Skip to main content

Full text of "Die gesänge der Serben"

See other formats


Google 


This is a digital copy of a book that was preserved for generations on library shelves before it was carefully scanned by Google as part of a project 
to make the world’s books discoverable online. 

It has survived long enough for the copyright to expire and the book to enter the public domain. A public domain book is one that was never subject 
to copyright or whose legal copyright term has expired. Whether a book is in the public domain may vary country to country. Public domain books 
are our gateways to {he past, representing a wealth of history, culture and knowledge that’s often difficult to discover. 


Marks, notations and other marginalia present in the original volume will appear in this file - a reminder of this book’s long journey from the 
publisher to a library and finally to you. 


Usage guidelines 
Google is proud to partner with libraries to digitize public domain materials and make them widely accessible. Public domain books belong to the 


public and we are merely their custodians. Nevertheless, this work is expensive, so in order to keep providing this resource, we have taken steps to 
prevent abuse by commercial parties, including placing technical restrictions on automated querying. 





‘We also ask that you: 


+ Make non-commercial use of the files We designed Google Book Search for use by individual 
personal, non-commercial purposes. 





and we request that you use these files for 


+ Refrain from automated querying Do not send automated queries of any sort to Google’s system: If you are conducting research on machine 
translation, optical character recognition or other areas where access to a large amount of text is helpful, please contact us. We encourage the 
use of public domain materials for these purposes and may be able to help. 


+ Maintain attribution The Google “watermark” you see on each file is essential for informing people about this project and helping them find 
additional materials through Google Book Search. Please do not remove it. 


+ Keep it legal Whatever your use, remember that you are responsible for ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just 
because we believe a book is in the public domain for users in the United States, that the work is also in the public domain for users in other 
countries. Whether a book is still in copyright varies from country to country, and we can’t offer guidance on whether any specific use of 
any specific book is allowed. Please do not assume that a book’s appearance in Google Book Search means it can be used in any manner 
anywhere in the world. Copyright infringement liability can be quite severe. 






About Google Book Search 


Google’s mission is to organize the world’s information and to make it universally accessible and useful. Google Book Search helps readers 
discover the world’s books while helping authors and publishers reach new audiences. You can search through the full text of this book on the web 
alkttp: /7sooks. google. com/] 














Google 


Über dieses Buch 


Dies ist ein digitales Exemplar eines Buches, das seit Generationen in den Regalen der Bibliotheken aufbewahrt wurde, bevor es von Google im 
Rahmen eines Projekts, mit dem die Bücher dieser Welt online verfügbar gemacht werden sollen, sorgfältig gescannt wurde. 

Das Buch hat das Urheberrecht überdauert und kann nun öffentlich zugänglich gemacht werden. Ein öffentlich zugängliches Buch ist ein Buch, 
das niemals Urheberrechten unterlag oder bei dem die Schutzfrist des Urheberrechts abgelaufen ist. Ob ein Buch öffentlich zugänglich ist, kann 
von Land zu Land unterschiedlich sein. Öffentlich zugängliche Bücher sind unser Tor zur Vergangenheit und stellen ein geschichtliches, kulturelles 
und wissenschaftliches Vermögen dar, das häufig nur schwierig zu entdecken ist. 

Gebrauchsspuren, Anmerkungen und andere Randbemerkungen, die im Originalband enthalten sind, finden sich auch in dieser Datei — eine Erin- 
nerung an die lange Reise, die das Buch vom Verleger zu einer Bibliothek und weiter zu Ihnen hinter sich gebracht hat. 


Nutzungsrichtlinien 


Google ist stolz, mit Bibliotheken in partnerschaftlicher Zusammenarbeit öffentlich zugängliches Material zu digitalisieren und einer breiten Masse 
zugänglich zu machen. Öffentlich zugängliche Bücher gehören der Öffentlichkeit, und wir sind nur ihre Hüter. Nichtsdestotrotz ist diese 
Arbeit kostspielig. Um diese Ressource weiterhin zur Verfügung stellen zu können, haben wir Schritte unternommen, um den Missbrauch durch 
kommerzielle Parteien zu verhindern. Dazu gehören technische Einschränkungen für automatisierte Abfragen. 

Wir bitten Sie um Einhaltung folgender Richtlinien: 


+ Nutzung der Dateien zu nichtkommerziellen Zwecken Wir haben Google Buchsuche für Endanwender konzipiert und möchten, dass Sie diese 
Dateien nur für persönliche, nichtkommerzielle Zwecke verwenden. 


+ Keine automatisierten Abfragen Senden Sie keine automatisierten Abfragen irgendwelcher Art an das Google-System. Wenn Sie Recherchen 
über maschinelle Übersetzung, optische Zeichenerkennung oder andere Bereiche durchführen, in denen der Zugang zu Text in großen Mengen 
nützlich ist, wenden Sie sich bitte an uns. Wir fördern die Nutzung des öffentlich zugänglichen Materials für diese Zwecke und können Ihnen 
unter Umständen helfen. 





+ Beibehaltung von Google-Markenelementen Das "Wasserzeichen" von Google, das Sie in jeder Datei finden, ist wichtig zur Information über 
dieses Projekt und hilft den Anwendern weiteres Material über Google Buchsuche zu finden. Bitte entfernen Sie das Wasserzeichen nicht. 


+ Bewegen Sie sich innerhalb der Legalität Unabhängig von Ihrem Verwendungszweck müssen Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst sein, 
sicherzustellen, dass Ihre Nutzung legal ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass ein Buch, das nach unserem Dafürhalten für Nutzer in den USA 
öffentlich zugänglich ist, auch für Nutzer in anderen Ländern öffentlich zugänglich ist. Ob ein Buch noch dem Urheberrecht unterliegt, ist 
von Land zu Land verschieden. Wir können keine Beratung leisten, ob eine bestimmte Nutzung eines bestimmten Buches gesetzlich zulässig 
ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass das Erscheinen eines Buchs in Google Buchsuche bedeutet, dass es in jeder Form und überall auf der 
Welt verwendet werden kann. Eine Urheberrechtsverletzung kann schwerwiegende Folgen haben. 





Über Google Buchsuche 


Das Ziel von Google besteht darin, die weltweiten Informationen zu organisieren und allgemein nutzbar und zugänglich zu machen. Google 
Buchsuche hilft Lesern dabei, die Bücher dieser Welt zu entdecken, und unterstützt Autoren und Verleger dabei, neue Zielgruppen zu erreichen. 
Den gesamten Buchtext können Sie im Internet unter|'http: //books .google.comldurchsuchen. 














i any io)” BRETT ARE — 

226. SNIOKIOKIORIONOIS 
N 

(9) 

—* 





der Bibliothek 
des Prof. a. d. Aniv. Leipzig 
. Auguft Cesfien 


* 3. Zuli 1840 
f 20. Gept. 1916 























“ 





Die Gefänge der Serben. 





Die 
Sefänge der Serben. 
Siegfried Kapper. 


Erfter Theil. 


— — — — —— — — 
Leipzig: 
F. N. Brockhaus. 
1832. 





PG 
4066 

.G5 
KI? 
v.l-2 








GL. 
15522 
erh 
PAN-RE 


. ©t. taiferlihen Hoheit, 


dem Großfürften 


Konflantin Hicolajewitfc, 





“7 


Inhaltsverzeichniss, 


© 

Eeite 
Einleitung. . - - ser er ee ernennen eure BR 
Sremdwörter und geographifhe Notizen... . . . ee ren... KXXl 

| Die Jakſchitſche. 

Jakſchitſch Todor. 00000000 rennen 3 
Jakſchitſch Stjepan ...... ............. ....... 17 
Jakſchitſch Dimitriie - 222 oc nee een en rer r. 31 
Jakſchitſch Bogdan.. . or... 38 
Der beiden Jakſchitſch Frauenn............... 42 
Janko der Cataraner und ſein Sohn Stojan Jankowitſch. 
Janko von Cataro „oo 000m nenn .. #9 
Wie Stojan Jankowitſch die ihöne Statia erwirbt. or... . 60 


Wie Jankowitſch Etojan aus der türkiſchen Gefangenſchaft heimkehrt. 74 
Starina Rowal und fcine Söhne. 


Barum Nowak Haidufe wird.. .......... 83 
Wie Grujo verkauft wird.... 87 
Wie Radiwoj von Nowak ſcheiden wil 8 
Wie Nowak das Land von Mehmed dem Mohren befreit... . . 99 
Wie Grujo ſeiner Bundesſchweſter Ikonia beiſteht.. ...... 102 
Wie Grujo freit 2.00 oo 110 
Bon Gtujo's trenlofer Lieben .... 2... .0eeerenennne 123 


Zehn BSaiduken. 


Mihat der Hirt. 
1. Wie Mihat Haiduke wird 4 137 


— VI — 


3. Wie Mibat mit dem Paſcha ſprich. 140 
3. Wie Mihat dem Wide Danitſchitſch das Leben rettet. .. 144 
Der kleine Radoiza. 


1. Wie der kleine Radoiza feine erfte Liebe freit ....... 150 

2. Wie der Heine Radoiza gefangen if, und feine zweite Liebe 
freitt oo 0ce een. ern n en 152 
3. Die Witwe und das Waislein des Heinen Radokja ....19 
Iwo der Haidukfe........ 163 
Meifter Manoio ... .. . rennen 172 
Wifchnitfch Iowan . oo mc ae en 178 
Rado von Sofol...... FE 185 
Saiduk Wukoſaw's Ehfru ..-.. 02er rennen 1% 
Mato der HSowwate .....- ernennen u. :) 
Luka Galowran.............. .......... 207 
Bujadin und feine Söhne ... 2: r rer rennen , 210 

Iwo ber Beflgger. 

Wie Imo ein Weib bekommt......... .. 215 
Die Iwo mit Wuiſchko Ljubitſchitſch glücklos kämpft ....... >.) 
Bie die Zengger jagen oo. core. .. 42 
Wie Iwo zum zweiten male freit und Thabia ſich von ihm losſagt 245 
Two des Zenggers Schweſter. 8 
Der junge Mariaen...... ... + DB 
Wie Iwo ſtirbt. ......... %1 
Erläuterungen . eo 20er en. er rerenens 2365 


— — nn 





Cinleitung. 


Die Folgenden Blätter haben nicht den Zweck, eine 
bisher nicht gefannte Richtung der Volkspoeſie befannt zu 
geben und deren Eriheinungen in der Literatur einzufüh⸗ 
ren. Dies bat fon Goethe getban und nah ihm Die 
Zaloj, und zwar jener mit einem ebenfo merkwürdigen 
und fidern Herausfühlen des tiefpoetifhen Elementes, wie 
dDiefe mit ausgedehnter und tiefer Sachkenntniß. Es fol 
in ihnen an die Mittheilungen, namentli der Legtern, 
nur angefnüpft, der von ihr betretene Weg weiter ver: 
folgt werben. " 
ben glaube, von dem id bei der vorliegenden Arbeit aus⸗ 
gegangen, halte ich es für nicht überflüffig, den Gefängen 
felbft einige Bemerkungen über das ferbifhe Lieb über: 
haupt voranzufenden. 

Der ferbifhe Volksſtamm gehört, nad den Ergebniflen 
fharffinniger Zorfhungen auf dem Gebiete der Alter: 


Indem id hiermit den Standpunft angedeutet zu har 


— X & 


tbumöfunde, mit zu den früheften Bewohnern Europas. 
Die wenigen Landftriche, die diefer Stamm nunmehr inne 
bat, find nur ein Pleiner Theil der Gebiete, über die er 
ebedem ausgedehnt war, Einer der geiftreihften Forſcher, 
und feinem Beifpiele folgend auch andere Gelehrte, glau⸗ 
ben fogar in ihm den Urftamm aller Slaven Europas 
erfennen zu müffen. 

At und urfprünglich, wie diefer Stamm, ift audy feine 
Art zu didten, und: es unterliegt feinem Zweifel, daß die 
ferbifhe Rhapſodie, felbft in der ganzen Zorm und Weile, 
wie fie noch heutzutage lebt, ſchon in den früheften Bei: 
ten von den ferbifchen Sängern gepflegt worden fei. Dar: 
auf deutet, was die äußere Form anbelangt, die auf: 
_ fallende Identität zwifchen dem ferbifchen Liede und den 
älteften Dentmälern flavifher Poefie in der Koͤniginhofer 
Handſchrift, im Igor. der Ruſſen u. f. w., darauf die 
innere, geiftige Verwandtſchaft deffelben mit den lestges 
nannten Didtungen hinz darauf dad reihe mythifche 
Element in der ferbifden Poeſie; darauf die tiefin- 
nere Berwandtfhaft mit der Urform der Iliade und 
Odyſſee, der griechiſchen Rhapſodie nämlih; darauf auch 
noch, wiewol nur in untergeordnetem Grade, die Be⸗ 
nugung eines muſikaliſchen Inſtruments zur Begleitung 
- der Gefänge, das in feiner toben Einfachheit gewiß nur 
aus einer fehr früben Zeit ftammen kann, ver Gusle 
nämlih, fomwie der merfwürdige Umftand, daß, wie bei 


— xa ⸗⸗— 


den Griechen und auch noch bei den Spaniern, die Blinden 
die Träger des Geſanges, und „Blinder“ und „Sänger“ 
identifhe Begriffe find. 

Die Älteften Städe der Königinhofer Handſchrift, 
ans dem 9. Jahrhundert ftammend, baben benfelben 
ftrophenlo8 aufeinanderfolgenden, ungereimten, zehnſylbi⸗ 
gen Bers mit dem Abfabe nah der vierten Sylbe, wie 
ibn das ferbifhe Lied hat. Die Darftellungsmweile, der 
ftoffliche Inhalt iſt zwiſchen beiden von mehr als zufälli= 
ger Aehnlichkeit. 

Die durchwegs heidniſche Wila, die in dem ſerbiſchen 
Liede eine ſo ausgedehnte Rolle ſpielt, kann in die ſer⸗ 
biſche Poeſie nur aus vorchriſtlichen Zeiten mit herüber⸗ 
gebracht worden ſein, da ein Volk nicht ſo wie Kunſtdich⸗ 
ter beliebige, ihm ferngelegene Goͤttergeſtalten in ſeine 
Dichtungen aufnimmt, wol aber die ſeinen aus fruͤhern 
Zeiten im Gedaͤchtniſſe behalten kann, wie dies namentlich 
die Sprichwoͤrter der Slaven bezeugen. Die Uebertragung 
von Begriffen eines ſehr ausgedehnten Naturcultus auf 
dad Ghriftenthum, deffen Gott und deſſen Heilige kann 
nur aus den Zeiten der Berbreitung des Ghriftentbums 
unter diefem Volke ftammen, und zeigt wie ſchwer es 
ihm geweſen, fi von feinen alten Göttern zu trennen. 
Die Poefie war das einzige Gebiet, auf dem ed feinen 
alten Gultus noch anhängen Fonnte, und auf diefem nahm 
ed denn cine Berihmelzung des Alten mit dem Neuen vor, 


+ MI 


indem ed Gott wiederum perfonfficirte, und feinen Beilis 
gen die Eigenſchaften der ſcheidenden Raturgötter nebft ih⸗ 
ren Zunctionen beilegte, 3. B. dem heiligen Elias den 
Donner, der heiligen Maria den Blit, dem heiligen Pan- 
teleimon die Stürme, dem heiligen Georg den Frühling 
u. f. w.; Umftände, die das Alter der ſerbiſchen Poeſie 
wenigftens auf die Zeit, der Einführung des Ghriftenthums 
bei den Serben zurüdführen, folgeridtig aber weit über 
diefelbe hinausrüden Laffen, da ja offenbar eine Poefie 
mit dergleihen mutbifhen Elementen früher dageweſen fein 
muß, wenn dieſe in dad Gäriftentbum mit himüberge- 
nommen werden follten. 

Ein gefungened Denkmal aus diefer Vorzeit ſerbiſcher 
Poefie ift uns jedoch nicht übergefommen, wenigſtens bis 
jegt nit befannt worden, wenn man nicht das Alter der 
Kralice, Königinlieder”), die ald Nachkläͤnge des ehemaligen 
Koturcultus bei gewiflen Anläflen noch gefungen werden 
und die wol ſeither mande Umwandlung erfahren haben, 
fo weit binausrüden will 

Die älteften Denkmäler dürften die Lieber gemiſcht 
chriſtlichen und naturreligiöien Inhalts fein, wie 3. ®. 
das Lied von der Bertheilung der DObforge über die Gü⸗ 
ter und anderer Functionen unter die Heiligen dur Gott, 


—-- — — — — 


*) Siehe W. Gerhard's„Wila“. 


— 1 — 


der zu biefem Mehufe eine Merfaramiung in den im: 
mel beruft, und ähnlide. °) 

Selbſt aus den Zeiten griechiſcher und roͤmiſcher Herr⸗ 
fhaft ift in das Gedaͤchtniß des Befanges kaum mehr übers 
gegangen, ald Erinnerungen an Konftantin, Zrajan, Dips 
cletian, wiewol fon ber Umftand, daß fi diefe bis auf 
unfer Iabrbundert, und. zwar blos im Munde des Bolks, 
obne daß fie je aufgezeichnet worden wären, erhalten ha⸗ 
ben, darauf hindeuten, wie viel und sie allgemein ſchon da⸗ 
meld Hefungen worden fein muß. | 

Dad 14. Jahrhundert iſt der fernfte Moment, bis 
zu welhem dad Gedaͤchtniß des ſerbiſchen Geſanges zurück⸗ 
reiht. Es find dies die Tage, in welden eine mächtige 
Dynaftie, die der Nemanja’s, das bis dahin non Make: 
donien, dann von Griechenland, fpäter von Rom und zus 
legt von den oftrömifhen Amperatoren beherrſchte, und 
zu Zeiten, wo dies nicht der Fall wer, nie felbftthätig her: 
oortretende Bott zu einer gewiſſen Gelbftänbigfreit und 
Bedeutung zu erheben begann; die Zage Duſchan's des 
Starken und feiner Nachſolger bis anf das Windringen 
der Zürken in Europe, and in beffen Folge den «bermeliz 
gen Verfall der ſerbiſchen Macht am Ende des Jahrhun⸗ 
dertö unter Lazar, dem ledten ſerbiſchen Zaren. 

Die Lieder aus jener Zeit find zum größten Theil 


) Siehe Talvj, Serbiſche Volkslieder“. 


— XV — 


in den Büchern ber Zalvj bereits mitgetheilt, und haben 
in den Borlefungen über flavifhe Literatur u. |. w. durch 
Mickiewicz eine wenn auch nicht erihöpfende, doch zu 
ihrem Belanntwerden viel beitragende Würdigung gefun- 
den. Sie reihen ſich alle mehr oder minder unmittelbar um 
das Ereigniß auf dem Zelde von Koſſowo (Schlacht zwi: 
ſchen Lazar und Murad am 15. Juni 1389), mit welchem 
das Leben Lazar’s und mit diefem die Selbſtändigkeit des 
ferbifhen Volks fließt, und bilden mit den Abenteuern 
des überjebenden Königfohnes Marko die Kragmente eines 
großen nationalen Epos, wie einft die Rhapſodien vom 
Trojanerzug jene der Iliade und Odyſſee. 

Der Umftand einerfeits, daß ed nicht in meiner Abſicht 
lag, bereits von der Talvj Mitgetheiltes zu wiederholen, 
anderfeitö die Bearbeitung der Creignifle dieſes Zeitrau⸗ 
med in einer andern Weife, zu der mid, das Intereffe das 
für lange vorber führte, ebe ih an eine Arbeit vorliegen- 
der Art dadte*), beftimmten die Ausſcheidung der Lieder 
von Kofſowo und von dem Königöfchne Marko aus der 
vorliegenden Sammlung, und den Beginn diefer mit der 
Zeit unmittelbar nad beiden, alfo mit dem Ende des 14. 
und dem Anfange des 15. Jahrhunderts. 

Die Geſänge diefer Zeiten find aud ganz verſchieden 
oon den beiden erftgenannten großen Liedergruppen. 


*) „Bürft Lazar, epifche Dichtung nad ſerbiſchen Helden: 
gefängen‘‘ (zweite Auflage, Leipzig 1852). 





—d XV 9 


Während in diefen ledtern hoher Heldenſinn, tiefin- 
nere Religiofität, der heilige Muth der Gelbftaufopferung, 
berrlichfte Männlichkeit und Lieblichfte Weiblichkeit die vor⸗ 


berrichenden Elemente find, treten in ben fpätern Geſaͤn⸗ 


gem ganz andere Eigenſchaften und Eharakterzüge in ben 
Bordergrund. Jene enthalten die Erinnerungen eines nun⸗ 
mehr unterdrüdten Volks an feine Größe und Freiheit, 
diefe die Beſchauung der jammervollen Gegenwart, der 
Knechtſchaft, des Elends. 

Nur noch kurze Zeit nah der Schlacht bei Koffowo 
friftete ein Theil des’ ſerbiſchen Bolkes unter Zürften, die 
eben nichts mehr ald die Steuereinnehmer der Pforte wa⸗ 
ren, ein Scattenleben von Selbftändigfeit. Bald gab 
fih die unmiderftehliche Gewalt des Halbmondes in all ih: 
ver Schwere Fund, und die Wirkungen blieben nidt aus. 
Ein Theil des ferbifhen Stammes, namentlid der vor- 
nebmere , nahm den Islam an, um im Befise feiner Gü- 
ter zu verbleiben. Hier und da thaten ganze Landftreden 
das Gleiche. Ein anderer Theil wanderte über die Same 
und Donau, und rettete Leib und Glaube in ein fremdes 
Land. Noch ein anderer Theil blieb in den alten Wohn⸗ 
fiten, um dem Scheine nad) das Joch völliger Rechtloſigkeit 
und unbegrenzter Verpflichtung zu tragen, in Wirklich⸗ 
feit aber einen biutigen Rachekampf gegen den Unterdrüder 
der Zreiheit zu beginnen. In demfelben Mafe ald der 
Uebermutb der Sieger wuchs, nahm dieſer Kampf an Er⸗ 


+ WM — . 


bitterung zu. Die zum Islam übergegangenen Serben, 
nunmehr neben dem Türken die Alleinbefigenben des Lan⸗ 
des, legten niht nur bald alle chriſtliche Sitte ab, fondern 
wurden noch härtere Verfolger ihrer Kriftliden Stammes⸗ 
brüder, als die Türken felbft. Der Kampf gegen fie und 
die Türken wurde zur Tugend, ja zur beiligen, fich forts 
erbenden Pflicht, und es entftand das Haidukenthum, das 
fid mit Hintanfepung jeder andern Beihäftigung und mit 
Entjagung auf den Frieden des Haufes fowol ald auf das 
Glück der Familie dDiefen Kampf zur Lebensaufgabe machte. 

Ein übermüthiger Spahia (Grundbefiger), ein wolluͤſti⸗ 
ger Paſcha, ein habſüchtiger Aga fiel einem Maja ins 
Haus, nahm ihm feine beiten Rofle, feine Waffen, fein 
Geld ab und Ihändete ihm zuledt das Weib oder Die Tochter. 
Er that Died, weil er fih als Moslim und Herr des Bo⸗ 
dens bierzu vollkommen beredtigt glaubte. Der auöge- 
plünderte Maja floh ind Gebirge, ſteckte dort feine Fahne 
aus und fammelte ein Häuflein glei Unglücklicher und 
glei Muthiger um fih. An einer unzugängliden Stelle 
deö Gebirges wurde ein nothbürftiger Aufenthalt bezogen, ein 
paar entäfteter, an eine fleile Felswand gelehnter und mit etwas 
Reiſig und Heu bedeeter Baumftämme gaben eine Hütte ab. 
Entweder zog nun der Beleidigte geradezu vor die Höfe feines 
Feindes, brannte diefe nieder, erſchlug den Webelthäter 
und plünderte ihn and, oder er wartete bie Gelegenheit 
ab, daß er ihm irgendwo begegne. Genug daran, er ließ 


— XVII > 


nit ab, bis er feinen Säbel in das Blut des Feindes 
getauft. Hierdurch wurde feine Lage nur noch unficherer. 
Alles, was einen islamitifhen Namen trug, verſchwor fid 
gegen ihn, und es blieb ihm nichts übrig, als den Wald 
zu feinem zeitlebenslangen Aufenthalte und das Wegelagern 
zu ‚feinem Geihäfte zu mahen, und den einmal begonnenen 
Kampf fortzufegen. Haiduken, die fih durd Muth und 
Entſchlofſſenheit oder fonft irgend eine Zertigfeit im Kampfe 
berrorthaten, fammelten oft eine ſehr zablreihe Schar 
(deta, druZina) von glei Entſchloſſenen um fi, und 
wurden als Harambaſchen, d. i. Hanptleute derfelben, der 
Schrecken von ganzen Landſtrichen. Selbſt Paſchas und 
Veſire verſchmähten ed dann nicht, mit ihnen in gutem 
Einvernehmen zu ſtehen. Bei der Raja aber ſtanden ſie 
in nicht geringerm Anſehen, als einſt jene Ritter des 
Weſtens, die ſich den Kampf mit den Saracenen zur Le⸗ 
bensaufgabe machten. Der Begriff eines Näubers von 
dem eined Haiduken wurde ſtreng gefondert. Raub und 
Diebſtahl find fhmählihe Gewerbe; ind Gebirge gehen 
und Haidufe werden ift ein Unternebmen, das Anfeben 
und Ehre bringt. Die Naja ſieht im Haiduken den Ein- 
zigen, der irgend etwas gegen den Uebermuth und bie Ge: 
waltthätigfeit der Türken vermag, fie fieht in ihm ihren 
einzigen Schut, ihren einzigen und fihern Mäder. 

Diefer Zuftand nun im Bereine mit der Spaltung des 


ſerbiſchen Stammes in Folge feiner Unterjohung Fonnte 
1. * * 


—9 XV 9 


auf den Gefang nit ohne Ruͤckwirkung bleiben. Richt 
nur mußte die Sprade der Serben, die fi bis dahin, 
einige Gräcismen abgerechnet, die in Folge kirchlicher Ber: 
bältniffe Eingang gefunden, in voller Reinheit erhalten 
hatte, dur eine Unzahl türkiſcher Worte dieſes Borzuges 
verluftig werden, fondern der Zwielpalt auch im Weſen 
der Poefie felbft an’d Tageslicht treten. 

Die zum Islam übergetretenen Serben, die zwar dem 
Glauben an dad Kreuz, nit aber auch der Sprade ihres 
Stammes und dem Befange entjagt hatten, ließen bald in 
ihren Gefängen das islamitiſche Element .vorwalten. Sie 
fangen die Befiegung der Chriften. Ihre Helden waren 
gläubige Mohamebaner, die Stoffe ihrer Lieder Unters 
drüdung der Raja, Erhebung und Lobpreis islamitiſcher 
Kämpfer. In den Liebeöliedern fpiegelte fib nah und 
nad jene ganze Sinnlichkeit und Leidenihaft ab, wie fie 
hinter den Gittern der abgefhloffenen Zrauenftuben früb- 
zeitig erglimmt und fortglüht. 

Im Gegenfahe zu ihnen fangen die dem Ehriftenthum 
Zreugebliebenen ihren Widerſtand gegen die Türken, ihren 
Kampf gegen die Gewalttbäter, erhoben und feierten das 
Chriftentgum und priefen die Thaten ihrer Borkämpfer, 
der Haiduken. 

Hierzu kam noch die Berührung mit andern Nachbar⸗ 
völfern, namentli an den Küften Dalmatiend, wo die 
Serben Jahrhunderte lang im inzigften Berfehre mit ganz 








— XIX — 


Italien, insbefondere aber mit der Republik Venedig ſtan⸗ 
den, ein Einfluß, der ſich nicht nur in den Stoffen vieler 
Heidengefänge, z. B. in dem Liede von der Hochzeit des 
Iwan Zernoewitſch kundgibt, ſondern mehr noch in der 
ſchwungvollen, rhetoriſchen Sprache der Liebesgeſaͤnge, Tod: 
tenklagen und Tiſchgeſpraͤche der Bewohner Dalmatiens, 
und der ſich fogar auf Wendungen, Gedanken und Bilder 
erſtreckt, die dem Kenner italieniiher Volkspoeſie nicht 
leicht entgeben. 

Die meiften vdiefer Lieder aber haben hierdurch in 
vielfadher Beziehung, und nicht nur in ethiſcher, fondern 
auch in politifher, eine nicht geringe Bedeutung für die 
Kenntniß des flavifden Süden gewonnen. Mehr ald Schil⸗ 
derungen und Erzählungen find fie im Stande nit nur 
ein lebendiges Bild der Sitten, Gebräude und Lebensart 
des ſerbiſchen Volks aufzueollen, in deflen Weltanſchauung 
und Moral tiefe Blide zu geftatten, fondern aud die po⸗ 
litiſchen Zuftände zu beleuchten — freilih nit, wie fie 
der Diplomat, fondern wie fie das Wolf ſelbſt auffaßt. 
Es gibt fogar einzelne Lieder, wie 3. DB. jened von dem 
mostowisifhen Gefchenfen und türkiſchen Gegengeſchenken. 
die einen durchaus tiefen politifhen Sinn haben, und bie 
mit merkwürdigem Bolköinftincte das Ziel bezeichnen, dem 
alles Ehriſtenthum in der Türkei entgegenftrebt. 

Und diefe Bedeutung ift ed auch, die ih hier zunächſt 
als den Anlaß zur vorliegenden Sammlung bezeichnen muß. 

xx 2 


— XXX — 


Denn am Ende iſt es ja nicht die metriſche Form, nicht 
das Bild allein, um deſſenwillen wir uns für die Gefänge 
anderer Kationen intereffiren, fondern chen. mebr die tiefe 
Einſicht, die fie in die ethifhen und focialen Zuftände, in 
die Denk⸗ und Fühlweiſe, in die Geſinnungs⸗ und Hand: 
Iungsart, in die Anfihten über Leben und Recht eines 
Volks gewähren. Daher aud, diefes Alles zugleih mit 
der Zorm zur Anſchauung zu bringen, mir die Aufgabe 
| ſchien, die man ſich bei der Mittheilung von Poefien frem⸗ 
der Bölker zu ftellen bat; eine Aufgabe, die allerdings 
dur eine lediglih wortgetreue Berfificirung einer unter- 
legten mwortgetreuen Berfion kaum zu Löfen fein bürfte, 
wie dies namentlidh bei den ferbifhen Gefängen fo oft und 
erft in neuefter Zeit von zwei bekannten öſtreichiſchen 
Dichtern verfuht worden, fondern nit minder die genaue 
Kenntniß des Volks felbft und feiner Sprache erheiſcht, 
als etwa eine Ueberſezung der Iliade oder des zerftörten 
Jeruſalems die der griechiſchen und italienifhen Sprache 
und das Verſtaͤndniß des griechiſchen und italieniſchen 
Volkes und ſeines Geiſtes. 

Günſtige Zufälle ſetzten mich frühzeitig in die Lage, 
mich zuerſt mit der Sprache, dann mit der Poeſie und end⸗ 
lich mit der Sitte und Weiſe des ſerbiſchen Volks ſelbſt in 
unmittelbarem Verkehre vertraut zu machen. Ob es mir 
gelungen, dieſe Erwerbniſſe in jener Weiſe zu verwenden, 
die ich mir als die einzig richtige bei der Vermittlung von 


— XI æ— 


Bolks poefien denke, mag dem Urtheile der Kenner anheim⸗ 
geſtellt ſein. Was ich nur noch hinzufügen möchte, bezieht 
fich auf die Anordnung und auf die Form der Gefänge. 

Die meiften der im Folgenden mitgetbheilten Gefänge, 
deren Driginale fih in der jüngften Sammlung des ver: 
dienftreiden Wuk Stefanowitih Karadſchitſch vorfinden 
und von denen ich einen großen Theil felbft zu hören Ge⸗ 
legenheit hatte, ftammen aus dem heutigen Fürſtenthum 
Serbien, aus Bosnien, aus Dalmatien, aus den Grenz⸗ 
orten der Herzegowina, aus Montenegro, dann aud aus 
Slavonien, Syrmien, der Batihfa und dem Banate. Aus 
dem Innern der Herzegowina und Bosniens fteht noch 
eine reihe Ausbeute zu erwarten- Am reidften dürfte 
Dalmatien vertreten fein, am menigften das öſtreichiſch⸗ 
ferbifde Gebiet, wo der Sinn für Bolksgefang in Folge 
unförderlider Einflüffe allmählig auszufterben beginnt. Ich 
babe bei allen die Anordnung getroffen, daß jene Gefänge 
die von einem und demfelben Helden gefungen merden, 
in eine. Gruppe zufammengeftellt erſcheinen, um fo ein 
möglihft klares Bild davon zu geben, wie er im Gedaͤcht⸗ 
niffe des Volks fortlebt. 

Was die metriſche Form anbelangt, ſo muß ich der 
Anſicht, der Trochaͤus, deſſen ich mich nad dem Vorgange 
Goethe's und der Taloj bediente, ſei dad Element derſelben, 
vorbeugen. In Wirklichkeit kennt der ſerbiſche Gefang in 
feinen Bellen blos eine beftimmte Zahl von Sylben, wie 


— Xxxu e— 


dies z. B. auch im italieniſchen Geſange der Fall iſt, ohne 
Ruͤckſicht auf deren Länge und Kürze. Die Annahme des 
fünffüßigen Trochaͤus, nad dem Vorgange Soethe’s, ift ein 
Grgebniß der leihtern Behandlung und des dem deutſchen 
Ohre wohlthuendern Falles. In den Heldengelängen iſt 
der zehnſylbige Vers mit dem Abſatze nach der vierten 
Sylbe der durchaus herrſchende, und eine metriſch treue 
Berfion müßte nicht nur dieſen Einſchnitt, wie dies 2. A. 
Frankl in feiner ,„„ &usle” *) verſucht hat, fondern aud den 
ganzer daktilifchen Wellengang der Sprache nachzubilden ſu⸗ 
den; was theils unendlich ſchwer, theils unmöglich, ftets 
aber dem deutſchen Dhre nichts weniger ald wohlthuend , 
wäre. Als Beifpiele der rhythmiſchen Bewegung dieſes Zehn: 
ſylbenmaßes mögen bier einige Zeilen folgen: 


— — —9 — \/ u — WW 
Gleda njega | Budimska kraljica, 
Siehet ihn die Königin von Budim, 


Pa doziva | Jakäida Todora: 
Rufet glei (hernieder) Jakſchitſch Todor: 


— — I — NN NZ. 
Oj sokole | Jaksicu Todore! 
Jakſchitſch Todor, o (du edler) Falke! 


*) Wien 1851. 


—9 XXU 9 


— U U — — 
Jesi li se | more ozenio? 
Haft du, Närrhen, fhon ein Weib genommen? 


Ne — Y U — NT un u \/ u 
Ja djevojku | za se isprosio? 
Oder (do) ein Mädchen dir erbeten?’ 


Manmichfacher ift die Sylbenzahl bei ven Inrifchen Ges 
fängen. Es findet fi die achtſylbige, im deutſchen durch 
den vierfüßigen Trochaͤus erfehte Zeile; es findet ſich die 
zwoͤlfſylbige mit dem Abſchnitte nad der ſechsten und auch 
nach der achten Sylbe vor; endlich auch die kurze ſechsſyl⸗ 
bige Zeile u. a. m. Auch der Refrain iſt gekannt, jedoch 
nur zwiſchen den einzelnen Zeilen, und aus bedeutungds 
lofen Interjectionen, einzelnen Worten beftebend (II, 224). 
Ja, es gibt fogar Strophenlieder (1, 255), doch blos in 
der Art, daß eine Strophe ganz fo wie die andere lau 
tet, blos mit Aenderung eines oder des andern Wortes, 
das ſich auf eine ſtets andere Perfon oder Sache bezieht, 
fo 3. B. daß in der erften Strophe vom Vater, in der zwei⸗ 
ten von der Mutter, in der dritten vom Bruder, von 
Allen aber daffelbe gefungen wird, und die lebte Strophe 
eine Antithefe, meift mit Bezug auf den Geliebten, ents 
halt. 

Diefes vorandgefegt, ift in dem Folgenden dad Mes 
trum der Driginale durchgehends wiedergegeben. 

In fo hohem Grabe die poetilhe Seite, . der Bert 





— XXIV — 


möchte man fagen, der ſerbiſchen Gefänge 

in fo geringem ift es der Gefang jelbft, 

Seite. Es ſcheint, als ob Vortrefflichkeit 

Bortrefflihkeit des Gefanges in der Poefie 

felten oder nie Hand in Hand gehen follte 

muß die Thatſache auffallen, daß in demfelben 

chem die Geläufigkeit der Kehle cultivirt w 

nen Völkern der poetifche Gehalt des Gefun« 

als ob die Uebung der Kehle, das ⸗Sinnen 

Iodien, dad Bemühen fie ſchön vorzutra 

zu ſehr in Anſpruch nähme, als daß er 

dichten könnte; oder als ob ein Theil di 

die Melodie abforbirt, und daher weniger 

fagt würde. Man kann dies bei den Italieı , 
und überall, wo auf den Geſang mehr geachtet wird als 
auf das Wort. 

Anders ift dies bei den Serben. Ih weiß nicht, ob 
bier die Unbedeutenheit der Melodie die Poeſie bei voller 
Kraft erhalten, oder die mächtige Poeſie die Melodie nicht 
bat auffommen laſſen. Wahrſcheinlicher ift das erfte, und 
bat feinen Grund in der hoöchſt geringen Pflege, die der. 
Mufit unter den Serben überhaupt zugewandt wird. Dem 
Gottesdienfte ift fie faft ganz fremt. Sie bat daher auch 
feinen Weg ind Leben gefunden und friftet fi nur dürf- 
tig mittel der Sadpfeife bei Tänzen, mittel der Tams 
burine bei Hochzeiten und der Gudle bei den Gefängen, 


— KAXV 7 > 


während bei Bölkern, bei denen Muſik einen wefentliden 
Theil des Gotteöpienftes ausmacht, diefe wol tief ins Le⸗ 
ben eingedrungen ift, in demfelben Maße aber aud ter 
Volkspoeſie Abbruch gethan hat. Der einzige Stamm, der 
etwa hiervon eine Ausnahme macht, wären die Kleinruffen. 

Die Weife nun, nad welcher die Heldenlieder gefungen 
werden, ift in verſchiedenen Gegenden verſchieden, ftetö je- 
doch fehr einfach, fi zwiſchen wenigen Tönen bewegend, 
beliebig mobulirbar, und fi nur bei widtigern Momenten 
oder Inrifhen Stellen zu etwas mehr melodifhem Gange 
erhebend. Sie lautet nah dem, was id vom Munde eis 
nes Sängers in Syrmien aufzuzeichnen Gelegenheit hatte, 
etwa ſo: 





Vi-no pi-je Mu-sa Ar-ba-na-sa 
Kuͤh⸗ len Wein trindt Mu = fa XAr=ba= na = fa 








Seesen 


U Stam-bo-u "u kre-mi bi -je - loj; 
zrinft zu Stambol in der mweisfen Schen-te; 








— — —— —— — — — — nn — — 














Kad se Mu-sa na-ki-ti- jo vi- na, 
As des Weines er ge= mug ge= truns ten, 


— XXVl — 


— — — — F 
— SH 
On- da po-ce pi-jan bes-je-di- ti. 
Hebt er trunfen al: fo an zu re= den. 


Jedoch hält fi der Sänger hierbei wenig an Noten, 
die er natürlich nicht einmal Fennt, fondern ändert Zeit: 
maß und Tonfolge ganz fo ab, wie ed der zu fingende 
Vers erfobert. Dazu ſtreicht er die einfaitige Gusle mit 
feinem Roßhaarbogen und begleitet feinen Gejang unaus⸗ 
gelegt in folgender Weife: 





und fo fort, 


FT — 
—e⸗ 


— — 


oder auch 








2 


— — 
—— ——— 
ö —ñN — sk — 





— Axvu 9 


— — 


Wie in der. Syibenzahl, fo bieten die lyriſchen Ge⸗ 
fänge au in der Betonung mehr Mannichfaltigkeit. Ein 
getreues Wiedergeben dieſer Betonungen ift jedoch ſchlech⸗ 
terdings unmöglid. Jeder Berfuh, die Melodien durd 
Koten zu firiren, muß fheitern, wenn man nicht durch 
oftmaliges Anhören fih mit den Eigenthümlicdfeiten des 
ſerbiſchen Geſanges voͤllig vertraut gemacht, und aus den 
bis zum Uebermaß angebrachten Coloraturen und Verzie⸗ 
rungen den muſikaliſchen Grundgedanken herausfinden und 
zudem mit jenen Ungewöhnlichkeiten der Harmonie ſich ver⸗ 
ſöhnen gelernt hat, die ein nach den beſtehenden Geſehen 
der Kunft gebildetes Ohr für ebenfo viele Sünden gegen 
den Generalbaß erklären würde. Nicht minder frudties 
ift es meift, nad dem Takte zu forfhen. Wie die Mufit 
der Alten überhaupt, und wie dies jelbft bei vielen noch 
jest befannten alten Melodien der Fall ift, befteht ver 
ſerbiſche Geſang oft nur aus einer Reihe aufeinander fol: 
gender Töne von verſchiedener Länge oder Kürze obne rhyth⸗ 
milde Bewegung, ohne bemerfbaren Einſchnitt. Jedoch gibt 
es au Lieder, namentlidy Liebeslieder und die beim Tanze 
gefungen werden, die hiervon mehr oder minder eine Aus: 
nahme maden, wiewol diefe mehr in den Stäbten, wo das 


a 








und fo fort. 


— XXX e— 


% 
Ohr Gelegenheit hatte, fih an außerſerbiſcher Muſik zu bil- 
den, ald auf dem flachen Lande heimiſch find. Als ein Bei⸗ 
ſpiel der einfachſten und deutlihften Melodien möge die 
folgende hier aufgezeichnet fein, die Ih in Syrmien von 
arbeitenden Mädchen zu hören Gelegenheit hatte: 





Geeigneter jedoh einen Begriff von der Betonungs⸗ 
weife des ſerbiſchen Liedes zu geben, dürfte die folgende 
Melodie fein, die ih in der Nähe von Schabaz von 
dem Munde eines jungen Serben aufzuzeihnen Gelegen- 
heit nahm: 





Hei u-do - vi - - ce 
Ei Witwe, Wit - = lein, 
FE 
ne na-mi-guj- na ne na-mi-guj 


win⸗ke nit und Iod’ nicht, win⸗ke nicht und 





na . me u-do-vi- ca 
lock nicht! Witwe, Wit ⸗lein, 














ne na-mi-guj na me oh oh oh oh 
win-ke nicht und Iod’ nit, o 0 0 o 


oh oh oh ne na- mi-guj na me. 
o o 0 0 winke nicht und lock' nit! 





Durch Anmerkungen und Erklärungen babe ih den 
Umfang der folgenden Blätter nicht vergrößern zu follen 
geglaubt. Die Taloj in ihren „Volksliedern der Serben” 
und Rande in feiner „Geſchichte der ferbifhen Revolution‘, 
ferner das Buch „Montenegro und die Montenegriner‘’ 
theilen ſoviel über ſerbiſche Sitte und ſerbiſches Leben mit, 
daß ih bereits Gefagtes nur wiederholen hätte müflen, 
indeg es für Diejenigen, die fi für den Gegenftand des 
vorliegenden Werkes intereffiren, genügt, auf die genann- 


— XIX 0 
ten Werke hinzudeuten. Unerlaßlih jedoch ſchienen mir 
einige Purzgefaßte Andeutungen über Zrembmörter und geo- 
graphiſche Namen, die ih denn aud hier gleich für beide 
Theile des Werkes zufammengenommen folgen laffe, indem 
ich einige wenige Crläuterungen, die ſich mehr auf die 
Lieder im Ganzen und auf Stellen ded Verted beziehen, 
jedem einzelnen‘ Theile angefügt habe. 

Am Schluffe dieſer einleitenden Zeilen fei mir nod 
geftattet, allen Freunden, die durch Mittbeilungen, Beleh⸗ 
rungen, Ausfünfte und Gaftlichfeit an den fernen Ufern 
der Sawe und Donau das Entftehen des vorliegenden 
Werkes fürderten, meinen innigften Dank zu fagen. Ins⸗ 
befondere dankbar fei jedoch der ebenfo anregenden als un= 
terrihtenden Beiprehungen mit den Beteranen der fer- 
biſchen Literatur, Wut Stefanowitfh Karadſchitſch, und der 
ſprachlichen Aufihlüffe feiner Tochter und geiftigen Erbin, 
Wilhelmine Karadihitih, gedacht. 


Mebadia, im September 1851. 


— — —— —— — 


Stemdmwörfer und geographifche Notizen. 


— — — ⸗ 


A. 


Aga, ein türkiſcher Ehreutitel, etwa Herr, Oberer, Ehrenwerther, 
Gührer, der dem Ramen angehängt wird, z. B. Muſtaf⸗Aga. 

Agaluk, die Wirde eines Aga. 

Arſcham (türkiſch), Abend, Abendgebet. ’ 

Alajbeg, ein gewifler Rang unter den Zruppenobern. 

Athos, der befannte Berg in Theffalien, wo der orientaliſch⸗ chriſt- 
lihe Klerus fo viele Kirchen und Klöfter bat. Man zählt ihrer 
bei 500 mit 6000 Mönchen. 

Awala, Gebirge, ſüdoͤſtlich von Belgrad. Der Bad) Iaorifa nimmt 
darin jeinen Urfprung. 


B. 


Balating, ungariſch Balaton, der Plattenſee. 

Ban, Oberhaupt, Keerführer; in den Liedern, namentlid in den 
Dalmatinifhen, auch als Ayoftrophe an die Todten aebraucht, um 
fie zu ehren, 

Banat, der füdöftlihe Theil Ungarns. 

Beg, rin Rangtitel; Oberer. 

“Belgrad, Haupiftadt des heutigen Fürſtentbums Serbien, 

Berdi, 1. Ort in Dalmatien, dm Kreife won Cataro; 2. Gegend für. 
dfliih von Montenegro. 

Boſita, lub. 

Bosne, Sluß im Bodnien, der fih in die Donau ergießt. An ihm 
liegt Sarajewo, welches daher auch Bosna⸗Saraj oder Bosan⸗ 
Seraj heißt. 

Breseianerin, ſerbiſch: Bresa, eine Flinte aus Brescia. Zahl⸗ 
reiche Benennungen, namenilid von Waffen, erinnern noch jetzt 
in der poetiſchen Sprache der Serben an den einſt ſo lebhaften 


—9 XXX 8 


Verkehr zwifhen Serbien und Stallen, namentlid aber der mäd- 
tigen Handelsrepublif von Venedig. Letztere insbeſondere war es, die 
auf ihren Schiffen den Friegliebenden und prunkenden Serben die 
prachtvollſten und koflbarften Waffen zuführte; Waffen, die, von 
Geſchlecht zu Geſchlecht vererbt, noch jegt überall, vorzüglich aber 
in Montenegro und Herzegomina, zu finden find. Daher die Flin⸗ 
ten „ihlanfe Brescianerinnen” oder „Benetianerinnen“ 
wol auch „Dimiſchkinje, Dd.t. „Damascenerinnen”, heißen, 
legtereö wegen bed vortrefflihen Stables. . 


Budim, ungariſch: Buda, die alte Vefte Ofen in Ungarn. 


Bundesbruder. Die tiefe Bedeutung der Familie für Sitte, Leben 
und Poefie der Serben ift bereits vielfach und ausführlich von den 
Schriftſtellern über dieſes Bol hervorgehoben worden, und ich 
babe es in der Eharakteriftiit Marko des Königfohnes (Eüd⸗ 
Havifhe Wanderungen, I, 163) nachzuweiſen verſucht, wie das 
Bolt diefe Bedeutung in dem Prototype feiner Helden zu ver 
törpern gewußt habe. Jedoch als wäre ihm der Kreis, mit dem 
die Ratur die Familie abgegrenzt bat, für die Bedürfniſſe feines 
Herzens noch zu enge, ſucht der Serbe denfelben noch dadurch zu 
erweitern, daß er fih neben feinen angeborenen Brüdern, 
Schweftern u. f. w. auch nod) Brüder und Echweftern auserwählt. 
Es if ihm nicht genug, einen oder mehre Brüder, eine oder 
mehre Schweſtern zu haben ; er braudt nod einen Bundesbruder 
‚«Pobratim), eine Bundesihwefter (Posestrima), ja nicht felten hat 
er auch einen Bundesvater (Poocim) und eine Bundesmutter 
(Pomajka), zu denen er dann im Verhaͤltniſſe eines Bundesiohnes 
(Posinak) fteht. Die Gebräuhe und Förmlichkeiten, unter denen 
vergleihen Berhältniffe geichlofien werden, find je nad) den ver. 
ſchiedenen Gegenden verſchieden. Meift jedoch findet dies an be- 
ffimmten Feſttagen oder bei gewifien Familienfeierlichkeiten, als 
Hochzeiten, Taufen, und bei Tanz und Spiel ftatt. Die Heiligkei⸗ 
ten einer Bundeswahl find für das ganze Leben unverletzlich, und 
man verzeiht ed Iemandem leichter, ſich mit feinem angeborenen, 
ald mit feinem erwählten Bruder verfeindet zu haben. Liebe, 
Wohlthun, Beiftand in Gefahr, Noth und Drangfal, unbedingte 
Gaſtlichkeit, Theilung der Unternehmungen und Abenteuer, Furz 
Alles, was man Pflihten der tdealften, aufopferndften Freundſchaft 
nennen möchte, find Grundgeſetz des Wahlverhältnifies. Niemand 
ift daher verpflichtet, eine angebotene Wahl anzunehmen. Wer aber 
eine angenommen, für den darf es nichts mehr geben, was er für 





u ET 


— XXXU 9 


den Andern nicht thun möchte. Diefe Heiligkeit des Bundesthunes 
it aber and, fo tief in die Ueberzeugung des Serben gedrungen, 
daß er unbedingt und in allen Lagen des Lebens fein vollkommen⸗ 
ſtes Bertrauen in fie feßt, wie er denn auch in Augenblicken der 
Gefahr oder in ſchwierigen Lagen überhaupt zu ihr feine Zuflucht 
nimmt. Soll er mit Jemand kämpfen, mit dem er ed, aus welchem 
Grunde immer, nicht möchte; ift er mit Jemand in Streit gerathen, 
will ihm Jemand Gewalt, Unredt, Leid anthun, fo ruft er ihn im 
Namen Gottes als feinen Bundesbruder an (on ga pobratimi). 

Es gilt dies glei, ald ob er ihn bei Bott und allen Heiligen be» 
ſchwöre. Nimmt der Angerufene den Ruf an, fo hat auch Streit 
und Kampf ein Ende, und der vor einem Augenblide noch fein 
erbitterifier Gegner war, ift num für immer fein treuefter Freund. 
Rimmt er ihn nidt an, fo glaubt der Serbe wenigitens das Sei- 
nige und das Letzte gethan zu haben, was ihm möglich war, und. 
hält fein Gewiſſen nicht im mindeften für beichwert, wenn er auch 
den Gegner erihlägt. „Ich babe ihn bei Gott und dem heiligen 
Zowan Bundesbruder genannt; warum nahm er e8 nicht an?“ 
3a, die Meberzeugung von der Madıt diefes Verbältniffes geht iv 
weit, daß felbft übermenfchlihe Weien, ja fogar Ieblofe Gegen- 
fände, ald Bundesbrüder und Schweftern angerufen werden, wenn 
man irgendwie ihres Beiftandes bedarf. Sanct Nikolaus nennt die 
beilige Maria, Marko die Wila feine „Bundesfchwefter”. Der 
Held, der in den Kampf zieht, nennt fein Schwert, der Flüchtige, 
der durchs Gebirge flieht, fein Roß ,„„Bundesbruder”. Das Mäd- 
then nennt die Sonne „Bundesſchweſter“ und der Knabe, der 
feine” Geliebte fehen mödhte, den Baum „Bundesbruder“; jene, 
damit die Sonne dem Geliebten leuchte; diefer, damit der Baum 
feine Zweige ein wenig zur Seite wende. 


C. 


Carigrad (lied Zarigrad), der flaviihe Name für Konſtautinopel. 
Cataro (lies Kataro), feſte Stadt am ſudoſtlichen Arme des Meerbuſens 
der Boccho di Cataro, ſerbiſch Kotar. 


D. 


Damascenerin, ſ. Brescianerin. 
Delibaſcha, Oberer der Krieger. Deli, Delia bedeutet Krieger, Käm- 
pfer; Baſcha der Obere. 
I. xxx 


—5 XXXIV ⸗— 


Diakon, eine untere Würde ımter den Prieſtern, Araxovnc. 
Diewer, Brautführer, des Bräutigams Bruder. Er bewacht die Braut 
bis zu ihrer Webergabe an den Reuvermählten. Seine Pflicht ift 
. heilig, unverletzlich. 
Dobuf oder Doboj, Ort in Bosnien an der Bosna. 
Dolama, daraus das ungariſche Dolmäny, deutſch geſprochen Dol- 
manj, ein kurzes Meberfleid mit Aermein. 
Drekalowitſch, ein edler Stamm unter den Montenegrinern. 
Drine, Nebenflug der Sawe in Bosnien. 
Dſchamta, der ferbiiche Name für Mofchee. 
Dubrownik, f. Raguſa. 
E. 


G. 


Erdelj, Siebenbürgen. 


Gatjen, weite Beinkleider. 
Gawas, ein Bote, ein Diener, 
Gazko, Gatſchiza, Ort und Gegend in der Herzeguwina, nördlich 

von Montenegro. 
Goleſch, Waldgebirge, wahrſcheinlich unterbalb Ofen. 
Grahowo, Ort in Bosnien an der Grenze von Montenegro. 
Graſchaz, Drt in der Froatifhen Militärgrenze. 
Gratſchaz, ſ. Graſchaz, 

G. 


Bandiar, eine meſſerartige, an der Spitze cunver gebogene, mit ei- 
nem gewöhntich feßr großen und, um das Entwinden zu verhin- 
dern. mit zwei Hauenförmigen Wiederhafen veriehener Handgriff, 
etwa 24— 30 Zoll lange Waffe. 

Sarambafcha, der Anführer einer Haidufentruppe, Ränberhaupt. 
mann; von harati, poharati, verbeeren, plindern. 

Herzegowina, von Kaifer Kriedrich IH. im Jahre 1440 fo genannt, 

Bodſcha und Hadſchia. Das erftere eine religidöfe Würde von ge- 
ringer Bedeutung, etwa wie Rabbi bei den Sfraeliten; das andere 
die Bezeichnung von Leuten, die eine Wallfahrt nach Mekka und 
Medina unternommen. 

J. 


Jajatz, Gegend in Bosnien. Jaitza, Ort in Bosnien. 
Jaorika, Bach im Gebirge Awala, ſüdöſtlich von Belgrad. 





‘ 


— XXV > 


Jefero, der Rame vieler Ortſchaften. Hier wahrftheinlich der in Dil. 
matien. 

Igumen, Kloftervorfieher , "Iyoup.apos. 

Irig, Stadt in Syrmien. 


K. 


Kadi, der tüͤrkiſche Richter — Kadin eigentlich, Kadung, feine Frau, 
aber auch Frau im Allgemeinen. 

Kalpak, eine Pelzkappe mit Agraffe und Reiherfeder, wie fie noch 
jeßt bei den ungarifhen Magnaten üblich iſt. 

Kalndier, xalorepns, Mönd, 

Kapetan, der ferbifhen Sprahe überfommen aus dem miltelalter- 
tihen Capitanus oder dem italienifcheh Gapitaneo, bedeutet die 
Würde von Bezirfs. oder Stadthauptleuten, ohne militärifchen 
Nebenbegrift. - 

Karabogdanien, die Moldau. 

Karawlachten, die Walachei. 

Kawang, die Kaffeeſtube. 

Kjaur, Gjaur, Chriſt im Allgemeinen bet den Mohamedanern. 

Kladuſcha, Ort in Türkiſch⸗Kroatien an der Grenze des Sluiner 
NRNegiments, gegenüber von Zetin. 

KR oder Eliſſa, Ort und feſtes Schloß in Dalmatien, unweit 
Spalato und Salona, das Ardericum der Römer. 

Kliffura, Engpaß; ed fommt diefer Rame vielen Orten und Punkten 
in den Gebirgen Albaniens, Bulgariend n. f. m. zu. 

"nes, Zürft, Oberer, auch Vorſteher eines Ortes. 

Kolaſchin, Ort in der Herzegowina. 

Kolumbag, 1) feiter Ort unmeit Widdin in Bulgarien; 2) Ort an 
der Una im 2. Banalregimente. 

Koffowo, hügelige Ebene am ſüdlichen Abhange des Haͤmus; Sqhlacht⸗ 
feld vom 15. Juni 1389. 

Kowatſchi, deutih: „Unter den Schmieden”, eine der Vorſtädte 
von Sarajewo in Bosnien. 

Kum, Gevatter. Es nennen fi fo Leute, die zueinander im Ber, 
hältniffe der Pathenſchaft fteben. Außerdem if aber auch Kum eine 
der verihiedenen Hoczeitäwürden, mit denen die Anverwandten 
und Freunde des Bräutigams und der Braut von den Vätern 
oder Stellvertretern der legtern behufs der Keier der Hochzeit ber 
Heidet werden. Kumiti koga, Iemanden als Kum anrufen, gilt 

.%% 2 


- 
N 


— XXXV — 


ebenfo als Zeichen des Wohlwollens, der Freundſchaft, der Ber- 
föhnlichfett, der Beſchwoörung, wie das Anrufen ald Bundesbruder. 
Auch Thiere, namentlih Roſſe, fowie. Ströme, Himmel, Erde, 
Sonne u. f. w. werden zu Kumen angerufen. &. den NArtifel 
Bundesbruder. 

Kunar, Kunara, Gebirge in der Nähe von Cataro. 

Kunowitza, Waldgebirge in Bosnien, unwelt von Liwno, nördlid 
von Montenegro, bei dem Orte Kunowo. 


8, 


Rita, Gegend am Öftlihen Abhange des Welebitgebirges in der 
kroatiſchen Militärgrenge. Bon ihr bat der Lifaner Regimentsbe⸗ 
zirt feinen Namen. 

Litra. Als @eld nah dem Wortlaute des Liedes 100 Dufaten, wahr: 
{heinlih jedoh nur türfifhe, den Öftreihifhen nur zum Drittel 
im Werth gleih. Ad Gewicht das Viertel einen Offa, alfo et 
was über ein halbes Öftreigifhes Pfuud. 

Lithurgia, der Gotiesdienft der orientalifhen Kirche, 

Liwno, Drt in Bosnien, unweit der Grenze von Dalmatien. 


M. 


Martolofen. Es iſt mir nicht gelungen zu erforfchen, welchen Ortes 
oder welher Gegend Bewohner darunter verftanden werden. Id) 
muß mid) daher ebenfall3 der Meinung anſchließen, daß dieſer 
Name eine voetiſche Fiction fei. 

Mlawa, Fluß und Gegend in Serbien, öftlihd von Semendria und 
unterhalb Pofharewaz. 

Mlezi (Mletci), der ferbifhe Name Venedigs. 

Morawa, Fluß in Serbien, der unterhalb Semendria in die Donau 
mündet. 

Mogkwa, Moskau in Rußland. 

Moftar, Beftung in der Herzegowina, füdöflih won Sarajewo, an 
der NRarenta. 


N. 


Mala, Gegend in Bosnien. 
Rebeffini, Ort und Gegend in der Herzegomina, nördlih von Mon- 
tenegro. 





— XXX — 


Neboiſcha, das Haus der Jakſchitſche zu Belgrad. 

Nikſchitſch, Ort und Begend an der Rordgrenze von Montenegro. 

Nowi, 1) fefter Ort an der Ina in Bosnien ; 2) alted Schloß in der Nähe 
von Ragufa. In den Gefängen ſcheint das lektere gemeint zu fein. 

Nowi Paſar, Stadt in Bosnien. 


e N, 
Draſchatz, Drafchje, Ort in Bosnien, ſüdlich von Tramnif. 
P. 


Para, die kleinſte Scheidemünze in der Türkei Man rechnet gegen⸗ 
wärtig 10 Para auf einen öſtreichiſchen Kreuzer Conventions⸗ 
Münze, alſo etwa 30 Para auf einen Silbergroſchen. 

Podgorizza, 1) Ort füdwerlih von Cataro, auf den Auinen von Div- 
MHea; 2) Ort in Albanien. 

Yopin, ein Waldgebirge. 

Pofawlije, Gegend an der Sawe. 

Prilip, der Wohnſitz des Helden Marko Kraljemitid, in Macedonien. 

Prisren, Stadt im füdlihen Serbien, ehemals die Refidenz des Für- 
ſten Lazar. 

Prolog, Gebirge in Bosnien. 

Prolom, Gebirge in der Herzegowina. 


Nakia. Branntwein. 

Nibnik, Ort in Serbien, das alte Castra Trajana. 

Rifano, Drt in der Boche di Eataro, ferbiih Risno. 

Romanien, richtig Romanja, Gebirge in Bosnien, wenige Stun, 
den nordöftlih von Sarajewo. 


Sadar, der ferbiihe Name von Zara, 
Sagorien (dad & wie in „fo“ geleien), zu deutfh: „Hinter den 
Bergen“, ein Rame, der fi ſehr häufig findet. Im Liede ift da- 


- 
Sn 


—9d XXXV 8 


ebenfo ald Zeichen des Wohlwollens, der Freundſchaft, der Ber- 
föhnlichfeit, der Beſchwoͤrung, wie das Anrufen ald Bundesbrubder. 
Auch Thiere, namentlid Roſſe, ſowie Ströme, Himmel, Erde, 
Sonne u. f. mw. werden zu Kumen angerufen. &. den Artifel 
Bundesbruder. 

Kunar, Kunnara, Gebirge in der Nähe von Cataro. 

Kunowitza, Wuldgebirge in Bosnien, unweit von Liwno, nördlich 
von Montenegro, bei dem Orte Kunowo. 


Rita, Gegend am öftlihen Abhange des Welebitgebirges in der 
rontifhen Militärgrenzge. Bon ihr hat der Likaner Reginentsbe⸗ 
zirt feinen Namen. 

Litern. AS Geld nah dem Wortlaute des Liedes 100 Dufaten, wahr: 
fheinlich jedoh nur türfifhe, den öftreihifhen nur zum Drittel 
im Werth gleih. Ad Gewicht das Biertel einen Ofa, alfo et- 
was über ein balbes öſtreichiſches Pfund. 

Lithurgia, der Gottesdienft der orientalifdhen Kirche, 

Liwno, Ort in Bosnien, unweit der Grenze von Dalmatieıı. 


M. 


Martolofen. Es ift mir nicht gelungen zu erforfhen, welchen Ortes 
oder welcher Gegend Bewohner darunter verftanden werden. Id; 
muß mid daher ebenfalld der Meinung anſchließen, daß dieler 
Name eine poetiſche Fiction ſei. 

Mlawa, Fluß und Gegend in Serbien, öftlih von Semendria und 
unterhalb Poſcharewaz. 

Mlezi (Mletci), der ferbifhe Name Benedigs. 

Morawa, Klub in Serbien, der unterhalb Semendria in die Donau 
mündet. 

Moskwa, Moskau in Rußland. 

Moftar, Feſtung in der Herzegowina, fünörtlih von Sarajewo, an 
der Narenta. 


Naka, Gegend in Bosnien. 
Mebeffini, Ort und Gegend in der Herzegowina, nördlih von Mon- 
tenegro. 








— XXXVI — 


Neboiſcha, das Haus der Jakſchitſche zu Belgrad. 

Nikſchitſch, Drt und Gegend an der Rordgrenze von Montenegro. 

Rowi, 1) feſter Ort an der Una in Bosnien ; 2) altes Schloß in der Nähe 
von Ragufa. In den Gefängen fheint das letztere gemeint zu fein. 

Nowi Paſar, Stadt in Bosnien. 


. D. 
Draſchatz, Draichje, Ort in Bosnien, ſüdlich von Tramnif. 


P. 


Para, die kleinſte Scheidemünze in der Türkei Man rechnet gegen- 
wärtig 10 Para auf einen öſtreichiſchen Kreuzer Conventions⸗ 
Münze, alfo etwa 30 Bara auf einen Silbergroſchen. 

Podgorizza, 1) Ort ſüdweſtlich von Cataro, auf den Ruinen von Div- 
Hlea; 2) Ort in Albanien. 

Popin, ein Waldgebirge. 

Hofawitje, Gegend an der Sawe. 

Prilip, der Wohnſitz des Helden Marfo Kraljemitih in Macedonien. 

Srisren, Stadt im füdlihen Serbien, ehemals die Nefidenz des Für- 
ſten Lazar. 

Prolog, Gebirge in Bosnien. 

Prolom, Gebirge in der Herzegowina. 


R. 


Nakia. Branntwein. 

Nibnik, Ort in Serbien, das alte Castra Trajana. 

Rifano, Ort in der Boche di Cataro, ſerbiſch Risno. 

Romanien, rihtig Romanja, Gebirge in Bosnien, wenige Stun- 
den nordöftlih von Sarajewo. 


Sadar, der ierbiihe Name von Zara, 
Sagorien (dad & wie in „fo“ geleien), zu deutſch: „Hinter den 
Bergen‘, ein Rame, der ſich jehr häufig findet. Im Liede ift da, 





— XXX — 


mit wahrfheinlih der Ort dieſes Namens in der Herzegowing, 
füdlih von Sarajewo, am Narentaflüächen, gemeint. 

Sarailien, Diener des Serails, Gefolge. 

Sarajewo, Hauptſtadt von Bosnien. 

Saue ebenſius der Donau, Grenzfluß zwiſchen Deftreih und der 

rei. 

Schegawa, ein Bad in der Froatifchen Militärgrenze. 

Scherbet, Sorbetto, ein Fühlendes Betränf, etwa wie unſer Ge⸗ 
frornes. 

@Selam , der türkiihe Gruß. 

Seraskier, oberfter Befehlshaber der türktiihen Truppenmacht 

@eratlien, Gefolge, Hofftaat. 

@erdar, Oberer, Anführer, 

Stenderien , Albanten. 

Smederewo, Semendria, Stadt und Feſtung am vechten ufer der 

Donau, unterhalb Belgrad in Serbien. 

Sofia, die Hauptſtadt von Rumelien. 

Sokol, 1) Ort im noͤrdlichen Bosnien an einem Nebenflüßchen der 
Bosna; 2) Ort in Serbien am rechten Ufer der Divina. 

Spahia, Grundbefiger, Gutsherr. 

Spahiluk, Srundbeiig. eine Herrſchaft. 

Spalato, ſerbiſch: Split, Stadt in Dalmatien 

Stalatſch, Ruinen einer alten Veſte an der Morawa in Serbien. 

Stambol, Konſtantinopel. 

Stariſwat, der ältefte oder auch oberfie Hochzeitsgaſt, da star, alt 
in allen flawiihen Sprachen zugleich den Begriff der Superiorität 
in ſich fliegt, 3. 8. in starjesina, Dorfoberer, pan stary, der 
Oberbrauer in Böhmen u. f. w. 

Stupaniza, Gebirge in der Herzegowina. 

Stupnizza, en Sup. 

Swaten, Hocdzeitögäfte. Sowol von Seite des Bräutigams als der 
Braut werden diefe gewählt und mit den verfchiedenen Gochzeits⸗ 
würden befleidet. 

Swijesda , ein Gebirge. 

GSyrmien, dad Land von der Einmündung der Sawe in die Donau, 
zwiſchen dieſen beiden Flüſſen did gegen Slawonien bin; gebirg- 
reich, fruchtbar, mit vielen ferbifhen Klöftern und römifchen Anti- 
quitäten. 





— XXXX 8— 


z. 


Ternowo, Ort und Befte in Bulgarien. 

Tobdſchien, die türkifchen Kanoniere. 

Trawnik, Stadt, nordweitlih von Sarajemo in Bosnien. 

Trutine, ein Bach, dem Inhalte des Liedes nach irgendwo unter⸗ 
halb Ofen. 

Tſcheleb itſch, Lſcheiebi/Vagar heißt ein Ort in Bosnien, fuͤdöftlich 
von Sarajewo. 

Tſchibuk, eine langröhrige Tabackspfeife. 

Tſchitſchawiza, Gebirge in der Herzegowina. 

Tſchupria, Drt in Serbien an der Morama. 


u. 


Udbiua, Ort in der Lika, in der kroatiſchen Militärgrenze. 
Urumenlia, Rumelien. 
Uſchiza, Ort in Serbien an der Grenze von Bosnien. 


Venetianerin, ſ. Brescianerin. 


W. 


Baradin, Peterwardein, Feſtung in Syrmien. 

Belebit, Küſtengebirge, das ſich von Zengg längs der Küſte des Ot⸗ 
totſchaner und Likaner Grenzregiments am Canal di Montagna 
hinzieht und ſich dann ins Innere von Dalmatien bis gegen Knin 
erſtreckt. 

Sibddin, Feſtung in Bulgarien, am rechten Ufer der Donau. 

Bila, ein feenbaftes weibliches Wefen, das in Wäldern und Gebir- 
gen wohnt und mit den Menſchen zu verkehren pflegt. Es find 
der Wila allerhand Zauberfräfte, fowie auch die Kunft zu beifen 
zugefchrieben. Mit ihr umzugehen, bleibt ftetd gefährlich. 

Silindar oder Chilindar, Kiofter und Kirche auf dem Berge 
Athos, von Stefün, dem Bruder des Stifterd der Dynaftie Nema- 
nitfh, gegründet. Eine Abbildung davon bringt die Illuſtrirte Zei⸗ 
tung (3 ..3. Weber in Leipzig) in ihrer Nummer vom 27. März 1852. 

Winoſch, ein Waldgebirge unterhalb Dfen. 

Branjewo, Ort in der Serzegowina. 


—d . XL — 


3. 


Zagorje, ſ. Sagorien. 

Sara, HKauptſtadt von Dalmatien. 

Zarigrad, ſ. Carigrad. 

Zengg, Stadt in der kroatiſchen Militärgrenze am morlachiſchen 
Kanale, gegenüber der Infel Veglia. 

Bettina, Küftenflug in Dalmatien, mündet in den Kanal von Spalato. 


Die Jakſchitſche. 














Iahfchiffch Coder. 


Säreitet von Budim. einher der König; 
Hinter ibm her aber fhreitet Niemand, 
Niemand ald der einz’ge Todor Jakſchitſch, 
Zührend an der Hand des Königs Nappen, 
Tragend an ſich prächtige Gewänder, 

Ganz belegt mit Gold und reinem Silber. 


Da fie an die ſchlanken Thürme Fommen, 

An die Thürme von Budim, der Beite, 

Sieht ihn von Budim die Königdfrauen, 

Ruft ihm zu vom Thurme: „Jakſchitſch Todor! 
Jakſchitſch Todor, o du grauer Falke! 

Sag’, o Falke, biſt du wol vermählet? 

Oder haft ein Mädchen ſchon erbeten, 

Einem Mädchen deine Treu’ verpfändet?‘ 


Jakſchitſch Todor ihr darauf erwiedert: 
„Frauen, von Budim o Königöfrauen, 
Nicht bin ich vermählet noch, ich Falke, 
Hab' ein Mädchen weder mir erbeten, 
Noch verpfändet einem meine Treue!” 

N) * 


— 4 — 


Da dies aber hoͤrt die Königsfrauen, 
Spricht ſie leiſe ſo zu Jakſchitſch Todor: 
„Jakſchitſch Todor, o du grauer Falke! 
Komm, und nimm dann meine Ikonia, 
Fuͤhr' als Frau fie beim nach deinem Hofe!” 


Da die Rede Jakſchitſch Todor höret, 
Bindet er den Rappen an die Thurmthür, 
Geht hinan zum ſchlanken Thurm gerade. 


Da er hintritt vor die Königsfrauen, 
Nimmt er unter ſeinen Arm die Kappe, 
Neigt ſich nieder bis zur ſchwarzen Erde, 
Holt hervor gleich tauſend Golddukaten, 
Reicht fie dar der Frau'n, der Königsfrauen: 
„Nimm, 0 Königöfrauen, nimm du diefes ! 
Halb ift’s dein, und halb ift’s Ikonia's! 
Will indeß nad meinem Belgrad eilen, 
Swaten mir und Hodzeitöftrauß zu holen!” 
Doch für fpät erft raumt er an die Hochzeit, 
Raumt fie an nad eined Jahres Dauer. 


Steigt hinab dann von dem ſchlanken Thurme, 
Schwingt binan fi auf fein wildes Kampfroß, 
Reitet graden Wegs nad feinem Belgrad. — 


Gcht ein Jahr vorüber unterdeflen ; 

Todor kommt nit, läßt von ſich nichts hören. 
Schwindet eined zweiten Jahres Dauer; 

Todor kommt nicht, laͤßt von ſich nichts hören. 
Wie das zweite, ſchwindet auch das dritte; 
Todor kommt nicht, läßt von ſich nichts hören. 





As nun auch das vierte Jahr erihienen, ' 
Schreitet von Budim der König wieder, 
Hinter ihm ber ſchreitet Swjesditſch Iwan, 
Zühbrend an der Hand des Königs Weißroß. 


De fie Fommen an die ſchlanken Thürme, 
An die Thürme von Budim, der Befte, 
Siehet ihn vom Thurm die Königsfrauen, 
Sieht an ibm die prächtigen Gewänder, 
Ganz belegt mit Gold und reinem Silber, 
Sieht fein Oberkleid, das rundgefledite 
Und mit Schlangen zierlich überflochtne, 
Sieht der Schlangen hoderhobne Köpfe, 
In der Schlangen Mund die Evelfteine, 
Die ihn Laffen ſchau'n bei Racht zu reifen, 
Mitternachts, gleihwie am hellen Mittag, 
(Schöner iſt der Held wie jedes Mädchen!) 
Ruft hernieder aus dem fhhlanfen Thurme: 
. „Yale Iwan von der Befte Swiesda ! 
Bift, o Falke, bift du ſchon vermählet? 
Oder haft ein Mädchen dir erbeten?” - 


Swiesditſch Iwan ihr darauf erwiedert: 
„grauen, von Budim o Königsfrauen ! 
Richt vermählet bin ih no, ih Falke, 
Hab’ auch noch Fein-Mädden mir erbeten!” 


Spridt zu ihm die Königsfrauen alfo: 
„Falke Iwan von der Befte Swjesda! 
- Komm, und nimm dann meine Ikonia, 
Führ' ald Zrau fie heim nad deinen Höfen!” — 


6» 


Einem Diener gibt das Weißroß Iwan, 

Zliegt hinan den ſchlanken Thurm behende, 
Nimmt vom Haupt die Kappe, grüßt geziemend, 
Neigt ſich nieder bis zur ſchwarzen Erde, 

Holt hervor gleich tauſend Golddukaten, 

Reicht ſie dar der Frau'n, der Koͤnigsfrauen: 
„Nimm denn dieſes, nimm's, o Koͤnigsfrauen! 
Halb iſt's dein und halb iſt's Ikonia's! 

Will indeß nach meinem Swiesda eilen, 

Will dort ſammeln buntgeſchmückte Swaten, 
Und eh’ fünfzehn Tage noch verfloffen, 

Siehſt du mid in Budim's weißer Befte!” 
Steigt dann nieder aud dem weißen Thurme, 
Schwingt binan fi auf fein weißes Kampfroß, 
Eilt geraden Wegs nad feinem Swiedda. 


Hört es aber von Budim der König, 

Daß die Kön’gin hingeſchenkt das Mädchen, 

Und um Jakſchitſch Todor thut's ihm wehe. 
ertigt denn ein Schreiben auf den Knien aus, 
endet es an Jakſchitſch Todor eilends: 

«Jakſchitſch Todor, unbeſchiedner Eidam! 

Bierer Jahre Dauer iſt verfloffen 

Seit mein Gold zur Frau dir ward verheißen, 

Und du holſt fie weder, weder ſchreibſt du! 

Sieh’, nun fam und warb um fie ein Andrer, 

Warb dir ab dein Braͤutchen Ikonia! 

Eh’ noch fünfzehn Tage find verfloffen, 

Holt er ed von Budim’3 weißer Befte! 

Drum, 0 Todor, willſt die Braut du holen, 

Sammle ſchnell dir hundert Hochzeitsgaͤſte, 





- 


— 2 — 


Komm' zu mir nach meinem weißen Budim, 
Will dir geben meine Ikonia, | 
Daß du fie nad deinem Belgrad beimführft! » 


Kommt das Schreiben, fommt zu Jakſchitſch Todor. 
Da jedoch dad Schreiben ihm gefommen, 

Und er flieht, was ihm das Schreiben Pündet, 
Zlammt empor im Antlig ihm das Feuer. 

Wackre Brüder neun hat Jakſchitſch Todor, 

In den Höfen aber ift Fein Einz’ger. 

Ale find zum Heere fie gezogen, 

Ale neun, nur Stjepan nicht, der Knabe, 

Und der Knabe zählet Faum zwölf Jahre! 


Ruft herbei den Anaben Jakſchitſch Todor: 
„Stjepan, Peiner Snabe, du mein Bruder! 
Kimm, o Bruder. eilendB zwei Piftolen ! 
Spring’ hinaus gleih vor den Thurm Neboiſcha! 
Zeure ab dort die Piftolen beide! ” 
Ruf' zufammen hundert wadre Männer ! 

Denn ein Andrer warb mir ab das Mädchen, 
Zührt als Braut ed beim nad feinen Höfen! 
Unterdeflen bier im weißen Thurme 

Ruͤſt' ich ſelbſt mid, fhirre meinen Rappen!” 


Bor den Thurm Neboiſcha eilet Stjepan, 
Feuert ab dort die Piftolen beide, 
Und herbei glei ftürzen hundert Männer. 


— 8 6— 


Todor aber Öffnet feine Schränke, 

Holt hervor draus feinen prädt’gen Anzug, 
Den mit Gold und Silber ganz belegten, 
Kleidet drein die mächt'gen Heldenglieder, 
Legt an fih, was er vermag, dad Beſte, 

- Geht heraus dann aus dem weißen Thurme, 
Sattelt einen Braun’ und einen Rappen, 
Sich den Rappen und den Braun’ dem Knaben. 
Schwingen fih dann Beide auf die NRoffe, 
Ihnen folgen hundert ſchmucke Swaten, 
Segen glüdlih durd die breite Donau, 
Kommen an um Mitternadt vor Budim, 
Lagern vor der Befte mit den Swaten. — 


AS es Morgens Morgen war geworden, 

Und vom Thurme fieht die Koͤnigsfrauen, 

Daß um's Mädchen Jakſchitſch Todor kommen, 
Schreibt ſie auf den Knien gleich ein Brieflein, 
Schickt das Brieflein ab an Swjesditſch Iwan: 
«Höre mich, o hoͤre Swjesditſch Iwan! 
Kommen iſt um's Mädchen Jakſchitſch Todor, 
Iſt mit ſeinen hundert Swaten kommen, 

Will das Mädchen heim nach Belgrad führen! 
Schnell darum, und ſammle tauſend Swaten! 
Ih indeſſen will zurüd ihn halten, 

Will ihn halten, drei, vier weiße Tage! 

Doch nicht nad dem weißen Budim fomme ! 
Sondern komme nad der graf’gen Ebne 

Am Trutinawaffer, an dem lichten, 

Kimm ven Weg dann von des Waflers Urfprung 
Längs des Waffers bis an deſſen Mündung! 


49» 


Dort erwarte Jakſchitſch Todor's Swaten, 
Toͤdte ihn und ſeine hundert Swaten, 
Fuͤhr' das Mädchen beim nach deinen Höfen!» 


As zu Iwan's Händen fommt dad Schreiben, 
Und er fieht, was ihm das Schreiben Fündet, 
Schlägt .er an das Knie fih mit der Rechten: 
„Wehe mir, bei Gott dem Einz'gen, wehe! 
Sol die Braut nun Todor mir entführen? 
Rein, du fouft ed nicht, o Zollen Janko's! 
Wären dein des Falken mädht’ge Schwingen, 
Keine Schwinge trüg’ vorbei did lebend 

Am Zrutinawafler, an dem Fühlen!’ 


Springt empor dann auf die leichten Beine, 
Läͤßt's verfänden durch die Veſte Swjesda, 

Ruft zuſammen tauſend Hochzeitsgäſte, 

Schwingt hinan ſich auf ſein gutes Grauroß, 
Spornt es hin nach dem Trutinawaſſer, 
Rimmt den Weg dann von des Waſſers Urſprung 
Längs des Waſſers bis an deſſen Mündung, 
Spannt ſein Zelt aus an des Waſſers Brücke. 


Da die Kunde kommt der Königsfrauen, 

Dad am Waffer angefommen Iwan, 

Nüftet aus fie ihre ſchöne Tochter, 

Gibt das Maͤdchen an den Helden Jakſchitſch, 
Ihn begleitet von Budim der König. 


Als fie nun durch's Zeld von Budim reiten, 
Lenkt fein Roß der König hin zu Todor, 


0» 


Lenkt es hin und redet zu ihm leiſe: 
„Jakſchitſch Todor, du mein lieber Eidam! 
Einen Brief gefhrieben bat die Kön’gin, 
Einen Brief gefandt an Swjesditſch Iwan; 
Deiner harrt er am Trutinawaffer, 

Mit ibm harren taufend Hochzeitsgaͤſte. 
Drum zurüd durch's weiße Budim kehre, 
Kimm den Weg durch's Winofh -Waldgebirge ! 
Wirft nah Belgrad alfo glücklich kommen, 
Dhne die Trutina zu berühren! 

Denn dies wifle: haft Du Falkenſchwingen, 
Keine Schwinge trägt vorbei dich lebend!“ 


Jakſchitſch Todor drauf zurüd dem König: 
„Dank dir, vielen Dank, o Herr und König! 
Doch warum erft fagft du diefes jest mir, 
Sagteft nit ſchon diefes mir in Budim? 

Gaͤbſt du mir die Schäge al’ von Budim, 
Kehrt' ich jest dir nimmermehr zurüde! 

Sollen von Budim die Mädchen fpreden: . 
Ei! Seht Jakſchitſch Todor! Seht den Zeigling, 
Wie er fürdtet, Iwan zu begegnen! 

Ueber dad Trutinawaſſer will id! 

Komm’, was Gott will und das Glüd der Helden!“ 


Küst ſich mit dem König drauf in's Antlitz, 
Und nah Budim reitet beim der König, - 
Todor aber an's Trutinawaſſer. — 


Da er anlangt auf der graſ'gen Ebne, 
Heißt er ſtill die Hochzeitsgäſte halten, 
Holt hervor eintauſend Golddukaten, 








— MN — 


Ruft herbei dann Stjepan, ſeinen Bruder: 
„Sporne, Bruder, deinen knoch'gen Braunen, 
Und hier ſind dir tauſend Golddukaten! 

Reite hin mir an des Waſſers Brücke! 

So du hinkommſt an des Waſſers Bräde, . 
Sieh nad links und rechts did um, o Bruder! 
Ausgefpannte Zelte wirft du ſchauen, 

Schau'n dad Zelt, darunter Swjesditſch Stjepan ! 
( Kenntli ift es an drei goldnen Xepflein !) 
Bor dies Zelt nun reite bin zu Swijesditſch, 
Sig’ erft ab-von deinem knoch'gen Braunen, 
Neig' dich nieder bis zur ſchwarzen Erde, 

Küfſ' an!s Knie ihn, Fü ihm auch die Hände, 
Und aljo dann fprid zu ibm, o Bruder: 

Falke Iwan von der Befte Swjesda, 

Seinen Gruß dir bietet Jakſchitſch Todor! 
Deine Areumde bittet er zur Hochzeit, 

Did ald Kum tin Gott, des Einz’gen, Namen 
Und im Namen Zomwan’s-unferd Heil’gen, 

Daß du ihn mit der Verlobten traueft, 

Und gewaltjam ihm die Braut nit nähmeft, 
Denn von eher ift die Braut die feine! 

Und bier find dir taufend Golddukaten 

Die des Mädchens Mutter du gegeben! 

Höre dann, was er darauf zurückſpricht, 

Sitze wieder auf dein knochig Braunroß, 
Reite rückwärts über's weite Flachfeld!“ 


Stjepan hört es, reitet nad der Brüuͤcke. 
“ war noch jung fehr ift der Knabe Stiepan, 
Jung noch, aber faffenden Verſtandes. 


— 9 12 — 


Da er anfommt an des Waflers Brüde, 
Sieht er um nad rechts und links bedädtig, . 
Kennt heraus das Zelt bald Swjesditſch Iwan's, 
Neitet an das Zelt heran zu Swijesditſch, 
Sitzt erft ab von feinem knoch'gen Braunen, 
Küſſet Iman’s Knie, küßt ihm die Hände, 
Richtet aus dann, wie ihm aufgetragen: 
„Falke Iwan von der Veſte Swjesda, 
Seinen Gruß dir bietet Jakſchitſch Todor! 
Deine Zreunde bittet er zur Hochzeit, 

Und im Kamen Jowan's, unferd Heil’gen, 
Daß du ihn mit der Verlobten traueft, 

Denn von eber tft die Braut die feine! 

Und bier find dir taufend Golddukaten, 

Die des Mädchens Mutter du gegeben!” 


Bon der Zeh' zum Scheitel mißt ihn Iwan, 
Ruft dann aus, ald hätt’ ihn Wuth befallen: 
„Hol' der Satan did, du Zollen Janko's! 
Nicht befudeln mag ich meinen Säbel, 
Schlüge dir das Haupt fonft ab zur Stelle! 
Mir zur Hochzeit famen meine Freunde, 
Und von Ikonia laff’ ih nimmer, 

Weil ich lebe und an mir dies Haupt ift!” 


Da die Antwort hört der Knabe Stjepan, 
Sist er wieder auf fein knochig Braunroß, 
Reitet rückwaͤrts über’5 weite Flachfeld, 
Reitet hin zu Jakſchitſch Todor grade, 
Reitet hin, erzählt dem Bruder Alles, 
Was zu ihm gefproden Swjesditſch Iwan. 





— 1 — 


Da nun Jakſchitſch Todor dieſes höret; 
Nimmt er feine fhöne Ikonia, 

Führt berbei ein Wilenroß, ein ſchwarzes, 
Shut aufs Roß die ſchöne Ikonia, 
Bindet feft ihr über'm Roß die Beine, 
Zeft die Arme an des Roſſes Mähne, 
Sprit aljo dann zu dem Wilenrappen : 
„Flieg', o Rappe, über die Trutina! 
Kommft du drüber bin zur grafigen Ebne, 
Setze ſchnell dann dur den Goleſch⸗-Waldberg, 
Harre meiner jenfeit des Gebirges!” 


Bittet drauf die fhöne Ikonia: 

„Web, mein Todor, theuerer Gebieter! 

&o du Gott den Einz’gen, befenneft, 

Nicht lebendig treibe mid in's Waſſer! 
Schlag’, o Todor, lieber mir das Haupt ab!” 


So jedoch fie Jakſchitſch Todor tröftet: 
„Ikonia, Herz aus meinem Bufen! 

Iſt fein altes Glüd mit meinem Rappen, 
Trägt er unverfebrt dich über's Wafler, 
Zrägt dich bin durch's Goleſch-Waldgebirge! 
Jenſeit des Gebirgs, da harre meiner! 

So zu dir dann Einer kommt der Swaten, 
Und dir ſagt, ich ſei im Kampf gefallen, 
Wird nach Belgrad dich der Rappe tragen. 
Hab' neun Brüder, treue, vielgeliebte, 
Schöner al! als ih und wohlgewachfner, 
Wähle dir zum Manne, den du felbft willſt, 





— 14 > 
Und fo Gott, der Einzige, mit mir fei, 
Keinen Borwurf deshalb ſollſt du hören?” 


Spricht's und fhlägt den Rappen mit dem Hefte, 
Und durch's Waſſer fegt der Wilenrappe, 

Fliegt dahin durch's grafige Gefilde, 

Fliegt vorüber an den Smaten Jowan's, 
Wie ein Stern am näht'gen Himmel binfliegt. 
Mancher fieht ihn, Mander ſieht aud nit ibn; 
Wohl jedod erficht ihn Iwan Swiesditſch, 
Sprit alfo dann leife zu fi felber: 

„Güt'ger Gott! Welch niegefehnes Wunder! 
Iſt ein Zalke dies; der einen Schwan trägt, 
Oder ift dies Jakſchitſch Todor's Rappe?“ 


Todor aber wartet an dem Waſſer, 

Zieht ſein ſilbern Fernrohr auseinander, 

Sieht erſt nach dem Rappen im Gebirge, 

Spricht alſo dann zu den Hochzeitsgäſten: 
„O, Genoſſen, meine theuern Brüder! 
Denkt an Gott, den Einzigen, jetzt Alle! 

Brechet auf mit euern guten Roſſen!“ 


Schwingt empor ſich auf ein fremdes Streitroß, 
Reitet grade an des Stromes Brüde, 

Reitet vor die Zelte Swjesditſch Jowan's, 
Bietet Jowan Gottes Hülf' zum Gruße. 


Freundlich ftelt, fo gut er's Fann, ſich Jowan, 
Spridt zu Todor freundlid diefe Worte: 
„Run, daß du mir wohl feift, Zolen Janko's!“ 








— 45. > 


Alſo aber redet Jakſchitſch Todor: 

„Sä in Gott mein Aum, o Sehjaitie Jowan 
Sieh’, als Kum erwähl' ich did in Gottes 
Und in Jowan's Namen, unſers Heil'gen, 
Grüß’ als Kum, der über dir, den Himmel, 
Grüß’ ald Kum, die unter dir, die Erbe! 
Wolle nit das Maͤdchen von mir fordern, 
Denn von eher ift ja mein das Mädchen! 
Laß vielmehr mir Gaft fein deine Freunde! 
Mit dem Maͤdchen traue du mid, felber! 
Und bier find dir tauſend Golddufaten, 

Die des Mädchens Mutter du gegeben!» 


Swjesditſch Iwan diefes ibm zuräd drauf: 
„Nur ein Weilden dulde, Zolen Janko's, 
Bis mein gutes Weißroß ich beftiegen!” 


Sprit es, ſchwingt hinan fi ayf fein Weißroß, 
Will vom Gurt den grünen Saͤbel züden — 
An dem Griffe haftet ibm die Rechte! 
Greifet mit der Linken nad dem Säbel — 
An dem Griffe haftet auch die Linke! 

Zodor aber ſchwingt indeß den Säbel, 

Faͤhrt ihm blitzend in die rechte Schulter, 
Theilt entzwei ihn auf dem weißen Roſſe 
Und dus weiße Roß noch bis zur Erde, 
Nuft dann aus, und ruft aus weißer Kehle: 
„Meine Brüder, o ihr hundert Swaten, 
Frei heran nun durch die graſ'ge Ebne!“ 


Läßt die Zügel ſchießen ſeinem Roſſe, 
Fliegt dahin durch's graſige Gefilde, 


— 416 — 


Fliegt, den Knaben Stjepan am der Seite. 

Wo der Einen auffaßt auf die Lanze, 

Schleudert er ihn rückwärts über fi bin; 

Eh’ fie noch die Ebene durdflogen, 

Sind gehaun vom Rumpf dreihundert Häupter. - 


Ruft aus weißer Keble Jakſchitſch Todor: 

„Richt doch, Bruder! Gnug ſchon, Kuabe Stieyan! 
Danf dem Herrn und Dank dem heil’gen Ioman, 

- Die gebunden unfrer Feinde Händel” — 


Unterdeffen binter'm Waldgebirge 
Harrt der Rappe an der breiten Straße 
Und auf ihm die ſchöne Sonia. 


Kimmt berab fie Todor von dem Rappen, 
Küßt den Rappen zwiſchen beide Augen, . 
Schwingt fich felber auf das edle Schwarzroß, 
Reitet bin nad feinem weißen Belgrad, 
Zührt mit fi die ſchöne Ikonia, 

Führt fie grade zur Ruſchitzakirche, 

Trauet ſich fie an nah Sitt' und Satzung. 


Auf den Knien ſchreibt er. dann ein Schreiben, 
Sendet hin ed nad dem weißen Budim, 

- Sendet’3 auf die Knie der KRönigsfrauen: 
«Frauen, von Budim o Königsfrauen! 

So du deine Tochter willſt befuchen, 

Geh’ nad Swjesda nicht zu Swjesditſch Iwan, 
Geh’ nah Belgrad du zu Jakſchitſch Todor!» 














— IT — 


Jakſchitſch Stjepan. 


Ra nicht ift das Morgenroth erglommen, 
Noch der Zrühftern feinen nit gekommen, 
Horch, da ruft die Wila ſchon hernieder 
Aus dem grünen Waldgebirg Avala, 

Nuft bernieder in das fefte Belgrad, 

Nufet zu den beiden Brüdern Jakſchitſch, 
Jakſchitſch Stiepan, Jakſchitſch Dimitrije: 
„Söhne Janko's, boͤſ' fei eu der Morgen! 
Hört ihr es nicht, wollt ihr ed nicht hören, 
Daß die Türken Belgrad überfallen? 
Eingebroden find fie von drei Seiten, 

Und die Ramen will id auch euch nenten! 
Tſchuprilitſch ift einer der Veſire, 

Und mit ihm find vierzigtaufend Krieger! 
Bon Widdin der Paſcha tft der zweite, 

Und mit ihm find dreißigtaufend Krieger! 
Novi⸗-Paſar's Paſcha ift der dritte, 

Und mit ibm find zwanzigtaufend Krieger! 
So ihr aber mir nit möchtet glauben, 
Klimmt hinan die hoben Mauern Belgrads, 
Seht hernieder nah der weiten Ebne, 

Seht die Macht, die unter Belgrad lagert!” 


1 2 


— 1 — 


Da dies höret Jakſchitſch Dimitrije, 

Springt empor er auf die leichten Beine, 
Schreitet hinwaͤrts uͤber Belgrads Marktplat, 
Klimmt hinan der Veſte hohe Mauern, 
Sieht hernieder nach der weiten Ebne, 

Sieht — o lieber Gott, welch großes Wunder! — 
Weit, wie rings um Belgrad liegt die Ebne, 
So ein Tropfen aus den Wolken fiele, 

Fiele nirgends nieder er zur Erde, 

Fiele nur auf Roſſe oder Türken, 

Oder auf der Türken weiße Zelte! 

Schweren Schreck erfaßt darob den Helden, 
Und zur Stell' befällt ihn böſes Fieber. 
Rückwärts eilt er über Belgrads Marktplat, 
Eilet hin zu feinen dunkeln Ställen, 

Holt hervor fein Roß und feine Waffen, 
Nimmt zu fih die Schlüffel von der Veſte, 
Wirft dem Roſſe ſchnell fi auf den Nüden, 
Spornt es hinwärts durch der Veſte Straßen, 
Spornt es hin bis an dad Thor der Veſte, 
Sperrt das Thor auf von der Veſte Belgrad, 
Fliegt dahin dann über’s weite Flachland, 
Zliegt vorbei an des Befires Heerſchar, 
Flieht hinein in’s grüne Waldgebirge. 

Tief darin im Waldgebirg, im grünen, 
Drüdt den Falten ſchwer die Sonnenbiße. 
Niederfigt er an der Jaorika, 

Siget nieder, raftet an dem Waſſer, 

Raſtet aus und redet zu ſich felber: 

„Weh', Dimitrije, daß du nicht Lebteft ! 
Flohſt du ſchon des Morgens in’s Gebirge, 








— 11 — 


x 


Barum dann verlicheft da den Bruder, 
Deinen eignen BSruder JTakſchitſch Btieyan?” 
Bill zur glei eilen nad der Befle — 
Sich’, da hat das Stürme fon begomen, 
Fielen ein die Türken ſchon in Belgrad, 
Zielen von vier Seiten in die Befte! 
Tſchuprilitſch⸗Vefir mit feinen Kriegern 
Stürmet nad der Befte offnem Thore! 
Keine Seele ſtellt fig ihm entgegen, 

Keine Flinte ſchallt, Fein Mörfer dounetrt, 
Und der Befte ſichres Thor gewinnt er 
Ohne Schwertſtteich, ohne Wund’ und Todte! 


Durch die Veſte raſen bin die Türken, 
Richten viel des Elends an in Belgrad, 
Schlagen Köpfe ab und machen Sklaven, 
Plündern, was von Gütern iſt zu finden. 
Doch zulegt erft fangen fie den Beſten, 
Machen Jakſchitſch Stjepan zum Gefangnen. 
Wie er war, zu Roß hoch und in Waffen, 
Alſo fangen lebend ibn die Türken. 

