und stabiler Neigungen ausscheiden, so ist auch hier 
eine gewisse Wahl nicht nur möglich, sondern auch geboten. Als 
innere Äußerungen im engeren Sinne soll man nur die psychischen Er- 
lebnisse ansehen, welche sich in einer mehr oder weniger 
gleichen Form mehrmals wiederholen und bei Feststellung 
irgend einer bestimmten elementaren Neigung des gege- 
benen Subjekts als besonders charakteristisch erscheinen. 

Die Untersuchung jeder Äußerung besteht in erster Linie in deren | 

Analyse, d.h. in deren Zerlegung in elementare bewußte Erlebnisse. 
In diesem Punkt berühren sich die Aufgaben der allgemeinen und der 
individuellen Psychologie, infolge dessen die erste der zweiten in be- 
trächtlichem Maße vorarbeiten kann. Wir mögen eine beliebige innere 
Außerung nehmen aus dem Gebiet der Willensprozesse, der Affekte, 
‚der Auffassung, der Aufmerksamkeit, des Gedächtnisses, des Urteils- 
vermögens — überall führt uns gegenwärtig die allgemeine Psychologie 
rohes Material zu, in der Gestalt einer ganzen Reihe von typischen . 
sich mehrfach wiederholenden seelischen Prozessen, die ausführlich und 
genau beschrieben und analysiert sind. 

Ferner muß auf die rein äußeren charakteristischen Merkmale hin- 
gewiesen werden, mittels welcher sowohl das Subjekt selbst als der Be- 
obachter jede einzelne Außerung von den übrigen unterscheidet. Als 
Beispiel diene uns eine Äußerung, welche bei den Menschen, denen sie 
eigen ist, sich durch große Stabilität auszeichnet und zugleich als höchst 


charakteristisch erscheint — eine frei und ohne Stocken fließende Rede, 
das, was gewöhnlich mit dem Worte Rednergabe bezeichnet wird. Dieser 
Außerung liegt ein großer Schatz von Wortbildern und eine Fähigkeit 
sie rasch und frei zu assoziieren und kombinieren zu Grunde. Aber 
diese Hauptneigungen sind unserer Beobachtung nicht zugänglich. 
Ebenso ist vor dem Blick des zuhörenden Beobachters derjenige Prozeß 
der Entstehung eines jeden Satzes verborgen, bei dem einzelne Wörter, 
Bilder, Teile verschiedener Sätze, welche an der Bewustseinschwelle 
des Redners wirr durcheinanderwogen, miteinander mannigfaltige Ver- 
bindungen eingehen und endlich wohlgebaute, vollendete Perioden bilden 
(die innere Äußerung der obengenannten Neigungen). Im Gegenteil 
wird das Endresultat sowohl vom Redner selbst, als von seinen Zu- 
hörern deutlich und lebhaft empfunden: der regelmäßige Bau und die 
Übereinstimmung der einzelnen Sätze untereinander, das Ebenmaß und 
die Vollendung der Perioden, die fließende Rede, von keiner unnötigen 
Pause, von keinem Stocken oder Stottern unterbrochen, das sind die 
äußeren Merkmale, welche für die gegebene Äußerung als charakteristisch 
erscheinen dürfen. 

Endlich bildet den dritten und den wichtigsten Teil der Analyse 
der Äußerungen dasjenige, was man eine „charakterologische 
Analyse“ nennen könnte, d. h. die Ermittelung der Hauptneigungen, 
denen die gegebene Äußerung entspricht, oder mit anderen Worten die 
Beantwortung der Frage, welche Hauptneigungen besonders energisch 
in Tätigkeit gesetzt werden müssen, um den gegebenen psychischen 
Prozeß hervorzurufen. 

Die Beobachtungen beweisen, daß die Resultate der charakterolo- 
gischen Analyse bei weitem nicht immer mit dem Eindruck zusammen- 
fallen, der bei -Gegenüberstellung der äußeren Konfiguration zweier 
Äußerungen entsteht und der hauptsächlich von den Umständen oder 
Anreizern, die den gegebenen Außerungen ihren Stempel aufdrücken, 
abhängt. Öfters erweist es sich, daß zwei Außerungen, die in ihrer 
Gesamterscheinung einander sehr ähnlich sind (und zwar nicht nur bei 
objektiver Beobachtung, sondern auch bei Selbstbeobachtung), im Grunde 
doch sehr verschiedene subjektive Faktoren zur Ursache haben, und 
umgekehrt gleichartige Neigungen zuweilen sehr verschieden sich äußern 
können. (Beispiele unten Kap. V). 

Eine sehr wichtige Rolle spielen bei Entstehung und Gestaltung 
der Äußerungen die äußeren und inneren Umstände, die man An reizer 
der einzelnen Neigungen nennen kann. Jede Hauptneigung hat ihre 
Anreizer, deren Vorhandensein ihre Außerung begünstigt; so rufen 
Licht- und Schallreize bei genügender Intensität in dem Bewußtsein 


— AM = 


entsprechende Empfindungen hervor; die Erinnerung an eine erlittene 
Beleidigung wird von dem Gefühl des Zorns oder der Entrüstung be- 
gleitet; das Betrachten eines Kunstwerks ruft verschiedene ästhetische 
Gefühle hervor u.s. w. Je intensiver der Anreizer , desto mehr Ver- 
anlassung haben wir bei sonst gleichen Umständen die Boia der 
Äußerungen zu erwarten, die diesem Anreizer entsprechen. Im Gegenteil 
bei dem Ausbleiben des Anreizers kann die Neigung, wenn sie auch 
einen sehr bedeutenden Grad von Anspannung (z. B. infolge der Nicht- 
betätigung oder der vorangegangenen Übung) erreicht hat, entweder 
sich garnicht äußern, oder nur in der Hemmung und Störung anderer 
Prozesse einen Ausdruck finden. Beispiele: die Unruhe und Reizbarkeit 
eines Menschen, der keine passende Beschäftigung findet und sich lang- 
weilt, das unbestimmte Streben und die Schwankungen in der Stimmung, 
welche sehr oft die eintretende Geschlechtsreife begleiten u. s. w. 

So wird die Intensität der Äußerung von zweifachen Faktoren be- 
stimmt: erstens von der Potenz und der Anspannung der entsprechenden 
Neigungen, zweitens von der Intensität des im gegebenen Augenblick 
wirkenden Anreizers. Es kann dabei geschehen, daß eine stark ent- 
wickelte Neigung bei einem schwachen Anreizer gerade dieselbe 
Äußerung bewirkt, wie eine schwach entwickelte bei einem starken 
AÄnreizer. 

Die Wirkungskraft des Anreizers hängt manchmal nicht bloß von 
dessen Intensität, sondern auch von einigen anderen Umständen ab. 
Von einer detaillierten Betrachtung dieser Faktoren abstehend, erwähnen 
wir bloß die häufig vorkommende Erscheinung, die James Summierung 
der Reize nennt: „ein Reiz, welcher an und für sich keine Auslösung 
der Energie im Nervenzentrum bewirken kann, tut es, wenn er gleich- 
zeitig mit anderen Reizen wirkt, die einzeln genommen, ebenso kraftlos 
sind, wie er selbst“. Beispiel: „Indem wir uns bestreben, einen ver- 
gessenen Namen oder ein Faktum ins Gedächtnis zurückzurufen, ver- 
suchen wir, uns eine möglichst große Zahl von Umständen, die mit den- 
selben verbunden sind, zu vergegenwärtigen, damit ihre Gesamtheit das 
ins Gedächtnis zurückrufe, was jeder einzelne nicht vermag“ 1). Ähnliches 
wird bei wiederholter Einwirkung desselben Anreizers beobachtet. Wenn 
ich in die Lektüre vertieft am Schreibtisch sitze, kann ein einmaliges 
schwaches Klopfen an die Tür von mir unbeachtet bleiben, aber bei 
drei- und viermaliger Wiederholung zieht dieser Laut endlich meine 
Aufmerksamkeit auf sich. In den Prozessen der Suggestion und Auto- 
suggestion spielt, wie bekannt, die stereotype Wiederholung des ent- 
sprechenden Befehls oder Bildes eine äußerst wichtige Rolle. 

1) W. James, Text-Book of psychology. 


Pädagog. Monographien, herausgegeben von Meumann. Bd. XIV. 2 
(Lasurski, Ueber das Studium der Individualität.) 





Sowohl der Anreizer, wie auch die nächsten Äußerungen der von 
ihm angeregten Neigung können manchmal, ohne von uns unmittelbar 
wahrgenommen zu werden, doch in einem bedeutenden Maße den Verlauf 
unserer psychischen Prozesse beeinflussen. Zuweilen kann z.B. ein 
Mensch sich keine Rechenschaft davon geben, warum er von einer ge- 
wissen Apathie, Mattigkeit und Unlust zur Arbeit befallen sei, und 
erst seine Erlebnisse aufmerksam untersuchend, findet er, daß dieser 
Zustand durch die Erinnerung an einen unlängst erlittenen Mißerfolg 
verursacht sei. Indem die Individualpsychologie diesen Umstand in Er- 
wägung zieht, kann sie die Tätigkeit der verborgenen Anreizer nicht 
ignorieren und befleißigt sich, nach Möglichkeit dieselben in jedem 
einzelnen Fall zu berücksichtigen. 

Wir unterscheiden äußere und innere Anreizer, je nachdem 
wir es mit den unmittelbar von außen auf die entsprechenden Nei- 
gungen einwirkenden Anreizern oder mit der Einwirkung der Er- 
innerungen und reproduzierten Vorstellungen zu tun haben. Aber 
streng können diese Gruppen, wie es scheint, nicht geschieden werden, 
denn bei den meisten zusammengesetzten Anreizern haben sowohl die 
wahrgenommenen, wie die reproduzierten Elemente gleich große Be- 
deutung. Als Beispiel können dienen: der Genuß, den uns die Lektüre 
eines Literaturwerkes gewährt, das Interesse, welches in uns die Be- 
trachtung einer seltenen und ungewöhnlichen Erscheinung wachruft, die 
aktive Aufmerksamkeit die auf äußeren Gegenständen sich konzentriert 
u.s. w. Ferner müssen neben den unmittelbaren Anreizern, deren 
Wirkung in Bezug auf die entsprechenden Neigungen als ziemlich spe- 
zifisch erscheint, die zufälligen oder mittelbaren Anreizer unter- 
schieden werden; indem sie keine direkte Beziehung zur gegebenen 
Neigung haben, rufen sie nichtsdestoweniger jedesmal ihre Außerung 
hervor, weil sich auf rein zufällige Weise ein Zusammenhang zwischen 
ihnen und dem eigentlichen unmittelbaren Anreizer dieser Neigung ge- 
bildet hat. Bei dem Anblick einer Spielsache, die ihrem jüngst ver- 
storbenen Kinde gehört hat, bricht die Mutter jedesmal in Tränen aus, 
und zwar deshalb, weil sie dadurch an das Kind und dessen Tod 
erinnert wird. Kg 

Der Begriff des unmittelbaren Anreizers der Neigung kann in einem 
weiteren oder engeren Sinne gebraucht werden. Im ersten Fall wird 
dieser Terminus eine gewisse komplizierte Erscheinung in der äußeren 
oder inneren Welt bezeichnen, die jedesmal die Außerung einer be- 
stimmten Neigung bedingt, wobei die Gesamterscheinung Be men) wird 
mit allen ihren Eigentümlichkeiten und konkreten Details: Se 
schlag, der mitten in der stillen Nacht ertönt, eine unverdiente Be- 








Sa 


leidigung, die ein bitteres Gefühl hinterläßt, ein Lied, das einen tiefen 
Eindruck macht u. s. w. Analysiert man jedoch das Verhältnis zwischen 
einer gegebenen Erscheinung als Anreizer und den von ihr hervor- 
gerufenen inneren Erlebnissen etwas eingehender, so ergibt es sich, daß 
bei weitem nicht allen Details dieser Erscheinung in jedem gegebenen 
Fall eine gleiche Bedeutung zukommt. In jedem sogar verhältnismäßig 
einfachen Anreizer können ein oder zwei Elemente ausgeschieden werden, 
die ein näheres Verhältnis zur entsprechenden Neigung haben und die 
als deren eigentliche Anreizer oder Anreizer im engeren Sinne erscheinen. 
Die übrigen Elemente und Details der Erscheinung haben eine sekundäre, 
bloß ergänzende Bedeutung, indem sie der Außerung ein spezifisches, 
den Eigentümlichkeiten des gegebenen Falls entsprechendes Gepräge 
verleihen. Ferner werden wir in weitaus den meisten Fällen uns über- 
zeugen müssen, daß nicht sowohl irgend eine bestimmte Seite der Er- 
scheinung als Anreizer dient, sondern vielmehr das Verhältnis 
zwischen zwei oder mehreren Seiten dieser Erscheinung. Z. B. wird 
das Glockengeläute von uns ganz verschieden wahrgenommen, je nach- 
dem ob es in der stillen Nacht oder am lärmenden Tage ertönt, ob 
eine Glocke läutet oder auch andere mittönen u. s. w.; als eigentlicher 
Änreizer erscheint hier also das Verhältnis zwischen der Qualität des 
tonerzeugenden Körpers resp. der Intensität seiner Schwingungen einer- 
seits und der uns umgebenden Tonlosigkeit andererseits. 

Auf diese Weise müssen wir, wenn wir von den Anreizern im 
engeren Sinne sprechen, darunter in jedem einzelnen Fall keine konkrete 
Erscheinung der äußeren oder inneren Welt verstehen, sondern vielmehr 
ein logisches Schema, das Resultat unserer Analyse und Abstraktion. 
Das erklärt uns die unleugbare Tatsache, daß eine und dieselbe Haupt- 
neigung zu verschiedener Zeit und bei verschiedenen Leuten von Um- 
ständen in Tätigkeit versetzt werden kann, die, obwohl im Grunde 
einander ähnlich, doch ihrer äußeren Gestalt nach sich schroff von ein- 
ander unterscheiden. Ein Kind, welches einen neuen Streich ersinnt 
und ein Erwachsener, welcher an der Vervollkommnung eines kompli- 
zierten Apparats arbeitet, bieten einen frappanten Beleg dazu, bis zu 
welchem Grade die Außerungen einer und derselben Neigung von der 
verschiedenen konkreten Form des Anreizers abhängen können. 

Diese Unterscheidung zwischen abstraktem logischen Schema eines 
gegebenen (äußeren oder inneren) Anreizers und seinen mannigfaltigen 
konkreten Außerungen erscheint als sehr wichtig für die Psychologie, 
da es uns einen Leitfaden bei der Untersuchung vieler komplizierten 
psychologischen Gebilde, unter anderem auch der sogenannten Gewohn- 
heiten in die Hand gibt. Eine eingehende Analyse der Gewohnheiten, 

2* 


ENDE 


dieser komplizierten Adaptationen des Organismus an die Umgebung, 
zwingt uns aus der Zahl ihrer übrigen Eigentümlichkeiten besonders 
zwei sehr charakteristische hervorzuheben: Erstens eine gewisse Ein- 
seitigkeit in der Äußerung der Neigung, die der betreffenden 
Gewohnheit zu Grunde liegt, zweitens die Bildung einer stabilen 
Kombination, in der solche Neigungen enthalten sind, die in keinem 
inneren Verhältnis zu einander stehen und die ausschließlich 
durch die wiederholte Einwirkung irgend eines äußeren Anreizers mit- 
einander zu einem Ganzen verbunden werden. 

Versteht man unter dem Anreizer irgend einer seelischen Eigen- 
schaft ein logisches Schema, eine gewisse Art der Vereinigung von 
äußeren und inneren Bedingungen, welche die betreffende Eigenschaft 
in Tätigkeit versetzen, so hat jede Hauptneigung bloß einen ihr ent- 
sprechenden Anreizer. Da aber ein und dasselbe Schema eine sehr be- 
deutende Zahl von sich manchmal ziemlich scharf von einander unter- 
scheidenden Erscheinungen umfassen kann, so entspricht tatsächlich 
einer jeden Neigung eine ganze Reihe konkreter Anreizer; indem diese 
letzten in einer gewissen Beziehung einander ähnlich sind, besitzen sie 
gleichzeitig Züge, die sie voneinander wesentlich unterscheiden. Und 
nun lehrt die Beobachtung, daß von allen diesen gleichartigen Anreizern 
der größte Einfluß von denen ausgeübt wird, welche kraft einer mehr- 
maligen Wiederholung dem gegebenen menschlichen oder tierischen 
Organismus geläufig geworden sind. Wir ziehen es vor, im Park uns 
auf eine bekannte Bank zu setzen, beim Auskleiden hängen wir unseren 
Mantel auf einen bestimmten Kleiderrechen, wir sprechen gern mit 
einem gut bekannten Menschen, obgleich er nicht besser oder inter- 
essanter ist als andere u. s. w. 

Andererseits übt der komplizierte Anreizer, da er aus einer ganzen 
Reihe von Elementen zusammengesetzt ist, notwendig eine gleichzeitige 
Wirkung auf mehrere elementare Neigungen aus, die manchmal unter 
sich nichts gemein haben. Wenn dann dieser Anreizer zur Gewohnheit 
wird, so bildet sich eine Tendenz zur gemeinschaftlichen Tätigkeit dieser 
Neigungen, die unter sich in einer rein zufälligen Weise verbunden sind. 
Eine bekannte Umgebung, gewisse feierliche Handlungen und Zeremonien 
veranlassen uns zu denselben von früher her geläufigen Gesten und Be- 
wegungen, rufen in uns die gewohnte alte Stimmung hervor, sogar dann, 
wenn diese Handlungen ihre frühere Bedeutung für uns verloren haben. 

So hängt die Entstehung und die Entwicklung der Gewohnheiten 
hauptsächlich von der Wirkung der äußeren Umstände oder Anreizer 
auf die psycho-physische Organisation des Menschen ab. In diesem Sinn 
kann man die gewohnheitsmäßigen mechanischen Handlungen den be- 





Er 


A a 


wußten, willkürlichen Handlungen gegenüberstellen, welche letztere schon 
durch rein subjektive, innere Eigentümlichkeiten in der Organisation 
des gegebenen Individuums bestimmt werden. Je selbständiger die Per- 
sönlichkeit, desto weniger ist sie dem Einfluß der äußeren Gewohnheiten 
unterworfen. Im Gegenteil zeugt unserer Meinung nach das Vorhanden- 
sein von zahlreichen und mannigfaltigen Gewohnheiten von einer gewissen 
Unterjochung des Menschen durch seine Umgebung. Außerdem zeichnen 
sich die inneren, notwendigen Verbindungen einzelner Hauptneigungen 
im allgemeinen durch eine bedeutend größere Stabilität und Dauerhaftig- 
keit aus, als die äußeren, „zufälligen“, nur von der Gewohnheit be- 
stimmten Kombinationen. Die inneren Verbindungen haben eine Tendenz, 
sich unerachtet der Gegenwirkung der Umgebung zu verwirklichen, 
wogegen die Gewohnheiten, die eben dieser Umgebung ihre Entstehung 
verdanken, in den meisten Fällen nur so lange sich fest erhalten, so 
lange die äußeren Umstände es begünstigen. 

Die gewohnheitsmäßigen Verbindungen der Neigungen besitzen noch 
eine Eigentümlichkeit, welche unsere Aufmerksamkeit auf sich lenkt: 


‘als Bestandteile der Gewohnheiten erscheinen sowohl Neigungen, welche 


sich auf den Inhalt des seelischen Lebens beziehen, als solche, die sich 
auf dessen formale Seite beziehen, d.h. auf die Geschwindigkeit der 
psychischen Prozesse, die Eigentümlichkeit ihres Verlaufs und ihrer 
Wechselwirkung u. s. w. Wir erinnern an die bekannte Anekdote von 
dem Soldaten, der einen Topf mit Suppe trug, und indem er das be- ` 
kannte Kommandowort „still gestanden!“ hörte, den Topf in den Graben 
fallen ließ, da er infolge der Gewohnheit sofort den Befehl ausführte. 
Diese Möglichkeit einer Verbindung so verschiedenartiger Seiten des 
seelischen Lebens, wie die bewußte Wahrnehmung bestimmter Worte 
und die Geschwindigkeit der Ausführung von entsprechenden Handlungen, 
weist uns noch einmal auf die Notwendigkeit hin, zuerst die verschie- 
densten Seiten der seelischen Tätigkeit zu untersuchen und miteinander 
zu vergleichen und erst dann diese Seiten endgültig und auf eine radi- 
kale Weise, als grundverschiedene Erscheinungen einander gegenüber- 
zustellen. | 

Neben den künstlichen oder zufälligen Verbindungen der 
Neigungen, die ihre Entstehung der gewohnten Einwirkung der Um- 
gebung verdanken, muß man auch ihre natürliche oder notwen dige 
Gruppierung unterscheiden, die ihren Ursprung in den Verhältnissen 
der seelischen Eigenschaften untereinander hatten. Diese Verhältnisse 
können im allgemeinen in zwei große Gruppen eingeteilt werden: erstens 
in diejenige der Verwandtschaft und zweitens in diejenige der 
Wechselwirkung. Als Beispiel verwandter Eigenschaften können 


HAL N e 


dienen: einerseits die Fähigkeit, willkürlich verschiedene Reflexbewe- 
gungen zu hemmen (psycho -motorische Hemmung), andererseits die 
Fähigkeit, aus dem Bewußtsein gewisse Gedanken, Gefühle und Wünsche 
willkürlich zu entfernen (innere, psychische Hemmung). Obgleich diese 
Neigungen nicht identisch sind, stehen sie doch einander sehr nahe, wobei 
kein sekundäres Detail ihrer Außerung, sondern das Wesentlichste und 
Ursprünglichste in ihnen die Ähnlichkeit bewirkt. 

Fälle der Verwandtschaft einzelner elementarer Neigungen soll man 
nicht mit denjenigen Fällen verwechseln, wo die Äußerungen zwei sehr 
komplizierter seelischen Eigenschaften ein oder zwei ähnliche Elemente 
enthalten, die aber keine besondere Bedeutung haben und nicht als 
charakteristische Grundelemente der gegebenen Neigungen erscheinen. 
Solche Fälle des Vorhandenseins einiger sekundären gemeinsamen Merk- 
male kommen ziemlich oft vor, sind aber für die Individualpsychologie 
von geringem Interesse. Die Schweißabsonderung kann sowohl als Folge 
einer anhaltenden und energischen Muskelarbeit erscheinen, als auch 
diejenige eines jähen Todesschreckes, der jede Muskeltätigkeit lähmt, 
wobei wir diesem zufälligen Zusammenfall eines sekundären Merkmals 
keinerlei Bedeutung zuschreiben, da die Grundzüge der beiden kompli- 
zierten Prozesse sich zu schroff voneinander unterscheiden. 

Als Beispiel der Wechselwirkung zwischen einzelnen Hauptneigungen 


| kann die Bedeutung dienen, welche die Kraft und die Stabilität der 
| Gefühle für den Prozeß der aktiven Aufmerksamkeit haben. Menschen, 
' welche tiefer, intensiver Gefühle fähig sind, besitzen gewöhnlich auch 


eine gesteigerte Fähigkeit zur Konzentration der Aufmerksamkeit auf 
den Vorstellungen, die sich auf irgend eine Weise auf diese Gefühle 
beziehen. Mit anderen Worten, begünstigt die Neigung zu Gefühls- 
intensität unmittelbar die Entstehung (oder die Außerung) der Neigung 


. zur Konzentration der Aufmerksamkeit auf bestimmten Vorstellungen. 


Die primäre oder elementare Ursache, die diesen beiden seelischen Eigen- 
schaften zugrunde liegt, ist uns gegenwärtig noch wenig bekannt und 
die allgemeine Psychologie kann in Bezug darauf nur verschiedene Ver- 
mutungen aufstellen, die mehr oder weniger wahrscheinlich sind und 
einander mehr oder weniger widersprechen. Und doch erscheint die 
Tatsache als unantastbar, daß die Erregung einer von diesen seelischen 
Eigenschaften eine unmittelbare steigernde Wirkung auf die Entstehung 
der anderen ausübt. Zwei vollkommen verschiedene Seiten der seelischen 
Tätigkeit (der Gefühlston der Empfindung und das Eintreten der Emp- 
findung in den Blickpunkt des Bewußtseins), die offenbar nicht als 
identisch oder qualitativ ähnlich angesehen werden dürfen, erscheinen 
nichtsdestoweniger als aufs engste miteinander verbunden. 





dd LE 


Diese Verbindung kann entweder, wie in dem oben angeführten 
Beispiele, direkt, unmittelbar sein, oder indir ekt, indem sie mit 


Hilfe vermittelnder Glieder geschieht. Als Beispiel einer solchen ) 


mittelbaren Verbindung kann die schon längst konstatierte Tatsache 
dienen, daß Menschen mit starken und dauerhaften Gefühlen zu einer, 


| 
| 


ernsten und sogar traurigen Stimmung neigen: alles, was um sie vorgeht, 
hinterläßt in ihrer Gefühlssphäre viel tiefere Spuren als bei oberfläch- 
lichen und leichtsinnigen Menschen; und da das Leben im allgemeinen 
mehr Leid als Freude mit sich bringt, so bekommt ihre Stimmung eine 


| 


dementsprechende Färbung. Obgleich die Intensität und die Stabilität ` 


der Gefühle nicht unmittelbar mit einer gedrückten Stimmung verbunden 
sind, so begünstigen sie dieselbe infolge der eigentümlichen Gestaltung 
der Lebensbedingungen. 


Was die Methoden anbetrifft, vermittels welcher das Vorhandensein 


eines Verhältnisses zwischen zwei gegebenen Hauptneigungen festzustellen | 


ist, so sei darauf hingewiesen, daß das Verwandtschaftsverbältnis bis zu 
einem gewissen Grade auf Grund der bedeutenden Ähnlichkeit, die von 
unserem Bewußtsein unmittelbar wahrgenommen wird, festgestellt werden 


kann. Noch wichtiger für die Konstatierung der Verwandtschaft und \ 


der Wechselwirkung der seelischen Eigenschaften erscheint die Tatsache, 


daß die Intensitätssteigerung einer von den miteinander verbundenen | 





Neigungen, wie auch ihre Tätigkeit stets die Tätigkeit der anderen, mit | 


ihr verbundenen Neigungen beeinflussen, indem sie deren Äußerungen 


entweder hemmen oder fördern. Daraus ergibt sich unmittelbar folgendes 


Verfahren bei Feststellung eines Verhältnisses unter elementaren seeli- 
schen Eigenschaften: wenn zwei elementare Neigungen stets miteinander 
verbunden erscheinen, oder beim Mangel der einen auch die andere immer 
ausbleibt, so können wir sie mit großer Wahrscheinlichkeit als verwandt 
oder durcheinander bedingt betrachten; und umgekehrt, wenn eine von 
diesen Neigungen bei mehreren Personen stark entwickelt ist, während 
die andere bei denselben Personen ganz fehlt, so ist ein genügender 
Grund vorhanden, um zu vermuten, daß diese zwei Neigungen einander 
entgegengesetzt sind, oder wenigstens sich indifferent zueinander ver- 
halten, d. h. voneinander unabhängig sind). Es leuchtet ohne Weiteres 
ein, daß bei Anwendung dieser Methode (die eigentlich bloß eine An- 


N 1) Diese Prinzipien sind, wie bekannt, der Lehre von den sogenannten „psychischen 
Korrelationen“ zu Grunde gelegt. S. die Arbeiten von Sparmann und Krüger, Heymans 
u. a; auch meinen Aufsatz „Uber die wechselseitige Verbindung der seelischen Eigen- 
schaften und die Methoden ihrer Untersuchung“ in der Zeitschrift „Woprossy philosophii 
ven H. 53, 1900 (russisch), Im Kapitel V werden wir noch darauf zurück- 
ommen, 


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Menschen zusammenzustellen, wie auch die ee 
logische Analyse einiger zusa eh nn 
ogisel y ger zusammengesetzter Außerungen seiner Persön- 
lichkeit zu machen. 

Außer der Verwandtschaft und der Wechselwirkung besteht unter 
den Hauptneigungen noch eine Art Verhältnis, welche eine sehr wichtige 
Rolle in unserer ganzen seelischen Tätigkeit spielt. Wir haben Ihr 
die Einteilung der seelischen Neigungen in höhere und niedere im Auge). 
Indem wir vorläufig die Frage nach der Möglichkeit oder Unmöglichkeit 
die höheren Neigungen auf die niederen zurückzuführen, unberührt ei 
wenden wir unsere Aufmerksamkeit nur der faktischen Seite der Sache 
zu. Sie besteht darin, daß die Außerungen der niederen Neigungen das 
für die Tätigkeit irgend einer höheren Neigung nötige Material bilden. 
So kann z. B. der Prozeß der Wahl nur dann entstehen, wenn in dem 
Bewußtsein schon eine ganze Reihe von Vorstellungen und Gefühlen 
vorhanden ist: die Vorstellungen des Zieles und der zu ihm führenden 
Mittel, das mit der Erreichung dieses Ziels verbundene Gefühl u. s. w. 
Die aktive Konzentration der Aufmerksamkeit auf bestimmte Empfin- 
dungen und Vorstellungen setzt bei dem gegebenen Subjekt schon das 
Vorhandensein der Fähigkeit, diese Empfindungen und Vorstellungen zu 
bilden, voraus. Dabei bezeugt uns das unmittelbare Bewußtsein, daß 
die Prozesse der höheren Ordnung nicht als bloße Summierung der 
niederen Neigungen betrachtet werden dürfen: die Tätigkeit einer 
höheren Neigung bringt stets etwas Eigentümliches mit sich, was der 
ganzen Äußerung ein besonderes, charakteristisches Gepräge verleiht. 
Worin dieses Neue besteht, und was für Gründe es sind, die eine Ein- 
teilung der seelischen Eigenschaften in höhere und niedere erfordern, 
davon wird weiter (Kap. II) gehandelt werden. 

An dieser Stelle sei nur darauf hingewiesen, daß in ähnlichen Fällen 
gar nicht die Rede ist von der neuerdings so oft hervorgehobenen 
schöpferischen Synthese des Bewußtseins: diese Frage gehört nicht 
hierher. Indem wir es aussprechen, daß die Äußerung der höheren 
Neigungen keine einfache Summierung des durch die niederen Neigungen 
gegebenen Materials ist, sondern stets etwas Neues bildet, wollen wir 
damit garnicht gesagt haben, daß ihre ganze Neuheit und Eigentümlich- 
keit bloß in der Zusammenfügung oder Verschmelzung der einzelnen 
Meile des gegebenen Materials zu einem Ganzen besteht. Im Gegenteil 


5] 


1) Die hier von uns durchgeführte Einteilung fällt tatsächlich mit der von Prof. 
Stumpf in Vorschlag gebrachten Unterscheidung der Erscheinungen und psychischen 


Funktionen zusammen. 


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bietet die höhere Neigung bei ihrer Äußerung das Bild der Entstehung 
von einer ganz eigenartigen, unmittelbar zu Bewußtsein kommenden 
Seite des seelischen Prozesses, die stets sich gleich bleibt, wie sich auch 
das Material, mittels dessen sie sich äußert, verändert. 


Jetzt wird es uns möglich, eine Definition des Charakters, das 
heißt der subjektiven (endogenen)!) Seite der Persönlichkeit zu geben; 
was die objektive (exogene) Seite der Persönlichkeit, resp. das Gepräge, 
welches ihr von den äußeren Umständen aufgedrückt wird und das auch 
die Gruppierung ihrer subjektiven Seiten beeinflußt, anbetrifft, so wird 
davon weiter unten die Rede sein (Kap. VI). Unter dem Charakter 
werden wir die Gesamtheit der dem gegebenen Menschen 
zugehörigen Neigungen (und zwar hauptsächlich Haupt- 
neigungen) verstehen; jede von diesen Neigungen ist in 
der beim gegebenen Subjekt möglichst größten Intensität 
zu nehmen. 


Der Charakter ist die Gesamtheit der Hauptneigungen. Wie aus dem 
Obengesagten erhellt, betrachtet die Individualpsychologie die Neigungen 
nicht als konkrete seelische Prozesse, sondern als die Möglichkeit 
der Äußerung irgend einer Seite des seelischen Prozesses, d. h. als Re- 
sultat der Abstraktion, als einen Hilfsbegriff, welchen man behufs einer 
bequemen Gruppierung des Materials verwendet. Von diesem Standpunkte 
aus stellt auch der Charakter, als die Gesamtheit der Hauptneigungen, 
nur ein Schema dar, welches bloß darauf hinweisen soll, daß bei gewissen 
Bedingungen wir bei der gegebenen Person die Entstehung dieser oder 
jener Prozesse erwarten dürfen. Man muß durchaus die einzelnen stets 
mit dem Wechsel der. Umstände sich verändernden Äußerungen der 
Persönlichkeit von dem verhältnismäßig einfachen Schema des Charakters 
unterscheiden, welches letzteres als Resultat einer längeren Beobachtung 
und der Bearbeitung des gewonnen Materials erscheint. Die Äußerungen 
sind unendlich mannigfach und wiederholen sich nur selten in derselben 
Form; das Schema des Charakters, wenn es nur richtig zusammengestellt 
ist, muß während einer verhältnismäßig langen Zeit dasselbe bleiben, 
bis der Charakter endlich irgend welche wirkliche und nicht bloß schein- 





1) In dem von Franck und mir zusammengestellten Programm der Untersuchung 
der Persönlichkeit in ihren Beziehungen zur Umgebung (s. den Anhang zu diesem Buch) 
sind die Terminus endo- und exopsychisch gebraucht worden. Indem ich sie von 
dort entlehne, habe ich sie zu endogen und exogen umgestaltet, da meiner Meinung nach 
diese zwei Arten von psychischen Prozessen voneinander nicht nur inbezug auf ihren 


Inhalt und den Grad der Kompliziertheit, sondern auch inbezug auf ihren Ursprung 
unterscheiden, 


IR 


bare Veränderungen erleidet, was, wie wir es bereits gesehen haben, bei 
Erwachsenen nicht so leicht vorkommt. 


Jede der Hauptneigungen, aus welchen das Schema des Charakters 
besteht, muß in der größten Intensität genommen werden, die bei ge- 
gebenen Menschen möglich ist. Jedoch zeigt die Erfahrung, daß dieses 
Maximum bei weitem nicht immer festgestellt werden kann. Gewöhnlich 
lebt und handelt ein jeder von uns sozusagen nur zur Hälfte, indem er 
nicht entfernt das leistet, was er im äußersten Falle hätte leisten können. 
Das wird auch von der sehr verbreiteten und unserer Ansicht nach 
richtigen Meinung bestätigt, daß viele Leute im kritischen Moment 
Wunder verrichten, deren Vollbringung weder sie sich selbst, noch andere 
ihnen zugetraut hätten. Das ist auch der Grund vieler Enttäuschungen, 
welche die Menschen einander bereiten: man lebt lange mit einem 
Menschen und ignoriert die negativen Seiten seines Charakters; wenn 
aber im kritischen Moment und bei günstigen Umständen diese Seiten 
in ihrer ganzen Intensität sich zeigen, spricht man von Enttäuschungen. 


Jedoch kommen diese kritischen Momente im Leben der Menschen 
höchst selten vor, und die Individualpsychologie muß von vorne herein 
auf ihre Beobachtung und Ausbeutung zu ihren Zwecken verzichten. 
Deshalb müssen in den meisten ähnlichen Fällen die mangelnden direkten 
Beobachtungen durch Schlüsse ersetzt werden, indem die starke Äußerung 
auf Grund der schwachen erschlossen wird, wie z. B., wenn die unbe- 
deutendste Ursache imstande ist, in einem Menschen Unzufriedenheit und 
Verstimmung hervorzurufen, schließen wir, daß unter dem Einfluß sehr 
starker Anreizer (bei der Bedingung, daß keine sekundären Faktoren 
sich dazu gesellen), dieser Mensch imstande sei, Anfälle der stärksten 
Wut zu bekommen; wenn das geringste Gefühl bei der beobachteten 
Person sich durch äußere Zeichen, Mienenspiel, Gesten u. s. w. kundgibt, 
so schließen wir, daß diese Äußerungen unter dem Einfluß sehr starker 
Gefühle sehr zahlreich werden und einen ungewöhnlichen Grad der In- 
tensität erreichen können. Kurz besitzen wir die Möglichkeit, ohne 
direkt die höchste Wirkung dieser oder jener Neigung beobachtet zu 
haben, ihren Grenzwert mit großer Wahrscheinlichkeit zu erschließen. 


So stellt denn von unserem Standpunkte jede Persönlichkeit ein 
kompliziertes Ganzes dar, das aus einer größeren oder geringeren Zahl 
von notwendigen und zufälligen Verbindungen besteht, die wiederum 
in einige Hauptneigungen aufgelöst werden können. Der Reichtum der 
Kombinationen, welche als integrierende Teile einer Persönlichkeit er- 
scheinen, und auch die Zahl der Hauptneigungen, die jede einzelne 
Kombination bilden, bedingen den Reichtum oder die Dürftigkeit, den 





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1 


größeren oder geringeren Umfang der Persönlichkeit '). Alle diese viel- 
fach zusammengesetzten Komplexe können wiederum entweder unter- 
einander mehr oder weniger eng verbunden, oder verhältnismäßig unab- 
hängig voneinander, oder sogar einander entgegengesetzt sein. Nur bei 
wenigen Menschen sind die Hauptneigungen, die ihren Charakter bilden, 
durch das Band der Verwandtschaft und der Wechselwirkung eng unter- 
einander verbunden, d.h. die ganze Persönlichkeit bildet nur eine „not- 
wendige Kombination“ in dem Sinne des Wortes, den wir oben festgestellt 
haben. Bei den meisten Personen kann der Charakter in mehrere mehr 
oder weniger komplizierte Kombinationen zergliedert werden, die von- 
einander ziemlich unabhängig sind und die nur dank den Umständen 
und der Erblichkeit in einer Person vereinigt werden. 

In den verhältnismäßig seltenen Fällen, wo die Persönlichkeit des 
Menschen wirklich ein einheitliches Ganzes bildet, stören die Außerungen 
der Neigungen einander nicht, im Gegenteil sie fördern einander (Har- 
monie der Bestrebungen nach Paulhan). Von solchen Menschen kann 
wohl gesagt werden, daß sie eine einheitliche Persönlichkeit darstellen, 
denn in jedem Moment bei allen möglichen Umständen können sie nur 
dieselben ihnen eigenen Neigungen äußern. Von dieser wirklichen 
Einheit der Persönlichkeit muß die scheinbare Einheit unter- 
schieden werden, die darin besteht, daß irgend eine Neigung, oder eine 
Gruppe von untereinander verbundenen Neigungen die übrigen beherrscht, 
sie hemmt und ihre Außerungen unterdrückt. In diesem letzten Fall 
zeugt wie in dem ersten jede Handlung des Menschen, jedes seiner 
Worte von dem Vorhandensein einer gewissen dominierenden Gruppe 
von seelischen Eigenschaften, und nichtsdestoweniger wird es bei einer 
genaueren Beobachtung nicht schwer zu bemerken, daß neben der herr- 
schenden Gruppe noch andere vorhanden sind, die mit der ersten nicht 
verbunden oder sogar ihr entgegengesetzt sind. Sobald sich die Umstände 
schroff verändern, so daß die dominierenden seelischen Neigungen ihre 
Kraft einbüßen, verschwindet allmählich die vermeintliche Einheit des 
Charakters und die lange verborgene Buntheit der gegebenen Persön- 
lichkeit tritt nach und nach zutage. Menschen, die zur Selbstverleugnung 
und zum Asketismus neigen, bieten uns oft Beispiele dieser scheinbaren 
Einheit. 

Da jede Persönlichkeit aus zwei Arten von Kombinationen gebildet | 
wird, nämlich der notwendigen und zufälligen, so kann die Komplikation 
oder Bereicherung der Persönlichkeiten in zwei Richtungen vor sich | 
gehen. Die erste und die häufigste Erscheinung ist die, daß der Cha- 





1) Darüber ausführlicher bei Paulhan : „Psychologie du caractère“, 


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rakter gemäß den in ihm vorhandenen Anlagen sich entwickelt, das 
heißt, daß zu den früheren Hauptneigungen sich neue mit ihnen mehr 
oder wenig verwandte oder irgendwie mit ihnen verbundene Neigungen 
gesellen. Solche notwendige Bereicherungen zeichnen sich durch ihre 
Dauerhaftigkeit, wie durch die Leichtigkeit, mit der sie entstehen, aus, 
da sie eigentlich im Voraus durch die Tatsache bestimmt sind, daß unter 
. den verschiedenen Hauptneigungen mehr oder weniger feste Wechsel- 
| beziehungen bestehen. Eine Bereicherung anderer Art wird in den 
| Fällen beobachtet, wo irgend eine neue, dem allgemeinen Charakterbild 
des betreffenden Menschen ganz fremde Neigung in ihm unter dem Druck 
der andauernd und intensiv wirkenden äußeren Umstände entsteht. 
Solche zufällige Bereicherungen sind offenbar der Art ihrer Entstehung 
nach den oben beschriebenen gewohnheitsmäßigen Kombinationen ganz 
analog und zeichnen sich wie diese durch Undauerhaftigkeit und In- 
stabilität aus; indem sie sozusagen der betreffenden Persönlichkeit durch 
äußere Umstände aufgedrungen worden sind, nehmen sie allmählich ab 
und verschwinden gänzlich im Fall sie von diesen selben Umständen 
nicht unterstützt werden. Eine ausführliche Untersuchung und Fest- 
stellung der Wege und Mittel, die zur Entwicklung und Bereicherung 
der ihrer Konstruktion nach verschiedenen Charaktere führen, kann für 
die Pädagogik von großer Bedeutung sein. 








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Kapitel LI. 


In dem vorstehenden Kapitel waren wir bestrebt, uns bloß auf die 
Tatsachen zu beschränken, die mittels Untersuchung der verschiedenen 
Seiten des Seelenlebens gewonnen werden. Die Neigung definierten wir 
als die Möglichkeit der Entstehung (bei Vorhandensein bestimmter 
Bedingungen) dieser oder jener Seite irgend eines psychischen Prozesses. 
Diese Definition ist zu Zwecken der Individualpsychologie oder Charak- 
terologie vollkommen genügend. Indem die Individualpsychologie die 
Erörterung der Frage nach der Natur der Neigungen der Allgemein- 
psychologie überläßt, benutzt sie die Neigungen bloß als Elemente, aus 
denen sie jene Komplexe konstruiert, welche wir Persönlichkeiten nennen. 

Jedoch sind, bei dem gegenwärtigen Zustand der Psychologie, die 
Tatsachen und die Theorie noch so eng miteinander verbunden, daß es 
nicht selten schwer sein dürfte, festzustellen, wo die ersteren endigen 
und die letztere beginnt. Außerdem kann der ausgedehnte Gebrauch, 
den wir von dem Begriff der psychischen Neigung machen, uns den 
Vorwurf zuziehen, daß wir die Wiederbelebung der alten Vermögens- 
theorie samt allen ihren Fehlern und Mängeln erstreben. Das alles 
zwingt uns, in dem vorliegenden Kapitel unsere Ansicht von der Natur 
der Neigungen und ihren Wechselbeziehungen etwas genauer zu formu- 
lieren. Dabei werden wir die Unterschiede (und zwar sehr wesentliche 
Unterschiede) hervorheben, welche zwischen der empirischen Hypo- 
these der psychischen Neigungen und der früheren, metaphysischen 
Vermögenstheorie bestehen. 

In dem ersten Kapitel ist schon darauf hingewiesen worden, daß 
unter den einzelnen Neigungen Verbindungen und Beziehungen stattfinden, 
die schließlich alle auf einige bestimmte Typen reduziert werden können. 
Diese Verbindungen werden nicht von zufälligen Einwirkungen der 
äußeren Umstände, sondern im Gegenteil von der Natur der Neigungen 
selbst bedingt. Infolge ihres Vorhandenseins dürfen unsere Haupt- 
neigungen nicht als abgesonderte Substanzen oder Wesenheiten betrachtet 
werden, die miteinander nichts gemein haben. Im Gegensatz zu dieser 


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letzten Ansicht, die sehr an die alte Vermögenstheorie erinnert, müssen 
wir annehmen, daß die Neigungen Teile eines und desselben Systems, 
Glieder einer und derselben organisierten Einheit sind. Diese Einheit 
wollen wir unter dem Namen der neuro-psychischen oder bio- 
logischen Organisation verstehen. Dabei muß stets im Auge 
behalten werden, daß uns durchaus nicht die anatomische, sondern aus- 
schließlich die funktionelle Seite dieser Organisation interessiert. 
Unsere neuropsychische Organisation ist durchaus nichts Unbewegliches, 
hinter den Prozessen Liegendes und diese aus sich Erzeugendes; sie 
selbst ist eindauernder, sehr stabiler und ununterbrochener 
Prozeß, der sehr kompliziert und weitverzweigt ist, und dessen einzelne 
Teile bei Einwirkung der äußeren Anreizer neue, veränderliche und 
instabile Prozesse, die wir Äußerungen nennen, erzeugen. 

Nun wird es uns möglich, eine endgültige Begriffsbestimmung der 
psychischen (genauer — der neuro-psychischen) Neigung oder Fähigkeit 
zu geben: unter den Fähigkeiten verstehen wir verschiedene 
Seiten eines einheitlichen komplizierten und ununter- 
brochenen neuro-psychischen Prozesses, der diesubjektive 
Grundlage jeder menschlichen Persönlichkeit bildet. Ein- 
zelne Teile dieser komplizierten und weitverzweigten funktionellen Or- 
ganisation können in ihrer Tätigkeit ziemlich unabhängig voneinander 
sein; genauer — jeder von ihnen ist gewöhnlich eng mit einigen anderen, 
ihm irgendwie näher stehenden Teilen verbunden, während die Tätigkeit 
der übrigen Teile der neuro-psychischen Organisation ihn nur wenig 
beeinflußt. Infolge dieser verhältnismäßigen Unabhängigkeit 
der einzelnen Fähigkeiten (resp. der einzelnen Funktionen) kann die 
Potenz einer jeden von ihnen bei verschiedenen Menschen und zu ver- 
schiedenen Zeiten stark variieren, indem sie auf diese Weise die Grund- 
lage der individuellen Züge der Persönlichkeit bildet. All die unendlich 
mannigfaltigen Formen und Abarten der menschlichen Charaktere hängen 
vor allen Dingen damit zusammen, daß die verschiedenen Seiten einer 
und derselben zugrunde liegenden Organisation bei verschiedenen Menschen 
nicht gleich stark entwickelt sind. 

Die Frage nach der Art und Weise der Einwirkung der äußeren 
Anreizer auf diese oder jene Seiten der neuro-psychischen Organisation 
gehört in das Gebiet der Erkenntnistheorie und befindet sich somit 
jenseits der Grenze unserer psychologischen Untersuchung. Dasselbe 
muß auch von dem Begriff der psychischen Kraft oder psychischen 
Energie gesagt werden. Die Beobachtung lehrt uns, daß die ‚einzelnen 
Fähigkeiten, die in ihrer Gesamtheit die menschliche Persönlichkeit 
bilden, inbezug auf ihre Anspannung beständige Schwankungen erleiden 








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(temporäre oder scheinbare Veränderungen der Persönlichkeit), wobei 
diese Schwankungen nicht allein von dem Vorhandensein oder Nicht- 
vorhandensein des Anreizers, sondern auch von der subjektiv bedingten 
Ab- und Zunahme der Tätigkeit der betreffenden Neigung (Wirkung 
der Ermüdung, der Erholung u. s. w.) abhängen. Dabei können die 
einzelnen Neigungen miteinander in „eine Konkurrenz“ wegen der 
psychischen Kraft treten (Lipps). Endlich kann die Totalsumme der 
gesamten Tätigkeit unserer neuro-psychischen Organisation je nach den 
verschiedenen Bedingungen zu- oder abnehmen. Das alles zwingt uns, 
von dem Begriff der psychischen (resp. neuro-psychischen) 
Kraft oder Energie Gebrauch zu machen, wobei wir aber die Frage 
nach dem Wesen dieser Energie als eine für unsere Zwecke vollkommen 
unwesentliche gänzlich übergehen. 

Es ist uns vielleicht erlaubt, der größeren Anschaulichkeit wegen, 
die einzelnen Fähigkeiten mit physischen Kräften und die Anreizer mit 
deren Angriffspunkten zu vergleichen. Es muß aber nicht vergessen 
werden, daß wir es hier bloß mit einem Vergleich zu tun haben, der 
die Lösung der Frage nach dem Wesen der psychischen Neigung in 
keinerlei Weise beeinflussen soll. Es ist sehr möglich, daß die meisten 
oder sogar alle unsere Hauptfunktionen oder Hauptneigungen in der 
Wirklichkeit komplizierte, gegenwärtig unserer Analyse unzugängliche 
Mechanismen darstellen. Nichtsdestoweniger müssen wir, solange diese 
Analyse noch nicht geschehen ist, sie als einfach betrachten, denn sie 
dokumentieren sich in unserem Bewußtsein stets durch eine einzige, sie 
charakterisierende Seite eines bestimmten psychischen Prozesses. 

Die Art und Weise, wie jede Hauptneigung oder -funktion sich 
äußert, ist von dem Gehalt oder von der Konfiguration des im gegebenen 
Moment auf sie einwirkenden Anreizers abhängig (siehe Kap. I). Inter- 
essant ist es, daß wir einer ähnlichen Erscheinung in der Physiologie 
begegnen. Eine und dieselbe biologische Funktion kann in ihren Äuße- 
rungen sehr mannigfaltig sein, indem sie in verschiedenen Fällen ganz 
verschiedene Formen annimmt. Es genügt hier, an die Tatsache zu er- 
innern, daß das zentrale Nervensystem der Ameise oder der Biene ganz 
anders eingerichtet ist, als dasjenige der Wirbeltiere, was aber sowohl 
diese als jene nicht hindert, oft ganz ähnliche Instinkte und Fähigkeiten 
zu äußern. Die Verdauungs-, Atmungs-, Zirkulations- und Bewegungs- 
organe sind bei verschiedenen Tieren verschieden eingerichtet, befriedigen 
aber nichtsdestoweniger dieselben Bedürfnisse der Ernährung, der Ver- 
sorgung mit Sauerstoff u. s. w, wobei jedoch die Art und Weise, wie 


das geschieht, jedesmal von den Eigentümlichkeiten des entsprechenden 
äußeren Anreizers abhängig ist. 


— 32 — 


Wirken zwei verschiedene Anreizer während eines sehr bedeutenden 
Zeitabschnittes abwechselnd auf eine und dieselbe Neigung ein, so spaltet 
sich die letzte endlich infolge dieser wiederholten Einwirkung (oder oft 
vielleicht infolge der vererbten Disposition), indem sie nun zwei Eigen- 
schaften bildet, die miteinander verwandt sind, sich jedoch voneinander 
unterscheiden und nicht immer bei ein und demselben Menschen zu- 
sammen angetroffen werden. So z. B. kommt es nicht selten vor, daß 
ein Mensch, der in einigen Außerungen sehr rasch ist, sich durch Lang- 
samkeit der anderen auszeichnet; so paart sich z. B. eine lebhafte Rede 
nicht selten mit langsamen Bewegungen des Rumpfes und der Extremi- 
täten. Sogar einander so nahe stehende Äußerungen, wie die Geschwin- 
digkeit der einfachen Reaktion und diejenige der Wahlreaktion gehen 
nicht immer parallel '). 

Stellen wir uns auf den Standpunkt der Evolutionstheorie, so werden 
wir genötigt, zuzugeben, daß überhaupt alle unsere Neigungen auf diesem 
Wege entstanden sind. Besonders erscheinen diejenigen, die wir oben 
als verwandte Neigungen bezeichnet haben, von diesem Standpunkte als 
das bloße Resultat einer späteren Zergliederung oder Differenzierung 
irgend einer elementaren Funktion des einfachsten psycho-physischen 
Urorganismus. Andererseits kann jede unsere elementare Neigung im 
Laufe der Zeit, infolge einer Einwirkung von seiten irgend welcher be- 
ständigen Umstände wiederum differenziert werden und eine oder mehrere 
neue, unter einander verwandte Eigenschaften bilden. Solche Keime zu 
weiteren Differenzierungen kann man oft in den Äußerungen verschie- 
dener Neigungen bemerken. 

Es muß aber nicht vergessen werden, daß bei dem Aufbau der 
Individualpsychologie als einer empirischen Wissenschaft eine solche 
hypothetische Verallgemeinerung unerachtet ihrer Wahrscheinlichkeit 
vollkommen entbehrlich ist. 

Um einen deutlichen Begriff von der Art und Weise, wie die 
einzelnen Neigungen in eine allgemeine funktionelle Organisation ver- 
einigt werden können, zu geben, wollen wir die wichtigsten Hauptfähig- 
keiten etwas näher betrachten. 

Als Beispiele sollen uns einige Neigungen dienen, die sich auf die 
Wahrnehmungs- und Gedächtnisprozesse beziehen. Hier müssen vor 
allem folgende Seiten dieser Prozesse hervorgehoben werden: die Ein- 
prägung, das Aufbewahren im Gedächtnisse, die Reproduktion und 





1) Vortrag von Lasurski und Rumjanzew: „Experimentelle Studien über die indivi- 
duellen Differenzen des Auffassungsprozesses“ in der Gesellschaft für normale und patho- 
logische Psychologie, 1909. 


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Wiedererkennung. Wir werden gezwungen, anzuerkennen, daß ihnen 
besondere Hauptneigungen zugrunde liegen, denn alle diese Seiten eines 
komplizierten Prozesses werden von dem Bewußtsein deutlich unter- 
schieden, sind einer weiteren Analyse nicht zugänglich und zeichnen sich 
durch eine gewisse Selbständigkeit aus, d. h. ihre Potenzen entwickeln 
sich bei einer und derselben Person nicht parallel. Nichtsdestoweniger 
muß man von unserem Standpunkte anerkennen, daß diese Unabhängig- 
keit relativ und nicht absolut ist. Alle oben genannten Neigungen 
stellen keine selbständige Substanzen dar, sondern nur einzelne Seiten 
eines allgemeineren, noch wenig erforschten psycho-physiologischen Pro- 
zesses, welcher die Möglichkeit der Wahrnehmung und Aufbewahrung 
konkreter Eindrücke bedingt. Bei Einwirkung eines äußeren Anreizers, 
an den er sich adaptiert, verändert dieser Prozeß die Richtung 
seiner Tätigkeit, und verläuft von nun an in dieser neuen Richtung. 
Eine solche Adaptation der entsprechenden Neigung an den Anreizer 
bildet, wie es scheint, eine der wichtigsten Seiten des Wahrnehmungs- 
prozesses (über die anderen Seiten weiter unten). Auf diese Weise er- 
weist sich der Wahrnehmungsprozeß aufs engste mit demjenigen der 
Einprägung ins Gedächtnis verbunden. Nicht ohne Grund versucht man 
gegenwärtig sie beide unter dem gemeinsamen Namen der „Merkfähig- 
keit“ zu vereinigen. 

Ist die durch den betreffenden Anreizer bewirkte Veränderung in 
der Richtung der gegebenen Funktion genügend stark gewesen, so bleibt 
sie auch nach der Entfernung des Anreizers bestehen und bildet die 
Grundlage zu der sogenannten Aufbewahrung im Gedächtnisse. In 
diesem Sinne kann das Gedächtnis als eine der Gewohnheit verwandte 
Erscheinung betrachtet werden, da diese beide Erscheinungen sich durch 
dieselbe charakteristische Seite auszeichnen, nämlich durch ein äußeres 
Gepräge, welches von einem zufälligen Anreizer auf die Äußerung (resp. 
Richtung) des betreffenden Prozesses gedrückt wird. Dieses Gepräge 
wird auch dann bewahrt, wenn der gegebene Prozeß infolge seiner Ab- 
nahme sich nicht mehr im Bewußtsein dokumentiert. Nimmt die An- 
spannung des Prozesses unter dem Einflusse beliebiger Umstände zu, so 
entsteht das betreffende Bild in unserem Bewußtsein wieder. Darin 
besteht der Reproduktionsakt 1). Kommen andere, neuentstandene Wahr- 
nehmungen (d. h. neue Veränderungen in der Tätigkeit der entsprechenden 
Neigung) den früheren Veränderungen inbezug ihrer Richtung so nahe, 





1) Von diesem Standpunkte aus wird die sogenannte „Perseverationstendenz der Vor- 
stellungen“ vollkommen verständlich, 
Pädagog. Monographien, herausgegeben von Meumann, Bd. XIV. 
(Lasurski, Ueber das Studium der Individualität). 3 


ala 


daß sie nach einiger Adaptation mit diesen vollkommen zusammenfallen, 
so erhält man den Prozeß des Wiedererkennens. 

Wir sehen also, daß die Einprägung, Aufbewahrung, Reproduktion 
und das Wiedererkennen (auch mehrere andere Äußerungen, über die 
siehe weiter unten) keine abgegrenzte, selbständige Substanzen vorstellen, 
sondern bloß einzelne, verhältnismäßig unabhängige Seiten 
eines allgemeinen, ununterbrochen dauernden, die Grundlage unseres 
ganzen Seelenlebens bildenden Prozesses. Daraus folgt, daß diese Seiten 
nicht nur den intellektuellen Gebilden eigen sein müssen, sondern allen 
unseren seelischen Erlebnissen ohne Ausnahme. Von diesem Standpunkte 
aus wird Ribot’s Behauptung begreiflich, daß wir neben dem intellek- 
tuellen Gedächtnisse auch das affektive unterscheiden sollen, welches 
letztere nicht gänzlich auf das erstere reduziert werden kann. Denn 
auch die emotionellen Neigungen jedes gegebenen Menschen können sich 
verändern, indem sie sich an neue Anreizer adaptieren, wodurch neue 
Gefühlserlebnisse entstehen; diese Veränderungen in der Tätigkeits- 
richtung der entsprechenden Neigungen können fortbestehen, ab- und zu- 
nehmen u.s.w. ganz in der oben beschriebenen Weise. Auf dem Gebiete 
der Willensprozesse spielen die gewohnheitsmäßigen willkürlichen und 
automatischen Handlungen oder genauer eine gewisse Aufeinanderfolge 
der äußeren und inneren Impulse, die auch behalten, reproduziert u. s. w. 
werden kann, eine Rolle, die derjenigen der Wahrnehmungs- und Ge- 
dächtnisvorstellungen analog ist. Sobald wir den Standpunkt des ex- 
tremen Intellektualismus verlassen und die verhältnismäßige Selbständig- 
keit der Gefühls- und Willensprozesse anerkennen, werden wir gezwungen, 
auch auf diese letzten die Grundseiten oder Hauptneigungen, die den 
intellektuellen Erlebnissen eigen sind, auszudehnen. Wir werden ge- 
zwungen anzuerkennen, daß die Bildung neuer Vorstellungen, sowohl der 
wahrgenommenen als der reproduzierten, nach demselben Typus geschieht, 
wie die Bildung neuer Gefühle und Willensäußerungen. Der Unterschied 
zwischen diesen im Grunde gleichartigen Prozessen wird einerseits durch 
die Eigentümlichkeiten der entsprechenden Anreizer, andererseits durch 
die verschiedene Stellung, welche die Verstandes-, Gefühls- und Willens- 
neigungen den inneren und äußeren Anreizern gegenüber einnehmen, 
bedingt. | 

Wie bekannt besteht der Wahrnehmungsprozeß nicht nur im der 
Einprägung der äußeren Gebilde (resp. der Elemente dieser Gebilde) und 
deren Assimilation an die reproduzierten Vorstellungen, sondern auch in 
der Vereinigung aller dieser getrennten Bilder zu einem Ganzen. Diese 
Synthese bildet eine abgesonderte charakteristische Seite des Prozesses, 


a e 


deren Selbständigkeit auf dem Wege der Beobachtung bewiesen werden 
kann. Wir führen hier eine solche Beobachtung aus eigener Erfahrung an. 

In das Lesen und Durcharbeiten eines speziellen psychologischen 
Traktats vertieft, saß ich an einem Sommertage auf meinem Zimmer. 
Bei der Lektüre des in einem trockenen und abstrakten Stil geschrie- 
benen Werkes waren meine Hauptbemühungen darauf gerichtet, die 
einzelnen Gedanken des Verfassers einander gegenüberzustellen, sie zu 
verknüpfen und den Grundgedanken auszuscheiden. Nach einiger Zeit 
verließ ich das Buch, betrat den Garten und, einen Pfad einschlagend, 
ging ich einer kleinen von Bäumen umschatteten Wiese zu. Diese 
Bäume hatte ich schon vielmals gesehen und, wie es bei wohlbekannten 
Gegenständen geschieht, interessierte ich mich gewöhnlich nicht sowohl 
für das Ganze, als für die Details, die einzelnen Eigentümlichkeiten und 
kleinen Veränderungen, die in den Bäumen oder in der Wiese, die sie 
umstanden, bemerkt wurden. Aber diesmal, als ich stehen blieb und 
einen Blick um mich warf, trat die Wiese mit den sie umrahmenden 
Bäumen mir als etwas Ganzes, als ein einziges Bild entgegen. Das 
Bewußtsein dieser Einheit war so lebhaft und unterschied sich so stark 
von den früheren Wahrnehmungen derselben Objekte, daß meine Auf- 
merksamkeit unwillkürlich davon gefesselt wurde. 

Dieser Vorfall kann, wie uns scheint, nur auf folgende Weise erklärt 
werden. Das Lesen des psychologischen Traktats, welches mit inten- 
siven Bemühungen, die einzelnen Gedanken zu vergleichen und zu ver- 
binden, verbunden war, rief die gesteigerte Betätigung jener Neigung 
oder jenes uns unbekannten psycho-physiologischen Mechanismus hervor, 
dessen Wirkung wir die synthetische nennen (komplexe Einheitsapper- 
zeption nach Lipps). Nachdem ich in den Garten getreten war, kombi- 
nierte sich die Tätigkeit dieses stark erregten und noch nicht zur Ruhe 
gelangten Mechanismus mit dem neuen Inhalt, die nun mein Bewußtsein 
erfüllte und im Resultat entstand jenes ungewöhnliche obenerwähnte 
Erlebnis. Das Entstehen der synthesierenden Tätigkeit durch die „Kon- 
stellation“ oder durch den Inhalt „der Apperzeptionsmassen der Vor- 
stellungen“ zu erklären ist gegebenenfalls offenbar nicht möglich, da die 
Vorstellungen und Gedanken, durch die Lektüre des psychologischen 
Traktats hervorgerufen, dem Inhalte nach mit den Eindrücken, welche 
beim Eintritt in den Garten in mein Bewußtsein drangen, nichts gemein 
hatten. Diese Neigung zur Vereinheitlichung, die nicht mit der schöpfe- 
Tischen Synthese des Bewußtseins identifiziert werden soll, ist nicht nur 
F. ii A nn sondern auch für die Individualpsycho- 
k Ei er i eutung. Nicht selten gibt es Menschen, bei denen 

prägungs- und die Assimilationsfähigkeit stark entwickelt sind, 
3* 


— 36 — 


dagegen aber das Synthesieren verhältnismäßig gering ist, weshalb ihre 
intellektuellen Vorstellungen, wie auch ihre Gefühle und Triebe, trotz 
ihrer Intensität und Schärfe doch als fragmentarisch und miteinander 
unverbunden erscheinen. Auch umgekehrte Fälle sind möglich. 

Bisher war nur von den psychischen (resp. psycho-physiologischen) 
Neigungen, welche sich auf die Bildung und Bewahrung von einzelnen 
konkreten Eindrücken, Vorstellungen, Gefühlen und Wünschen beziehen, 
die Rede. Der größte Teil dieser Neigungen muß zu den niederen 
gezählt werden (die Einprägungs-, Aufbewahrungs-, Reproduktions- und 
Wiedererkennungsfähigkeiten), einige von ihnen — zu den höheren, wie 
die Neigung zur Synthese. Zu den höheren Neigungen müssen offenbar 
auch die Abstraktionsfähigkeit, die Neigung zur Schlußbildung und ähn- 
liche gezählt werden. 

Der Abstraktionsprozeß oder die Bildung der Allgemeinvorstellungen 
und der abstrakten Begriffe zeichnet sich durch eine gewisse Un- 
abhängigkeit von den rein konkreten Prozessen der Einprägung und des 
Behaltens aus. Wie die obenerwähnte Neigung zur Synthese, kann die 
Abstraktionsfähigkeit mit verschiedenen konkreten Vorstellungen, die 
miteinander nichts gemein haben, in Verbindung treten. Bekanntlich 
kann ein und derselbe abstrakte Begriff bei verschiedenen Menschen und 
zu verschiedener Zeit die mannigfaltigsten „Vertreter“ haben. Sehr 
belehrend sind in dieser Hinsicht die Experimente von Binet'), der auf 
Grund einer genauen experimentellen Analyse zu dem Schluß gelangt, 
daß abstrakte Begriffe nicht nur mittels der verschiedenartigsten Bilder, 
sondern zuweilen auch ganz ohne irgend welche deutlich zum Bewußt- 
sein kommende Bilder gedacht werden können. Ferner können wir 
öfters beobachten, wie ein Mensch, der sich durch eine bedeutend ent- 
wickelte Abstraktionsfähigkeit auszeichnet, nachdem er plötzlich in eine 
für ihn ganz neue Umgebung versetzt worden ist und sich gezwungen 
sieht eine ganz neue Tätigkeit anzufangen, bald auch hier die Grund- 
züge seines Charakters äußert: die neuen konkreten Eindrücke und Vor- 
stellungen verbindet er, vergleicht und abstrahiert grade auf dieselbe 
Weise, wie er es mit den früheren getan hat. Nicht weniger häufig 
kommen Fälle vor, wo die Abstraktionsfähigkeit einen sehr bedeutenden 
Grad der Entwicklung erreicht, zugleich aber das Gedächtnis und die 
Beobachtungsgabe bei demselben Menschen verhältnismäßig schwach ent- 
wickelt sind, was auch auf die relative Unabhängigkeit dieser zwei Arten 


von psychischen Neigungen hinweist. 
Alle diese Tatsachen reden unserer Meinung nach entschieden zu 


1) A. Binet, L’etude expérimentale de l'intelligence. 


I ES 


gunsten der‘ Selbständigkeit der Abstraktionsfähigkeit, welche eine be- 
sondere psychische (resp. psycho-physiologische) Neigung höherer Art 
bildet, die nicht auf eine Summe der niederen, wie z. B. auf die ver- 
schiedenen Kombinationsarten der assoziativen Vorstellungsreihen redu- 
ziert werden kann. In dieser Hinsicht fallen die Resultate der Beob- 
achtung und des Experiments vollkommen mit den Ergebnissen der un- 
mittelbaren Selbstbeobachtung, von denen im vorstehenden Kapitel die 
Rede gewesen ist, zusammen, nämlich enthalten die Außerungen jeder 
höheren Neigung nicht nur die Gesamtheit der Außerungen von anderen, 
niederen Neigungen, welche mit ihr verbunden sind, sondern stets noch 
etwas Ergänzendes, der weiteren Analyse Unzugängliches und zugleich 
eben für die gegebene höhere Neigung sehr Charakteristisches. Dieses 
Neue, Ergänzende kann nicht als eine logische Kategorie betrachtet 
werden, sondern es ist die Außerung einer selbständigen Neigung, deren 
Intensität und Anspannung zu- und abnehmen können, und die sich in 
der innigsten organischen Verbindung mit anderen psychischen Neigungen 
und Dispositionen befindet. 

Indem wir eine solche relative Unabhängigkeit der höheren Nei- 
gungen von den niederen anerkennen, möchten wir durchaus nicht die 
Lösung der Frage nach der Richtigkeit oder Unrichtigkeit der Evolu- 
tionshypothese, die das Hervorgehen der höheren Neigungen aus den 
niederen auf dem Wege einer langsamen, allmählichen Veränderung und 
demjenigen der Vererbung zuläßt, vorwegnehmen. Im Gegenteil erscheint 
uns diese Hypothese als sehr wahrscheinlich. Zu ihren Gunsten spricht 
die Tatsache, daß es beinahe immer möglich ist, zwischen den niederen 
Neigungen und den ihnen entsprechenden höheren eine Reihe von Über- 
gangsformen zu konstatieren, welche das Feststellen einer scharfen, be- 
ständigen Grenze nicht zulassen. Ein solches Bindeglied ist im gegebenen 
Fall die Neigung zur Entstehung der Allgemeinvorstellungen, welche 
eine Ubergangsstufe zwischen den konkreten Vorstellungen und den ab- 
strakten Begriffen bilden. Unerachtet dieser Bindeglieder sind jedoch 
die äußersten Glieder dieser ununterbrochenen Reihe bei dem erwachsenen 
Menschen, wie wir ihn kennen, nicht nur von einander wesentlich ver- 
schieden, sondern auch in einem bedeutenden Grade in ihrer Tätigkeit 
voneinander unabhängig. Eben diese Unabhängigkeit ist es, welche die 
empirische Psychologie im allgemeinen und die Individualpsychologie im 
besonderen veranlaßt, die höheren und die niederen Neigungen als selb- 
ständige Elemente des psychischen Lebens einander gegenüberzustellen. 

Wenn wir unsere psychische Neigungen als das Resultat der Adap- 
tation der neuro-psychischen Organisation an die Umgebung betrachten, 
so wird eine solche Gegenüberstellung der höheren und der niederen 


Neigungen auch durch den Unterschied der ihnen entsprechenden An- 
reizer gerechtfertigt. Die Anreizer der konkreten Neigungen (z. B. das 
Glockengeläute von einem Kirchturm, der sich unserem Fenster gegen- 
über befindet) zeichnen sich durch größere Beschränktheit im Sinne des 
Gebundenseins an eine gegebene, bestimmte Erscheinung der äußeren 
Welt aus. Ferner, obgleich bloß eine einzige Seite des äußeren Prozesses 
als Anreizer im eigentlichen Sinne erscheint (das Verhältnis zwischen 
den Schwingungen des tonerzeugenden Gegenstandes und der Tonlosig- 
keit, d. h. Unbeweglichkeit der umgebenden Luft), aber diese eine Seite 
ist so eng mit den übrigen verschmolzen, daß eigentlich die ganze Er- 
scheinung mit allen ihren Seiten als Anreizer erscheint. Im Gegenteil 
können die Rolle des unmittelbaren Anreizers einer höheren Neigung 
(wir sprechen an diesem Ort nur von den unmittelbaren Anreizern und 
nicht von den zufälligen Veranlassungen zur Entstehung dieser Anreizer — 
siehe Kap. I) solche äußere und innere Erlebnisse übernehmen, die, was 
ihren Inhalt anbetrifft, öfters nichts miteinander gemein haben und nur 
ein ähnliches Schema darbieten. Z. B. kann das Pflichtgefühl (welches, 
wie wir weiter unten sehen werden, auch zu den höheren Neigungen 
gezählt werden muß) unter dem Einfluß der verschiedensten Ereignisse 
und Eindrücke entstehen, nur ein gewisses Verhältnis ist dazu erforderlich, 
nämlich dasjenige des Konflikts zwischen dem unmittelbaren Trieb und 
dem Gedanken an die Unzulässigkeit dieses Triebes. Das eben bedingt 
das Allgemeine und Abstrakte der höheren Neigungen, was so charak- 
teristisch für sie ist. 

So haben wir denn anerkannt, daß der Unterschied zwischen den 
konkreten Vorstellungen und abstrakten Begriffen nur einen speziellen 
Fall des allgemeinen Unterschieds zwischen den höheren und niederen 
Neigungen bildet. Der Schluß liegt nahe, daß ein ähnliches Verhältnis 
auch auf anderen Gebieten unseres seelischen Lebens beobachtet werden 
könnte. In der Tat finden wir etwas Analoges auch auf dem Gebiet 
der Willensprozesse. 