Doch nicht tödten mögen fie den Helden, 
Alſo ſchön von Anſehn ift der Edle, . 
Sondern binden rückwaͤrts ihm die Hände, 
Zübren unter’s Zelt ihn zum Befiren. 


Da der Held vor den Befiren hintritt, 
Neigt er fih, wenn and gebunden, drei mal, 
Küßt das Knie ibm, Füffet ihm die Hände. 


Anfhaut der Befire den Gefangnen, 
Schaut ihn an und fiehet wie er ſchoͤn iſt, 
3 * 


Laͤßt zur Stund’ ald hoher Freude Zeichen 
Zeuern ab die Kriegskanonen alle. 

»Löſt ihm felbft vom Nüden dann die Hände, 
Gibt ein Roß ibm, gibt ibm blanke Waffen, 
Prunft mit ihm vorbei am ganzen Heere ! 


As die Türken Belgrad fo geplündert, 
Biehn fie ab mit ihren ftarfen Heeren. 
Tſchuprilitſch auch ziehet, der Befire, 

Und mit ihm zieht feine ſtarke Kriegsmacht. 
Jakſchitſch Stiepan, der GSefangne, reitet 
Hoch zu Roß an des Befiren Seite. 


Doch — was thut der mächtige Befir nun? 
Nicht nah Tſchupria den Gefangnen führt er, 
Sondern führt ihn nad der Veſte Stambol, 
Führt zum Sultan ihn, zu Dsman’s Sohne, 
Daß der Sultan ihn dafür belohne. 


Da nah Stambol der Befir getommen 
In's Serail des Sultans, in das hohe, 
Zritt er bin vor Dsman’s Sohn gerade, 
Küßt die Hand, die weiße, dem Gebieter, 
Sitzt dann nieder an des Sultans Seite. 
Der Gefangne, den er mit fi führet, 
Da er eintritt in des Sultans Divan, 

Er auch kuͤßt den Zuß ihm und Pantoffel, 
Küßt den Thron, darauf der Sultan fißet. 


Da der Sultan den Gefangnen fiebet, 
Und erfährt, weh Stammes er und Namens 





— U ⸗— 


Heißt er ihn and, ihm zur Seite ſiden, 

Heißt ihn fißen, fpricht zu ihm die Worte: 
„Jakſchitſch Stjepan, Held du, vielberühmter, 
Werde Türke, daß dich Gott nit ftrafe! 
Soft mir fein ein mächtiger Befire, 

Sollſt mir walten ſtatt Veſiren fieben! 

Dir zur Frau dann meine Tochter geben, 

Wie den eignen Sohn di halten will il! 

So wie Bosnien meiner Länder Haupt ift, 
Sei'ſt das Haupt du, außer mir, von Jedem!“ 


Alſo aber Stjieyan drauf dem Sultan: 
„Zürkenfulten, du das Haupt der Welten! 
Kimmer, Sultan, möcht' ih Türke werden, 
Kie entfagen meinem heil’gen Kreuze, 

Nie verläugnen Ghrifti ſchönen Glauben, 
So du auch auf deinen Thron mid fepteft 
Und mir gäbeft aller Welten Schäge! 
Sterben lieber möcht” ih meinem Glauben! ” 


Da der Herr von Stambol diefes höret, 
Schmerzt es fehr ihn in des Herzens Tiefe, 
Gleich den Henker ruft er in den Divan, 
Daß zur Stell' er Jakſchitſch Stjepan toͤdte. 


Gutes Gluͤck jedoch iſt mit dem Helden. 
Toͤdten nimmer läßt ihn der Befire, 
Sondern wirft dem Sultan fih zu Füßen: 
„Nicht, um Gott, o Sultan unb Gebieter, 
Zödte nimmer von den Jakſchitſch Einen! 
Treu und Glauben hab’ ich ihm gegeben, 
Daß Fein Leid, o Sultan, ibm geſchehe! 


— 21 — 


Beſſer iſt's, o Sulten, du verkaufſt ihn! 
Selbſt aufwiegen will th ihn mit Schaͤten, 
Ganz mit gelben, ungriſchen Dukaten, 

Will ihn heim nach meinem Tſchupria führen, 
Win bei meinem Glauben mid verbürgen, - 
Daß er bald, ein Türke, ſich bekehre!“ 


Alſo günftig ift das Glück dem Helden, 

Der Befir erbittet ihn vom Sultan, 

Wiegt dem Sulten ihn mit reinem Gold auf, 
Führt zu ſich ihn heim nad feinem Tſchupria. 
Da er beim nun Fommt nad feinem Tſchupria, 
Heim zu feinen Höfen, feinem Söller, 

Hält den Sflaven er-zu feiner Rechten, 

Hält ihn, wie dad Haupt er Hält, das eigne, 
Hrüfet und verfuht auf mande Weiſe, 

Ob er ihn nicht irgend überrede 

Und der Held ihm Türke nicht wollt! werben. 
Hält dei fih ihn eines Jahres Dauer. 

Da jedoch des Jahres Friſt vorüber, 

Ruft zu fih er alle Türkenobern, 

. Zührt den Sklaven in ber Dbern Mitte, 
Und es ſprechen Hodſchas und Hadſchias: 
„Stjepan Jakſchitſch, Höre nun, o SPlave! 
Alſo ift es des Befiren Wille, 

Das wir did zum Türken maden heute! 
Setzen will er felber dich als Walde, 

Als Gebieter über Novi⸗Paſar, 

Did bereichern wirft du an den Steuern! 
So du aber Türke nicht willſt werden, 

Soll dein Haupt vom Henkerbeile fallen!“ 














— 233 > 


Alfo aber Stjepan drauf den Türken: 

„Dane en, Dank, o Hodiden und Hadſchien! 
Gerne meinen Kopf wil ic verlieren 

Für das Kreuz und für die Mutter Gottes, 
Für die Sahung, die mir gab mein Ghriftus! _ 
Kimmer aber werd’ ih euch ein Türke!” 


Weh that folde Rede dem Befiren, 
Laͤßt herbei den blut'gen Henker kommen, 
Daß er tödte den verweg'nen Kjauren. 


Gutes Gluͤck jedoch ift mit ihm wieder. 

Bon Pafar der Paſcha ift zugegen, 

Wirft vor dem’ Befiren ſich zur Erde: 
„NRicht, um Gott, o Tſchuprilitſch Veſire! 
Haft nicht ſelbſt dein Wort du ihm gegeben, 
Nie, Befire, woll'ſt du ihm an's Leben? 
Beffer iſt's, dap du ihn mir verkaufeſt! 
Will dir ihn mit ſchwerem Gold aufwiegen, 
Ganz mit gelben, ungrifhen Dufaten, 

Will ihn beim nah meinem Paſar führen, 
Mid mit meinem Glauben dir verbürgen, 
Daß er bald, ein Zürke, fih bekehre!“ 


Günftig wieder ift das GSIÄd dem Helden, 
Bom Befir erbittet ihn der Paſcha, 
Wiegt ihn auf mit goldenen Dufaten, 
Zührt ihn beim nad feinem Novi⸗Paſar. 


Da der Paſcha kommt nach Novi⸗Paſar, 
. Heim zu feinen Höfen, feinem Söller, 





{un 


Ruft herbei er. feinen treuen Diener, 

Ruft herbei den treuen Diener Huffein: 
„puflein, du mein vielgetreuer Diener! 

Hier und nimm, den ih gekauft, den Sklaven! 
Zühr” hinab ihn in den untern Söller! 

Deffne in dem Söller die zwölf Kammern, 
Thu’ den Sklaven in der Kammern zmölfte! 
Schließ' dann zu, o Huflein, die zwölf Thüren, 
Daß er weder Mond noch Sonne fhaue, 

Nicht den weißen Tag und keinen Menfhen! 
Db den Kiauren diefed nicht ermüdet, 

Und er endlich Türke möchte werben?” 


Seinem Herrn gehorcht der treue Diener, 
Zaflet Stiepan an der weißen Rechten, 
Fuͤhrt hinab ihn in den untern Söller, 
Deffnet in dem Söller die zwölf Kammern, 
hut den Helden in der Kammern zmwölfte, 
Und verriegelt ſicher die zwölf Schüren. 


Hier nun hält der Paſcha unfern Stjepan, 
Hält darin ihn eines Jahres Dauer, 

Bis ed felber Leid ihm ift im Herzen. 

Ruft herbei Haikuna dann, die Tochter: 
„por, o veined Gold, mid, meine Tochter! 
Höre Tochter, was zu dir id rede! 

Geh’ hinan in deine Kleiderhalle, 

Deffne dort die Kaften zwei, die gelben, 
Leg’ an did die prädtigften Gemwänder, 
Ganz von Sammt und auögelegt mit Golde, . 
Hülle di in jene theuern Stoffe, 





— 3 — 


Die ſo dicht benaͤht mit goldnen Schnüren, 
Nimm in eine Hand ein golden Aepflein, 
In die andere jenes Waſſerflaͤſchchen, 

Drin der Duft ift aller Bergesblumen, 
(Denn ib hörte, und gar viel erzählt man, 
Wie dies fei ein Waffer des Bergeflend 
Wer ed trinft und der damit fich wäſchet, 
Seined Glaubens überbrüffig werde 

Und vergefie feines eignen Stammes), 
Geh’ hinab dann in den untern Sölter, 
Deffne in dem Söller die zwölf Thären, 
Schließe, wie du Öffneft eine Thuͤre, 
Schließe zu fie hinter dir zur Stelle, 

Bis, Haikuna, bis du kommſt zu Stiepan! 
Bift, Haikuna, bift du bei dem Kjauren, 
Reiche dar ihm jenes Waſſerflaͤſchchen, 
Daß er trinke und daraus fich waſche! 

Ob du ihn nicht irgend überliſteſt, 

Und der Kjaure Türke möchte werden, 
Und, Haikuna, dih zum Weibe nehmen?” 


Sehr willkommen ift dies Wort dem Mädchen. 
Seit mit ihrem Aug’ fie ihn geſehen, 

Litt fie viel von unerbörten Qualen, 

Sah den Helden Nachts in ihrem Traume, 
Ward am Tag von Fieberglut gefoltert. 
Springt empor denn auf die leichten Beine 
Läuft hinan zu ihrer Kleiderftube, 

Deffnet bier die Kaften, die zwei gelben, 
Nimmt bervor die zierlihften Gewänder, 
Ganz von Sammt und auögelegt mit Golde 


— dd 236 = 


Hüllet fi in jene thenern Stoffe, - 

Die da find benäbt mit goldnen Schnüren, 
Nimmt in eine Hand ein golden Xepflein, 
In die andre jenes Waſſerflaͤſchchen, 

Drin der Duft tft aller Bergesblumen, 
Geht hinab dann in den untern Soͤller, 
Deffnet in dem Söller die zwoͤlf Kammern, 
Schließt, wie eine Thüre fie geöffnet, 
Schließet zu fie Hinter fi zur Stelle, 
Bis fie kommt in Stiepan’s zwölfte Kammer. 
Da fie bintritt zu dem jungen Helden, 
Bietet Gott zum Gruße fie dem Wadern. 


Springt empor auf feine Beine Stjepan, 
Dankt für die Begrüßung ihr befcheiden: 
„Gott mit dir, o Pafhafind, Haikuna!” 


Weiter aber ſpricht zu ibm Haikuna: 
„Stiepan, Stjepan, du mein ſchwarzes Auge! 
Ad, wie ift dein Antlig dir gedunfelt, 

Seit dein Leben du fo traurig binbringft 

In den Kerfern meines Vaters Paſcha! 
Nimm, o Stjepan, nimm dies, fühle Wafler, 
Waſche dich und labe did, o Stjiepan!” 


Nimmt der Held, nimmt zwar das Waſſerfläſchchen, 
Klüger aber ift er als das Mäadchen, 

Laßt das Flaͤſchchen fallen an die Steine; 

Hebt empor felbft des Gewandes Enden, 

Daß fie ibm dad Waſſer nicht benetze. 











—— 27 e— 


Wol ein Weilchen zürnt darob Halkung; 
Bald jedoch bedenkt ſie ſich des Beſſern, 
Faͤngt dem jungen Helden an zu ſchmeicheln, 
Spricht zu ihm mit füßer Mäadchenrede: 
„Werde Türke, du mein ſchwarzes Auge! 
Werde Türke, wi dein tremes Lich fein!” 
Alfo aber Stjepan drauf dem Mäaͤbchen: 
„D Haikuna, fieh’, bei Gott dem Einz'gen, 
Niemals Fann ein Türke ich dir werden, 
Kie entfagen meinem heil'gen Glauben, 

Kie verhöhnen Ehriftt fhöne Sayung ! 
Lieber, wahrlich, will den Tod ich wählen!” 


Bol auch darum mocht' Haifuna zürnenz 
Bald jedoch gedenket fie des Beflern, 

Zängt zu ſchmeicheln wieder an dem Heiden: 
„Küfſe, Stiepan, Füffe meine Wangen!” 


Stjepan aber wieder drauf zurüd ihr: 
„Türkenmädchen, daß did Unheil treffe! 
Kimmermehr geftatten kann's die Satzung, 
Daß ein Kaur ein Türkenmädchen Füffe! 
Aufthun müßte fi der blaue Himmel, 
Steine aus dem. Himmel müßten fallen, 
Und die Steine mid und dich erſchlagen!“ 


Wol and darum zürnt Haikung wieder, 
Bald jedoch bedenkt fie fi des Andern, 
Redet alfo zu dem jungen Helden: 


„Stjiepan, Stjepan, du mein ſchwarzes Auge! 


— 38 0 


. Nicht um alle Schäse diefer Welten, 

Moͤcht', o Stjiepan, möcht ih Ehriftin werden; 
Doch um dich, o Stjiepan, werd’ ich's gerne! 
Willſt du Treue mir und Glauben geben, 

Daß du dann ald treues Weib mich beimführft;, 
Stjepan, dann zur Stelle werd' id Ghriftin, 
Nehme mit mir meines Vaters Schäge, 

Zliebe mit dir nad dem feften Belgrad!’ 


Da dies aber Jakſchitſch Stiepan böret, 
Springt empor er auf die leiten Beine, 
Reicht Haikuna'n, reiht ihr beide Hände, 
Schwoͤrt bei Gottes Glauben ihr und Treue, 
Daß er dann als treue Weib fie nähme! 


Auf die Beine maden fi nun Beide, 
Deffnen die zwölf Thüren ſchnell des Söllers, 
Shaun bevädtig vor die weißen Höfe, 
Shaun empor zum naͤchtlich dunfeln Himmel. 
Aufgegangen ift des Mondes Scheibe, 

In den Kiffen ſchlummert längft der Paſcha. 
Aus den Kammern, drin das gelbe Gold ift, 
Nehmen fie drei ſchwere Saumeslaften, 

Eilen nieder zu den tiefen Ställen, 

Laden die drei Laſten auf drei Roſſe, 
Zäumen auf zwei Roſſe für fi felber. 

Auf das Weißroß ſchwingt fi Jakſchitſch Stiepan. 
Doch Haikunag — daß fie Einer fähe! 

In die Stube zu dem Paſcha geht fie, 

Kimmt dem Paſcha, nimmt ihm feinen Säbel, 


— 39 — 


Dran zu fhaun zwei geidne Säbelbänber 
Und ein feltner @belftein,; viel koſtbar 

(Werth halb Novi⸗Paſar ift der Säbel), 
Eilt hinaus dann vor die weißen Höfe, 

Reit den Säbel Stiepan auf das Weißroß: 
„Rimm den Säbel, Herr mir und Gebieter, 
Daß, wenn wir dabin des Weges ziehen, 

Und Gefahr uns irgend trät’ entgegen, 

Wir nit ſchandvoll brauchen ihr zu weichen!” 


Um die Lenden ſchnallt den Säbel Stjepan, 
Schnallt den Säbel, rufet zu dem Maͤdchen: 
„Run mit Gott, nun ſchnell aufs Roß, Haikuna!“ 


Alſo aber ſpricht zu ibm Haifuna: 

„Nur verziehe, du mein ſchwarzes Auge, 

Daß ic ein mal noch zum Bater gehe, 

Und den prädt’gen Purpurmantel hole, 

Den belegten mit gegoff’nem Golde 

Und mit Golde wunderbar geftidten, 

Drauf zu hauen Pfeil! und Edelfteine, 

Und der glänzt, gleihwie ded Frühlings Sonne!” 


Da fie auch herausgebradht den Mantel, 
Legt fie ihn um Jakſchitſch Stiepan’s Schultern, 
Schwingt hinan bebend ſich auf ihr Roß dann. 


Zliebn dann über’s Flachgefild von Pafer, 
Reiten in der einen Racht viel weiter 
As ein Wagen fährt in dreien Tagen. 


—ı 0 - 


Reiten fort von Pafar, da es Racht werd, 
Kommen, da es Morgen ward, nad Belgrad. 


Angelangt im feften Belgrad gluͤcklich, 

Holt glei JZakſchitſch Stjepan zwölf ber Mönde, 
Laͤßt Haikunag taufen und auch fegnen, 

Zührt fie beim als vielgeliebte Hausfrau. 








— 8 — 


Jaßſchttſch Dimitrije 


Kuͤhlen ‚Wein zwei Brüder Jakſchitſch trinken, 
Jakſchitſch Bogdan, Jakſchitſch Dimitrije, 

In Uſchitza in der weißen Befte. 

Sich‘, da kommt den Brüdern zu ein Schreiben, 
Kommt aus Belgrad, aus der weißen Befte: 
«Web, zum Böfen fist ihr Brüder Jakfchitſch, 
Sigt zum Böfen, trinket Fühlen Rothwein! 
Eure Höfe brennt indeß man nieder, 

Schleift mit Roffen eure alte Mutter, 

Zührt die Noffe fort euch aus den Ställen, 
Schleppt die Güter fort eu aus den Kammern, 
Raubt Ieliza, eure einz’ge Schwefter !» 


Da den Brief die beiden Jakſchitſch leſen, 
Springen fie empor auf ihre Beine, 

Schwingen fi binan auf ihre Roſſe, 

Zliegen bin nad Belgrads weißer Befte. 

Rob am Leben finden fie die Mutter, 

Und es fragt Dimitrije fie alſo: 

„Ss dir. Gott, o liebe, alte Matter! 

Sprid, wer iſt's, ter uns verbrannt die Höfe? 


— 32 ⸗— 


Wer, der dich geſchleift an wilden Roſſen? 

Wer, der fortgeführet unſre Roſſe, 
Fortgeſchleppt die Güter aus den Kammern? 
Wer, der und geraubt die einz'ge Schwefter?  " 
Was für Helden, was für gute Koffer - 
Und wobinwärts zogen fie von dannen? 


Ihnen drauf die alte Mutter diefes: 

„Beide Jakſchitſch, o ihr meine Söhne! 
Helden ſchwarz auf ſchwarzen Roſſen waren’, 
Längs der Donau zogen fie von dannen!” 


Da dies Wort die beiden Jakſchitſch hören, 
Ziehen hin fie nad dem Land Arabien, 
Suchen dort drei Jahre lang die Schwerter, 
Suchen Beide, Keiner kann fie finden. 


Als es denn das vierte Jahr geworden, 
Sprit alfo Dimitrije zu Bogdan: 

„Laß, 0 Bogdan, o geliebter Bruder, 

Laß uns, Bruder, ſcheiden unfre Wege! 

Kehr' du heim nad unferm weißen Belgrad, 
Siehe, ob die Mutter noch am Leben; 

Mid jedod Laß weiter durch died Land ziehn, 
Ob nit Gott die Schwefter mid läßt finden!” 


Spraden fo und ſchieden ihre Wege. | 
Heim 309 Bogdan nad dem weißen Belgrad, 
Weiter durch Arabien Dimitrije. 


Da er binziebt durch das Land Arabien, 
Kommt er auch an's Waſſer der Stupniza, 


4 3 — 


Sicht am Waſſer Sklavinnen, vier junge, 
Biete ihnen Gottes Hülf’ zum Gruße. 


Wol erwiedern ihm den Gruß die Mädden: 
„Daß du wohl fei’ft, unbekannter Reiter!” - 


3u den Mädchen weiter fpriht Dimitrije: 
„Ss euh Gottes Hülfe, ihr vier Mädchen, 
Reichet mir, o Mädchen, von dem Waſſer, 
Denn, o ſeht, gar durſtig bin ich, Seelen!“ 


Alſo aber ihm darauf die Maͤdchen: 

„So dir Gott, o unbekannter Reiter, 

Reichten gern dir von dem kühlen Waſſer; 
Doch geſund nicht iſt es für euch Helden! 
Drüben aber über'm kühlen Waſſer, 

Drüben, wenn du anlangft auf dem Marktplatz, 
Sich’ dich um zur Rechten und zur Linken! 
Große Höfe wirft du dort gewahren, 

Wirſt fie Ihaun bedeckt mit weißem Bleche, 
Rings umzäumt des Hofes Raum mit Kupfer, 
Bor den Thoren eine Silberbrüde! 

Arap⸗Aga's weiße Höfe find dies, 

Gebe Gott, daß fie ihm berrnlos würden! 
Drinnen wohnt der beiden Jakſchitſch Schweſter, 
Wohnt darin mit jenem Arap-Aga! 

Jedem, der vorbeigebt an den Höfen, 

Jedem reicht fie Fühle Wafferlabung, 

Zränft die Wandrer alle, die da wandern, 
Traͤnkt fie auf das Wohl der beiden Brüder!” 
I. 3 





— 3 — 


Da dies hoͤret Jakſchitſch Dimitrije, 

Suvucht er nicht nach Furth und nicht nah Brüde, 
Sondern treibt durch's Waſſer grad’ fein Braunroß, 
Fliegt hinüber nad dem breiten Marftplag. 


Da er ankommt auf dem breiten Marktplas, 
Und erſchaut des Arap-Aga Höfe, 
Hebt er an ein helles Lied zu fingen. 


In den Höfen hoͤret ihn die Schwefter, 
Hört ihn und erkennt ſogleich den Bruder, 
Und vom Xntlig quillt ihr heiß die Thräne. 


Sprit zu ihr des Arap⸗Aga Schweſter: 
„Sag', was haft du, vielgeliebte Schwägrin?” 


Leife drauf erwiebert fie der Schwägrin: 
„Frage nit, o meine liebe Schwägrin! 
Sich’, ein Held fingt draußen auf dem Marfte, 
Singet, ob er käm' aus meiner Heimat, 
Und die Sehnfuht faßt mi nah dem Bruder !” 


Da er anfommt vor des Hofes Thore 
Ruft er alfo, ruft mit heller Stimme: 
„Komm heraus, 0 Arap= Aga’d Frauen! 
Komm heraus, fo lieb dir beine Brüber, 
Reihe Fühlen Weins mir einen Labtrunk!“ 


Und zur Stelle eilt heraus die Schweſter, 
Schließt ihn in die Arme, Füßt und herzt ibn, 
Zragt ihn fehnlihft nad der fernen Heimat. 








Doh fein Wein ift in des Aga Höfen, 

Holt hervor denn dreißig Golddukaten:? 
„Bier, o Bruder, dreißig Golddukaten, 
Nimm, und geh' zu Jowo hin, dem Schaͤnken, 
Trinke Wein, bis daß es Betzeit Abends! 
Nicht im Hof iſt jebund Arap⸗Aga, 

Kehrt erſt Abends beim zu feinen Höfen! 
Wil, o Bruder, ſchwer ihn dann berauſchen, 
Schließen nicht des Hofes weite Pforten! 
Wenn e3 dann, o Bruder, Betzeit Abende, 
Und die Hodſchas rufen von den Dſchamien, 
Komme dann und fhlage ibm das Haupt ab!” 


Geht denn Dmitar, geht zum Schänfen Iowo, 
Trinkt da Kühlwein, bis es Betzeit Abends. 
As es aber Abends um die Betzeit, 

Und die Hodfhas rufen von den Dſchamien, 
Hebt empor ſich Dmitar auf die Beine, . 
Schreitet bin vor Arap⸗Aga's Höfe, 


Da er anfommt in dem Kupferhofraum, 
Sieht hinan er zu dem obern Söller. 

Sich’, da ſißt noch Aga Arap⸗Aga, 

Trinket kühlen Wein mit zwei Arabern, 

Und den Becher füllt ihm Dmitar's Schweſter. 


Spricht zu ihr der Aga Arap⸗Aga: 

„Schöne Serbin, meine theure Liebe! 

Sieh', drei volle Jahre ſind vorüber, 

Seit du meine Liebe biſt geheißen, 

Und noch Keiner kam zu dir der Deinen! 

Denken fie nicht, hoͤren ſie von dir nicht?“ 
3 * 


— 36 — — 


Alſo aber fie zurück dem Aga: 

„So dir Gott, o Aga Arap⸗Aga! 

Wie der Himmel fern iſt von der Erde, 
Alſo ferne find von mir die Meinen!” 


Da dies fieht und da. dies hört Dimitrije, 

Kimmt fein Schwert er in die ftarke. Rechte, 

In die Linke feine gute Keule, 

Geht hinan und in den Söller grade, 

Schwingt empor dad Schwert in feiner Rechten, 
Schlägt vom Rumpf das Haupt des Arap= Age, 
Schlägt zu Boden aud die zwei Araber. 

In den Arm ihm fAlt die Schwefter, rufend: 
„it doch, Bruder, nit auch diefen Kleinen! 
Wenn er jhwarz auch, dennoch thät' es meh’ mir!’ 


Anbrennt er fodann des Aga's Höfe, 

Schleift an wilden Roſſen ihm die Mutter, 
Zührt die Höfe fort ihm aus den Ställen, 
Schleppt die Güter fort ihm aus den Kammern, 
Legt die Güter auf der Roſſe Rüden, 

Kimmt mit fi die liebe Schwefter Jela, 

Zlieht mit ihr an's Waſſer der Stupniza, 

Läßt dem Aga Schmerz zurüd für Schande. 


Da fie aber an das Waſſer fommen, 
Wehklagt das Araberkind, dad Fleine. 


Redet alfo Jakſchitſch Dimitrije: 
„Gib mir das Araberkind, o Schweſter! 


Bald beſchwicht'gen, wahrlich, wird's der Oheim!“ 








-— 37 — 


Gibt ihm dad Araberfind, die Schwerter, 
Gibt es ibm — und Jakſchitſch Dmitar nimmt es, 
Schlaͤgt das Köpflein ab ihm von ˖ den Schultern, 
Wirft's hinab dann in die ftilen Waſſer. 


Wehklagt Iaut die Schweſter, jemmert alfo: 
„Weshalb dies, o Bruder, gnade Bott dir? 
Wenn es ſchwarz auch, dennoch thut's mir wehe, 
Unter'm Herzen hab' ich's ja getragen!“ 


Spricht zu ihr drauf Jakſchitſch Dimitrije: 
„Schweige, Schweſter! Sprich nicht alſo thöricht! 
Beſſer wahrlich werden deine Brüder, 

Beffer dich vermählen, liebe Schwefter, 

Und gebären wirft du befire Nachkunft 

Als mit jenem ſchwarzen Arap= Age! , 
Recht ift, daß von böfem Stamm Fein Splitter 
Und von räud’gem Hund fein Junges bleibe!’ 


Jakſchitſch Bogdan. 


Sqhilt der Mond den Morgenſtern, den hellen: 
„Sprich, wo warſt du, Morgenſtern, o heller? 
Sprich, wo haſt du hingebracht die Tage, 
Hin die Friſt von dreien hellen Tagen?“ 


Dies darauf der Morgenſtern zurück ihm: 
„Hab' verweilt mid, hab’ verfäumt die Tage 
Ueber Belgrad, jener weißen Befte, 

Schauend nieder auf ein großes Wunder, 
Wie zwei Brüder Baters Erbe theilten, 
Jakſchitſch Bogdan, Jakſchitſch Dimitrije. 
Schoͤn verglichen ſich die Brüder beide, 
Theilten ehrlich all' des Vaters Erbe; 
Karawlachien nahm für ſich Dimitrije, 
Karawlachien ſammt Karabogdanien, 

Das Banat, das ganze, bis zur Donau; 
Syrmiens ebne Felder nahm ſich Bogdan, 
Syrmiens Felder und der Sawe Ebnen, 
Serbien bis gen Uſchiza, die Veſte. 

Oberhalb der Burg was liegt, nahm Dmitar 
Mit dem Thurm Neboifha an der Donau, 
Unterhalb der Burg das Land nahm Bogdan 


—9 30 & \ 


Mit der Kirche Ruſchtza, die drin liegt. 
Um Geringes ftritten nur die Brüder, 

Um ſo wenig, daß es faft wie nichts ift, 
Um des Vaters Rappen nur und Yalten! 
Bogdan meinte, ihm gebühr’ das Vorrecht 
Auf des Waters Rappen wie auch Kalten, 
Dmitar aber mocht' ihm Feines geben. 

As es Morgens Morgen war geworden, 
Sattelt Bogdan, zäumt den hohen Rappen, 
Nimmt den grauen Falten auf die Rechte, 
Seht hinaus zur Jagd in’s Waldgebirge, 
Spricht zu Andielia, feiner Hausfrau: 
„Andielia, meine treue Hausfranu, 

Reiche Gift du Bogdan, meinem Bruder! 
So du aber Gift ihm nit wilft reichen, 
Harre mein in meinen Höfen nicht mehr!” 
Da dies Andjelia hört, die Hausfrau, 
Sitzet fie, vol Sram und Kummer figt fie, 
Denkt im Stillen, ſpricht zu ſich im Stillen: 
„Beh, was will doch diefer Unglückſel'ge! 
Reihe Gift id meinem Lieben Schwager, 
Iſt vor Gott dies nit nur fhwere Sünde, 
Kiedertraht und Schmach aud vor den Menſchen! 
Spredhen wird dann Klein und Groß und Ieder: 
Seht ihr dort die böfe Unglückſchaff'rin, 

Die da Gift gab ihrem eignen Schwager? 
So ich aber nit das Gift ihm reiche, 
Darf id nie mehr harren des Gemahles!” 
Sinnt alfo und fann auf Eines endlich, 
Steigt bernieder in die tiefen Keller, 
Kimmt hervor draus ihren Hochzeitsbecher, 


— 40 9 


. Den geſchmiedeten aus reinftem Golde, 
Den von ihrem Bater mitgebradhten, 
Schöpft ihn vol des beften rothen Weines, 
Seht damit hinan zu ihrem Schwager, 
Küßt die Hand ihm und den Saum des Kleides, 
Kniet vor ihm zur ſchwarzen Erde nieder: j 
„Dir zu Ehren, o geliebter Schwager, 

Dir zu Ehren nimm den Wein, den Becher, 
Schenke mir den Rappen und den Falken!” 
Tief im Herzen rühret diefes Dmitar, 

Und den Rappen fhenft er ihr und Falken. — 
Bogdan unterdeffen jagt im Walde, 

Sagt den ganzen Tag, kann nichts erjagen. 
Abends fpdt, da führet ihn der Zufall, 

Zührt an einen See ihn im Gebirge. 

Auf dem See, da Ihwimmt ein golden Entlein. 
Bogdan fieht’s, läßt Los den grauen Falken, 
Daß er ihm das goldne Entlein bole. 

Doch das Entlein läßt fih nit erhafden, 
MWehrt fi, fhlägt den Falken an. die Zlügel, 
Und zerfhlägt ihm feiner Flügel rechten. 

Da dies Unglück Jakſchitſch Bogdan fiehet, 
Wirft er ab fchnell feinen Herrenanzug, 
Schwimmet durd den See dabin, den ftillen, 
Holt den Zalfen aus den tiefen Fluten, 

Trägt an's Land ihn, fragt darauf den Falken: 
„Sprich, wie ift dir, o mein grauer alte? 
Sprich, wie ift dir, ohne rechten Flügel?“ 
Schmerzvoll drauf der Zalfe ibm ermwiedert: 
„Weh' ift mir, weh’ ohne reiten Flügel, 
Gleichwie einem Bruder ohn' den andern!” 








— 44 — 


Tief im Herzen merkt die Rede Bogdan, 
Bebt, da er gedenket ſeines Bruders, 
Wirft ſich ſchnell auf ſeinen hohen Rappen, 
Fliegt, ſo ſchnell ihm moͤglich, hin nach Belgrad, 
Ob er lebend noch den Bruder traͤfe. 
Da er anlangt vor der Tſchekmekbrücke, 
Spornt das Roß er, will im Flug hinüber — 
Siehe, da durchbricht der Rapp’ die Brüde, 
Brit entzwei die beiven Borderbeine. 
Da nun Bogdan ficht auch diefes Unglüd, 
Nimmt er ab den Sattel von dem Rappen, 
Hängt den Sattel an die ftarfe Keule, 
Eüt hinein ſchnell durch die Shore Belgrads. 
Zern no ift er, ruft ſchon zu der Hausfrau: 
„Andjelia, meine liebe Hausfrau, 
D, dad du den Bruder nicht vergiftet!” 
Drauf jedoch die Hausfrau dies zurüd ihm: 
„Richt vergiftet hab’ ih dir den Bruder, 
Sondern dir, ° Bogdan, ihn verfühnet!” 

® 


. — 4 — 


Der beiden Jakſchitſch Sranen. 


Trinken Wein die beiden jungen Jakſchitſch, 
Jakſchitſch Bogdan, Jakſchitſch Dimitrije. 

Als des Weines fie genug getrunken, 

Nedet alfo Bogdan zu Dimitrije: 

„Jakſchitſch Dmitar, mein geliebter Bruder! 

Als wir, Bruder, noch beifammen wohnten, 

Und die Mutter uns der Höfe pflegte, 
Schimmerten die Höfe und vor Weiße, 

Kamen liebe Gäfte oft in's Haus uns, 

Kamen oft aus Syrmien die Kneien,, 

Kam felbft Stefan, er, der Zar von Serbien! * 
Doch, o Bruder, feit wir und gefhieden, 

Und die Frauen uns der Höfe pflegen, 

Scheint's ald ob die Höfe und verdunfeln. 

Kit mehr fehn die Kneſen wir aus Syrmien, 
Kit mehr Stefan, ihn, das Haupt der Serben! 
Sprid um Gott! Woher.mag dies wol kommen?” 


Jakſchitſch Dmitar drauf zurüd dem Bruder: 
„Jakſchitſch Bogdan, mein geliebter Bruder, 
Schuld daran, fo ſcheint mir’, ift dein Ehweib, 
Angelia, möge Gott ihr gnaden!“ 


— 5 —— 


Wehe that dies Bogdan tief im Herzen, 

Sprach alfo zu Dmitar, feinem Bruder: 

„Run dann, Bruder, lafſ' die Frau'n uns prüfen, 
Daß wir fehn, ob ſchuld daran die Meine, 

Ob die Meine, Bruder, ob die Deine!” 


Wie fie ſprachen, thaten fie zur Stelle, 
Gingen bin zu Bogdan’s weißen Höfen. 
In die Stube vor die Frau tritt Bogdanz 
Bor dem Hof am Fenſter bieibet Dmiter, 
Daß er höre, wos die Frau wol fpräde. 


Sprit nun Bogdan fo zu feiner Lieben: 
„Angelia, meine trene Liebe, 

Gern um etwas würd’ ih did wol bitten, 
Wüßt' ich, Liebe, daß du's gern gewaͤhreſt!“ 


Leife drauf die Frauen ihm ermwicdert: 
„Jakſchitſch Bogdan, Herr mir und Gebieter! 
Spri®, o Seele, was du immer mödteft! 

Nie noch war ich gegen deinen Willen, 

Werd’ aud diesmal nidt dir fein dagegen!’ 


Spricht drauf Bogdan, ſpricht zu feiner rauen: 
„Angelia, meine treue Hausfrau ! 

Bon Budim vermählt ven Sohn der Köfig, 
Und zur Hochzeit lad’t er. mie den Bruder. 
Bittet denn der Bruder um mein Roß mi, 
Um die Waffen, türfifgen Gewaͤnder, 

Und. den ſchoͤnen ‚Sattel, den beſchlagnen. 

Sol, o Seele, fol ich dies ihm Leihen?” 


+ 4 — 


Spricht darauf Frau Angelia milde: 

„Leih' es immer, Bogdan, meine Seele! 
Leih' das Roß dem Bruder und die Waffen, 
Leih' ihm auch die türkiſchen Gewaͤnder 

Und dazu den Sattel, den beſchlagnen! 

Will ihm auch noch leihen die Schabracke, 
Die ich dir noch ſtickte bei dem Vater 
Und von der ich nie dir noch geſprochen, 
Weil ſie noch nicht ausgefüllt mit Gold war 
Und die ih mit Gold nun ausgefüllet! 
Leihen meine goldenen Halsbänder 

Eines, lauter goldene Dufaten, 

Und das andre, lauter weiße Perlen, 

Ihm fie flechten in des Roſſes Mähnen, 
Daß er ſchön fei bei der Koͤnigshochzeit!“ 


Dmitar hört die Worte an dem Zenfter, 
Die da redet feine liebe Schwägrin, 

Und vor Wehmuth weint er beiße Thränen. 
Geht darauf nach feinen weißen Höfen? 
Tritt zu feiner Zrauen in die Stube, 

Und es laufhet Bogdan an dem Fenfter, 
Daß er höre, was die Schwägrin fpräde. 


Redet Dmitar fo zu feiner rauen: 

„DD Miliza, meine treue Liebe! 

Bon Budim vermäßlt den Sohn der König, 
Lad’t zur Hochzeit Bogdan mir, den Bruder! 
Bittet um mein Roß mid denn der Bruder, 
Um die Waffen, um den Türkenanzug, 

Um den Sattel, um den fhönbefchlagnen, 
Sol, o Seele, fol id dies ihm leihen?‘ 








— 5 — 


Alſo ihm zurück drauf Frau Miliza: 

„Wie? Das Roß? Daß Wölfe ihn zerreißen! 
Waffen? Daß doch Türken ihn erſchlügen! 
Und, Gewaͤnder? Nie doch trag’ er welche!“ 


Dmiter aber, da er diefes böret, 

Faßt vor Schmerz fie an der weißen Kehle. 
Doch, wie er fie aud nur leife faflet, 
Springen aus der Stirn ihr beide Augen. 


Jakſchitſch Bogdan, da er diefes fiehet, 

Springt herbei, faßt Dmitar an dem Arme: 
„eh, was thuft du? Daß der Herr dir gnabe! 
Siehe doch auf deine jungen Falten! 

Leicht wirft dir ein beff’res Weib du finden, 
Nimmer aber ihnen eine Mutter! 

Drum — befled’ mit Blut nit deine Rechte; 
Wir jedod — wir find getrennt für immer!’ 





Janko der Cataraner md fein Sohn 
Stojan Jankowitſch. 


Janko von Cataro. 


Einen Brief ſchreibt Janko von Gataro, 
Sendet ihn nah Kladuſch bin, dem ftolzen, 
Sendet ibn zu Mujin Alil's Händen: 
„Hoͤr', o Türke! Knabe Alil, höre! 

Did rühmt man in Kladuſch, in dem ſtotzen, 
Mich rühmt man im ebenen Cataro; 

Laß darum uns kaͤmpfen einen Zweikampf, 
Daß ſich's zeige, wer der beffre Held iſt! 
Eine Wahlftatt will ih frei dir fielen _ 
Unter Kladuſch, dort vor deinem Thurme, 
Daß dich fehe deine alte Mutter, 

Bie im Kampf entweder du erliegeft, 
Oder aber mich befiegft, o Türke! 

Eine zweite Wahlftatt magft du wählen, 
Zürfe unter meinem weißen Thurme, 

Daß mid fehe meine treue Liebe, 

Wie im Kampf, o Türke, ich erliege 

Oder aber, wie ich dich befiege ! 

Eine dritte Wahlſtatt auch noch nenn’ ich 
Unter Kunar auf Cataros Felderny, 
Wo der Chriften Land grenzt mit den Türken, 
L 4 


— 50 9 . 


Wo die Erde Ichzt nach Heldenblute - 

Und nad Heldenfleif die Naben bungern! 
Wähl, o Alil, welde dir beliebet! . 

So dir aber fehlt der Muth zum Kampfe, 
Kimm zur Hand gleih Spindel nur und Noden, 
Rimm zur Hand von Buhsbaum eine Spule, 
Spinn’ und webe Satjen und ein Hemd mir, 
Daß mein Lieb ſich ſchone, Angelia“ 


Da der Brief zu Alil's Hand gelangt war, 
Lieft der Türke, Lieft ihn ſteh'nd zu Ende, 
Geht herab dann aus dem weißen Thurme, 
Geht betrübt umher in feinem Hofe, 
Kreuzt die Hände traurig ineinander. 
Sieh', da kommt der Kladufhaner Mujo, 
Kommt bernieder von dem grünen Erfer, 
Kommt gehüllt in feinen grünen Mantel, 
Sieht fein junges Söhnlein Mujin- Ai, 
ragt alfo fein junges Türkenſöhnlein: 
„Sag’, was gibt es, Alil, du mein Söhnlein? 
Hat zum Zweikampf Jemand dich gefordert, 
Daß du Söhnlein alfo ſehr betroffen? 
Sag’, o Söhnlein, fag’ e& deinem Vater!” 


Greift in feine Taſche Mujin= Atil, 

Reicht dem Bater das beihriebne Briefblatt. 
Da das Briefblatt Mujo durdgelefen, 

Und erfehen, was darin geſchrieben, 

Greift er mit der Hand in feine Taſche, 
Holt hervor zwölf goldene Dufaten, 
Schenket ſie des Briefes jungem Boten, 


— HH — 


Schenkt fie ihm und ſpricht zu ihm noch dieſes: 
„por und merke wohl, 0 junger Kaure! 
Grüße m mir Janko von Cataro! 
Sag’ ihm, daß er unter Kuner warte, 
Wil dahin ihm meinen Alil bringen, 
Diefen Sonntag, der da kommt der nädıfte, 
Daß den Streit mit Säbeln fie entiheiten!” 
Geht hierauf nad feinem weißen Thurme, 
Kimmt Papier zur Hand und Schreibgeraͤthe, 
Schreibt ver Briefe vier auf feinen Knien. 
Eins der Schreiben fertigt and der Türke, 
Schickt es nad der Ebne von Kowatſchi, 
Nach Kowatſchi an ven Türken Ramo: 
„O, mein Dheim, Kowatſchaner Ramo! 
Sammle auf dem Plane von Kowatſchi, 
Sammle mir fünfhundert Kowatſchaner, 
Fuͤhre fie nach Kladuſch hin, dem ſtolzen, 
Und vor meine ſuͤdlichen Gehoͤfte; 
Denn es fordert Janko von Cataro, 
Fordert meinen Alil anf zum Zweikampf! 
Komme, daß du beiſtehſt meinem Alil!“ 
Fertigt aus darauf ein zweites Schreiben, 
Schickt es nach der blutgetraͤnkten Life, 
Schickt's dem Türken Talo, dem Likaner: 
„Freund, mein alter, o Likaner Talo! 
Sammle in der blutgetränkten Lika, 
Sammle mir flnfhunders wadre Reiter, 
Zühre fie nach Kladuſch Hin, dem folgen, 
Und vor meine fühliden Gehöfte; 
Denn es fortert Janko von Cataro, 
Zordert meinen Alil auf zum Zweikampf! 

4 * 


— 52 9 


Zertigt aus darauf ein drittes Schreiben, 
Sendet ab ed nad der biut'gen Naka, 
Schickt es Nakitſch Ibrahim, dem Türken: 
„Nakitſch Ibrahim, o Bundesbruder ! 
Sammle in der biutgetränften Naka, 
Sammle mir fünfhundert wadre Reiter, 
Zühre fie nad Kladufh hin, dem flolgen, 
Komme grad’ vor meine weißen Höfe 
Denn ed fordert Janko von Gataro, 
Zordert meinen Alil auf zum Zweitampf! 
Komme, daß du. beiftehft meinem Sohne!” 
Zertigt auch nod aus ein viertes Schreiben, 
Schickt nah Türkiſch⸗Udbina das Schreiben, 
Osman Tankowitſch, dem Schwefterfohne: 
„Osman Tankowitſch, o Schwefterföhnlein ! 
Sammle dir in Udbina zur Seite, 
Sammle aus den beften Udbinjanern 

Fünf mal hundert auderlef’ne Helden, 
Zühre fie nah Kladufh hin, dem ftolzen, 
Komm’ gerad vor meine weißen Höfe, 
Denn e3 fordert Janko von Gataro, 
Zordert meinen Alil auf zum Zweikampf! 
Komm’ zu helfen deinem Anverwandten.’ 

- As die Schreiben Mujo auögefertigt, 
Seht er hin, und fißt in feinem Thurme. 


Bald darauf vernimmt er fernes Laͤrmen, 
An fein Ohr Mingt heller Pfeifen Klingen. 
Mujo ſchauet, ſchaut hinaus in's Weite — 
Sich’, da fommen mädt’ge Heereshaufen! 
Ihnen voran zwei gewalt’ge Häupter, 


{43 — 


Eins Budalin Zalo der Lifaner, 

Mit ibm Ramo Komatihin das andre, 
Und von Helden folgt ein volles Zaufent. 
Weit erftgegengebt den Scharen Mujo, 
Führt die Agas nad dem weißen Thurme, 
Heißt die Krieger lagern im Gefllte. — 
Lange nicht, nad Furzer Weile Dauer, 

Da erfcheint auch Nakitſch auf der Ebne, 
Mit ibm Osman Tankowitſch der. Häuptling; 
Beiden folgt.ein volles Zaufend Helden. 
Ihnen aud gebt Mujo weit entgegen, 
Heißt die Krieger auf der Ebne lagern, 
Zübrt die Häupter nad dem weißen Thurme, 
Siht mit ihnen, fühlen Wein zu trinken. 
Alil aber gebt, um fi zu rüften, 
Anzulegen Waffen und Gewänder; 

Legt zuerft ein feingewobned Hemd an, 
Ueber's Hemd ein Leibchen fein von Seide, 
Drüber dann ein grünes Oberleibchen, 
Dran des Merfowitihen goldne Spangen, 
Die ald Beute Mujo felbft erworben 
Züngft von Peter Merkowitih dem Helden 
In dem. hoben Waldgebirg Kunara. 
An.die Beine legt er rothe Hoſen 

Bis an’d Knie beftidt mit.veihem Silber, 
Und vom Knie mit Gold geftidt bis unten. 
Um die Lenden fhnallt er einen Gürtel, 
In den Gürtel ſteckt er zwei Piftolen, 
wet mit rothem Golde ſchwer beihlagne, 
Reben diefe ftedt er Flammenmeſſer, 

An die Seite hängt er einen Säbel. 


[4 


—ı 5b 6— 


Set fi dann aufs Haupt noch einen Kalpok, 
Wirft fi einen Mantel um die Schultern, 
Einen prädt'gen, reich mit Gold beftidten, 
Geht hernieder aus dem weißen Thurme. 
Flinte Diener führen ihm das Roß vor. 
Auf des Roſſes ſtarken Bug geihwungen, 
Reitet er in’s Held hinab zum Heere, 
Heißt erheben fi die Heereshaufen, 

Bichet nad) dem Waldgebirg Kunara, 

Wo ihn Mujo bald von Kladuſch eindolt, 
Und mit ibm die ftolgen Türkenhäupter; 
Ueberfchreitet dann die Höh'n Kunares, 
Laßt ſich nieder auf Gateros Ebne. 


Do auch Janko war bierber gefommen, 
Und mit ihm im Bunde vier Serdaren, 
Bier Serdaren, lauter Gataraner, 

- Und mit ihnen zweimaltaufend Krieger, 

Wadre Helden von Gataros Ebne. 


Als die Türken im Geflld erſchienen, 

Machen Raſt fie auf der grünen Ebne. 
Santo aber ruft fein Soͤhnlein Stojan: 
„Auf, mein Söhnlein, junger Knabe Stojan, 
Geh’, mein Söhnlein, hin zur Türkenheerſchar! 
Grüße dort den alten Türken Mujo, 

Daß heraus er fähre feinen AL, 

Ihn heraus zur grünen Wahlftatt führe, 

Daß den Streit mit Schwertern wir entſcheiden, 
Und die beiden Hcere es erſchauen, 

Wer des Andern Auge überliftet, 

Wer zuerft den Andern überwinbet !” 





— 55 —— 


Klug gehorchet Stojan ſhm zur Stelle, 

Gebt hinaus zum Türkenheer in'd Lager 

Bor das Zelt des alten Türken Mujo, 

Und verneigt beſcheiden ſich vor Mujſo. 

Doch der alte Türke fragt ihn alſo: 

„Sag', was willſt du, Bablenfind des Janko, 
Und was bat dir Janko aufgetragen?’ 


Spricht darauf der Jankvwikſche Stojan: 
„Kufgeträgen, Herr, hat mir mein Bater, 

Einen Gruß von ihm dir zu Beftellen, 

Daß heraus du Führeft deinen UL, 

Ihn heraus zur grünen Wahlſtatt fäßteft, 

Daß den Streit mit Schwertern Ihr entſcheidet!“ 


Ihm ermwiedert Mujo drauf der Türke: 

„Sag' ihm died, o Buhlenkind des Janko, 
Alſogleich kommt Alil auf die Wahlſtatt!“ 
Springt empor dann auf die leichten Beine, 
Rüſtet aus zum Kampf den fungen Alil, 

Zührt ihm vor das prachtvoll hohe Schwarzroß, 
und das Türklein ſchwingt ſich auf den Mappen, 
Reitet ftolzen Rittes nad der Wahlftatt, 
Janko von Gataro zu erwarten. 

Ihm zur Rechten, ibm bereit zum Beiftand, 
Stelt ſich Ramo auf der Kowatichaner, 

Reben Ramo Talo der Likaner; 

Ihm zur Linken, ihm bereit zum Beiſtand, 
Stellt ſich Nakitſch Ibrahim, der Türke, 

Neben Ibro Osman von Udbina; 

Hinter ihm faßt Mujo Stand von Kladuſch, 


— 56 > 


Und mit Mujo noch zweihundert Freunde. 
Kamen AU, den Kampf mit anzufhauen. 


Bald erſcheint auch Janko von Gataro. 

Hoch auf feinem ungezähmten Zalben, 
Zrägt die Kampfeslanz' er auf der Schulter. 
Ihm zur Rechten ftellt fi auf im Felde 
Smiljanitſch Ilia der Serdare, 

Ilia zunädft der Zengger Iwo; 

Ihm zur Linken ald des Kampfes Zeuge 
Steht im Feld Wuk Manduſchitſch der Recke, 
Wuk zunächft der wadere Scharitſch Zwian, 
Hinter ihm.der Jankowitſche Stojan, 

Hoch auf feinem jungen wilden Schwarzroß, 
Und mit ihm viel junge Gataraner. 


Angefommen auf der grünen Wahlftatt 
Nufet Janko zu dem jungen Ail: 

„Hoͤre mid, o Au, ſchwacher Knabe! 

Greif’ zuerft an, daß du dann nicht klageſt!“ 


Ihm zurüd das junge Türklein Mil: 
„Sreife du an, Janko von Gataro! 
Dein ift diefer Zweikampf, dein- die Ford'rung!“ 


Da dies höret Janko von Gataro, 

Faßt zufammen er des Roſſes Zügel, 

Bohrt den Iharfen Sporn ihm in die Flanke. 
Hinwärts fliegt der Zalbe durd die Ebne. 
Santo aber ſchwingt die Kampfeslanze, 
Schwingt fih nah der Bruft des jungen Ali. 


— 7 —, 


Doch des Türklein iſt gewandt im Zweikampf, 
Faͤngt die Lanze auf mit beiden Händen, 
Brit entzwei die Lanze in zwei Stüde, 
Rimmt zur Hand dann feine eigne Lanze, 
Wirft fie bin nach Janko von Gataro. 
Santo aber bat ein Fluges Kampfrof. 
Ausgegraben hatt’. ed eine Grube, 

Drin man Alil zwei mal konnt' begraben, 
Legt fih mit dem Reiter in die Grube, 
Und die Lanze überfliegt fie beide 

Und zeriplittert an der harten Erbe. 


Da die Langen Beider nun in Stüden, 
Züdet Janko feinen grünen Säbel, 

AU feine Damascenerklinge, 

Einer mit dem Andern nun zu fechten. 
Hinfliegt All. Ihn erwartet Janko. 

Mit dem Schwert erwartet er den Säbel, 
Schlägt zuerft den Saͤbel in zwei Hälften, 
Schlägt dem jungen Türken ab die Rechte. 
In den Hafen fällt die blut'ge Rechte. 
Janko aber fülägt zum zweiten male, 
Schlaͤgt das Zürklein in das weiße Antlig, 
Schlägt ihm ab die Wange bis zum Kinne ; 
Santo ſchlaͤgt au nun zum dritten male, 
Haut entzwei das Zärklein durd den Gürtel, 
Wirft herab ed von dem hoben Mappen. 


Suter Gott! Weld Wunder nun erweift fi! 
Da der Türken Häuptling ift erſchlagen, 
Fahren auf in Srimm die Heereshaufen, 


— 58 — 


Blut'ger Streit beginnt auf dem Gefilde. 
Eines Tages Hälfte währt das Mebeln. 
Bor fi jagt der Serben Schar die Türken, 
Sagt fie in's Gebirg und ſchlägt fie Wieder. 
Wen’ge von den Türken nur entkommen, 
Außer etwa Talo der Likaner 

Und mit ihm der Tankowitſche Osman. 
Wen’ge von den Serben nur erliegen. 
Scharitſch Zwian wird allein verwundet 

Und vermißt Wuk Manduſchitſch der Recke. 


Santo, bo zu Noffe, jucht den Helden, 
Sucht ihn auf der Wahlftatt, alfo rufend: 
„Wuk, o meine Rechte, fag’ wo bift du?” 


Alſo ruft noch Janko von Gataro, 

Sieh’, da kommt heran der Manduſchitſche, 
Zührt mit fi den alten Türken Mujo, 
Hat gebunden ruͤckwärts ihm bie Hände, 
Führet ihn vor Janko von Gataro, 

Macht ihn feinem Freunde zum Geſchenke: 
„Siehe, Janko, fieh’ dies Aepflein golden, 
hu’ damit, fo wie es dir beliebet !” 


Santo aber iſt ein Heldenfproffe, 

Sendet Mujo beim nad) feinem Kladuſch, 
Sprit zu ihm nur diefe Heldenworte: 
„Ziehe, Mufo, beim nad deinem Kladuſch! 
Doch nicht Lüge, ſondern wahr erzähle, 
Daß das Leben dir im Kampf gefhentt ward! — 
Zieht der Türke nad dem fteilen Kladuſch, 


Janko mit den Zreunden nad den Höfen. 
Drei, vier Tage gaften bier die Helden, 
3iehn dann heim nad feinem Hofe Jeder. 
Santo bleibt und trinket rothen Kühlwein, 
Trinkt mit Stojan in dem weißen Thurme. 


— 60 — 


Wie Stojan Jankowitſch die ſchöne Slatia 
erwirbt. 


Seit die Welt als lite Welt beftanden, 
Ward gefehn nicht eine Ihönre Blume, . 

Ad die Blume, die da war erblübet 

Zu Udbina, in der Türken Lande, 

Die gepriefne, feltne Türkenihönbeit, 
Sinan=Aga’s vielgerühmte Tochter, 

Mit dem Namen: wunderbar Slatia! 

Nach vier Seiten ging von ihr der Ruf aus! 


Da die Mutter fie geſeht in’s Leben, 

Bar Slatia aud ein Waislein worden. 
Gab fie denn der Bater an die Amme, 
Ließ fie bei der Amme durch drei Jahre. 
Gab fie in die Pflege dann, in's Kämmen, 
Ließ fie in der Pflege fieben Jahre. 
Pflegten ihrer fieben Pflegerinnen, 
Flochten ihr da dreißig ſchoͤne Flechten. 


As Slatia fiebzehn Sommer zäplte, 
Zur Bermählung war herangewachſen, 
Hielten um fie an wol viele Zreier. 





— 64 — 


Keinem aber ſprach fie zu der Water. 
Mocht' er Einen, mocht' ihn nit Slatia. 


Weit umber fpra man von dieſem Wunder, 
. Bis ed fern im ſerbiſchen Gataro 

Drang zu dem Gerdaren von Gataro, 

Kam zu Ohr dem Jankowitſchen Stoian. 


Als es hört der Jankowitſche Stojan, 

Nuft zu fi er feine alte Mutter: 

„Hoͤre mid, o meine alte Mutter! 

Nichte du die weißen Kuden, Mutter, - 

Und beſchlagen wi ich felbft mein Weißroß!“ 


Da dies böret Stojan’s alte Mutter, 

Geht fie Hin und richtet weiße Kuchen; 
Stojan aber zäumt Tein gutes Weißroß, 
Schwingt hinan fi auf des Roſſes Rüden. 


ragt ihn, da fies ſieht, die alte Mutter: 
„Was in Gott gedenfft du, Söhnlein Stojan?” 


Stojan drauf der alten Mutter diefes: 

„So mir Gott, o meine alte Mutter! 

Afo hört’ ich's, und die Leute fpreden, 

Ein gar feltfam Türfenmägdlein geb’ es 

Zu Udbina in dem Land der Türken, 

Und mid dünkt, als ob füc mid das Mädchen! 
Hüte drum die Höfe mir, o Mutter, 

Bas darinnen und was rings umber ift; 
Denn nidt Ziel und Friſt kann ich beftimmen! 


- 


— 63 —— 


Doch nicht ſorgen mögſt vu, alte Mutter, 
Siehſt du mich wicht bald im deinen Höfen!’ 
Alſo fpridht der Jankowitſche Stojan, 

Zieht mit Gett drauf binwärts gen Unbine 
Spät des Abends, nad dem Abenabeten, 
Langt ex au zur ſchönen Abendſtande 

In Udbinas weißerbauter Veſte. 

Eine liebe Baſe hat bier Janko, 

Shänfin Mara ihres Namens heißt fie, 
Seines Baters Janks liebe Schweſter. 

Da er ankommt vor der Baſe Schaͤnke, 

Ruft er feine Bafe mit dem Namen. 

Ihren Neffen glei erkennt die Baſe, 

Thut ihm auf der neuen Schänfe Thore, 
Und bekennt, die Junge, ſich zu Stofan. 

Ab von feinem Weißroß fteigt dann Stojen, 
Küffet mit der Baſe ſich in’s Antlis, 

Zragt nad ihrem Wohlbefinden ziemend. 
Unterdeß auch kommen Mara's Diener, - 
Nehmen Stojan ab fein gutes Weißroß, 
Führen auf und ab ed durd die Straße. 
Stojan aber fhreitet in die Schänfe, 

Sept fih zu her Bafe, trinfet Kühlwein. 


Ad des Weines er genug getrunden, 

Redet Stojan alfo zu der Bafe: 

„Hoͤre mich, o meine liche Bafe! 

Biel ſchon hört’ ih, und die Leute fagen, ' 
Ein gar feltnes Türfenmägdlein geb’ es 
Hier in euerm fhimmernden Ubbine, 








— 63 — 


Sinan⸗ Aqa's vielgeruͤhmte Tochter, 

Mit dem Kamen: wunderbar Slatia, 

Wie Fein zweites mehr auf Erden wallet, 

Und wid dünft, als ob für mid dad Mädden! 
Nathe nun wir, meine liebe Muhme, 

Nathe, wie das Mädchen ich befreie!” 


Drauf dig Baſe dies zurüd dem Helden: 
„Bruderſoöhnlein Stojan, mein gelichtes, 
Wärft beim Satan du und feiner Sippſchaft! 
Keine Seel! in unferem Udbina 

Weiß zu fogen, wir das Maͤdchen ausficht, 
Keines Auge bat es je geichen, 

Wer erit ſollt' befrein Slatia wollen!’ 


Da dies hört der Jankowitſche Stojan, 
Sprit er fo entfhloffen zu der Baſe: 
„So mir Gott, o meine liebe Baſe, 

Ich, der Held, ih will befrein Slatia, 
Sollt' id felbft den Kopf darob verwirken!” 


Sinnet nah die liebe, Bafe Stojan’s, 

Was fie ihrem Bruderfohne ſage; 

Sinnet nad, erfinnet endlic eines, 

Redet alſo zu dem mwadern Stojan: . 
„Bruderfühnlein Stojan, mein geliebte, 
Morgen, wenn die Sonn’ erft aufgegangen, 
Bergen in die Ställe wir dein Weißroß, 
Du legft ab die prädtigen Gewänder, 
Hülleft dich in ſchlechte Bettlerhülen, 

Wie ein Armer aus dem Kerker eben, 


— bh — 


Thuſt aufs Haupt ein arg zerriffen Müplein, 
Kimmft auf deine Schulter Stod und Säckel, 
Sehft dann Hin durdy’s ſchimmernde Udbina, 
Gehft von Thür zu Thür Almofen bettelnd. 
&o du dann vor Sinan’s Höfe Fommeft — 
Haben juft die Diener fie verlaffen! — 

Wird der Aga dich beftellen wollen, 

Daß den Mift du ſchaffeſt aus dem Schafftall. 
Bleib’ bei ihm und rein’ge ihm den Scafftall, 
Alfo wirft Slatia du befreien!” 


Da dies hört der Jankowitſche Stojan, 
Birgt er Morgens, da die Sonn’ erfhienen, 
In die niedern Ställe gut fein Weißroß, 
Shut von fi die prächtigen Gewänder, 
Huͤllt fi ein in ſchlechte Bettlerhüllen, 

Wie ein Armer aus dem Kerker eben, 

Seht aufs Haupt ein arg zerriffen Müslein, 
Kimmt auf feine Schulter Stod und Säckel, 
Seht alfo von Thür zu Thuͤre betteln. 


Bar durd ganz Udbina fhon gegangen, 
Kommt zulegt vor Sinan⸗Aga's Höfe. 


Dranfen vor den biendend meißen Höfen 
Sist der alte Sinan=Aga eben, 

Bist an feiner großen Eichentafel. 

Bor ihm neigt fi tief in traur’ger Demuth, 
Küffet ihm das Knie und au die Hände, 
Sprit dann fo, der Jankowitſche Stojan: 
„OD Gebieter, Aga Sinan=Aga! 


Gib um Gott, vor den wir Alle kommen, 
Gib um Gott dem armen eine Gabe!” 


Ihm daranf der Alte Sinan=Aga: 
„Sag' mir an, du armer Unglüdfel'ger! 
Woher bift du und aus welder Befte? 
Und wie bift mit Ramen du gebeißen? 
Wo im Kerker hielt man dich gefangen, 
Und bei welchem mädtigen Gebieter?“ 


Drauf zurüd der Jankowitſche Stojan: 

„D GSebieter, Aga Sinans Aga! 

Bin ein Held, nit fern aus dieſer Gegend, 
Heimiſch in der meißen Befte Dobuj 

Und geheifen Muftafa von Dobuj! 

In des weißen Sadar Kerkern ſaß ih, 

Dort bei jenem mächt'gen Ban von Sadar, 
Brauche Lösgeld taufend Golddukaten! 

Sich’! Neunhundert hab’ id ſchon beifammen ! 
Und nun muß ih hundert noch mir fammeln, 
Daß ich nichts mehr ſchuldig bin dem Kjauren!“ 


Spridt zu ihm drauf Aga Sinan = Aga: 

„Ei bei Gott, du armer Unglüdfel’ger, 

In dem Kerker, drin man did gehalten, 
In dem Kerker moͤcht' ich felber wohnen, 
So id mir dein Angefiht betrachte!“ 


Drauf zurüd der Jankowitſche Stojan: 
„D Sebieter, Aga Sinan= Age, 

Hüte Gott Did, daß du müßteft wohnen 
1. B 


— 66 > 


In dem Kerfer, drin man mid gebeiten! 
So du’5 mis am Autlitz wicht erfennft mehr 
Iſt, weil ih mid nun erholt ein wenig, 
Mid gewaihen, mir dad Haar geſchoeren; 
Iſt, weil ih von weißem Brot mich währen, 
Rothen Kühlwein wieder durfte trinken, 
Schaun die weiße Welt mit meinen Augen 
‚Und die warme Sonne und den Mondſchein, 
In die Wangen wir das Blut zurückkam! 


Da dies höret Aga Sinan⸗Aga, 

Greift er mit der Hand in feine Taſche, 

Holt heraus zmölf gelbe Golddukaten, 

Reicht fie bin dem Jaunkowitſchen Stojan, 
Reicht fie ihm und fpridt zu ihm drauf alfo: 
„Hör' einmal, o Muftefa von Dobuj! 
Zortgegangen find mir meine Diener; 

Könnt’ es, armer Schelm, fih dir wol ſchicken, 
Daß du meinen Schafſtall mir ausmifteft? 
Soüft dann hundert Goldbufaten haben, 

Daß du nichts mehr ſchuldig feift dem Kjauren! 


Diefes ift’s, worauf nur Stojan wartet! 

Geht gleich mit dem Aga in den Schafftell, 
Schafft den Mift ein Jahr lang aus dem Stelle. 
Doch Slatia? Keine Spur zu ſchauen; 

Wie erft, daß das Mädchen er befreie ! 

Macht daher die Rechnung mit dem Aga, 

WIN zurüd nad feinen weißen Höfen. 
Rückwärts aber hält ihn Sinan⸗Aga: 

„Treuer Diener Muftafa von Dobuj, 


— 6 


x 


- Bleibe du ein zweites Jahr nod bei mir, 
Diene mir in meinen weißen Höfen, 
Will dir zahlen hundert Goldrukaten!“ 


Wohl zufrieden iſt zu Solchem Stojan, 
Bleibt ein zweites Jahr im Hofe Sinan's. 
Doch Slatia? Keine Spur der Holden; 
Wie denn erſt, daß ſie der Held befreie! 
Rechnet ab denn mit dem Aga wieder, 
Will zurück nad feinen weißen Höfen. 
Aufhaͤlt aber wieder ihn der Aga: 

„D mein Diener, Muftafe von Dobuj, 
Diene mir ein drittes Jahr noch, Mujo, 
Will dir zahlen huntert Golddukaten!“ 


Bleibet denn eim drittes Jahr noch Stejan. 
Dog Slatia? Nicht ein Laut zu hören! 
Schließet wit dem Aga ab die Rechnung, 
Will zurüd nad feinen weißen Höfen, 
Bil ſchon laffen von dem ſchönen Mädchen. 


Sieh’, da fommt ein Schreiben zu dem Aga 
Bon Muftafa Hernjanin von Kladuſch: 

„Eidam Sinan-: Aga! Gojen Alil, 

Meinen Bruder, den?’ ich zu vermählen. 
Komme du, o Eidam, mir zur Hochzeit, 

Daß du mir der Hochzeitsobre feieft! 

Doch bring’ mit auch meine liebe Tochter, 
Meine Tochter, deine treue Ehfrau!“ 


Da dem Aga dieſes Schreiben zukommt, ü 
Hält er auf den Jankowitſchn Stojan 
5 * 





— 8 > 


„ zreuer Diener, Muſtafa von Dobuj, 
Bleibe du in meinen weißen Höfen 

Kur die Zrift noch funfzehn weißer Tage, 
Daß dem Schwieger ich zur Hochzeit gebe! 
Geb’ dafür dir funfzehn Golddukaten!“ 


Zuſagt Stojan funfzehn Tag’ zu bleiben, 
Und zur Reiſe ſchickt fih Sinan:Aga, 
Ziehet bin nah Kladuſch dann, dem ſtolzen, 
Laͤßt zurüd in feinen Höfen Niemand, 
Kiemand als den Jankowitſchen Stojan, 
Außer ihm noch eine ſchlanke Dien’rin. 


Geht ein Tag hin, kommt die dunkle Nachtzeit, 
Macht fi auf die Dienerin, die ſchlanke, 
Richtet zu ein Nahtmahl für Slatia, 

Will's ihr bringen in’s verſchloſſne Stübchen. 
Da befhmwört die ſchlanke Dienrin Stojen: 
„Sei in Gott mir Schweſter, ſchlanke Dienrin! 
So du trägft das Nahtmahl zu Slatia, 

Laffe doch die Thür ein wenig offen, 

Daß ih an die Thüre dir fann folgen, 

Und Slatia's Antlitz einmal ſchauen! 

Ließeft du mich ſchaun Slatia's Antlitz, 

Gäb' ich gern dir hundert Golddukaten!“ 


Annimmt ihm den Schweſtergruß die Dienrin. 
Da fie denn das Nachtmahl bringt dem Mädchen, 
Laͤßt fie offen ftehn die Thüren alle, 

Neun der Thüren, eine nad der andern. 

Auf dem Fuß ihr folgt der Jankowitſche. 








9 — 


De nun bei dem Kadtmahl ſiht Slatia, 
Zritt auch Stojan in’s verfäloffne Stübchen. 


Kaum jedoch, daß ihn erihaut Slatia, 

Faͤhrt empor fie auf die leichten Beine, 
Schreiet auf, daß bis zu Gott ed aufbringt! 
Wie fie ift! Daß Jammer fie nit treffe! 
Richts an Schoͤnheit ift ihr gleich auf Erden! 
Und an ihr welch' prädtige Gewänber! 
Binden zwei an ihrem Haupt, dem einen, 
Zwei Gehänge an den einen Ohren, 

Drei Halsbänder an dem einen Halfe, 
Gürtel, goldne, zwei vor einem Herzen, 
Zrauenhofen zwei an ihr, der Einen 

(An den Knöheln ausgelegt mit Marder, 
Wenn fie wandelt, daß es fie nicht wetze), 
Alfo fist fie auf zwei weichen Polftern, 

Und gelebnet find vier weiche Kiffen! . 


Spricht Slatia zu dem Jankowitſchen: 
„Buhlendiener! Muſtafa von Dobuj! 

Haſt, o Schelm, haft klug dir's ausgefpähet, 

Daß, da aus den. Höfen fort mein Vater, 

Du zu mir dringft in’s verſchloſſne Stübchen? 
Brauch' hinab nur auf den Markt zu rufen, 

Und zur Stund’ verlierft dein Haupt du- thoͤricht!“ 


So jedoch ihr Stojen drauf erwiedert: 
„Sei erft ruhig, herrliche Slatia! 

Drang zu dir ich in's verſchloſſne Stübchen, 
Hab' ich doch nichts Boͤſes noch im Sinne! 


Kam ja nit, daß id dir Leides thue, 
Sondern weil ih müde bin der Ags's, 

In den Schänken und in den Kamanen, 

Die mid ftets nad deiner Schönheit fragen, 
Und ich preif’, und weiß nicht, was ic preife! 
Kam denn ber, daß ich dein Antlit ſchaue, 
Und am Morgen wifle, was id preife!” 


Da dies Wort Statia hört, das Mädchen, 
Sendet fie hinaus die ſchlanke Dienrin, 
Sendet nah der Straße fie um Wafler, 
Spricht alfo zum Jankowitſchen Stoian: 
„Ei, mein Diener, Muftafa von Dobuj! 
Sag’, o Schelm, und ift dir wei zu. trauen? 
Traun! So einen Dienft du mir erweifeft, 
Geb’ dir gern, fo viel du wilft, an Gute!’ 


Schwöret und verihweret fih drauf Stojan: 
„So mir Gott, o Lieblihe Slatia, 

Feſter ald ein Zels ift meine Arne) 

Eher fehmelzen müßt’ ein Falter Felsſtein, 
As ich je mid treulos dir exwieſe!“ 


Spridt zu ihm Slatia drauf, dad Mädchen: 
„Run denn Diener, Muſtafa von Dobuj, 
Gile bis zur Naht mir nad Gataro, 

Eile zu des Jankowitſchen Thurme, 

Sage dort dem Jankowitſchen Stojan, 

Das er Nachts heut Fomme nad Udbine, 
Heut Nachts no, ober aber niemals, 
Naͤchtlich mich entführe nah Gataro! 


[4 











— 1 — 


⸗ 


Nicht bewahrt hab’ ich dies ſchoͤne Auntlih 
Für die jungen Türken von Udbina! 

Hab's bewahrt dem Jankowitſchen Stojan! 
Meine Dienrin will ich mit mir nehmen. 
Aber du, o Wuftafa von Dobuj, 

Sud’ dir aus das beſte Roß im Stalle, 
RNimm an Gut, fo viel du magſt begehren, 
Rimm an Kleidern, mas bu ſelber wünſcheſt, 
Flieh' dann Hin, wohin es dir beliebet! 
Willſt du aber, Mufjo, mit uns fliehen, 
Bon und meifen werden wir dich nimmer!” 


Ihr darauf der Jankowitſche Stojen: 
„So dir Gott, o lieblide Slatia! 

Säheft du den Jankowitſchen Stojan, 
Könnteft du wol irgend ihn erfennen? 
Haft du je mit Augen ihn geichen? ” 


Drauf zuräd die liebliche Slatia: 

„So mir ˖Gott, o Muſtafa von Dobuj! 
Ein mal nur Yen Jankowitſchen ſah' ich, 
Da er z0g durch Lifa und Udbina! 

An drei Ketten führte er Gefangne, 
Zunge Türken an der einen Kette, 
Schöne Mägdlein an der andern Kette, 
Jungvermählte Frauen an der dritten! 
Sieben Jahre zaͤhlt' ih Mädchen damals, 
Sah vorbei ihn ziehn mit eignen Augen, 
Sah ihn, wie den Kalpak er emporſchwaug, 
Sah ein Mal ˖ob feiner reiten Brauen! 


—ı 72 0 


Saͤh' ich ihn mit meinen "Augen wieder, 
An dem Male würd’ id ihn erkennen!” 


Da dies hört der Jankowitſche Stojan, 
Springt er ſchnell empor auf feine Beine, 
Zliegt hernieder aus dem ſchlanken Thurme, 
Eilt, fo ſchnell ihm moͤglich, durch die Straßen, 
Eilt zu feiner Bafe in die Schänfe, 

Nufet den Barbier herbei zur Stelle, 

Luͤßt den Bart ſich fhheren und das Haupthaar, 
Holt hervor die prädtigen Gewaͤnder, 

Kleidet ſchnell fih in den Herrenanzug, 

Zübrt heraus fein Weißroß aus den Ställen, 
Wirft dem guten Roß fih auf ven Rüden, 
Reitet bin gerade durch die Straßen. 


Da er anlangt vor den Höfen Sinan’s, 
Harret fein die liebliche Slatia, | 
Kommt ihm in den Marmorbof entgegen, 
Zrägt in ihren Händen Leucht' und Kerze, 
Und befieht den wadern jungen Helden, 
Ob dies au der Jankowitſche Stojan? 


Bon der Stirne nimmt den Kalyaf Stojan — 
Sich’, da ift dad Mal ob feinen Brauen! 


De das Mädchen nun erkennt den Helden, 
Zalt fie mit den Armen um den Hals ihm, 
Küpt ihn (hei, wie Füffen fi die Beiden!), 
Gehn hinab dann in die weißen Ställe, 
Schirren an drei gute Kampfesrofle 








— 73 — 


(Eines für Slatia, eins für Stojan, 

Und das dritte für die vielen Güter), 

Geben, da fie augeſchirrt die Roſſe, 

Gehn hinab dann in die Kleiderftube, 

Nehmen da an Gut, was ihnen lieb ift 

Und fo viel auf's Roß fie können laden, 
Schwingen.auf fih auf die flinfen Nenner, 
Zliegen fort — und eb’ der Zrübftern ſchimmert 
Sind fie Thon vor Stojan’s weißen Höfen! 


Bor die Höfe Fommt die Mutter Stojan’s, 
Breitet aus die Arme, Püflet Beide, 
Eines fragt das andre nah dem Wohlſein. 


Unterdeß aud kommen bar dig Diener, 
Nehmen ihnen ab die guten Rofſſe. 

Stojan aber führt hinein Statia, 

Zeuert zwölf Kanonen ab vom Thurme, 
Sigt dann nieder Fühlen Wein zu trinken, 
Sitet, bis die Sonn’ emporgeftiegen. 


As empor die Sonne nun geftiegen, 

Führt er in die Kirde ſchoͤn Slatia, 

Zauft fie bier nah Chriſtenweiſ' und Sahung, 
Legt ihr bei der Namen allerſchönſten, 

Einft Slatia, nunmehr Angelia. 

Auch vermählt er fi mit ihr zur Stelle, 
Zeugt mit ihr gar vielgepriefne Abkunft, 
Toͤchter zwei und vier vielmadre Söhne. 


— ih — 


Wie Jankowitſch Stojan ans der fürkifchen 
Gefangenſchaft heimkehrt. 


Ueberfielen Catoro die Türken, 

Plünderten des Jankowitſchen Höfe, 
Zührten mit ſich Smiljanitſch Ilia, 

Mit ſich Stojan Jankowitſch gefangen. 
Rückwaͤrts blieb in Sram Ilia's Ehfrau, 
Junge Frau, vermählt ſeit funfzehn Tagen, 
Ruückwaͤrts, tiefbekümmert, Stojan's Liebe, 
Junges Lieb vermählt ſeit einer Woche. 
Hin gen Stambol zogen drauf die Türken, 
Schenkten bier dem Sultan die Gefangnen. 


Dlieben da nenn Jahre die Gefangnen 

Und vom zebuten Jahr noch fieben Monte, 
Und der Bultan machte fie zu Tuͤrken, 
Baute ihnen prädt’ge Herrenhöfe. 


So jedoch ſpricht Smiljanitſch Mia: 
„Stojan, o geliebter Bundesbruder, 
Freitag iſt es morgen, Tuͤrkenfeſttag, 
Mit den Türken geht hinaus der Sultan 
Und die Sultanin mit ihren Frauen. 











— 7 > 


Rimm du beimlid dann des Schatzes Schläffel, 
Ienen von eu Ställen nehm’ ich felber, 

Daß wir großes Gut zuſammenſcharren ’ 
Und entfliehn nad Gataros Gefüden, 

Wieder bort zu ſchaun die lang Wermißten, 
Und zu kuͤſſen, die wir längft nicht Füßten !” 


Da es nun ift Freitag, Türkenfeſttag, 

Und der Sultan ausgeht mit den Türken, 
Und die Sultanin mit ihren Frauen, 

Kimmt des Schatzes Schlüffel Stojan heimlich, 
Smiljanitih den Schlüffel von den Ställen, 
Naffen eilig ſchweres Gut zufammen, 
Schwingen ſchnell fi auf zwei gute Roſſe, 
Und entfliehn nad Cataros Gefllden. 


Da fie nicht mehr fern find non Gataro, 
Nedet fo der Jankowitſche Stojan: 

„Lauf, Ilia, mein geliebter Bruder! 

Gehe du nad deinen weißen Höfen, 

Ih jedoh will ſchaun in meinen Weinberg, 
Meinen Weinberg, meinen lieben Garten, 
Schauen, wer darin ben Weinſtock bindet, 
Schauen, wer die vollen Neben fammet, 
Shaun, in weflen Hände er gefommen!” 


Und Ilia geht nad feinen Höfen, 
Stojan aber gebt in feinen Meinberg. 


Sich’, da trifft der Jankowitſche Stojan, 
Trifft die alte Mutter in dem Meinberg, 





— 7% ⸗— 


Sicht, wie fie vom Haupt ihr Haupthaar ſchneidet, 
Es dann hinhängt in dem Weingebirge, 

Sicht, wie fie mit Thraͤnen nett die Reben, 
Hört, wie fie gedenfet ihres Sohnes: 

„Stojan, o mein Söhnlein, Aepflein golden, 

Di verfhmerzen mußte, ab, die Mutter! 

Aber Iela, meine Schwiegertodter, . 

Zela werd’ id nimmerdar verfhmerzen!” 


Und ed grüßt der Jankowitſche Stojan: 

„Helf' dir Gott, o Mutter, arme Waife! 

Sag’, 0 Mutter, haft du niemand Yüngern, 

Der für dich das Weingebirg bebaue, 

Daß du, alt und ſchwaͤchlich, ſelbſt herauskommſt?“ 


Drauf gibt dies die Mutter ihm zur Antwort: 
„Glück mit dir, o ungekannter Recke! 
Kiemand hab' ih, Beſter, niemand Jüngern, 
Außer Stojan, meinen Sohn, den einz'gen, 
Und den Einen nahmen mir die Türken, 
Rahmen ihn mir und mit ihm Ilia, 

Meines Stojan vielgeliebten Better ; 
Rückwaͤrts blieb in Gram Ilia's Ehefrau, 

* Junge Frau, vermäplt feit funfzehn Tagen, 
Ruͤckwaͤrts tief befümmert Stojan’s Liebe, 
Junges Lieb, vermäßlt feit einer Woche. 

Web mir! Meine Schnur, die Adamstochter, 
Streu des Mannes harrte fie neun Jahre, 
Und vom zehnten Jahr noch fieben Monde — 
Heute wird die Frau fie eines Andern ! 





— 717 — 


Kit vermocht' das Unglüd ih zu fhauen, _ 
Floh vor Herzleid in dies Weingebirge!“ 


Da vernommen Stojan ſolche Rede, 

Eilt er ſchnell nach feinen weißen Höfen. 
Schmucke Swaten traf er in den Höfen, 
Ward empfangen freundlih von den Swaten, 
So am ingang wie aub an der Tafel. 


Da er fi des Weines fatt getrunfen, 

Spread nun Stojan zu den fhmuden Swaten: 
„Meine Brüder, ſchmucke Hodzeitögäfte! 

Iſt's erlaubt, ein Pleines Lied zu fingen?” 
Ihm zurüd drauf die gefhmüdten Smaten: 
„Bol erlaubt iſt's, ungefannter Nede! 

Wol erlaubt, und warum folt’ es nicht fein?” 


Singt nun Janko, fingt mit zarter Stimme: 
«Baut' ein Neftlein eine zarte Schwalbe, 
Baut’ ed treu und fromm neun volle Jahre 
Und vom zehnten Jahr noch fieben Monde, 
Morgen aber will fie ed zerftören. 

Sich’, da kommt ein edler Falk geflogen, 
Kommt geflogen von des Sultans Throne, 
Laͤßt nicht zu, daß fie das Reſt zerftöre !» 


Nicht verftehn die Smaten dies zu deuten, 
Stojan’s junges Lieb jedoch verfteht es, 
Reißt fi) los von ihrem Brautgeleiter, 
Eilt hinan ſchnell zu den obern Hallen, 
Sprit alfo zu Stojan’s lieber Schweſter: 


— 73 — 


„Liebe Schwägrin, angeborne Schweſter! 
Heimkehrt und dein Bruder, mein Gebieter !” 


Da dies Stojan’s liebe Schweſter höret, 
Eüt herab fie aus den obern Hallen 

Drei mal überfliegt den Tiſch ihr Auge, 
Eh’ fie fieht des Bruders liebes Antlitz. 
Da fie’ aber fiebt und es erkennet, 
Breitet fie die Arme, küßt fein Antliß ; 
Eines netzt mit Schränen beif das Andre _ 
So vor Zreude wie lebend’ger Sehnſucht. 


Do die ſchmucken Hochzeitöleute ſprechen: 
„D Sebieter, Jankowitſche Stojan! 

Was iſt's nun mit unferm vielen Gute? 
Biel des Gutes haben wir verfchwenbet, 
Ehe wir Rein Lieben uns erbeten!” 


Drauf zurüd der Jankowitſche Stojan: 
„Bolt verziehn nur, 9 geihmüdte Swaten, 
Daß ih recht mein Schwefterlein erft anſchau'! 
Leit mit euerm Gute fol’5 dann werden, 
Leit wie unter friedliebenden Leuten!’ 


Da er recht num angeihaut die Schwefter, 
Da befhenft die Swaten Stojan ftattlid. 








Dem fhenft er ein Tuch, ein Hemd’ dem Andern, 


Schenft dem Bräur’gam feine liebe Schweiter, 
Und die Smwaten ziehn von dannen freudig. — 


Abend fpät zur Zeit der Abendmahlzeit 
Kehrt die Mutter klagend zu ven Höfen. 


— 9 — 


Schmerzvoll Hagt fie wie ein Audufweibden 
Und gedenket alfo ihres Sohnes: 

.„D mein Söhnlein Stojan, goldnes Xepflein, 
Did) verſchmerzen mußte, a, die Mutter! 
Aber Iela, meine Schwiegertodter, 

Sela werd’ ich nimmerdar verfchmerzen! 

Wer wird nun die Mutter heim erwarten? 
Wer mir armen Alten gehn entgegen? 

Wer die alte Mutter forgjam fragen: 
Mütterchen, du altes, bift du müde?” 


Da dies böret Stojan’s treue Liebe, 

Geht hinaus fie vor die weißen Höfe, 

Faßt der Mutter weiße Herrenhände, 
Sprit alfo zu ihrer alten Mutter: 

„Klage nit, 0 Mütterdhen, mein altes! 
Wärmend ſcheint die Sonne deinem Alter — 
Heimgekehrt ift Stojan dir, dein Söhnlein!” 


Da erſchaut die vielbejahrte Mutter, 
Da fie Stojan, ihren Sohn, erfchauet, 
Zält fie todt zur dunkeln Erde nieder. 
Stojan aber geht, fie zu beftatten, 
Prachtvoll, wie es ziemet einer Zarin. 


Starina Rowak und feine Söhne. 











% 


Darım Nowak Haiduke wird. 


Rothwein trinken Rowak und Radiwoj 

An der Bosna kuͤhligem Gewaͤſſer, 

Trinken ihn bei Bogoſaw, dem Kneſen. 

Da ſie ſich des Weines ſatt getrunken, 

Redet alſo Bogoſaw der Kneſe: 

„Sag' einmal — bei deinem Wohl! — in Wahrheit 
Wie doch kam's, daß du Haiduke worden? 

Und welch' Unſtern zwingt did jett noch, Bruder, 
Streifend durch's Gebirg' den Hals zu wagen, 
Und ſolch' boͤs Gewerbe zu. betreiben, 

Da du olt, und deine Zeit fhon um iſt?“ 


[4 


Drauf ermwiedert Died der alte Kowal: 
„Bundeöbruder, wackrer Knes Bogofaw, 
Wahrheit wilft du, Wahrheit ſollſt du bören! 
Misgefhid war's, mas dahin mich bradte! 
Wohl gedenken wirft du jener Zeit noch, 
Da Ierina Smederewo ! baute, 
Mid aud gegen Taglohn nahm in Arbeit. 
zreuli dient ich ihr drei volle Jahre, 
Schaffte Holz und Stein herbei zum Baue , 
That dies all mit eignem Rind und Karren; 
. 6 


5 — 4 > 


Do für all die Mühe dreier Jahre, 

Gab fie Lohnes mir nicht einen Para ?, 
Keinen Schuh verdient’ id meiner Sohle! 
Doch es fei — dies mocht' ich ihr vergeben! 
Kaum jedoch, daß fie die Stadt vollendet, 
Zing fie an auch Thürme zu erbauen. 
Shore dran und Zenfter. zu vergolden, 
Schreibt fie ſchwere Abgab’ aus im Lande, 
Zordert Haus für Haus drei Litren Goldes 3 
Das find, Freund, dreihundert Golddukaten! 
Wer fie hatte, brachte die Dufaten; 

Wer fie brachte, konnte friedlich bleiben. 
Ich jedoch, der Allerärmften Einer, 

Konnte nimmer das Berlangte bringen, 
Nahm daher die Art, mit der ih frohnte 
(Denn verweilen in Ierina’d Gauen, 

Den verwünſchten, konnt' id nimmer länger), 
Ging in's Weite, wollt! Haiduke werden. 
Zog vorerft bis zu der Drina ? Ufern, 
Ging dahin dann durch die ftein'ge Bosna, 
Kam darauf in’ bergige Romanien °. - 
Sieh’, da gingen türk'ſche Hoczeitögäfte, - 
Führten heim ein lieblich Bräutlein eben. 
Friedlich zogen bin die Säfte alle. 

Nur der Bräutigam, dad junge Türklein, 
Blieb zurüd auf feinem hohen Braunen, 
Mocht' in Zrieden nit des Weges ziehen, 
Schwang empor fein dreigeflochten Peitſchlein 
(Waren dran drei ſchwere Meſſingknöpfe), 
Sprang heran, hub an nah mir zu ſchlagen. 
Drei mal bat bei Gott und Bruderbuͤndniß, 








— 85 — 


Drei mal ihn beſchwor ih: Junges Türklein! 
Zieh', fo Gluͤck und Heldenruhm mit dir fei 
Und gefegniet dir die Hochzeitäfeier, 

Zieh' vorbei! Geh’ deines Wegs in Frieden! 
Arm bin ih! Was kannſt von mir du wollen? 
Doch das Türklein ließ nit ab zu peitſchen. 
Aber ih auch, da mich's endlich ſchmerzte, 
Konnte mid des Zornes nicht ermwehren, 

Nahm bebend die Art von meiner Schulter, 
Schwang fie nad) dem jungen Zürfenbräut'gem. 
Leiht, o Bruder, traf id nur das Türklein, 
Dennod field vom Roſſe glei, zur Erde. 
Aber ih, ich warf mi auf das Türklein, 
Schlug nad ihm nod zwei mal oder drei mal, 
Ließ nit ab, bis Leib und Seel geſchieden. 
Mit der Hand drauf fuhr ih in fein Sädlein, 
Zand darin drei Beutel $ rotben Goldes, 
Schob die Beutel ſchnell in meine Tafche, 
Schnallte los vom Gürtel ihm den &Säbel, 
Schnallte mir ihn um die eignen enden, 

Ließ die Art doch liegen ihm zu Häupten, 

Daß begraben ihn die Türken fonnten. 
Schwang mid auf fein gutgezäumtes Braunroß, 
3og dann meines Weges gen Romanien. 

Wol von ferne fahen dies die Swaten ’; 
Keiner aber wagt’ ed, mir zu folgen, 

Keiner wagt’ ed, wol auch mocht' es Keiner. 
Bierzig Jahre find feitdem verfloffen, 

Zur Gewohnheit wurden mir die Wälder, 
Sind mir lieber ald der eigne Hof nun! 

Im Gebirg' drum lagr’ ih an den Wegen, 


— Ss — 


Laure auf im Umkreis den Bewohnern, 

Nehm' ihr Gold und nehm’ ihr Silber ihnen, 
Kehm’ auch Zeuge, Stoffe, Sammt und Seide, 
Kleide mid und die Gefährten alle, 

Bin gewandt im Fliehn wie im Berfolgen, 
Fuͤrchte nicht an fehlimmfter Stell’ zu fteben, 
Scheue Keinen, außer Gott den Einen! 


Die Grujo verkauft wird. 


Kühlen Bein triakt Nowek mit Mabingj 
In Romaniens grünem WBaldgebirge ; 

Ihnen dienet Gruiza der Knabe. 

Da des Weines fie genug getrunken, 

Da beginnet Radiwoj der Rede: 

„Sieh' doch, Nowak Starina, mein Bruder! 
Sich’, Tabak und Wein find nun zu Ende, 
Und Fein Para Geld in unfrer Taſche!“ 


Ihm drauf Nowak Starina erwiedert: 
„Wo nidt forgen, Radiwoj, mein Bruder! 
Iſt Taback und Küblwein aud zu Ende 

Und fein Para Geld in unfrer Zalde, 

Iſt doch Knabe Grujo un? geblieben, 

Der an Schönheit übertrift ein MägNein! 
Wollen denn ald Krämer uns verkleiden, 
Grujo thun in ärmlihe Gewänder, 

Ihn zu Markt nah Sarajewo führen 

Und verkaufen auf dem offnen Marktplag ! 
Wenn fie und den Knaben erft bezahlen, 
Und Taback und Mein wir wieder haben, 
Mag er ſchaun denn, role er ſelbſt entkomme!“ 


— 38 — 


Wohl zufrieden iſt zu ſolchem Rado. 

Springen denn empor auf ihre Beine, 

Legen an fi ſchlichte Kraͤmerkleider, 

An den Knaben ärmlihe Gewänder, 

Zühren ihn zu Markt nah Sarajewo, . 
Bieten feil ihn auf dem offnen Marktplatz. ' 


Bil ihn da ein Türkenmädchen Faufen, 
Bietet für ihn zwei Saumlaften Gutes. 
Doch indeß es geht, das Gut zu holen, 
Bringt der Teufel eine türk'ſche Witwe. 
Die nun bietet drei Saumlaften Gutes 
Sammt den dreien Roſſen, die es tragen. 


Flucht das Mädchen, da es drauf zurüdfommt: 
„Rimm den Sklaven, Diafer: Begin, nimm ihn! 
Doch nicht freuen mögft du lang di feiner — 
Eine Naht nur oder hoͤchſtens zweite!” 


Heim den SPlaven führt die Türfenbuhle, 
Führt ihn beim nad ihren weißen Höfen, 
Bringet Waffer, bringt aud feine Seife, 
Wäſcht und pflegt den Knaben Grujo forgfam, 
Legt ihn an mit prädtigem Gemwande, 

Traͤgt dann auf ein trefflid Herrennachtmahl. 


Trefflich laͤßt das Mahl ſich Grujo munden. 
Doch die Buhle rührt nicht an die Speiſen, 
Schaut nur an ohn“ Unterlaß den Knaben. 











— 89 — 


\ 


As es nun ift nach dem Herrennachtmahl, 
Geht fie, breiter aus die weichen Kiffen, 
Legt ſich nieder mit dem Knaben Grujo. 


Morgens aber, an dem früßften Morgen, 
Da erhebt fid früh die Djafer⸗Begin, 
Schafft herbei die herrlihften Gewänder, 
Kleidet drein den Knaben Grujo felber. 

An den Leib an legt fie ibm ein Hemblein 
Bis zum Gürtel von gediegnem Golde, 
Unterm Gürtel fein von weißer Seide; 
Ueber's pemdchen grüne Weberfleider, 

Rei verziert mit dreißig goldnen Spangen, 
Jede ſchwer drei Litren rotben Goldes 

(Die am Knie wiegt allein drei Litren, 

Iſt zu Öffnen durch ein Ringlein zierlich, 
Daß man Morgens Rakia draus kann trinken); 
Leibchen uͤber's Oberkleid mit Spangen, 
Goldnen Spangen, ſchwer vier Ocka Goldes, 
An die Beine Strümpfe wie auch Hoſen. 
Goldgelb, Bruder, ſchimmern ihm die Beine 
Bis an's Knie, gleichwie bei einem Falken! 
Auf das Haupt 'nen Kalpak mit Agraffen. 
An dem Kalpak funkeln drei Agraffen 

Und als zehnte ein beſchlagner Flügel, 
Draus hervor drei goldne Federn ragen 
Wallend tief dem Knaben um die Schultern. 
Für Dukaten tauſend ſteht der Flügel! 

Legt um ihn dann einen goldnen Gürtel, 
In den Gurt zwei Damascenerrohre, 

Beide mit gediegnem Gold beſchlagen, 


, 
— s0 — 


Zwiſchendrein ein Paar geflammter Meſſer, 
Ausgelegt mit Steinen an den Heften; 
Gürtet ihn mit einem blanken Säbel, 
Einem Säbel mit drei goldnen Griffen, 
Edlen Steinen an der Griffe dem, 

Daß er werth drei Burgen ift des Sultans. 


So gekleidet geht der Knabe Grujo, 
Geht bernieder aus dem ſchlanken Thurme, 
Schreitet auf und nieder in den Höfen, 
Krenzt die Arme traurig ineinander. : 
Wie er fhreitet, fiehet ihn die Buhle, 
Sieht ihn aus des Thurmes hoben Zenftern, 
Spricht zu ihm hernieder aus dem Thurme: 
„VHöre, Sklave Theuerfauf, mein Herrlein! 
Was doc gehſt jo traurig auf und nieder? 
Iſt es leid dir um die Menge Gutes, 
Das ih für dich ausgab, drei Saumlaften? 
Leid dir um die Pferde, die ed trugen? 
Schäge viel in meinem Thurme hab’ id, 
Pferde viel in meinen praͤcht'gen Ställen, 
Dreißig edlen, dreißig mindern Bluted! 
Alles dies, einft meines alten Djafer, 
Iſt nun dein, o Theuerkauf, mein Sklave!“ 


Drauf erwiedert Grujo ihr der Knabe: 
„Djafer-Begin, o Gebietrin, hoͤre! 

Nicht das Gut beklag' ich, nicht die Roſſe! 
Eines nur beklag' ich, Diafers Begtn! 
Heim, da ich noch war in meinen Hoͤfen, 


Te 


Ging ich oft in’s Waldgebirg und jagte; 
Hier nun hab’ id Niemand, der mit mir geh’!” 


Ihm darauf zurüd die Diafer : Begin: 
„Sorge nicht, o Thenerkauf, mein Sklave! 
Sieh', bei mir ſind dreißig Sarailien, 

Die mit Djafer⸗Beg gar oftmals jagten! 
Will glei rufen Ibraham den Diener, 
Wil hinaus zum weißen Markt ibn fenden, 
Bil ihn fenden nad den Sarailien, 

Daß fie mit dir ausziehn in's Gebirge, 
Mit dir jagen durd Die grünen Wälder! 
(Zern nit find Romaniens Waldgebirge, 
Und darin der Hirſche viel und Rebe!) 
Will dem Diener Huffein au gebieten, 
Aufzuzäumen glei zwei praͤcht'ge Roſſe!“ 


Während Huffein no die Noffe aufzäumt, 
Sind ſchon da die dreißig Sarailien. 

Dben aber in dem weißen Thurme, 

Rüſtet aus die Buhle ihren Sklaven, 

Sprit zu ihm noch, eh’ er zieht von binnen: 
„Höre mi, o Theuerkauf, mein Slave! 
Geh’ hinein und geh’ in meine Kammer, 
Rimm zu dir drin von den Golddukaten, 

Daß du habeft, was den Mannen ſchenken, 
Wenn fie das erlegte Wild dir bringen.” 


Grujo hoͤrt's, geht in die weiße Kammer, 
Macht mit Luft fig Über die Dukaten, 
Züllet nit nur ale feine Taſchen, 

Züllt die Stiefel auch damit die gelben, 


eur 


Zült, indeß die Buhle zu den Mannen: 
„Hoͤret mid, ihr dreißig Sarailien! 

Gebt mir acht auf Theuerfauf den Sklaven, 
Beffer als auf Djafer-Beg ihr achtgabt!“ 
Geht hernieder dann vom ſchlanken Thurme, . 
Schwingt fi auf das wohlgezäumte Weißroß, 
Jagt hinaus drauf nad dem weißen Markte. 


Hei, wen es zu ſchauen da vergönnt war, 
Wie Ein wilder Satan ritt den andern, 
Berg: Haiduf.ein ungezähmtes Weißroß! 
Unter'm Hufe ftob empor der Kiefel, 

Da er hinflog zwiſchen Kram und Buben! 
Spraden, da ſie's fahn, die Sarailien: 
„Suter Gott, welch niegefehnes Wunder! 
Ueberglücklich ift die Djafer-Begin! 

Einen beffern Herrn bat fie erworben, 
Einen beffern, als ihr Djafer-Beg mar!’ 
Und hinaus ging’s in das Waldgebirge. 


Zern nit von Romaniens Waldgebirgen, 
Hörten fie den Hirſch, das Reh ſchon röhren. 
Spraden fo die dreißig Saratlien: 

„Hörft du, Sklave Theuerfauf, Gebieter, 
Hörft der Hirſche Nöhren du und Reber” 


Drauf jedoch zurüd der Knabe Grujo: 

„Sprecht nit thoͤricht, junge Sarailien ! 

Nicht des Rehs, des Hirſches Nöhren iſt's nicht, 
Iſt das Rufen Nowak's und Radiwoj's, 

Und ich felbft — id bin der Knabe Grujo!“ 











— 93 — 


Treibt drauf an ſein Weißroß mit der Peitſche. 
Querfeldein, dem Blit gleich, ſpringt das Weißroß, 
Laͤßt zuruͤck die Sarailien ſtaunend. 


Huſſein aber will zurüd nicht bleiben, 
Sondern ruft ihm nad aus heller Kehle: 
„Stehe, Bubler! Solft mir, nit entkommen! 
Sollſt mir nit das prädt'ge Roß entführen, 
Nicht mitnehmen Djafer-Beg’s Gewänder !” 
Nuft ihm nad fo, züdt den blanfen Säbel, 
Und erreiht ſchier, wenig fehlt, den Knaben. 


Grujo aber denkt nit an’s Entflichen, 

Lenkt zurüd fein ungezähmtes Weißroß, 

Züdt den Säbel Diafer-Beg’s, den blanken, 
Laͤßt heran den Diener Huffein kommen, 
Schlägt nad ihm, trifft ihn am reiten Arme, 
Haut entzwei ihn auf dem KAriegerfattel, 
Haut entzwei den Sattel auf dem Braunen, 
Haut entzwei den Braunen auf der Erde, 
Haut nod ein die Erde felbft ein wenig. — 


Horch! Da läßt ſich Nowak alfo hören: 
„Wohl geihlagen, Grujo, wackres Söhnlein! 
Eben fo ſchlug Nowak einft, dein Water, 

As er no, wie du, ein junger Knab' war!” 


Zudend mit dem Fuße bleibt der Türke; 
Singend eilet Grujo in die Wälder, 

Eilt zu Nowak, feinem alten Bater, 

Küst den Oheim auf die weißen Wangen, 


— 34 — 


Küßt den Bater auf die weißen Hände, 
Laͤßt das Weißroß laufen in’s Gebirge, 
Kimmt die Flinte wieder in die Rechte, 
Streifet nad wie vor durch Wald und Berge. 


— %ö > 


Die Radiwoj von Nowaß feheiden will. 


Ir Momaniend fernen Waldgebirgen 
Trinkt gefühlten Wein der alte Nowak, 
Mit ihm trinket Radiwoj, fein Bruder, 
Außer Rado ® no fein Soͤhnlein Grufo, 
Außer Grujo Tatomir der Recke, 
ueberdies noch dreißig andre Helden. 


Ad des Weines fie genug getrunten, - 

Und berauſcht des Fühlen Trunkes worden, 
Kimmt die Nede Rado, der Haiduke: 
„Höre mid, o Starina, mein Bruder! 
Muß mich nun von dir, o Bruder, trennen, 
Denn gealtert bift du ſehr, o Bruber, 
Kannſt nicht ftreifen Fühn mehr durch's Gebirge, 
Kannft mit uns nit lagern an den Wegen, 
Kit erwarten des Geftades Kaufberrn.” 

- Gpridt es, fpringt empor auf feine Züße, 
Faßt am Schaft die ſchlanke Brescianrin ?, 
Zieht hinaus in's finftre Waldgebirge. 

Mit ibm ziehen drei mal zehn Haiduken. 
Nowak bleibt allein mit feinen Söhnen, 
Bleibt zurüd im Schatten grüner Tannen. 


— 9 — 


Doch gar ſchlecht geht's Radiwoj, dem Helden! 
Angelangt im Walde kaum am Kreuzweg, 
Sicht er fernber nabn den Mobren Mehmer. 
Drei Saumlaften Goldes führt der Mohre, 
Hat zur Seite dreißig tücht'ge Meden. 
Reicher Beute ſchon erfreut fih Rado. 

Do der Mohr ift klug, merft den Haiduken, 
Scart um fih ber feine dreißig Neden, 
Heißt fie friſch die blanken Säbel ziden, . 
Stürzt behend auf den. erfpredten Haufen, 
Läpt auch Einem Zeit nicht, daß er feure, 
Schlägt von dreißig Nümpfen dreißig Häupter, 
Fängt den Helden Rado felbft lebendig. — 


An den Nüden feft gefhnürt die Hände, 
Führt der Mohr nun Rado durch den Bergmwald, 
Dringt in ihn, und beißt ihn Lieder fingen. 


Und zu fingen fo beginnet Rado: 

«Schlag' did Gott, Romaniend Waldgebirge ! 
Wohnt in deinen Klüften denn Fein Falke? 
Sieh’, von Tauben zieht ein Zug vorüber! 
Ihm voran ein fhwarzbefhwingter Rabe 
Führt mit ſich ein Lieblic weißes Schwänlein, 
Unter'm Flügel reihe Schäße tragend!» 


Rado fingt entlang die Straße alfo; 

Grujo aber hört ihn im Gebirge, 

Sprit alfo zu Nowak, feinem Bater: 
„Höre doch, o Rowak, alter Vater! 
Jemand ſingt die Straß' entlang im Walde, 


— 87 — 


Singt und fragt Romaniens Galdgebirge, 
Ob kein Falke wohne in den Klüften! 

Faſt bedünkt mich's, ob dies Rado finge, 
Sei es, weil er guten Fang erkundſchaft, 
Oder weil Gefahr ihn arg bedrohet! 

Laß uns Ihauen, was der Sang bedeute!” 
Kimmt zur Hand die ſchlanke Damascen’rin, 
Geht hinab zur breiten Heeresftraße. 

Mit ihm gehet Tatomir, fein Bruder, 

Mit den Beiden der bejahrte Water. 


Unten an der breiten Heeresftraße 

Birgt ſich Nowak in belaubten Müdhalt, 

Stelt die beiden Söhne fi zur Beite. 

Horh! Da halt ein Schrei durch's Waldgebirge! 

Das Gebet iſt's von den breifig Türken, 

Die da nahen, Lanzen auf ven Schultern, 

Eines Chriften Kopf an jeder Lanze! 

Boran zieht der ftolze Mohre Mehmed, 

Führet mit fid Rado, den gebuntnen, 

Führt auf Roffen drei Saumlaften Gutes. 

Unbefümmert zieht er durch den Bergwald. 

Da er aber näher Fommt dem Rückhalt, 

Dfeift ter alte Nowak, bellaut pfeift er, 

Gibt das Zeichen feinen beiden Söhnen, - . 

Zeuert ab die ſchlanke Damascen’rin, 

Schießt den Mohren mitten durch den Gürtel. 

Kieder in den Raſen ftürzt der Mohre, 

Kicht erreiht er lebend mehr den Boden. 

Ueber ihn ber aber ſtürzet Rowak, 

Schwingt den Säbel, trennt das Haupt vom Rumpf ihm. 
1. “ 7 


— 98 — 


. 


Dann zu Rado, feinem Bruder, eilt er, 
Haut den Strid entzwei an Rado's Händen, 
Gibt des Mohren Säbel in die Hand ihm. 
Guter Gott, o fet dafür gepriefen, 

Wie die Drei fi auf die Türken werfen, 
Sie in Haufen fprengen auseinander ! 

Einer jagt die Haufen zu dem Andern! 

Bas dem Reden Radiwoj entgehet, 

Das erwartet Tatomir, der junges 

Was dem jungen Tatomir entrimmet, 

Zält dem Knaben Grujo in die Händez 
Was der Knabe Grujo läßt entkommen, 

Das empfängt mit blanfem Schwert der Alte! 
Kiedermeseln fie die dreißig Türken, 

Kehmen ihnen ab die reihe Beute, 

Reiche Beute, drei Saumlaften Gutes, 
Sisen dann und trinken rothen Kühlwein. — 


Sprit beim Weine Nowak, der bejahrte: 
„Radiwoj, mein Bruder, wadrer Rede, 

Was ih frage, mir nun wahrhaft fage! 

Was ift mehr werth: drei mal zehn Genoffen, 
Oder Nowak, id, der alte einz'ge?“ 

Ihm erwiedert Radiwoj, fein Bruder: 

„Höre, Nowak Starina, mein Bruder! 

Biel wol werth find drei mal zehn Genoffen ; 
Doch dein Glückſtern, Bruder, ift unſchätzbar!“ 


Uebel fo ergeh' ed jedem Helden, 
Der gering den ältern Helden achtet! 





— 9 — 


Die Nowak das Land von Mehmed den 
Mohren befreit. 


Rothwein trinken Rowak und Radiwoj 
Im Gebirge unter grüner Tanne. 
Ihnen dienet Tatomir, der Knabe, 
Grujo unterdeſſen haͤlt die Wache. 


Spricht zu Rado Nowak fo, der Bruder: 

„Radimoj, du mein geborner Bruder! 

Ieder Plag’ enthoben wir dB Land ſchon, 

Nur noch jenes Mohren nicht, des ſchwarzen, 

Der am Weg den Swaten in den Weg tritt , 

Ihnen abnimmt das geſchmückte Braͤutlein , 

Erſt es liebt durch einer Woche Dauer, 

Dann verkauft für ſchwere Laſten Gutes! 

Sag’, wie waͤr's, o Radiwoj, mein Bruder, 

Wenn mir einmal Hodzeitögäfte lüden, 

Grujo dann verleideten, den Knaben, 

Unter's Kleid ihm einen Saͤbel fhnallten, 

Und dann zögen längs der Heereöftraße 

Und vorüber an des Mohren Höfen ? 

Ob den Buhler Grujo wol betbörte, 

Ihn bethörte_und erſchlüg' den Buhler? * 
7* 


——d A400 — 


Wohl zufrieden war zu Soldem Rado. 
Und fie gingen, luden Hocdzeitögäfte, 
Hüften Grujo ſchoͤn in Frauenkleider, 
Schnallten unter’5 Kleid ihm einen Säbel, 
Zogen mit ihm längs der Heereöftraße 
Und-vorüber an des Mohren Höfen. 


Dod der Mohr ift eben nit zu Haufe, 
Schlürfet Kühlwein in der nahen Schänfe, 
Und die Höfe hütet ihm die Schweſter. 


Nach der Schänfe fliegt fogleih die Schweiter: 
„Hör', o böre, ſchwarzer Mohr, mein Bruder! 
Seit am Rand der breiten Heereöftraße, 
Bruder, deine Höfe du erbaut haft, 

Kamen fhönre Swaten nit vorüber, 
Fuͤhrten Swaten noch Fein ſchönres Bräutlein, 
Als die Swaten, die dir heut' vorbeiziehn 

Und der Mägdlein ſchönſtes dir entführen!” 


Kaum daß diefed hört der ſchwarze Mohre, 
Springt er von der Erde auf die Beine, 
Schwingt fid haftig auf den nadten Klepper, 
Sehet nah den ſchmucken Hodzeitögäften. 


Kaum daß er erreicht den Zug der Säfte, 

Faßt er glei) des Mägdleins Roß am Zügel, 
Schlingt ihm um den Leib die ſchwarzen Arme — 
Doch, o fieh, dem Bräutlein fehlt der Bufen?! 


Spricht verwundert fo ber ſchwarze Mohre: | 
„Ei, daß Iammer deiner Mutter werde: 








— 1 — 


Mägdlein, gab die Mutter dich fo jung bin, 
Daß ed, Kind, dir noch am Bufen fehlet?” 


Drauf ermwiehert dies der Knabe Grujo: 
„Fremde Mutter gab mid aus, o Mohre, 
Gab nicht aus die eignen Töchter älter!’ 


Horch, da ruft ihm Nowak zu, der Alte: 
„Schlage zu, daß dir die Hand verdorre!” 


Und hervorfliegt unter'm Kleid der Säbel, 
Und vom Rumpf der ſchwarze Kopf Dem Mohren. — 


Ihres Weges ziehn die Hodzeitögäfte. 

Diefes aber fingt der alte Nowak: 

„D, ihr jungen unvermäblten Helden, 

Geht und werbt nun, wo ed euch belicbet! 
Fürchtet nichts mehr von dem ſchwar zen Mohren, 
Denn erſchlagen ward der Unhold heute! 
Der ihn ſchlug — iſt Rowakowitſch Grujo!“ 


—d 402 6 


Die Grujo feiner Bundesſchweſter Ikonia 
beiſteht. 


Briefe ſchreibt der Paſcha von Sagorien '°, 
Sendet fie nad Grahowo !!, der Ebne, 
Und zu Handen Milutin’s, des Kneſen 12: 
«Milutin, von Grahowo der Sinefe, 

Nüfte mir ein trefflih Herrenobdach! 

Nüfte au und räume dreißig Kammern 
Zür die dreißig meiner wadern Reden! 
Dreifig Mägdlein halte in Bereitſchaft 

In den dreißig aufgeräumten Kammern, 
Zür die dreißig Helden, die mit mir find! 
Mir doch bette in dem weißen Thurme, 
Und laſſ' drin fein deine liebe Tochter, 
Deine liebe Tochter Ikonia, 

Bol zum Scherz dem Paſcha von Sagorien!» 


Gehn von Hand zu Hand die weißen Briefe, 
Bis zur Ebne Grahowo fie fommen, 

Und zu Handen Milutin des Sinefen. 

Da der Knes die Briefe durdgeleien, 
Quellen ihm die Thränen aus den Augen. 


—ı 403 — 


Sieht dies feine Tochter Ikonia, 

Spridt zu ibm betroffen diefe Worte: 

„D mein Bater, Milutin der Knefe! 

Sprich, woher der Brief (daß er verbrenne!), 
Daß du weineft, fo darin du liefeft? 

Und, was ſchreibt er, dad dich fo betrübet?” 


Drauf ermwiedert Milutin der Knefe: 

„Meine Tochter, ſchoͤne Ikonia! 

Bon Sagoriens Paſcha ift das Schreiben, 
Bom verwünſchten Paſcha von Sagorien! 
Uebernadten will bei uns der Paſcha, 

Zordert dreißig aufgerdumte Kammern 

Für die dreißig Reden, die mit ihm find, 
Wil, daß du im weißen Thurme feieft, 

Ihm zum Scherze noch bei meinem Leben! 
Darum wein id, drum vergieß' ih Thränen!” 


Drauf jedoch die fhöne Ikonia: 

„D mein Bater, Milutin der Knefe! 

Laß du rdumen nur die dreißig Kammern, 
Und ein trefflid Abendmahl bereiten! 

Für und Mäpden aber forge du nidt! 
Dreißig meiner Freundinnen beſtell' ich, 
Seiner barr’ ih in dem weißen Thurme!” 


Alfo fpricht das Mädchen zu dem Bater, 
Kimmt fodann Papier und Schreibgeräthe, 
Schreibt ein zartes Brieflein auf den Knien, 


— 14 — 


Schreibt an Grujo, ihren Bundesbruder: 
«Bundesbruder, Rowakowitſch Grujo! 
So wie dir zu Handen kommt dies Brieflein, 
Nimm ſogleich du dreißig der Gefährten, 
Dreißig, Bruder, von den jüngften Burſchen, 
Die fo ſchoͤn find, ob fie Mädchen wären, 
Zühre fie nah Grahowo, der Ebne, 
Bringe fie nad unferm weißen Hofe!» 
Schreibt den Brief, und fendet ohne Zögern, 
Sendet ihn an Grujo”in’s Gebirge. 


Da den Brief erhalten der Haiduke, 
Sammelt er um fi glei die Gefährten, 
Wählt aus ihnen dreißig junge Burſche, 
Jeden fehöner ald ein Maͤgdlein felber. 
Springt empor dann auf die jungen Beine, 
Kimmt zur Hand die leihte Damascen’rin, 
Eilet bin nah Grahowo, der Ebne. 

Abends fpät erreihet er die Ebne 

. Und die Höfe Milutin des Knefen. 

Längft jedoch ſchon harret Ikonia, 

Schlingt um ihn den Arm, küßt ihm die Wangen, 
Küßt die weißen Hände den Gefährten, 
Führt ſogleich fie nad dem weißen Thurme, 
Deffnet da die reich verfehnen Schränke, 
Holt hervor geſchmückte Mädchenkleider, 
Kleidet drein die dreißig jungen Burſche, 
Führt fodann fie in die dreißig Kammern. 
Grujo aber ſpricht no zu den Burſchen: 
„Brüder mein, o treißig junge Freunde, 
Zeder fige fit in feiner Kammer! . 








4 15 > 


Wenn des Paſcha ftolze Medien kommen, 
Küffet ihnen Kleiderfoum und Hände, 
Gürtet ihnen ab die blanfen Waffen, 
Und bedient mit Rakia fie und Rothwein! 
Merkt jedoh auf meine Damadcen'rin! 
Hört ihr ihren Schall vom weißen Thurme, 
Wiſſet, daß den Paſcha ich getoͤdtet! 
ödtet Jeder dann auch euern Recken, 
Eilet zu mir nach dem weißen Thurme, 
Kommt zu ſchaun, was aus dem Paſcha worden!“ 


Führt darauf die ſchöne Ikonia 

Und vertheilt die Helden in die Kammern, 
Kehrt zurück ſelbſt nach dem weißen Thurme, 
Rimmt die eignen prädtigen Gewänder, 

Legt fie Grujo an, dem jungen Helden. 

Lest ihm an ein zartgemoben Hemblein 

Neich geftit und ausgelegt mit Golde, 

Legt ihm an aud weite FZrauenbofen, 

An den Leib drei gelbe Ueberkleider 

Zeft umſchlungen von drei goldnen Gürteln, 
An den Hals drei zierlihe Haldbänder 

Und dazu vier Schnüre zarter Perlen, 

An die Füße Schuhe und Pantöfflein. 
Ausgelegt mit Golde find die Schuhe 

Und verziert mit Silber die Pantöfflein. 

Da fie alfo angelegt dem Helden, 

Sest fie ihm auf's Haupt noch einen Zurban, 
Schaut ibn an vom Haup? bis zu den Füßen, 
Schaut ihn an und rufet vor Verwundrung: 


— 16 — 


„Schön bift du fürwahr, o Bundeäbruber ! 
Schöner wahrlich, als ih Mädchen ſelber!“ 


Noch zu Ende ſprach's nit Ikonia, 

Da erflirrt es auf dem Marmorpflafter, 
Kommt beran der Paſcha von Sagorien! 
Da ihn fieht die ſchöne Ikonia, 

Sperrt fie ein fid in die Kleiderfammer, 
Grujo aber bleibt zurüd im Thurme 
Und erwartet Berdianin, den Paſcha. 


Gleich darauf, nur Furze Weile währt es, 
Tritt der Paſcha in des Thurmes Näume. 
Ihm voran geht Milutin, der Kneſe, 

Mit dem goldnen Leuchter vorzuleudten, 

Und ihm folgen feine dreißig Reden. 

Ihn begrüßet Nowakowitſch Grujo, 

Küßt die Hand ibm und den Saum des Kleides. 
Doch er felbft küßt Srujo auf die Stirne, 

. Sprit darauf zu Milutin dem Kneſen: 
„Geh' zurück mit meinen Reden, Sinefe, 
Geh’ und lafſſ' das Nachtmahl ihnen reihen! 
Ich, o Knes, verlange mir Fein Nachtmahl!“ 
Und der Knes entfernt fi mit den Neden, 
Zühret fie zu ihren dreißig Kammern, 
Sheilt fie ein in ihre breißig Kammern, 
Reichet Jedem dar ein trefflih Nadhtmahl. 


Sollte Einer nun den Dalıa ichauen, 
Wie er von fi that die Herrenkleider, 


— 17 — 


Grujo bat, die Kiſſen zu bereiten! 

Da es fi bequem gemacht der Pafcha, 

Sinft er nieder auf das weiche Lager, 

Sprit alfo zu Nowakowitſch Grujo: 

„Lafſ' dich nieder, ſchöne Ikonia! 

Sollſt die Nacht mit mir mein Lager theilen, 
go beut’ fein des Paſcha junges Weibchen!“ 
Und aufs Lager läßt fid Grujo nieder. 


Shaun jedoch ſollt' Einer erft den Paſcha, 
Wie er anhub Grujo zu betaften, 

Um den Leib die Arme ibm zu fehlingen! 
Grujo aber dent, daß es nun Zeit fei, 
Springt empor auf feine leichten Beine, 
Faßt den Paſcha an dem weißen Barte, 
Faßt ihn feft, und ruft ihm zu die Worte: 
„Richt fo, Buhler, Paſcha von Sagorien! 
Dies ift nit die ſchöne Ikonia! 

Wiſſe — dies ift Rowakowitſch Grujo!” 
Reißt hierauf fein Meffer aus dem Gürtel, 
Schlachtet ab den Paſcha in dem Thurme. 
Eilet an des Thurmes hohes Zenfter, 
Zeuert ab die leichte Damascen'rin, 

Gibt den Freunden das verfprodne Zeichen. 


Da den Schuß die dreißig Burſchen hören, 
Zücken fie die Säbel aus den Gürteln, 
Zödten flin® die dreißig Tuͤrkenrecken, 
Kehmen, was von Werth ift an den Türken, 
Eilen drauf zu ihrem Harambaſcha, 

Um zu fhaun, was aus dem Paſcha worden. 





—, 408 > 


Angelangt bei Grujo in dem Thurme, 
Shaun fie todt den Paſcha ihm zu Füßen. 
Grujo aber fitzet frohen Muthes, 

Sitzt am Tiſche, trinket rothen Kuͤhlwein, 
Den ihm ſchenkt die ſchöne Ikonia. 

Da dies ſchaun die dreißig jungen Burſchen, 
Legen ſchnell fie ab die Maͤdchenhüllen, 
Schlüpfet flint in feinen Anzug Jeder, 
Segen fi zur mwohlbededten Tafel, 

Laffen fih ein Nachtmahl trefflich munden. 


Sieh’, da kommt auch Milutin der Kneſe! 
Bringt berein fehshundert Golddukaten, 
Reicht fie Grujo dar, dem Fühnen Häuptling: 
„Dieſes dir, o Bundesföhnlein Grujo! 

Dir zur Hälft', zur Hälfte deinen Freunden, 
Die mit dir aus arger Noth mir halfen!” 


Ihm nad folgt die ſchoͤne Ikonia, 
Bringt zur Stelle dreißig feine Hemden, 
Schenket fie den dreißig jungen Burſchen. 
Ihrem Bruder, Nowakowitſch Grujo, 
Schenkt fie einen ganzen goldnen Anzug, 
Schenkt ihm eine goldene Agraffe. 

Drauf zur Ruͤckkehr rüftet fie die Helden, 
Gibt für Nowak, ihren Bundes vater, 
Shnen mit ein Xepflein, zierli golden, 
Und darinnen hundert Golddukaten, 

Und dazu für Radiwoj, den Oheim, 
Ginen Säbel noch von ihrem Bater. 
Darauf ſpricht die ſchöne Ikonia: 





— 4109 — 


„Schweres Unheil hieltſt von mir du ferne, 
Kimm dafür die Meinen Gaben, Bruder!” 
Küßt fi drauf mit Grujo Stirn und Wangen, 
Geht zurück nad ihrem weißen Thurme, 

Grujo aber nah Romaniens Bergen. 


— 440 ⸗— 


Wie Grujo freiet. 


Küsten Rothwein trinft der alte Nowak, 
Mit ihm trinfet Radiwoj, der Rede, 

Und mit"beiden Tatomir, der junge. 

Ihnen dienet Nowakowitſch Grujo. 

Wem mit Wein er immer füllt den Becher, 
Den bedient er, wie es ſich geziemet; 

Dod wenn er dem Bater Wein fol ſchenken, 
Ueberfüllt er ftetö fo fehr den Becher, 

Daß der Wein den Goltrand überftrömet, 
Und dem Alten net den Seidenanzug. 

Fragt ihn deshalb fo der alte Nowak: 
„Lieber Sohn, o Gruize, mein Knabe! 
Was doch Überfülft du mir den Becher, 
Und verdirbft den Sammt mir und die Seide? 
Söhnlein, fprih! Was ift dir widerfahren? 
Oder bab’ ich Leides dir bereitet?” 


Ihm ermwiedert Nowakowitſch Grujo: 

„O mein Vater Nowak, du mein Alter, 
Schwerer Kummer liegt mir auf dem Herzen! 
Jung und Alt von unſeren Gefährten, 








— 1» 


Allen gabft du Weiber, o mein Bater, 

Mir nur, Bater, willſt du Feines geben, 
Keine Jungfrau und aud Feine Witwe! 
Diefes iſt's, was mir fo weh thut, Bater!” 


Nowak drauf gibt diefes ibm zur Antwort: 
„Sohn, zur bifen Stunde willft du freien! 
Siehe, eben heute find’3 drei Jahre, 

Seit id dir, o Sohn, ein Mädchen ſuche, 
Und mir felber gute Anverwandte, 

Um mit ihnen Fühlen Wein zu trinfen! 
Doch, wo id für di ein Mädchen antraf, 
Fand ih mir nicht Yaffende Verwandte; 

Und wo bie Berwandten mir geflelen, 

Zand ih, Sohn, für did Fein paflend Mägdlein. 
Kun jedodh, nun bir’ mein Söhnlein Gruje! 
Hab’ ein paſſend Mägdlein dir gefunden, 
Und für mid anftändige Verwandte. 

In Pladin, der weißgebanten Veſte, 

Bei dem Kön’ge der Padiner -felber ! 

Das beweife, daß das Mädchen gut fei, 

Daß um fie geworben aud die Schlange, 
Wilde Schlange Griſchitſch Manoilo 

Aus Sofla, der berühmten Befte. 

Darum hör’ mi, Gruiza, mein Söhnlein! 
Leg’ du ab die. prädt’gen Herrenfleider, 
Hüll di in bulgariſch ſchlichte Hüllen, 
Nimm ein Grabſcheit, Söhnlein, auf die Schulter, 
Sieh’ erſt nad der Ebne vor Sofia, 

Und erforfhe, was für Griechengäfte 

Um fi fammelt Griſchitſch Manoilo! 


— A112 — 


Sammelt Gritſchitſch Griehen und Bulgeren, 
Meifter, die ihm fert’gen die Gewänber 

Und in Sammt fid Heiden und in Seide, 
Und an beiden Seiten Taſchen fragen, 

An den Taſchen gelbe Golddukaten: 

Gibt es Beute unferen Haiduken! 

Sammelt Grtfähitih wilde Martolofen, 

Die ftatt Seide grobe Zeuge tragen 

Und im Gürtel wohlgeftählte Säbel: 

Gibt's ein ſchweres Wert für und Haiduken!“ 


Da dies höret Rowakowitſch Grujo, 

Legt zur Stund’ er Sammt und Seide von fi, 
Hüllt fih in bulgariſch ſchlichte Hüllen, 

Legt ein ftarfes Grabſcheit auf die Schulter, 
Macht fi auf gen Sofla nad der Ebne 

Zu erfpähn die griech'ſchen Hochzeitsgäſte. 


Doch ed nimmt nit Griſchitſch Manoilo, 
Nimmt fi nit die wilden Martoloſen, 
Die ftatt Seide grobe Zeuge tragen 

Und im Gürtel wohlgeftählte Säbel, 
Sondern fammelt Griechen und Bulgaren, 
Meifter, die ihm fert'gen die Gewänder, 
Und in Sammt fidy Heiden und in Seide 
Und an beiden Seiten Taſchen tragen, 
An den Taſchen gelbe Golddukaten. 


Da dies fiehet Nowakowitſch Grujo, 
Kehrt zurüd er in’d Gebirge wieder, 
Und erzäblet Nowaf bier, dem Alten, 








— 113 0 


Was für Swaten fidh erwählt der Grieche. 
Nowak aber macht ſich wuf, der Alte, 
Sammelt felbft jeht ſchmucke Hodzeitögäfte, 
Lad’t als Swaten des Gebirgs Haiduken, 
Macht zum Kum Boroje den Haiduken, 
Sredoje zum edlen Stariſwaten, 

Macht zum Diever Radiwoj den Recken. 
Sammelt nach der Reihe ſo die Swaten, 
Macht ſich auf dann, lagert vor dem Engpaß, 
Wo vorbei muß Grtiſchitſch Manoilo, 

Und vorbei mit ihm der Zug der Swaten. 


Siehe Da! Bald kommt auch Manoilo, 
Und mit ihm der Zug der fhmuden Bäfte! 
Boran reitet felber er dem Zuge, 

Reitet einen dihtbehaarten Rappen, ' 
Schleudert feine Keule in die Wolken, 

Zängt fie fpielend auf mit feiner Rechten, 
Spielt alfo und fingt mit heller Stimme: 
«Mlawa= Berge, o ihr alten Berge! 

Miawas Berge, biutgetränfte Landſchaft! 

Ei, wie feid von Blut ihr fo geröthet! 

Wie viel Mütter habt ihr ſchon betrübet? 

Wie viel Schweftern fon in Schwarz gehüllet? 
Wie viel Witwen bittern Sram bereitet? 

Bolt ihr wol aud mir die Mutter fränfen, 
Bol in Schwarz aud mir die Schwefter hüllen, 
Und ftatt mir die Braut, um die ih werbe, 
Gruiza fie fhenten, Nowak's Sohne?» 
Alſo finget Grtſchitſch Manoilo. 

1. 


— 444 — 


Ihn erſchaun wol des Gebixgs Haiduken, 
Schauen ihn — doch nicht zu ihrer Freude! 


Grtſchitſch zieht, das Bräutlein ſich zu holen. 
Am Gebirge bleiben die Haiduken. — 


Einer Woche Dauer ift verfloffen, 

Siehe, da kommt Manoilo wieder, 

Führt die Gäfte, führt aud heim das Mädchen, 
Kimmt den Weg am Engpaß wieder binwärts, 
Keitet voran vor dem Hochzeits zuge, 

Keitet einen dichtbehaarten Rappen, 

Sigt zu Roſſe mit gefreuzten Beinen, 

Schlägt an eine zarte Tamburine, 

Singt alfo zum Schall der Zamburine: 
«Mlawaz Berge! D ihr alten Berge! 

Mlawa: Berge! Blutgetränfte Landfhaft! 

Ei, wie feid ihr roth von vielem Blute! 

Wie viel Mütter habt ihr ſchon betrübet? 
Wie viel Schweftern fhon in Schwarz gehüllet? 
Wie viel Wittwen bittern Gram bereitet? 


Und dur wen dies? Wol durch Niemand Andern 


Als durch Nowak und den Reden Rado! 

Wollt du heut’ auch mir die Mutter Fränfen? 
Heut’ in Schwarz aud mir die Schwefter hüllen, 
Und ftatt mir die Braut, die id geworben, 

Sie in’s Haus dem Sohne Nowak's führen?» 
Alto finget Grtſchitſch Maniolio. 


Ihn erfhaun wol wieder die Haidufen, 
Schauen ihn, doch wieder nicht zur Zreude. 





— 15 — 


Da ermuthigt Nowak fo die Seinen: 
„Hört, Sefährten! Hört was ih eu fage! 
Werfe Icher fi auf feines Gleichen: 

Kum Boroje auf den Griechenkumen, 
Sredoje den Griehenftarifwaten, . 
Diever Rado auf den Griechendjever! 

Selber ih nehm’ über mid) den Hausherru, 
Grujo übernimmt dann Manoilo 

Und ein jeder Swate einen Smaten !” 


Gern geboren Rowak die Gefährten, 
Stürzen vor mit Kampfruf auf die Swaten. 


Kum Boroje haut den Kum vom Roſſe, 
Sredoje den Griechenſtariſwaten. 


Radiwoj, der Diever, ſchlaͤgt den Djever, 
Faßt am Arm die Lieblichſte der Bräute, 
Flieht mit ihr in's tiefe Waldgebirge. 


Auch den Hausherrn ſtreckt zu Boden Rowak, 
Und die Swaten fliehen vor den Swaten. 


Manoilo ſteht allein am Plah noch. 


Auf ihn zu ftärzt Rowakowitſch Grujo, 
Schwingt den Säbel in der ſtarken Rechten, 
Rufet zu dem Fühnen Griechenhelden: 
„Steh mir, Bubler, Griſchitſch Manoilo! 
Weſſen Mägdlein denkſt du heimzuführen? 
Sollſt mit mir beftehn erft einen Zweikampf, 
Daß ſich's zeige, wem die Braut gebühre!” 
g* 


— 16 > 


Da dies fiehet Griſchitſch Manoilo, 

Da entkreuzt er die gefreuzten Beine, 
Stredt fie vor fi in die goldnen Bügel, 
Schleudert von fi weit die Tamburine, 
Schwingt den Säbel mit der ftarken Rechten, 
Spannt die Zügel fefter mit der Linken, 
Muft zurüd dem Sohne des Haiduken: 
„Run beran denn, Nowakowitſch Grujo! 
Kun beran denn, daß wir und begegnen! 
Gerne mit dir kaͤmpf' ich diefen Zweikampf, 
Und erwerb’ die Braͤut mir mit dem Saͤbel!“ 


Wirft fih Grujo nun auf Manoilo, 

Schlägt ihm mit dem Säbel nah dem Arme. 
Doch der Grieche det fi mit dem Schilde, 
Spalt’t den Säbel Grujo’s in zwei Stüde, 
Und fein Schild trägt Feine Spur vom Schlage. 
Da dies fiehet Grtſchitſch Manoilo, 

Schwingt er feinen Säbel durd die Lüfte: 
„Stebe du nun, Nowakowitſch Grujo! 

Willſt Haiduf fein, und haft ſolchen Säbel? 
Warte! Wil dir zeigen einen Säbel, 

Den du, o Haidufe, Fönnteft brauden!” 

Trifft ihn leiht dann mit dem blanten Säbel, 
Trifft ihn leiht — doch furdtbar ift die Wunde, 
Trennt die Hand ihm los vom linken Arme, 
Blutig hängt fie aus des Dolmans Xermel, 


Flink zu Zuße ift nun der Haiduke, 
Zliebt geitredten Fluges nad den Bergen, 
Nuft, fo laut er kann, in’d Waldgebirge, 





— 17 — 


Ruft, daß rings die Berge wiederhallen: 
„Hei, wo bift du, Tatomir, mein Bruder? 
Auf! Im Zweikampf tödtet mid der Grieche!“ 


Da dies höret Tatomir der Nede, 

Springt er vor mit ſeinem blanken Säbel: 
„Steh’, o Buhler, Griſchitſch Manoilo! 

Leit mit Grujo iſt's nen Zweikampf fämpfen; 
Do nun ſtell' dich Tatomir, dem Helden!“ 


Ihm entgegnet Griſchitſch Manoilo: 

„Komm heran denn, Tatomir, o Recke! 

Komm heran denn, daß wir uns begegnen! 
Gern mit dir auch kämpf' ich einen Zweikampf!“ 


Stürzt auf ihn zu Tatomir der Held nun, 
Schlägt ihn mit dem Säbel nach dem Arme. 
Doch der Grieche deckt ſich mit dem Schilde, 
Spalt’t ven Säbel Tatomir's entzwei auch, 
Und am Schild iſt nicht der Scharten kleinſte. 
Schwingt drauf durch die Lüfte ſeinen Säbel: 
„Stehe Buhler, Tatomir, du Kühner! 
Willſt Haiduk fein und fuͤhrſt ſolchen Säbel? 
Warte! Will dir zeigen einen Säbel, 

Wie du als Haiduk ihn koönnteſt brauchen!“ 
Trifft ihn leicht dann mit dem blanken Eiſen, 
Trennt die Hand ihm los vom rechten Arme, 
Daß fie blutig aus dem Dolman vorbängt. 


Flink ift nun auch Tatomir zu Fuße, 
Zliegt geftrediten Fluges nah den Burgen, 


—. 48 — 


* 


Ruft, ſo laut er kann, in's Waldgebirge: 
„gel, wo biſt du, Radiwoj, mein Oheim? 
Auf! Im Zweikampf töntet mid der Grieche!“ 


Da dies böret Radiwoj der Nede, 
Springt er vor mit feinem blanken Säbel, 
Stürzt geraden Sprungs auf Manoilo: 

„Steh', o Bubler, Grtiſchitſch Manoilo! 

Leicht wol iſt's, mit Knaben Zweikampf kaͤmpfen, 
Doch nun ſteh' auch Radiwoj, dem Helden, 

Daß im Zweikampf wir den Streit entſcheiden!“ 


Ihm erwiedert Grtſchitſch Manoilo: 
„Komm heran denn, Rado, alter Oheim! 
Komm heran denn, daß wir uns begegnen!“ 


Dringt heran denn Radiwoj, der Oheim, 
Schlägt ihm mit dem Säbel nach dem Arme. 
Doch der Grieche dedt fi mit dem Schilde, 
Auf den Schild trifft. der gewehte Säbel, 
Stiebt dran in drei Stüde auseinander, 

Und am Schilde bleibt auch nicht ein Schaͤrtchen. 


Darauf alfo Griſchitſch Manoilo: 

„Ei doch, Buhler! Rado, alter Oheim! 

Willſt Haiduk fein und führft ſolche Waffen? 
Warte! Will dir zeigen einen Säbel, 

Den du beffer braudteft als Haiduke!“ 

Spridt's, und trifft ihn Teiht mur mit dem Stable, 
Haut entzwei ihm zwei der ſchlanken Rippen, 

Daß hervor die weiße Leber ſchauet, 

So die Leber, wie die ſchwarze Milz ihm. 





— 11 — 


Flink ift nun auch Radiwoj zu Fuße, 

Fliegt geſtreckten Fluges nach den Bergen, 
Ruft, fo laut er kann, in's Waldgebirge: 
„pe, wo biſt du, Rowak, alter Bruder? 

Auf! Im Zweikampf tödtet mid der Grieche!“ 


Macht fi auf nun Nowak felbft, der Alte. 
Anzuſchauen ift furdtbar der Haidufe, 

Zrägt um fich ein Bärenfell geworfen, 

Auf dem Kopf von WBolföfell eine Kappe, 

An der Kappe einen Adlerflügel. 

Seine Augen find zwei Becher Weines, 

Seine Wimpern graue Falkenflügel, 

Alter Stahl ift feine blanke Waffe, 

Und aljo zuruft er Manoilo: 

„Steh, o Bubler, Griſchitſch Manoilo! ' 
Leit wol kämpft mit Knaben fih ein Zweikampf, 
Und ein Spiel iſt's, ihren ODheim fchlagen ! 

Kun jedoch, nun ſteh dem alten Vater!“ 


Ihm entgegnet Grtſchitſch Manoilo: 
„Komm beran denn, o bejabrter Nowak! 
Nicht mit Worten jagft du mid von binnen! 
Hab’ gerungen mit lebend'gen Bären, 

- Sol ein todted Bärenfel mid ſchrecken? 
Hab’ bezwungen manden Wolf lebendig, 
Sol id zittern vor 'nem todten Wolföfell? 
Hab’ geniftet mit lebend'gen Adlern, 

Sol ich beben vor 'nem todten Flügel?” 


Sieh’, da fällt ihn an der alte Nowak, 
Schlägt ibm mit dem Säbel nad dem Arme. 


N 


— 120 — 


Doch der Grieche det fih mit dem Schilde, 
Auf den Schild trifft der gewetzte Säbel, 

Daß entzwei dran fpalt’t die gute Waffe, 

Und der Schild erhält auch nit ein Schärtden. 


Wild ergrimmt nun Grtſchitſch Manoilo, 
Faßt mit feiner Linken feine Keule, 

Sagt vor fih ber Nowak, den Ergrauten. 
Wer da konnte ftehn und foldes anſchaun, 
Wie die Zehen von der Wolfsfellfappe, 
Stuͤck für Stüd vom Bärenfelle flogen, 
Und die Federn aus dem Adlerflügel! 


Unglüdfelig jagt der alte Nowat, -» 

Sagt geſtreckten Fluges durd’s Gebirge 
Nicht viel wen’ger als zwei volle Stunden, 
Ruft, fo laut er kann, aus weißem Halſe, 
Rufet, daß vor feines Rufes Halle 

Aus den Bergen fliehn die Füchslein alle, 
Und das Grad emporfliegt von der Erde, 
Ruft alfo die Bundesſchweſter Wila: 
„Straf' dich Gott, o Bundesſchweſter Wila! 


Schworſt du nicht in Gott auf Treu' und Glauben, 


Wenn ich mich in aͤrgſter Noth befände, 
Rett'rin mir zu fein aus der Bedrängniß?“ 


Sich’, da zeigt die weißgehalfte Wila, 
Zeigt dem alten Nowak fih am Wege: 
„Sag', 0 Rowak, alter Bundesbruder! 
Sag’, verfolgeft oder fliehft du Jemand?” 


. 


- 


—s 124 7 


Gibt zur Antwort ihr der alte Rowak: 


„Richt, o Bundesſchweſter, nicht verfolg' ih, 
Jag' auch Niemand, fondern fliehe felber, 
Denn im Zweikampf tödtet mid der Grieche!“ 


Da bedeutet ihm die weiße Wila: 

„Kehr' zurüd getroft, o Bundesbruder! 

Will mich ſtellen als ein lieblich Maͤgdlein, 
Wil des Griechen Augen überſchatten, 

Leicht dann iſt's, den blinden Helden tödten!“ 
Und es kehrt zurück mit ihr der Alte. 
Angelangt am Kampfplatz mit der Wila, 
Bleibt er ruͤckkwaͤrts in dem grünen Walde. 


Do die Wila ftelt fih als ein Mägdlein, 
Schlingt die Arme um den Hald dem Griechen, 
Koft mit ihm und gibt ibm füge Worte, 

Bis fie ihm die Augen überfhattet. 


„Bundesbruder! ruft fie dann, o Nowak! 
Auf, und tödte nun den blinden Helden!” 


Doch zu fehr erfhroden ift noch Nowak, 
Mag’: nit wagen nah heranzufreten, 
Wirft nah ihm die leichtbeſchwingte Keule. 


Glücklich traf er Grtſchitſch Manoilo, 
Traf ihn grad' in beider Augen Mitte, 
Und zum Hafen ſtuͤrzt der Grieche ſterbend. 


Kun erft eilt herbei der alte Nowak, 
Trennt dem Grieden fhnell den Kopf vom Rumpfe, 


* 


— 22 ⸗— 


Geht zurück nach ſeinen grünen Bergen, 
Ruft und ſucht zuſammen die Gefährten. 
Da ſie wieder nun beiſammen waren, 
Theilten ſie die reichen Hochzeitsgüter, 
Und verbanden ſich die blut'gen Wunden. 








— 423 9 


Don Grujo's trenfofer Lieben. 


Spannt fein Zelt aus Rowakowitſch Grujo 
Im Gebirge ober Adrianopel, 

Sitt darunter, Fühlen Wein zu trinken. 

Ihn bedient fein zartes Soͤhnlein Stefen, 
Und vor'm Zelte ftidet Maximia, 

Stidt mit purem Gold auf reiner Beide. 
Redet alfo Nowakowitſch Grujo: 

„Maximia, meine treue Liebe, 

Halte Wacht vor meinem weißen Zelte! 

Will mid legen, will ein Weilchen ſchlafen!“ 


Grujo legt ſich, fchläft bald tiefen Schlummer, 
Marimia ftidet vor dem Zelte, 
Sich, da kommen ber drei junge Türken! 


Spridt alfo das zarte Knäblein Stefan: 
„Sieh' einmal, 0 Mutter Maximia! 
Kommen dort ed Wegs nit junge Türken? 
Wil gleih gehn und will den Bater wecken!“ 


Drauf jedoch die junge Marimia: 
„Sind, o Söhnlein, nicht drei junge Türken, 


— A — 


Sind drei junge Krämer, liebes Söhnlein, - 
Löfegeld wol bringen fie dem Bater!” 


Doch dad Knäblein hört nicht auf die Mutter, 
Sondern gedt und will den Bater mweden. 
Nah ihm Iduft die junge Marimia, 

Hält zurüd es an des Zeltes Eingang, 
Schlägt ed mit der Hand auf beide Wänglein. 
Wie fie aber leiht es nur geſchlagen, 
Dreht ed fih do drei mal um im Kreiſe, 
Zallen aus ihm drei gefunde Zähne 

Und verf&ieben vier fi von der Stelle. 


Unterdeffen fommen an die Türken, 

Grüßen fo die junge Marimia: 

„Gottes Hülf’ zum Gruße, junge Hausfrau! 
Weflen Liebe bift du? Welches Helden? 
Welcher Edle ſchmückte dich ald Hausfrau?” 


„Ei, fo Gott mir, ihr drei jungen Türken! 
Bin die Liebe Nowakowitſch Grujo's, 
Grujo ift der Edle, der mid ſchmückte!“ 


Sprechen alfo zwei der Türken weiter: 

„pre, junge Hausfrau, Grujo’s Liebe, 

Gib heraus und Grujo, deinen Herren! 

Traͤgſt bei Grujo did in reiner Seide, 

Doch bei und folft du auf Seide wandeln 

Und in Gold did Pleiden und in Silber, 

Soüft genannt fein anders nit als Herrin, N 
Solft Iuftwandeln, wo ed dir belichet, 

Jeden Freitag mit den Türkenfrauen !” 


- 





— IB — 


Bon den Roſſen ſihen ab die Beiden, 
Doch der Dritte fpricht zu ihnen alfo: 
„Richt doch, Türken, Herzleid eurer Mutter! 
Nicht geſchaut noch habt ihr jemals Grujo, 
Koch viel wen’ger je mit ihm gefochten! 
Aber ih, ih kenne diefen Grujo! 
Da ihm faum noch funfzehn Jahre waren, 
Zog id einft durch dieſes Waldgebirge. 
Grujo ſaß und zählte juft fein Gut nad. 
Durch den Bergmwald hub ib an zu rufen, 
Dachte wol den Knaben zu erfähreden, ⸗ 
Dacht', er würd’ erſchreckt zum Walde fliehen 
Und fein Gut mir in die Hände fallen. 
Doch ald Knab' fhon war er Fühnen Herzens, 
Kühnen Herzens und auch freien Muthes, 
Kahm das Gut, verbarg’s in feine Taſche, 
Fing dann an, mid durd den, Wald zu jagen, 
Ich zu Roſſe und der Anab’ zu Fuße, 
Und, wenn nit der Tannen ſchlank Geäfte 
Ihm den Kalpak juft vom Kopf berabriß, - 
Wahrlich, bald erreichte mich der Knabe! 
* Kaum, indeß den Kalpaf er vom Baum nahm, 
Zand ih Zeit, im Wald ihm zu entrinnen. 
Grujo aber griff nad feinem Wurffpieß, 
Warf ihn nah“mir dur das Waldgebirge, 
Wollt' auf flinfem Hoffe mi noch treffen. 
Mich nicht traf er auf dem flücht'gen Noffe, 
Traf jedoh im Wald 'ne ſchlanke Tanne, 
Traf fie, und wenn aud nicht fonder mädtig, 
War's genug den Baum doch zu entwurzeln, 
Und zur Erbe fplitterten die Aeſte.“ 


— 4126 — 


Nicht in's Zelt drum trauen fi die Türken. 
Erſt nachdem die junge Maximia 

Beide Haͤnde Grujo feſtgebunden, 

An den Hals gelegt ihm eine Kette, 
Dreißig Ringe, vierzig Okka wiegend, 
Fallen ber die Türken über Grujo. 


Grujo aber rafft fih auf vom Boden, 

Hebt mit fi emporwärtd die drei Türken, 

Die drei Türken und auch Maximia, 

Ninget, fi den Zürken zu entreißen. 

Da geden?t er feines Söhnleins Stefan: 
„Wehe mir um’s Herz, bei Bott dem Höchſten! 
Wenn die Türken mir mein Kind entführten, 
Mir mein einzig Kind zum Türken machten, 
Was fol’ dann mit meiner fünd’gen Seele?” 
Und ergibt fid um des Kindes willen. 


Da die Türken Grujo nun bewältigt, 
Sehen feine Lieb fie auf fein Grauroß, 
Kehmen fie nah Adrianopel mit fid. 


Da fie auf dem halben Wege waren, 

Hub der Heine Stefan an zu weinen: 
„Bäterhen, o Nowakowitſch Grujo, - 
Stefan thun gar weh die Fleinen Züßlein, 
Können nit mehr mit den Roſſen laufen, 
Und im Wald nicht laffen ihn die Türken, 
Schlagen über’5 Aug’ ihn mit der Peitſche!“ 
Thränen weinet Rowakowitſch Grujo: 
„Söhnlein Stefan, o mein theures Kindlein! 





4 191 — 


Sag’, wie foll dein armer Bater helfen, 
Da_fo feft die Hände ihm gebunden? 
Seh’, und bitte Mutter Marimia, 

Db die Mutter dich zu fih wol nähme 
Auf des Baters Ichöngezäumtes Grauroß!“ 


Bittet laut dad Knäblein feine Mutter: 
„Maximia, meine tiebe Mutter! 

Kimm zu dir mid anf das ſchoͤne Grauroß! 
Schwache Züßlein bat der Feine Stefan, 
Kann nicht länger mit den Roffen laufen!“ 


Harten Herzens aber ift die Mutter, 

Schlägt nad ihm vom Roſſe mit der Peitſche: 
„Troll' did fort, elender Schelmenfproffe! 
Wollt' ih di zu mir auf's Grauroß nehmen, 
Wahrlich nimmer fchenft’ ih did den Türken!” 


Da vor Adrianopel fie gefommen, 
Spannen aus die Türken zwei Gezelte, 
Eins für Grujo und das zarte Kuäblein, 
Eines für die junge Marimia. 

Zwei von ihnen fhreiten dann zur Befte, 
Und der Dritte bleibt, um Acht zu haben. 
Angelangt beim adrianopler Paſcha, 
Spreden jene alfe zu dem Paſcha: 
„mMädt'ger Paſcha! Herr von Adrianopel! 
Bringen heute herrliche Gefangne, 
Praͤcht'ge Sklaven! Nowakowitſch Grujo, 
Grujo's einzig Kind, dad Knäblein Stefan, 


—d 13 — 


Und fein Lieb, die junge Marimia! 
Schön wie diefes junge Weib, o Paſcha, 
Iſt Fein zweites rings im weiten Lande! 
Würdig wäre Zarigrad's ihr Antlitz!“ 


In den Sädel, greift fogleih der Paſcha, 
Gibt den Türken hundert Golddufaten: 
„Hier, ihr Türken, hundert Golddukaten! 
Eht und trinft bis an den Morgen, Türken! 
So ihr morgen mir die Sklaven bringet, 
Bil ih Einem noch befonders ſchenken 
Ein Agaluf, Einem ein Spahiluf!” 


Streihen ein die hindert Golddukaten, 
Zragen dann durd ganz Adrianopel, 

Zragen, wo fie füßen Meth befämen; 
Konnten aber füßern Meth nit finden, 

Als bei jener Schänfin, Namend Mara, 
Mara, Grujo's treuer Bundesſchweſter. 
„Schwägrin Mara! Schenk' und füßen Methes ! 
Brachten heute herrliche Gefangne, 

Praͤcht'ge Sklaven: Nowakowitſch Grujo, 
Dann fein einzig Kind, dad Sinäblein Stefan, 
Und fein Lieb, die junge Marimia! 

Schön ift diefes jufge Weib auf Erden 

Wie Fein zweites rings im weiten Lande!” 


Da dies hört die treue Schänfin Mara, 
Kann fie fi der Thränen nit enthalten, 
Hält den Aermel vor die feuchten Augen: 
„Wehe, Srujo! Web’, o Bundesbruber! 








— 4129 — 


Drei mal halfſt du mir aus ſchwerem Drangfal, 
Wahrteft drei mal mid vor ſchwerer Knechtſchaft; 
Biſt nun ſelbſt in ſchweres Joch gerathen!“ 
Schaͤnket füßen Meth hierauf den Türken, 

Gibt darein zur Hälft’ betaͤubend Schlafkraut, 
Miſcht es heimlich, daß es Schlaf erzeuge 

Und die Türken eher nicht erwachen, 

Als bis frei die Hände Grujo's worden. 

Gehn darauf die jungen Türken weiter, 

Nehmen mit den Meth nah ihren Zelten. 


Angelangt bei ihren feinen Zelten, 

Sisen fie, den füßen Meth zu trinken. 
Ihnen dient die junge Marimia. 

Wem fie darreicht den gefüllten Becher, 
Jeder küßt fie auf das fhöne Antlie, 

Jeder ihr dad Kinn, das runde, ftreicelt. 
Bald jedoch erfaßt der Rauſch fie Alle, 
Sind berauſcht, gleihwie die ſchwarze Erde, 
Schlafen ein, als ob fie AU’ geftorben. 

Da nun ftand die junge Martmia, 

Stant in Zweifel, dachte fih im Herzen: 
„Leg' ih mid bei Zweien bin zu ſchlafen, 
Füg' ich großes Herzleid zu dem Dritten!“ 
Sann auf Manches und beſann ſich endlich, 
Faßt des Kleides Saum in beide Hände, 
Legt fi nieder allen Drei’n zu Häupten. — 


Mitternadts, zur mitternädt’gen Stunde 

Hub der kleine Stefan an zu weinen: 

„Vater! weh, den kleinen Stefan bungert!” 
1. 9 


® 


— 10 > 


Drauf erwiedert Rowaklowitſch Geujo: | 
„Knaͤblein Stefan, o mein theures Kindlein! 
Sag’, wie fol dein’armer Beater helfen, 

Da fo feft die Hände ihm. gebunden? 

Geh’, mein Söhnlein, geh’ in's Zelt zur Mutter, 
Kimm der Mutter dort die ſcharfen Mefler, 
Schneid’ entzwei mir an der Hand die Stride, 
Und zu- effen will ich bald dir ſchaffen!“ 


Aus Haidufenftamme ftammt dad Knäblein, 
Kühnen Herzens iſt's und Fennt die Furdt nicht, 
Geht gerade in das Zelt der Mutter, 

Nimmt der Mutter dort die ſcharfen Meſſer. 
Doch in arger Noth iſt nun das Knäblein 
Schwach ſind ſeine Kräfte, ſchwer die Meſſer, 
Kaum daß es ſie hebt mit beiden Händen, 
Kaum daß es ſie anlegt an die Stricke. 

Wie es denn mit Schneiden ſich ſo abmüht, 

Hin und her zerrt, eh' die Stricke weichen, 
Schneidet Grujo tief es in die Rechte, 

Daß das Blut ihm ſchwärzlich aus der Hand forist. 
Auffhreit Stefan, eine wilde Schlange: 
„Vater, web! Ih ſchnitt dir in die Rechte!“ 


Grujo aber, ſpricht zum Anäblein tröftend : 
„Sorge nit, o Stefan, Liebes Knäblein! 

Aus des Vaters Rechten Fommt des Blut nit, 
Sondern Fommt aus den zerichnittnen Striden!” 
Da nun Grujo fühlt erlöft die Hände, 

Springt er gleid vom Boden auf die Beine, 
Kreuzet ſchnell fiy mit des Kreuzes Zeichen, 


⸗ 








— 434 — 


Denket neh des Vaters Rikolaje 
Und des Sonntags und der Oſterfeie 
Und des großen, heil’gen Evangeliums, 
Greift darauf nad einem blanfen Schwerte, 
Gebt in's Zelt, darin die Türken ſchlafen, 
Hebt die ſeidnen Deden von den Schläfern, 
Schneidet nit entzwei fie an den Hälfen, 
Sondern haut entzwei fie durch die Gürtel, 
Machet ihrer ſechs aus ihrer Dreien, - 
Ueberdeckt fie mit den Deden wieder, 
Geht darauf in's dunkle Adrianopel, 
Geht zu feiner Bundesfhwefter Maxe, 
Holt fi rothen Kühlwein, beit fih Rakia, 
Holt fi einen Laib aud weißen Brotes, 
Nimmt dazu ein Stück noch güten. Fleiſches, 
Kehrt zurüd dann: zu dem ſeidnen Zelte, 
Sättigt ſich und ſättigt ſeinen Knaben, 
Hebt dann an mit heller Stimm' zu fingen. 


Aufwacht drob die ſchoͤne Maximia, 

Will zur Stund' die jungen Türken wecken: 

„Auf! Erwadet! Herzleid eurer Mutter! 

Höret! Selbft in Zeffeln finget Grujo!“ 

Doch da fic empor die Deden bebet, 

Und die Türken fieht entzwei gehauen, 

Steht fie zitternd, weiß nicht was zu denken: 

„Suter Gott, was fol id nun beginnen? 

Soll id Arme, fol ih flichn zur Stelle? 

Rofſe konnten Grujo nit entkommen, 

Wen’ger noch entkommt ein ſchwaches Weib ihm!’ 

Faßt des Kleides Saum drauf in die Hände, 
9 %” 


— 132 — 


Faßt ein Herz und geht in's Zelt zu Grujo, 
Fällt darin ihm an die ſeidnen Säultern, 
Küffet Grujo an das feine Bruftfleid: 

„D Gebieter, Rowakowitſch Grujo! 

Arg bethöret haben mich die Türken!” 


Grujo aber gibt ihr dies zur Antwort: 
„Maximia, treulofes Geblüte! 

Lebend denn bethörten dich die Türken, 
Todt nun, fenden fie zu mir dich rückwäͤrts?“ 
Macht fi auf dann auf die Heldenbeine, 
Bricht die feinnen Zelte von der Stelle, 
Geht zurück in’s dunkle Waldgebirge 

Und zu feiner alten Lagerftätte, 

Schlägt dort auf die feidenen Gezelte, 
Fragt ſodann die ſchöne Marimia: 
„Marimia, treulofes Geblüte! 

Willſt ald Kerze du mir lieber leuchten, 
Dper willft dad Schwert du lieber küſſen?“ 


Sprit darauf die junge Marimia: 

„Kann, o Grujo, dir das Schwert nicht küſſen, 
Denn befledt von Mandem ift das Schwert dir; 
Will dir denn ald Kerze lieber leuchten, 

Leucht' ih Arme mir auch nit zu Bette!‘ 


Drauf erhebt fih Nowakowitſch Grujo, 
Kimmt fein Lieb an ihrer weißen Rechten, 
Nimmt ihr ab die feidenen Gewänder, 
Nimmt das goldne Halsband ihr vom Halle, 
Führt fie bin an eine wüfte Stelle, 


— 133 9 


Vebertündt mit purem Wachs und Theer fie, 
Dann mit Schwefel und mit rafhem Puloer, 
Hüllt fie dann in weiche Baumwollhüllen, 
Uebergießt fie noch mit feur'gem Branntwein, 
Gräbt fie bis zum Gürtel in den Boden, 
Zündet ihr das Haar an über'm Haupte, 
Sitzt dann nieder, Fühlen Wein zu trinken, 
Und fein Lieb, das leuchtet ibm ald Kerze. 


Abgebrannt bis zu den ſchwarzen Augen, 
Spricht alfo die fhöne Marimia: 

„O Gebieter, Rowalowitih Imo! 
Danern did nicht meine braunen Haare, 

Die fo oft die Hände dir umwunden, 

Hab’ dann Mitleid mit den ſchwarzen Augen, 
Mit den Augen, die fo oft du Püßteft!” 
Abgebrannt bis an das weiße Antlis, 
Spricht alfo die Ihöne Marimia: 

„O Sebieter, Nowakowitſch Iwo! 

Dauern dich nicht meine ſchwarzen Augen, 
Hab’ dann Mitleid mit dem weißen Antlig ! 
Wie mein Antlig gibt's im Land kein zweites, 
Biel des Guts verſchwendete dein Bater, 
Werbend, Grujo, dir dies weiße Antlis !’’ 


Grujo aber gibt ihr dies zur Antwort: 
„Maximia, treulofes Geblüte, 

Wahrheit iſt's, und gut weiß id es felber, 
Deinem Antlig fei im Land Fein gleiches 


* Und daß viel des Guts mein Bater hingab, 


Werbend um dein Antli$, Marimia! 


u — 134 — 


Beſſer aber ſeh' ich es verbrennen, 
Als daß es den Türken mich verrathe!“ 


Da die Flamme ſchon dem Buſen nahet, 
Weinet laut das kleine Knaͤblein Stefan: 
„O mein Vater, Nowakowitſch Grujo! 
Sich’, es brennen meiner Mutter Bräüfte, 
Brennen, die mid einft genährt, o Bater, 
Die berangefäugt mich auf die Beine!‘ 


Schmerzvoll rührt es Nowakowitſch Grujo, 

Da er fieht das Knäblein Stefan weinen, 

Und ibm felbft entquilfen bittre Thraͤnen. 

Tritt denn bin und löſcht die rothen Flammen, 
Und beftattet, was noch blieb, zur Erde. 


Zehn Haidufen. 


Mihat der Hirk. 


1. Wie Rihat Haiduke wird. 


In die grünen Wälder flühtet Mihat 

Ob des Begen Ljubowitih Berrädung, 
Flüchtet in's Gebirge, wird Haiduke. 
Schwarze Erde ißt er da vor Hunger, 
Trinkt vor Durſt den Fühlen Thau der Blätter, 
Bis Gefährten er um ſich verfammelt: 

Bojaz Wuk, den Sohn der eignen Schweſter, 
Schegawaz, den angebornen Better, 

Iwo, Motropoljianin geheißen, 

Nitſcheta, berühmt als kuͤhner Führer, 
Widoje, genannt das wilde Feuer, 

Pauk, als Haidufe grau geworden, 

Luka Strmogledſcha, der ald Mütze 

Trägt die Zelle zweier wilden Wölfe 

Und daran ald Reiher vierzig Federn, 
Roman, den bewährten Kampfgenoflen, 
Stega und den rabenfhwarzen Gawran, 


— 18 > 


(Stega wacht, der ſchwarze Gawran, bindet, 
Wen er bindet, dem wird eng dad Herze!) 
Jerko, jenen Hirten aud des Waldes, 

Der die Keule trägt von Kornelbolze, 

Dran allein das Holz wiegt fieben Okka, 
Neun jedoch die drei gewalt’gen Ringe. 


Da nun Mihat um fidh fieht die Freunde, 
Sprit er zu den Zreunden diefe Worte: 
„Höret mih, 0 Brüder und Gefährten, 
Höret, was vor Allem wir beginnen — 
Biehen hin und plündern aus den Begen!” 
Ziehen bin drauf nad des Begen Höfen. 
Doch der Beg ift nit in feinen Höfen, 
Drin allein nur tft die junge Besin. 
Anpocht mädtig Mihat, det Haiduke, 
Pocht an's Thor mit ſeinem ſchweren Ringe: 
„Deffne! Deffne! Junge Begin, öffne!” 


Drauf die junge Begin ihm erwiedert: 
„Ziehe weiter, unbekannter Recke! 

Des verwuͤnſchten Haiduk Mihat wegen 
Wag' ich nicht, die Thore dir zu oͤffnen!“ 


Drauf zurück ihr Mihat, der Haiduke: 
„Sorge nicht, o Begin jung, und oͤffne! 
Weißt du nicht? Geſtorben laͤngſt iſt Mihat, 
Starb im Herbſt am Michaelistage!“ 


Da die Begin nun die Thore Öffnet, 
Schließt der Held fie in die ftarfen Arme, 





— 139 — 


Schließt fie in die Arme, berzt und Püßt fie, 
Führt hinan fie nad des Hofes Thurme, 
Sendet die Gefährten nad den Hallen. 
Während Mibat nun die Begin liebet, 
Nehmen die Gefährten alles Habe, 

Weiße Groſchen, gelbe Golddukaten, 

Kebmen, was im Haus fie Werthes finden. — 


Eh’ fie fortziehn, ſpricht noch Mihat alfo: 
„Bleib mit Gott, o liebe Bundesſchweſter! 
Mögen wir uns wiederſehn im Wohlſein!“ 
Weinend aber ruft ibm nad die Begin: 
„Zieh' mit Gott bin, Mihat, o Haiduke! 
Gebe Gott, daß eh' der Tod uns ſcheide, 
Als wir je und wiederſehn im Leben!“ 


— 440 — 


2. Wie Rihat mit dem Paſcha ſpricht. 


Mit der Nachricht eilen ſie zum Paſcha: 
„Herr, ſie bringen Mihat dir, den Hirten!“ 


Da ſie ihn nun brachten vor den Paſcha, 
Hieß der Paſcha ihn zur Seite figen, 

Hieß ihn fißen, ſprach zu ibm die Worte: 
„Sag' mir dod, um Gott, o Hirte Mibat, 
Iſt ed wahr, was mir die Leute fagen? 
Daß dir Höfe eigen find zu Prifren 

Rings umfaßt mit fteinernem Gemaͤuer? 

In den Höfen fieben ſchoͤne Söller, 

An den Söllern fieben goldne Schlöffer ? 
Bor den Höfen eine grüne Wiefe, 

Die du drei mal mähft in einem Jahre? 
Daß du dein nennft einen praͤcht'gen Rappen, 
Deffen Mähne gleih dem Bart des Hirſches, 
Deffen Zügel einem bunten Schlänglein ? 
Bahr aud dies, 0 Mibet, daß neun Pfauen 
Auf und ab in deinen Höfen wandeln, 

Mit den Pfau'n neun ſchöne Pfauenweibchen, 
Ihnen voran eine Pluge Dtter, 








— 444 9 


Ihnen nad ein goldgeſchnäbelt Entlein, 

Und in Mitten ein gefbmüdter Marder? 
Wahr, daß deine Hausfrau, die getreue, 

Alſo ſchön fei, weiß und roth von Antlis, 
Daß, wenn Wein fie trinfet oder Waſſer, 
Durch die Kehle man es ſchauet gleiten, 

Und du dennod menig ihrer achteſt, 

Sondern nachſtellſt Priſrens jungen Mädchen, 
Dir zur Aurzweil, doch zur Schande ihnen?’ 


Drauf zur Antwort gab ihm dies der Hirte: 
„Wehr ift Alles, mächtiger Gebieter; - 
Lüge nichts, was dir die Leute fagen! 

Hab’ neun Pfauen wirklich — meine Brüder, 
Pfauenweibden neun — der Brüter Haudfraun, 
Kluge Dtter — meine liebe Mutter, 

Entlein goldgefhhnäbelt — meine Toter, 
Hab’ ’ne liebe, vielgetreue Hausfrau, 

Aſo ſchoͤn, an Zarbe weiß und rofig, 

Daß, ob Wein fie trinke oder Waffer, 
Dur) die Keble man es fchauet gleiten!” 


Weiter ſpricht der Paſcha dann zum Hirten: 
„Sag' mir dann, um Gott, o Hirte Mihat, 
Da dir alfo Lieb’ und Gut in Züle, 

Was verfolgft du junge Tuͤrkenmaͤgdlein, 
Zreibft herum dich unter den Haiduken 

Und erflägft mir meine Untergebnen? ’ 


Mihat drauf: „Die Wahrheit ſollſt du hören! 
Fragſt du, was ih Tuͤrkenmaͤdchen kuͤffe? 


— AM — 


Wenn die Blümlein im Gebirg erblühen 
Und am Straub die duftigen Pfingftrofen, 
Gehn hinaus die jungen Mägdlein Prifrens, 
Pflücken Sträußlein in den nahen Bergen, 
3ieren mit ten Sträußlein mir die Waffen. 
Did, 0 Paſcha, müßte dies bethören, 

Wie denn mich erfl, den gemeinen Hirten! 
Zragft, was zum Haidufen mid gemacht bat?‘ 
Da nit Gras genug mir gab die Wiefe, 
Trieb ih zur Morawa einft die Heerden. 
Saufend Schafe fielen mir am Wege, 
Tauſend mußt’ id) zahlen für die Graſung; 
Blieden mir vierhundert noch in Allem, 
Unfruchtbar dreihundert, huntert Trächt'ge 
Die dreihundert junge Lämmlein warfen. 
Kamen dar dreihundert. Seratlien, - 

Bogen ftill des Weges bis auf dreißig, 

Und die ftahlen dreißig mir der Zämmlein. 
Als die Lämmlein denn zu faugen liefen, 
Blöften fchmerzli laut die dreißig. Mütter, 
Schauten Elngend nah dem Hirten Mihat. 
Doch woher nahm Mihet andre Lämmlein? 
Paſcha, ſieh — dies brach das Herz im Leib mir! 
Meine Pfauen rief ich. glei zufammen, 
Eilte nah den Türfen auf dem Heerweg, 
Schlug zu Boden die verwegnen Räuber, 
Nahm mit mir die dreißig zarten Lämmlein, 
Gab zurüd den Müttern ihre Jungen!“ 


Du died bört der Paſcha, fpricht er alfo: 
„Hirte Mihat, Zeind der Türken, höre! 








— 3 ik — 


&o ein Leid fih Ginem in den Kopf feht 
Und das Leid nicht weiß dem Kopf zu ratben, 
Iſt es werth, daß es der Bliht erſchlage; 

So jedoch der Kopf auf's Leid verſeſſen 

Und er weiß vom Leid ſich nicht zu helfen, 
Iſt er werth, daß ihn die Schergen abhaun!“ 


Schenkt darauf ihm hundert Goldzechinen, 
Gibt ihm flinke Reiter als Begleiter, 
Ihn nach ſeinen Höfen zu begleiten. 


Mihat aber nimmt ben praͤcht gen Kappen, 
Sendet ihn dem Paſcha zum Geſchenke. 


— 444 — 


3. Wie Mihat dem Wide Damitſchitſch das Leben rettet. 


Kuhlwein trinkt der Harambaſcha Mihat 
In den hohen Kunowitza⸗Bergen. 

Mit ihm trinkt der Zahnenträger Lafo, 
Mit ihm Wide Danitſchitſch, der Rede, . 
"Und mit Wide drei mal zehn Haiduken. 

Als des Weines fie genug getrunten, 
Sprit alfo der Harambaſcha Mihat: 
„Bundeöbruder, Zahnenträger Lafo, 

Und ihr Brüder, drei mal zehn Haiduken! 
Gibt's wol einen Helden, den die Mutter 
Groß gefäugt, die Schweiter groß geſchaukelt 
Dhne Wiege auf dem rechten Arme, 
Ihn entfandt fodann zu meiner Truppe, 
Der es wagt binabzugehn nad Liwno, 

Dort zu boten dreißig Paar von Spangen, 
Zür die dreißig Leibchen unfrer Brüder, 
Dort zu holen drei mal zehn Agraffen 

Zür die dreißig Kalpaks unfrer Zreunde? 
Gut vergoldet müffen fein die Spangen; 
Doch die meinen von gebiegnem Golde, 
Schwer nit wen’ger ald vier Litren Goldes, 


— AM — 


Und daran drei theure Edelſteine, 

Daß man fehe, daß es Mihat's Spangen! 
Wer ed wagt, von meinem eignen Leibe 
Will ein Kleid, ein grünes, ib ihm ſchenken, 
Bon den Schultern meine eigne Zlinte!” 


Hören es die dreißig wadern Areunde, 
Keiner aber thut, ald ob er’s hörte, 
Schauen ſtumm zur ſchwarzen Erde nieder, 
Ob fie wachſen fäh'n des Grafes Wellen, 
Wie man fieht der Mädchen Bufen ſchwellen. 


Schweigt aud Wire Danitſchitſch der Nede, 
Springt jedod empor auf feine Beine, 
Nimmt zur Hand die leihte Damascenrin, 
Sett mit ihr durch Wald und über Zelfen, 
Hüpfend wie ein Hirſch von fieben Iahren, 
Graden Wegs gen Liwno zu, die Befte. 


Nachruft ihm ter Harambaſcha Mibat: 
„Halte doch, Wid Danitſchitſch, o Bruder! 
Halt und bleibe! Treib' Fein thöricht Spiel du! 
Bliebeft du mir in dem weißen Limno, 
Keinen Beffern hätt? ih in der Truppe! 
Was wir tbaten, haft du es vergeffen? 
Denkeſt nit mehr, daß wir jüngft erſchlugen 
Mal⸗Aga, den Türkengreis von Liwno, 
Ihm vom Kleid die goldnen Spangen nahmen? 
Trägſt an deinem Kleide ja die Spangen, 
Und die Schuhe und die weiten Hofen 
Mal: Aga’s an deinen leichten Beinen, 

1. 10 


— Alt — 


Und die leichte Damascenerflinte, 

Die du ſelbſt ihm nahmſt, an deiner Schulter! 
So du aber nicht zurück willſt kehren, 

Wirf um dich doch einen weiten Mantel 

Und bedecke an der Bruſt die Spangen, 

An den Beinen Schub und weite Holen! 

Häng'’ an deine Schulter meine Zlinte! 

Dann erft, Wide, magft du gehn nad Liwno!“ 


Ihm gehorchet Danitſchitſch zur Stelle, 
Nimmt um ſich gleich einen weiten Mantel, 
Deckt damit an ſeiner Bruſt die Spangen, 
Deckt die Schuhe und die weiten Hoſen, 
Uebergibt die Flinte ibm Mal: Aga’s, 
Hängt die Zlinte Mihat's an die Schulter, 
Geht dann bin nad Limno’s weißer Befte. 


Ungehindert kommt er an in Limno, 
Holt die Spangen bier und die Agraffen, 
Geht zurüd dann dur dad Waldgebirge. 


Unterwegs auf einer Türkenwieſe 

Sieht er fpielen dreißig junge Türken, 
Steine werfen mit den ftarfen Armen, 
Kühnen Sprunges fpringen um die Wette, 
Näheran tritt Danitihiti zu ihnen, 
Bietet ihnen freundlich feinen Selam. 
Zreundlih ihm die Türken drauf erwiedern: 
„Sei wiltommen, unbefannter Rede!” 
Hei, da fehe einer unſern Wide! 

Einen Stein erfaßt er mit der Rechten, 











— IN > 


Wirft ein mel, und überwirft fie Alle, 
Springt ein mel, und überfpringt fie Ale, 
WIN dann feines Wegs gehn in's Gebirge. 


Doch beranfommt juft der Sohn Mal⸗Aga's 
Mit Haikuna, feiner Heben Schweſter. 

Da er ankommt an der Türkenwieſe, 

Da erzählen glei ed ihm bie Türken, 

Wie gethan der unbefannte Mede. 

Und Mal⸗ Agitſch — wer ihn da gefchen! 
Kimmt zur Stel! vom Boden einen Stein auf, 
Wirft den Stein, und wirft fo weit als Wide, 
Wirft no einen, und wirft noch viel weiter, 
Springt, und fpringt viel weiter noch ala Wide. 


Da dies ſchauen die Limnaner Türken, 

Nufen fie: „Kehr' um, o Held aus Bosnien! 
Weiter viel als du noch wirft Mal⸗Agitſch, 
Meberfpringt did weithin Fühnen Sprunges!’ 


Da dies hoͤret Danitihitih der Recke, 

Kehrt er um glei zu der Tuͤrkenwieſe, 

Kimmt gleich wieder einen Stein vom Boden, 

Wirft und wirft no weiter, ald Mal⸗Agitſch. 

Müuͤd' jedoch des Weges und der Hite 

Läßt den Mantel auseinand’ er fallen, 

Daß weithin die goldnen Spangen glänzen. 

Horh! Da ruft Haikuna, ruft uf Tuͤrkiſch: 

„Weh euch, wehe! Türken ihr von Liwno! 

Denn fürwahr, dies ift Fein Held aus. Bosnien, 
" 10* 


— 448 9 


Sondern Wide Danitſchitfch, der Räuber ! 
Sichft du, Bruder, unfers Baters Spangen?“ 


Wohl jedoch kennt Danitfhitih das Tuͤrk'ſche, 
Greift nad feiner leiten Damascenrin, 

Eilt querfeldein nad dem Waldgebirge, 
Hinter ihm her laufen ſchrei'nd die Türken. 
Kaum daß er erreidht die grünen. Berge, 

Legt Mal: Agitih an die ſchlanke Zlinte, 
Zielt nad ihm, und gibt lebendig euer, 
Jagt ibm grad in’s linke Bein die. Kugel. 
Stehend aber auf dem rechten Beine, 

Läßt er näher den Berfolger kommen, 
Schießt und trifft — trifft ibn an guter Stelle 
In die Bruft, wo man die Spangen fehließet, 
Schießt herab ihn von dem weißen Roſſe. 
In den Raſen ftärzt Mal: Agitfp nieder. 
Doch heran kann Wide nit zum. Todten, 
Daß er ab das rotbe Haupt ihm fhneide, 
Denn auf ihn im felben Augenblide 

Werfen fih die Türken, ihn zu tödten. 


Da, ein gutes Glück war's, das ihm beifprang ! 
Weithin fallend war die ſchlanke Flinte, 

Daß man fie im Kunor-Bergwald hörte, 

Und Mihat erkannte fie zur Stelle! 

Aufrief er die lagernden Benoffen: 

„Auf, ihr Brüder, drei mal zehn Haiduken! 
Hört ihr fallen meine Damascenrin? 

In Gefahr ift Wide und geratben !” 

Springt empor auf feine leiten Beine, 


— 4149 8 


Eilt hinab durch's grüne Waldgebirge, 
Hinter fi die drei mal zehn Haiduken, 
Kommt juft an mit feinen dreißig Mannen, 
Da die Türken Wide übermält’gen. 

Kun denn kämpfen Türken und Haiduken! 
Ein mal feuern beide gen einander — 
Bon den Türken rettet fih faum Einer, 
Bon den Serben blieb’ am Plage Keiner, 
Blieb nicht todt der Fahnentraͤger Lafo, 
Und nit Wide Danitſchitſch verwundet. 
Lafo, den begraben fie zur Stelle, 

heilen auch zur Stelle gleich die Beute; 
Wide aber legen fie auf Zlinten, 

Tragen ihn zurüd in's Waldgebirge. 


— 150 — 


Der Kleine Radoiza. 


1. Wie der Heine Radoiza feine erſte Liebe freit. 


Kuhlwein trinten dreißig Zetinianer 

An den ftillen Ufern der Zetina. 

Wie ihn ſchenkt das Zetinianermänden, 

Wie es reiht den vollen Becher Einem, 

Kimmt den Becher Keiner von den Allen, 
Sondern fhlingt den Arm um’s ſchlanke Mäpdyen. 


Sprit jedoch die ſchoͤne Zetinianrin: 

„So mir Gott, ibr dreißig Zetinianer, 
Kann ih au die Dienrin fein von Allen, 
Kann ih doch nit fein auch Aller Liebchen, 
Sondern mag nur jenen Helden lieben, 
Der da überſchwimmet die Zetina 

Ganz in Heldenanzug und in Waffen 

Und gehünt in feinen rothen Mantel! 

Der fo überfhwimmt das Fühle Waſſer, 
Und von einem Ufer fhwimmt an’s andre, 
Dem nur will ein treues Lieb ih werden!” 


— 451 — 


Thun die Helden, ob ed Keiner höre, 
Senken all den Bli zur Erde nieder. . 
Nicht auch ſenkt den Blick der Meine Rado, 
Sondern ſpringt auf ſeine leichten Beine, 
Schnallet an den Leib die blanken Waffen, 
Leget an die mancherlei Gewaͤnder, 

Wirft den rothen Mantel noch darüber, 
Ueberſchwimmt dann der Zetina Waſſer, 
Ueberſchwimmt's, der wackre Held, gerade 
Von dem einen bis an's andre Ufer. 


Als er durch das Waſſer dann zurückſchwimmt, 
Senkt er ſich ein wenig unter's Waſſer, 
Senkt ſich nicht, ob ihn die Kraft verließe, 
Senkt ſich nur, daß er das Mädchen prüfe, 
Ob als Liebfte es ihm treu and bliebe. 


Da das liebe Mädchen ihn fieht finten, 
Wirft es fi nad ihm in's Fühle Waſſer. 


Da dies aber Radoiza fiehet, 

Taucht er ſchnell empor, erfaßt das Mädchen, 
Trägt es aus dem Strome an dad Ufer, 
Kimmt dann an der Hand die Zetinianrin, - 
Zührt fie beim in feine weißen Höfe. 


2. Wie der Heine Radoiza gefangen ift, und feine zweite 
Liche freit. 


It dies Donner? Oder bebt die Erde? 

Schlägt dad wüfte Meer der Küfte Marmor? 
- DOpder fämpfen im Gebirg die Wilen? 

Kit iſt's Donner und nit bebt die Erde, 

Nicht ded Meeres Schlag an's Seegeftade, 

Nicht ver Wilen Kampf auf Popin’s Höben; 

Zern von Zara Sonnern die Kanonen, 

Zreudenfefte feiert Befir- Age, 

Weil den Pleinen Rado er gefangen, 

Und ihm Nado fist im tiefften Kerfer! 


Zwanzig Andre figen längft im Kerker, 
Jammern Alle, und nur Einer finget, 
Singt .und tröftet alfo die Genoffen: 
„Fürchtet nit, o meine theuern Brüder! 
x Einen Helden wird wol Gott noch fenden, 
Zu erlöfen und aus foldem Elend !” 


Da nun Rado fommt in ihre Mitte, 
Weinen Alle laut aus Einer Kehle, 
So den Neugefangenen verwünſchend: 


— 483 > 


„Radoiza, daß dich Unheil treffe! 

Warft der einz'ge Held, auf den wir hofften, 
Daß er uns aus folder Schmach erlöfe, 

Und nun fieh’, nun bift du felbft gefangen! 
Wehe! Welcher Held kann und befrein nun?” 
Radoiza ihnen drauf erwiedert: 

- „gürdtet nit, o meine thenern Brüder! 
Morgen, wenn der weiße Tag erfchienen, 
Ruft herbei den Aga Bekir⸗Aga, 

Saget ibm, klein Rado fei geftorben, 

Ob der Aga mich vielleiht begrübe!“ 


Ald es Tag ward und die Sonne wärmte, 
Rufen laut die Zwanzig in dem Kerker: 
„Straf' did Gott, o Aga Bekir⸗Aga, 

Der zu und du thatft den Pleinen Rado! 
Geftern wollteſt du ihn nicht erhängen, 
Heute ift er felber dir geftorben! 

Sol des Todten Mispuft und auch tödten?“ 


Und der Aga, da er dieſes höret, 

Laͤßt zur Stund’ den tiefen Kerker öffnen, 
Laͤßt heraus den Meinen Rado fhaffen: 

„Tragt ihn fort, Gefangne, und begrabt ihn!’ 


Sprit jedoch des Belir-Aga Frauen: 
„Wahrlich, fo mir Gott! RNicht todt iſt Rado! 
Todt nit, denn, o feht, wie er fi reget! 
Legt lebendig euer auf die Bruft ihm, 

Ob fih da der Buhlenſohn nit rege!” . 


— 154 — 


Legen auf die Bruſt ihm lebend Feuer. 
Rado aber iſt ein Held vom Herzen, 
Regt ſich nicht, verzieht auch keine Miene. 


Redet weiter Bekir⸗Aga's Frauen: 

„So mir Gott, geſtorben iſt nicht Rado! 
Nicht geſtorben, denn o ſeht, er regt ſich! 
Holt herbei nur eine wilde Schlange, 

Legt ſie auf die Bruſt dem argen Schelmen, 
Ob der Buhler nit davor zurückſchrickt, 
Ob nicht zuckt der liſtige Haiduke!“ 


Und ſie fangen eine wilde Schlange, 

Legen auf die Bruſt fie Radoiza's. 

Rado aber bleibt ein Held vom Herzen, 

Schrickt nicht auf und zudt aud nit im mindften. 


Weiter aber ruft des Aga Ebfrau: 

„So mir Gott, und dennoch ift er tobt nicht, 
Iſt nicht todt, denn feht, auch dieſes merkt er! 
Holt herbei nur zwanzig ſcharfe Nägel, 

Schlagt ihm fie in Zehen und in Finger, 

Db der Bubler dann noch immer ftumm bleibt!“ 


Und fie holen zwanzig ſpide Kägel, 
Schlagen fie in Zehen ihm und Finger. 
Doch aud dabei bleibt er ftarfen Herzens, 
Gibt von fi nit Laut noch leiſen Athem. 


Weiter aber ruft des Aga's Frauen: 
„So mir Gott, nit todt ift dennoch Rado, 





— A — 


Todt nit — ſeht doch bin, wie er ſich reget! 
Sammelt einen Reigen junger Mädden, 

An des Reigens Spidte ſchoͤn Haikuna, 

Ob der Schelm der ſchoͤnen Maid nicht zulacht!“ 


Und fie ſammeln einen Maͤdchenreigen, 
An des Reigens Spise hin Haikuna. 
Rings um Rado führen fie den eigen, 
Und vor Mado tanzet fhön Haikuna. 


Wie fie Ihön ift, das fie Bott erſchlage! 
Iſt die Schönfte und die Größte Aller, 
Ueberragt an hohem Wuchs den Reigen, 
Ueberftrablt an holder Pradt die Andern! 
Um den Hals erflingen ibr die Kettlein, 
Und beim Tanze rauſcht um fie die Beide! 


Da fie fieht der Meine Radoiza, 
Schielt er nah ihr mit dem linken Auge, 
Lächelt nah ihr unter'm rechten Schnurbart. 


Jung Heituna aber, da ſie's flebet, 

Läßt im Tanz ihr Tüchlein auf ihn fallen, 
Daß es feines von den Mädchen merke, 
Sprit alfo zu Bekir, ihrem Bater: 

„O mein Bater, wolle du nicht fünd’gen, 
Laß zur Stel’ begraben den Gefangnen!“ 


Alfo aber fpriht des Aga rauen: 
„Rimmermebr follt ihr den Schelm begraben, 
Sondern werfen in ded Meeres Abgrund, 


—d A566 — 


Daß an Föftihem Haidufenfleifche 
Sich des Meeres wilde Fiſche laben!“ 


Da ergreift ihn Aga Bekir-Aga, 
Wirft ihn in des Meeres tiefften Abgrund. 


Rado aber ift ein tücht'ger Schwimmer, 
Schwimmt hinweg weit von der Meereöfüfte, 
Schwimmt an's Land weit ab von Bekir's Hofe, 
Steigt an’s Land und ruft aus weißer Kehle: 
„Wehe mir, o meine guten Zähne, 

Bieht mir nun die Nägel aus den Fingern!” 
Sitzt dann nieder, Freuzt die leichten Beine, 
Zieht heraus die zwanzig fpigen Nägel, 

Birgt fie wohl an feinem feibnen Buſen. 

Rado aber ift nit, der er ruhn mag! 

- Da nur erft die finftre Nacht begonnen, 

Eilt er wieder zu den Höfen Bekir's, 
Schreitet hin juft unter Bekir's Zenftern, 
Da der Aga bei dem Nachtmahl figet 

Und aljo zu feiner Frauen redet: 

„Meine rauen, meine treue Liebe! 

Sieh’, zur Stunde find’s neun Jahre eben, 
Seit Haiduf der Pleine Rado worden, 

Und dein Herr aus Furcht vor diefem- Rado 
Nicht in Frieden feinen Scherbet ſchlürfte! 
Dan? fei Gott! Nun lebt nit mehr Plein Rado, 
Seinem Haupt aud bat die Stund’ geſchlagen! 
Nun, wenn ed erft Tag geworden Morgen, 
WIN die zwanzig Andern ib auch hängen!” 





— 157 9- 


Rado hört dies, denkt nicht lange nad erft, 
Stürzt entidhloffen in des Aga Stube, 

Faßt den Aga an dem weißen Naden, 

Heißt den Kopf ihm von den beiden Schultern, 
Zaflet dann des Belir-Aga Zrauen, 

Holt die Nägel vor von feinem Bufen, 
Schlägt fie Bekir's Frauen in die Finger. 
Da er kaum die Hälfte eingelchlagen, 

Gibt die Hündin, gibt fie auf die Seele. 
„Wirſt nun wiffen, Bekir's-Aga rauen, 
Wie im Fleiſch die fpigen Nägel ſchmerzen!“ 


Bei der Hand dann nimmt er ſchön Heikuna: 
„O Haikuna, Herz in meiner Bruft du! 
Daß du doch die Kerkerſchlüſſel fändeft 

Und wir frei die zwanzig Zreunde ließen!“ 


Und Haifuna bringt die Kerkerfälüffel, 

Und herausführt Nado die Gefangnen, 

Sprit dann weiter zu der ſchönen Jungfrau: 
„D Haikuna, meine theure Seele! 

Daß du auch der Schaͤte Schlüfſel fändeſt, 

Und ih Wen'ges mir auf Zehrung.nähme, 

Denn gar weit ift’s bis zu meinem Haufe 

Und wol Noth thut’s, dab ein Trunk mid labe!“ 


Und Haikuna Sffnet ihm die Schränke, 
Deffnet ihm die Schränke, drin die Thaler. 
Rado aber ſpricht zu ihr nod weiter: 

„D Haikuna, du mein theures Herze, 
Sag’, was fol id mit den ſchweren Hufen? 
Hab’ Fein Roß, damit es zu beichlagen! 


18 


Und Haituna öffnet andre Schränke, 
Deffnet ibm die Schränke der Dukaten. 
Seine Zreunde nun betheilet Rado, 

Faßt Haifuna dann an ihrem Arme, 
Zührt fie mit fi in die ferb’ihe Heimat, 
Fuͤhrt fie dort in eine weiße Kirche, 
Zauft Haikuna um zu Angelie, 

Führt fie heim als feine liebe Hausfrau. 


—— 1459 — 


3. Die Bitmo und dad Baisſltin deB einen Radoiza. 


Mus dem Bergwald ruft die weiße Wila: 
„Kleines Dorf, was bift du mir fo traurig, 
Und was ſchwinget jedt in dir Fein Reigen?“ 
Drauf zurüd ihr eine zweite Wila: 

„Schweig', 0 Wila, daß der Hals dir ſchmerze! 
Sag’, wie ſollt' es heiter fein im Dorfe, 

Wenn da ftirbt der Feine Radoiza, 

Der die muntern Reigen immer führte? 
Rückwaͤrts bleibt ihm eine traur’ge Witwe, 
Rückwärts ihm ein unglüdfelig Waislein, 

Alzu hülflos, Faum nod vierzig Tage! 

Seinem Weib empfiehlt er diefes Waislein: 
„O mein Lieb, fol dich mein Fluch nicht treffen, 
Richt vermähl’ dich wieder vor drei Jahren, 
Richt, eh’ nicht mein Waislein aufgewachſen!“ 


Kaum daß no drei Wochen find vorüber, 
Kommen Ihon zu Iela ihre Brüder, 


— 160 — 


Heben an gar ſchön ihr zuzureden: 
„Komm, o Jela, komm zu unſern Höfen, 
Unſern Höfen und zu unſrer Mutter!“ 
Jela aber folget nicht den Brüdern. 


Kaum daß eine Woche drauf verfließet, 
Kommt zu ihr die alte Mutter ſelber: 

„Komm, o Jela, ſo dir's wohlgedeihe, 
Daß dich deine Mutter groß genähret!“ 


Anders nimmer kann die Witwe Jela, 
Redet alſo zu der alten Mutter: 

„Nur verziehe, liebe alte Mutter, 

Nur verziehe bis nach Sonnenſinken, 

Daß ich erſt mein armes Waislein ſäuge, 
Daß dad arme Waislein linder ſchlafe 

Und nicht ſeh', wohin ihm geht die Mutter, 
Und nach ihr nicht mit den Aeuglein ſuche, 
Und nicht ſchaue, ob ſie bald ihm komme, 
Bald ihm bringe Mutternahrung, ſüße!“ 


Drauf jedoch zu ihr die alte Mutter: 
„Sorge du nicht um dein armes Waislein! 
Bei dem Waislein bleiben milde Bafen, 
Werden ed an ihren Brüften ftillen; 

Bei dem Waislein bleiben liebe Muhmen, 
Werden ed am frühen Morgen baden; 

Bei dem Waidlein bleibt ja Rado's Mutter, 
Wird dein Waidlein forgfam auferziehen!’ 


Anderd nimmer kann die Witwe Jela — 
Dei ihr wartet ihre alte Mutter, 


— 11 > 


Bid die Sonne niedergiug am Abend, 

Bis fie ein mal noch geläugt ihr Waidlein, 
Es gefäugt und eingelult im Wieglein, 
Daß das arme Waislein linder fchlafe 

Und nit feh’, wohin die Mutter gebe, 
Und nad ihr nit mit dem Aenglein ſuche, 
Und nit ſchaue, ob fie bald ihm komme, 
Und ihm bringe Mutternahrung, füße — 
Sidet zu der Mutter in den Wagen, 
Kehrt zurüd nad ihrer Mutter Höfen. 


Um war nod nidt einer Woche Dauer, 
Steigt empor der Bollmond aus den Bergen, 
Zrug ihn alfo Radoiza’s Liebe: 

„D du Mond, mein nähtli ftiller Waller, 
Sahft du wol mein armes Waidlein irgend? 
Iſt befleidet oder nadt das Würmlein? 

Iſt beſchuht es oder ift es barfuß? 

Iſt's gefättigt oder ift es hungrig? 

Wird's gebadet an dem frühen Morgen? 
Zährt ed auf nicht aus dem füßen Schlafe? 
Sucht's nit mit dem Aeuglein nad ter Mutter? 
Schaut ed nicht, ob ihm die Mutter fomme, 
Und ibm bringe Mutternahrung, füße?” 


Drauf der Vollmond diefes ihr erwiedert: 
„Arme Jela, Liebe Radoiza’s! 
Ueber Dörfer wand!’ id bin und Städte, 
Sah auch, Jela, fah dein armes Waislein! 
Rackt nicht ift ed, fondern wohl gefleidet, 
Iſt nicht barfuß, fondern wohl beihuhet, 

1. 4 


— 462 9 


Iſt nit hungrig, fondern wohl genähret, 
Wird gebadet früh an jedem Morgen, 

Fährt empor nicht aus dem füßen Schlafe, 
Sudt nit mit den Xeuglein nad der Mutter, 
Schauet nit, woher zu ihm du Fommeft 

Und ihm bieteft Mutternabrung, füße — 

Eins nur fehlt ihm — Mutterherz, das liebe!” 


Da dies Iela hört, die arme Witwe, 
Schreit fie auf vor Jammer, eine Schlange, 
Und vor Schmerze bricht im Leib ihr Herze. 
An die Erde, eine Leiche, fin?t fie. 