Es ist oben bereits auf die Ähnlichkeit hingewiesen worden, die in 
einigen Hinsichten zwischen den konkreten intellektuellen Vorstellungen 
einerseits und den gewohnheitsmäßigen Handlungen andererseits besteht. 
Wie jene zeichnen sich auch diese durch Kompliziertheit und durch 
Reichtum an Details aus; dabei sind sie auch ebenso partiell oder be- 
schränkt, d. h. sie scheinen eben an das gegebene Bedürfnis, an die 
komplizierte Gesamtheit der Umstände, denen sie ihre Entstehung ver- 
danken, angepaßt zu sein. Kern 

Einen etwas bedeutenderen Grad der Abstraktion und Allgemeinheit 
besitzen im Vergleich zu den gewohnheitsmäßigen Handlungen die In- 


an nn ein m 


nt 39 


stinkte. Hier sind bereits komplizierte psycho-physiologische Akte nicht 
mehr an irgend ein bestimmtes Objekt angepaßt, sondern an eine ganze 
Gruppe mannigfaltiger Erscheinungen, die einander in irgend einer Hin- 
sicht analog sind. Die Katze springt nicht nur der Maus nach, sondern 
auch dem Knäuel wie jedem sich rasch fortbewegenden Gegenstand. 
Noch allgemeiner erscheinen uns solche Instinkte, wie das Bedürfnis zu 
arbeiten oder der Selbsterhaltungstrieb. Indem wir von Stufe zu Stufe 
heraufrücken, gelangen wir schließlich zu den allgemeinsten und ab- 
straktesten Äußerungen des Willens. Das sind: die aktive Aufmerk- 
samkeit, d. h. die Fähigkeit, willkürlich diese oder jene Gefühle oder 
Vorstellungen im Bewußtsein festzuhalten; die Hemmungsfähigkeit, die 
uns erlaubt verschiedene, im Augenblick unerwünschte Erlebnisse zu 
unterdrücken, oder sie aus dem Bewußtsein zu entfernen u. s. w. 

Dabei muß berücksichtigt werden, daß die partiellen konkreten 
Neigungen, die einen Teil des Willensprozesses ausmachen und auf die 
oben hingewiesen worden ist, eben solche selbständige Seiten der neuro- 
psychischen Organisation sind, wie die allgemeineren, abstrakten Willens- 
fähigkeiten. Es ist z. B. nicht möglich die intellektuelle Leistungsfähig- 
keit, oder die Fägkeitih zur aktiven Aufmerksamkeit, oder die Beharr- 
lichkeit im Handeln und Wandeln (resp. die Stabilität der Willensan- 
spannung), als einfache Äußerungen oder Richtungen einer einzigen, 
höheren Fähigkeit — des Willens zu betrachten. Die Erfahrung lehrt 
im Gegenteil, daß es Menschen gibt, bei denen die Äußerungen der 
Willensanspannung in ihrer allgemeinsten Form, d. h. inbezug auf die 
höheren, abstrakten Motive und Bestrebungen einen hohen Grad der 
Intensität erreichen können, die aber im Alltagsleben, wo die eben er- 
wähnten konkreteren Eigenschaften der Willenssphäre tätig sind, voll- 
kommen hilflos sind. 

Was die Gefühle anbetrifft, so zwingt uns unser Standpunkt, die 
Versuche, die ganze Mannigfaltigkeit der Gefühle auf den positiven und 
negativen Gefühlston zurückzuführen, für verfehlt zu erklären. Obwohl 
wir die Hypothese der Entstehung der höheren, abstrakteren Gefühle 
aus den niederen nicht verwerfen, müssen wir aus den oben angeführten 
Gründen ihre verhältnismäßige Unabhängigkeit, wenigstens bei dem er- 
wachsenen ganz entwickelten: Menschen, anerkennen. Ebenso zeigt uns 
die Beobachtung, daß dieselben Kombinationen der intellektuellen Fähig- 
keiten sich mit den verschiedensten affektiven Dispositionen vereinigen 
können. Dieser Umstand veranlaßt uns, die emotionellen Neigungen 
aus der Zahl der übrigen als eine besondere Abart der psychischen 
Elemente auszusondern. 

Wenn Außerungen irgend welcher Neigung einander ablösen, so 


RAN re 


kann dieser Wechsel vor allem in den veränderten Anreizern gesucht 
werden. Infolge der beschränkten Quantität der psychischen Energie 
kann die Tätigkeit der gegebenen Neigung sich nicht gleichzeitig an 
alle vorhandenen Anreizer adaptieren oder mit ihnen in Wechselwirkung 
treten, sondern sie beschränkt sich nur auf diejenigen, die dank ihrer 
Intensität oder anderen Umständen sich in einer besonders günstigen 
Lage befinden. Da aber die uns umgebende Welt in beständigem Wandel 
begriffen ist, muß der während einer gewissen Zeit bevorzugte Anreizer 
allmählich seine Stellung einem andern, der z. B. an Intensität zuge- 
nommen hat, einräumen. Im Zusammenhang damit verändern sich denn 
auch die Außerungen der entsprechenden Neigung. 

Doch spielen im gegebenen Fall, abgesehen von dem Wechsel der 
Anreizer, jene subjektiv bedingten Veränderungen in der Richtung des 
betreffenden neuro-psychischen Prozesses, die unter dem Namen des 
Assoziationsprozesses bekannt sind, eine äußerst wichtige Rolle. 
Tatsächlich kann keine Neigung, wie intensiv sie auch sei, ununterbrochen, 
mit gleicher Kraft während einer unbestimmt langen Zeit wirken. All- 
mählich, infolge der Ermüdung oder unter der Einwirkung anderer im Be- 
wußtsein verlaufenden Prozesse nimmt ihre Anspannung ab. Aber diese 
teilweise Abnahme der Tätigkeit in irgend welcher Richtung zeugt noch 
nicht von einer völligen, allgemeinen Erschöpfung der gegebenen Neigung: 
bloß die Art und Weise der Äußerung, oder mit anderen Worten, die 
Tätigkeitsrichtung jenes ununterbrochenen neuro-psychischen Prozesses, 
dessen eine Seite diese Neigung bildet, hat sich verändert. Auf diese 
Veränderung kann eine zweite, eine dritte folgen u. s. w., bis zuletzt 
die wirkliche Erschöpfung der gegebenen Neigung eintritt, oder bis 
andere Seiten der neuro-psychischen Organisation kraft irgend welcher 
Umstände in den Vordergrund treten und die psychische Energie auf 
sich lenken. Ein solcher sukzessiver Wechsel in der Tätig- 
keitsrichtung einer und derselben Neigung bildet unserer 
Meinung nach die Basis jedes assoziativen Prozesses, sowohl desjenigen 
der Vorstellungen, wie desjenigen der übrigen psychischen Erlebnisse. 

Wenn irgend ein komplizierter organischer Prozeß seine Tätigkeits- 
richtung verändert, beobachten wir gewöhnlich Folgendes: erstens ge- 
schehen allmähliche Modifizierungen leichter (deshalb auch öfter), als 
plötzliche, die Richtung des gegebenen Prozesses radikal brechende Ver- 
änderungen; zweitens treten gewohnheitsmäßige, schon früher vorge- 
kommene Veränderungen leichter ein, als ganz neue, ungewohnte. Diese 
allgemeine Regel muß offenbar auch auf jene wenig erforschten, kompli- 
zierten und dauerhaften psycho-physiologischen Prozesse bezogen werden, 
welche die Grundlage jeder elementaren Neigung überhaupt bilden. 





ROY. RN 


Vielleicht läßt sich durch eben diesen Umstand die wichtige Rolle er- 
klären, welche die Prinzipien der Ähnlichkeit und der Berührung 
in dem sukzessiven Wechsel überhaupt aller unserer seelischen Zustände 
spielen: die allmählichen Übergänge bedingen die Ähnlichkeitsassoziation, 
die gewohnheitsmäßigen Übergänge — die Berührungsassoziation, welche 
stets nichts anderes ist, als die Wiederholung schon dagewesener Kom- 
binationen. 

Eire solche Deutung des Assoziationsprozesses verbietet uns vor 
allen Dingen, die Entstehung dieses Prozesses irgend einem besonderen 
Vermögen zuzuschreiben, welches speziell dazu bestimmt wäre, unsere 
seelischen Erlebnisse miteinander zu verbinden. Im Gegenteil sehen 
wir, daß die Neigung zur Assoziation, wie all die übrigen psychischen 
Neigungen, nichts anderes ist, als eine gewisse Seite der Tätigkeit 
unserer neuro-psychischen Organisation. Dank dem Umstand, daß keine 
Fähigkeit während einer unbestimmt langen Zeit dieselbe Tätigkeits- 
richtung bewahren kann,‘ findet ein beständiger Wechsel der Richtung 
statt, wobei die Gesetze, die diesen Wechsel regieren, für alle Abarten 
unserer psychischen Tätigkeiten vollkommen gleich sind. Die Assoziation 
der Gefühle, der Wünsche, der Bewegungen, der Handlungen, ja sogar 
diejenige der abstrakten Begriffe und der allgemeinsten sittlichen Be- 
weggründe und Impulse ist von diesem Standpunkte vollkommen in 
demselben Maße zulässig, wie die allergewöhnlichste, typische Vor- 
stellungsassoziation. 

Diese Tendenz zum Wechsel der Tätigkeitsrichtung dieser oder jener 
Neigung (resp. Gruppe von Neigungen) kann in jedem einzelnen Fall 
mehr oder weniger scharf ausgedrückt sein, im Zusammenhang sowohl 
mit den äußeren Umständen, als mit den individuellen Eigentümlich- 
keiten des gegebenen Subjekts. Zuweilen erleidet die Richtung der im 
gegebenen Moment tätigen Gruppe von Neigungen einen fortgesetzten 
Wechsel, wobei sie eine lange Kette sukzessiver Assoziationen bildet; 
in anderen Fällen wird die ursprüngliche Richtung auch trotz des 
Wechsels in der Umgebung von der gegebenen Neigung bis zu deren 
völliger Erschöpfung oder Verdrängung durch andere, intensiver ge- 
wordene Neigungen bewahrt. Die Schwankungen, welche die Neigung 
zur Assoziation der seelischen Erlebnisse in betreff ihrer Potenz und 
Anspannung erleidet, gibt uns das Recht, sie mit anderen psycho- 
physischen Neigungen zusammenzustellen, die ja auch wie sie bloß 
einzelne, verhältnismäßig unabhängige Seiten oder Teile eines gemein- 
samen funktionellen Ganzen sind. 

Die Assoziation fassen wir also als einen Wechsel oder eine Kom- 
bination der seelischen Erlebnisse auf, die auf dem Gebiet einer einzigen 


psychischen Neigung, oder höchstens auf dem Gebiet gleichartiger, 
einander nahe stehender Neigungen vor sich gehen: z. B. die Assoziation 
von Vorstellungen, die sich auf verschiedene Sinnesorgane beziehen, die 
Assoziation der niederen Gefühle oder Wünsche mit den höheren u. s. W. 
Von diesem Standpunkte erscheint die übermäßige Erweiterung des Be- 
griffs der Assoziation, bei der unter dieser letzten alle psychischen 
Verbindungen ohne Ausnahme verstanden werden, als vollkommen un- 
erlaubt. Es ist unrichtig, z. B. jene Fälle mit dem Namen der Asso- 
ziation zu belegen, bei denen irgend eine Wahrnehmung oder eine repro- 
duzierte Vorstellung ein ihnen entsprechendes Gefühl wachrufen, denn 
hier haben wir es eher mit der anreizenden Wirkung zu tun, die die 
Außerungen einer psychischen Neigung auf eine andere ausüben. Ebenso 
müssen jene Fälle ausgeschlossen werden, wo eine gewisse Aufeinander- 
folge der psychischen Erlebnisse durch ein inneres, organisches Band, 
welches die diesen Erlebnissen zu Grunde liegenden Neigungen mitein- 
ander verbindet, bedingt wird. 

Erläutern wir es durch ein Beispiel: irgend ein eigentümliches, 
ungewöhnliches Gefühl entsteht im Bewußtsein des Menschen und er- 
innert ihn an ein anderes, ähnliches, früher erlebtes Gefühl (Ähnlich- 
keitsassoziation der Gefühle. Wenn in der Vergangenheit die Ent- 
stehung und Entwicklung dieses Gefühls unangenehme Folgen gehabt 
hat (Berührungsassoziation der Gefühle), so versucht der durch bittere 
Erfahrung belehrte Mensch sofort durch eine energische Willens- 
anstrengung das neu entstehende Gefühl zu unterdrücken. Die affek- 
tiven Ähnlichkeits- und Berührungsassoziationen sind in diesem Falle 
Bindeglieder, die im Bewußtsein die Entstehung eines zusammengesetzten 
Anreizers (der Erinnerung) hervorrufen; dieser letzte besteht aus emo- 
tionellen und intellektuellen Elementen und ruft endlich die Willens- 
anstrengung hervor. Dieses Endresultat muß aber nicht mehr als 
Assoziation betrachtet werden, sondern als die Anreizung der Willens- 
neigung durch einen entsprechenden inneren Anreizer. 

Aus dem ÖObengesagten erhellt, daß der Assoziationsprozeß seinem 
Wesen nach nicht sowohl der subjektiven (endogenen), sondern vielmehr 
der objektiven (exogenen) Seite der Tätigkeit unserer neuro-psychischen 
Organisation angehört. Hier haben wir es nicht mit dem Wechsel ver- 
schiedener Neigungen, sondern bloß mit dem Wechsel der Angriffspunkte 
einer und derselben Neigung, ihrer äußeren, objektiven Außerungen, die ` 
sich in dieser oder jener Richtung gestalten, zu tun. Diesem äußeren, | 
objektiven Charakter der Assoziation entspricht auch vollkommen die 7 
Art der Entstehung von Assoziationsverbindungen; bekanntlich stellen j 
gewöhnlich die typischen Assoziationen nichts anderes vor, als einen ` 








A RE 


getreuen Abdruck der Wechselbeziehung zwischen äußeren Eindrücken, 
die ihrem Inhalte nach einander nahe stehen oder sich mehrmals in 
einer gewissen Aufeinanderfolge wiederholt haben. 

Im Gegenteil wird der Begriff der Apperzeption gewöhnlich 
benutzt, um die mehr subjektive Seite eines jeden psychischen Pro- 
zesses zu bezeichnen. Von unserem Standpunkte kann man die inten- 
sive Betätigung der bei dem gegebenen Individuum am 
meisten entwickelten Neigungen (vorzüglich der höheren) 
an dem betreffenden psychischen Prozeß mit dem Namen 
der Apperzeption belegen. Indem wir den Charakter eines beliebigen 
Menschen allmählich kennen lernen, wird es uns schließlich möglich, 
einen gewissen Kern seiner Persönlichkeit auszusondern, d. h. eine Ge- 
samtheit untereinander engverbundener psycho-physiologischer Neigungen, 
die sich durch maximale Potenz und Stabilität auszeichnen, zu finden. 
Wenn gleichzeitig und energisch mehrere derartige Neigungen (besonders 
aus der Zahl derjenigen; welche wir oben als die höheren bezeichnet 
haben) in Tätigkeit gesetzt werden, erreicht der Apperzeptionsprozeß 
den höchsten Grad der Kraft und Tiefe, zu dem der betreffende Mensch 
fähig ist. Ist aber das Bewußtsein zeitweilig von Äußerungen anderer, 
weniger intensiver Neigungen erfüllt, bleibt der ganze Prozeß blaß und 
undeutlich; mit anderen Worten fehlt es der Apperzeption, die nicht 
unmittelbar mit dem Zentrum der Persönlichkeit verbunden ist, an Voll- 
ständigkeit und Tiefe. In diesem Sinne des Wortes erscheint die 
Apperzeption als der wahre Ausdruck der Persönlichkeit des 
gegebenen Individuums. 

Als ein charakteristisches Merkmal der Apperzeption wird nicht 
selten ihre Aktivität hervorgehoben, welche diesen Prozeß von den 
passiv verlaufenden Assoziationen unterscheidet und den Gedanken an 
die Identität des Prozesses der Apperzeption mit einfachen und zt- 
sammengesetzten Willensakten nahelegt. Von einer kritischen Unter- 
suchung der voluntaristischen Apperzeptionstheorie abstehend, bemerken 
wir an dieser Stelle bloß, daß von unserem Standpunkte diese Theorie 
nicht angenommen werden kann. Sobald wir die Apperzeption als die 
intensive Betätigung der bei dem gegebenen Individuum am meisten 
entwickelten Neigungen, besonders der höheren, an dem betreffenden 
psychischen Prozeß definiert haben, folgt daraus, daß wir diesen Begriff 
nicht ohne Grund verengern dürfen, indem wir die Apperzeption mit 
dem Willensvorgang oder der Willensanstrengung identifizieren. Weiter 
unten wird gezeigt werden, daß bei vielen Menschen als die charak- 
teristischste Seite, als der Kern ihrer Persönlichkeit nicht die Entwicklung 
ihrer Getühls- und Willensneigungen erscheint, sondern diejenige ihrer 


a ar 


intellektuellen Neigungen. In diesen Fällen enthält wohl der Apper- 
zeptionsprozeß einige ergänzende Gefühls- und Willenselemente (das 
Interesse, die Konzentration der Aufmerksamkeit), aber seinen Grund- 
bestand bildet doch eine intensive Tätigkeit der intellektuellen Nei- 
gungen, die diesen gegebenen Menschen charakterisieren, wie z. B. die- 
jenige der Wahrnehmung, der Assimilation, der reproduktiven Phantasie 
u.s.w. Was aber das Gefühl der Aktivität anbetrifft, welches stets 
jeden einigermaßen deutlich ausgedrückten Apperzeptionsprozeß zu be- 
gleiten pflegt, so bildet es nicht die Ursache, sondern bloß die Äußerung 
dieses Prozesses. Die intensive Teilnahme eines ganzen Komplexes 
stark entwickelter Neigungen am betreffenden Prozeß steigert scharf die 
Totalsumme der Tätigkeit der gegebenen neuro-psychischen Organisation, 
und eben diese Steigerung der Tätigkeit dokumentiert sich im Bewußt- 
sein durch das Gefühl der Aktivität. 

Als weitere, nicht minder wichtige Merkmale der Apperzeption 
erscheinen die Bewußtheit des gegebenen psychischen Prozesses und die 
Vereinigung der einzelnen bewußten Erlebnisse zu einem Ganzen. 
An dieser Stelle müssen ein paar Worte darüber gesagt werden, wie 
sich der Begriff der Neigung und deren Äußerungen zur Frage nach 
dem Bewußtsein und dem Unbewußten verhält. Als die charakteristischen 
Merkmale jedes Bewußtseins erscheinen die Lebhaftigkeit und Deutlich- 
keit der bewußten Erlebnisse, wie auch das Entstehen von bestimmten 
Verhältnissen zwischen ihnen. Nur die Gesamtheit dieser Merkmale 
macht den psychischen Prozeß zu einem vollkommen bewußten, wogegen 
der Mangel irgend eines von ihnen die Abnahme der Bewußtheit zur 
Folge hat. Je schwächer der äußere Reiz, je weniger er die betreffende 
Neigung in Tätigkeit versetzt, desto weniger kommt er zu Bewußt- 
sein. Andererseits werden disparate, durch nichts mit dem übrigen 
Bewußtseinsinhalt verbundene Eindrücke trotz ihrer eventuellen Inten- 
sität sehr schnell vergessen, indem sie spurlos aus unserem Gedächtnisse 
verschwinden; mit anderen Worten wird hier ein Mangel an dem ge- 
funden, was das charakteristische Merkmal jedes Bewußtseins bildet, 
nämlich an der Kontinuität der bewußten Erlebnisse. 

Hieraus folgt vor allem, daß der Apperzeptionsprozeß, der in der 
gesteigerten Betätigung der bei dem gegebenen Individuum am inten- 
sivsten entwickelten Neigungen besteht, in einem bedeutenden Maße die 
Lebhaftigkeit und somit die Bewußtheit der entsprechenden psychischen 
Erlebnisse befördern müsse. Das geschieht nicht nur bei Vorhandensein 
äußerer oder innerer Anreizer, sondern nicht selten bei deren Mangel. 
Das wird durch den Umstand erklärt, daß jede Neigung nicht nur aus 
subjektiven (endogenen), sondern auch aus objektiven (exogenen) Ele- 


1 
| 


Be AS 


menten besteht. Alle Neigungen ohne Ausnahme sind an irgend welche 
Anreizer angepaßt. Diese Adaptation, die sich auf die Bildung einer 
bestimmten Tätigkeitsrichtung der gegebenen Neigung reduziert, erscheint 
als das Resultat der früheren mehrmaligen Wechselwirkung zwischen 
der Neigung und einem bestimmten äußeren oder inneren Anreizer; man 
kann sie gewissermaßen als eine Spur betrachten, welche das umgebende 
Medium auf dieser oder jener Seite unserer neuro-psychischen Organisation 
zurückläßtt. Dank dem Vorhandensein dieser objektiven Bestandteile 
können Neigungen, die eine bedeutende Intensität erhalten haben, auch 
beim Mangel an Anreizern sich dokumentieren. Ein hungriger Mensch 
malt sich in der Phantasie schmackhafte Speisen aus, ein Feigling sieht 
eine nicht vorhandene Gefahr, energische Leute suchen instinktmäßig 
nach einer passenden Tätigkeit, und wenn sie keine solche finden, 
erkünsteln sie sich irgend eine, um nur nicht müssig bleiben zu müssen. 
Wenn aber ein Anreizer endlich erscheint, so paßt sich die vorige 
Tätigkeitsrichtung ihm schnell an (Assimilationsprozeß), und der ganze 
Prozeß erreicht mit einem Male einen bedeutenden Grad von Lebhaftig- 
keit und Bewußtheit. 

Aus dem Gesagten erhellt, daß keine scharfe, prinzipielle Grenze 
zwischen den bewußten und unbewußten psychischen Erlebnissen ge- 
zogen werden darf. Es muß nicht von unbewußten, sondern bloß von 
wenig bewußten Prozessen gesprochen werden. Jede Neigung, die sich 
einer Tätigkeitsrichtung angepaßt hat, besitzt schon den Keim der be- 
wußten Außerung; dieser wächst in dem Maße, wie die Neigung selber 
an Intensität zunimmt und ihre Verbindungen mit den anderen Nei- 
gungen schärfer hervortreten. 

Neben einem solchen direkten Bewußtwerden der psychischen 
Erlebnisse müssen auch Fälle indirekten Bewußtwerdens unter- 
schieden werden, „welches letztere darin besteht, daß zu gewissen 
ziemlich unklaren Äußerungen sich andere deutlichere Elemente gesellen, 
die eine Art erläuterndes Schema zu den ersten bilden. Wir meinen 
an dieser Stelle hauptsächlich das, was man eine Intellektuali- 
sierung der Gefühls- und Willensprozesse nennen könnte. Unter 
allen unseren seelischen Erlebnissen zeichnen sich die intellektuellen 
durch Klarheit, Deutlichkeit und Gliederung aus. Nicht umsonst er- 
scheinen sie als das Hauptmittel der Erkenntnis, d. h. der Orientierung 
des Menschen in der komplizierten und mannigfaltigen Welt, welche 
ihn umgibt. Umgekehrt sind die Gefühle unzweifelhaft der verworrenste 
und undeutlichste Teil unseres seelischen Lebens. Deshalb benutzt man 
sehr oft intellektuelle Vorstellungen, um ein Gefühl zu klären oder 
seinen Inhalt näher kennen zu lernen. So z.B. um irgend ein früher 


ll a 


erlebtes Gefühl uns zu vergegenwärtigen (affektives Gedächtnis), behelfen 
wir uns öfters damit, daß wir uns gleichzeitig Mühe geben die Be- 
gebenheiten, von denen dieses Gefühl begleitet wurde, ins Gedächtnis 
zurückzurufen. 

Was die Einheitlichkeit der Apperzeption anbetrifft, so ist sie die 
direkte Folge der zentralen, organischen Verbindungen und Wechsel- 
verhältnisse, die zwischen den einzelnen psychischen Neigungen be- 
stehen. Die den Kern der Persönlichkeit des Menschen bildenden, 
intensiv entwickelten Neigungen erweisen sich in den meisten Fällen 
als eng miteinander verbunden. Dieses Untereinanderverbundensein der 
Neigungen ist es, wodurch hauptsächlich die Einheitlichkeit der Richtung, 
die das Seelenleben und die Tätigkeit des einzelnen Individuums be- 
herrscht, bedingt wird. Allerdings kommt hier auch den äußeren, 
assoziativen Verbindungen, die zwischen den Äußerungen mehrerer 
einzelner, einander nahestehender Neigungen, dank dieser oder jener 
Kombination der äußeren Umstände entstehen, eine gewisse Rolle zu. 
Nichtsdestoweniger wird die Hauptbasis der Apperzeptionseinheit von 
den inneren, organischen, aus dem inneren Bau unserer neuro-psychischen 
Organisation hervorgehenden Verbindungen gebildet. 

An dieser Stelle kann die Frage aufgestellt werden: wodurch wird 
die unzweifelhafte Tatsache bedingt, daß bei verschiedenen Individuen 
die synthetische Tätigkeit der Apperzeption nicht gleich scharf hervor- 
tritt? Darf daraus gefolgert werden, daß die obenerwähnten organischen 
Verbindungen zwischen einzelnen Neigungen einen verschiedenen Grad 
von Intensität besitzen und in dieser Hinsicht bedeutende individuelle 
Schwankungen darbieten können? Eine solche Vermutung erscheint 
uns nicht berechtigt zu sein. Das Bestehen von Wechselverhältnissen 
zwischen den einzelnen Seiten der neuro-psychischen Organisation ergibt 
sich unmittelbar aus der Natur dieser allen Menschen gemeinen Organi- 
sation und deshalb wird eine mehr oder weniger innige Verbindung 
zwischen zwei Neigungen durch den Inhalt dieser Neigungen selbst im 
voraus bestimmt. Der einigen Menschen eigene Mangel an Apperzeptions- 
einheit, das Fragmentarische der Handlungen und der Urteile hängt 
ausschließlich davon ab, daß die Persönlichkeit des betreffenden Menschen 
aus solchen Neigungen oder Gruppen von Neigungen zusammengesetzt 
wird, die wenig mit einander gemein haben, d.h. zu verschiedenen, 
miteinander nicht direkt verbundenen Teilen der neuro-psychischen 
Organisation gehören. Wir werden übrigens noch im Kapitel VI, 
welches von der Klassifikation der Persönlichkeiten handeln wird, darauf 


zurückkommen müssen. 





SE Aa 


Schon aus dieser kurzen Skizze erhellt es, in welchem Maße unser 
Standpunkt sich von demjenigen der alten, metaphysischen Vermögens- 
theorie unterscheidet. Um uns das Verhältnis dieser beiden Stand- 
punkte zueinander noch deutlicher zu machen, fassen wir ihre Haupt- 
unterschiede noch einmal kurz zusammen. 

Vor allem werden von uns die Neigungen, auch die elementarsten 
unter ihnen, nicht als selbständige, von einander gänzlich abgesonderte, 
nichts mit einander gemein habende Kräfte oder Substanzen gedacht. 
Von unserem Standpunkte erscheint die Personifikation der einzelnen 
Neigungen oder die bereits von Herbart mit Recht herb getadelte Ver- 
wandlung der Psychologie in Mythologie gänzlich undenkbar. Die 
einzelnen Hauptneigungen fassen wir als Seiten oder Teile der einen, 
allgemeinen neuro-psychischen Organisation des gegebenen Menschen auf. 
Allerdings können diese Teile oder Seiten in ihrer Tätigkeit und Ent- 
wicklung eine gewisse Unabhängigkeit voneinander an den Tag legen, 
wodurch die individuellen Unterschiede zwischen den einzelnen Menschen 
und die temporären oder scheinbaren Veränderungen der Persönlichkeit 
eines und desselben Menschen bedingt werden. Aber diese Unabhängig- 
keit der Tätigkeit bleibt, wie bedeutend sie auch sein möge, doch stets 


relativ, nicht absolut. Es gibt zahlreiche und mannigfaltige, aber dabei | 


vollkommen gesetzmäßige Verbindungen und Wechselbeziehungen, 
welche, indem sie allen menschlichen Individuen ohne Aus- 
en. gemeinsam sind, die jeder ld eigenen Neigungen 
zu einem Ganzen verbinden. 

Zugleich müssen im Gegensatz zu der früheren Theorie unsere 
Neigungen, auch die allgemeinsten und abstraktesten unter ihnen, 
durchaus nicht als etwas Elementares und Unveränderliches betrachtet 
werden. Im Gegenteil verwerfen wir nicht im mindesten die Vermutung, 
daß auch die höchsten Neigungen sich auf dem Wege der Evolution 
gebildet haben mögen, wie auch, daß jede von ihnen uns einmal als ein 
komplizierter Mechanismus Er nahen wird, der bloß gegenwärtig 
keiner weiteren Analyse zugänglich ist. Unser Standpunkt betont bloß 
den Umstand, daß gegenwärtig, d.h. bei dem modernen Menschen, einige 
M rasitionen oder Fähigkeiten, nämlich die elementarsten und die 
wichtigsten, so beständig in ihrer Tätigkeit und in ihren Wechsel- 
verhältnissen sind, daß sie sich in unserem Bewußtsein stets auf gleiche 
Weise de enkleren indem sie bloß quantitative (Intensität) und nicht 
qualitative Veränderungen erleiden. 

Die Frage nach dem Verhältnis der seelischen Eigenschaften zu der 
Tätigkeit des entsprechenden physischen Substrats, d. h. des zentralen 
Nervensystems, gewinnt bei uns auch eine von der alten abweichende 


Beleuchtung. Nach unserer Theorie befinden sich alle unsere Fühig- 
keiten, die niederen so gut wie die höheren, in der innigsten Verbindung 
mit der Tätigkeit des zentralen Nervensystems. Ohne uns in die Er- 
örterung der Frage nach der Natur dieser Verbindung zu vertiefen (da 
diese Frage jenseits der Grenzen unserer psychologischen Untersuchung 
liegt), beschränken wir uns bloß auf den Hinweis, daß der Standpunkt 
des empirischen Parallelismus, streng durchgeführt, sowohl für die Psy- 
chologie als für die Physiologie der Nervenzentren als der fruchtbarste 
erscheint. 

Der wichtigste Punkt aber, worin sich unsere Theorie von der 
Vermögenstheorie unterscheidet, ist unserer Ansicht nach der Umstand, 
daß wir die Fähigkeiten nicht als mit Willkür begabte Substanzen, von 
denen jede nach eigenem Belieben tätig oder. untätig ist, betrachten, 
sondern im Gegenteil als ein System untereinander verbundener Kräfte, 
deren Tätigkeit streng gesetzmäßig ist und jedesmal durch scharf be- 
stimmte Momente bedingt wird, nämlich durch das Vorhandensein oder 
den Mangel der äußeren und inneren Anreizer, durch den allgemeinen 
Zustand der neuro-psychischen Organisation und endlich durch Wechsel- 


| beziehungen, die zwischen den einzelnen Neigungen stattfinden. Der 


oben vorgezeichnete Weg erscheint uns als der zweckmäßigste für den 
Aufbau einer Mechanik des Geistes, die schon Herbart vorge- 
schwebt hat, und zu deren Elementen er nicht ganz passend die Vor- 
stellungen wählte. Eine solche Psychologie, wenn sie einmal wirklich 
geschaffen werden würde, könnte am besten den Namen einer funk- 
tionellen oder energetischen Psychologie tragen, allerdings mit 
dem einzigen Vorbehalt: ihre Hauptaufmerksamkeit hätte sie nicht 
sowohl auf die Frage nach dem Wesen der psychischen Energie und 
deren Verhältnis zur physischen zu konzentrieren (denn dieses Problem 
ist seinem Wesen nach durchaus kein psychologisches), sondern auf die 
ausführlichste Untersuchung der Tätigkeit und der Außerungen der 
verschiedenen psychischen Kräfte oder Fähigkeiten, um diese letzten 
schließlich zu einem gesetzmäßig wirkenden Ganzen zu verbinden. 


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Kapitel MI. 


Kehren wir jetzt wieder zur Frage nach der Persönlichkeit und 
deren Untersuchung zurück. Bisher waren wir hauptsächlich damit be- 
schäftigt, einige Grundbegriffe festzustellen, ohne die es unmöglich sein 
würde, sich in dem komplizierten Ganzen, das wir ein menschliches Indi- 
viduum nennen, zu orientieren. Hierher gehören Begriffe wie die ein- 
fachen und zusammengesetzten Neigungen, deren Anreizer, Potenzen, 
wirkliche und scheinbare „Veränderungen“, ferner die inneren und äuße- 
ren Äußerungen der einzelnen Neigungen, ihre Wechselwirkungen 
u. s. w. Allein unsere Aufgabe wird durch die Feststellung dieser Grund- 
begriffe bei weitem nicht erschöpft. Diese Feststellung ist vielmehr nur 
der erste Schritt zu jener systematischen Sammlung des Materials, die 
für die Individualpsychologie, wie für jede andere empirische Wissen- 
schaft durchaus unentbehrlich ist. Alle unsere theoretischen Konstruk- 
tionen sind im letzten Grunde nichts anderes als bloß Arbeitshypothesen, 
die nur in sofern nützlich sind, als sie uns erlauben, die schon bekannten 
Tatsachen zu gruppieren und neue zu entdecken. Die Individualpsycho- 
logie kommt schließlich dorthin, wohin sie die Tatsachen führen. Deshalb 
muß ausführlich untersucht und erläutert werden, auf welche Weise das 
Sammeln des faktischen Materials geschehen soll und welche Methoden 
sich zu diesem Zwecke am besten eignen. 

Im Vordergrund muß hier die Zusammenstellung von ausführlichen, 
auf Tatsachen gegründeten Charakteristiken einzelner menschlichen Indi- 
viduen stehen. Als die geeignetesten Beobachtungsobjekte erscheinen im 
gegebenen Fall Halberwachsene, im Alter von 10—15 Jahren, in welchem 
die Grundzüge der Persönlichkeit schon genügend scharf hervortreten, 
eine endgültige Form aber noch nicht angenommen haben (siehe unten). 
Daneben sind auch Beobachtungen erwachsener Menschen sehr er- 
wünscht, bieten aber gegenwärtig noch große technische Schwierigkeiten. 

Als die Fundamentalmethode erscheint gegenwärtig, wie auch ehe- 
mals, die systematische äußere oder objektive Beobachtung. Diese Me- 


Pädagog. Monographien, herausgegeben von Meumann. Bd. XIV. 
(Lasurski, Ueber das Studium der Individualität). 4 


Re a 


thode ist infolge der weitesten Verbreitung der Experimentalpsychologie 
neuerdings in den Hintergrund gedrängt worden, und einige neigen dazu, 
sie für vollkommen unwissenschaftlich zu erklären. Das ist sie auch 
im Alltagsleben, wo zufällige fragmentarische Beobachtungen mit Ver- 
mutungen und in der Eile entworfenen Hypothesen zusammengeworfen 
werden, wobei den Leitfaden nicht durchgedachte, theoretisch festgestellte 
Prinzipien bilden, sondern rein praktische Bedürfnisse, Eine wissen- 
schaftliche Bedeutung erlangt die Methode der äußeren Beobachtung nur 
bei der strengsten Beachtung und Erfüllung der nachstehenden Regel: 
an dieStelle der halbbewußtenIntuition muß die genaue, 
systematische Aufzeichnung des faktischen Materials 
und dessenbewußteAnalysetreten; alsKriterienmüssen 
bei der Wahl und Beurteilung der einzelnen Tatsachen 
dieErgebnisse der modernen wissenschaftlichen Psycho- 
logie dienen. 

Die Eigentümlichkeiten der menschlichen Charaktere entstehen, wie 
wir es oben dargelegt haben, in erster Linie dadurch, daß einzelne, in 
ihrer Gesamtheit die menschliche Persönlichkeit bildende Neigungen bei 
verschiedenen Individuen nicht gleich stark entwickelt sind. Das zwingt 
uns, bei der Zusammenstellung einer Charakteristik, uns vor allen Dingen 
durch eine während einer längeren Zeit fortgesetzte Beobachtung zu 
überzeugen, welche allgemein-psychologische Hauptneigungen bei dem 
gegebenen Individuum am stärksten entwickelt sind. Nur unter dieser 
Bedingung wird es möglich, einzelne Charakteristiken miteinander zu 
vergleichen und die Konstruktion dieses oder jenes Charakters auf Grund 
der uns bekannten psychologischen Gesetze zu erklären. 

Doch begegnen wir hier beim ersten Schritt einer sehr wesentlichen 
Schwierigkeit. Die psychischen Prozesse und ihre äußeren Außerungen 
stellen wie bekannt stets etwas Kompliziertes dar. Die Hauptneigungen 
oder die individuellen Eigentümlichkeiten, die wir in jedem einzelnen 
Fall zu erforschen haben, und deren Aufzählung im Programm der Unter- 
suchung der Persönlichkeit gegeben werden soll, kommen im Leben nie 
isoliert, in nackter Gestalt vor. Während der Beobachtung haben wir 
es nicht mit psychologischen Abstraktionen zu tun, sondern mit einem 
lebendigen Menschen, der sich bewegt, handelt, auf Reize in dieser oder 
jener Weise reagiert u. s. w. Das gleichzeitige Beobachten und Analy- 
sierenistzuschwer. DasHöchste, was ein gewissenhafter Beobachter leisten 
kann, ist — möglichst ausführlich die Äußerungen zu notieren, die ihm 
der Beachtung würdig erscheinen, um sie später bei Muße zu beurteilen, 
zu analysieren und dieser oder jener psychologischen Rubrik unterzu- 


ordnen. 


ne usia ae nenn 








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Auf diese Weise würde das abstrakte psychologische Programm, 
welches für. die planmäßige Verarbeitung des Materials, wie für die Ver- 
gleichung der einzelnen Charakteristiken unentbehrlich ist, während des 
Beobachtens selbst beinah keine Anwendung finden. Das einzige Mittel, 
welches uns erlaubt, einerseits auf eine bedeutende Zahl konkreter Auße- 
rungen hinzuweisen, andererseits aber ein nicht übermäßig weitläufiges 
Schema zur Vergleichung von einzelnen, schon verarbeiteten Charakte- 
ristiken untereinander festzustellen, besteht unserer Ansicht nach in der 
Teilung des Programms in zwei, der Größe nach ungleiche aber parallel 
nebeneinander laufende Teile. Der erste oder leitende würde die Auf- 
zählung der Grundeigenschaften oder Hauptseiten der Persönlichkeit, in- 
sofern sie als Resultate einer eingehenden psychologischen Analyse er- 
scheinen, enthalten. Der zweite oder erläuternde würde eine mehr oder 
weniger lange Reihe von konkreten Äußerungen, die den oben genannten 
Grundeigenschaften entsprechen, geben. Jede von diesen Äußerungen 
stellt freilich einen ziemlich komplizierten Prozeß dar, welcher das Vor- 
handensein auch anderer Charakterzüge zur Voraussetzung hat; aber 
diejenige Eigenschaft, als deren Äußerung wir den gegebenen Prozeß 
betrachten, findet in ihm einen besonders intensiven Ausdruck und ist 
für die Entstehung des Prozesses unentbehrlich. 

Diesem Plan sind wir beim Zusammenstellen des ersten von den 
zwei unten angeführten Programmen gefolgt. Es enthält ein Schema 
zur Untersuchung der subjektiven (endogenen) Seite der Persönlichkeit. 
Jede Rubrik des erläuternden Teiles des Programms enthält die Auf- 
zählung der typischsten Äußerungen der gegebenen Hauptneigung. Die 
Ursachen, durch die diese typischen Äußerungen bedingt werden, können 
sehr verschieden sein. Erstens kann eine und dieselbe formelle Neigung, 
je nach den äußeren Umständen oder je nach dem Charakter der Per- 
sönlichkeit selbst, sich mit den verschiedensten auf den Inhalt sich be- 
ziehenden Neigungen kombinieren; so kann z. B. eine größere oder ge- 
ringere Intensität des Begehrens und der Triebe in der Richtung 
der sinnlichen Triebe oder der intellektuellen Interessen, oder 
der ehrgeizigen Bestrebungen zum Ausdruck kommen, je nachdem diese 
oder jene Arten des Begehrens bei dem gegebenen Individuum vor- 
herrschen. Zweitens erscheinen, je nach dem den Menschen umgebenden 
Medium, bald diese, bald jene Objekte und deren Verhältnisse zu ein- 
ander als gewohnte Anreizer (was den Unterschied der Äußerungen nach 
sich ziehen muß); doch ist schon in den vorstehenden Kapiteln davon 
ausführlich gehandelt worden. Drittens können sowohl der Verlauf der 
Außerung selbst, wie die Bedingungen ihrer Entstehung bei verschiedenen 
Menschen verschieden sein; so kann z. B. die intellektuelle Leistungs- 

4* 


SIE RD AR 


fähigkeit verschiedener Subjekte durch verschiedene Arten von Kurven 
dargestellt werden; das Maximum wird bei ihnen zu verschiedenen Tages- 
zeiten erreicht u.s. w. Alle diese und mehrere andere, diesen ähnliche 
Umstände, welche die Entstehung der typischen Äußerungen der einzelnen 
Hauptneigungen beeinflussen, haben wir bei dem Zusammenstellen des 
erklärenden Programms nach Möglichkeit berücksichtigt. 

In jeder zur Reife gelangten Persönlichkeit können, wie gesagt, zwei 
Seiten unterschieden werden: die subjektive oder endogene, welche eine 
Gesamtheit der bei dem gegebenen Subjekt am intensivsten entwickelten 
psychischen (resp. psycho-physiologischen) Neigungen darstellt, und eine 
objektive oder exogene, unter der wir jenes äußere Gepräge verstehen, 
welches Erziehung, Bildung, Stand, überhaupt äußere, die Entwicklung 
des Menschen formende Einflüsse der Persönlichkeit aufdrücken. Die 
Hauptrolle kommt bei der Bildung der Persönlichkeit zweifelsohne den 
subjektiven Faktoren oder der subjektiven Seite zu, welche ihre Entstehung 
hauptsächlich der Vererbung und den ersten Jahren der Kindheit ver- 
dankt. Hierher gehören solche Eigenschaften, wie die Konzentration 
und die Stabilität der Aufmerksamkeit, die Genauigkeit und die Voll- 
ständigkeit der Wahrnehmung und des Gedächtnisses, der Entwicklungs- 
grad der Denkprozesse, die Fähigkeit oder Unfähigkeit zur dauernden 
Willensanstrengung, kurz alle die Hauptneigungen, die oben von uns so 
ausführlich besprochen worden sind. Die intensive Teilnahme der bei 
dem gegebenen Individuum am stärksten entwickelten Neigungen an 
diesem oder jenem Prozeß nennen wir Apperzeption. Im Gegenteil sind 
die professionellen Gewohnheiten eines Menschen, seine Standesüberzeu- 
gungen, wie sein soziales Glaubensbekenntnis, die Eigentümlichkeiten 
seiner Weltanschauung, die er seinem Zeitalter verdankt — nicht sowohl 
der Ausdruck der subjektiven Beschaffenheit seiner Persönlichkeit, wie 
vielmehr der Einwirkung der äußeren Umstände auf diese. Und wie es 
überall geschieht, wo äußere, objektive Einflüsse dominieren, so treten 
auch hier die Assoziationsgesetze auf den Vorderplan. Allerdings kommen 
solche, der Entwicklung der Persönlichkeit günstige Fälle vor, wo das 
umgebende Medium den Hauptneigungen des gegebenen Menschen in einem 
bedeutenden Grade entspricht, und folglich die Zunahme der Apperzeption 
befördert. Aber auch in diesen günstigen Fällen wird der betreffende 
Mensch nicht von der Notwendigkeit entbunden, sich gewisse komplizierte 
äußere Formen anzueignen, ohne die sich seine Persönlichkeit nicht nach 
außen betätigen könnte, wie einen für den gegebenen Beruf nötigen 
Vorrat an Kenntnissen, eine gewisse gewohnheitsmäßige Aufeinander- 
folge der Handlungen bei dem Ausüben dieser oder jener Tätigkeit u. s. w. 
Das Alles erfordert die Ausbildung von zahlreichen Assoziationen, d. h. 





EN 


von jenen sukzessiven Veränderungen in der Tätigkeitsrichtung der ein- 
zelnen Neigungen und jenen äußeren Verbindungen dieser Neigungen, 
welche als die unmittelbare Wirkung der äußeren Umgebung und ihrer 
Einflüsse erscheinen. 

Von allen diesen Gründen geleitet, geben wir neben dem Programm 
zur Untersuchung der endopsychischen Seite der Persönlichkeit oder der 
psychischen Hauptneigungen, auch ein von S. Franck und mir zusammen- 
gestelltes Programm zur Untersuchung ihrer exopsychischen Seite (siehe 
Anhang). Im ersten Programm fallen die Hauptrubriken mit den ge- 
wöhnlichen psychologischen Unterabteilungen zusammen. Bei dem Zu- 
sammenstellen des zweiten Programms muß man ganz andere, den ver- 
schiedenen philosophischen und biologischen Disziplinen entnommene 
Kriterien oder Einteilungsprinzipien anwenden; denn wenn die exopsy- 
chische Seite der Persönlichkeit sich unter dem Einfluß des sie um- 
gebenden Mediums, der mannigfaltigsten sozialen und anderen Faktoren 
bildet, so müssen wir bei der Klassifikation der auf diese Weise ent- 
standenen Typen Kriterien benutzen, die einem entsprechenden Gebiet 
entnommen sind. 

Es kann gefragt werden: wodurch unterscheiden sich denn in diesem 
Fall die exopsychischen Typen des zweiten Programms von den typischen 
Äußerungen der Hauptneigungen, welche den erläuternden Teil des ersten 
Programms bilden? Dort wie hier haben wir es ja mit komplizierten 
Gebilden zu tun, die jedesmal eine ganze Gruppe von Hauptneigungen 
in sich, schließen? — Der Unterschied besteht in erster Linie im quanti- 
tativen Verhältnis, denn die exopsychischen Typen sind gewöhnlich in 
psychologischer Hinsicht viel komplizierter, als die typischen Äußerungen 
der einzelnen Hauptneigungen. Der zweite und vielleicht der wesent- 
lichere Unterschied ist, daß die einfachsten Hauptneigungen wie auch 
deren typische Außerungen in den meisten Fällen noch keine soziale Be- 
deutung haben. In sozialer Hinsicht ist es vollkommen. gleichgültig, 
ob der Mensch beweglich sei oder nicht, eine stabile oder instabile 
Aufmerksamkeit besitze, ob seine physiologischen Gefühlsäußerungen 
sich durch Reichtum oder Armut auszeichnen u.s. w. Nur nachdem sich 
diese elementaren psycho-physiologischen Eigentümlichkeiten zu Gruppen, 
die manchmal sehr kompliziert sein können, vereinigt und sich auf be- 
stimmte Kategorien von Gegenständen und Erscheinungen der äußeren 
Welt gerichtet haben, gewinnen sie eine soziale Bedeutung. Und umge- 
kehrt, wenn die Charakteristik der endopsychischen Seite der Persön- 
lichkeit unser Zweck ist, erlangen die obenerwähnten Hauptneigungen 
und ihre typischen Äußerungen eine selbständige, von ihrer Teilnahme 


an irgend welchen komplizierten sozialen und anderen Funktionen unab- 
hängige Bedeutung. 


Nach diesen Vorbemerkungen gehen wir zu dem ersten Programm 
über. 


Programm zur Untersuchung 
der subjektiven (endopsychischen) Seite der Persönlichkeit. 


Erster, leitender Teil. 


I. Aufmerksamkeit. 


Erregbarkeit der Aufmerksamkeit. Konzentration (resp. Ablenkbar- 
keit) der Aufmerksamkeit. _Vorherrschen der passiven oder der aktiven 
Aufmerksamkeit. Deren Stabilität oder Instabilität. Umfang der Auf- 
merksamkeit. 


Il. Empfindungen, Wahrnehmungen. 


Schärfe der Wahrnehmungen. Zahl und Reichtum der Wahrnehmungen. 
Ihre Genauigkeit. 


l Ill. Gedächtnis. 
Einprägung. Das Wiedererkennen. Aufbewahrung im Gedächtnis. 
Reproduktion. Genauigkeit der Reproduktion. Verschiedene Arten des 
Gedächtnisses. | | 


IV. Einbildungskraft. 


Reichtum der Einbildungskraft. Lebendigkeit. Deutlichkeit der re- 
produzierten Vorstellungen. Anschauungstypen. Entwicklungsstufe der 
schöpferischen (kombinierenden) Phantasie. Arten der schöpferischen 
Phantasie. 


V. Denken. 


Fähigkeit zur Abstraktion. Weite und Enge der Begriffe. Subjek- 
tivität oder Objektivität der Urteile. Fähigkeit zum logischen Denken. 
Neigung zur Synthese. Neigung zur Analyse. 


VI. Sprache. 


Reichtum an Wortbildern. Deren dominierender Typus. Leichtig- 
keit im Kombinieren der Wortbilder. 





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VII. Allgemeine Eigentümlichkeiten der intellektuellen Sphäre. 

Vorherrschen der bewußten oder der unbewußten Prozesse. Das 
Vorherrschen der inneren Wahrnehmungen über die äußeren und umge- 
kehrt. Vorherrschen der Assoziation oder der Apperzeption. Reichtum 
oder Armut des Vorstellungsschatzes. Vorhandensein oder Mangel der 
leitenden Ideen in der geistigen Sphäre. Geschwindigkeit oder Lang- 
samkeit der intellektuellen Prozesse. Geistige Leistungsfähigkeit. Geistige 
Übungsfähigkeit. 


VIII. Stimmung und Affekte. 

Dominierende Stimmung. Stabilität oder Instabilität der Stimmung. 
Fähigkeit Freude und Leid zu empfinden. Neigung zum Zorn. Neigung 
zur Furcht oder deren Mangel. Neigung zum Erschrecken. 

IX. Inhalt der Gefühle. 


Egoistische Gefühle. Altruistische Gefühle. Intellektuelle und ästhe- 
tische Gefühle. Moralisches und religiöses Gefühl. 


X. Allgemeine Eigentümlichkeiten der Gefühlssphäre. 


Erregbarkeit der Gefühle. Stärke oder Intensität der Gefühle. ^ 


Dauerhaftigkeit oder Stabilität der Gefühle. Reichtum oder Armut an 
peripheren Außerungen der Gefühle. Einfluß der Gefühle auf die Denk- 
und Willensprozesse. 


Xl. Bewegungen. 


Reichtum oder Armut der Bewegungen. Geschwindigkeit oder Lang- 
samkeit der Bewegungen. Koordination der komplexen Bewegungen; 
motorische Ubungsfähigkeit. Stärke (resp. Schwäche) der Bewegungen; 
Leistungsfähigkeit der Muskeln. 


XII. Psychische Aktivität. Willensanstrengung. 


Stärke oder Schwäche der Wünsche und Bestrebungen. Allgemeine 
Entwicklung der psychischen Aktivität. Fähigkeit zur Konzentration 
der Willensanstrengung. Größere oder geringere Dauerhaftigkeit der 


Willensanstrengung. Hemmungsfähigkeit. Widerstandsfähigkeit den 
äußeren Einflüssen gegenüber. 


XIII. Entstehung der Entschlüsse. Wahlvorgang. 
Dominierende Tätigkeitsmotive. Neigung zum Kampf der Motive. 
Geschwindigkeit des Sichentschließens. Stabilität oder Instabilität des 
gefaßten Entschlusses. Vorhandensein der leitenden Ideen und Bestre- 
bungen. Planmäßigkeit der komplizierten Handlungen. 


Zweiter, erläuternder Teil. 


i. Aufmerksamkeit. 


i 1. Erregbarkeit der Aufmerksamkeit. Jede Veränderung 
in der Umgebung, jedes Ungewöhnliche, Hervorragende, wie alles, was 
irgend wie das Gefühl und das Interesse des Subjekts berührt, lenkt 
sofort dessen Aufmerksamkeit auf sich. Oder umgekehrt, das Subjekt 
verhält sich zu Allem mit gleicher Unaufmerksamkeit und Zerstreutheit, 
indem es unfähig ist, bei irgend etwas länger zu verweilen. 

2. Konzentration (resp. Ablenkbarkeit) der Auf- 
merksamkeit. Indem der Betreffende seine Aufmerksamkeit auf ir- 
gend welchen äußeren Eindrücken konzentriert hat (beim Lesen, Zu- 
hören, bei der Arbeit oder bei dem Betrachten irgend eines Gegen- 
standes) oder indem er sich in seine eigenen Gedanken vertieft hat, 
bemerkt er die Umgebung nicht; um ihn abzulenken, muß man ihn mehr- 
mals beim Namen rufen, seine Schulter berühren u. s. w. Oder umge- 
kehrt: das geringste Unbehagen, irgend eine Störung oder ein lautes 
Gespräch zerstreuen ihn sofort. 

8. Vorherrschen der passiven oder der aktiven Auf- 
merksamkeit. Seine Aufmerksamkeit konzentriert sich gewöhnlich 
auf die Eindrücke, die im gegebenen Moment aus irgend einem Grunde 
als die lebhaftesten und intensivsten erscheinen, ihn in Erstaunen setzen, 
in ihm dieses oder jenes Gefühl wachrufen. Oder umgekehrt: indem er 
sich vorgenommen hat, irgend ein Objekt oder eine Erscheinung zu unter- 
suchen, fährt er fort, dieselben aufmerksam zu beobachten, ungeachtet 
andere intensivere und für ihn anziehendere Anreizer zu wirken be- 
ginnen; nötigenfalls ist er imstande, seine Aufmerksamkeit sogar auf 
einen langweiligen und unangenehmen Gegenstand zu konzentrieren. 

4. Stabilität oderInstabilitätder Aufmerksamkeit. 
Das Subjekt ist imstande längere Zeit sich mit demselben Gegenstand 
zu beschäftigen, eine Unterhaltung über ein und dasselbe Thema zu 
führen. Oder umgekehrt, wechselt es beständig das Thema des Ge- 
sprächs, unterbricht die von ihm selbst verlangten Erklärungen durch 
neue, nicht zur Sache gehörigen Fragen. 

5. Umfang der Aufmerksamkeit (deren Enge oder Weite). 
Die Fähigkeit (resp. Unfähigkeit), sich mit mehreren Gegenständen 
gleichzeitig zu beschäftigen, z. B.: eine komplizierte Handarbeit aus- 
zuführen, zu schreiben oder zu zeichnen, — und gleichzeitig dem Vor- 
gelesenen zu folgen oder an einem interessanten Gespräch teilzunehmen; 


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oder — sich mit den Details einer Sache zu beschäftigen und den Total- 
plan nicht aus dem Auge zu lassen. 


ll. Empfindungen, Wahrnehmungen. 


6. Schärfe der Wahrnehmungen. Fähigkeit, die feinsten 
und am wenigsten bemerkbaren Unterschiede zwischen einzelnen Empfin- 
dungen wahrzunehmen. 

Quantitative Seite. Sieht gut in der Dämmerung und in dunkler 
Nacht, erkennt die kleinsten Sterne am Himmel, entziffert mit Leich- 
tigkeit die kleine Druckschrift. Vernimmt das unbedeutendste Ge- 
räusch, sehr schwache und entfernte Laute. Unterscheidet mit der 
größten Deutlichkeit die leichtesten Berührungen, Gerüche u. ä. m. 

Qualitative Seite. Vergleicht die Farben richtig, indem er die 
feinsten Schattierungen unterscheidet. Besitzt musikalisches Gehör, die 
Fähigkeit, den Unterschied zwischen den einander sehr nahe stehenden 
Tönen zu erfassen. Empfindet verschiedene Gerüche (z. B. verschiedene 
Parfüms) sehr fein. 

Vorhandensein oder Nichtvorhandensein einer alle übrigen domi- 
nierenden Art von Empfindungen. 


7. Quantität und Reichtum der Wahrnehmungen. 
Beobachtet alles, was um ihn herum geschieht, sehr fein; in eine neue 
Umgebung versetzt, bemerkt er rasch zahlreiche Details und ist im- 
stande über sie Rechenschaft zu geben. Anderer Typus: gewöhnlich 
bemerkt er das ihn Umgebende wenig, indem er es wenig beachtet; 
wenn er aber etwas genau ins Auge faßt, um es kennen zu lernen, dann 
entgeht ihm kein Detail; jede unternommene Untersuchung, jedes Stu- 
dium betreibt er mit der größten Ausführlichkeit. — Indem er über das 
Wahrgenommene Bericht erstattet, konzentriert er seine Aufmerksamkeit 
mit Vorliebe auf den Details, oder vereinigt die einzelnen Eindrücke zu 
einem Totalbilde, oder endlich verweilt hauptsächlich bei dem, was in 
ihm diese oder jene Gefühle hervorruft (Wahrnehmungstypen). 


8. Genauigkeit der Wahrnehmungen. Seine Beobach- 
tungen, Beschreibungen und Erzählungen von dem, was er gesehen und 
gehört, entsprechen genau der Wirklichkeit; wie die einzelnen Details 
der Begebenheiten, so auch ihre Wechselverhältnisse werden vollkommen 
richtig wiedergegeben. Entgegengesetzter Fall: seine Beschreibungen 
sind auch bei der größten Aufmerksamkeit, die er dem Gegenstande zu- 
wendet, voll Ungenauigkeiten, Fehler, Lücken, 


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Ill. Gedächtnis. 


9. Einprägung. Behält mit Leichtigkeit Gegenstände, Ge- 
sichter, Begebenheiten, Gespräche, wenn er sie bloß einmal gesehen oder 
gehört hat. Lernt rasch und leicht die längsten Gedichte und pro- 
saischen Fragmente auswendig. Vermag in der kürzesten Zeit sich die 
Details einer Zeichnung oder die Beschreibung eines komplizierten Ap- 
parats, eines Gebäudes, einer Gegend anzueignen. j 

10. Das Wiedererkennen. Erkennt leicht alles, was er je 
gesehen oder gehört hat (Personen, Gegenstände, Landschaften, Musik- 
stücke, Fragmente von Gedichten u. s. w.) wieder. Unterscheidet genau 
und richtig zwischen dem Alten, Bekannten und dem Neuen, Unbe- 
kannten. Vermag jedesmal anzugeben, wo und unter welchen Um- 
ständen er die betreffende Person oder den gegebenen Gegenstand schon 
gesehen habe (Lokalisation in der Vergangenheit). Entgegengesetzter 
Fall: das Subjekt erkennt auch die Menschen nicht wieder, die es 
mehrmals gesehen und mit denen es gesprochen hat; orientiert sich 
schlecht in einer Gegend, die es schon ein paarmal besucht hat. 

11. Das Aufbewahren im Gedächtnis, Reproduk- 
tion. Das einmal Gesehene oder Erfaßte wird im Gedächtnisse dauernd 
bewahrt; nach Verlauf von mehreren Tagen, Monaten und sogar Jahren 
erinnert sich der betreffende Mensch an alle Details der Begebenheiten 
beinah so gut, wie am ersten Tage nach denselben; nötigenfalls oder 
auf seinen eigenen Wunsch hin, kann er sich wieder alles ins Gedächtnis 
zurückrufen. Entgegengesetzter Fall: alle Eindrücke werden schnell 
ausgelöscht, die Erinnerungen sind höchst matt, fragmentarisch, lücken- 
haft; die Reproduktion ist sehr erschwert, er benutzt das Notizbuch 
häufig, fragt die anderen u. s. w.; nur falls Umstände, Gespräche oder 
die eigene Stimmung ihn an das Geschehene erinnern, kann er sich eine 
(nicht sehr wichtige) Begebenheit mit allen ihren Details vergegen- 
wärtigen. d 

12. Genauigkeit der Reproduktion. Beim Vortragen 
eines Gedichtes, bei der Wiedergabe des Gelesenen werden wenig Fehler 
gemacht. Sich auf irgend eine Begebenheit besinnend, beschreibt das ` 
Subjekt alle (wenn auch wenig zahlreichen) Details, die es behalten hat, © 
vollkommen richtig. Anderer Fall: Die Zahl der Fehler ist sehr groß, 


die früher beobachteten Begebenheiten werden (auch bei der gewissen- 


haftesten Mühe) sehr ungenau wiedergegeben, die Details miteinander 
verwechselt, die Personen zusammengeworfen, eigene Ergänzungen eim- 


gerückt u. s. w. 
13. Arten desGedächtnisses. Verhältnismäßige Entwicklung 





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Be 


der verschiedenen Arten des Gedächtnisses: Gedächtnis für Worte, 
Namen, einzelne, unzusammenhängende Sätze, Melodien; Gedächtnis für 
Fragmente von Gedichten und Prosa; Gedächtnis für Personen, Bilder, 
Landschaften ; Gedächtnis für Risse, Schemata, Grundrisse von Gegenden, 
chronologische Reihenfolge der Begebenheiten; Gedächtnis für abstrakte 
Begriffe, Gedanken, Schlußfolgerungen u.s.w. Vorhandensein oder 
Niehtvorhandensein einer Art des Gedächtnisses, welche die anderen 
dominiert. Was wird besser behalten: der Inhalt der wahrgenommenen 
Eindrücke oder deren Verhältnis zueinander? (das stoffliche und das 
formelle Gedächtnis). 


IV. Einbildungskraft. 


14. Reichtum der Einbildungskraft; Lebhaftigkeit 
und Deutlichkeit der reproduzierten. Vorstellungen. 
Alle Schöpfungen der Phantasie (Träumereien, wirkliche Träume, Klas- 
senaufsätze, Erzählungen) sind überaus reich an Details, an Bildern und 
Vergleichungen u. s. f.; oder sie sind umgekehrt äußerst einfach, arm und 
primitiv. Die Phantasievorstellungen sind so lebhaft und deutlich, daß 
er sie mit allen ihren Details beschreiben oder aufzeichnen kann; zu- 
weilen werden sie so lebhaft und scharf empfunden, daß er sie in seinen 
Erinnerungen oder Mitteilungen mit der Wirklichkeit verwechselt (häu- 
fige Ursache der Lüge bei Kindern); oder aber sie sind matt, undeutlich, 


verschwommen und können nur mit Mühe beschrieben und mitgeteilt 
werden. 
15. Anschauungstypen (der visuelle, akustische, motorische 


Typus und die gemischten Typen). In allen Erinnerungen, Träumereien 
und Träumen herrschen die Gesichtsvorstellungen vor; er kann sehr 
ausführlich und genau deren Farbe, Form und Stellung beschreiben. 
Er ist für Malerei begabt. Oder es herrschen Gehörsvorstellungen (mu- 
sikalische Begabung) und Erinnerungen an Bewegungen vor. 

16. Entwicklungsstufe der schöpferischen (kombi- 
nierenden) Phantasie. In seinen Urteilen und Handlungen be- 
schränkt er sich nicht auf Nachahmung anderer, sondern bringt überall 
etwas Eigenartiges, Nichtabgelerntes mit. Seine Gedanken sind oft neu, 
originell und den früheren vollkommen unähnlich. Er ist erfinderisch, 
weiß in jeder Verlegenheit Rat. Einige ihm gegebene Winke oder mit- 
geteilte Vorstellungen genügen, um ihn zu einer zusammenhängenden 
Hypothese, zu einem wohlgelungenen Projekt zu veranlassen, in ihm ein 
vollständiges und lebhaftes Bild einer Gegend oder Begebenheit hervor- 
zurufen u.s.w. Und umgekehrt: seine Gedanken und Urteile sind 
schablonenmäßig und wiederholen (remeinplätze; seine Handlungen ent- 


N 


behren der Originalität und tragen den Stempel der Nachahmung; er 
ist zu jeder Art des Schaffens (s. Folgendes) unfähig. 

17. Arten der schöpferischen Phantasie. Das Vorherr- 
schen der Begabung zu irgend einer Art des Schaffens: künstlerische 
Begabung auf dem Gebiete der Literatur, Musik, Malerei, Skulptur u.s.w.; 
Fähigkeit zur wissenschaftlichen (abstrakten) schöpferischen Tätigkeit, 
d.h. zum Erfinden neuer Methoden und Konstruktion von Hypothesen; 
schöpferische Begabung für die soziale, wirtschaftliche und technisch- 
industrielle Tätigkeit (Fähigkeit neue Unternehmungen zu organisieren, 
verschiedene Verbesserungen in der Wirtschaft vorzunehmen, Fähigkeit 
zu technischen Erfindungen und Vervollkommnungen). 


V. Denken. 


18. Fähigkeit zur Abstraktion. (Abstraktes Denken, | 
Bildung der allgemeinen Vorstellungen und Begriffe). Stets beschäftigt 


mit allgemeinen Fragen. Jede einzelne Naturerscheinung, jedes Faktum 


des sozialen Lebens versteht er zu verallgemeinern, in ihnen Züge zu 


finden, die einer ganzen Klasse von Erscheinungen angehören. Ist im- 


stande eine mehr oder weniger genaue Definition verschiedener abstrakten 
Begriffe (wie z. B. Wissenschaft, Gerechtigkeit, Gleichgewicht) zu geben. 
Neigung zur Beschäftigung mit abstrakten Wissenschaften, wie Mathe- 
matik, Philosophie. Entgegengesetzte Eigenschaften: konkretes, an- 
schauliches Denken: jede Erscheinung ist an und für sich ohne Bezug 
auf andere, interessant. Jedes einzelne Faktum wird stets mit allen 
seinen Details konkret und plastisch gedacht. Abstrakte Gedanken und 
Erörterungen werden mit Vorliebe durch erläuternde Beispiele, Sche- | 
mata und Zeichnungen veranschaulicht. 41 
19. Weite und Enge der Begriffe. Alle Beobachtungen und j 
Meinungen zeichnen sich durch bedeutende Enge und Einseitigkeit aus. 
Ein pedantischer, zum Formalismus neigender Charakter; das Detail - 
und die Mittel beachtend, vergißt er das Ganze, das Ziel. Neigung zur 
kleinlichen Spezialisation. Umgekehrter Fall: weiter Gesichtskreis, 
Fähigkeit, die mannigfaltigsten und heterogensten Erscheinungen zu er- 7 
fassen und zu beurteilen. ; | 
20. Subjektivität oder Objektivität der Urteile. Beim 
Urteilen über Gegenstände, Menschen und Begebenheiten teilt er ge- 
wöhnlich den Eindruck mit, den diese auf ihn gemacht haben (Vor- © 


herrschen der emotionellen Urteile). Beurteilt ihren Wert stets vom 7 


Standpunkte seiner eigenen Überzeugungen, indem er unfähig ist, sich 
auf einen fremden Standpunkt zu stellen. Umgekehrter Fall: voll- 





kommen objektive Beurteilungsweise. (Beispiel: Gegensatz zwischen 
der wissenschaftlichen und der künstlerischen Behandlung eines Objekts). 
Während einer Unterhaltung oder eines Streites ist er bloß bestrebt 
seine eigenen Ansichten zu entwickeln, oder umgekehrt — folgt auf- 
merksam den fremden Einwendungen und gibt sich Mühe, sie zu 
verstehn. 

321. Fähigkeit zum logischen Denken (resp. Entwick- 
lung einer Kette von Urteilen und Vernunftschlüssen). Jede irgend wie 
bedeutende Tatsache veranlaßt ihn zu Erörterungen, indem er sie mit 
anderen zusammenstellt und Schlüsse zieht (nicht zu verwechseln mit 
der Neigung zum Raisonieren, wobei fremde, geborgte Gedanken und 
Urteile mit Behagen wiederholt werden). In den Grenzen des ihm 
wohlbekannten Gebiets ist er sehr scharfsichtig: von weitem kann er 
alle möglichen Kombinationen berechnen und die eventuellen Folgen der 
gegebenen Handlung voraussagen ; auf seine Urteile darf man sich ver- 
lassen, denn sie sind stets wohlgegründet. In seinen Beweisführungen 
ist er stets genau und systematisch. Er zeigt Begabung für formelle 
Logik, Mathematik u.ä. m. Umgekehrter Fall: seine Gedanken und 
Urteile sind unklar, verschwommen und unzusammenhängend; er ist 
gänzlich unfähig, Schlüsse zu ziehen, den einfachsten Gedanken zu er- 
fassen, bemerkt die schreiendsten Widersprüche in seinen Urteilen nicht. 

22. Neigung zur Synthese. Ist stets bestrebt, einzelne Ein- 
drücke zu vereinigen, allgemeine Schlüsse aus jedem einzelnen Fall zu 
ziehen, Während eines Gesprächs oder eines Streites erfaßt er rasch die 
Hauptsache, bei der Lektüre versucht er die Grundidee des Gelesenen 
zu finden. Indem er etwas erzählt, beschränkt er sich nicht auf die 
einfache Wiedergabe der Tatsachen, sondern er gibt sich Mühe, ihren 
kausalen Zusammenhang bloßzulegen. Beim Untersuchen einer kompli- 
zierten Erscheinung oder Begebenheit und deren Ursachen geht er eher 
von allgemeinen Erwägungen, Naturgesetzen u. s. w. als von der Unter- 
suchung der einzelnen Tatsachen aus (deduktives Denken). 

23. Neigung zur Analyse. Indem ihm ein kompliziertes 
Objekt entgegentritt (ein wissenschaftliches Problem, eine Naturerschei- 
nung, ein praktisches Unternehmen), zeigt er Interesse nicht so wohl 
für das Ganze, als für die Details oder die einzelnen Seiten des Objekts. 
Er ist fähig, viel Zeit auf die Untersuchung einer Pflanze, eines Prä- 
parats, eines historischen Denkmals, eines Kunstwerkes zu verwenden, 
indem er ihre Teile und deren Verhältnis zueinander genau studiert. Er 
zieht Schlüsse, erst nachdem eine genügende Anzahl der Tatsachen ge- 
sammelt ist; überhaupt hält er sich in seinen Erörterungen an Tatsachen 


"© (einerlei ob diese der eigenen Beobachtung oder Büchern entnommen 





EN | lee 


sind) und bestrebt sich, so viel als möglich, sich von ihnen nicht zu 
entfernen (induktives Denken). 


VI. Sprache. 


24. Reichtum an Wortbildern (Wortschatz). Empfindet 
gewöhnlich keinen Mangel an Wörtern und Ausdrücken. Für jeden Ge- 
genstand, jeden Gedanken hat er sofort eine ganze Reihe von Wörtern, 
Namen, fertigen Sätzen und Redewendungen; gibt gern Bei- und Spitz- 
namen, die zuweilen sehr treffend sind. Oder: seine Sprache ist arm, 
aie Wörter und Wendungen werden beständig wiederholt. 