— 18 — 


Iwo der Haidnke. 


Früh erwachet Iwo der Haiduke, 

Früh erwacht er, redet zu ſich ſelber: 

„Heute iſt's ein Jahr vorüber eben, 

Daß die alte Mutter ich verloren. 

Brüder, hab' ich nicht, nicht liebe Schweſtern, 

Keinen Freund im Unglück mir zur Seite 

Außer meinem Roß und meinen Waffen, 

Leb' allein in meinen weißen Höfen. 

Do zur Laft fon ift mir dies Alleinfein! 

Will hinaus denn, will ein Maͤdchen ſuchen! 

Bon der Mutter hoͤrt' ich laͤngſt erzaͤhlen, 

Einzig ſchoͤn und auserleſnen Rufes 

Sei der Banin von Erdel die Tochter. 

Morgen früh denn will ich mich erheben, 

Will ein Roß in aller Stille ſatteln, 

Will hinausziehn gen der Banin Hoͤfe. 

Krieg’ ih Mara zur geliebten Hausfrau, 

Bil ih fie mit Gaben ſchoͤn beſchenken, 

Bil mit Sammt und Seide fie bededien, 

Will fie ganz mit Perlen zart beflen, 

Wil ihr ſchenken die zwölf golden Ringe, 
14* 


— 464 — 


Die ererbten von der alten Mutter, 
Mit den Steinen, die gar nicht zu ſchätzen, 
Nebſt den Ringen taufend Golddukaten. 
Will erbaun auch eine weiße Kirche, 
Bill geloben mande fromme Stiftung, 
Will ernähren Arme -und Berwaifte. 
Laden will ih taufend Hochzeitsgäͤſte, 
Daß man fehe, wer das Mädchen freite!. 
Will jedoch die Mutter fie nicht geben, 
Dann will mit Gewalt ich fie erwerben, 
Sie erwerben, oder aber fterben!” 


Was fo Imo zu fi felbft geſprochen, 

Das vollführt er ungefäumt, der Kühne. 
Zührt heraus ein Roß aus feinem Stalle, 
Ueberdeckt's mit Scharlach bis zur Erde, 
Ueberlav’t mit reinem Gold den Scharlach, 
Und durdfligt mit Perlen zart die Mähne. 
Hült darauf fi ſelbſt in Herrenkleider, 
Legt an fih nur Sammt und pure Seide, 
Seht auf's Haupt fi einen Zobelkalpak 
Prachtvoll und mit goldener Agraffe, 

Die allein werth taufend Golbaufaten, 
Schnallt um fi noch hellgefegte Waffen, 
Wie bei Helden wenig nur zu finden, 
Zieht hinaus dann nad dem Hof der Banin. 


Da er ankam in bes Hofe Borraum, 

Da empfängt ihn Mara’s Mutter ziemend, 
Führt Hinan ihn zu deö Hofes Hallen, 
Drinnen Mara figt und zierlich ftidet. 








Ziemend bietet Iwo Bott zum Grufe. 
Gott zum Gruß die Banin ibm erwiedert, 
Sprit zu ibm drauf leife dieſe Worte: 
„Was beliebt dir, unbefannter Rede?‘ 


Ihr zurüd drauf Iwo dies beſcheiden: 
„Hoͤre mi zu Sunften, o Zrau Banin! 
‚Hörte längft von meiner alten Mutter, 

Bei dir fei ein unfhägbares Kleinod, 

Deine Tochter, deine liebe einz’ge. 

Hörte, wie die Mutter oft fie rühmte, 
Schöner fei fie ald der weiße Tag felbft, 

Und nit geb's in Erdel eine Zweite 

Ihr an Schönheit glei und Herzensgüte; 
Sie zu freien bin ih nun gekommen. 

Denn zur Laft fon ift mir dies Alleinſein; 
Hab’ nit Brüder, hab’ nicht liebe Schweſtern, 
Und vor'm Jahre ftarb mir au die Mutter ! 
Krieg’ ih Mara zur gelichten Hausfrau, 
Will erbaun ih eine weiße Kirche, 

Will geloben mande fromme Stiftung, 

Wil ernähren Arme und Bermaifte — 

Iwo bin ih, Häuptling der Haiduken!“ 


Sprit alfo und wendet fih zu Mara, 
Und beſchenkt fie mit Geſchenken Foftbar, 
Ueberhängt mit Sammt fie und mit Seide, 
Ueberfät fie mit den zartiten Perlen, 

Legt vor fie hin die zwölf Ringe golden 
Mit den Steinen, die gar nicht zu ſchaͤten, 
Nebft den Hingen taufend Golddukaten. 


, — 466 — 


Alſo aber ſpricht zu ihm die Banin, 
Spricht zu ihm und ſeufzt, indem ſie redet: 
„So mir Gott, Haidukenhäuptling Iwo, 
Keinen Makel konnt' ich an dir finden! 
Dog — noch ift nicht Mara für die Ehe, 
Zählt ja Faum erft dreizehn volle Jahre!“ 


Drauf beſcheiden Iwo ihr ermwiedert: 
„Wil, o Banin, gern ein Jährchen warten !’’ 


Keinen Borwand kann die Banin finden, 
Spridt in Wahrheit alfo zu dem Freier: 
„Hoͤre mi, o Herr und Häuptling Iwo! 
So mir Glück und fo mir meine Augen, 
Keinen Makel könnt’ ih an dir finden, 
Und vielgerne grüßt ih did als Eidam! 
Doc verheißen Längft fon hab ih Mara, 
Sie verheißen Awram dem Spahte, 

Der nm fie als Kind ſchon angehalten 

Und mit Herrengaben fie beihenft hat, 
Ihr den Ring gab und beſprach die Hochzeit. 
Bald mit feinen Swaten wird er kommen; 
Denn nur kurze Friſt wollt er beftimmen, 
Kurze Zrift, Die Dauer dreier Wochen, 
Heimzuziehen nur nad feinen Höfen, 

Um die ſchmucken Gäfte zu verſammeln.“ 


As vernommen Iwo diefe Rede, 

That es weh ihm in der tiefften Seele, 
Und entjhloffen fpridht er zu der Banin: 
„Ran denn! Und fo böre, o Frau Banin! 





, —_— 11 ⸗— 


Geben werd’ ich in die ſchwarzen Waͤlder, 
Werde warten mitten in den Wäldern, 
Dort erſchlagen alle feine Swaten, 

Und erwerben Mara durch Gewalt mir, 
Oder fterben felber dort zur Stelle!” 


Diefes fprit er, fpringt auf feine Beine, 
Schwingt binan fih auf fein gutes Streitroß, 
Eilt zurück nach ſeinen weißen Hoͤfen, 
Schart um ſich zwoͤlf wagende Haiduken, 
Geht mit ihnen in den ſchwarzen Bergwald. 
Angekommen in den ſchwarzen Wäldern 
Wohnt er drin die Dauer zweier Wochen 
Und erwartet Awram den Spahie, 

Son und feine fhmuden Hochzeitsgaͤſte. 

Was er harret, das erharrt er endlid. 

Da vorüber find die beiden Wochen, 

Kommt des Weges Amram mit den Smaten, 
Zieht gerade nad der Banin Hofe. 


Schön empfängt die Banin ihren Eidam, 
Stattet Schön aus ihre junge Tochter, 

Legt ihr an die herrlichſten Gewänder, 
Sprit zu ihr, eh’ fie fie läßt von binnen: 
„Hoͤre mid, o Mara, füße Tochter! 

Wenn ihr binzieht über’s ebne Flachland, 
Und binanfommt zu den fhwarzen Wäldern, 
Bitt’ den Kum dann und den Starifiwaten, 
Daß fie anzicehn ihre Heldenroffe, 
Schweigen heißen Pauken und Schalmeien, 
Schlagen nicht die Schellentrommeln laffen, 


— 168 — 


Einziehn vor dem Hochzeitszug die Fahnen, 
Daß euch Iwo, der Haiduk, nicht merke, 
Der zu mir kam, dich zur Braut zu werben, 
Und erzürnt und ſchwoͤrend ging von dannen, 
Dein zu barren in ben ſchwarzen Wäldern! 
"Kommft du glüdlih in die Höfe Awram's, 
Achte fein wie deiner eignen Augen, 

Deiner Schwägrinnen wie eigner Schweftern, 
Deiner Schwäger wis geborner Brüder, 
"Deiner Schwieger wie der eignen Mutter, 
Deines Schwähers wie des eignen Batersl’ 
Auf dann breden die gefhmüdten Gaͤſte, 
Zühren fort die Braut, die wunderfhöne. . 


Hinwärts ziehn fie über’s ebne Flachland 
Wie ein Zug yon Sternen zieht am Himmel, 
Haufen ſchlagend und Schalmeien fpielend, 
Schlagend laut die hellen Schellentrommeln. 
Friſch im Windzug wehn die bunten Fahnen. 
Da fie aber zu den Wäldern kommen, _ 
Spricht alfo die Braut, die wunderfhöne: 
„Lieber Kum und lieber Starifmate! 

Unredt ift es, daß nah Cuch ich ſchaue, 
Wie denn recht exit, daß ih zu Euch rede! 
Dennoh muß ich's! Haltet an die Roſſe! 
Heißt die Bauten, die Schalmeien ſchweigen, 
Einziehn die geſchmückten Hocgeitöfahnen ! 
Bor uns find bie ſchwarzen Waldgebirge, 
Drinnen unfer zwölf Haiduken harten 

Und der dreizehnte ihr Häuptling Iwo, 

Der um mid füngft bei der Mutter anbielt, 


— 469 0 


Mid beſchenkte mit Geſchenken Toftber, 

Mid umhüllte ſchwer mit Sammt und Seide, 
Mich befäte reich mit hellen Perlen, 

Mir verehrte zwölf der ſchoͤnſten Dinge, 
Dran die edlen Steine gar nit ſchaͤtbar, 


"Und darüber taufend Golddukaten! 


Doch nicht geben mocht' mid ihm die Mutter. 
Drob entbrannt’ er und verſchwor ſich furchtbar, 
Harret unfer in den ſchwarzen Wäldern)” 


Solder Mahnung achten nit die Swaten, 
Spornen mehr nur ihre Heldenroffe, 
Loffen lauter Pau’ und Pfeif' ertönen, 
Schlagen ftärker an die Schellentrommeln, 
Schwingen böher die geſchmuͤckten Yahnen. 


Doch im Walde hören es die Zwölfe, 
Hinterbringen's Iwo, ihrem Haͤuptling: 

„D Gebieter, Iwo, unfer Häuptling, 

Sich’ die Smwaten Amram’s des Spabia!” 
Und der Häuptling, da er ed vernommen, 
Springt empor zur Stell' auf feine Beine, 
Ueberfällt die Swaten mit den Seinen, 
Schlägt fie nieder ohne Ausnahm’ Alle, 
Tödtet Awram felbft, den Keuvermäblten. 
Fruchtlos fleht die ſchoͤne Braut und jammert: 
„300! Sei in Gott mein Bundesbruder! 
Laß am Leben Einen mir der Schwäger, 

Der zurüd mid zu der Mutter führe 

Dhne Ringbrot und beraubt des Kopftuchs!“ 
An das Knie mit feiner Rechten ſchlaͤgt ſich 


— 170 — 


Iwo, da er ſolches Flehen böret, 

Und erwiedert dies der armen Mara: 
„Hündin. eine, wunderſchoͤnes Maͤgdlein! 
Barum nannteſt früher mid nicht Bruder? 
Ale Swaten ließ ich dir am Leben; 
Barum nit auch Awram den Spahia?“ 


Da vernommen Mara folde Antwort, 
Schreit fie auf gleich einer wilden Schlange, 
Rafft zufammen des Gewandes Enden, 
Wirft fih him auf die erfählagnen Swaten, 
Küpt fie jammernd nad der Reihe Alle, 
Küßt zulest au Awram den Spabia, 
Spricht zu ihm, mit Küffen ihn bededend: 
„Web, o Amram, nit vergönnter Zreund mir, 
Was do bift du boͤſe mir geworden? 
Honiglippen, warum mid nit kuͤßt ihr? 
Weiße Zähne, warum mir nit lat ihr? 
Weiße Hände, warum mid nicht Halft ihr? 
Schwarze Augen, warum mid nit fchaut ihr? 
Seid ihr etwa böfe mir geworden, 

Weil ih, Arme, wenig Schönes biete? 
Bring’ eu dar ja Alles, was ich habe! 
Jedem Swaten ein geftidtes Züdlein - 
Und dir felber einen goldnen Anzug, 
Deiner Mutter ein gefhmüdtes Hemdden, 
Dran mehr Gold als feingewobnes Linnen, 
An der Bruft beſtickt mit Trauerblümlein, 
Zrauerblümlein und aud Niefwurzblümlein, 
Daß fie traure, wo fie immer gebe, 
Daß fie Mage, wo fie immer ftehe; 





— A — 


Diefes Hemdchen fandte meine Schnur mir, 
Die geführte, doch nit heimgeführte — 
Tief im Walde bat fie ihre Höfe!” 


Reißt vom Gürtel drauf ein blankes Meffer, 
Bohrt, fo jung, ſich's in den weißen Bufen. 
- „Bin id Awram’s, des Spahias, Lieb nicht, 
Kun fo will ih ger nit fein!” fo ruft fie, 
Sinfet nieder — athmet nie mehr wieder. 


— A723 — 


Meister Manoilo. 


Traf ſich in Budim, der weißen Veſte, 
Daß des Paſchas Aepflein ging verloren. 
Sandt' der Paſcha einen flinken Herold, 
Ließ ſogleich verkünden in der Veſte: 
Einer müſſe buͤrgen für den Andern; 
Doch am ſelben Tag noch müſſe ſterben, 
Ber für ſich nicht einen Bürgen fände. 


Einer nun-verbürgt fi für den Andern. 
Zür den Reichen bürgt der Reiche wieder, 
Und der Arme bürget für den Armen. 
Kur für Einen findet fi Fein Bürge, 
Zür den Helden, Meifter Manotlo. 


Zödten drum will ihn der Paſcha laffen. 
Meifter Manoilo aber hört es, 

Wirft fih eine Zlinte um die Schultern, 
Zliehet in's Gebirge, in den Bergmald, . 
Streifet ald Haiduf umber drei Jahre, 

Fuͤllt mit Schreden von Budim den Umkreis, 
Lagert üb'rall, wo ein Schiff an’s Land legt, 











— 173 — 


Laͤßt in Frieden feinen Brantzug sieben, 
Kit die Steuer an den Sultan kommen, 
Kit den Kaufmann fördern feine Güter, 
Richt den Hadſchia nad der Kaba wallen. 


Biel der Klagen und Beichwerden fommen 
Rach Budim dem Paſcha in den Divan: 
„Web, 0 Palha! Siehe, welch Berrängniß 
Und bereitet Meifter Manoilo! 

Sieh’! Drei volle Jahre ift eö heute, 

Seit der Schelm in's Waldgebirg geflohen, 
Dur den Bergmwald ald Haiduf umberftreift, 
Und mit Schred das Land erfüllt von Budim! 
Ale Faͤhrten hält er, alle Straßen, _ 

Daß Fein Brautzug fiher kann dahinziehn, 
Kit die Steuer fommen an den Sultan, 
Nicht der Kaufmann fördern feine Güter, 
Nicht der Hadſchia wallen nad der Kaba!“ 


Da nun dies von Budim hört der Paſcha, 
Shit er feinen flinken Herold wieder, 
Laͤßt verkünden Soldes in der Befte: 

„So An Weib geboren einen Helden, 

Der da bringt den Meifter Manotlo, 

Der ihn bringt dem Pafcha in den Divan, 
Sei ed, daß er ihn lebendig bringe, 

Oder des Erſchlagnen blutig Haupt nur, 
Drei Saumlaften Gutes fol er haben, 

Soll aud Herr fein, wie der Paſcha felber !’ 


Afo ruft der Herold durd die Veſte. 
Doch, ob fies nicht Härten, thun die Fernen, 


— 1 > 


Und die Nahen ſchaun zur Erde nieder, 

Ob fie wachen ſäͤh'n des Graſes Wellen, 
Wie man fieht der Mädchen Buſen ſchwellen. 
Keinen gibt's in Budim, der es wagte 
Manoilo aus dem Wald zu holen. 


Höret dies die fhöne junge Hausfrau, 
Manoilo's liebe junge Kumin, . 

Zaffet an der Hand ihr’ Pleines Knaͤblein 
(Kaum noch ift das Knäblein alt drei Jahre, 
Doch getauft nad Sitt' und Chriſtenordnung), 
Zührt es in den Divan hin zum Paſcha: 

„Iſt es wahr, 0 ehrenwerther Paſcha, 

Drei Saumlaſten Gutes ſei'n verheißen 

Dem, der einfängt Meiſter Manoilo?“ 


Ihr erwiedert von Budim der Paſcha: 

„Wahr iſt's, Weib! Bei Gott, dem Einzig Einen 
Halten werd’ ih treu auch, was ich fagte! 

Wer mir beifhafft Meifter Manoilo, 

Sei es, daß er ihn lebendig bringe, 

Dder auch dad Haupt nur des Erſchlagnen, 

Haben foll-er drei Saumlaften Gutes, 

Sol als Herr auch walten wie id felber!” 


Dies bedenft die ſchoͤne junge Hausfrau 
Meifter Manoilo’s liebe Kumin, 

Rimmt das Knäblein, geht in’s Waldgebirge, 
Ruft nad allen Seiten durch den Bergmald, 
Drin ihr Kume Manoilo baufet, 

Nufet ihn als Taufkum bei dem Namen: 





— II — 


„Sag, wo bift du, Meifter Manoilo? 
Kume, wo? Drei Iahre find es heute, 

Daß mein Kunäblein ungetauft geblieben; 
Immer wart’ id, daß mein Taufkum fomme, 
Seine Pflicht nah Gottes Wort erfülle !” 


Da dies höret Meifter Manoilo 

Und erkennt der Kumin liebe Stimme, 
Kommt hervor er aud dem dichten Bergwald, 
Sucht und findet feine liebe Kumin, 

Nimmt den Heinen Täufling ihr vom Arme, 
Küffet ihn und wiegt ihn in den Armen. 
Ihn auch küßt die Kumin auf die Hände, 
Küffet nad der Sitte ihn in's Antlie, 

Beide geh'n dann nad dem weißen Klofter. 


Da vor's weiße Klofter fie gefommen, 

Zritt heraus der Igumen, der Alte, 

Mit ihm auch ein Pop, ein beil’ger Prieſter, 
Und begrüßen Meifter Manoilo. 

Beiden danket: „Segen Euch!“ der Haituf, 
Beiden küßt er die geweihten Hände, 

Beide Püffen ihm das Heldenantliß, 

Deffnen dann des Klofters weißes Kirchlein. 
Eintritt-erft der Igumen, der Alte, 

Ihm nad folgt der Pop, der heil’ge Priefter, 
. Diefem Manoilo dann, der Meifter, 

Zragend auf dem Arm den Heinen Täufling, 
Und zulegt die gottvergefne Kumin. ' 


Rückwärts aber bleibt Das Weib, das ſchlaue, 
Schließet zu des weißen Kirchleins Pforte, 


—s 416 — 


Ruft ſodann, und ruft aus vollem Halſe: 
„Hierher fommt, o Türkenjanitſcharen! 
Hier darin ift Meifter Manoilo ! 

Iſt gefangen in dem weißen Kirchlein!“ 


Da dies höret Meifter Manoilo, 

Reißt fein blanfes Schwert er von der Seite, 
Will den alten Igumen erſchlagen, 
Niederhaun den Popen au, den Priefter, 
Will nit ſchonen felbft den Pleinen Täufling. 


Doch ihn bält der Igumen, der Alte: 
„Richt doch, Bruder, fe du Gott befenneft! 
Denn, o hör’ bei Gott dem Einzig Einen, 
Kits von folder Tüde war befannt uns!” 
Gerne glaubt dies Meifter Manoilo, 

Birgt den Säbel wieder in der Scheide, 
Macht vom Gurte los die fhwere Keule, 
Schwingt fie hoch, zu Gott im Himmel betend: 
„Starker Gott, vergib mir, wenn ic fünd’ge, 
Deiner Kirche Thor will ich zertrümmern! 

So du wilft, und Heldenglüd mir beifteht 
Und ich glüdlih in’s Gebirg entfomme, 

Wil ich gern dir ſchönre Pforten bauen, 
Schönre Pforten, aus gediegnem Golde!” 

Alſo ruft noch Meifter Manoilo, 

Sieh’, da weit die Pforte feinen Schlägen! 
Tritt in's freie Meifter Manoilo, 

Blickt und fhaut um fih nad allen Seiten — 
Doch zu ſchaun ift Niemand vor der Kirche, 














- 


— 477 0 


Kiemand, ald die junge ſchoͤne Kumin, 
Und aud die verborgen im Gemäuer. 


Da dies fiehet Meifter Manoilo, 

Kreuzt er fih, zu Gott im Himmel rufend: - 
„Dane dir, Dank, o Schöpfer du des Weltalls!“ 
Eilt zurüd dann in die weiße Kirche, 

Kreuzt vor Gott den lieben Fleinen Zäufling, 
Kreuzt den Täufling, der ſchon längft getauft ift, 
Läpt zurüd ihn bei den heiligen Männern, 

Eilt hinaus dann vor die weiße Kirde, 

Auch die Liebe Aumin zu beſchenken. 

Zwei Dukaten wirft er bin der Kumin, 

Wirft fie an den Arm ihr wie zwei Steine: 
„Wär’s um's Kreuz nit, gottvergefine Aumin, 
Wahrlich, wollt’ ich ander& dich beſchenken!“ 

Eilt danır querfeldein mit leichter Ferſe, 

Eilt zurüd in's finſtre Waldgebirge, 

Schafft viel Herzleid nach wie vor dem Paſcha. 


— 478 06 


Wiſchnitſch Jowan. 


Wein trinkt, kühlen Rothwein, Wiſchnitſch Jowan, 
Trinkt zu Zengg ihn in der weißen Veſte, 
Sprit alfo vom Fühlen Weine trintend: 
„So mir Gott, der Einzigeine, beiſteh', 
Sammeln will id dreißig wadre Zreunde, 
Sammeln fie in meinem weißen Bengg bier 
Und hinaus in's MWaldgebirge ‚Prolog, 
Und- den Krämer Woin dort erwarten! 
Bon des Meeres Küfte zieht der Krämer 
Hinwärts nad dem Markt von Sarajewo, 
Mit fih führend neun Saumlaften Gutes. 
Ab will ich das reihe Gut ihm nehmen, 
Meinen Zreunden feine Spangen ſchenken, 
Oberkleider, koſtbar grüne, fert’gen, 

Uns beſchlagen Meffer und Piſtolen!“ 

&o wie fi der Held e8 vorgenommen, 
Alſo läßt er's in Erfüllung kommen. 

Gebt Hinaus und fammelt dreißig Freunde, 
Führt die Freunde in’d Gebirge Prolog, 
Harret bier des reihen Kraͤmers Woin 
Bon Sant Georg's bis zum Tag Sanct Peter's. 





— 19 — 


Petri Tag erfheint, doch nit der Krämer. 
Weder kommt er, noch von ihm vernimmt man. 


Ungebuldig werden drob die Freunde, 
Muyrren laut gen Jowan, ihren Zührer: 
„Höre Jowan, unfer Harambalda ! 
Lauernd bier in Waldgebirg auf Beute, 
Sind vor Hunger abgezehrt und Durft wir, 
Sind 'die blanfen Waffen und verroftet, 
Beute aber ift und nicht geworden!” 


Drauf zu ihnen Wiſchnitſch Jowan alfo: 
„Wollt, o dreißig Freunde, nicht verzagen ! 
Ging vorüber dreier Monden Dauer, 

Mag verziehn die Frift no dreier Wochen! 
Bis zu Sanct Ilia's lichtem Tage 

Loft, o Freunde, uns noch Woin's harren! 
Ift der Krämer dann nod nicht erſchienen, 
Kehren wir nah Zengg zurüd, o Freunde!” 


An dem lihten Tag nun Sanct Ilia's 

Macht fih Jowan auf am frühen Morgen, 
Betet ftill erft unter grüner Tanne, 

Horcht hinaus dann in's Gebirge Prolog, 
porchet binwärts nad der Heeredftraße, 

Kimmt zur Hand dann feine Venetianrin, 
Steigt hinab zur breiten Heereöftraße, 

Lagert im Gebüfh fih an der Straße, 

Zu erfhaun, weß Stimme durd den Wald ruft. 


Sich’! Da Fommt des Wegs der ſchwarze Mohre, 
Kommt heran umd fingt aus lauter Kehle: 


12* 


— 480 > 


„Wiſchnitſch Jowan, wo doch bift vu heute? 
Woin naht, und reihe Güter führt er!” 


Längs des Wegs eilt Jowan ihm entgegen, 
Schließt in feine Arme ihn und fügt ihn, 
Zragt ihn erft nad) feinem Wohlbefinden, 
Zragt dann weiter: „Mohre, lieber Bruder! 
Sag’, was gibt ed, fo du Gott beienneft, _ 
Was doch, daß du Wiſchnitſch Jowan fucheft?” 


Ihm darauf der ſchwarze Mohr erwiedert: 
„Frage nicht, o theurer Bundesbruder! 
Ferne nicht mehr iſt der Krämer Woin, 
Treibt einher Saumroſſe neun mit Gütern, 
Führet mit ſich dreißig Albanefen. 

Griff ihn an mit meinen dreißig Freunden, 
Doch von Allen fam davon mir Keiner!” 


Koh zu End’ nicht hat's der Mohr geiproden, 
Sich’, da kommt des Wegs daher auch Gawran. 
Eilends kommt er, ruft aus lauter Kehle: 
„Wiſchnitſch Ioman, wo dod bift du heute? 
Woin nabt und ſchwere Güter führt er!” 


Gawran auch, dem flieh’nden Harambafche, 
Eilt entgegen Wiſchnitſch längs der Straße, 
Schließt in feine Arme ihn und küßt ihn, 
Zragt ihn erft nah feinem Wohlbefinden, 
Fragt dann weiter: „Gawran, lieber Bruder ! 
Was do gibt es, fo du Gott bekenneſt?“ 


— 18 8 


Ihm darauf der Harambaſcha Gamran: 
„Gerne nit mehr ift der Krämer Woin, 
Zührt mit fi neun Saumedleften Gutes, 
Ihn begleiten dreißig Albanefen. 

Ziel ihn an mit meinen dreißig Freunden, 
Do von Allen kam davon mir Keiner!” 


Da dies hören Wiſchnitſch Jowan's Freunde, 
Können fie der Angft ſich nicht erwehren. 

Alfo aber fpricht zu ihnen Jowan: 

„Fürchtet nichts, o meine lieben Brüder! 

So lang mein die gute Benetlanrin, 

Sch Spann bang, zwölf Quentchen Pulver faffend, 
Soll und Krämer Woin nit entkommen, 

Nicht mit feiner Seel’, nit mit den Gütern!” 
Stellt fie auf dann längs des breiten Weges, 
Sprit zu ihnen und belehrt fie alfo: 

„Merket wol! &o lang ich felbft nicht ſchieße 
Geb’ aus feinem Rohr auch Niemand Feuer! 

Wie ihr aber meinen Schuß vernehmet, 

Gebt ihr AM’ mit einem Schlage Feuer, 

Denkt an Gott, anrufend Gott den Einz’gen, 
Reißt vom. Gurte fhnell die blanken Meffer, 
Stürzt mit Lärmen auf die breite Straße — 
Dann was Gott gibt und das Glück der Helden!” 


Zu den Freunden ſpricht noch Wiſchnitſch Jowan, 
Sieh, da kommt des Wegs der Kraͤmer Woin! 
Mit ſich führt er neun Saumlaſten Gutes, 

Und um ihn find dreißig Albanefen. 


— 182 > 


Da den Krämer Wiſchnitſch ſieht von ferne, 
Bielt er nad ihm mit dem ſchlanken Rohre, 
Gibt Ichendig Feuer aus dem Rohre; 

Seinem Schuß, kaum daß er no verſchollen, 
Folgt der Schall von dreißig andern Rohren. 


Biele trafen, ein’ge nur verfehlten. 
Jowan aber traf den Krämer Worin, 
Traf ihn, daß er taumelnd ftürzt vom Roſſe. 


Auf die Straße eilt nun Wiſchnitſch Jowan, 
Faßt am Halfe den getroffnen Woin — 

Jeder faffet, wen getroffen Jeder —, . 
Nimmt ihm ab die fhönen goldnen Spangen, - 
Nimmt die Gürtel ihm, die goldbelegten, 
Schnallt ihm los den blanfgewegten Säbel, 
Laͤßt ihn lebend liegen an der Straße. 

Selber zieht er durch das Waldgebirge, 

Zührt mit fih die Roffe mit den Gütern 

Und der Freunde unverfehrte Vollzahl. 


Dben nun auf des Gebirges Gipfeln 

heilen fie die abgenommnen Güter. 

Wiſchnitſch Jowan nimmt die goldnen Spangen, 
Gibt den Gurt dem Harambafha Gawran 

Und dem Mohren den gewesten Säbel. 


Do, da feh’ den ſchwarzen Mohren Einer! 
Springt empor und ſchmaͤhet die Genoffen: 
„Unrecht habt, Haidufen, ihr gethan mir! 
Mehr ift werth der goldbeſehte Leibgurt, 


— 183 — 


Beffer find die fhweren goldnen Spangen 
Als mein Säbel bier, der blankgewehte !“ 


Ihm jedoch erwiedert Wiſchnitſch Jowan: 
„Sprich nicht thöricht, Bundesbruder Mohre, 
Nicht betrog ich dich, that dir nicht Unrecht! 
So du's aber dennoch meinft, o Mohre — 
Hier der Säbel, dort der Krämer Woin, 
Wirſt lebendig finden ihn am Weg noch — 
Geh’ zu ihm und frag’ den Krämer felber, 
Zrag’ ihn, wie viel Gutes er verausgabt, 
Da die goldnen Spangen er ließ ſchmieden, 
Sih mit Gold den Gürtel ließ belegen, 
Und mit Gold den Säbel reich beſchlagen!“ 


Nieder von den Bergen eilt der Mohre, 
Stürzt auf Woin, der noch liegt am Wege: 
„So dir Gott, 0 Krämer Woin, beifteh’ ! 
Wie viel Gutes, ſprich, haft du verausgabt, 
Da du dir die Spangen ließeft ſchmieden, 
Dir mit Gold den Gürtel überlegen, 

Und mit Gold den Säbel reich beſchlagen?“ 


Ihm erwiedert der getroffne Woin: 

„So dir Gott, o ſchwarzer Mohre, beifteh’! 
Golddukaten tauſend mußt' ich zahlen, 

Da die goldnen Spangen ich ließ ſchmieden, 
Tauſend, mir den Gürtel zu belegen, 
Tauſend, mir den Säbel zu beſchlagen. 

Doch nun bir’, o höre, ſchwarzer Mohre! 
An mir trag' ich noch Dukaten, tauſend, 


— dd 18: — 


Rechts an meiner Bruft, im Kleid verborgen — 
Sterben muß id bier auf offner Strafe — 
Komm — und nimm die taufend Golddukaten!“ 


Gierig auf ihn wirft der ſchwarze Mohr fi, 
Zährt ihm mit den Händen nah dem Bufen. 
Woin aber, Liftig noch im Sterben, 

Richtet nad der Bruſt ihm die Piſtole, 
Drüdt fie Los, erfäießt den ſchwarzen Mohren. 


Aus dem Buſch bervorftürzt aber Jowan — 

Bar von fern gefolgt dem ſchwarzen Mohren — , 
Schlägt vom Rumpf das böfe Ihwarze Haupt ihm, 
Schlägt dem Krämer Woin aud das Haupt ab, “ 
Schnallt fi um den Damascenerfäbel, 

Geht zu feinen Freunden in die Berge, 

Macht fi auf, und zieht nad Zengg in Frieden. 


— 488 — 


Rado von Sokol. 


Im Gebirg, im Dunkel grüner Tannen, 
Trinken Wein drei wackre Bundesbrüder: 
Radiwoj von Sokol iſt der Eine, 
Sawa von Poſawlije der Zweite, 
Pawle aus dem Syrmierland der Dritte. 
Reunzig Freunde trinken bier mit ihnen. 


Da des Weines fie genug getrunken, 

Nedet alfo Radiwoj von Sokol: 

„Hoͤret mid, o meinexbeiden Brüder ! 

Sommer fhwindet, Winter ein fi findet; 

Welt ſchon ift das Laub und oͤd' die Waldung, 
Kit mehr thut ſich's, durch's Gebirg zu ftreifen! 
Darum fagt: Wo wollt ihr überwintern? 

Wo zu Ort und aud bei weldem Freunde?“ 


Drauf erwiedert Pawle dies von Syrmien: 
„Bundesbruder Radiwoj von Sokol! 
Ueberwintern werd' ich dieſen Winter 
Fern in Irig, in der weißen Befte, 

Dort bei Draſchko, bei dem Kapitäne. 


— 16 — 


Der mir Obdach gab ſeit fſieben Wintern, 

Wird auch Obdach diefen Winter geben, 

Mir ſowol wie meinen fedhzig Freunden.” 
Sama von Pofawlije ermwiedert: 

„Ueberwintern werd’ ich diefen Winter 

In Poſawlije bei meinem Bater ! 

Raum genug in feinen dunfeln Kellern 

Zind’ id dort mit meinen dreißig Freunden. 
Aber du, o Bundeösbruder Rado, 

Sprid, wo denfft dein Obdach du zu nehmen?” 


% 


Drauf erwiedert Radiwoj von Sokol: 

„Hört mid an, o meine Bundesbrüber ! 
Niemand hab’ ich, der verwandt mir wäre, 
Hab’ in Gott nur Einen Bundesbruder, 
Achſchin⸗Beg, den Beg der Veſte Sofol. 

Seit neun Iahren, durd neun ftrenge Winter 
Hat er treu, o Brüder, mid beherbergt, 
Wird im zehnten Obdach aud mir gönnen. 
Doch nun Eines, wadre Bumdesbrüber ! 

Wenn ded Winters ftrenger Zroft vorüber, 
Nah dem Froſt der Tag Sanct Georg’s anbrad, 
Und der Berg mit neuem Laub fich kleidet 
Und der Grund mit Wafen und mit Blumen; 
Wenn im wilden Dornftrauh an der Sawe 
Ihren Sang die Lerche wieder anftimmt 

Und der Wolf zurüdeilt in’s Geklüfte: 

Bo, o Brüder, fehn wir und dann wieder? 
Laßt ed dort fein, wo wir heute fcheiden ! 
Laßt, wer nicht zur angefehten Zrift fommt, 
Sieben Tag’ erharrt fein von den Andern; 


— 41837 — 


Wer nach ſieben Tagen noch nicht eintrifft, 
Sein erwartet noch durch funfzehn Tage! 

Wer jedoch nicht kommt nach dieſer Friſt auch, 
Den, o Brüder, ſucht in ſeinem Obdach!“ 


Sprechen ſo und ſpringen auf die Beine, 
Küſſen Emer auf die Wang' den Andern, 
Herzen Jeder ſeine Damascenrin, 

Ziehn hinaus ein Jeder ſeines Weges: 
Pawle aus dem Syrmierland gen Irig 
Und mit ihm von den Haiduken ſechzig, 
Sawa nach Poſawlije der Ebne 

Und mit ihm von den Haiduken dreißig, 
Radiwoj gen Sokol's weiße Veſte. 


Abends ſpaͤt kommt Radiwoj nach Sokol 
Bor die Höfe Achſchin⸗Beg des Begen. 


Mit der Streitart pocht er an die Pforte. 
In den Höfen aber jhläft der Beg fon, 
Schläft darin mit feiner lieben Hausfrau. 


Da ſie's höret, wet die Frau den Begen: 
„Achſchin⸗Beg, 0 Beg, und mein Gebieter; 
Höre, Beg,.man pocht an deine Pforte! 
Iſt mir recht, fo iſt's dein Bundesbruder, 
Iſt dein Bundesbruder, der Haiduke 
Radiwoj von Sokol, der da pochet!“ 


Schnell von ſeinem Lager hebt ſich Aqchſchin, 
Sperrt erſt auf des Thurmes ſichre Pforte, 


— 185 — 


Eilt vom Thurm dann nieder in den Hofraum, 
Deffnet auch des Hofraums weite Pforte, 
Laͤßt herein den lieben Bundesbruder. 


Auf die Wangen küſſen ſich die Bruͤder, 
Drauf nach Rado's Wohle forſchet Achſchin, 
Führt hinan den Freund nach ſeinem Thurme. 


Auch die Hausfrau kommt ihm hier entgegen, 
Küßt ihn, auf die weißen Freundeshände, 
Kimmt ihm ab die fhlanfe Damascenrin, 
Heißt ihn fißen auf die niedern Polſter, 
Bringt ihm dar ein Herrennachtmahl trefflich. 


As am Mahle Rado ſich erlabet, 
Gürtet er vom Leib die breiten Gürtel — 
Drei gewalt’ge, goldgeſtickte Gürtel, 
Se dreibundert Golddukaten haltend —, 
Schenket zwei dem vielgeliebten Freunde: 
„Dieſes dir, in Gott mein Bundesbruder, 
Wirſt den ganzen Winter ja mein Wirth fein!’ 
Legt zu Kopf den dritten auf fein Lager, | 
Greift dann mit der Hand in die Dolama, 
Holt hervor drei Schnüre Golddukaten, 
Reicht fie dar der Begin zum Geſchenke: 
„Diefed dir, o liebe Bundesſchwägrin, 
Wirft mir ja den ganzen Winter dienen, 
Niederlaffen vor mein Bett den Vorhang!” 
Wirft fodann auf's Lager die Dolame, 
Schnalt fi ab die beiden grünen Schwerter, 
Legt fie nieder an des Lagers Seite, j 





— 489 — 


Legt ſich felbft, des langen Weges müde, 
Einzufhlummern fefter denn ein Lämmlein, 
Einzufhlummern an der Seite Achſchin's. 


Spät zur Naht wet ihren Herrn die Begin: 
„Achſchin⸗Beg, o Beg und mein Gebieter ! 
Höre du, mein Gut, was mid befümmert ! 
Schmähen morgen werden did die Türken, 
Weil du gaftlih aufnahmft einen Kiauren ! 
Drum, o Achſchin, tödte den Haiduken!“ 


Achſchin⸗Beg gehorchet feiner Hausfrau, 
Greift nad einem von den grünen Schwertern, 
Schlachtet feinen Freund damit zur Stelle. 
Drauf den todten Bundesbruder nimmt er, 
Wirft hinaus ihn aus des Thurmes Zenftern, 
Wirft zum Zraß den Adlern ihn und Naben; 
Doch nit Rado's Gurt und die Dolama 

Aus dem Thurm auch fortzufhaffen denft er. 


Alſo war's, doch blieb's nicht alfo Lange. 


Bald vorüber ift der ftrenge Winter, 

Neu mit Laubgrün decken fi die Berge, 
Und die Exp’ mit Blumen und mit Rafen. 
An der Same in dem milden Dornbuſch 
Stimmt die Lerche ihren Sang an wieder 
Und der Wolf verbirgt ſich im Gekluͤfte. 
Nach den Bergen ziehen die Haiduken. 


Ein zur rechten Zeit und Stelle treffen 
Pawle aus dem Syrmierland der Erfte, 


— 490 9 


Sawa von Poſawlije der Zweite. 
Dod nicht eintrifft Radiwoj von Sokol. 


Sieben Tage harren fie des Freundes, 
Harren feiner auch noch funfzehn Tage, 
Brechen auf dann in Gemeinfdhaft Alle 
Gegen Sokol, die berühmte Veſte, 

Bor die Höfe Achſchin Beg, des Begen.. 


Mit der Art pocht Pawle an die Thore, 
Pocht juft, da der Beg im weißen Thurme 
Mit der Begin figt beim Abendmahle. 


Spricht die Begin, da fie hört das Pochen: 
„Hör', 9 Beg, man podt au unfre Shore! 
Willſt du nicht hinabgehn aus dem Thurme 
Und des Hofes weite Pforten öffnen?” 


Aus dem Thurme geht der Beg bernieder, 
Deffnet ſchnell des Hofraums weite Pforten. 
Doch wie fehr erfhridt der Türkenobre, 

Da er fieht die Harambafchen beide, 

Und mit ihnen der Gefährten neunzig! 
Rüdwärts will er nad dem weißen Thurme. 
Pawle aber läßt ihn nicht entkommen, 

Hält zurüd ihn an des Thurmes Treppe, 
Hält zurüd ihn, hält ihn feft und fragt ihn: 
„Nicht fo, Beg! Und was fo fehr erſchrickſt du? 
Sieh’! Wir find ja Radiwoj's Gefährten ! 
Unfern Bruder fommen wir nur fuchen ! 
Führ' zu ihm und, daß wir ihn begrüßen I“ 


— IH — 


Drauf den Beiden Achſchin Beg erwiedert: 


„Wie! Bon mir verlangt ihr euern Bruder? 
Daß euch Gott, ihr beiden Harambafchen! 
Längſt ſchon ift ja Radiwoj geftorben ! 

Mitten in des Winters ftrengften Zeiten 
Grub ich felbft ihn ein am Sawatage; 

Was an Gut und Golde er zurüdließ, 

Theilt ih unter Blinde aus und Lahme!“ 


Meint darauf Held Sawa von Poſawlije: 
„Da du all fein Gut und Gold vertheilteft, 
Wo ift dann der Gürtel, die Dolama? 

Wo dann Rado's beide grünen Schwerter? 


Schwingt empor die dreigefhwänzte Kape, 
Schwingt empor fie über Achſchin's Frauen. 
Kaum jedod die Frau die Peitſche ſchauet, 
Deffnet fie zur Stel’ der Hallen Eingang, 
Bringt beraus die Schwerter, die Dolama. 


Da nun die Dolama fehn die Freunde, 

Sie befledt mit rothem Blute fchauen, 

Zaffen fie zur Stelle glei den Begen, 
Zühren aus dem Thurm ihn in den Hofraum, 
Stellen ihn in der Gefährten Mitte, 

Säbeln ihn in hundert blut'ge Stüde, 
Nehmen alle Habe, die fie finden, 

Nähen fo den Tod des Bundesbruders, 

Biehn in Glück dann weiter und in Wohlfein. 


Haiduk Wukoſaw's Ehfran. 


Macht ſich auf ein Türklein von Udbina, 
Von Udbina, jener blut'gen Landſchaft, 
Junges Türklein, Boitſchitſch Alija, 

Macht ſich auf, zu jagen durch den Bergwald, 
Nimmt mit ſich Genoſſen viel und Diener, 
Führt mit fi der Hunde viel und Rüden. 


Weitum jagt drei Tage lang das Türklein, 
Sagt umber, und kann doch nichts erjagen. 
An der Tage brittem erft zu Mittag 

Wird dem jungen Türklein gute Beute, 
Zängt ‚den ftarten Wukoſaw dad Türklein, 
Des Gebirgd gefürdteten Haiduken. _ 


Srft nun rühmt fih Boitſchitſch Alte: 
„BU nah Stambol den Haidulen führen, 
Ihn verehren dem allmädt'gen Sultan!” 
Bald jedoch befinnt er ſich des andern, 
Sperrt ihn in ein finfteres Gefängniß, 
Läßt ihn drin drei Jahre lang in Elend. 


— 193 — 


Da des Elends mäd’ ift der Haiduke, 

Ruft er einmal zu dem Zürklein Mil: 
„Höre mid, o Boitfchiti Alija! 

Schenke mir um Gott ein weißes Briefblatt, 
Und dazu, was nöthig ift zum Schreiben! 
Bil ein Brieflein zeichnen, dicht gezeichnet, 
Meiner Mutter, meinem Lieb es ſenden!“ 


Dies gewährt ihm gern das Türklein Alil, 
Reicht ihm dar ein feines weißes Briefblatt 
Und dazu was nöthig ift zum Schreiben. 
Und auf feinen Knien ſchreibt der Haiduke: 
Alte Mutter, nit zurüd mid warte! 
Treues Lieb, nur Andrem did vermähle!” 


Da dies Schreiben anlangt an der Küfte, 
Weinen laut die Mutter und die Schweftern. 
Lauter aber lacht die junge Ehfrau, 

Lacht, und geht hinaus zum neuen Marktplag, 
Tritt in Mihat's, des Barbieres, Bude, 
Bittet ihn und beißt ihn Bundesbruder: 
„Mihat, 0 Barbier, mein Bundesbruber, 
Schere mir das goldne Haar vom Haupte! 
Kur ein Büſchchen, wie bei Helden, laß mir!” 


Mihat nimmt in Gott dad Bruderbündniß, 
Schneidet ihr Dad goldne Haar vom Haupte, 
Laͤßt ihr, wie bei Helden, nur ein Buͤſchchen. 


Schnell zurüd drauf eilt fie nad dem Hofe, 
Wirft fih in die prädtigften Gewaͤnder — 
Erft in rothe Heftelhofen ſchlüpft fie, 

1. 13 


— 1 — 


Nimmt ein weißes Baumwollhemd dann um ſich, 
Drüber dann dad beſſre, goldgefticte, 

Daß der Schweiß ed nicht fo leicht verderbe; 
Dann ein Ueberfleid von rothem Tuche, 

Dran ein goldner Ball an jeder Seite, 

Meinen Goldes ſchwer zwei Litren, hanget, 
Und ein dritter unter'm Kinn gerade, 

Schwer allein zwei Litren reinen Goldes, 
Anzufhrauben wie aud abzufhranben, 

Kühlen Wein bequem daraus zu trinken; 

Legt dann an mit Gold belegte Leibchen, 
Gürtet fid mit reihgeftidtem Gurte, 

Thut darein zwei herrlide Pifkolen, 

Thut darein auch einen goldnen Handjar; 

Sept auf's Haupt fi einen prädt'gen Kalpak, 
Einen Kalpat mit Agraffen fieben — 

Sottelt drauf und zäumt ein hohes Kampfroß, 
Sattelt eö mit ſchoͤnem Silberfattel, 

Deckt's bis zu den SKinten mit Silberveden, 
Daß die Quaften an die Hufe ſchlagen, 
Ueberdeckt's mit einem Bärenfelle, 

Zaͤumt e8 auf mit ftählernem Gebiffe, 

Shmüdt die Mähn’ ihm mit gezählten Perlen, 
So mit Perlen wie auch Edelſteinen, 

Daß ed vor ſich fhauen mag die Wege 

Spät zur Nat gleihmwie am hellen Mittag ; 
Schwingt hierauf fi auf das prädt'ge Streitroß, 
Kimmt zur Hand noch eine ſchwere Keule, 
Wirft die Keule fpielend in die Lüfte, 

Zängt fie auf mit ihren weißen Händen, 

Lenkt hinaus dad Streitroß nad dem Marftplag. 


— 4195 — 


° 


Antreibt fie das Roß mit ſcharfer Peitſche, 

Daß es ſchäumend umipringt und ſich bäumend 

Und der Kies ihm aufſprüht von den Hufen, 

Pocht an Mihat's Bude im Bazare, 

Redet an und fragt den Bundesbruder: 

„Mibat, 9 Barbier, mein Bundesbruder | 

So du felbft dad Haar mir nicht gefürzet, 

Sprädft du wol, daß dies ein weiblih Haupt jet?” 


Drauf zurüd ihr Mibat, der Barbiere: ' 
„So mir Gott, o liebe Bundesſchweſter, 

So id dir nicht felbft gefürzt das Haupthaar, 
Spraͤch' ih, traun, du feift ein wadrer Rede, 
Wackrer Nede, präht’ger Sultanstrieger !” 


Und von binnen lenkt fie nun das Streitroß, 
Lenkt es nad dem ſchimmernden Udbina, 
Dränget Jeden, der ihr in den Weg tritt, 
Dränget Ieden aus dem Wege feltwärts, 
Bis fie anfommt in der weißen Befte, 
Ankommt vor den weißen Höfen Alil's. 


All, da er fieht den Reiter nahen, 
Springt hervor aus feinen weißen Höfen, 
Wil das Roß erfaflen an den Zügeln. 
Nach ihm aber ſchlägt fie mit der Keule: 
„Aus dem Wege, Bublenfohn, verwegner ! 
Hat der Sultan dich beftelt, o Buhler, 
Anzubalten feine treuen Boten? 
Mid jedoch, dies wiſſe, hat geſandt er, 
Dich und den Haiduken ihm zu bringen, 
‚Dep ihr Beide, alſo will er's, ſterbet!“ 
13* 


— 1% 9 


Sehr erfhridt das Tuͤrklein ob der Rede. 
Sie jedoch ſchwingt trodig fih vom Nofle, 
Herrſcht dem Türklein zu, ed umzuführen, 
Brennt fi einen Tſchibuk an und rauchet. 


Angftvol ſchaut das Tuͤrklein, ob die Heldin 

Ihn das Roß bald abzuftellen heiße, - 

Angſtvoll bebt er, da fie ihm gebietet: 

„Stelle, Türklein, bin mein gutes Streitroß! 

Reich' ihm Heu und reich' ihm füßen Hafer! 
Mir jedoch beforg’ ein trefflih Nachtmahl! 

Schaff' herbei, felbit wenn du's nicht im Hof haft, 

Schnitte Fleiſches, feifte, von Gataro, 

Weizenbrot vom Koffowogefilde, 

Rothen Kühlmwein aus den Bergen Budims, 

Rakia aus dem Scan? von Demir-Kapia! 

Schaffſt du’s nit, dann Eoftet es dein Leben!” 


Heft'ger noch erfähridt darob das Zürklein, 
Sucht umber im Udbinianer Bazar, 
Schafft zur Stelle das befohlne Nachtmahl. 


Trefflich IAßt die junge Frau ſich's munden, 
Alil, einem Diener glei, bedient fie. 


Da fie nun am Mable fi ertabet, 

Iſt die Heldin wenig nit in Sorgen, 
Darf nit Iöfen vom Gewand den Gürtel, 
Soll nit glei dad Türklein fie erkennen. 
Lange finnt fie, was ſie nun beginne. 
Endlich ſpricht alfo fie zu dem Türklein: 


% 


— 19 — 


„Rimmer rathſam iſt's, o Türklein Alil, 

Daß du bleibeſt, wenn ich mich entgürte! 

Fiele einer von den goldnen Ballen, 
Die an meinem Oberkleide hangen, 

Ziel’ er dir, o Tuͤrklein, an die Schläfe, 

Mit der Seele tönnteft du es buͤßen!“ 


Da dies hoͤret Boitſchitſch, dad Türklein, 

Macht es ſchnell fi aus dem weißen Thurme. 
Hinter ihm ber eilt die junge Heldin, 

Drängt hinaus den Aengſt'gen aus dem Thurme, 
Schließt bebutfam hinter ihm die Thüre, 

Legt zur Ruh’ fih auf das weiche Lager. 


Ald es morgens Morgen war geworden, 

Nimmt fie wieder die gefegten Waffen, 

Schwingt fi) wieder auf das gute Streitroß, 
Keitet graden Weges vor's Gefängniß. 

An der Pforte findet fie den Hüter, 

Schlägt das rothe Haupt ihm von den Schultern, 
Pocht dann mit der Keule an die Pfoften: 
„Komm bervor, Haiduke, Wegelagrer ! 

Auf! Es dat der Sultan mid entfendet, 

Daß zu ibm ih dich und Mil bringe!” 


Müvd' des Elends Tängft ift der Haiduke, 
Iſt ſchier froh, daß er nun endlich fterbe, 
Wankt an's Taglicht aus dem dunkeln Kerker. 


Mit der Keule fhlägt nach ihm die Heldin, 
Schlägt nah ihm wol zwei mal und aud drei mal, 


— 493 > 


Den Verdacht der Türken nicht zu werden, 

Ruft herbei dann Boitſchitſch, das Türflein: 

„Schaff' zur Stel’ mir, Boitfhitih Alija, 

Schaf" zur Stel’ ein Roß für den Haiduken! 

Sattl’ auch dir eins! Auf! Und fort zum Sultan!” 


In den niedern Stall hinab eilt Alil, 

Führt hervor ein ftattlih braunes Roͤßlein, 
Bringt jedoch ein Schwert au, feltfam prädtig, 
Mit dem Schwert fünfpandert Golddukaten. 
„Dein ſei diefes, wadrer Sultanskrieger, 

&o du mid zum Sulten nit willft führen!‘ 


Schr erwünſcht ift dies der jungen Heldin, 
Kimmt den Säbel, nimmt die Golddukaten, 
Wirft auf's braune -Nößlein den Haiduken, 
Zliegt mit ihm durch's grünende Gefllde. — 


Angelangt im Waldgebirg, im grünen — 
Mitten in dem Bergwald ift ein Kreuzweg, 
Da zwei Wege auseinander eilen; 

Einer führt nad Stambol in die Hauptftadt 
Und der andre an die Meeresfüfte —, 
Sprit die junge Heldin zum Haiduken: 
„Nun, Haiduke, fieh' mi an doch ein mal! 
Kennft du die Gewänder, diefe Waffen?” 


Aufihaut der Haiduke und erwiebdert: 
„Kenne fie, doch kenn' id fie vergebens! 
Doch fag’ en! Woher dir diefe Waffen?” 


—t. 19 — 


Drauf die junge Heldin ibm erwiebert: 
„Juͤngſt hat mir verehrt fie deine Liebfte, 
Da ih um fie warb als liebe Ehfrau.“ 


Da die Antwort hoͤret der Haiduke, 
Da erfaßt vor Leid ihn böfes Fieber. 


Sie jedoch, da fie es merkt, ruft alfo: 
„Fuͤrchte nichts, mein Liehfter, mein Gebieter, 
Sieh’, bin ih nicht felbft dein treues Ehweib? 
Kur vergib der Keule, o Gebieter, 

Die dir manden Fußſtoß heut' vergolten!” 


Nach der Küfte ziehn fle nun gemeinfem, 
Ziehen hin zu ihrer Mutter Freude, 
Heiter, wie Died Lied, in gutem Wohlſein! 


— 200 — 


Mato der Horwate. 


Tſchuprilitſch erhebt ſich, der Veſire, 
Geht hinaus in's Waldgebirg, zu jagen, 
Mit ihm gehn Veſire viel und Diener. 


- Weitumber durch's Waldgebirge ftreift er, 


Sagt den halben Tag durch Buſch und Waldung, 
Doc Fein Wild vermag er zu erjagen, 

Keinen Hirſchen und aud Beinen Ghriften, 

Keine Hirſchkuh und au Feine Ehriftin, 

Macht darum fi auf zurüdzufehren. 


Spridt zu ibm der Aga Haflan: Aga: 
„O Beflr, Sohn ehrenreihen Stammes ! 
Streiften wir durch's ganze Waldgebirge 
Und erjagten nichts von guter Beute, 
Keinen Hirſchen und au feinen Chriften, 
Keine Hirſchkuh und au Feine Chriſtin; 
Zolge dann, Befir, nod meinem Rathe, 
Laß und noch die fonn’ge Au durdftreifen, 
Ob wir dort ein Wild vielleiht erjagen, 
Einen Hirſchen oder einen Chriſten, 

Eine Hirſchkuh oder eine Ehriftin!”- 


- 


— 201 — 


Diefem Rath gehorchet der Beſire, 
Lenkt ſein Jagdroß nach dem ſonn'gen Plane, 
Schickt die Diener, auszuſpaͤhn ein Jagdwild. 


An ein Brünnlein kommen bald die Diener, 
Dran im Grad ein wadrer Recke ſchlummert. 
An fi trägt er prunkende Gewänder, 

Dur den Schnurbart ſchimmern ihm die Spangen 
Gleih dem Mond dur dunkles Zanngeäfte, 
An den Schultern hängt ein langes Rohr ihm 
Ganz aus Silber und gediegnem Golde, 

An dem Gürtel trägt er zwei Piftolen 

Reich bebängt mit Kettlein, und zwei Mefler, 
Auf dem Haupte Kalyaf und Agraffe — 
Moto iſt's, der Recke, der Horwate! 

Und fie eilen, melden es dem Befir. 


Da ihn fiehet Tſchuprilitſch, der Befir, 

Ruft herbei zur Stell’ er fein Gefolge, 

Heißt ergreifen ed den wadern Helden, 
Rückwaͤrts ibm die weißen Hände binden, 
Zeit, vom Ellenbug bis zu den Nägeln, 

Daß das Blut ihm aus den Nägeln aufſpritzt, 
Schleppt ihn mit fi heim nad feinen Höfen, 
Schleudert ibn in’s ſchaurigſte Gefängniß. 


Zurdtbar ift’s, in foldem Abgrund wohnen, 
Wo das Wafler zu den Knien hinaufreicht, 
_ Skorpion und Schlang' im Waſſer baufen, 
Schlangen faugen, Skorpione nagen! 

Kit gewohnt an folden Graus ift Mato, 


—d 490 — 


Sawa von Pofawliie der Zweite. 
Doch nicht eintrifft Radiwoj von Sokol. 


Sieben Tage harren fie des Freundes, 
Harren feiner auch noch funfzehn Tage, 
Brechen auf dann in Gemeinſchaft Alle 
Gegen Sofol, die berühmte Befte, 

Bor die Höfe Achſchin Beg, des Begen. 


Mit der Art pocht Pawle an die Shore, 
Pocht juft, da der Beg im weißen Thurme 
Mit der Begin fidt beim Abendmahle. 


Spricht die Begin, da fie hört dad Poden: 
„Hör', 9 Beg, man podt gan unſre Thore! 
Willſt du nicht hinabgehn aus dem Thurme 

Und des Hofes weite Pforten öffnen?” 


Aus dem Thurme geht der Beg bernieder, 
Deffnet ſchnell des Hofraums weite Pforten. 
Doch wie fehr erfhridt der Türkenobre, 

Da er fiebt die Harambafdhen beide, 

Und mit ihnen der Gefährten neunzig! 
Rückwaͤrts will er nad dem weißen Thurme. 
Pawle aber läßt ihn nit entfommen, 

Hält zurüd ihn an des Thurmes Treppe, 
Hält zurück ihn, hält ihn feft und fragt ihn: 
„Nicht fo, Beg! Und was fo fehr erferidft tu? 
Sich’! Wir find ja Radiwoj's Gefährten ! 
Unfern Bruder kommen wir nur ſuchen! 
Führ' zu ibm und, daß wir ihn begrüßen!” 


— I — 


Drauf den Beiden Achſchin Beg erwiedert: 
„Wie! Bon mir verlangt ihr euern Bruder? 
Daß euch Gott, ihr beiden Harambafden ! 
Längft ſchon ift ja Radiwoj geftorben ! 

Mitten in des Winters ftrengften Zeiten 
Grub id felbft ihn ein am Samatage; 

Was an Gut und Golde er zurüdließ, 

heilt id unter Blinde aus und Lahme!“ 


Meint darauf Held Sama von Poſawlije: 
„De du all fein Gut und Gold vertheilteft, 
Wo ift dann der Gürtel, die Dolama? 

Bo dann Rado's beide grünen Schwerter? ” 


Schwingt empor die dreigefhwänzte Kade, 
Schwingt empor ſie über Achſchin's Frauen. 
Kaum jedoch die Frau die Peitſche ſchauet, 
Deffnet fie zur Stel’ der Hallen Eingang, 
Bringt heraus die Schwerter, die Dolama. 


Da nun die Dolama fehn die Freunde, 

Sie befledt mit rothem Blute ſchauen, 

Zaflen fie zur Stelle glei den Begen, 
Zühren aus dem Thurm ihn in den Hofraum, 
Stellen ihn in der Gefährten Mitte, 

Säbeln ihn in hundert blut’ge Stüde, 
Nehmen alle‘ Habe, die fie finden, 

Rächen fo den Tod des Bundesbruders, 

Biehn in Glück dann weiter und in Wohlfein. 


— 4932 3— 


Haiduk Wukoſaw's Ehfran. 


Maqt fich auf ein Türklein von Udbina, 
Von Udbina, jener blut'gen Landſchaft, 
Junges Türklein, Boitſchitſch Alija, 

Macht ſich auf, zu jagen durch den Bergwald, 
Nimmt mit’ ſich Genoſſen viel und Diener, 
Führt mit fi der Hunde viel und Rüden. 


Weitum jagt drei Tage lang das Türklein, 
Zagt umber, und kann doch nichts erjagen. 
An der Tage drittem erft zu Mittag 

Wird dem jungen Türklein gute Beute, 
Zängt ‚den ftarfen koſaw dad Türklein, 
Des Gebirgd gefürdteten Haiduken. - 


Erſt nun rühmt ſich Boitſchitſch Alija: 
„Will nach Stambol den Haiduken führen, 
Ihn verehren dem allmächt'gen Sultan!“ 
Bald jedoch befinnt er ſich des andern, 
Sperrt ihn in ein finfteres Gefängniß, 
Laͤßt ibn drin drei Jahre lang in Elend. 


Erſt in rothe Heftelbofen ſchlüpft fie, 
u} 


— 193 > 


Da des Elends muͤd' iſt der Haiduke, 

Ruft er einmal zu dem Zürklein Alil: 
„Hoͤre mi, o Boitfchitſch Alija! 

Schenke mir um Gott ein weißes Briefblatt, 
Und dazu, was noͤthig iſt zum Schreiben! 
Will ein Brieflein zeichnen, dicht gezeichnet, 
Meiner Mutter, meinem Lieb es ſenden!“ 


Dies gewährt ihm gern das Türklein Alil, 
Reicht ihm dar ein feines weißes Briefblatt 
Und dazu was nöthig ift zum Schreiben. 
Und auf feinen Knien ſchreibt der Haiduke: 
„Alte Mutter, nicht zurüd mid warte! 
Treues Lieb, nur Andrem did vermähle! 


Da dies Schreiben anlangt an der Küfte, 
Weinen laut die Mutter und die Schweftern. 
Lauter aber lacht die junge Ehfrau, 

Lat, und geht hinaus zum ngucn Marftplag, 
Zritt in Mihat's, des Barbieres, Bude 
Bittet ihn und heißt ihn Bundesbruder: 
„Mihat, 0 Barbier, mein Bundesbruder, 
Schere mir das goldne Haar vom Haupte! 
Kur ein Büſchchen, wie bei Helden, laß mir!” 


Mibat nimmt in Gott das Bruderbündniß, 
Schneidet ihr das goldne Haar vom Haupte, 
Laßt ihr, wie bei Helden, nur ein Büſchchen. 


Schnell zurüd drauf eilt fie nah dem Hofe, 
Wirft fi in die prädtigften Gewänder — 


13 


— 1 — 


Nimmt ein weißes Baumwollhemd dann um ſich, 
Drüber dann das beſſre, goldgeſtickte, 

Daß der Schweiß es nicht ſo leicht verderbe; 
Dann ein Ueberkleid von rothem Tuche, 

Dran ein goldner Ball an jeder Seite, 

Heinen Goldes ſchwer zwei Litren, hanget, 
Und ein dritter unterm Kinn gerade, 

Schwer allein zwei Litren reinen Goldes, 
Anzufhrauben wie auch abzufchrauben, 

Kühlen Wein bequem daraus zu trinken; 

Legt dann an mit Gold belegte Leibchen, 
Gürtet ſich mit reihgeftidtem Gurte, 

Thut darein zwei herrliche Piftolen, 

Thut darein aud einen goldnen Handjar; 

Set auf's Haupt fi einen prädt’gen Kalpak, 
Einen Kalpak mit Agraffen fieden — 

Sattelt drauf und zäumt ein hohes Kampfroß, 
Sattelt ed mit ſchoͤnem Silberfattel, 

Deckt's bis zu den Anten mit Silberdeden, 
Daß die Quaften an die Hufe ſchlagen, 
Ueberdeckt's mit einem Bärenfelle, 

Zaͤumt es auf mit ftählernem Gebiffe, 

Schmuͤckt die Mähn’ ihm mit gezählten Perlen, 
So mit Perlen wie auch Edelſteinen, 

Daß ed vor fi fhauen mag die Wege 

Spät zur Naht gleihwie am hellen Mittag ; 
Schwingt bierauf fih auf das prädt'ge Streitroß, 
Kimmt zur Hand nod eine ſchwere Keule, 
Wirft die Keule fpielend in die Lüfte, 

Zängt fie auf mit ihren weißen Händen, 

Lenkt hinaus das Streitroß nad dem Marktpladt. 


— I — 


Antreibt fie das Roß mit ſcharfer Peitſche, 

Daß es fhäumend umfpringt und ſich bäumend 

Und der Kies ihm aufſprüht von den Hufen, 

Pocht an Mihat's Bude im Bazare, 

Redet an und fragt den Bundeöbruber: 

„Mihat, 0 Barbier, mein Bundesbruder ! 

So du felbft dad Haar mir nicht gefürzet, 
Sprääft du wol, daß dies ein weiblih Haupt ſei?“ 


Drauf zurüd ihr Mihat, der Barbiere: ' 
„So mir Gott, o liebe Bundesſchweſter, 

So id dir nicht felbft gefürjt das Haupthear, 
Spräd’ id), traun, du feift ein wadrer Rede, 
Wackrer Rede, prädt’ger Sultandfrieger !” 


Und von binnen lenkt fie nun das Gtreitroß, 
Lenft ed nah dem fhimmernden Udbina, 
Dränget Ieden, der ihr in den Weg tritt, 
Dränget Ieden aus dem Wege feitwärts, 
Bis fie ankommt in der weißen Befte, 
Antommt vor den weißen Höfen Alil's. 


Alil, da er fieht den Reiter nahen, 
Springt hervor aus feinen weißen Höfen, 
Bil das Roß erfaffen an den Zügeln. 
Nach ihm aber ſchlägt fie mit der Keule: 
„Aus dem Wege, Buhlenfohn, vermwegner ! 
Hat der Sultan dich beftelt, o Bahler, 
Anzubalten feine treuen Boten? 

Mid jedoch, dies wife, bat gefandt er, 
Did und den Haiduken ihm zu bringen, 


‚ Daß ihr Beide, alfo will er's, ſterbet!“ 


13* 


— 196 9 


Sehr erfhridt das Zürklein ob der Rede. 
Sie jedoch ſchwingt trotig fi vom Noffe, 
Herrſcht dem Zürklein zu, ed umzuführen, 
Brennt fi einen Tſchibuk an und raudet. 


Angftvol [haut das Zürflein, ob die Heldin 

Ihn das Roß bald abzuftellen heiße, - 

Angſtvoll bebt er, da fie ihm gebietet: 

„Stelle, Zürklein, hin mein gutes Streitroß! _ 
Reich' ihm Heu und reich’ ihm füßen Hafer! . 
Mir jedoch beforg’ ein trefflich Nachtmahl! 

Schaff' herbei, felbft wenn du's nit im Hof baft, 
Schnitte Fleiſches, feifte, von Gataro, 
Weizenbrot vom Koffowogefilve, 

Rothen Kühlwein aus den Bergen Budims, 
Rakia aus nem Scan? von Demir: Kapia! 
Schaffft du's nit, dann Eoftet es dein Leben!” 


Heft’ger noch erihridt darob das Türklein, 
Sucht umher im Udbinianer Bazar, 
Schafft zur Stelle das befohlne Nachtmahl. 


Trefflich IABt die junge Zrau ſich's munden, 
Alil, einem Diener glei, bedient fie. 


Da fie nun am Mahle ſich erkabet, 

Iſt die Heldin wenig nit in Sorgen, 
Darf nit Löfen vom Gewand den Gürtel, 
Sol nit gleih das Türflein fie erkennen. 
Lange finnt fie, was fie.nun beginne. 
Endlich ſpricht alfo fie zu dem Türklein: 


— 1 —— 


„Nimmer rathſam iſt's, o Türklein Alil, 

Daß du bleibeſt, wenn ich mich entgürte! 

Fiele einer von den goldnen Ballen, 
Die an meinem Oberkleide hangen, 

Fiel' er dir, o Zürflein, an die Schläfe, 

Mit der Seele Fönnteft du es büßen!“ 


Da dies höret Boitſchitſch, das Türklein, 

Macht es ſchnell fi aus dem weißen Thurme. 
Hinter ihm her eilt die junge Heldin, 

Drängt hinaus den Aengfl’gen aus dem Thurme, 
Schließt behutfam hinter ihm die. Thüre, 

Legt zur Ruh' ſich auf das weiche Lager. 


Ad es morgens Morgen war geworden, 
Nimmt fie wieder die gefegten Waffen, 
Schwingt ſich wieder auf das gute Streitroß, 
Reitet graden Weges vor's Gefängniß. 

An der Pforte findet fie den Hüter, 

Schlägt das rothe Haupt ihm von den Schultern, 
Pocht dann mit der Keule an die Pfoften: 
„Komm beroor, Haiduke, Wegelagrer! 
Auf! Es bat der Sultan mid entfendet, 
Daß zu ihm ih did und Alil bringe!” 


Müd' des Elends längft ift der Haidufe, 
Iſt ſchier froh, daß er nun endlich fterbe, 
Wankt an’d Taglicht aus dem dunkeln Kerker. 


Mit der Keule ſchlägt nach ihm die Heldin, 
Schlägt nad ibm wol zwei mal und aud drei mal, 


— 4198 — 


Den Berdadht der Türken nicht zu weden, 

Ruft herbei dann Boitſchitſch, dad Türklein: 

„Staff zur Stel’ mir, Boitſchitſch Alle, 

Schaf“ zur Stel’ ein Roß für den Haiduken! 

Sattl’ auch dir eins! Auf! Und fort zum Sultan!" 


In den niedern Stall hinab eilt AL, 

Führt hervor ein ſtattlich braunes Roͤßlein, 
Bringt jedoch ein Schwert auch, ſeltſam prädtig, 
Mit dem Schwert fünfhundert Golddukaten. 
„Dein ſei dieſes, wackrer Sultanskrieger, 

So du mich zum Sultan nicht willſt führen!“ 


Sehr erwünſcht iſt dies der jungen Heldin, 
Nimmt den Säbel, nimmt die Golddukaten, 
Wirft auf's braune ˖Roͤßlein den Haiduken, 
Fliegt mit ihm durch's grünende Gefilde. — 


Angelangt im Waldgebirg, im grünen — 
Mitten in dem Bergwald iſt ein Kreuzweg, 
Da zwei Wege auseinander eilen; 

Einer führt nach Stambol in die Hauptſtadt 
Und der andre an die Meeresküſte — 
Spricht die junge Heldin zum Haiduken: 
„Nun, Haiduke, fieh' mich an doch ein mal! 
Kennſt du die Gewänder, dieſe Waffen?” 


Aufſchaut der Haiduke und erwiedert: 
„Kenne fie, doch kenn' id fie vergebens! 
Doch fag’ an! Woher dir diefe Waffen?” 


—t. 199 — 


Drauf die junge Heldin ihm eriwiedert: 
„Juͤngſt hat mir verehrt fie deine Liebfte, 
De ih um fie warb als Liebe Ehfrau.“ 


Da die Antwort böret der Haiduke, 
Da erfaßt vor Leid ihn böfes Fieber. 


Sie jedoch, da fie ed merkt, ruft alfo: 
„Fuͤrchte nichts, mein Liebfter, mein Gebieter, 
Sieh’, bin ich nicht jelbft dein treues Ehmeib? 
Nur vergib der Keule, o Gebieter, 

Die dir manden Fußſtoß heut' vergolten!” 


Nach der Küfte ziehn fie nun gemeinfem, 
Ziehen bin zu ihrer Mutter Freude, 
Heiter, wie dies Lied, in gutem Wohlſein! 


— 200 — 


Mate der Horwate. 


Tſquprilitſch erhebt ſich, der Veſire, 

Geht hinaus in's Waldgebirg, zu jagen, 

Mit ihm gehn Veſire viel und Diener. 
Weitumher durch's Waldgebirge ſtreift er, 

Jagt den halben Tag durch Buſch und Waldung, 
Doch kein Wild vermag er zu erjagen, 

Keinen Hirſchen und auch keinen Chriſten, 

Keine Hirſchkuh und auch keine Chriſtin, 

Macht darum ſich auf zurückzukehren. 


Spricht zu ihm der Aga Haſſan-Aga: 
„D Beſir, Sohn ehrenreichen Stammes! 
Streiften wir durch's ganze Waldgebirge 
Und erjagten nichts von guter Beute, 
Keinen Hirſchen und auch keinen Chriſten, 
Keine Hirſchkuh und auch keine Chriſtin; 
Folge dann, Veſir, noch meinem Rathe, 
Laß uns noch die ſonn'ge Au durchſtreifen, 
Ob wir dort ein Wild vielleicht erjagen, 
Einen Hirſchen oder einen Chriſten, 
Eine Hirſchkuh oder eine Chriſtin!“ 





— 204 — 


Dieſem Rath gehorchet der Veſire, 
Lenkt ſein Jagdroß nach dem ſonn'gen Plane, 
Schickt die Diener, auszuſpaͤhn ein Jagdwild. 


An ein Brünnlein kommen bald die Diener, 
Dran im Gras ein wadrer Rede ſchlummert. 
An ſich trägt er pruntende Gemwänder, 

Durch den Schnurbart fhimmern ibm die Spangen 
Gleich dem Mond durd dunkles Tanngelfte, 
An den Schultern hängt ein langes Rohr ihm 
Ganz aus Silber und gediegnem Golde, 

An dem Gürtel trägt er. zwei Piftolen 

Reich behängt mit Kettlein, und zwei Meffer, 
Auf dem Haupte Kalpak und Agraffe — 
Mato ifl’s, der Rede, der Horwate! 

Und fie eilen, melden es dem Befir. 


Da ihn fiehet Tſchuprilitſch, der Befir, 

Ruft herbei zur Stel’ er fein Gefolge, 

Heißt ergreifen es den wadern Helden, 
Nüdmwärts ibm die weißen Hände binden, 
Zeft, vom Elienbug bis zu den Kägeln, 

Daß das Blut ihm aus den Nägeln aufiprist, 
Schleppt ihn mit fi heim nad feinen Höfen, 
Schleudert ihn in's ſchaurigſte Gefängniß. 


Furchtbar iſt's, in ſolchem Abgrund wohnen, 
Wo das Waſſer zu den Knien hinaufreicht, 
Skorpion und Schlang' im Waſſer haufen, 
Schlangen ſaugen, Skorpione nagen! 

Richt gewohnt an ſolchen Graus iſt Mato, 


— 202 — 


Sprit alfo zu Tſchuprilitſch, dem Beflr: 
„D Befir, Sohn ebrenwerthen Stammes, 
Laß mic frei aus dem verwuͤnſchten Abgrund! 
Goldes zahl’ ich einen vollen Haufen!” 


Do der Beſir wit ihn gar nit anſchaun. 
Zwei mal fo viel Goldes bietet Mato. 

Do auch deflen achtet nit der Beflr, 
Sondern gibt Ihm Solches zu bedenfen: 
„Bötft du mir and drei mal fo viel Boldes, 
Nimmer dennoch ſchenkt ih dir Die Freiheit! 
Kannſt ſtatt Golds die Dinge du nicht geben: 
Einen Kahn von leichtem Rußbaumholze; 

An dem Kahn ein weißes Silberſegel 

Oben drauf mit einem Edelſteine, 

Einem Stein, bei dem man fieht zu fegeln 
Mitternadts fo wie am hellen Mittag; 
Dann ein Weißroß, dem kein zweites gleichkommt 
Nicht bei Türken und aud nicht bei Ghriften; 
Mit dem Weißroß einen beften Säbel, 

Ganz mit Silber ausgelegt und Golbe, 

Und am Griff mit einem Edelſteine, 

Daß dabei ein Roß man kann beſchlagen 
Mitternachts fo wie am heilen Mittag; 

Dann ein Tiſchlein von gediegnem Golde, 
Auf dem Tiſchlein drei getriebne Roſen 

Und darin drei Edelſteine Eoftber, 

Die an Werth drei Sultansfhlöffern gleihen — 
Sol, o Mato, dein Gebein vermodern, 

Soll vermodern in dem finftern Abgrund!” 


— 2303 — 


Drauf erwiedert Mato, der Horwate: 

„O Beſir, Sohn ehrenreichen Stammes! 
Gerne! Und was ſollt' ich's auch nicht geben? 
Schwer jedoch ift, wie herbei ed ſchaffen! 
Habe Niemand, der ftatt meiner bliebe, 
Bürge wär’, indep id heimmärtd ziehe, 
Heimmärts ziehe, wieder rückwaͤrts kehre!“ 


Da erbietet Lakitſch Huffein ihm ſich: 


„Bundesbruber, Mato, o Hormate, 


Ich ftatt deiner will im Kerker bleiben, 
Bis du heimziehſt und auch wieder ruͤckkehrſt!“ 


Und fie fegen feft der Rückkehr Zeitfrift 
Auf drei Tage und drei dunkle Nächte, 


In den Kerker fohreitet Lakitſch Huflein, 
Aus dem Kerker Mato der Hormwate, 


- Biehet heim nad) feinen weißen Höfen. — 


Hingegangen find drei weiße Tage, 
Hingegangen find drei dunfle Nächte, 
Mato kommt nit, läßt von fi nichts Hören. 


Da dies fiehet Tſchuprilitſch, der Veſir, 

Ruft herbei er feine Diener alle: 

„Auf denn! Auf, ihr meine treuen Diener! 
Schleppt hervor den Buhler Lakitſch Huffein, 
Der den ſchwarzen Ghriften ließ entkommen! 
Schuͤret an ein tüdtig Scheiterfeuer! 

Werft hinein den Buhler Lakitih Huflein, 

Und verbrennt ihn in dem Roth der Flammen!” 


— 20 8 


Dem Befehl gehorchen flink die Diener, 
Schuͤren an ein mähtig Scheiterfener, 
Schleppen Lakitſch Huſſein aus dem Kerker, 
Werfen in die angeſchürte Glut ihn, 

Und verbrennen ihn im Roth der Flammen. — 


„Hierauf gebt ein liter Tag vorüber, 

"Und die dunkle Nachtzeit bricht hernieder. 
Tſchuprilitſch, der Veſir, nimmt ſein Rachtmahl, 
Betet ſeinen Akſcham, ſchaut noch ein mal, 

Eh' er ſich zur Ruh' gibt, nach dem Meere. 


Doch — was glänzt im Riedergang die Meerflut? 
Gleich herbei die treuen Diener ruft er: 

„Kommt herbei, ihr meine treuen Diener! 

Seht, wie dort im Niedergang die Flut glänzt! 
Wißt ihr Jemand, was dad wol bedeute, 

Ob die Sonne, ob dies fei der Mondſchein?“ 
Und herbei eilt feiner Diener Schar gleich. 


Nach dem Meer gen Abend ſchaun fie Alle, 
Keiner aber ſpricht ein einzig Wörtlein, 

Und nur dies ſpricht Aga Daffan = Aga: 

„O Befir, Sohn ebrenreidien Stammes ! 

Kit die Sonn’ iſt's und aud nicht der Mondſcein, 
Mato iſt es, der Horwate Mato, 

Schifft heran mit koſtbar ſeltnen Dingen! 

Was fo weiß glänzt, ift der Kahn von Rußbaum, 
Was dran fhimmert, ift das Silberfegel 

Mit dem koſtbar feltnen Edelfteine! . 

Was fo leuchtet, ift das edle Weißroß 


— 0 >» 


Und daran der goldbelegte Säbel 

Mit dem feltiam praͤcht'gen Edelfteine! 

Bas did biendet, ift das goldne Tiſchlein 
Und darauf von Golde die drei Rofen 

Mit den feltfam theuern Edelfteinen, 

Gleich an Werth drei flolgen Sultansburgen!” 


Afo fpriht der Aga zum Befire. 

Mato aber rudert immer näber, 

Rudert näher durd die wüſte Meerflut, 

Legt an’s Ufer vor der weißen Befte, 

Ruft vom Ufer zu dem mädt’gen Befir: 
„Komm, 0 Befir! Nimm, was du gefordert!” 


Auf von feinem Site fpringt der Befir, 
Ruft zufammen feine treuen Diener, 

Eilt bernieder zu des Meeres Ufern, 

Tritt, der Erfte, in den Kahn von Nufbaum, 
Und ihm folgen feine treuen Diener. 


Staunen macht der Anbli ihn der Schäße. 


Da ſpricht alfo Mato der Horwate: 

„O Belir, Sohn ehrenreihen Stammes ! 
Zühr” heraus nun meinen Bruder Huffein! 
Ihm auch bracht' ih dankbare Geſchenke, 
Bracht' ein gutes Roß als Freundesgabe, 
Gutes Roß und einen edlen Falken!“ 


Drauf zurück der Türkendiener Einer: 
„Todt ſeit geſtern iſt dein Bundesbruder!“ 


—206 > 


Mato aber, da er diefes hoͤret, 

Auft alfo auf Griedifh feinem Freund zu: 
„Steuermann, o Grieche, Meanoilo 

Auf! Und ftoß’ den Kahn hinaus in’d Weite!” 
Und vom Ufer abftößt Manoilo, ” 

Stöpt den Kahn in's Meer hinaus, in's Weite. 


Auf dem Meere binden fie die Diener, 
Senken in die fühle Zlut des Meers fie; 
Mit dem Befir aber in dem Kabne, 
Kehren fie zurüd nad Mato's Höfen. 


Angelangt in feinen weißen Höfen 

Ruft herbei die Serbenobern Mato, 
Spricht zu ihnen wie und was gefhehen, 
And die Obern fällen drauf einhellig: 
„Wie du thatft, o Tſchuprilitſch Veſire, 
Wie du tbatft, fo fol au dir geſchehen!“ 
Schuͤren drauf ein tüchtig Scheiterfener, 
Werfen in die Glut ihn, wie er Huſſein. 


— 301 — 


Luka Balowran. 


Einen Brief ſchreibt Jerko der Lateiner, 

Schickt den Brief hinaufwaͤrts in's Gebirgsland, 
Schickt an Luka Galowran, den Freund, ihn: 
„Luka Galowran, o Bundesbruder! 

Sammle Helden unter deiner Fahne, 
Auserleöne, die du kennſt als beſte, 

Führ' zu mir ſie an die Meeresküſte, 

Daß wir hinziehn und Italien plündern!“ 


Da dies Schreiben Luka zugekommen 

Und des Schreibens Inhalt er erſehen, 
Da entfaltet er die ſeidne Fahne, 
Pflanzt ſie wehend auf im grünen Raſen, 
Sammelt um ſich ſechzig kühne Recken, 
Auserlesne, die er kennt als beſte, 
Fuͤhret ſie zu Jerko, dem Lateiner. 


Ziemend wol empfängt die Mannen Jerko, 
Gibt den Freunden italienſche Zlinten, 
Ueberkleider, ſcharlachrothe Leibchen, 
Praͤcht'ge Hoſen, ſchoͤngeformte Schuhe, 


“ — 208 — 


zührt fie dann nad feinem Ruderſchiffe, 
Laͤßt vollauf den beften Rothwein fließen. 


Biel des. Weines trinken da die Helden, 
Trinken fatt fi wie die ſchwarze Erde, 
Schlafen ein, ald wären fie geftorben. 

Jerko aber fpringt empor bebende, 

Stößt das Schiff in’s Meer hinaus vom Ufer. 


Ald die Mannen drauf vom Rauſch erwachen, 
Sieh, da Ihwimmt das Schiff auf offner See ſchon! 
Bangniß drob erfaßt die fehzig Neden, 

Daß fie haͤuptlings ſchier in's Meer fi ftürgen. 


Luka ſieht's, und ſpricht fogleidh zu Jerko: 
„Bundesbruder, o Lateiner Jerko! 

Singe nun, und tröfte unfre Brüder, 

Daß verzweifelnd fie in’d Meer nit ftürzen!” 


Da beginnt und finget Ierfo alfo: 
„Zaget nicht, ihr meine lieben Brüder! 
Haben nit die Mütter und geboren, 
Das wir fo erwerben oder ſterben?“ 
Mehr jedoch erfähredt dies noch die Mannen, 
Tiefre Bangniß faßt fie in der Seele. 


Da nun Luka Galowran dies fiehet, 

Da ergrimmt er, züdt den blanken Säbel, 
Schlägt das Haupt ab Jerko dem Lateiner, 
Und beginnt und fingt den Mannen felber: 
„Zaget nicht, ihr meine lieben Brübder ! 


— 10 ⸗— 


Ate Mütter, mögt indeß euch tröflen — 

Gut ift Gott, bald Fehren heim die Söhne! 
Junge Zrauen, wollt euch nicht vermählen — 
Gut ift Gott, bringt euch die Männer wieder! 
Liebe Schweftern, ftidet feine Tüchlein — 
Gut ift Gott, bald Fehren beim die Brüder!” 


Glücklich überfhiffen fie die Meerflut, 
Rehmen in Italien viel des Gutes. 


Als fie aber beim gedenken wieber 

Und zurüd dos wülte Meer durchſchiffen, 

Da erkranken fchweren Wehs die Mannen. 
Bon dem Web und von dem bittern Herzleid 
Bleiben dreißig auf dem mwüften Meere, 
Dreißig Fehren glüdlih in die Heimat. 


Welcher Held ‚geblieben auf dem Meere 

Und im Haus 'ne alte Mutter rüdtieß, 
Alte Mutter oder treue Hausfrau, 

Einen Bruder oder liche Schweſter, 

Deffen Theil gibt diefen von der Beute, 
Gibt ihn diefen Luka, wie fi felber. 

Wem jedoh auf Erden Niemand rückblieb, 
Deffen Theil weiht er dem Heil der Seelen, 
Wie ed Satzung, wie es Khriftengleube. 


210 — 


Bujadin und feine Söhne. 


Zurnt ein Mägdlein fo den eignen Augen: 
„Schwarze Augen, daß ihr nie mehr fähet! 
Immer fabt ihr! Warum eben beut nit, 
Da die Türken aus dem Waldgebirge 
Zührten gegen Liwno die Haiduken, 
Bujadin mit feinen beiden Söhnen? 
Prachtvoll, fagt man, war der Helden Anzug! 
Bujadin der Alte, der Haiduke, 

Trug, fo fagt man, einen Scharlachntantel 
Wie der Paſcha felber trägt im Diwan; 
Bon den Söhnen Bujadin’s der Xeltre, 
Militſch, no viel ſchoͤnere Gewänder ; 
Bon den Söhnen Bujadin’s der Jüngre, 
Bulitſch, eine wunderprädt'ge Kappe, 

An der Kappe zwölf der Ihönften Federn, 
Jede Zeder wertb zwei Litren Goldes!“ 


Unterdeffen kommen die gen Liwno. 


Da fie fehn von fern das böfe Limno, 
Draus ein weißer Thurm fo ſchlank emporragt, 


⸗ 


— 211 9 


Sprit der Alte fo zu feinen Söhnen: . 
„Söhne mein, o meine grauen Falten ! 

Seht ihr dort die boͤſe Weite Liwno? 

Seht ihr au den weißen Thurm, den ſchlanken? 
Schlagen wird man dort uns, grauſam foltern, 
Hand und Fuß ausrenken uns und brechen, 

Aus der Stirn die ſchwarzen Augen reißen! 
Do, 0 Söhne, meine grauen Fallen! 
Seid drum nit, wie Walslein, zagen Herzens! 
Seid wie Helden ungebengten Muthes, 

Kennet Feinen unferer Gefährten, 

Keinen unfrer Zreunde, unfrer Hehler, 

Die zur Zroftzeit Obdach uns gewährten 

Und in Kellern unfre Beute bargen, 

Keine von den Schäntinnen, den jungen, 

Die- zumeilen rothen Wein und fhänkten, 
Rothen Wein, den heimlih wir dann tranfen!” 


Angelangt drauf in der Befte Liwno 
Thut in ein Gefängniß fie der Kadi, 
Hält fie drin drei Zage lang gefangen, 
Daß er mit den Türken ſich berathe, 
Wie er ſchmerzvoll fie zu Tode martre. 


Als der Tage dritter nun vorüber, 
Laͤßt zuerft den Alten vor er führen, 
Züße ihm entzwei und Hände ſchlagen. 


Da fie an die ſchwarzen Augen kommen, 
Dringt von Limno fo in ibn der Kadi: 
„NRenne jehund, Bujadin, o Buhler, 

14 * 


— 212 — 


Kenne mir die Namen der Gefährten! 

Kenn’ die Zreunde, die euch Obdach gaben! 
Kenn’ die Hehler, die die Beute bargen! 

Kenn’ die jungen Schänfinnen zur Stunde, 
Die zuweilen roten Wein euch ſchaͤnkten, 
Rothen Wein, den heimlich ihr dann tranket?“ 


Dies jedoch der Ate drauf erwiedert: 
„Nonne ich fie nicht bei den ſchnellen Füßen, 
Die im Wettlauf mit den Moflen raunten; 
Nannt' ich fie nicht bei den Heldenarmen, 
Die entzwei die ftärkften Lauzen brachen, 
Furchtlos in gemwehte Säwerter griffen: 
Sollt' ich fie für diefe Augen nennen, 

Für die falſchen, die fo tremios waren, 
Niederſchauten von der Berge Gipfeln, 
Niederſchauten auf den breiten Heerweg, 
Wo die Zöllner zogen und die Krämer, 
Und die böfen Häfiher nicht erblickten!“ 


Wie der Water, hielten fi) die Söhne. 


Iwo der Zengger. 


Wie Iwo ein Weib Bekommt. 


Küsten Rothwein trinken dreißig Zengger, 

Zrinten ihn zu Zengg, der fteilen Felsburg, 
In des Zenggers Iwo weißen Höfen. 

Iwo felbft, der Zengger, trinkt mit ihnen, 

Fahnenträger Komnen au, fein Bruder. 


Da genug des Weines fie getrunten, 

Medet von den Zenggern Einer alfo: 

„Wie doch, Iwo, Kapitän der Zengger, 
Wie dod kommt es, daß du unvermählt no? 
Fehlt es dir an Gelde wol zur Hochzeit, 
Dder will fein Kind dir Niemand antraun?” 


Nichts darauf hat Iwo noch erwiedert, 

Da zugleich ausrufen alle Dreißig: 

„Ei doch, wahrlich, Kapitän der Zengger! 
Fehlt es dir an Gelde nur zur Hochzeit? 
Sieh'! Beiſammen ſind hier unſer Dreißig! 
Gern von uns wird Geld dir leihen Jeder, 
Daß du heimführſt, die du dir erleſen! 

Will jedoch ſein Kind dir Niemand antraun, 


— 2316 — 


Gern von und gibt Jeder dir ein Mädchen, 
Der die Schwefter, Der die liebe Tochter! 
Kenne du nur, welde dir geftele!” 


Auflacht aber Iwo, ladet helllaut, - 

Sprit alfo zu feinen dreißig Freunden: 
„Wackre Zreunde, dreißig edle Zengger, 
Nicht an alle dem liegt's, was ihr meinet! 
Geld ift mein, fo viel ih mir begehre; 
Bauen koͤnnt' ih, fo ihr wollt, zehn Kloͤſter, 
Wie viel eher um ein Mädchen werben! 
Weiß auch, daß fein Kind mir Jeder gäbe! 
Doch von Niemand hab’ ich eind begehrt noch, 
Und, daß ihr nur wißt, wii keins begehren, 
Sei es Serbin oder fei ed Türkin, 

Keins, fo lang Haiktuna lebt, das Maͤdchen, 
Zerfo Ibro's wunderbare Schweſter, 

An Udbina, in der weißen Befte! 

Wer jedoch Haifuna mir zum Weib Ihafft, 
Gern ihm geb’ ih Golds drei Saumeslaften, 
Gern von meiner Bruft die golduen Spangen, 
Schwer vier vole Litren reinem Goldes, 
Gern dazu die fhlanfe Damascenrin, 

Die nit weit trägt, und nur ven Gemeinten 
Zodt auf taufend Schritte ſtreckt zu Boden!” 


Wie dies ſpricht der Kapitän der Bengger, 
Hören wol die dreißig edlen Freunde; 

Do zur Erde ſchaun fie Ale nieder, 

Db fie Iproffen fäh'n des Grafed Wellen 
Wie man flieht der Mädchen Bufen ſchwellen. 


— 317 — 


Keiner wagt eb, Keiner will's verſprechen, 
3m zum Weib das junge Kind zu fchaffen. 


Einer nur, der fhaut zur Erde nimmer, 

Schaut nit wieder, wie fo zart dad Grad waͤqhft , 
Schaut empor und ſpricht alſo zum Jwo: 
„Iſt dein Ernſt bies,- Kapitän der Zengger? 
Gaͤbſt du wirklich deine Damascenrin 
Dem, der dir Haituna ſchafft zur Ehfrau?“ 


Drauf zurüd der Kapitän der Zengger: 
„Wahrlich, und fo wie id Gott bekenne, 
Wahrheit immer, Lüge red’ ih nimmer! 

Was ih ſprach, das will ich treulich halten! 
Wer Haifuna mir erwirbt zur Ehfrau, 

Gern ihm geb’ ih Golds drei Saumeslaſten, 
Gern von meiner Bruft die goldnen Spangen, 
Gern dazu die ſchlanke Doamascenrin. 

Wo jedoch — wo ift, der dieles wage? 

Wo, der mir Haifuna fhafft zur Ehfrau?“ 


Da Kommen dies hört, der Zahnenträger, 
Springt empor er auf die leiten Beine, 
Rollt zur Stel’ fein Banner auseinander, 
Steckt es aus und rufet zu den Freunden: 
„Wen zum Helden aufgeläugt die Mutter, 
Der bewährt’ ed, folgend meiner Fahne! 

So Gott will und Heldenglüd mit uns ift, 
Werben wir umfonft nicht um Haikung, 
Führen glüdlih aus dem Ort dad Mädchen, 
Bringen glädtih beim nad unferm Zengg ed, 


— 218 — 


Theilen dann die Saumeslaſten Gutes, 
Theilen auch getreu die golbnen Spangen, 
Eins nur nicht, — die ſchlanke Damascenrin!“ 


Da den Ruf die Iengger Edlen hören, 
Treten alle Dreißig fie zur Fahne, 
Schwoören, wie fie Gott getreu befennen, 
Zreulih ihm nah Udbina zu folgen. 


Und zur Stunde — kurze Zeit verftrihd nur — 
Brit empor Komnen mit feinem Haufen, 
Schlägt ven Weg ein nah der ftolzen Befte. 


Iwo aber, da er ihn fiebt fortziehn, 

In der Hand die fhlanfe Damascenrin, 

Und entichloffen, ihm die Braut zu werben, 
Macht fi auf zur gleihen Stunde felber, 
Nimmt zur Hand die andre Damascenrin, 
Zolgt ihm nah, zieht mit ihm nad Udbina. — 


Angelangt auf des Gebirge Höhen, 

Bei der Lämmer waflerreiher Traͤnke, 
Shaun fie eine Heerde friedlich lagernd 

Um die Tränfe in dem Kühl der Tannen. 
Bei der Heerde ſiht ein lieblich Maͤgdlein, 
Sitzt und ſtickt mit Seid' in einen Rahmen. 
Da mit einmal fährt hervor ein Widder, 
Scheudt empor der Lämmer weiße Heerde. 
Schmerzvoll ift dem Maͤdchen, ed zu fhauen, 
Wie die Lämmlein ihr verſcheucht der Widder, 
Schmerzvoll au, den Rahmen zu verlaflen, 


— 219 — 


Um den boͤſen Unhold zu vertreiben. 

Zängt denn an, das böfe Thier zu ſchelten: 
„Hei doch, böfer Winter! Wirſt du meiden? 
Zort! Und nicht zerftreue mir vie Heerde!“ 


Da Komnen dies hört, der Zabnenträger, 

Und des Maͤdchens Schelten fiebt erfolglos, 
Sprit er fo zu zweien jungen Meggern: 

„Gebt doch hin und fangt den fhlimmen Widder! 
Zangt heraus ihn aus der ſcheuen Heerde! 

Bieht lebendig ihm das Fell vom Leibe, 

Treibt zurüd dann zu der Heerd’ ihn wieder!” 


Auf die Beine fpringen glei die Metger, 
Zangen aus der Heerde glei den Widder, 2 
Zühren feitwärts von der ſcheuen Heerd' ihn, 
Biehn lebendig ihm das Zell vom Leibe, 

Treiben ihn zurüd dann zu den Laͤmmern. 


An der. Lämmer rauhem Zlie fi wedend, 
Wie nun aufftöhnt der geſchundne Widder, 
Büßend feinen Muthwill'! Auf zu Gott geht's! 


Da Kommen dies fiebt, der Fahnentraͤger, 
Sprit er alfo zu den dreißig Freunden: 
„Seht nun bin, o meine dreißig Freunde! 
Seht die Marter, die dad Thier muß leiden — 
Schlimmre noch harrt unfer bei den Türken! 
Wer nit Muth hat, ſchweigend fie zu tragen, 
Kehre um und bleib’ daheim bei Zeiten!” 

Alſo ſpricht Kommen, der Zabnenträger, 


— m - 


Schaut umber im Kreile der Gefährten — 
Schaut verändert aller. Freunde Antlip, 

Und entflohn das Blut aus ihren Wangen. 
Bei fi dendt Kommen; der Fahnentraͤger: 
„Ei doch, was für wadre Freunde find dies! 
Da ihr Antlig jetzt ſchon ſich entfärbt fo 

Und das Blut entflieht aus ihren Wangen, 
Was ſoll's dann, wenn arge Roth und Drangfal 
Mid betreffen auf der offnen Wahlſtatt? 

Wie, um Gott, wie werden die mir beiſtehn?“ 
Alfo denkt er, ſpricht jedoch Fein Woͤrtlein, 
Bieht von bannen durch den dunkeln Bergwald, 
Zieht zuerft durch's Waldgebirg Kunora, 
Steigt herab in's Feld dann von Udbina, 
Schlägt bier feine Lager auf zur Nachtzeit. 


Ad morgens Morgen war geworben, 
Da vermißt er ber Genoſſen Halbzahl. 
Dhne Zragen, ohn' es aud zu fagen, 
Kehrten fie nad Zengg zurut zur Rachtzeit. 


„Was zu thun?“ fo denkt der Fahnentraͤger, 
Macht ſich auf, zieht weiter durch die Ebne. 


Abends, in dem Weichbild von Udbina, 

Bor Udbina auf dem grünen Plane, 

Spannt zur Nachtzeit er fein Zelt aus wieder. 
Morgens aber, als e8 Morgen worden, 
Mißt er auch der Freunde andre Halbzahl. 
Ohne Zragen, ohn' es auch zu fagen, 

Kehrte fie nah Zengg zuruͤck auch näͤchtlich. 


— 1 - - 


v 


Sich allein nur findet er cm Morgen, 
Sich zur Seite Iwo wur, den Zengger; 
Doch auch Dieſer waͤr' daheim wol lieber. 


Da Komnen dies ſieht, der Fahnentraͤger, 
Und wie wen'ge Freunde ihm geblieben, 
Spricht er dies zum Kapitän der Zengger: 
„Bleib’, o Bruder, Kapitän der Zengger, 
Bleibe du im Gras bier mit den Freunden! 
3% indeß allein will nah Udbina, 

Will mich umſchaun in der weißen Befte, 
Wil erforfgen in der weißen Befte, 

Ob zu Hauf die Udbinianer Helden, 

Die fo fleifig gegen Zengg zu Zeld ziehn; 
Ob zu Hanfe Hernetin Muftefa, 

Ob zu Haufe Gleditſch Osman⸗Aga, 

Ob zu Haufe Zahnenträger Suko, 

Db zu Haus der Kowatſchaner Ramo, 

Ob zu Haus der Tankowitſche Osman, 

Db zu Haus der alte Käman: Aga, 

Ob zu Haufe Talo der Lifaner, 

Ob au Zerfo Ibrahim zu Haufe! 

So Gott wi und Heldengläd uns beifteht, 
Daß zu Haufe von den Allen Keiner, 
Währt's nit ang’, und unfer tft Haikuna!“ 


Alfo ſpricht Kommen, der Yahnenträger, 
Faßt am Schaft die ſchlanke Damascenrin, 
Geht hinaus, gebt grade nad Unbine. 

In Udbina, in der weißen MWefte, 

Sucht er auf der Schaͤnkin Jela Schaͤnke, 


—d 223 9 


Grüßt in Gott die junge Schaͤnkin Jela: 
„Gott mit dir, o Iela, junge Schaͤnkin!“ 


Ihm die junge Schänkin drauf zur Antwort: 
„Gottes Glück Komnen, dem Fahnenträger!“ 


Wild ergrimmt fährt auf der Fahnentraͤger, 
Zährt empor erzürnt ob folder Antwort: 
„Hündin Eine! Junge Schänfin Iela! 

Sprid wie magft du Türken Chriften fchelten? 


Hellauf aber lacht die junge Schänfin, 

Lacht ob dem Erzürnen ihres Gaftes: 

„Schwarz dein Leben, Freund Komnen! Was zürnft vu? 
Meineft wol, daß Niemand hier di kenne? 

Zeder Hofhund Fennt did in Udbina, 

Sollten’5 nit die Männer und die Frauen?” 


Da Komnen dies hört, der Fahnenträger, 
Faßt er ſchnell fi in der ſchlimmen Lage, 
Redet alfo zu der jungen Schänfin: 
„Schaͤnkin Iela, fei in Gott mir Schweſter, 
Sei's in Gott und ſei's im heiligen Jowan! 
Gib mir Obdach heute in Udbine, 

Wolle nit den Türken mich verrathen!“ 


Heldenftammes ift die junge Schänfin, 

Kimmt ihm gern den Schweftergruß entgegen, 
Und verbirgt den neuen Bundesbruder 

In die Keller, wo den Wein fie aufwahrt, 
Hehlet ihn fo lang’ die Sonne leuchtet. 


Nach der Sonne Sinken in der Dämmrung 
Geht fie wieder hin, die junge Wirtbin, 
Schließt das Thor auf an den tiefen Kellern, 
Zührt hervor den neuen Bundesbruder: 
„Geh' mit Gott nun, wo du immer hin magft!- 
Ih, deß fei gewiß, verrath' did nimmer!” 


Alſo jegund ſpricht Komnen zur Schänkin: 


„Bundesſchweſter, Eins noch laß mich bitten, 
Und, ſo unſre Freundſchaft dir gedeihe, 
Gib, wornach ich frage, wahre Auskunft! 
Sind zu Haus die Udbinianer Helden? 
Iſt zu Hauſe Hernetin Muſtafa? 

Iſt zu Hauſe Gleditſch Osman-Aga? 

Iſt zu Haus der Kowatſchaner Ramo? 
Iſt zu Haus der Tankowitſche Osman? 
Iſt zu Haus der Fahnenträger Suko? 
Iſt zu Haus der alte Keiwan-Aga? 

St zu Haufe Talo der Lilaner, 

It auch Zerfo Ibrahim zu Haufe” 


Drauf erwiedert Iela ihm, die Schänfin: 
„Bundeöbruder, wadrer Zahnenträger ! 
Wahre Auskunft will id wol dir geben, 
Und bei Gott und bei dem heil’gen Jowan, 
Sicher bift du, daß ih dich nicht täuſche! 
Audgezogen find die Helden ſämmtlich, 
Gegen Zengg mit Muftafa gezogen, 
Aufzulauern irgend guter Beute, 
Heimzubolen junge Ghriftenfllaven.“ 


— 12 = 


Weiter fragt Kommen, der Fahnentraͤger: 
„Weißt Du auch, o liebe Bundesſchweſter, 
Weißt du von Haikunaga mir zu fagen, 

Bon der Schwefter Ibrahim's, der holden, 
Ob fie fon zum Weibe warb erbeten, 
Und, wenn fie erbeten ward von Jemand, 
Ob fie fhon vermählt ift, oder frei noch?“ 


Drauf erwiedert Iela ihm, die Schänfin: 
„So mir Gott, Kommen, o Bundesbruder, 
Koh zum Weibe ward fie nit erbeten, 

Und noch wen'ger beimgeführt von Jemand!” 


Weiter fragt Komnen, der Zabnenträger: 

„Ss dir Gott, o Bundesſchweſter Iela! 

Möchteſt du, o Schwefter, mir dann rathen, 

Wie id) wol Haikung Fönnt’ erwerben? 

Iſt in meinen Händen erft das Maͤdchen, 

Dann — was Gott will und dad Glück der Helden! 
Dies wie möglich, dies allein nur frag’ ich; 
Nimmer frag’ ich, wie mit ihr entkommen!” 


Sela drauf, die Schänkin, ibm erwiedert: 
„So mir Gott, Komnen, o Bundesbruder, 
Gerne will ich dieſes auch Dir fagen, 

Will dir rathen, wie e8 wel am leichtften! 
Abends_um der fünften Betzeit Hälfte 
Geh’ du hin zu Zerfo’s weißen Höfen, 
Kiopfe mit dem Thürring an bie Pforte, 
Ruf, die Stimme Muſtafa's nachahmend: 


—228 — 


„Komm heraus, o liebe Bundesſchweſter! 
Deffne ſchnell des weißen Hofes Pforte! 
Schwer im Arm mir liegt die ſchoͤne Andja, 
Hart am Fuß mir folgen die Verfolger, 
Schmerzhaft furchtbar ſind die Zengger Wunden!“ 
Leicht alſo wirft du das Maͤdchen taͤuſchen, 
Kommen wird ſie, wird dir ſelber aufthun. 
Denn als auszog Hernetin Muſtafa, 
Mit den Helden gegen Zengg hinauszog, 
Schloß er Zreundfhaft mit dem jungen Maͤdchen, 
Alfo fi dem jungen Mädchen brüftend: 
„Bundesſchweſter, magft mid froh erwarten ! 
Denn, fomm id von Zengg zurüd, dem weißen, 
Schenk' ih dir die mwunderfhöne Andja, 
Sie, des Zenggers Iwo liebe Schweſter, 
Schenke dir Kommen, den Fahnenträger!“ 
Eines aber, Bundeösbruder, merke! 
Will ed Gott und wills das Glück der Helden, 
Daß Haifuna glücklich du erlangeft 
Und fie glüdlih aus der Veſte bringeft, 
Hab’ dann Acht im Felde von Udbina, 
So der Weg vorbei dich führt am Wachtthurm! 
Rüuͤckwaͤrts ließ bier Muftafa drei Freunde, 
Ließ zurüd fie auf des Wachtthurms Höbe 
Ihm den Thurm zu ſchüten vor den Zenggern, 
Bor der Zengger Ueberfall Udbina, 
Und ibm felber beiguftehn im Unfall, . 
Wenn zu hart die Zengger ihn bedrängten. 
Keiwan-Aga Tieß er dort, den Alten, 
Mit dem Alten den Likaner Talo, 

ußerdem den Schwefterfohn Ibrahim!” 
I. 15 


— 226 —— 


AU dies merkt Kommen, der Fahnentraͤger, 
Schreitet bin dann dur die weiße Befte, 
Kommt des Abends um die fünfte Betzeit, 
Kommt zur rechten Zeit vor Ferſo's Höfe., 
An die Pforte mit dem Thürring podt er, 
Nuft, die Stimme Muſtafa's nahahmend : 
„Bundesihwefter, lieblihe Haikuna, 

Deffne fchnell des weißen Hofes Pforte! 
Schwer im Arm mir liegt die ſchöne Andie, 
Hart am Fuß mir folgen die Verfolger, 
Schmerzbaft furdhtbar find die Zengger Wunden, 
Und erfhlagen alle meine Freunde!” 


Da Haifuna dies, dad Mädchen, höret, 

Sft vergebens all ihr Wis und Klugfein, 
Läßt vom Klang der Stimme fie fih täuſchen, 
Meint, ed wäre Muftafa, der rufet, 

Seht hinaus und öffnet ſchnell die Pforte. 
Doch, wie fie des Hofes Pforte aufthut, 
Bliden hell die Spangen ihr entgegen, 

Und mit Schred erkennt fie den Haiduken. 
Fliehn zurüc glei in die. Höfe will fie. 
Komnen aber faßt fie an dem Arme, 

Faßt mit einer Hand fie an dem Arme, 

Holt hervor ein Tüchlein mit der andern, 
Schlingt es eilends um den fhönen Mund ihr, 
Hebt fie dann auf feine Heldenſchultern, 
Schlingt fie feft mit feinem breiten Gürtel 
Und darüber mit dem Säbelriemen 

zrägt hinaus fie aus Udbinas Mauern, 

Eilt dahin durch's Flachfeld von Udbine. 


— 217 > 


Morgens, da es Morgen eben worden, 
Und der Frühſtern ſchimmernd war erfhienen, 
Kommt vorbei’ er an dem öden Wachtthurm. 


Aufgewacht indeß ift Keiman= Age, 

Schaut hinaus in’s morgende Gefilde. 

Fernher ſieht den Mann er auf der Ebne; 

Doch erkennen kann es nit der Alte, 

Wer dies fei, der alfo früh worbeizieht, 

Steigt vom Thurme, zdumt ein ſchnelles Weißroß, 
Schwingt fih drauf, und eilt hinaus in's Weite. 


Bald erreiht den Mann er auf der Ebne, 
Bald erkennt Komnen er auch den- Zengger, 
Kennt dad Mädchen auf des Zenggers Rüden. 
Schnell vom Gürtel reißt er die Piftole, 
Will von rüdlings fhießen durch den Leib ibn; 
Doch nicht wagt er's ob des jungen Mädchens, 
Sudt den Helden feitwärts zu umgehen. 


Heimlih, während Keiwan ihn umgehn will, 
Lad’t jedoch Komnen die Damascenrin, 
Faßt in’s Aug’- den alten Keiwan⸗Aga, 
Faßt in’s Aug’ ihn, gibt der Pfanne Feuer, 
Trifft ihn links grad’ in die linke Seite, 
Daß das Blei zur rechten ihm herausfährt, 
Und ein Stüd der Leber mitherausreißt. 
Keiwan-Aga ftürzt zur Erde fterbend, 
Durch's Gefilde herrnlos irrt fein Weißroß, 
Und Komnen flieht weiter durch's Gefilde. 
13 * 


— 21233 — 


Da erſchauet Talo der Likaner, 

Riederſchauend aus dem oͤden Wachtthurm, 

Wie Komnen den alten Keiwan toͤdtet, 

Steigt vom Thurme, gürtet feft fein Grauroß, 
Zliegt hinaus in's morgende Gefilde. 


Bald erreiht auch Talo den Haidufen. 

Da es fieht, welch' Kleinod der entführe, 

Reißt vom Gurt er grimmig die Piftole, 

Win von rüdmwärts durch die Bruft ihm fhiefen. 
Doch auch er will's um der Maid nicht wagen, 
Sondern ſucht, wie er ihn feitwärts treffe. 


[x 


Heimlih, während Talo feitwärts einlenft, 
Lad’t jedod Komnen die Damascenrin, 

Faßt in’s Aug’ den flinfen Grauroßreiter, 
Schießt und trifft ihn durch die Linke Seite, 
Daß das Blei berausfährt durch die rechte 
Und ein Stüd der Leber mitbheraußreißt. 
Sterbend ftürzt zur Erde der Lifaner, 
Herrnlos durch's Gefilde irrt fein Grauroß, 
Und Komnen flieht weiter durch's Gefilde. 


NRüdwärts eben von dem Fühlen Waſſer 

Kehret Zerfo zu dem öden Wahtthurm. 

Da erblidt er im Geflld dad Flammen, 

Wie Komnen juft Talo ſchießt vom Roffe. 
Nieder eilt er in den dunfeln Stall glei, 
Schnallt die Gurten feft um feinen Falben, 
Schwingt dem Zalben flink ſich auf den Rüden, 
Zliegt hinaus, verfolgt den kühnen Bengger. 


— 229 — 


In's Gebirg Iängft iſt der Held entkommen, 

Eh’ ibn Ferſo einholt auf dem Falben, 

Und von Ferne ruft er zu dem Türken: 

„Bleib’ doch rüdwärts, guter Freund! Bleib’ rüdwärts! 
Iwo, meinem lieben Bundesbruder, 

Iſt beftimmt zur Ehfrau deine Schweſter! \ 
Schmerzen tbät’ mich's, müßt’ id dir ein Leid thun!“ 


Ferſo aber hört nicht auf den Zuruf, 
Bleibt nit rüdmwärts, reitet immer näber. 


Ein mal noch ermahnt Komnen ihn treulih: 
„Bleib’ zurüd, auf daß du’s nicht bereneft! 
Streckt' zur Erd’ ich jene beide ‚Helden, 

Schoß fie nieder mitten auf der Ebne, 

Sollt', o Zerfo, did, der du der Schwaͤchre, 
Sollt' ih im Gebirge dich nicht treffen? 

Drum bedenke, was die Alten fagen: 

In's Gebirg nicht folge dem Haiduken!“ 


Dod auf dies auch mag nicht Zerfo achten, 
Reitet an den Leib grad dem Haiduken. 


Wild darob ergrimmt der Kahnenträger, 

Lad't auf's nen die ſchlanke Damascenrin, 

Legt an einen Zannenaft die Tödt’rin, 

Faßt in's Aug’ den kecken Yalbenreiter, 

3ielt in's Herz ihm zwiſchen beide Spangen — 
Und, faum daß die Damascenrin auffhallt, 
Liegt am Rand des Felfenfteges Zerfo, 

Liegt im Grafe, ringend mit dem Tode. 

Zu ibm eilt Komnen, der Zabnenträger, 


— 230 e— 


Zödtet, daß er mit dem Tod nicht ringe, 
Toͤdtet vollends mit des Schwertes Schärf’ ihn, 
Faßt am Zaum den herrenlofen Zalben, 
Schwingt fi auf und hebt zu ſich Haifuna, 
liegt von binnen durd die thau'ge Bergſchlucht. 


Tief im Wald, im ſchatt'gen Waldgebirge, 
Ueberfommt ein mächt'ger Durft den Helden, 
So wie Helden ftetd nad heißer Feldſchlacht. 
Dur den Bergmwald an des Weges Saume 
Hört er da ein Fühles Wafler rauſchen, 
Lenkt denn hin, am Waffer fi) zu laben; 
Doch wie er der Fühlen Flut ſich nähert, 
Schalt Getöfe wild an feine Ohren. 

Erſt erftaunt Kommen, der Zahnenträger, 
Bald jedoch Ienft rückwärts er den Falben, 
Bindet feft ihn an der Tannen eine, 

Zeit Haikuna an der Tannen andre, 

Faßt die Damascenrin um die Mitte, 
Stiehlt bedacht von Tanne fi zu Tanne, 
Stiehlt heran fi bis an’s fühle Wafler. 
Hei! Was ficht er! An des Waſſers Rande 
RKuhn im Schatten dreißig Ubinianer, 

Seder eine Jungfrau an der Seite. . 
An der Seite Muftafa’s, des bern, 

Ruht im Raſen die gepriefne Schönheit 
‚Angelia, Komnen's liebe Schwefter 

Und des edlen Kapitäns der Zengger! 


Da Komnen died fieht, der Fahnenträger, 
Lad’t er nochmals feine Damascenrin, 


— 231 — 


Legt an einen Tannenaft die Tödt'rin, 

Faßt in’s Auge Muftafa-den Obern, 

Schießt — und trifft den Türken alfo trefflich 

In den Knopf grad, dran das ſtarke Herz fchlägt, 
‘Daß er leblos hinftürzt an das Waffer. 


Kaum dad Blei dem ſchlanken Rohr entfahren, 
Springt Komnen empor zum raſchen Angriff, 
Heißt vom Gurt den grünen Helvdenfäbel, 

Ruft mit lautfter Stimme nad dem Bergmald 

— Bon dem’ Ruf erzittern Feld und Baumftamm, 
Regnen rings die Nadeln von den Tannen — 
„Auf! Mir nad! Hieher, ihr wadern Zengger! 
Todt am Boden liegt der Türken Fuͤhrer, 

Loft nun fangen lebend uns die Andern! 
Ruft's, und ftürzt fi Fämpfend auf die Türken. 
Schwerer Schreck befällt darob die Türken. 
Zitternd fliehn fie nach verſchiednen Seiten, 

Zwei nicht fieht deflelben Wegs man fliehen. 


Doch Komnen, der muth’ge Fahnenträger, 

Zritt nun an das Wafler zu den Maͤdchen, 
Troͤſtet fo die arg erſchreckten Iungfraun: 
„Fürchtet nichts, o meine dreißig Iungfraun — 
Bor euch fteht von Zengg die ganze Truppe!” 


Rach dem todten Muftafe nun fhaut er. -. 

Doch, o fieh! Noch fhlägt das Herz dem Türken! 
Ein mal fhwingt Komnen darum das Schwert noch, 
Trennt dad Haupt, das rothe, ihm vom Numpfe, 


— 232 — 


Streift vom rothen Schwerte dann dad Blut ab, 
Birgt es in die blanke Silberſcheide, 

Tritt heran an's rauſchende Gewaͤſſer, 

Labt ſich an des Waſſers kühler Welle. 

Friſch darauf die Damascenrin lad't er, 

Hängt ſie an die breite Heldenſchulter, 

Nimmt das blut'ge Türkenhaupt vom Boden, 
Geht, und heißt die Jungfrauen ihm folgen. 
Rückgekommen zu den beiden Tannen 

Bindet er vom Baume los Haikung, 

Fuͤhrt fie vor die ſchoͤne Angelia: 

„Angelia, ſeltner Brautgeleiter, 

Sich Haikuna, unfre liebe Schwägrin!“ 

Bindet los vom Baume nod den Zalben, 
Schwingt dem flinten Thiere auf den Grat fig, 
Schlägt den nächſten Waldesweg nad Zengg ein. 


Wer Ihon ſah ſolch niegefehne Wunder ? 
Dreißig Doczeitögäfte, dreißig Mädchen 
Um die Braut, die lieblide Haikuna, 

Und ein Maͤdchen, Schönheit Angelia, - 
Keben ihr ald flinfer Brautgeleiter — 
Alſo ziehn nad Zengg fie, nad der Befte. 


Bor der Befte no zwei Wegesſtunden 
Geht dem feltnen Zug die Sonne unter, 
Und zwei Stunden Nachtzeit find vorüber, 
Da fie .eingiehn durch die weißen Thore. 


Da fie nah find Iwo's weißen Höfen, 
Sicht Kommen, der muth'ge Zahnenträger, 


— 233 —— 


Bieler Kerzen Schimmer in der Stube, 
Schweigt jedod, und denkt bei fi im Stillen: 
„Was doch wol die Kerzen drin bebeuten, 
Zahlreich, wie ich niemals fie geliehen?” 


Schweigen aud die dreißig Mädchen beißt er, 
Dos Fein Wort die fihre Stile ftöre, 
Heimlih will er treten in die Stube. ° 


Da er hingeht unter'm hohen Söller, 

Hei, wie lärmt ed in der obern Stube! 
Schweigend aber Flimmt die Trepp' binan er, 
Und geräufhlos folgen ihm die Mädden. 


Da jedod er anlangt vor der Stube — 
Welch ein großed Wunder muß er fchauen! 
Zu fih bat von ˖Zengg die edlen Helden, 
Zu ſich Iwo allefammt beſchieden, 

At und Jung und alle Herrn der Befte, 
Zu begehn das Todtenmahl des Areundes, 
Zodtenlieder, traurige, zu fingen, 

Wein auf feiner Seele Heil zu trinken. 


Da Kommen dies fieht, der Zahnenträger, 
Reißt er auf die Stubenthüre plötzlich, 
Bietet froben Abend der Berfammiung, 
Wirft das Haupt des Türken auf die Tafel: 
„Frohen Abend, edle Zengger Herrſchaft!“ 


Da von Zengg die Helden ſolches ſchauen, 
Springen fie erftaunt von ihren Sigen, 


- 


— 234 — 


Springen auf, fo Junge wie auch Alte, 
Schließen in die Arme ihn und füflen: 

„Wohl uns, wohl, daß folder Held der Unfre, 
Solcher Held, Komnen der Zahnenträger!” . 
Wer nicht zufann an den wadern Helden 

Ihm dad weiße Angefiht zu küſſen, 

Küßt die Hand, den Saum ibm ded Gewandes. 


Lang’ no haben Alle nicht gefüßt ihn, 
Ald auf's neu die Stubenthür ſich aufthut, 
Und berein die dreißig Mädchen treten — 
Ihnen voran. Schönheit Angelia, 

An der Hand die lieblide Haikuna. 


Nun erft — wer doch ſchauen durft die Freude! 
An die Tafel fegen fi die Helden, 
Nöthigen-Komnen, den Zahnenträger, 

Köth’gen ihn, fi obenan zu fehen, 

Hcben auf fein Wohlſein an zu trinfen. 

Zwei mal felber trinfen auf fein Wohl fie, 
Reihen ihm zum dritten mal den Becher. 


In die Rechte nimmt Komnen den Becher, 
Nimmt den Becher, zeichnet mit_dem Kreuz fidh, 
Danfet Gott und danft dem heil'gen Jowan: 
„Dan? dir, Herrgott! Dank dir, heil'ger Iowan! . 
Gute Beute liegt ihr mich erwerben! 

Gabt Haikuna mir, das liebe Mädden, 

Ließt mid abhaun dreien Türken Häupter, 
Ohn' Gefahr umgehn den weißen Wachtthurm, 
Heimmärtd diefe dreißig Jungfraun bringen, 


— 238 >» 


Die entführt hat Muſtafa, der Türke, 

Und ihm ſelbſt das Haupt vom Rumpfe ſchlagen! 
Kun, o wackrer Kapitän der Zengger, | 
Hier des Zürfen Haupt dir zum Geſchenke! 
Doch auch zum Geſchenke hier Haikung, 

Dein Gut und das meine, wackrer Bruder — 
Hab' ja nicht, mit wem ich ſonſt ſie theilte! 
Deine Spangen, die auch trage ferner! 

Mir jedoch gehört die Damascenrin — 

Solches Rohr gebührt für ſolchen Helden; 

Und fürwahr, michts fol von ihr mich ſcheiden, 
Eh’ von mir die Seele felbft nit ſcheidet!“ 


Schlanke Tanne, ewig mögft du grünen! 
Treue Freunde, ewig mögt ihr froh fein! 
Und gepriefen ewig fei der Edle, 

Der hinauszieht, und befämpft den Erbfeinn! 


— 236 — 


Wie Iwo mit Wutſchko Liubitſchitſch glücklos 
kämpft. 


Kl uͤhlen Rothwein trinken ſechzig Zengger 

In dem weißen Zengg zunächſt dem Thore. 

Ueber ihnen weht ein ſeidnes Banner, 

Dran zu ſchauen vierundzwanzigäſtig 

Ein vielpraͤcht'ger Zitterballen, ſilbern, 

Drehnd um eine Spindel ſich im Windzug 

Mit dreibundert feinen Zitternadeln. 

Wie fih um die Spindel dreht der Ballen, 
Rauſchen die dreihundert Zitternadeln, 

Gleichwie Laub rauſcht, leis bewegt vom Zugwind. 


Zu den Freunden ſpricht der Zengger Iwo: 
„Wackre Freunde, ſechzig edle Zengger, 
Trinket Rothwein, ſeid mir guter Dinge! 
Morgen mit des weißen Tages Anbruch 
Ziehn wir über's Welebitgebirge, 

Ziehen hin gen Gratſchaz in die Berge, ⸗ 
Wutſchko dort; den Ljubitſchitſch, zu ſuchen! 
Denn bei ihm iſt Juriſch's gute Büchſe, 
Harambaſcha Plawſcha's gutes Handſchwert, 
Jung Thadia's Spangenpaar, das fhwere, 


— 237 9 


Und der Kalpak Merkonitſch's fammt Reiher, 
. Und das trägt und Zenggern er zum Troge!” 


Und die ſechzig edlen Zengger trinken, 
Trinken ihren Wein, find guter Dinge, 
Zrinfen, bis der weiße Tag heranbridt. 


Morgens drauf, bei frühftem Tagesanbrud, 
Biehn fie über's Welebitgebirge, 

Kommen an vor Gratſchaz im Gebirge, 
Biehn umber drei Tage in den Klüften, 
Zage drei und aud drei finftre Raͤchte, 
Suchen Wutſchko Lyjubitſchitſch allüberall, 
Suchen ihn, und können ihn nicht finden. 


Unter'm Shore in der Befte Gratſchaz 
Sitzt indeffen Wutſchko, Kühlwein trintend, 
Sist bei feinem Freund Gratſchanin Marko. 


Da er trinkt, da kommt ihm zu die Kunde: 
„Trinkſt, 0 Wutſchko Ljubitſchitſch, zum Unglüd ! 
Trinkſt zum Unglüd, figeft bier beim Weine! 

In den Klüften fuhen di die Zengger, 

Und du figeft, trinfeft Fühlen Rothwein!“ 


Kaum daß Wutſchko ſolches Wort vernommen, 
Springt empor er auf die leichten Beine, 
Nimmt an ſich Thadia's goldne Spangen, 
Gürtet um das gute Handſchwert Plawſcha's, 
Sept auf's Haupt des Merkonitfhen Kalpak, 
Nimmt zur Hand des Helden Juriſch Buͤhſe. 


—d 238 9— 


Zu ihm fpridt fein Bundesbruder Marko: 
„Mitnimm, Bruder, dreißig Gratihanianer ! 
Beffre Kämpen find fie ald die Zengger; 
Schießen gut, fo wie die Zengger felber, 
Mit den Säbeln haun fie noch viel beffer !” 


Ihm darauf zurüd der Ljubitſchitſche: 

„Wahrlich, Bruder, auch nit Einen nehm’ ich! 
Soll id Herzleid vielen Müttern fchaffen ? 

Beffer ift’s, daß nur die meine Plage! 

Soll ich tödten vieler Schweftern Brüder? 

Beffer iſt's, daß meine nur allein fei! 

Sol zu Witwen viele Zraun id machen? 

Beffer iſt's, daß meine nur verwitwe!“ 

Spricht's und eilt von Gratſchaz nah den Klüften. 


Was ihn .führt, das ift ein günftig Schidfal, 
Zührt ihn bin grad wo die Zengger lagern. 


Gott zum Gruße bietet er den Zenggern: 
” Helf euch Gott, ſo Trupp wie Harambaſcha!“ 


„Gnade Gott dir, unbekannter Rede! 

Da du alfo durch Geklüfte ftreifeft, 

Kennft du nit den Ljubitſchitſchen Wutſchko? 
Weißt du nicht, wo geftern er genaditet, 
Nicht, wo er zu nachten denfet heute?” 


Afo Wutſchko Liubitfhitfh zurüd drauf: 
„Bundesbruder, wackrer Harambaſcha! 
Sag', was haſt du, daß du Wutſchko ſucheſt? 


— 





—d 339 — 


Hat er Schimpf erwiefen deiner Mutter? 

Hat er dir geliebt die treue Haudfrau? 

Hat er did zum Zweikampf ausgefordert? 
Sag’, was haft tu, daß du nad ibm audgehft? 


„Sine Buble fei ihm feine Mutter — 
Schimpf erwielen hat er nicht der meinen, 
Nicht geliebt aud meine liebe Hausfrau, 
Koh mic felbft zum Zweikampf audgefordert ! 
Dod bei ihm ift Juriſch's gute Büchſe, 
Harambafha Plawſcha's gutes Handfhwert, 
Jung Thadia's Spangenpaar, das ſchwere, 
Und der Kalpak Merkonitſch's fammt Reiher! 
Lauter heil’ Gewand und heile Waffen, 

Nach der Reihe, unſrer Harambaſchen, 

Das er trägt uns Zenggern zur Verhöhnung!“ 


Alſo Wutſchko Ljubitſchitſch zurück drauf: 
„Selbſt ein Buhler, Buhlen-Harambaſcha! 
Buhler ſelbſt und Würſting einer Buhle, 

Den mit Recht die Helden alſo ſchimpfen! 

So ich Juriſch's gute Büchſe trage 

Und mit Plawſcha's gutem Schwert mich gürte, 
Hab' im Kampf die Waffen ich erworben, 

Sie erobert, doch geſtohlen nimmer! 

Hab' als Weib verkleidet ihn gefangen, 

Hab' ihm dennoch Leides nichts erwieſen, 

Hab' das Schwert nur losgeſchnallt vom Gurt ihm! 
So ich trag' des Merkonitſchen Reiher, 

Iſt's als Beute, da ich ihn erſchlagen! 

So ich trag Thadia's goldne Spangen, 


— 20 0 


- 
n 


Iſt's, weil id lebendig ihn gefangen! 
Was id trag’, ift Stegesgut, nit Diebftahl! 
Und nun, Bubler, tbue, was du thun willft !” 


Da dies hört der Truppe Harambaſcha, 
Kniet er auf das rechte Knie zur Erde, 
3ielt nad ihm mit feiner Büchſen einer; 
Doch die Büchſe, ftraf’ fie Gott, verfagt ibm. 
3ielt nad ihm mit feiner zweiten Büdhfe, 
Drüdet ab — doc fie aud gibt nicht Feuer! 


Da dies Wutſchko Ljubitſchitſch erfichet, 
Kniet er felbft auf's Linfe Knie nun nieder, 
Feuert ab die gute Buüchſe Juriſch's. 

Einft im Heere war geftanden Wutſchko, 
Trifft gar wol der Truppe Harambaſchen, 
Sagt ibm durd die rechte Hand die Kugel, 
Daß der Held zur. Erde rüdfinft blutend. 


Gleich herbei. die ſechzig Zengger eilen, 

Ihres Häuptling rothes Blut zu ftillen. 

Wutſchko aber fliegt, der Ljubitichitiche, 

Nimmt der Zengger ſeidnes Kriegesbanner, 

Jagt damit, dem Wind glei, gegen Gratſchaz — 
Ihm nad fliegen alle ſechzig Zengger. 


Da von ihnen Wutſchko ſich bebrängt fieht, 
Faßt mit feiner Linken er das Banner, 

Mit der Rechten das geichliffne Handſchwert, 
Wehrt fi wader mit dem blanfen Schwerte, 
Zödtet dreißig von den fehzig Zenggern, 


— Hi > 


Jagt vor fi in Zludt die dreißig Andern, 
Kehrt zurüd drauf nad dem weißen Gratſchaz. — 


Da er einzieht in dem weißen Gratſchaz, 
Und vor ſich das Zengger Banner herträgt, 
Da empfangen froh ihn die von Gratſchaz, 
Wählen in der Stadt ihn zum Sardaren 
Ueber vier mal hundert wackre Helden, 
Schenken ihm ein Haus an der Schegawa, 
Wie es heut zur Stelle noch zu ſchauen 
Und nod trägt des Liubitihitichen Namen. 


— 42 ö— 


Wie die Zengger jagen. 


Auf zu jagen machen ſich die Zengger, 
Gluͤckeswegen, Morgens früh am Chriſttag, 
Moͤchten gern ihr Heldenglück verſuchen. 


Gott und ihr Geſchick jedoch die fügen's, 

Daß es klares Wetter iſt bis Mittag, 

Nach dem Mittag ſich die Himmel trüben 

Und am Abend Schnee fällt, froft'ger Sturm weht, 
Daß die Spangen an die Leibchen frieren 

Und die Leibhen an die dünnen Hemden, 

Und die Hemden an die Heldenglieder, 

Und die Säbel an die Heldenhüften. 


Da dies Iwo fieht, der Zengger, ſpricht er: 
„Weißt, o Bruder, Zabnenträger Juro, 
Weißt du nit von Stein wo einen Ofen, 
Daß darin ein Feuer wir entzünden, 

Dran erwärmen unfre Heldenglieder?” 


Drauf erwiedert Juro ibm, der Zengger: 
„irgend, Bruder, weiß id einen Dfen. 


— 243 — 


Doch nit weit von bier im Waldgebirge 
Weiß ih wol ein Kirleiu, Petrowiza. 
Könnten wol ein Zeuer drin entzünden, 
Dran erwärmen unfre Heldenglieder !” 


Da im Wald das Kirdlein fie erreichen, 
Ruft den Freunden Iwo zu, der Zengger: 
„Auf, o Brüder! Wackere Genoſſen! 

Brecht von den Gewehren los die Kolben! 
Brecht von euern Säbeln ab die Griffe! 
Auf! Laßt ſchnell ein Zeuer uns entzünden!” 


Drauf jedoh der Zahnenträger Juro: 

„Nicht doch! Nicht verderbt die ſchlanken Rohre, 
Nicht die Rohre, nit die blanfen Säbel! 
Brauchen wol noch dürften wir die Waffen! 
Beffer iſt's, ein Feuer zu entzünden 

Aus den Kirdenbänten, Pulten, Leudtern! 

Was wir heut’ verwüften, uns zu wärmen, 

An des heil'gen Peter's fhönem Tage 

Können reichlich wieder wir's erfegen!” 


Weile finden ſolches Wort die Freunde, 
Brechen ab die Bänke, Pulte, Leuchter, 
Schüren an ein bellauflodernd euer, 

Wärmen dran bie frofterftarrten Glieder. 


Ald ed nun am Morgen Morgen worden, 
Seht hinaus der Yahnenträger Juro, 
Umzuſchaun fi vor dem weißen Kirchlein. 
Sieh' — da liegt der Schnee bo auf dem Dache, 
Bor dem Kirdlein eine Schar von Türken. 
16* 


—_ U — 


Da dies Iuro. fieht, der Kabnenträger, 
Kehrt zurüd er in das weiße Kirchlein, 
Kebrt zurüd und rufet zu den Freunden: 
Auf die Beine, Brüder und GSenofien! 
Zu den Säbeln! Auf! Zu det Gewehren! 
Türken haben nädtlih und umlagert!“ 


Drauf empor von Zengg die mwadern Helden, 
Wehren fih mit ihren ſchlanken Rohren, 
Zeuernd, fo lang Blei und Pulver reichen. 


Da fie Pulver, doch nit Blei mebr haben, 
Spricht von Zengg der Zahnenträger Juro: 
„Nicht verzagt, o Brüder und Genoffen! 
Hierher feht! An meinem Oberkleide 

Trag' ich dreißig ſchwere Silberfnöpfe, 

Bon mir felbft im Kugelguß gegoffen ! 

Laßt uns unfre Rohre damit Inden, . 

Shaun, ob Silber beffer nit ald Blei trifft!” 


Mit den ſchweren Silberfnöpfen Juro's 
Laden nun die Dreißig ihre Rohre, 
Streden niever dreißig von den Türken, 
Züden drauf die blanfgewepten Säbel, 
Meseln nieder, was die Rohre fchonten, 
Ziehen heim nad Zengg, der weißen Befte, 
Singend Lieder, daß es hallet wieber. 





Mie Iwo zum zweiten male freit und Chadia 


ſich von ihm Losfagt. 


Da zu freien Iwo wieder denket, 

Zreit er um ein Mädchen in der Kerne, 
In der Zerne, an der Meeresfüfte, 

Zreit bei einem Ban des” Küftenlandftridye. 
Iwo freit, der Ban gibt ihm die Tochter. 
Biel dabei verſchwendet Iwo Geldes, 
Golddufaten, vol drei Schuhe, ſpricht man, 
Sest auf lange Zeitfriſt an die Hochzeit, 
Sedt fie an nad eines Jahres Dauer. 
Wenn der weiße Weizen ihm gereift erit 
Und die Mebe in den WBeingebirgen, 

Bil er ſchuucke Hodzeitsgäfte fammeln, 
Wil zurück zur Meeresfüfte kommen, 
Ruſchiza, das Braͤutlein, beim dann führen. 


Da — wer ſah die Schmach und Schande jemald? 
Macht fi amf der irnppenbäuptling Mehmed , 
Aus Udbine im Gebiet der Tuͤrken, 

Ueberwirbt dem Kapitän das Mädchen. - 
Mehr des Geldes wendet auf der Türke, 
Golddukaten, voll fehd Schuhe, ſpricht man, 


— 246 6 


Lauter blanke, gelbe Golddukaten, 

Sedt auf kurze Zeitfrift an die Hochzeit, 
Bon dem einen Freitag nur zum andern, 
Bis er ſchnell nad Udbina nur heimzieht 
Und die fhmuden Hodzeitögäfte fammelt. 


Da -dies Schön’ Ruſchiza fieht, das Mägplein, 
Kimmt ein Blatt fie, nimmt das Schreibgeräthe, 
Fertigt aus ein Brieflein auf den Kuieen, 
Schreibt nad Zengg an Iwo, den Berlobten: 
„Iwo, du mein erftes Glück, o höre! 

Sammle Smwaten nit, verſchwende Gold nicht, 
Sondern fammle dreißig junge Helden, 
Auserwählt, die Beften vor den Beſten, 

Die es vorziehn, einen Kampf zu kämpfen, 

Als zu fhlürfen glübend heiße Rakia — 

Harre mein im Prolom-Waldgebirge!“ 
Schreibt alfo und fendet ab das Schreiben. 


De das Schreiben Iwo in die Hand kommt, 
Und er fieht, was ihm das Schreiben kündet, 
Schlaͤgt er mit der Fauſt fih an die Kniee: 
„Web mir, weh bei Gott! Und foll der Türke, 
Sol er wirklih mir die Brant entführen?” 
Ruft drauf feinen Schwefterfohn Thadia: 
„Auf Thadia! Schwefterfohn, mein lieber! 
Weh' hinaus zu meinem ſchlanken Thurme! 
Mol’ das Banner auf! Bohr’s in den Nafen! 
Feure ab zwei baflende Piftolen! 

Gib ed kund dem weißen Zengg zur Stunde, 
Daß ſich fammeln dreißig wadre Helden! 


- 


— 21 — 


Doch laß ſchlechtes Volk nicht nahn dem Banner, 
Sondern Helden blos, der Beſten Beſte! 

Denn, dies wiſſe, Mehmed von Udbine 
Will, der Beg, das Braͤutlein mir entführen!” 


Kaum daß diefes jung Thadia böret, 
Stedt er aus das aufgerollte Banner, 
Feuert ab zwei ballende Piftolen, 

Gibt fo fund das Aufgebot den Zenggern. 


Auf das Zeichen kommen dar die Helden, 
Zunge Zengger, dreißig von den Beften. 
Sung Thadia fteht in ihrer Mitte, 

Und: um ihn ber rauſcht das grüne Banner, 
Wehn im Wind die bunten Zabnenbänder, 
Wartet bis au Iwo kommt, der Zengger. 


Da der kommt, da brechen auf die Helden, 
Biehn hinaus in's Prolom = Waldgebirge, 
Kommen an am Kreuzweg im Gebirge, 
As die Türken wol ſchon bingezogen, 
Doch noch nicht zurädgelehrt vom Meere. 


Hier nun harrt des Hochzeitszuges Iwo, 
Wartet bier von Tag zu Tag, drei Tage. 


An des vierten Morgens lihtem Anbruch 
Hallt es lärmend vonder Küfte herwaͤrts, 
Holt es lärmend bis in's Waldgebirge. 
Bon der -Küfte gen den Prolom-Bergwald 
Bieht heran der ſchmucken Swaten Feftzug. 


— 28 — 


Da er’s fieht, Da fpricht der Zengger Jwo: 
„Hat Fein Weib geboren einen Heiden 

Und für meine Schar ihn ausgeräftet, 

Der binabftieg’ aus dem fleilen Bergwald 
Und des Hodyzeitözuges Zahl erfpähte, 

ODb er reih an Roffen und an Helden, - 
Ob es rathſam, daß wir ihn befänpfen?“ 


Drauf entgegnet alſo ihm Thadia: 

„Höre mich, o Iwo, wackrer Oheim! 

Was doch willſt du fremdem Auge glauben? 
Beſſer iſt's, du gehſt und fieheſt ſelber!“ 


Da dies hört der Zengger wackrer Zührer, 
Springt er auf, fteigt nieder aus dem Bergwald, 
Schwingt behend von Tanne fih zu Tanne, 

Dis der Swaten bunten Zug er fchauet. 

Was er ſchaut, find mol breibundert Swaten, 
Auserwählt die beften Udbinianer! 


Da dies fieht der Sengger wadrex Führer, 
Da erihridt er — et doch welde Schande! — 
Klimmt zurüd zu den Gefährten eilends, 
Kommt beftürzt und kündet noch beftärzter: 
„D, ihr wadern Freunde, dreißig Zengger! 
"Wie wir find, wenn Salz wir Alle würden, 
Kaum ein Gaſtmahl falzten wir den Türken, 
Alſo zahlreich ſah ich Mehmed's Swaten! 
Bückt drum nieder in den grünen Raſen, 
Bergt euch unter dunkle Tanuenziveige, 

Bid vorbei er Swaten Madıt gezogen!” 








— 39 3— 


In die Rede füht ibm jung Thadia: 

„Hoͤre mid, mein Oheim, Zengger Iwo! 
Williſt du fliehen, magft du fliehen ſeiber, 
Doch entmuth’ge nicht die edle Schar mir!” 


Doch die Iengger thun nah Iwo's Worten, 
Büden nieder in den grünen Rafen, 
Bergen fid in dunkle Tannenzweige. 


Kimmer aber thut aljo Thadia, 

Sondern fhlüpft von Tanne Flug zu Tanne, 
Bis hinab, wo fi) die Wege Freuzen, 

Legt fi lauerad bier in grünes Buſchwerk. 


Lang’ nit harrt er — ſieh', da nahn die Swaten! 
Boran, hoch auf feinem braunen Rofle, 

Boran kommt der Zruppenhäuptling Mehmed, 
Wirft den blanken Säbel in die Wolfen, _ 
Faͤngt ihn auf mit feiner weißen Rechten. 
Mehmed, dem verwegnen Türkenhaͤuptling, 
Folgt der junge Türkenknabe Osman. 

Hoch auf feines Meppen breitem Rüden 

Siht der Knabe mit gefreuzten Beinen, 

Halb gezückt ruht ibm im Schoos der Säbel, 
Und er felber fohlägt die Tamburine, 

Singt dazu ein tüurkiſch Hochzeitsliedchen. 

Auf gezähmtem Weißroß nach dem Knaben 
Kommt der Türke Plotſcha Sijania. 

Halb gezüdt trägt er auch feinen Saͤbei, 
Trägt gefpannt die Büdfe auf der Schulter, 
Schaut umher bedacht nad allen Seiten. 


—ı u e— 


Ihm nad folgt auf grauem Mofle Talo. 
Talo aber ift ber Brautgeleiter, 
Zührt am Baum das Roß des jungen Bräutleine: 


Angelangt an der beftimmten Stelle, 

Nuft die Braut helllaut aus weißer Kehle: 
„Iwo! Wo doch bift du? Nirgend feift du! 
Sol denn wirklich Mehmed heim mid füsren, 
So zu deiner wie der Deinen Schande?” 


Alles diefes hört und fiebet Iwo — 
Und umſchleicht den Baum doc, eine Biege, 
Eine räud’ge, wenn fie ſpürt die Horniß! 


Jung Thadia au, da er es ſchauet, 

Fühlt das Herz im jungen Bufen zittern. 

So jedoch ermuthigt er fi felber: 

„Herz, was iſt's, was did fo fehr erföhredtet? 
Einmal bat tie Mutter did geboren, 

Einmal, Herz, mußt du aud wieder ſterben!“ 
Kimmt zur: Hand die ſchlanke Küſtenbüchſe — 
Spiegelnd hell, ald wär’ fie lauter Spiegel, 
Hat fie Läufe zwei und faßt vier Kugeln, 
Außer den vier Kugeln nod zwölf Schrote —, 
Legt fie auf in feine fire Linke, 

Bielt nah Mehmed, nah dem Zruppenhäuptling, 
Drüdt fie ab mit der geübten Rechten, 

Trifft fein Biel und trifft’3 an gutem Drte, 
In die Stirne zwiſchen beide Augen, 

Schießt vom Roß in’d Gras herab den Türken. 
Durd die Stirne aber fliegt die Kugel, 


— 284 ⸗ — 


Trifft auch Osman, trifft den jungen Knaben, 
Trifft ihn in die Bruft, grad durch die Spangen, 
Schießt vom Roß in’d Gras herab den Knaben, 
Daß er todt ift, eh’ er langt zur Erbe. 

Do den Anaben auch durchfliegt die Kugel, 
Trifft noch Plotſcha mitten in den Leibgurt, 
Raͤumt hinweg aud vielen aus dem Leben. 


Da die Drei nun tobt am Boden liegen, 

Zabren auf die Andern al’ voll Schreden. 

In den Bergmwald aber ruft Thadia: 

„80 find eure Büchſen? Herrnlos fein fiel” . 
Und auf einmal dreißig Büchſen hallen, 

Und auf einmal dreißig Türken fallen, . 

Und dem Wald entflürzen die Haiduken 

Und verfolgen durch's Gebirg die Anvdern. 


Doch — da feh’ wer Zalo den Lifaner, 

Was der thnt, des Maͤdchens Brautgeleiter ! 
Bom geſchmückten Hoffe reißt die Braut er, 
Wirft fie hinter fi auf feinen Klepper, 
Zliept mit ihr hindurch den fteilen Bergwald. 
Keiner von den Ienggern ift, der's merke — 
Denn beſchaͤftigt find die Edlen alle 

Um der Zürfen rüdgebliebne Beute —, 
Keiner fiebt ihn fliehen, ald Thadia. 

Dhne Sdumniß feht er nah dem Türken. 
Da er doch ihn nimmer fann erreichen, 

Ruft er alfo laut aus weißer Kehle: . 
„Höre mih, o Bafe, holdes Mägdlein! 
Willſt du nit bei jungem Leibe fterben, 


— 2682 — 


Bücke dich dann, bücke dich hernieder, 
Laß mir frei des Türkenhäuptlings Rücken!“ 


Wie er ruft, fo thut das holde Mägbdlein, 
Läßt ihm frei des Türkenhänptlings Rüden. 


Auf die Erde wirft fi nun Thadia, 

3ielt, und ſchießt nad Talo auf dem Graurof, 
Trifft ihn gut, und trifft au firer Stelle, 
Grad in’d Leibchen mitten in den Müden, 
Schießt herab ibn von dem hoben Grauroß. 


Talo ftürzt, auf ihn wirft fich Thadia, 

Trennt dad Haupt, das rothe, ihm vom Rumpfe. 
Dann am Zaum das ſchmucke Grauroß faßt cr, 
Zührt dad Roß und führt das liebe Mädchen 

In den Bergwald zu dem Zengger Iwo, 

Gibt ihm Beides, redet aber alfo: 

„pier, 0 Dheim, nimm dad liebe Mädchen! 
Hier, o Oheim, nimm auch Talos Grauroh! 
Doch von nun an bin ich dein Genoß widt, 
Feige bift du, wo es gilt zu wagen!” 


— 2133 — 


Iwo des Zenggers Schweſter. 


In des Zenggers Inmo weißen Höfen 

Iſt zu ſchaun ein niegefeben Wunder, 

Iwo's Wunderſchweſter Angelia! 

Wie ſie ſchlank iſt und wie hochgewachſen, 

Alſſo iſt fie blendend weiß und rofig. 

Stadt und Land ſchon hat verwirrt dad Maͤdchen, 
Sieben Bane von der Länder ſieben, 

Sieben Könige von Fieben Reihen. 


Um fie wirbt man Marko von Benedig, 
Und zur Schweſter ſpricht der Bruder alfo: 
„pre mid, o ſchoͤne Angelia! 

Wie du ſchlank bift und wie hochgewachſen, 
Alſo bift du blendend weiß und roſig; 
Keinem aber wilft als Weib du folgen. 
Kun, fo nehm’ ich ſelber dich zum Weibe!“ 


Da dies hört die Schweſter Angelia, 

Geht hinauf ſie in die obern Hallen, 
Schneidet ab drei Ellen weißen Linnens, 
Nimmt zwei Schnüre von gediegnem Golde, 





— BB — 


Geht hinaus an's flein’ge Meeresufer, 
Meinet, daß fie Niemand fehe hingehn. 


Marko aber von Venedig fleht fie, 
Geht ihr nad bis an das Meeresufer. 


Angelangt am ftein’gen Meereöufer, 

Sieht fie um fi, ſieht nad allen Seiten, 
Weinet heiße Thränen, redet alfo: 

„Seid, o Ufer, feid ihr meine Schwäger! 

Seid, 0 Wogen, meine Schwägerinnen! “ 
Seid, o Fiſchlein, meine Mannesſchweſtern!“ 
Spricht alfo, verhält die ſchwarzen Augen, 

WIN hinab in's wuͤſte Meer ſich ftürzen. 


Da fteht vor ihr Marko von Benedig, 

Faßt fie ſtark an ihrem ſeidnen Gürtel, 

Hebt fie hinter ſich auf feinen Braunen, 

Schlingt um fie drei mal den ſeidnen Leibgurt 

Und zum vierten noch den Säbelfiemen — 

Andja laͤßt's geihehn und fpricht Fein Woͤrtlein —, 
Reitet beim nad feiner Stadt Benedig. 


As fie nah Venedig fo gekommen, 
Tanzt ein prädt'ger Reigen vor dem Haufe, 
Und der Zengger Imo führt den Reigen. 


— 266 ⸗— 


Der junge Marian. 


Sareibt ein Schreiben Pandſcha von Udbina, 
Schickt nach Zengg es an den Zengger Iwo: 
„Zengger Iwo, daß du mich doch Hörteft 

Und zu mir kaͤmſt an die Meeresküſte, 
Kämeft zur Berföhnung und Berbrüdrung. 
Gnug ſchon ift des Kampfs in unfern Landen, 
Gnug ſchon find der Helden uns gefallen, 
Laß, o Iman, laß uns Zrieden ſchließen! 
Eined aber, Iwo, darum bitt' ih: 

Bring’ den Sohn Mit deiner Schwefter mit dir, 
Deiner Schwefter Sohn, den jungen Marian; 
Dsman, den Arnauten, bring’ aud ich nicht! 
Wilde Zaͤnker find die Jungen beide, 
Könnten leiht und neuen Streit beginnen, 
Selber wir ed mit dem Leben büßen!“ 


Da dies’ Schreiben Iwo in die Hand kommt, 
Und er fieht, was ihm das Schreiben kündet, 
Zreut er fehr fi ob des Schreibens Inhalt. 
Ladet ein von Zengg foglei die Helden, 
Edle Helden, dreißig von den Beften — 


— 26 > 


Heimlih thut er’s, daß der junge Marian, 

Daß der junge Zänfer nichts erfahre —, 

Zührt fie heimlich aud der weißen Befte, 

Führt an's Meer fie, fpät in finftrer Nachtzeit, 
Langt dort an, juft da die Sonn’ emporfteigt. 


Doch no früher war gekommen Pandſcha, 
Saß an breitem Tiſch ſchon mit den Seinen. 
Einer ſaß da an des Andern Seite, 
Pandſcha felber oben an der Tafel, 

Ihm zur Seite Osman, der Arnaute. 


Näher tritt der Kapitän der Zengger, 
Grüßt die Türken, Gott zum Gruße bietend. 


Aufftehn von der Tafel fie dagegen — 
Pandſcha auch von Udbina erhebt fi, 

Breitet aus die Arme, küßt den Helten — 
Und ein Jeder danft den Gruß ihm freundlich. 
Einer nur, will weder fi erheben 

Koh ihm danken — Döman der Arnaute. 
Trotzig fiebt er nah dem Zengger Iwo. 


Einen Sitz drauf räumen ein die Türken, ' 
Einen Sis dem Kapitän der Zengger, 
Daß er fie an der Seite Pandſcha's, 
Zwiſchen ibm und Osman, dem Arnauten. 
Serb’ und Türke fiten fo beifammen, 
Sisen friedlich, trinken Fühlen Rothwein. 


Pandſcha von Udbina trinkt der Erfte, 
Trinkt aufs Wohl des Kapitäns der Zengger. 


— 2357 — 


Iwo nimmt den Becher, trinkt der Zweite, 
Trinkt auf's Wohlſein Osman, des Arnauten. 
Osman der Arnaute nimmt den Becher, 

Trinkt ihn zu dem Freund an ſeiner Seite: 
„Auf dein Wohl! Laß dieſen Wein uns trinken 
Nicht auf Kaiſers Wohl und nicht auf Sultans, 
Nicht aufs Wohlfein irgend andrer Häupter, 
Sondern auf das Wohl des wadern Helden, 
Der zu Fämpfen heut’ nod einen Streit denkt!“ 


Alſo ſpricht er, trinft den rothen Kühlwein, 
Und im Kreife gebt der Becher weiter; 
Serb’ und Türke leeren ibn in Freundſchaft. 


Sehr betroffen ift der Iengger Iwo, 
Sehr betroffen ob der Nede Osman's. 
Unglüd für den Schwefterfohn, den lieben, 
Schlimmes für den jungen Osman fürdtend 
Blickt er hin nad Zengg, der weißen Befte. 


Ein’ge merkten's, Ein’ge merkten's nit auch, 
Wie nad Zengg der Kapitän ftets binblidt. 
Wol jedoch merft’s Osman der Arnaute, 
Sprit alfo zum "Kapitän der Zengger: 
„Buhler, der du bift, o Zengger Iwo, 

Sag’, mad fiehft in Einemfort nad Zengg bu? 
Iſt's nit, weil du Zuzug hoffſt von dorther, 
Zu vernichten, wie wir bier find, Alle?” 


Ihm zurüd der Kapitän der Zengger: 
„Sieh! So möge beiftehn mir mein Glaube, 
1. 47 


— 258 > 


Kit von Zengg erwart’ ih irgend Jemand! 
Kit dran denk' ih, dir zu thun was Leides!“ 


Koh nicht ſprach's der Kapitän zu Ende, 
Sieh’, da wallt's von Zengg heran feldüber, 
Wallt heran gleid einer Wolfe Nebels, 
Walk beranwärts an die Meeresküfte! 

Ein’ge merkten's, Ein'ge merkten's nicht aud. 
Wohl jedoch merkt's Osman der Arnaute, 
Stoͤßt mit ſeiner Hand den Zengger Iwo: 
„Sprich, und weißt du Kapitän der Zengger, 
Was die Wolke Nebels dort bedeutet, 

Die von Zengg heran wallt an die Küſte?“ 


Sehr erwünſcht iſt Iwo dieſe Frage. 
„Gutes“, ſpricht er, „bringt ſie uns, ſo Gott will!“ 


Kurze Zeit jedoch war kaum vorüber, 

Sich’ da wallt die Wolfe immer näher, 
Käber, bis ein Reiter draus hervortaucht — 
Marian iſt's auf feinem guten Schwarzroß! 


Zlin? heran zur breiten Tafel fliegt er, 
Schwingt herab fid vom gezäumten Roſſe, 
Srüßt die Becher, grüßt fie alle freundlich: 
„Sott mit eu, fo Serben wie aub Türken!” 


Auf von ihren Sisen ftehn fie Alle, 
Und der Erfte, der die Arme breitet 
Und ihn küßt, ift Döman der Arnaute. 
Einen Sit drauf räumen fie dem Gafte, 


+ 


—d 2359 9 


Einen Sit an Pandſcha's andrer Seite. 

Marian aber will bei ihm nicht ſihen, 

Seht fi neben Osman, den Arnauten. 

Kun den Zutrunk reihen ihm die Türken. 
Marien aber nimmt den Becher, Preuzt ſich, 
Denft an Gott, wie e8 Geſetz und Sitte, 
Trinkt dem Gaft zu, der ihm fißt der rRäͤchſte: 
„Auf dein Wohl! Und laß den Wein uns trinken 
Nicht auf Kaifers Wohl und nit auf Sultans, 
Nicht aufs Wohlfein irgend andrer Hänpter, 
Sondern auf dad Wohl des wadern Helden, 
Der zu Fämpfen heut’ noch einen Streit denkt!“ 


Alſo fpridt er, trinkt den rothen Kühlwein, 
Schaut ſich an im Kreife dann die Zecher, 
Traut dem Aug’ kaum, da er ſieht beim Beer ' 
Serb’ und Türk’ in brüderlicher Eintracht! 


Biele merken's, Biele merken's nicht auch, 
Wie darob der junge Marian ſtaunet. 
Wol jedoch merkt's Osman der Arnaute, 
Spricht alſo arnautiſch zu den Türken: 
„Schwarz eu'r Leben! Daß euch Schlangen ſtaͤchen! 
Seht ihr nicht, wie wir verloren allſammt? 
Welch ein Blitzſtrahl unter uns gefahren? 
Wie fie ſchaun, bald hierhin und bald dorthin, 
Die zwei Serben in der Türfen Mitte! 
Streit fürwahr und Zanf nur ift ihr Trachten! 
Beffer, wahrlid, tft, daß wir nicht warten, 
Und ein Ieder feinen Nachbar tödte — 

Selbft beginn id mit dem jungen Marian!” 
’ 17* 





— 2360 8 . 


Alfo redet Döman der Arnaute, 

Meinend, daß von JIwo's edlen Freunden 

Keiner auf Arnautiſch ſich verftehe. 

Daß jedoch dad Wunder Jemand fähe! 

Wohl verfteht Der, dem fie gilt, die Rede, 
Wohl verfteht jung Marian fie, der Rede, 
Springt empor gleihwie von Wuth befallen, 
Zückt vom Gurt den blanten Zlammenfäbel, 
Schlägt nad Osman, ſchlägt nad dem Arnauten, 
Theilt entzwei ihn in zwei biut'ge Hälften, 
Schlägt ſodann auch nah den andern Türken, 
Schlägt um fib — und ftaunt nad Furzer Weile, 
Staunet felbft ob feines Armes Walter! 

Sechzig liegen, wo erft dreißig faßen! 

Kieder noch zu ihnen ftredt er Pandſcha, 
Schwingt den SÄbel felbft nad feinem Oheim; 
Shäten die Genofien ihm nit Einhalt, 

Ihn fürwahr au legt er zu den Todten, 

Weil er thöricht Türkenworten glaubte! 


— 361 — 


Wie Iwo firbt. 


Einen Traum träumt Iwo's alte Mutter: 
Zinftre Naht, die ſei auf Zengg geſunken, 
Eingeftürzt der blaugewoͤlbte Himmel 

Und zur Erd’ der, belle Mond gefallen 

Bor Ruſchiza, vor die Zengger Kirche. 
Ale Sterne, träumt fie, fein gekommen, 
Auch der Fruͤhſtern, anzufhauen blutig, 
Und ein arme, graues Kududweibden 
Hab’ gewehklagt auf der Kirche Zinnen. 


Als dem Traum die Greifin fi entrungen, 
Kimmt den Stab fie in die alte Rechte, 
Geht hinaus und geht zur weißen Kirche, 
Sprit dort mit dem Protopop Nedelko, 
Sagt ihm Alles, was fie Nachts geſehen. 


Da der Pop der Greifin Traum vernommen, 
Hebt er an, den Traum {hr fo zu deuten: 
„„Höre mid, 0 greife Mutter, höre! 

Bös Haft du geträumt, und bös erfüllt ſich's! 
Zinftre Nacht fet, über Zengg gefunfen? 

Dir bringt fie Berlaffenheit und Dede! 
Eingeftürzt des Himmeld weite Wölbung 


— 362 > 


Und der Mond auf Ruſchiza gefallen? 

Tod bringt foldes deinem Sohne Iwo! 
Schmerzooll fei'n berbeigeeilt die Sterne? 
Witwen viel und Waifen werden jammern! 
Blutig fei der Zrübftern dir erſchienen? 
Tief befümmert wirft du ihn beweinen! 

Ob der Kirche klagt' ein Kuckuckweibchen? 
Türkenhand wird ſie in Trümmer legen, 
Sie verwüſten, mid, den Greis, ermorden! 


Koh zu End’ nit fprad der Protopope, 
Sieh’, da fommt heran der Zengger Imo! 
Roth ganz ift fein gutes Roß vom Blute, 
Das ihm ftrdömt aus fiebzehn offnen Wunden. 
In der Linken trägt er feine Rechte. 


Bor die Kirche reitet Iwo ſchweigend, 

Bor der Kirche fpridht er fo zur Mutter: 
„Hilf herab, o Mutter, mir vom Rofle! 
Labe mich mit kühlem Weine, Mutter!” 


Wie er bittet, thut zur Stel’ die Mutter, 
Hilft herab ibm von dem müden Noffe, 
Kühlt mit kühlem Waffer ihm die Stirne, 
Labt mit fühlen Weine ihm die Lippen, 
Zragt beforgt: „Ging's fo dir in Italien?” 


Leife drauf erwiedert Iwo dies ihr: 
„Wohl, o Mutter, ging's mir in Italien! 
Biel Gefangne fielen in die Hand mir, 
Biel Gefangne, und nod mehr des Gutes. 





3 — 


Ohne Fahr auch kehrt' ich drauf zur Heimat. 
Doch, o Mutter, bei der erften Rachtraſt 
Sab ih von Berfolgern mid erreidht ſchon. 
Schwarz find fie und ſchwarz auch ihre Roſſe, 
Schwarze Helme fhatten ihre Stirnen. 
Einmal, Mutter, taufhen wir die Kugeln, 
Und von ihnen bleibt am Leben Keiner, 

Und von meinen Freunden fällt nicht Einer. 
Da ih drauf am zweiten Abend rafte, 

Jagt mir nad die zweite Schar Verfolger. 
Weiß find fie, und weiß aud ihre Roſſe, 
Weiße Helme ſchimmern um die Stirnen. 
Einmal, Mutter, taufhen wir die Kugeln, 
Und am Leben bleibt von ihnen Keiner, 

Und von und fällt dies mal auch nidt Einer. 
Da jedod das dritte mal id rafte, 

Sagt mir nad die dritte Schar Berfolger, 
Schwarze Männer, lange Zlinten fhwingend, 
Bid an's Knie in flammenden Gewändern. 
Ein mal wol au taufhen wir die Kugeln, 
Heben dann zu fechten mit dem Schwert an — 
Doch von ihnen, Mutter, fällt nicht Einer, 
Und von uns am Leben ift bald Keiner, 
Keiner, Mutter, ald dein Sohn, der Eine, 
Und auch der verwundet ſchwer zum Tode!“ 
Dies erzählt er — ſinkt drauf todt zur Erde. 


Sonn’ ibm Gott des Paradiefes Zreuden, 
Wohlfein und und Abwehr aller Leiden. 


hy 


Erläuterungen. 


Fie Jakſchitſche. 


Verbeſſerungen: 


©. 15 Zeile 2 v. o. ſtatt Jakſchitſch I. Smwjespitfch: 
» 36 » 11v. u. » Hoͤfe Jl. Roffe. 

»— » 6v. u. » Schmerz l. Schmad. 
»389 » 449.0. » Bogdan I. Dmitar. 


Der Stamm der Jakſchitſche over ver Söhne Janko's ſcheint 
bereit8 zur Zeit Stefan Dufchan’s, Zaren von Serbien, beftanden 
zu haben. Wenigftens gefchieht in einem ber Lieder viefes Zaren 
Erwähnung. Sie hatten ihren Wohnfit in Belgrad, wo man noch 
unlängft das Haus der Jakſchitſche, „Neboiſcha“ geheifen, zeigte. 
Ein Jakſchitſch Demetrius focht zur Zeit des Königs Mathias von 
Ungarn unter ben Bahnen des Defpoten Paul Brankowitſch und 
fand bei Sementria feinen Tod. Der König von Vndim, d. i. Ofen, 
von dem im Liede „Jakſchitſch Todor“ die Rebe ift, möchte dann 
wol König Mathias fein, wiewol vie Gefchichte von einer Ber: 
fhwägerung deſſelben mit ven Iakfchitfchen nichts erwähnt. Der 
Rhapſode fcheint dies Factum erbichtet zu haben, um bie Ange: 
jehenheit ver Iakfchitfche bei Hofe recht hervorzuheben. 





Jakſchitſch Todor. 


...o du grauer Falke! 
Der Falke iſt vas Sinnbild des Helden und der jugendlichen 
Männlichkeit, wird daher oft für Selb, Iungling, Sohn, Knabe 
gebraudht. 


— 268 — 


Holt hervor gleich tauſend Golddukaten. 

Noch jetzt iſt es unter den Serben Sitte, daß der Bräutigam 
oder ſein Vater den Aeltern der Braut ein Geldgeſchenk macht, 
womit er ihnen die letztere gleichſam abkauft. 

Seit mein Gold zur Frau dir ward verheißen. 

Gold iſt das Sinnbild für geliebte Töchter. „Mein Gold“ ift 
fo viel wie ‚‚meine Tochter”. 

..... o Follen Janko's! 

Follen gilt als Schimpfname. 

Dich als Kum in Gott, des Einz'gen, Namen. 

Kum iſt hier in der Bedeutung der Hochzeitswürde gebraucht. 
Siehe übrigens unter den „Fremdwoͤrtern“. 

Wilenroß. 
Edle Roſſe nennt man Wilenroffe, um fie als wunderbare, 
wol auch wunderwirkende Thiere zu bezeichnen, wie es z. B. 
in diefem Liebe ver Fall und wie Scharaz, ver Scherfe Marko's, 
eines ift. ' 


Zarkfchitſch Stjepan. 


Weit, wie rings um Belgrad liegt die Ebne, 

So ein Tropfen aus den Wolken fiele, 

Fiele nirgends nieder er zur Erde, 

Ziele nur auf Rofſſe oder Türken, 

Oder auf der Türfen weiße Zelte! 
Ein dem Eyflus der Koſſowo-Lieder entlehntes Bild, deſſen 
fich Koffanfhitfch Iwan bevient, um feinem Freunde Miloſch 
Obilitfch die Größe der türkifchen Heeresmacht zu bezeichnen. 


Jakſchitſch Dimitrije. 
Nach dem Land Arabien. 
Arabien ſcheint ven ſerbiſchen Sängern überhaupt für den 
- Orient zu gelten. Arapin (der Araber) bat immer das Epi- 
theton an (ſchwarz) bei fi. Die ſchwarzen Araber und Ara⸗ 


— 269 9 


a 


bien fpielen in ven Liedern die Rolle fehr entfernter, fabelhaf⸗ 
ter, kriegerifcher Völker und Länder. 
Und die Hodſchas rufen von dem Dfehamien, 

So viel als: Und die Diuezzim vom Minarete die Betzeit ver- 
fünvden. Bekanntlich werben von ven ſchlanken Thürmen ver 
Mofcheen herab, von-einem hiermit eigens Beauftragten, vie 
Släubigen, fo oft es Zeit zu beten ift, aufgefobert, in bie 
Mofchee zu kommen. 


Der beiden Jakſchitſch Frauen. 
Stefan, er, der Zar von Serbien. 
Wie bereits oben erwähnt, ift hiermit wahrfcheinlich Stefan 
Duſchan, genannt ver Starke, Mächtige, gemeint. 
Bon Budim vermählt den Sohn der König. 
Siehe die einleitende Anmerkung zu den „Iakfchitfchen”. 


Janko der Lataraner und fein Sohn Stojau 
Jankewitſch. 


Verbeſſerungen: 
S. 60 3. 10 v. o. ſtatt auch I. gleich. 
» 69» 12v.u. » Und gelehnet find I. Angelehnet in. 


Janko von Cataro lebte in ver erften Hälfte des 16. Jahr⸗ 
hunderts und feheint ein durch perfönlichen Muth ſowol als durch 
feltene Kühnheit in der Ausführung von Streifzügen fehr ange: 
fehener morlachiſcher Häuptling gewefen zu fein. Ungleich gefeier: 
ter als er ift fein Sohn Stojan Jankowitſch, ven die Repu- 
blik von Venedig im Jahre 1669 feiner Tapferkeit und feines An- 
ſehens wegen zum Kapitän der Morlachen ernannte. Er bezog 
als folcher einen Monatögehalt von zwanzig Dufaten und wurde 
fpäter mit einer goldenen Denkmünze ausgezeichnet. Bei Gelegen⸗ 
heit eines Streifjuges gerieth er mit feinem Freunde und Zeitge: 
noſſen Smiljanitfch in türfifche Sefangenfchaft,- aus ver er 


— 70 — 


® 
⁊ 


erſt nach vierzehn Monaten durch ein kühnes Wagniß wieder ent⸗ 
kam. Bei einem gleichen Streifzuge verlor er das Leben. Seine 
Nachkommen haben ſich bis auf den heutigen Tag in Dalmatien 
erhalten. Als feine und feines Vaters Zeitgenoſſen werben tür- 
fifcherfeits ein gewiffer Muftafa von Kladuſcha, mit vem Bei: 
namen Hernetin oder Hernjanin, dann deſſen Sohn Mujin Alil, 
d. i. All, Sohn Muftafa’s, ferner Ramo von Kowatſchi, Talo 
aus ver Lila mit vem Beinamen Bubalin, d. i. der Tölpel, enplich 
Dsman Tankowitſch von Unbina und Ibrahim aus ber 
Naka genannt, wol zumeift zum Islam übergegangene Serben, 
über veren biftorifche Eriftenz wol noch Aufjchlüffe gefunden wer: 
den bürften. Die Gonfequenz, mit welcher fie fämmtlich inbivibua- 
lifirt find, läßt nicht zweifeln, daß ihnen wirkliche Perfönlichkei: 
ten zu Grunde liegen. Serbifcherfeits werben außer Smilja: 
nitfh noch Wuk Manduſchitſch, Iwo von Zengg, Sca: 
ritſch Zwian ıc. genannt. 


— 


Wie Stojan Jankowitſch die fchöne Slatia erwirbt. 


Gab fie in die Pflege dann, in’s Kämmen. 
Ein Kind ‚„in’s Kämmen‘ geben, heißt, nachdem es ent- 
wöhnt worben, es irgendwo zum Auferziehen unterbringen. 
Nichte du die weißen Kuden, Mutter. 
Es ift Sitte, wenn man um ein Mäpchen anhält over Ber: 
wandte befucht, ihnen Kuchen mitzubringen. Eine Sitte ebenfo 
morgenlänvifchen Charakters wie das Erkaufen der Braut. 


Wie Jankowitſch Stojen aus der türkifchen Ge: | 
fangenfchaft heimkehrt. 
Plieben da neun Jahre. 


Auf welches Maß viefe poetijche Fiction zurüdzuführen jei, 
(ehrt die obige Anmerkung über Stojan's Befangenfchaft. 


. 


— 2 — 


Starina Howak und feine Söhne. 


Berbefferungen: 
©. 102 3.1 v. u. ſtatt quellen J. quiflen. 
» 14» 7v. u. » wollt. willſt. 


Starina Nowak, wörtlih „ver Greis Nowak’, ift der 
ältefte Haiduke, beffen in ven Liedern Erwähnung gefchieht un 
gleichfam der Vater und das Urbild des Haidukenthums. Er lebte 
im 15. Jahrhundert. Mit ihm genannt werben Radiwoi fein 
Bruder, dann Tatomir und Grujo feine Söhne. 





Warum Nowat Haiduke wird. 


1" Irenen, ber Gemahlin des Defpoten Paul Brankowitſch wirb 
die Erbauung Smederewos, d. i. Semendrias, einer alten 
Beftung am rechten Ufer der Donau, zugefchrieben. 

2 Para, eine Heine türkiſche Münze, Y,, Kreuzer Conv.-Münze, 
A Pfennig. 

3 Litre, wahrfcheinlich find hier blos Meine türkifche Dufaten ge: 
meint, deren 100 auf 4 Litre gehen foflen. 

° Drina, ein Nebenfluß ver Same in Bosnien. 

5 Romanien, Urumenlien, Rumili. 

6 Beutel, Golleetioname für eine Summe von etwa 50 I. 
Conv.⸗Mʒe. 

7 Swaten, Hochzeiter. 


Wie Grujo verkauft wird. 


Gruiza, das Diminutiv von Grujo. 


Reich verziert mit dreißig goldnen Spangen. 
Ich glaubte das ſerbiſche „toke“ am faßlichſten mit „Span: 
gen“ wiederzugeben, obwol die ferbifche toka doch immer noch 
etwas ganz anderes als eine deutſche Spange iſt. Man trägt 
die toka oben an der Bruſt, an beiden Theilen des Leibchens, 
als eine ſehr koſtbare, bei Wohlhabenden ſchwer aus Gold 
oder Silber verfertigte Verzierung. Manche toka iſt zum 





— 272 — 


des abgeſchraubten Stückes als Trinkſchale bedienen. 
An- und Abſchrauben eingerichtet, und man kann ſich dann 
Und als zehnte ein beſchlagner Flügel. 

Werner „Agraffe” noch „Flügel“ entfprechen ven ferbifchen Be: 
zeichnungen „ celenka” und „krilo  vollfommen. Beides 
find Verzierungen, die an der Kappe getragen werden, aus 
Flittergold, Zitternadeln, Kunftblumen, Bäntern, Federn. 
Für „celenka’’ gibt es kein correſpondirendes deutſches Wort; 
„kKrilo “ aber heißt wörtlich Flügel, daher ich es auch beibe- 
halten babe. Einbefchlagener Flügel heißt ein mit einem 
Metalihefte an vie Kappe befeftigter. 


Wie Radiwoj von Nowak fcheiden will. 


s Rado, Diminutivum von Radiwoj. 
9 Brescianerin, ſ. Fremdwörter. 


Wie Nowak das Land von Mehmed dem Mohren 


Dieſes Lied ſtimmt mit dem vorhergehenden dem Stoffe nach 
weſentlich überein. Es Handelt ſich um den Tod des Mohren Meh: 
med. Nichtsdeſtoweniger glaubte ich feines eigenthümlichen Tunes 
wegen es hier mit aufnehmen zu follen. 

Radiwoj, du mein geborner Bruder. 
Der Serbe unterjcheivet jehr genau zwifchen feinem Leibli- 
chen Bruber, den er den gebornen oder angebornen nennt, 
und feinem Freunde, ven er Wahlbruder, Bundesbruder heißt. 
Zremde Mutter gab mid aus. 
Srembe Mutter, tudja majka, heißt die Stiefinutter, im 
Gegenfage zu ver eigenen. 


Wie Grujo feiner Bundesfhwefter Sonia beifteht. 
10 Sagorien, eigentlich Sagorje, f. Fremdwörter. 


— 273 > 


Il Grabowo, ein Ort in Bosnien. 
12 Knes, der Obere eines Ortes. 


Wie Grujo freit. 


In Pladin, der weiß gebauten Befte, 

Bei dem Kön’ge der Pladiner felber. 
Ich babe nicht zu ergründen vermocht, was mit biefem „Bla= 
din” und deſſen Könige gemeint fei. Wahrfcheinlich iſt es eine 
bloße poetifche Fiction. 

Wilde Martolofen. 
Das eben Gefagte gilt auch von biefem Namen. 


Kum Boroje auf den Griehentumen u. f. w. 

Die Hochzeitswürbenträger auf der Seite Grtſchitſch Manoilp's. 
Grtſchitſch Manoilo if ein flereotyper Rame, der häufig und 
in den verfchiedenften Situationen vorfommt. „Grk“ beißt 

nicht nur ein Grieche, fondern auch ein Krämer, wie denn 
Namen, die irgend eine Landsmannfchaft anzeigen, uberhaupt 
oft zur Bezeichnung für gewiffe Gewerbe und Befchäftigungen 
gebraudht werben, 3. B. „Slowak“ und „Tiroler“ in einigen 
Gegenden Deftreichs für Haufirer, in Böhmen fogar für ele- 
gante Luruswaarenhänbler, „Gottſcheer“ für Sübfrüchte: 
bänbler. Griſchitſch heißt dann ebenfomol Briechenfchn wie 
Kaufmannsfohn. Manoilo it Emanuel. 


Würdig wäre Garigradd ihr Antlig 
dv. h. Sie wäre wol werth, daß du fie in einem Harem auf: 
nehmeft. Garigrab ift der ferbifche Name für Konftantinopel. 
Willſt du mir ald Kerze lieber leuchten, 
Oder willſt das Schwert du lieber küſſen? 
Willſt du Lieber durch Feuer over nurch das Schwert umlommen. 


— 17: — - 


- Zehn Haiduken. 


Wie Mihat mit dem Paſcha ſpricht. 
Deſſen Maͤhne gleich dem Bart des Hirſches 
Im Originale heißt es „kod jelena brada“, was durch 
obige Ueberfegung wörtlich wiedergegeben if. Was jedoch mit 
viefem Gleichniſſe gemeint fei, vermag ich nicht zu enträthfeln. 


Wie der Fleine Radoiza gefangen tft ꝛc. 


Sag’, was foll id mit den ſchweren Hufen ?. 
Schwere Hufe werben hier bie fehweren großen Eilberthaler: 
ftüde genannt, die größer und ſchwerer fortzufchaffen ſind ale - 
Dufaten, und boch viel weniger ausgeben. 


Iwo der Haibduke. 


Ohne Ringbrot und beraubt des Kopftuchs. 
Ringbrote, ringförmige Brote, welche die Braut ihren Schwie⸗ 
geraͤltern mitbringt. Hier will die Figur ſoviel bedeuten, als: 
ohne Bräutigam, verwitwet. . 

Hündin eine, wunderfhönes Mägdlein! u. |. w. 
Hündin ift im ferbifchen Liede nicht mit jenem fchimpflichen 
Nebenbegriffe gebraucht, ver dem Worte „Hund“ im Deutfchen 
anhaftet. So wie in der zärtlichen Redeweiſe oft mitunter 
aus Zärtlichkeit geflucht wird, ohne damit Böfes zu wollen, 
fo wird auch „Hündin“ gebraucht. Würde das Mädchen früh 
genug Iwo zu ihrem Bundesbruber aufgerufen haben, dann 
hätte er fchon deshalb ihre Swaten verfchonen müfſen. 


Meifter Manoilo. 


Nicht den Hadſchia nad der Kaba wallen. 
Kaba ift vie Zufammenkunft ver Türken, um fich über allerlei 
zu befprechen, Kaffee zu trinken u. f. w. ; außerdem ber heilige 
MWallfahrtsort, das Grab des Propheten. 


— 25 — 


Baiduk Wuksſaw's Ehfrau. 


Bittet ihn und heißt ihn Bundesbruder. 
Jemanden Bundesbruder heißen, bedeutet fo viel, als ihm Bun: 
desbruderſchaft anbieten und ſich hierdurch ſeines Beiſtandes 
verfichern. 

Nur ein Büſchchen, wie bei Helden, laß mir! 
Bekanntlich fcheeren fidh in Bosnien, Herzogow na u. ſ. w. auch 
die chriftlichen Diänner pas Haupthaar bis auf ein Eleines 
Büfchchen glatt ab. Die Morlachen hingegen laflen ihr Haar 
wachſen. 

Mihat nimmt in Gott das Bruderbündniß. 
"Das Bruderbündniß wird in Gott angeboten. „Bogom brate! 1 
Bruder in Gott, oder durch Gott, zum Unterfchieve vom ge⸗ 
bornen Bruder; es wird alſo auch in Gott angenommen. 


Luka Galowran. “ 


Trinken ſatt ſich wie die ſchwarze Erde, 
Ein Bild, von der Erde hergenommen, vie den Regen gierig 


in ſich zieht. 


— — — — — 


Iwo der Zengger. 


Verbeſſerungen; 
S. 220 Zeile 13 v. u. ſtatt als morgens l. als es morgens. 
«mM «9x « Lad'tl. Lädt, und wo es ſonſt vorkommt. 
a 8 u 109.0. « um ber l. um bie. 
«AM « 6».0. « Sarbaren I. Serbaren. 

JIwo von Zengg, ein Zeltgenoffe Janko's von Gataro, Iebte 
ebenfalls in ver zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Er ſcheint 
in Zengg die Würbe eines Stadtkapitäns oder fonft ein Amt be: 
Eleidet zu haben. Mit ihm genannt werben Romnen ber Fah⸗ 
nenträger, feine Neffen Marian und Thapia. 


— 276 0— 


Wie Iwo ein Weib bekommt. 


Sei's in Bott und fei’s im heil’gen Jowan! 


Außer in Gott wird die Bundesbruderſchaft auch noch im Ra: 
men bes heiligen Jowan, das ift Johannes, gefchloffen, was 
wol fo viel bedeuten will, als: „Sein wir Freunde, wie Chri⸗ 
ftus und Iohannes Freunde geweſen!“ 


Abends um der fünften Betzeit Hälfte, 


Der Tag ift bei ven Dlohamebanern in Betzeiten eingetheilt, 
etwa wie noch heutzutage bie Sfraeliten das Morgengebet, 
das Miuffafgebet, das Abendgebet und das Nachtgebet ha: 
den, zwifchen benen fämmtlich eigentlich ein beſtimmter Zeit: 
raum verfließen foll, wenn nun auch nach jabrhundertelanger 
Annahme vie erflen beiden und bie legten beiven unter Ginem 
nacheinander verrichtet werben. Ilm bie Hälfte ver fünften 
Betzeit heißt fo viel, als in der Zeit zwifchen dem vierten und 
fünften Gebete, d. i. in der Dämmerung. 


Reist vom Gurt den grünen Heldenfäbel. 


Die Serben lieben es ihre Schwerter zelen, d. i. grün zu 
nennen. Woher vieles Eyithet? Wäre dies ſigürlich genom: 
men, grün flatt Eräftig, friſch, behend, wie es oft als jugend⸗ 
lich gebraucht wird? Oper käme es vom grünen Widerfcheine 
der grafigen Fläche und des Laubes im Stable? Auch im 
Deutfchen gibt es eine Farbe die ſtahlgrün heißt. 


Wie Iwo zum zweiten male freit u. f. w. 


Wie wir find, wenn Salz wir Alle würden, 
Kaum ein Gaftmahl falzten wir den Türken! 


Diefe Stelle ifi vem Cyklus der Koſſowo-Lieder entlehnt, und 
zwar bem Berichte, ven Iwan Koffantfchitfch an Milofch Obi: 
litfch über die Größe der türkifchen Heeresmacht abftattet. 


— — — — 


Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. 


Die Gefänge der Serben: 





Die 


Gefänge der Serben. 


Yon 
Siegfried Rapper. 


Zweiter Theil. 


mie — — — 
Leipzig: 
F. A. Brodhbaus. 
1832. 


Inhaltsverzeichniss. 


Bon verfiebenen Kämpen und Kämpfen. 


. Seite 
Sawa der Kaludjer. vu u o0 een . 3 
Schloß Stalatſch......................... 10 
Iwo Senkowitſch........ ...... ..... 15 
Der Paſcha von Podgorien zu Iefero . .... . . rennen 30 
Pawle Boretitih . . oo. 0:20 u00. FE 37 
Wuk Andjelitſch................ ........... 40 
Die Helden von Zengg.......... ........ ....... 32 
Ha Smiljanitſch.............. 55 
Dſchengitſch⸗Bekir⸗Paſcha vor Modkwa . ner 000. PER 57 
Moskowitiſche Geſchenke und türfifhe Begengeihente ....... 63 

Srauenlicber. Erſter wie. 
Mutterröslein .. ... 202000. . ....... ... | 
Fluch für Fluch. ..... .................... 72 
Wuͤßt' ih, Antlitz, wer dich einſt wird Hagen! ren 74 
Das Mädchen, das fchöner will fein ald Die Sonne ........ 75 
Bie das Mädchen vorſchnell fhwärt - » 22222200 ..... 76 
Mädchen an der üſte.......... vo... 77 
Meta... 0er nee ne ........ 79 
Hull' den weißen Raten [21 ı VE Pu 81 
Ewig mein bleibt, den ich liebe!. ..... ... 82 
Bußt' ih, daß ich einſt die Deine! . ..... ......... 83 
Fluch' Ihm, Mutter, ih auch will om fen! Lore erne .& 
Bem am wohlſten fl ....... FE 86 
Das Möplein, das feinen Herrn verläßt . Doreen re 88 
Sich’, die Sonne fentt bh... - - - -.... x ........... 90 
Und den Einen werd’ ih ewig küſſen!......... 9 
s 


— Vi — 


Seite 

Sag’, iſt lieb dir meine Seele, Liebed. 92 
Sei die Meine, o du liebe Seele ..... ...... ....... 93 
Schuld allein find unſre Mütter........ ........ 94 
Gib mich nicht dem Ungeliebten, Mutter!..... 85 
Neige dich nicht, Roſe, zu mir nieder..... 96 
Die Scheidenden. ae ... 0... 9 
Der verlafiene Hirſch.............. Lernen . 9 
Denn drei Fehler, Sreund, die haft du!.............101 
Der Sonne liebe Schweiler ........ ren ........ 102 
Beßre Helden ſind's, die ich nic rn e! . .... .......... 104 
Smiljana........... a EEE 105 
Schwimmt hinaus ein Kähnlein nn 107 
Sarajewo , daß dich Glut verzehre! ....... ernennen 108 
Send’ zurüd den Flügel, Mutter! ....... ern. 109 
Die keinen Schwager bat... 22.2 e 0000. ........ 110 
Sprich, woher mein Ringlein dir?. ..... ........... 111 
Diele Verwandte, gutes Glück..................... 112 
Mie das Mädchen den Berwandten gefallen wird... . 2. ..... 113 
Wie die Schwägrin tröftel 2 20 zone rn 115 
Benn Mädchen weinen 200: 00er ren ...116 

' Zwei Kabeln. 

1. Die eitle Gule 0000000 en 117 

2. Held Müde und Witwe Fliege > > 2 ........ 18 

Aus der Familie. 

Sanja die Lebtgeborne.......... lernen rennen 121 
Angelia Milutinowitf$ ...... ee 1% 
Kyriak Mituttnowitfh .. oo. 2020. een . 1238 
Die Berlobte des Zengger Iwo. ....... .......... 135 
Die Hochzeit des Fahnenträgers Militfh....... er... 139 
Die Hochzeit des Iowo von Sarajewo ....... ....... 149 
Bogdan, der feine Frauen verkauft... 0. 0a. .......... 156 
Bas Schwefterliebe vermag...» - = 20000 meer rennen 19 
Bon den neun undankbaren Söhnen... 2.2 c 22000. ... 161 
Der unglüdlide Iowo !........ ...... ernennen 162 


Die junge Nlafbegin...-.- 2... rn Fu . 164 


— ve» 


Seite 
Die Witwe Iela und ihre Söhne... .. 2.2: 20er 20nen ee 166 
Bon der Schwefter des wilden Bogdan. .-...»- oe cur... 168 
Aſan⸗Aga's treulofe Büwe ..... ............. \ 
Die Biftmifherin. . 2.200. 0 ces onen e nenne. 17 
Die feindliben Brüder . .. 2.0.20: 2000 ............179 

Frauenlieber. Zweiter Keigen. 

Mädchen, o thöricht Rärrchen du..6. .... 187 
Schweſter dieb, wie biſt vu unerfahren!..... 188 
Sind die Beeren reif geworden .. - .. Fa 189 
Ueberdrüffig bin ich nun, ih Mädchen... .. . ........... 190 


Müde bin ih ſchon zu ſigen..2. 19 
Das Mädchen fpricht zum Mößlein ze aeeseeeaeene nn. . 19 
D daß mein des Sultans Schäge wären! ..... 2er. 000. . 198 
SchöneB Kind von GMedereWwD = 22er nenn. 1 


"Bas dem Knaben lieber wäre. ....... ............. 1% 
Kür wen bie Diofe aufgewachlen · . ..... .... ........ 16 
Bunder- Mara . . Fa |} 2 | 
Heb’ empor nicht deine Brauen. rue re ererennne. 18 
Bott vergelt! e8 deiner Mutter. .. 2... cc 0. 0. .22...19 
Angezündet hat e8 Ianfa .o. or euere n een r nennen AO 
Ich wollt' ich wär’ ein Slieglen oc 2e00n.. ........ .ı) | 
Alles liebt fh, Seele mein! ..... 2... ............ . 22 
Kaufmann des Meeres........... 203 
Für die Mädchen zarte Amulette . 0. 2-2. 0ee rer nn en. 206 
Mädhentbum. . 2.2020. D — — ...... 206 
Eitel ale Schonheit ohne Liebe... ..... Fa tr | 


Biſt ja mein an jedem Ort... 2... v0 rer nn AB 
Bandle dich zur Mof’ im Garten... AO 
Könnt’ ich fehen oder doch nur hören! 2. euere ce. 2A 
Jedem das Seine .. 20.2 noor ernennen nenne. 212 
Eh' er käme, geht die Nacht vorüber... co. rreecr00 a. 3 
Denkſt du noch, o Seele, da du mein warf? ..... er. 214 
Daß er fehe, daß ic hier gewefen „or: ce re nern ene.. 215 
Hör’ die Mutter an der Thüre! 2... rneeenrenennnn. 216 
Bor dem Haufe eines Schülers ......... ... ...... .. 218 


— VM 0 


Nichts darum mußt’ meine Mutter, nichts darum bie ihre... . . 219 
Lap mid lang in dieſen Banden! , „ne: or onen nn M 


Meine Augen — Falkenaugen find &8 . 0er: nee r nenne 22 
Laß das Mädchen, Tab e8, Bruder Iowmo! , „oe nnn ren 
D Lämmchen mein vom Felde... 22.22... ..........24 
So er Andre liebet .. 2.22.20... Kor roree 226 
Will mich fatt am nädften Sonutag füffen! ......... 27 
Nöslein, was erblühſt du mir fo frühe? ?... 228 
Grüne Ebne, Hin Dir gram, o Ebne!... 2000er ernene 229 
Will ein Briefhen fhreiten nach Benebig ... 2 een neuen. 2% 
Bor dem Haufe der fheltenden Mutter... ...... Deere 234 
So finget nur, ihr Bögelein! ... 220er r rer nen 233 
Das Maͤdchen, das im Schnee läuft... ..... ern eeen 24 
Bis zulegt die Mutter Dich vertriebe . oo... 00 000. ..... 230 
Worauf der Brautwerber ſehen fol .......... ....... 236 
Das Maͤdchen, das unfreundlich iſt....... ........ 237 
Sohmutb.. 222... oe e0 een ren 239 
Will denn gehen, kehrt’ ih au nicht wieder... 22220000. 240 
Deinen Ramen hab’ ih ihm gegeben - . 2. 22.20 een 0 0. 4 
Hochzeitslieder aus Rifano...» 2... 00. .......... 242 
eiebesgeſchichten. | 
Schwimmt ein Mädchen Über'm Wafler .... cc ceue 00. 25 
Was dem Mädchen lieb fh... 2020er e re rere nn 7 
Auch wir Mädchen ſchauen anf das Roß nit! ..... ...... 289 
Toͤchterlein Muttergod... . 261 
Haikuna Atlagitſch....... nee . 28 
Die Huge Ielena ... 2. 20er ee rer n ne 73 
Die Ihöne Angelia....... .... .....2n 
Doitſchin Petar, der zech.. 29 
Blume, Wein und Liebe..... 21 
Sultansfähnlein Mufv.. .- rn 00. rn ur RR 
Zunges Mädchen fhafft ein heitreß Here... .. 22000000. 5 
Liebreich aber ift Das Mädchen... 2.2.2.0. een en 7 
Lockt der Knab' das Mädchen fen - . 22-22 n nn : 288 
Wie Mara den Herzog Stefan los wid... .... 2.2000: 29 


Drei Mädchen, die emen Anaben fangen... ....... 0. 28 


— — —i— 


Seite 
Drei Wandrer, die um's Maͤdchen reiten... ... ....... | 
Fluche nit, o Frauen, meine Gerle!..... FE»: >) 
Schlanke Tanne, ach wie ſchmerzt das Haupt mir!.. . . . . ...2397 
Durch's Gebirge ritt ein Knabe fhmahtend. ....- 0. 28 
Mujo der übermätbige Bahnenträger . 2... .2 20er er en .. 300 
Einen Alten nähm’ ih nimmer! !. 301 
Rode mih — und folgen Wi! . 2.2.2: 0 rer nee 308 
Die getäuften Entführer ..... 2220er eonene ..... 300 
Liſtig aber iſt das ſchöne Mädchen....... .......... 207 
Des jungen Ali Fahnenträger....... ....... 300 
Der Knabe, der zur Perle ward... 310 
Ruf um Bott herein Den Anaben!. ...--. 2:00 ren0ne.. 311 
Shön Pawa4 313 
Sein muß einmal, was da fein fol!... 2222er 314 
Die Banin von Erde ......2r rer 0n. .......... 316 
So ergeh's den unfolafamen Mädchen! ... 22er uenen. 318 
Der Klügfte von den Dreien - 022 ce rennen hr.) 
Dod, die Fremde, die bt mich nichtt......... s2ı 
Zunger Rede, komm', erlöf’ mil! 2... 22er n ne ‚2 
Petro, der das Straͤußlein frei trägt ........ orte nen 323 
Bon der ſchönen Fatime 0222 onen nen ...... 80 
Mara von Bulle Ce N er rene . . 327 
Der jungen Mara Trauer . oo over een nen 329 
wo und Felema „non een eneerenee ...... run. 3%“ 
Zanja die Shine... .... Pa 385 
Beſſer ift es, daß wir Witwen Beide ................ 339 

Legenden und Geſänge der Blinden. 

j Regenden. 
Der reihe Bawan und die Engel . . ........ ........ 345 
Santt Peter's eigne Rutter............... 350 
Was die ſchwerſten Sünden find... ...... .......... 352 
Barum die Espe ewig zittert... cc ce een 354 
Die Taufe Chrifi ... oc cc nee een ern erne 355 
Die Sonntagdernte. .. 2er e er ee nern en 357 


Das Märchen und ter Drade ..... ern. 358 


Seite 

6 Der Wila Woltenfhloß . .....- 22... ........... 361 
Die Wilen des Lowtſchen........... . 362 
Küſſe nit die Bundeöfhwelter! .. --- 2.2200 rerernnne 363 
Mas der Thau der Bafilie erzählt ......... een ene 365 
Weh' der Nachtigall ohne Wald... ........ .......... 366 

Gefänge der Blinden. 
Des Linden Bitte 2. core unne. ern ....... 368 
So du willſt dem Herrn gehoören.......... 372 
Des Blinden Segen...... Pa a En 373 
Trauergefänge und Tifchgefänge. 
Tranergefänge. 
Die fie die Mutter tröften ..... erento nen 377 
Die Mutter am Sarge des Sohnes... oo 020er. + 378 
Weh mir, weh um did, o Gold, mein reined!. -. ..2222...3% 
Wenn fie den Todten aus dem Haufe tragen... ..... „2.4.39 
Penn fie den Todten in’d Grab legen...... ......... 381 
Klage um einen jungen Hausvater............... . 382 
Erinnerung an den Zodten..... . nen 383 
Zifpgefänge. 