25. Dominierender Typus der Wortbilder (der visuelle, 
akustische, motorische und die gemischten). Wie liest und lernt er aus- 
wendig, lieber laut oder still, für sich hin? Wie lernt er, lieber nach 
dem Buche, oder durch zuhören? Wenn nach dem Buche, so: lernt er 
schweigend, indem nur die Augen den Zeilen folgen, oder wiederholt er 
die Worte still für sich hin? Ist er imstande anzugeben, an welcher 
Stelle der Seite sich das von ihm zitierte Wort oder die betreffende 
Phrase befindet. Was behält das Gedächtnis besser: Zeilen, Dur 
Druckschrift, oder Laute, Reime? i 

26. Pena ROA mit der Wortbilder kombiniert 
werden. Die Rede ist fließend, zusammenhängend und frei, durch 
kein Stocken gehemmt; schreibt rasch und mit großer Leichtigkeit Briefe, 
Aufsätze u.s. w.; oder er findet nur mit großer Mühe die nötigen Wörter 
und Ausdrücke, seine mündliche und schriftliche Rede ist reich an 
schwerfälligen, ungelenken Wendungen, jeden Satz verändert und ver- 
bessert er mehrmals. Im Fall er die Sprache vollkommen in seiner 
Gewalt hat, schreibt und spricht er in schlichter, kunstloser (wenn auch 
vollkommen klarer und ausdrucksvoller) Weise; oder ist seine Rede ge- 
schmückt und fließt in vollendeten, wohlgebauten Perioden dahin; be- 
herrscht er das Versmaß u.s.w. Spricht er immer gleich schön und 
zusammenhängend, oder stellt sich bei ihm die Beredsamkeit nur in 7 
ungewöhnlichen Augenblicken, unter dem Einfluß starker Erregung, des” 
Affekts u.s. w. ein. 


VII. Allgemeine Eigentümlichkeiten der intellektuellen Sphäre. 


27. Das Vorherrschen der bewußten oder unbewußten 
Prozesse. Indem er Begebenheiten aus dem eigenen Leben mitteilt, 
beschreibt er ausführlich, was er dabei gedacht und gefühlt hat. Er ist 
der Selbstbeobachtung fähig, indem er seine inneren Erlebnisse genau 
beschreibt und analysiert (z. B. während eines psychologischen Experi- 


1 





an 


ments). Oder aber wird das Vorherrschen der unbewußten Prozesse 
konstatiert. Erkann keine Rechenschaft von dem Wege geben, auf dem 
er zu einem bestimmten Gedanken oder Schluß gelangt ist. Er ist nicht 
imstande seine Meinung mittels Tatsachen zu beweisen, „fühlt“ aber, 
daß er Recht habe. ‚Instinktmäßig“ errät er das Wesentliche der ge- 
gebenen Sache. Die glücklichsten Gedanken fallen ihm unerwartet, 
wie zufällig, auf einem Spaziergange oder während eines nicht zur Sache 
gehörigen Gesprächs ein u. s. w.; Erinnerungen „tauchen“ von selbst, 
ohne daß er sie hervorruft, auf. Er kann selbst seine Wünsche und 
Bestrebungen, seine Sympathien und Antipathien nicht genügend er- 
klären; er vermag oft den Grund seiner Freude oder seines Zornes nicht 
zu nennen u. S. W. 

28. Das Vorherrschen der inneren Wahrnehmungen 
über die äußeren und umgekehrt. Die äußeren Wahrnehmungen 
bilden nur eine Veranlassung zur Entstehung von einer langen Gedan- 
kenreihe, die seine Aufmerksamkeit vollkommen in Besitz nimmt. In 
seine Gedanken vertieft, hört er oft kaum, welchen Gang das ange- 
knüpfte Gespräch nimmt. Er liebt die stille Einsamkeit, die ihm erlaubt, 
sich seinen Beschäftigungen, seinen Träumen und Erinnerungen frei hin- 
zugeben. Er neigt zu Träumereien, ‘liebt Luftschlösser zu bauen, phan- 
tastische Hypothesen und unausführbare Projekte zu entwickeln. Oder 
— er liebt eine lärmende, bunte, mannigfaltige Umgebung, die viele 
Eindrücke mit sich bringend, ihn nicht der Einsamkeit und sich selbst 
überläßt. Er ist Realist, praktische Tendenzen dominieren; seine Be- 
strebungen und Pläne, wenn sie noch so umfassend und weitgreifend 
sind, sind vollkommen ausführbar und enthalten nichts Unmögliches. 
Seine wissenschaftlichen Hypothesen werden durch weitere Erfahrungen 
vollkommen gerechtfertigt. 

29. Vorherrschen der Assoziation oder der Apper- 
zeption. Indem er etwas erzählt, gibt er alles Gehörte und Gesehene 
der Reihe nach wieder, ohne das, was ihm als das Wichtigste erscheinen 
könnte, hervorzuheben. Er kann das Gelernte nur in der Ordnung 
wiederholen, in der er es memoriert hat, anderenfalls kommt er aus dem 
Konzept und vergißt alles. Er lernt (z. B. die Lektionen) nicht auf dem 
Wege der selbständigen Aneignung, sondern rein mechanisch. Oder — 
es herrscht eine, wenn auch halbbewußte, persönliche Durcharbeitung 
des Stoffes über das passive Einprägen vor. Beim Lernen (wie über- 
haupt in der Lebensart, in der Wahl der Beschäftigungen u. s. w.) wird 
er nicht von äußeren Umständen geleitet, sondern folgt seinen Neigungen, 
Trieben und Interessen. Seine Weltanschauung, wie seine Ansichten in 


SRA 


diesem oder jenem speziellen Fall tragen stets das Gepräge seiner Per- 
sönlichkeit. 

30. Reichtum oder Armut des Vorstellungsschatzes. 
Jeder Eindruck ruft eine ganze Reihe von Gedanken, Erinnerungen und 
Bildern wach. Das Subjekt besitzt einen unerschöpflichen Schatz an 
Gesprächsthemen und zahlreiche, vielseitige Kenntnisse. Oder — der 
Kreis der Vorstellungen ist sehr eng, die Erinnerungen sind arm. 

3l. Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von 
leitenden Ideen in derintellektuellen Sphäre. Entweder 
tritt in seinen Urteilen eine gewisse Einheit, eine allgemeine leitende 
Idee hervor, oder diese Urteile haben nichts miteinander gemein.‘ Wäh- 
rend der Beobachtungen wird er stets von bestimmten Problemen und 
Gesichtspunkten geleitet, seine Aufmerksamkeit wird nur von den Er- 
scheinungen gefesselt, die seinem Zwecke entsprechen ; oder aber — er 
schlägt Seitenwege ein, indem er den Zweck der Beobachtung vergißt, 
den Faden des Gesprächs verliert oder sich selbst widerspricht. Vor- 
handensein (oder Nichtvorhandensein) von bestimmten geistigen Interessen, 
die seiner Aufmerksamkeit eine beständige Richtung mitteilen. 

32. Geschwindigkeitoder Langsamkeit der intel- 
lektuellen Prozesse. Ob er rasch oder nur langsam die äußeren 
Eindrücke erfaßt, sich an etwas erinnert, kombiniert, Fragen beant- 
wortet. Orientiert sich rasch bei jeder neuen, ungewöhnten Tätigkeit. 
Ist imstande jede gewohnte und nicht besonders schwierige geistige 
Arbeit in sehr kurzer Zeit zu leisten. Inwiefern ist es ihm möglich 
(bei normal entwickeltem Gesicht und genügender Konzentration der 
Aufmerksamkeit) einen oder mehrere Gegenstände innerhalb eines Mo- 
ments genau zu sehen: eine vorbeihuschende Maus, eine Reihe von 
Häusern, die vom Blitze momentan erleuchtet wird u. s. w. ? Wird ein 
Mißverhältnis inbezug auf die Schnelligkeit zwischen den einzelnen psy- 
chischen Äußerungen bemerkt oder nicht (z. B. ein rasches Auffassen 
oder eine rasche Rede bei allgemeiner Unbeweglichkeit und Langsamkeit 
der Bewegungen, oder die Geschwindigkeit gewisser intellektuellen Pro- 
zesse bei Langsamkeit der andern u. s. £.)? 

33. GeistigeLeistungsfähigkeit. Wieviel Stunden oder 
Minuten kann er sich mit einer wohlbekannten aber doch die geistigen 
Fähigkeiten bedeutend anstrengenden Arbeit beschäftigen (Lösung von 
mathematischen Aufgaben, Vorbereitung der Lektionen, Vorbereitung zu 
einem ernsteren Examen). Nach wieviel Zeit stellen sich dabei die 
Symptome der Ermüdung ein: subjektive (Müdigkeitsgefühl , schwerer 
Kopf oder Kopfweh, Flimmern vor den Augen, Unmöglichkeit, seine 
Aufmerksamkeit zu konzentrieren, aufzufassen oder zu kombinieren) und 





ER NG ae 


objektive (Abnahme der Quantität und Qualität der Arbeit, Zerstreut- 
heit). Ist er fähig, längere Zeit ohne Unterbrechung zu arbeiten, oder 
bedarf er von Zeit zu Zeit einer Erholung? Wie häufig und wie groß 
müssen diese Pausen sein? Macht sich gegen das Ende des Arbeitstages 
die Ermüdung im Vergleich mit den Morgenstunden fühlbar und in 
welchem Grade? 

34. Geistige Übungsfähigkeit (Gewöhnung). Wie bald 
paßt er sich an jede neue, ungewohnte geistige Arbeit an? Wenn er 
sich nach einer Pause wieder an eine Arbeit macht, wieviel Zeit (Minuten, 
Stunden, Tage) braucht er, um sich wieder „einzuleben“ und im früheren 
Tempo weiter zu arbeiten. 


VIII. Stimmung und Affekte. 


35. Dominierende Stimmung. Stete Fröhlichkeit, Zufrieden- 
heit, gute Laune und allgemeines Wohlbefinden; auch in schwierigen 
Lagen büßt er seine gute Stimmung nicht ein. Oder umgekehrt: das 
allgemeine Befinden ist meistens schlecht, die Stimmung gedrückt, all- 
gemeine Schlaffheit und '"Niedergeschlagenheit. Oder endlich — die 
Stimmung ist ruhig und beständig, heiter, aber ohne besondere Fröhlich- 
keit, ernst aber ohne Anflug von Traurigkeit. 

36. Stabilität oder Instabilität der Stimmung. Unab- 
hängig von den Umständen bleibt die Stimmung sich stets gleich. Oder 
sie wechselt leicht im Zusammenhang mit den Umständen, oder zuweilen 
vollkommen unmotiviert. Geht der Umschwung in der Stimmung rasch 
oder allmählich vor sich ? 

37. Fähigkeit Freude und Leid zu empfinden. Jedes an- 
genehme Ereignis, alles was seinen Wünschen oder Bedürfnissen ent- 
spricht (Spiele, Geschenke, Leckerbissen, interessante Lektüre, ein lieber 
Besuch u. s. w.) ruft einen scharf ausgesprochenen Zustand der Zufrieden- 
heit und eine freudige Erregung hervor. Alle Unannehmlichkeiten, Ent- 
behrungen und Unglücksfälle, denen er oder die Seinigen ausgesetzt 
werden, gehen ihm sehr nahe, rufen Tränen, Traurigkeit und Gram hervor. 
Oder umgekehrt — er ist nicht fähig, eine besondere Freude oder einen 
starken Schmerz zu empfinden. 

38. Neigung zum Zorn. Er ist reizbar und ärgert sich oft. 
Jedes Hindernis, jeder Zwang, jede Hemmung, wenn sie noch so gering 
sind, regen ihn auf und rufen Verstimmung und Zorn hervor, die zu- 
weilen eine bedeutende Stärke erlangen (Wut, Raserei). Oder nmge- 
‚kehrt, er ist gutmütig, behandelt alles mit Ruhe und Nachsicht. 

39. Neigung zur Furcht oder deren Mangel. Beim Nahen 
ider Gefahr wird er unruhig, zittert, wird bleich, verliert die Fassung, 


Pädagog. Monographien, herausgegeben von E. Meumann. Band XIV. 5 
(Lasurski, Ueber das Studium der Individualität). 
s 


| 


macht Fluchtversuche, oder bei der äußersten Stufe der Furcht (im Zu- 
stande des Entsetzens) verliert er gänzlich die Fähigkeit, sich zu be- 
wegen. Entgegengesetzte Eigenschaften: Mut, Tapferkeit, Gelassenheit. 
Angesichts der Gefahr setzt er (trotzdem er sich ihrer vollkommen be- 
wußt ist) seine Beschäftigung fort, unterhält sich u. s. w. Welche Art 
von Furcht dominiert: Angst vor dem physsichen Schmerz (Schläge, 
Verletzungen), Besorgnis um sein Leben, sein Hab und Gut, seine mate- 
riellen Interessen, oder die Furcht für seine Arbeit, seinen Ruf, seine 
höheren geistigen Interessen, für nahestehende oder hochgeschätzte 
Menschen; oder die Angst vor allem Neuen, Unbekannten, vor der Zu- 
kunft im allgemeinen; oder endlich das Grauen vor der Dunkelheit, vor 
Gespenstern, Leichen, vor allem Unbekannten oder Übernatürlichen ? 
40. Neigung zum Erschrecken (im Zusammenhang mit der 
allgemeinen Steigerung der nervösen Erregbarkeit). Jeder intensive und 
plötzliche Eindruck (Lärm beim Fallen eines Gegenstandes, Flintenschuß, 
unerwartetes Klopfen an die Tür, plötzliches Erscheinen eines Menschen 
hinter dem Rücken) erschreckt, macht erzittern und verursacht Herz- 
klopfen. Der bloße Anblick oder die Berührung von Mäusen, Fröschen, 
Spinnen, ekelerregenden Tieren und Insekten verursacht nervöses Zittern 
und mit Ekel verbundenen Schreck. Oder umgekehrt — er verhält sich ` 
vollkommen gleichgültig und ruhig diesen Dingen gegenüber. 


IX. Inhalt der Gefühle '). 


41. Egoistische Gefühle. Ein Egoist, besorgt nur um die Be- ` 
friedigung seiner sinnlichen Triebe und materiellen Interessen. Oder er 
ist ehrgeizig, strebt nach Lob, Anerkennung, Macht, hoher Stellung: 
Andere Menschen betrachtet er bloß als Mittel zur Erlangung seiner 7 
eigenen Vorteile. 

42. Altruistische Gefühle. Er ist wohlwollend und mitleidig, $ 
nimmt an seiner Umgebung den größten Anteil, versucht im Fall der 7 
Not nach Kräften beizustehen und zu helfen. Er ist fähig, seine Inter- M 
essen denjenigen eines anderen nachzustellen oder zu opfern. Oder im 
Gegenteil, er ist grob, schroff, abweisend und herzlos, boshaft und rach- 1 
süchtig. Oder endlich vereinigt er in sich die obenerwähnten Gegensätze, i 
indem er bald diese, bald jene Eigenschaft verschiedenen Objekten gegen- 
über und zu verschiedenen Zeiten an den Tag legt. 31 

43. Intellektuelle und ästhetische Gefühle. Wißbegierde, S 


1) Eine ausführlichere Betrachtung der komplizierten und mannigfaltigen Äußerungen | | 
der einzelnen Gefühle findet sich im Programm der Untersuchung von der exopsychischen 7 


Seite der Persönlichkeit (s. Anhang). 





Interesse an der geistigen Arbeit, an wissenschaftlichen Studien, an dem 
Erwerben verschiedenartiger wissenschaftlichen und praktischen Kennt- 
nisse. Fähigkeit das Schöne und Anmutige zu verstehen, Kunstwerke 
und Naturschönheiten zu genießen. 

44. Moralisches und religiöses Gefühl. Bedeutende Ent- 
wicklung des Pflichtgefühls, Vorhandensein bestimmter moralischer Prin- 
zipien, die seine Urteile, sein Handeln und Wandeln bestimmen. Vor- 
handensein oder Nichtvorhandensein des religiösen Gefühls und religiöser 
Bedürfnisse (wie auch deren Äußerungen beschaffen sein mögen). 


X. Allgemeine Eigentümlichkeiten der Gefühlssphäre. 


45. Erregbarkeit der Gefühle. Die mannigfaltigsten Gefühle 
und Gemütsbewegungen entstehen sehr leicht, bei geringster Veran- 
lassung dazu. Er ist beständig aufgeregt und in Eifer. Sehr leicht 
gerät er in Entzücken, Zorn (Jähzorn), in den Zustand der Depression, 
der Beschämung oder Verlegenheit u.s. w. Jedes Unerwartete, Unge- 
wöhnliche überwältigt ihn: Jedes neue, ungewöhnliche Schauspiel ver- 
setzt ihn in die heftigste Aufregung, er wendet sich nach allen Seiten 
hin, stößt Ausrufe der Verwunderung aus u. a. m. Oder umgekehrt, er 
verhält sich allem gegenüber sehr gleichgültig; es ist schwer, ihn zu 
ärgern, zu überraschen, zu erfreuen oder in Verlegenheit zu bringen. 
(Nicht zu verwechseln mit der Armut oder Hemmung der peripheren 
Gefühlsäußerungen, siehe unten). Oder endlich erweisen sich einige Ge- 
fühle (resp. Affekte) als verhältnismäßig leicht erregbar, während die 
Entstehung der anderen erschwert ist. 

46. Stärke resp. Intensität der Gefühle. Erreichen einige 
Gefühle und Affekte (z. B. Freude, Traurigkeit, Zorn, Ehrgeiz, Mitleid, 
religiöses Gefühl u. a. m.) jemals eine solche Stärke und Tiefe, daß sie 
den ganzen Organismus erschüttern, das Benehmen des Menschen, wenn 
auch nur auf kurze Dauer, verändern oder ihn zu ungewöhnlichen, das 
Maß des Alltäglichen überschreitenden Handlungen anfeuern? Ist der 
Betreffende imstande, sich von irgend einer Arbeit, einem Unternehmen 


"= so hinreißen zu lassen, daß er sich ihnen während einer gewissen Zeit 


mit Leib und Seele widmet und alles andere darüber vergißt? Oder 
sind seine Gefühle alle matt und oberflächlich ? 


47. Dauerhaftigkeit, resp. Stabilität der Gefühle. Ein 


"5 einmal erregtes Gefühl läßt lange nicht nach, wenn auch die Ursache 





seiner Entstehung längst entfernt worden ist; nach Verlauf einer längeren 
Zeit genügt die geringste Veranlassung oder Erinnerung, um es wieder 


© ungeschwächt erwachen zu lassen. Oder umgekehrt, jedes noch so inten- 


5* 


Fe e e 


sive Gefühl nimmt rasch ab und verschwindet, wenn auch die Ursache 
seiner Entstehung zu bestehen fortfährt. 

48. Reichtum oder Armut an peripheren Äußerungen 
der Gefühle. Jedes irgendwie bedeutende Gefühl wird von zahlreichen 
und mannigfaltigen physiologischen Äußerungen begleitet: der Mensch 
errötet und erblaßt, weint und lacht laut, gestikuliert lebhaft, die Stimme 
wird übermäßig laut oder umgekehrt schwach und tonlos, die Atmung 
beschleunigt, das Herz klopft heftig; im Zustande des Affekts ist er mit- 
teilsam, redselig, beschreibt jedermann seine Gefühle. Oder die Gefühle 
äußern sich durch wenige, aber scharfe und intensive Äußerungen (starkes 
Erröten, heftige, stürmische Bewegung, Aufschrei u.ä. m.). Oder end- 
lich beschränken sich die Außerungen auch der stärksten Gefühle auf 
ein leichtes Erröten, auf unbedeutende, halb gehemmte Bewegungen; er 
ist in sich verschlossen, schweigsam, wortkarg und wenig bereit, sich 
über seine Gefühle zu äußern. | 

49. Einfluß der Gefühle auf die Denk- und Willens- ° 
prozesse. Ein Ereignis, welches ihm merkwürdig erscheint, wird über- 
trieben und überhaupt ungenau wiedergegeben. Urteile über Menschen 
sind oft parteiisch infolge seiner Sympathien und Antipathien. Er ist 
leicht erregbar;; bei Erfolg, bei guter Laune ist er übermäßig optimistisch; 
bei Mißerfolg oder Müdigkeit — der Verzweiflung nahe. Er wird oft 
hingerissen, handelt unter dem Einfluß momentaner Wünsche. indem er 
seine früheren Vorsätze und Erwägungen vergißt. Er neigt zu einer 
idealisierenden oder umgekehrt zu einer zu düsteren Auffassung seiner 
Vergangenheit. | 


XI. Bewegungen. 


50. Reichtum oder Armut der Bewegungen. Beweglich- 1 


keit oder Unbeweglichkeit. Reichtum an überflüssigen Bewegungen: un- f 
motiviertes Hin- und Herlaufen, Springen, mit-den- Händen -Fechten, ” 
Gesichterschneiden, Herumrutschen und Schaukeln auf dem Stuhle, Sich- F 
recken u. s. w.; oder langes Sitzen auf demselben Platz, Verrichten nur $ 
von nötigen Bewegungen. 
51. Geschwindigkeit oder Langsamkeit der Bewegungen. i 
Die Schnelligkeit, mit der das Gehen, Laufen, Sprechen, Schreiben, ver- m 
schiedene Arbeiten verrichtet werden; das Maximum der Bewegungen 5 
(z. B. der Schwingungen eines Rades, eines Schleifsteines) die er inner- 
halb einer bestimmten Zeit zustande bringen kann. Vorhandensein oder 
Nichtvorhandensein eines Mißverhältnisses zwischen den verschiedenen SE 
Arten von Bewegungen inbezug auf ihre Schnelligkeit (Geschwindigkeit = | 





EROF ER 


und Gewandtheit einiger Bewegungen bei Langsamkeit und Schwerfällig- 
keit anderer). 

52. Koordination der komplexen Bewegungen, moto- 
rische Übungsfähigkeit. In welchem Grade ist er in den bekannten, 
gewohnheitsmäßigen Bewegungen gewandt oder ungelenk? Wie rasch 
und mit welchem Grade von Vollkommenheit eignet er sich verschiedene 
neue, komplizierte Bewegungen an? Fällt ihm das Erlernen technischer 
Arbeiten und Handarbeiten leicht oder schwer? Fähigkeit zum Turnen, 
Tanzen, freien Spielen, Sport. Geläufigkeit bei musikalischen Übungen. 
Begabung zu Handarbeiten. 

53. Stärke (resp. Schwäche) der Bewegungen; Leistungs- 
fähigkeit der Muskeln. Fähigkeit, bedeutende Gewichte zu heben 
oder zu bewegen. Beim Spielen, Turnen oder Wettkampf gibt er Proben 
einer bedeutenden Muskelkraft. Er ist fähig während einer längeren 
Zeit eine anstrengende physische Arbeit zu verrichten, ohne Zeichen der 
Ermüdung (wie Mattigkeit der Bewegungen, Zittern der Hände, Keuchen 
u.s. w.) an den Tag zu legen. Oder, indem er verhältnismäßig gut ent- 
wickelte Muskelkraft besitzt, ist er imstande anfänglich eine sehr be- 
deutende Muskelkraft zu entwickeln, ermattet und ermüdet aber bald; 
zu einer längeren physischen Arbeit (auch wenn sie ihm vollkommen ge- 
läufig ist) ist er gänzlich unfähig. Oder endlich wird die Fähigkeit zu 
einer dauernden und energischen Arbeit der Muskeln nicht sowohl durch 
deren Entwicklung, als durch die Energie der Nervenimpulse und durch 
bedeutende Koordination der Bewegungen bedingt. 


XII. Physische Aktivität. Willensanstrengung. 


54. Stärke oder Schwäche der Wünsche und Bestre- 
bungen. Bestrebt sich, jeden in ihm stark gewordenen Trieb durchaus 
zu befriedigen. Wenn er von seinen Wünschen zu sprechen anfängt, 
wird er gleich viel lebhafter, spricht von seinen Plänen und Vorsätzen 
mit Begeisterung, interessiert sich für alles, was zu ihrer Verwirklichung 
beitragen könnte. Oder umgekehrt — er behandelt alles mit derselben 
Gleichgültigkeit und Kälte. Bei Erörterungen von Fragen, die ihn näher 
angehen, bleibt er teilnahmslos und apathisch, wie gewöhnlich. Wenn 
er sich in mißlicher Lage befindet, äußert er nicht den geringsten Wunsch, 
aus derselben zu kommen, wenn das auch leicht erreichbar wäre. 

55. Allgemeiner Entwicklungsgrad der psychischen 
Aktivität. Bleibt nie unbeschäftigt, sondern hat immer etwas vor 
(eine Arbeit, Spiele, ein Vergnügen, dumme Streiche u. s. w.). Er greift 
gern jede auch noch so schwierige Arbeit an, wenn sie ihm interessant 


ER 


oder notwendig erscheint. In der allerschwierigsten Lage (Krankheit, 
Mangel an Mitteln, Entbehrungen und allerlei Hindernissen) fährt er 
fort, die energischste Tätigkeit an den Tag zu legen. Sehr oft erscheint 
er als Initiator von allerhand Unternehmungen, Vergnügungspartien, 
öffentlichen Vereinen u. s. w. Oder umgekehrt — er ist schlaff und un- 
tätig, das geringste Hindernis paralysiert sofort seine ganze Energie. 
Am liebsten sitzt er ruhig auf seinem Sofa, ohne sich für etwas be- 
sonders zu interessieren oder an etwas energisch teilzunehmen. 

586. Fähigkeit zur Konzentration der Willensanstren- 
gung. Ob er imstande ist, seine Kräfte ganz auf einer Arbeit zu kon- 
zentrieren, indem er sie aufs äußerste anspannt, um seinen Zweck zu 
erreichen? Oder ist er gewohnt, alles fragmentarisch zu tun, indem er 
vieles auf einmal unternimmt und in nichts irgendwie bedeutende Re- 
sultate erzielt? Oder endlich sind seine verschiedenen Handlungen trotz 
ihrer Mannigfaltiskeit doch durch einen gemeinsamen Zweck, den er 
stets im Auge behält, miteinander verbunden ? 


57. Größere oder geringere Dauerhaftigkeit der Wil- © 


lensanstrengung. Beharrlichkeit im Verfolgen seiner Ziele. Ob er 
imstande ist, das Angefangene unerachtet der Hindernisse zu vollbringen? 
Oder greift er jede Arbeit energisch an, ermattet aber bald? Ist er zu 
einer längeren Arbeit fähig oder nicht ? 

58. Hemmungsfähigkeit. Äußere (physische) Hemmung: er % 


versteht die Außerungen seiner Gefühle zu verbergen; sogar bei heftiger 4 
Erregung, Furcht, Zorn, Freude u. s. w. bleibt er äußerlich ruhig. Innere f 


(psychische) Hemmung: Selbstbeherrschung, Fähigkeit, Furcht, Zornes- 
ausbrüche, verschiedene Leidenschaften, Triebe u. s. w. in sich niederzu- 
kämpfen; Neigung zu Askese. 7 
59. Widerstandsfähigkeit den äußeren Einflüssen gegen- 4 
über (ihre verschiedenen Unterabarten). Bewußte, durch Erwägung 
motivierte Selbständigkeit der Meinungen und Handlungen; Unfähigkeit, $ 
seine Überzeugungen zu verleugnen oder von denselben abzuweichen; 7 
fremde Ratschläge oder Vorbilder werden berücksichtigt, aber erst nach- 4 
dem sie den eigenen Bedürfnissen gemäß modifiziert worden sind. Oder 
-— stumpfer, beschränkter Eigensinn; unerachtet aller Vorstellungen be- 
steht er auf seiner offenbar sinnlosen und ihm selbst schädlichen Hand- 
lungsweise. l 
Entgegengesetzte Eigenschaften. Nachahmungsfähigkeit: nimmt 
leicht das Betragen, die Manieren, die Gesten, die Meinungen, die Aus- 
drucksweise der ihn umgebenden Menschen an, dabei eignet er sich mit 
derselben Leichtigkeit sowohl das Gute, als das Schlechte an. Nach- 
giebigkeit, Neigung zur Unterordnung. Leichtgläubigkeit; jede Erzählung, 








N Bl Ve 


auch die ungereimteste nimmt er für bare Münze. Zugänglichkeit für 
allerlei Arten von Eingebung oder Suggestion; ohne besondere Mühe 
kann man ihn zu allem möglichen überreden. 


XI!I. Entstehung der Entschlüsse. Wahlvorgang. 


60. Dominierende Tätigkeitsmotive. Welcherart Bewegungs- 
gründe bestimmen seine Handlungen: Sorge für seinen Vorteil oder sein 
Vergnügen, Mitgefühl, Pflichtgefühl, Neugier oder Wißbegierde, ästhe- 
tische Bedürfnisse u. s. w. Erscheint seine Tätigkeit stets als die Auße- 
rung dominierender Gefühle, oder drücken seine Handlungen öfters die 
Grundzüge seiner Persönlichkeit nicht aus? z. B. ein von Natur guter 
und aufrichtiger Jüngling ist imstande unter dem Einflusse einer schlechten 
Gesellschaft zu heucheln, unehrliche und herzlose Handlungen zu be- 
gehen u. s. w. 

61. Neigung zum Kampf der Motive (überlegte Handlungen). 
Vor jedem irgendwie wichtigen Entschluß oder Urteil schwankt er, 
wählt, überlegt. Er ist voraussichtlich: er zieht alle möglichen Folgen 
seines Entschlusses, alle Details der bevorstehenden Handlung in Er- 
wägung. Er ist praktisch und unternimmt ein Geschäft, eine Arbeit 
nur im Fall er über die zur Ausführung nötigen Mittel verfügen kann, 
und das Resultat der Unternehmung seinen Zwecken und Interessen 
vollkommen entspricht. Er kann stets über den Grund seiner Hand- 
lungsweise genaue Rechenschaft geben. Oder umgekehrt — er ist leicht- 
sinnig und sorglos, in allen, sogar in den schwierigsten Fällen faßt er 
ohne jedes Schwanken den ersten besten Entschluß (Impulsives Handeln). 


62. Geschwindigkeit des Sichentschließens (Dauer der 
Schwankungen). In kritischen Momenten, wenn nicht gezögert werden 
darf (Feuersnot, plötzliche Lebensgefahr, kritischer Moment während 
eines Spiels) handelt er entschlossen und zweckmäßig. Oder umgekehrt 
— sogar bei vollkommen klarer Sachlage kann er sich nie entschließen, 
sondern zögert bis ins Unendliche; indem er eben etwas angefangen 'hat, 
fängt er schon an, es in entgegengesetzter Richtung umzumachen. 

63. Stabilität oder Instabilitätder gefaßten Entschlüsse. 
Die Beständigkeit der Handlungsweise, Festigkeit im Verfolgen des ge- 
steckten Zieles. Verändert nie oder sehr selten seine Gewohnheiten oder 
Beschäftigungen. Unveränderlichkeit der Ansichten und Meinungen, 
treues Festhalten an früheren Überzeugungen. 


64. Vorhandensein von leitenden Ideen und Überzen- 


gungen. Besitzt bestimmte Meinungen, Ansichten (religiöse, ethische 
und and.), die seine Entschlüsse und Zwecke bestimmen, seinen Hand- 


a 


lungen eine bestimmte Richtung geben; er ist sich stets auf das Deut- 
lichste dessen bewußt, was er wünscht und wonach er strebt. Oder 
umgekehrt — seine Zwecke sind ihm selbst sehr unklar, seine Pläne und 
Vorsätze sind voll Widersprüche, die er selbst nicht bemerkt; viele 
Fragen, die sich auf die bevorstehende Handlung beziehen, kann er nicht 
beantworten. 

65. Planmäßigkeit der komplizierten Handlungen. Jede 
Handlung vollzieht er auf eine systematische, planmäßige Art. Nur 
nachdem er das eine beendigt hat, schreitet er zum anderen. In allem 
liebt er Ordnung, System (in der Zeiteinteilung, in seinen Beschäftigungen, 
in Geldgeschäften). Gern legt er Sammlungen an. Bei wissenschaft- 
lichen Untersuchungen klassifiziert er gern, bestrebt sich, die Tatsachen 
in eine gewisse wenn auch nur rein äußerliche Ordnung zu bringen. 
Oder umgekehrt — er ist vielgeschäftig aber oberflächlich, springt vom 
einen auf das andere über, ohne je das Angefangene zu beendigen. 
Einzelne Handlungen widersprechen einander beständig. Auf seinem Ar- 
beitstisch und in seinem Zimmer herrscht stets Unordnung. Wissen- 
schaftliche Tatsachen und Beobachtungen stellt er unbearbeitet und un- 
systematisiert, in chaotischer Unordnung dar. 








Kapitel IV. 


Wie im vorstehenden Kapitel erwähnt worden ist, erscheinen uns 
bei Untersuchung und Gruppierung der einzelnen Persönlichkeiten aus- 
führliche, auf Tatsachen gegründete, auf dem Wege der äußeren Beob- 
achtung oder teilweise des Experiments zusammengestellte und mittels 
der psychologischen Analyse verarbeitete Charakteristiken von lebendigen 
Menschen (Erwachsenen und Schulkindern) als das geeigneteste und zu- 
verlässigste Material. Solche Charakteristiken können ein zwiefaches 
Interesse darbieten: einerseits geben sie uns das Bild der verschiedensten 
Typen von Menschen, und helfen uns, die psychologische Konstruktion 
jedes einzelnen Typus kennen lernen, andererseits liefern sie ein reich- 
liches Material zur charakterologischen Analyse der verschiedensten 
komplizierten Äußerungen der menschlichen Persönlichkeit. 

Als das nächste Ziel der Wissenschaft, welche die menschlichen 
Charaktere zu erforschen hat, erscheint gegenwärtig das Feststellen 
einer natürlichen Klassifikation der Charaktere, die sich einerseits auf 
die Ergebnisse der modernen psychologischen Wissenschaft, andererseits 
— auf zahlreiche Beschreibungen und Charakteristiken, die sie im Leben 
näher bringen und zugleich erlauben würden sie als Leitfaden bei Be- 
obachtung einzelner Persönlichkeiten zu gebrauchen, stützen würden. 
Es gibt Klassifikationen, die in psychologischer Hinsicht streng durch- 
geführt sind), aber meistenteils an einer übermäßigen Abstraktion und 
am Schematismus leiden. Indem sie vorzüglich auf deduktivem Wege 
entstanden sind, berücksichtigen sie nur in geringem Maße die ganze 
Kompliziertheit der lebendigen menschlichen Persönlichkeit und können 
' deshalb bei Beobachtung lebendiger Menschen nicht als Leitfaden dienen. 
Es scheint uns, daß der Versuch gemacht werden müsse, sich demselben 
Ziel auf einem anderen Wege zu nähern, nämlich auf demjenigen der 
Zusammenstellung von ausführlichen Charakteristiken einzelner Persön- 
lichkeiten und deren nachfolgender Gruppierung. 





1) Eingehender werden sie Kapitel VI besprochen werden. 


RE ET 


Aber damit diese Charakteristiken keine unordentliche Ansammlung 
von Rohmaterial (deren Wert in diesem Fall sehr zweifelhaft erscheinen 
möchte) darbieten, muß eine sehr wichtige Bedingung erfüllt werden: 
jede Charakteristik muß einer detaillierten psychologischen Analyse 
unterzogen werden, deren Zweck es ist — die dominierenden Neigungen 
des betreffenden Menschen und ihre Verbindung miteinander zu definieren, 
die Art und Weise, wie Kombinationen von dominierenden Hauptnei- = 
gungen eine Reihe von komplizierten Äußerungen, die diesem Menschen Ei 
eigen sind, bilden, zu erforschen, mit einem Wort — die psychologische 1 
Konstruktion der gegebenen Persönlichkeiten bloßzulegen. Nur unter © 
dieser Bedingung wird jede neue Charakteristik uns dem Aufstellen 
einer natürlichen Klassifikation der Charaktere näher bringen, indem sie © 
nicht nur ein lebendiges, konkretes Bild liefert, sondern auch die Grund- 
züge hervorhebt, durch die sich dieses Bild von ähnlichen unterscheidet, 1 
auf deren Grund wir es dieser oder jener Gruppe einverleiben dürfen. 

Eine ausführliche psychologische Analyse jeder Charakteristik kann 
auch in einer andern Hinsicht von Interesse sein: sie betont nochmals 
die Gesetzmäßigkeit, die im Bau jeder einzelnen Persönlichkeit, jedes 
‘einzelnen Charakters herrscht. Je eingehender wir uns mit der Charak- 
teristik eines beliebigen Menschen beschäftigen (wenn nur diese Charak- 
teristik genügend vollständig und auf bestimmte Tatsachen gegründet 7 
ist), desto mehr kommen wir zur Überzeugung, daß die Untersuchung 
der Charaktere die Möglichkeit und die Aufgabe hat, mit der Zeit eine 
exakte Wissenschaft zu werden, die nicht nur beschreibt, sondern erklärt $ 
und bei ihren Beobachtungen nicht nur von einem „Instinkt“ oder von | 
der „Lebensweisheit“ geleitet wird, sondern von genau festgestellten, 
geprüften und mit vollem Bewußtsein angewandten M ethoden. 

Indem wir der psychologischen Analyse der gewonnenen Resultate 
eine so große Bedeutung beimessen, müssen wir zugleich einen anderen 
Fehler zu vermeiden suchen, infolge dessen auch die so beschaffenen 
Charakteristiken die Hälfte ihrer Bedeutung einbüßen könnten. Dieser 
Fehler besteht darin, daß der Beobachter die Eigenschaften des zu cha- 
rakterisierenden Subjekts bloß in allgemeinen Ausdrücken notiert, ohne 
die konkreten Äußerungen dieser Eigenschaften und die Tatsachen, auf 
die er seine Behauptung gründet zu verzeichnen. Indem er z. B. be- 
merkt, daß der beobachtete Knabe sich durch Ordnungsliebe oder Be- 
harrlichkeit, oder Zerstreutheit und Unaufmerksamkeit auszeichnet, be- 
gnügt er sich öfters damit und erachtet es für überflüssig weiteren 
Aufschluß zu geben. 

Dieses Verfahren bei Zusammenstellung von Charakteristiken er- 
scheint uns als vollkommen zweckwidrig, wenn wir das obenerwähnte 

















VE | 


Ziel im Auge behalten. Vor allem gibt es uns statt lebendiger, . kon- 
kreter, sich scharf voneinander abhebender Typen blasse Umrisse, halb- 
abstrakte Schemata, so daß der Leser gezwungen wird, seine Einbildungs- 
kraft beträchtlich anzustrengen, um diese Schatten zu beleben und ihnen 
einen bestimmten Gehalt mitzuteilen. Die Folge ist, daß jene Annähe- 
rung der Wissenschaft an das Leben, ohne die unserer Meinung nach 
kein Fortschritt in der Charakterologie möglich ist, verloren geht. 


Aber es gibt noch andere, wichtigere Gründe, die uns veranlassen, 
jede Tatsache, die auf irgend eine Seite der beobachteten Persönlichkeit 
ein Licht wirft, zu schätzen. Jedermann weiß, durch welchen Grad der 
Subjektivität sich das Auffassen der psychologischen Kunstausdrücke 
überhaupt auszeichnet, was noch vielmehr der Fall ist bei halbwissen- 
schaftlichen, dem Alltagsleben entnommenen Bezeichnungen, wie Ord- 
nungsliebe, Beharrlichkeit, Zerstreutheit u. s. w. Ohne Übertreibung 
darf behauptet werden, daß jedermann sie anders versteht, indem er in 
sie einen besonderen Gehalt legt, der sich von dem, was andere Menschen 
unter denselben Ausdrücken verstehen, bedeutend unterscheidet. In den 
meisten Fällen erklären faktische Belege sofort, worum es sich handelt, 
und beugen jedem Mißverständnis vor. 


Ferner gibt der Verfasser durch eine, wenn auch summarische Auf- 
zahlung der Tatsachen, die ihn zu diesen oder jenen Ergebnissen und 
Schlüssen geführt haben, seinem Leser die Möglichkeit, die Richtigkeit 
und Gründlichkeit dieser Schlüsse selbständig zu beurteilen. Im ent- 
gegengesetzten Fall, wenn statt Tatsachen bloß Schlüsse gegeben werden, 
die letzteren oft in einer allgemeinen und kategorischen Form, wie 
„unaufmerksam“, „leicht zu beeinflussen“ u. s. f., wird der Leser eigent- 
lich gezwungen, dem Verfasser überall aufs Wort zu glauben. Wie 
unzuverlässig, lückenhaft und mangelhaft auch die Beobachtungen sein 
mögen, auf die sich bestimmte Schlüsse gründen, werden diese in einer 
kategorischen, jede Einwendung von vornherein abweisenden Form ge- 
boten. Das Ergebnis ist eine scheinbare Präzision und Klarheit, die 
öfters dem wirklichen Tatbestand nicht entspricht. 


Um die Methode des Beobachtens und des Zusammenstellens von 
Charakteristiken, überhaupt des Sammelns von Material zu Zwecken der 
Individualpsychologie zu veranschaulichen, teilen wir an dieser Stelle 
ein paar Auszüge mit. Unsere Beispiele beziehen sich beinah ausnahms- 
los auf die Methode der äußeren Beobachtung. Was die experimentellen 
Methoden der Untersuchung anbelangt, so wird von ihnen im nächst- 
folgenden Kapitel die Rede sein, da ihnen bei dem Zusammenstellen der 
Charakteristiken vorläufig nur eine sekundäre Bedeutung zukommt. 


Die äußere Beobachtung kann auf zwiefache Art angewandt werden. 
Erstens in der Form eines J ournals, welches während 4—6 Wochen 
von Tag zu Tag geführt wird. Das ist die Grundmethode, welche das 


für eine systematische und zweckmäßige Analyse der Persönlichkeit ge- 
eignetste Material liefert. Zweitens in der Form einer fortlaufenden 


Aufzeichnung, die nicht über 1—2 Tage nacheinander geführt werden 7 


kann; sie gibt uns. ein lebendiges, konkretes, aber dafür der Analyse 
weniger zugängliches Bild der beobachteten Person mitten in dem sie 
umgebenden Leben. Keine geringe Bedeutung haben unter Umständen 
ergänzende Nachrichten und natürliche Experimente (siehe 


weiter unten). Wie die Erfahrung uns gelehrt hat, haben die frag- © 
mentarischen Aufzeichnungen, die den Inhalt des obenerwähnten Journals 


bilden, den meisten Wert bei Erfüllung folgender Bedingungen: 

„ a) Der Beobachter folgt bei der Aufzeichnung der Tatsachen und 
Außerungen stets einer bewußten Wahl, d.h. er gibt sich, wenn auch - 
- im allgemeinen, Rechenschaft darüber, welche Seite des Seelenlebens die 
gegebene Außerung beleuchten kann. Dabei ist es unumgänglich not- 
wendig, sich ausschließlich auf den psychologischen Standpunkt zu 
stellen, d.h. seine Aufmerksamkeit auf die Bedeutung zu richten, die 
die gegebene Eigenschaft für das Gesamtbild der Persönlichkeit hat, 
wobei alle nicht zur Sache gehörigen, praktischen Erwägungen (Beurtei- 
lung der Handlungen vom Standpunkte der Pädagogik, der Sittlichkeit = 
u. s. w.) aufs sorgfältigste vermieden werden müssen. j 

b) Alle Notizen zeichnen sich durch einen möglichst objektiven 
Charakter aus. Nur Tatsachen, d.h. die Aufführung des beobachteten 
Menschen, seine Worte, Handlungen, Bewegungen, seine Mimik werden 
notiert, durchaus nicht die Schlüsse, die vom Beobachter daraus gezogen 
werden. Ferner, wenn einzelne Beobachtungen einander widersprechen, 
muß man sie nicht einander anzupassen oder sie zu erklären versuchen 
u. s. f.; ihr Widerspruch soll im Gegenteil in seiner ganzen Schroffheit 
vor den Leser treten. 

c) Neben den Äußerungen müssen auch die äußeren Umstände (An- 
reizer), bei denen die gegebene Äußerung wahrgenommen worden ist, 
aufgezeichnet werden. Allerdings kann die ganze Umgebung nicht be- 
schrieben werden, was auch überflüssig wäre: die Hauptaufmerksamkeit 7 
muß auf die Umstände gerichtet werden, die die gegebene Außerung 
begünstigen oder sie hemmen könnten, diese Umstände aber müssen mit 
der größten Ausführlichkeit beschrieben werden. ý 

Auf den ersten Blick könnte es scheinen, daß die erste Forderung 
der zweiten gewissermaßen widerspreche: einerseits soll der Beobachter 
Tatsachen, nackte Tatsachen aufzeichnen, andererseits muß er sich dessen 








BE 


bewußt sein, welche Eigenschaft in der von ihm beschriebenen Außerung 
zutage tritt, d.h. mit anderen Worten im Moment des Notierens selbst 
muß er sich diese Äußerung deuten, muß sie auf diese oder andere Art 
auslegen. Dieser Widerspruch ist aber bloß ein scheinbarer, und die 
vorstehenden Forderungen stellen eigentlich dieselben Regeln dar, von 
denen jeder erfahrene Arzt bei ausführlicher klinischer Untersuchung 
oder Beschreibung seiner Kranken geleitet wird. Indem dieser seinen 
Patienten befragt, notiert er nur diejenigen Klagen des letzten, die zur 
Konstatierung der Krankheit beitragen können, d. h. auf das Vorhanden- 
sein gewisser Krankheitssymptome hinweisen. Auf dieselbe Weise ver- 
fährt er bei der objektiven Untersuchung des Kranken. Alles aber, 
was er beachtet, beschreibt er auf das genaueste und ausführlichste, 
wenn auch einige Details seiner Diagnose nicht entsprechen. Nachdem 
er die Beschreibung der Tatsachen beendigt hat, gibt er sein eigenes 
Resume, wobei er beliebige Erwägungen und Theorieen zum besten 
geben kann — bei der Beschreibung aber bleibt er streng objektiv. 
Bei der Lektüre einer gut zusammengestellten Krankheitsgeschichte be- 
gegnen wir bloß Tatsachen.uud nichtsdestoweniger leuchtet uns sozusagen 
durch diese Fakta schon die Diagnose entgegen, denn sie enthalten nichts 
Überflüssiges, Entbehrliches. Und umgekehrt muß man aus einer schlecht 
geschriebenen Krankheitsgeschichte die Hälfte der Tatsachen heraus- 
werfen, da sie nichtssagend sind; die übrige Hälfte enthält viele ungenau 
beschriebene, der Diagnose im voraus angepaßte Tatsachen. Wie uns 
scheint, müssen alle diese Erwägungen auch bei der Zusammenstellung 
von Charakteristiken in Kraft bleiben. 

Die an dieser Stelle angeführten Musterbeispiele eines Journals 
und ergänzender Nachrichten sind dem Aufsatz von A. J. Nekljudowa!), 
der die Charakteristiken von zwei kleinen Knaben, zwei Brüdern, ent- 
hält, entnommen. 

Der Altersunterschied ist sehr unbedeutend; der ältere, W. ist 7 Jahr. 
7 Monate, der jüngere L. 6 Jahr, 6 Monate alt. Die Familie ist gebildet und 
ziemlich wohlhabend. Was verschiedene Pflichten, Forderungen, die Zeiteinteilung 
u. s. w. anbetrifft, so befinden sich die beiden Knaben in vollkommen gleichen 
Familienverhältnissen, ebensowenig kann ein merklicher Unterschied in der Ein- 
wirkung der Hausgenossen auf die beiden Knaben bemerkt werden. Das Einzige, 
was dem älteren Knaben eine Ausnahmestellung verleiht — ist der Umstand, daß 
er das älteste Kind ist, was ein größeres Vertrauen der Eltern und kleine Auf- 
träge und Pflichten, die er zuweilen als der größere zu erfüllen hat, nach sich zieht. 

4 Was das Außere anbetrifft, so ist es sehr verschieden; der Mangel einer 
größeren Ahnlichkeit der Brüder miteinander springt in die Augen. Der ältere 








; D) A. J. Nekljudowa. Materialien zu der Frage der Entwicklung der Charaktere 
im Kindesalter, Wjestnik Psychologii, 1906. Lieferung 5 (russisch). 


ist hochgewachsen, breitschultrig, hat feine regelmäßige Gesichtszüge, Der ernste 
Blick seiner Augen läßt ihn älter erscheinen, als er ist. Der Jüngere Knabe ist 
klein von Wuchs; seine ganze kleine Gestalt ist ungewöhnlich beweglich und < 
elastisch. Die sanft gerundeten Züge, das leichte Rot der Wangen und besonders 
der offene Blick der ziemlich großen, hellen Augen drücken Sorglosigkeit und 
Lebensfreude aus. 

Journal. 


Den 20. Dezember 1905. (W.) Rief herbei, um zu sehen, wie er am Seil 
emporklimmen werde. Indem er hochrot und außer Atem am oberen Balken 
angekommen war, rief er mit fröhlicher Miene herunter: „Sieh, bin doch bis nach 
oben gekommen! ich hab’s ja dir gesagt, daß ich das Klimmen verstehe!“ 

(L.) Behende, gewandt und schweigend kletterte er längst dem Stricke dem 
Bruder nach. Oben angelangt rief er aus: „Guten Tag, meine Herrschaften“; 
nachdem er den Spaß noch einmal wiederholt hatte, kletterte er behend herunter, 
Während der ganzen Zeit war der Gesichtsausdruck vergnügt, ja fast strahlend, 

Den 21. Dezember. (W.) Ungefähr eine Stunde verbrachte er damit, daß 
er Bilderbogen mit verschiedenen Tieren darauf auf Pappe aufklebte. Während 
der ganzen Arbeit war er bemüht, sie aufs sorgfältigste auszuführen. Dabei be- 
merkte er ihre Mängel, bedauerte, daß ihm die Sache nicht gelänge, und trium- 
phierte in anderen Fällen: „Dieses Bild aber ist ganz famos gelungen.“ 

(L) Indem er mit derselben Arbeit beschäftigt war, interessierte er sich 
augenscheinlich am meisten für den Prozeß des Aufklebens. „Tüchtig bestrichen 
habe ich's! Durchaus in einer und derselben Richtung muß man reiben!“ þe- 
hauptete er mehrmals, indem er mit einem Lappen das aufgeklebte Blatt glättete, 
In den Zwischenpausen lief er wiederholt zu seinen jüngeren Brüdern, liebkoste 
und küßte den einen, plauderte mit dem andern oder schlug auf dem im Zimmer 
hängenden Schwebereck Purzelbäume, wonach er sich mit demselben Eifer an das 
Aufkleben machte. 

(W.) Rief die Mutter herbei um ihr zu zeigen, wie er auf dem Schwebereck 
Purzelbäume schlagen würde. Nach dem ersten mißlungenen Versuch machte er 
einen zweiten, als aber auclı dieser mißglückte, verschwand er rasch aus dem Zimmer, 
versteckte sich in einen dunklen Winkel und fing an, still vor sich zu weinen. 

(W.) Folgte aufmerksam dem Bruder, der, vor einem brennenden Licht 
sitzend, ein Zündhölzchen in einer gewissen Entfernung von der Flamme anzündete, 
auslöschte und wieder anzündete. „Sieh, L. berührt mit dem Zündhölzchen die 
Flamme nicht, und es brennt doch. Warum?“ Nach empfangener Erklärung 
bemerkt er: „und zwei Holzstücke können so ganz ohne Feuer anfangen zu 
brennen? Das ist mal interessant. Kann man’s auch im Zimmer machen ?* 

d. 22. Dezember. (W.) Verbrachte ziemlich viel Zeit mit dem Aufräumen 
seiner Sachen. Warf aus der Schublade einige Papierchen heraus; ordnete andere 
Sachen auf dem Tisch; Bilder, Zeichnungen (unter diesen auch seine eigenen) 
hängte er an die Wand, das übrige legte er in die Schubladen des Tisches. In 
seinem Tische werden empfangene Ansichtskarten, Postmarken, aus verschiedenen 
Katalogen herausgeschnittene Bilder, allerlei Kleinigkeiten verwahrt; in einer der 
Schachteln befinden sich sogar drei eigene Milchzähne. 

(L.) Auf die Bitte, seine Sachen zu zeigen, lief er sofort zum Schrank und 
öffnete ihn. In dem einen Fach lag eine Spielsache, mit der er beinah nie spielt, 
das zweite Fach war leer, in dem dritten lagen ein Stück zerknülltes farbiges 
Papier, eine Schachtel und drei Papiersoldaten, der eine von ihnen ohne Kopf. 








Auf die Frage: „warum so wenig Sachen?“ antwortete L.: „Weiß selber nicht, 
wohin sie alle hingekommen sind; da, im Tisch sind noch welche.“ Im Pulte 
lagen in der größten Unordnung zwei Spielsachen, ein Buch, Schachteln, ein zer- 
rissenes Heft, Späne, Stücke, Pappe, Nägel. 

(W.) War beschäftigt, seinen Tieren Untergestelle anzukleben. Auf die 
Bitte des Bruders, ihm zu helfen, eine Kette aus buntem Papier für den Weih- 
nachtsbaum zu verfertigen, antwortete W.: „Gut, warte bloß; wenn ich mit meiner 
Arbeit fertig bin, komme ich“. Nachdem die Untergestelle ausgesägt und an- 
geklebt waren, nahm W. an der Beschäftigung seines Bruders teil. 

(L.) Indem er im Zimmer hin und her lief, stieß er jedesmal absichtlich die 
Holzstücke, mit denen die jüngeren Brüder spielten, mit dem Fuße an. Auf die 
dringende Mahnung der Wärterin, das Spiel der Geschwister nicht zu stören, lief 
L. nochmals geschwind durch das Zimmer, fuhr mit den Füßen direkt in die 
Mitte des Holzgebäudes hinein und verschwand aus der Stube. Nach ein paar 
Minuten erschien er wieder, kletterte auf das Schwebereck und fing von dort an, 
das Gebäude mit aus zerknülltem Papier verfertigten Bällen zu bombardieren. 
Endlich, nachdem er die jüngeren Brüder bis zu Tränen gereizt hatte, ließ er 
nach und beruhigte sich. 

(L) Teilte mit, daß seine Tante, bei der er lernt, ihm versprochen habe, 
jedesmal wenn er während der Stunde gut schreiben und lesen würde, ihm einen 
Kopeken zu geben. (Später erwies es sich, daß niemand ihm ein solches Ver- 
sprechen gegeben hatte.) 

d. 23. Dezember. (W.) Konnte auf keine Weise das Sägeblatt in seine 
Handsäge einsetzen; zwei- oder dreimal sprang ihm die Zange aus der Hand und 
zerbrach das Sägeblatt. Nach einigen mißglückten Versuchen wurde W. ganz 
rot, zog die Brauen zusammen, in den Augen standen Tränen, doch bezwang er 
sich und weinte nicht; ein neues Sägeblatt nehmend, fing er an, es einzuschrauben. 
Auf den Rat, die Säge an den Tisch anzulehnen und erst dann die Zange an 
die Schraube anzusetzen, antwortete W. gar nichts und fuhr in früherer Weise zu 
arbeiten fort. Indem er nach einer Weile die Sache richtig in Ordnung gebracht 
hatte, sagte er: „Denkst du etwa, daß ich das erste Mal einsetze und nicht mal 
weiß, wie man die Säge hält“. 

(W.) Spielte Karten. Freute sich, daß er gewonnen hatte. Während des 
Spiels bewahrte er eine ernste Miene, legte Karten beiseite um die Dreien aus- 
zuspielen. Bei dem letzten Anspiel bemerkte er, seine Karte abgebend: „L. ist 
schlimm dran, denn das Trumpfaß und der Trumpfkönig sind ausgespielt und er 
hat nichts mehr, um zu stechen“. 

(L.) Während des Spiels rutschte er die ganze Zeit auf seinem Stuhle herum, 
hüpfte, zuekte mit den Achseln, schnitt Gesichter. Als er als Narr 1) zurück- 
blieb, nahm er’s übel und erklärte, das Wort „Narr“ sei albern und das ganze 
Spiel sei deshalb auch albern. 

(W., L.) Auf die Aufforderung, ein Märchen von einem alten Kosaken, der mit 
einer Hexe Karten gespielt hatte, anzuhören, antworteten die beiden Knaben fröhlich 
zustimmend, aber gleich darauf fragte W., ob das Märchen auch nichts Schauer- 
liches enthalte? — „Wenn so was drin ist, kann man’s dem L. nicht vorlesen, er 
fängt gleich zu weinen an.“ (Die Bemerkung war richtig; mehrmals war L., 
wenn er eine Erzählung oder ein Märchen mit traurigem Inhalte hörte, in Tränen 





1) „Narren“ sehr einfaches Kartenspiel: der Verlierende bleibt als „Narr“ zurück. 


an 


ausgebrochen. Während der Lektüre lachte L. zwei-, dreimal hell auf, W. lächelte 
nur und rieb sich die Hände. Nachdem L. die ganze Erzählung Gogols „Die 
verlorene Urkunde“ zu Ende gehört hatte, fing er an, die im Gedächtnis ge- 
bliebenen Fragmente mit Nachdruck und Gesten zu deklamieren; indem er sich 
auf irgend eine Phrase besann, lachte er laut auf. W. sagte bloß nach beendeter 
Lektüre: „ein interessantes Märchen, aber alles drin ist durchaus nicht wahr.“ 


d. 26. Dezember. (L.) Indem er sich mit einer Spielsache zu schaffen 
machte, verletzte er sich einen Finger und brach in bittere Tränen aus. Wollte 
nicht zum Waschtisch gehen und die Hand ins Wasser tauchen, aber auf den 
Vorschlag, Wachs zu schmelzen, antwortete er sofort zustimmend, trocknete sich 
die Tränen und lief nach den Kerzenstümpfehen. Nach einigen Minuten lachte 
er laut und freute sich über die aus dem Wachs verfertigten Abdrücke. 


(L.) Bat, mit ihm „Narren“ zu spielen. Vor dem Ende des Spiels, als er ° 
merkte, daß er gleich gewinnen würde, bat er, ihm die Karten zu zeigen, und 
sagte dann: „Weißt du was? Spiele jetzt zweimal nacheinander aus, ich werde 
alles ausstechen“. Dann fügte er hinzu: „Nun, siehst du, wie alles gut gelungen ` 
ist — keiner von uns ist zum Narren geworden.“ 

d. 2. Januar. (W., L.) Es war versprochen worden, das Innere eines Samo- < 
Jedenzeltes zu zeigen. Beide Knaben baten, ihren Kameraden T. mitzunehmen. 1 
Später erwies es sich, daß am festgesetzten Tage T. nicht mitkommen könne. 
Als W. erfuhr, daß die Besichtigung des Zeltes auf den nächsten Tag aufge- © 
. schoben werde, wurde er traurig und sagte mit einer unzufriedenen Stimme: © 
„Wenn T. nicht kommen kann, mag er bleiben. wir gehen auch ohne ihn.“ Aber 
nach einer kurzen Unterredung gab er ziemlich rasch zu, daß, wenn dem T. 
einmal versprochen worden ist, ihn mitzunehmen, man das Wort halten müsse. 
Man entschloß sich in den Park spazieren zu gehen. An dem Zelte im Parke f 
vorübergehend, fing L. gleich von neuem an zu bitten, das Zelt betreten zu 
dürfen, aber W. erklärte dem Bruder entschieden, daß wenn verabredet worden 
ist, mit T. zu gehen, man auch zusammen gehen müsse: „ich gehe heute nicht, 
du kannst es halten, wie du willst“, fügte er hinzu, sich zum Bruder wendend. ` 

d. 4. Januar. (W., L.) Man spielte Lotto. Während des Spiels ärgerte i 
sich W. mehrmals über den Bruder, daß der letztere dem Spiel nicht folge und die 
Reihenfolge nicht einhalte. Auf der Karte des Lottos war unter anderen Bildern P 
eine Moschee dargestellt, aus der zwei Mohammedaner einen Europäer mittels 
Faustschläge hinauswerfen. Indem er dieses Bild bemerkte, rief L. aus: „Seht 
mal, seht, wie man den Herrn da hinausschmeist, sogar mit Fäusten, famos !“ 
und fing an zu lachen. W. sah gleich auf das Bild hin: „Warum wird er hinaus- 
geschmissen?“ sagte er. „Und alle, überhaupt alle Türken gehen in die Moschee 
ohne Schuhe? Und die Tataren auch? Wie sonderbar.“ 

u. s. W. 


Nachdem das Journal beendigt ist, schreitet man zum Zusammen- 
stellen von ergänzenden Nachrichten. Der Beobachtende versucht, indem 
er von dem oben angeführten Programm der Untersuchung der Persön- 
lichkeit geleitet wird, sich darauf zu besinnen, ob er in der jüngsten 
Vergangenheit bei dem Objekt der Untersuchung Außerungen bemerkt 
habe, die von einer bedeutenden Entwicklung dieser oder jener Eigen- 
schaft zeugen könnten. Im Gegensatz zum Journal, welches in chrono- ` 


1 
| 
| 
| 
| 





Id 54 bir 
BS 5 Bi: 


s 


= 





ERO 


logischer Ordnung geführt wird, werden die ergänzenden Notizen in der 
von einem Programm (im gegebenen Falle von unserem oben angeführten 
Programm) festgestellten Ordnung mitgeteilt, wobei man sich auf die 
Rubriken desselben beruft. 

Auf diese Weise unterscheiden sich die ergänzenden Nachrichten 
vom Journal dadurch, daß erstens die Fakta hier nicht unmittelbar, 
sondern nach dem Gedächtnis eingetragen werden, zweitens aber das 
Aufzeichnen nicht in chronologischer Ordnung geschieht, sondern nach 
dem im Programm gegebenen Plane. Ferner braucht die Zeitperiode, der 
man einzelne Tatsachen entnimmt, nicht so beschränkt zu sein, als beim 
Führen des Tagebuchs; der Beobachtende muß nur angeben, in welchem 
Alter des Beobachteten die mitgeteilte Äußerung stattgefunden hat. 
Nichtsdestoweniger muß auch hier die notwendige Vollständigkeit und 
Objektivität der Notizen erstrebt werden. Es werden so viel als möglich 
nur Tatsachen aufgezeichnet und zwar solche, von denen der Beobachtende 
genau weiß, daß das Gedächtnis ihn nicht täusche. Neben den Auße- 
rungen werden auch begleitende Umstände notiert. Es gibt auch Fälle, 
wo der Beobachtende beim Aufzeichnen einer Äußerung nicht genau 
bestimmen kann, wann eigentlich und unter welchen Umständen er sie 
beobachtet habe, aber ganz genau weiß, daß er sie mehrmals wahr- 
genommen habe. In diesem Falle legt schon das wiederholte Vorkommen 
dieser Erscheinung und die Mannigfaltiskeit der begleitenden Umstände 
für die bedeutende Potenz der gegebenen Neigung genügendes Zeugnis 
ab. So stellen denn die ergänzenden Nachrichten auch nur Material und 
nicht Ergebnisse, Tatsachen und nicht Schlüsse dar. 


Ergänzende Nachrichten. 
Der ältere Knabe (W.). 

I. Aufmerksamkeit: Sein Interesse kann auf eine längere Zeit von einer 
neuen, ihm unbekannten Erscheinung, Beschäftigung, neuen Kenntnissen gefesselt 
werden. Er besah z. B. ungefähr während einer halben Stunde ein Büchlein, 
welches Abbildungen und Beschreibungen verschiedener Fabrikationen (Glas-, 


Papierfabrikation u. s. w.) enthielt. Saß 20—30 Minuten, einen Papagei beob- | 


achtend; sah zu, wie dieser aß, im Käfig und auf einem Stuhle herumkletterte, 
seine Federn sträubte u. s. w. (Stabilität der Aufmerksamkeit). 

Kann sich eine zeitlang mit einer Sache beschäftigen, die ihn wenig inter- 
essiert. Z. B. wollte er an einem Spiele nicht teilnehmen, da es langweilig sei 
und er es nicht leiden möge, aber nach der Ermahnung, dem Kameraden und 
Gast nachzugeben, fing er das Spiel an (Fähigkeit zur aktiven Konzentration der 
Aufmerksamkeit), 

U. Wahrnehmungen: Beobachtet gut: wenn er einen neuen Gegenstand 
betrachtet oder sich in einer neuen Umgebung befindet, bemerkt er die kleinsten 
Details. Z. B. indem er ein. fremdes Zimmer betrat, bemerkte er sofort zwei 
Kupferstiche an der Wand, sprach seine Verwunderung darüber aus, daß der Ofen 


Pädagog. Monographien, herausgegeben von Meumann, Bd. XIV. 6 
(Lasurski, Ueber das Studium der Individualität.) 


keine Öffnung zum Hereinlegen des Holzes habe, und daß auf dem Regal neben 
Büchern Schnupftücher sich befänden; darauf erklärte er, daß die Tapeten des 
Zimmers ihm durchaus nicht gefielen (Reichtum der Wahrnehmungen). 

Seine Beobachtungen entsprechen meistenteils der Wirklichkeit. Indem er 
vom Zirkus nach Hause kam, erzählt er genau und ziemlich ausführlich alles 
was er dort gesehen hatte. Während der Erzählung unterbrach er den jüngeren 
Bruder, als dieser auch erzählen wollte. „Du erzählst gar nicht der Reihe nach 
und gar nicht so, wie es war“ (Genauigkeit der Wahrnehmungen), 

Ill. Gedächtnis. Ohne die geringste Mühe behält er den Inhalt der ihm 
vorgelesenen Erzählungen, erinnert sich leicht an Erlebtes. Z.B. beschrieb er 
ziemlich ausführlich und richtig eine Gegend, die er über zwei Jahre nicht gesehen 
hatte (Bewahrung im Gedächtnis und Genauigkeit der Reproduktion). 

IV. Denken. Das Bestreben einzelne Fakta miteinander zu vergleichen 
und daraus Schlüsse zu ziehen, wird an ihm öfters bemerkt. „Warum weißt du, 
daß Norka ein kluger Hund ist? Was hat sie denn so Kluges getan? Sie ist 
ją ein Pudel, und wozu braucht denn ein Pudel so viel Verstand? Ein Neu- 
fundländer, der muß Verstand haben, denn er kann Menschen retten — sie aus 
dem Wasser ziehen“ (Fähigkeit zu logischen Schlüssen). 

u. s. W. 


Der jüngere Knabe (L.). 

I. Aufmerksamkeit. Die geringste Veränderung in der Umgebung 
weckt sofort sein Interesse. L. verläßt augenblicklich seine frühere Beschäftigung 
und überträgt seine Aufmerksamkeit auf das neue Objekt. Z. B. schrieb er einen 
Brief, da aber im Vorzimmer geklingelt wurde, verließ er die Arbeit, um nach- 
zusehen, wer gekommen sei. Ahnliche Fälle kommen bei ihm beständig vor. 
(Erregbarkeit der Aufmerksamkeit, geringe Konzentration der Aufmerksamkeit.) 

Wenig Ausdauer, sogar bei der liebsten Beschäftigung. Z. B. zeichnet er 
sehr gern, aber indem er sich damit beschäftigt, unterbricht er seine Arbeit be- 
ständig: bald pfeift er, schneidet Gesichter, hüpft auf dem Stuhle, bald fängt er F 
ein nicht zur Sache gehörendes Gespräch an. (Instabilität der Aufmerksamkeit.) 1 

II. Wahrnehmung. Gute Beobachtungsgabe: er bemerkt alles, was um © 
ihn herum vorgeht. So z. B. erzählte er nach der Besichtigung des Samojeden- 1 


zeltes ausführlich alles, was er drin gesehen hatte. Unter anderem teilte er mit, © 
daß er am Tage vorher, als er am Zelte vorbeiging, andere Renntiere dort ge- | 


sehen habe (eine Bemerkung, die sich als vollkommen richtig erwies), und daß, 


während der Samojed seine Kleider vorzeigte, sein kleines Hündchen die ganze M 


Suppe aus dem Kessel gefressen habe. (Reichtum der Wahrnehmungen.) 
III. Gedächtnis. Behält ziemlich leicht und rasch kleine Gedichte, 


Fabeln, den Inhalt der ihm vorgelesenen Märchen, die Umrisse einer Zeichnung. 4 


(Leichtigkeit der Einprägung). s 
IV. Einbildungskraft. Charakteristisch für ihn ist die Lebhaftigkeit 
und Beweglichkeit der Phantasie, die ihn veranlaßt, manchmal Phantasiegebilde 
mit der Wirklichkeit zu verwechseln, z. B. bat er, mit ihm zu gehen und zu sehen, ` 
wie er seine Sachen schön geordnet habe. Indem er die Unordnung auf dem 
Tisch erblickte, geriet er in Verlegenheit. Es erwies sich, daß am Tage vorher 
sein Bruder seine Sachen gekramt, L. aber bloß den Wunsch, dasselbe zu tun, 
ausgesprochen und Pläne gemacht hatte. (Lebhaftigkeit der Einbildungskraft.) 
V. Denken. Diese Seite des psychischen Lebens ist in L. nur wenig ent- 


wickelt, Die Bemerkungen, die er über die umgebenden Gegenstände und Personen 1 











EOS 


macht, sind mehr persönlichen Eindrücken, Äußerungen der ihn erfüllenden Gefühle, 
als Urteilen ähnlich. Z. B. sobald ein Spiel sein Interesse gewonnen hat, bemerkt 
L., daß das Spiel „sehr schön und klug sei“, aber nach einem Mißerfolg wird 
dasselbe Spiel zu einem „häßlichen und dummen“. (Geringe Entwicklung der 
Urteile, deren Subjektivität.) 
West 

Die angeführten Beobachtungen wurden im Dezember und Januar 
1905/06 gemacht. Drei Jahre darauf, im Winter des Jahres 1908/09, 
nahm A. J. Nekljudowa wieder eine Reihe von Beobachtungen der beiden 
Knaben nach demselben Schema vor. Die Resultate sind nicht veröffent- 
licht worden. Aber wie mir die Verfasserin mitgeteilt, ist die subjektive 
(endopsychische) Seite der Persönlichkeit, d. h. die Gesamtheit der Haupt- 
neigungen, die jeden der Beobachteten charakterisieren, beinah unver- 
ändert geblieben. Was die objektive (exopsychische) Seite der Persön- 
lichkeit, d. h. deren Verhältnis zu verschiedenen Seiten des umgebenden 
Lebens anbetrifft, so ist diese bei dem jüngeren Knaben beinah ohne 
jede Veränderung geblieben, bei dem älteren hat sie sich bedeutend er- 
weitert und bereichert. Besonders tritt diese Erweiterung auf dem 
Gebiete der höheren (intellektuellen, ästhetischen, soziellen und anderen) 
Gefühle zutage. Dort, wo früher diese oder jene exopsychischen Auße- 
rungen nur undeutlich hervortraten, haben sie jetzt schärfere Umrisse, 
ein ziemlich bestimmtes äußeres Gepräge erhalten, wobei sie jedoch im 
ganzen in voller Übereinstimmung mit dem Kern seiner Persönlichkeit, 
mit ihrer neuro-psychischen Organisation geblieben sind. Mit anderen 
Worten hat im Laufe der drei Jahre die Persönlichkeit des jüngeren 
Knaben nur eine geringe Veränderung erfahren, diejenige des älteren 
aber eine Entwicklung durchgemacht, und zwar in der Richtung, die ihr 
von den Hauptzügen seines Charakters von vornherein vorgezeichnet war. 





Wir führen ferner ein Musterbeispiel einer fortlaufenden Auf- 


zeichnung, welches einem Aufsatz von N. E. Rumjanzew) entnommen 
ist, an. 


Den Knaben P., dessen Schultag weiter unten beschrieben ist, kenne ich seit 
etwa 3 Jahren. Jetzt ist er 11 Jahre alt. Er ist der Sohn eines Arbeiters auf 
dem Elektrizitätswerk in Tzarskoje Sselo. Sein Vater ist äußerst kränklich, neigt 
zu Anfällen. Die Mutter stets beschäftigt, die Kinder ohne Aufsicht. In unserer 
Schule lernt er schlecht, bleibt in jeder Klasse sitzen. Er trat ohne jegliche 
Vorkenntnisse ein und erwarb sich sofort den Ruf eines ungezogenen Buben und 
Raufbolds, dem gegenüber jedes pädagogische Einwirken ohne Erfolg blieb, 
Physisch ist er gesund, und obgleich für sein Alter klein von Wuchs, kräftig. 