Tiſchſpruch der Syrmier, Batfchler und Banater . 2.2.2.2... .385 
Zu Ehren Gottes... .......... 386 
Auf das Wohl des KGausherrn.............. 397 
Auf dein Wohl, Bruder Hausherr!............. ... 390 
Auf das Wohl des Freundes on 200 ue rennen ne .. 8391 
Wenn man mit Iemandem Freundſchaft trinft - 1.2.2... . 393 


Erläuterungen... 2: vor or rer ernennen nennen 395 


Bon verjchiedenen Kämpen und Kämpfen. 


Sama der Raludjer. 


Auf und ab zwei edle Herren wandeln 
Zern in Stambol in der weißen Befte, 
Einer Omer⸗Dſchehaitſch, der Paſcha, 

Und der Andre Zfhuprilitih, der Veſir; 
Wandeln lang’ und ſprechen dies und jenes. 


Da mit einmal ſpricht alſo der Befir: 
„Höre, Omer⸗Dſchehaitſch, o Palha! _ 
Ausgekundſchaft hab’ ich feltne Beute: 

Zern am Meere im Gebirge Athos 
Wilindar die weltberühmte Kirche! 

Preis dem Herrn, wie ſchoͤn ift dieſe Kirche! 
Ganz gededt mit goldnen Platten ift fie, 
Reich geſchmückt mit Silber und mit Perlen 
Und geziert mit goldnen Bitterfpigen. 

Ale Pforten find von hellem Golde, 

Helles Gold die Bilder al’ und Kreuze. 
Hundert Kaludjeren find drin drei mal — 
Unter ihnen Sawa der Kaludjier —, 
Außerdem fünfhundert Diafone, 

Reicher Höfe glattgefhorne Herren. 

D daß, Paſcha, jemald du gefehen, 


. 


Die 


Gefänge der Serben. 
Bon 
Siegfried Rapper. 


Zweiter Theil. 


— — — U 
Leipzig: 
F. A. Brodhbans. 
1852. 


Inhaltsverzeichniss. 


Bon verſchiebenen Kämpen und Kämpfen. 


Seite 
Sawa der Kaludjer. oo 2 0 co een ten. . 98 
Schloß Stalatih. .. 2. - 2m euere enter nene ... 10 
Iwo Snlowiflh - . 22.200 ennne Pa ..... 15 
Der Paſcha von Podgorien zu gefero .. ........ ....... 30 
Bawle Goretitſch......... ......... 37 
Wuk Andjelitſch...................... ........ 40 
Die Helden von Zengg.......... Deren ne 52 
Ha Smiljanitſch....... 55 
Dſchengitſch⸗Bekir⸗Paſcha vor Modlwa .... 2.2... —ern.e 57 
Mostowitiihe Geſchenke ımd türkiſche Gegengeihente ....... 63 
Sranenlicder. Erſter Keigen. 
Mutterroͤslein.......... ............ 71 
Fluch für Fluch. a ............... 72 
Wuͤßt' ich, Anttih, wer r dich einſt wird Fügen! FE 14 
Das Madchen, das fhöner will fein ald die Sonne ........ 75 
Bie das Mädchen vorſchnell fhwört . . .- 22.2.2 e ne 76 
Mädchen an der Hülle . .... 2... FE 77 
Meta... 22-00 nenne ........ ..... 79 
Hull' den weißen Raden ein! .......... ...... . . ... 81 
Ewig mein bleibt, den ich liebe!...... ........ ...... 82 
Wußt' ih, daß ich einſt die Deinel............. 83 
Study’ ihm, Mutter, ich auch will om Muheni. os 000. . 3 
Wem am wohlften ft .....-0cc0 re a . ... 86 
Das Nöplein, das feinen Herrn verläßt . .......... 88 
Steh’, die Sonne ſenkt lH... - no 0 0. ren ..... 80 
Und den Einen werd’ ih ewig küſſen!!. . 91 
s 





— I — 


Seite 

Sag’, iſt lieb Dir meine Seele, Liebe? .......... ... 92 
Sei die Meine, o Du liebe Sedle 2 2. een 93 
Schuld allein find unfre Mütter . oo een. ....... 94 
Gib mic nicht dem Ungeliebten, Mutter! . . - oo 222... ...9 
Reige dich nicht, Roſe, zu mir nieder... .... Serrenen 96 
Die Scheidenden ..... een 97 
Der verlaffene Sirſch........................ . 9 
Denn drei Gehler, Freund, die haft du! ......... o....10 
Der Sonne liebe Schwefter ........ en 102 
Bebre Helden ſind's, die ih nit Küffe!. ..... rue. . 104 
Smiljana .... 2220000 ee en 105 
Schwimmt hinaus ein Kähnlein oc con 107 
Sarajewo,, dag dich Glut verzehre! ...... ........... 108 
Send’ zurüd den Flügel, Mutter! ................5 109 
Die keinen Schwager Dat 000. 110 
Sprih, woher mein Ringlein dir?........ en 111 
Diele Berwandte, gutes Glück. ...............3; 112 
Wie das Mädchen den Verwandten gefallen wird... ........ 113 
Wie die Schwägerin tröftet - 2 222... nn 115 
Wenn Mädchen weinen .................. ... 116 

’ Zwei Fabeln. 

I. Die eitle Cule......................... 117 

2. Held Müde und Witwe Bliege ee... . . 118 

Aus der Familie. 

Janja die Lebtgeborne. ......... De ee 121 
Angelia Milutmowitf$ ....... euer 133 
Kpriat Milutinowitſch ..................36; . 128 
Die Berlobte des Zengger Iwo. . . ...... ae Er  }.;' 
Die Hochzeit des Sahnenträgers Militſch. ............ . 139 
Die Hochzeit des Jowo von Sarajewo ......... “.....19 
Bogban, der feine Grauen verkauft. 22222. . 156 
Bas Schweſterliebe vermag.............. ; ..1%9 
Bon den neun undantbaren Söhnen . 2.22... . ...J61 
Der unglüdlihe Iowa !. ........ ...... ........ 162 
Die junge Alajbegin.. ............... a ...... 164 


— VI — 


Seite 
Die Witwe Jela und ihre Söhne... . - 22 2 cr ecıın x... 166 
Bon der Schwefter des wilden Bogdan. . 2 .c en nen... 168 
Aſan⸗Aga's treulofe Wüwe .. 2... creme rereenenen 173 
Die Biftmifherin. ... 20:00... error en . . 17 
Die feindlihen Brüder . „22.20: ceereeenee ..... 179 


ZFrauenlieder. Zweiter Reigen. 


Mädchen, o thöriht Närrhen Du!....- 20.0000. ....187 
Schwefter lieb, wie bift vu unerfahren! .. 222.20. 000.. 18 
Sind die Beeren reif geworden . 2.2.20 ecrenencnn.. 189 
Ueberdrüflig bin ih nun, ih Mädchen... .. ce. ee ec ceen. 1% 
Müde bin ih fhon zu fipen ......... FE ("| 
Das Mädchen fpriht zum Nößlein . oo 2 2022er une. . 1 
D daß mein des Sultand Schätze wären! . . 2... 2 crueeenee 193 
Schönes Kind von Smederewo . 2.202 0er ee nennen. 19 


·Was dem Knaben lieber wäre... .... ...... FE 195 


Für wen die Roſe aufgewahlen. ...... 2... ........ 1 ;) 
Bunder-Mara „0.2.2 c 0200. ... 17 
Heb' empor nicht deine Brauen. 2.2. e2 onen nn een nn cc 198 
Gott vergelt! e8 deiner Mutter... . 2.0 0oe une .....1%9 
Angezündet hat e8 Ianfa „oo onen eenene ....... . 200 
SH wollt' ih wär’ ein Flieglein......... ....... Al 
Alles liebt ih, Seele mein! ........» ........ ..... 22 
Kaufmann des Meeres.......... 203 
Kür die Mädchen zarte Amulette....... ...... .... 
Mäpchentbum. ........ FE (\ 
Eitel ale Schönheit ohne Liebe... ..... ............ 7 
Biſt ja mein an jedem Ort... 2.2.0 ce rer ernennen. AB 
Wandle dich zur Rof tm Barten. .. 2.0: vor eeeeenen ce. 210 
Könnt’ ich ſehen oder Dod nur hören! ....ecee rennen. 211 
Zedem das Seine .. on. 0ee nern rer rennen en. 212 
Eh’ er fäme, geht die Naht vorüber... ver ccea0202 2.213 
Denkt du noch, o Seele, da du mein warf? „222200000. 214 
Daß er fehe, daB ich bier geweien ...c once nernnnn.. 215 
Hör’ die Mutter an der Thüre! ........ a } (;) 
Bor dem Hanfe eines Schülers... .o2c0e00. ren ne. 218 


—) VO — 


Richts darum mußt’ meine Mutter, nichts darum die ihre... . . 219 
Laß mich lang in diefen Banden! . oo. ser er are nn 
Meine Augen — Fallenaugen find && 2-00». 0 00000 22 
Lab das Mädchen, Tab es, Bruder Iowo! . „neueren 0 

220 


D Lämmden mein vom Felde..... Larsen ene 

So er Andre liebet -...- 2.2000. rer. 226 
Bil mid fatt am nädften Sonutag tüflen! ernennen. 7 
Nöslein, was erblühft du mir fo frühe? .. 2... 202-0000 228 
Grüne Ebne, Hin dir gram, 0 Ebne!. „oo c ne eeeren ne 229 
Will ein Briefchen fhreiben na Benedig --..:.- 20.20... 20 
Bor dem Haufe der fheltenden Mutter... ..- sc eeeee0nn 231 
So finget nur, ihr Bögelein! .... 2200020. .. ...... 233 
Das Mädchen, das im Schnee läuft... .... Seren une A 
Bis zulegt die Mutter dich vertriebe .. 2.00. ....... 235 
Worauf der Brautwerber feben fol... - oe 0 20002000. 36 
Das Maͤdchen, das unfreundlich iſt......... ...... 237 
Sohmutb.....- rer cennen ern ne 239 
Bil denn gehen, ehrt’ ich auch nicht wieder . FE 240 
Deinen Namen hab’ ih ihm gegeben ... . . ln .. 24 
Hochzeitslieder aus Rifano........ Doreen. ... 242 

eiebesgeſchichten. | 

Schwimmt ein Mädchen Über'm Wafler ...... rc 20 00. 5 
Bas dem Mädchen lieb ik... .- seen eee nern nn 37 
Auch wir Mädchen fchauen auf das Roß nit! .....2..... 29 
Zöchterlein Muttergod ...... runs ernennen . 31 
Haikuna Atlagitſch......... ....... ........... 268 
Die Huge Ielena ... 2...» Fa 773 
Die höne Angelia ... 0: r0erene ne. 7 1 | 
Doitſchin Petar, der echt -...... 00. Pa 7. 
Alume, Bein und Liebe... ..... ren. ...... .... Wl 
Sultansföhnlen Muſjo............ ........... M— 
Junges Mädchen ſchafft ein heitres Berze............ 5 
Liebreich aber iſt das Maädchen........... ...... WE7 
Lockt der Knab' das Mädchen fein....... .......... 288 
Die Mara den Herzog Stefan lo8 wird... . 2. e200.. ... W 
Drei Mädchen, die einen Knaben fangen.......... 00 28 


Seite 
Drei Wandrer, die um's Maͤdchen ſtreiten FE Li 
Fluche niht, o Frauen, meine Gerle!..... .......... 296 
Schlanke Tanne, ady wie ſchmerzt das Haupt wirt. er. ...2397 
Durch's Gebirge ritt ein Knabe Ihmaßtend. ....-- 2. n.. 298 
Mujo der übermütbige Bahnenträger ...... ........... 300 
Einen Alten nähm’ ih nimmer! . oo 2 2er nn 301 
Lode mich — und folgen wi! .. 2.2.2.2 200er 303 
Die getäufihten Entführer .... 0er een en .. 36 
giftig aber it das ſchöne Mädchen. 2.2.2.2 een n ne 3%7 
Des jungen Ali Fahnenträger.. 309 
Der Knabe, der zur Berle ward... 2er een n ne 310 
Ruf’ um Gott berein Den Anaben!. ......... FE .311 
Schön Pawa............ een ne 313 
Sein muß einmal, was da fein fon! error. 314 
Die Banin von Erdell . .. 22 rennen 316 
So ergeh's den unfolgſamen Maͤdchen!.......... 318 
Der Klügſte von den Dreien................... 30 
Doc die Fremde, die läͤht mich nicht ........ 321 
Junger Rede, komm', erlöſ' micht............. 22 
Petro, der das Straͤußlein frei tragt .. ....... ........ 32 
Bon der fhhönen Fatime.............. ....98 
Mara von Muiza.............. NER 327 
Der jungen Mara Trauer . 2 onen en 32 
SIwo und Ielma ...... ...................... 350 
Zanja die Ehöne . . 2. 20 een ne 385 
Beſſer iſt es, dah wir Witwen Beide 22 2002 3 

Legenden und Gclänge der Blinden. 
Regenbden. 

Der reihe Gawan und bie Engel . 222 2er ne 345 
Santt Peter's eigne Mutter . oo. oo onen ernne 350 
Was die fhwerflen Sünden find. - - 222 cur eereenn 3 
Barım die Espe ewig zittert... oc cn 354 
Die Taufe Ehrifi oo race nee ernennen 355 
Die Sonntagdernte. ......-» Pa 357 


Das Mäpchen und ter Drade oe - 0er 358 


Seite 

6 Der Vila Woltenfhloß - -.. 2.22... Doreen .. 361 
Die Wilen des Lowtfhen ... 2er euren ........ 362 
Küſſe nicht die Bundesſchweſter!!...... 363 
Was der Thau der Baſilie erzählt. 365 
Weh' der Nachtigall ohne Wald............ ..... 366 

Geſange der Blinden. 
Des Blinden Bitte... or en een nenn 368 
So du wilft dem Herın gehören 2 cc een nn 372 
Des Blinden Segen... - 2 > 0er rer nenn 373 
Trauergefänge und Tifchgefänge. 
Zranergefänge. 
Wie fie die Mutter tröflen ...... Pa ........ 37 
Die Mutter am Sarge des Sohned . - or 2 oe 0ee een . . 378 
Web mir, weh um did, o Gold, mein reines!.......... 379 
Wenn fie den Todten aus dem Haufe tragen... 2022.20 2.380 
Benn fie den Eodten in’d Grab legen... one enneuneen 381 
Klage um einen jungen Sauspater . v2 cn 0r nn un... 382 
Erinnerung an den Todten ... 22222002. . ern nene 383 
Aiſchgeſange. 

Tiſchſpruch der Syrmier, Batſchter und Banater.......... 886 
Zu Ehren Gottes. nn 386 
Auf dad Wohl des Zausherrn ................-... 387 
Auf dein Wohl, Bruder Haußhert! . „2.2000. .....3% 
Auf das Wohl ded Freundes on 000m nen 391 
Wenn man mit Iemandem Freundſchaft trinft . ernennen 393 


Erläuterungen. ........ .......... .... 395 








Bon verichiedenen Kämpen und Kämpfen. 


— — — —— 


Sawa der Raludier. 


Auf und ab zwei edle Herren wandeln 
Fern in Stambol in der weißen Befte, 
Eines Omer⸗-Dſchehaitſch, der Paſcha, 

Und der Andre Tſchuprilitſch, der Befir ; 
Wandeln lang’ und fpreden dies und jenes. 


Da mit einmal ſpricht alfo der Befir: 
„Höre, Omer-Dſchehaitſch, o Paſcha! 
Ausgekundſchaft hab' ich ſeltne Beute: 

Fern am Meere im Gebirge Athos 
Wilindar die weltberühmte Kirche! 

Preis dem Herrn, wie ſchön iſt dieſe Kirche! 
Ganz gedeckt mit goldnen Platten iſt ſie, 
Reich geſchmückt mit Silber und mit Perlen 
Und geziert mit goldnen Zitterfpigen. 

Ale Pforten find von hellem Golde, 

Helles Gold die Bilder al’ und Krenze. 
Hundert Kaludjeren find drin drei mal — 
Unter ihnen Sawa der Kaludjer —, 
Außerdem fünfhundert Diafone, 

Reicher Höfe glattgeihorne Herren. 

D daß, Paſcha, jemals du gefehen, 


4 


Was von Schäten diefe Kirche birget! 
Und, 0 daß der Sultan einmal hinzög' 
Mit drei Lagern vor die reihe Kirche! 
Al die Schäge könnt' er mit fi nehmen, 
AU’ die Bilder, al’ die goldnen Kreuze, 
A’ die reihen, ungezählten Güter, 

Mit dem Gold beſchlagen viel Piftolen! 
Sawa felbft Fönnt’ er zum Türken maden, 
Zum Befir, zum mächt'gen, ihn erheben, 
Mit ihm die dreihundert Kaludjeren, 

Die um ihn ald prädt’ger Hofitaat wären; 
Mit ihm die fünfhundert Diakone, 

Ihm zu dienen ald gewandte Diener. 

An der weißen Kirde Stelle aber 

Könnt’ erbaun er eine prächt'ge Dſchamia, 
Käcft der Dſchamia ein Pandurenwahthaus, 
Bor der Ghriften Unbill fie zu fhügen!’ 


Ihm erwiedert Dſchehaitſch der Paſcha: 
„Sprich nicht weiter Tſchuprilitſch-Veſire! 
Früher auch gab's manchen mächt'gen Sultan, 
Kirchen aber ließ noch Keiner plündern. 
Unrecht iſt's, an Kirchen Hand zu legen. 
Zuͤrnend bräch' der Himmel ſonſt hernieder, 
Ließ' zur Erde kalte Steine regnen 

Und erſchlüg' unzähl’ge Türkenabkunft! 
Ueberdies hat einen Hort die Kirche, 

Einen tücht'gen, Sawa den Kaludjer, 

Der umher auf ſtolzem Roſſe reitet, 
Rings um ſich dreihundert Kaludjeren, 
Deren jeder trefflich führt die Waffe 





5 e— 


Und die Kirche vor den Türken ſchirmet. 
Und, Befir, und haft du dann bedacht auch, 
Was zu ſchaun an jener Athosfirde? 
Weithin glänzt die Kuppel im Gebirge 
Gleich dem Zrübftern aus den Morgenwolfen, 
Bon der Kuppel weht ein goldnes Banner, 
Unter'm Banner ſchläft ein ſchwarzer Drade, 
Kehrt das Haupt gen Stambol unabläffig, 
Und verſchlingt lebendig, was ein Türk iſt!“ 


Wie er ſpricht zu Tſchuprilitſch, dem Veſir, 
Alſo ſpricht zum Sultan auch der Paſcha. 
Doch der Sultan achtet ſeines Raths nicht, 
Achtet Lieber, was ihm räth der Veſir; 
Scart um fi drei ſtarke Heereshaufen, . 
Zieht hinan gen Athos in’d Gebirge, 
Schlägt fein Lager unterhalb des Berges, 
Shit hinauf nah Wilinder in's Klofter 
Selben Tags noch leihtgefüßte Boten, 
Heißt fie holen Sawa den Kaludier, 
Pringen ihn in’s Zelt zu ihm, in's Lager. 


Ohne Säumnif eilen fort die Boten, 
Langen an bald in dem weißen Klofter, 
Zinden hier wol Sawa ten Kaludjer, 
Mit ihm die dreihundert Kaludjeren, 
Doch die Lithurgia grad begeht er. 


Bor die Kirche lagern fi die Türken, 
Warten bis zu End’ die heil’ge Handlung, 
Bis herauskommt Sawa der Kaludjer, 


— 6 — 


Springen auf dann, ſprechen zu ihm alſo: 
„Komm mit und, o Kaludjere Sama! 
Audgefandt nad dir bat uns der Sultan, 
Das zu ihm du niederfommft in's Lager! 
Bor dem Klofter Liegt er in den Zelten, 
Fuͤhrt mit ſich drei ſtarke Heereshaufen!“ 


Drauf erwiedert Sawa der Kaludjer: 

„Von lebend'ger Pein ſei Der gepeinigt, 
Wer dem Sultan dieſes hat gerathen!“ 
Springt empor auf ſeine leichten Beine, 
Schwingt ſich raſch auf ſeinen hohen Braunen, 
Fliegt hinab zum Sultan in das Lager. 


Ihm entgegen gehn des Sultans Diener, 

Halten an den Zügeln ihm das Braunroß. 

Doch er felber geht in’s Zelt zum Sultan, 
Fragt alfo der Türken mächt'gen Herrſcher: 
„Sprid, o Sultan, was von mir begehrft du?’ 


Drauf der Sultan diefes ihm erwiedert: 
„Willſt du wol ein Türke werden, Sama? 
Sieh’! Die drei mal hundert Kaludjeren 
Wären dann um did als prädt'ger Hofftaat, 
Und die fünf mal hundert Diafone 

Sollten dir als flinfe Diener dienen! 

Aus der Kirche nähm' ih dann die Kreuze, 
Nähme Bilder, Gold und Kirhenihäge, 
Ließ beſchlggen Waffen mit dem Golde 
Deinem Staat zu prädtigen Geſchenken, 
Ließ erbauen an des Klofters Stelle 


Eine Dſchamia prädtig, niegeſehen, 
Raͤchſt der Dichamia ein Pandurenwachthaus, 
Bor der Chriſten Unbill fie zu wahren!” 


Drauf erwicdert Sawa der Kaludjer: 
„Uebermuth nur kann foweit did führen, 
Oder, Sultan, nit bei Sinnen bift du! 
Denn, das wife, nimmer werd’ ih Türke! 
Maͤcht'ger tft ald du, dem id gehorde! 
Eines aber, Herr, das will id thun dir! 
Schar’ um di viel Hodſchen und Hadſchien, 
Derwifche und tuͤrkſche Schriftgelehrte, 
Kimm zur Hand dann einen türfiden Muflef, 
Bete fo drei Tage deinen Gott an, 

Siche, ob dein Beten er erhöre! . 
Wenn dann bei des vierten Tages Aufgang 
Die Gebirge aneinander rüden, 
Dſchin⸗Gebirg und das von Anatolien, 

Und ein Strom entquilit dem kahlen Zelfen 
Und umftrömt die Mauern dieſes Klofters: 
Dann, o Sultan, will ih Türke werden, 
Win erfüllen, was du von mir forderft!” 


Spricht's und Ienft fein gutes Roß von binnen, 
Kehrt zurück zu feinem weißen Klofter. 


um fi) ſchart der Sultan nun Hadſchien, 
Schriftgelehrte, Derwiſche und Hoͤdſchen, 
Kimmt zur Hand au einen türkſchen Muflaf, 
Betet fo drei Tage feinen Gott an; 

Da er aber frudtios fieht fein Beten, 

Wirft voll Zornes von fi er den Muſſaf. 


{4a 


Sawa fieht dies, redet zu ihm alfo: 
„Zar von Stambol, wolle did gedulden !. 
Kun will id zu meinem Gotte beten!” 
Scart um ſich dreihundert Kaludjeren, 
Um fi die fünfhundert Diafone. 

Baren Hauptes gehn die Moͤnche alle, 
An den Gürteln Rofentränze tragend, 
Bor fi goldne Kreuze, heil'ge Bilder, 
Bor ſich auch die heil’gen Evangelien, 
Beten ſtill zu Gott drei kurze Stunden. 


Da fie dann das goldne Kreuz erheben, 
Sich” — da quillen Thränen aus den Bildern, 
Rüden die Gebirge aneinander | 
Dſchin⸗Gebirg und das von Anatolien, 

Quillet Waſſer aus den harten Felſen 

Und umftrömt die Mauern von Wilindar, 

Daß nit Mann hinan noch Roß Fann kommen. 


Bald jedoch ummölkt fid aud der Himmel, 

Aus den Wolfen ftürzet Thau hernieder, 

Mit dem Thaue Faltes Zelögefteine, 

Megnet nieder auf der Türken Lager, / 
Daß von Allen nit entkommt ein Einz’ger, 

Keiner felbft, das Wunder zu erzählen, 

Außer Omer⸗Dſchehaitſch, dem Paſcha, 

Und mit ihm der fliehnde Zar von Stambol! 


Nach der Kirche flüchten ſich die Beiden. 
Gern wol taufte Sawa bier den Sultan; 
Thut's jedoch nit, fromm bedacht im Herzen, 
Daß der Kirche Unheil draus erwüchſe. . 


Ein Gelöbniß aber thut der Sultan, 
Jaͤhrlich in der Kirche von Wilindar 
Und am Tag ded beil’gen Dimitrije 
Hundert Dda reines Wachs zu fpenden. 


Wie's geſchah, erzähl? ich's euch in Wahrheit. 


Schloß Stalalſch. 


. Briefe folgen häufig ſich auf Briefe. 
Bon wem find fie und an wen gefchrieben ? 
Bon Mehmed, dem Türkenfultan, find fie 
Und geihrieben nah dem Schloß von Stalatſch, 
An Prijesda, an den Wojewoden: 
„D Prijesda, Stälatfher Wojwode, 
Sende du mir deine beften Güter ! 
Erftes Gut, den ſtarken Stürmerfäbel, 
Der da Baum und harten Zelöftein fpaltet, 
Baum und Stein, fowie auch hartes Eifen; 
Zweites Gut, dein gutes Kranich-Kampfroß, 
Gutes Kampfroß, dad wol überfegen 
Eine nad der andern kann zwei Mauern; 
Drittes Gut, dein treu geliebtes Ehweib!“ 


Da den Brief Prijesda durchgeſehen, 

Geht er bin und fohreibt gleich einen zweiten: 
„Sultan Mehmed, großer Zar der Türken! 
Samml' ein Heer, fo groß es dir beliebig, 
Komm vor Stalatih, wann ed dir beliebig, 
Stürme Stalatſch, wie ed dir beliebig 


— 1 — 


Bon den Gütern fend’ ih dir Fein einz'ges! 
Hab’ für mid mein gutes Schwert geweht nur, 
Hab’ für mid) mein Falkenroß genährt nur, 
Hab’ für mid mein treued Weib gefreit nur! 
Keind von meinen Gütern kann ih miſſen!“ 


Da erhebt der Türkenſultan Mehmed, 

Hebt ein mächtig Heer, und zieht vor Stalatſch. 
Wol drei Jahre ftürmt er und beſchießt es, 
Stürmt ihm Feinen Stein ab, Feinen Splitter. 
Nicht vermag das Schloß er zu bezwingen, 
Noch viel wen’ger will er es verlaffen. 


Da, des morgens früh vor einem Sonntag, 
Walt hinaus Prijesda’s treue Ehfrau, 

Wallt hinan die hohen Feſtungsmauern, 
Schaut hernieder in's Morawawaſſer. 

Zrüb’ vorüber ftrömt der Strom am Schloſſe, 
Und die Ehfraun fpriht zum Wojewoden: 

„D Priüesde, Herr mir und Gebieter! 

Sehr befürdt‘, o Herr, ih, daß die Türken 
Und mit Minen in die Lüfte fprengen!” 


Drauf jedoch zurüd ihr der Wojwode: 
„Schweig, o Lieb’! Gefahr bring’ dich zum Schweigen! 
Wer grüb' Minen unter folde Ströme?” 


Als bierauf ed Sonntag war geworden 
Schreitet nad der Kirche der Wojwode, 
Dient darin den Dienft mit den Gefährten, 
Tritt heraus dann aus der weißen Kirche, 
Sprit zu den Gefährten diefe Worte: 


x 


41 ⸗— 


„D Gefährten, ihr mein rechter Flügel, 
Bald mit euch wol werd’ ih mid erheben! 
Laßt darum und fpeifen erft und trinken, 
Deffnen dann ded Schloffes weite Thore, 
Und hinaus uns ftürzen auf die Türken — 


Komm, was Gott will und das Glück der Helden!” 


Afo aber ſpricht er zu der Ehfrau: 
„Geh', 0 Seele, nieder zu den Kellern, 
Hol uns Rakia, hol’ uns rothen Kühlwein!“ 


Und Zrau Jela nimmt zwei goldne Kannen, 
Geht bernieder in die dunkeln Keller. 

Da fie anlangt in den dunkeln Kellern, 

Trifft den Raum fie voll von Janitſcharen. 

Aus BPantoffeln Fühlen Rothwein ſchlürfend 
Trinken fie Zrau Iela zu, der Herrin, 

Trinken auf das Seelenbeil Prijesda's. 

Da dies ficht Frau Jela, die Gebietrin, 

Läßt die Kannen aus der Hand fie fallen, 

Eilt hinan ſchnell zu den Herrenhallen: 
„Schlimmer Wein’, fo ruft fie, „mein Gebieter ! 
Schlimmer Wein dies und noch ſchlimmre Rakia! 
Bol von Janitſcharen find die Keller! 

Aus Pantoffeln deinen Kühlwein ſchlürfend, 
Tranken auf mein Wohl fie, 0 Gebieter! 
Tranken dir, dem Lebenden, den Grabtrunf, 
Tranken, weh, auf deiner Seele Frieden!” 


Da dies hört Prüesda, der Wojwode, 
Thut er auf des Schloſſes weite Thore, 
Stürzt ſich kaͤmpfend auf die Tuͤrkenheerſchar, 





13 - 


Schlägt um fih und fhlägt viel Türken nieder, 
Schzig Obre, ungezählt die Andern. 


In das Schloß dann rüdtehrt der Wojwode, 
Schließt die Thore hinter ſich des Schloſſes, 
Zückt vom Gurt den blanken Stürmerfäbel, 
Schlägt das Haupt ab feinem Kranichroffe: 
„Web, o Kranih, du mein Gut, mein theures! 
Weh! Dod wird der Sultan di nicht reiten!” 
Bricht entzwei den blanfen Stürmerfäbel: 
„Web, o Stürmer, meine rechte Hand du! 
Web! Doch wird der Sultan did nicht gürten!” 
Dann zur Zrauen geht er in die Halle, 

Faßt an ihrer Hand die treue Ehfrau: 

„Wähle, Iela, du verftänd’ge Hausfrau! 

Wähle! Willſt du Lieber mit mir fterben 

Dder einem Türken fein zur Buhle? 


Heiße Thränen weint die edle Frauen: 
„Heiligen Tod mit dir, den wähl’ ich Lieber 
Ald des Türken ſchandevolle Liebe! . 
Nimmerdar entfag’ ih meinem Glauben 

Und des Kreuzes Heil verläugn’ ih nimmer!” 


An den Hänten faflen fid dann Beide, 
Gehn binan zu Stalatſch's hoben Manern. 


Alſo fpricht bier Iela zum Wojwoden: 

„D Prijesda, Herr und mein Gebieter! 
Aufgenähret hat uns die Morawa — 

Nun wohlan, fie mög’ und aud begraben!” 
In den Strom drauf ftürzen beide jählings. 


4 - 


Leicht bezwingt der Sultan nun dad Felsſchloß; x 
Bon den Gütern aber wird ihm feines. 

Grimmig ſchilt er drob, indem er fortzieht: 

„Schloß von Stalatſch, daß did Gott zerftöre! 
Herwärts führt id drei mal taufend Krieger, 
Heimmwärts ihrer führ’ ih kaum fünfhundert! 


— Ib — 


Iwo Senkowitſch. 


Einen Brief von Ribnik ſchreibt der Aga, 
Sendet ihn dem Senkowitſchen Gjorgje: 
„Senkowitſche Gjorgje, tapfrer Kaͤmpe, 

Selbſt vernahm ich und die Welt erzählt es, 
Wie im Zweikampf du ein tücht'ger Held fett! 
Mich auch nennen flieht nicht die Genoffen. 
So du nun ein Held des Zweikampfs wirklich, 
So des Zweikampfs wie des blanfen Säbels, 
Komm zu mir dann nad dem weißen Ribnik, 
Komm, dad wir uns meflen im Gefechte! 

So du nit fommft und die Fordrung ablehnft 
Spinn’ ein Hemd mir, fpinne weite Gattjen! 
Unterwirf, der Schwähre, dich dem Stärkern!” 


Lieft den Brief der Senkowitſche Gjorgje, 

Lieft den Brief und weinet heiße Tchränen. 

So jedod fragt Iwo ihn, fein Söhntein: 
„Bater, fprih! Was weinſt du heiße Thränen? 
Manch ein Schreiben ift dir fhon gefommen, 
Mancher Brief dur deine Hand gegangen; 
Doch um einen fah ih noch dich weinen!” 


— 16 8 


Drauf zurüd der Senkowitſche Giorgje: 
„Gutes Kind, o Senfomwitihe Iwo! 

Manch ein Schreiben ift mir wol gekommen; 
—Doch wie dies, o gutes Kind, fam Feines! 
Kam auch einmal eines, diefem gleichend, 
War dein. Vater jünger doch an Jahren, 
Kimmerdar vermodt’ es ihn zu ſchrecken! 
Sich’! Bon Ribnik fhreibt den Brief der Age, 
Fordert nad der Ebne mid zum Zweikampf! 
Sehr jedoch, o Kind, bin ic gealtert, 

Kann mid faum zu Noffe mehr erhalten, ° 
Wen’ger noch mit Türken-Agas kämpfen! 
Spinnen aber, Söhnlein, lernt’ ih niemals!” 


Drauf zurüd der Senfowitihe Iwo: 

„Biſt zu fehr, 0 Bater, du gealtert, 

Daß zum Kampfe nit mehr du kannſt ausziehn, 
Haft von Gott du mid dir doch erbeten, 

Hat zum Sohne mid dir Gott gegeben! 

An den Zweikampf zieh’ ih aus ftatt deiner, 
Anftatt deiner ftel? ih mich dem Türken!” 


Alfo drauf der Senkowitſche Giorgje: 

„Gutes Kind, o Senkowitſche Iwo! 

Aus ziehn, Söhnlein, kannſt du in den Zweikampf, 
Ausziehn wol, doch rückwärts nimmer kehren! 
Ungeübt nody bift du, ohn' Erfahrung, 

Zähleft kaum noch ſechzehn volle Jahre; 

Doch der Aga ift ein tücht'ger Kämpfer, 

Kühn, gewandt, gleichwie im Land Fein Zweiter! 
Furchtbar ift fein Anzug anzuſchauen! 


— 11 — 


Ganz aus Luchs und Zobel ift fein Anzug, 
Ueberdeckt mit Bärenfel fein Kampfroß 

Und umhällt mit Wolföfell feine Lanze! - 
Bor dem Anblid wirft du fon erfchreden, 
Wie denn erft, wenn dich der Türke anruft 
Und das Kampfroß unter ihm erwichert ! 
Sinken wirft vom Roß du vor Entſehen 
Und verwirken thoͤricht fo dein Leben! 
Sprich! Was fol der Vater dich beflagen ? 
Wer jol Brot ihm Ihaffen, dem Gebeugten; 
Wer, wenn er geftorben, ihn beweinen?“ 


Drauf zurüd der Senkowitſche Iwo: 

„Bor 'nem Anzug, glaubft du, würd’ ich zittern? 
Weiß von Furcht nihts vor lebend'gem Wolfe, 
Sollt' ih’ vor des Wolfes todtem Zelle? 

. Eaut, fo wie ein Tür? vermag zu rufen, 

Ei, fo Imt, o Bater, Tann au ih es! - 

Segne mid, und laß getroft. mi Hinziehn, 

Laß für dich beftehn mid diefen Zweikampf! 

So lang’ Iwo lebt, o greifer Bater, 

Wirſt du Hemden Feinem Türken fpinnen !” 


Richt verweigern Fann dem Sohn er's Länger, 
Sattelt felbft den eignen guten Braun ihm, 
Zdumt den Braunen, Füßt dem Thier die Mähnen: 
„Lang, mein Braunroß, du mein edles, gutes! 
Lang genug ſchon fodhten wir gemeinfam, 
Holten SPflaven aus den Türkenlanden, 
Trugen beimmwärts biut’ge Zürkenhäupter ! 
Run, o Braunroß, nun da ich gealtert 

IL 9. 





— 1 — 


Und zum Kampf die Kraft nicht mehr will langen, 
3ieh’ hinaus mit meinem jungen Söhnlein, 
Meinem Söhnlein Iwo, meinem Einz'gen! 
Ohn' Erfahrung ift mein Söhnlein Swo; 
Gutes Braunroß, fei du Hort und Zreund ihm!’ 
Rüſtet drauf den Knaben aus auf's befte, 

Lest ihm an die eignen Heldenfleiber, 

Schnallt fein eigen Schwert ibm um die Lenden, 
Sprit zu ibm nod folden guten Segen: 
„Daß, o Söbnlein Iwo, du mein Einz’ger, 
Daß du ziebeft, Sohn, zu guter Stunde! 

Daß mit dir fei gutes Glüd der Helden, 

Gott in Zried’ und Wohlfein dich geleite, 

Di befhüge vor des Gegners Händen, 
Gegners Waffen, wie auch böfen Wunden!’ 
Daß erftarke deine junge Rechte, 

Daß erfcharfe Deines Schwerte Schneide, 
Zreien Blidd dem Feinde du begegneft. 

So du aber anlangft auf der Wahlftett, 

Mögft du nit erfhreden, Söhnlein Iwo; 
Scharf fei deine Rede, ſcharf dein Auge! 

Zordre Fühn den Türken zum Gefedte! 
Kämpfft du dann mit ihm, o Söhnlein Iwo, 
Achte drauf, den Braun nicht zu beirren; 

Denn gewöhnt ihn an den Zweikampf hab’ ich 
Und gelehrt, im Streite ſich zu halten! 
Schützen wird er im Gefecht did felber, 

Ab von dir des Schwertes Schärfe wenden!‘ 


As den Knaben Gorgje fo gefegnet, 
Küßt die Hand ihm Iwo und den Rodfaum, 


+01 


Küft, darauf der Vater ftcht, den Boden, 
Küst der alten Mutter auch die Hände: 
„Mutter, Bater, mögt ihr mir’s vergeben!“ 
Schwingt fi auf den wohlgezäumten Braunen, 
Reitet fingend nad der fernen Wahlſtatt, 

Läpt die Xeltern rückwärts, ihn beweinend. — 


Angelangt vor Ribnik auf der Ebne, 

Sicht der Knab' ein Zelt von ferne Ihimmern. 
Eingerammt vor'm Zelt ift eine Lanze, 

An die Lanze feſtgezaͤumt find Roſſe. 

Drinnen aber fißt der ftolze Age, 

Sigt und ſchlürfet Föftlihen Malmafter, 

Mit ihm ſchlürfen zwei gewalt’ge Paſchas. 


Da der Braun die NRoffe kaum gewahr wird, 
Hebt zur Stell er beillaut an zu wiehern. 


Spreden fo im Belt dig beiden Pafchen: 

„O Gebieter! Aga! Herr von Ribnik! 

Hörft du nicht des Senkowitſchen Streitroß? 
Weh! Run ifl’d getban um did, o Aga! 
Heute, Herr, mußt von der Welt du ſcheiden!“ 


Da jedoh den Rah'nden haut der Aga 
Und erfenat des Senkowitſchen Söhnlein, 
Ruft er aus: „D fürchtet nichts, ihr Freunde! 
Dieſes iſt nicht Senkowitſch, der Alte, 
Iſt der Knab', des Senkowitſchen Sohn nur! 
Ausgeſandt zu Leid hat ihn ſein Vater, 
Daß der Arme thöricht ihm verkomme! 
2 * 


— 20 9 


Doch nicht tödten will ich ihn, ihr Freunde — 
Denn ein Kind noch ohn' Erfahrung iſt er —, 
Will ihn lieber fangen mir lebendig, 

Wil vom Bater ſchweres Lödgeld fordern, 
Sechs Saumlaften wohlgewognen Gutes!” 


Bor dem Zelt erfcheint indeß der Knabe, 
Grüßt die Türken, Gottes Beiſtand bietend: 
„Sottes- Beiftand, Türken ihr von Ribnik!“ 


Dankend ihm die Türken drauf erwiedern: 
„Mög' dir's wohlgehn, junger Senkowitſche! 
Sag', was bringſt, o Iwo, du uns Gutes, 
Und was führt nach Ribnik dich des Weges?“ 


Drauf zurück ruft dies der junge Iwo: 
„Sprecht! Wer iſt von Ribnik hier der Aga? 
Mag herausgehn, daß er mit mir kämpfe! 
Nicht umſonſt las ich des Aga Schreiben, 
Drin den Vater er zum Zweikampf fordert! 
Altgeworden iſt mir ſehr der Vater, 

Kann nicht, daß er kaͤmpfe, mehr hinausziehn; 
Kun! So kam denn id hierher ftatt feiner!” 


Diefes drauf der Aga ihm zur Antwort: 

„Laß den Kampf ruhn, Knabe, und den Teufel! 
Angeſchaut noch Feinen Zweikampf haft du, 
Wen'ger je noch einen felbft gefochten! 

Komm! Und fes’ dich, Wein mit und zu trinken! 
Sunde wär” ed wahrlich, dich zu tödten, 

Der du kaum das Leben erft erihaut haft! - 


— 24 0 


Komm! Ergib Bid, Senkowitſche Iwo, 

Dhne Wund' und ohne blut'ge Stirne! 

Und, bei meinem Glauben ſei's geſchworen, 
Nicht das kleinſte Weh ſollſt du erfahren! 
Loͤſegeld nur zahlen mag dein Vater! 

Zahlſt du ſelbſt es, magſt du ziehn in Frieden!” 


Drauf zurück der Knabe dies dem Aga: 

„Tuͤrke! Stolzer Aga du von Ribnik! 

Nimmer kam ich, dir mich zu ergeben! 

Kam allein, daß wir im Kampf uns meſſen, 

Kam mit dir nach Heldenart zu ſtreiten! 

Drum heraus! Zum Kampf, fo du kein Weip bift! 
Hab’ nit. Zeit hier, müßig dein zu barren!” 


Eine Schlange, zifhet auf der Age, 

Springt empor auf feine leichten Beine, 

Schwingt hinan fi auf den flinfen Rappen, 

Ruft dem Knaben zu mit milder Stimme: 

„Run denn, Heldlein! Senfowitfhe Iwo! 

Tummle fhnell dein Roß! Greif’ an denn, Knabe!” 


Drauf zurüd des Senkowitſchen Soͤhnlein: 
„Türke! Stolzer Aga du von Ribnik! 

Müd' geritten hab’ ich meinen ‚Renner 
Kommend ber aud weiten Landes Kerne, 
Kann darum nit tummeln ihn, o Türke! 
Stand jedoh will an der Stel’ ich halten! 
Zummle dein Roß! Greif’ du mid an, Türke! 
Und nit meiden will id einen Schritt weit, 
Will did, wie es Heldenbraud, empfangen !” 


‚— 22 8 


Kaum der Türke folhen Ruf vernommen, 
Zummelt er den Mappen nad der Wahlftatt, 
Schwingt empor die fpise Kampfeslanze, 
Ruft, dem Draden gleich des Waldgebirges: 
„Rimm in Acht dich, Senkowitſche Iwo! 
Sprich dann nicht, daß Lift dich überwunden!“ 
Ruft ed aus, und ftürzt ſich auf den Knaben, 
Schickt die Lanz’ ihm nach edem jungen Herzen. 
In dem Raſen kniet das kiuge Braunroß, 
Daß die Lanz’ den Knaben überfanfet, 

Ihm nicht trifft den Kalpaf anf dem Haupte, 
Um fo wen’ger felber ihn, den Helden. 

Iwo aber fhwingt behend den Säbel, 

Schlägt die Lanz’ dem Aga bis zur Hand ab. 


Da der Aga, da er ſolches fichet, 

Merkt er, dab dem Knaben er erläge, 

Kehrt ſchnell um, läßt frei dem Roß die Zügel, 
Zlieht geraden Wegs nah Ribniks Thoren. 


Hinter ihm läßt Iwo feinen "Braun los. 

Welch ein Braun! Wie fehr er aud ermüpet, 
Bald erreiht den Mappen er des Age, 

Reckt die Nüftern nah des Mofles Kreuze, 
Heißt die Quaſte von des Aga Leibgurt, 

Daß der Aga zitternd alſo ausruft: 

„Wehe mir! Soll dies mein Ende werden? 
Nicht beflagt’ ich's, muß ich einmal fterben, 
Stürb’ ih nur von Heldenhand in Ehren! 
Do, von eined Knaben Roß zu fterben. . . .” 


— 1 — 


Iwo aber, Knab' noch, ohn' Erfahrung, 

Will nicht gern den armen Age tödten, J 
Will den Kopf nicht löſen ihm vom Rumpfe, 

Zieht es vor, lebendig ihn zu fangen, 

Als Geſchenk dem Bater ihn zu bringen. 


Da erfaßt der Türk’ geheim die Flinte, 
Zeuert rüdlingd nad dem jungen Dränger. 
Ihn zwar frifft er nidt. So wollte Gott eb. 
Doch den Braunen trifft er in die Stirne, 
Daß er binftürzt in den grünen Raſen, 

Und der Knab’ fi fiehet auf den Beinen! 
Da der Paſcha ftürzen fieht den Braunen, 
Iwo fieht vom klugen Roß gefhieden, 

Lenkt zurüd er jählings feinen Rappen: 
.„Sprich! Was denfft du nun, o Söhnlein Gjorgje's? 
Was wol meinft du, daß dich nun erwarte, 
Da von deinem Roſſe du gefhieden? 
Schnell! Ergib dich, Senkowitſche Iwo! 

Leb' als Sklave, oder lieg' im Grabe!“ 


Aufziſcht Iwo, eine wilde Schlange: 
„Türke, ſtolzer Aga du von Ribnik! 
Rimmermehr ergeb' ih mid dir lebend! 

Haft du mich von meinem Roß geſchieden, 
Richt geihieden haft du mih vom Schwerte! 
Meines Baterd ift dies gute Haudſchwert; 
Hat gar manden Kampf damit gefochten, 
Manches Türkenhaupt getrennt vom Rumpfe! 
Win ed Gott, fo fällt es heut auch deines!” 


— 2 > 


Aufziſcht au der Aga, eine Schlange, 
Spornt den Rappen raſchen Flugs gen Iwo. 


Iwo aber, Heldenblut entiproffen, 

Denkt nit dran, ibm aus dem Weg zu weichen, 
Noch viel wen’ger, feig fi zu ergeben; 

Wo er fteht, erwartet er den Aga, 

Schwingt das Schwert mit feiner jungen Rechten, 
Schlägt dem Rappen Fräft' gen Schlags den Kopf ab, 
Daß er binftürzt in den grünen Rafen 

Und der Türk’ fi ſiehet auf den Beinen. 


Laut aufladht der junge Senkowitſche: 
„Sprich! Was den?ft nun du, o wadrer Aga? 
Was wol meinft du, daß nun dich erwarte?” 


Laut aufjammernd bittet ihn der Aga: 
„Bundesbruder, Senkowitſche Iwo! 
Wolle nicht, o Bruder, mich erſchlagen! 
Was du foderſt, Alles ſollſt du haben!“ 


Drauf jedoch der junge Senkowitſche: 

„Lieber iſt dein Haupt mir, ſtolzer Aga, 

As des Sultans ungezählte Schätze!“ 

Schwingt das Schwert, trennt ihm das Haupt vom Rumpfe, 
Wirft dad Haupt in feine Gürteltajhe, 

Kimmt dem Türken ab das rauhe Fellkleid, 

Hült fi drein, und macht fid auf den Ruͤckweg. 


Aus dem Zelte fehn die beiden Paſchas, 
Wie er töntet mit dem Schwert den Aga, 


[4 





— 23 > 


Sprechen fo entbrannt in wildem Grimme: 
„Richt am Leben fol der Knab' entkommen! 
Auf! Und laß uns räden unfern Aga!“ 


Flugs befteigen fie aud ihre Roſſe, 
Sepen nad im Flug dem Knaben Iwo. 


Iwo läuft gleihwie ein Wild des Bergwalds, 
Raſtet nicht, bis er erreicht die Berge. 


Mislich iſt's den Türken, durch's Gebirge 
Ihn auf ihren Roſſen zu verfolgen; 
Sitzen ab denn von den guten Rennern, 
Binden an den Stamm ſie einer Tanne, 
Folgen nach dem Chriſtenſohn zu Fuße. 


Doch ein liſt'ger Kopf iſt Knabe Iwo, 

Weiß der Türken Auge Flug zu taͤuſchen. 
Während fie ſtets eifriger ihm folgen, 

Kehrt zurüd er zu dem Tannenftamme, 

Bindet los die flinfen Noffe beide, 

Schwingt auf eins fi, führt das andre mit fi, 
Singet laut vor fi bin durch die Waldung: 
„Dane euch, Türken, zwei gewalt’ge Paſchas, 
Zür die Moffe, die ihr mir geſchenkt heut'!“ 


Da die Türken, da fie diefes hören, 

Hinter fi ber Iwo fhaun zu Noffe, 
Wagen ſie's nicht, auf dem Weg zu bleiben, 
Zlüdten in's Gebüfh, und bitten alfo: 
„Bundesbruder, Senkowitſche Iwo! 


— 26 — 


Gib zurück und unfre guten Roſſe! 
Geben dir ſechshundert Golddukaten!“ 


* 


Drauf jedoch der junge Senkowitſche: 

„Seid ihr Thoren, zwei gewalt'ge Paſchas! 

Lieber ſind mir eure beiden Roſſe 

Denn das Hab und Gut des ganzen Ribnik! 

Nicht verfolgen kann ich im Gebirg euch; 

Könnt’ ich's, wären unnüg euch die Roſſe! 

Drum kehrt heim! Nehmet euch den Braun, den Rappen! 
Roſſe waren’s, denen Feines gleich Fam!” 


Läßt drauf ftehn die beiden Türkenpaſchas, 
Keitet fingend beim nad feinen Höfen. — 


Da er nit mehr fern des Baters Höfen, 
Sieht ihn nahn die liebe alte Mutter. 
Nicht vermag den Sohn fie zu erkennen, 
- Denn ein andrer ift des Knaben Anzug 
Und dad Roß ein andres, das er reitet. 


Jammervoll wehllagt die Greifin deshalb, 

Netzt ihr weißes Angeficht mit Thränen, x 
Eilt hinab und fpricht zu ihrem Herren: 

„Wehe mir, o Gorgje, theurer Hausherr! 

Aus zu Böfem fandteft du den Knaben! 

Wahr nun ward, daß er dein Haupt erfede — 

Denn im Zweikampf, weh’, ift er geblieben! 

Sich’! Won Ribnik nabt dort felbft der Aga! 

Naht, die weißen Höfe und zu plündern, 


- 


— 27 — 


Uns zu knechten, daß in unferm Alter 
Wir, o Gjiorgje, ſchmachvoll noch ihm frohnen!“ 


Da der alte Senkowitſch dies höret, 

Netzt fein Heldenantli er mit Thraͤnen, 
Macht ſich mühfem auf die alten Beine, 
Gürtet um den alten grünen Säbel, 

Eilt hinab fo raſch er fann zum Stalle, 
Zührt heraus die alte braune Stute, 
Nimmt nicht Zeit fi erft, fie aufzuzäumen, 
Schwingt fih ohne Sattel auf und Zügel, 
Zliegt hinaus, dem Rah'nden zu begegnen. 


Doch aud er kann Iwo nicht erkennen, 
Denn ein andrer ift des Anaben Anzug, 
Umd das Roß ein andres, das er reitet. 


Zernber ruft dem Heiter er entgegen: 

„Stebe, Bubler, Aga du von Ribnit! 

Leicht wol war's, ein Kind zu überwinden, 
Das noch ſechzehn volle Jahr’ nicht zählet! 
Doch verſuch's, den Greid nun zu bezwingen!” 


Alſo drauf der junge Senkowitſche: 
„Gott mit dir, o guter alter Bater! 
Bin von Ribnik, fieh’, ja nit der Aga! 
Bin dein Söhnlein Imwo, alter Bater!” 


Doch der Alte hört in feinem Grimme, 
Hört nit, was der Knabe zu ihm redet, 





— 28 ⸗— 


F 


Sprengt geſtreckten Fluges ihm entgegen, 
Schwingt den Säbel grad nach ſeinem Haupte. 


Mislich iſt für Iwo ſolche Lage. 
Sol fein Leben thoͤricht er verlieren? 
Sterben von des Vaters Hand, des eignen? | 


Da er fieht, daß fihrer Tod ihm werde, 
Kehrt er um, und fliebt vor feinem Bater. 


Hinter ihm läßt Giorgje los die Stute: 
„Stebe, Aga! Souft mir nicht entkommen!” 
Schwingt, da er den Zliehenden erreidhet, 
Schwingt den Säbel grad’ nad feinem Naden. 


Da fih Iwo alfo in Gefahr fieht, 

. Da gedenft er feines Gürtelbeutels, 
Greift heraus das biut’ge Haupt des Aga, 
Wirft es bin vor feinen grimmen Bater: 
„Sott mit dir, o Senkowitſche, Bater! 
Kennft du nit das biut’ge Haupt des Aga?“ 


Giorgje, da das blut’ge Haupt er ſchauet, 
Wirft von fid den Säbel in den Raſen, 
Sist gleih ab von feiner alten Stute, _ 
Faßt dad Roß, drauf Iwo ſitzt, am Zaume, 
Schließt den wackern Sohn in ſeine Arme, 
Schließt ihn in die Arme, halſt und küßt ihn: 
„Dank dir, Iwo, du mein theures Söhnlein! 
Trefflich haft den Water du vertreten, 

Alter Ehriften Anfehn neu erleuchtet, 


% 


— 29 — 


Und das Land zu Ruhm gebracht und Ehre! 
Doch was fol an dir des Türken Fellkleid? 
Wenig fehlte, und des Baterd Seele 

Ward durch Blut ded Sohnes arg verfündigt !” 


Drauf jedoch erwiedert dies der Knabe: 

„D mein Bater, Senkowitſche Giorgje! 
Sprih! Woran fonft möhten fies erkennen, 
Daß von Ribnik ich befiegt den Aga, 

Wenn ich bei den Herr'n einft fig’ im Rathe? 
Rimmer glauben würden es die Edlen, 

Daß ih auch gefehen nur die Wahlftatt, 
Trüg' ih nicht des Sieges Zeihen an mir!” 


— — — — — — 


— 30 — 


Der Pafchg von Podgorien zu JIesero. 


Abends kommt nach Jeſero der Paſcha, 
Nach Jeſero unter'm ſteilen Berdi; 
Morgens drauf, da Morgen es geworden, 
Ruft er zu ſich die Berdianer Obern. 


Da zu ihm die dreißig Obern kommen, 
Spridt zu ihnen folder Art der Paſcha: 
„Hört, Berdianer Obern, was ih frage! 
Gibt ed nit alhier in euerm Berdi 

Eine Jungfrau oder eine Witwe, 

Oder doch ein Bräutlein, erft vermählet, 
Das des Paſcha trautes Liebchen fein wollt’ 
Für die Zrift, da ih in Berdi weile?” 


Alle Knefen, die dies hören, ſchweigen. 

Einer ſchweigt nidt — Wladifaw, der Kneſe, 
Redet Böfes, daß ihn Gott erſchlage: 

„Keine Jungfrau zwar und feine Witwe 
Gibt ed Hier in unferm fteilen Berdi, - 
Die, o Paſcha, dir ein Liebchen wäre; 

Dod bei Stjepan Watriza, dem Häuptling, 


— 24 — 


Gibt es, Herr, ein ſchlankgewachſen Bräutlein, 
Ein vermähltes erft feit wenig Tagen. 
Meinem Sohne felbit warb id das Mädden; 
Stiepan aber überwarb's, der Häuptling. 
Gleiche Schönheit gibt's nit an der Küſte, 
Daͤchte wol, die moͤchte dir genehm fein!” 


Da dies hört der Paſcha von Podgorien 

Ruft er zu dem Delibaſcha Ihro: 

„Hoͤrſt du wol, o Delibafha Ibro? 

Mad’ dich auf) Nimm dreißig Krieger mit dir! 
Geh’ mit hin nad Stjepan’s weißen Höfen! 
Geh’ mir hin! Umftell’ den weißen Thurm ibm! 
Plündr' ihm aus die wohlbeftelten Höfe! 

Fuͤhr' ihm fort die treugeliebte Ehfrau! 

Bring’ zu mir fie unter meine Zelte! 

Stiepan aber, fo du ihn im Haus triffit, 

Dem flag’ ab dad rothe Haupt vom Rumpfe, 
Daß der Schelm mid fpäter nicht verfolge!” 


Weiter noch ſpricht Wladiſaw, der Anefe: 
„Hör', o Paſcha! “Höre, o Gebieter! 

Sende nicht, um wen es leid dir wäre! 

Denn ein arger Schelm iſt jener Stjepan, 
Wird dir Manden nicht zurüd mehr ſtuden!“ 


Do der Warnung achtet nicht der Paſcha, 
Sendet Ibro mit den dreißig Krtegern, 
Sendet ihn nad Stjepan’s weißen Höfen. 
Böſes Schickſal ift mit Stjepan eben. 

Nicht im Haufe ift der junge Hausherr 


er re 


Und im Haufe von den Dienern Niemand — 
Zu der Schwieger an die ſteile Küfte 

Zog er bin zu froͤhlichem Gelage. 

Leicht den Thurm umftellen denn die Türfen, 
Plündern aus den wohlbeftellten Hof ihm, 
Führen fort die treugelicbte Hausfrau, 
Bringen unter’s Zelt fie zu dem Paſcha. 


Horh! Da ruft die Wila aus dem Bergwald, 
Rufet zu dem Hirtenobern Kiuro, 

Dem geliebten Bundesbruder Stiepams: 
„Höre doch, o Hirtenobrer Kiuro, 

Rings umſtellt iſt Stjepan's weiße Halle, 
Ausgeraubt der wohlbeſtellte Hof ihm, 
Fortgeführt die liebe treue Ehfrau, 
Hingeſchleppt in's Zelt des böfen Paſcha, 

Da vom Hauſe ferne weilt dein Bruder!“ 


Da dies hört der Hirtenobre Kiuro, 

Reißt er aus dem Gürtel zwei Piſtolen, 
Zeuert ab fie nad dem Felögebirge, 

Daß vom Schallen Berg. und Thal erballen. 


In den Bergen hören’s dreißig Hirten, 
Zliegen nieder in die grafigen Ebne, 

Shaun bier Kiuro fteh’nd bei feinen Schafen, 
Aufgeftügt auf feine Bredcianrin, 

Und vom. Antlit ihm die Thränen quillen. 


Und die dreißig Bergeshirten fragen: 
„Sprich, was tft dir, Kinro, widerfahren, 





. 


— 33 — 


Und was gibft du Feuers ohne Anlaf, 
Da dir Niemand fortgeführt die Heerde?“ 


Kiuro aber drauf erwiedert alfo: 

„Wackre Brüder, dreißig Bergeshirten! 

D daß dod entführt mir wär’ die Heerde — 
Leicht fürwahr erwürb' ich eine andre! 
Schlimmres aber iſt mir widerfahren, 

Denn umſtellt iſt Stjepan's weiße Halle, 
Ausgeraubt der wohlbeſtellte Hof ihm, 
Fortgefuührt die liebe gute Ehfrau, 
Hingeſchleppt in's Zelt des böſen Paſcha, 

Da von Hauſe ferne weilt mein Bruder, 
Hingezogen an das wüſte Meer iſt 

Zu der Schwieger froͤhlichem Gelage! 
Darum auf, ſowie ihr Gott bekennet! 

Auf! Und helft befreien mir die Schwaͤgrin, 
Sei's durch Bitten oder ſei's durch Lödgeld, 
Oder mit Gewalt durch unſre Waffen!“ 


"Und die Hirten, da fie ſolches hören, 
Fahren auf gleih aufgefheudten Wölfen, 
Zaflen ihre Büchfen an den Läufen, 
Eilen bin nad Jeſero zum Paſcha. 


Da fie nicht mehr ferne find den Zelten, 
Sprit zu ihnen Kiuro diefe Worte: 
„Bier, Gefährten, dreißig wadre Hirten, 
Laßt euch nieder in den grünen Raſen, 
Jeder neben fi die Brescianrin! 
Ich indeffen will in’s Zeit zum Paſcha, 
Will den Paſcha bitten auf den Knien, 
I. 3 


— 344 — 


Ob er nicht die Schwägrin frei mir gäbe, 
Sei's auf Bitten, oder ſei's für Lösgelb. 
So der Paſcha frei fie nicht will geben, 
Will ih, Brüder, Streit mit ihm beginnen. 
Ihr ſodann auf meiner Büchſe Schallen 
Springt behend empor vom grünen Raſen, 
Gebt lebendig Feuer nad den Türken, 
Greifet an, was übrig ließ die Kugel, 
Dffnen Kampfes mit des Säbels Schärfe, 
Megelt nieder, was die Schärfe zureicht, 
So mid rädend, follt! es mein Geſchick fein, 
Brüder, daß ich bleibe auf-der Wahlftatt!” 


Alſo ſpricht der Hirtenobre Kiuro, 
Schreitet hin dann nah des Paſcha Zelten. 
Weil’ ift Kiuro und benimmt ſich weife, 
Tritt beiheiden in das Zelt des Paſcha, 
Knieet nieder zu des Paſcha Füßen, " 

‚ Küßt die Hand, den Saum ihm des Gewandes, 
Küßt den Teppich, drauf der Paſcha figet: 
„Hör' mein Bitten, o Gebieter Paſcha, 
Gib heraus mir meine liebe Schwägrin! 
Sich’! Hier biet’ ih taufend Golddukaten 
Und darüber taufend weiße Schafe!” 


Srimmig drauf ermwiedert ihm der Paſcha: 

„Seht den Hirten! Seht den Buhler Einen! 
Kommt daher und will fein Haupt verlieren, 
Sflavinnen von einem Helden Faufen ! 

Auf die Beine, Delibafha Ibro! 

Schlag’ das Haupt dem Bublerfohn vom Rumpfe!“ 


— 3 — 


Da dies hoͤrt der Hirtenobre Kiuro, 

Tritt zurüd er eilends aus dem Zelte, 
Faßt behend die ſchlanke Brescianrin 
Feuert ab in's Zelt ſie nach dem Paſcha. 
Decken wilb den Paſcha Deli⸗-Ibro, 
Will ihn ſchirmen — wird getroffen ſelber. 
Durch den Kalpak in die weiße Stirne, 

. Zährt die Kugel, reißt entvier die Stirn’ ibm, 
Aus der Stirne beide ſchwarze Augen — 
Todt hinfinkt er zu des Paſcha Füßen. 


Da den Schuß die dreißig Hirten hören, 
Springen fie empor vom grünen Nafen, 
Feuern ab die Büchſen nah den Türken, 
Greifen an, was übrig ließ die Kugel, 

Dffnen Kampfes mit des Säbels Schärfe, 
Streden bin des Paſcha Krieger alle, 

Zangen ihn, den Paſcha felbft, lebendig, 
Schnüren an den Rüden ibm die Hände, 
Führen ihn nah Stjepan’s weißen Höfen. 


Heimkehrt von dem Gaſtmahl eben Stjepan. 
Sehr erftaunt er und den Bruder fragt er: 
„Wie doch? Auch nit Einen der Gefährten 
Haft im Kampf, o Bruder, du verloren?” 


® Kiuro aber gibt ihm dies zur Antwort: 
„Richt, o Bruder, nur verloren Keinen, 
Sondern Bruder, nod gewonnen Einen! 
Kennft du mol den Paſcha von Podgorien? ” 
3 * 


— 36 0- 


Schr erfreut ift Stjepan, da er fichet 

Und erfennt den Paſcha von Podgorien, 

Reißt das grüne Kleid an ihm in Städe, 

3dumt ihn auf, gleichwie man einen Gaul zaͤumt, 
Zreibt ihn nah Raguſa an die Küfte, 

Bietet hier an die Lateiner feil ihn, 

Schlägt ihn Los für Golddukaten, linde, 

Daß der Schiffe Taue nun er winde! 


—— 37 — 


Pawle Gorelitſch. 


(Wahrſchtinlich von einem türkiſchen Sänger.) 


Da die Kjauren Liwno überfallen 

Iſt der Drt von türffher Kriegsmacht leer juft. 
Ibro ift darin nur, der Spabia, 

Mit ibm Dunitſch⸗Achmud⸗Beg, fein Bruder. 
Beide. eilen, bringen ſchnelle Hülfe. 


Aus dem Thurme fieht indeß ein Mädchen, 
Sieht fie kommen, ruft herbei die Mutter: 
„Schnell, o liebes Mütterden, mein altes! 
Komm herbei ſchnell zu des Thurmes Zenftern, 
Sieh die Helden mit des Sultans Kriegsmacht! 
Schön fürwahr ift Ibro der Spabia 

Und mit ihm fein Bruder Dunitſch⸗Achmud, 
Wie fie herziehn vor ded Sultans Kriegern! 
Gönnte Gott, o Mütterhen, mein liebes, 
Sönnte Gott mir Theil an Ibro's Glücke, 
Gerne gäb’ ih Alles hin, o Mutter, 

Wollte Ibro nur für mid behalten, 

Mich dem wadern Helden anvermäblen !” 


Alſo ſpricht das Mädchen noch im Thurme, 
Horch — da ploͤtzlich aus dem Kjaurenlager 
Faͤllt ein Schuß, trifft Ibro den Spahia! 


% 


— 38 ⸗— 


Schwer getroffen flieht er über's Blachfeld. 
Do ihm nacfeht Paul der Goretitſche, 
Schwingt den Saͤbel, fhlägt dad Haupt vom Rumpf ihm: 


Laut erdröhnt von Liwno die Kanone: 
„Auf! Und mad’ did auf, o Selman-Bege! 
Sieh’ vor Liwno mitten auf dem Blachfeld 

Liegt im Blute Ibro der Spabia! 

Ihn erfplägt der Goretitſche Parole, 

Schlägt Dad Haupt ibm ab mit biut’gem Säbel!“ 


Da der Beg den Hülferuf vernommen, 

Kimmt er fih nit Zeit fein Roß zu’ fatteln, 
Schwingt fi eilends auf fein fhnelles Leibroß, 
Zliegt hinaus in's ebne Feld vor Limno — 
Todt jedoch ſchon trifft er den Spahia. 


Laut beweint er Ibro, ſeinen Bruder: 
„Bruder, ſag', was willſt du mid nicht anſchaun? 
Grolft du etwa darum mir, o Bruder, 

Weil zu fpät zur Hülfe dir ih ankam?” 
Nimmt bierauf zur Hand fein Schreibgeräthe, 
Zeichnet vol ein blendendweißes Briefblatt, 
Schickt es ab an Goretitſch, den Kjauren: 
„Bruder mir in Gott, o Goretitſche, 

Sende mir die Waffen meines Bruders! 
Minder wahrlich fei für fie der Preis nit, 
Als ih für den Bruder dir gefendet, 

So du ihn am Leben mir gelaffen!” 


Paul jedod ermiedert auf dad Schreiben: - 
„Selman-Beg, bei meinem Glauben ſchwoͤr' ich's, 


— 39 > 


Nicht erfüllen kann ih dein Begehren! 

Richt mehr hab’ ich deines Bruders Waffen, 
Hab’ gefandt zur Schau fie nah Spalato, 

Daß einmal au unfre Herren hauen, 

Was für Stahl man ſchmiedet bei den Türken!” 


- — WM — 


Dur Andielitſch. 


Küsten Rothwein trinft der Ban von Zara, 
Trinkt zu Zara beim in feinen Höfen, 
Mit ibm trinken drei mal zehn Zaraner. 


Als der Ban fih froben Muth getrunken 
Spricht er alfo zu den dreißig Freunden: 
„Hört mid an, ihr meine dreißig Zreunde! 
Wil um mid nun fammeln eine Truppe, 
Züht’ge Truppe, dreihundert Zaraner, 
Will mit ihnen, Zreunde, mich erheben 

Und binausziehn an die ebne Küfte 

Nach Tſchelebitſch, nah dem weißen Dorfe, 
Bor den Thurm Wuk Andjeliti des Helden, 
Will, was fein von Gütern drin, ibm rauben, 
Will fein Weib, dad treue, ihm entführen, 
Milutin, den Bruder, ihm erſchlagen, 

Dann von dort die Truppe weiter führen 
Nach Udbina in den Zürkfenlanden, 

Ob ih dort nicht einen Sklaven finge!” 


Was der Ban beim Trunke Weins geſprochen, 
Das volführt er, da er nüchtern worden. 


— H > 


Nach tem Tobpoſchien ſchickt er in der Feſtung, 
List zur Stunde zwölf Kanonen Iöfen. - 


Wie der Schall erdröhnt durch's weiße Zara, 
Sammeln fi) dreihundert wadre Helden, 
Sammeln um fein Banner fi zur Stunde. 


Aus dem Zenfter fieht dies an der Bane, 
Iſt zufrieden jehr in feinem Herzen, 

Steigt herab aus feinem weißen Thurme, 
Tritt vergnügt in feiner Freunde Mitte, 

Und die Diener bringen ihm fein Streitroß, 
Und die Banin reiht ihm feine Waffen. 
Dann, als er die Waffen umgegürtet, 
Schwingt er auf fein wohlgezäumtes Mob fi, 
Zieht mit feiner Truppe nad der Küfte. 


Gutes Süd ift mit dem Ban von Zara; 
Glücklich langt er an im weißen Dorfe 

Bor dem Thurme Andjelitid des Helden. 
Wuk jedoch ift nicht in feinem Haufe, 

Iſt mit feiner Zrauen in Gatero, 

Scharitſch Zwian dort, den Freund, beſuchen. 


Als der Ban dies merkt, raubt er den Thurm aus, 
Kimmt gefangen Wuk's geliebten Bruder, 

Zieht hierauf mit feiner Truppe weiter, 

Zieht hinüber in’d Gebiet der Türken, 

Langt in fpäter Naht an vor Udbina. 


Gutes Süd ift bier au mit dem Bane. 
Srad’ auf dreißig funge Türken trifft er, 


— — 


Die da aus der Dſchamia eben kommen 
"Den Koran an ibrer Bruft noch bergend. 


De die jungen Zürfen ihn erihauen, 
Werfen den Koran fie an das Pflafter 
Und zerftreum- fi fliehend in den Straßen. 
Doch der Bane läßt fie nicht entkommen, 
Aus nad ihnen Ihidt er feine Truppe, 
Macht fie zu Gefangnen alle dreißig, 
Zührt fie heim nad feinem weißen Zara, 
Wirft fie bier in eines Kerkers Abgrund, 
Drin das Waffer zu den Knieen aufreict, 
Moderndes Gebeine zu den Schultern. — 


Hingeht fo die Dauer ‚eines Jahres. 

Da wehklagt der Andjelitſche Mitſcho, 
Wehklagt laut vom Morgen bis zum Abend 
Und verwünfdt die Tage und die Jahre 

Und verwünfht Anduſcha, feine Mutter, 

Alte Mutter, daß fie ihn geboren. 

Alſo klagt er in des Kerkers Tiefe: 

„Weh' mir, weh’! Und helf' mir Gott in Gnaben! 
Mus ich fo verkommen hier im Elend, 
Sterben bier troß Jugend und trog Schönheit 
Und trotz all der Schäge, die da mein find?” 


Afo wehklagt Mitſcho tief im Kerker, 
Meinend, daß ihn Niemand höre Flagen. 

Doch ihn Hört der Ban von Zara felber, 

Ruft herbei den SKerfermeifter Rado: 

„Zühr hervor mir Mitſcho, den Gefangnen |” 


— 3 — 


Sqnell gehorchet Rado dem Befehle, 
Führt hervor ihm Mitſcho in den Hofraum. 


Alſo fragt der Ban hier den Gefangnen: 
„Mein Gefangner, Andjelitſche Mitſcho, 
Sprich! Welch großes Unglück widerfuhr dir, 
Daß du alſo klagſt in meinem Kerker? 

Haſt du Rakia, haſt du Wein zu wenig? 
Oder gar genug nicht weißen Brotes?“ 


Drauf der junge Mitſcho dies zurück ihm: 
„Den von Zara, maͤchtiger Gebieter, 

Nicht an Nahrung fehlt's in deinem Kerker! 
Doch zur Laſt iſt laͤnger mir dies Leben 

In des Kerkers unwirthſamem Abgrund! 
Drum, ſo Gott dir beiſteh', Ban von Zara, 
Gib mich frei aus dem verwünſchten Kerker! 
Fordre, was du ſelber willſt, als Loͤsgeld!“ 


Drauf der Ban von Zara ihm bedeutet: 
„Mein Gefangner, Andjelitſche Mitſcho, 
Gern, ſo du als Lösgeld mir herbeiſtellſt, 
Was, o Söohnchen, ich von dir verlange! 
Stell’ herbei dreihundert ſyrmſche Minder, 
Stel herbei fünfhundert batſcher "Schafe, 
Zahl’ dazu zweitaufend Golddukaten, 

Bier mal taufend weiße Silbergroſchen, 
Schaff' die beften Mofle mir Udbinas, 
ind des Poperſchenowitſchen Schwarzroß, 
Eins dad Grauroß Talo's von Draſchaz, 

" Eins dad Weißroß Hernetin Muſtafa's; 


u > 


Bring’ daB Schwert des Jankowitſchen Stojan, 
Das mit den drei prädt'gen golbnen Griffen - 
Und den edlen Steinen an den Griffen, 
Werth, wie man- erzählt, drei Sultansburgen; 
Dann, wenn biezu Andjelitſch Dein Bruder 
Seine Damascenerin noch endet, 

Und aus feinem Gurt die zwei Piftolen, 

Die er unlängft ſchmieden ließ in Miezi 

Und mit taufend Golddukaten zahlte, 

Zerner Dukadſchinaz, feine Rüde, 

Und die Hand von feinem rechten Arme — 
Wil ih wol, o Soͤhnlein, di entlaffen, 

Frei di geben aus dem finftern Kerker!“ 


Da dies hört der Andjelitſche Mitſcho, 
Schreibt er glei; ein zartes Brieflein ſchreibt er, 
Shit es an Wuk Andjelitſch, den Bruder: 
„Wille dies, Wuk Andjelitſch, mein Bruder! 
Löfegeld begehrt für mid der Bane, 

Fordert drei mal hundert ſyrmſche Rinder, 
Zordert fünf mal hundert batſcher Schafe, 
Zwei mal taufend gelbe Golddukaten, 

Bier mal taufend weiße Silbergroſchen, 
Dann die beſten Roſſe von Udbina, 

Eins des Poperfhenowitihden Schwarzroß, 
Eins das Grauroß Talo's von Draſchaz, 
Eins das Weißroß Hernetin Muſtafa's, 
Dann das Schwert des Jankowitſchen Stojan, 
Das mit den drei prädt'gen goldnen Griffen 
Und den edlen Steinen an den Griffen, 
Zordert deine leichte Damadcenrin 


uno 


Und von deinem Gurt die. zwei Pilkolen, 
Zordert Dukadſchinaz, deinen Hund, noch 
Und die Hand von deinem redhten Arme. 
Zahl’ das Lösgeld oder zahl’ es nimmer; 
Kur erlöf mid, du mein eiguer Bruder, 
Kur verkommen off’ mid nit im Elend — 
Furchtbar ift’s in foldem Kerker wohnen!” 


Da den Brief Wuk Andjelitiy erhalten, 

Und bedacht des Briefes ganzen Inhalt, 
Steht er auf und gebt von Ort zu Orte, 
Bis die formihen Rinder er vollzäblig 

Und Die batiher Schafe bat beifammen 

Und die weißen Grofhen und Dufaten, 
Kauft das Schwert des Jankowitſchen Stojan, 
Zahlt dafür dreifundert Beutel Goldes, 
Nimmt vom Arm die ſchlanke Damascenrin, 
Aus dem Gurt die funkelnden Piftolen, 

Legt die falbe Rüde an ein Kettlein, 
Schickt ans Meer au um geübte Xerzte 
Sid die Hand vom rechten Arm zu trennen, 
Schaffet Alles, thut au gerne Alles — 
Dod die Roſſe kann er fi nicht ſchaffen, 
Ihm fie laffen mögen nicht die Türken. + 


Da beginnt Wuk Andjelitſch zu finnen, 
Sinnet viel, erfinnet endlich Eines ; 
Kimmt um fi armfelige Gewaͤnder, 

Auf die Schulter einen Kornelfteden, | 
An den Steden einen Sad, ganz aͤrmlich, 
Geht verkleidet fo von Ort zu Drte, 


— 3 — 


Ob er nicht die Schwaͤgrin frei mir gäbe, 
Sei's auf Bitten, oder ſei's für Lösgeld. 
So der Paſcha frei fie nicht will geben, 
Wil ih, Brüder, Streit mit ihm beginnen. 
Ihr ſodann auf meiner Büchfe Schallen 
Springt bebend empor vom grünen Nafen, 
Gebt lebendig Feuer nad den Türken, 
Greifet an, was übrig ließ die Kugel, 
Dffnen Kampfes mit des Säbeld Schärfe, 
Megelt nieder, was die Schärfe zureicht, 
So mid rädend, ſollt' es mein Geſchick fein, 
Brüder, daß ich bleibe auf-der Wahlftatt!” 


Alſo ſpricht der Hirtenobre Kiuro, 
Schreitet hin dann nad des Paſcha Zelten. 
Weil ift Kiuro und benimmt ſich weife, 
Zritt beſcheiden in das Zelt des Paſcha, 
Knieet nieder zu des Paſcha Füßen, ° 

‚ Küßt die Hand, den Saum ihm des Gewandes, 
Küßt den Teppich, drauf der Paſcha ſitzet: 
„Hör' mein Bitten, o Gebieter Paſcha, 
Gib heraus mir meine liebe Schwägrin! 
Sich’! Hier biet’ ih taufend Golddukaten 
Und darüber taufend weiße Schafe!” 


Grimmig drauf ermwiedert ibm der Paſcha: 

„Seht den Hirten! Seht den Bubler Einen! 
Kommt daher und will fein Haupt verlieren,. 
Sklavinnen vor einem Helden Taufen ! 

Auf die Beine, Delibafha Ibro! 

Schlag’ das Haupt dem Bublerfohn vom Rumpfe!“ 


— 3 — 


Da dies hoͤrt der Hirtenobre Kiuro, 

Tritt zurück er eilends aus dem Zelte, 
Faßt behend die ſchlanke Brescianrin 
Zeuert ab in's Zelt fie nad dem Paſcha. 
Deden wilb den Paſcha Deli⸗Ibro, 
Will ihn ſchirmen — wird getroffen ſelber. 
Durch den Kalpak in die weiße Stirne, 
Zährt die Kugel, reißt entvier die Stirn’ ibm, 
Aus der Stirne beide fhwarze Augen — 
Todt binfinft er zu des Paſcha Füßen. 


Da den Schuß die dreißig Hirten hören, 
Springen fie empor vom grünen Raſen, 
Feuern ab die Bühfen nad den Türken, 
Greifen an, was übrig ließ die Kugel, 

Dffnen Kampfes mit des Säbeld Schärfe, 
Streden bin des Paſcha Krieger alle, 

Zangen ihn, den Pafcha felbft, lebendig, 
Schnüren an den Rüden ibm die Hände, 
Zühren ihn nad Stjepan’s weißen Höfen. 


Heimfehrt von dem Gaftmahl eben Stjepan. 
Sehr erftaunt er und den Bruder fragt er: 
„Wie doch? Auch nit Einen der Gefährten 
Daft im Kampf, o Bruder, du verloren?” 


Kiuro aber gibt ihm dies zur Antwort: 
„Richt, o Bruder, nur verloren Keinen, 
Sondern Bruder, noch gewonnen Einen! 
Kennft du wol den Paſcha von Podgorien?” 

3 %* 


— 36 — 


Sehr erfreut ift Stjepan, da er ſiehet 

Und erfennt den Paſcha von Podgorien, 

Roißt das grüne Kleid an ihm in Stücke, 

Zäumt ihn auf, gleichwie man einen Gaul zdumt, 
Treibt ihn nah Raguſa an die Küfte, 

Bietet hier an die Lateiner feil ihn, 

Schlägt ibn Los für Golddukaten, Linde, 

Daß der Schiffe Taue nun er winde! 


— 31 — 


Pawle Gorelitſch. 


(Wahrſcheinlich von einem türkiſchen Sänger.) 


De die Kjauren Liwno überfallen 

Iſt der Ort von türkſcher Kriegsmacht leer juft. 
Ibro ift darin nur, der Spahia, 

Mit ihm Dunitſch⸗Achmud⸗Beg, fein Bruder. 
Beide. eilen, bringen ſchnelle Hülfe. 


Aus dem Thurme fieht indeß ein Mädchen, 
Sicht fie kommen, ruft herbei die Mutter: 
„Schnell, o liebes Mütterden, mein altes! 
Komm berbei fhnel zu des Thurmes Zenftern, 
Sieh die Helden mit des Sultans Kriegsmacht! 
Schön fürwahr ift Ibro der Spabia 

Und mit ihm fein Bruder Dunitſch⸗Achmud, 
Wie fie berziehn vor des Sultans Kriegern! 
Gönnte Gott, o Mütterhen, mein liebes, 
Gönnte Gott mir Theil an Ibro's Glüde, 
Gerne gäb’ ih Alles hin, o Mutter, 

Wollte Ibro nur für mid behalten, 

Mich dem wadern Helden anvermählen I” 


Alfo ſpricht das Mädchen no im Thurme, 
Horch — da plöglih aus dem Kjaurenlager 
Faͤllt ein Schuß, trifft Ibro den Spahia! 


J 


— 38 ⸗— 


Schwer getroffen flieht er über's Blachfeld. 
Doch ihm nachſeht Paul der Goretitſche, 
Schwingt den Saͤbel, ſchlägt dad Haupt vom Rumpf ihm: 


Laut erdröhnt von Liwno die Kanone: 
„Auf! Und mad’ did auf, o Selman⸗Bege! 
Sieh’ vor Liwno mitten auf dem Blachfeld 

Liegt im Blute Ibro der Spahia! 

Ihn, erflägt der Goretitſche Pawle, 

Schlägt dad Haupt ihm ab mit blut'gem Saͤbel!“ 


Da der Beg den Hülferuf vernommen, 

Kimmt er fih nit Zeit fein Roß zu fatteln, 
Schwingt fi eilends auf fein ſchnelles Leibroß, 
liegt hinaus in's ebne Feld vor Limno — 
Todt jedoch ſchon trifft er den Spahia. 


Laut beweint er Ibro, feinen Bruder: 
„Bruder, fag’, was wilft du mid nicht anſchaun? 
Grollſt du etwa darum mir, o Bruder, 

Weil zu fpät zur Hülfe dir ih ankam?“ 
Nimmt hierauf zur Hand fein Schreibgeräthe, 
Zeichnet vol ein blendendweißes Briefblatt, 
Schickt ed ab an Goretitſch, den Kjauren: 
„Bruder mir in Gott, o Goretitſche, 

Sende mir die Waffen meines Bruders! 
Minder wahrlich ſei für fie der Preis nicht, 
Als ih für den Bruder dir gefendet, 

&o du ihn am Leben mir gelaffen!” 


Paul jedoch ermwiedert auf dad Schreiben: - 
„ Selman=Beg, bei meinem Glauben ſchwoͤr' ich's, 





— 39 — 


Kit erfüllen kann ih dein Begehren! 

Richt mehr hab’ ich deines Bruders Waffen, 
Hab’ gefandt zur Schau fie nad Spalato, 

Def einmal au unfre Herren ſchauen, 

Bas für Stahl man ſchmiedet bei den Türken!” 





- — 40 — 


Wur Andielitſch. 


Kühlen Rothwein trinkt der Ban von Zara, 
Trinkt zu Zara heim in ſeinen Höfen, 
Mit ihm trinken drei mal zehn Zaraner. 


Als der Ban ſich frohen Muth getrunken 
Spricht er alſo zu den dreißig Freunden: 
„Hört mich an, ihr meine dreißig Freunde! 
Wil um mich nun fammeln eine Truppe, 
Tücht'ge Truppe, dreibundert Zaraner, 

Wil mit ihnen, Zreunde, mid erheben 

Und binausziehn an die ebne Küfte 

Nach Tſchelebitſch, nah dem meißen Dorfe, 
Bor den Thurm Wuk Andjelitſch des Helden, 
Wil, was fein von Gütern drin, ihm rauben, 
WIN fein Weib, dad treue, ihm entführen, 
Milutin, den Bruder, ibm erfdlagen, 

Dann von dort die Truppe weiter führen 
Nah Udbina in den Zürkenlanden, 

Ob ich dort nicht einen Sklaven finge!“ 


Was der Ban beim Trunke Weins geſprochen, 
Das vollführt er, da er nüchtern worden. 


— MH > 


Nach dem Tobpoſchien ſchickt er in der Feſtung, 
Läpt zur Stunde zwölf Kanonen löfen. - 


Wie der Schall erdröhnt durch's weiße Zara, 
Sammeln fi dreihundert wadre Helden, 
Sammeln um fein Banner ſich zur Stunde. 


Aus dem Fenſter fieht dies an der Bane, 

Iſt zufrieden ſehr in feinem Herzen, 

Steigt herab aus feinem’ weißen Thurme, 
Zritt vergnügt in feiner Freunde Mitte, 

Und die Diener bringen ihm fein Streitrof, 
Und die Banin reiht ihm feine Waffen. 
Denn, ald er die Waffen umgegürtet, 
Schwingt er auf fein wohlgezäumtes Roß ſich, 
Zieht mit feiner Truppe nad der Küfte. 


Gutes Süd ift mit dem Ban von Zara; 
Glücklich langt er an im weißen Dorfe 

Bor dem Thurme Andjelitich des Helden. 
Wuk jedoch ift nicht in feinem Haufe, 

Iſt mit feiner Frauen in Gataro, 

Scharitſch Zwian dort, den Freund, beſuchen. 


Als der Ban dies merft, vaubt er den Thurm aus, 
Nimmt gefangen Wuk's geliebten Bruder, 

Zieht hierauf mit feiner Truppe weiter, 

Zieht hinüber in's Gebiet der Türken, 

Langt in fpäter Naht an vor Udbina. 


Gutes Glück ift hier au mit dem Bane. 
Grad' auf dreißig junge Türken trifft er, 


— 42 > 


Die da aus der Dihamia eben Fommen 
‚Den Koran an ihrer Bruft noch bergend. 


Da die jungen Zürfen ihn erfhauen, 
Werfen den Koran fie an das Pflafter 
Und zerftreun- fi fliehend in den Straßen. 
Doch der Bane läßt fie nicht entfommen, 
Aus nad ihnen fhidt er feine Truppe, 
Macht fie zu Gefangnen alle dreißig, 
Zührt fie heim nad feinem weißen Zara, 
Wirft fie bier in eines Kerkers Abgrund, 
Drin das Waſſer zu den Knieen aufreicht, 
Moderndes Gebeine zu den Schultern. — 


Hingebt fo die Dauer ‚eines Jahres. 

Da wehklagt der Anpjelitihe Mitſcho, 
Wehklagt laut vom Morgen bis zum Abend 
Und verwünfcht die Tage und die Jahre 

Und verwuͤnſcht Anduſcha, feine Mutter, 

Alte Mutter, daß fie ihn geboren. 

Alſo klagt er in des Kerkers Tiefe: 

„Weh' mir, weh’! Und helf' mir Gott in Gnaben! 
Muß ich fo verkommen bier im Elend, 
Sterben bier troß Jugend und trog Schönbeit 
Und troß all der Schäge, die da mein find?’ 


Alfo wehklagt Mitfcho tief im Kerker, 
Meinend, daß ihn Niemand höre Plagen. 

Doch ihn hört der Ban von Zara felber, 

Ruft herbei den Kerfermeifter Rado: 

„Führ' hervor mir Mitſcho, den Gefangnen!“ 


— kB O0 


Sqhnell gehorchet Nado dem Befehle, 
Zührt hervor ihm Mitſcho in den Hofraum. 


Alfo fragt der Ban bier den Gefangnen: 
„Mein Gefangner, Andjelitſche Mitſcho, 
Sprich! Welch großes Unglück widerfuhr dir, 
Daß du alſo klagſt in meinem Kerker? 

Haſt du Rakia, haſt du Wein zu wenig? 
Dder gar genug nicht weißen Brotes?“ 


Drauf der junge Mitſcho dies zurüd ihm: 
„Ban von Zara, mächtiger Gebieter, 

Kit an Kabrung fehlt's in deinem Kerker! 
Do zur Laft ift Jünger mir dies Leben 

In des Kerkers unwirtbfamem Abgrund! 
Drum, fo Gott dir beifteh’, Ban von Bare, 
Gib mich‘ frei aus dem verwünfäten Kerker! _ 
Zordre, was du felber willſt, als Lösgeld!“ 


Drauf der Ban von Zara ihm bedeutet: 
„Mein Gefangner, Andjelitſche Mitſcho, 
Gern, fo du als 2ösgeld mir herbeiftelift, 
Was, 0 Söhnden, id von dir verlange! 
Stell’ herbei dreihundert ſyrmſche Rinder, 
Stel herbei fünfhundert batſcher "Schafe, 
Zahl' dazu zweitaufend Golddukaten, 

Bier mal taufend weiße Silbergrofden, 
Schaff' die beften Noffe mir Udbinas, 
ins des Poperſchenowitſchen Schwarzroß, 
Eins dad Grauroß Talo's von Oraſchaz, 
Eins dad Weißroß Hernetin Muſtafa's; 





— bi 


Bring’ dad Schwert des Jankowitſchen Stojan, 
Das mit den drei prädt’'gen goldnen Griffen - 
Und den edlen Steinen an den Griffen, 
Werth, wie man erzählt, drei Sultanöburgen ; 
Denn, wenn hiezu Andjelitſch dein Bruder 
Seine Damastenerin no fendet, 

Und aus feinem Gurt die zwei Piftolen, 

Die er unlängft fchmieden ließ in Miezi 

Und mit taufend Golddukaten zahlte, 

Kerner Dukadſchinaz, feine Rüde, 

Und die Hand von feinem rehten Arme — 
Will id wol, o Söhnlein, dich entlaflen, 

Frei did geben aus dem finftern Kerker!“ 


Da dies hört der Audjelitihe Mitſcho, 
Schreibt er glei; ein zartes Brieflein fhreibt er, 
Schickt ed an Wuk Andjelitſch, den Bruder: 
„Wille dies, Wuk Andjelitih, mein Bruder! 
Löfegeld begehrt für mid der Bane, 

Zordert drei mal hundert formfdhe Rinder, 
Fordert fünf mal hundert batſcher Schafe, 
Zwei mal taufend gelbe Golddukaten, 

Bier mal tanfend weiße Silbergroſchen, 
Denn die beften Roſſe von Udbina, 

Eins des Poperſchenowitſchen Schwarzroß, 
Eins dad Grauroß Talo's von Draſchaz, 
Eins dad Weisroß Hernetin Muſtafa's, 
Dann das Schwert des Jankowitſchen Stojan, 
Das mit den drei prädt’gen golbnen Griffen 
Und den edlen Steinen an den Griffen, 
Fordert deine leichte Damadcenrin 


— bb 


Und von deinem Gert die. zwei Piſtolen, 
Fordert Dukadſchinaz, deinen Hund, noch 
Und die Hand von deinem rechten Arme. 
Zahl' das Loͤſsgeld oder zahl’ es nimmer; 
Kur erlöf mi, da mein eigner Bruder, 
Nur verfommen lafſ' mid nit im Elend — 
Furchtbar iſt's in foldem Kerker wohnen!” 


De den Brief Wuk Andielitih erhalten, 
Und bedacht des Briefes ganzen Inhalt, 
Steht er auf und geht von Drt zu Drte, 
Bis die ſyrmſchen Rinder er vollzaͤhlig 
Und Die batfher Schafe bat beifammen 
Und die weißen Grofhen und Dufaten, 


Kauft das Schwert des Jankowitſchen Stojan, 


Zahlt dafür dreißundert Beutel Goldes, 
Nimmt vom Arm die ſchlanke Damascenrin, 
Aus dem Gurt die funtelnden Piftolen, 

Legt die falbe Rüde an ein Kettlein, 
Säit an’s Meer au um geübte Aerzte 
Sid die Hand vom rehten Arm zu trennen, 
Scaffet Alles, thut auch gerne Alles — 
Doch die Roſſe Fann er fih nicht ſchaffen, 
Ihm fie laſſen mögen nicht die Türken. - 


Da beginnt Wuk Andjelitſch zu finnen, 
Sinnet viel, erfinnet endlih Eines ; 
Kimmt um fib armfelige Gewaͤnder, 

Auf die Schulter einen Kornelfteden, 

An den Steden einen Sad, ganz ärmlich, 
Gebt verkleidet fo von Drt zu Drte, 


Bittet wie ein Blinder um Betheilung, 
Bis er vor des Bans von Zara Hof kommt. 


Bor dem Hof figt Kumria die Sklavin, 
Sitzt und fhaufelt eine goldne Wiege, 
In der Wiege Söhnlein zwei des Banes. 


Gottes Gruß entbietet Wuk beſcheiden: 

„Möge Gott, Frau Banin, ſtets mit dir kin! 
Um des Wohles deiner Söhnlein willen, 

Und des Banes, deined lieben Herren, . 

Den dir Gott bewahre und beſchuͤtze 

Bor dem Schwert Wuk Andjelitſch's, dem fiharfen, 
Daß er nie ihn treffe, nie ihn febe, 

Reihe milde Gabe mir, Frau Banin!” 


Da die SHavin Kumria dies böret, 

Springt empor fie auf die leichten Beine, 
Eilt hinan ſchnell zu den obern Hallen, 
Sagt’5 der Banin, ihrer Frau Gebietrin 

Und die Banin gibt ihr dies ald Antwort; 
„Deffne, SHavin, die verihloffnen Käften, 
Hol hervor drei gelbe Golddukaten, 

Reich' fie dar dem arme fremden Helden! 
Zwei um meiner Söhne Wohlſein willen, 

Um das Wohljein meines Herrn den dritten !” 


Wuk jedoch erwartet nicht die Gab’ erft, 
Dedt ſchnell auf die prädt’ge goldne Wiege, 
Nimmt heraus des Banes beide Söhnlein, 
Thut bebend in feinen Sad fie beide, 





—— N — 


. Springt gewandt von Buß zu Buſch von binnen, 
Schleicht bedacht von Strauch zu Strauch von dannen 
Und entflieht — erfreut ſei ihm die Mutter! — 
Und entführt des Banes beide Söhnlein. 

Da berablommt Kumria, die Sklavin 
Und beraustritt vor des Hofes Pforte, 
Iſt der Held, der liſt'ge, längft im Weiten! 


Abends, nad) dem Niedergang 'der Sonne, 

Spricht alfo die Banin, die Gebietrin: 

„Kumria, du meine treue Sklavin, 

Wecke doch die beiden lieben Soͤhnlein, - 
Daß die Sonne fie nit mit ſich nehme)” 


As die Sklavin nun die Wiege aufdedt, 
Ziſcht fie auf gleiy einer wilden Schlange. _ 


Zitternd fragt die Banin, die Gebietrin: 
„Sprich, was haft vu? Daß did Schlangen fräßen!” 


„Mich nit, Herrin, fondern did betrifft es, 
Mid die Eine, aber did zu Bieren — 
Deine Kinder find nit in der Wiege!” 