1) N. E. Rumjanzew. Materialien zu Charakteristiken. Wjestnik Psychologii, Jahrg. 
U, Lief. 7 (russisch). 


6* 


EV SE 


Fortlaufende Aufzeichnung. 


Mittwoch, d. 2. März. Sobald geläutet wurde, sprang P. auf und, solange 
die Kameraden sich noch in ihren Betten reckten und es sich gut sein ließen, 
kleidete er sich rasch an und ging, sich zu waschen, wobei er unterwegs auf einem 
Beine hüpfte. Er wusch sich nicht über eine halbe Minute und als er aus dem 
Waschzimmer heraustrat, waren seine Hände schmutzig, mit Spuren. von Tinten- 
klecksen. Auf meine Frage, ob er sich die Zähne geputzt, den Hals und die 
Ohren gewaschen habe, sagte er: „Ich hab’s vergessen“. Ich befahl ihm, sich 
noch einmal zu waschen. Gegen seine Gewohnheit protestierte er nicht, sondern 
fragte bloß: „Werden Sie mich aber heute aufnehmen? Sie haben es versprochen.“ 
Ich befahl ihm, nach dem Waschen seine Jacke auszubessern,. wovon schon etwa 
zwei Tage nacheinander die Rede gewesen war. Nach einer Minute trat er wieder 
aus dem Waschzimmer heraus, legte aber sein Handtuch nicht auf den dazu be- 
stimmten Platz, sondern zerknüllte es und warf es unter das Kissen. Dann schlich 
er an einen noch schlafenden Kameraden heran und zog ihm die Bettdecke herab, 
sah sich aber vorsichtig um, bemerkte mich und lief, sein Gesicht mit den Händen 
bedeckend, längs dem Korridor in das zweite Stockwerk. Unterwegs gab er im 


Vorbeilaufen einem Kameraden, der sich das Gesicht trocknete, einen leichten | 


Schlag, und als der sich umwandte, guckte er mit der unschuldigsten Miene zum 


Fenster hinaus, wie einer, der mit den Augen etwas sucht. Indem er am Bette 
eines anderen Kameraden vorbeiging, schleuderte er unbemerkt dessen Stiefel mit 
dem Fuße fort und sah sich dann längere Zeit um, um zu sehen, was der an- 


fangen werde, wenn er das Verschwinden des Stiefels bemerkt haben werde. 


Da erblickte er aber mich und lief sofort hinunter. Als er am Schneider, 
der den Kindern ihre Kleider flickt, vorbeiging, blieb er nicht stehen und 
gab ihm seinen Anzug zum Ausbessern nicht ab. Als ich gleich nach ihm 
hinunterkam, fand ich ihn in der Klasse. Er sa auf seinem Platz und 


wühlte in seinem Pulte. Als er mich erblickte, machte er das Pult schnell 


zu, indem er etwas zu verstecken versuchte, und legte ein Buch vor sich. Auf 
die Frage, was er verstecke, sagte er: nichts! Was er mache? — Ich habe ge- 


lesen. Ich bat ihn, alles herauszunehmen, was im Pulte sei, und öffnete es. In 


dem Pulte war wie immer große Unordnung. Zwischen Büchern und Heften, die 
alle durcheinander geworfen waren, lagen alte Federn, eine Zündhölzehenschachtel, $ 
zwei Konfektschachteln, zwei Stöckchen, ein kleiner Nagel, mehrere aus Papier i 
verfertigte Vögel und Böte, Papierbogen mit darauf gezeichneten Soldaten, Panzer- 
schiffen und einer Karrikatur eines Japaners in der Gestalt eines kleinen Esels ” 


u.ä.; aus Heften herausgerissene Blätter, mit wunderlichen Tintenklecksen, die 


man erhält, wenn man auf das Papier Tinte tröpfelt und es dann zusammenfaltet, 
geziert; ganz oben aber eine Menge weißes Papier in kleinere Vierecke geschnitten. 7 


Auf die Frage: was soll das? — antwortete er: „Ich mache draus einen Ka- 
lender, wie der, welcher bei uns an der Wand hängt“ (Blockkalender). — Von 


wo hast du das Papier? — „S. hats mir gegeben, er hat's von Hause gebracht.“ ” 


— Zeige mir deine Hefte. — Ein Heft fehlt. Er gesteht, daß er es zerrissen 
habe. — Warum hast du es denn nicht gleich gesagt, oder hast mich nicht um 


Papier für den Kalender gebeten? — Finsteres und eigensinniges Schweigen. 7 
Da seine Jacke noch immer nicht geflickt ist, schieke ich ihn von neuem, sie 4 
auszubessern. Er läuft hinauf, ohne ein Wort zu sagen. Als ich mich nachi 
einigen Minuten wieder in das Schlafzimmer begab, traf ich wieder P., benp 
über Betten zu springen, wobei er am meisten Vergnügen dran zu finden schien, i 


über das Gitter des einen Bettes auf das nächste zu springen. Indem er mich f 
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von weitem bemerkte, versteckte er sich geschwind unter ein Bett, zog die Bett- 
decke herunter, aber als ich an der Säule vorbeiging, sprang er unter dem Bett 
hervor und lief zum Schneider. Rot im Gesicht, erhitzt, schmutzig, stand er 
neben dem Schneider und gab sich Mühe, gleichgültig zu erscheinen, sagte sogar : 
„so lange muß man warten! so kommt man schließlich zur Andacht zu spät.“ 
Auf die Bemerkung des Aufsehers — „Wenn du bloß weniger Schabernack treiben 
würdest; nicht auszukommen ists mit dir“, erwiderte er rasch: „was geht es dich 
an; der muß auch seine Weisheit zum besten geben, seht nur mal!“ Und indem 
er die Aufmerksamkeit von sich ablenken wollte, rief er sofort aus: „Seht die 
Tauben da!“ Als nach einigen Minuten alle Zöglinge sich zur Andacht ver- 
sammelten, bemerkte ich, daß P.’s Jacke doch nicht geflickt war. Während der 
Andacht, die etwa 5 Minuten dauerte, stand er zuerst ordentlich, bekreuzigte sich 
ein paarmal mechanisch, dann fing er an, seine Hände zu besehen; als alle nieder- 
knieten, stieß er mit der Hand an den Stiefel des vor ihm knieenden Kameraden, 
dessen Fuß ihn vielleicht störte, oder vielleicht weil er selbst aus der Reihe ge- 
treten war; der Kamerad schien es nicht zu bemerken; da ließ P. seine Hand 
auf dem Stiefel des letzten liegen, indem er ihn, wenn er sich erheben würde, am 
Fuße festhalten wollte. Aber als er sich vorsichtig umsah und merkte, daß er 
gesehen werden könnte, ließ er den Fuß los und blickte auf die Seite; dann sich 
plötzlich besinnend, fing er an, sich rasch und eifrig zu bekreuzigen, indem er 
die Hand vor der Nase hin und her schwenkte. Während des Tees im Speise- 
zimmer saß P. ruhig, trank langsam, zerbröckelte seine Semmel zu kleinen Stücken. 
Als er meinte, daß sein Nachbar seinen Krug Tee nicht ganz ausgetrunken hatte, 
bat er um denselben und stellte ihn neben den seinigen; er schien sehr froh dar- 
über zu sein und sah seine Nachbarn, die sich mit einem Krug Tee begnügen 
mußten, triumphierend an; aber nach einiger Zeit stellte er, ohne den ersten Krug 
ganz ausgetrunken zu haben, beide Krüge weg und begann das Brot zu zerbröckeln 
und es in kleine Haufen zusammenzulegen. Als er merkte, daß sein Nachbar 
nicht aufpaßte, warf er ihm eine Handvoll Krumen in den Tee. Der Gegenüber- 
sitzende zeigte dem Beleidigten mit den Augen auf P., als auf den Schuldigen; 
da fing P. an, auch nach ihm mit Krumen zu werfen. Nach dem Tee versuchte 
er während des Tischgebetes, nachdem er aus der Bank getreten war, sich un- 
bemerkt nach vorne zu schleichen, indem er sich sachte zwischen den Kameraden 
schob, aber als alle das Speisezimmer verließen, blieb er, nachdem er zuerst den 
anderen vorausgeeilt war, an einem Fenster stehen und guckte auf die Kinder, 
die im Hofe herumsprangen, herab. 


Nach dem Tee gingen die Zöglinge in ihre Klassen und beschäftigten sich 
meistens mit dem Wiederholen ihrer Aufgaben. P. vertiefte sich wieder ganz in 
das Verfertigen seines Kalenders. Jedesmal, wenn ich mich der Klasse näherte, 
versteckte er diesen und schlug ein Buch auf, welches er bereit hielt, obgleich 
niemand ihn zu lernen zwang. Ich trat in die Klasse und fragte, ob er seine 
Lektionen gelernt habe: „Gestern schon“ war die Antwort. — So, sage mir deine 
Religionsaufgabe auf. — „Was ist aufgegeben?“ wandte er sich an die Kame- 
raden augenscheinlich, um sie zum Lachen zu bringen, denn er wußte es, wie es 
sich erwies, sehr gut, aber gelernt hatte er nicht. Ich befahl ihm, die Aufgabe 
zu lernen, zuerst aber die Hände, die er schon wieder mit Tinte beschmiert hatte, 
zu waschen. Als ich nach einigen Minuten an der Klasse vorüberging, sah ich 
wieder, daß P. sich mit seinem Kalender beschäftigte und daß das aufgeschlagene 
Lehrbuch vor ihm lag. Während der ersten Stunde hatte ich in einer anderen 


DENE 


Klasse zu tun und konnte P. nicht beobachten, aber nach der Stunde fragte ich 
den Religionslehrer, wie P. sich betragen habe. Es erwies sich, daß als der 
Religionslehrer P, fragte, ob er die Lektion wisse, P. mit vollkommener Ueber- 
zeugung es bejahte und notdürftig die vorige Lektion aufzusagen begann. Als 
der Lehrer ihm sagte, es sei nicht das, was er brauche, verwunderte er sich sehr. 
„Ich dachte“, sagte er, „daß man bloß die alte Aufgabe wiederholen müsse“, Darauf 
sich wieder setzend, fing er an, sich unter dem Pult mit etwas zu beschäftigen. 
Als der Lehrer sich ihm näherte, erwies es sich, daß er an seinem Kalender 
weiter arbeitete, den er jetzt mit Ziffern versah. Der Lehrer nahm den Kalender 
weg, und fing an, die Aufgabe zu erklären. Bald bemerkte er, daß P. von Zeit 
zu Zeit mit dem Fuß an das Pult stieß, wobei er Miene machte, aufmerksam zu- 
zuhören. Da befahl ihm der Lehrer, neben ihm zu stehen. P, protestierte und 
behauptete, er habe nichts gemacht. Nach einer Weile merkte der Lehrer, daß 
die Schüler zu lächeln begannen. Er fing an, P. zu beobachten und sah, daß 
dieser, sich zur Klasse wendend, Gesichter schnitt und darauf gleich wieder voll- 
kommen unschuldig dreinschaute. Schließlich sah sich der Lehrer genötigt, ihn 
aus der Klasse zu entfernen. Während der Zwischenstunde lärmte und tollte P. 
im Rekreationssaal herum. 


Us 

Nachdem das Sammeln des Materials beendigt ist, schreitet man - 
zum Zusammenstellen der Charakteristik. 
Die Erfahrung hat erwiesen, daß dieses Letzte, von der äußeren, 
sozusagen technischen Seite betrachtet, auf zweifache Art geschehen ° 
könne. Die erste besteht darin, daß die ausführlichste Übersicht des ~ 


ganzen faktischen Materials (die ergänzenden Nachrichten sowohl wie 


das Journal miteingerechnet) hergestellt wird. Diese Übersicht wird 


nach einem bestimmten Plane, z. B. nach dem oben angeführten Programm, 1 


ausgeführt. Dank der Gegenüberstellung von einzelnen Notizen unter- 
einander, die zu verschiedener Zeit und mittels verschiedener Methoden 
gewonnen sind, können die bei dem Sammeln des Materials mitunter- 5 
gelaufenen Fehler zu Tage treten, wie auch die Frage nach dem, welche 
Tatsachen und Äußerungen sich am häufigsten wiederholen und folglich © 
für die Charakteristik des gegebenen Subjekts am wichtigsten sind gelöst 7 


werden. Wenn diese ausführliche Übersicht beendigt ist, bleibt nur das © 


Feststellen eines gewöhnlich sehr kurzen Resumés übrig, in welchem die 
verhältnismäßige Wichtigkeit der verschiedenen Seiten des beobachteten 7 
Charakters beurteilt und ihr Verhältnis zueinander auf Grund der Er- 7 
gebnisse der Psychologie und teilweise der Physiologie festgestellt werden. i 

Die andere Verfahrungsart besteht darin, daß der Forscher schon 
im voraus, bei der Untersuchung des sich auf die gegebene Persönlich- 
keit beziehenden Materials, eine allgemeine Vorstellung von deren 
innerem Bau, ihren Haupteigenschaften gewinnt. Deshalb folgt er, indem 
er zur ausführlichen Übersicht des sämtlichen Materials schreitet, keinem f 
allgemeinen Programm, sondern hebt von vornherein die Züge, die seiner - 








BEE E 


Meinung nach für den gegebenen Fall am charakteristischsten sind, her- 
vor, indem er seine Urteile durch alle ihm zur Verfügung stehenden 
Tatsachen belegt. So wird sofort eine vollständige, zusammenhängende, 
und abgerundete Charakteristik gewonnen, in der die vereinzelten Fakta 
zu einem Ganzen vereinigt sind, und die zugleich kein mattes, abstraktes 
Schema, sondern ein lebenswahres, konkretes Porträt der gegebenen 
Persönlichkeit darstellt. Diese Methode ist es, die bei der Zusammen- 
stellung der weiter unten angeführten Charakteristik von uns angewandt 
worden ist. Selbstverständlich müssen alle unsere Schlüsse bei dem 
Anwenden dieser oder jener Methode auf vollkommen sichere und be- 
stimmte Tatsachen gegründet werden und sich in keinem Fall nur auf 
Vermutungen oder einen allgemeinen Eindruck, der sich stets durch 
eine beträchtliche Dosis der Subjektivität auszeichnet, stützen. 

Als Beispiel sei hier die Charakteristik eines Knaben, Zöglings einer 
Militärschule, angeführt; sie ist auf Grund von den im Jahre 1904/05 
an den St. Petersburger Pädologischen Kursen organisierten Beobach- 
tungen zusammengestellt‘). Bei der Sammlung des Materials (Journale 
und ergänzende Nachrichten) wurden die Beobachtenden von unserem 
Programm geleitet”); deshalb werden neben den konkreten Tatsachen 
und Äußerungen auch die Hauptrubriken des Programms in die dieselben 
gehören, angeführt. Zum Schluß ist ein Resume, welches die charakte- 
ristischen Eigenschaften des betreffenden Knaben aufzählt, angefügt. 


Charakteristik. 


Antonowitsch (der Name ist erdacht) ist Zögling der 2. Klasse eines Kadetten- 
korps zu St. Petersburg, 12 Jahre alt. Klein von Wuchs, von schwächlichem 
Körperbau und ziemlich zarter Gesundheit. Die Muskeln — schwach entwickelt, 
obgleich er in seinen Bewegungen sich von den Altersgenossen nicht unterscheidet. 
Sehr blasse Hautfarbe, blondes Haar, farblose Augen. Beim Gehen zieht er die 
Schultern ein, besonders morgens, indem er sagt, sie frören ihm. Versucht, sich irgend 
wie von dem Spaziergang freizumachen, was vielleicht durch schwache Lungen 
und aus Furcht vor Erkältung erklärt werden kann. Linkhändig. Mit einem 
physischen Fehler (enuresis nocturna) behaftet. Seine Mutter leidet an der 
Schwindsucht. Die Familienverhältnisse sind ungünstig: Vater und Mutter leben 
nicht zusammen; früh entbehrte er die Elternliebe und wurde in die Schule des 
Weißen Kreuzes abgegeben. 





1) Sieh mein Buch „Schülercharakteristiken“ St. Petersburg 1908 (russisch). 

2) Wir haben hier hauptsächlich das oben angeführte Programm zur Untersuchung 
der subjektiven (endopsychischen) Seite der Persönlichkeit im Auge. Als die obener- 
wähnten Beobachtungen vorgenommen wurden, war unser zweites, exopsychisches Programm 
noch nicht ausgearbeitet. Ferner ist dieses letzte beinah ausschließlich der Untersuchung 
von Erwachsenen angepaßt und bedarf noch einer völligen Umarbeitung, um bei der 
Untersuchung von Kindern gebraucht werden zu können. 


i In dem Charakter dieses Knaben nehmen die intellektuellen Interessen zweifellos 
eine hervorragende Stellung ein, indem sie alles Uebrige in den Hintergrund 
drängen. Er liest sehr gern und viel und schreibt das Gelesene auf. Das ihm 
gegebene Buch „Tausend und eine Nacht“ las er sehr rasch durch; liest im Buche 
auch während der Meldung des Klassenältesten beim Eintritt des Lehrers in die 
Klasse. Begeistert sich für Jules Verne’s und Mayne Reid’s Romane und Achn- 
liches; nach einem Urlaub zurückkehrend brachte er zwei Bücher mit: das eine 
handelte von Australiern, das andere von Indianern. Aber das erschöpft den 
Kreis seiner Interessen noch lange nicht. Er liest gern ernstere Werke über 
Naturgeschichte, Physik, Geschichte, Geographie mit Ernst und auf eigene Hand 
treibt er Physik, obgleich dieses Fach im Programm der 2. Klasse noch fehlt. 
Mit großem Interesse besieht er neue naturgeschichtliche Präparate und Modelle. 
Löst gern allerlei Aufgaben und Rätsel u. ä. m.; nachdem er seine Aufgaben rasch 
gelernt hatte, schlug er dem Erzieher vor, ein Rätsel zu lösen, vertiefte sich gleich 
darauf in eine komplizierte (nicht arithmetische) Aufgabe. Er interessiert sich 
auch für die Ereignisse des öffentlichen Lebens, im gegebenen Moment für den 
Krieg mit Japan; sammelt die darauf bezüglichen Zeichnungen und Bilder; ver- 
folgt aufmerksam die Nachrichten. Er wartet auf den Augenblick, wo der Er- 
zieher vom Dienst nach den Abendnachrichten schickt und bittet, sie lesen zu 
dürfen. Alle diese Tatsachen weisen auf eine bedeutende Entwieklung des in- 
tellektuellen Gefühls, ernster geistigen Interessen hin. Im Gegenteil 
fehlt die Neugierde, das Interesse an dem Neuen beinahe gänzlich. Die 
kleinen Neuigkeiten des Kadettenlebens (die Ankunft eines neuen Erziehers, das 
Vorbeifahren der Feuerwache) üben wenig Anziehungskraft auf ihn aus: alle laufen 
um zu sehen, Antonowitsch bleibt sitzen. 

Im engsten Zusammenhang mit dem eben gesagten befindet sich die unge- 
wöhnlich intensive Entwicklung der Neigungen, die sich auf die Denk- 
und Einbildungskraft beziehen. Indem er sich gern mit Mathematik 
beschäftigt, memoriert er jedoch die Regeln der Arithmetik ungern und zieht 
schwierige Aufgaben, die angestrengtes Denken verlangen, den schablonenmäßigen 
Exempeln vor. Nachdem er freiwillig und selbständig den Mechanismus von 
Segners Wasserrad kennen gelernt hatte, erklärte er seine Einrichtung und die ` 
Ursache seiner Wirkung mit Präzision und im vollkommenen Zusammenhang. 

Ganz besonders stark ist bei ihm die Tätigkeit der kombinierenden 
Phantasie entwickelt; sie äußert sich in zwei verschiedenen Richtungen: erstens 
im Entwerfen und Ausarbeiten verschiedener Projekte technischen Charakters, 
zweitens im Schriftstellern (er schreibt Gedichte, Erzählungen u. ä.). Wenn er in 
der Physik eine neue Erscheinung kennen lernt, versucht er diese sofort bei der 
Einrichtung irgend eines von ihm geplanten Apparats, z. B. einer hydraulischen 
Presse oder eines eigentümlichen „Pfeiltelegraphen“ zu verwenden. Eine Zeitlang 
- war er mit dem Entwurf eines Schiffes, welches fliegen und zu Wasser und zu 
Land fahren könnte, beschäftigt. Er stellte für dieses Fahrzeug eine ganze Liste 
der dazu nötigen Sachen zusammen; dieses Schiff wollte er selbst kommandieren. 
Ein anderes Mal bat er während der Morgenarbeit um Erlaubnis, sich mit einer 
Privatarbeit zu beschäftigen. Es erwies sich, daß er eine längere Zeit sich mit 
der Einrichtung eines Spiels, welches den Russisch-Japanischen Krieg darstellen 
soll, abgibt. Die Idee des Spiels ist geborgt, aber die Einrichtung erfordert 
Nachdenken; er vertiefte sich in die Erwägung dessen, wie die Besatzung in den 
Schanzen besser zu plazieren sei — 800 Mann Infanterie, 200 Kavallerie und 





row 


200 Artillerie. Er gab dem Erzieher ein Heft, dessen Blätter mit Grundrissen 
von Festungen, zum Zweck dieses Spieles hergestellt, geschmückt waren. Merk- 
würdigerweise versucht er nie seine Erfindungen zu verwirklichen, sondern be- 
schränkt sich nur auf Grundrisse; nichtsdestoweniger arbeitet er an seinen Grund- 
rissen mit einem Fleiß, der ihm seitens seiner Kameraden den Spottnamen „Er- 
finder“ eingebracht hat. 

Was die dichterische Begabung anbetrifft, so nimmt er in dieser Beziehung 
die erste Stelle in seiner Klasse ein, wobei der Inhalt seiner Verse von einem 
bedeutenden Reichtum und Lebhaftigkeit der Phantasie zeugen. Einmal 
schrieb er, von dem Erzieher dazu aufgefordert, ohne auch nur eine Minute nach- 
zudenken, sofort, in der Klasse, ganz aus dem Stegreif ein ziemlich gelungenes 
Gedicht aus dem Kadettenleben. 

Hier ein Beispiel seiner Gedichte: 


Wunsch. 


O, wie sehne ich mich damach, in jenes Reich zu fliehen wo es keine 

Traurigkeit gibt und es nie mehr zu verlassen und (dort) zu leben, solange die 
‚ganze Welt lebt. Wo die Stille herrscht und die Erholung, der Friede, die Ruh 
und die Erquiekung!), wo keine Tränen sind, keine Hölle, wo ewige Freude und 
Träume herrschen. O möchte ich dorthin wenn auch?) vom Winde getragen 
werden, es sehen, mich daran ergötzen, wenn auch nur mit einem einzigen Blick. 
‚Aber nein! Das Schicksal ist üunwiederbringlich?), und ich bin bloß sein schlichter 
"Knecht... ich fleh’ es an... unbeweglich steht es und schweigt ^). 
Er dichtet gern und zu jeder Zeit. So schrieb er einmal am Abend während 
ider zum Vorbereiten der Aufgaben bestimmten Zeit, ohne seine Lektionen gelernt 
zu haben, ein Gedicht über den Moskauer Kremlj in der Nacht. In seinen 
Dichtungen finden die Ereignisse des öffentlichen Lebens einen lebhaften Widerhall; 
gegenwärtig, da alle mit dem russisch-japanischen Kriege beschäftigt sind, schreibt 
er Verse über Kriegsereignisse. Um seine Verse zu verbessern, arbeitete er 
während mehrere Abende, indem er Reime suchte und sie in einer bestimmten 
Ordnung in ein Heft eintrug (geistige Leistungsfähigkeit). 

Sich nicht bloß auf Gedichte beschränkend, schreibt er auch Romane und 
gibt ein Journal aus. Gegenwärtig, da er sich für Mayne Reid und Cooper be- 
geistert, schreibt er unter ihrem Einflusse einen Roman aus dem Indianerleben in 
drei Teilen. Den Stoff hat er selbst erfunden, aber die Charaktere der handelnden 
Personen, die Beschreibung von Land und Leuten, von Sitten und Bräuchen ver- 
dankt er seiner Lektüre; keine direkte Entlehnung, sondern eher überall eine 
selbständige Umarbeitung des aus der Lektüre geschöpften Materials. Bei Wieder- 
gabe des Gelesenen in der Klasse schaltet er, wie in den Romanen, eigene Er- 











1) Im Original eine Ableitung v. „Stille“. 

2) Oftenbares Flickwort. 

3) Ungenau statt unerbittlich oder unabwendbar, dem Reim zu Liebe. 

4) Das Gedicht ist in regelmäßigen vierfüßigen Jamben geschrieben, die 16 Zeilen 
enthalten 2 Paar Assonanzen (was bei den unendlich mannigfachen russischen Endungen 
Dilettanten schr leicht passiert. Die übrigen Reime sind regelmäßig. Im Ganzen lesen 


‘sich die Verse, trotz einiger Flickwörter, Wiederholungen und Ungenauigkeiten im Aus- 
druck, leicht. (Übersetzerin). 


oe 






























gänzungen ein; z. B. schaltete er bei der Wiedergabe von Puschkins „Ertrunkenem“ 
den Satz: „Des Tages Leuchte war schon längst hinter dem Horizont ver- 
schwunden“ ein. Dabei kann er gewöhnlich die von ihm eingeschalteten Stellen 
genau angeben. i 

In den Plaudereien mit den Kameraden ist er witzig, seine Witze und Späße T 
treffen den Nagel auf den Kopf. Er zeichnet, zeigt aber keine besondere Be- 
gabung dafür. Während der Abendbeschäftigungen zeichnete er Vignetten, wie | 
sie zu Photographien verwendet werden; gleich den Kameraden hat er sich auch _ 
Farben angeschafft, malt aber wenig und nicht besonders gut. | 

Was die übrigen Aeußerungen des intellektuellen Lebens anbetrifft, so steht > 
Antonowitsch darin, wenn nicht über, so doch jedenfalls nicht unter dem allge- 1 
meinen Niveau seiner Kameraden. Seine Beobachtungsgabe ist gut, besonders in 
bezug auf Gegenstände und Erscheinungen, die ihn interessieren: bei Beschreibung 
der physikalischen Apparate und der Zeichnungen, die sich auf Naturkunde be- 
ziehen, läßt er auch nicht die geringsten Details aus (Reichtum der Wahr- 
nehmungen). Wenn er will, kann er seine Aufgaben schnell und gut vorbe- 
reiten, In der Physik und Geometrie erfaßt er das allgemeine Schema eines 
Risses leicht. Nachdem er in der Klasse das Gedicht „Der Ertrunkene“, welches’ 
er früher nicht gekannt, gehört hatte, gab er den Inhalt mit eigenen Worten, aber 
ausführlich und genau wieder (Fähigkeit zum Behalten). Im Gespräche äußert 
er oft: „das habe ich gelesen, an dieses Bild erinnere ich mich“ u. s. f. (Fähig- 
keit zum Erkennen). Die Aufgaben lernt er stets still für sich. 


Die Assoziationen sind zahlreich und manmnigfaltig. Mit den 
Erziehern spricht er allerdings wenig, antwortet kurz; in der Gesellschaft der 
Kameraden wird er aber gesprächig, mitteilsam und unterhält sich mit ihnen öfters 
lebhaft und während einer längeren Zeit, z. B. über gelesene Bücher oder gesehene” 
Experimente. Seine Rede ist frei, ohne Unterbrechung und Stocken (Leichtig 
keit der Kombination von Wortbildern). Er spricht ziemlich leise 
(vielleicht infolge der schwachen Brust?), etwas abgebrochen, indem er gegen das 
Ende jedes Satzes die Stimme senkt. Obgleich die Sätze abgebrochen sind, be- 
steht doch unter ihnen ein gewisses inneres Band, sodaß schließlich ein Ganzes 
zustande kommt. Im Gespräch schweift er nicht ab, sondern hält sich an ein 
bestimmtes Thema (Vorhandensein der leitenden Ideen in der in- 
tellektuellen Sphäre). 

Die Aufmerksamkeit Antonowitsch’s ist eines hohen Grads der Konzen 
tration fähig, aber nur inbezug auf die Objekte, für die er sich interessie 
Wenn er ein Buch liest, Physik studiert oder eine komplizierte Rechenaufgabe 
löst, muß man ihn mehrmals berufen, ehe er sich umwendet. Bei der Meldung 
des Klassenältesten erhebt er sich bloß ein wenig, ohne seine Beschäftigung zu 
unterbrechen. Trotz mehrmaliger Verweise kann er diese Gewohnheit nicht ab- 
legen. Im Zusammenhang mit dieser Konzentrationsfähigkeit der Aufmerksamkei 
befindet sich auch seine bedeutende Arbeitsfähigkeit. Mit einem Gegenstand, 
den er liebt, kann er sich 2—3 Stunden nacheinander beschäftigen, ohne daß be- 
sondere Zeichen der Müdigkeit zutage treten. An dem Projekt des Luft- W asser- 
schiffes arbeitete er lange und geduldig, machte sorgfältige Risse,  detaillier e 
Baubeschreibungen. Im Gegenteil kann er seine Aufmerksamkeit auf uninteressante 
Gegenstände (als solche erscheinen ihm die meisten Stunden) gar nicht konzeng 
trieren: er unterhält sich über nicht zur Sache gehörige Dinge, treibt Allotria 
beharrlich zur Aufmerksamkeit aufgefordert, ärgert er sich und weint (Unfähigkeit 





ER) oe 


zur aktiven Aufmerksamkeit). Dank diesem Umstande leiden seine Fort- 
schritte empfindlich. Allerdings kommen im Journal Bemerkungen vor, daß er 
sich fleißiger und eine längere Zeit als gewöhnlich beschäftigt, das russische Heft, 
welches er gewöhnlich sehr nachlässig führt, abgeschrieben habe u. s. w. Aber 
solche Notizen bilden eher eine Ausnahme, als die Regel. Im allgemeinen ist er 
faul im Lernen, behandelt die Schulaufgaben auf das oberflächlichste und eiligste, 
weshalb er sie schlecht behalten kann. 

Was die Gefühle anbetrifft, so erreichen einige, aber lange nicht alle höheren 
ideelleren Gefühle bei Antonowitsch einen bedeutenden Entwicklungsgrad. Von 
der hohen Entwicklungsstufe des intellektuellen Gefühls ist schon gesprochen 
worden. Nicht minder intensiv erscheint auch das ästhetische Gefühl, 
wenigstens inbezug auf Litterarisches. Einmal beschäftigte man sich in der Klasse 
mit ästhetischem Lesen. Die Schüler lasen der Reihe nach vor, wobei jeder sich 
selbst das Stück zum Vorlesen wählen durfte, er mußte bloß den Grund angeben, 
warum er dieses oder jenes gewählt habe; die Art des Vortrags auszuarbeiten, 
war den Lesenden überlassen. Nach beendigter Lektüre wurde das Gelesene von 
der ganzen Klasse besprochen. Antonowitsch interessierte sich sehr für diese 
Ubungen, erwartete sie ungeduldig und nahm an ihnen lebhaften Anteil. Seine 
Bemerkungen über das Vorlesen der Kameraden waren beinah immer treffend, zu 
seinem eigenen Vortrag wählte er gewöhnlich Sachen, die sowohl inbezug auf 
Absicht als auf Ausführung künstlerisch vollendet waren. Seine eigenen Gedichte 
zeugen auch von einer bedeutenden Entwicklung des Schönheitsgefühls, welches 
wahrscheinlich von der intensiven Tätigkeit der Einbildungskraft unterstützt 
wird (siehe oben). 

Merkwürdigerweise wird neben dieser Entwicklung des Schönheitssinnes bei 
Antonowitsch die äusserste Nachlässigkeit und Unsauberkeit in Kleidung und 
Aufbewahrung seiner Sachen beobachtet: bei der Morgenmusterung muß er öfters 
weggeschickt werden, um seine Stiefeln und Knöpfe zu putzen, in seinen: Pulte 
herrscht immer die größte Unordnung. 

Die Anhänglichkeit an die Familie und das Sympathiegefühl treten 
bei Antonowitsch ziemlich schwach hervor. Die Krankheit der Mutter beunruhigt 
ihn wenig, er schreibt ihr beinah niemals. Seinen Bruder, der in der ersten 
Klasse desselben Kadettenkorps erzogen wird, sucht er selten auf, geht und spielt 
nicht mit ihm zusammen, obgleich sie, wie er behauptet, gute Freunde mit- 
einander sind; seinen Indianerroman hat er ihm gewidmet. Mit den Kameraden 
lebt er in ziemlicher Eintracht, zankt sich mit ihnen nur wegen ihrer Spöttereien. 
Doch mit keinem von ihnen ist er näher befreundet; er verkehrt am liebsten 
mit denjenigen, die, wie er, gern dichten und erfinden, aber auch mit diesen 
bleibt er nur während der gemeinsamen Arbeit zusammen. Also gründet sich 
hier die Gemeinschaft nicht sowohl auf eine persönliche Sympathie, sondern viel- 
mehr auf gemeinsame geistige Interessen. Gegen Vorgesetzte ist er höflich, doch 
wird er, durch etwas gereizt, grob. So ließ er sich einmal dem Erzieher gegen- 
über, der ibn, wie er meinte, ungerechterweise mit Arrest bestraft hatte, zu un- 
schicklichen und beleidigenden Schimpf- und Spottworten fortreißen. 

Eine bedeutend höhere Potenz erreicht bei Antonowitsch diejenige Art der 
sozialen Gefühle, in der die ideellen, bewußten Elemente schärfer hervortreten, 
nämlich die sozialen Gefühle im engeren Sinne des Wortes. Das Kamerad- 
schaftsgefühl, wie die Schuljugend dasselbe auffaßt, das Pflichtgefühl seiner Klasse 
(und teilweise auch der Gesellschaft) gegenüber ist bei ihm sehr entwickelt. 


nen 


Wenn die Klasse irgend einen Entschluß faßt, z. B. irgend eine Schuld nicht 
einzugestehen, mit einem Kameraden, der etwas verbrochen hat, nicht zu sprechen, 
u. ä, so folgt Antonowitsch gern der allgemeinen Entscheidung, ohne die Sache - 
dem Wesen nach zu prüfen. Einmal verklagte ein Zögling seine Kameraden, 
die ihn geprügelt hatten; zur Strafe beschloß die Klasse nicht mit ihm zu 
sprechen. Gegen dieses Urteil protestierten einige, da sie es ungerecht fanden, 
Antonowitsch aber nahm es ohne Widerrede an. Bei der Untersuchung irgend 
einer Sache, in die andere Zöglinge verwickelt sind, legt Antonowitsch die größte 
Vorsicht an den Tag und zuweilen, wenn ihm der Zweck einer Frage nicht klar 


ist, schweigt er hartnäckig oder sagt, er habe es vergessen. Er läßt nicht zu, ° l 


daß Unschuldige seinetwegen leiden. So leugnete er einmal, nachdem er einen 


Kameraden mit Kwas!) begossen hatte, seine Schuld, bis ihm gesagt wurde, daß ` | 
mehrere der neben ihm sitzenden Kameraden bestraft werden würden, da gestand 1 


er sogleich. Wenn irgend eine gemeinsame Unternehmung vorgeschlagen wird, 


nimmt Antonowitsch an ihr gern teil. Zu einer Verlosung zum Besten der im 


Kriege Verwundeten opferte er gern seine beinah ganz neuen Schlittschuhe. Für 
ein Journal, welches er ausgibt und für die geliehenen Bücher läßt er sich mit 
Zucker bezahlen, wobei der Zucker zur Versendung nach dem Kriegsschauplatze 
bestimmt ist. | 

Es muß aber gesagt werden, daß diese stete Rücksicht auf die Interessen 
der Kameraden und diese Teilnahme an jeder gemeinsamen Sache Antonowitsch 
nicht hindern, im Verkehr ziemlich verschlossen und ungesellig zu sein. 
Er nimmt sehr selten an gemeinsamen Spielen teil; gewöhnlich zieht er es vor, 
allein zu sitzen, indem er liest oder an dem Entwurf irgend einer Maschine ar- 
beitet. Als im Korps ein Wohltätigkeitsbazar stattfand, ging Antonowitsch gerade 
vor dem Anfang desselben aus, wogegen die übrigen absichtlich keinen Gebrauch 
von ihrem Urlaub machten, um sich allerlei unnötiges Zeug zu kaufen. Jedoch 
ist er zuweilen im Kreise der Kameraden gesprächig, besonders wenn Fragen 
angeregt werden, für die er sich interessiert (siehe oben); zuweilen nimmt er auch 
an ihren Spielen teil; so spielte er einmal während der Abendbeschäftigungen 
mit einigen Kameraden und unterhielt sich lebhaft gestikulierend über Allerlei 
nicht zum Studium Gehörendes. Mit dem Erzieher spricht er dagegen beinah 
nie etwas anderes, als das Notwendigste. Überhaupt ist er in Gesprächen mit 7 
den Vorgesetzten wortkarg, gibt einsilbige Antworten, indem er gewöhnlich den 
Kopf senkt; ebenso kurz sind auch seine Erklärungen hinsichtlich des Spiels, 
welches er einrichte. Er läßt nicht mit sich spaßen oder familiär umgehen. 
Einmal, als die Zöglinge das Klassenzimmer verlassen sollten, stellte sich der 
Erzieher neben die Tür und warf sie zum Spaß, einen nach dem anderen bei 
den Schultern fassend, zur Türe hinaus; niemand nahm den Spaß übel, bloß” 
Antonowitsch verzog das Gesicht. * 

Das sittliche Gefühl und die moralischen Überzeugungen von Antono- 
witsch sind schwer zu beurteilen, einerseits infolge seiner Verschlossenheit und 7 
Ungeselligkeit, andererseits auch wegen des Umstandes, daß die Schulmoral und 
die Schulforderungen augenscheinlich nicht vollkommen mit dem zusammenfallen, 
wozu er sich innerlich verpflichtet fühlt (siehe z. B. oben über das Kameradschafts- 1 
gefühl). Er erfüllt seine Pflichten als Zögling ziemlich nachlässig, vergißt öfters 
sowohl empfangene Befehle, als auch Verbote. Nachdem er für die russische 





1) Säuerliches, aus Schwarzbrot und Malz bereitetes Getränk. 








Run‘ A 


Sprache eine 2!) bekommen hatte, erklärte er, er habe vergessen, nachzusehen, 
was aufgegeben wäre, er werde ein andermal aufmerksamer sein, Das religiöse 
Gefühl, wenigstens so viel es in gewissen rituellen Handlungen seinen Ausdruck 
findet, scheint hei ihm ziemlich schwach ausgebildet zu sein. In der Kirche und 
während der Andacht steht er teilnahmslos da, dem Gottesdienst wohnt er, wie 
es scheint, wider Willen bei; mehrmals hat er wegen des Plauderns in der Kirche 
während des Gottesdienstes Verweise erhalten. 

Er ist nicht eitel — prahlt mit seinen Gedichten nicht und trägt sie nicht 
vor. Dagegen verletzen ihn die Spöttereien der Kameraden wegen eines Fehlers 
(siehe den Anfang der Charakteristik) aufs tiefste. Sehr übel nimmt er ihnen 
auch den Spitznamen „Erfinder“, den sie ihm gegeben haben; oft kostete es ihm 
Tränen und schließlich hörte er sogar auf, sich mit Erfindungen von Apparaten 
zu beschäftigen. Die niedrigeren organischen Gefühle sind mäßig ent- 
wickelt; ißt nicht viel, bloß seine Portion, wogegen andere sich bemühen, noch 
eine durch Tausch zu bekommen. Schläft fest. Aeußerungen des Geschlechts- 
triebes sind noch nicht beobachtet worden. 

Die Stimmung ist meistenteils gleichmäßig und ruhig, eine besondere 
lebhafte Fröhlichkeit oder Traurigkeit sind nicht bemerkt worden. Seine Zu- 
friedenheit drückt er gewöhnlich durch ein Lächeln aus, bei Unzufriedenheit ver- 
zieht er das Gesicht oder weint zuweilen. Indem er versucht, sich an etwas zu 
erinnern, runzelt er auch die Stirn, besonders häufig, wenn es etwas Gelerntes 
ist (periphere Aeußerungen der Gefühle). Mehr als andere Aftekte ist 
bei ihm die Neigung zur Aufwallung und Zorn entwickelt; sie äußert sich 
häufig und zuweilen mit einer bedeutenden Kraft. Eine abschlägige Antwort auf 
irgend eine Bitte, besonders die Bitte, sich während den Vorbereitungsstunden 
mit etwas anderem beschäftigen zu dürfen, reizt ihn stets sehr, zuweilen bis zu 
bitteren Tränen. Als der Erzieher ihm eine Bemerkung darüber machte, daß er 
durch seine Rätsel die Kameraden von ihrer Arbeit ablenkte, machte er ein un- 
zufriedenes Gesicht. Nachdem er einen Verweis mit Verhängung einer Strafe 
dafür bekommen hatte, daß er beim Eintritt des Erziehers wieder fortgefahren 
hatte, in seinen Papieren zu lesen, runzelte er die Stirn, machte ein unzufriedenes 
Gesicht, beruhigte sich jedoch bald. Als es ihm verwiesen worden war, daß er, 
nachdem er eine höhere Nummer für Aufführung bekommen hatte, sich wieder 
schlechter zu betragen anfange, begann er zu weinen. Uberhaupt ruft jede Be- 
merkung seine Unzufriedenheit hervor: er runzelt die Stirn, senkt den Kopf, 
wirft wütende Blicke herum. Jedoch dauert die Aufwallung gewöhnlich nicht 
lange. Als der Erzieher alle seine Papiere und Notizbücher ihm fortgenommen 
hatte, weinte er heftig und meinte, er werde es ihm nie vergeben können; am 
Tage darauf gab er sehr gelassen die verlangten Erklärungen und war sehr ver- 
gnügt, als man ihm Alles zurückgab. (Undauerhaftigkeit der Gefühle). 
Doch einmal als ein Kamerad über seinen Fehler spottete, prügelte er ihn erst 
am Tage darauf durch. Überhaupt treiben ihn die Spöttereien der Kameraden 
zu heftigen Zornausbrüchen; entweder schimpft er auf sie, oder prügelt sie durch, 
das letztere kommt jedoch selten vor. In den meisten Fällen ruft eine Beleidigung 
Tränen hervor. 

} Die Willensprozesse werden bei Antonowitsch durch eine bedeutende F ähig- 
keit zur Willensanstrengung charakterisiert, aber ausschließlich in den Fällen, wo 





1) Eine der niedrigsten Nummern in den russischen Schulen. 


LELOUN N 


er von einem unmittelbaren Wunsch oder Interesse geleitet wird. Wie schon 
bemerkt, ist er einer aktiven Konzentration der Aufmerksamkeit gänzlich unfähi ; 
ist aber imstande sich längere Zeit mit einer Sache, die ihn interessiert, zu be 
schäftigen. Dabei bittet er ungern um fremde Hilfe, sondern bestrebt sich auch i 
die schwierigsten vor ihm auftauchenden Fragen selbständig zu lösen. Danei $ l 
er T a a E Eo E Zu gleicher 
g unfähig, seine Wünsche niederzukämpfen und sich zu 
beherrschen, auch wenn die Umstände es verlangen. So z. B. unternimmt er 
nichts, um gegen seinen Fehler, der ihm den Spott der Kameraden, über den er 
sich stets sehr ärgert, einbringt, anzukämpfen; im Gegenteil versucht er beim 
Abendthee unbemerkt eine volle Tasse auszutrinken (Unfähigkeit zur 
psychischen Hemmung). | 
i Noch eine ‚kleine Eigentümlichkeit, die augenscheinlich die Folge einer ge- | 
wissen Hartnäckigkeit in Verbindung mit seiner Empfindlichkeit und Verschlossen- 
heit ist: nachdem er in einem heftigen Zornausbruch einem Vorgesetzten Grob- 
heiten gesagt hat, bittet er, obgleich er sich beruhigend sein Unrecht vollkommen ~ 
einsieht, nie freiwillig um Verzeihung. 3 

Da die Interessen von Antonowitsch vorzüglich sich in der Richtung i 
abstrakter, rein theoretischer Pläne, Probleme und Schemata bewegen, so zeichnet 
er sich im praktischen Leben und bei der Erfüllung seiner Pflichten durch Mangel 
an Umsicht (Beurteilung der Motive) und Unfähigkeit zur geordneten, 
systematischen Tätigkeit aus. Als er den Dienst hatte, vergaß er diesen ` 
Umstand und trat bei dem Eintritt des Erziehers mit der Meldung nicht hervor. 
Die ihm herausgegebenen Hefte zerreist er unbarmherzig, denn er trägt dorthin neben - 
Schularbeiten Gedichte, Projekte von Maschinen, Fratzen ein, und da in dieser 
Gestalt das Heft nicht abgegeben werden darf, wird es gerupft; um die von der 
Krone herausgegebenen Hefte zu schonen, kauft er eigene, aber das verbessert 
die Sache nicht im geringsten. Sein Pult ist in der größten Unordnung, er be- ` 
wahrt dort eine Menge Plunder; einmal wurde ihm befohlen, sein Pult in Ordnung 
zu bringen und alles Unnötige herauszuwerfen — dieses füllte nun den ganzen, 
ziemlich großen Papierkorb, der in der Klasse stand. Mit dem Gelde ging er 
im Laufe des ganzen Jahres sparsam um, führte darüber Rechnung und trotzdem ` 
er ziemlich gut mit Geld versorgt war, gab er es nicht unnütz aus. Aber am” 
Ende des Jahres mit einem Rubel zur Anschaffung eines Korbes (er wollte zu 
seiner Mutter reisen) entlassen, kaufte er sich allerlei Plunder: ein vollkommen 
unbrauchbares Mikroskop, eine Pistole und Pistons — obgleich er wußte, daß im 
Korps nicht geschossen werden darf. Als man ihm befahl, die Pistole ins Ma- 
gazin zurückzutragen und gegen etwas anderes umzutauschen, nahm er dafür 
Hefte und Bleistifte. 

Hinsichtlich der motorischen Sphäre ist an Antonowitsch nichts besonderes 
zu konstatieren. Seine Bewegungen sind rasch, aber er bewegt sich 
wenig, sondern sitzt meistens auf seinem Platz; er geht im Korridor nicht auf 
und ab, sondern durchläuft ihn, wenn er außerhalb des Klassenzimmers etwas 7 
braucht. Während einer ernsteren Unterhaltung wie während einer Plauderei 
wird ein sehr lebhaftes Mienenspiel beobachtet: er runzelt die Stirn, kneift die 7 
Augen, bewegt den Kopf. Wenn er aber an Aufgaben arbeitet oder Risse be- = 
trachtet, sitzt er ruhig, still und aufmerksam die Details des Risses studierend, 
bewegt er die Lippen nicht, macht keine Gesten. Er turnt gern und ziemlich 
gut, das Tanzen gefällt ihm dagegen nicht besonders; indem er das Lazarett 





(wohin er wegen Nasenbluten geschickt worden war) verließ, bat er, ihn von der 
anzstunde zu befreien und fing an mit Fedotow Soldaten zu spielen. In den 
Bewegungsspielen zeigt er eine gewisse Gewandtheit, ermüdet aber bald, wahr- 
scheinlich infolge der schwachen Brust. Beim Ballspiel oder dem Schleudern 
mit Plastelin nach der Klassentafel zeichnet er sich durch Sicherheit aus, indem 
er das Ziel gut trifft. (Koordination der komplizierten Bewegungen); 
das Schleudern liebt er sehr und treibt es mit einer gewissen Begeisterung. 

Resume. Bei ziemlich schwächlicher physischer Gesundheit 
ein scharfes Vorherrschen des intellektuellen Lebens und der 
intellektuellen Interessen, Reich entwickelte Phantasie, 
schöpferische Begabung. Im Verhältnis zu seinem Alter gut 
entwickeltes Denken. Geistige Leistungsfähigkeit. Mittel- 
mäßige Entwicklung des sittlichen und der sozialen Gefühle. 
Ziemlich sehr acker Wille, Mangel an Umsicht. Mehr Theo- 
retiker als Praktiker. 


Selbstverständlich müssen wir uns in dem Streben nach möglichst 
vollständiger Genauigkeit und Objektivität der Beobachtung nicht auf 
die eben beschriebenen Vervollkommnungen — Anwendung eines aus- 
 führlichen Programms, in der Form eines Journals geführte Notizen, 
detaillierte Angabe der wichtigsten tatsächlichen Belege u. s. f. — be- 
schränken. Eine ernste Arbeit ist noch erforderlich, um, aus der ge- 
“ wöhnlichen, alltäglichen Beobachtung ausgehend, Methoden zu schaffen, 
die den Namen wissenschaftlicher Methoden verdienen würden. 

Es scheint uns, daß als wesentlicher Schritt in dieser Richtung das 
| Studium und die genaue Ausarbeitung des eigenartigen Verfahrens, zu 
dessen Bezeichnung ich den Terminus „das natürliche Experiment“ vor- 
geschlagen habe‘), erscheinen dürften. Indem es eine mittlere Stellung 
7 zwischen der äußeren, objektiven Beobachtung einerseits, und dem künst- 
lichen, in einem Laboratorium angestellten Versuch, der gegenwärtig 
unter dem Namen eines psychologischen Experiments bekannt ist, an- 
dererseits, einnimmt, unterscheidet sich dieses Verfahren sowohl von der 
ersteren, als von dem letzteren. Zugleich erscheint es nicht als etwas 

Neues, Ungewohntes, sondern ist in seiner rudimentaren Gestalt jedem 
i von uns wohlbekannt. Wenn man es ausführlicher ausarbeitet, kann es 


í; ‚ein bedeutendes Interesse darbieten, sowohl was Theorie, als auch was 
i Praxis anbetrifft. 






Nehmen wir an, daß wir EEA der Bewegungen, z. B. ihre 
(Geschwindigkeit und Koordination bei verschiedenen Personen zu unter- 


1) S. meinen Vortrag „Über das natürliche Experiment“ auf dem I. Kongreß für 
BD erimentelle Pädagogik in St. Petersburg. 


= Um die Sache deutlicher zu machen, führen wir einige Beispiele an. 
5 


RR A 


suchen haben, um diese Personen unter einander zu vergleichen und die 
individuelle Physiognomie einer jeden von ihnen kennen zu lernen. Zu 
diesem Zwecke können wir verschiedene Wege einschlagen. Erstens den Weg 


der einfachen äußeren Beobachtung. Man kann dieser Beobachtung eine 
größere Objektivität verleihen, indem man ein Tagebuch führt, ein de- 
tailliertes Programm anwendet; nichtsdestoweniger verharren wir hier 


in der Rolle eines einfachen Beobachters, der darauf wartet, bis das 
Schicksal oder der Zufall ihm irgend eine Äußerung, die in irgend einer 
Hinsicht charakteristisch ist, schenkt. Zweitens kann man die Methode 
des psychologischen Experiments anwenden. Man kann die Versuchs- 


personen veranlassen, mit möglichst großer Geschwindigkeit mittels einer 


Bleifeder Punkte zu stellen, oder laut zu lesen, oder viele Male nach- 


einander eine und dieselbe Reihe von Wörtern zu wiederholen u. s. w. 
Dabei wird, wie wir sehen, ein besonderes, künstliches Verfahren ange- ' 
wandt, infolgedessen ein bestimmter psychischer Prozeß isoliert und in | 


diesem isolierten Zustande untersucht wird. l 


Doch ist noch ein dritter Weg möglich, er besteht im Folgenden. 
Indem man z. B. Schulkinder während der Bewegungsspiele, Handarbeiten 


oder des Turnens beobachtet, kann man solche Spiele oder Handgriffe 
wählen, in denen diese oder jene individuellen Eigentümlichkeiten, als 
die Geschwindigkeit und Koordination der Bewegungen, die Fähigkeit, 


sich mehr oder weniger rasch zu adaptieren und eine gewisse Fertigkeit 
in komplizierten Bewegungen zu erwerben u. s. w., auf eine besonders” 

. . . 4 . .. S 
charakteristische Art zu Tage treten. Als zweites Beispiel mögen Be- 


obachtungen und Experimente auf dem Gebiete der Lektüre der Kinder 


dienen. Wenn man genau beobachtet, was und wie die Kinder lesen, 


kann man sehr bald eine ganze Reihe von individuellen Eigentümlich- 
keiten feststellen: einige lesen gern, andere nicht; einige ziehen Märchen’ 
vor, andere leichte Unterhaltungsliteratur, Scherze, humoristische Er- 
zählungen, die dritten ernste Bücher populär- wissenschaftlichen Cha- 
rakters, die vierten interessieren sich für Erzählungen aus dem wirk- 
lichen Leben und Sittenschilderungen!). Dasselbe kann auch über die’ 
Spiele gesagt werden: es gibt solche, in denen die schöpferische Tätig- 
keit des Kindes, die Lebhaftigkeit seiner Initiative oder umgekehrt seine’ 


Empfänglichkeit für Einflüsse und seine Nachahmungsfähigkeit ganz beZ 


sonders scharf hervortreten. Alle derartigen komplizierten Außerungen’ 


des Kindes können zum Zweck einer weiteren Ausarbeitung der Methode” 


des natürlichen Experiments ausgenutzt werden. 


1) S. meine „Schulcharakteristiken“, 1908, wie auch den Vortrag von Netschajew > 


und Minjuchin auf demselben Kongreß für experimentelle Pädagogik. 


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— 1 — 


Worin soll denn diese weitere Ausarbeitung bestehen? In erster 
Linie in der Wahl der Spiele, der Methode der Lektüre und des Turnens, 
der Bedingungen und Regeln von Bewegungsspielen, bei denen die zur 
Charakteristik der Individualität am meisten beitragenden Tatsachen ans 
Licht treten. Nach Erfüllung dieser Forderung ist der Beobachter im- 
stande, indem er eine Tätigkeit wählt, welche das Kind bei normalen 
Bedingungen, in seiner natürlichen Umgebung vollzieht, diese Tätigkeit 
als Experiment, d. h. zum Zweck, bei der Versuchsperson diese oder jene 
Äußerungen hervorzurufen, benutzen. So wird es denn möglich neben 
der einfachen Beobachtung, bei der der Forscher passiv bleibt und wartet, 
bis der Zufall ihm diese oder jene charakteristische Tatsache entgegen- 
bringt, neben den künstlichen Laboratoriumversuchen eine ganze Reihe 
von natürlichen Experimenten anzustellen; z. B. wird es auf diese Weise 
möglich, das Kind zum Zwecke, die Schnelligkeit und Koordination der 
Bewegungen zu untersuchen, in die Bedingungen der Bewegungsspiele, 
zum Zweck der Untersuchung seiner Interessen — in diejenigen des 
Lesens zu stellen, d. h. zu versuchen, ihm diese oder jene Bücher vorzu- 
legen, sein Interesse in dieser oder jener Richtung zu wecken und dann 
zu sehen, wie es darauf reagiert; oder man kann es in die Bedingungen 
des Spazierens stellen und sehen, wie das Kind sich zu dem, was es 
während des Spaziergangs trifft, verhalten wird. Diese Bedin- 
gungen aber selbst müssen im voraus ausführlich unter- 
sucht werden, damit wir genau wissen, in was für Umstände wir 
das Kind versetzen, und was im gegebenen Fall von Kindern verschie- 
dener Typen zu erwarten sei. 

- Eine wesentliche Bedingung des natürlichen Experiments, die es von 
dem künstlichen unterscheidet, ist, daß das Kind selbst nicht ahnen 
soll, daß man mit ihm experimentiert. Dank diesem Umstand fällt die 
Befangenheit weg, wie auch die Absichtlichkeit der Antworten, welche 
bei den Bedingungen des künstlichen Experiments die Definition der 


Individualität so oft erschweren. Zu gleicher Zeit wird die Möglich- 


keit, nach Belieben die psychischen Prozesse hervorzurufen und ihnen 
diese oder jene Richtung mitzuteilen, im Vergleich zu der einfachen 
Beobachtung, als ein großer Fortschritt zu betrachten sein. 

Es fragt sich nun, ob ein derartiges Verfahren eine genügende 
Genauigkeit besitzen wird, um den Namen eines Experiments bean- 
spruchen zu dürfen? Hier müssen wir vor allen Dingen den Umstand 


ur berücksichtigen, daß sogar in den Naturwissenschaften, wo die experi- 





mentellen Methoden am vollständigsten ausgearbeitet sind, unter diesem 
Namen eine ganze Reihe von Methoden vereinigt werden, die sich sowohl 


inbezug auf ihre Zwecke als auch inbezug auf die Genauigkeit ihrer 
Pädagog. Monographien, herausgegeben von E. Meumann. Band XIV. A 
(Lasurski, Ueber das Studium der Individualität), 


= 8 — 





























Anwendung stark voneinander unterscheiden. In einigen Fällen hat die 
Anwendung einer bestimmten Art von künstlichen Verfahrungsweisen 
bloß die Modifikation sekundärer Nebenbedingungen des Prozesses zum 
Zweck, wodurch eine schärfere Hervorhebung und genauere Untersuchung 
seines Hauptinhaltes erzielt wird. In anderen Fällen erscheint dieses 
Eingreifen als viel bedeutender: nicht nur wird auf dem Wege der Ver- 
änderung der Nebenbedingungeu die Beobachtung des Prozesses er- 
leichtert, sondern der Prozeß selbst wird durch Anwendung bestimmter 
Einwirkungen hervorgerufen und modifiziert. Endlich besteht die fol- 
gende und höchste Stufe des Experiments darin, daß wir, um irgend 
eine Hypothese zu prüfen oder eine von uns selbst aufgestellte Frage 
zu lösen, auf eine künstliche Art bestimmte dazu erforderliche Bedin- 
gungen schaffen und nachher, indem wir sie in gewisser Weise kom- 
binieren, diese oder jene von uns im voraus erwartete Erscheinung " 
(z. B. die Gewinnung des Wassers aus Sauer- und Wasserstoff) hervor- 
zubringen suchen. 
Auf diese Weise stellt das Experiment bei weitem nicht immer 
etwas Gleichartiges dar, so daß eigentlich nicht vom Experiment, 
sondern von verschiedenen Arten von Experimenten gesprochen werden | 
müßte. Es gibt eine ganze Reihe von Übergangsstufen zwischen dem 
Experiment in seiner vollendetsten Form und der einfachen Beobachtung. | 
Es gibt weniger vollendete Experimente, die doch einen Fortschritt im ” 
Vergleich zu der einfachen Beobachtung bedeuten. Und dort, wo die 
Anwendung der genaueren und zugleich künstlicheren Experimentsarten ” 
als unmöglich erscheint oder aus irgend einem Grunde nicht die er- 
warteten Resultate herbeiführt, dort können ähnliche natürliche ” 
experimentelle Methoden, die sich weniger von den Bedingungen des 
täglichen Lebens unterscheiden, gute Resultate erzielen. 5 
Es fragt sich nun weiter, welchen Vorteil die Methode des natür- 
lichen Experiments bei der Untersuchung der Individualität im Vergleich 1 
mit der einfachen Beobachtung einerseits und dem Laboratoriumexperi- < 
ment andererseits bieten wird. 4 
Die Erfahrung lehrt‘), daß beim Zusammenstellen der Charak-” 
teristiken die systematische Beobachtung bis jetzt unbedingt die prä- 7 
dominierende Methode bleibt, indem sie die vollständigsten Resultate” 
erzielt, das Experiment aber in seiner im Laboratorium üblichen Form 7 
nur eine sekundäre, ergänzende Rolle spielt. Doch leidet die Beob- = 


PPUEIDNEE PURE RERBERDEE 


1) Ich habe hier die praktischen Übungen im Zusammenstellen der Charakteristiken, ` t 
die bereits während mehreren Jahren unter meiner Leitung zuerst auf den St.-Peters- 7° 
burger pädologischen Kursen, dann aber auf der Pädagogischen Akademie zu St.-Peters- i 
burg vorgenommen worden sind, im Auge. 2 



















N 1.) De 


achtung, auch in ihrer vollkommensten Gestalt an bedeutenden Mängeln, 
die in ihren Hauptzügen auf Folgendes reduziert werden können. 

Vor allem — das passive Verhalten des Beobachters, von dem oben 
die Rede gewesen ist. Der Beobachter ist gezwungen, darauf zu warten, 
was der Zufall ihm bringt, wobei er gar nicht weiß, von welcher Seite 
diese oder jene Äußerung kommen wird. Dieser Mangel ist der wichtigste. 
Als zweiter Mangel erscheint der Umstand, daß einzelne Außerungen, 
indem sie bei verschiedenen, zufälligen Bedingungen entstehen, beständig 
variieren, so daß wir es beinah nie mit zwei einander sehr ähflichen 
"Äußerungen zu tun haben. Das Experiment zeigt in dieser Hinsicht 
‚einen großen Fortschritt, da es die mehrfache Wiederholung derselben 
"Bedingungen und folglich derselben Außerungen ermöglicht. Und das 
‚natürliche Experiment erlaubt, ohne die Genauigkeit des künstlichen zu 
besitzen, doch dieselbe sich wiederholende Gleichförmigkeit der Bedin- 
gungen zu schaffen. Endlich sind die Erklärungen bei der äußersten 
"Mannigfaltigkeit der Außerungen, die mittels der einfachen Beobachtung 
erhalten werden, auch öfters sehr widersprechend und zeichnen sich 
durch die größte Subjektivität aus. Wenn wir aber auf dem Wege 
des natürlichen Experiments die Versuchsperson jedesmal in dieselben, 
uns im voraus bekannten Bedingungen stellen, so wird es uns leichter 
‘auch inbezug auf die Erklärung der gewonnenen Resultate zu einer 
Übereinstimmung zu kommen. 

Was aber das Laboratoriumexperiment oder das künstliche Experi- 
ment anbetrifft, so kann seine Anwendung bei der Untersuchung der 
Persönlichkeit zu einem doppelten Zwecke geschehen. Erstens zu einer 
‚detaillierten Untersuchung und Analyse einzelner elementarer Funktionen, 
welche in ihrer Gesamtheit die menschliche Persönlichkeit bilden, wie 
auch deren Wechselverhältnisse. Derartigen Untersuchungen messen 
wir eine große Bedeutung bei und werden im nächstfolgenden Kapitel 
‚ausführlicher darüber handeln. 

Bedeutend weniger wertvoll erscheinen unserer Ansicht nach die \ 
Versuche einer experimentellen Diagnostik der Persönlichkeit — die so- 
genannten mental tests oder Intelligenzprüfungen. Als ihre 
Grundmängel erscheinen einerseits die Unvollständigkeit, Einseitigkeit 
“und das Fragmentarische der Resultate, die Schwierigkeit deren Syn- 
we hese, andererseits — das Künstliche und Außergewöhnliche der Unter- 
suchungsmethode selbst. Jedes einzelne Verfahren ist dabei auf die 
Untersuchung eines einzelnen, abgesonderten Prozesses gerichtet, wie 
das Einprägen von Wörtern, Zählen, das Auslesen von bestimmten 
“Buchstaben aus einem gedruckten Text u. s. f. Freilich können und 
"sollen wir in jedem einzelnen Fall die psychologische Analyse dieses 

Pfs 


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| 





















Prozesses vollziehen und feststellen, welche elementaren i 

Funktionen (Konzentration der Aufmerksamkeit, m 
prozesse u. ä. m.) hier eben eine besonders wichtige Rolle spielen. Aber 
auch in diesem Fall dürfen die Resultate einer solchen isolierten La- 
boratoriumuntersuchung nicht auf das ganze psychische Leben des ge- 
gebenen Individuums verbreitet werden. Die Leistungsfähigkeit des 
Menschen, z. B. insofern sie bei dem Experiment mit einem andauernden 


ne m h < 


in Erwägung zu ziehn. Es steht fest, daß die Äußerung jeder ele- 
mentaren Funktion (Konzentration der Aufmerksamkeit, Willens- 
anstrengung, Interesse u. ä. m.) bei jeder einzelnen Persönlichkeit nicht 
nur von deren neuro-psychischer Organisation bestimmt wird, sondern 
auch von denjenigen gewohnten äußeren Bedingungen, bei deren Ein- 
wirkung sich diese Funktionen gewöhnlich' dokumentiert haben. Die’ 
sich daraus entwickelnde Einseitigkeit in den Äußerungen dieser oder 
jener psychischen Fähigkeit muß bei individual - psychologischer Unter- % 
suchung in Betracht gezogen werden. Wenn irgend ein Mensch seine 
Aufmerksamkeit gewöhnlich in einer bestimmten Richtung konzentriert 
hat und ein anderer in einer anderen, so sollten wir eigentlich die Auf- 1 
merksamkeit jedes von ihnen mittels verschiedener Methoden unter- 1 
suchen. Und in dieser Hinsicht steht das laboratoriummäßige Experi- 
ment, dessen Wesen eben in der Begrenzung eines Prozesses durch 
einen sehr engen, künstlich geschaffenen Rahmen besteht, zweifelsohne” 
hinter den anderen, natürlichen Untersuchungsmethoden zurück. 

Es muß auch nicht vergessen werden, daß der laboratoriummäßigen 
Untersuchung bloß ein relativ geringes Gebiet des psychischen Lebens’ 
zugänglich ist, hauptsächlich die intellektuellen Prozesse, und dabei 
bloß diejenigen von ihnen, die ihrem Inhalte nach elementarer sind; 
obwohl solche Prozesse, wie das Denken und die Phantasie auf experi 
mentellem Wege untersucht werden können, so nähern sich jedoch die 
Methoden ihrer Untersuchung schon denjenigen, welchen wir den Namen? 
des natürlichen Experiments ‘beigelegt haben (wir erinnern an solches 
Experimente, wie die Beschreibung eines Objekts, die Reproduktion der 
Details einer Zeichnung, die Zusammenstellung von Sätzen und Er 
zählungen nach einigen gegebenen Wörtern u. s. w.) Was aber die H 





— 101 — 


Gefühle und die Willensprozesse anbetrifft, so ergibt hier das Experi- 
ment sehr wenig, besonders wenn von individuellen Eigentümlichkeiten 
und deren Äußerungen die Rede ist. Nur wenige von den vorhandenen 
Methoden erlauben uns, und zwar in den meisten Fällen nur in indi- 
rekter Weise, Schlüsse inbezug auf die Richtung der Interessen der 
gegebenen Persönlichkeit, inbezug auf ihre Entschlossenheit , Sicherheit 
u. s. f. zu ziehen. Und doch erscheint bei dem Studium der Persönlich- 
keit gerade die Untersuchung des Willens und der Gefühle als besonders 
wichtig. 

Jetzt muß auf einige Mängel der von uns vorgeschlagenen Methode 
hingewiesen werden. Als ein Mangel, der mit dem Wesen dieser Me- 
thode aufs engste verbunden ist, erscheint vor allem die Unmöglichkeit, 
die einzelnen psychischen Elemente der untersuchten Außerung zu iso- 
lieren. Die Äußerungen müssen hier in ihrer komplizierten Gestalt 
genommen und die individuellen Eigentümlichkeiten der Persönlichkeit 
(ihr Gedächtnis, ihre Aufmerksamkeit, die Eigentümlichkeiten der Wahr- 
nehmung u. s. w.) bloß auf Grund einer Gegenüberstellung von einzelnen 
komplizierten Äußerungen beurteilt werden. Freilich kann mittels einer 
geeigneten Art des Experimentierens und Beobachtens auch hier eine 
gewisse Einfachheit der Außerungen erreicht werden, doch wird diese 
nie besonders groß sein. Ein Vorbehalt muß dennoch gemacht werden : 
auch beim künstlichen Experiment gelingt es uns bei weitem nicht 
immer, einzelne elementare psychische Prozesse in dem Maße zu iso- 
lieren, daß sie voneinander gänzlich geschieden werden: sehr oft haben 
wir es mit einem vielfach zusammengesetzten Komplex zu tun, in dem 
wir uns nicht mit genügender Deutlichkeit zurechtzufinden imstande sind. 

Als der zweite Mangel des natürlichen Experiments erscheint der 
Umstand, daß dabei Messungen, Zählungen, Berechnungen und überhaupt 
allerlei Arten von mathematischem Verfahren entweder gar nicht oder 
‘doch in einem viel geringeren Grad, als es bei dem künstlichen La- 
boratorium-Experiment der Fall ist, angewandt werden können. Zweifels- 
‚ohne wird uns ein derartiges Verfahren eher eine qualitative Analyse, 
‚als eine quantitative Messung geben; wir werden keinen mathematischen 
Ausdruck der Individualität, sondern das Eindringen in deren qualitative 
Beschaffenheit gewinnen. Doch dünkt es mir, daß beim Zusammenstellen 
der Charakteristiken diese qualitative Analyse den Vorrang hat, besonders 
wenn man nicht bloß theoretische, sondern auch praktische Ziele im 
‚Auge behält. Und jedenfalls muß die qualitative Analyse der quan- 
titativen vorangehen, denn man kann, ohne die Beschaffenheit eines 
‚komplizierten Ganzen kennen gelernt zu haben, unmöglich die Größe 
‚und Intensität der dasselbe bildenden Elemente messen. 


— 102 — 

















Die charakteristische Eigentümlichkeit des natürlichen Experiments, 
wie es schon aus seinem Namen erhellt, erscheint die Tatsache, daß es 
uns dem Leben nähert, die Untersuchung in natürlichere Bedingungen 
stellt. Die Stelle des Apparats nimmt hier die Natur selbst, d.h. die 
natürliche Umgebung, in die wir die Versuchsperson versetzen, ein. 
Infolgedessen nähert sich der Forscher dem Verständnis des Kinder- 
lebens in seinen mannigfaltigen Äußerungen. Die Methode des natür- 
lichen Experiments wird uns veranlassen so komplizierte Äußerungen 
des Kindes, wie seine Beziehungen zu seinen Kameraden und zu Er- 
wachsenen, sein Verhältnis zur Natur, zum Spiel, zur Lektüre, zu Hand 4 
arbeiten und zur geistigen Arbeit u. s. w. näher zu betrachten; sie wird 
uns veranlassen, die äußeren Bedingungen, das Milieu, in dem das Leben ` 
und die Äußerungen des Kindes verlaufen, analysierend zu erforschen, 
sie wird sicher den Experimentalpsychologen zu einer näheren Verbin- 
dung mit den Pädagogen und vielleicht mit den Soziologen verhelfen, 
Und wenn das hier in Vorschlag gebrachte Verfahren einmal in dem 
Maße ausgearbeitet wird, daß man es mit dem Namen einer Methode 
im wissenschaftlichen Sinne des Wortes wird belegen können, so wird 
das psychologische Experiment und das pädagogische zu einem Bruder- 
paar werden. 








Kapitel V. 


So liefert uns denn die Beobachtung und teilweise das Experiment 
reichliches faktisches Material zu Charakteristiken von einzelnen Indi- 
viduen. Aber noch immer haben wir es mit einem Stoff zu tun, welcher 
_ einer weiteren Bearbeitung bedarf, ehe wir uns bestimmte Schlüsse er- 
lauben dürfen. Wie ausführlich unsere Charakteristiken auch sein 
mögen, besitzen sie doch nicht an und für sich einen Wert, sondern nur 
insofern, als sie uns unserem Ziel, nämlich der Lösung des Problems der 
Individualität, näher bringen. Die Arbeit an diesem Problem kann 
gegenwärtig unserer Ansıcht nach in zwei Richtungen geschehen. 