Eben Fehrt der Ban aud beim vom Jagen, 
Traͤgt in feiner Hand zwei wilde Entlein, 
Wilde Entlein und mit goldnen Ylügeln. 
Schon von ferne ruft er zu der Sklavin: 
„Kumria, du meine treue Sklavin, 

Bring’ mir meine beiden lieben Söhnlein, 
Will die goldnen Entlein ihnen ſchenken, 
Daß die Kleinen ſich daran erfreuen!‘ 


— 48 0 


Da jedod die Sklavin ihm erwiedert, 

Nicht zu finden fein die beiven Söhnlein, 

Und der Ban von- Zara foldhes höret, 

Fragt er Ängftlih Kumria, die Sklavin: 
„Sprich, war jemand, Zrember hier im Hofe?“ 


Kumria, die Sklavin, ihm ermwiedert: 
„Ban von Zara, mädhtiger Gebieter, 
Niemand Zremder war in deinem Hofe, 
Niemand, ald ein fremder armer Rede!” 


Angftvoll fragt der Ban die Sklavin weiter: 
„Sprich! Wie war deö fremden Helden Ausſehn? 
Und was fprad zu euch der fremde Meder” 


Drauf erwiedert Kumria ihm biefes: 

„Schwarzen Schnurbart, blut'ge Augen hatt’ er; 
Wenn er fah, fo trafen feine Blide 

Wie der Blitz aus ſchwarzen Wolfen fallend. 

Um der Kleinen willen — alfo ſprach er — 

Und des Banes, deines lieben Herren, 

Den dir Gott- bewahre und beihüse 

Bor dem Schwert Wuk Andjelitſch's, dem ſcharfen, 
Daß er nie-ihn treffe, nie ihn ſehe, 

Reiche milde Gabe mir, Frau Banin!“ 


Schredvoll ruft der Ban darauf von Zara: 
„Niemand war die ald der Andjelitſche!“ 

Sigt ‚gleich nieder, fchreibt ein dichtes Schreiben, 
Schickt es an Wuk Andjelitſch, den Helden: 
„Sei in Gott, Wuk Andjelitſch, mein Bruder! 


— 49 — 


Wolle mir nicht toͤdten meine Söhnlein, 
Sterben fie vor Durſt und Roth nicht Laffen! 
Zrei dann geb’ ih Mitſcho dir, den Bruder!” 


Wuk jedoch ermwiedert drauf dem Bane: 
„Ban von Zara, mächtiger Gebieter! 
Zödten nimmer werd’ ich beine Kleinen! 
Schlummern fie auch nit in goldner Wiege, 
Sondern mur ir einer Wiege, hölzern, 
Aus zwei Städen toben Zannenholzes ; 
Speifen aud nit Zuckerwerk und Honig, 
Haben auch nit füße Mutternahrung — 
Speifen fie doch guten Brei aus Hefer, 
Haferbrei und feiftes Zleiih von Rindern! 
Eher aber ſend' ich fie zerüd nicht, 
Eh’ du nit den Bruder mir geſendet, 
Ihn gefendet und mit ibm mand’ Andres; 
Denn viel wenger find zwei Banesfühnlein 
Als in deinem Kerker mein Gefangner! 
Jedem von den dreißig jungen Türken 
Wirft ein grünes Oberkleid du ſchenken, 
Jedem einen Beutel voll mit Golde 
Zür die Zeit, die fie bei bir verfäumten. 
Mitiho, meinem Bruder, Bar von Zara, 
Wirft dein eigne® Oberkleid du ſchenken, 
Dran du trägft des Smiljanitſchen Spangen, 
Wirft ihm ſchenken deine blanken Waffen, 
Die du Faufteft Ichtbin in Benebig, 
Für fie zahlteſt taufend Golddukaten; 
Wirſt ihm ſchenken deinen mähn'gen Mappen, 
Daß er drauf nach meinem Hofe reite, 

II. 4 


— 50 — 


« 


Wirft, o Ban, ald Schmerzgeld ihm nod zahlen 
Wohlgezäbit drei Seumeslaften Gutes. 
Mir jedoh, o mädt'ger Ban von Zara, 
Wirft fo viel du gelben Golds nur zahlen, 
Als ich felbft für drei mal hundert Rinder 
Und für fünf mol hundert Schafe zahlte, . 
Für das Schwert des Jankowitſchen Stojan! 
Für die Rinder drei Saumlaften Gutes, 
Für die Schafe drei Saumlafteh Gutes, 
Dreißig Beutel für die Waffe Stojan's. 
Deine Rechte? Die will id dir ſchenken, 
Daß du fürder ftreifen Fannft im Lande, 
Nach Belieben Sklaven dir erbeuten! 
Alles dies, o Ban, jedoch, dies bringft du, 
Bringft es felber an des Meeres Küfte, 
Auf das hohe Welebitgebirge ! 
An des Smiljanitſchen Fühlem Waffer 
Wollen dort, o Bane, wir und treffen, 
·Aus dort taufhen unfere Gefangne!” 


Da dem Ban died Schreiben in die Hand fommt, 
Und er fieht,; was ihm dası Schreiben kündet 
“ Und daß ſchwerlich Andres ihm zu thun bleibt, 
Führt berans er Mitſcho aus dem Kerker 
Und mit ihm die dreißig Udbinianer, 
Läßt zur Stunde dreißig Schneider fommen, 
Heißt fie fert’gen dreißig Dberkleider 
Zür die dreißig jungen Udbinianer, 
Zahlt den Udbinianern dreißig Beutel, 
Gibt fein eigned Dberfleiv an Mitſcho, 
So das Kleid, wie aud die goldnen Spangen ; 





- 


4b» 


x Schnallt ihm felbft um feine blanten Waffen, 
Zahlt ihm Schmerzgeld drei Saumlaften Gutes, 
Zertigt aus für Wuf, was Wuk gefordert, 
Zieht hinan zur fleilen Meeresfüfte 
An des Smiljunitfchen kühles Waſſer. 


Bor ihm lang’ ift Wuk fhon an der Stelle, 
Hat mit ſich die beiden Pleinen Knäblein, 
Sist im Nafen, ſchlürft gefühlten Rothwein. 
Da den Ban er fommen flieht von ferne, 
Springt er auf und eilet ihm entgegen. 

In die Arme fließen fih die Beiden, 
Küfſen fih, befragen fih um's Wohlſein, 
Und der Ban berzt feine lieben Söhnlein, 
Wuk den Bruder Mitſcho, den geliebten. 
Kieder figen drauf die beiden Helden, 
Trinken Wein und fließen gute Freundſchaft. 
As noch Wuk die Türken übernommen, 
Kehrt ein Jeder heim nad feinem Hofe; 
Zern nad Zara zieht der Ban von Zara — 
Seine Söhnlein führt er mit fi heimmwärts —, 
Wuk an feine Küfte nad Tſchelebitſch 
Mitſcho, feinen Bruder, mit fi führend 
Und mit ihm die dreißig jungen Türken. 

Hier nun erft bewirthet Wuk die Türken, 
Sendet fie dann beim nad ihrer Heimat. 


Mög’ ihm Gott Geſund- und Frohſein ſchenken, 
Und er lang’ des Bruders fi erfreuen! 


4* 


— — —— — oo. 


— 53 — 


Die Helden von Zeugg. 


An ver Brüde Benggä, des weißerbanten, 
Srinten Wein von Zengg fünf wadre Helden, 
Haben mit fih eine feinne Yahne. 

Dicht beftidt mit Golde tft die Fahne, 
Rauſchet weit im Windzug andeinander, 

Und von Zengg den wadern Siegeshelden 
Schlagen um die Müsen ihre Duaften. 
Galia Tomitſch ift der Helden Einer, 

Petar, Namens Merkonitſch, der Andre, 
Recke Wlaſchkalinowitſch der Dritte, 

Wut, mit Kamen Manduſchitſch, der Vierte, 
Dob von Zengg der Kapitän der Fünfte 


Läßt von Zengg der Kapitän fig Hören: 
„Suter Gott, iſt's doch ein großes Wunder! 
So viel Heiden Zengg fein eigen nennet, 
Außer mir gibts Feinen beffern Helden, 
Kein gewandtres Roß ald meinen Rappen, 
&o in Zengg als wie im weiten Umfreta!’ 


Schweigend nit Kann Galia ſolches hören 
Und erwiedert dies dem Kapitäne: 


: 





— 53 — 


„Prahle nicht, o Kapitän der Zengger! 

Oder etwa haſt du ſchon vergeſſen, 

Wie von Bosnien wir den Paſcha fingen 
Und mein Weißroß deinem Rappen vorritt? 
In die Höhe ſprang's drei gute Klafter, 

Bier jedoch voran vor deinem Rappen, 

Schlug die Erde mit den Hintechufen 

Deinem Roß in’s Aug‘ die Schollen werfend!“ 


Arg ergrimmt der Kapitän der Zengger, 

Fährt emporwärts gegen Galia Tomitſch: 
„Scweig, o Buhler! Schweige, Galia Tomitſch! 
Unbeſonnen laͤßt du did vernehmen, 

Ob du nice die drei Piftolen fäheft, 

Die ih trag’ in meinem feidnen Gürtel! 

Kun wohlen! So feur' ih ab denn’ eine!” 


Spricht's — und losflammt eine der Piftolen, 
Zlammt und kracht — ver Schuß trifft Galia Tomitſch. 
Doch, wie leiht ibn auch der Schuß getroffen, 

Galia Tomitſch ſinkt entfeelt zur Erde, 

Sinket Wlaſchkalinowitſch zur Seite, 


Anden Hals fällt Merkonitih dem Todten: 
„Galia Tomitſch, guter Bundesbruder, 
Nicht mit Abficht tödtete der Held dich!“ 


Manduſchitſch jedoch erhebt ſich grimmig: 
„Pundebuhler, Kapitän der Zengger! 

Gibt ed denn nicht Säbel und nicht Zweikampf, 
Daß du feuerft auf Unvorgeſehne? 


Oder fahft du nicht die beiden Buͤchſen, 

Die ich trag’ an meinen Heldenfhultern, 
Beide alterprobte Benetianer, 

Dran drei Schmiede ſchmiedeten drei Boden, 
Waffenfhmiede drei und noch drei Helfer? 
Bol find fie auch von lebend’gem euer, 
Angefült mit feingelörntem Pulver, 

Mit fünf Schroten, jede zu acht Dradmen, 
Achtzehn Drachmen aber wiegt die Kugel!” 


Spricht's und hat zu End’ noch nicht gefproden, 
Da entfährt dem ſchlanken Rohr die. Flamme. 
Aufflammt’s, ob der helle Donner flüge, 

Zährt in's Herz dem Kapitän der BZengger. 


Merkonitſch erhebt fih von der Leiche, 
Wlafhkalinowiti von feinem Sitze, 
Beiden folget Mandufhitih, der Nede, 
Dir von Zengg den Kapitän erfhoffen. 
Drei ziehn Hin — doch Zwei, die bleiben rückwaͤrts, 
Bleiben rüdwärts an der Zengger Brüde, 
Galia Tomitſch auf dem blut'gen Rafen, 
Keben ihm der Kapitän der Zengger; 
Ueber Beiden liegt die ſeidne Fahne. 


— 5 > 


Ilia Smiljanitſch. 


Sqmerzvoll wehklagt's in dem grünen Graſe. 
Klagt dies eine Wila oder Schlange? 

Keine Wila Plagt dies, Feine Schlange; 

Tief zum Tode liegt ein Held verwundet. 


Kommt einher Wuk Manduſchitſch des Weges, 
Fragt den Helden, feinen Bundeöbruder: 


„Beh! Was Plagft du, tbeurer Bundesbruder?“ 


Ihm erwiedert Smiljanitſch Ilia: 
„Toͤdtlich, Bruder, ſieh', bin ich verwundet!” 


Weiter drauf fragt Manduſchitſch den Bruder: 
„Kannſt du wol, o lieber Bundesbruder, 
Kannſt du wol die Wunden überdauern, 

Bis ich flinfe Aerzte dir gefunden, 

Weihe Lager, Bruder, dir bereitet?” 


Ihm entgegnet Smiſljanitſch Ilia: 

„Mühe dich, o Zreund, nit ab vergebens! 
Such' nicht Aerzte, fu’ nicht weiche Lager! 
Bring’ mid, Freund, nad meinem weißen Hofe, 


“ 


— 56 > 


Meinem Hof, zu meiner alten Mutter, 
Daß die Mutter nad den Wunden fchaue, 
Meine Lieb’ ein Lager mir bereite, 
Meine Schwefter Iabend Waſſer reihe!” 


Manduſchitſch alfo drauf: zu Ilia: 

„Will did, Freund, nad meinen ‚Höfen bringen! 
Meine Mutter fol dir ſchaun die Wunden, 
Meine Lieb’ ein Lager dir bereiten, 

Meine Schwefter dich mit Waſſer laben!” 


Doch Ilia dies drauf ihm zur Antwort: 

„Nicht doch, jo dir Gott, o Bundesbruder ! ” 
Zremde Mutter beilet Wunden nimmer, 

Zremde Lieb’ bereitet harte Lager, 

Zremde Schwefter reihet bittern Labtrunk!“ — 


Spricht's — und haudet aus die Helvenfeele. 


% 





687 — 


Dſchengitſch⸗Bekir ⸗Paſcha vor Moskwa. 


Flogen auf zwei ſchwarz beſchwingte Raben 
Bon Dfia unterhalb von Moskwa 

Blutig bis hinan die ſchwarzen Flügel 

Und dic Schnaͤbel roth bis an die Augen, 
Flogen drei, vier Tage durd die Lande 
Karawlachien und Karabogdanien, 
Skenderien und Urumenlien, 

Zlogen in das Land Herzegowina, 

Zlogen nad der Ebne von Zagorje, 
Zlogen bin und wieder drei, vier Stunden, 
Ließen fih auf Niemand Höfe nieder 

As auf die des Paſcha Dſchengitſch⸗Bekir. 


Kiederfallend Prädzen lant die Raben, 
Senken ihre Flügel ob den Binnen, 
Laffen "fallen eine blut'ge Feder, 

Und der Wind entführt die blut'ge Feder, 
Zrägt fie durch das offne Spiegelfenfter, 
Bringet in die Stube fie der Kadin.. 


+ 8 — 


Da die Kadin fieht das Unglückszeichen 

Geht hinaus fie vor die weißen Höfe, 

Hebt empor die Augen zu den Binnen, 
Sieht die beiden ſchwarzbeſchwingten Naben, 
Hebt zu ihnen alfo an zu reden: 

„Bundes brüder, o ihr ſchwarzen Naben! 
Blutig bis hinan find eure Flügel ˖ 

Und die Schnäbel roth bis an die Augen! . 
Weſſen Blut, o fagt, habt ihr getrunken, 
Und woher, o Raben, führt der Weg euch? 
Kommt ihr nit aus jener Gegend aufwärts 
Bon Dfia unterhalb von Moskwa? 

Saht ihr nicht dort mächt'ge Türkenheere? 
Saht ihr nit dort meinen Bekir⸗Paſcha? 
Kit auch Haſſan⸗Beg dort, feinen Bruder, 
Osman-Beg, den Sohn mir, den geliebten, 
Saka-Smail-Aga, meinen Neffen, 

Arnda, den bejahrten Zabnenträger, 

Und die andern Türfenhäupter alle? 

Sind die Heere wohl und guter Dinge? 
Zummeln ſich die Roſſe mit den Mannen? 
Weh'n die Fahnen frifh voran den Scharen? 
Toben dort die Türken wie die Wölfe? 

Iſt mein Paſcha ob dem Heer Seraskjer? 
Sendet er die Haufen dur die Ebne? 
Bringt man dar ihm mannichfache Sflaven? 
Liegen Chriften gnug ihm an der Kette? 
Dat er zarte Sflavinnen genug aud? 

Hat für mid auch etwas er erworben? 
Bringt er heim mir Moskowiterſklaven? 
Haben fie der Beute Laft getbeilt ſchon? 


— 59 6 


Ward dem’ Paſcha zugetheilt das Befte? 
Und wann denkt mir heimzukehren Bekir, 
Daß ih, wenn er heimkehrt, ihn erwarte?” 


Drauf die beiden Naben ihr erwiedern: 

„ Bundesihwefter, Bekir⸗Paſchas Ehfrau! 
Gerne Gutes würden wir dir künden, 

Doch des Guten ſahen wir gar wenig; 
Künden dir indeß fo viel wir faben! ° 
Noch vor Aurzem waren wir vor Moskwa, 
Saben Alles, Zrau, wornach du fragteft. 
Wohlauf war das Heer und guter Dinge, 
Mit den Mannen-bäumten fi die Roſſe, 
Bor den Scharen wehten frifh die Fahnen, 
Gleich den Wölfen tobten dort die Türken, 
Und dein Paſcha, ob dem Heer Seraskjer, 
Sandte aus bie Haufen nad- der Ebne, 
Und fie bradten heim ihm viele Sklaven. 
Ehriften viele liegen an der Kett' ihm, 
Und an fhönen Sklavinnen nicht fehlt's ihm. 
Während an der Kett' die Chriften jammern, 
Müflen Ihön die Ehriftinnen ihm tanzen, 
Liebli tanzen, wenn auch wider Willen. 
Sieben ihrer find bei deinem Paſcha. 

Und bei Osman⸗Beg, bei deinem Sohne, 
Au bei ihm find drei der Mllerfhönften, 
Und bei all den andern Zürkenhäuptern 
Zwei bei Einem, vier bei einem Andern!“ 


Sprit darauf des Bekir⸗Paſcha Ehfrau: 
„Bundesbruͤder, ihr zwei ſchwarze Raben, 


— 60 — 


Gin Geſchenk fuͤrwahr verdient ihr Beide!“ 
Spricht's und will auch das Geſchenk gleich holen. 


Doch zu ihr die beiden Raben alſo: 
„Warte! Denn noch Andres ift za künden! 
Schon errungen hatt’ den Sieg der Paſcha; 
Doch nicht ließ der Teufel ihn bedacht fein, 
Immer weiter zog er gegen Moſtwa. 

Da dies aber fah die Moſtwakoͤn'gin, 

Die mit Namen beißt rau Jeliſawa, 

Ließ fie heimlih graben eine Mine, 

Lockte drüber al das türkſche Kriegsvolk, 
Gab der Mine dann lebendig Yener, 

Daß gen Himmel alles Kriegsoolf aufflog 
Und am dritten Tag erft fiel vom Himmel!” 


Da ſie's Hört, ruft Bekir⸗Paſchas Ehfrau: 
„Weh', o Naben! Schrecklich ift dies. Ungtäd 1” 


Doch die. Raben fpreden zu ihr weiter: 
„Noch, o Kadin, noch ift dies nit Alle! 
Wollen jeht erft Ungläd dir verkünden ! 
Was noch übrig von dem Heer geblieben, 
Gegen diefes fit die Moskwakon'gin, 
Schickt bei ſechs mal hundert taufend Netter, 
Lauter Reiter, wildverwegne Schläger. 
Gen Dfia drängen fie den Paſcha. 
Hier, 0 Kadin, ging das Heer zu Grunde, 
Kamen um zwölf mädhfige Befire 

‚ Ungezählt die Heinen Roßſchweif⸗Paſchas; 
Kamen um aus Bosnien achtzig Bege!“ ' 


= 


— HI — 


Jammernd ausruft Bekir⸗Paſchas Ebfrau: 
„Wehe! Wehe! Schrecklich iſt dies Unglüd!” 


Doch die Raben ſprechen zu ihr weiter: 
„Doch, o Kadin, doch iſt's noch nicht Mes, 
Und dein Unglück ſollſt vu jetzt erſt hoͤren! 
Deinen Paſcha fingen fie lebendig, 

Mit ibm Döman-Beg, den lieben Sohn bir, 
Zührten Beide in das Ghriftenlager. 

- Einem Zreund begegnet bier dein Paſcha, 
Einem Freunde aus Herzegowina 

Mit dem Kamen Zernojewitih Sawa. 

Sehr erfreut darüber war dein Paſcha. 

Sawa doch hub alfo an zu reden: 
„Hausverwüſter! Buhler Bekir⸗Paſcha! 
Meiner Brüder fünf haſt du getödtet, 
Schweres Leid verurſacht meinem Herzen! 

Hof und Boden haſt du mir genommen, 

AU mein Landſtück in Herzegowing! ' 
Sag’, mo ift nun all mein Grund und Boden? 
Wo der Rinder Heerde, die mid nährte? 

Wo die Roffe, meine wadern Sieger? 

Wo die tayiend Schafe, meine Sorge? 

Wo das Zünf der Brüder, meine Zreude? 

Um dies Alles, Thor, haft du gebracht mid, 
Haft mir felbft getrachtet nah tem Leben, 

Und mit Müh’ entkam id nur nah Moskwa!“ 


Drob rechtfert'gen win fi ihm der Paſcha; 
Doch zu Wort laͤßt ihn nit Sama fommen, 
Schwingt fein Schwert, ſchlaͤgt ihm das Haupt vom Rumpfe. 


— 6 — 


Deinen Dsman will er auch erſchlagen; 

Doch nicht läßt's von Moskwa zu die Herrſchaft: 
„Nicht doch, Bruder Zernojewitih Sara! 

Koh ein Kind iſt's, jung und unerfahren, 

Kann wol noch erlernen unfre Schriften!” 


Darnach tauften fie dir deinen Osman, 
Lehrten ihn die Moskowitenbücher, 
Machten aus ihm einen Kaludjeren !” 


Da dies hört des Bekir-Paſcha Ehfrau, 
Sinft vor Herzleid fie zur Erde nieder, 
Sinfet nieder — hebt fi auf nit wieder. 


— 63 —— 


Moskowitiſche Geſchenke und türkiſche 
Gegengeſchenke. 


Harte Briefe eilen hin durd Länder, 

Eilen bin durch Länder und durd Städte 
Bis die Briefe im den Diwan kommen, 
In den Divan Mujefith des Sultans. 
Fern von Moskwa fommen ber die Briefe, 
Hit den Briefen herrliche Geſchenke: 

Zür den Sultan eine goldne Tafel, 

Auf der Tafel eine gone Dſchamia, 

Um die Dſchamia eine goldne Schlange, 

An der Schlang’ ein Edelftein, fo Eoftbar, 
Daß dabei man ſchauen fann zu wandeln 
Spät zur Naht auch ohne allen Mondſchein 
Wie um Mittag, da die Sonne fdheinet; 
Für des Sultans Söhnlein, für den jungen 
Ibrahim, zwei blankgeſchliffne Säbel, 

* An den Sübeln goldgewirft zwei Bänder, 
An den Bändern je zwei edle. Steine; 

Für des Sultans vornehmfte Gemahlin 
Aus gediegnem Gold ein prädtig Wieglein, 
In dem Wieglein einen edlen Falken. 


— 64 — 


⸗ 


Da dem Sultan die Geſchenke kommen, 
Wird ob der Geſchenke ſehr beſorgt er, 
Denn nicht hat er, was er gegenſchenke. 
Immer ſinnt er, kann doch nichts erſinnen. 
Jedem, der zu ihn kommt in den Diwan, 
Jedem rühmt er die Geſchenke koſtbar, 
Bruͤſtet ſich der praͤcht'gen Ehrengaben, 
Die geſandt der große Zar von Moskwa; 
Jeden fragt er, ob ihm Jemand wiſſe, 
Was er wol entgegenſend' nach Moskwa. 


Zu ihm kommt da Sokolowitſch-Paſcha, 
Und der Sultan rühmt ihm die Geſchenke; 
Zu ihm drauf ein Hadſchia und ein Hodſcha, 
Beugen ſich in Demuth bis zur Erde, 
Kuͤſſen an die Hand ihn und die Kniee — 
Ihnen rühmt der Sultan auch die Gaben, 
So ihm worden aus dem fernen Moskwa, 
Rühmt die Gaben, ſpricht zu ihnen alſo: 
„Meine Diener, Hadihia du und Hodida ! 
Sagt und mödtet ihr vielleiht mir rathen, 
Was aus meinen weiten Sultandreicdhen 
Ih nah Moskwa ſend' ald Gegengabe?“ 


Drauf erwiedern dieſes ihm die Beiden: 
„Großer Sultan, mächtiger Gebieter! 
Nimmer, Herr, ſind wir wie du ſo weiſe, 
Nicht vermögen klug wir dir zu rathen! 
Laß darum dem Patriarchen kommen! 
Weife wird der greife Kjaur dir rathen, 


4- 


as ald Gegengabe du am beften 
Sendeft an den großen Zar von Moskwa!“ 


Kaum der Sultan folden Rath vernommen, 
Schickt er ab zur Stunde feinen Gawas, 
Lapt zu fi den Patriarchen kommen, 

Zeigt auch ihm und rühmet bie Gefhenfe, , 
So ihm worden aus dem fernen Moskwa, 
Ruhmt und preift fie, redet zu ihm alfo: 
„Run, mein Diener, alter Patriarche! 
Könnteft wol, o Diener, du mir rathen, 
Was entgegen ih nah Moskwa ende?” 


Meile drauf der Greis ihm dies erwiedert: 
„Sultan: Zar, du ftrablend heile Sonne, 
immer, Herr, bin id wie du fo weife, 

Den mit Weisheit felber Gott gefegnet! 
Doch, 0 Sultans dar, in deinen Reichen 
Weiß ih Mandes, ziemend zu Geſchenken, 
Des, 0 Sultan, unnüs dir und wertbloß, 
Werth jedoch und lieb dem Zar von Moskwa. 
- &o den Stab des Nemanitſchen Same, 

So die Kron’ des Kalfers Konftantinus, 

So des heiligen Jowan Meßgewaͤnder, 

So des Fürſten Laſar Kreuzesfahne. 
Werthlos iſt dir, unnutz dies, o Sultan, 
Lieb jedoch und werth dem Ber von Moskwa!“ 


Da der Sultan ſolchen Rath vernommen, 
Schafft er bei die herrlichen Geſchenke, 
Uebermacht den Boten ſie von Moskwa. 

I. 5 


— 66 > 


Alſo aber, da die Boten ziehen, 

Spricht der Patriarch zu ihnen heimlich: 

„zieht mit Gott nun, Moskowiterboten! 

Doch zieht nicht entlang der Heereöftraße, 
Sondern zieht durch Wälder und Gebirge — 
Maͤcht'ge Haufen werden euch verfolgen, 
Rückbegehren al’ die Heiligthümer ! 

Koftet died mein Leben auch — nit grämt eud! 
Iſt mein Leib dem Tode aud verfallen, 

Iſt's doch nicht der Seelen Heil, fo Gott win!” 
Sprit alfo und fcheidet von den Boten. — 


® 


Als der Sultan nun entfandt die Gaben, 
Rühmt er deß im Diwan fi zu Jedem. 
3u ihm kommt auch Sokolowitſch⸗Paſcha, 
Und der Sultan rühmt ſich auch zu dieſem: 
„Weißt du wol, o Paſcha, treuer Diener, 
Was ih nach dem fernen Moskwa fandte? 
Sandt’ den Stab des Nemanitichen Sawa, 
Sandt’ die Kron’ des Kaifer Konftantinus, 
Sandt’ des heil’gen Jowan Meßgewänder, 
Sandt’ des Kneſen Lafer Kreuzesfahne! 
Unnüg mir und werthlos find die Dinge, 
Werth jedoch und lieb dem Zar von Moskwa!“ 


Zragt darauf der Paſcha Sokolowitſch: 
„Sultans3ar, o ftrablend belle Sonne! 
Ei, wer hat zu Solchem dir gerathen?” 


Wahrhaft drauf erwiedert ihm der Sultan: 
„Solches rieth der alte Patriarch mir!” 


— 67 — 


Weiter drauf der Paſcha Sokolowitſch: 
„Sultan-Zar, o ftrablend helle Sofne! 

Sandteft du die Ehriftenheiligthümer, 

Barum nit die Schlüffel auch von Stambol? 
Schmachvoll einft. wirft, Sultan, du fie fenden — 
Was du gabft, der Hort war's deiner Reiche!“ 


Kaum der Sultan. foldes Wort vernommen, 
Spridt er fo zu Sokolowitſch-Paſcha: 
Schnell, o Paſcha, ſchnell mein tremer Diener! 
Auf! Erhebe ſchnell dir Janitſcharen! 

Eile nach den Moskowiterboten, 

Schaff' zurück mir meine Heiligthümer, 

Und erſchlag' die Moskowiter alle!“ 


Schnell gehorcht der Paſcha, ohne Säumniß, 
Macht ſich auf, erhebt die Janitſcharen, 

Eilt entlang die breite Heeresſtraße, 

Eilet nah den Mosfowiterboten — 

Doch die Boten, die erſchaut er nirgends. 
Nüdwärts kehrt er mit den Janitſcharen, 
Schwört dem Sultan, längft der ganzen Straße 
Sei von Boten Feine Spur zu ſchauen! 


Wuthentbrannt gebietet ihm der Sultan: 
„Auf! Und bin, mein Diener Sokol⸗Paſcha! 
Bring’ mir um den alten Patriarchen!” 


Schnell gehorcht der Paſcha, ohne Säumniß, 

Eilet hin, ergreift den Patriarchen, 

Wil ihn tödten noch zur felben Stunde. 
5 *. 


— 68 ⸗— 


Alſo aber ſpricht der Greis zum Paſcha: 
„Kurze Friſt, o Paſcha, nur verziehe! 
Tödte du mich hier auf trocknem Land nicht! 
So du's thaͤteſt, küme boͤſe Trockniß, | 
Waͤhrte fort drei Jahr’ nad meinem Tode!” 


Da der Paſcha foldes Wort vernommen, 
Führt den Patriarchen an dos Meer er. 


Angefommen auf des Meeres Höhe 

Faßt den Greis er, will zur Stell ihn töbten. 
So jedoch ſpricht hier zu ihm der Priefter: 
„Kurze Zrift, o Paſcha, nur verziebe! 

zödte mid auch bier auf weitem Meer nit! 
So du's thäteft, kaͤmen böfe Waſſer, 

Aus den Ufern träͤt' die wilde Seeflut 
Ueberſchwemmend Boote dir und Schiffe 

Und das ganze Erdreich nah vier Seiten!” 


‚ 


So zum Paſcha ſpricht der greife Märtrer. 
Doch der Paſcha laͤßt fich's nimmer wehren, 
Schwingt den Saͤbel, ſchlaͤgt das Haupt vom Rumpf ihm. 


Alſo ſtarb der Patriarch zu Stambol. 
Geb' ihm Gott des Paradieſes Freuden, 
Frohſein uns und Abwehr aller Leiden! 








Frauenlieder. 


Erſter Reigen. 


Mutterrösfein. 
Mohamedaniſch. 


Madchen ſpinnen zur Abendzeit. 
Welche von ihnen ſpinnt zumeiſt? 
Mutterröslein ſpinnet zumeiſt! 


Dafür lobt es der Sultan ſehr, 
Sendet ibm zu ein Bündlein Hanf: 
„Hier, o Röslein, ein Bündlein Hanf, 
Spinn’ mir daraus ein weißes Zelt! 
Draus jedoch was dir übrig bleibt 
Spinne dir Brautgefchente ſchön, 

Sie zu zerreißen in meinem Hof, 
Einzufhlummern auf meinem Arm!’ 


Klüger ift Mutterröslein noch, 
Schickt dem Sultan ein Weberſchiff: 
„Hier, o Sultan, ein Weberfhiff, 
Bau mir draus einen Weberftuht! 


Draus jedoch was dir übrig bleibt 


Baue dir weiße Höfe ſchoͤn, 
Daß ih darin umwandle dir 
Und entihlummre auf deinem Arm!” 


—d 12 8 


Sluch für Stud). 


Sulberhufe an die Hufe 

Schlägt Grutza feinem Hoffe, 

Da entreißt dad Roß fi plötzlich, 
Sprengt hinein in Mara’s Garten 
Und zertritt ihr alle Roſen. 


Alfo flucht die ſchöne Mara: 
„Roß, 0 daß du herrnlos würdeft 
Und daß fharfe Pfeile führen 
Durch den Sattel tief in’s "Herz bir, 
Durch die Zügel in den Nahen 

Und dur deine Beine ale!” 


Ihr zurüd drauf Radoiza: 

„Fluch' niht, Mara, meinem Roffe; 
Schlimmer fonft mödt’ ih dir fluchen — 
Daß du niemals dich vermähleft! " 
Wenn du di vermähleft jemals, 

Daß du nie ein Knäblein wiegeft! 

Wenn du je ein Knäblein wiegeft, 
Niemals an der. Hand ed führeft! 











—) 713 0 


Und, wenn an der Hand ed führeft, 
Es hinaus in’s Schlachtfeld fenveft, 
Nie ed aber wiederkehre, 

Sondern feine Kampfgenoffen 

Dir fein Kriegdroß heimwaͤrts bringen, 
Auf dem Roſſe feinen Sattel, 

An dem Sattel feinen Säbel, 

An dem Säbel feine Handſchuh' 
Schwarzgefärbt von ſchwarzem Blute, 
Bunt beftidt mit bunter Seide, 

Doch zumeift mit trauerſchwarzer, 
Auf daß ſchwarz der Mutter Tage, 
Schwarz der Echwefter Stunden feien, 
Zinfter feiner Liebften Nächte!” 


Wüpf ich, Antlitz, wer dich einſt wird Rüffen! 


Stand des Mädchen, ftand am Bergesabhang, 
Widerſchien der Berg von ihrem Antlit 

Und dad Mädchen fprad zu ihrem Antlit: 
„Wahrlich, Antlif, o du meine Sorge, 
Wenn id wüßte, du mein weißes Antlik, 
Daß dereinft ein Alter did wird küſſen, 
Ging’ hinaus ih nah den grünen Bergen, 
Hflüdte allen Wermuth in den Bergen, 
Preßte bittres Wafler aus dem Wermuth, - 
Wüſche dich, o Antlis, mit dem Waſſer, 
Daß du bitter, wenn dich küßt der Alte! 
Wüßt' ic aber, du mein weißes Antlit, 
Daß dereinft ein Junger di wird Eüffen, 
Ging’ hinaus id in den grünen Garten, 
Pflückte ale Rofen in dem Garten, 

Preßte duftend Waffer aus den Roſen, 
Wüfhe dich, o Antlih, mit dem Waffer, 
Daß du dufteft, wenn did Füßt der Junge!” 


— 78 — 


Das Madchen; das ſchöner will ſein als 
die Sonne. 


Trutt dad Mädchen mit der Frühlingsſonne: 
„Schöner doch ald du bin ih, o Sonne, 
Schöner ald du felbft und als dein Bruder, 
As dein Bruder Mond, der wunderbelle, 
Und ald deine Schwefter Wandelfternlein, 
Die da wandelt an de Himmels Wölbung 
Wie ein Hirt vor feiner weißen Heerde!“ 


Gott dem Herrn Hagt dies die Frühlingsſonne: 
„Was, o Gott, beginn’ ih mit dem Maͤdchen?“ 


Gott der Herr der Sonne drauf erwiedert: 
„Zrühlinsfonne, Kind, du mein geliebtes, 

Bleib’ mir heiter, wolle dich nit grämen! 

Arg entgelten fol uns dies die Stolze! 

Scheine du und bräune ihr die Wangen! 

Ich jedoch will boͤſ' Geſchick ihr fenden, 

Will ihr geben lauter Heine Schwäger, 

Boͤſe Schwieger und noch ſchlimmren Schwäherr — 
Neuen wird ſie's, daß mit dir fie truste!” 


Wie das Mädchen vorſchnell ſchwort. 


Sqwor ein junges Mädchen 
Blumen nie zu tragen; 
Blumen nie. zu tragen, 
Kiemal Wein zu trinfen; 
Niemals Wein zu trinken, 
Knaben nie zu Füffen. 


Geftern Ihwor dad Mädchen — 
Heute ſchon bereut ed: | 
„Wenn ih Blumen trüge 
Wär’ ih doch noch ſchoͤner! 
Wenn ih Rothwein tränfe 
Wär’ ih doch noch froher! 
Wenn den Liebſten küßte 
Wär’ mir doch noch wohler!“ 


— 7» 


Mädchen an der Küfle. 


Sentten fi die Küftennebel, 
Ließen ſchaun weit übers Meer hin. 
Ueber'm Meere ritt ein Bürflein, 
Dem im Haufe noch Pein Lieb war. 
Schaut ein Mägdlein, ſchaut ihn reiten, 
Schaut ihn aus des Hofes Fenſtern, 
Redet alfo zu fi felber: 

„Ach wie fern von meinem Hofe, 
Ah wie fern find jene Felder 

Ob des ſalz'gen Meeres Breite! 
Lieber Gott, und laß mid wiſſen, 
Db ih träume, ob ich fehe! 

Iſt zu Roſſe dies ein Reiter? 

Iſt's ein graubefhwingter Falke? 
Nicht vermag ich's zu erkennen! 

Ad und daß ſich diefe Zluten, 
Wandelten zu grünen Feldern! 
Barfuß und im bloßen Hemdlein 
Wollt’ ich laufen über’5 Feld hin! 
Wär’ ein grauer Falke jenes, 


— 3 — 


Wollt' ich ſagen: Flieg', o Falke, 
Herwaͤrts uͤber dieſe Ebne, 

Sollſt ein liebes Wild erſchauen! 

Waͤr's ein Held auf hohem Roſſe, 
Bitten ihn: Führ' in dein Haus mich!“ 





— 79 = 


Meira. 


Mohamedaniſch. 


Meira ſenkt das Köpfen 
Auf der Mutter Schulter. 
In der Mutter Höfen. 


Alfo fragt die Mutter: 
„Sprid, was ift dir, Meira?“ 


„Frage nicht, o Mutter, 
Denn zu ſterben geh' ich, 
Nimmer überleb' ich's! 
Wenn ich todt, o Mutter, 
Rufe dann, o Mutter, 
Zu mir.die Geſpielen! 
Die in mich verliebt ſind, 
Schenk' du ihnen Alle — 
Doch ſelbſt todt, o Mutter, 
Laß ich nicht von Mujo! 
Rufe auch, o Mutter, 
Hodſchen und Hadſchien; 
Waſche mich, o Mutter, 
Mit der Roſe Waſſern; 
Trockne mich, o Mutter, 


2 





— 80 — 


Mit der Roſe Blaͤttern; 
Aber nicht begrab' mich, 
Wo man gräbt die Gräber! 
Sondern dort, o Mutter, 
In dem Hauſe Mujo's 

Und wo Mujo ſchlummert, 
Daß er, wenn er aufwacht, 
Seine Meira küſſe! 


— — — — — — 


— 8 9 


Hüll' den weißen Nacken ein! 


Gebt ein Falke fi empor, 

Biest die Schwingen ftolz und breit, 
Fliegt empor, dann rechtshin weit, 
Bis er fhaut der Veſte Thor. 


An dem Thor ein Maͤdchen fitt, 
Wäſcht ihr weißes Angeſicht; 
Schnee der Berge gliget nicht 
Wie ihr weißer Naden gligt. 


Wie es wäiht und wie es fißt, 
Hebt es auf die fhmwarzen Brau'n, 
Und Fein Nadtftern iſt zu fyaun 
Wie ihr ſchwarzes Auge blitzt. 


Sprit der Falke aus den Höhn: 
„O da Maͤdchen, wunderſchön! 
Waſche nicht die Wange dein, 
Daß ſie ſchneeig glitze nicht! 

Hebe nicht die Braue fein, 

Daß dein Auge blite nicht! 

Hüll' den weißen Nacken ein, 
Daß mir nicht das Herze bricht! 


— — — — — 


— 2 > 


Ewig mein bleibt, dem ich, liebe! 


Manko ſchlaͤft, der ſchöne Knabe, 
Unter grünem Apfelbaume. 

Mädchen drei vorübergehend 
Sprechen alfo zueinander :. 

„Was wol wär’ das Liebſte Jeder?” 


Bon den Dreien ſpricht die Yeltfte: 
„Mir des Knaben goldnes Ringlein!“ 


Von den Dreien ſpricht die Mittle: 
„Mir des Knaben ſeidner Guͤrtel!“ 


Doch die Juͤngſte ſpricht von Allen: 
„Mir der Knabe Ranko ſelber! 
Goldner Ring muß einmal breden, 
Seidner Gürtel einmal reißen, 
Ewig mein bleibt, was ich Liebe! “ 


— 3 — 


Wußl' ich, daß ich einſt die Deine! 


Spiett das Mädden, ſpielt am Waſſer, 
Ihre Füßlein fhimmern ; 
Kommt ein Knabe, kommt zu Roffe, 
- Laht darüber belllaut: 
„Spiel, o Maͤdchen! Spiele, fptel! nur! 
Wirft am End’ die Meine!’ 


Und das Mädchen, weiter fpielend, 
Ihm darauf erwiedert: 
„Wüpßt' ich es, und wär’ es fider, 
Daß ich einft die Deine, 
Würd’ ih wol in Mil mid baden, 

Würde weiß wie Mil iftz 
Würde mid mit Roſen trodnen, 
Würde roth wie Roſen; 
Würde mid mit Seide gürten, 
Würde ſchlank und niedlich!“ 


6* 


— 8 > 


Sſuch' ihm, Mutter, ih auch will ihm fluchen! 


Hurt die Mutter, ruft der Tochter 
Ueber drei Gebirge: 

„Iſt, o Mara, liebe Tochter, 
Iſt gebleiht das Linnen?“ 


Ihr zurüd die junge Tochter 
Ueber neun Gebirge: 

„Richt in's Waſſer, liebe Mutter, 
Taucht' ich noch das Linnen; 

Denn o ſieh', es bat dad Waſſer 

Jowo mir getrübet — 

Wie denn erft, o liebe Mutter, 
Haͤtt' ih es gebleicht ſchon! 

Fluch' ihm, Mutter, liebe Mutter! 
Ich auch will ihm fluchen! 

Gaͤbe Gott im hellen Himmel, 
Daß er ſich erhänge — 

An ein böfes Baͤumchen hänge, 
An den weißen Hals mir! 

Gäbe Gott im hellen Himmel, 
Daß er lieg’ gefangen — 





— 8 — 


Lieg' gefangen tief im Kerker, 

An der weißen Bruſt mir! 
Gaͤbe Gott der Herr im Himmel, 
Daß er Ketten trage — 

Ketten trage feſtgeſchlungen 
Meine weißen Arme! 
Gäbe Gott im hellen Himmel, 
Daß ihn naͤhm' das Waſſer — 
Daß ihn nähm' das wilde Waſſer, 
Mir in's Haus ihn bringe!“ 


— 5 — 


Den am wohlſſten if. 


Rühmt die Goldcitrone ſich am 
Meeresſtrand: 
„Wohler wol iſt Niemand heute 

Als wie mir!“ 


Hört das grüne Aepflein dies am 
Apfelbaum: 

„Eitel prahlſt du, Goldcitron' am 
Meeresſtrand! 

Wohler wol zur Stund' iſt Keinem 
Als wie mir!“ 


Hoͤrt die grüne Wieſe dies, noch 
Ungemäht: 

„Eitel prahlſt du, grünes Aepflein 
An dem Baum! 

Wohler wol ift Niemand heute 
Als wie mir!” 


Hört dad junge Mädchen dies, noch 
Ungefüßt: 





— 37 e— 


„Sitel prahlſt du, ungemähtes 
Wieſenland! 

Wohler wol iſt Riemand heute 
Als wie mir!“ 


Hört der junge Knabe dies, noch 
Unvermaͤhlt: 

„Eitel prahlt ihr, eitel heute 
Alleſammt, 

Denn ſo wohl wie mir, iſt heute 
Keinem wol! 

Goldcitron' am Meeresſtrand, did | 
Pflück' ich heut! 

Aepflein grün am Apfelbaum, dich 
brech' ich heut! 

Ungemähte Blumenwiel’, dich 
Maͤh' ih heut! 

Ungelüßte junge Maid, did 
Küſſ' ih heut!” 


— 88 — 


Das Roßlein, das feinen. Herrn verfäßt. 


Seinen Herrn verläßt das Roͤßlein 
Auf Koſſowo's xraur'ger Ebne. 

Zragt der Held das Nößlein alfo: 

„O mein Roͤßlein, du mein Reichthum, 
Sag’, warum verläffeft du mid? 

Bift du müde, gutes Nößlein, 

Müde deines Buchsbaumſattels? 

Dder, Nößlein, bift du müde 

Des geihmüdten, ſchweren Zügels? 
Dder bift du müde, NRößlein, 

Unfers langen, langen Wanderns?” - 


Drauf das Roͤßlein ihm erwiedert: . 
„Müde nit, o junger Recke, 

- Bin id meined Buchsbaumsſattels; 
Auch nit müde, junger Rede, 
Des geihmüdten, ſchweren Zügel; 
Müde nit des langen Wanderns 
Und der vielen weiten Wege, 
Sondern müd’ des vielen Reitens, 
Sunger Rede, nad der Schänfe! 





’ 


4 


— 89 — 


Vor der Schänke muß ich ſtehen; 

In die Schänfe gehſt du ſelber. 

In der Schänke find drei Mädchen — 
Eine heißet Ljubitſchiza, 

Eine heißet Grlitſchiza, 

Und die dritte Gondſchelale —, 

Und du fherzeft mit den Mädchen: 
Küffe mid, o Ljubitſchiza! 

Herze mih, o Grlitſchiza! 

Schlaf’ mit mir, o Gondſchelale! 

Und id Nößlein, hungernd, durftend, 
Stampf’ die Erde bis an's Knie, 
Kag’ das Gras bis an die Wurzel, 
Trink' den Thau vom Falten Pflaſter!“ 


— 90 — 


Sieh', die Sonne fenkt ſich. 


Sqlaͤft ein lieblich Mädchen 
Unterm Kornelbaume, 
Grauer Falke wedt ed: 
„Lieblich Kind, erwache! 
Sieh', die Sonne ſenkt ſich 
Schattend deine Wangen!“ 


Da erwacht das Mädchen. 


Doch die Sonne iſt's nicht, 
Was ſich niederſenket, 
Sondern kam der Liebſte, 
Beuget ſich hernieder, 
Küßt das liebe Mägdlein 
Auf die rothen Wänglein, 
Auf den weißen Bufen. 


— Y — 


Und den Einen werd’ ich ewig Rüffen! 


Schilt das junge Maͤdchen, ſchilt den Spiegel: 
„Spiegel du, daß man did nimmer ſahe! 

Haft verleumdet mid bei meiner Mutter, 
Sprachſt zu ihr, daß ich vier Helden Füßte, 
Zwei noch unvermählte, zwei vermählte! 

Und — bei meinem Bruder! — einen Einz’gen 
Küßt' ih nur, und der ift unvermählt noch, 
Und den Einen werd’ ich ewig Füffen! 





— 1 — | 


Sag’, if lieb dir meine Seele, Liebe? 


Trägt der Wind ein Möslein über Feld, _ 
Zrägt und legt es bin auf Jowo's Zelt. 
Drin fist Jowo neben Mara hold, 

Jowo fhreibt und Mara ftidt in Gold. 
Da zu Ende Jowo's ſchwarze Tinte” 
Und zu End’ das rothe Gold Marias, 
Redet aljo Jowo zu Maria: 

„O Marie, Seele mein, du Liebe! 

Sag’, ift lieb dir meine Seele, Liebe? 
Meine Rechte nit zu hart, du Süßer” 
Leife drauf erwiedert ihm Maria: 

„Slaub’, 0 Iomo, Seele mir und Herz du! 
Werther viel ift deine Seele mir 

Ald mir werth find meine Brüder vier! 
Bier der weichſten Flaumenkiſſen find, 
Liebfter, nicht wie deine Hand fo Lind!” 


93 — 


Sei die Meine, 0 dm liebe Seele. 


Mn ver Brüde haft fein Roͤßlein Jowo; 

Aus dem Fenſter fichet ihn das Mädchen, 
Siehet ihn, ſtreut Roſen auf ihn nieber: 

„O Geliebter, gürte feft den Gürtel, 

Daß die Roſe dir hindurch nicht falle, 

Und das Maͤdchen Andrem wicht zufallel 

Denn gar feltfam träumte heute Racht mir, 
Herrulos geh’ dein Braun umher im Felde, 
Auf der Wahlftatt lieg’ am Grund dein Kalpak 
Und dein Köcher ausgeftreut am Wege!’ 


Drauf dem Madchen Jowo dies erwiebert: 
„Sei die Meine, 0 du liebe Seele! 

Denn, wenn du zu lieben mid beginneft, 
Geht das Süd allmegen mir zur Seite, 
Sei's auf ftiller Wandrung, ſei's im Streite!“ 


— 94 — 


Schuld allein find unſre Mütter. 


Jenſeits über'm Samwewaffer 

Gebt der Knabe, führt fein NRößlein. 
In der Hand den Kalpak trägt er, 
In den Kalpak Thränen weint er, 
Und die Same fo verwünfdt er: 
„Straf' did Gott, o Samwewafler ! 
Kann dich, Wafler, nit durchwaten, 
Kann did, Zlut, nit überſchwimmen, 
Daß mein Lieb ih drüben küſſe!“ 


De von drüben ruft das Mädchen: 

„So dir Gott, o junger Knabe, 

Kit den Strom verwünfde fürder, 
Denn nidt Schuld dran ift das Wafler ! 
Schuld allein find unfre Mütter, 

So die deine wie die meine! 

Denn geſchworen bat die deine: 

Geb’ den Sohn nit vor dem Frühjahr! 
Und geſchworen aud die meine: 

Geb’ die Tochter nit vor'm Herbfte!” 


u 





— 9 — 


Gib mich nicht dem Ungeliebten, Mutter! 


Thauig Gras das kluge Weißroß weidet, 
Weidet eines, horcht ein zweites Weilchen, 
Wie zur Mutter alſo ſpricht das Mädchen: 
„Sib mid nit dem Ungeliebten, Mutter ! 
Durch's Gebirg mit dem Geliebten irren, 
Speifen Schlehdorn, Thau vom Laube trinken, 
Schlafen auf den Steinen will ich lieber, 

Als durch Höfe mit Verhaßtem wallen, 

Zuder fpeifen und auf Seide fhlummern !” 


— % ⸗— 


Neige dich nicht, Roſe, zu mir nieder. 


Einſchlief unter Roſen Maͤdchen Roſe — 

Reigt ſich eine Roſe und erweckt es. 

Da zur Roſe ſpricht das Maͤdchen Roſe: 

„Neige nicht zu mir dich, Roſe, nieder, 

Denn nit wohl wie dir, ift mir, o Rofe, 
Sondern weh’ im tiefiten Herzen innen! 

Jung und lieblich freit um mid ein Knabe, 
Einem Alten geben mid die Aeltern! 

Morihem Ahorn gleiht ein alter Ehmann; 

Weht ein Wind, da wankt der morſche Baumftamm, 
Faͤllt ein Regen, träufelt Schmuz bernieber. 
Boller Nofe gleiht jedod der Junge; 

Weht ein Wind, dann blüht fie auf erft herklich, 
Faͤllt ein Regen, duftet fie erft lieblich, 

Scheint die Sonne, glüht fie um fo ſchoͤner!“ 





— 97 — 


x 


Die Scheidenden. 


Solang empor fi eine ſchlanke Rebe, 
Schlang empor fih um die Befte Budims. 
Keine Rebe war's, die fi) emporſchlang, 
Sondern eine Liebfte um den Liebften. 
Früh zu lieben huben an die Beiden, 
Liebten fi feit ihrer Kindheit Tagen, 
Muften nun Lebwohl einander fagen. 


Da zum Mädchen ſprach der Knabe alſo: 

„Bor dir, Mädchen, find drei breite Ströme. 
An der Ströme drittem grünt’ein Garten, 

In dem Garten blüht ein Strauch voll Rofen. 
Bon den Roſen brih, o Mädchen, eine, 

Birg’ an deiner Bruft fie, nah’ dem Herzen; 
Schneller alö die Roſe dir wird welfen, . 
Schneller, Mädchen, welkt um dich mein Herze!” 


Drauf das Mädchen dies zurüd dem Knaben: 
„Bor dir, Knabe, find drei hohe Berge. 
Aus der Berge drittem quillt ein Bronnen, 
An dem Bronnen liegt ein fhwerer Marmor. 
I. 7 





— 8 - 


Auf dem Marmor fteht ein Kelh von Silber, 
In dem Kelch ift eine Scholle Schnees. 

Aus dem Becher nimm die Scholle Schnees, 
Birg’ an deiner Bruft fie, nah’ dem Herzen; 
Säpneller als der weiße Schnee dir ſchwindet, 
Schneller, Knabe, ſchmilzt um did mein Herzel” 


— 9 > 


Der verlalfene hirſch. 


Gent ein Hirſch durch's Waldgebirg und weidet, 
Weid’t an einem, fieht am andern Tage, 
Klagt am dritten, daß es dringt zum Himmel. 


Zragt ihn des Gebirges weiße Wile: 

„Hirſch, du prachtvoll Evelthier des Waldes! 
Sprich, was ift dir Leides widerfahren, 

Daß du, da du weideſt im Gebirge, 

Weid'ſt an einem, fiehft am andern Tage, 
Klagft am dritten, daB es dringt zum Himmel?” 


Drauf der Hirih der Wila dies erwiedert: 
„Schweſter mein, o Wila diefes Bergwalds, 
Ad, wie folt! ich ſiechen nit und Plagen? 
Hatt' ein Weibchen, eine liebe Hirſchkuh; 
Hin nun jüngft an’s fühle Waffer ging fie, 
Ging hinaus — und Fam mir nicht mehr wieder! 
Kann die Arme nun den Weg nidt finden? 
Hat ein böfer Jäger fie erlegt mir? 
Oder hat fie willig mid verlaffen? 
Kann die Arme nit den Rückweg finden, 
17% 


—d A400 — 


Gebe Gott, daß fie ihn endlich finde! 
Hat ein böfer Jaͤger fie erfhoflen, 
Gebe Gott, daß ihm wie mir geſchehe! 
Hat fie aber willig mid verlaffen 

Und zu Liebe einem andern Hirſche, 
Gebe Gott, daß fie erleg’ der Jaͤger!“ 


Denn drei Fehler, Freund, die Hat du! j 


Brach ein Zweiglein vom Gebüſche, 
Reicht' es dar der Treugeliebten, 
Fragte ſie bei Erd' und Himmel, 
Ob ſie außer mir wen liebe. 


„So bei Erde wie beim Himmel 

Niemand lieb' ich außer dir mehr, 

Und auch dich nicht, Freund, von heut' an! 
Denn drei Fehler, Freund, die haft du! 
Bon den Fehlern ift der erfte, 

Daß du Fein bift, viel zu Fein mir! 

Bon den Fehlern ift der zweite, 

Daß du fein bift, viel zu fein mir! 

Bon den Fehlern ift der dritte, 

Daß du bleich bift, viel zu bleih mir!” 


„So ich Mein bin, viel zu Plein dir, 
Bin ic) leicht doch meinem Roßlein; 
So ih fein bin, viel zu fein dir, 
Iſt's, weil ih von edler Abkunft; 

So ih bleih bin, viel zu bleih dir — 
Iſt's, weil ich fo viel gelernt ſchon! 


— — — — — 


—.102 = ⸗ 


Der Sonne liebe Schweſter. 


Quillt hervor ein wunderkühles Waſſer, 
Steht daran ein wunderſilbern Baͤnklein, 
Sitzt darauf ein wunderlieblich Maͤgdlein, 
Goldbedeckt bis an das Knie die Füßlein, 
Bis zur Schulter goldbedeckt die Händchen 
Und das Haupthaar fein wie Silber wallend. 


Durch die Welt geht dieſes Wunders Kunde, 


Kommt dem Paſcha, kommt auch ihm zu Ohren. 


Da er's hört, entſendet er zwei Diener: 
„Seht, o Diener, an das fühle Wafler, 
Daß ihr dort das Wundermäͤdchen fehet! 
Iſt ed ſchön, fo wie die Leute ſprechen, 
Will ih es zur treuen Liebften nehmen!” 


Singen bin des Pafcha beide Diener, 
Sahen, alö fie an dad Waſſer Samen, 
Daß ed wahr fei, was die Leute ſprachen, 
Kehren heim, und fagen fo dem Paſcha. 


Da der Pafcha ſolche Botſchaft hoͤret, 
Lädt er gleich wol ſechss mal hundert Swaten, 
Geht hinaus, daß er dad Maͤdchen hole. 


— 103 — 


Da ihn aber kommen ſieht dad Mädchen, 
Sprit es alfo, ſpricht zum maͤcht'gen Paſcha: 
„Dank dem Herrn, o Übergroßes Wunder! 
Bift du, Paſcha, wol bei rehten Sinnen, 
Daß du dir zur treuen Liebe nehmen, 

Freien wilft der Sonne liebe Schwefter, 
Frei'n des Mondes allerfhönfte Bafe, 

Frei'n des Frühſterns treue Bundesfreundin?‘ 


Alſo fpridt das Mädchen und erhebt ſich, 
Greift in ihre goldgeftidte Taſche, 

Holt daraus hervor drei goldne Xepflein, 
Wirft empor die Xepflein in den Himmel. 


Drängen ſich die ſechs mal hundert Swaten, 
Wer der Erfte wol die Aepflein finge! 
Do ftatt dreier Aepflein aus dem Himmel 
Fahren nieder drei gezadte Blitze; 

Einer trifft die beiden Brautgeleiter, 

Einer grifft den Paſcha hoch zu Nofle, 

Und der dritte die fehöhundert Swaten. 
Nicht entkommt ein Auge, zu bezeugen, 
Kit ein Mund, die Kunde zu erzählen! 


— 10 — 


Bere Helden ſind's, die ich nich küſſe! 


Scan das Mädchen, ftand am Bergesabhang ; 
Hell erfhien der Berg von ihrem Antlitz, 
Ihrem Antlig, ihrem grünen Kranze. 


Sich’, da Fam ded Sultans Heer vorüber ! 
Sott zum Gruß entbot das ganze Heer ihr. 
Einer nur, ein unvermählter Knabe, 

Grüßt nit, fondern lenkt zu ihr fein Roͤßlein: 
„Küſſe mid, o feltne Mädchenſchönheit, 

Küffe mich, eh’ ich dich kuͤſſe, Mädchen!“ 


Ihm darauf zurüd die Maͤdchenſchoͤnheit: 
„Bleib' mir fern, o unvermählter Knabe! 
Beßre Helden find’s, die ich nicht Füffe, 
Wie erft kuͤßt' ich eines Sultans Krieger!” 


— 15 — 


Smiljann. 


Reine Befte Shin wie die von Budim, 
Kühl Fein Kühl wie das des Apfelbaumes, 
Drin der Knabe. Dragoilo ſchlummert! 


Kommt Smiljana, fommt heran das Mädchen, 
Lehnt ſich ftill an einen Aft des Baumes, 

Und vom Antlis fallen ihr die Thraͤnen, 
Fallen nieder auf des Knaben Wangen. 


Aus dem Schlummer auffährt Dragoilo: 

„Wehe mir! Bei Gott dem einzig Einen, 
Schwerer Regen fällt aus-blauem Himmel! 

Bin vermählt nit, will aud nicht vermählt fein, 
Wird nit mein die liebliche Smiljana !” 


Hören dies Smiljana’s ftolge Brüder, 
Mauern ein die lieblide Smiljana. 


Alfo aber bittet fie Smiljene:  _ 
„So eud Gott, ihr meine ftolzgen Brüder ! 
Laßt mir offen nur ein kleines Zenfter, 


— 106 — 


Das ich ſeh' vorbeiziehn den Geliebten, 

Ob fein Roͤßlein ftolz empor dad Haupt trägt, 
Ob er felbft zerreißt das feine Tüchlein, 
Tüchlein, dran drei Jahre lang ich ſtickte, 
Sorgfam vor der Mutter ed verbergend, 

Und um das Fein Serbensfeeldhen wußte 

Als die jüngfte meiner Schwägerinnen, 

- Die dazy das rothe Gold mir kaufte!“ 


— 407 — 


- 


Schwimmt hinaus ein Rähnlein. 


Sqwimmt hinaus ein Kaͤhnlein 
Von der Veſte Budim; 

Weinet nach dem Kähnlein 

Bon Budim das Mädchen. 


Alſo fragt die Mutter: 
„Mädchen, warum weinft du?” 


„Frage .niht, 0 Matter, 

Was ih Arme weine! 
Sondern, Mutter, frage, 
Wem die Hand ich ſchenkte, 
Wer dad Herz nun mitnimmt!” 


— 108 — 


Sarajewo, daß dich Glut verzehre! 


Fliegt ein Falke über Sarajewo, 

Suchet Schatten, um drin auszuraſten. 

Da ein Tännlein vor der Veſte fieht er, 
Unter'm Tännlein ein umzäumtes Brünnlein, 
An dem Brünnlein Witwe Hyacinthe, 

Bei der Witwe Mädchen junge Rofe. 


Sinnt der Falfe, fängt an nadzufinnen, 

Ob er Witwe Hyacinthe Liebe, i 
Oder ob das Maͤgdlein junge Roſe. 

Sinnet hin und her — beſinnt ſich endlich, 
Und ſpricht alſo leiſe zu ſich ſelber: 

„Beſſer iſt ſtets Gold, wenn auch zerbogen, 
Als wie Silber, wenn auch neu geſchmiedet!“ 
Spricht alſo, liebt Witwe Hyacinthe. 


Alſo aber flucht die junge Roſe: 

„Sarajewo, daß dich Glut verzehre, 

Glut verzehre oberhalb des Bodens, 

Flut zerſtöre unterhalb des Bodens, 

Peſt verheere was da lebt inmitten, 

Weil du duldeſt alſo böſe Sitte, 

Daß die Jungen alte Witwen lieben, 

Und die Alten ſchaun nach jungen Maͤdchen!“ 


— 409 9 


Send’ zurück den Slügel, Mutter! 


Früh im Bette weht ihr Kind die Mutter: 
„Auf, o Mara, auf, du meine Tochter! 
Köftlihe Gefhhenke find dir kommen! 

Bon dem Schwäher ein verziertes Leibchen, 
Bon der Schwieger Lieblid grüner Sammet, 
Bon den Schwägern goldne Zingerringe, 

Bon der Schwägrin Haarkettlein mit Perlen, 
Bon des Bräutgamd Schwefterlein Armbänder, 
Bon dem Bräutgam felbft ein goldner Flügel!“ 


Mara drauf im Bette fih erhebend: 
„Höre mi, o meine liebe Mutter!‘ 
Meinem Bater gib das rothe Leibchen, 
Dir, 0 Mutter, laß den grünen Sammet, 
Meinen Brüdern gib die goldnen Ringe, 
Meinen Schweftern gib die Perlenkettlein, 
Meinen Schwägerinnen die Armbänder, 

. Und den Flügel fhid’ dem Bräutgam rückwärts, 
Daß er zweifach, dreifadh es beklage; 

Ein mal, weil wir niemald uns gefehen, 
mei mal, weil wir nie beifammen waren, 
Drei mal, weil wir nie einander liebten!“ 


De 


— A410 — 


Die Reinen Schwager hat. 


Strömt die Samwa, ftrömet die Morama; 
Holz und Zelöftein führt die fhnelle Sawa, 
Leiten Kahn von Rußbaum die Morama, 
Knab' und Mädchen figen in dem Kabne. 
Knabe ſchlaͤft; das Mädchen ftidt am Rahmen, 
Weckt den Sinaben mit der Silbernadel. 


Bon dem Ufer fieht den Kahn die Bleichrin, 
Jenes Mädchens Liebe junge Freundin, 

Nuft alfo dem Mädchen zu im Kahne: 

„Wie dir wohl ift, Mäpden, dort im Kahne!“ 


In dem Kahne böret dies das Mädchen, 

Ruft alfo der Bleihrin zu an’s Ufer: 

„O daß wohl fo meiner Mutter wäre, 

Die mid ausgab an ein einzig Söhnlein! 

Einer Witwe glei’ ih in dem Reigen, 

Außer'm Neigen, ab, einer Berftoßnen! 

Einer Ieden, wie fie find im Reigen, 

Bringt ein Schwager, bringt ein golden Xepflein, 
Mir nur bringt ein Fremder eine Waldfrucht, 
Außen goldig, innen wurmzerfreffen!” ' 


— U» 


Sprich, woher mein Ringlein dir? 


Gent der Knab' am Berge bin, 
Schmüdet fih mit Reiſern grün, 
Sieht vom Berg hinab in’d Thal, 
Sicht im Thale Mariza, 

Wie fie fegt den Hof zumal. 


Da er’s fieht, da ſpricht der Knab': 
„O Mariza, Perle mir! 
Sprich, woher mein Ringlein dir?” 


Drauf Mariza ihm zurüd: 

„Knabe, du mein ſchönes Glück! 

Neulich gab’5 dein Bruder mir, 

Sprach: Wann werd’ ih Schwager dir?” 


— A412 — 


Diele Derwandte, gutes Glück. 


Kammt ein Maͤdchen, kämmt das lange Haupthaar, 
Kämmt das Haupthaar, Gott den Herrn To bittend: 
„Suter Gott, laß gutes ‚Süd mir werden, 

Gutes Glück und einen guten Freier, 

Guten Zreier mit viel guten Brüdern, 

Gute Brüder mit viel guten Schweſtern, 

Daß, wenn ih die Meinen einft beſuche, 
Mannesſchwäger mir die Roſſe fatteln, 
Mannesbrüder mitziehn zu den Meinen, 
Mannesihwägrin mir den Kuchen bade, 
Mannesſchweſter mid dahin begleite, 
Schwageröfrauen mir die Kränze fledhten, 
Schwägerinnen bei mir ftehn zur Rechten!“ 


— A113 — 


Wie das Mädchen den Verwandten gefallen wird. 


Salief ein lieblich Madchen 
Unterm Kornelbaume, 
Unter Kornelzweigen, 
Unter Rebenlaube. 


Kam vorbei ein Knabe, 
Kam auf ſtolzem Roſſe, 
Sprach zum Mädchen alſo: 
„Möge Gott dir beiſtehn, 
Lieblichſtes der Mädchen! 
Haſt du ausgeſchlafen? 
Haft du ausgetraäͤumet? 
Wirſt du einft die Meine 
Dder meines Bruders?” 


Leife drauf das Mädchen 
Diefes ihm erwiedert: | 
„Zieh mit Gott, 0 Knabe! * 
Ausgeſchlafen bab’ ich, 
Hab’ auch auögeträumet, 
Und die Deine werd’ ich! 
Dod die Leute ſprechen, 
Streng fei deine Mutter, 
II. 8 


— 444 — 


Zornig deine Brüder, 
Stolz die lieben Schweſtern!“ 


Leiſe drauf der Knabe 
Dies zurück dem Maͤdchen: 
„Fürchte nichts, o Seele! 
Will es gleich dir ſagen, 
Wie du leicht gewinneſt, 
Seele, meine Mutter! 
Herrſcht mit dir die Mutter, 
Nichts erwiedre, Seele! 
Kehren heim die Brüder, 
Heiße ſie willkommen, 
Nimm die Waffen ihnen, 
Sprich zu ihnen, Seele: 
Seid mir kieb willkommen, 
Meine jungen Schwäger, 
Meine golden Ringe! 
Kommen auf Beſuch mir 
Zernber meine Schweftern, 
Geh’ entgegen ihnen, 
Kimm die Wieglein ihnen, 
Sprich zu ihnen aljo: 
Seid mir lieb willfommen, 
Schwaͤgerinnen, liebe, 
Wie geliebte Schweftern! 
Alſo, wohlgefallen 

Seele, wirft du, Allen!“ 


— 15 — 


Wie die Schwägrin tröſtet. 


Hinter jenen grünen Bergen, 
Hinter jenen hoben Gipfeln 
Zummeln fi viel fehwarze Roſſe, 
Stampfen Gruben in die Erde, 
Wesen ab die Silberfättel, 
Nüsen ab die goldnen Zügel, 
Haben weiten Weg zu reiten 

Um das ſchöne Bräutlein Jana. 


Sana aber figt indeſſen, 
Sidt und meinet heiße Thränen, 
Daß fie ziehe fol alfo ferne 


Doch die Schwägrin ſpricht ihr Troſt zu: 
„Weine nit, 0 Golden Jana! 

Noch viel weiter find fie fommen, 

Noch viel weiter, mich zu holen ! 

Als fie gingen, mid zu ſchauen, 
Pflanzten fie ein Kirfhenbäumden ; 

As fie famen und mich freiten, 

Blühte grad’ das Kirfchenbäumden ; 

As fie endlich heim mid führten, 
Waren längft ſchon reif die Kirfhen !” 


8 * 


— A116 — 


Mens Mädchen weinen. 


Starb der Mutter, ftarb ihr einzig Söhnlein; 
That der Mutter leid, ed zu begraben, 

Zu begraben fern von ihren Höfen. 

Trug's hinaus denn in den grünen Garten, 
Grub es ein im Kühl der Pomeranze, 

Ging hinaus zum Grab dann jeden Morgen: 
„Söhnlein Kondo, ift dir ſchwer die Erde?” 


Kondo drauf, ihr Söhnlein, aus dem Grabe: 
„Nicht, 9 Mutter, ift mir ſchwer die Erde, 
Nicht auch ſchwer die Ahornbrettlein, Mutter; 
Was mir ſchwer ift, find der Maͤdchen Flüde! 
Wenn fie feufzen, dringt e8 bis zum Himmel, 
Wenn fie Flagen, bebt die ganze Erde, 

Wenn fie weinen, thut ed Gott web ſelber!“ 


— 47 — 


- Imwei Sabeln. 


1. Die eitle Eule. 


Eule fist auf einem Buchenaſte, 
Adler über ihr im Tannenhorfte. 


Sehr verfhämt zum Adler ſpricht die Eule: 
„Seh doch, Adler! Winfe nicht beftändig ! 
Gar befondrer Art find jest die Leute, 

Spräden gleih, der Adler liebt die Eule!” 


Drauf jedoch der Adler ihr erwiedert: 
„Züräte nihts! Denn diefes weiß ein Jeder, 
Daß für Eulen Adler nit geihaffen!” - 


— 18 — 


2. Held Müde und Witwe Fliege. 


Mir, der junge Held, ein Nößlein tummelt. 
- Aus ded Meiftere Mesger hohem Söller 
Sieht auf ihn die Witwe Flieg’ hernieder, 
Sieht bernieder, redet zu fi felber: 
„Suter Gott, welch wunderſchöner Recke! 
Bäte dieſer Recke mich zur Liebſten, 
Morgen noch wollt' ich dem Recken folgen!“ 


Mürck', der junge Recke, der dies hoͤret, 
Geht zur Stel! und wirbt um Witwe Fliege. 


Ihm jedoch zurüd die Witwe Fliege: 

„War fo ernft gemeint nit, Nitter Müde!. 
Beflre warben fhon um mid vergebens, 
Bremfen — edle Paſchas und Kadijas, 
Wespen — edle Agas und Hadſchias, 
Horniffen — vielmädtige Veſire!“ 





Aus der Kamilie, 


— 18 — 


2. Held Müde und Witwe, Fliege. 


Mir, der junge Held, ein Nößlein tummelt. 
- Aus des Meifterd Medger hohem Söller 
Sieht auf ihn die Witwe Flieg’ bernieder, 
Sieht hernieder, redet zu ſich felber: 
„Suter Gott, welch wunderfhöner Nede! 
Bäte diefer Recke mich zur Liebften, 
Morgen noch wollt’ ich dem Reden folgen!” 


Mück', der junge Rede, der dies hoͤret, 
Geht zur Stel? und wirbt um Witwe Fliege. 


Abm jedoch zurüd die Witwe Fliege: 

„War fo ernft gemeint nit, Ritter Müde!. 
Beſſre warben ſchon um mid vergeben, 
Bremfen — edle Paſchas und Kadijas, 
Wespen — edle Agas und Hadſchias, 
Horniffen — vielmädtige Veſire!“ 


Aus der Familie. 


Janja die Letztgeborne. 


Guter Gott, welch' niegeſehnes Wunder! 
Bracht' zur Welt neun Töchter eine Mutter, 
Zrägt das zehnte Kind nun unterm Gürtel, 
Bittet Gott, indeß fie trägt dad Kindlein, 
Daß er einen Knaben nun ihr jchenke. 

As jedoch die Stunde war gekommen, 
Bringt ein zehntes Mädchen fie in’s Leben. 


Da die Zeit nun Fam, daß man es taufe, 
&ing der Kum und frug die Mutter alfo: 
„Melden Namen geben wir der Kleinen?’ 


Zornig drauf erwiedert ihm die Mutter: 
„RNenn' fie Ianje, hol’ ein böfer Geift fie!” 


Sanja wuchs, und wuchs gar ſchlank und lieblich, 
Blendend weiß im Angefiht und rofig. 


Da die Zeit nun Fam, fie zu vermählen, 
Nahm den Krug fie, ging hinaus an's Waſſer. 
Kaum jedoch war in’s Gebirg fie kommen, 
Horch, da ruft die Wila aus den Bergen: 


— 122 8 


„Höre mi, o wunderfhöne Janja! 

Wirf das Krüglein in das thau'ge Gras hin! 
Komm zu mir in meine grünen Berge! 

Denn geſchenkt ſchon hat dich mir die Mutter, 
Da du Hein warſt, auf des Kumen Armen!“ 


Da dies Janja hört, die Lettgeborne, 
Wirft den Krug ſie in das thau'ge Gras hin, 
Geht hinein zur Wila in den Bergwald. 


Hinter ihr her eilt die alte Mutter: 
„Komm zurüd, du liebſte Letztgeborne!“ 


Janja aber rufet ans dem Bergwald: 

„Kehre heim, o gottvergefine Mutter! 

Wie fol, Xermfte, ich zurüd dir kommen, 

Da du mich geſchenkt den böfen Geiftern 

Schon als Kind ımd auf des Kumen Armen? ” 


— 123° 


Augelia Milutinomitich. 


Seit die Welt entitanden und beftehet 
War erblüht ein ſchönres Blümlein nimmer, 
As zur Stunde und in diefem Jahre 

Zu Wranjewo oberhalb Kolaſchin 

In des Knefen Radoiza Haufe 

Iſt zu Shaun, mit Namen Angelia | 

Doch vermaift ift früh das Mädchen blieben, 
Ohne Bater, den fie jung verloren. 

Bei dem Dheim wuchs fie auf im Stillen, 
Bei dem Oheim Milutin, dem Popen. 


Wie fie aufwuchs, alfo wachſen wen'ge! 
Rah der Welt vier Enden ging ihr Raf aus, . 
308 heran gefhmüdte Hochzeitswerber, 
Stolzge Freier von der Welt vier Enden, 
Anzubalten um das liebe Maͤdchen. 

Doch Anduſcha achtet ihrer wenig, 

Weiſt von fi die beftgefhmücten Werber. 


Müd' indeffen tft der Pope worden, 
Tag für Tag die Freier zu empfangen. 


— 424 0 


Steht denn auf an einem fehönen Morgen, 
Geht hinaus vor feine weißen Höfe, 

MRuft berbei bier feine liebe Schwägrin. 
„Itonia, vielgeliebte Schwägrin, 

Sich’, ih hab’ ein Wörtlein dir zu reden! 
Eine Tochter, liebe Schwägrin, haft du, 
Keif für Mannes Hand, jung’ Angelia. 
Jeder Tag führt neue Werber zu undz 
Zreier, einer beffer wie der andre, 

Werben um fie von der Welt vier Enden. 
Doch vergebens, vielgeliebte Schwägrin, 
Keinen mag fie von den Freiern allen! 
Koth thut's endlih, auf uns felbft zu adten. 
Unfern Borrath zehren auf die Werber, 
Unfern Hafer all der Werber Roſſe, 

Und nit lang mehr und wir fehn verarmt uns! 
Darum hör’ mid, rielgeliebte Schwägrin ! 
Geh’ hinan du zu dem Thurm, dem weißen, 
Ruf' zu dir die junge Angelia, 

Sag’ ihr Alles, was ich jeht dir fagte, 

Daß fie endlich, ſei's wen immer, wähle! 
Sich’, o Schwägrin, in den weißen Hof und 
Kam von Werbern eben eine Auswahl, 
Auserlefen AU aus guten Käufern! 

Kenne du die Werber ihr mit Namen 

Und gib fanft dabei ihr zu bedeuten, 

Daß fie wähle, wer ihr lieb von Allen!” 


Da dies hört die Schwägrin Ikonia, 
Geht fie in den weißen Thurm zur Stelle, 
Ruft zu fih die Tochter, die geliebte: 


—s 125 — 


„Meine Tochter, Maͤdchen Angelia! 

Wähl' dir einen Mann, geliebte Tochter! 
Sieh’! Es kamen Freier dir in Menge, 
Auserlefen AM, der_Beften Befte! 

Wähle, wer der Liebſte dir von Allen! 

Daß von Allen Ein’ge nur ich nenne: 

3u den Erften zählt, o liebe Tochter, 

Zählt der Sohn der reihen Scharkowitſche, 
Stammend von dem fernen Gazko⸗-Felde; 
Wäre wahrlih dir ein guter Bräutgam ! 
Auch ein Andrer wär’ ein guter Bräutgam, 
Stammt vom Haus der reihen Iwkowitſche, 
Bon der weiten Nebefinjer Ebne; 

Gehſt du nah dem Nebefinjer Felde, 

Schlecht fürwahr nit wirft du dort es finden! 
Einen Dritten daß ih dir noch nenne, 
Wähle den aus Moftars weißer Befte, 

Aus dem Haus der reihen Petrowitſche; 

Der auch, Tochter, ift ein guter Werber! 
Wähle, wen du fekbft willſt — aber wähle! “ 


Da der Mutter Rede Andja höret, 

Da erwiedert leife fie ihr dieſes: 

„Höre mid auch, vielgeliebte Mutter! 
Was du mir vom Gazko⸗Felde ſpricheſt, 
Bon der reihen Scharfowitihe Haufe — 
Biel erzählen hört’ ich ſchon die Leute 

Bon dem Zelde, von der Gazto=Landihaft. 
Rings um es erhebt ſich weites Hochland, 
Eines eben und das andre hüglig 

Und das dritte nichts ald Fahler Felfen. 


— 126 — 


Kiemald, Mutter, böret dort der Schnee auf, 
Ewig liegt dort ein Schnee überm andern. 
Kimmer, Mutter, wählt’ ich diefen Zreier ! 
Was du ſprichſt vom Nebefinjer Felde, 

Bon der reihen Jwkowitſche Haufe — 

Biel erzählen hört’ ich fon die Leute 

Auch von diefer Rebefinjer Ebne. 

Keine Kirche gibt e8 dort, o Mutter, 

Auch von dorther wähl ih Keinen Bräutgam! 
Was du fpriäft vom Haus der Petrowitide 
Zern aus Moftard weißgebauter Veſte — 
Bieles hört! ih, was die Leute ſprechen 

Bon dem Haufe in dem fernen Moftar! 
Freundlich liegt da® Haus der Petromwitfche, 
Gut gedeiht dort Wein und golduer Weizen, 
Ringsumher find Klöfter au und Kirden — 
Gehen werd’ ih nah dem fernen Moſtar!“ 


Da die Mutter ſolches Wort vernommen, 
Gilt hinab fie aud dem weißen Thurme, 
Eilet zu dem Popen, ihrem Schwager, 
Sagt ibm les, was und wie gefchehen. 
Und der Pope, Faum daß er es börct, 
Geht gleich felber in die weißen Hallen, 
Drin verfammelt find die Hoczeitwerber, 
Sprit zu ihnen ohne Rüdhalt alfo: - 
„Hochzeitswerber, meine lieben Freunde! 
Meine liebe Richte zu erbitten 

Habt ihr eud bemüht nad meinem Hauſe; 
Danf euch, Dank, o meine lieben Brüder, 
Für die Ehre Dank und für die Mühe, 


— 11» 


Die ihr meinetwegen auferlegt euch! 

Doch nun hört, o meine lieben Brüder! 
Zum Berlobten wählt ſich Angelia, 
Wählet Stefan Petromwitfh, den jungen, 
Den aus Moftars weißgetündter Befte; 
Biehen will fie nah dem fernen Moſtar!“ 


Da die Freier foldes Wort vernommen, 
Neigen fie fih Höflih vor dem Popen, 
Danfen den Empfang ihm, wie ſich's ziemet, 
Biehn dann beim nad feinen Höfen Jeder. 


Rückwaͤrts bleibt nur Petrowitſch, der junge, 
Rimmt Anduſcha, nimmt das liebe Mädchen, 
Hebt zu fih es auf fein gutes Weißroß, 
Neitet grad’ nad feinem fernen Moftar. 


Angelangt in feinem fernen Mofter, 
Faßt er Andja an der weißen Rechten, 
Führt fie in Die meißgebaute Kirche, 
Kränzt fie hier als feine liebe Hausfrau. 


Mit ihr zeugt er trefflihe Geſchlechter, 
Töchter zwei und vier vielmadre Söhne. 


— 413 — 


Kyriak Milutinowitſch. 


Iſt dies Donner? Oder bebt die Erde? 

Oder ſchlägt das Meer der Küſte Marmor? 
Donner iſt's nicht und nicht bebt die Erde, 
Nicht auch ſchlägt das Meer der Küſte Marmor; 
Seinen Sohn vermählet Knes Milutin. 
Hochzeitskum iſt Wladiſaw, der Kume, 
Stariſwat iſt Weliſaw der junge, 

Brautgeleiter Kyriak, ſein Söhnlein. 


Eh' ſie fortziehn ſpricht er zu dem Sohne: 
„Kyriak, mein Sohn, mein vielgeliebter! 
So du kommſt zu unſern neuen Freunden, 
Zu Drekalowitſch dem Wojewoden — 

Ehr' den Alten wie den eignen Vater, 
Und den Jungen wie den eignen Bruder! 
An des Bruders frohem Hochzeitstage 
Meide Streit und meide Blutvergießen!“ 


Hin dann ziehn die buntgeſchmückten Swaten, 
Kommen glücklich zu den neuen Freunden, 
Zu Drekalowitſch dem Wojewoden. 


— 19 — 


Mit den Maͤdchen, mit den neuverwandten, 
Tanzt und fpielt bier Kyriak drei Tages; 
Wie ein Streit entfteht unter den Gäften, 
Geht er hin und macht glei wieder Frieden, 
Zanzt dann weiter mit den jungen Mädchen. 


Als hierauf der vierte Tag erſchienen, 
Sprit er höflich zu des Mädchens Bater: 
„Schon im Haus erwartet und der Vater!” 


Drauf entgegen bringt man ihm die Jungfrau, 
Gibt ihm fie, und heimmärts führt den Zug er. 


Lang’ nit, und fie ziehn dur eine Felsſchlucht. 
Boran ziehn die Gäfte angetranken, 
Kyriak bleibt rüdwärts mit dem Maͤdchen. 


Mitten in der ſteilen Felsſchlucht plötzlich 

Fällt ein Schuß hervor aus dem Geklüfte, 

Faͤllt, der Braut den Zührer zu erſchießen. 

Gott jedoch befhüst den Brautbegleiter ; 

Kur den Kalpak reißt vom Haupt der Schuß ihm , 
Daß der Kalpak ihm entfällt zur Erde. 


Schnell vom Roß fpringt Kyriak entſchloſſen, 
Nimmt den Kalpaf, fest auf's Haupt ihn wieder, 
Gibt das Roß der jungen Braut zu halten: 
„Hier, o Schwägrin, halte du das Roß mir, 
Das ich ſchau', woher der Schuß gefallen!” 
II. 9 


—$ 10 — 


Spricht's und geht. Doc wie er naht dem Zelfen, 
Zält ein zweiter Schuß aus dem Geflüfte; 

Der da ſchießt, ift Grtſchitſch Manoilo! 

Eine ſchoß er ab juft feiner Büchſen, 

Will die zweite, will fie eben laden; 

Doch vor Haftebridht er entzwei die Büchſe, 
Kann in's Rohr die Kugel nit mehr fhaffen. 
Kyriak, der Braufgeleiter, aber 

Schlägt nad ibm mit feinem goldnen Schözad, 
Trifft ihn mit dem Schözad an den Rüden, 
Daß der Grieche niederftürgt zur Erde, 

Bindet rüdmwärts ihm die weißen Hände, 

Zührt hervor ihn zu der lieben Schwägrin: 
„Wohl dem Bruder, daß du alfo treu bift 

Und das Roß dem Schwager treulich hielteſt!“ 
Schwingt empor ſich wieder auf fein Streitroß, 
Bohrt den ſcharfen Sporn ihm in die Flanken, 
Holt bald ein die vorgeeilten Swaten. 


„Dan? dir, Kum, und Danf.dir, Starifwate! 
Ließſt allein mich in der engen Felsfhludt ! 
Wenig fehlte und mein Haupt verlor id! 
Nach mir fhoß der Grieche Manoilo!”’ 


Ihm zurüd drauf die gefhmüdten Swaten: 
„Wolle dennoch, Freund, nicht Blut vergießen 
Heute an ded Bruders frober Hochzeit! 

Soͤhn' dich aus! Waͤhl' ihn zum Bundesbruder! 
Schoͤn zu ſehn iſt's und auch ſchön zu ſagen 
Brautgeleiter zwei bei einem Bräutchen!“ 


1 


— A131 — 


Dies willfährt auch Kyriak den Swaten, 
Löſt zur Stell' dem Griechenſohn die Hände. 


Abends, als vor Komnen's Haus ſie kamen, 
Machten Raſt die buntgeſchmuͤckten Swaten; 
Mit der Braut im Haus die Brautgeleiter, 
Vor dem Haus die Swaten als Bewachung. 
Doch wo bat je Trunkenheit gewachet? 
Dort, wo Einer ſtand, dort fiel er nieder, 
Dort, wo Einer niederfiel, entſchlief er. 


Da erhebt ſich treulos Manoilo, 
Stiehlt die Meſſer Kyriak's vom Gurt ihm, 
Sticht in's Herz ihm durch die Hand der Schwägrin. 


Laut aufklagt die Braut, die unglüdfel’ge: 
„Wehe mir, o Kyriaf, mein Schüger! 
Meine Hand, ich werde fie verſchmerzen, 
Nimmer aber du die böfe Wunde!” 


Kyriak aber fährt empor vom Lager, 

Feuert in die Lüfte feine Büdfe: 

„Auf! Und auf die Beine, fhmude Swaten! 
Auf! Und Zeit iſt's, daß wir weiterziehen!“ 


Aus dem Schlummer fahren auf die Swaten: 
„Kyriak! Und bift du wol bei Sinnen? 
Lange noch nit ift Zeit es zum Aufbruch!“ 


3u ihm unterdeffen tritt dad Mädchen, 

Löft die Spangen ihm vom Dberfleide — 

Sieh’, da quilit hervor ein fhwarzer Blutftrom! 
9 * 


— 132 — 


„Wehe mir, o Kyriak, mein Schüser! 
Meine Hand, ich werde fie verſchmerzen, 
immer aber du die böfe Wunde!” 


Schmerzvoll ift des jungen Helden Lage; 
Sisen kann er nicht und aud nicht Liegen. 
Feuert ab zum zweiten mal die Büchſe: 

„uf! Und auf die Beine, fhmude Gäfte! 
Zeit ift’s! Hohe Zeit! Und laßt uns eilen!” 


Da erheben endlih fi die Swaten; 
Leder eilt, fein gutes Roß zu zäumen, 
Kyriak das feine und der Schwägrin, 
Sitzen auf dann, ziehn des Weges weiter. 


Bogen durd ten Tſchitſchawiza-Bergwald, 
Zogen durch den Stupanizas Bergwald, 
Kamen an das Wafler der Zetina. ’ 


Einer trinkt bier und ein Antrer wäſcht fi, 
Noch ein Antrer tränft fein müdes Streitroß. 
Kyriak aber redet zu den Swaten: 

„Höre mid, du mein geliebter Kume! 

Höre mid, o Welifaw, mein Oheim! 

Nehmt zu euch jeht das geihmüdte Bräutlein, 
Meine Schwägrin, eure Anverwandte, 

Mein Eoftbarftes Gut und aud das eure; 
Will voran zu meinem lieben Vater!“ 

Macht fih auf dann nah Milutin’s Höfen. 


Unterhalb von Nikſchitſch tanzt ein Reigen, 
In dem Heigen tanzt die Schwefter Kyriak's, 


— 143 — 


Ueberragt die Tänzerinnen alle, 

Sieht von ferne Kyriak den Bruder, 

Eilt zum Bater, daß er fie beſchenke: 
„Bäterden, o Milutin der Kneſe! 

Kyriad kommt, mit ihm der Zug der Smaten!” 


Ihr nah reitet Kyriak in die Höfe, 
Spridt aljo zu feinem alten Bater: 
„Bäterhen, o Milntin der Kneſe! 

Sag’ und hab’ ich nidt gewarnt dich immer, 
Eine Braut zu frein, die ſchon gefreit ift? 
Helf herab nun von dem hoben Roß mir! 
Laß mich nieder in den grünen Raſen! 
Sitze dann, o fig’ an meiner Seite, 

Daß mein Haupt in deinen Schoos Id) lege, 
Du die Hand mir Iegeft an die Stirne !” 


Und vom Roß ihn hebt der olte Water, 

Läßt ihn nieder in den grünen Rafen, 

Kimmt dad Haupt ihm in den Schoos zur Stelle, 
Legt die Hand ihm auf die rothe Wunde. 


Drauf zum Bater fpridht der treue Kyriak: 
„Höre mid, o du mein eigner Vater! 
Schon erbeten vorlängft war das Mädihen, 
War gefreit von Griſchitſch Manoilo — 
Warum, ah, haft du darum gefreit au?” 
Spridt ed aus und atbmet nimmer weiter. 


Zudeckt ihn der Bater, Anes Milutin, 
Und verbirgt ihn in des Keller Tiefe, . 


—5 13 — 


Zröftet die geſchmückten Hodzeitsgäfte, 
Da fie kommen und die Schnur ibm bringen. 


Doch untröftli ift das arme Bräutlein, 
Wehklagt laut: „O Kyriak, mein Bruder! 
Hab ich's, Aermfte, nit vorausgefagt dir, 
Meine Hand ich werde fie verfchmerzen, 
Kimmer du die böfe Herzenswunde? ” 

Und mit ihr wehklagen alle Smwaten. 


Doch der Kneſe tröftet Alle wieder, 
Heißt fie tanzen, beißt fie Lieder fingen; 
Und fie tanzen und fie fingen Lieder 
In den Höfen drei der weißen Zage. 


An des vierten Tages frühem Morgen 

Da begräbt der Knes den treuen Kyriak, 
Spridt alfo zu den geihmüdten Swaten: 
„Eßt und trinkt, o meine Lieben Brüder! 
Doppelhochzeit feiert Knes Milutin, . 
Einen Sohn vermählt, einen begräbt er!” 


Kurze Zeit darauf — nit lange währt es —, 
Scart um ſich der Knes ein wadres Häuflein, 
Zieht hinaus zur Felsſchlucht, in’d Gebirge, 
Nimmt gefangen Grtſchitſch Manoilo, 

Haut entvier ihn in vier gleide Stüde, 

Hängt fie an vier Pfähle an vier Wegen, 
Rächt alſo den Sohn, den treuen Kyriaf, 

. Rädıt ihn wol, doch ruft er ihn zurüd nicht! 


— nn m — — 


— 135 > 


Die Verlobte des Zengger Iwo. 


Rothen Kühlwein trinkt der Zengger Iwo 

Bei der Schwieger, der Verlobten Mutter. 
Durch die Kehle ſieht den Wein man gleiten, 
Durch die Aermel weiß die Arme ſchimmern, 

Um die Stirne ſchwarz das Haar ihm wallen; 
Schwarz umzieht die Lippen ihm der Schnurbart. 


Aus dem Thurme ſieht ihn die Berlobte, 
Ruft zu fih die Mutter glei, die Liebe; 
„Komm, o liebes Mütterhen, du altes, 
Komm heran ſchnell an des Thurmes Zenfter! 
Blick' hinaus vor deine weißen Höfe, 

Siehe Iwo, wie er rothen Wein trinkt! 
Sprich, und ift nicht edel diefer Recke?“ 


Drauf erwiedert alfo ihr die Mutter: | 
„Schweig', o Tochter, daß du mir verftummeft! 
Ihm glei hatt’ der Söhne neun die Mutter; 
Bom Beihreien ftarben ihrer acht ſchon — 
Gebe Gott, daß Iwo nit aud fterbe!” — 





— 136 — 


Drauf nad feinen Höfen beim zieht Iwo, 
Spricht daſelbſt zu feiner lieben Mutter: 
„Sieh', o liebes Mütterhen, du altes, 
Sieh’, ein feltfam Weh bat mid ergriffen, 
Gebe Gott, daß bald es beffer werde! 

Drum bereite ſchnell die weichen Kiffen ; 

Doch zu breit nit und aud nicht zu lange, 
Denn fürwahr, nicht lange werd’ ich leiden!” 


Drauf in feine feidne Taſche greift er, 
Holt hervor ein Aepflein rund von Golde: 
„Nimm du dies, o meine liebe Mutter, 
Bring in’s Haus ed meiner Anverlobten! 
Iſt das Mädchen edler Herrenabkunft, 
Wird es mich durch Iahresfrift beweinen ; 
Sft es aber ſchlechter Schelmenabfunft, 
Nicht ein mal durd einer Woche Dauer!" 
Spridt alfo und hauchet aus die Seele, 
Stirbt in feiner Mutter lieben Armen. 


Da died Iwo's alte Mutter fiehet, 

Nimmt zur Stunde fie das goldne Aepflein, 
Zrägt ed bin zu Iwo's Anverlobten: 
„Siebe, meines Sohnes Anverlobte, 

Sieh’, died fendet Iwo dir, o Maͤdchen, 
Sendet ed und fprad dazu im Sterben: 
Iſt das Mädchen edler Herrenabfunft, 
Wird es mid durch Jahresfrift beweinen; 
Iſt e5 aber ſchlechter Schelmenabfunft 

Nicht ein mal dur einer Woche Dauer!” 


— 137 ° 


Herrenabtunft, edler, ift das Maͤdchen, 

Weint um ihn drei voller Iahresfriften; - 
Wäſcht ein Jahr lang nicht die ſchönen Wangen, 
Kaͤmmt ein zweites nit das lange Haupthaar, 
Trägt ein drittes nichts von weißer Farbe, 
Zrauernd fo um Iwo den Geliebten. — 


Bald jedoch fügt Gott ed und das Schickſal, 
Daß der Ban von Burim um fie anhält, 
Um fie anhält, ſich fie anverlobet, 

Und darauf die ſchmucken Smwaten fammelt. 
Zwei Brautführer führen ihr das Prachtroß, 
Bier erheben über ihr den Himmel. 


As heran an Iwo's Hof fie fommen, 

Spricht das Mädden fo herab vom Pferde: 
„Hört mid an, tür ſchön geſchmückten Swaten! 
Loft die Trommeln ſchweigen und die Pfeifen 
Bid vorüber wir an Iwo's Höfen, 

Daß uns nit die Mutter Iwo's fehe, 

Ihr nicht frifh des Herzens Wunden bluten !” 


Drauf zu ihr der edle Ban von Budim: 
„Alſo feltfam ſprichſt du, theure Seele, 
Ob du, Seele, Iwo noch beklagteft!” 


Drauf jedoch erwiedert ibm das Mädchen: 
„Ban von Budim, wie id Gott befenne, 
Wohnen mol in deinen Höfen werd’ ih, 
Doch um Iwo werd’ ih dort auch lagen!” 


— 138 > 


Da der Ban von Budim dieſes höret, 
Zückt er von der Hüfte feinen Säbel, 
Schlägt damit die treue Braut vom Hoffe. 


Sinkend ſpricht die treue Braut noch alfo: 
„Beſſer ift mir, daß ich jegund fterbe, 

Ald daß du, o Ban, vorerft geliebt mid, 
Du, und nit mein anverlobter Iwo, 
Iwo, der von Zengg, mein edler Freier!“ 


— 139 > 


Die Hochzeit des Sahnenträgers Militſch. 


Outer Gott, welch Wunder ſich ereignet, 
Als ein Weib nimmt Fahnentraͤger Militſch! 
Weit dur Länder zieht er um und Burgen 
Gern vom Aufgang bis zum Niedergange, 
Trifft Fein Mädchen, das ihm wohl geflele. 
Selber ſchoͤn, ſieht Fehler er an jeder. 


Auf ſchon gibt er, an das Frei'n zu denken; 
Oft jedoh kommt unverbofft ein Wunder. 


So erhebt er früh fi eines Sonntags, 
Schreitet zur Milofhewazer Kirche, 
Schreitet bin, die Liturgie zu bören. 