Erstens kann der Weg der Untersuchung von einzelnen individuellen 


Eigentümlichkeiten und ihrer Verhältnisse zu einander eingeschlagen 


werden. Dabei ist die Untersuchung der individuellen Grundunterschiede, 
d. h. solcher Unterschiede, die am elementarsten und am stabilsten sind, von 
dergrößten Wichtigkeit, da ja gerade ihre Gesamtheit den Kern jeder 
Persönlichkeit, die neuro-psychische Organisation bildet. Sobald wir an- 
nehmen, daß der Unterschied der Charaktere bloß durch die dominierende 
Entwicklung dieser oder jener Hauptneigungen bedingt wird, die Ver- 
hältnisse dieser Neigungen zueinander aber allgemeinen, für alle Fälle 
gleichen Gesetzen unterworfen sind — so erscheint uns die Untersuchung 
dieser Verhältnisse als der Schlüssel, der uns den inneren Bau jeder 
einzelnen Individualität eröffnen kann. Als das zweckmäßigste Verfahren 
dürfte hier die experimentelle Untersuchung einzelner Hauptneigungen 
empfohlen werden; diese im Laboratorium stattfindenden Versuche müssen 
jedoch von einer möglichst vollständigen Charakteristik jeder einzelnen 
Versuchsperson begleitet werden. 

Der zweite nicht minder breite Weg, auf dem die Untersuchung 
der Individualität fortschreiten kann, ist die systematische Beschreibung 
und Analyse jener komplizierten typischen Äußerungen, die man als 
exopsychische Typen bezeichnen kann: hierher gehören verschiedene Eigen- 
tümliehkeiten in der Weltanschauung, professionelle Gewohnheiten, das 
Verhältnis zu sich selbst, zur Familie, zur Gesellschaft u. ä. Als der 


— 14 — 


Hauptfaktor erscheint bei Bildung dieser letzteren Typen das Milieu in 
dem weitesten Sinne des Wortes; nichtsdestoweniger spielt auch die 
subjektive (endopsychische) Seite der Persönlichkeit hier eine gewisse 
Rolle, indem sie die Entstehung eines gewissen Typus entweder befördert 
oder im Gegenteil, trotz des Vorhandenseins der betreffenden Umgebung 
hemmt. Die Ermittlung der Bedeutung, die diesen beiden Faktoren Ta 
der Bildung jedes einzelnen Typus zukommt, soll der Zweck unserer 
Analyse sein. Was die Methode der Untersuchung anbelangt, so tritt 
hier die Methode der systematischen äußeren Beobachtung in den Vor- 
derplan; dann folgt die Analyse von Biographien, künstlerischen Cha- 
rakteristiken u. s. w. 


Vordem wir aber zur weiteren Erläuterung dieser beiden gegen- 
wärtig wichtigsten Aufgaben der Individualpsychologie schreiten, müssen 
wir etwas länger bei jener eigentümlichen Methode der psychologischen 
Analyse, der wir oben den Namen der charakterologischen < 


Analyse der Äußerungen gegeben haben, verweilen. Wie schon oben 
erwähnt, verstehen wir darunter Untersuchungen, deren Zweck es ist, 
festzustellen, welchen Neigungen diese oder jene Äußerung entspricht, 


mit anderen Worten: welche Hauptneigungen mit besonderer 
Kraft tätig sein müssen, damit der gegebene psychische 


Prozeß entstehe. 
Diese Analyse kann wiederum in zweifacher Richtung geschehen ; 


einerseits kann man in jedem einzelnen Fall das Verhältnis zwischen 4 
der Intensität der Neigung und derjenigen des Anreizers, der diese ~ 


Neigung in Tätigkeit versetzt, untersuchen, andererseits — das Ver- 


hältnis der Intensitäten verschiedener Neigungen, als Bestandteile einer ` 


und derselben komplizierten Äußerung, oder was dasselbe ist — den 
Grad des Anteils, der den verschiedenen Neigungen bei Konstruktion 
der betreffenden Außerung zugeschrieben werden darf, zu ermitteln suchen. 


Folgendes Beispiel erläutere die erste Verfahrungsweise: eine 4 
gleich deutliche Schallempfindung kann ein Mensch mit schwach ent- ` 


wickeltem Gehör bei genügender Intensität des Schalles und wiederum 
ein anderer Mensch mit einem gut entwickelten Organ bei einem 
schwachen Laut haben. Hier erweisen sich also zwei vom Standpunkte 
der unmittelbaren Wahrnehmung ganz gleiche subjektive Ergebnisse 
(oder nach unserer Terminologie zwei gleiche innere Äußerungen) in cha- 


rakterologischer Hinsicht doch als wesentlich verschieden, wobei dieser i 


Unterschied durch den ungleichen Anteil, den an den beiden Außerungen 
die Neigung und ihr Anreizer nehmen, bedingt wird. 


Unser zweites Beispiel begiebt sich schon auf die Feststellung des - 


Grades von Anteil, welchen verschiedene Hauptneigungen an der Kon- 








a a A ne re ee o 


— 10 — 


struktion einer und derselben Äußerung nehmen. Wir stellen nach der 
von Binet empfohlenen Methode ein Experiment vermittels eines Papp- 
bogens, an dem die verschiedensten Gegenstände (ein Zündhölzchen, eine 
Postmarke, ein Bildchen, eine Münze und ein zerrissenes Theaterbillet) 
befestigt sind, an. Die Versuchsperson wird veranlaßt, während 20 Se- 
kunden den Bogen aufmerksam zu betrachten und nachher möglichst 
genau und ausführlich das, was sie gesehen hat, zu beschreiben. Eine 
bedeutende Vollständigkeit und Genauigkeit der Beschreibungen sollen 
dann den hohen Grad der Merkfähigkeit der betreffenden Versuchsperson 
an den Tag legen. Gleichwohl zeigen parallele Untersuchungen von 
mehreren Personen, daß dieselben, oder wenigstens von der äußeren 
Seite sehr ähnliche Resultate bei weitem nicht durch dieselben sub- 
jektiven Eigenschaften bedingt werden. So kann z. B. die Vollständigkeit 
und Genauigkeit der Beschreibung nicht nur von einer bedeutenden 
Merkfähigkeit abhängen, sondern auch von dem Grad des Interesses oder 
der Gewissenhaftigkeit beim Experimentieren, oder der Planmäßigkeit 
im Handeln, die der Versuchsperson erlaubte, die ihr zum Betrachten 
zugewiesene Zeit am zweckmäßigsten auszunützen, oder endlich von 
einer allmählich entstehenden Gewohnheit, falls das Experiment mehr- 
mals wiederholt worden ist. E 
Noch ein ähnliches Beispiel: die Erfahrung lehrt uns, daß die Auße- 
rungen des sogenannten Grolls, d. h. des sich durch bedeutende Stabilität 
auszeichnenden feindseligen Gefühls dem Beleidiger gegenüber, durch 
zwiefache Ursachen hervorgerufen werden können. Einerseits kann der 
Groll als Folge einer allgemeinen Stabilität der Gefühle des gegebenen 
Menschen erscheinen; in diesem Fall nehmen die feindseligen Gefühle 
keine dominierende Stellung im Charakter dieses Menschen ein, sind 
auch deshalb nicht so dauerhaft, wie andere, für ihn mehr charakte- 
ristische Gefühle, doch besitzen sie ähnlich wie diese letzten eine gewisse 
Stabilität. In anderen Fällen herrschen in der ganzen Persönlichkeit 
des gegebenen Menschen feindselige Gefühle vor, weshalb er trotz der 


i verhältnismäßig geringen Stabilität der Gefühle im allgemeinen zum 
~ dauerhaften Nachtragen neigt. 


Auch hier wird es uns klar, daß zwei Äußerungen, die vom Stand- 


iM punkte der gewöhnlichen psychologischen Analyse als vollkommen iden- 


tisch erscheinen, bei Anwendung der charakterologischen Methode der 


= Analyse als dem Wesen nach ganz verschiedene Erscheinungen uns 





 entgegentreten können. 

Bei einer Weiterentwicklung dieser Methode wird es vielleicht 
= möglich (wenigstens in einigen Fällen) eine Art quantitativer Analyse 
zu vollziehen. Wir werden dann vielleicht im Stande sein, nicht nur 
festzustellen, daß diese oder jene Neigung bei dem betreffenden Subjekt 































— 106 — 


einer bedeutenden Entwicklung bedarf, damit dieser oder jener Prozeß 
zu Tage trete, sondern auch die minimale Intensität dieser Neigung, 
bei der die Entstehung des Prozesses noch möglich ist, anzugeben. 
Nachdem wir diese minimale Intensität gefunden haben, werden wir sie 
mit der auf Grund von zahlreichen Beobachtungen verschiedener‘ 
‘Menschen zusammengestellten Skala (siehe ausführlicher Kapitel I) ver- 
gleichen müssen. Eine so vollständige, abschließende Feststellung des 
Grades von Anteil, der verschiedenen Hauptneigungen bei Entstehung ` 
irgend eines komplizierten seelischen Prozesses zukommt, ist unseres 
Wissens noch nicht geschehen. Nichtsdestoweniger erscheint sie ung 
nicht als undurchführbar, wenigstens in Bezug auf einige stabile, der 
strengsten Analyse zugängliche Äußerungen. > 

Um etwaigen theoretischen Einwendungen vorzubeugen, betonen " 
wiran dieser Stelle nochmals, daß die charakterologische Analyse 
durchaus nicht den Zweck hat, die im Bewußtsein entstehenden Äuße- 
rungen durch die ihnen zu Grunde liegenden psychischen Neigungen zu ' 
„erklären“, wie es die frühere metaphysische Vermögenstheorie versucht ” 
hat. Das Eigentümliche unseres Gesichtspunktes besteht blos darin, ” 
daß neben dem äußeren, objektiven, in unserem Bewußtsein sich deutlich 
dokumentierenden Elementen eines jeden psychischen Prozesses noch 
andere Faktoren hervorgehoben werden, die uns nicht unmittelbar zum 
Bewußtsein kommen, deren Existenz aber wir auf Grund verschiedener in- I 
direkter Erwägungen erschließen und die sich nichtsdestoweniger als im’ 
hohen Grade stabil erweisen und in unserem Seelenleben eine nicht 
minder wichtige Rolle spielen, als allerlei äußere Anreizer. Eine solche’ 
Ausscheidung der ihm zu Grunde liegenden Neigungen und Dispositionen 
gibt oft dem ganzen Prozeß, wie wir es an den oben angeführten Bei- 
spielen eben gesehen haben, eine eigentümliche Beleuchtung. 

Ja, es darf sogar behauptet werden, daß unser Gesichtspunkt uns 
zu Resultaten führt, die denjenigen der früheren metaphysischen Ver- 
mögenstheorie direkt entgegengesetzt sind. Die Gegner der früheren! 
Theorie weisen mit Recht darauf hin, daß die scheinbare, rein nominale 
„Erklärung“ der psychischen Erscheinungen mittels der ihnen zugrunde 
liegenden metapbysischen Substanzen nicht nur fruchtlos, sondern gerade- 
zu schädlich sei: ohne die komplizierten bewußten Erlebnisse im mindesten 
zu erklären, führt sie dieselben von vornherein auf ein paar absolute, 
weiter nicht zu zerlegende Ursachen zurück, indem sie auf diese Weise 
den Weg zu jeder weiteren wissenschaftlichen Untersuchung versperr 
Unser Gesichtspunkt erlaubt uns dagegen, nicht nur neue Methoden deri 
Untersuchung von Tatsache», die gegenwärtig uns noch undeutlich 
erscheinen, zu entwerfen, sondern erinnert uns in jedem einzelnen Fal 
auf das dringlichste daran, daß wir es bier, wie überhaupt auf allen 





— 17 — 


Gebieten des Seelenlebens mit vollkommen gesetzmäßigen und der syste- 
matischen wissenschaftlichen Untersuchung und Analyse zugänglichen 
Erscheinungen zu tun haben. 

Was die Verfahrungsweise anbetrifft, mittels der wir die charakte- 
rologische Analyse anwenden, so muß folgender Grundsatz unseren Aus- 
gangspunkt bilden: jede innere Außerung, wie kompliziert 
sie auch sei, kann nur bei solchen Menschen entstehen, 
bei denen alle Neigungen, welche an dieser Außerung 
teilnehmen, eine genügende Potenz erreichen. Allerdings 
ist die Entstehung der gegebenen Neigung, auch vorausgesetzt, daß die 
dazu nötigen Neigungen vorhanden sind, blos möglich, nicht obligatorisch: 
es muß ja nicht vergessen werden, welch große Rolle dabei den ent- 
sprechenden Anreizern und dem günstigen Einfluß anderer, verwandter 
Neigungen zukommt. Wenn aber bei dem Objekt der Beobachtung die 
entsprechenden Neigungen fehlen, erscheint die Entstehung der gegebenen 
Neigung vollkommen ausgeschlossen. 

Von diesem Grundsatz ausgehend, schließen wir, daß, wenn der von 
uns analysierten Äußerung tatsächlich eine bestimmte Hauptneigung zu 
Grunde liegt, diese letzte bei dem gegebenen Menschen überhaupt einen 
bedeutenden Intensitätsgrad erreiche, und folglich auch bei verschiedenen 
anderen Umständen zu Tage treten müsse (da jede Hauptneigung nicht 
blos einer, sondern mehreren verschiedenen Äußerungen zu Grunde liegen 
kann). Deshalb versuchen wir, indem wir den betreffenden Menschen 
während eines längeren Zeitabschnittes beobachten, festzustellen, ob diese 
Neigung bei ihm tatsächlich stark entwickelt sei. Ist es der Fall, so 
haben wir das Recht, zu vermuten, daß auch in der von uns analysierten 
Außerung diese Neigung keine geringe Rolle spiele; im entgegengesetzten 
Fall darf beinahe mit völliger Sicherheit behauptet werden, daß die 
Analyse fehlerhaft sei: der untersuchten Äußerung liegt irgend eine 
andere Neigung zu Grunde. 

Indem wir wieder zur Untersuchung der Persönlichkeit zurückkehren, 
wollen wir untersuchen, inwiefern die charakterologische Methode der 
Analyse uns bei der Lösung der beiden oben erwähnten Hauptaufgaben 
der Individualpsychologie, d. h. bei Untersuchungen der subjektiven 
Seite der Persönlichkeit (resp. der neuro-psychischen Organisation) und 
bei Untersuchung der exo-psychischen Typen, von Nutzen sein kann. 

Aus dem Vorstehenden erhellt, daß unsere Auffassung des Mecha- 
nismus der seelischen Tätigkeit in manchen Hinsichten komplizierter 
erscheint, als diejenige, die uns vom Standpunkte der Assoziationstheorie 
oder des Voluntarismus geboten wird, Wir anerkennen sowohl die Asso- 
ziation, wie. die Apperzeption, und weisen beiden einen besonderen Platz 
im allgemeinen Schema der neuro-psychischen Organisation. des Menschen 


— 18 — 


an. Ferner ziehen wir eine scharfe Grenzlinie zwischen den Asso- 
ziationsverbindungen einerseits und dem Einfluß der Anreizer auf die 
betreffenden psychischen Neigungen andererseits. Endlich anerkennen 
wir neben den niederen, konkreten Neigungen die selbständige, abge- 
sonderte Existenz anderer, höherer, allgemeinerer und in ihren Äuße- 
rungen abstrakterer Neigungen. Das alles ist allerdings bedeutend 
komplizierter als eine einfache Zurückführung eines beliebigen: seelischen 
Erlebnisses auf eine gewohnheitsmäßige Assoziationsverbindung oder auf 
die Tätigkeit der aktiven synthesierenden Apperzeption. Doch scheint 
uns, daß diese komplizierte Konstruktion dem wirklichen Tatbestand 
mehr entspreche, als der Versuch, die ganze unendliche Mannigfaltigkeit 


des Seelenlebens auf eine allzu einfache Formel zu reduzieren, wie ihn ~ 


öfters die extremen Repräsentanten der erwähnten Richtungen unter- 
nehmen. 

Besonders fruchtbar dürfte sich, wie es scheint, diese kompliziertere 
Auffassung des Seelenlebens erweisen, wenn wir zu einer weiteren Ana- 
lyse jener komplexen Gesamtheit der psychischen Prozesse schreiten, 
die unter dem Begriff „Apperzeption“ verstanden wird und die, wie wir 
gesehen, mit der subjektiven Seite der Persönlichkeit oder mit der neuro- 
psychischen Organisation eines jeden Menschen aufs engste verbunden 
ist. Gewöhnlich wird das Wesen der Apperzeption entweder auf die 
Teilnahme einer Gruppe von reproduzierten Vorstellungen am Prozeß 
oder auf die Willensanstrengung, welche die Richtung und den Verlauf 
der Assoziationen |in einem gewissen Grad beeinflussen, zurückgeführt. 
Wie oben dargelegt, können in dem ersten Fall viele Tatsachen gar 
nicht erklärt werden, da es nicht in allen Apperzeptionsprozessen die 
Gegenwart jener „Apperzeptionsmassen* der Vorstellungen, welche die 
Entstehung des gegebenen Prozesses bedingen könnten, nachzuweisen 
gelingt. Im zweiten Fall werden aber alle mannigfaltigen Apperzeptions- 
erscheinungen schließlich auf einen verhältnismäßig elementaren Faktor 
reduziert. Infolge dessen wird die Erklärung selbst äußerst mangelhaft. 
Vollständig unklar wird es, auf welche Weise die Willensanstrengung, die 
qualitativ sich stets gleich bleibt und nur hinsichtlich ihrer Intensität 
variirt, die Entstehung so mannigfacher Prozesse hedingen kann. | 

Die Fähigkeitshypothese, gemäß der die Neigungen als biologische 
oder psycho-physiologische Hauptfunktionen erscheinen, betont einerseits 
die Selbständigkeit des Apperzeptionsprozesses und die Unmöglichkeit, 
denselben auf wahrgenommene oder reproduzierte Vorstellungs- und 
Assoziationsverbindungen zu reduzieren. Andererseits weist sie nach- 
drücklich auf die Tatsache hin, daß die psychischen Neigungen d.h. eben 
diejenigen Faktoren, deren intensive Teilnahme an einem Bewußtseins- 
prozeß wir Apperzeption nennen, ihrem Wesen, wie auch ihren Ver- 








-— 109 = 


bindungen und Wechselverhältnissen nach, äußerst mannigfaltig sind 
Da ferner die Aufgabe dieser Hypothese eben darin besteht, die Unter- 
suchung dieser uns noch wenig bekannten subjektiven Faktoren zu be- 
fördern, so darf gehofft werden, daß damit der Schlüssel zu einer mehr 
systematischen und planmäßigen Untersuchung der Apperzeption ge- 
geben wird. 

Als das geeignetste Mittel zur Analyse des subjektiven Faktors 
oder der Apperzeption erscheint, unserer Meinung nach, gegenwärtig die 
Untersuchung der einfachsten individuellen Eigentümlichkeiten und deren 
Kombinationen bei verschiedenen Personen. Eben dieser Umstand war 
es, der uns veranlaßte, die Methode der Analyse, welche bestrebt ist, 
zu ermitteln, welche elementaren Neigungen sich an dieser oder jener 
komplexen Außerung betätigen, eine „charakterologische* zu nennen. 
Wie gesagt, zeichnen sich die psychischen Hauptneigungen im allgemeinen 
durch eine größere Einförmigkeit und Stabilität im Vergleich zu ihren 
Äußerungen aus. Dank diesem Umstand wird es möglich, mittels 
einer längeren und systematischen Beobachtung mehrerer Individuen, 
diejenigen Hauptneigungen festzustellen, die bei einem jeden von ihnen 
am stärksten entwickelt sind. Wenn das geschehen ist, so weist öfters 
die Koexistenz gewisser Neigungen bei vielen Menschen auf ihre wechsel- 
seitige Verwandschaft hin. Die neuerdings entstandene Lehre von den 
„psychischen Korrelationen“ und den Methoden ihrer Untersuchung ') 
geht eben von diesem Prinzip aus. Noch überzeugender sind jene Fälle 
(Belege weiter unten), wo bei einer bedeutenden Potenz irgend welcher 
psychischen Neigung eine andere, die auf den ersten Blick ihr sehr nahe 
steht, gänzlich fehlt. Der Endzweck derartiger Untersuchungen ist die 
genaue Ermittelung der Verbindungen und Wechselverhältnisse zwischen 
den Hauptneigungen, die unsere neuro-psychische Organisation kon- 
struieren. Unsere Hypothese anerkennt das Vorhandensein von solchen 
zentralen organischen Verbindungen, die bei allen Menschen ganz gleich 
sind und die mit den zufälligen, Dank einer Assoziation in der persön- 
lichen Erfahrung entstandenen Verbindungen durchaus nicht identifiziert 
werden dürfen. Die Hauptaufgabe der charakterologischen Methode 
besteht eben in der Untersuchung dieser zentralen Verbindungen und 
Wechselverhältnisse. 

Gerade hier müssen die experimentellen Untersuchungsmethoden für 
die Individualpsychologie am nützlichsten erscheinen. Die diagnostische 
Bedeutung der sogenannten „mental tests“ kann noch bestrittten werden, 
jedenfalls bleibt ihre Rolle bei der Zusammenstellung von Charakte- 
ristiken einzelner Persönlichkeiten noch lange eine sekundäre. Wenn 


1) Sieh die Arbeiten von Spearmann u, Krüger, Heymans u. a. 


— 10 — 


aber eine tiefere Analyse der elementaren, den Kern der Persönlichkeit 
bildenden Neigungen unternommen wird, so muß die experimentelle 
Methode, als eine vorzugsweise analytische, genaue und objektive, die 
wertvollsten Resultate erzielen. Zur Erläuterung dessen, wie die expe- 
rimental-psychologischen Methoden diesem Zwecke dienen können, führe 
ich einige Ergebnisse der wenigen Arbeiten, die in dieser Richtung vor- 
genommen worden sind, an. 

N. N, Tytschino') die an dem St.-Petersburger Laboratorium für 
experimentelle pädagogische Psychologie gearbeitet hat, stellte mit 15 
erwachsenen Personen beiderlei Geschlechts zahlreiche Versuche an, mit 
dem Zweck, die individuellen Unterschiede in der Schnelligkeit der in- 
tellektuellen Prozesse und verschiedenartigen Bewegungen zu untersuchen, 
wie auch folgende Fragen zu beantworten: 1) Sind verschiedenartige 
Bewegungen einer Erwachsenen hinsichtlich ihrer Schnelligkeit einander 
parallel oder nicht ? 2) Entspricht der Geschwindigkeit der Bewegungen die 
Geschwindigkeit der intellektuellen Prozesse bei demselben Menschen ? 

Zu diesem Behuf wurde mit jeder Versuchsperson eine ganze 
Reihe von Versuchen angestellt, die sich auf die Untersuchung der 


Schnelligkeit sowohl verschiedenartiger Bewegungen (Auftragen von | 


Punkten auf Papier, lautes Zählen, das Schreiben des Buchstabens a, 
kreisförmige Bewegung des Vorderarmes, Aussprechen der Silbe ma) 
wie auch verschiedener mehr oder weniger komplizierten intellektuellen 
Prozesse (einfache Reaktion, Erkennen und Assoziieren von Zahlen, 
Rechenexempel, Wortassoziationen, Definition des Genus der Substantive) 
bezogen. Jedes Experiment wurde an denselben Versuchspersonen nicht 
weniger als dreimal vorgenommen, um auch den Einfluß der Ubung zu 
berücksichtigen. 

Auf Grund der erhaltenen Resultate zieht die Verfasserin folgende 
Schlüsse: 1) Einen vollständigen Parallelismus zwischen verschieden- 
artigen Bewegungen in Bezug auf ihre Schnelligkeit begegnen wir nicht, 
doch darf eine geringere oder größere Annäherung an diesen Paralle- ` 


lismus, natürlich mit Berücksichtigung der individuellen Eigentümlich- f 


keiten, beinah bei allen Versuchspersonen konstatiert werden. 2) Die 
Schnelligkeit der intellektuellen Prozesse ist nur bei einer guten Koor- 
dination verschiedener Bewegungen diesen letzten parallel (eine Aus- 
nahme bilden Personen, die infolge einer schwachen Gesundheit, trotz 


einer bedeutenden Geschwindigkeit der intellektuellen Prozesse, in den | 


Bewegungen zurückbleiben); einer besseren Koordination der Bewe- 
gungen entspricht offenbar eine vollkommenere Assoziationstätigkeit. 
Bei Experimenten mit verschiedenen Arten von Bewegungen 








1) Wijestnik, Psychologii, 1908 B. V, Lief. 2. (russisch), 











— 11 = 


wurden die Versuchspersonen veranlaßt, dieselben Bewegungen zuerst in 
dem ihnen geläufigen Tempo, darnach im maximalen zu vollziehen. Die 
Vergleichung der erhaltenen Resultate erlaubte der Verfasserin folgende 
drei Typen zu konstatieren. Erster Typus: das geläufige wie das 
maximale Tempo sind schnell, der Unterschied zwischen ihnen ist ver- 
hältnismäßig gering. Zweiter Typus: arbeitet bei gewöhnlichen Um- 
ständen langsam, vermag aber nötigenfalls eine bedeutende Schnelligkeit 
der Bewegungen zu entwickeln. Bei dem dritten Typus ist sowohl das 
gewöhnliche als das maximale Tempo verhältnismäßig langsam. Inbezug 
auf ihre Qualität steht die Arbeit der zum ersten Typus gehörigen Per- 
sonen derjenigen der Personen der beiden letzten Kategorieu bedeutend 
nach; die Bewegungen der ersten sind nicht koordiniert, sie regen sich 
auf, eilen, weshalb bei dem Maximaltempo, z. B., statt der Punkte Striche 
und Haken, die weit voneinander zerstreut sind, entstehen, beim Zählen 
beständige lapsus linguae vorkommen u.s.w. Bei den Personen der 
zweiten Kategorie ist die Arbeit sowohl bei dem gewöhnlichen als bei 
dem maximalen Tempo gleich sauber, die Bewegungen sind koordiniert, 
bei den Experimenten verhalten sie sich ruhig und gelassen. Bei Per- 
sonen des dritten Typus ist die Qualität der Arbeit ziemlich hoch, die 
Bewegungen sind koordiniert und langsam. Zu dem ersten Typus rechnet 
die Verfasserin 6 von ihren Versuchspersonen, zu dem zweiten 5, zum 
dritten 2; außerdem gehören 2 zu den physisch-schwachen des ersten und 
zweiten Typus. 

Im Schuljahre 1904/05 wurden unter meiner unmittelbaren Leitung 
von einigen Erziehern des zweiten St.-Petersburger Kadettenkorps (E. 
J. Glotow, N. A. Kenel, S. E. Lichoscherstow und P. N. Spirring) 
Beobachtungen von Zöglingen des Korps zum Zweck der Zusammen- 
stellung von ausführlichen, durch Tatsachen belegten Charakteristiken 
organisiert. Indem die obenerwähnten Personen die nötige pädagogische 


= und psychologische Schulung besaßen, hatten sie außerdem vermöge ihres 


Amtes die Möglichkeit, ihre Versuchspersonen sowohl in der Klasse, als 
in den Zwischenstunden, während der Spaziergänge, der Turnübungen, 
der abendlichen Präparationsstunden, der Spiele, der Mahlzeiten, des 
Schlafes u. s. w. zu beobachten. Den Beobachtungen diente unser Pro- 


' gramm zum Leitfaden, wobei alle oben erwähnte Methoden und Vor- 
= Sichtsmaßregeln angewandt wurden. Das Ergebnis waren 11 Charak- 
= teristiken, von denen eine (Kadett Antonowitsch) oben angeführt worden 
- ist, und zu denen wir bald noch einmal zurückkehren werden. 


Gleichzeitig mit den Beobachtungen stellten L. J. Palmin und ich 
eine Reihe von Experimenten mit denselben Knaben behufs Untersuchung 


ihrer individuellen Eigentümlichkeiten auf dem Gebiet der Bewegungen, 


— 12 — 























der Aufmerksamkeit, der kombinatorischen Tätigkeit u. s. f., an. Ange- 
wandt wurden dabei folgende Methoden: 1) Auftragen von Punkten auf 
weißes Papier bei gewöhnlichem und maximalem Tempo; 2) möglichst 
rasches lautes Zählen; 3) Heraussuchen eines Buchstabens aus einem 
gedruckten Text; 4) Memorieren eines Gedichtes; 5) Zusammenstellen 
von Sätzen aus ein paar gegebenen Wörtern. k| 

Dank einer solchen Vereinigung der Beobachtung und des Expe- i 
riments wurde es möglich, die mittels dieser beiden Methoden erhaltenen 
Resultate einander gegenüberzustellen, zu berichtigen und zu vervoll- 
ständigen. Diesen Umstand benutzend, versuchten wir die Frage zu 
lösen, welche Seiten des psychischen Lebens durch Anwendung dieses 
oder jenes Experiments in besonders intensive Tätigkeit versetzt werden, 
— oder mit anderen Worten eine charakterologische Analyse der in 
diesem Falle angewandten Methoden zu vollziehn. 4 

Es erwies sich, daß in einigen Fällen die Seiten des intellektuellen 
Lebens, über die die Tagebücher der Erzieher nur summarische, mehr 
oder weniger allgemeine Berichte geben konnten, dank den Experimenten 7 
deutlich erwiesen und hervorgehoben wurden. In anderen Fällen wichen 
die Ergebnisse der Experimente von denjenigen der Beobachtung etwas 
ab; eine detaillierte Analyse der gewonnenen Resultate zeigte aber, daß 4 
dieser Mangel an Übereinstimmung öfters dadurch zu erklären ist, daß 7 


psychophysiologische Funktionen beziehen, als die von uns. zuerst in 4 
Anschlag gebrachten. 4 
Unter anderem ergab es sich, daß die sogenannte Beweglichkeit, 


so wichtige Rolle spielt, tatsächlich in zwei elementarere individuelle 
Eigenschaften eingeteilt werden muß: in die Geschwindigkeit der Bewe- 
gungen und den Reichtum der motorischen Impulse, wobei diese Eigen- = 
schaften bei weitem nicht immer zusammenfallen. Man begegnet Knaben, 
deren Bewegungen rasch sind, die sich aber wenig bewegen, indem sie 
es vorziehen, zu sitzen und sich mit irgend etwas zu beschäftigen; andere 7 
sind wiederum sehr beweglich, sitzen wenig, aber ihre Bewegungen 7 
zeichnen sich weder durch Geschwindigkeit noch durch Sicherheit aus.” 
Ferner scheint es, daß man den Begriff der Schnelligkeit von verschie- 
denen motorischen Prozessen im Zusammenhang mit dem Inhalt dieser 7 
Prozesse einer weiteren Zergliederung unterziehen müsse. Es gibt Fälle, ~ f 
wo die Schnelligkeit der Sprachbewegungen (lautes Rechnen) mit der- 7 
jenigen der elementareren, wenn auch koordinierten, Bewegungen der 7 
Hand und der Finger (Stellen von Punkten) nicht parallel geht. Dieser 4 
Tatsache entspricht teilweise auch die Beobachtung, daß Knaben, die am 


— 13 — 


geschwindesten im lauten Zählen sind, bei weitem nicht immer sich 
durch Reichtum und Geschwindigkeit der Bewegungen auszeichnen. 

Experimente, die von N. E. Rumjanzew und mir gestellt wurden 
und den Zweck hatten, die Wechselbeziehungen zwischen einzelnen, zum 
Prozeß der Wahrnehmung‘) gehörigen individuellen Eigentümlichkeiten 
zu untersuchen, zeigten unter anderem, daß die Schnelligkeit der ein- 
fachen Reaktion und der Wahlreaktion sich in charakterologischer Hin- 
sicht voneinander unterscheiden: es gibt Menschen, bei denen neben einer 
verhältnismäßig schnellen einfachen Reaktion eine langsame Wahlreaktion 
konstatiert werden muß und umgekehrt. Auch hier müssen wir folglich 
die Grundfunktion, welche wir unter dem Namen des psychischen Tempo 
des gegebenen Menschen verstehen, einer gewissen Zergliederung unter- | 
ziehen, indem wir ihre zwei Abarten ausscheiden, die miteinander ver- 
wandt und doch voneinander verhältnismäßig unabhängig sind. Ferner 
erweist es sich, wie es scheint, daß das Vorherrschen der Ahnlichkeits- 
assoziationen, oder wie sie öfters genannt werden der inneren Asso- 
ziationen, noch gar nicht auf eine bedeutende Entwicklung der Denk- 
fähigkeiten (Neigung zur Schlußbildung und Bildung abstrakter Begriffe) 
hinweist. Wenn dieses Faktum durch fernere Beobachtungen seine Be- 
stätigung finden würde, würde es uns zum Schlusse berechtigen, daß 
die Ähnlichkeitsassoziationen gar nicht als Erscheinungen einer höheren 
Art, im Vergleich zu den Berührungsassoziationen, erscheinen, sondern 
im Gegenteil ihrer charakterologischen Bedeutung nach sich diesen 
letzten nähern — wie es übrigens gemäß unserer Hypothese (sieh Ka- 
pitel II) auch zu erwarten war. 


Es darf wohl behauptet werden, daß bis jetzt in der Psychologie 
beinahe gar keine Versuche gemacht wurden, die charakterologische 
Methode in ihrer oben beschriebenen Gestalt bei Untersuchung und 
Analyse verschiedener zusammengesetzter psychischen Prozesse anzu- 
wenden. Wie fern der Experimentalpsychologie solches Verfahren lag, 
erhellt z.B. aus dem Streit, der um die bekannte Lange-James’sche 
Hypothese entbrannte. Unerachtet der großen Zahl der dieser Frage 
= gewidmeten Arbeiten, hat, so viel uns bekannt ist, niemand versucht, 
¿ das Problem folgendermaßen zu stellen: wenn unseren Gefühlen peri- 
phere Empfindungen zu Grunde liegen, die durch Erweiterung oder 
© Kontraktion der Gefäße, die Tätigkeit der willkürlichen und unwillkür- 
lichen Muskeln u. s. f. bedingt werden, so hängt offenbar von der Inten- 
isität der Empfindungen auch diejenige der Gefühle ab. Daraus wird 







s% 1) Lasurski und Rumjanzew, Bericht in der Gesellschaft für normale und patho- 
"logische Psychologie, April 1909. 

Pädagog. Monographien, herausgegeben von Meumann. Bd. XIV. 

(Lasurski, Ueber das Studium der Individualität). 8 


— 114 — 
























snin 


gefolgert: wenn die Lange-James’sche Hypothese der wirklichen Sach- 
lage entspricht, so müssen bei den Individuen, bei denen die verschie- l 
denen Arten der Tastempfindungen und besonders die Muskelempfindungen 
gut entwickelt sind, auch die emotionellen Erlebnisse eine bedeutende 
Intensität besitzen. Die experimentelle Prüfung dieser Behauptung dürfte | 
keine besondern Schwierigkeiten bieten. | 
Wie die Erfahrung zeigt, verwandelt sich die Untersuchung der 
elementarsten individuellen Eigenschaften und ihrer Wechselbeziehungen 
zu einander (resp. der psychischen Hauptneigungen und ihrer inneren 
oder zentralen Verbindungen) bei einer eingehenden Analyse unver- | 
meidlich in eine Untersuchung von Typen, d.h. von Komplexen, die aus 
mehreren untereinander innerlich verbundenen psychischen Neigungen ° 
bestehen. Diese Komplexe zeichnen sich eben infolge der ihnen zu 
Grunde liegenden inneren Verbindungen durch bedeutende Stabilität und - 
verhältnismäßige Verbreitung aus. Zu gleicher Zeit enthalten sie dank 
ihrer verhältnismäßigen Kompliziertheit eine ziemlich bedeutende Quan- 
tität gesetzmäßig untereinander. verbundener Neigungen und liefern 
infolgedessen das zur Untersuchung der Natur dieser Verbindungen ~ 
geeignetste Material. So z. B. werden die von einigen Forschern fest- ` 
gestellten Typen, der objektive und subjektive, nicht allein durch die ~ 
Hauptrichtung der Wahrnehmungen, deren Schnelligkeit und Genauigkeit 
gebildet, sondern auch durch gewisse Eigentümlichkeiten in der Auf- 1 
merksamkeit und im Denken. Solche sich oft wiederholende Komplexe = 
von Neigungen, die in einer Zentralverbindung miteinander stehen, ~ 
könnte man zum Unterschiede von den Totaltypen, welche die Ge- 
samtheit der für die gegebene Kategorie von Menschen wichtigsten = 
Seiten der Persönlichkeit umfassen, partielle Typen nennen. Als’ f 
Beispiele solcher partiellen Typen können die oben erwähnten motori- 7 
schen Typen von N. Tytschino dienen; hierher gehören auch die ver- 
schiedenen Auffassungstypen, die von Binet und anderen festgestellt sind 7 
(type descriptif, imaginatif u. a. m.). 
Die charakterologische Methode der Analyse kann eine statische 7 
genannt werden, da hier stabile, dauerhafte psychische Neigungen und l 
ihre Wechselverhältnisse, die, da sie durch den Inhalt der Neigungen 7 
selbst bestimmt werden, nicht minder stabil sind, erforscht werden.” 
Allein neben der Statik der Persönlichkeit existiert auch deren Dynamik. f 
Die psychischen Hauptfunktionen (resp. Hauptneigungen), die das Eigen 
tümlichste der gegebenen Persönlichkeit bilden, erleiden inbezug auf ihre’ 
Anspannung beständige Schwankungen. Der Einfluß der Ermüdung und 7 
der Übung, das Vorhandensein oder der Mangel eines entsprechenden? | 
Anreizers, eine gleichzeitige Erregung anderer, verwandter Neigungen 


— 15 — 


— das alles wirkt in jedem gegebenen Moment zurück auf den Zustand 
jeder einzelnen psychischen Funktion, indem es deren Außerungen her- 
vorruft oder niederdrückt, deren Intensität steigert oder vermindert. 
Deswegen muß neben der charakterologischen oder statischen Methode 
bei der Untersuchung und Analyse der psychischen Funktionen auch der 
dynamischen Methode eine große Bedeutung eingeräumt werden; ihre 
Grundzüge werden wir versuchen kurz anzudeuten. Leider zwingt uns 
der völlige Mangel an einschlägigen Arbeiten, uns nur auf ganz allge- 
meine Winke inbezug auf die Richtung der weiteren Arbeit zu be- 
schränken. 

Unserer Hypothese gemäß kann eine und dieselbe psychische Haupt- 
funktion sich auf verschiedene Weise je nach dem im gegebenen Moment 
auf sie einwirkenden Anzeiger äußern. Doch werden alle diese Auße- 
rungen unerachtet ihrer etwaigen bedeutenden Unterschiede durch die 
ihnen zu Grunde liegende Funktion (richtiger — Gruppe von Funktionen) 
mit einander verbunden. Indem wir diese Funktion anreizen, d. h. ir- 
gend eine von ihren Äußerungen hervorrufen, begünstigen wir zu gleicher 
Zeit die Entstehung aller übrigen Äußerungen derselben Funktion. Mit 
anderen Worten, sobald eine psychische Neigung eine bedeutende An- 
spannung erfahren hat und sich in irgend einer Richtung zu äußern 
beginnt, genügen schon verhältnismäßig unbedeutende Anreizer, um sie 
in anderen ihr eigentümlichen Richtungen sich äußern zu lassen. 

Beobachtungen aus dem Altagsleben überzeugen uns von der Rich- 
tigkeit dieser Behauptung. Wenn ich nach dem Besuch einer Kunst- 
ausstellung oder eines Konzertes, mich an meine gewohnte Arbeit setze, 
so arbeiten meine Gedanken auch bei völliger Konzentration der Auf- 
merksamkeit zuerst weniger gut als gewöhnlich, und allerlei abstrakte 
Konstruktionen gelingen mir weniger als sonst. Doch arbeite ich mich 
nach und nach hinein, mein Denken erreicht die ihm gewöhnlich eigene 
Spannkraft und Deutlichkeit, wonach es sich erweist, daß ich jetzt ohne 
besondere Mühe den Inhalt meiner Beschäftigung verändern kann, z. B. 
statt einer philosophischen Abhandlung die Lektüre eines Aufsatzes über 
Experimentalpsychologie oder eine kritische Analyse irgend eines histo- 
rischen oder soziologischen Werkes vorzunehmen im stande bin. Die 
Tätigkeit jenes wenig untersuchten Mechanismus, dessen einzelne Seiten 
wir Neigungen zur Abstraktion und Schlußbildung nennen, hat einen 
bedeutenden Grad von Anspannung erreicht, und ihre mannigfaltigen 
bewußten Außerungen können ohne besondere Anstrengung hervorge- 
rufen werden. 

Doch beschränkt sich die Anwendung der dynamischen Methode 
nicht ausschließlich auf die Fälle, wo, wie in den oben beschriebenen, 
g* 





— 116 — 


die Entstehung von irgend einer Äußerung der bestimmten Neigung das 
Hervortreten aller ihrer übrigen Äußerungen erleichtert. Es gibt da- 
neben noch eine ganze Reihe von Verhältnissen und Problemen, zu deren 
Untersuchung dasselbe Prinzip der dynamischen Methode angewendet 
werden darf. 

Hierher gehören vor allem jene Fälle, wo die Erregung irgend einer 
Neigung die Außerung einer anderen, mit ihr im Verwandschaftsver- 
hältnis oder in einer Zentralverbindung stehenden Neigung begünstigt. 
Als Beispiel einer solchen Art von Verbindungen kann etwa das Ver- 
hältnis dienen, welches zwischen der bewußten Willensanstrengung, die 
auf die Hemmung irgend einer Bewegung oder Entfernung von Ge- 
fühlen und Vorstellungen aus dem Bewußtsein gerichtet ist, einerseits, 
und der aktiven Konzentration der Aufmerksamkeit andererseits besteht. 
Die bewußten Erlebnisse, die in diesem und jenem Falle entstehen, sind 
einander sehr ähnlich. Von diesem Umstande ausgehend, sehen sich, 
wie bekannt, viele Psychologen veranlaßt, diese beiden Prozesse einfach 
für identisch zu halten oder, genauer, die willkürliche Konzentration 
der Aufmerksamkeit auf den Prozeß der physischen und psychischen 
Hemmung zurückzuführen. Dieser Standpunkt ist aber nichts anderes 
als blos eine Hypothese, und zur Prüfung dieser Hypothese wäre es, 
wie es uns scheint, von nutzen unter anderem auch diejenige Methode 
anzuwenden, die wir hier die dynamische genannt haben. Die Aufgabe 
würde in diesem Fall darin bestehen, daß man zu ermitteln versuchte, 
inwiefern die willkürliche Konzentration der Aufmerksamkeit durch den 
Einfluß des vorangegangenen, etwa auf irgend welche instinktmäßige 
oder reflektorische Bewegungen gerichteten Hemmungsaktes erleichtert 
werde. Die Ausarbeitung der experimentellen Technik würde in diesem 
Fall, wie es uns scheint, auf keine bedeutende, wenigstens keine un- 
überwindliche Hindernisse stoßen. 

Ferner wird uns von einigen Fakta der Gedanke nahe gelegt, daß 
die oben erwähnten Zentralverbindungen oder die Wechselwirkung der 
einzelnen Neigungen aufeinander sich nicht nur auf die Fälle beschränkt, 
wo die beiden Neigungen auf derselben Stufe der Allgemeinheit und 
Abstraktion stehen: es erweist sich, daß die Wechselwirkung zwischen 
zwei einander nahe stehenden psychischen Neigungen auch in den Fällen 
zu Tage tritt, wo eine von ihnen abstrakter ist, als die andere. Das in 
einem der vorstehenden Kapitel angeführte Beispiel (die Übertragung 
der synthetischen Tätigkeit vom Gebiet der abstrakten Gedanken auf 
eine Gesamtheit von konkreten Vorstellungen, gegebenenfalls — auf 
eine Baumgruppe) legt noch einmal Zeugnis davon ab, daß die zentrale 
Wechselwirkung zwischen den Fähigkeiten nicht nur, wenn das Wort 








— 117 — 


erlaubt ist, in horizontaler, sondern auch in vertikaler Fläche existiere: 
die Erregung der verbindenden, synthesierenden Tätigkeit des Urteilens 
trägt dazu bei, daß in dem, dem Urteilen entsprechenden, aber konkre- 
teren Prozesse der Wahrnehmung die synthesierende Tendenz auch in 
den Vorderplan tritt. 

Bisjetzt ist blos von einer kurz dauernden oder schnell vor- 
über gehenden Anwendung der dynamischen Methode gehandelt worden. 
Eine intensive Äußerung einer Neigung in einer beliebigen Richtung 
erleichtert sofort die Entstehung ihrer übrigen Außerungen, steigert 
auch die Tätigkeit anderer, mit ihr irgend wie verbundener Fähigkeiten. 
Dabei erleidet die Beschaffenheit der Persönlichkeit keine wesentlichen 
Veränderungen. Modifiziert wird blos die Anspannung einzelner 
Neigungen, d. h. etwas Temporäres, Instabiles, Unselbständiges; die 
Entwicklungstufe oder Potenz einzelner Neigungen, deren 
Gesamtheit die Persönlichkeit des gegebenen Individuums bildet, bleibt 
stets dieselbe. Mit anderen Worten haben wir es hier mit den soge- 
nannten temporären oder scheinbaren Veränderungen der Persönlichkeit, 
von denen schon oben die Rede war, zu tun. 

Neben einer solchen kurz dauernden Anwendung der dynamischen 
Methode kann eine andere, dauerndere stattfinden. Dieselbe besteht 
darin, daß man auf dem Wege einer längeren Übung und Angewöhnung 
die Potenz dieser oder jener psychischen Neigung bei dem gegebenen 
Individuum zu erhöhen und auf diese Weise die Beschaffenheit seiner 
Persönlichkeit selbst zu verändern versucht. Dann untersucht man, in- 
wiefern diese Veränderung einer einzelnen Seite der Persönlichkeit die 
Veränderung anderer, mit ihr mehr oder weniger verbundener Seiten 
begünstigt hat. Dies ist wenigstens das Prinzip der dauernden dyna- 
mischen Methode, wie es uns in seiner allgemeinsten Form erscheint. 
Als Beispiel von Arbeiten, die diese Frage behandeln, können einige 
Untersuchungen auf dem Gebiet des Gedächtnisses genannt werden. 
Die Frage wurde darin in folgender Form gestellt: kann die Übung 
irgend einer einzelnen Art des Gedächtnisses in irgend einer Weise 
steigernd auf andere Arten wirken, besonders auf die ihr am nächsten 
stehenden? Solche Untersuchungen sind schon vorgenommen worden 
und haben interessante Resultate erzielt D! 


Das ist das Wenige, was wir gegenwärtig über die experimentelle 
Analyse der Apperzeption oder, mit anderen Worten, über die experi- 





1) Eine besondere Erwähnung verdient in dieser Hinsicht die unter der Leitung 
von E. Meumann ausgeführte Arbeit von Ebert. Siehe Meumann, Vorlesungen zur Ein- 
führung in die experimentelle Pädagogik. 


— 18 — 


mentelle Untersuchung derjenigen psychischen Hauptfunktionen und ihrer 
Wechselwirkungen, deren Gesamtheit die subjektive Seite unserer Per- 
sönlichkeit bildet, zu sagen imstande sind. 

Wenn einerseits die experimentelle Methode bei einer gründlichen 
und detaillierten Analyse der die menschliche Persönlichkeit bildenden 
Grundfaktoren als unentbehrlich erscheint, so erweist sich andererseits 
die Methode der äußeren Beobachtung als besonders ge- 
eignet, die verschiedenartigen komplizierten Äußerungen der Persön- 
lichkeit zu untersuchen. Unsere Aufgabe ist dabei eine zwiefache. In 
den einfacheren Fällen beschränkt sie sich nur auf die Bloßlegung_ der- 
jenigen Hauptneigungen (resp. Hauptfunktionen) die an der Bildung 
dieser Außerung den größten Anteil haben. In den Fällen aber, wo wir 
es mit exogenen Typen, d. h. mit solchen Äußerungen, deren Bildung in 
erster Linie von dieser oder jener Umgebung abhängig ist, zu tun haben 
— wird auch unsere Aufgabe eine komplizierter. Wir werden ge- 
zwungen, die uns interessierende Äußerung nicht nur im Zusammen- 
hange mit den elementaren Hauptneigungen des gegebenen Subjekts zu 
analysieren, sondern auch im Zusammenhang mit jenen dauerhaften 
äußeren Bedingungen (Anreizern), unter deren Einflusse sie entstanden 
ist. Mit anderen Worten tritt an die Seite der charakterologischen 
Analyse der Außerungen deren psycho-soziale Analyse (indem 
man das Wort „sozial“ im weitesten Sinne versteht) oder die Fest- 
stellung der wichtigsten typischen Kategorien des äußeren Milieu, welche 
der gegebenen Äußerung ihren eigentümlichen Stempel aufgedrückt haben. 
Um diese zwei Arten der Analyse von komplizierten Äußerungen zu 
veranschaulichen, führe ich hier einige Beispiele, die den schon oben 
erwähnten „Schülercharakteristiken“ entnommen sind, an 1). 


Betrachten wir jene wohlbekannte und bei der Charakteristik eines Menschen 
so wichtige Eigenschaft, die den Namen der Gesprächigkeit oder Schwatz- 
haftigkeit trägt. Gesprächig nennt man Leute, die oft und viel sprechen; 
wenn dabei ihre Unterhaltung sich durch Oberflächlichkeit und Gehaltlosigkeit aus- 
zeichnet, nennt man diese — Geschwätz, Es ist klar, daß keine scharfe Grenze 
zwischen Gesprächigkeit und Geschwätzigkeit gezogen werden kann; aber ihre 
extremen Stufen unterscheiden sich voneinander doch mit genügender Deutlichkeit. 
Zuweilen erscheint die Schwatzhaftigkeit bloß als Resultat einer allgemeinen Er- 
regung und eines Reichtums an motorischen Impulsen, der seine Lösung 
in verschiedenen Bewegungen, unter anderem auch in der gesteigerten Tätigkeit der 
Sprachorgane findet. Wenn dabei der Vorstellungsschatz gering, die In- 
teressen beschränkt und dürftig sind, wird der Inhalt des Gesprächs mager 





1) Leider müssen wir uns hier blos auf die Mitteilung einiger Endresultate be- 
schränken, da der Mangel an Platz uns nicht erlaubt, das Material, d. h. die Charakte- 
ristiken selbst, worauf wir unsere Schlüsse gegründet haben, anzuführen. 





— 119 — 


und eintönig, und endlich bleibt nichts, als ein leeres, sich stets wiederholendes Ge- 
schwätz übrig. In anderen Fällen beobachtet man neben einer gesteigerten Erreg- 
barkeit der Gefühlssphäre und dem Reichtum an Bewegungen und peripheren Ge- 
fühlsäußerungen auch eine bedeutend entwickelte Einbildungskraft, einen 
ziemlich reichen Wort- und Vorstelungsschatz und zugleich einen Mangel an Ab- 
straktionen, eine Vorherrschung der äußeren Assoziationen über die 
inneren. Hier erscheint die Gesprächigkeit nicht mehr als Resultat der bloßen 
emotionell-motorischen Erregung, sondern sie hängt auch damit zusammen, daß eine 
wachsende Flut von Gedanken und Bildern (wenn diese noch so fragmentarisch 
und ungeordnet sind) in ‘den gegebenen Persönlichkeiten das Bedürfnis wachruft, 
ihre Gedanken jemandem mitzuteilen. Ferner zeigt die Beobachtung, daß der 
Mangel an den oben genannten Hauptneigungen das Entstehen von entgegengesetzten 
Eigenschaften, nämlich der Verschlossenheit, Schweigsamkeit, Verschwiegenheit zur 
Folge hat. In diesen Fällen vermag bloß irgend ein dringendes Bedürfnis (der 
Wunsch irgend eine ihn interessierende Frage gemeinsam zu besprechen, die nötige 
Auskunft zu erhalten u. s. w.) das Uebergewicht über den Mangel der motorisch- 
emotionellen Impulse zu erhalten und die betreffende Persönlichkeit zu veranlassen, 
ein Gespräch anzuknüpfen. 

Zuweilen beleuchtet die bei der charakterologischen Analyse der kompli- 
zierten psychischen Aeußerungen angewandte systematische Beobachtung solche 
Bildungselemente dieser Aeußerungen, die anderenfalls unbeachtet bleiben könnten. 
So z. B. wenn wir uns mit der Frage beschäftigen, was für Hauptneigungen den 
sogenannten Kinderstreischen zu Grunde liegen, so richten wir natürlich 
unsere Aufmerksamkeit in erster Linie auf das, was gewöhnlich unter diesem 
Namen verstanden wird: schwach entwickeltes Pflichtgefühl inbezug auf die von 
der Schule gestellten Anforderungen; eine übermäßig entwickelte Beweglichkeit 
und Reizbarkeit der Gefühle im Zusammenhang mit einer ungenügenden Fähigkeit, 
seine Impulse und Triebe zu beherrschen; Mangel an Interessen höherer Art, 
welche der Tätigkeit eine andere Richtung verleihen könnten, endlich, in einigen 
Fällen eine bedeutende Entwicklung der schöpferischen, kombinierenden Einbil- 
dungskraft. Jedoch weist eine sorgfältige Vergleichung der Charakteristiken von 
solchen Knaben, die sich durch bedeutende Ausgelassenheit, und von solchen, die 
sich durch deren völligen Mangel auszeichnen, darauf hin, daß hier allem An- 
schein nach noch eine gewöhnlich unbeachtete Eigenschaft eine große Rolle spiele. 
Das ist nämlich der Realismus, der Mangel an Schwärmerei, das Konzentrieren 
des Interesses auf den äußeren, realen Eindrücken der umge- 
benden Wirklichkeit. Nur die Jungen, die voll und ganz in ihrer Umge- 
bung und in deren alltäglichen Interessen leben, sind ausgelassen; Schwärmer und 
Träumer, die der Einsamkeit und ihren eigenen Gedanken leben, mehr zur Theorie’ 
als zur Praxis neigen, nehmen gewöhnlich an Streichen keinen Teil und interes- 
sieren sich auch nicht im geringsten dafür. Auf diese Weise veranlaßt uns die 
charakterologische Analyse als Bestandteil der untersuchten Aeußerung auch eine 
solche Neigung anzuerkennen, die auf den ersten Blick in keinem unmittelbaren 
Verhältnis zu ihr zu stehen scheint. 

Gehen wir jetzt zu komplizierteren Aeußerungen über, die sich schon dem, 
was wir oben einen psycho-sozialen Typus genannt haben, nähern. 
Nehmen wir als Beispiel die Spiele der Schulkinder und das Verhältnis 
des Schulknaben zu seinen Kameraden. 

Für einen Knaben von 12-13 Jahren — das ist das durchschnittliche 





— 10 — # 


Alter der von uns untersuchten Subjekte — ist das Spiel vor allem eine Zer- 


streuung, die er genießt, ohne dabei an ihren Nutzen (z.B. an die Entwicklung < 


der körperlichen Gewandtheit, die Kombinationsfähigkeit, die Kräftigung der Ge- 


sundheit u. s. f.) zu denken. Indem die Spiele ihrem Inhalte nach sehr 


verschiedenartig sind (Spiele, welche Ueberlegung und schöpferische Phan- 


tasie erfordern, Bewegungsspiele, Hazardspiele u. s. w.), unterscheiden sie sich sehr 
bedeutend voneinander inbezug auf die Funktionen, die zu ihrer Ausführung unent- 


behrlich sind. Auch die Zahl der an dem Spiele Teilnehmenden er- 
zeugt keinen geringen Unterschied, da sie zwischen einer zahlreichen Schar und 


2—3 ja sogar einem einzigen Teilnehmer schwanken kann. Was aber die Art und 


Weise der Ausführung anbetrifft, so hat in diesem Alter bereits jedes Spiel seine 
bestimmten fest aufgestellten Regeln und Handgriffe, deren Beobachtung und Be- 
nutzung allen Teilnehmern am Spiel zur Pflicht gemacht wird. 

Jede von diesen charakteristischen Eigentümlichkeiten der Spiele kann von 
diesem oder jenem Knaben bevorzugt werden, je nach der Beschaffenheit seiner 
Individualität. Infolge der geringen Zahl unserer Beobachtungen, werden wir 
hier bloß zwei Fragen berühren; erstens: wie verhalten sich einzelne unserer 
Schulkinder zum Spiel iiberhaupt, und zweitens: welche Spiele zieht ein jeder ` 
von ihnen vor? Hier muß man von vorneherein diejenigen Knaben ausscheiden, 
die sich zu den Spielen überhaupt gleichgültig, ohne irgend ein besonderes 
Interesse an den Tag zu legen, verhalten, indem sie es vorziehen, ihre Zeit auf 
andere, von ihrem Standpunkte aus ernstere Beschäftigungen zu verwenden: 
Schulaufgaben, Lektüre, Verfolgung verschiedener praktischer Zwecke, moralische 
Selbsterziehung u. s.w. Was die Knaben anbetrifft, die gerne spielen, so be- 


trachten, wie gesagt, die meisten von ihnen das Spiel als ein Vergnügen, indem ` 


sie während des Spieles sich für die Sache begeistern, es aber sofort sein lassen, 
wenn es ihnen langweilig wird. Doch erweist sich das Spiel zuweilen als mit 
den dominierenden Neigungen des Knaben in dem Maße übereinstimmend, daß 
seine Begeisterung dafür die gewöhnlichen Grenzen überschreitet: das Spiel 
verwandelt sich in ein ernstes Geschäft, dem zu Liebe die übrigen für 
eine längere Zeit in den Hintergrund treten müssen (Liebhaber des Sports, Schach- 
spieler, Hazardspieler u. s. w.). Die Vorliebe für irgend ein Spiel beruht 
bei einem Schulkinde gewöhnlich auf der vorzüglichen Entwicklung dieser oder 
jener Seite seiner neuro-psychischen Organisation: so haben Schnelligkeit, Reichtum 
und Koordination der Bewegungen gewöhnlich das Interesse an Bewegungsspielen 
zur Folge; eine bedeutende affektive Erregbarkeit im Zusammenhang mit der Inten- 
sität der Wünsche begünstigt, allem Anschein nach, den Hang zu Hazardspielen; 
Bedachtsamkeit im Handeln und das Vorherrschen des theoretischen Denkens 
erzeugen das Interesse am Schachspiel u. s. w. *). 

Inbezug auf das Verhältnis des Schulknaben zu seinen Kame- 
raden sind unsere Beobachtnngen noch beschränkter, und wenn wir hier dennoch 
einige fragmentarische Notizen anführen, so geschieht es nur in der Hoffnung, einen 
Wink zu geben, welche Richtung eine weitere Forschung einzuschlagen hätte. Der 
Umgang mit den ihn umgebenden Menschen ist für jedermann ein wichtiges Hilfs- 
mittel bei der Verfolgung dieses oder jenes persönlichen Zweckes. Abgesehen 
davon erscheint der Umgang mit Kameraden, das Zusammensein und die Unter- 
haltungen mit ihnen für die Mehrzahl der Schulknaben an und für sich als eine 





1) Ausführlicheres darüber s. „Schülercharakteristiken“. 








\ — 121 — 

Wohltat, indem sie ihm ein unmittelbares Vergnügen bereiten. Dabei geschieht 
gewöhnlich, daß je mitteilsamer ein Mensch ist, je mehr seine Gedanken und Ge- 
fühle sich zu ergießen suchen, je mehr er nach Umgang mit Menschen verlangt, 
— desto mehr diese ihm entgegenkommen: Mitteilsamkeit und Offenheit 
rufen dieselben Eigenschaften bei seiner Umgebung hervor; 
sie begünstigen überhaupt das Entstehen eines näheren Verhältnisses ‚der Menschen 
untereinander. Jedoch zeigen die Beobachtungen, daß zur Erreichung dieses 
letzten Zieles die bloße Mitteilsamkeit bei weitem nicht genügt. Wir haben 
Knaben beobachtet, welche beinah außer stande waren, allein zu bleiben, beständig 
nach Gesellschaft verlangten — und doch von den Kameraden wegen ihres 
Egoismus, ihres Geizes und anderer unsympathischen Charakterzüge nicht geliebt 
wurden. Ein allen Menschen entgegengebrachtes Mitgefühl, ein aufrichtiger Eifer 
beim Betreiben einer gemeinsamen Arbeit und ähnliche Eigenschaften sind allein 
im Stande, dem Menschen die Sympathien seiner Umgebung zu erwerben. 

Unter den verschiedenen Arten der Gemeinschaft und der Einwirkung der 
Menschen aufeinander verdient besonders der Einfluß, den ein Mensch auf andere, 
sich ihm aus dieser oder jener Ursache unterordnende Menschen ausübt, berück- 
sichtigt zu werden. Wir finden ihn auch im Schulleben. In jeder Klasse gibt 
es ein paar Schüler, die sich unter ihren Kameraden einer gə- 
wissen Autorität erfreuen und den meisten gegenüber eine kommandie- 
rende Stellung einnehmen. Die Beobachtungen zeigen, daß die charaktero- 
logische Grundlage dieser Beeinflussung einer ganzen Klasse 
durch einen einzigen sehr verschieden sein kann In ei- 
nigen Fällen ist es der Fleiß, die bewußte und unwandelbare Treue in der 
Erfüllung seiner Pflicht als Schüler, denen hier die Hauptrolle zukommt, in an- 
deren — Begabung, Geist, die Fähigkeit, seine Mitschüler für eine Sache zu 
interessieren, zn begeistern, sie nach sich zu ziehen und zu bereden, ferner — 
Muskelkraft, Gewandtheit, Mut und Selbstvertrauen und endlich List, Benutzung 
von allerlei Mitteln, um seine Zwecke zu verfolgen, und die Bereitwilligkeit, zu 
jeder Zeit fremde Interessen den eigenen zu opfern. Doch zeigt die Untersuchung 
der Charakteristiken von Knaben, die auf ihre Klasse einen Einfluß ausüben, daß 
bei Erwerbung dieser Autorität noch eine Eigenschaft, ohne welche die eben an- 
geführten sehr oft als unzureichend erscheinen, von der größten Bedeutung ist: 
das ist das Vorhandensein von bestimmten, mehr oder weniger herausgebildeten 
Ansichten von den gesellschaftlichen Verhältnissen und von den eigenen Rechten 
und Pflichten, wie auch Festigkeit und Folgerichtigkeit beim Durchführen dieser 
Ansichten. Wie den Erwachsenen, so imponiert auch den Kindern 
stets ein fester Wille, der von bewußten Prinzipien geleitet 
wird; unwillkürlich gehorchen sie ihm, Mögen diese Prinzipien noch so naiv 
und mangelhaft begründet sein, ihr bloßes Vorhandensein verleiht dem Schul- 
knaben eine gewisse Autorität in den Augen seiner Mitschüler. 


Es scheint uns überhaupt, daß überall, wo wir es mit der Analyse 
von komplizierten Beziehungen der Persönlichkeit zu ihrer Umgebung 
zu tun haben, die Methode der systematischen äußeren Beobachtung uns 
fernerhin gute Dienste leisten kann. Besonders gilt es von der Unter- 
suchung von Kindertypen, da die sozialen Äußerungen der Kinder be- 
deutend einfacher und einer allseitigen Beobachtung und Analyse zu- 
gänglicher sind, als diejenigen der Erwachsenen. 





Kapitel VI. 


Jetzt, nachdem wir die Frage nach den Elementen der Persönlich- ° ! 
keit und nach ihren komplizierten Äußerungen, wie auch nach den 
Methoden der Untersuchung und der Analyse dieser Äußerungen erörtert 
haben, können wir zu der letzten und allgemeinsten Frage übergehen: 
was muß die allgemeine Richtung der Wissenschaft von den Charakteren 
(Charakterologie, Individualpsychologie, Differenzialpsychologie, oder wie ` 
wir sie auch nennen mögen) sein, und worin bestehen ihre Aufgaben, so 
wohl die nächsten, unmittelbaren, als auch die entfernteren ? 

Hier gilt es, vor allem, sich Rechenschaft darüber zu geben, ob die 
Charakterologie eine Wissenschaft oder eine Kunst, ein theoretisches 
oder rein praktisches Fach des menschlichen Wissens sein soll. Sehr 
viele Verfasser von den hierher einschlagenden Schriften und auch sehr 
viele Menschen, die sich einfach für diese Frage interessieren, sind der = 
Meinung, daß die Charakterologie hauptsächlich praktische Zwecke zu 
verfolgen hat; ihr Hauptbestreben soll sein, die Möglichkeit zu erreichen, 
in jedem beliebigen Moment die psychischen Prozesse, die in dem Be” 
wußtsein des gegebenen Menschen verlaufen, zu erraten. Dieser Ansicht” 
gemäß bildet den zentralen Teil der Charakterologie die „Psychognosis“ '), 
d. h. die Bestimmung derjenigen seelischen Eigenschaften der beob- 
achteten Persönlichkeit, die aus irgend einer Ursache im gegebenen” 
Moment für uns von besonderem Interesse sind; ihre Hauptaufgabe aber 1 
ist das Erfinden und das Ausarbeiten verschiedener Methoden, mittels” 
derer diese Bestimmung rasch und genau vollzogen werden könnte, Bi 
Dabei ist der Zweck dieser Beobachtung gar nicht, eine möglichst voll- N 
ständige Bekanntschaft mit den psychischen Eigentümlichkeiten des 
beobachteten Menschen oder das Eindringen in die Struktur seiner Per- ; 
sönlichkeit zu ermöglichen; der Hauptzweck einer solchen „Psychognosis“ 
ist stets irgend eine Nebenaufgabe, welche die Grenze der wissenschaft- 








1) Sieh M. Dessoir: Seelenkunst und Psychognosis, „Arch. f. systemat. Philos. = 
Bd, III, 1897*. A 





— 123 — 


lich- charakterologischen Untersuchung überschreitet. Dem Pädagogen 
liegt es vor allem daran, diejenigen Charakterseiten des Kindes kennen 
zu lernen, die die Anwendung von diesem oder jenem Erziehungsmittel 
gestatten; ein Administrator sucht bei der Wahl seiner Gehilfen Männer, 
welche die dazu erforderlichen Eigenschaften (z. B. Fleiß, Gewissen- 
haftigkeit u. s. w.) besitzen; ein Kunstkritiker betrachtet bei der Unter- 
suchung der Typen und Charaktere diese hauptsächlich vom Standpunkte 
ihres ästhetischen Wertes, d. h. des Eindruckes, den sie auf den Leser 
machen, der Gedanken und Gefühle, die sie in ihm wachrufen können u. s. w. 
Diese Ansicht, die die Erforschung der Charaktere irgend einem 
praktischen Zwecke unterordnet, erscheint eigentlich als eine direkte 
Verneinung der Charakterologie. Eine selbständige, wissenschaftliche 
Disziplin wird erst dann möglich, wenn ihre Zwecke und Aufgaben 
genau formuliert sind. Indessen bleiben in den oben angeführten Bei- 
spielen die Aufgaben der Charakterologie durchaus nicht dieselben, sondern 
wechseln in jedem einzelnen Fall. Außerdem — und das ist dabei das 
Wichtigste — leiden alle ähnlichen Untersuchungen unvermeidlich an 
der äußersten Einseitigkeit. Jeder Beobachter wendet seine Aufmerk- 
samkeit nur denjenigen Charakterzügen der untersuchten Persönlichkeit, 
die sich direkt auf die von ihm verfolgten Zwecke und Aufgaben be- 
ziehen. Als Resultat erscheint eine Reihe von speziellen Typen und 
Unterabteilungen, welche, eben dank ihrer Einseitigkeit, zu diesen oder 
jenen praktischen Zwecken sehr anwendbar sind, aber zugleich vereinzelt 
und außer Zusammenhang miteinander bleiben. Die Summierung und 
einheitliche Verarbeitung eines Materials, das von so verschiedenen Stand- 
punkten aus gewonnen worden ist, wird sich als ganz unmöglich erweisen. 
Indem sie das Vorhandensein von eigenen, selbständigen Aufgaben 
der Individualpsychologie verneinen, müssen die Verfechter der ange- 
führten Meinung unvermeidlich auch zur Verneinung jeder, dieser Wissen- 
schaft vorzüglich eigenen, Methode, die ihr unveräußerliches Eigentum 
bilden und sie von den übrigen, mit ihr verbundenen Disziplinen unter- 
scheiden würde, fortschreiten. In der Tat, wenn jeder einzelne Forscher 
während der Beobachtung von seinem eigenen Standpunkte, der sich von 
denjenigen der übrigen Beobachter mehr oder weniger unterscheidet, 
ausgeht, wenn die Endzwecke, von denen jeder einzelne Forscher geleitet 
wird, nicht in der Untersuchung selbst liegen, sondern von verschiedenen 
rein praktischen Nebenaufgaben bestimmt werden — so kann hier offen- 
bar gar keine Rede von irgend einer einheitlichen Methode sein: jeder 
wird von den Methoden, die ihm die bequemsten scheinen, Gebrauch 
machen, indem sie seiner praktischen, ihm als Ziel vorschwebenden, Auf- 
gabe angepaßt sind und ihn am leichtesten zu deren Lösung führen. 




























— 14 — 


So führt denn die Auffassung der Charakterologie 
als einer rein praktischen Disziplin schließlich zu 
einer vollständigen Verneinung der Möglichkeit von 
einer planmäßigen und systematischen Untersuchung 
der menschlichen Charaktere; unter solchen Umständen 
erscheint die Existenz der Individualpsychologie als 
einer selbständigen, eigene bestimmte Aufgaben und 
eigene bestimmte Methoden besitzenden Wissenschaft. 
als völlig ausgeschlossen. Irgend ein Fortschritt, eine syste- 
matische Arbeit in dieser Richtung erweisen sich als unmöglich. Es 
bleibt auf diese Weise nur ein Weg offen, das ist derjenige einer theo- 
retischen Wissenschaft, der von jedem praktischen Zweck, von jeder | 
Nebenabsicht sich frei hält. Diesen Weg hat die Individualpsychologie 
in der letzten Zeit schon betreten und wir glauben, daß er allein uns = 
zur vollständigen und allseitigen Lösung des komplizierten und ver- | 
wickelten Problems der Individualität führen wird. | 

Indem wir die Wissenschaft von der Persönlickeit und dem Charakter 
als eine theoretische Wissenschaft anerkennen, bestimmen wir eo ipso 
die Hauptzüge der Methoden, welche der Forscher bei der Untersuchung 
und Gruppierung der einzelnen Persönlichkeiten, d. h. bei der Gewinnung ' 
des Materials zur Klassifikation der Charaktere anzuwenden hat. Die 
wichtigsten Forderungen bestehen hier, unserer Meinung nach, im Fol- 
genden: erstens muß die Untersuchung jeder einzelnen Individualität” 
möglichst vollständig und vielseitig sein, und zweitens muß der” 
Forscher stets bestrebt sein, den Weg der systematischen, be-% 
wußten Analyse und nicht denjenigen der unklaren, halbunbewußten 
Intuition zu gehen. 

Wenn wir die Charakterologie als eine Kunst oder, richtiger, als’ 
eine praktische Wissenschaft ansehen, die bestimmt ist, allerlei Neben- 
zwecken zu dienen, so ergibt sich daraus Folgendes. Vor allem werden’ 
bei weitem nicht alle Hauptneigungen der beobachteten Persönlichkeit” 
unsere Aufmerksamkeit in gleichem Maße auf sich ziehen. Die Unter” 
suchung wird sich in den meisten Fällen auf einer, und zwar zuweilen 4 
sehr eng begrenzten Seite der Persönlichkeit konzentrieren, wenn diese 
Seite aus irgend einem Grunde uns besonders interessiert. Am häufigsten 
ist es eine komplizierte, scharf hervortretende und die allgemeine Auf- T 
merksamkeit fesselnde Äußerung, die den Beobachter vermöge ihrer 
sozialen, pädagogischen u. a. Bedeutung interessiert. So bemüht man i 
sich, z. B., ein Bild von der Persönlichkeit des Verbrechers zu gewinnen, i 
ne man die von ihm verübte Tat untersucht: man prüft das Verhalten 7’ 
dieses Menschen vor, während und nach dem Verbrechen, man beurteilt 7 





— 125 — 


alle Nebenumstände, und auf Grund dieser Erwägungen stellt man ver- 
schiedene Hypothesen sowohl hinsichtlich der Gedanken und Gefühle des 
Verbrechers während der Tat selbst, als auch hinsichtlich der Haupt- 
eigenschaften seiner psychischen Organisation auf. Eben dieser Charakter 
ist den meisten pädagogischen Beobachtungen und den in der schönen 
Literatur vorkommenden Charakteristiken eigen. Die Voraussetzung, 
auf die sie sich gründen, ist die Vermutung, daß in ähnlichen ungewöhn- 
lichen, komplizierten und intensiven Äußerungen sich alle charakteri- 
stischen Eigentümlichkeiten des gegebenen Menschen am vollständigsten 
und schärfsten äußern. 

Es scheint uns aber, daß eine derartige einseitige Beschränkung auf 
wenige, wenn auch so scharfe Äußerungen, schließlich auch vom Stand- 
punkte der Forderungen des praktischen Lebens als unzulänglich erscheint. 
Vor allen Dingen kann man hier sozusagen auf rein technische Schwie- 
rigkeiten stoßen. Der Verbrecher kann die Tatsache des Verbrechens 
selbst leugnen, und wir werden genötigt, diese Tatsache auf Grund von 
_ verschiedenen bereits gänzlich außerhalb des Gebiets der Charakterologie 
liegenden Beweise und Erwägungen festzustellen; die Parteien werden 
die Details der Sache auf die widersprechendste Art mitteilen und be- 
leuchten. Und doch müssen alle diese Schwierigkeiten unbedingt über- 
‘wunden werden: im entgegengesetzten Fall verlieren wir die einzigen 
Tatsachen, von denen wir uns bei der Beurteilung des gegebenen Cha- 
rakters leiten lassen wollen. 

Außerdem zeigt eine eingehende Beobachtung der Menschen, daß 
die einzelnen Hauptneigungen, deren Gesamtheit den Charakter dieses 
oder jenes Individuums bildet, so eng miteinander verflochten sind, daß 
es schwer wird, irgend eine Gruppe Neigungen zu betrachten, ohne die 
übrigen zu berücksichtigen. Deshalb zwingt uns das Leben selbst, den 
Rahmen unserer Beobachtung zu erweitern, wenn wir das Verhalten 
eines Menschen bei einer von ihm vollbrachten Tat einigermaßen genau 
erklären oder das, was von ihm zu erwarten sei, vorhersagen wollen. 
Unvermeidlich werden wir vor das Dilemma gestellt: entweder auf jede 
einigermaßen ausführliche Untersuchung der Handlungen und Äußerungen 
des gegebenen Menschen zu verzichten, indem wir uns auf mehr oder 
weniger unbestimmte, allgemeine Bemerkungen hinsichtlich der Eigen- 
tümlichkeiten, die uns an ihm aus irgend einem Grunde interessieren, 
beschränken; oder zu einer systematischen Untersuchung aller den Cha- 
rakter des gegebenen Menschen bildenden Neigungen zu schreiten, d. h. 
den Weg einzuschlagen, den wir für den einzigen richtigen und gewinn- 
bringenden halten. Erweist sich dabei irgend eine Äußerung als zu 
kompliziert, der Analyse wenig zugänglich und schwer zu würdigen, so 

























— 126 = # 
übergehen wir sie und suchen nach anderen, unserem Wissen mehr zu- 
gänglichen Außerungen. Was diese anbetrifft, brauchen wir keinen 
Mangel zu befürchten, da jede Hauptneigung gewöhnlich eine ganze Reihe 
von Außerungen besitzt. Man muß bloß nicht durchaus auf die Äußer- 
ungen, welche auf sich die allgemeine Aufmerksamkeit ziehen, Jagd 
machen wollen, im Gegenteil muß man dessen eingedenk bleiben, daß 
zuweilen eine ganz geringfügige, unscheinbare Handlung des Menschen 
einen größeren Wert für seine Charakteristik besitzt, als eine das all- 
gemeine Aufsehen erregende Begebenheit, in der er die Hauptrolle spielt, 
Als eine weitere Folge der wissenschaftlichen Auffassung der Auf- 
gaben, welche die Charakterologie zu lösen hat, erscheint die Forderung 
einer bewußten und systematischen Analyse jeder einzelnen Äußerung. 
Wenn wir einen Menschen beobachten, müssen wir uns eine möglichst | 
genaue Rechenschaft darüber geben, durch welche elementare Neigungen 
jede von uns notierte Außerung bedingt werden kann, und welchen Einfluß 
in jedem einzelnen Fall äußere Umstände, so wohl wie die übrigen, früher 
an ihm bemerkten Neigungen auf sie ausgeübt haben mögen. Nur unter 
diesen Bedingungen kann eine vollständige, mit vollem Bewußtsein und 
nach einem bestimmten Plan zusammengefaßte Charakteristik gewonnen 
werden; nur dann ist sie genügend begründet und kann einer allseitigen ” 
Besprechung unterzogen werden. i 
Im Gegensatz zu dieser bewußten und systematischen Analyse der 
einzelnen Äußerungen, wird von den Anhängern der praktischen Cha- 
rakterologie öfters die Theorie der unbewußten, intuitiven Erkenntnis 
der fremden Charaktere hervorgehoben. Gemäß dieser Theorie kann die 
allerausführlichste und gewissenhaftigste Analyse uns keinen entfernt 
richtigen Begriff von der Persönlichkeit eines anderen Menschen geben; 
sie deatet uns die tiefen und stets eigentümlichen Triebe nicht, von 
denen sich oft auch der Beobachtete selbst keine Rechenschaft zu geben F 
im Stande ist, und die doch den verborgenen Kern seines Charakters 
bilden und sich in allen seinen Handlungen unwillkürlich widerspiegeln. 
Dieser verborgene Kern, sagen sie, ist der bewußten, wissenschaftlichen 
Untersuchung gänzlich unzugänglich und deshalb werden wir nie die T 
Möglichkeit haben, das Charakterbild eines Menschen so kennen zu lernen, 
wie die Struktur eines komplizierten chemischen Körpers oder den ana- 
tomischen Bau eines tierischen Organismus. ji | 
Aber das, was für immer der exaktesten Wissenschaft verborgen 
bleibt, das ist, ihrer Meinung nach, der gewöhnlichen Lebensweisheit 
geoffenbart, wenn sie nur mit feiner Beobachtungsgabe und lebhaftem 
Interesse an den menschlichen Leiden und Freuden verbunden ist. Mittels 
eines eigentümlichen, unbewußten oder halbbewußten „Instinkts“ (manch- 





— 127 — 


mal benutzt man bei Bezeichnung dieses Prozesses auch den Begriff der 
„Einfühlung“) errät der Mensch die Hauptzüge der geistigen Persönlich- 
keit des anderen Menschen, wobei er in den meisten Fällen außer Stande 
ist zuzugeben, auf welche Art und Weise und auf Grund welcher Tat- 
sachen er zu diesem oder jenem Schlusse gekommen sei. Als Beleg führt 
man dabei gewöhnlich verschiedene Werke der schönen Literatur an, 
deren Verfasser, trotz des absoluten Mangels an wissenschaftlichen Me- 
thoden, vollständige und geistreiche Charakteristiken gegeben haben, zu 
deren Höhe sich nicht nur die moderne, sondern aller Wahrscheinlichkeit 
nach, auch die zukünftige Charakterologie kaum aufschwingen wird. 
Stellt man sich auf diesen Standpunkt, so wird die Sache natürlich 
bedeutend vereinfacht: eine unbewußte Intuition, mit der gewöhnlichen 
Lebenserfahrung verbunden, erlaubt uns unmittelbar den ganzen Menschen 
kennen zu lernen und der ganze komplizierte, schwerfällige und mühsam 
arbeitende, dabei bis jetzt noch mangelhaft konstruierte wissenschaftliche 
Mechanismus wird überflüssig. Es scheint uns aber, daß wir kaum Ur- 
sache haben, uns von dieser Einfachheit hinreißen zu lassen. Es muß 
nicht vergessen werden, daß die Kenntnis der fremden Charaktere, die 
wir auf dem Wege der Intuition erwerben, sich durch eine extreme 
Subjektivität auszeichnet. Die Gefühle, die der beobachtete Mensch in 
uns hervorruft (Sympathie, Antipathie, Furcht, Ehrfurcht, Mitleid u. s. w.), 
und andere zahlreiche und mannigfaltige Faktoren, die keiner genauen 
Wertung unterzogen werden können, spielen hier gewöhnlch eine be- 
deutende Rolle. Ferner, da der Beobachter selbst sehr oft außer Stande 
ist zu erklären, auf Grund welcher Tatsachen er zu diesem oder jenem 
Schlusse gelangt sei, so erscheint eine Prüfung seiner Schlüsse in den 
meisten Fällen als ausgeschlossen. Nicht zu verwundern ist deshalb, 
daß wir oft dem Faktum begegnen, daß zwei verschiedene Beobachter, 
die sich von der gewöhnlichen Lebenserfahrung leiten lassen, zu ganz 
verschiedenen Schlüssen hinsichtlich des Charakters von einer und der- 
selben Person kommen. Indessen ist, abgesehen von den Forderungen, 
die eine exakte Wissenschaft stellt, eine objektive Begründung der ge- 
wonnenen Schlüsse und Ergebnisse auch aus rein praktischen Gründen 
erforderlich. Sowohl dem Pädagogen, der seine Schüler beobachtet, als 
dem Administrator, der sich Gehilfen wählt, liegt es daran, daß die Vor- 
stellung, die er sich von dem beobachteten Charakter gemacht hat, keine 
subjektive sei, sondern ihre Bestätigung durch den weiteren Verlauf der 
Dinge finde und von anderen Beobachtern geteilt werde. So erweisen 
sich denn, sogar bei Lösung von verschiedenen rein praktischen Fragen, 
die Lebenserfahrung und die Intuition als ungenügend, und folglich 
werden wir auf den Weg der wissenschaftlichen, systematischen, all- 


— 128 — 


seitigen Beschreibung und Untersuchung des Charakters jeder von uns 
beobachteten Person gedrängt. 

Ein Vorbehalt muß jedoch gemacht werden. Die bewußte, plan- 
mäßige Beobachtung schließt die halbbewußte Intuition (oder den „In- 
stinkt“) durchaus nicht aus; im Gegenteil kann diese letztere ein sehr 
nützliches Hilfsmittel bei der Untersuchung der einzelnen Charaktere 
erscheinen. Hier haben wir ein Verhältnis vor uns, welches eine Ana- 
logie in der klinischen Medizin findet. Die moderne medizinische Dia- 
gnostik verfügt über eine ganze Reihe von gut ausgearbeiteten Mitteln 
und Methoden, die dem Kliniker in jedem einzelnen Falle erlauben, den 
Kranken allseitig zu untersuchen und ein vollständiges Bild seiner 
Krankheit zu gewinnen. Diese Mittel sind bei allen Klinikern dieselben, 
doch beherrschen sie diese in verschiedenem Maße. Es gibt ein beson- 
deres diagnostisches Talent, welches erstens in einer feinen Beobachtungs- 
gabe, zweitens in der Fähigkeit, die bei der Untersuchung gewonnenen 
Tatsachen zu kombinieren, ein Verhältnis zwischen verschiedenen, auf 
den ersten Blick nicht miteinander verbundenen Eigentümlichkeiten zu 
finden, besteht. Nichtsdestoweniger strebt auch die geistvollste Kombi- 
nation stets nach der Ergänzung der klinischen Untersuchung und nicht 
nach deren Vernichtung und Ersetzung. In ganz derselben Lage befindet 
sich, unserer Meinung nach, bei der Zusammensetzung von einzelnen 
Charakteristiken, die Individualpsychologie. Nicht nur schließen der 
„Instinkt“ und eine allseitige, bewußte Analyse der Äußerungen ein- 
ander nicht aus, sondern sie ergänzen einander. Die Praxis soll die 
Resultate und Schlüsse der wissenschaftlichen Untersuchung verwerten, 
nicht aber dieser letzten ihre eigenen Aufgaben und theoretischen Vor- 
aussetzungen aufzwingen. 

Versuchen wir jetzt genauer festzustellen, was denn eigentlich den 


Inhalt der Wissenschaft von den Charakteren oder der Individualpsycho- 


logie bildet, und in welchem Verhältnis sie zu ihrer nächsten Nachbarin, 
der allgemeinen Psychologie steht. Die Frage nach der Persönlichkeit 
und nach deren Elementen gehört ja auch dieser letzten an, indem sie 


eins von ihren Grundproblemen bildet. Worin besteht nun der Unter- 


schied zwischen diesen beiden wissenschaftlichen Disziplinen ? Vordem 
wir aber den Unterschied ins Auge fassen, setzen wir auseinander, was 
ihnen beiden gemein ist, stellen wir ihre Berührungspunkte fest. 

Schon aus dem Voranstehenden ist es ersichtlich, daß die Aufgabe 
der Wissenschaft von den Charakteren oder der Charakterologie, wie 
wir sie verstehen, gar nicht darin besteht, im Unterschied zur allge- 
meinen Psychologie das einmal Vorhandene, das Individuelle, was den 
Menschen von allen Seinesgleichen unterscheidet, zu beschreiben. Be- 


ee A een ent mis. nor ann 


nn u Bm Ai ne Seren Guben eich Mine 





— 129 — 






























kanntlich findet auch diese Meinung ihre Vertreter und der Terminus 
„Individualpsychologie* selbst bietet einigen Anlaß, ihre Aufgaben auf 
diese Weise aufzufassen: unwillkürlich drängt sich der Gedanke auf, 
daß ihr Zweck eine ausführliche Untersuchung des psychischen Lebens 
eines jeden einzelnen Individuums, sodann der Umstände, die es so ge- 
staltet haben, sei. Von diesem Standpunkte aus betrachtet, muß die 
Individualpsychologie sich von vornherein von der allgemeinen Psycho- 
logie aufs schärfste unterscheiden. 

Richtiger ist unserer Meinung nach eine andere Ansicht, nach 
welcher die Aufgabe der Individualpsychologie in der Feststellung und 
Untersuchung sowohl der einfachen als der komplizierten typischen 
individuellen Differenzen, insofern sie nicht bloß irgend einem Menschen, 
sondern einer ganzen Gruppe von einander ähnlichen Menschen eigen 
sind, besteht. Die Kombinationen dieser individuellen Differenzen bilden 
endopsychische Typen, d.h. solche, die ihre Entstehung den unter 
den einzelnen Seiten der neuro-psychischen Organisation bestehenden Ver- 
bindungen verdanken (z. B. der Typus des Sanguinikers, des Umsichtigen, 
des Schwärmers u. s. w.) und exopsychische Typen, die einen Wider- 
schein dieser oder jener Umgebung, dieses oder jenes Milieu bilden. 
Endlich bilden komplizierte Kombinationen von Typen, sowohl der endo- 
‚als der exopsychischen, indem sie sich mehr oder weniger in derselben 
Form wiederholen, typische Charaktere, die wir, indem wir eine Klassi- 
‚fikation der Charaktere aufstellen, miteinander vergleichen. So erscheint 
denn der Name der „Charakterologie“ oder vielleicht „Typologie“ im 
Grunde passender, als der Terminus „Individualpsychologie“, und wenn 
wir diesen letzten dennoch gebrauchen, so geschieht es nur, weil er eine 
andere, nicht weniger wichtige Seite der Sache betont, nämlich — die 
Notwendigkeit, individuelle Differenzen festzustellen. ` 
Im engsten Zusammenhang mit dieser oder jener Auffassung der 
Aufgaben der Individualpsychologie befindet sich auch die Lösung einer 
nderen Frage, nämlich: welche psychische Prozesse und Äußerungen 
sollen von dem Charakterologen in erster Linie berücksichtigt werden — 
ie einfachen oder die komplizierten? Wenn die Individualpsychologie 
im Gegensatz zur allgemeinen Psychologie sich mit dem einmal Vorge- 
ommenen, sich nicht Wiederholendem beschäftigen soll, so muß die 
ufmerksamkeit des Charakterologen vorzüglich auf die komplizierten 
tscheinungen des Seelenlebens gerichtet werden, und darin soll sogar 
iner der wichtigsten Unterschiede zwischen den beiden obengenannten 
issenschaftlichen Disziplinen bestehen: die allgemeine Psychologie be- 
schäftigt sich, von diesem Standpunkte aus betrachtet, mit der Analyse 


ler seelischen Erscheinungen und der Untersuchung jener Elemente, aus 
Pädagog. Monographien, herausgegeben von Meumann. Bd. XIV. 9 
(Lasurski, Ueber das Studium der Individualität.) 


— 10 — 


denen sich jedes Seelenleben überhaupt konstruiert, wogegen die Indi- 
vidualpsychologie sich mit den mannigfachen Kombinationen und kom- 
plizierten Außerungen, mit deren Hilfe sich diese Elemente bei jedem 
einzelnen Menschen dokumentieren, zu -beschäftigen hat. Nicht selten 
bekommt man zu hören, daß die Aufgabe des Charakterologen darin be- 
stehe, die Außerungen ein und derselben Neigung durch ihre Modifizie- 
rungen bei verschiedenen Menschen hindurch zu verfolgen. Auf diese 
Weise müßten wir zum Schlusse kommen, daß unsere elementaren Nei- 
gungen oder Hauptneigungen, die doch in bedeutendem Grad als das 
Resultat der Analyse und der Abstraktion erscheinen, gar nicht in das 
Bereich der Individualpsychologie gehören, deren Rolle hauptsächlich in 
der Beschreibung der konkreten, lebendigen Bilder der mannigfaltigen 
Wirklichkeit besteht. Die Charakterologie würde in diesem Fall als 
eine bloß beschreibende Wissenschaft erscheinen. Zu dieser Ansicht 
neigen besonders die Verfasser, welche in der Charakterologie besonders 
ihre praktische Seite schätzen (siehe oben). 

Wir haben jedoch eben erkannt, daß eine derartige rein beschreibende 
Untersuchung der komplizierten Äußerungen schon aus praktischen 
Gründen sich als zweckwidrig erweist, indem wir bei einer einigermaßen 
gewissenhaften Behandlung der Sache dennoch gezwungen werden, das 
gegebene komplizierte Ganze zu analysieren und dasselbe bildenden Ele- 
mente einzeln zu untersuchen. Wieviel mehr gilt das von wissenschaft- 
lichen Untersuchungen auf diesem Gebiet. Eben darum betonen wir so 
entschieden die Wichtigkeit der Rolle, welche die Untersuchung der 
elementaren Neigungen oder der Hauptneigungen spielt, wie auch die 
Unentbehrlichkeit einer bewußten und planmäßigen charakterologischen 
Analyse bei der Untersuchung der komplizierteren Äußerungen einer 
Persönlichkeit. | 

Die Frage nach der verhältnismäßigen Bedeutung der einfachen und 
komplizierten Neigungen für die Individualpsychologie wird nicht wenig” 
durch den Umstand verwickelt, daß in den meisten Fällen die einfachen’ 
Neigungen mit den niederen, die komplizierten mit den 
höheren verwechselt werden. So weisen z. B. Binet et Henri, und 
nach ihnen Stern darauf hin, daß die Individualpsychologie im Gegensatz 
zur allgemeinen Psychologie sich nicht zu viel mit so elementaren Seiten des 
Seelenlebens, wie z. B. die Empfindung oder einfache Reaktion abgeben? 
sollte. Ihre Aufgabe sei es, hauptsächlich komplizierte Seelenprozesse, wie? 
das Gedächtnis, die Aufmerksamkeit, das Denken, die Phantasie, kompli- i 
zierte Willenshandlungen u.s. w. zu erforschen. Nur in diesen komplizierten) 
Gebilden treten, nach der Meinung dieser Verfasser, die Grundzüge des ` 
individuellen Charakters deutlich zu Tage, nur da gewinnen wir em voll- - 





— 131 — 


ständiges Bild einer jeden Persönlichkeit. Unsererseits sind wir voll- 
kommen bereit, dieser Meinung beizustimmen. In der Tat überzeugen 
uns die Beobachtungen, daß die niederen Neigungen und deren Auße- 
rungen offenbar von keinem wesentlichen Interesse für die Individual- 
psychologie sind, da die individuellen Schwankungen auf dem Gebiete 
der niederen Neigungen weniger bedeutend erscheinen als auf demjenigen 
der höheren psychischen Neigungen. Der scheinbare Mangel an Uber- 
einstimmung entsteht bloß daraus, daß die obengenannten Autoren die 
elementaren Neigungen von den niederen, die komplizierten von den 
höheren (resp. von den Äußerungen der höheren Neigungen) nicht unter- 
scheiden. Bei strenger Durchführung dieses Unterschieds schwindet der, 
scheinbare Widerspruch von selbst. 

So muß denn die Individualpsychologie damit beginnen, daß sie di 
komplizierten Äußerungen der Persönlichkeit einer charakterologischen 
Analyse unterwirft. Wenn man uns entgegnet, daß die Analyse der 
komplizierten psychischen Prozesse eigentlich nicht mehr die Aufgabe 
der Individualpsychologie, sondern diejenige der allgemeinen Psychologie 
bilde, erwidern wir darauf Folgendes. Die Wissenschaft von den Cha- 
rakteren, wie wir dieselbe auffassen, ist aufs engste mit der allgemeinen 
Psychologie verbunden, ganz wie in der Medizin die Pathologie eines 
Jeden Organs mit der allgemeinen Pathologie verbunden ist. Sie gründet 
sich darauf und geht davon aus. Es soll uns deshalb nicht befremden, 
daß sie eine ganze Reihe von Berührungspunkten aufweisen. Im allge- 
meinen kann die Sachlage folgendermaßen charakterisiert werden: die 
Untersuchung der Persönlichkeit und ihrer Organisation bildet die Auf- 
gabe sowohl der allgemeinen Psychologie, als der Individualpsychologie ; 
die Untersuchung der typischen Unterschiede zwischen verschiedenen 
Menschen und Gruppen von Menschen bildet aber schon die spezielle 
Aufgabe der letzteren. Der größeren Deutlichkeit wegen, nennen wir 
zuerst diejenigen Fragen, die in demselben Maße sowohl die allgemeine 
als die individuelle Psychologie interessieren. 

Erstens — die Untersuchung und Analyse der wichtigsten kompli- 
zierten Außerungen der Persönlichkeit, wie auch das Ausscheiden der 
Hauptneigungen, die diese Außerungen bilden. Hierher gehören auch 
die allgemeinen Fragen — diejenigen nach der Neigung und ihrem An- 
reizer, nach den Außerungen der Neigungen, nach dem Verhältnis der 
einzelnen Funktionen zur neuro-psychischen Organisation des Menschen, 
überhaupt eine ganze Reihe von Problemen, die im I. und II. Kapitel 
‚dieses Buches besprochen wurden. 

_ Zweitens — die Untersuchung der gesetzmäßigen Verbindungen 
zwischen Elementen, die in ihrer Gesamtheit die menschliche Persönlich- 
9* 


— 12 — 


keit bilden; mit anderen Worten die Untersuchung jener verschiedenen 
Wechselbeziehungen zwischen den einzelnen Neigungen, die von uns 
bereits ausführlich analysiert worden sind (siehe Kap. I). Die psychischen 
Gesetze, die diese Wechselbeziehungen regieren, sind dieselben sowohl 
für die allgemeine Psychologie, als für die Individualpsychologie. Der 
Unterschied zwischen den einzelnen Menschen wird nicht dadurch bedingt, 
daß sich diese Gesetze in jedem einzelnen Fall verändern, sondern durch 
die größere oder geringere Intensität der Funktionen und durch Unter- 
schiede in der Richtung ihrer Tätigkeit. Der innere Bau der mensch- 
lichen Persönlichkeit aber, jene „notwendigen“ Verbindungen zwischen 
einzelnen Funktionen, von denen oben die Rede gewesen ist, bilden 
etwas Beständiges und Unveränderliches. 

Drittens erscheint als die gemeinsame Aufgabe der allgemeinen und 
der individuellen Psychologie die Untersuchung jener wichtigsten, typi- 
schen Tätigkeitsrichtungen jeder einzelnen Neigung, die infolge des Um- 
standes, daß jede Neigung (resp. Gruppe von Neigungen) mehrere ver- 
schiedene Anreizer besitzt, entstehen. Diese Anreizer variieren jedoch 
nicht ins Unendliche: gewöhnlich hat jede elementare Funktion ein paar 
Anreizer, die häufiger als die übrigen vorkommen und das Vorhandensein 
einiger typischen Äußerungen dieser Funktion bestimmen. Beispiele 
mehrerer Äußerungen von einer und derselben Neigungen findet man in 
unserem ersten Programm. Was die komplizierteren Typen anbelangt, 
welche dadurch entstehen, daß äußere Bedingungen auf eine ganze Gruppe 
untereinender verbundener elementarer Neigungen wirken, so findet man 
die darauf bezüglichen Beispiele im zweiten Programm (s. Anhang). 

Das sind die wichtigsten Fragen, welche in gleicher Weise sowohl 
die allgemeine als auch die individuelle Psychologie interessieren. 
Weiter gehen ihre Wege auseinander, wobei als spezielle Aufgabe der 
Wissenschaft von den Charakteren das Studium der individuellen Diffe- 
venzen und ihrer mehr oder weniger komplizierten Verbindungen er- 
scheint. Da die Faktoren, die der Entstehung dieser Differenzen zu 
Grunde liegen, ziemlich mannigfaltig sind, werden wir an dieser Stelle 
versuchen, auf die wichtigsten von ihnen hinzuweisen. 

Die erste und die wichtigste Ursache der individuellen Differenzen 
ist die ungleiche Potenz derselben Neigungen (resp. Funktionen) bei ver- 
schiedenen Menschen, wie auch verschiedener Neigungen bei em und 
demselben Menschen. Dieser rein quantitative Unterschied bestimmt 
schon in bedeutendem Maße sowohl das psychische Niveau eines Menschen 
wie auch den Inhalt seiner Persönlichkeit. Dabei spielen die äußeren Um- 


“ . . . . x si y ent- 
stände — die Anreizer — auch keine unwichtige Rolle, indem sie 





-r 


— 133 — 


weder fördernd oder hemmend auf die Entwicklung und Steigerung der 
dem gegebenen Menschen besonders eigenen Funktionen wirken. 

Ferner wird die Entstehung individueller Differenzen in bedeutendem 
Grade von der Richtung, welche die dem gegebenen Menschen eigentüm- 
lichen Neigungen unter dem Einflusse der auf sie einwirkenden Umstände 
nehmen, bestimmt. Das sind schon äußere, exogene Eigentümlichkeiten 
der Persönlichkeit, die aber nichtsdestoweniger für die gegebene Gruppe 
von Menschen im höchsten Grade charakteristisch sein können und sich 
oft durch große Stabilität auszeichnen. Eigentlich gehört die Frage 
nach der Möglichkeit verschiedener Außerungen bei einer und derselben 
Neigung wie diejenige nach dem Prozesse deren Entstehung in das Gebiet 
sowohl der individuellen als der allgemeinen Psychologie (sieh oben). 
Doch bildet die eingehende Untersuchung der individuellen Differenzen, 
die infolge dieses Prozesses entstanden sind, die spezielle Aufgabe der 
Wissenschaft von den Charakteren. 

Endlich liegt der dritte, ebenfalls sehr wichtige Grund der indivi- 
duellen Differenzen in dem Verhältnis, welches zwischen der inneren, 
subjektiven Seite der Persönlichkeit, d. h. der neuro-psychischen Organi- 
sation des gegebenen Menschen und der äußeren, objektiven Seite der- 
selben, die mehr oder weniger bloß den Abdruck der Umgebung bildet, 
besteht. Diese beiden Seiten können ihrem Inhalte nach einander entsprechen 
oder nicht entsprechen, auf diese oder jene Weise einander beeinflussen, 
eine kann über die andere vorherrschen u. s. w. Es steht aber fest, daß 


die ganze Struktur jeder einzelnen menschlichen Persönlichkeit nicht bloß 


durch den Inhalt der beiden Seiten seines Seelenlebens, sondern viel- 
leicht noch in einem höheren Grade durch das Wechselverhältnis, welches 
zwischen diesen Seiten besteht, bedingt wird. 

Zum Schluß müssen noch ein paar Worte über die Klassifikation 


der Charaktere, welche gegenwärtig als die nächste und unentbehr- 
liche, wenn auch schwer zu lösende Aufgabe der Individualpsychologie 


erscheint, gesagt werden. Eine Zeitlang legten die Psychologen, die sich 
mit der Untersuchung der Persönlichkeit und des Charakters beschäftigten, 
ein bedeutendes Interesse an der Gruppierung der Typen und deren 
Abarten an den Tag. Als Resultat dieser Bestrebungen erschien eine 
ganze Reihe von Klassifikationen, vorzugsweise von französischen Ver- 
fassern (Péréz, Ribot, Paulhan, Fouille, Malapert, Ribery und anderen) 
und teilweise von russischen (Lesshaft, Losskij, Wirenius)’). Gegen- 





1) Eine eingehendere Übersicht der erschienenen Klassifikationen der Temperamente 
und Charaktere findet man in meinem „Abriß der Wissenschaft von den Charakteren“ 
2. Aufl. (russisch), 


— 14 — 


wärtig ist eine andere Strömung fühlbar. Man hört auf, sich für die 
Klassifikation der Charaktere zu interessieren, entweder weil man sie 
für verfrüht und in der nächsten Zukunft für unausführbar hält, oder 
weil man überhaupt ihre Notwendigkeit und ihren Nutzen verneint Di 
Die letzte Ansicht scheint uns gänzlich falsch zu sein. Die Ausarbeitung 
einer vollständigen, den Tatsachen entsprechenden Klassifikation der 
Charaktere halten wir sowohl aus theoretischen Gründen (jede Wissen- 
schaft, die es mit komplizierten und mannigfaltigen Objekten zu tun hat, 
wird ja unvermeidlich gezwungen, sich der Klassifikation dieser Objekte 
zu bedienen), als auch aus praktischen Gründen. Wieder soll uns die 
klinische Medizin als Beispiel dienen. Ein Arzt, der eine gründliche 
Kenntnis verschiedener Krankheitsformen besitzt, konstruiert nicht selten 
auf Grund von zwei bis drei charakteristischen Symptomen ein voll- 
ständiges Krankheitsbild und ist im Stande, sowohl den weiteren Ver- 
lauf, als den vermutlichen Ausgang des Übels vorherzusagen. Wir glauben, 
daß etwas Ahnliches mit der Zeit auch auf dem Gebiet der Charakterologie 
möglich sein wird. 

Der anderen Einwendung gemäß ist die menschliche Persönlichkeit 
etwas so kompliziertes und wenig erforschtes, daß die gegenwärtige 
Individualpsychologie sich auf die Untersuchung der Elemente, d.h. der 
individuellen Differenzen beschränken müsse, um erst nachher zur Unter- 
suchung der komplizierteren Gebilde zu schreiten (siehe z. B. W. Stern, 
loco cit). Diese Ansicht erinnert sehr an die Meinung, die inbezug auf 
die allgemeine Psychologie früher nicht selten geäußert wurde. Man 
setzte voraus, daß die Psychologie ihre Untersuchung bei den Elementen 
des psychischen Lebens, d. h. bei den Empfindungen und den elemen- 
tarsten Wahrnehmungen anfangen sollte und daß, solange diese Elemente 
nicht gründlich bekannt wären, man nicht zur Erforschung anderer, 
komplizierterer Gebilde schreiten könne. Die weitere Entwicklung der 
Wissenschaft hat jedoch diese Meinung widerlegt. Trotzdem viele Kar- 
dinalfragen, die sich auf die Psychologie der Empfindungen und der 
elementaren Wahrnehmungen beziehen, bis jetzt auf ihre Lösung harren 
(z. B. die Fragen nach der Meßbarkeit der Empfindungen, der Bedeutung 
des Weber-Fechnerschen Gesetzes, der Entstehung der räumlichen Vor- 
stellungen u. s. w.), wird die experimentelle Untersuchung der kompli- 
zierten psychischen Prozesse (Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Denken) nicht 
nur energisch ins Werk gesetzt, sondern hat schon interessante Resultate 
erzielt. Dasselbe gilt auch für die Individualpsychologie. Die wissen- 


1) Das ist z.B. die Ansicht von Lucka in seinem sonst sehr interessanten Aufsatze 
„Das Problem einer Charakterologie“, Arch. f. die ges. Psychol. Bd. XI, H. 3/4. 





— 15 — 


schaftliche Untersuchung kann gleichzeitig in verschiedenen Richtungen 
vorgenommen werden, wenn bloß für jede Frage (oder für jedes Gebiet) 
Methoden gefunden sind, die ein wissenschaftliches Vorgehen ermöglichen. 

Wenn die Klassifikation der Erscheinungen, die in das Gebiet der 
Untersuchung gehören, gewöhnlich einen der ersten Schritte jeder 
werdenden Wissenschaft bildet, so ziehen weitere Fortschritte der 
wissenschaftlichen Forschung unvermeidlich auch die Vervollkommnung 
dieser Klassifikation nach sich. Die ersten Versuche der Gruppierung 
sind immer sehr unvollkommen und oberflächlich, und was das wichtigste 
ist, sehr künstlich, denn es werden oft verschiedene zufällige und un- 
bedeutende Merkmale der Einteilung zu Grunde gelest. In dem Maße 
aber wie die Untersuchung fortschreitet, wird auch die Klassifikation 
vervollkommnet und zwar in doppelter Hinsicht: einerseits wird sie 
natürlicher, indem sie versucht, sich auf Merkmale, die für das gegebene 
Erscheinungsgebiet am wichtigsten sind, zu gründen ; andererseits nähert 
sie sich dem Leben mehr und mehr, indem sie die Typen der Erschei- 
nungen und deren Abarten möglichst treu und vollständig wiederspiegelt. 

Alles Gesagte kann man auch auf die Individualpsychologie oder 
die Wissenschaft von der Persönlichkeit anwenden. Die Klassifikationen, 
die wir gegenwärtig besitzen, stehen nicht nur bedeutend höher im Ver- 
gleich zu denjenigen des Altertums (z. B. Theophrasts Traktat von den 
Charakteren), sondern auch im Vergleich zu den verhältnismäßig unlängst 
erschienenen, z. B. denjenigen von Bain, Azam und anderen. Man be- 
strebt sich jetzt, als Einteilungsgrund wirklich wichtige Hauptseiten der 
neuro-psychischen Organisation und Tätigkeit des Menschen zu wählen, 
wie das Vorherrschen der Reflexhandlungen über die Willenshandlungen 
und umgekehrt (Lesshaft), die größere oder geringere Entwicklung der 
Denk-, Gefühls- oder Willenssphäre (Ribot, Fouillee u. a.), den Grad der 
Entwicklung und gegenseitigen Koordination der verschiedenen Triebe | 
(Paulhan), ihr Verhältnis zu unserem „Ich“ (Lossky) u. s. w. Einige von den 
festgestellten Typen zeichnen sich auch durch große Lebenswahrheit aus. 

Es muß aber gefragt werden, warum unerachtet dieser Vervoll- 
kommnung die vorhandenen Klassifikationen ihrer Aufgabe so wenig 
gerecht werden, daß sogar ihre Notwendigkeit in Frage gestellt wird. 
Die Ursache davon liegt unserer Meinung nach darin, daß ihre Mehrzahl 
dem Leben zu fern steht. Sie geben uns eine Reihe von wohlgeor dneten, 
mehr oder weniger abstrakten Schemata, die vorzüglich auf dem Wege 
der Deduktion gewonnen worden sind: diese Schemata sind vielleicht zur 
allgemeinen, theoretischen Übersicht der wichtigsten Abarten des Cha- 
rakters brauchbar (besonders wenn der Charakter bloß von irgend einem 
bestimmten Standpunkte aus untersucht wird); sie erschöpfen aber auch 


— 136 — 


nicht im Entferntesten den ganzen reichen, mannigfaltigen und kompli- 
zierten Inhalt der Persönlichkeiten in jeder einzelnen Gruppe. Und doch 
begegnen wir bei den Beobachtungen und bei der Zusammenstellung von 
Charakteristiken in erster Linie gerade diesen komplizierten konkreten 
Außerungen, in denen die verschiedenartigsten Elemente der Persönlich- 
keit eng und fest miteinander verbunden sind. Das Hauptverdienst der 
medizinischen Klassifikationen besteht z. B. gerade darin, daß jede ein- 
zelne festgestellte Krankheitsform nicht irgend ein einziges Merkmal 
als charakteristisches Symptom hervorhebt und all die übrigen ignoriert, 
sondern den ganzen kranken Menschen in sich aufnimmt, uns ein voll- 
ständiges Bild der Krankheit gibt, mit ihrem status praesens, ihrem 
Verlauf und vermutlichen Ausgang. Mit der Zeit muß auch die Indiyi- 
dualpsychologie das tun können. 

Eine derartige Klassifikation kann bloß auf dem Wege der Induktion 
erreicht werden. Es genügt nicht, theoretische Schemata, wenn sie auch 
noch auf so richtige psychologische Voraussetzungen basiert sind, zu 
konstruieren. Es müssen vorher Charakteristiken in genügender Zahl 
gesammelt werden, die sich durch die größte Vollständigkeit auszeichnen, 
nach wirklichen, lebenden Menschen zusammengestellt sind und als voll- 
kommen zuverlässiges Material bei weiterer Gruppierung dienen können. 
Wir verneinen nicht im geringsten, daß allerlei Voraussetzungen und 
Deduktionen während der Arbeit gute Dienste leisten können, indem sie 
die Rolle einer leitenden Idee spielen; so ist es z. B. beim Sammeln 
und Bearbeitung des Materials nötig, sich von einem vorher ausgear- 
beiteten und ausführlichen Programm (z. B. in der Art wie das oben 
angeführte) leiten zu lassen, denn nur beim Vorhandensein eines solchen 
wird eine völlig bewußte und detaillierte Vergleichung der gesammelten 
Charakteristiken möglich. Das letzte Wort gehört aber jedenfalls den 
Tatsachen und der Induktion. Man darf nicht auf Grund irgend welcher 
theoretischen Voraussetzungen von vornherein einige Seiten des Seelen- 
lebens den anderen vorziehen, wie das z. B. Ribot macht, der der Denk- 
tätigkeit einen verhältnismäßig geringen Einfluß auf die Bildung des 
Charakters zuschreibt. Bei Nichtbeachtung dieser Bedingung werden 
wir nicht sowohl das Material zu einer weiteren Gruppierung bekommen, 
als vielmehr Illustrationen zu einer fertigen, im voraus festgestellten 
Klassifikation der Charaktere. Im diesem letzten Fall aber verliert 
natürlich das Sammeln des Materials selbst jeden Sinn. 

Die andere, sehr wesentliche Ursache der Unvollkommenheit der 
vorhandenen Klassifikation liegt unserer Ansicht nach in ihrer Ein- 
seitigkeit. Als Einteilungsprinzip benutzt man ausschließlich Eigen- 
tümlichkeiten der neuro-psychischen Organisation des Menschen, das 


— 17 — 


Vorherrschen dieser oder jener verhältnismäßig elementaren Funktionen 
derselben: des Gefühls oder des Willens, des konkreten oder abstrakten 
Denkens, der schnellen oder der langsamen Bewegungen u. s. w. 
Was aber die exopsychischen Außerungen anbetrifft, die für diesen 
Menschen oder für die gegebene Gruppe von Menschen charakteristisch 
sind, so werden sie in den meisten Fällen überhaupt nicht in Erwägung 
gebracht‘). Es muß zugegeben werden, daß in den besser ausgearbeiteten 
Klassifikationen (sowohl in denjenigen der Charaktere als denjenigen der 
Temperamente) zuweilen Versuche gemacht werden, die festgestellten 
Typen in der ganzen Fülle ihrer Lebensäußerungen zu charakterisieren, 


ohne bei dem Konstatieren ihrer wichtigsten und charakteristischsten 





Züge stehen zu bleiben. Man versucht das Verhältnis dieser oder jener 
Gruppe von Charakteren zu verschiedenen Lebensberufen, zu einzelnen 
Menschen, zur Familie und Gesellschaft, zur Kunst und Wissenschaft, 
zur Religion anzugeben. Aber auch hier beschränkt sich die Sache ge- 
wöhnlich darauf, daß man klarzulegen sucht, inwiefern das Dominieren 
dieser oder jener Seiten der neuro-psychischen Organisation imstande 
ist, den Interessen des Menschen diese oder jene Richtung mitzuteilen 
und ihm diese oder jene Gesinnung seiner Umgebung gegenüber einzu- 
flößen. Doch wird die äußere Seite der Persönlichkeit, d. h. das Gepräge, 
welches dem Menschen von dem Milieu, in dem er lebt, aufgedrückt 
wird, nicht allein durch die Eigentümlichkeiten seiner neuro-psychischen 
Organisation bestimmt, sondern erscheint als ein selbständiger Faktor, 
der diese Organisation selbst auf diese oder jene Weise beeinflussen 
kann. Und vielleicht bildet bei der Zusammenstellung einer Charakte- 
ristik die Gegenüberstellung dieser beiden Seiten der Persönlichkeit und 
das Bloßlegen ihrer gegenseitigen Beeinflussung in jedem gegebenen Fall 
— das wichtigste Moment der Arbeit!). Mit einem Worte, muß die 
Klassifikation der Charaktere nicht bloß psychologisch, 
sondern psycho-sozial sein, wobei der Terminus „Sozial“ hier 
nicht die engere Bedeutung des Verhältnisses zu anderen Leuten, sondern 
die weitere des Verhältnisses zur Umgebung überhaupt hat. 

Bei dieser Auffassung wird die Aufgabe des Charakterologen be- 
deutend erweitert. Die Feststellung einer Klassifikation wird zu einer 





1) Eine Ausnahme bildet die Klassifikation von Lesshaft , in welcher der Verfasser 
verschiedene Typen von Schulkindern, die unter dem Einflusse der verschiedenen Be- 
dingungen des Familienlebens entstanden sind, in Erwägung bringt. Paulhan entwirft 
im zweiten Teile seines Werkes eine Reihe von Typen, die durch das Vorherrschen dieser 
oder jener Triebe und Interessen bedingt sind. Doch geben uns diese partiellen Typen 
keine Klassifikation in dem oben erwähnten Sinne des Wortes. 

2) In diesem Sinne äußert sich auch Lucka in seinem oben bereits zitierten Aufsatze. 


— 1388 — 


anziehenderen und mehr versprechenden, aber desto schwierigeren und 
komplizierteren Aufgabe. Die Psychologie der sozialen Verhältnisse und 
der sozialen Typen, wie auch der anderen exopsychischen Erscheinungen 
ist noch so wenig ausgearbeitet, daß man gegenwärtig nicht daran denken 
kann, eine annähernd vollständige und allumfassende Klassifikation zu 
geben. Wir beschränken uns deshalb an dieser Stelle auf wenige Be- 
merkungen, die bloß als Stoff betrachtet werden müssen, als Winke zu 
einer künftigen, vollständigen psycho-sozialen Klassifikation der mensch- 
lichen Persönlichkeiten. 

Es scheint uns, daß bei der Gruppierung der Charaktere hauptsäch- 
lich zwei Arten von Einteilungen fest im Auge behalten werden müssen: 
erstens die Einteilung nach dem psychischen Niveau, zweitens die- 
jenige nach dem psychischen Inhalt. Die meisten Klassifikatoren 
(mit Ausnahme von Lesshaft, bei dem die Einteilung nach dem psychi- 
schen Niveau sehr deutlich und folgerichtig durchgeführt wird) haben 
sich vorzüglich für den psychischen Inhalt interessiert, indem sie die 
Frage nach dem, inwiefern der Mensch durch das Maximum der psychi- 
schen Entwicklung, den er erreichen kann, charakterisiert wird, gänzlich 
unbeachtet gelassen haben. 

Was sind die äußeren Merkmale, die das psychische Wachsen jedes 
einzelnen Individuums charakterisieren? Die Beobachtung der Entwick- 
lung von Kindern zeigt uns, daß eine besonders wichtige Rolle auch hier 
den Eigentümlichkeiten zukommt, denen wir überhaupt bei jeder Evo- 
lution begegnen, nämlich der allgemeinen Zunahme der Aktivität 
(resp. der Totalquantität der Lebensbetätigung) mit einer 
gleichzeitigen Steigerung der Kompliziertheit, Koordination 
und Bewußtheit der einzelnen Außerungen. 

Je höher eine beliebige neuro-psychische Organisation ist, desto 
reicher ist sie, eine desto größere Summe von Äußerungen ist sie im- 
stande zu geben, eine desto größere Quantität der äußeren und inneren, 
physischen und psychischen Aktivität kann sie innerhalb eines bestimmten 
Zeitraumes entwickeln. Freilich ist diese Tätigkeit zuweilen eine ver- 
borgene, dem fremden Blicke unzugängliche, wie es z. B. bei Einsiedlern, 
Schwärmern, überhaupt bei Menschen, die mehr ihrer inneren Welt leben 
und weniger zu allerlei äußeren Handlungen neigen, der Fall ist. Sie 
kann zuweilen auch wenig mannigfaltig sein, wenn die psychische Ent- 
wicklung nicht in der Richtung der Zunahme der Gesamtquantität der 
Äußerungen, sondern in der Richtung der Steigerung und Vertiefung 
einiger von ihnen vor sich geht. Wenn man aber sowohl die äußeren 
als die inneren Äußerungen in Erwägung zieht, indem man dabei nicht 
nur ihre Mannigfaltigkeit, sondern auch ihre Intensität berücksichtigt, 





— 139 — 


so kann im allgemeinen der oben aufgestellte Satz als richtig gelten. 
Dabei muß aber beachtet werden, daß der Terminus „Aktivität“ 
durchaus nicht im engeren Sinne der energischen Willens- 
anstrengung verstanden werden soll, sondern in dem weiteren Sinne der 
allgemeinen Steigerung der psychischen Produktion, in welcher Sphäre des 
Seelenlebens sie auch an den Tag treten möge. Der Voluntarismus ist 
als psychologische Theorie in dem vorliegenden Falle durchaus unannehm- 
bar, da er uns zu einer viel zu engen und einseitigen Auffassung der Sache 
führen würde. Wir wären gezwungen, anzuerkennen, daß Menschen, wenn 
sie auch noch so mittelmäßig inbezug auf intellektuelle und emotionelle 
Fähigkeiten begabt sind, aber einen festen, unbeugsamen Willen besitzen 
(z. B. beschränkte Fanatiker der Religion, einige Helden von Ibsen) auf 
ein höheres psychisches Niveau gestellt werden müßten, als geniale Men- 
schen, die sich durch keine besondere Beharrlichkeit auszeichneten, 
sondern mit vollkommener Leichtigkeit und Freiheit schufen (Mozart, 
Puschkin, Heine). Dieser Schluß wäre natürlich ganz verfehlt. 

Was die übrigen obenerwähnten Merkmale des psychischen Wachsens 
anbetrifft, so braucht man nicht viel über sie zu reden, da ihre Be- 
deutung von selbst einleuchtet. Die Prozesse der Differentiation und 
Integration sind in so hohem Maße für jede progressive Entwicklung 
charakteristisch, daß wir auch im psychischen Leben unvermeidlich ge- 
zwungen werden, sie zu berücksichtigen. Das psychische Leben der 
Menschen, die auf einem höheren Niveau stehen, zeichnet sich nicht nur 
durch eine größere Kompliziertheit und Mannigfaltigkeit aus, sondern 
auch durch eine größere Einheit, das Vorhandensein eines gewissen 
Zentrums, welches von der Gesamtheit der wichtigsten Neigungen und 
Gewohnheiten des gegebenen Menschen gebildet wird, wobei um dieses 
Zentrum sich alles Übrige gruppiert. Freilich kommen oft genug Fälle 
vor, wo begabtere Menschen eine geringere Einheit der Persönlichkeit 
an den Tag legen, als die unter ihnen stehenden Individuen, indem innere 
Kämpfe, Schwankungen, innere Widersprüche sie mehr bewegen, als die 
letzteren. Jedoch muß nicht vergessen werden, daß mit der Zunahme in 
der Zahl der Elemente auch die Quantität ihrer Verbindungen wächst. 
Die Totalsumme der Verbindungen und Koordinationen kann bei höher 
begabten Menschen größer sein, als bei den wenig begabten, — und doch 
kann es sich unzureichend erweisen, um die ganze Mannigfaltigkeit ihrer 
Persönlichkeit zu verbinden. Daraus entsteht nun der scheinbare Wider- 
spruch. In der Wirklichkeit aber gehen die Zunahme der Kompliziert- 
heit und die Koordination der psychischen Äußerungen gewöhnlich Hand 
in Hand miteinander (allerlei pathologische Erscheinungen, wie z. B. die 
Hysterie, natürlich nicht miteingerechnet), 


— 140 — 


Die Zunahme in der Bewußtheit kann eine zwiefache sein: ent- 
weder verdankt sie ihre Entstehung dem Umstande, daß der Mensch 
seine eigenen und die fremden Handlungen und Neigungen, wie auch die 
Einwirkung der Umgebung auf ihn selbst auf eine mehr oder weniger 
selbständige Art einander gegenüberzustellen beginnt, indem er sich all- 
mählich des um ihn Geschehenden bewußt wird und sich eine Welt- 
anschauung bildet; oder es tritt hier die genossene Bildung, der Vorrat 
an Kenntnissen und Verallgemeinerungen, der auf eine mehr oder weniger 
passive Art als etwas Fertiges aus der Hand anderer Leute empfangen 
worden ist, in den Vordergrund. Das Vorherrschen dieser oder jener 
Art hängt teilweise von einem rein zufälligen Zusammentreffen der 
Umstände, teilweise aber von dem mehr oder weniger hohen Niveau der 
psychischen Organisation des betreffenden Individuums ab. 

Jeder Mensch durchläuft in seiner Kindheit und Jugend eine Reihe 
von aufsteigenden Stufen der psychischen Entwicklung. Früher oder 
später — gewöhnlich erst im reiferen Alter, erreicht er die Stufe, die 
für ihn das Maximum bildet, und bleibt mit geringeren oder größeren 
Schwankungen auf ihr stehen, bis das Alter oder die Krankheit die all- 
gemeine Lebenstätigkeit des Organismus zu zerstören beginnt. Das ist 
die Regel in den Fällen, wo die Umgebung der allgemeinen Struktur 
der Persönlichkeit entspricht, indem sie der letzteren erlaubt, mit der 
möglichsten Intensität und Vollständigkeit die ihr innewohnenden Fähig- 
keiten und Anlagen zu entfalten. Im entgegengesetzten Fall wird der 
Entwicklungsgang, wie wir bald sehen werden, unterbrochen, was zu 
einem künstlichen Sinken des psychischen Niveaus führt. 

Als charakteristische Eigentümlichkeiten dieses oder jenes psychischen 
Niveaus erscheint, wie gesagt, eine größere oder geringere Summe der 
allgemeinen Aktivität, wie auch der Grad der Kompliziertheit, der 
Koordination und der Bewußtheit der einzelnen Außerungen. Mit anderen 
Worten ist der Unterschied zwischen den verschiedenen Niveaus ein rein 
quantitativer. Aber, wie es oft geschieht, bilden die quantitativen 
Unterschiede, indem sie sich miteinander kombinieren und in Wechsel- 
wirkung mit den Einwirkungen der Umgebung treten, doch endlich eine 
Reihe von qualitativ verschiedenen Komplexen, die diese oder jene Ent- 
wicklungsstufe charakterisieren. Dank diesem Umstand wird. es möglich, 
eine Reihe von konkreten Merkmalen aufzustellen, die die verschiedenen 
Niveaus charakterisieren und in ihrer Gesamtheit das Bild eines jeden 
von ihnen geben. Freilich dürfen wir hier nicht von irgend einer 
schärferen Abgrenzung der einzelnen Stufen reden, da die Eigentümlich- 
keit jeder Evolution gerade in ihrem ununterbrochenen und allmählichen 
Fortschreiten besteht. Nichtsdestoweniger, wenn wir Stufen nehmen, 





— 4l — 


die voneinander genügend entfernt sind, so tritt der Unterschied zwischen 
ihnen schon so scharf hervor, daß es uns durchaus möglich wird, eine 
gewisse, wenn auch schematische Einteilung durchzusetzen. Es scheint 
"uns zweckmäßig in der Form eines vorläufigen Versuchs der Gruppierung 
die Einteilung in drei Niveaus oder Klassen, die höhere, mittlere 
and niedere aufzustellen. Versuchen wir eine kurzgefaßte Charakteristik 
dieser Klassen zu geben, indem wir uns auf die Hauptkriterien der Ein- 
teilung, auf die oben hingewiesen worden ist, gründen. 

In der ersten Klasse machen gewöhnlich eine schwache Aktivität 
und eine ungenügende Koordination der psychischen Elemente die zu ihr 
gehörigen Individuen zu jeder irgendwie planmäßigen und systematischen 
sowohl geistigen als auch physischen Arbeit unfähig: jede Arbeit setzt 
eine, mehr oder weniger andauernde und dabei intensive Konzentration 
der psychischen Prozesse in einer bestimmten Richtung mit dem Vor- 
satze, ein bestimmtes Ziel zu erreichen, voraus; dort aber, wo die 
Außerungen zu schwach, oder zu wenig koordiniert sind, kann die Ar- 
beitsleistung keine irgendwie bedeutende Höhe erreichen. Zu gleicher 
Zeit erlauben ihnen die geringe Differentiation der Äußerungen, verbunden 
mit einem ungenügenden Grad der Bewußtheit und mit der Unfähigkeit, 
sich in dem komplizierten Milieu zu orientieren, nicht, sich den Bedin- 
gungen des sie umgebenden Lebens genügend anzupassen. Für die Ge- 
sellschaft sind diese Menschen oft von keinem Nutzen, zuweilen sogar 
schädlich, obgleich sie nicht imstande sind, einen besonders großen Schaden 
anzurichten. Die allgemeine Armut und das -Primitive ihrer neuro-psy- 
chischen Organisation beeinflussen auch ihren geistigen und sittlichen 
Horizont, der gewöhnlich eng und beschränkt ist. Mehr oder weniger 
bestimmte Ansichten und Prinzipien besitzen sie entweder gar nicht 
oder sind diese dermaßen unvoliständig, fragmentarisch und systemlos, daß 
sie ihren Handel und Wandel garnicht regulieren und bestimmen können. 
Die Einheit der Persönlichkeit fehlt entweder ganz, oder ist auf eine 
einfache Einförmigkeit der Handlungen reduziert, die wiederum von der 
Einfachheit und Dürftigkeit der gegebenen psychischen Organisation 
erzeugt wird. 

Im Gegenteil erscheinen die Repräsentanten der zweiten Klasse 
als den Forderungen des sie umgebenden Lebens besser angepaßt. Sie sind 
zur Arbeit fähig, wenigstens so weit, daß sie sich den Unterhalt selbst- 
ständig erwerben und in der Gesellschaft eine gewisse (nützliche oder 
schädliche) Rolle spielen können. Sie besitzen bestimmte Meinungen und 
Ansichten, von denen sie sich in ihrer Tätigkeit leiten lassen. Doch 
sind diese Ansichten nicht selbständig ausgearbeitet worden, sondern sie 
kommen von außen auf dem Wege der Erziehung oder Nachahmung und 


— 12 — 


bilden bloß den Widerhall der Meinungen, die im gegebenen Moment 
diese oder jene Gesellschaftsschicht beherrschen. Öfters stimmen diese 
Ansichten mit den Grundzügen der gegebenen Persönlichkeit nicht über- 
ein, und sind von ihr rein mechanisch, ohne genügende apperzeptive 
Verarbeitung angenommen worden. Dasselbe gilt von der Koordination 
der psychischen Elemente und von der Einheit der Persönlichkeit. Diese 
letzte wird wohl oft erzielt, erscheint aber meistens ajs etwas Äußeres, 
Künstliches: der Mensch wählt sich irgend ein Fach, eine Beschäftigung, 
notgedrungen, weil die Umstände sich so und nicht anders gestalten, 
obgleich diese Tätigkeit in vielen Beziehungen der ganzen Struktur 
seiner Persönlichkeit widerspricht. Die Neigungen und Bestrebungen, 
welche dem gewählten Beruf, seinen Familienverhältnissen und seiner 
sozialen Stellung nicht entsprechen, werden, wenn sie noch so intensiv 
sind, entweder mit Gewalt niedergedrückt, oder in freien Augenblicken, 
auf einem Nebenwege, ohne Zusammenhang mit seiner ganzen Tätigkeit 
befriedigt (ein Beamter, der zu Hause dichtet, ein Geistlicher, der ver- 
stohlen das Theater besucht u. s. f.). Die harmonische Einheit der Per- 
sönlichkeit fehlt also auch hier, und ihre verschiedenen Elemente haben 
nicht die Möglichkeit, in ihrer ganzen Fülle und Intensität sich zu 
äußern, wie es bei ihrer gegenseitigen Koordination und Unterstützung 
der Fall sein würde. 

Der dritten Klasse können Persönlichkeiten zugezählt werden, die 
sich in irgend einer Beziehung über das Mittelmäßige erheben. Ihre 
höchsten Vertreter besitzen das, was man Talent und Genie nennt. Die 
Totalsumme der psychischen Tätigkeit (auf welchem Gebiet des Seelen- 
lebens sie sich auch äußern möge) ist hier immer sehr groß; daher der 
Reichtum und die Mannigfaltigkeit sowohl der äußeren als der inneren 
Äußerungen, wie auch ihre Lebhaftigkeit und Intensität. Im Zusammen- 
hang mit diesem beständigen Streben, auf diese oder jene Weise die 
innewohnenden Seelenkräfte zu betätigen, befindet sich eine andere Eigen- 
tümlichkeit der psychisch-begabten Menschen, nämlich — eine bedeutende 
Entwicklung der schöpferischen Tätigkeit: sie tragen stets, oft sogar ohne 
ihren eigenen Willen, etwas Neues, Originelles, etwas, was das Gepräge ihrer 
eigenen Persönlichkeit an sich trägt, in das sie umgebende Leben hinein. 
Dabei muß aber derselbe Vorbehalt, der oben wegen des Begriffs der Aktivität 
gemacht worden ist, wiederholt werden: der Prozeß des Schaffens 
muß nicht inderengeren Bedeutung des Wortes verstanden 
werden, indem man ihn auf die Tätigkeit der Phantasie und 
der schöpferischen Einbildungskraft reduziert. Bei vielen, 
sogar sehr hervorragenden Repräsentanten der dritten Klasse ist die Ein- 
bildungskraft im engeren Sinne des Wortes öfters viel weniger entwickelt 








— 13 — 


als z. B. die Willensenergie, die verallgemeinernde Tätigkeit des Denkens, 
der Ehrgeiz, die Sympathiegefühle u. s. w. Doch äußern sie, indem sie 
durchaus danach streben, die Grundseiten ihres Charakters zu betätigen, 
dieselben sogar bei sehr ungünstigen, ungewohnten und ihnen völlig 
fremden Umständen; sie reißen das sich ihnen Entgegenstellende nieder, 
schaffen es neu, indem sie es den eigenen Bedürfnissen und Bestrebungen 
anpassen, und bringen auf diese Weise nicht selten ohne ihren eigenen 
Willen vollkommen neue Kombinationen, neue Arten von Außerungen 
hervor, indem sie einen Weg bahnen, auf dem andere ihnen nachfolgen 
werden. Das bestimmt auch ihr Verhältnis zur Umgebung. Während 
die erste Klasse an das Leben nicht adaptierte Individuen liefert, in der 
zweiten Kategorie aber die Persönlichkeit sich mit mehr oder weniger 
Erfolg an die Umgebung anpaßt, streben die Vertreter der dritten Klasse 
im Gegenteil danach, sich diese Umgebung anzupassen, sie ihren Nei- 
gungen und Bestrebungen dienstbar zu machen, Das gelingt ihnen in 
den meisten Fällen auch, obgleich sie es oft mit ihrem materiellen Wohl- 
stand, ihrer Gesundheit und zuweilen mit ihrem Leben büßen. Eine 
ähnliche Selbständigkeit legen sie auch in ihrer Weltanschauung an den 
Tag, indem die letzte bei ihnen gewöhnlich aufs engste mit der ganzen 
Struktur ihrer Persönlichkeit verbunden ist. Was aber die Koordination 
der psychischen Elemente anbetrifft, so begegnen wir in der dritten 
Kategorie oder Klasse bereits keiner künstlichen, sondern einer natür- 
lichen Konzentration der Persönlichkeit um einen mehr oder weniger 
scharf ausgeprägten Kern. Da die Richtung der Tätigkeit hier nicht 
mehr ausschließlich von den äußeren Umständen determiniert, sondern 
von dem Menschen selbst in Übereinstimmung mit den Eigenschaften und 
Bestrebungen, die bei ihm am allerschärfsten zum Ausdruck kommen, 
gewählt wird, so äußern sich eben diese Eigenschaften und Bestrebungen 
mit großem Nachdruck, indem sie das natürliche Zentrum bilden, um 
das sich alles andere gruppiert. 

Das sind die wesentlichsten Züge, welche die verschiedenen psychi- 
schen Niveaus charakterisieren. Man könnte wohl jedes der hier ge- 
nannten Merkmale näher beschreiben, es durch konkrete Beispiele aus 
Literatur und Leben veranschaulichen. Wir ziehen es jedoch vor, davon 
abzustehen, da die weitere Erörterung der Frage sich nicht auf Deduk- 
tionen, die durch mehr oder weniger glücklich gewählte Beispiele illustriert 
werden, zu gründen hat, sondern vielmehr auf eine systematische Aus- 
beutung des faktischen Materials, welches aus einer bedeutenden Zahl 
von genügend ausführlichen Charakteristiken besteht. 

Was die Einteilung nach dem psychischen Inhalt anbetrifft, so bildet 
hier das Vorherrschen einer Gruppe von irgendwie untereinander ver- 


—. 144 — 


bundenen Neigungen das Hauptkriterium. Die meisten französischen 
Klassifikatoren stellen hier drei Hauptseiten des Seelenlebens in den 
Vordergrund: den Verstand, das Gefühl und den Willen. Das Vorherrschen 
der einen von ihnen bestimmt die Klasse, zu der die gegebene Persön- 
lichkeit gehört. Die weiteren Unterabteilungen werden durch die Tat- 
sache bestimmt, daß z. B. das Denken ein konkretes und abstraktes, ein 
intuitives oder diskursives sein kann, das Gefühl ein schwaches oder 
starkes, die dominierende Stimmung entweder fröhlich oder traurig, der 
Wille impulsiv oder mit Überlegung verbunden ist. Außerdem spielt . 
hier eine gewisse Rolle der Umstand, daß jeder Mensch neben der Haupt- 
gruppe von Neigungen oder dem Kern seiner Persönlichkeit noch eine 
ganze Reihe von sekundären oder ergänzenden Neigungen besitzt; die 
Gesamtheit dieser letzten bildet, indem sie sich auf diese oder jene Art 
mit der Hauptgruppe verbindet, Abarten des gegebenen Typus. So z. B. 
ist das künstlerische Schaffen in der Form der schriftstellerischen oder 
dichterischen Begabung der Kern der gegebenen Persönlichkeit; aber 
dank ihrer sekundären, ergänzenden Züge richtet sich das Interessse des 
Künstlers vorzüglich auf die Beschreibung oder Analyse der persönlichen, 
subjektiven Erlebnisse oder auf die sozialen Verhältnisse und Kämpfe, 
oder auf die Natur und ihre Schönheiten u. s. w. 

Alle diese Einteilungsprinzipien scheinen uns ihrem Wesen nach 
vollkommen richtig. Und wenn trotzdem die auf ihnen gegründeten 
Klassifikationen sich in den meisten Fällen durch einen übertriebenen 
Schematismus und durch Armut an Gehalt auszeichnen, so liegt, wie 
gesagt, der Grund hiervon darin, daß die Aufmerksamkeit der Klassi- 
fikatoren sich bloß auf eine Seite der Persönlichkeit, nämlich auf die 
Eigentümlichkeiten der neuro-psychischen Organisation konzentriert. 
Sobald wir anerkennen, daß die Klassifikation der Persönlichkeiten nicht 
bloß psychologisch, sondern psycho-sozial sein soll, müssen neben den 
oben angeführten Kriterien auch andere auftreten: nämlich das Verhält- 
nis des Menschen zu Sachen, zu einzelnen Menschen, zu allerlei sozialen 
Faktoren, zu geistigen Gütern, mit einem Wort zu all den Kategorien, 
welche Franck und ich in unserem Programm (s. Anhang) darzustellen 
versucht haben. Jede von diesen typischen Formen der sozialen Außerungen 
erfordert zu ihrer intensiveren Betätigung eine gewisse bestimmte Gruppe 
von psychischen Hauptneigungen (z. B. sind Umsicht im Handeln, Energie 
und Entschlossenheit dem Feldherrn unentbehrlich, wie die Liebe zu den 
Kindern und die Kunst, sie zu verstehen, dem Pädagogen u. s. f.) Es 
bilden sich auf diese Weise typische, oft sich wiederholende 
Kongruenz- und Durchkreuzungspunkte, in denen die re 
eigenschaften der psychischen Organisation (Hauptneigungen) und ihre 





— 145 — 


soziale Äußerungen zu einem ganzen, unlöslich zusammengefügten Kom- 
plex sich verbinden. Diese Komplexe sind es gerade, die 
genau untersucht und der Einteilung von menschlichen 
Persönlichkeiten zu Grunde gelegt werden müssen. Da in 
dieser Richtung die wissenschaftliche Psychologie bis jetzt noch so gut 
= wie gar nichts geleistet hat, so beschränken wir uns bloß auf das Oben- 
gesagte, indem wir die weitere Untersuchung dieser Frage der Zukunft 
überlassen. | 

In den Fällen, wo zwischen den subjektiven und objektiven (resp. 
endo- und exopsychischen) Elementen der Persönlichkeit eine mehr oder 
weniger vollständige Übereinstimmung herrscht, erhält man Typen, die 
_ man als rein bezeichnen kann. Bei solchen Menschen treten die typi- 
schen Eigenschaften sehr bestimmt und intensiv hervor, indem sie von 
keinen anderen sekundären Zügen des Charakters in den Schatten gestellt 
= werden. Zur Entstehung eines reinen Typus ist erforderlich, daß die 
Erziehung, der Einfluß der Umgebung, der Beruf, die Lebensweise und 
die Arbeitsbedingungen mit den wichtigsten Hauptneigungen der gegebenen 
- Persönlichkeit, insofern sie als angeboren oder in der frühesten Jugend 
erworben erscheinen, harmonieren. Diese Übereinstimmung wird lange 
nicht immer beobachtet, und deshalb beobachten wir neben den typischen 
Vertretern dieser oder jener Gruppe auch eine bedeutende Zahl von 
gemischten Typen. 

Das allgemeine Schema der Entstehung von gemischten Typen ist 
ein folgendes. Ein erwachsener Mensch, oder ein halberwachsener, aber 
dessen Charakter mehr oder weniger ausgebildet ist, gerät in Umstände, 
die der allgemeinen Struktur seines Seelenlebens nicht im geringsten 
entsprechen. Z.B. wird ein zum abstrakten Denken neigender Mensch 
genötigt, um sich oder noch öfter seiner Familie den Unterhalt zu er- 
werben, vom Morgen bis zum Abend von einer Unterrichtsstunde zur 
anderen zu laufen, Bestellungen, die ihn gar nicht interessieren, in aller 
Eile, rein handwerksmäßig auszuführen, allerlei praktische Unternehmungen 
zu wagen u. s. w. Oder ein zum affektiv-beschaulichen Typus gehörender 
Mann wird durch eine Schicksalsfügung zum Administrator oder stellt 
sich an die Spitze einer großen industriellen Unternehmung. Oder um- 
gekehrt widmet sich eine vollkommen praktisch angelegte Natur (ein 
_energischer, kombinierender Praktiker) infolge einer Familientradition 
oder auf Wunsch seiner älteren Angehörigen dem geistlichen Berufe oder 
betritt die künstlerische Laufbahn. In allen diesen Fällen wird die 
Persönlichkeit unter dem Einfluß der Umstände, die ihrer Struktur nicht 
entsprechen, gleichsam gespaltet und zersplittert. Es bilden sich in ihr 
zwei Zentren, die psychologisch sehr wenig mit einander zu tun haben 


Pädagog. Monographien, herausgegeben von Meumann. Bd. XIV. 
(Lasurski, Ueber das Studium der Individualität). 10 


— 16 — 


und miteinander kaum verbunden sind (darin besteht der Unterschied 
zwischen den gemischten Typen und den Übergangstypen, in denen 
die Grundeigenschaften stets den Ubergang zwischen zwei verwandten 
und miteinander verbundenen Gruppen von Neigungen bilden: die affektiv- 
beschaulichen, die überlegend-aktiven u. s. w.; solche Übergangstypen 
sind von unserem Standpunkte aus als rein und nicht gemischt anzusehen). 
Dabei wird aber das Niveau, auf dem die Persönlichkeit steht, unver- 
meidlich ein niedrigeres. Sein natürlicher Kern kann infolge der un- 
günstigen Umstände sich nicht entwickeln; das zweite Zentrum, welches 
sich dank dem Wuchs einer für den gegebenen Menschen sekundären 
Gruppe von Neigungen gebildet hat, kann auch, infolge seiner künstlichen 
Entstehung, keine irgendwie bedeutende Entwicklungsstufe erreichen. 
Von einer harmonischen Vereinheitlichung der Persönlichkeit kann hier 
natürlich keine Rede sein. Im Resultat können die Vertreter der ge- 
mischten Typen nur selten eine höhere Stufe der psychischen Entwick- 
lung erreichen. 

Wenn die Klassifikation, die auf dem Prinzip der Vereinheitlichung 
der subjektiven und objektiven Elemente der menschlichen Persönlich- 
keiten aufgebaut ist, einmal ausführlich ausgearbeitet werden wird, so 
kann sie nicht nur für die Charakterologie im engeren Sinne des Wortes 
von Interesse sein, sondern auch für einige an die Psychologie grenzende 
Gebiete des Wissens, wie z.B. für die Ethik, Pädagogik u. a. 

So gibt uns denn die Einteilung in Klassen (resp. Niveaus) mit ihren 
Hauptkriterien (Zunahme der Aktivität, der Kompliziertheit, der Koor- 
dination und der Bewußtheit) ein natürliches Schema für die Entwicklung 
jeder Individualität, wie verschieden der Inhalt der letzteren auch sein mag; 
dabei wird auch auf die wichtigsten konkreten Merkmale oder Äußerungen, 
die diese Entwicklung charakterisieren, hingewiesen: die Fähigkeit zu 
einer systematischen, anhaltenden Arbeit, der Grad und die Art der 
Adaptation an die Umgebung, die Möglichkeit, sich irgend welche bestimmte 
Ansichten und Meinungen anzueignen oder eine eigene Weltanschauung 
auszuarbeiten, die Fähigkeit, neue Erscheinungen auf dem Gebiete der 
Kunst, der Wissenschaft, des sozialen Lebens zu schaffen u. s. w. Was 
aber die Bedingungen anbetrifft, welche die Entwicklung der Persönlich- 
keit begünstigen, so ist erstens erforderlich, daß die Umgebung und der 
erwählte Beruf den Hauptneigungen des Menschen nicht scharf wider- 
sprechen ; sonst bildet sich ein gemischter Typus, diese aber können nur 
selten eine bedeutendere Entwicklungsstufe erreichen. Zweitens muß die 
Tätigkeit des Menschen eine konzentrierte sein. Das bedeutet durchaus 
nicht, daß er zu einem pedantischen Spezialisten werden soll: im Gegen- 
teil ist für Personen der dritten Kategorie gerade der Reichtum der 








— 147 — 


Persönlichkeit, eine bedeutende Entwicklung auch der sekundären Gruppen 
neben der Hauptgruppe von Neigungen charakteristisch. Die Tätigkeit 
dieser ergänzenden Gruppen muß bloß von derjenigen der Hauptgruppe 
nicht abgesondert sein, sondern sich vielmehr eng mit dieser zu einem 
wenn auch sehr komplizierten Ganzen verbinden. So kann z.B. ein 
hervorragender Staatsmann, der zu dem Typus der energischen Naturen 
gehört, mit allem Ernst und ohne jede vorgefaßte Meinung sich für 
philosophische und religiöse Fragen interessieren, und doch wird er zu- 
gleich unwillkürlich in ihnen tiefe, prinzipielle Grundlagen für seine 
politische Tätigkeit finden; mit schöpferischer Einbildungskraft, mit der 
Fähigkeit, lebendige, anschauliche Bilder miteinander zu verbinden, be- 
gabt, wird er diese Fähigkeit benutzen, um seinen in Öffentlichen Ver- 
sammlungen gehaltenen Reden Überzeugungskraft zu verleihen u. s. w. 

Für den Pädagogen kann der Umstand, daß einige Typen infolge 
von den Eigentümlichkeiten ihres Inhalts die dritte oder höchste Klasse 
nie erreichen können, ‘von großer Bedeutung sein. Das sind z. B. passive 
oder apathische Naturen, bei denen dank ihrer allgemeinen Schlaffheit, 
Trägheit und schwachen psychischen Aktivität keine Eigenschaft sich 
irgendwie merklich von den übrigen abhebt, und zugleich die Totalsumme 
der psychischen Äußerungen sich durch äußerste Armut und Eintönigkeit 
auszeichnet; das sind ferner sinnliche Egoisten: das Zentrum ihrer Per- 
sönlichkeit bildet die Sorge für die Erhaltung und Pflege des eigenen 
Ichs, wobei in erster Linie dessen niedere, organische Instinkte befriedigt 
werden; oder es sind scharf affektive Naturen ohne Gleichgewicht, bei 
denen die physiologische Seite der affektiven Zustände so stark aus- 
geprägt ist, daß sie die Entwicklung und Befestigung von irgendwie 
bestimmten und stabilen Interessen und Bestrebungen höherer Art ver- 
hindert. Daraus ergibt sich der unvermeidliche Schluß: wenn das Kind 
einem von diesen Typen angehört, so muß, so lange es noch nicht zu spät 
ist, versucht werden, es in eine andere Gruppe zu bringen, indem man 
einige sekundäre Charakterzüge, die augenblicklich eine untergeordnete 
Rolle spielen, entwickelt und verstärkt. Dabei muß man dessen ein- 
gedenk bleiben, daß es unmöglich ist, eine gründliche, völlige Veränderung 
der Persönlichkeit hervorzurufen. In den meisten Fällen dürfen wir bloß 
erwarten, daß wir die Persönlichkeit in eine der angrenzenden, verwandten 
Gruppen überführen. Z. B. dürfen wir hoffen, einen Knaben, der zum 
affektiven Typus gehört, in einen affektiv-tätigen zu verwandeln, aber 
es ist beinah ganz unmöglich, aus ihm einen ruhig-überlegenden, abstrakten 
Denker zu machen; ein sinnlicher Egoist (wenn überhaupt die sinnlich- 
egoistischen Neigungen bei ihm wirklich am intensivsten ausgebildet sind 
und keine schlummernden altruistischen Tendenzen in sich bergen) kann 

LOR 


— 148 — 


zu einem Utilitaristen werden, der seine organischen Triebe niederkämpft 
und seine Pflichten der Gesellschaft gegenüber gewissenhaft erfüllt, aber 
nur weil es schließlich für ihn selbst vorteilhaft ist. 

Doch brauchen wir kaum noch mehr Beispiele anzuführen, da wohl 
niemand bestreiten wird, daß eine genaue Kenntnis der psychischen 
Typen und ihrer Verhältnisse zueinander für die praktische Pädagogik 
von großer Bedeutung sein muß. 








Anhang. 


Programm der Fragepunkte zur Untersuchung der Persönlichkeit 
in ihrem Verhältnis zur Umgebung. 


Zusammengestellt von S. Franck und A. Lasurski. 


Vorbemerkung. 


Die Untersuchung der mannigfaltigen Äußerungen, die uns in ihrer 
Gesamtheit das Bild dieser oder jener Persönlichkeit geben, kann in zwei 
Richtungen geschehen. Erstens kann die Analyse jeder Außerung den 
Zweck haben, deren psychologische und psycho-physiologische Elemente 
festzustellen und das innere Wechselverhältnis dieser Elemente bei dem 
gegebenen komplizierten Prozesse bloßzulegen. So z. B. urteilen wir, 
indem wir einen frechen und unbedachten Ausfall eines Menschen seinem 
ganzen Charakterbild gegenüberstellen, daß der Grund der gegebenen 
Äußerung in der übermäßig erhöhten affektiven Erregbarkeit des gege- 
benen Menschen, wie in den schwach entwickelten Hemmungsprozessen 
liege, infolge dessen die plötzlich entstehenden Triebe sich vor dem Er- 
scheinen der entgegengesetzten Motive im Bewußtsein, schon verwirk- 
lichen. Man kann eine ganze Reihe von einfachen und komplizierten 
Außerungen anführen, die von einer größeren oder geringeren Entwicklung 
dieser oder jener psycho -physiologischen Elemente bei der gegebenen 
Persönlichkeit, wie auch von der Art ihrer Wechselvereinigung zeugen '). 
Derartige Äußerungen werden wir im Folgenden endopsychische 
Außerungen nennen, da sie die innere Struktur des Charakters des ge- 
gebenen Menschen ausdrücken und von einer bestimmten psycho-physio- 
logischen Grundlage, die den Kern jeder Persönlichkeit bildet, Zeugnis 
ablegen. 

Im Gegensatz hierzu, existieren und spielen in dem Gesamtbilde 





1) Siehe z. B. das im III. Kapitel angeführte Programm, 


— 10 — 


der Persönlichkeit keine geringere Rolle auch Äußerungen anderer Art, 
die man zum Unterschiede von den ersten exopsychisch nennen kann. 
Ihr Inhalt wird von dem Verhältnis der Persönlichkeit zu äußeren Ob- 
Jekten, zur Umgebung bestimmt; wobei der Begriff der „Umgebung“ 
und der „Objekte“ im weitesten Sinne des Wortes zu verstehen ist, 
indem er die ganze Sphäre dessen, was der Persönlichkeit gegenüber 
steht und wozu sie sich auf diese oder jene Art verhalten kann, umfaßt: 
hierher gehört die Natur, materielle Objekte, andere Menschen, soziale 
Gruppen, geistige Güter, die Wissenschaft und Kunst, die Religion und 
sogar das seelische Leben des Menschen selbst, insofern das letzte Objekt 
eines gewissen Verhältnisses seitens der Persönlichkeit sein kann. 
Offenbar wird die Individualität des Menschen nicht nur von der Eigenart 
seiner inneren psychischen Funktionen, z. B. von den Eigentümlichkeiten 
seines Gedächtnisses, seiner Phantasie, Aufmerksamkeit u. s. w. bestimmt, 
sondern in keinem geringeren Grade von seinem Verhältnis zu den ihn 
umgebenden Erscheinungen, von dem, was er liebt und haßt, wofür er- 
sich interessiert, oder was ihn kalt läßt, d.h. gemäß unserer Terminologie, 
von seinen exopsychischen Äußerungen. Beide Gesichtspunkte 
erzeugen zwei verschiedene Formen der Klassifikation von Individua- 
litäten. Ein inbezug auf seine endopsychischen Eigenschaften ganz 
gleicher Charakter kann Menschen von sehr verschiedenen exopsychischen 
Individualitäten gehören. So kann z.B. ein kluger, ehrgeiziger und 
energischer Mensch ein stark entwickeltes gesellschaftliches Bewußtsein 
besitzen, oder in gesellschaftlicher Hinsicht vollkommen indifferent sein; 
in seinem Verhältnis zu seiner materiellen Sicherstellung kann er sparsam, 
praktisch und weitsichtig sein, oder umgekehrt freigebig und verschwen- 
derisch u.s.w. Freilich werden in manchen Fällen die exopsychischen 
Äußerungen auch von den endopsychischen beeinflußt, indem die Interessen 
und Sympathien des Menschen von denselben vorzüglich nach dieser 
oder jener Seite gelenkt werden. Doch geschieht es bei weitem nicht 
immer, und jedenfalls kann die Beschreibung der bloß psycho -physio- 
logischen Typen und Abarten uns nie eine sogar annähernd richtige 
Vorstellung von den unendlich mannigfachen Formen des Verhältnisses 
zu Objekten, in die sich diese Typen kleiden, geben. Die Aufgabe des 
vorliegenden Programms besteht eben darin, eine systematische Ubersicht 
der wichtigsten Äußerungen des menschlichen psychischen Lebens in 
seinem Verhältnis zur Umgebung zu geben, oder mit anderen Worten, 
den Plan einer Untersuchung der exopsychischen Außerungen der Persön- 
lichkeit zu entwerfen. ; 
Es ist klar, daß eine derartige Behandlung der Frage auch die 
allgemeine Anordnung des Materials, welches von unserem Programm 





— 11 — 


umfaßt wird, wesentlich beeinflussen muß. Bei Feststellung der ein- 
zelnen Rubriken und ihrer Aufeinanderfolge muß man sich nicht mehr 
von den Elementen und Unterabteilungen, die uns von der Psychologie 
gegeben werden, leiten lassen, sondern vielmehr von den Hauptkategorien 
der äußeren Wirklichkeit und den Sphären der menschlichen Interessen. 
Doch muß hier ein sehr wesentlicher Vorbehalt gemacht werden. 
Wenn wir behaupten, daß man bei der Untersuchung der exopsychischen 
Äußerungen der Persönlichkeit sich von den Hauptkategorien der äußeren 
Wirklichkeit leiten lassen müsse, so soll damit gar nicht gesagt werden, 
daß die äußere Wirklichkeit mit ihren mannigfaltigen Objekten und 
Formen uns an und für sich, ohne Bezug auf das innere psychische 
Leben des Menschen interessiere. Ein solcher Schluß wäre vollkommen 
falsch, was auch der von uns gewählte Terminus „exopsychische 
Äußerungen“ zeigt. Eine wesentliche Bedeutung haben für uns nicht 
die Formen der Objekte selbst, sondern die Formen der typischen Reak- 
tionen, die sie in der Persönlichkeit hervorrufen, d.h. das Verhältnis, 
welches sich gewöhnlich bei Menschen von einer gewissen psychischen 
Organisation zu dieser’ oder jener Kategorie von äußeren Erscheinungen 
bildet. Der Zustand des Menschen als eines Familienmitgliedes, Eigen- 
tumsbesitzers, Administrators, Gelehrten u.s. w. interessiert uns hier 
nur insofern als in ihm die charakteristischen Neigungen, Sympathien 
und Antipathien der Persönlichkeit ihren Ausdruck finden. Alle rein 
äußeren Eigentümlichkeiten und Unterschiede, wie typisch sie auch in 
irgend einer anderen Hinsicht sein könnten und was für eine wichtige 
Bedeutung sie im praktischen Leben auch haben mögen, sind für uns 
unwesentlich, sobald die innere Struktur der Persönlichkeit von ihnen. 
unberührt bleibt. Von diesem Standpunkt aus, erscheint es z. B. voll- 
kommen gleichgültig, ob ein Mensch sich mit dem Schusterhandwerke 
oder dem Verfertigen von Spielsachen beschäftige, ob er im Postamt 
oder am Unterrichtsministerium angestellt sei, ob er ein Fachgelehrter 
sei, oder keine offizielle Stellung in der Gelehrtenwelt bekleide: nicht 
die äußere Stellung charakterisiert den Menschen, sondern sein Ver- 
hältnis zu seiner äußeren Lage. Dieses Prinzip deutlich und folgerichtig 
durch unser ganzes Programm durchzuführen, war unser Bestreben. 
Der Grundbegriff unseres Programms ist, wie wir es oben mehrmals 
erwähnt haben, dieses oder jenes Verhältnis der Persönlichkeit zu 
allerlei äußern Anreizern. Dieses Verhältnis kann ein positives, nega- 
tives oder ein gleichgültiges sein: der Mensch kann sich für eine ge- 
wisse Kategorie von Erscheinungen und Gütern „interessieren“, eine 
„Neigung“ zu ihnen empfinden, ein „Bedürfnis“ nach ihnen haben, — 
oder sie „hassen“, „vermeiden“, eine Antipathie ihnen gegenüber fühlen, 


— 12 — 


oder endlich gleichgültig gegen sie sein, an ihnen vorübergehen, ohne 
daß sie irgend eine spezifische Reaktion seinerseits hervorzurufen im- 
stande sind. Es ist nur notwendig eingedenk zu bleiben, daß wir hier, 
wie auch im Vorstehenden, stets nicht die zufälligen, oberflächlichen, 
rein äußeren Verhältnisse im Auge haben, sondern umgekehrt solche 
Reaktionen, welche die Folgen der ganzen Struktur der gegebenen Per- 
sönlichkeit sind, indem sie für dieselbe als charakteristisch und typisch 
erscheinen. Nur diejenigen Interessen und Neigungen, welche als stabil, 
Menschen von einer gewissen seelischen Struktur geläufig und in ihnen 
fest eingewurzelt betrachtet werden, sind uns hierin wichtig; dagegen 
haben wir uns bemüht alles Zufällige, Temporäre, Instabile außer Acht 
zu lassen. Es will gar nicht sagen, daß alle derartigen Außerungen 
dem Menschen angeboren sein oder von ihm selbst ganz selbständig aus- 
gebildet werden müßten; im Gegenteil, sie können von ihm der Umgebung 
entlehnt, auf dem Wege der Erziehung und Nachahmung angenommen 
werden u.s. w. Aber alles, was auf diese Weise erworben wird (Welt- 
anschauung, sittliche Gewohnheiten, Verhältnis zu den Menschen, zum 
Eigentum u. s. w.) bekommt eine charakteristische Bedeutung mit in dem 
Falle, wenn es dem gegebenen Menschen nicht fremd bleibt, sondern im 
Gegenteil mit den Grundzügen seiner Persönlichkeit verschmilzt und in 
der wahren Bedeutung des Wortes zu einem Teil seines eigenen 
„Ichs“ wird. 

In dem Verhältnis jedes Menschen zu einer beliebigen Kategorie 
können folgende Seiten unterschieden werden: 1 — Vorhandensein oder 
Mangel eines bestimmten Verhältnisses. (resp. eines Interesses, einer 
.Neigung) zur gegebenen Kategorie von Erscheinungen und dessen Inten- 
sitätsgrad; 2 — die spezifischen Formen, die qualitativen Eigentümlich- 
keiten des Interesses; 3 — Niveau der Entwicklung und Differenzierung 
des Interesses; 4 — dessen Weite und Umfang. Die Erfahrung hat 
gelehrt, daß in jede von den Hauptrubriken unseres Programms, die den 
verschiedenen Sphären der Interessen entsprechen, die vier eben er- 
wähnten Unterabteilungen aufgenommen werden müßten. 

1) Indem wir von dem Vorhandensein oder Mangel eines 
bestimmten Verhältnisses zu dieser oder jener Kategorie von äußeren 
Erscheinungen sprechen, haben wir beständig die Möglichkeit nicht nur 
eines positiven Verhältnisses (Interesse, Neigung), sondern auch 
eines negativen (Abscheu, Haß, Abstoßen) im Auge. Außerdem 
mußte neben dem direkten, unmittelbaren Interesse an gewissen Er- 
scheinungen zuweilen auch die Möglichkeit eines utilitarischen Ver- 
hältnisses zu denselben notiert werden; das utilitarische Verhältnis, die 
Wertschätzung irgend einer Sphäre bloß vom Standpunkte ihrer Nütz- 


— 13 — 





lichkeit inbezug auf etwas anderes aus, ist eigentlich ein Mangel des 
entsprechenden spezifischen Interesses an dieser Sphäre; nichtsdesto- 
weniger —' können hier vom charakterologischen Standpunkte aus ver- 
schiedene Schattierungen stattfinden, infolge dessen das utilitarische 
= Verhältnis gleichsam eine Übergangsstellung zwischen dem Vorhan- 

densein eines spezifischen Interesses und dessen völligem Mangel ein- 
nehmen kann. Gleichzeitig mit den Merkmalen des Vorhandenseins und 
des Mangels irgend eines Interesses wird in der Regel auch die Möglich- 
keit verschiedener Intensitätsgrade dieses Interesses erwähnt, 
wenn nur diese Grade sich durch genügend deutliche und scharf hervor- 
tretende Äußerungen dokumentieren. 

2) Besonders viel Platz mußte in allen Rubriken den Formen 
jedes gegebenen Verhältnisses eingeräumt werden. Diese Formen 
können erstens von der Mannigfaltigkeit der zu der gegebenen Kate- 
gorie gehörenden Objekte selbst bestimmt werden (z. B. kann ein 
Mensch, der ein Bedürfnis nach der Natur empfindet, vorzüglich die 
Steppe, das Meer, oder Wälder und Berge, oder gemütliche Plätze 
im Garten u. a. m. gern haben); dabei ist freilich das Aufnehmen 
dieses Unterschiedes in die Rubrik „Formen des Interesses“ bis zu 
einem gewissen Grade willkürlich, und vom formell-logischen Stand- 
punkte wäre es vielleicht richtiger, es als das Interesse zu einer be- 
= sonderen Sphäre oder Gruppe von Erscheinungen abzugrenzen; aber ein 

derartiges Verfahren würde erstens das Programm in eine unübersicht- 
= liche Menge von Unterabteilungen zerspalten und dasselbe in der Praxis 
= ganz unbrauchbar machen, zweitens würde es zugunsten der Details die 
_ allgemeine Hauptsphäre, zu der das gegebene Interesse gehört, außer 
= Acht lassen. Deshalb haben wir es für nötig erachtet, eine verhältnis- 
mäßig kleine Reihe von Hauptabteilungen zu geben, die Eigentümlich- 
keiten der Interessen, die durch die Mannigfaltigkeit der Objekte inner- 
halb jeder Hauptsphäre bestimmt werden, aber zu den „Formen“ des 
gegebenen Interesses zu zählen. Zweitens werden die Formen des 
= Interesses von der Mannigfaltigkeit des Verhältnisses zu den Objekten 
definiert; z.B. kann das Interesse an der Natur entweder in einem 
= passiven Genusse, oder im Streben, in ihr Leben tätig einzugreifen, sie 
zu verbessern und zu bearbeiten, an den Tag treten. Neben den Formen 
des Verhältnisses selbst muß auch auf die mannigfaltigen Arten der 
Erreichung dieses Verhältnisses gewiesen werden, wie auf ver- 
schiedene Formen der Befriedigung oder der Verwirklichung des 
gegebenen Interesses. So kann z.B. ein Mann, der nach Herrschaft 
strebt, sein Ziel mittels Drohung und Einschüchterung, oder auf dem 
Wege der moralischen Autorität, oder mittels List und Umwege u.s. w. 





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erreichen; das Herrschen selbst kann im Despotismus, in der Unter- 
drückung der Persönlichkeit der Untergebenen, oder umgekehrt in hohen 
Forderungen, die mit Achtung und Anerkennung der persönlichen Würde 
der Untergebenen gepaart sind, an den Tag treten. 

3) Eine wichtige Bedeutung kommt auch dem Niveau der Entwick- 
lung und der Differenzierung des Interesses zu. Hierher 
gehört in erster Linie die Differenzierung des Verhältnisses in der 
engen Bedeutung des Wortes; z. B. kann das religiöse Bedürfnis unklar, 
arm an Inhalt, oder zu einem ganzen Religionssysteme, das auf viele 
Fragen Antwort gibt, entwickelt sein; ebenso kann das Gefühl der Liebe 
variieren u. s. f. Im Zusammenhange mit der Differenzierung steht sehr 
oft dr Verfeinerungsgrad des Interesses, wobei zur Befrie- 
digung des letzteren ein besonderer, spezifischer Anreizer nötig ist: 
„ein Liebhaber“ hat gewöhnlich eine Vorliebe zu einzelnen, exceptionellen 
Arten von Objekten: ein Feinschmecker zu Delikatessen und feinen 
Weinen, der Liebhaber der geistigen Arbeit zu Feinheiten des logischen 
Denkens u. s. f. Endlich gehört hierher auch jene Evolution des Interesses 
oder des Verhältnisses, welche von der intellektuellen und allgemein 
kulturellen Entwicklung des Menschen bestimmt wird: Bewußt- 
heitsgrad (resp. Grad der Instinktmäßigkeit, der Unbewußtheit) 
des Verhältnisses, und der Grad der Kultur, die der Form des 
Interesses oder dessen Befriedigung eigen ist (z. B. in dem Verhältnis 
des Menschen zu seinen Gegnern, in den Formen des Kampfes, von der 
Balgerei und rohen Beleidigungen an bis zur ritterlichen Höflichkeit dem 
Gegner gegenüber oder bis zu feinem Spott u. s. w.). 

.4) Endlich wird die vierte und letzte Unterabteilung dem Umfange des 
Interesses oder der Weite des Gebiets, auf das er sich verbreitet, gewidmet. 
Hier kann vor allem die Quantität der Objekte, die die Aufmerksamkeit des 
gegebenen Menschen auf sich ziehen, unterschieden werden: der eine liebt 
es, z. B., viele Sachen zu haben (je mehr, desto besser), der andere begnügt 
sich umgekehrt mit Wenigem (zuweilen wird die Quantität der Objekte 
durch die Größe derselben ersetzt). Andererseits ist es oft wichtig, die 
Quantität der Seiten des Objekts, auf die sich in jedem gegebenen Fall 
das Verhältnis erstreckt, zu notieren. Jedes komplizierte Objekt, jede 
Erscheinung hat eine ganze Reihe von Seiten, und das Interesse des 
Menschen kann entweder sie alle umschließen, oder sich bloß auf einigen 
von ihnen konzentrieren. So kann z. B. der Mensch inbezug auf das 
Wissen und die Wissenschaft, entweder als ein sich eng begrenzender 
Fachmann, der sich gänzlich in das von ihm gewählte Gebiet versenkt, 
oder umgekehrt als Enziklopädist, der sich für die verschiedensten 
Wissenszweige interessiert, erscheinen. 


— 15 — 














Bei dem Zusammenstellen des Programms haben wir uns nicht bloß 
yon theoretischen Erwägungen und zufälligen Erinnerungen leiten lassen, 
sondern wir'haben auch das aus Beobachtungen der lebendigen Menschen, ` 
| literarischen Charakteristiken, Biographien u. s. w. bestehende Material 
benutzt. Außerdem haben wir aus der Literatur derjenigen Wissen- 
schaften, die sich auf die entsprechenden Lebensgebiete beziehen, ge- 
schöpft. 

3 Wie überhaupt alle Pläne, so leidet auch unser Programm an einem 
'  unvermeidlichen Schematismus. Es ist, wie es sich von selbst versteht, 
nicht möglich, die ganze Mannigfaltigkeit konkreter, lebendiger Typen 
zu erschöpfen. Wir werden gezwungen, bloß die scharfen, charakteri- 
 stischen Züge zu verzeichnen, auf die äußersten, entgegengesetzten Stufen 
“ zu weisen dort, wo eine ganze Reihe von allmählichen Übergängen und 
vermittelnden Typen vorhanden ist. Zu gleicher Zeit muß stets im 
| Auge behalten werden, daß wir überall bestrebt waren, bloß einzelne 
E charakteristische Ausserungen der Persönlichkeit anzuführen, keineswegs 
aber vollendete Typen in ihrer ganzen Vollständigkeit und Kompliziert- 
_ heit zu geben. Unsere Aufgabe war es keineswegs, eine wenn auch 
A schematische Charakteristik z. B. eines typischen Gelehrten, eines 
= Staatsmannes, einer Weltdame u. s. f. mit allen ihren Gewohnheiten und 
| Bedürfnissen, mit allen Eigentümlichkeiten ihrer Aufführung und Welt- 
 anschauung zu geben. Ähnliche Aufgaben müssen von der Klassifikation 
- der Charaktere aufgestellt werden und wir zweifeln nicht daran, daß in 
der Zukunft die wissenschaftliche Charakterologie sich damit wird be- 
E fassen müssen. Der Zweck unseres Programms aber ist, eine systema- 
= tische Übersicht der wichtigsten exopsychischen Elemente der 
_ Persönlichkeit zu geben und damit dem Charakterologen im Sammeln 

_ des Materials vorzuarbeiten. 

Der Zweck und der Charakter unseres Programms hat auch zur 
Folge, daß das mannigfaltige und vielfach verschlungene Netz des exo- 
psychischen Lebens der Persönlichkeit in einzelne Teile gerissen werden 
mußte, wobei auf den ersten Blick der falsche Schein entstehen mußte, 
= als ob die einzelnen, zu verschiedenen Sphären gehörenden Außerungen 
ganz selbständige, innerlich miteinander nicht verbundene Elemente 
Wären, obgleich faktisch innerhalb jeder Sphäre von Erscheinungen viele 
und mannigfaltige Interessen mitbeteiligt sind: so kann der „Geiz“ 
(welcher in das Gebiet des Verhältnisses zum Eigentum gehört) durch 
 „Herrschsucht‘“ (Verhältnis zu den Menschen), oder „Eitelkeit“ (Ver- 
hältnis zur eigenen Persönlichkeit) bedingt werden u. s. w. Doch ist die 
Analyse der komplizierten Natur jedes Interesses und die Untersuchung 
der Rolle, welche andere Interessen in ihr spielen, nur auf Grund der 


RG 


PTA E 


EN 
































vorangehenden schematischen Klassifikation der Interessen möglich, setztt 
außerdem noch eine ausgearbeitete psychologische Theorie der Interessena 
` voraus, die in das Programm nicht aufgenommen werden konnte, ohnes 
daß das letzte Gefahr liefe, verdunkelt zu werden und seine Objektivitätt 
zu verlieren. Wir sind weit davon entfernt, in unseren Rubriken und! 
Unterabteilungen die letzten, einfachsten Elemente des exopsychischenı 
Lebens zu sehen; sie sind für uns nur mehr oder weniger schematische» 
Rahmen, mit deren Hilfe man die Klassifikation beginnen könne; dies 
endgültige Klassifikation, die das Endresultat der wissenschaftlichenı 
Behandlung der Frage sein soll, kann offenbar nicht die Aufgabe unseress 
„Programms“ sein. 

Das Zusammenstellen eines derartigen Programms kann vor allenı 
Dingen ein rein theoretisches Interesse darbieten, weil auf diesem Weges 
die große Mannigfaltigkeit der komplizierten Äußerungen der Persön-- 
lichkeit in ein bestimmtes System gebracht und auf eine verhältnismäßig 
geringe Zahl leicht übersichtlicher Rubriken reduziert werden. Außerdemi 
hoffen wir, daß unser Programm sich als ein nützliches Hilfsmittel zui 
einer bewußteren und planmäßigeren Analyse von Biographien undi 
literarischen Typen und mit der Zeit auch zu Beobachtungen der leben-- 
digen Menschen erweisen wird. 

Es versteht sich von selbst, daß wir unsere Arbeit bloß als deni 
ersten und bei weitem nicht vollkommenen Versuch in dieser Richtung 
betrachten. Weitere Untersuchungen werden es zeigen, inwiefern dert 
von uns eingeschlagene Weg richtig sei und werden das zur Prüfungs 
und vielleicht zur Umarbeitung unseres Programms nötige Material! 
liefern. Wenn wir trotz der Erkenntnis des bloß einleitenden, vorläufigeni 
Charakters unseres Programms, dessen Veröffentlichung doch für möglichı 
und notwendig erachtet haben, so ist es nur geschehen, weil wir voni 
der Überzeugung geleitet wurden, daß zu dessen Vervollkommnung eines 
möglichst vielseitige Prüfung mittels Anwendung auf literarische und! 
andere Charakteristiken nötig sei, und daß darin alle, die dieses Pro-- 
gramm benutzen würden, helfen könnten. Die kollektive Arbeit darf? 
in dieser Frage nicht vermieden werden, und deshalb liegt es in der? 
Natur der Sache selbst, daß der Vollendung eines so beschaffenen Pro-- 
gramms dessen Bekanntmachung vorangehen muß. 





— 15 — 


Inhalt des Programms. 


Verhältnis zu den Sachen. 

Verhältnis zur Natur und zu den Tieren. 
A. Verhältnis zur Natur. 
B. Verhältnis zu den Tieren. 

Allgemeines Verhältnis zu den einzelnen Menschen. 

A. Verhältnis zu den Gleichstehenden. 

B. Verhältnis zu Über- und Untergeordneten. 
Geschlechtsliebe. 

A. Sinnliche Liebe. 

B. Romantische Liebe. 

Allgemeines Verhältnis zu sozialen Gruppen. 
A. Gesellschaftliches Bewußtsein. 

B. Korporationelles Bewußtsein. 

Verhältnis zur Familie. 

Verhältnis zum Staat. 

Verhältnis zur Arbeit. 

Verhältnis zur materiellen Sicherstellung und zum Eigentum. 
A. Verhältnis zur materiellen Sicherstellung (Einnahme). 
B. Verhältnis zum Eigentum und dessen Verausgabung. 

Verhältnis zu den äußeren Lebensnormen. 

A. Verhältnis zum Recht. 
B. Verhältnis zu den Höflichkeits- und Anstandsregeln (Kon- 
ventionelle Normen). 

Verhältnis zur Sittlichkeit. 

Verhältnis zur Weltanschauung und Religion. 

A. Allgemeines Verhältnis zur Welt und zum Leben. 
B. Verhältnis zur Religion. 

Verhältnis zum Wissen und zur WAzkernehatt, 

Verhältnis zur Kunst (ästhetisches Interesse). 

Verhältnis zu sich selbst. 

A. Verhältnis zu seinem eigenen physischen und psychischen 
Leben. 
B. Verhältnis zu seiner eigenen Persönlichkeit. 


88 — 


Programm. 




























I. Verhältnis zu den Sachen. 


1. Vorhandensein oder Nichtvorhandensein des In- 
teresses an den Sachen (Kleidung, Wohnung, Möbel und Haus-- 
ausstattung, Instrumente, Arbeits- und Tätigkeitswerkzeuge, Geräte, 
Waffen u.s.w.) Hat Sachen gern, sammelt, verwahrt und schontt 
sie. — Schätzt die Sachen an und für sich, unabhängig von ihrerr 
praktischen Bedeutung, — oder schätzt an den Sachen nur ihre Nütz-- 
lichkeit. — Oder er verhält sich den Sachen gegenüber vollkommenı 
teilnahmslos, schätzt sie nicht und interessiert sich nicht dafür.. 
-Gleichgültigkeit als Folge einer unvollkommenen Kultur, eines Mangels: 
an Bekanntschaft mit dem Gebrauche vieler Sachen (Gleichgültigkeitt 
eines Wilden, eines Kindes), oder als Folge der Erkenntnis ihrer Nichtig-- 
keit und Eitelkeit (Gleichgültigkeit eines Philosophen). 

2. Verschiedene Formen des Bedürfnisses nach Sachen.. 
Praktische Sparsamkeit eines guten Hausvaters, der dafür sorgt, daß} 
er die Fülle habe (ein wohlversorgtes, reiches Haus), der nach Soliditätt 
und Bequemlichkeit, nach Gemütlichkeit und Komfort strebt. — Geiz:: 
das Bestreben, so viel als möglich Sachen zusammenzusparen, zuweilen: 
ohne jeden bestimmten Zweck. — Das Kollektionieren: das sy-- 
stematische Sammeln von bestimmten Sachen, das Einrichten von Museen,, 
Sammlungen u. s. f. — Das ästhetische Verhältnis zu den Sachen:: 
betrachtet die Sachen (Kleidung, Hausausstattung) vor allem als einens 
Schmuck. — Fühlt ein intimes Band zwischen sich und einigeni 
Sachen, z.B. dem Hause, wo er geboren und aufgewachsen ist, dem 
Gegenständen auf seinem Schreibtische, Waffen u. s. w.) — oder verhältt 
sich gleichgültig, wenn alte Sachen durch andere, ähnliche ersetzt 
werden. 

Das Interesse an verschiedenen Sachen. Interesse an der Klei- 
dung: hat Kleider, Anzüge, Putz gern, liebt sie zu mustern, widmett 
ihnen viel Zeit; ist bereit, darauf viel Arbeit, Zeit und Geld zu ver- 
wenden. — Interesse an der Wohnung und der Hausausstattung: 
sorgt viel für das Haus (resp. die Wohnung), wo er lebt; widmet deni 
Möbeln, der Einrichtung und dem Schmuck der Zimmer viel Aufmerksam-- 
keit; strebt darnach, ein eigenes Haus oder ein Stück Land zu erwerbenn 
(Neigung zur Seßhaftigkeit). — Interesse an den Arb eits- ie; 
Tätigkeitswerkzeugen: liebt die Werkzeuge seiner Tätigkeitt 
(der Gelehrte — seine Bücher, der Arbeiter — seine Arbeitswerkzeuge,‘ 





— 19 — 


die Köchin — Küchengeräte, der Jäger — das Gewehr u. s. w.); er 
schätzt sie und sorgt für sie aufs beste. 

Aktives Verhältnis zu den Sachen: liebt sie zu verfertigen 
oder umzugestalten, zieht seine eigenen Erzeugnisse den fremden vor; 
sorgt dafür, daß jede Sache (Kleider, Wohnung, Kunstwerk u. s. w.) 
nicht nutzlos daliege, sondern daß sie ihre Bestimmung erfülle, ihm und 
anderen Menschen diene. Oder er verhält sich den Sachen gegenüber 
passiv, nimmt sie so hin, wie sie aus der Hand anderer Leute kommen, 
läßt sie unter Schloß in Schränken und Vorratskammern liegen u. s. w. — 
Wünscht eigene Sachen zu haben; schätzt die ihm gehörenden 
Sachen mehr als fremde; oder er ist dem gegenüber gleichgültig und 
gebraucht nötigenfalls eigene und fremde Sachen gleich gern. 

3. Kompliziertheit, Verfeinerung und Bewußtheit 
des Bedürfnisses nach Sachen. Größere oder geringere Kom- 
pliziertheit der Sachen, mit denen er umzugehen gewohnt ist und die er 
bedarf; die Einfachheit oder der Reichtum von Kleidungsstücken, primi- 
tive Arbeitswerkzeuge oder moderne komplizierte Apparate Sorgt 
für die Sauberkeit der Kleidung und Wohnung, geht sorgfältig mit 
Instrumenten und anderen unentbehrlichen Gegenständen um. Macht es 
nur des Scheines, der Leute wegen (unsaubere Wäsche unter einem 
stutzerhaften Anzug, große prächtige Paradesäle bei engen und unrein- 
lichen Wohnzimmern), oder infolge eines wahren Bedürfnisses und 
einer tief eingewurzelten Gewohnheit. Er sorgt nicht allein für Dauer- 
haftigkeit und Nützlichkeit der Sachen, sondern auch für ihre Schön- 
heit und Anmut (schöne Architektur, ein geschmackvolles und elegantes 
Kleid, Waffen mit eingelegten Verzierungen). Neigung zum Luxus 


und Aufwand. — Originalität, Eigenart in ‘der Wahl der Sachen 
(z. B. der Möbel, der Kleidung), oder Neigung zur Nachahmung, 
zufällige Kompletierung seiner Habe durch das erste beste. — Neigung 


zu Sachen, die ein ideales Interesse darbieten: Raritäten; Gegenstände, 
die mit historischen Erinnerungen verbunden sind; Gegenstände, die 
eine symbolische Bedeutung haben (Sinnbilder, Abzeichen und Ahnliches). 

4. Der Umfang des Bedürfnisses nach Sachen. Neigung 
zum Reichtum und zur Mannigfaltigkeit der Gegenstände, Be- 
reitwilligkeit seine Vorräte inbezug auf Qualität und Quantität ohne 
Ende zu vervollständigen; oder umgekehrt, jagt nicht der Fülle nach, 
begnügt sich mit dem Allernotwendigsten. — Hat einen ge- 
wissen Komplex von Sachen, als etwas Ganzes gern (z. B. das Haus 
mit seiner ganzen Einrichtung), oder hängt vorzüglich an einzelnen 
Gegenständen. — Hat eine besondere Vorliebe für ir gend eine Art 
von Gegenständen (Passion für Hüte, Halstücher, Wagen u. s. w.). 


II. Verhältnis zur Natur und zu den Tieren. 


A. Verhältnis zur Natur. 


1. Vorhandensein oder Mangel des Interesses an der 
Natur; der Grad seiner Intensität... Liebt die Natur, 
interessiert sich für sie. Ist bereit, längere Zeit (Monate, Jahre, sein 
Lebelang) auf dem Lande, in der Natur zu leben. In die Stadt ver- 
schlagen, sehnt er sich hinaus und versucht fortzukommen. Naturbilder 
machen stets einen großen Eindruck auf ihn und beeinflussen seine Ge- 
danken, Gefühle und Handlungen. — Oder die Natur ist ihm gleich- 
gültig, er zieht das Stadtleben vor. Auf dem Lande oder im Badeort 
lebt er wie in der Stadt fort,. interessiert sich nicht für die Natur, 
sondern für die Gesellschaft, für seine Arbeit u. s. f. — Oder endlich 
dominiert ein Nützlichkeitsverhältnis: er sieht die Natur an 
als eine Quelle des Gewinns, als ein Mittel des Erwerbs von Lebens- 
mitteln und Materialien u. s. f. 

2. Formen des Interesses an der Natur. Welche Gegenden 
zieht er vor. Breite freie Ebenen (Steppe, Meer) oder die Einsamkeit 
und Abgeschlossenheit (Wälder und Berge) u. s. w. — Grad der Ak- 
tivität im Verhältnis zur Natur: begnügt sich mit der bloßen An- 
schauung oder dem Studium der. Natur, — oder ist zu einem mehr 
aktiven Eingreifen in ihr Leben geneigt, z. B. arbeitet gern im Felde, 
Garten und Gemüsegarten, versucht ein Stück Land zu gewinnen, um es 
zu bebauen, fischt gern u. s. w. 

3. Bewußtheit und Verfeinerung des Verhältnisses 
zur Natur. Vorhandensein eines bewußten Verhältnisses zur 
Natur, als zu einem Ganzen. Primitive Auffassung derselben: Personi- 
fikation der Naturkräfte, Glaube an Nixen, Waldteufel u. a.m. Natur- 
wissenschaftliche Auffassung der Natur, Neigung zu einem objektiven, 
systematischen Studium derselben und zur. Analyse ihrer einzelnen 
Seiten. Künstlerisches Auffassen der Natur, die Fähigkeit, sich 
in ihr Leben einzufühlen und ihre Stimmung in sich aufzunehmen. — 
Verfeinerung der Naturauffassung; Fähigkeit, Interesse und Anmut 
dort zu finden, wo Andere gleichgültig vorübereilen. — Neigung zur 
einfachen, alltäglichen Natur, — oder zur ungewöhnlichen, zierlichen, 
großartigen; Neigung zur Natur im Kulturzustande (bebautes Feld, 
beschnittene Bäume) oder zur wilden, im Urzustande. x 

4. Weite oder Enge des Interesses an der Natur. Begnügt 
sich mit W enigem: einem Gärtchen, Zimmerpflanzen, einem Blumen- 





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beet — oder sehnt sich nach der Berührung mit umfassenderen Natur- 
erscheinungen (Wald, Meer u. s. f.) — Hat die Neigung nur mit irgend 
einer Seite der Natur in Berührung zu kommen (z. B. sucht in ihr 
nur ästhetischen Genuß) — oder läßt sein Leben mit dem ihrigen zu- 
sammenfließen. — Liebt und versteht nur einige Gegenden und Natur- 
bilder (z. B. die, in deren Mitte er geboren und aufgewachsen ist), oder 
er ist imstande Schönheit und Behaglichkeit in den verschieden- 
artigsten klimatischen, geographischen und anderen Bedingungen zu 
finden. 


B. Verhältnis zu den Tieren. 


1. Vorhandensein oder Mangel des Interesses an den 
Tieren. Hat Tiere gern, interessiert sich für ihr Leben; verlangt 
nach Gemeinschaft mit ihnen; oder sie sind ihm gleichgültig; oder 
er mag sie nicht leiden, verabscheut sie, duldet ihren Geruch, den 
von ihnen verursachten Schmutz nicht u. s. w. — Fühlt ein unmittel- 
bares Interesse an den Tieren, oder schätzt nur ihren Nutzen. 

2. Arten des Verhältnisses zu den Tieren. Geht mit 
den Tieren herrisch um, sieht in ihnen seine Diener; in Augenblicken 
der Gereiztheit oder im Fall der Notwendigkeit ist er ihnen gegenüber 
grausam. — Kameradschaftliches Verhältnis zu den Tieren (z. B. 
zum Lieblingspferd oder -hund), eine eigentümliche Freundschaft und 
gegenseitige Fürsorge. — Verhältnis zum Tiere, als zu einem Familien- 
gliede (z. B. pflegt eine Hundeliebhaberin ihre Schoßhündchen, wie 
Kinder). — Geht bloß gern mit den Tieren um, oder neigt zu einem 
mehr aktiven Eingreifen in ihr Leben (Vogel- und Viehzucht, Jagd, 
Reiten u. s. w.) Zieht zahme Haustiere vor, oder interessiert sich 
vorzüglich für wilde Tiere, nicht zugerittene Pferde u. s. w. — Liebt 
die Tiere ihrer Schönheit und Zierlichkeit wegen (Stattlichkeit, 
schönes Gefieder, Nachtigallengesang), — oder ihrer psychischen 
Eigenschaften halber: Klugheit, Anhänglichkeit u. s. w. — Inter- 
essiert sich für Raritäten und Kuriositäten des Tierreiches: ein 
redender Papagei, ein zahmer junger Wolf u. s. w. 

3. Grad der Bewußtheit und Verfeinerung des Ver- 
hältnisses zu Tieren. Roheit oder Milde im Umgang mit den 
Tieren, in der Weise, über sie zu herrschen. Kenntnis der Tierwelt, 
ihrer Sitten und Bräuche; die Bekanntschaft mit ihrem psychischen 


= Leben. — Bewußtsein seines nahen Verhältnisses zu den Tieren, 





als zu lebenden Wesen; Weigerung, sie als Speise zu gebrauchen 
(Vegetarianismus). 


4. Umfang des Bedürfnisses nach Tieren. Der Umgang 


Pädagog. Monographien, herausgegeben von Meumann. Bd. XIV. aal 
(Lasurski, Ueber das Studium der Individualität). 


— 162. — 


mit wenigen Tieren genügt ihm, — oder er ist bereit, sich mit 
vielen — einer ganzen Meute von Hunden — zu umgeben, das ganze 
Zimmer mit Käfigen anzufüllen u. s. w. Verhält sich gleich zu allen 
Arten von Tieren (z. B. von Haustieren) oder zieht einige vor. 


III. Allgemeines Verhältnis zu den einzelnen Menschen. 


A. Verhältnis zu den G@leichstehenden. 


1. Bedürfnis nach Umgang mit Freunden, Kameraden, 
Leuten, die zu demselben sozialen oder intellektuellen Kreise gehören 
u. s. w. — Vorhandensein und Intensitätsgrad dieses Bedürfnisses: der 
Verkehr an und für sich erscheint als Zweck; er vermag ohne 
Gesellschaft nicht zu leben — oder, ein Einsiedler von N atur, tritt 
er nur notgedrungen in die Gesellschaft der Menschen ein. 

2. Formen des Bedürfnisses. Im Verkehr sucht er vor- 
zugsweise einen Grefühlsaustausch — Liebkosungen, Streit u. s. w. 
(emotioneller Verkehr), — oder Unterhaltung, Nachrichten, Mit- 
teilung neuer Kenntnisse (intellektueller Verkehr), oder Herr- 
schaft, Kampf, Wettkampf, gemeinsame Arbeit (Willensverkehr). — 
Vorherrschen eines sympathischen Verhältnisses zu den Menschen: 
Neigung zur Liebe und Freundschaft; Altruismus, Selbstlosigkeit; Treu- 
berzigkeit, Vertraulichkeit; Milde und Zartgefühl im Umgang; Liebe 
zum Frieden und zur Eintracht. — Vorherrschen des antagonisti- 
schen Verhältnisses: ist grob, zänkisch und unverträglich; ist scharf, 
bissig, herausfordernd, liebt Streit und Zank, hat die Neigung, bei allen 
Fehler zu finden; ist mißtrauisch, fürchtet die Menschen, sieht überall 
Feinde. — Ist im Verkehr aktiv, liebt zu befehlen und die anderen 
zu beeinflussen, — oder er ist passiv, verfällt leicht unter fremden 
Einfluß, neigt zur Aneignung fremder Gedanken und Gefühle. 

Formen der Befriedigung seines Bedürfnisses: Zieht 
den persönlichen Verkehr vor — oder den brieflichen, den Ver- 
kehr in der Familie oder im Klub, in Zirkeln u. s. w. 

3. Kompliziertheit und Verfeinerung des Bedürfnisses 
nach Verkehr: Eine verhältnismäßige Höhe der Anforderungen, 
die er an die am Gespräche Mitbeteiligten stellt; die Feinheit de s 
Freundschafts- und Liebesideals u. s. w. — Roheit oder Fein- 
heit der feindlichen Beziehungen: Fähigkeit die Verdienste seines 
Gegners anzuerkennen; größere oder geringere Verfeinerung ın den 
Mitteln des Kampfes (z. B. Beleidigung durch Tat, Wort oder eine 
feine Anspielung). 








— 163 — 


4. Weite des Bedürfnisses nach Verkehr. Sucht die Ge- 
meinschaft, die Freundschaft vieler oder bloß einiger. Begnügt sich 
mit einem einseitigen Verkehr (Geschäftsverkehr, Bekanntschaft mit 
einem Manne bloß als mit einem Zechbruder oder Gelehrten u. s. w.) — 
oder verlangt nach einer persönlicheren, volleren und tieferen An- 
näherung. 


B. Verhältnis zu den Über- und Untergeordneten. 


1. Vorhandensein (resp. Mangel) der Neigung zu 
herrschen oder sich zu unterordnen. Ein Befehlshaber, ein 
geborener Administrator freut er sich seiner Gewalt über andere. 
— Oder er ist zur Unterordnung geneigt, sucht nach Leitung, 
ist gegen Autorität empfindlich. — Oder er ist alledem gegenüber gleich- 
gültig, zieht Gleichheit vor, strebt nach Selbständigkeit. 

2. Formen des sch zu den Über- und Unter- 
geordneten. Sympathisches Verhältnis. Ein ergebener und 
treuer Diener, ist er zur aufrichtigen Hochachtung und Verehrung, 
sogar zur Vergötteruug der Höherstehenden geneigt; oder ein Knecht, 
kriechend und zu niedrigsten Sklavendiensten geneigt. Ein Vor- 
gesetzter, welcher für seine Untergebenen sorgt, sie protegiert, 
Anteil an ihrem Schicksal nimmt, sie menschlich behandelt; oder der 
bereit ist, sich mit ihnen auf gleichen Fuß zu stellen, und 
Familiarität im Umgange zuläßt. — Antagonistisches Verhältnis. 
Ungehorsam, frech, rebellisch, strebt er nach Vernichtung der Autori- 
täten. Ein Tyrann, geht er despotisch mit Untergebenen um, ist 
ihnen gegenüber grob, geht mit ihnen, wie mit Feinden um, sieht in 
ihnen niedere Wesen. 

Arten, das Bedürfnis nach Herrschaft zu befriedigen. 
Herrscht, indem er die Menschen in seine Werkzeuge verwandelt, 
oder umgekehrt, indem er sich tüchtige und talentvolle Helfer 
wählt. — Herrscht vermöge seines persönlichen Einflusses, oder 
durch Umwege (Berechnungen, Intrigen u. s. w.). — Offene, allen 
sichtbare Mittel zu Herrschen (Befehl, erhöhte Stimme, Versprechen, 
Drohungen), oder verborgene, unmerkliche, aber nicht minder wirk- 
same Mittel. 

3. Grad der Verfeinerung und Bewußtheit des Herr- 
schens oder des Sichunterordnens. Bedürfnis nach grober 
- Kriecherei oder feiner Schmeichelei. — Das Herrschen durch 
Fure ht und Drohungen; das Herrschen durch Überzeugungskunst und 
Autorität; Herrschaft, auf Liebe gegründet. 

4. Weite des Strebens nach Herrschaft und Unter- 

WN 


— 164 — 


werfung. Begnügt sich mit einem engen Kreis der Herrschaft, — 
oder strebt nach grenzenloser Erweiterun g desselben (Caesar, 
Napoleon). — Wünscht über die ganze Persönlichkeit der Untergebenen 
zu herrschen, oder bloß über deren bestimmte Seiten (z. B. über Dienst- 
leistungen). — Dasselbe inbezug auf die Unterordnung: begnügt sich 
damit, daß er sich einem unbedeutenden Herrscher oder Vorgesetzten 
unterordnet, oder er sucht einen mächtigen Herrscher; opfert 
seine ganze Kraft und seine Begabung dem Dienste einer bestimmten 
an oder Sache, — oder will auch eigene, unabhängige Interessen 
aben. 


IV. Geschlechtsliebe. 


A. Sinnliche Liebe, 


1. Intensitätsgrad des Geschlechtstriebes. Kalte, or- 
ganisch enthaltsame Naturen; oder eine mäßige Entwicklung 
des Geschlechtstriebs, die Möglichkeit, ihn zu beherrschen; oder Naturen 
mit einem starken Geschlechtstriebe, der alles andere ersticken kann: 
um ihn zu befriedigen, scheuen sie vor Opfern und Verbrechen nicht. — 
Leichte (resp. schwere) Erregbarkeit des Geschlechtstriebes, Bereit- 
willigkeit, bei jeder Gelegenheit in geschlechtlichen Verkehr zu treten 
— oder umgekehrt. 

Verhältnis zum Geschlechtstriebe: gleichgültig-ruhiges, 
verächtliches, heftig-negatives (Asketismus); oder umgekehrt 
— stellt die Geschlechtsliebe und den Geschlechtsgenuß hoch, verehrt 
sie schwärmerisch. — Verhältnis zu den Außerungen des Geschlechts- 
triebes: ein nüchternes, offenes, oder ein schamhaft-verschwie- 
genes; oder ein zynisches, schwelgendes; oder ein pharisäisch- 
heuchlerisches. 

2. Arten der sinnlichen Liebe und Formen ihrer Be- 
friedigung. Kalt-sinnliche, wollüstige Naturen, oder leiden- 
schaftliche, bei denen das Auflodern des Geschlechtsinstinkts das 
ganze Wesen erfaßt. — Naturen, die den Geschlechtstrieb nur als ein 
physisches Bedürfnis empfinden, — oder schwärmerische Naturen, welche 
ihre Geschlechtsliebe stets romantisch zu färben geneigt sind, unfähig 
sind, in geschlechtlichen Verkehr mit einem Wesen zu treten, welches 
ihnen gleichgültig ist, oder das sie verachten. — Neigung, ihren Ge- 
schlechtstrieb in alltäglicher, prosaischer Umgebung zu befriedigen, 
oder Bedürfnis nach Gelagen, Orgien, überhaupt nach Ungewöhn- 
lichem, Berauschendem. — Größere oder geringere Entwicklung der 








— 165 — 


physischen geschlechtlichen Eifersucht mit ihren mannigfaltigen 
Äußerungen. 

Arten das Bedürfnis nach sinnlicher Liebe zu stillen. 
Aktive Naturen, welche nach Besitz des geliebten Gegenstandes 
streben, erfinderisch in ihren Mitteln und beharrlich in den Bemühungen, 
— oder passive, die trotz des Vorhandensein des Verlangens untätig 
warten, obgleich sie dem ersten Antrieb von außen folgen. — Elementare 
Unmittelbarkeit und Naivität des Geschlechtsinstinkts (z. B. ein 
schüchterner Jüngling, der unbewußt im anderen den Geschlechtstrieb 
weckt) — oder die Erfahrung eines Lovelace, der bewußt sein Ziel ver- 
folgt und die dazu erforderlichen Mittel verwendet. 

3. Kompliziertheit und Verfeinerung der Geschlechts- 
liebe, sein Zusammenhang mit ästhetischen und anderen Gefühlen: 
Bedürfnis nach physischer Reinheit, Wohlgerüchen, Schmuck, feiner 
Wäsche u. s. f.; Bedürfnis nach einer verfeinerten, gewählten und ex- 
otischen Schönheit des Leibes. — Oder der Geschlechtstrieb ist primitiv 
und wenig wählerisch: achtet nicht auf Kleidung und Umgebung, zieht 
die derbe physische Schönheit vor — rote Wangen, eine üppige Fülle 
bei Frauen, physische Kraft bei Männern. 

4. Weite und Vielseitigkeit des Geschlechtstriebes. 
Ein Mensch, der bestrebt ist, alle Seiten und Schattierungen des sinn- 
‚lichen Geschlechtsgenusses durchzukosten und deshalb geneigt ist, mit 
‚vielen und mannigfaltigen Objekten in Verkehr zu treten; — oder der 
einfache und einförmige physiologische Akt genügt ihm. 


B. Romantische Liebe. 


1. Vorhandensein der romantischen Liebe und ihr 
Intensitätsgrad. Fühlt ein Bedürfnis nach romantischer Liebe, 
sehnt sich und schmachtet nach ihr. Unbefriedigtsein durch das pro- 
 saische Verhältnis der Geschlechter zueinander, Neigung, die Personen 
anderen Geschlechts zu poetisieren. Fähigkeit zu einer starken, 
tiefen, ein ganzes Leben ausfüllenden Liebe. — Oder umgekehrt Spott 
der Liebe gegenüber, eine prosaische, zynische Auffassung derselben. 
Verhältnis zum Weibe als zu einem niederen Wesen. Blasiertheit, 
skeptische Auffassung der Liebe; sie ist ihm nur ein Luxus, oder 
eine unbedeutende, rasch vorübergehende Episode. — Leichte Erreg- 
barkeit des Liebesgefühls (verliebt sich in die erste beste) oder er ist 
wählerisch, findet einen der Liebe würdigen Gegenstand nur mit 
Mühe. 

2. Arten der romantischen Liebe. Ernste, tiefe, dauer- 
hafte Liebe, die zur Leidenschaft gesteigert wird, — oder ein ober- 


— 166 — 


flächliches Verhältnis, Neigung zum Flirt, zum Liebesspiel. — 
Blinde Liebe, welche alles an dem Geliebten gut heißt, — oder eine 
nüchterne, die mit klarem Bewußtsein der Fehler des letzteren ver- 
bunden ist. — Liebe, die hauptsächlich durch physische Eigenschaften 
des Menschen geweckt wird (Schönheit, Lächeln, Gang u. s. w.), oder 
durch geistige (Klugheit, Willensstärke, moralischer Heldenmut, 
Güte, „geistige Schönheit“). — Verliebtheit in Personen desselben 
Geschlechts, Ergebenheit ihnen gegenüber, Neigung sich ihrem Ein- 
flusse in allem unterzuordnen und ihrem Beispiel zu folgen. — Ver- 
schiedene Formen des Idealisierens, von einer leichten poetischen 
Färbung an bis zur Vergötterung des geliebten Wesens. Ein mystisch- 
religiöses Verhältnis zur Liebe — ritterlicher Dienst, Glaube an 
Ewigkeit und himmlischen Ursprung der Liebe u. s. f. 

Zusammenhang der romantischen Liebe mit anderen Gefühlen: Liebe, 
verbunden mit Hochachtung, Anbetung (Liebe der Frauen zu 
Helden, zu gewaltigen und berühmten Männern u. s. w.). Liebe mit 
einem Anhauch von Mitleid, Herablassung (mütterliches Gefühl in 
der Liebe, Liebe zum Weibe, als zu einem Kinde). Liebe in der Gestalt 
der Kameradschaft, Arbeits- und Ideengemeinschaft. Liebe mit 
dem Trieb sich zuunterordnen, oder eine herrische, gebieterische, 
zur Tyrannei neigende Liebe; Zwang oder Freiheit in der Liebe. 
Altruistische, uneigennützige Liebe, Fähigkeit, sich selbst zu ver- 
gessen oder aufzuopfern, — oder egoistische, gewinnsüchtige, an- 
spruchsvolle Liebe; Eifersucht, Verlangen, von dem andern geliebt 
zu werden. 

Mittel, den Zweck zu erreichen, und Formen der Be- 
friedigung der romantischen Liebe. Vorhandensein oder Nicht- 
vorhandensein der Koketterie, deren Unterarten: unbewußt-organı- 
sches Streben zu gefallen, interessant zu erscheinen, — oder wohl- 
überlegte Koketterie, Bekanntschaft mit der „Kunst zu lieben“, das 
Imstandesein, den gewünschten Eindruck hervorzurufen. — Plat onis che 
Liebe, die den Besitz entbehren kann; die Fähigkeit, sogar in einer 
hoffnungslosen Liebe Freude zu finden, — oder ein Bed ürfnis nach 
gegenseitiger Liebe und nach einer vollen Befriedigung aller For- 
derungen derselben. i 

3. Kompliziertheist, Verfeinerung und Bewußtheit der 
romantisehen Liebe. Die Einfachheit des Gefühls, das Vorherrschen 


einer Schattierung desselben, — oder Kompliziertheit der Schattierungen, 
die Vereinigung verschiedener Arten zu lieben; das Streben nach dem 
Durchleben aller Schattierungeu (Don Juan). — Bedürfnis nach ver- 


feinerten, idealen oder ungewöhnlichen und phantastischen O bj ekten 








— 167 — 


der Liebe; Einfachheit oder Feinheit in der Art, mit denselben zu ver- 
kehren. — Das Instinktmäßige und Elementare des Liebesgefühls 
oder die Möglichkeit, dasselbe durch Erwägungen der Gerechtigkeit, der 
Klugheit, Großmut u. s. w. zu regeln. 

4. Ist imstande nur einen Menschen zu lieben („Liebe bis zum 
Grabe“), oder umgekehrt bedarf des Wechsels in den Objekten der Liebe, 
ist imstande gleichzeitig mehrere zu lieben. 


V. Allgemeines Verhältnis zur sozialen Gruppe. 


A. Gesellschaftliches Bewußtsein. 


1. Vorhandensein oder Mangel des gesellschaftlichen 
Bewußtseins, sein Intensitätsgrad. — Interessiert sich für 
öffentliche Angelegenheiten und Fragen, mißt ihnen eine große Be- 
deutung zu. Ein bedeutenderer Grad: ist den öffentlichen Interessen 
gänzlich ergeben, lebt nur für sie, sehnt sich schmerzlich nach 
ihnen, kennt außer derselben keine Ideale, beurteilt alles vom sozialen 
Standpunkte aus. — Oder umgekehrt — er ist indifferent, die 
öffentlichen Angelegenheiten interessieren ihn nicht. 

2. Formen des sozialen Bewußtseins. Ein aktives Ver- 
hältnis zu den öffentlichen Angelegenheiten, Streben an der Arbeit für 
das Gemeinwohl, an dem politischen Kampf teilzunehmen u. s. w. Oder 
umgekehrt, ein untätiges, müssiges Interesse, Liebhaberei für die 
neuesten Zeitungsnachrichten und gesellschaftlichen Klatsch, ein müssiges 
resultatloses Boudieren (passives Verhältnis). — Streben, sein persön- 
liches Leben mit seinen sozialen Überzeugungen in Einklang zu 
bringen, — oder dessen Mangel: Radikalismus in der Politik wird 
mit Philistertum im Privatleben gepaart, die Idee der sozialen Ge- 
rechtigkeit verbietet nicht, die Dienerschaft zu exploitieren. — Fühlt 
sich für das soziale Leben verantwortlich, schämt sich ihrer 
Mängel, — oder, umgekehrt, ist geneigt, alle Verantwortung auf die 
Obrigkeit, die äußeren Verhältnisse zu wälzen, sorgt beim öffentlichen 
Auftreten nicht für dessen Folgen. — Eine aus dem Leben ge- 
schöpfte, konkrete Auffassung der sozialen Bedürfnisse (z. B. bei 
einem Landschaftsabgeordneten, der mit seinem Milieu aufs engste ver- 
bunden ist), — oder der Zustand des Abgerissenseins vom 
Milieu, ein politischer Doktrinarismus, Neigung zu abstrakten sozialen 
und politischen Idealen (Bureaukratie, abstrakter Radikalismus). — Neigung 
zum Konservatismus, zum Gutheißen des Bestehenden, zu einem 
Sichanschließen an die allgemeine Ordnung — oder umgekehrt, Un- 


— 18 — 


zufriedenheit mit dem Bestehenden ‚ Streben nach Reforme n; 
größerer oder geringerer Radikalismus in dieser Hinsicht. 

8. Intensitäts- und Verfeinerungsgrad des sozialen 
Bewußtseins. Naive, schematische Auffassung der sozialen Ver- 
hältnisse — oder ein tieferes, komplizierteres Verständnis für die- 
selben. — Vorhandensein oder Mangel des sozialen Takte s; das 
Vermögen, die Wichtigkeit des gegebenen Momentes, die politische oder 
gesellschaftliche Bedeutung dieses oder jenes Momentes richtig zu 
würdigen. 

4. Weite der sozialen Interessen. Interessiert sich nur 
für irgend eine einzelne Seite des sozialen Lebens (Politik, wirt- 
schaftliches, wissenschaftliches , religiöses Leben u. s. w.) — oder für 
mehrere. — Größerer oder geringerer Um fang der sozialen 
Gruppe, welche sein Interesse weckt: interessiert sich nur für das 
Leben seines Dorfes oder seiner Stadt, — oder umgekehrt, für das 
Leben des ganzen Landes, für das Ausland, endlich für alle die wich- 
tigsten Erscheinungen des modernen universellen Lebens. 


B. Das korporationelle Bewußtsein (nationales Bewußt- 
sein, Familien-, Standesbewußtsein u. s. w.). 


1. Bedürfnis, einer Korporation anzugehören oder 
dessen Mangel. Schätzt seine Zugehörigkeit zu dieser oder jener 
sozialen Gruppe (Familie, Geschlecht, Nation, Schule, Fach, Stand, 
Partei, Staat u. s. w.), bemüht sich, seine Verbindung mit derselben 
aufrecht zu erhalten und zu festigen. Unterwirft sich den Traditionen, 
Ansichten und Stimmungen seiner Gruppe; strebt nach Aufrechterhaltung 
der Eigentümlichkeiten seiner Gruppe (z. B. die nationalen und Standes- 
eigentümlichkeiten). Ist sich des geistigen Bandes mit anderen Mit- 
gliedern derselben Gruppe (z. B. Verwandten, Landsleuten, Schul- 
kameraden, Parteigenossen u. s. w.) bewußt. — Oder umgekehrt steht 
diesen Dingen gleichgültig gegenüber. — Oder er verhält ‚sich zu 
aller Art sozialen Gruppierungen mit Verachtung und Abneigung; 
bemüht sich, sich von allen sozialen Verbindungen und der sozialen 
Abhängigkeit zu befreien (äußerster Individualismus). 

2. Formen des korporationellen Bewußtseins. Ver- 
hältnis zu seiner Gruppe (zu ‚den Seinigen‘“). — Vorherrschen des 
sympathischen Verhältnisses: treue Anhänglichkeit an seine ‚Gruppe, 
Sorge für deren Wohl und Bestehen, für deren Ruf; Streben, in Uber- 
einstimmung mit den anderen Mitgliedern derselben Gruppe zu bleiben, 
ihnen Teilnahme und Hilfe durch Wort und Tat zukommen zu lassen. ai 
Vorherrschen des antagonistischen Verhältnisses: Abtrünnigkeit, 





— 169 — 


Streben aus seiner Gruppe herauszukommen; haßt oder verachtet seinen 
Stand, sein Fach oder Handwerk, seine Nationalität u. s. w., schämt 


sich seiner Zugehörigkeit zu derselben. — Herrschen oder Sich- 
unterwerfen innerhalb der Gruppe: es dominiert das Streben, der 
Gruppe zu dienen und von der abzuhängen, oder umgekehrt — an ihrer 


Spitze zu stehen und sie zu leiten. 

Das korporationelle Bewußtsein ist vorzüglich auf die Merkmale 
der Gruppe gerichtet, die schon vorhanden und genügend bestimmt 
sind — oder es wird eher auf den Glauben an ihre Zukunft be- 
schränkt (Gegensatz zwischen den Slawophilen und Westler nach Herzen). 
= — Das Korporationsgefühl findet vorzüglich in Wettstreit und Kampf 
mit anderen sozialen Gruppen seinen Ausdruck (z. B. Chauvinismus) — 
oder es trägt einen schöpferischen, positiven Charaker (Sorge für 
die Entwicklung und das Wohl seiner Nationalität). 

f Verhältnis zu den anderen Gruppen (zu den „Fremden‘). 
= Vollständige Gleich gü ltigkeit, teilnahmsloses Verhältnis zu den 
außerhalb seiner Gruppe Stehenden. — Vorherrschen des anta- 
gonistischen Verhältnisses: Abgeschlossenheit den anderen 
Gruppen und deren Mitgliedern gegenüber, Neigung zum Kastenwesen; 
Engherzigkeit, fanatische Intoleranz. — Vorherrschen des sympathischen 
Verhältnisses: religiöse und nationale Toleranz, Beachtung der fremden 
Meinungen, versöhnliche Stimmung anderen Klassen gegenüber. Gast- 
_ freundschaft und: Wohlwollen gegen den Fremden, Liebe zum Fremden, 
Neigung nachzuahmen und bei anderen zu lernen. Neigung, eine leb- 
hafte Wechselwirkung zwischen seiner Gruppe und anderen festzu- 
stellen, Streben, fremde Elemente an sich zu ziehen und sie zu assimi- 
lieren. Auffassung seiner und anderer Gruppen als Teile eines 
_ größeren Ganzen, z.B. Auffassung seines Standes oder einer Partei 
als Teile des Staates; Auffassung der Nation als eines Teils der 

= Menschheit. 
3. Bewußtheit und Verfeinerung des korporationellen 
Verhältnisses. Das Verhältnis zur Gruppe und die Sorge um diese 
letzte sind auf einem unmittelbaren Gefühle, auf einem un- 
- klaren Instinkt basiert (z. B. Heimatsliebe und was damit verbunden 
ist) — oder die Abhängigkeit von der Gruppe wird zum Ideal erhoben 
und bildet einen Teil der Weltanschauun g (Standes- oder Stammes- 
_bewußtsein, Nationalismus, Patriotismus u. s. f.). — Das korporationelle 
Bewußtsein konzentriert sich vorzüglich auf äußeren, in die Augen 
Springenden Eigentümlichkeiten: Kleidung, Essen, Sitten und 
E Bräuche u. s. w., in dem Aufrechterhalten und Beobachten dieser Eigen- 
H tümlichkeiten sieht er das Hauptmerkmal der Zugehörigkeit zur Gruppe 


ey 
T 





— 170 — 


und seiner Solidarität mit ihr; Neigung zu allerlei äußeren Sinn- 
bildern: Wappen, Abzeichen, Uniformen u. s. w. Oder das Verhältnis 
zur Gruppe trägt einen mehr geistigen Charakter; der Unterschied 
zwischen den Seinen und den Fremden wird nicht auf Grund der Klei- 
dung und Gewohnheiten, sondern auf Grund der Ansichten, Über- 
zeugungen, der Eigentümlichkeiten des Seelenlebens gemacht. — Blinde 
Verehrung seiner Gruppe (z. B. ein sich unfehlbar. dünkendes Partei- 
oder Standesbewußtsein, nationale Selbstvergötterung, Kwaspatriotismus) 
oder bewußte Liebe zur Gruppe, verbunden mit der Erkenntnis 
ihrer dunklen Seiten, dem Bewußtsein der Verantwortlichkeit und dem 
Streben, diese Mängel zu beseitigen. 

Grad der Verfeinerung und Kultur in dem Verkehr 
mit fremden und feindlichen Gruppen. Internationale Höf- 
lichkeit, Höflichkeit im Verkehr verschiedener Stände untereinander, 
menschenfreundliche Behandlung der im Kriege Gefangenen und Ver- 
wundeten; Evolution der Beziehungen zwischen Arbeitern und Unter- 
nehmern (Neigung sich an ein Schiedsgericht, an Einigungsämter zu 
wenden u. s. w.); Vorhberrschen des kulturellen Wettstreits im 
Nationalkampf. — Oder Roheit und Rücksichtslosigkeit im Umgange 
mit Fremden, Grausamkeit der Gefangenen und Verwundeten gegenüber, 
kurzsichtige Herzlosigkeit in der Führung des Nationalkampfes; 
erbarmungslose Unterdrückung der fremden Nationalität mittels Gewalt 
und Polizeizwang; Fordern aller Vorrechte nur für die eigene Natio- 
nalität u. s. w. 

4. Weite des korporationellen Bewußtseins. Neigung, 
sich kleineren Gruppen anzuschließen: Zirkel, Sekten, enge 


"nationale Gruppen, — oder, umgekehrt, nimmt an weiteren Organi- 
sationen teil, z. B. hält sich nicht für einen Groß- oder Kleinrussen, 
sondern überhaupt für einen Russen. — Volle Absorption der 


Persönlichkeit durch irgend eine Gruppe oder Organisation (z. B. 
ein Sektierer, dessen ganzes Leben von seiner Sekte geregelt wird, oder 
ein Bauer, der gänzlich innerhalb der sozialen Grenzen seines Standes 
lebt), — oder, umgekehrt, die Neigung gleichzeitig mehreren 
Organisationen anzugehören, z. B. derjenigen seines Standes, 
seines Faches, einer Sportgesellschaft u. s. w. 

Größere oder geringere Vielseitigkeit des Verkehrs mit seiner 
Gruppe. Das korporationelle Bewußtsein erstreckt sich auf eine ganze 
Reihe von Lebenserscheinungen: Sitten und Bräuche, Religion und Welt- 
anschauung, allgemeines Verhältnis zur Umgebung u. s. w.; In seınem 
Wirken für die Gruppe beschränkt er sich nicht bloß auf irgend eine 
Seite (z. B. auf die Sorge für deren materielles Wohl), sondern be- 








— 171 — 


achtet viele. — Oder der Verkehr mit der Gruppe und die Sorge für 
dieselbe tragen einen engen, einseitigen Charakter an sich. 


VI. Verhältmis zur Familie. 

1. Vorhandensein und Intensitätsgrad des Familien- 
gefühls. Ist ein guter Familienvater, ist zum Familienleben 
geneigt: liebt die Familie, sieht außerhalb derselben weder Ziel noch 
Zweck des Lebens; bestrebt sich, seine ganze freie Zeit in der Familie 
zuzubringen, sehnt sich nach ihr, wenn er von ihr getrennt wird; ist 
bereit, der Familie seine persönlichen und seine ideellen Interessen zu 
opfern. Oder er ist gegen die Familie gleichgültig, zieht das Jung- 
gesellenleben vor; unterhält Beziehungen zur Familie nur der Bequem- 
lichkeit oder der Notwendigkeit halber; ist bereit die Familieninteressen 
anderen Zwecken unterzuordnen. Oder endlich nährt er feindliche, zu- 
weilen bis zum Haß sich steigernde Gefühle der Familie gegenüber, 


sieht in ihr ein Hindernis, eine Last u. a.m. — Liebt die Familie 
als ein Ganzes, den Familienkreis, die Hausordnung und die häus- 
liche Einrichtung — oder das Familiengefühl äußert sich nur in der 


Liebe zu einzelnen Familienmitgliedern. 

2. Formen des Verhältnisses der Familienmitglieder 
zueinander. Das Verhältnis zwischen Mann und Frau. 
Gegenseitige Liebe, freundschaftliches Verhältnis; Solidarität der 
Interessen, gemeinsame Sorgen (z. B. erwirbt auch die Frau für die 
Familie, oder nimmt der Mann an häuslichen Sorgen teil). Oder auch 
haben Mann und Frau nichts miteinander gemein, jeder lebt für 
sich hin und hat seine besonderen Interessen; offizielles Verhältnis ohne 
Liebe, zurückgehaltener Haß u. s. w. — Gegenseitige Gleichheit, 
kameradschaftliches Verhältnis, oder Unterordnung des einen Gatten 
unter den Willen des anderen. 

Verhältnis der Eltern (oder Erwachsenen) zu den 
Kindern (resp. Enkeln). Liebt die Kinder, sorgt für sie, ist bereit, 
ihnen sein ganzes Leben zu weihen — oder sie sind ihm geichgültig, 
er stellt seine Interessen in den Vordergrund. — Verschiedene Arten 
der Liebe zu Kindern: blinde, unvernünftig-leidenschaftliche Liebe 
zum Kinde, Neigung zur übermäßigen Verhätschelung; oder die Neigung, 
sich aus dem Kinde ein Vergnügen zu machen, in ihm nur ein 
Spielzeug zu sehen; oder endlich eine ernste, vernünftige Liebe, 
die mit der Sorge für die weitere Entwicklung und das Wohlergehen 
des Kindes und mit dem Streben nach einer richtigen Erziehung des- 
selben verbunden ist. — Kameradschaftliches Verhältnis zu 
den Kindern, das Gewähren einer bedeutenden Freiheit und Selbständig- 


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keit, — oder das Streben nach Aufrechterhaltung seiner 
Autorität, Strenge und hohe Forderungen. 

Verhältnisder Kinder zuden Eltern und Erwach- 
senen in der Familie. Liebe und Fürsorge; Unterwerfung und 
Furcht; Neigung zur Nachahmung, zum Gehorsam, zur Anerken- 
nung der Autorität. Oder umgekehrt, ein kritisches, sogar ver- 
ächtliches Verhältnis zu den Eltern oder Erwachsenen, das Kon- 
statieren ihrer Unfähigkeit, mit der Zeit zu gehen u. s. w. 

Verhältnis zwischen Geschwistern (gleichstehenden 
Familienmitgliedern). Grad der gegenseitigen Anhänglichkeit; Kamerad- 
schaft, Gemeinschaft der Interessen, oder deren Auseinan- 
dergehen. — Behandelt alle ganz gleich oder ist besonders mit einigen 
enger befreundet. 

Verhältnis zu den Hausgenossen (Dienerschaft, alte 
Bedienten): sieht sie als Familienmitglieder an, behandelt sie wie seine 
Angehörigen — oder hält sie von der Familie fern. 

3 Grad der Verfeinerung und Bewußtheit des 
Familiengefühls. Rohes primitives Familienverhältnis (z. B. 
Roheit der Mittel zur Beherrschung und Aufrechterhaltung der Ordnung) ; 
das Dominieren der rein konventionellen Äußerungen der Verwandt- 
schaftsliebe: das Händeküssen, das feierliche Gratulieren zum Namens- 
tage der Eltern u.ä. m.; Prosa der Familienverhältnisse. — Oder deren 
Durcehgeistigung, eine gewisse poetische Färbung; Höhe der an 
die Familie gestellten Forderungen; Forderung einer selbstlosen 
Liebe und Verehrung, gegenseitiger Hilfe u. s. w. 

4. Weite des Familiengefühls. Liebt nur die Fa- 
milieim engeren Sinne des Wortes, d.h. die unter einem Dache 
wohnenden Mitglieder; oder er bewahrt eine Anhänglichkeit an die von 
der Familie getrennt lebenden Glieder derselben: das Ver- 
hältnis eines Menschen, der eine Familie gegründet hat, zu den im 
Vaterhause Gebliebenen, und umgekehrt; oder aber er er- 
‘streckt seine Anhänglichkeit auch auf entferntere Familienmitglieder, 
sucht mit seinen Verwandten zu verkehren, sie um sich zu sammeln, 
unterstützt sie nach Kräften u.s.w. Das Familiengefühl durchdringt 
alle Seiten des Familienlebens — oder konzentriert sich auf ir- 
gend einer (z.B. Liebe zum Kinde, verbunden mit Gleichgültigkeit 


dem Manne gegenüber). 


VII. Verhältnis zum Staate. 


1. Vorhandensein oder Mangel des politischen 
Bewußtseins. Fühlt sich als Mitglied des Staates, ist sich 





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seiner Rechte und Pflichten ihm gegenüber bewußt, hält seine Interessen 
hoch; oder steht den Staatsangelegenheiten und -aufgaben gleic h- 
gültig gegenüber, versteht und schätzt die Bedeutung des Staates 
nicht; oder verneint mit Bewußtsein die Bedeutung der Staatsorga- 
nisation (Anarchismus). — Der Staat ist ihm Selbstzweck, er beur- 
teilt alles vom Standpunkte der politischen Interessen, — oder sieht in 
ihm nur ein Mittel zur Erreichung (Verwirklichung) anderer, persön- 
licher, kultureller, ökonomischer Ziele u. s. w. 

2. Formen des Verhältnisses zum Staate. Ver- 
hältnis zum Staate als zu einem Ganzen (Patriotismus). 
Vorhandensein oder Mangel der patriotischen Stimmung. — 
Deren Charakter: das Interesse konzentriert sich vorzugsweise auf der 
auswärtigen Politik, auf der äußeren Machtstellung und dem 
Kriegesruhm des Staates, — oder auf seiner kulturellen Kraft und seinem 


_ inneren Wohlstand. 





Verhältnis zur Staatsgewalt. Patriarchalische 
Auffassung der Gewalt, mystisch-religiöses Verhältnis zum Staatsober- 
haupt, oder ein verstandesmäßigeres Verhältnis, welches auf 
einer genaueren Abgrenzung von Recht und Pflicht basiert ist. — Neigt 
zur Rechtfertigung der Staatsgewalt, stellt sich beständig auf 
deren Standpunkt, oder ist gewöhnlich in einer oppositionellen Stimmung, 
kritisiert ihre Maßregeln und Handlungen. — Fühlt sich als Bürger, 
der für die Handlungen der Staatsgewalt verantwortlich ist, oder 
sieht in derselben etwas Fremdes, bloß eine „Obrigkeit“. — Fordert 
von dem Staate, daß dieser ihn bevormunde, für ihn sorge; ein 
Verwaltungsamt bekleidend, neigt er selbst zu so einem Bevormunden. 
Oder er billigt die Bevormundung durch den Staat nicht, neigt zur 
Selbständigkeit und Selbstverwaltung. 

Verhältnis zum Staatsmechanismus. Sorgt für die 
Aufreehterhaltung der staatlichen Ordnung, erfüllt infolge der Ehr- 
furcht vor derselben die Gesetze und Verordnungen ; vertritt die Interessen 
der Krone. — Oder er steht all dem kühl gegenüber, versucht den 
Staatsabgaben auszuweichen, hat nichts dagegen, sich auf Kosten der 
Krone zu bereichern. 

3. Bewußtheit des Verhältnisses zum Staate. 
Grober, primitiver Begriff vom Staate und dessen Funktionen 
(z. B. dessen Identifizierung mit der Polizei), — oder ein vielseitiges 
und tiefes Verständnis der Aufgaben des Staatslebens. 

4 Umfangdespolitischen Bewußtseins. Sieht alle 
Lebenssphären als den Staatsinteressen unterordnet an — oder 
begrenzt das Gebiet der Tätigkeit des Staates ‚ indem er daraus 


— 14 — 


einige Seiten des Lebens, als: Religion, Familie, Hauswesen u. ä. m. 
ausschließt. 


VIII. Verhältnis zur Arbeit. 


1. Vorhandensein oder Mangel des Arbeitsbedürf- 
nisses; dessen Intensitätsgrad. Erist arbeitsam, tätig; 
hat einen unmittelbaren Drang zur Arbeit, findet in ihr Genuß, lang- 
weilt sich ohne sie; arbeitet fleißig, aus allen Kräften — wenn auch 
materielle und andere äußere Antriebe fehlen. — Oder er ist fau 1% 
untätig, arbeitsscheu, arbeitet bloß notgedrungen. 

2. Interesse an verschiedenen Arten der Tätig- 
keit. Vorherrschen der Neigung zur geistigen oder zur physi- 
schen Arbeit. — Neigung zur Arbeit mitten in der Natur (Acker- 
bau, Fischfang, Schiffskunst) — oder in der städtischen, künstlichen 
Umgebung (Fabrikarbeit, Kabinettarbeit). — Neigung zu einer leben- 
digen, mit den Menschen und ihren Interessen in unmittelbarer Füh- 
lung bleibenden Tätigkeit, — oder zu einer abstrakteren Ar- 
beit (wissenschaftliche, laboratorisch - technische Arbeit u. s. f.). — Nei- 
gung zu einer mit Ortsveränderung, mit vielseitigen kleinen Sorgen ver- 
bundenen Tätigkeit (z. B. Agentur) — oder zu einer gleichartigen 
Tätigkeit, wo die ganze Aufmerksamkeit auf einer Sache konzentriert 
wird. — Neigung zu einer ruhigen, gefahrlosen Beschäftigung, oder 
zu einer Tätigkeit, die mit Risiko und Gefahr für Leib und Leben, 
Hab und Gut verbunden ist. 

Formen der Verwirklichung des Bedürfnisses 
nach Arbeit. Neigung (resp. Gewohnheit) zu einer steten, unun- 


terbrochenen und gleichmäßigen Arbeit, — oder er arbeitet 
stoßweise, indem er die Arbeit mit Perioden der Untätigkeit ab- 
wechseln läßt. — Neigung zu einer unmittelbaren, persönlichen 


Einwirkung auf das Objekt der Arbeit — oder zur Anwendung 
verschiedener künstlichen Verfahrungsweisen und Hilfswerkzeuge 
(z. B. Vorhandensein oder Mangel der Maschinen in der Landwirtschaft). 

3. Grad der Bewußtheit und Idealität des Ver- 
hältnisses zur Arbeit. Versteht seine Arbeit gut, ist 
imstande sich darin zu orientieren, ist zu einer raschen und produktiven 
Arbeit fähig. — Strebt zur Vervollkommnung seiner Tätigkeit, 
zur Meisterschaft in seinem Handwerk, ist bereit neue Handgriffe zu 
lernen, wissenschaftliche Kenntnisse und technische Vervollkommnungen 
anzuwenden. Oder er verabscheut jede Neuerung, neigt zur Routine, 
zur Anwendung primitiver, traditioneller Verfahrungsarten. — Er ist 
zu einer selbständigen Tätigkeit fähig, versteht selbst seine Arbeit 








— 15 — 


zu führen, — oder er versteht bloß unter fremder Leitung zu 
arbeiten. — Gewissenhaftes und sorgfältiges Verhältnis zur Ar- 
beit, Bewußtsein seiner Verantwortlichkeit für deren Erfolg — oder 


Nachlässigkeit und Sorglosigkeit. — Ideelles Verhältnis 
zur Arbeit: sieht die Arbeit als eine moralische Pflicht an, als eine 
notwendige Bedingung des vernünftigen Lebens; greift eine Arbeit erst 
dann an, wenn er deren Endziel klar einsieht und billigt; — oder er 
bedarf dieser Bedingung nicht, sondern arbeitet instinkt- oder ge- 
wohnheitsmäßig oder von der Not getrieben. 

4 Umfang des Arbeitsbedürfnisses Grad der 
Leistungsfähigkeit des Menschen: geringere oder größere In- 
tensität, Angestrengtheit der geistigen oder der physischen Arbeit; 
Fähigkeit zu einer mehr oder weniger anhaltenden Arbeit (z. B. die Zahl 
der Arbeitsstunden am Tage). — Grad der Vielseitigkeit der 
Arbeit, Zahl der Gebiete, auf die sich die Tätigkeit erstreckt (z. B. 
die Verbindung von staatsmännischer und wissenschaftlicher Tätigkeit 
u.ä.m.). Streben nach Erweiterung der Arbeitssphäre — 
oder, umgekehrt, Neigung zu einer mehr oder weniger engen Spezia- 
lisierung. 


IX. Verhältnis zur materiellen Sicherstellung und zum Bigentum. 


A. Verhältnis zur materiellen Sicherstellung 
(Einnahme). 


1. Vorhandensein oder Mangel des Strebens nach 
Sicherstellung; dessen Intensitätsgrad. Er ist spar- 
sam, sorgt für sein materielles Wohl; strebt nach Vergrößerung seiner 
Habe, nach Bereicherung. Dieses Streben wächst bis zu einer 
alles verschlingenden Leidenschaft, die alle anderen Interessen ver- 
drängt. — Oder er ist sorglos, gegen Reichtum gleichgültig; wenn 
er für seine Sicherstellung sorgt, so geschieht es doch ohne die übrigen 
Interessen deshalb zu beeinträchtigen. 

2. Formen des Interesses am Reichtum. Sieht im 
Reichtum und in der materiellen Sicherstellung bloß ein Mittel zur 
Erreichung anderer Nebenziele: eines ruhigen, luxuriösen und ange- 
nehmen Lebens; einer Befriedigung seines Ehrgeizes und seiner Herrsch- 
sucht; der Lösung von wissenschaftlichen, sozialen oder politischen 
Problemen u. s. w. Oder er sieht das Glück und das Endziel in dem 
Reichtum selbst. 

Mittel, Reichtum und materielle Sicherstellung 
zu erreichen. In dem Streben nach Sicherstellung legt er Akti- 


— 16 — 


vität, Fähigkeit zur Initiative, Erfindsamkeit und Unternehmungs- 
geist an den Tag, — oder er ist träge, folgt den Umständen, träumt 
bloß vom Reichtum, indem er seine Hoffnungen auf den Zufall, fremde 
Hilfe u. s. f. stellt. — Strebt nach einer ruhi gen Sicherstellung durch 
Arbeit, allmähliche Ersparnisse, bestimmte Jährliche Einnahme, Renten 
u. s. w. oder er neigt zum Wagnis, zu Spekulationen, zum schnellen 
Erwerb. — Versucht, sich auf ehrlichem Wege sicherzustellen — 
oder verschmäht unsaubere Mittel nicht. 

Verhältnis zu anderen Leuten auf dem Boden der 
wirtschaftlichen Tätigkeit. Neigung, andere zu seinem Vor- 
teil auszunutzen (Beispiel — der Wucher); beständiges Hervorheben 
des gegenseitigen Antagonismus des Interessen (z. B. zwischen dem 
Prinzipal — einerseits und den Angestellten und den Arbeitern — ande- 
rerseits). Oder Neigung zur Solidarität und Selbstb egren- 
zung, gerechtes Verhältnis zu den Mitarbeitern und Sorge um ihre 
Interessen. — Verhältnis zu Handwerksgenossen und Konkurrenten : 
Streben nach Kampf (jalousie de métier) — oder umgekehrt — nach 
Übereinstimmung der Interessen: Verträge, Verbände, Syndikate, 
Kooperationen u. s. f. 

8 Kompliziertheit, Verfeinerung und Bewußt- 
heit der ökonomischen Tätigkeit. Ökonomische Vor- 
sorglichkeit: sorgt er in genügender Weise für die Zukunft, ist er 
sich seiner Verantwortlichkeit für den ganzen Gang der Unternehmung 
als Prinzipal bewußt? — Verwendet viel Mühe und materielle Mittel 
auf de Erweiterung und Besserung des Geschäfts und 
auf die Vergrößerung der Einnahmen; nötigenfalls ist er bereit, zu 
diesem Zweck seine eigenen Mittel im Handel umzusetzen. Oder er 
fürchtet jeden neuen Aufwand und zieht es deshalb vor, mit 
einer unvollkommenen Einrichtung vorlieb zu nehmen; spart die Mittel, 
wenn auch auf unproduktive Weise. — Mannigfaltigkeit und 
Verfeinerung der Mittel, die er zur Vergrößerung der Ein- 
nahmen verwendet: allerlei Vervollkommnungen des Betriebs, künstliche 
Mittel, den Absatz zu vergrößern (Reklame, Agentur) u.ä. m. — V er- 
hältnis zu Klienten und Kunden: sorgt für den Ruf des Ge- 
schäfts, strebt auf dem Wege der Gewissenhaftigkeit sich eine 
dauerhafte Nachfrage zu sichern, — oder spekuliert mehr auf die Leicht- 
gläubigkeit der Kunden, versucht sie zuübervorteilen u. s. wW. 

4. Umfang des Bedürfnisses nach materieller 
Sicherstellung. Sorgt nur für eine genügende Sicher- 
stellung oder strebt nach Reichtum und Luxus. — Hat ein be- 
stinmtes Minimum der Bedürfnisse, ohne das er nicht existieren 








— 17 — 


kann; dabei kann er durch ein bestimmtes Maximum befriedigt 
werden, welches er nicht mehr zu überschreiten strebt. Oder der Grad 
der Bedürfnisse ist nach einer von diesen Seiten oder nach 
beiden Seiten unbegrenzt: im Notfalle ist er fähig, in äußerster 
Dürftigkeit zu leben, bei günstigen Verhältnissen werden seine Forde- 
rungen grenzenlos. 


B. Verhältnis zum Eigentum und dessen Verausgabung. 


1. Vorhandensein oder Mangel des Interesses am Ei- 
gentum; dessen Intensitätsgrad. Schätzt das Eigentum; ist 
ihm fanatisch zugetan ; ist geizig. — Oder er ist bloß sparsam, nötigen- 
falls aber spart er weder Geld noch Sachen. — Oder das Eigentum ist 
ihm gleichgültig, oder sogar beschwerlich; er ist verschwenderisch. 
— Der Besitz irgend einer Sache gewährt ihm eine Befriedigung an 
und für sich - oder er strebt nach Besitz bloß von verschiedenen 
Nebenzwecken, der Unentbehrlichkeit des gegebenen Objekts, der 
Eitelkeit, des Wunsches, den Neid der anderen hervorzurufen u. ä. m. 
angezogen. 

2. Formen des Interesses an dem Eigentum. Liebe 
zum @eldkapital, welches den Menschen nicht bindet — oder zu 
einer bestimmten Art von Besitz: Land, Haus, Einrichtung usw. 
— Neigung zum persönlichen, individuellen Besitz — oder er 
ist dem Familienbesitz, gemeinschaftlichen Besitz (Innung, 
kooperative Gesellschaft, Gemeindebesitz) nicht abgeneigt. 

Motive des Eigentumsgefühls. Materielle Berechnung, Mög- 
lichkeit, das Eigentum als Einnahmequelle zu betrachten. — Der Wunsch, 
die Früchte seiner Arbeit zu besitzen — in materiellem oder 
moralischem Sinne. — Anhänglichkeitsgefühl z.B. an das 
Haus und Hof, an die Sachen und mit ihnen verbundene Erinnerungen 
u., s. w. — Eigentum, als die notwendige Bedingung eines hä u s- 
lichen, ruhigen Lebens. — Eigentum, als Bedingung einer 
selbständigen, unabhängigen Existenz. 

Ausschließlichkeit des Eigentumsgefühls. Eifer- 
süchtiges Verhältnis zu seinem Besitz, läßt andere ungern an seinem 
Besitz teilnehmen: das Umzäunen des Gartens, allerlei Verbote, Reiz 
den anderen gegenüber. — Oder, umgekehrt, Toleranz, Bereitwil- 
ligkeit, sein Eigentum den anderen zur Benutzung frei zu stellen: 
offenes Haus, freie Tafel. 

3. Bewußtheit des Verhältnisses zum Eigentum. 


Strebt instinktmäßig nach Besitz und schätzt ihn, — oder er 
hält das Eigentum aus prinzipiellen Gründen hoch, sieht in 
Pädagog. Monographien, herausgegeben von Meumann. Bd. XIV. 12 


(Lasurski, Ueber das Studium der Individualität). 


— 18 — 


ihm die Grundlage jedes Zusammenlebens, die notwendige Bedingung 
der Kultur. — Schätzt nicht nur seinen eigenen Besitz, sondern 
auch das fremde Eigentum, behandelt es mit Schonung und 
Achtung, oder ist nicht abgeneigt fremdes Ei gentum zu be- 
nutzen, sich das Fremde anzueignen (Diebstahl, allerlei unrechtmäßige 
Aneignungen). 

4 Weite des Interesses am Eigentum. Liebe zum 
Kleinbesitz, welcher mit dem Besitzer auf intime Art verbunden 
ist: ein Stück Land, ein eigener kleiner Laden; oder Neigung zu einem 
weiten, unpersönlichen Besitz. — Vielseitigkeit des Eigentums- 
gefühls — oder das Bestreben, nur eine bestimmte Art von 
Sachen zu besitzen (z. B. Land, Bücher). 


X. Verhältnis zu den äußeren Lebensnormen. 


A. Verhältnis zum Recht. 


1. Vorhandensein oderMangeldesRechtsbewußt- 
seins; Verachtung des Rechts, Bereitwilligkeit es zu verletzen, 
wenn es dem eignen Vorteil widerspricht, Unfähigkeit die Rechte der 
Gegner anzuerkennen; Mangeloder Schwäche des Bewußt- 
seins der eigenen Rechte. Intensitätsgrad des Rechts- 
bewußtseins: Neigung zur Beobachtung des Rechts auch bei völliger 
Straflosigkeit seiner Übertretung; Bereitwilligkeit um des Rechtes 
willen alle persönlichen Gefühle und Interessen zu opfern; Bereitwillig- 
keit, auf jede Art seine eigenen Rechte zu verteidigen, wenn es auch 
den persönlichen Interessen widerspricht. 

2. Formen des Rechtsbewußtseins Lebendiges 
Rechtsbewußtsein („das natürliche Recht“), Neigung, sich von 


dem Geist und Sinn des Rechts leiten zu lassen, — oder eine for- 
melle Beobachtung des Buchstabens des Gesetzes, Liebe zum Regle- 
mentieren, zu Formalitäten u.s.w. — Sklavische Furcht vor dem 


Recht, — oder freie Hochachtung desselben. — Neigung, bloß 
sein eigenes Recht zu verfechten, oder Fähigkeit, sich auch auf 
fremden Standpunkt zu stellen und das Recht auf Kosten seiner 
eigenen Interessen zu beobachten und zu verfechten. — Formen 
des widerrechtlichen Bewußtseins. Einfache Gleich- 
gültigkeit dem Recht gegenüber, — oder Liebe zur OÖrdnungs- 
widrigkeit und Willkür, eine prinzipielle Abneigung Rücksicht auf 
die Rechtsnormen zu nehmen, Neigung zur Verletzung derselben (Selbst- 
herrlichkeit, Neigung zum Despotismus, zur unrechtmäßigen Herrschaft; 
Neigung zu Verbrechen). — Motive der Verneinung des 








— 179 — 


Rechts: Verneinung im Namen der höheren Prinzipien der 
Religion und Moral; oder im Namen der gesellschaftlichen 
Zweckmäßigkeit (revolutionärer Anarchismus); oder aus ge- 
winnsüchtigen, persönlichen Gründen. 

Formen der Verwirklichung des Rechtsbewußt- 
seins. Neigung, das Recht auf dem Wege der Überzeugung 
oder der Gewalt zu verwirklichen. — Wiederherstellung des ver- 
letzten Rechts auf rechtlichem Wege oder auf dem Wege des eigen- 
mächtigen Verfahrens. 

3. BewußtheitdesVerhältnisses zumRecht. Über- 
nimmt und bewahrt die Rechtsnormen infolge der Tradition, der 


Gewohnheit — oder ist imstande sie mit vollem Bewußtsein zu 
erklären. — Unmittelbares, spontanes Erwachen des Rechtsbe- 
wußtseins in einzelnen wichtigen Momenten des Lebens — oder eine 


prinzipielle Hochachtung des Rechtes als eines solchen. 

4 Der Umfang der Rechtsbeziehungen. Unterord- 
nung unter das Gesetz inbezug auf alle, auch die geringfügigsten 
Seiten des Lebens (Beobachtung der Regeln auf Eisenbahnen, in 
öffentlichen Gärten u. s. w.), oder nur in wichtigeren Fällen. 


Bo Verhalemis zu dien Beorfnrehikteits= und An stands- 
regeln (konventionellen Normen). 


1. Vorhandensein oder Mangeldes Interesses an 
denkonventionellen Normen; sein Intensitätsgrad. 
Neigt zur Berücksichtigung der Höflichkeits- und Anstands- 
regeln, der Mode, der Bräuche, der Tradition u. s. w.; ist bemüht ihre 
Forderungen sogar bei ungünstigen Verhältnissen zu erfüllen. Oder sie 
sind ihm gleichgültig. Oder endlich — neigt er zur direkten 
Ubertretung dieser Forderungen. | 

2. Formen des Verhältnisses zu konventionellen 
Normen. Positives Verhältnis: sklavisches Beobachten 
dieser Normen als solcher, die ihm von außen aufgedrängt worden sind, 
aus Furcht vor der öffentlichen Meinung (Provinzialen in der Residenz, 
ein Emporkömmling u. s. w.), — oder eine organische Dis position 
zu deren Beobachtung (feiner Ton, gute Erziehung). — Negatives 
Verhältnis: Verachtung dieser Normen aus Roheit, Mangel an 
Erziehung, Geringschätzung der anderen Leute ; oder infolge eines Be- 
dürfnisses nach Einfachheit und Natürlichkeit, aus Abneigung zu 
allem Außeren und Konventionellen; oder infolge einer prinzipiellen 
Negation aus moralischen, religiösen und anderen Gründen. 

3. Bewußtheit, Verfeinerungund Kompliziertheit 

12* 


— 180 — 


des Verhältnisses zu den konventionellen Normen. 
Ein durchdachtes Verhältnis zu denselben, als zu Äußerungen 
der Forderungen, die vom gesellschaftlichen Leben und dem inneren 
Takt gestellt werden — oder eine blinde, buchstäbliche Erfüllun g 
derselben. — Neigt zu einer genauen und detaillierten Erfül- 
lung dieser Forderungen, bemüht sich und versteht es, ihre Schattie- 
rungen in den verschiedenen Fällen zu erfassen (ausführliche Regeln, Klei- 
der, Speisekarte, Empfang u. s. w. betreffend), — oder begnügt sich mit 
der Beobachtung einfacherer und allgemeinerer Forderungen. 

4. Umfangdes Verhältnisseszu konventionellen 
Normen. Beobachtet sie stets, sogar im Privatleben und in alltäg- 
licher Umgebung, sogar bei Abwesenheit von Fremden, — oder nur bei 
gewissen, feierlichen Gelegenheiten. 


XI. Verhältnis zur Sittlichkeit. 


1. StärkeundSchärfe des sittlichen Gefühls, Grad 
des sittlichen Zartgefühls und der sittlichen Empfänglichkeit. — Rela- 
tive Stärke des sittlichen Gefühls im Kampf mit anderen Motiven: 
Fähigkeit zur Selbstaufopferung; Streben, sich nicht auf die theoretische 
Anerkennung der sittlichen Forderungen zu beschränken, sondern sie im 
Leben zu verwirklichen; Anwendung derselben nicht nur auf 
andere, sondern auch auf sich selbst. — Schwäche oder Mangel 
des sittlichen Bewußtseins: Egoismus; Neigung zu Kompromissen; fak- 
tischer Mangel an sittlichen Prinzipien (moralische Lockerheit); bewußte 
Grundsatzlosigkeit (Amoralität). 

2. Formen der Sittlichkeit. 

Die höheren Prinzipien der sittlichen Forderun- 
gen. Moral der öffentlichen Meinung (empirisch-heteronome 
Moral): Unterwerfung unter die Meinung der Mehrheit, die allgemein- 
gültigen Anschauungen, Sitten, Gesetze u. s. w. — Autonome Moral: 
das eigene Gewissen erscheint als Grundlage der Sittlichkeit. — Trans- 
zendente, auf religiös-metaphysischer Autorität ge- 
gründete Moral: die Forderungen der Sittlichkeit werden entweder 
unmittelbar als Gebote einer höheren Macht empfunden, oder in der 
Form von religiösen Vorschriften entgegengenommen. 

Sittliche Motive. Moral der Vergeltung: Furcht vor 
der Strafe, Streben nach Belohnung (in diesem oder jenem Leben); 
Furcht vor der öffentlichen Meinung, Sorge um seinen Ruf. — Moral 
der Pflicht: Unterwerfung unter das sittliche Gesetz aus Ehrfurcht 
vor demselben, unabhängig von anderen Motiven oder sogar im Wider- 





— 131 — 


‚spruch zu diesen letzten. — Moral des Gefühls: die sittlichen Grund- 
sätze verschmelzen mit den freien Trieben der Persönlichkeit. 

Richtung der sittlichen Urteile Moral der Hand- 
lungen und Verhältnisse: bei sittlicher Beurteilung wird die Auf- 
merksamkeit hauptsächlich auf die äußere Seite — Aufführung des 
Menschen, sein Verhältnis zu anderen Leuten, Beobachtung der allge- 
meingültigen Normen der Geschlechts- und Familienbeziehungen u. s. w. 
gerichtet. — Moral der Gesinnung: bei sittlicher Beurteilung ist 
die Aufmerksamkeit nicht auf die äußeren Verdienste und die Auffüh- 
rung des Menschen gerichtet, sondern auf die inneren Triebfedern seiner 
Handlungen, auf den Grad seiner geistigen Vollkommenheit (Fähigkeit, 
gute Gefühle in den Verstoßenen, Verachteten, in den Verbrechern zu 
entdecken, — und umgekehrt). 

Inhalt der sittlichen Prinzipien. Moral der Askese, 
des Kampfes mit dem Fleisch, der Vertilgung der sinnlichen Genüsse 
‘und der weltlichen Freuden. — Moral des Hedonismu s, das Aner- 
kennen des Wertes von Freuden und Genüssen. — Moral des Alt- 
ruismus, des Mitleids, der unmittelbaren Liebe zum Nächsten. — 
Gesellschaftlich-utilitarische Moral: der höchste Zweck 
ist das allgemeine Wohl, der Nutzen von einem möglichst großen Kreis 
von Menschen. — Moral der Gerechtigkeit, eine objektiv-regelmäßige 
Verteilung der Rechte und Pflichten, des Wohlseins und der Leiden, der 
Belohnungen und Strafen. — Moral, die einen in den Dienst der 
idealen Güter, der Ehre, des Staates, des allgemeinen Fortschritts, 
der Wahrheit, der Schönheit u. s. w. stellt. 

Arten der sittlichen Tugenden: Ehrlichkeit, Wahrhaftig- 
keit, Gerechtigkeit, Mut, Großmut u. s. f. 

Interesse an der Verbreitung der Sittlichkeit auf dem 
Wege der Predigt, der Erziehung, des moralischen Gerichts u. s. w. 

3. Bewußtheit und Verfeinerung des sittlichen 
Gefühls. Vorhandensein oder Mangel bewußter moralischen Prinzi- 
pien: Formalismus, logische Folgerichtigkeit der sittlichen For- 
. derungen, moralisches Sektenwesen. — Mangel an einem vereinigenden 
Prinzip, Vereinzelung der moralischen Prinzipien und Mangel der 
Ubereinstimmung derselben untereinander. — Sittlicher Takt, 
der in jedem einzelnen Fall die Forderungen des Lebens und der vor- 
liegenden Umstände in Erwägung zieht. 

Verfeinerung des sittlichen Bewußtseins, die Fähigkeit, sich in den 
komplizierten und mannigfaltigen Schattierungen des sittlichen Lebens 
zurechtzufinden — oder ‚dessen Unvollkommenheit , primitive Ein- 
teilung der Menschen in Bösewichter und Tugendhelden. — Toleranz, 


— 12 — 


Fähigkeit fremde sittliche Motive, die man selbst nicht teilt, zu ver- 


stehen und zu schätzen, — oder I ntoleranz, moralischer Fana- 
tismus. 

4. Umfang des sittlichen Bewußtseins. Das ganze 
Leben wird sittlichen Normen untergeordnet — oder einige Gebiete 


desselben bleiben ausgeschlossen (z.B. blinder Gehorsam den Vor- 
gesetzten, dem Gesetz gegenüber, auch in Fällen des Widerspruchs mit 
dem moralischen Bewußtsein). — Quantität der Tugenden: — 
das sittliche Bewußtsein konzentriert sich vorzugsweise auf einer 
Seite des Lebens (z.B. Staatsdienst, Wissenschaft u. s. w.) oder 
auf einer sittlichen Eigenschaft (Ehrlichkeit, Gerechtigkeit u. s. w.), oder 
es ist vielseitig. 


XII. Verhältnis zur Weltanschauung und Religion. 
A. Allgemeines Verhältnis zur Weltund zum Leben. 


1. Vorhandensein oder Mangel des Bedürfnisses nach 
einer allgemeinen Weltanschauung; ihr Intensitätsgrad. 
Fühlt ein Bedürfnis nach der Formierung einer allgemeinen Welt- 
anschauung (resp. Lebensanschauung); qualvoll müht er sich ab, allge- 
meine Fragen — Fragen nach dem Leben und dessen Zweck und Ziel 
— zu beantworten und sucht beharrlich ihre Lösung; versucht sein 
Leben in Einklang mit seinen Anschauungen zu bringen. Hat einen 
dogmatischen Glauben an die Möglichkeit einer vernünftigen Beant- 
wortung aller Lebensfragen. — Oder begnügt sich mit einzelnen 
fragmentarischen Eindrücken, Stimmungen, Gewohnheiten, Kennt- 
nissen u. s. f.; bleibt bei allgemeinen Fragen nur selten und zufällig 
stehen, die täglichen Sorgen des Lebens verdecken sie stets. Ist skep- 
tisch gestimmt, ist geneigt alle Überzeugungen als relativ und be- 
dingt anzusehen. — Intensität der Überzeugung: Fanatismus, 
Unbeugsamkeit der Überzeugungen — oder Bereitwilligkeit, sich auf 
einen fremden Standpunkt zu stellen. 

2. Formen des Bedürfnissesnach einer Weltanschauung. 
Motive der Weltanschauung. Das Verhältnis des Menschen zum 
Leben wird von den Bedingungen und Bedürfnissen des persön- 
lichen Lebens bestimmt (z. B. der Pessimismus, als Resultat einer 
unglücklichen Liebe, eines Bankrotts, einer Krankheit u. ä. m.) oder von 
mehr objektiven Motiven: von Beobachtungen der Natur , des 
Lebens der anderen Menschen u. s. w. Innerhalb des all gemeinen Ver- 
hältnisses zur Welt interessiert er sich hauptsächlich für die Probleme 
des menschlichen Lebens und der menschlichen Tätigkeit (huma- 





— 188 — 


nitäre Interessen) — oder für Probleme der Natur und des kosmischen 
Lebens (Naturalismus), indem der Mensch als ein Teil der Natur be- 
trachtet wird. 

Inhalt der Weltanschauung. Ist geneigt, die Grundlage des 
Lebens in den äußeren Bedingungen und Verhältnissen der Men- 
schen untereinander zu suchen; stellt seine ganze Hoffnung auf die Ver- 
vollkommnung der äußeren Lebensformen, auf den gesellschaftlichen 
Fortschritt (z. B. sieht er die Ursache des Verbrechens in den Bedin- 
gungen der Erziehung und des Milieu). — Oder er ist geneigt, nach den 
inneren, organischen Wurzeln des Lebens zu forschen (z. B. sieht er 
als Grundlage des Verbrechens den bösen Willen, die Sündhaftigkeit an 
u. s. W.) — Sieht das Leben vom Standpunkte der Entwicklung und 
Evolution an, glaubt an die Möglichkeit, die Lebensgrundlagen zu 
verändern und zu vervollkommnen; betrachtet den Fortschritt und die 
Kultur als wünschenswert, versucht, sich von den Bedingungen des pri- 
mitiven Daseins zu befreien. Oder er sucht im Leben das Ewige 
und Unveränderliche; neigt zum naturgemäßen Leben, zur „Ver- 
einfachung“, idealisiert die primitiven Lebensformen. — Ein Opti- 
mist, ist er zur Rechtfertigung des Lebens geneigt, findet in allem 
etwas Gutes; oder er ist ein Pessimist, sieht das Böse und die fin- 
steren Gewalten als etwas Unbesiegbares an; oder er ist ein Dualist 
und setzt voraus, daß das böse und das gute Prinzip dem Leben in 
gleichem Maße eigen sind. 

Auffassung des Verhältnisses zwischen dem inneren, 
geistigen Leben und der äußeren Welt. Das innere, geistige 
Leben betrachtet er als einen Teil und ein Produkt der äußeren 
Welt, z.B. betrachtet er das Leben als das Produkt blinder, mate- 
rieller Gewalten oder des Milieu, der gesellschaftlichen Verhältnisse. — 
Seine Aufmerksamkeit ist gänzlich auf seinem inneren, geistigen 
Leben und dessen Gegensatz zur äußeren Welt konzentriert; z.B. 
Träumerei, Entfernung vom äußeren Leben, Streben nach Befreiung von 
allen äußeren Banden und Einschränkungen, Verachtung der Menge und 
Gesellschaft, Liebe zur stolzen Abgeschiedenheit (Byronismus) u. s. w. — 
Betrachtet sein inneres geistiges Leben als einen Teil des höheren, 
universellen Lebens, fühit seine geistige Verwandtschaft mit den ge- 
meinschaftlichen Bestrebungen und Idealen. 

Formen der Verwirklichung der Weltanschauung. Zur 
Bildung der Weltanschauung gelangt er auf dem Wege der Beobachtung 
der konkreten Naturerscheinungen und deren Verallgemeinerung (Empi- 
rismus); strebt nicht nach Harmonie und Planmäßigkeit innerhalb der 
Weltanschauung, sondern nach ihrem Einklang mit der Mannigfaltigkeit 


— 14 — 


des Lebens. — Bildet seine Weltanschauung auf dem Wege der Speku- 
lation und abstrakten Beweisführungen (Rationalismus); strebt da- 
nach, seine Überzeugungen in genaue, wohlbegründete Formeln einzu- 
kleiden und gewisse abstrakte Prinzipien unverwandt zu verfolgen; ist 
zum Doktrinarismus geneigt. — Hat die Neigung, Fragen der Weltan- 
schauung auf dem Wege der Intuition zu lösen, glaubt an die Begei- 
sterung, die mystische Erleuchtung u. s. w. 

3. Grad der Bewußtheit und Kompliziertheit der Welt- 
anschauung. Primitive, unbearbeitete Weltanschauung — oder 
Streben nach deren Vertiefung und detaillierter Klärung. — Enge, 
Einseitigkeit der Überzeugungen — oder Weite derselben, Fähigkeit, 


gleichzeitig mehrere Gesichtspunkte in Betracht zu ziehen. — Dogma- 
tismus, Neigung, fremde Uberzeugungen auf Treu und Glauben anzu- 
nehmen — oder Streben nach selbständiger Ausarbeitung einer 


Weltanschauung, kritisches Verhältnis zu den herrschenden Anschauungen. 

4. Weite der Weltanschauung. Quantität der Lebens- 
sphären, die von der Weltanschauung umfaßt werden: z.B. hat 
Überzeugungen nur innerhalb der Sphäre des gesellschaftlichen Lebens, 
oder auch innerhalb derjenigen des persönlichen Lebens u. s. w. 


B. Verhältnis zur Religion. 


1. Vorhandensein oder Mangel des religiösen Bewußt- 
seins; dessen Intensitätsgrad. Fühlt ein mehr oder weniger 
intensives Bedürfnis nach religiösem Glauben; dieses Bedürfnis wird 
nur zuweilen wach, in Fällen heftiger Erschütterung — oder es ist 
zu jeder Zeit vorhanden und wird scharf und qualvoll erlebt, ver- 
deckt die Fragen des praktischen Lebens. — Oder ein ruhiges, seiner 
selbst gewisses und festes religiöses Bewußtsein. — Oder Indifferen- 
tismus, Mangel jedes religiösen Bedürfnisses, — Oder Atheismus, 
bewußte Verneinung der Religion, Kampf gegen diese letzte. — Die 
religiösen Erlebnisse beeinflussen das ganze übrige Leben des Menschen 
und seine Tätigkeit, oder sie sind von dem übrigen Leben isoliert. 

2. Formen der religiösen Erlebnisse. Verhältnis der 
Religion zum Wissen: Bedürfnis, den Glauben auf der Vernunft 
zu basieren, Verwerfung der Wunder oder deren ration alistis che 
Deutung, „natürliche Religion“; — oder Irr ationalismus (eredo quia 
absurdum), Glaube an die Möglichkeit übersinnlicher Erkenntnis (der 
Vision, Offenbarung, Ekstase u.ä.m.). — Das religiöse Bewußtsein findet 
seinen Ausdruck in einem unmittelbaren Gefühl — oder in bestimmten 
Dogmen, in einem präzisen und klaren religiösen System. = Das re- 
ligiöse Bewußtsein wird auf dem Wege einer Krisis, eines Sieges über 





den Pessimismus und die Enttäuschung im Leben gewonnen, oder er ist 
der Ausdruck einer allgemeinen harmonischen, optimistischen Lebens- 
empfindung. — Sucht in der Religion Trost und Hilfe: das Gebet 
um Gesundheit, Erfolg, materielles Wohlsein ; Bewußtsein seiner Schwach- 
heit und Sündhaftigkeit und Streben, in der Religion eine sittliche 
Stütze zu finden; — oder ein uneigennütziges Verhältnis zur Reli- 
gion, eine demutsvolle Ergebung und ein Sichbeugen unter den Willen 
Gottes. — Das religiöse Gefühl zeichnet sich durch Neigung zur Kon- 
templation und Versenkung in sich selbst; es herrscht das Streben 
nach einer persönlichen Erlösung, Abkehr von der äußeren Welt und 
dem praktischen Leben vor. Oder, umgekehrt, treibt der religiöse 
Glaube zu einer bestimmten äußeren Tätigkeit, zur Sorge um das 
Heil der Welt und zur praktischen Verwirklichung religiöser Ideale. 

Inhalt des religiösen Glaubens und die Unterarten des 
letzten. Gott wird als Person gedacht, er befindet sich in einem 
lebendigen, persönlichen Verhältnis zum menschlichen Leben (Glaube an 
die göttliche Vorsehung) — oder er wird gedacht als eine unpersön- 
liche Kraft, die in keinerlei direkter Beziehung zu den menschlichen 
Sorgen und Interessen steht (Panteismus). — Die Gottheit wird als dem 
Menschen nahestehend, unmittelbar in ihm oder um ihn lebend ge- 
dacht — oder, umgekehrt, als unerreichbar, von ihm unendlich ent- 
fernt. — Vorstellung von Gott, als von einem mächtigen Herrscher und 
schrecklichen Richter, Vorherrschen des Gefühls der Furcht im reli- - 
giösen Bewußtsein — oder Neigung, in Gott den liebenden Vater zu 
sehen, Vorherrschen des Gefühls der Liebe zu Gott, Vertrauen auf 
seine Güte und Barmherzigkeit u. s. w. 

Das religiöse Bewußtsein ist vom Dualismus, von dem Gedanken 
an den Kampf des guten und bösen Prinzips (Gott und Teufel) durch- 
drungen; es herrscht das lebhafte Bewußtsein der Macht des Bösen, 
der Sündhaftigkeit der Welt und der Kultur vor (Religion des Aske- 
tismus). Oder umgekehrt — es dominiert der feste Glaube an den Sieg 
des Guten über das Böse, an die Vollkommenheit der Weltordnung ; 
das religiöse Bewußtsein erleuchtet das ganze Leben, indem es in diesem 
letzten ein Werk Gottes sieht (optimistische, lebensfrohe Religion). 

Formen der Verwirklichung des religiösen Bewußt- 
seins. Verhältnis zum Gebet: die Gemeinschaft mit Gott durch 
das Gebet ist ihm ein Bedürfnis, er strebt danach, es auf diese oder 
jene Weise zu verwirklichen: er betet regelmäßig, an bestimmten 
Tagen und zur bestimmten Stunde, oder nur in Ausnahmefällen, 
unter dem Einfluß eines besonders starken Andrangs des religiösen Ge- 
fühls. — Das religiöse Gefühl braucht keinen äußeren Ausdruck 


— 186 — 


(das innere Gebet) — oder umgekehrt fordert es ihn: Bedürfnis nach 
einem Gottesdienst, nach Sinnbildern und Kirchengebräuchen. 

Verhältnis zur Kirche, Das religiöse Gefühl wird als ein 
rein persönlicher Bund zwischen Gott und dem Menschen, der keiner 
Vermittelung seitens der übrigen Menschen bedarf, erlebt — oder er 
fühlt das Bedürfnis nach religiöser Gemeinschaft der Menschen mitein- 
ander, nach einer kirchlichen Organisation. — Sieht in der Kirche 
bloß eine Gemeinschaft der Gläubigen, oder er gesteht ihr eine 
mystische Bedeutung als der Bewahrerin der Gnade zu. — Sieht alle 
Glieder der Kirche als in religiöser Beziehung gleichberechtigt — 
oder schreibt eine besondere religiöse Autorität der Geistlichkeit, der 
Hierarchie zu, indem er sie für die Mittler zwischen den Menschen 
und der Göttlichkeit ansieht. 

3. Bewußtheit und Verfeinerung des religiösen Be- 
wußtseins. Roheit, das Elementare der religiösen Überzeugungen : 
Aberglaube, Fetischismus, Glaube an Amulette u.ä. m.; primitive reli- 
giöse Vorstellungen — z. B. Glaube an Teufel, die mit einem Schweif 
geschmückt sind, an Hexen u. s. w.; Anbetung vieler höherer Wesen, 
z. B. der Geister, in denen Kräfte der Natur personifiziert werden. Oder 
Verfeinerung, Vergeistigung der religiösen Überzeugungen, reiner 
Monotheismus. — Beteiligung des lebendigen Gefühls und des Be- 
wußtseins an den religiösen Übungen — oder totes Ritual, hohler 
Formalismus, Beobachtung der Bräuche und Überlieferungen. 

4. Reichtum oder Beschränktheit des religiösen Le- 
bens. Reichtum oder Armut der Glaubensmotive; Einfachheit 
oder Kompliziertheit des religiösen Systems. 


XIII. Verhältnis zum Wissen und zur Wissenschaft. 


1. Vorhandensein oder Mangel des Interesses am 
Wissen und an der Wissenschaft. Strebt nach dem Wissen, 
sucht sich durch neue Kenntnisse zu bereichern; strebt nach einer de- 
taillierten Bekanntschaft mit jeder neuen Erscheinung und nach einer 
vernünftigen Erklärung des Unbegreiflichen. — Oder er ist nicht wiß- 
begierig, ist zum Nachdenken über die ihn umgebenden Erscheinungen 
und deren Erklärung nicht geneigt. — Schätzt die wissenschaftlichen 
Kenntnisse, läßt sich von ihnen im Leben leiten; achtet die 
Bildung und die Gebildeten. Oder betrachtet die Wissenschaft als 
etwas Abstraktes, das zum Leben in keinerlei Beziehung steht, ver- 
achtet sie, als ein leeres Spiel, zieht den wissenschaftlichen Kennt- 
nissen die praktische Lebenserfahrung vor. Isti zur wissen- 
schaftlichen Arbeit d. h. zam Verständnis gewisser wissenschaft- 





— 18g — 


lichen Probleme und der Methoden ihrer Lösung fähig; oder Mangel 
an der Fähigkeit zum wissenschaftlichen Denken. 

2. Formen des Interesses am Wissen. Neigt vorzüglich 
zur Erweiterung und Bereicherung der faktischen Kenntnisse — 
oder zu deren Verallgemeinerung, Ordnung und logischer Erklärung. — 
Neigt zur Aneignung fertiger Begriffe, fremder Meinungen, ersetzt 
das Nachdenken durch Belesenheit, — oder ist zur selbständigen Ge- 
dankenarbeit, zum geistigen Schaffen fähig. — Interessiert sich für 
das Wissen an und für sich, ohne jede Beziehung aufs Leben und seine 
praktischen Forderungen — oder nur im Zusammenhang mit der prak- 
tischen Anwendung des Wissens. — Interessiert sich vor allem für 
die Wahrheit selbst, strebt nach einem wirklichen, realen Wissen; 
schätzt Methoden und Regeln nur als Mittel zur Erreichung des Zieles. 
Oder die Aufmerksamkeit ist hauptsächlich auf die Genauigkeit der 
Methoden und formelle Vollkommenheit der Theorien gerichtet, 
auch wenn diese sich als gänzlich fruchtlos erweisen; interessiert sich 
für die Methoden des Denkens und der Beweisführung wie für ein 
Spiel, freut sich an glücklichen und treffenden Gedankenwendungen, 
unabhängig von deren Erkenntniswerte. 

Interesse ander Mitteilung und Verbreitung der Kennt- 
nisse. Neigung, seine Kenntnisse mitzuteilen, sie in weiten Kreisen 
zu verbreiten; Streben nach Erhöhung des Niveaus der Kenntnisse 
in der Umgebung (ein Pädagog, Aufklärer, Popularisator des Wissens, 
Kulturträger). Oder umgekehrt — das Interesse ist vorzüglich auf die 
Ausarbeitung der wissenschaftlichen Kenntnisse konzentriert (Typus 
eines Gelehrten). — Neigung zu lernen, Kenntnisse und Belehrung bei 
anderen Menschen zu suchen. 

8. Bewußtheit und Differenzierung des Interesses am 
Wissen. Erwirbt Kenntnisse gleichsam tastend, ohne klaren Begriff 
von den wissenschaftlichen Aufgaben und ohne Bekanntschaft mit wis- 
senschaftlichen Methoden (Autodidakt) — oder er ist in dieser Be- 
ziehung discipliniert. — Neigt zu einem gründlichen, systemati- 
schen, planmäßigen Studium, — oder er ist ein Dilettant, begnügt 
sich mit einem oberflächlichen, unvollständigen Wissen, ist zum raschen 
Entwerfen von undurchdächten Theorien bereit. — Begnügt sich mit 
einem geringen Vorrat von Begriffen und Theorien, wendet ihn in 
allen Fällen gleichmäßig an — oder strebt beständig nach ihrer Erwei- 
terung, nach Mannigfaltigkeit, Biegsamkeit und Ausarbeitung seines 
Systems von Kenntnissen. 

4. Umfang des Interesses am Wissen. Das Interesse wird 
auf einer verhältnismäßig engen Sphäre konzentriert — auf dem Amt, 


= a 


dem Fach (Typus eines engen Spezialisten), oder erstreckt sich auf ein 
weiteres Gebiet (ein Enzyklopädist, ein vielseitig gebildeter Mensch). 


XIV. Verhältnis zur Kunst (ästhetisches Interesse). 


l. Vorhandensein oder Mangel des ästhetischen Inter- 
esses; dessen Intensitätsgrad. Liebt die Kunst, empfindet 
stets ein Bedürfnis nach ihr, hat eine Leidenschaft für irgend eine 
Kunstart (Theater, Musik u. s. w.); ist zu ästhetischen Erlebnissen fähig, 
besitzt einen künstlerischen Geschmack. Oder er ist der Kunst gegen- 
über gleichgültig, empfindet die Schönheit nicht, entbehrt des künst- 
lerischen Geschmacks. Oder betrachtet die Kunst vom Nützlichkeits- 
standpunkte aus, sucht in derselben Nutzen fürs Leben, eine Lehre, 
Tendenz u. s. w. — Mißt der Kunst eine Bedeutung zu, sieht in ihr 
etwas Wichtiges und für das Leben Unentbehrliches; oder be- 
trachtet den Kunstgenuß als einen Luxus, ein Spiel in den Muße- 
stunden; oder endlich verhält er sich zur Kunst negativ, betrachtet 
sie als etwas Überflüssiges und sogar Schädliches. 

2. Formen des ästhetischen Interesses. Verhältnis 
zwischen der künstlerischen Form und dem Inhalt. Sucht 
in dem Kunstwerk hauptsächlich nach Inhalt: nach einem interessanten 
Stoff, einer Belehrung; Interesse an bestimmten Themen; oder er liebt 
vorzüglich die künstlerische Form: einen schönen Vers, einen strengen 
Stil, eine malerische Farbengebung, die Harmonie der Töne (Ästhetis- 
mus); oder er trennt die Form vom Inhalte nicht, indem er eine har- 
monische Verschmelzung der beiden Elemente fordert. — Neigt‘ 
zum Realismus, zur genauen Wiedergabe der unmittelbar gegebenen 
Wirklichkeit; oder er sieht in der Kunst eine schöne Fiktion, eine 
Täuschung, die ihn über die Wirklichkeit zu heben vermag; oder, 
endlich, sucht er in ihr ein Eindringen in die höhere (metaphysische 
oder religiöse) Realität und eine sinnbildliche Gestaltung der letzten. 
— Neigung, in der Kunst den Wiederschein subjektiver, persönlicher 
Stimmungen und Gefühle (lyrisches Element) zu suchen — oder um- 
gekehrt die objektive Schilderung der wirklichen Umgebung (episches 
Element). — Die dominierenden Elemente des Kunstgenusses: 
Neigung zum harmonisch Schönen; zum Zierlichen und Anmutigen; zum 
Schrecklichen, Düsteren und Tragischen; zum Phantastischen und Ge- 
heimnisvollen; zum Komischen; zum Sentimentalen u. s. w. 

Beschränkt sich darauf, das Schöne in Natur und Kunst wahrzu- 
nehmen und zu genießen oder ist zum künstlerischen Schaffen, wenn 
auch nicht in der Form einer professionellen Tätigkeit fähig. Fühlt 
eine besondere Neigung zu irgend einer bestimmten Kunstart 


— 189 — 


(Musik, plastische Künste, Architektur, Poesie u. s. w.) und findet in ihr 
die vollstè Befriedigung — oder ist imstande sich für die verschie- 
densten Kunstarten in gleichem Maße zu interessieren. 

3. Grad der Bewußtheit und Differenzierung des ästhe- 
tischen Interesses. Ein primitiver, elementarer Kunstgeschmack 
(liebt z. B. einfache Lieder und einfachen Schmuck) oder Kompliziert- 
heit und Verfeinerung des Kunstbedürfnisses. — Originalität und 
Unmittelbarkeit des Kunstgeschmacks — oder seine Beeinflussung durch 
vorgefaßte oder allgemein verbreitete Meinungen u. s. w. 

4. Umfang des ästhetischen Interesses. Ein verhältnis- 
mäßiger Reichtum oder Armut der Kunstinteressen, deren Ein- 
oder Vielseitigkeit. — Das Interesse an der Kunst durchdringt 
alle Lebenssphären (Interesse an der Hauseinrichtung, an der Klei- 
dung, am Häuser- und Straßenschmuck, an feiner Lebensart und allge- 
meiner Schönheit des Lebens) oder es konzentriert sich bloß auf wenige 
Seiten des Lebens, oder endlich trägt es einen mehr abstrakten Cha- 
rakter und wird im praktischen Leben des Menschen gar nicht ver- 
wirklicht. 


XV. Verhältnis zu sich selbst. 


A. Verhältnis zum eigenen physischen und psychischen 
Leben. 


1. Vorhandensein oder M angel des Interesses an seinem 
physischen und psychischen Leben; Grad der Konzentration 
seiner Aufmerksamkeit auf dieselbe. Sucht in allem seinen 
Nutzen oder Stoff zu Empfindungen und Genüssen ; trägt in alles die 
Sorge um seine Erlebnisse und Interessen hinein und beurteilt 
alles von diesem Standpunkte aus. — Oder ver gißt sich selber, 
denkt nicht an sein persönliches Leben, indem er sich ganz äußeren 
Objekten und Zielen widmet. 

2. Formen des Interesses. Sorgt in hohem Grade um seine 
Gesundheit: um Nahrung, Schlaf, Erholung u. s. w.; ist ängstlich 
besorgt, neigt zur Verweichlichung; oder ist geneigt, sich abzuhärten, 
seine Kraft zu üben. — Sorgt für seinen Körper: ist reinlich, sauber, 
liebt Bequemlichkeit und Komfort, sorgt für sein Äußeres, widmet ihm 


2 viel Zeit. 





Liebt Genüsse: sinnliche (Essen, Geschlechtsleben u. a.) oder 
geistige (ästhetische, wissenschaftliche). — Liebt scharfe Genüsse 
und starke Empfindungen: Risiko, Hasard, gefährliches Spiel; neigt zu 
Ausschweifungen. Oder er ist vorsichti g in Genüssen, vermeidet 


— 190 — 


jedes Wagnis, läßt kein Übermaß zu. — Strebt nach künstl ichem 
Sinnenreiz, berauscht sich gern, z. B. mit Alkohol, Opium; — oder 
seine Genüsse tragen einen mehr nüchternen, natürlichen Charakter 
an sich. — Findet einen Genuß in der Tätigkeit (physische oder 
geistige Tätigkeit), neigt zur Übung in derselben ; liebt den Kampf, das 
Besiegen der Hindernisse: Spiele, Sport, Jagd u. ä. m. 

3. Grad der Bewußtheit und der Verfeinerung der Er- 
lebnisse. Neigung zum Vorherrschen der sinnlichen Erleb- 
nisse über den geistigen und umgekehrt. Einfachheit oder Künst- 
lichkeit der Genüsse, z. B. rohe Gefräßigkeit oder die Leckerhaftigkeit 
eines Feinschmeckers. 

4. Umfang des Interesses an seinem physischen und psy- 
chischen Leben: neigt zur Weite, Mannigfaltigkeit, zum Reichtum der 
persönlichen Eindrücke und Erlebnisse oder strebt danach, sie zu be- 
grenzen und zu verengen. 


B. Verhältnis zu seiner Persönlichkeit. 


1. Vorhandensein oder Mangel des Interesses an seiner 
Persönlichkeit. Hat beständig sein eigenes „Ich“ im Auge, trägt 
in alles den Gedanken an dasselbe hinein (Egozentrismus). Neigt 
zur Selbstanalyse und Selbsterkenntnis. Hat die Neigung, seine 
abgesonderte Stellung zu behaupten, die Einheit, Vollstän- 
digkeit und Originalität seiner Persönlichkeit zu bewahren. Neigt dazu, 
den „Haufen“ zu „überragen“, den Sonderling zu spielen, durch 
seine Originalität die Menschen in Erstaunen zu setzen. — Oder die 
Vorstellung seiner eigenen Persönlichkeit ist nicht in genügendem Grade 
formiert und ruft kein besonderes Interesse hervor; er zersplittert 
sich und vergeudet seine Kraft auf Kleinigkeiten, verliert seine Indi- 
vidualität; er ist bereit, sich an andere Leute, an den Haufen zu 
schließen. 

2. Formen des Interesses an seiner Persönlichkeit. 
Seine persönliche Existenz ist ihm teuer; im Augenblick ‚der 
Gefahr denkt er ganz zuerst an seine Sicherheit. Oder die allgemeinen 
und objektiven Interessen sind so entwickelt, daß sie den Ge- 
danken an die eigne Person dämpfen oder ganz entfernen. — Wert- 
schätzung seiner Persönlichkeit: Hochachtung seiner 
selbst, Neigung, eine Ausnahmestellung zu beanspruchen — oder 
Bescheidenheit, Demut, Neigung zur Selbsterniedrigung und Selbst- 
verachtung. — Sorge um die: äußere Anerkennung seinor Per- 
sönlichkeit: Neigung zur Eitelkeit, Streben nach Beifall; Neigung 
zum Ehrgeiz, Streben, sich hervorzutun, sich eine Stellung in der 





— 11 — 


Gesellschaft zu sichern (das Karriere-Machen); Sorge für seinen 
Ruf, seinen guten Namen. — Ist sich des Rechts seiner Persönlichkeit 
auf ein selbständiges Leben und eine originelle Entwick- 
lung bewußt; sieht sich für verpflichtet an, diese Rechte zu verteidigen 
und zu behaupten. Oder er anerkennt keine Pflichten inbezug 
auf sich selber, sieht jede persönliche Forderung als egoistisch und 
des moralischen Wertes beraubt an. — Streben nach Selbstvervoll- 
kommnung: Selbstbildung, Selbsterziehung, der Wunsch, seine Fehler 
zu bekämpfen — oder der Verzicht darauf, das Bewußtsein der 
Unabänderlichkeit und Unverbesserlichkeit der @rundeigenschaften seiner 
Persönlichkeit. 

Verhältnis zum Tod: fürchtet ihn aus Abscheu vor der Häß- 
lichkeit des Todes; infolge eines Hangens an dem Leben mit 
seinen Freuden; aus Furcht vor dem Unbekannten; aus Furcht 
vor der kommenden Strafe für die begangenen Sünden u. s. w.; 
oder der Tod ist ihm gleichgültig (philosophischer Gleichmut dem 
Tode, als etwas Unabwendbaren, gegenüber); er ist sogar bereit ihn als 
eine Vereinigung mit Gott, als einen ewigen Frieden und eine Erlösung 
von den irdischen Leiden zu begrüßen. 

Verhältnis zum jenseitigen Leben: Mangel des In- 
teresses an ihm, Unglaube ihm gegenüber; — oder Glaube an das 
jenseitige Leben, der auf der Idee der Gerechtigkeit, Vergeltung (Pa- 
radies und Hölle), auf dem Streben nach Erhaltung seiner Persönlichkeit 
auch nach dem Tode u. s. w. gegründet ist. 

3. Grad derBewußtheitinbezug aufseine Persön- 
lichkeit. Fühlt instinktmäßig sein „Ich“ und dessen Bedürf- 
nisse, — oder gibt sich eine bewußte Rechenschaft von denselben und 
bestimmt sein prinzipielles Verhältnis zu ihnen: eine bewußte Ausar- 
beitung seines persönlichen Ideals. — Die Verworrenheit, Ober- 
flächlichkeit, Roheit der Selbstanalyse und Selbsterkenntnis, — oder 
Feinheit, Tiefe derselben, das Bewußtsein der Mamnisfaltigkeit und 
Kompliziertheit seiner Persönlichkeit. 

4 Weite oder Enge im Verhältnis zur Persön- 
lichkeit. Neigung, seine Persönlichkeit zu erweitern , sie in 
Berührung mit den mannigfachen Seiten des Lebens zu bringen, oder, 
umgekehrt, sie auf wenige Seiten zu konzentrieren: Einseitigkeit, 
Neigung zur Spezialisierung, 











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Die Pädagogik der Gegenwart, 


Lektürensammlung für Seminare und verwandte Anstalten 
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Dr. Albin Möbusz und Dr. Hermann Walsemann 


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ersten Schuljahre. Wo Einführung nicht erfolgen a 
sollten die Bücher wenigstens als Anschauungsmittel in 

jeder Schulbibliothek vorhanden sein. 

Eine hervorragende Erscheinung der deutschen Fibelliteratur. - 
In Vorbereitung befindet sich und kommt Oktober 1912 zur Ausgabe: 


Jugendlust. 
Des Kindes erstes Schulbuch in Stadt und Land. 


Ein Organismus experimentell ausgewählter Familiengeschichten 
aus trauter Heimat in Wort und Bild nach dem Prinzip der Tat 
von L. F. Göbelbecker, 

Buch- und Bilderschmuck von Otto Kubel, München. Textbeiträge von den 
ersten Schriftstellern der Neuzeit wie Viktor Blüthgen, Otto Ernst, Ad. Holst, 
Ada Linden, Heinr. Scharrelmann, G. Strassburger, J. Trojan. 


Ausgabe A mit 154 getönten Bildern sowie zahlreichen Einzelbildehen und 8 Tafeln für 
Zeichnen, Stäbchenlegen und Ausschneiden. Preis geb. ca. Mk. 1.—. 


Ausgabe B in reicher Ausschmückung mit 52 bunten (in 4 Farbendruck) und 102 Ton- 
bildern, sowie zahlreichen Einzelbildchen und 8 Tafeln für Zeichnen, Stäbchenlegen und 
Ausschneiden. Preis geb. ca. Mk, 1.40. 


Das Werk wird in der gesamten Fibelliteratur unerreicht dastehen. 


Das Kind 
in Haus, Schule und Welt. 


Ein Lehr- und Lesebuch im Sinne der Konzentrationsidee 
für das Gesamtgebiet des ersten Schulunterrichts 
auf neuen Bahnen begründet und den kleinen Anfängern 
gewidmet 

von L. F. Göbelbecker. 
19. Auflage (91.—95. Tausend.) 

Preis geb. in Halbleinen Mk. 0.75. 

Ausgabe B mit 24 bunten Bildern von hervorragenden Künstlern. Preis geb. Mk. 0.90. 
Für Mittel- und Norddeutschland ist eine besondere Ausgabe erschienen. 




















Eine weitverbreitete Fibel ist: 


„Lernlust“, eine Comeniusfibel 
für den zeitgemäss vereinigten Fach-, Sprach- und Schreibunterricht und 
einem selbständigen Lehrgang der kombinierten Laut- und Normalwort- 
methode bearbeitet 
von L. F. Göbelbecker. 


46.—50. Auflage (236.—260. Tausend.) 
Ausgabe A mit 24 Gruppenbildern in Tondruck, 52 Bildern in Bw mone 
Einzelfiguren und 8 Tafeln fürs Zeichnen, Stäbchenlegen und Ausschneiden. Preis Mk. 0.00. 


Ausgabe B. Mit 16 bunten Bildern. Preis geb. Mk. 0.75. 
Für das Grossherzogtum Hessen ist eine besondere Ausgabe erschienen. 








Verlag von Otto Nemnich in Leipzig. 


Göbelbeckers Fibelwer ke. 
In Vorbereitung: i 
Offenes Auge, heiterer Sinn. 
Des Kindes erstes Schulbuch. 


Preise: Ausgabe A (in schwarzem Tondruck, mit neuer Schreibschrift 
und Bildern von Otto Kubel) geb. ae OMIT . Mk. 0,60 
Ausgabe B (mit 16 bunten Bildern) geb.. . . . . . . . Mk. 0,75 











Ferner für den Unterricht im 1. Schuljahr bestens zu empfehlen. 


Der kleine Naturfreund. 


Seine Rechen- und Zeichenkunst. 
Fin nach psychologischen Grundsätzen und Beobachtungen bearbeitetes 
Schulbuch für den vereinigten Anschauungs- und Rechenunterricht im 
I. und I. Schuljahr von L. F. Göbelbecker. 
Preis geheftet Mk. 0.30. 


Göbelbeckers Liederschatz 


für die Unterstufe und gemeinsame Schülerfeste der Volksschule 
Mit Originalkompositionen von L. Baumann, W. Decker, F. Neuert. 
Preis kart. 40 Pfg. 


Der Hemmschuh des Fortschrittes im ersten Schul- 


' Eine kritisch-pädagogische Studie von L. F. Göbel- 
unterricht. jecker. Preis geh, Ik. 0.40. 


Das rechenunterrichtliche Sachprinzip "wi 


schen Entwick- 
lung dargestellt und vom Standpunkte der neueren Psychologie und 
einheitlich organisierten Volksschulerziehung beleuchtet von L. F. 
Göbelbecker. Preis geh. Mk. 2.50, geb. Mk. 3.20. 











Griffelkasten mit eingelegter Rechenmaschine v. Künnemann u. Popken. 
Die beiden oberen Stangen einer Rechenmaschine sind verkleinert in dem unteren Teile 
eines Griffelkastens angebracht. 


Der Rechenkasten ist in zwei Ausgaben erhältlich, einer einfachen Ausgabe (ohne 
Deckelbild) 0.50 Pfg. und einer besseren Ausgabe (mit Deckelbild) 0.60 Pig. 


von Ki z 
Rechenmaschine Hane mana & Fonken 








Das bunte Einmaleins 
von C. Broglie, Hauptlehrer in Wiesbaden. 
Preis geheftet Mk. 0,30 ord. 


Die Technik des kleinen Einmaleins 


von ©. Broglie, Hauptlehrer in Wiesbaden. 
Preis geheftet Mk. —,80 ord. 





Verlag von Otto Nemnich in Leipzig. 








Für Projektionsvorträge anerkannt der beste Ratgeber. 


Praxis der Makro- und Mikro-Projektion 


mit besonderer Berücksichtigung 
für den Schulunterricht, sowie für Lichtbildvorträge ete. 
von 
Franz Paul Wimmer, 
Königl. Gymnasiallehrer in München. 
Mit vielen Abbildungen und Tafeln. 
Preis gebunden Mk. 6.—. 


Lehrbuch für den Samariterunterricht 


an Seminarien, höheren, mittleren und Volksschulen, sowie zum Selbstunterricht. 
Von 
Dr. med. Alfr. Bauer, Seminararzt in Schwäb.-Gmünd, 


Mit 30 Tafeln. 293 Seiten. Preis gebunden Mk. 4.50. 


Das Buch bietet das, was der Titel verspricht, in ausgezeichneter Weise. Die 
Darstellung ist anregend und das Interesse wacherhaltend, frei von trockener, ermüdender 
Lehrweise, sodass man es getrost einem jeden zum Selbstunterricht, sowie auch zur Ver- 
tiefung des Schulunterrichts empfehlen kann. Die Abbildungen sind trotz der durch das 
Format des Buches bedingten Kleinheit deutlich und zweckentsprechend, die der Heil- 
und Giftpflanzen sind naturgetreu. Besonders gute Dienste leisten kann das Buch in der 
Hand von Lehrern wie überhaupt von Gebildeten, welche in Orten leben, in denen 
ärztliche Hilfe erst nach längerer Zeit eintreffen kann. 








Abriss der Lehre von der deutschen Zeichensetzung. 


Für kaufmännische und gewerbliche Bildungsanstalten 
sowie zum Gebrauche in kaufmännischen Bureaus und zum Selbstunterrichte 
für jedermann. 
Von Friedrich Schmidt, 


Leiter der öffentlichen höheren Knabenschule in Königs-Wusterhausen. 


Preis kartoniert Mk. 0.30. 


Welche Pflichten und Vorbedingungen 
hat der künftige Einjährig-Freiwillige zu erfüllen? 


Ein Führer durch sämtliche Bestimmungen vom Beginne der Wehrpflicht 
bis (einschl.) zum Eintritt in den aktiven Dienst im Heer und in der Marine 
bezw. bis zur Abweisung von einem Truppen- oder Marineteil wegen Un- 
tauglichkeit. — Mit zahlreichen Mustern für Eingaben an die betr. Behörden. 
Dazu: Alphabetisches Verzeichnis aller Orte mit ‚militärberechtigten Schulen, 

sowie aller Garnisonen Deutschlands. 

jearbeitet von August Holzmann, 
Professor an der Oberrealschule in Karlsruhe. 


Preis geheftet Mk. 1.—, kartoniert Mk. 1.50. 





Druck der Dieterich’schen Univ.-Buchdruckerei (W. Fr, Kaest ner), Göttingen. 





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