Bor der Kirche trifft er den Wojwoden, 
zrifft Maleta unverfehns, den Helden 
Aus der Veſte Kolafhin, der weißen, 
‚Und zu ihm fpriht alfo der Wojwode: 
„Daß dir Gott, 0 Fahnenträger Militſch! 
Weit dur Länder bift du umgezogen, 
Zern vom Aufgang bis zum Niedergange, 
Konnteft doc Fein paffend Maͤdchen finden ! 





— 9 440 9 | 


Siehe, in Sagorien am Meere 

Wüßt' id dir ein munderlieblid Mädchen, 
Wüßt' bei Wide Maritihitih im Haus es! 
Wunder fpriht die Welt von diefer Schönheit! 
Schlanken Baues fei fie, hoben Wuchſes, 
Seidne Flechten feien ihre Haare, 

Ihre Augen Edelſteine koſtbar, 

Ihre Brauen Eglein aus dem Meere, 

Ihre Wangen roth erglühte Röslein, 

Ihre Zähne Reihen zwei von Perlen, 

Ihre Lippen füße Zuckerbüchslein; 

Wenn fie ſpricht, fol’s fein wie Taubengirren 
Wenn fie lacht, ob zarte Perlen roliten, 
Wenn fie ſchaut, ald ob ein Falke fähe, 
Wenn fie geht, ald wie des Pfaues Schreiten. 
Bruder, wie fie ift, fo ift fie lieblich; 

Weit und breit ift Feine, die ihr gleihfommt! 
Ebenbürtig dir und deinem Haufe 

Paßt für Did auch Wide zum Bermwandten, 
Wie er nichts an dir vermag zu tadeln. 

Alles wäre paffend fo, 9 Bruder, 

Und die Toter wird er gern dir geben. 
Darum wirb nit erft hd fend’ nicht Xepflein, 
Sondern fammle gleich geſchmückte Smaten, 
Seh’ zu Wide, hole dir die Braut beim!” 


Wol zur Stell’ bereit hiezu ift Militſch, 
Geht nad feinem Hof gleih von der Kirde, 


Ruft zufammen aus Herzegowina, 


Aus der Schuza, aus Gataros Umkreis, 
Aus ganz Bosnien buntgeſchmückte Swaten, 


— Ab 9 


Lauter junge unvermählte Helden, 

AU auf Roffen, nie zuvor gerittnen. 

AM mit Waffen, nie zuvor gebraudten, 
Wählt zum Kum den Iankowitfhen Stojan, 
Bajo Piwljanin zum Starifmaten, 
Manduſchitſch zum treuen Brautgeleiter, 
Und erhtbt fi, da geordnet Alles, 

Mit den Smwaten heim die Braut zu holen. 


Da fie nit mehr fern find Wide's Höfen, 
Sieht juft Wide aus des Thurmes Zenftern. 
Da er nun die Hodzeitögäfte wahrnimmt, 
Denkt er alfo bei ſich felbft im Herzen: 
„Suter Gott, wie prädt’ge Smwaten find dies! 
Weß die find wol? Weſſen Kind fie holen?” 
Da, indeß er heimlich nod fo nachdenkt, 

Hält der Zug ſchon vor den weißen Höfen, 
Und zu reden bebt alfo an Militſch: 
„Maritſchitſch, Brautvater, ehrenwerther! 
Gott vertraund und meinem Heldenglüde 
Komm id fernher aud Herzegowina ; 
Lepofawa frei’ ih, deine Toter!” 


Sehr erwünſcht ift Wide diefe Nede, 
Gleich herbei die. treuen Diener ruft er: 
„Treue Diener Öffnet ſchnell die Thore! 
Nehmt die Roſſe den geihmüdten Swaten! 
Zührt hinab fie nad den tiefen Ställen, 
Und die Gäfte nad dem weißen Thurme!“ 


Wie er ruft, fo thun ed auch die Diener, 
Deffnen glei des Hofraums weite Shore, 


4 


— 142 = 


Nehmen ab den Swaten ihre Roffe, 
Bringen erft die Roffe nad den Ställen, 
Dann die Säfte nah dem weißen Thurme. 
Schnell ein Mahl läßt Wide hier bereiten, 
Pflegt drei weiße Tage lang die Swaten, 
Thut Jedwedem, was fi ziemt, auf’s befte. 


An des vierten Tages lihtem Morgen 
Bringen dar die Brüder ihre Schwefter. 
Welch cin herrlich Wefen ift dies Mädchen! 
Dur die Schleier fhimmert weiß ihr Antlis; 
Bon ded Anzugs und der Wangen Schimmer 
Wird der Smwaten Auge faft geblendet, 
Keiner haut empor von ihnen Allen, 

Ale ſchaun zur ſchwarzen Erde nieder 

Db der Schönheit nie gefeh’nem Wunder! 


Und zur Schwieger ſpricht der junge Freier: 
„Liebe Schwieger, Mutter diefes Wunder! 
Sprich, haft du gegoffen fie aus Golde? 
Oder haft geformt du fie aus Silber? 

Haft du von der Sonne fie geholt dir, 
Oder ſchenkte Gott fie deinem Herzen?” 


Weinend drauf erwiedert ihm die Schwieger: 
„Nicht aus Golde hab’ ich fie gegoflen, 
Nicht aus Silber hab’ ich fie geformet, 
Aud nit von der Sonne fie geholt mir; 
Meinem Herzen bat fie Gott gegeben! 
Neun, wie diefe, hatt! ich holde Töchter. 
Acht davon vermählt' ih guten Helden, 


® 
- 





— 443 — 


Doch nit Eine noch zog in ihr Haus ein! 
Auf der Reife mußten Ale fterben, 
Denn verwunfdhner Abkunft find die Armen!“ 


Weinend fo befchenket fie den Eidam, 

Schenkt ein Hemd ihm ganz von Gold gemoben. 

Schönres aber ſchenkt ihm nod der Schmwäher, 
Schen?t ein weißes Roß ibm obne Makel. — 
Ueberdeckt mit goldgeftidtem Scharlach 

Iſt das Roß bis an die ſchlanken Kniee, 

Soldne Quaften fhlagen um den Huf ibm; 
Einen Sattel, Friegrifh, trägt'd von Buchsbaum, 
Born am Knopf geziert mit edlem Steine 

Und behängt mit prädt’gen Heldenwaffen, 
Blanfem Säbel an der einen Seite, 
Goldbeſchlagnem Schözad an der andern; 

Aufgezäumt ift’3 mit vergold’tem Zaume. 

Sodlch ein Roß ſchenkt Maritihitfd dem Eidam! — 
Doch das Schönfte fchenken ihm die Mädden, 
Wol das Schönſte, doch auch Unglüdvolifte — 
Schenken ihm die holde Lepoſawa. 


9 


Als empfangen Militſch die Geſchenke, 

Schwingt er ſich aufs baͤumend ſtolze Weißroß — 
Wie der Säbel an der Seit' ihm klirret! 

Wie die Spangen an der Bruſt ihm rafſeln! 
Wie der Neiber ibm am Kalpak zittert! 

Nichts Seringes wahrlich ift das Mädchen, 
Nichts Geringes aber au der Freier! — 

Und der Zug erhebt fih mit dem Strauft. 
Audeinander rauſcht die ſeidne Fahne, 


— 444 — 


Mannichfaltig Pfeifenſpiel ertönet, 

Laut erhallen die geſpannten Pauken, 

Drein erklingen munter Hochzeitslieder, 
Drein der Stuten fröhliches Gewieher, 

Und der Zug zieht bin mit Sott in Frieden. 


Als jedoch fie durch's Gebirge binziehn, 
Da erreiht die Braut der böfe Zauber 
Und zu ihrem Brautgeleiter ſpricht fie: 
„Manduſchitſch, mein treuer Brautgeleiter ! 
Nicht geziemt mir’s, daß ih nad dir ſchaue, 
Wen’ger ziemt’d noch, daß ich mit dir ſpreche; 
Doch der Schmerz bewältigt felbft den Willen! 
Heiß’ den Kum und heiß’ den Starifwaten, 
Heiß’ fie ftilftehn mit den grauen Stuten, 
Heiß’ die Pfeifen ſchweigen und die Lieber, 
Heiß’ die Fahnen an die Tannen lehnen! 
Doch mid felbft, mid hebt herab vom Roſſe, 
Laßt mid nieder in den grünen Raſen! 
Arges Kopfweh bat mich überfallen, 
Daß 'mich nicht mehr freut die warme Sonne, 
Lieb geworden mir die ſchwarze Erde! 
Gäbe Gott, daß bald mir wohler werdet” 

L } 


Laut wehklagt und ruft der Brautgeleiter: 
„Steh, o Rum, und fteh’, o Starifwate ! 
Steh’, o Bräutigam, Zabnenträger Militſch! 
Haltet ein, ihr mannichfachen Pfeifen, 

Und verftummt ihr heitern Hochzeits lieder! 

- An die Zahnen lehnt die feidnen Fahnen! 
Schnell vom Roſſe laft die Braut und heben! 





— Ab — 


Arges Kopfweh bat fie überfallen, 

Daß fie nit der Sonne meht ſich freun mag, 
Lieber ihr die ſchwarze Erde worden. 

Gäbe Gott, daß bald ihr wohler werdet” 


Da ſie's hören, halten ftill die Swaten, 
Schweigen ſtill die Pfeifen und die Lieder, 
Bon dem Roſſe hebt die Braut der Führer, 
Läßt fie nieder in den grünen Raſen, 
Nieder — doch erhebt fie ſich nicht wieder. 


Thränen groß vergießen alle Swaten, 

Dod vor Allen Fahnenträger Militſch. 

Alfo Plagt der unglüdfel’ge Freier: 

„Hier denn muß das Schidfal dich erreichen! 
Nicht in meinen, nicht in deinen Höfen, 
Nicht bei meiner, nit bei deiner Mutter‘, 
Im Gebirg bier unter grünen Tannen?” 


Drauf zufammen treten alle Smwaten, 

Zimmern einen Sarg mit ihren Säbeln, - 

Graben aus ein Grab mit ihren Xerten, 

Legen drein die Lieblichſte der Bräute, 

Legen ſie nach Sonnenaufgangsfeite, 

Legen Groſchen zu ihr, Golddukaten, 

Graben einen Brunnen ihr zu Häupten, 

“ Stellen Bänke um den Brunn im Kreife, 

Pflanzen Rofen an des Grabes Ränder, 

Daß, wer müde, fühle Raſt bier finde, 

Wer noch jung mit Blumen ſich befränze, 

Und wer durftet, aud dem Brunnen trinke, 
1. 10 


— Ak — 


Trinke auf das Heil der ſchoͤnſten Seele. 

So noch wehklagt FZabnenträger Militſch: 
„Schwarzer Bergwald, ſei du ihr nicht furchtbar, 
Nicht zu ſchwer ihr, ſchwarze Waldeserde! 
Schlanke Tannen, breitet aus die Zweige, . 
Ueberſchattet Püblend mir mein Bräutlein! 
Kuckukweibchen, wedt fie niht am Morgen, 
Last fie friedlih ruhn im Erdenbette!” 

Sprit drauf zu den buntgeihmüdten Swaten: 
„Brüder mein, ihr buntgefhmücten Smaten, 
Auf, und laßt und wandern unſreß Wegs nun! 
Komme Jeder nah, wie ihm beliebt ift, 

Boran eil’ ih felbft auf meinem Roſſe, 
Botenlohn zu holen von der Mutter!” 


Drauf mit Gott erheben fi die Säfte, 
Dinzieht Ieder, wie es ihm bequem ift; 
Militſch voran eilt nad feinen Höfen. 


Bon der Ferne fieht ihn feine Mutter, 

Seht ihm, da er näher kommt, entgegen, 

Halft das Roß und Füßt den Sohn in’s Antke: 
„Söhnlein mein, o Zahnenträger Militſch! 
Sprich, wo find bie Swaten, wo das Maͤdchen? 
Bringft du, die im Haufe mid eriege, 

Walt’ im Hofe, Fühles Waffer bringe, 

Klug ftatt meiner dir den Tiſch bereite?” 


Ihr zurück der Fahnenträger Militſch: 
„Mütterden, o liebe alte Mutter! 
Swaten wol, doch, ab, Fein Bräutlein bring’ ih! 


— AT — 


Ruͤckgeblieben ift, die dich eriehe, 

Nicht bei meinen, nit bei ihren Höfen, 
Nicht bei meiner, nicht bei ihrer Mutter, 
Dort im Bergwald unter grünen Tannen! 
Mütterden, o füße, alte Mutter! 

Geh’ hinein ſchnell in die weißen’ Höfe, 

Drin bereit’ ein Lager mir, ein weiches, 
Nicht zu lange, Mutter, und zu breit nicht, 
Denn fürwahr, nicht lange werd’ ich Leiden!’ 


Heife Thränen weint die Mutter Militſch's, 
Kehrt zurüd nah ihren Höfen jammernd, 
Richtet Schnell ein Lager drin, ein weiches, 
Kein zu langes und aud Fein zu breites. 


Heim nun gebt der Fahnenträger Militſch, 
Laßt fi nieder auf das weiche Lager, 
Läßt fih nieder — und erwadt nit wieder. 


Da ins Haus die fhmuden Swaten fommen, . 
Zinden fie den jungen Militſch todt ſchon. 
Da dies fehn die buntgefhmücten Swaten, 
Kehren um fie ihre ſchlanken Lanzen, 
Kehren um den heitern Hochzeitsreigen, 
Singen Klagen ftatt der Hochzeitslieder, 
Zimmern einen-Sarg mit ihren Säbeln, 
Graben aus ein Grab mit ihren Aexten, 
Legen drein den Fahnenträger Militſch, 
Legen ihn gen Niedergang der Sonne — 


Zraurig, einfam bleibt die arme Mutter, 
Klagt und feufzt glei einem Kuckukweibchen, 
10* 


N 


— A — 


Irrt umber gleich einem irren Schwälblein. 
Klagend in ihr WBeingebirge gebt fie, 

Schneidet fi ihr Haupthaar ab, haͤngt's auf dort, 
Gießt der Neben Reih'n mit heißen Thränen, 
Sprit alfo zu ihrem Weingebirge : 
„Weingebirge, das 'ich felber pflanzte, 

Der dein pflog und der di wohl bebaute, 
Nimmer fammeln wird er deine Heben!” 


Wenn die Sonn’ fi neigt zum Niedergange, 
Tritt heraus die arme Mutter Militſch's, 
Schaut der Sonne nad, und redet alfo: 

„Wohl mir, wohl bei meinem Lieben Gotte! 
Wohl mir, daß ih nun mein Söhntein febe! 
Bon der Waldjagd kehrt er heim der Mutter, 
Bringt der Mutter manch eriegtes Wild heim!” 
Doch vom Sohn ift Feine Spur zu fchauen. 


Wenn die Sonne fi erhebt im Aufgang, 

Zritt heraus die Mutter Militſch's wieder, 

Blickt der Sonn’ entgegen alfo redend: 

„Wohl mir, wohl! D feht, mein golden Schnürlein 
Kommt vom Wafler, bringt mir Fühles Waſſer, 
Wil der Müh' mid altes Weib entheben!“ 

Bon der Schnur ift Feine Spur zu hen. 


Dennoch Plagt die Mutter fo im Derzleid, 
Klagt vol Sehnſucht wie ein Kuckukweibchen, 
Irrt umber gleih einem irren Schwälblein, 
Läßt nicht ab, bis am ihr felig Ende. 


— — — — — — 


— 19 6 


ı Die Hochzeit des Jowo von Sarajewo. 


Freit zuerſt der Sarajewer Jowo, 

Freit ein lieblich Madchen in der Ferne — 
Wenn auch ferne, doch nicht allzuferne, 
Jenſeits Bosniens in Herzegowina —, 
Drauf mit jener Schlange fi zerträgt er, 
Mit dem wilden Limun, dem Haidufen. 
Und es ſchwoͤrt ihm der bei feinem Glauben: 
„Nicht geboren hätte mich die Mutter, 
Sondern eine Stute, follenwärfig, 

So in deiner Heimat Sarajewo 

Du umarmen dürfteft die Berlobte!” 


Ueber dies vergehn drei Iahresfriften, 

Bis des Mädchens Mutter einen Brief ſchreibt: 
„Schwiegerſohn, o Sarajewer Jowo! 

Sieh', verfloſſen ſind drei Jahres friſten 

Seit du dir die liebe Braut erbeten; | 
Weder ſchreibſt du, noch auch führt Du heim fie. 
Schon verdrießt mich's, länger kein zu harren, 
Andrem Mann vermähl’ ih nun dad Mädchen!” 


Da dies Schreiben Jowo kommt zu Händen 
Lieft den Brief er, weinet große Thraͤnen. 


—d 450 — 


Alfo aber fragt ihn feine Mutter: 

„Sag’ mein Scöhnlein, Sarajewer Jowo! 

Sag’, woher der Brief — daß er verbrenne! — 
Daß darob fo fehr du dich betrübeft?” 


Wahrhaft Antwort gibt darauf ihr Jowo: 
„Web mir, weh, o Mütterden, mein altes! 
Siehe, von der Schwieger ift dies Schreiben; 
Kommen fol ih, heim das Maͤdchen führen, 
Sol ſie's andrem Manne nit vermählen. 
Mathe nun mir, Muͤtterchen, mein liebes! 
Wie doch brächt' das Mädchen ich herüber, 
Unbeirrt von Limun, dem Haiduken?“ 


Drauf erwiedert Flug ihm feine Mutter: 
„Söhnlein, deiner Mutter mögft du leben! 
Sammle, Söhnlein, buntgefgmüdte Smwaten, 
Lauter junge, unvermählte Helden, 

Die nicht Vater haben mehr, nit Mutter, - 
Kiemand, der auf Erden fie beflage; 

Zieh’ auf gutes Glück hinaus mit ihnen!” 


Dies gehorchet Jowo auch der Mutter, 
Sammelt drei mal hundert ſchmucke Swaten, 
Lauter junge, unvermählte Helden, 

Die nit Bater haben mehr, niht Mutter, 
Niemand, der auf Erden fie beflage. 


Gluͤcklich ziehn die Swaten durch's Gebirge, 
Kommen glücklich vor des Maͤdchens Höfe. 
Zreundlihd kommt man ihnen bier entgegen, 


Reicht vorerft den Roſſen Heu und Hafer, 
Lad’t darauf zum Abendmahl die Swaten, 
Zühret Jowo nad den weißen Hallen, 

Drin die Mutter mit dem Mädchen wohnet. 


Zrob und guter Dinge find die Swaten; 
Traurig ſitzt allein und ſchweigſam Jowo. 

Da ſie's merket, fragt des Maͤdchens Mutter: 
„Schwiegerſohn, o Sarajewer Jowo! 

Sag', warum doch ſideſt du ſo traurig? 

Sind dir unlieb deine Schwägerinnen? 

War daB Nachtmahl dir nit zu Gefallen? 
Oder ift nicht Lieb die Liebe Braut dir?” 


Drauf erwiedert Jowo dies der Schwieger: 
„Laß, 0 laß mih, Mutter meines Mädchens! 
Schön ift Alles, lieb in deinen Höfen, 
"Lieb au find mir meine Schwägerinnen, 
Scheuer über Alles. die Berlobte ! 

Was jedoch mid traurig macht, iſt dieſes: 
Bin in Feindſchaft mit der böfen Schlange, 
Mit der Schlange Limun, dem Haiduken, 
Und verfäworen hat fih Limun furdtbar, 
Nimmer dürft in meinem Sarajewo 

Mein geliebtes Bräutlein ih umarmen!” 


Laut darob auflacht des Mädchens Mutter, 
Sprit zu ihrem Schwiegerfohne alfo: 
„Wolle den nicht fürdten, Feigling Einer! 
Heldenhaft beherzt ift meine Mara, ‘ 
Füuͤhrt hinüber gluͤcklich dir die Swaten!” 


— 152 — 





ot mer ud uhr fe a vom Site, 
&rr mn a Mere in ten Grker: 
„ZRY era, Su mine thenre Teqhter! 
Samt Nürge des Münters Pimen megen, 
ont deerat it Iome, fein Kerlebter! 
Turm NT. 2 we mu, liede Techter! 
Pr Nr mange um Mesnemis = Berguelt 
Nr” et er ur um Srumigeleiter: 
Frau %E mer gelten Minsleim, 
NO mer ves dera er Reflen, 
MON Imre? zur Iimes Fremmied Jowo, 
NO mr Num Yiumirroder, 

AN u mr Ge dodt Keibiegmen, 

UN mu mad Xtaen MRidnunzug, 

Sur un mob um Auch Ave Bergueh.” 


venta Mena zur geworden, 
Tante u N Auredaridten Smaten, 
FAIRE ud m Sum Ns kaum Mägriein 


N m Mit Tor ſind mom Gebirge 
SION Ruus u ihrem Prumtgeieiter, 
Ru a Due ie Mater Te aubeiien 
Kur ande Ne Weuutgeiciter ur, 
TUNEWR Nom Noten Kerder, 

RU Nu Sdddendocuæ Rufen, 

Pie Stunt my Nanfer Nenkiämert, 
De Vlumeierogee, 

DO. NAHE Na id dxichiagen, 
RUM Nur air Mufkeie, 


- 


— 135 9 


Als nun Mara ſich auf's Roß geſchwungen, 
Spricht ſie noch zum Brautgeleiter alſo: 
„Brautgeleiter, du mein golden Ringlein, 
Wenn ich drüben über den Gebirgen, 
Sag’, wo find’ id eure weißen Höfe, 

Und woran wel mag ich fie erkennen?“ 


. Drauf erwiedert ihr der Brautgeleiter: 
„Shwägrin mein, o du mein Aepflein golden! 
So es Sott und Heldenglüd dir gönnen, 
Glücklich das Gebirg zu überfchreiten, 

Wirft du auf dem Feld vor Sarajewo 
Weithin einen Mandelbaum erfchauen, 

Drunter einen Hallengang von Glafe, 

Daran magft erdennen unfern Hof du!” 


Durch's Gebirge reitet drauf das Mägdlein, 
Singend und das Waldgebirg verwünſchend: 
„Schlag' did Gott, 0 Waldgebirg Romania! 
Weil aus dir Fein Tropfen Waſſer vorquült, 
Muß ih nun mein gutes Rößlein ſchlachten, 
Mit des Roſſes Blut den Durft mir ftillen!” 


In den Tannen hört dies der Haiduke, 

Faßt des Mägpleins gutes Roß am Zügel: 
„Willſt du warten, junger Sultansfrieger, 
Will ih Waſſer, Wein auch gern dir reihen; 
Sag’ mir wahrhaft nur bei deinem Leben, 
Sag’, wo hieltft in letter Nacht du Radhtraft? 


Drauf erwiedert dies die fluge Mara: 
„Nachtraſt hielt ih mit den vielen Smaten, 


— 1452 > 


Gleih empor auch hebt fie ih vom Site, 
Seht hinaus zu Mara in den Erker: 
„Sieh' einmal, du meine theure Tochter! 
Schwer beforgt des Raͤubers Limun wegen, 
Schwer beforgt ift Jowo, dein Berlobter ! 
Darum hör’, o hör’ mid, liebe Toter! 
So ihr anlaugt am Romania: Bergmald 
Ruf' herbei und bitt' den Brattgeleiter: 
Brautgeleiter, du mein golden Ringlein, 
Gib mir jegt dein allerbeftes Roͤßlein, 

Gib das Schwert mir deines Freundes Jowo, 
Gib mir deine Albaneferrobre, 

Beide, die mit Golde dicht beſchlagnen, 

Und dazu nod deinen Heldenanzug, 

Laß allein mid ziehen durch den Bergwald.“ 


Als darauf es Morgen war geworden, 
Brachen auf die buntgeſchmückten Swaten, 
Führten aus dem Haus das ſchöne Mägdlein. 


Da ſie nicht mehr fern ſind vom Gebirge 
Spricht die Braut zu ihrem Brautgeleiter, 
Wie zu Haus die Mutter ſie geheißen. 
Gern gewährt der Brautgeleiter Alles, 
Kleidet fie in feine beften Kleider, 

Gibt dazu ihr blidendhelle Waffen, . 

Seines Freundes Jowo blanke: Handſchwert, 
Seine ſchlanken Albaneferrohre, 

Beide, die mit hellem Gold beſchlagnen, 
Gibt ihr auch fein allerbeſtes Roͤßlein. 


= 


— 135 — 


Als nun Mara ſich auf's Roß geſchwungen, 
Spricht ſie noch zum Brautgeleiter alſo: 
„Brautgeleiter, du mein golden Ringlein, 
Wenn ich drüben über den Gebirgen, 
Sag’, wo find’ id eure weißen Höfe, 

Und woran wel mag id fie erkennen?“ 


. Drauf erwiedert ihr der Brautgeleiter: 
„Schwaͤgrin mein, o du mein Aecpflein golden! 
So ed Sott und Heldenglüd dir gönnen, 
Slüdlih das Gebirg zu überfhreiten, 

Wirft du auf dem Feld vor Sarajewo 
Weithin einen Mandelbaum erfchauen, 

Drunter einen Hallengang von Glafe, 

Daran magft erfennen unfern Hof du!” 


Durch's Gebirge reitet drauf das Mägplein, 
Singend und dad Waldgebirg verwünſchend: 
„Schlag' did Sott, o Waldgebirg Romania ! 
Weil aus dir Fein Tropfen Waffer vorquilt, 
Muß ih nun mein gutes Nößlein ſchlachten, 
Mit des Noffes Blut den Durft mir ftillen!” 


In den Tannen hört dies der Haiduke, 

Faßt des Mägpdleins gutes Roß am Zügel: 
„Willſt du warten, junger Sultansfrieger, 
Win ih Waffer, Wein aud gern dir reihen; 
Sag’ mir wahrhaft nur bei deinem Leben, 
Sag’, wo hieltſt in letter Nacht du Rachtraſt?“ 


Drauf erwiedert dies die Eluge Mara: 
„Nachtraſt hielt ich mit den vielen Swaten, 


— 15 — 


Die da aus dem fernen Sarajewo 

Zogen bin ein Mägdlein beimzubolen. ' 

. Gern wol holten beim die Braut die Swaten; 
Doch nicht mocht's des Mädchens Mutter dulden, 
Weil das Mädchen ſchwer erfranft war eben. 
Eine Zrift drum fehten feft die Swaten, 

Eine Zeitfrift bi8 zum Tag Sanct Georg’s, 

Bis daß- Gras gemahlen für die Roſſe, 

Junge Laͤmmer für die jungen Helden!” 


Ihr zurüd drauf Limun der Haiduke: 
„Dane dir für die Auskunft, Sultansfrieger, 
Für die Wahrheit, die du mir gefündet, 
Daß ich nutzlos junges Blut nicht tödte, 
Fruchtlos Müttern Iammer nicht bereite!” 
Weines einen goldnen Kelch dann füllt er, 
Reicht ihn dar dem Mädchen, daß ed trinke. 


Alfo aber ſpricht zu ihm das Mädchen: 
„Mag dir’s wohlgehn, Harambafha Limun! 
Möchteſt du nit ſchenken mir den Becher? 
Heimgefommen nad der Zefte Stambol 
Will ich Dir zwei Damascener enden, 

Ganz beſchlagen mit dem reinften Golde!” 


Gern gibt ihr den Becher der Haiduke. 
Sie jedoh fprengt weiter durch Romanien, 
Lieder fingend und das Rößlein tummeln. 


Angelangt im Zeld vor Sarajewo 
Sieht fie einen Mandelbaum von ferne, 


— 455 — 


“ Drunter einen Hallengang von Glafe, 

Bor den Höfen drei gefhlungne Reigen. 

In dem einen tanzt die Schwefter Jowo's, 
Zührt den Reigen, fingt im Reigen Lieder, 
Ihren Bruder mit der Braut befingend. 

Ab vom Nößlein fiht die ſchoͤne Mara, 

Sitzet ab und eilet zu dem Reigen, 

Eilt auf Jowo's Schweſter zu gerade, 

Küpt fie ein mal, zwei mal und aud drei mal: 
„Botenlohn, 0 Jowo's Schwefter, gib mir, 
Bring’ den Bruder heim und feine Braut dir!” 


Uebel aber nimmt dies Jowo's Schweſter, 
Reißt fi Los vom frohgeſchlungnen Reigen. — 
Sieh’, da kommt auch Jowo mit den Smwaten! 


Arg den Bruder Jowo fhmäht die Schwefter: 
„Daß, 0 Bruder Jowo, Gott did ftrafe! 

Sag’ was ſchickſt du unbekannte Helden? 

Kommt heran und faßt mid in dem Neigen, 
Küßt mid ein mal, zwei mal und gar drei mal!” 


Jowo aber lacht ob foldem Grolle: 
„Sieh', dies ift fein unbekannter Held ja! 
Mara ift es, deine liebe Schwägrin!” 


— 156 9 


Boydan, der feine Frauen verkauft. 


Bogdan's find neun gute Weingebirge 

Und zum zehnten noch ein Apfelgarten, 
Drin die ſchönſten rothen Xepflein wachſen; 
Biel jedoh an Geld ift Bogdan ſchuldig, 
Geht denn hin, verkauft Die Weingebirge 
Und zum zehnten nody den Apfelgerten, 

Ob er fo der Schulden ſich entled'ge. 

Doch nit ledig wird er noch der Schulden, 
Will die alte Mutter auch verkaufen, 


Alfo aber ſpricht zu ihm die Schwefter: 
„Höre Bogden, du mein einz'ger Bruder! 
Nicht die liebe Mutter uns verkaufe, 
Sondern deine Frauen und iin Roͤßlein, 
Und der Schulden wirft du dich entied’gen! 


Died gehorchet Bogdan feiner Schweiter, 
Nimmt die Frauen, nimmt fein gutes Mößlein, 
Führt hinaus fie nah dem neuen Markte, 
Nufet aus dann auf dem neuen Markte: 

„O ihr Helden, wer da nody Fein Lieb hat, 
Kaufe bier ſich eine treue Liebe!” 


— AT 0 


Juſt vorüber geht ein junger Zürke, 

zählt an Bogdan drei Suumlaften Gutes, 
Zählt ihm drei und überzäblt um drei fid 
Schauend ftetö nad Bogdan's junger Frauen, 
Wie fie ſchlank ift und wie hochgewachſen 
Und wie weiß und rofig ſchoͤn im Antlis. 


Als nun Bogdan von der Frauen feheidet, 
Spridt er fo, der Faumvermählte Ehmann: 
„Bleib mit Gott, o wunderrothe Roſe! 
Lieblih, Roſe, haft du dich erſchloſſen, 
Doch ein Andrer fehlürft nun deine Düfte!” 


Alfo aber fprit die Frauen Bogdan’s: 
„Wandre glücklich, o Bafilienzweiglein ! 
Ueppig, Zweiglein, fingſt du an zu ſproſſen, 
Doch 'ne Andre ſoll dich nunmehr pflücken!“ — 


Als fie in die weißen Höfe kamen 

Und fi drauf an’s Herrennadhtmahl ſetzen, 
Sprit alfo der unvermählte Türke: 

„IB dein Nachtmahl, o gekaufte Liebe, 

Iß dein Nahtmahl, laß zu Bett uns geben!” 


Alfo aber drauf die Frauen Bogdan’s: 
„Will wol effen, doch in’s Bette nimmer! 
Schürz' empor am rechten Arm den Xermel, 
Daß ich ſchaue die drei fhmwarzen Male! 
Denn gleich dir einft hatt’ ich einen Bruder 
Und geraubt ihn haben mir die Türken!” 





— A585 — 


Schnell empor den Aermel ſchürzt der Tüͤrke, 
Laͤßt fie ſchaun am Arm die ſchwarzen Male, 
Sieh — den Bruder Fennt daran die Schweſter! 


As nun morgens Morgen war geworden, 
Da beſchenkt der Bruder rei die Schwefter, 
Schenket ihr drei Saumeslaften Gutes 

Und dazu ein Tiſchlein noch von Golde, 

Auf dem Tiſchlein einen Stein viel koſtbar, 
Daß die Schwefter feh’ zu Abendmahlen 
Mitternachts gleihwie am hellen Mittag, 
Nüftet aus Begleiter noch dreihundert, 

Daß fie durch's Gebirge fie begleiten, 

Heim fie führen zu den Höfen Bogdan’s. 


— 459 > 


Mas schweſterliebe vermag. 


Tag wird’ und die Sonn’ hebt an zu ſcheinen 
Und der Frühſtern fteigt empor im Aufgang, 
Wandelt hin am blauen Himmelöplane, 

Walt nah dem Herzegowiner Lande, 

Nuft herab dem Herzog Stefan alfo: 

„Komm vor beine Höfe, Herzog Stefan! 
Sieh’, es find drei Briefe dir gefommen ! 
Einer zwei Jahr, einer fhon ein Jahr alt,- 
Und der dritte erft von diefem Jahre; 
Sammeln foufl’ du deine wadern Krieger! 

Bo Ein Mann tft, fouft du ihn nicht nehmen; 
Dort wo zwei find, folft du fie nidht trennen; 
Dort wo drei find oder vier der Mannen, 
Einen nur, die Andern heim belaffen!” 


Doch der Herzog achtet nit der Briefe, 

Sondern thut fo wie ihm felbft beduͤnket. 

Wo Ein Mann tft, nimmt er diefen Einen, 

Dort wo zwei find, trennet er die Beiden, 

Dort wo drei find oder vier der Mannen, 

Nimmt er zwei, nimmt drei, laͤßt heim nur Einen. 


_ 10 > 


Mächt'ge Scharen bringt er fo zufammen, 
Maͤchtig ift das Leid auch, das er ftiftet; 
Denn um ihren Sohn weint jede Mutter — 
Um Milete Miliza die Schwefter. 


An das wüfte Meer hin ziehn die Scharen, 
"Schiffen ein fih in die leihten Schiffe, 

Rückwaͤrts bleiben weinend laut die Mütter; 
Doch Miliza folgt auf's Meer dem Bruder. 
Mit den Thränen trübt die treue Schwefter , 
Mit den Thraͤnen trübet fie die Meerflut, - 
Mit den Seufzern hält fie auf die Segel, 
Daß Fein Schiff vom Ufer ift zu bringen. 


Endlich ſprechen fo die jungen Schiffer: 
„Laſſen wir zurüd doch die Geſchwiſter, 
Ob das Schiff in’s Meer hinaus dann ginge!” 


Frei der Schweſter geben fie den Bruder, 
Und das Schiff zieht durch die Meerflut, ſchwimmend, 
Heim die Schwefter mit dem Bruder fingend! 


— 164 — 


Don den nenn undankbaren Söhnen. 


Rahrt neun liebe Söhne eine Mutter 
Mit dem Noden, al auf ihrer Rechten, 
Und vermählt aud die neun Söhne alle, 


As fie aber ausvermählt die Söhne, 

Huben an die Söhne fo zu fpreden: 

„Nur zum Spott ift uns im Haus die Mutter! 
Daß fie doch hinausging in's Gebirge, 

Unfre alte Mutter, in das grüne, 

Und daß dort rin wildes Thier fie fräße!“ 


Diefes hört die arme alte Mutter 

Und im Herzen thut es fehr ihr wehe. 

Kimmt zur Hand denn ihren Stab die Greifin, 
Geht hinaus in's grüne Waldgebirge. 


Niemand ift, der mit ihr da hinausging, 
Niemand als zwei Pleine zarte Enklein; 

Rufen: „Komm', Großmütterchen, zurüd doch!“ 
Rufen, und den Enklein folgt die Greiſin. 


Da ſie aber vor den Höfen anlangt, 
Standen um dig Höfe die neun Söhne, 
Standen da — neun Felfen die neun Söhne, 
Kalte Mauern die neun Schwiegertödhter ; 
Goldbeſchwingte Tauben, die zwei Enklein, 
Zlogen girrend um von Mau’r zu Mauer. 


i. 4 


Der unglückliche Jowo. 


Auf dem Söller gebt der junge Jowo; 
Sieh’, da bridt der Söller jäh zufammen 
Und entzwei den rehten Arm er felber. 


Wer ihn heile war wol bald gefunden — 

Im Gebirg die Fräuterfund’ge Wile. 

Biel jedod verlangt die Heilerfahrne: 

Bon der- Mutter ihre weiße Rechte, 

Bon der Schwefter ihres Haupthaars Flechten, 
Bon der Ebfrau ihre Perlenhalsſchnur. 


Gern die weiße Rechte gibt die Mutter, 

Gern die Schwefter ihres Haupthaars Fledten, 
Doch die Ehfrau nit die Perlenhalöfchnur: 
„Nie, fo Gott mir, geb’ id meine Perlen, 
Die von meinem Water mir geſchenkten!“ 


Drob ergrimmt die Bergbewohnrin Wila, 
Shut verderblich Gift in Jowo's Nahrung, 
Jowo ftirbt zu feiner Mutter Herzleid. 


Klagten dann drei graue Kuckuksweibchen. 
Eines klagt und hört nicht auf zu Plagen, 


— 463 > 


‚Eines klagt gm Morgen und am Abend, 
Doch das hritte, wann's ihm eben einfällt. 


Das da Plagt und nie zu lagen aufhört, 
Dies ift Jowo's fhmerzenreihe Mutter ; 
Das da Hagt am Morgen und am Abend, 
Dies ift Jowo's tiefbetrübte Schweiter ; 
Das da Plagt, juft wann's ihm eben einfällt, 
Iſt des armen Jowo junge Witwe. 


14* 


rs 


— 5 Ib — 


Die junge Maibegin. 
Klagvoll klagt die junge Alajbegin, 


Klaget zu den Knien des Alajbegen: 
‚„ Majbeg, Gebieter du, mein theurer ! 


- Sieh’, neun Jahre find vorüber heute 


Seit ih meine Mutter nit gefehen! 
Gerne ging’ id, fähe meine Mutter!” 


Ihr darauf der Alajbeg erwiebert: 


„Steh' denn auf, bevor der Frühſtern ſchimmert, 


Zrübftern ſchimmert und die Sonne wärmet, 
Stehe auf und bade weiße Kuchen, 
Geh’ dann hin und fiehe deine Mutter!’ 


Da dies hört die junge Alajbegin, 

Jauchzt fie auf vor Luft und lauter Zreude, 
Stehet auf des Morgens vor dem Frühftern, 
Stehet auf und bädet weiße Kuden, 

Geht dann hin, zu hauen ihre Mutter. 


Abend ift’s, die Zeit der erften Wegraft, 
Sieh’, da kommt der Ruf ihr zweier Boten: 
„Kehr zuruͤck, o junge Alajbegin, 

Denn geſtorben ſind dir beide Toͤchter! 





— 165 —— 


Drauf jedoch die junge Xlajbegin: 
„Nimmer, Boten, werd’ zurüd ich Fehren, 
Sei's, daß auch die Söhne mir geftorben, 
Eh' ih meine Mutter nicht gefehen!” . 


Abend iſt's, die Zeit der zweiten Wegraft, 
Sieh’, da fommt der Ruf zwei anbrer Boten: 
„Kehr' zurüd, o junge Alajbegin, 

Denn geftorben find dir beide Söhne!” 

Doch aud darauf fo die Alajbegin: 

„Nimmer kehr' ih, nimmer rüdwärts, Boten, 
Eh ih meine Mutter nit gefehen!” 


Abends aber auf der dritten Wegraft 
Kommt der Auf ihr zu zwei neuer Boten: 
„Kehre heim, o junge Alajbegin, 

Denn geftorben ift der Alajbeg dir!” 


Da die Begin foldes Wort vernommen, 
Kann die Begin, Tann fie nit mehr anders, 
Kehrt zurück zu ihren weißen Höfen. 


Angelangt in ihren weißen Höfen 

Klagt fie laut auf wie ein Kudufweibden, 
Irrt umber fie wie ein irres Schwälblein: 
„Weh um meine Töchter, Morgenblümlein! 
Web um meine Söhne, Sonnenfalten ! 

Web um dih, mein Aajbeg, ad endlos!” 

Klagt fo eben, hauchet aus ihr Leben. 


t 


— 166 — 


Die Witwe Jela und ihre Söhne. 


Durch's Gebirg hin reiten Jela's Swateh, 
Reiten bin und fpredyen zu einander: 
„Schön, fürwahr, ift heller Mondenfhimmer, 
‚Schöner aber ift die Witwe Iela! 

Doch vergebens ift ihr alle Schönheit, 

Da fie heim läßt neun geliebte Söhne, 

Und den zehnten nod, das Knäblein Jowo, 
In den Wideln, in den weißen Windeln!" 


Ihre Mutter fehn nun nit die Söhne, 
Wollen nit befuhen ihre Mutter, 

Bid der. Heine Jowo aufgemadfen . 
Zür das ſchwarze Roß und für den Sattel, 
Zür die Lanze, für den blanfen Säbel. 
Erft als Jowo ſchön herangewachſen 

Für das ſchwarze Roß und für den Sattel, 
Für die Lanze und den blanken Säbel, 
Gehn fie und beſuchen ihre Mutter. 


Jeder bringt ein gelbes Kleid der Mutter. ; 
Jowo bringt die Wideln und die Windeln, 
Drin die Mutfer einftens ihn verlaffen.« 


— 467 8 


Schön empfängt die Mutter ihre Söhne, 
Speift und tränft fie volle funfzehn Tage 

Und beſchenkt dann Alle nad der Reihe, 

Gibt ein Roß und einen Falten Jedem; 

Jowo aber, ihrem Süngfigebornen, 

Gibt ein Roß fie, gibt ihm noch ein Madchen, 
Ob er ed der Mutter wol vergäbe, 

Daß fie ihn, ein hülflos Knäblein, rückließ 
In den Wideln, in den weißen Windeln. 


Schön dann gibt die Mutter das Geleite 
Dur) den dunfeln Tannenwald den Söhnen, 
Schön dann. auf dem Felde von Smiljewo 
Küffen fi die Söhne mit der Mutter, 
Küffen fih und ziehen ihres Weges. 


® 
Do dies Scheiden — nicht erträgt’s die Mutter; 
Nieder ſinkt fie in den grünen Raſen, 

Kieder — und erhebt fi nicht mehr wieder. 


Um zur Stelle ehren die neun Söhne, 
Graben ihr ein Grab mit ihren Keulen, 
Zimmern einen Sarg ihr mit den Säbeln, 
Pflanzen eine Roſe ihr zu Häupten, 

Graben einen Brunnen ihr zu Füßen, 
Pflanzen Xepflein um den Fühlen Brunnen, 
Daß, wer jung, mit Roſen bier fi ſchmücke, 
Wer da durftet, aus dem Brunnen trinke, 
Und wer Frank, geneje an den. Aepflein. 


— 68 — 


Don der Schweſter des wilden Bogdan. 


Dort bei jenem fihern wilden Bogden, 
Dort, erzählt man, war einft eine Schweiter, 
Die zur Braut bet Nikola Sagortſchitſch. 
Geben nit die Schweſter mocht' ihm Bogdan, 
Dennoch aber ging mit ibm das Mädchen. 
® 
Als darauf neun Jahre bingegangen, 
Spridt alfo zu feiner Mutter Bogdan: 
„Sib, o Mutter, gib mir weiße Kuchen, 
Das ih meine Schwefter geh’ zu ſchauen; 
Denn zu mädhtig bangt mir’s nad der Schweſter!“ 


Und die Mutter ſchickt ihn an geziemend, 

Sibt ein feines Hemd ibm auf die Neife, 

Bädt ihm aud die runden weißen Kuchen, 
Daß er feine Schwefter geh’ zu ſchauen. 


Schön empfängt die Schweſter ihren Bruder, 
Stellt dad Roß ibm in die niedern Ställe, 
Wirft dem Roſſe vor vom beften Zutter, 
Zührt den Bruder in die weißen Hallen. 


— 469 —— 


Hier jedoch ruft Todor fie, den Befir: 
„Komm berbei, o Todot, mein Befir du! 
Binde dem die Füße, bind' die Hände!“ 


Bogdan jammert wie ein kleines Kindlein, 
Bogdan jammert, und die Schweſter froblodt. 
Kurz darauf — nicht lange mocht' ed währen — 
Kommt Sagortihitih heim nad feinen Höfen. 


Bor den Höfen harret fein die Ehfrau: 

„ „Hierher komm’, Sagortſchitſch, mein Gebieter ! 
Hab’ den wilden Bogdan dir gefangen! 

Thu’ mit ibm nun wie dir felbft gefällig! 

Hau’ in fieben Stüd ihn auseinander, 

Wirf hinaus die Stüde an die Straßen!” 


In die weißen Hallen tritt Sagortſchitſch, 
Tritt hinein, und da er Bogdan ſiehet, 
Stößt er ihn mit Füßen und Pantoffeln. 


Fruchtlos alfo fleht der wilde Bogdan: 
„Stoße mich nit wie man ftößt die Weiber! 
Schlaͤgſt du mi, fo ſchlage mid wie Helden!” 


Bon dem Gürtel reißt fein Schwert Sagortſchitſch, 
Will in fieben Stüde ihn zerhauen. 


Wieder aber fleht der wilde Bogdan: 
‚‚ Bundesbruder, Nikola Sagortſchitſch! 
Toͤdte mich nicht hier in deinen Höfen! 


— 110 — 


Wol entfesen könnt’ fih drob die Schwefter, 
Meine Schwefter, deine treue Haudfrau, 

Und entſetzen meine Fleinen Bettern, 

Meine Bettern, deine beiden Söhnlein ! 
Willſt du tödten, tödte mid wie Helden, 
Zühr’ hinaus midy an den ſchlanken Galgen!“ 


Da Sagortſchitſch Nikola dies höret, 

Ruft herbei er feine treuen Diener, 

Läßt die Roffe an ein Wäglein fpannen, 
Wirft in's Wäglein den gebundnen Bogdan, 
Führt hinaus ihn an den fchlanfen Galgen. 


Wieder aber fleht der wilde Bogdan: 
„Bundesbruder, Nikola Sagortſchitſch! 

Binde los mir meine weißen Hände, 

Daß id mid des Oberkleids entfleide, 

Daß befledt mit Blute nit ed werde 

Und es dir zum Angedenfen bleibe! 

Trag’ ed dann und freue Dich des Kleides!” - 


In der Seele rühret dies Sagortſchitſch, 
Und zu weinen wie ein Kind anhebt er, 
Bindet mweinend los die Hände Bogdan’s. 


Bogdan aber züdt den blanken Säbel, 
Schwingt ihn, haut Sagortſchitſch in zwei Hälften, 
Wirft die Hälften an die Heereöftraße, 
Schwingt fib auf dann auf das leichte Wäglein, 
Zährt zurüd zu feiner Schwefter Höfen. 


w⸗ 


x 


— 11 — 


Kommen ſieht von ferne ihn die Schwefter, 
Läuft hinein in ihre weißen Höfe, 
Schließet Hinter fih der Höfe Pforten. 


Bogdan aber ruft ihr zu durch's Fenſter: 
„Unnüg ift dir’! Deffne mir die Pforten! 


Wenn niht willig, wirft du's wider Willen !’’ 


Da fie doch die Pforten niht will aufthun, 
Da zerihlägt die Pfort’ er mit dem Säbel, 
Dringt in’d Haus, nimmt feine Pleinen Bettern, 
Schlägt die Köpflein ihnen,an die Steine, 
Haut der Schweiter durch die beiden Brüfte, 
Reißt der Schwefter aus die beiden Augen, 
Wirft die Augen beid’ in feine Taſche, 
Kehrt dann heim zu feinen weißen Höfen. 


Kommen fieht die Mutter ihn von ferne, 
Geht entgegen vor den weißen Hof ihm, 
Hält das Streitroß unter ibm am Zaume, 
Zragt ihn alfo unter bittrem Weinen: 
„Sohn, was ift dein Dberfleid fo blutig? 
Und, o Sohn, was fol das feidne Tüchlein, 
Das du um die Stirne trägft gebunden?” 


Und mit Thränen Bogdan ihr erwiebert: 
„Schön empfangen hat mid meine Schwefter, 
Schön empfangen und auch ſchön bewirthet, 
Gab zu trinten mir den beften Rothwein, 
Sab zu trinken ihn aud meinem Noffe. 

Do zu viel vom Weine tran? mein Nößlein, 


— I — 


Wol entjesen könnt’ fi drob die Schwefter, 
Meine Schwefter, deine treue Hausfrau, 

Und entjesen meine Fleinen Bettern, 

Meine Bettern, deine beiden Söhnlein! 
Willſt du tödten, tödte mid wie Helden, 
Zühr’ hinaus midy an den ſchlanken Galgen!“ 


Da Sagortſchitſch Nikola dies höret, 

Ruft berbei er feine treuen Diener, 

Läßt die Roſſe an ein Wäglein fpannen, 
Wirft in’s Wäglein den gebundnen Bogdan, 
Führt hinaus ihn an den ſchlanken Galgen. 


⸗ 


Wieder aber fleht der wilde Bogdan: 
„Bundesbruder, Nikola Sagortſchitſch! 

Binde los mir meine weißen Hände, 

Daß ich mich des Oberkleids entkleide, 

Daß befleckt mit Blute nicht es werde 

Und es dir zum Angedenken bleibe! 

Trag' ed dann und freue did des Kleides!“ - 


In der Seele rühret dies Sagortſchitſch, 
Und zu weinen wie ein Kind anhebt er, 
Bindet weinend los die Hände Bogdan's. 


Bogdan aber züdt den blanken Säbel, 

Schwingt ihn, haut Sagortſchitſch in zwei Hälften, 

Wirft die Hälften an die Deereöftraße, 

Schwingt fih auf dann auf das leichte Wäglein, 
Fährt zurüd zu feiner Schweſter Höfen. 


* 


— IM — 


Kommen fiebt von ferne ihn die Schwefter, 
Läuft binein in ihre weißen Höfe, 
Schließet hinter fi der Höfe Pforten. 


Bogdan aber ruft ihr zu durch's Zenfter: 
„Unnüt ift dir's! Deffne mir die Pforten! 
Wenn nidt willig, wirft du's wider Willen!’ 


Da fie doch die Pforten nit will auftbun, 

Da zerihlägt die Pfort’ er mit dem Säbel, 
Dringt in’s Haus, nimmt feine Fleinen Bettern, 
- Schlägt die Köpflein ihnen an die Steine, 
Haut der Schwefter durch die beiden Brüfte, 
Heißt der Schwefter aus die beiden Augen, 
Wirft die Augen beid’ in feine Taſche, 

Kehrt dann heim zu feinen weißen Höfen. 


Kommen fieht die Mutter ihn von ferne, 
Geht entgegen vor den weißen Hof ihm, 
Hält das Streitroß unter ibm am Zaume, 
Zragt ihn alfo unter bittrem Weinen: 
„Sohn, was ift dein Oberfleid fo blutig? 
Und, 0 Sohn, was fol das ſeidne Tüdhlein, 
Das du um die Stirne trägft gebunden?” 


Und mit Thränen Bogdan ihr erwiedert: 
„Schön empfangen hat mid meine Schweſter, 
Schön empfangen und auch ſchoͤn bemirther, 
Gab zu trinfen mir den beften Rothwein, 
Gab zu trinken ihn aud meinem Roffe. 

Do zu viel vom Weine tran? mein Nößlein, 


— 413 > 


Warf herab mid) deshalb an die Erde, 

An der Erd’ zerſchlug ich mir die Stirne! 

Nun, o Mutter, nimm mein grünes Kleid hin! 
Hole aus den Tafchen dir die Kuchen!” 


In des Kleides Taſchen greift die Mutter, 
Holt hervor zwei feltfam ſchwarze Schleben. 
„Wehe mir, zwei fhwarze Schlehen find’s nicht, 
Meiner Tochter fhwarze Augen find dies!’ 


— — — — 


— 473 — 


Wan-Aga’s treulose Witwe. 


Einen Brief ſchreibt Aſan⸗Aga's Witwe, 
Schreibt aus Kliß, der weißgetünchten Befte, - 
Schickt ihn nad der Ebne der Zetina, 
Barakowitih Ibrahim zu Händen: 

„Seele, mein, o Barakowitſch Ibro! 

Immer hoff' ich, hoff' ohn' Arg und Falſchheit, 
. Hoffe, wie bei Afan= Aga’s Lebzeit, 

Deine treue Hausfrau noch zu werden!” 


Auf den Brief ſchreibt Ibrahim zurüd ihr: 
„Fruchtlos boffft du, Aſan-Aga's Witwe, 
Denn bei dir find no zwei Söhne Aſan's.“ 


Drauf erwiedert wieder ihm die Witwe: 
„Run fo höre, Barakowitſch Ibro! 

Will nad meinen weißen Höfen ziehen, 

Wil an ſchwerem Weh' erkrankt mich ftellen, 
Will entfenden meine beiden Söhne, 

Will entfenden nah dem weißen Zengg fie, 
Waſſer mir von Miletin zu bolen. 

Kommen nun bie Knaben an das Waſſer, 


—, 474 — 


Tödte fie, o Barakowitſch Ibro. 
Daß ich ſein kann deine treue Hausfrau!“ 


Schreibt's und geht nach ihren weißen Höfen, 
Legt ſich nieder in die weichen Kiſſen, 

Ruft, ſowie ſie in den Kiſſen lieget, 

Ruft herbei an's Lager ihre Söhne: 

„Söhne mein, o ſeht, ihr grauen Falken, 
Schwer erkrankt iſt eure liebe Mutter! 

Gebe Gott, daß wieder fie geneſe! 

Darum hoͤrt, o meine lieben Soͤhne, 

Eilt zur Stunde nach dem weißen Zengg hin, 
Eilt und holt von Miletin mir Waſſer! 
Died allein, ich weiß es, kann mid heilen! 
Eines aber warn’ ih euch, o Söhne, 

Keitet nit zum Kampf geihirrte Rofle, 
Traget niht zum Kampf gewehte Waffen, 
Soll der Zlut der Heilung Kraft bewahrt fein, 
Sollen Schelme lagernd bei Mohanze, 

Nicht der Noff’ und Waffen euch berauben!“ 


Klüger ift der Brüder junge Schweſter, 
Zdumt den Brüdern heimlich gute Roffe, 
Bringt den Brüdern heimlich gute Waffen, 
Spricht bedädtig dies zu ihren Brüdern: 
„Meine Brüder, graue Edelfalfen, 
Nimmermehr erfranft ift unſre Mutter, 
Nur vermählen will fi Afan’s Witwe ! 
Dennod eilt nad Zengg, der weißen Befte, 
Eilt und holt — doch mit Bedacht! — das Wafler. 
Treffen dart von Miletin am Waffer 

E 


— 115 — 


Werdet ihr Barakowitſch Ibrahim! 
Habet acht wohl, daß er euch nicht toͤdte, 
So ihr's könnt, dann tädtet beſſer ihr ihn!” 


Da die Brüder foldhes Wort vernommen, 
Schwingen fie fi eilends auf die Roffe, 
Eilen bin nah Zengg, der weißen Befte. 


Angelangt vor Zengg, der weißen Veſte, 
Treffen fie Barakowitſch am Waffer. 


Gott zum Gruß entbieten fie von fern ihm: 
„Gott zum Gruße, Barakowitſch Ibro!“ 


Ibro drauf: „Glück zu, ihr jungen Helden! 
Wollt ihr thörit euern Kopf verwirken?“ 


Nichts erwiedern ihm die beiden Brüder, 

Rufen zu von ferne nur dem Türken: 

„Gott mit dir, o Barafowitfh Ibro, 

Nimm das Krüglein, fül’ es uns mit Wafler!” 


Drauf entgegnet Barafowitih Ihro: 

„Si, daß Gott eu, ihr zwei jungen Helden ! 
Steigt doch ab von euern guten Roffen, 
Fuͤllt das Krüglein felber euch mit Waffer!” 


Ihm zurüd der junge Ufenije: 
„Ibro, Fran? ward Aſan-Aga's Witwe, 
Gib daß Gott Genefung ihr aud gebe!’ 


—476 — 


Da der Tüuͤrke hoͤrt der Witwe Ramen, 
Springt empor er, ob ihn Schlangen biſſen, 
Nimmt das Krüglein, will's mit Waſſer füllen. 


Uſenije aber, da er's ſiehet, 
Zückt das Schwert, ſchlaͤgt ihm das Haupt vom Rumpf. 


Ab dann figen Beide von den Roſſen, 
Schöpfen in ihr Krüglein von dem Waſſer, 
Bohren aus des Türken ſchwarze Augen, 
Thun fie, in das Krüglein zu dem Waffer. 


Rückgekehrt zu ihrem weißen Hofe, 
Bringen Afan’s Witwe fie das Waffer :: 
„Hier das Waffer, Mutter, unfre liebe! 
Hier das Wafler, daß dir's wohl gedeihe!“ 


Alan’: Witwe nimmt zur Hand das Krüglein, 
Seht es an den Mund, erſchaut die Augen, 

Ruft entfest zu ihren beiden Söhnen: 

„Weh', was tft dies, daß euh Schlangen ſtaͤchen! 
Sagt, find dies nicht Ibro's ſchwarze Augen?” 


Da zu ihr der junge Ufenüe: 

„Schweig, o ſchweig, treulofefte der Mütter! 
Wär’ ed mir vor Gott nit um den Zrevel, 

Bor der Welt um unerbörte Schande, 

Zaun! dich felber Legt’ ih zu dem Zodten, 
Bohrt' dir aus dem Haupt die ſchwarzen Augen!” 


— 171 — 


Die Giftmiſcherin. 


Zwiſchen zwei Gebirge ſinkt die Sonne, 
Zwiſchen zweien Mädchen wohnt ein Knabe, 
Liebt die Eine, doch nicht auch die Andre. 


Spricht alſo das ungeliebte Mädchen: 
„Liebe mich auch, unvermählter Knabe!’ 


Ihr jedoch der Knabe drauf erwiedert: 
„Liebte dich, o Mädchenſchönheit, gerne; 
Doch nicht wag' ich's deines Bruders halber! 
Denn, o ſieh', ein Zaͤnker iſt dein Bruder, 
Der, wo er nur hinkommt, anhebt Händel!“ 


Da dies hört die junge Maͤdchenſchönheit, 
Geht fie hin in's grüne Waldgebirge, 
Stört Geftein und Baummerf durcheinander, 
Bid ein giftig Schlänglein fie gefunden, 
Zödtet es mit ihrem goldnen Ninglein, 
Füllt zur Hälft’ ein Krüglein mit dem Gifte 
Und zur Hälft” mit kühlem rotben Weine, 
Neiht dem Bruder dar es, daß er trinke. 

I. 1% 


— 178 — . 


Da ſie ſo vergiftet ihren Bruder, 

Geht ſie hin zum unvermaͤhlten Knaben: 
„Liebe mich nun, unvermaͤhlter Knabe! 
Meinen Bruder, ſieh', hab' ich vergiftet!“ 


Doch zu ihr der unvermählte Knabe: 

„Geh' hinfort, Giftmiſcherin du Eine! 

Da du heut' den Bruder haſt vergiftet, 
Könnteſt du's den Helden nicht auch morgen?“ 


— 179 9 


Die feindlichen Brüder. 


Outer Gott, vor allem du gepriefen!. 
Einft zertrugen fi zwei wilde Schlangen, 
Schlangen zwei, zwei leiblih eigne Brüder; 
Radul⸗Beg der Beg zertrug ſich bitter 
Mit Mirtieta, feinem eignen Bruder. 

Und warum? Um gar nichts, darf man fagen, 
Um ein mwüftes Land in Karamladien, 
Karawlachien und Karabogdanien ! 

Obrer will im Lande fein Mirticheta ; 
Radul aber weigert ihm die Hoheit, 
Kimmt in Haft Mirtſcheta den Wojwoden, 
Schleudert ihn in eines Kerkerd Abgrund, 
Wirft die Schlüffel in die ftille Donau. 
Wie er in die Donau wirft die Schlüffel, 
Afo aud vergißt er feines Bruders. 


Gott jedoh und Glück ift mit Mirtſcheta 

Und mitleidig Radul's liebe rauen. 

Leid um ihren Schwager thut's der Schwägrin, 

Sendet Taucher Nahts hinaus und Fiſcher, 

Läßt herauf des Kerkers Schlüffel holen, 
. 12 * 


— 480 0 


Sieht hinab dann mitleidsvoll zum Schwager, 
Bringt ihm dar Gewand zum leberkleiden, 
Weißes Brot zur guten Kabrung täglich, 
Notben Wein zum labenden Getränke. 


Hin alfo geht dreier Jahre Dauer. 

Ald ed aber war der Jahre viertes 

Schreibt ein zartes Schreiben König Schiömen, 
Schreibt ein Schreiben im Bulgarenlande, 
Sendet ed an Radul-Beg den Begen: 

„Höre mih, o Radul-Beg der Bege! 

Sieh’, es ward ein Knaͤblein mir geboren. 
Bitte did denn, Kum zu fein in Gottes 

Und in Jowan's, unfers Heil’gen, Kamen! 
Komm zu mir nah Zernowo, der Befte, 
Taufe in der Wiege mir dad KAnäblein!” 


" Kommt das Schreiben Radul⸗Beg dem Begen. 
Ald jedoch der Beg erficht das Schreiben, 
Zallen ihm die Thränen von den Augen. 
Wol bedenfet Radul-Beg der Bege, 

Ob ihn nicht der König nur verlode, 
Treulos ihn auf Ternowo erfchläge. 

Nuft herbei denn feine treue Hausfrau: 
„Höre mid, o meine treue Hausfrau, 
Sich’, ein zartes Schreiben aus Bulgarien 
Iſt von König Schisman mir gefommen, 
Lädt mid ein, das Söhmlein ihm zu taufen! 
Wol jedoch erfenn’ die böfe Lift ich. 

Zu verloden denkt mid nur der König, 
Treulos mid auf Ternowo zu tödten, 


— — 181 — 


Länder mir und Burgen dann zu rauben, 
Heimzuführen did als holde Buhle! 
Rathe nun, mas fol ih thun, o Lieber” 


Klug darauf die Frauen ihm erwiedert: 
„D Gebieter, RaduleBeg der Bege, 
Haben Frauen Hug gerathen jemals? 

Und wie fol, o Radul, ich dir rathen, 

Da dein Rath in Kerkers Tiefe ſchmachtet, 
Bruder dir und mir geliebter Schwager? 
Er allein, Mirtſcheta der Wojwode, 

Er allein nur fann dir weile rathen!“ 


Drauf jedoh ihr RadulsBeg erwiedert: 

„Schweig', o Zrauen, Schmerz beraub’ der Sprad’ dich ! 
Was erwähnft Mirtfcheta du, des Bruders? 

Längft im Kerker modert fein Gebeine!“ 


Da dies hört des Radul-Begen Ehfrau 
Eilt hinab fie an des Kerkers Thüre, 
Führt heraus Mirticheta den Wojwoden, 
Zührt hinan ihn zu den weißen Hallen, 
Holt herbei felbft den Barbier zur Stelle, 
Läßt Mirticheta fheren, den Wojwoden, 
Legt ihm an die beften Herrenfleider, 
Geht mit ibm zum Begen in den Söller. 


Da ihn ſtehet Radul-Beg der Bege, 
Springt vor ihm empor er auf die Beine, 
Schließt in feine Arme ihn und küßt ibn, 
Fragt befümmert nad tes Helden Wohlſein: 
„Biſt du mir, 0 Bruder, noch am Leben?” 


— 182 — 


“ 


Ihm darauf Mirtſcheta der Wojwode: 
—„Bin am Leben wol — doch ach, wie elend! 
Siechthum hat im Kerker mich befallen, 
Kaum die Seele tragen noch die Knochen!“ 


Faͤngt nun an der Beg ihm zu erzaͤhlen, 
Was Bulgariend König ihm gefchrieben: 
„Nun Mirtideta, vielgeliebter Bruder! 
Rathe nun, belehre mid, o Bruder, 

Sol id gehn nah Ternowo zu Schiömen, 
Mit mir nehmen drei mal hundert Krieger?” 


Ihm darauf Mirtfcheta der Wojwode: 

„O mein Bruder, Radul-Beg der Bege! 
Kimmft du mit dir drei mal hundert Krieger, 
Machſt drei hundert Frauen du zu Witwen! 
Sind denn niht am Leben deine Diener, 
Radoſaw nit mehr, der wadre Serbe? 
Kiuro nit mehr, der berühmte Zecher? 

Und nit mehr der Grieche Manoilo 2” 


Radul-Beg der Beg darauf zurüd ihm: 

„Roh am Leben find die alten Diener, 

Noch im Haus mir ift der Zecher Kiuro 

Und mit ihm der Grieche Manoilo; 

Nicht mehr aber Radoſaw der Serbe, 

Sondern weilt, fo ſpricht man, fern in Widdin!“ 


Drauf alfo Mirtſcheta der Wojwode: 
„Schreib' ein Schreiben Radoſaw dem Serben, 
Sol dein barren am Boſita-Waſſer! 


—$ 1483 9 


Haft du mit dir die getreuen Diener, 

Geh’ du hin nad Ternowo in Ruhe, 

Zürdte nichts von Schiöman dort, dem König! 
So er anhebt rotben Wein zu trinken, 

Wird für did der Becher Kiuro trinken; 

So er anhebt Griechiſch dich zu fragen, 

Wird für did ermwiedern Manoilo; 

So er anhebt did zum Kampf zu reizen, 
Wird für did der ftarfe Serbe kämpfen!“ 


Da dies höret Radul-Beg der Bege, 
Sendet er an Radoſaw ein Schreiben, 
Daß er fein an der Bofita barre, 

Seht dann hin mit feinen beiden Dienern. 


An dem Waffer, am Boſita⸗-Waſſer, 
Harret feiner Radoſaw der Serbe. 

An die Wangen kuͤſſet ihn der Bege, 
Radoſaw dem Begen Saum und Hände, 
Biehn dann bin nah Ternowo gemeinfam. 


Schön empfängt der König feine Säfte, 
Stellt die Roſſe in die niedern Ställe, 
Führt den Begen in die obern Hallen, 
Sest mit ihm fi an gededte Tafeln. 
Zwölf der Näthe fisen an des Königs, 
An des Begen Seite die drei Diener. 


Immer fiehet Radul-Beg der Bege, 
Siehet immer nad den weißen Höfen, 
Ob man ihm den Zäufling wol fon bringe. 


— 15 — 


Da mit einmal reiht ihm König Schismen, 
Reicht bin einen Becher dar vol Weines — 
Okka zwölf, erzäblt man, bielt der Beer —, 
Bringt dad Wohl aus. Radul-Beg des Begen. 
Doch der Beg reiht Kiuro ihn dem Beer, 
Kiuro ’leert ihn, Baum daß er es merket. 


Da dies fiehet der Bulgerenfönig, 

Zängt er an euf Griechiſch fih zu rühmen, 
Tödten wol’ er Radul-Beg den Begen 
Und mit ihm die drei getrenen Diener. 


Manvilo höret dies, der Grieche, 
Winket zu gleih Radoſaw dem Serben: 
„Siehft du nit, daß wir verloren Alle?” 


Da dies höret Radoſaw ber Serbe, 

Zückt vom Gurt er feinen grünen Säbel, 
Stredt zur Erde todt den Adnig Schiömen, 
Tödtet ihm zur Seite die zwölf Näthe, 


Gute Beute mahen dann bie Helden, 
Nehmen aus den Kammern alle Schäge, 
Zühren fort die Roffe und die Zalken, 
Biehen heim nah Wukreſcha, dem Schloſſe. 


Weh' ift einem Bruder ohn' den andern! 


Krauenlieder. 


— — — 


Zweiter Reigen. 


Mädchen, o thoͤricht Narrchen du! 


Maͤdchen fist an des Meeres Rand, 
Redet alfo zu ſich felber: 

„O du lieber, gütiger Gott! 

Gibt's was Ferneres al dad Meer? 
Gibt's was Weiteres als das Feld? 
Gibt's was Schnellered ald das Roß? 
Gibt's was Süßeres als den Meth? 
Gibt's was Liebres als den Bruder?““ 


Fiſchlein drauf aus des Meeres Grund: 
„Mädchen, o thöricht Naͤrrchen du! 
Himmel iſt ferner als das Meer, 

Meer iſt weiter als wie das Feld, 

Auge ſchneller als wie das Roß, 

Zucker füßer als wie der Meth, 

Lieber der Freund als wie der Bruder!“ 


* 


— 188 — —— 


ZIchweſter lieb, wie. biſt du unerfahren! 


O Zetina, o du ſtolzes Waffer, 

Falſch, fürwahr, betheuerteſt du geſtern, 
Nirgends Furten geb's an deinen Ufern! 
Morgens, ſiehe, kam ich an dein Waſſer, 
Fand der Furten drei an deinen Ufern. 
Hochzeitsgaͤſte ſah ich an der einen, 

Knab' und Mädchen ſah ich an der andern, 
An der dritten Schweſterchen und Bruder. 
Aermel ſtickte Schweſterchen dem Bruder, 
Leibchen nähte Brüderchen der Schweſter. 


Sprach die Schweſter jo zu ihrem Bruder: 
„Näh' die Hefthen, Bruder, an dad Leibchen 
Eng’ fo, daß Fein Xepflein durch kann ſchlüpfen; 
"Wie die Hand erft irgend eines Mannes!” 


Doch der Bruder drauf zurüd der Schweſter: 
„Schweſter lieb, wie bift du unerfahren! 

Iſt die Hand gefommen erft, o Schwefter, 
Thun fih auf von felber dann die Heften!” 


O Zetina, o du ftolzes Waffer ! 
Falſch, fürwahr, betheuerteft du geftern, 
Nirgend Zurten geb’5 an deinen Ufern! 


— 489 — 


Sind die Beeren reif geworden. 


D m Zäuber, grauer Täuber, 

Falle nicht auf meine Beeren! 
Sind die Beeren reif geworden, 
Fallen fie vom Strauche felber, 

Wie der Braut entfällt die Thräne, 
Wenn der Tag fommt, daß fie fcheide ! 


— — — — — 


— 190 — 


Ueberdrüſſig Gin ich nun, ich Mädchen. 


Mohamedaniſch. 


O ihr Höfe, moͤchtet ihr verfallen! 

D du Halle, möchteſt du verbrennen! 
Ueberdrüffig bin id nun, id Mädchen, 

So allein zu ſchlafen in den Kiffen, 

So nach rechts und links mid ftet3 zu wenden, 
Niemand rechts und Niemand lin? zur Geite, 
Müd', in kalte Deden mid zu büllen, 

Und mit mir nur Schnfuht und nur Herzleid! 
Doch fürwahr, nicht Länger bleib’ ih einſam! 
Müßt' mein eigned Kleid dafür ih geben, 

Will ih Roß und Falten mir doch Faufen, 
Wil nad Stambol, nad der Hauptſtadt, reiten, 
Will neun Jahre dienen dort dem Sulten, 
Wil neun Agalufe mir verdienen, 

Paſcha drauf in Sarajemo werden! 
Wunderdinge will ih dann befehlen: 

Einen Groſchen fol ein Knabe often, 

Eine Witwe — eine Hand voll Tabad, 

Doch ein Mädchen — taufend Golddukaten! 


u 194 — 


Müde bin ich ſchon zu ſitzen. 


Müve bin ich ſchon zu ſitzen 

An den Fenſtern dieſes Hofes 

Und zu ſchauen nach dem Meere, 
Wüftem Meere, weitem Felde, 

Ob Ihon naht des Liebften Segel, 
Ob ſchon weht des Liebften Fahne, 
Ob ſchon fallt die Tamburine 
Und dazu des Liebſten Lied! 


— 192 — 


Das Mädchen fpricht zum Röpfein. 


Wo wir geftern Nachtttaſt hielten, 
Speiften wir ein herrlich Nachtmahl, 
Sahn ein allerliebftes Mädchen! 

Gab mein Rößlein ihr zu halten, 
Hörte, wie fie fpradh zum Roͤßlein: 
„O mein Bräunlein, goldnes Roͤßlein, 
Iſt verlobt ſchon dein Gebieter, 

Dver etwa gar vermählt ſchon?“ 
Drauf das NRößlein dies zurüd ihr: 
„So mir Gott, o ſchönes Mägdlein, 
Nicht verlobt ift mein Gebieter, 

Nicht verlobt und auch vermählt nidt; 
Sondern denkt im nädften Herbite 
Did, o Mägdlein, heimzuführen!“ 
Dod zum Rößlein drauf das Mädden: 
„Wüpßt' ih, daß du Wahrheit rebeft, 
Meine Gürtel al verkauft id, 

Deine Zügel zu verfilbern, 

Gäbe hin mein goldnes Haldband, 
Sie mit Golde zu vergolden!” 


— 193 > 


- 


O daß mein des Sultans Schäße wären! 
Mohamedaniſch. 


O daß mein des Sultans Schaͤtze wären, 
Wüßte wol, was ich dafür mir Faufte — 
Kaufte mir ein GSärtlein an der Sawel . 


D daß mein des Sultans Schaͤtze wären, 
Wüßte wol, was id im Gärtlein pflanzte — 
Pflanzt' im Gärtlein Rofen nur und Nelken! 


D daß mein ded Sultans Schäge wären, 

Wüßte wol, was ich dafür noch Faufte — 
Kaufte mir den freien Knaben Lafo, 

Macht' in meinem Gärtlein ihn zum Gärtner! 


—. 194 — 


Schönes Kind von Smederemo. 


„Sqones Kind von Smederewo, 
Neige dich zu mir hernieder, 
Laß dein Antlit mid erſchauen!“ 


„Junger Held, o roſig ſeiſt du! 


Warſt du nie denn auf dem Markte? 


Sahſt du nie ein Blatt Papier dort? 
Blendend weiß fo ift mein Antlis! 
Warft du niemals in der Schänfe? 
Sahft du niemals rotben Wein dort? 
Alſo roth find meine Wangen! 
Warft du niemals auf dem Felde? 


Sahſt du nie die blauen Schleh'n dort? 


Alſo blau find meine Augen! 

Warſt du nie am Rand des Meeres? 
Sahft du nie die ſchwarzen Eglein? 
Alfo ſchwarz find meine Brauen! 


Was dem Knaben fiber wäre. 


\ 


Jenſeits über'm Sawewaſſer 
Steht der Klee bis an die Kniee, 
Steht der Rieswurz vollends mannshoch; 
Drinnen ruhn drei liebe Mädchen! 
Eins ift von den dreien Mädchen 
Schwarzen Auges, weißer Wange; 
Moͤcht' fürmahr es Lieber Füffen 
As zu Gaft fein bei dem Sultan! 
Bon den Mädchen trägt das zweite 
Stieflein gelb bis an die Kniee; 
Möchte Lieber es entkleiden 

Ald da jagen mit dem Sultan! 
Bon den Mädchen hat das dritte 
An der Bruft ein golden Häflein; 
Moöͤcht' fürmahr ed Lieber Löfen 
As Befir fein bei dem Sultan! 


13* 


— 196 6 


Sür wen die Rofe aufgewachſen. 


„Kleines Maͤdchen, zarte Hofe, 
Da du blüheft, wem erblühft du? 
Blühſt du für die dunkle Kiefer? 
Blühſt du für die fohlanfe Tanne? 
Oder gar für meinen Bruder?” 


„Bluͤh' nicht für die dunkle Kiefer, 


Blüh’ nicht für die ſchlanke Tanne, 
Blüh’ auch nicht für deinen Bruder; 
Sondern wuchs und blüh’, die Kleine, 
Kur für Did, o Knab', alleine!” 


— 197 — 


Wunder - Mara. 


Mohamedanifdy. 


Kant ein Blättlein auf die Wiefe! 
Weſſen ift die Wiefe? 

Iſt ſchön Mara's, Wunders Mara’s! 
Doch — wohin entfloh die? 


Iſt entflohen, tiefbekümmert, 
In das Zelt des Sultans, 
Scherzet unter'm Sultanszelte, 
Mit den jungen Prinzen. 


Einen Ring verfpridt der Sultan, 
Wenn fie au mit ihm ſcherzt; 
Eine Kron’ des Sultans rauen, 
Wenn fie mit ibm nicht ſcherzt! 


— 198 — 


Heb' empor nicht deine Brauen. 


O du Maͤdchen, o Liebſtoͤckchen, 

Heb' empor nicht deine Brauen, 

Und verwirr' nicht auch die Andern 
Wie du mich ſchon ganz verwirrt haſt! 
Füuͤhr' ein Roß — und geb’ zu Fuße, 
Trage Brot — und ſterbe Hungers, 
Steh am Brunnen — ſterbe Durſtes! 


— 499 — 


Gott vergeff! es deiner Mutter. 


O du Blume, Wunderblume! 
Gott vergelt' es deiner Mutter, 
Die dich alſo ſchoön geboren 

Und geſandt in unſer Dorf dich, 
Wo die Helden Rothwein trinken 
Und die Knaben Steine werfen, 
Wo die Bräute Reigen ſchlingen 
Und die Maͤdchen Lieder fingen, 
Und wo wir geſehn uns Beide, 
Daß mein Herz nun ewig leide! 


— — — — — 


— 200 — 


Angezündet hat es- Iania. 


Mohamedanifch. 


„Ei, was find für Wolfen dies um Trawnik? 
Wüthet Feuer oder hauft die Peft dort? 

Oder hat mit ihren fhwarzen Augen 

Zanja es, das Maͤdchen, angezündet? ” 


Wüthet dort Bein Zeuer, Peine Peft nicht, 
Sondern angezündet hat es Janja 

Mit ven Augen wunderſchwarz, das Mädchen, 
Und in Flammen gingen auf zwei Läden, 
Auf in Flammen ging die neue Schaͤnke 

Und das Richthaus, drin der Kadi richtet. 


— 201 — 


IH wollt' ich wär’ ein Stiegfein. 


O daß mir's gegoͤnnt, zu ſein ein Flieglein! 
Wüßte wol, wo id den Sommer über, 

Wo im Sommer, wo im Winter wohnte ! 
Wohnt' im Sommer, Kind, auf deinen Wangen, 
Wohnt' im Winter, Kind, an deinem Bufen! 


— 202 9 


Alles liebt fih, Seele mein! 


Winter ſchwindet, 
Seele mein, 
Frühling ein fid findet. 


Böglein fingen, 
Seele mein, 
Und das NRöslein zündet. 


Alles liebt ſich, 
Seele mein, 
Und die Zeit entſchwindet, 


Und nur du, 0 
Seele mein, 
Ungeliebtes Leben, 


Läpt fie ſchwinden, 
Seele mein, 
Willſt noch widerftreben! 


— 203 — 


KRaufmann des Meeres. 


Höre, o Maͤdchen, 
Liebliches Maͤdchen! 
Schlehen des Meeres 
Sind deine Augen; 
Aber ich ſelbſt bin 
Kaufmann des Meeres, 
Der da liebt die. 
Schlehe des Meeres! 


Höre, o Mädchen, 
Lieblihes Mädchen! 
Derlen des Meeres 
Sind deine Augen; 
Aber ich felbft bin 
Kaufmann des Meeres, 
Der da liebt die 
Derlen des Meeres! 


Höre, o Mädchen, 
Lieblides Maͤdchen! 
Seide ded Meeres 
Sind deine Händden; 


x 


— 20 8 


Aber ich ſelbſt bin 
Kaufmann ded Meeres, 
Der da liebt die 

Seide des Meeres! 


— 205 ⸗—— 


Sur die Mädchen zarte Amnlette. 


Säsen Odem athmet mein Geliebter, 
Schreibt mit weißer Hand und ſchwarzer Tinte 
Zür die Mäddyen zarte Amnlette. 


In dem einen Amulette fchreibt er: 
„nem, der dich nit mag, nit auf dich dringe; 
Dem, der dein begehrt, nicht wiberftrebe !” 


— 2306 — 


Mãdchenthum. 


„O du Mädchen, meine Seele! 
Sind's Melonen? Sind's Orangen, 
Baſilik und Immortelle, 

Daß ſo lieb dein Buſen duftet?“ 


„Daß dich Gott, o junger Recke! 
Nicht Melonen, nicht Orangen, 
Immortell' und Bafilik nicht 
Iſt's, wonach mein Buſen duftet, 
Sondern zarte Maͤdchenreinheit!“ 


— 307 — 


Eilel alle Schönheit ohne Liebe. 


Mohamedanifc. 


Säön fürwahr iſt Alil-Aga's Liebe, 

Schön wie mehr in Bosnien Peine Zweite, 

Nicht in Bosnien, in Herzegowina ! 

Eitel aber ift ihr alle Schönheit, 

Da fih Al nicht um fie befümmert, 

Sondern liebt dad goldne Taͤubchen Dmer’s, 

Das im Käfig forgfam auferzogne, 

Das den Mond nicht fab noch, nicht die Sonne, 
Das nidht weiß nod wo und wie dad Korn wädlt, 
Nicht das Korn und nicht der Fühle Rothwein! 


— 208 0 


Bi ja mein an jedem Ort. 


m Ci du Mädchen, meine Seele! 
Willſt du wol mein Liebchen fein?” 


„Sei Fein Thor, o junger Knabe! 
Kimmer, nimmer fann dies fein! 
In die Schänfe ging ich lieber, 
Würd’ ein goldner Becher Lieber 
Als auf Erden jemald dein!” 


„Dann, o Mädchen, würd’ ih Schaͤnke 
Und du mwäreft dennod mein!” 


„Se kein Thor, 0 junger Knabe! 
Kimmer, nimmer Tann dies fein! 
In's Kaffeehaus ging ich Lieber, 
Würd’ ein golden Schälden Lieber 
Als auf Erden jemals dein!” 


„Dann, 0 Muaͤdchen, ſchaͤnkt' id Kaffee 
Und du wäreft dennoch mein!” 


„Bei kein Thor, o junger Knabe! 
Kimmer, nimmer Fann dies fein! 


—s 209 — 


In's Gefilde ging ich lieber, 
Würd’ ein flüchtig Lerchlein lieber 
Als auf Erden jemals dein!” 


„Dann, o Mädchen, würd’ ich Jäger, 
Und du wäreft dennod mein!” 


„Sei Fein Thor, 0 junger Knabe! 
. Rimmer, nimmer Pann dies fein! 
In die Meerflut ging id lieber, 
Würd’ ein weißes Fiſchlein lieber 
As auf Erden jemals dein!’ 


„Dann, o Maͤdchen, würd’ ih Fiſcher, 
Und du, Mädchen, dennody mein ! 

Ob du alfo, ob du anders, 

Bift ja mein, wohin du wanderft; 

Ob du hierhin, ob du dort, 

Bift ja mein an jedem Ort!“ 


14 


— 2110 — 


Wandle dich zur Rof’ im Garten. 


Wondle dich, o liebe Seele, 
Wandle dich zur Roſ' im Garten! 
Selber mich verwandeln will ich, 
Herz, in einen weißen Falter! 


Sinfen dann als weißer Falter 
Werd’ ich auf die Gartenrofe, 
Hangen dann ald weißer Falter 
Werd’ ih an den Rofenblättern! 


Spreden werden dann die Leute: 
Sieh’, ed nagt die Roſ' ein Falter ! 
Aber ih dich ungefehen, 

Ungeftört, mein Mädchen, küſſen! 


Rönnf‘ ich fehlen oder doch nur hören! 


Beim Tanze. 


Aue find fie da, nur nicht mein Liebſter! 
Könnt’ ich fehen oder doch nur hören, 

Ob er krank ift oder ob verliebet! 

Lieber, wahrlih, hört ih, daß er krank fei, 
As ich hörte, daß er Andre liebet! 

Wär’ er krank, dann kaͤm er wieder einmal; 
Liebt er Andre, dann für ewig keinmal! 


14* 


— 22 8 


Jedem dus Seite. 


Morgens ging id aus den Höfen, 
Ueber'm Tage jagt’ im Wald ich, 

Abends ftand ic auf den Bergen, 

Sah, wie fi die Sonne ſenkte. 


Aber fieh’, o liebes Wunder! 

An der Tanne grünem Schatten 

Lag ein Mädchen, lag im Schlummer, 
Unter'm Haupte grünen Klee, 

. An der Bruft zwei weiße Tauben, 

An der Seit’ ein ſchlankes Reh! 


Wohlig, dacht' ich, Lieb und mwohlig 
Muß es fein, hier auszuraſten; 
Band mein Rößlein an die Tanne, 
Band den Falken ar ein Xeftlein, 
Gab dem Roͤßlein dann den Klee, 
Gab dem Falken dann die Tauben, 
Gab den Rüden dann das Reh, 
Und mir felbft das liebe Maͤdchen! 


— 213 > 


Eh’ er Räme, geht die Nacht vorüber. 


Duntte Nacht, wol bift du rei an Wolken, 
Doch mein Herz ift reiher noch an Leibe! 
Schweigend leid’ ich, laß ed Niemand merken. 
Hab’ ja Feine Mutter, der ich's klagte, 

Hab’ auch Feine Schwefter, der ich's ſagte; 

Einen Zreund nur — ad, und der ift ferne! 
Eh’ er Fäme, ging die Racht vorüber; 

Eh’ er liebte, käm' der belle Frühſtern; 
Frühſtern ſchimmert — Liebfter geh’ nad Haufe! 


— 244 9 


Denaft du noch, o Seele, da du mein warfi? 


Denkſt du noch, o Seele, da du mein warſt? 
Schwere Thraͤnen weinteſt du im Arm mir, 
Schwere Thränen, ſpracheſt unter Thränen: 
„Jedes Mädchen ftrafe Gott im- Himmel, 
Das da glaubet an der Knaben Treue! 

Wie des Himmels weit Gewölbe oben, 
Manchmal Flar und mandmal wieder trübe, 
Alto tft der Knaben Treu’ und Liebe! 

Wie der Aſt von einem Baum des Waldes, 
Heute laubgrün, morgen bar des Laubes, 
Alſo ift der Knaben Lieb’, o glaub’ es!’ 
Alſo ſprachſt du damals unter Weinen, 

Und — wo feh’ ih, Seele, heut’ di wieder ? 
In den Armen, Seele, in den meinen! 


+ 45 — 


Daß er fehe, daß ich Hier gewelen. 


Wol geregnet hat es ſpaͤt am Abend, 

Und zur Nacht iſt kühler Thau gefallen; 
Dennoch gifig ich früh den Liebſten ſuchen. 
Doch ſtatt ſeiner auf der Fruͤhlingswieſe 
Fand ich nur ſein Oberkleid, das grüne, 
Auf dem Kleid das Tüchlein, das buntſeidne, 
Auf dem Tuch die Silbertamburine, 

Bei der Tamburin' ein grünes Aepflein. 
Dachte hin und her, und überdachte: 

Nehm' ih ihm das Oberkleid, das grüne? 
Leicht erreg’ ih, fürdt’ ich, feinen Jähzorn! 
Nehm' ich ihm das Tüchlein, das buntfeidne? 
Gab das Tüdhlein felber ihm aus Liebe! 
Rehm’ ich ihm die Silbertamburine? 

Gaben ihm fie meine eignen Brüder! 

Wie ich's überdachte, dacht' ich endlich: 

Will mir nur das grüne Aepflein nehmen, 
Daß er febe, daß ich bier geweſen, 

- Zrüb des Morgens ſchon geſucht den Liebften? 


—s 216 — 


ör' die Mutter an der Chüre! 
„Brüßftern ſcheint, die Hähne rufen, 
Laß mid fort, o Seele, laß mich!” 


„Iſt kein Zrühftern, ift der Mondfchein ; 
Bleib’ und ſchlafe, Lämmdhen, bleibe!” 


| „Hoͤr' die Kühe vor den Höfen! 
Laß mi fort, o Seele, laß mich!” 


„Sind nit Kühe, fondern Draden; 
Bleib’ und fchlafe, Laͤmmchen, bleibe!” 


„Hoͤr' die Türken in der Dſchamia! 
Laß mid fort, o Seele, laß mi!” 


„Sind niht Türken, find die Wölfe; 
Bleib’ und ſchlafe, Lämmlein, bleibe!” 


„Hör die Kinder auf der Haudflur! 
Laß mich fort, o Seele, laß mi!” 


„Keine Kinder gibt's im Hofe; 
Bleib’ und ſchlafe, Laͤmmchen, bleibe!” 


—_ U — 
„Hör die Mutter an der Thüre! 
Laß mid fort, o Seele, laß mid!” 


„Feſtverſchloſſen ift die Thüre; 
Bleibe, Laͤmmchen, bleibe, bleibe!’ 


— 218 — 


Dor dem Hanfe eines Schülers. 


Hier, fo ift gefagt uns, 
Wohnt ein weifer Schüler, 
Forſchend viel in Büchern. 
In den Büchern lieft er: 
Reite du Fein Roͤßlein, 
Schnalle du fein Schwert um, 
Trinke feinen Wein du, 
Küffe du fein Mädden ! 
Doch der Schüler hört nicht, 
Was die Bücher fagen, 
Spornt die böchſten Roſſe, 
Schnallt den beften Säbel, 
Trinkt vom beften Weine, 
Küßt die fhönften Mädchen! 


— 219 9 


Nichts darum mußt’ meine Mutter, nichts 
. darum die ihre. 


Oing dahin durd einen Bergwald, 
Durch den zweiten, dritten, 
Kam dann in den vierten Bergmwald, 
Bergwald dunkler Foͤhren. 
Friſches Laub in Mitt‘ des Waldes 
Trieb ein junges Zöhrlein, 

Unter'm Zöhrlein, jungbelaubet, 
Stand ein weiches Bettlein, 
Auf dem Bettlein, waldumſchloſſen, 
Schlief mein liebes Mädchen. 
Hätt’ das Mädchen gern gewedt, doch 
Konnt’ ich's nit vor Herzleid! 
Hätt’ die Liebfte gern gefüßt, doch 
‚ Konnt’ ed nicht vor Herzfreud'! 
Hub denn Gott den Allerhödften 
Afo an zu bitten: 
„Laß, o Gott, ein Lüften kommen 
Bon der Meeresküfte, 
. Daß ed ab ein Blätthen brede 
Bon der jungen Zöhre, 
Und das Blättchen niederfalle 
Und das Mädchen wecke!“ 


- 


Lied denn Gott ein Lüftchen kommen 
Bon der Meeresküfte, 
Ließ ed ab ein Blättlein breden 
Bon der jungen Führe, 
Lied berab ein Blättdhen fallen 
Und das Mädchen mweden, . 
Ließ und lieben und uns herzen 
Bis zum frühen Morgen. 


Nichts darum wußt' meine Mutter, 


Nichts darum die ihre; 
Niemand wußt' ed, als‘ alleine 

Ueber uns der Himmel, 
Ueber und der Sternenhimmel, 

Rings um uns die Führen! 


— 32 > 


Laß mich Fang’ in diefen Banden! 


Apfelbaum, du zartes Bäumchen, 
Unter dir betraf mich Unglüd! 
Schmwägerinnen, die Hagten mid, 
Zunge Mädchen, die fingen mid, 
Banden mid an beiden Füßen, 
Mit dem einen an ein Mädchen, 
Mit dem andern an die Schwägrin! 


Sah dies meine alte Mutter, " 
Bat den lieben Gott mit Thränen: 
„Lieber Gott, o fieh’ das Unglüd, 
‚ Steh’ das Unglüd meine Sohnes! 
Lieber Gott, eriöf’ den Aermſten!“ 


Dog ich felbft, ih bat den Herrgott: 
„Lieber Gott, o laß mid lange, 
Nocht recht lang’ in diefen Banden !” 


— 222 — 


Meine Angen — Salkenaugen find es. 
Mohamedaniſch. 


Meine Augen — Falkenaugen ſind es, 
Jeder lobt und liebet dieſe Augen! 
Doch vor Allen liebt fie Osman-Aga. 


Alfo herrſchet Osman⸗Aga's Mutter: . 
„Maͤdchenſchoͤnheit, Buhle du, o Mädden! 
Schmink' nicht weiß und roſig mehr die Wangen! 
Nicht verlode fürder meinen Osman! 

In's Gebirge will ich gehn, in's grüne, 

Will aus Föhren dunkle Höfe baun dort, 

WIN den Sohn einfperren in den Höfen!” 


„Immerbin, o Anfa, Dsman’s Mutter! 
Meine Augen — Falfenaugen find es! 
Die erfhließen deine Foͤhrenhoͤfe, 

Zübren mid zu Döman= Aga dennoch!” 


—_ 23 ⸗— 


Laß das Mädchen, laß es, Bruder Jowo! 


Rein um did mir, Bruder Iowo, tft es; 
Mit dir, fagt man, wird mein Maͤdchen geben! 
Schon von felber fährt nad dir mein GSäbel; 
Bruder Iowo, laß mir ab vom Mädchen! 
Lieb ift meinem Haus das Mädchen worden, 
Meinem Bater ihres Hofes wegen, 

Meiner Mutter ihrer Abkunft halber, 
Meinen Brüdern ob des Wuchſes Anmuth, 
Meinen Schweftern ob des Wunderhaares, 
Und mir felber ob der ſchwarzen Augen! 
Laß das Mädchen, laß es, Bruder Jowo! 


— 22 — 


© Lammchen mein vom Selde. 


ing vom Felde Abends heim 
Lämmden mein vom Zelde, 
Sieh‘, da folgt die Liebſte mir, 
Laäͤmmchen mein vom Zelbe! 
Sah mid um, und fprad zu ihr: 
Laͤmmchen mein vom Felde! 
Geh zurüd, o Mädchen mein, 
Lämmchen mein vom Felde! 
Grünes Waͤldchen ift ver uns, 
Lämmchen mein vom Felde, 
Grünes Wäldden, Waffer fühl, 
Lämmchen mein vom Zelbe! 
Säßen bin und Füßten uns, 
Laͤmmchen mein vom Felde, 
Küften und umarmten uns, 
Laͤmmchen mein vom Felde, 
Schliefen ein dann Arm in Arm, 
Lämmden mein vom Felde! 
Kim’ ein Schelm und fäh’ uns io, 
Lämmden mein vom Felde, 
Sagt' er's deiner Mutter gleich, 
Lämmden mein vom Zelde! 
Deine Mutter zürnte dann, 
Laͤmmchen mein vom Felde, 


u. 


— 22585 — 


Thäte, Kind, ein Leides dir, 
Lämmden mein vom Felde! 


Zürne, Mutter, zürne nidt, 
Lämmden mein vom Felde! 

Thu’ ihr Leides, thu' ed nicht, 
Lämmchen mein vom Felde! 

Will fie mein fein, bleibt fie mein, 
Lämmchen mein vom Felde! 


15 


— 226 3 


“ 


So er Andre liebet. 


Ro, o Gott, mein guter, 
Mag jest fein mein Liebfter? 
Wandert er wol jegund? 
Trinkt er rothen Kühlwein? 
Dver liebt er Andre? 

Sp er wandert jegund, 

Mag beglüdt fein Weg fein! 
So er trinket Kühlwein, 
Mag er wohl gedeihn ihm! 
So er Andre liebet, 

Win ich's ihm vergeben! 

Ich — wills ihm vergeben; 
Doch — ob aber Gott au? 





— 223 8 


_ Rösfein, was erbfühft du mir fo frühe? 


Ms, und du mein Fühles Wafler! 
AG, und du mein rothes Röslein! 
Was erblühft du mir fo frühe? 
Hab’ ja nit, für wen did pflüden! 
Pfluͤck' ich Di für meine Mutter? 
Keine Mutter hab’ ih, Waiſe! 
pflück' ih did für meine Schweiter ? 
Ei doch, längft vermählet ift fie! 
Pflück' ich dich für meinen Bruder? 
Iſt gezogen in die Feldſchlacht! 
Pfläck' ih did für den Geliebten? 
Zern, ad, weilet der Geliebte, 
Jenſeits dreier grüner Berge, 

- Senfeitd dreier Fühler Waffer ! 


— 2729 > 


Grüne Ebne, bin dir gram, o Ebne! 


Grüne Ebne, bin dir gram, o Ebne! 

Wenn mein Liebfter über did dahinzicht, 
Sprit er niemald: Sei mit Gott, Geliebte! 
Sondern drüdt den Hut tief in die Stirne, 
Senkt zur Erd’ die ſchwarzen Augen nieder, 
Legt an's Herz die Rechte, zieht von binnen! 


Wenn den Hut er in die Stirne drüdet, 
Wil er fagen: Bleib’ mit Gott, Geliebte! 
Wenn zur Erd’ er nieberfhlägt die Augen, 
Denkt er: Bift mir theurer ald die Augen! 
Wenn an’d Herz er legt die treue Rechte, 
Sprit er: Werde nimmer von dir laffen! 


—d 230 8 


DIT ein Brieſchen ſchreiben nach Denedig. 


Wohſen Baſilik und Immortelle, 
Baſilik am Rand des ſalz'gen Meeres, 
Immortell' am Rand des kühlen Baches; 
Dennoch findet Eines ſich zum Andern! | 


Wachen auf die Rnaben und die Mädchen, 
Knaben in den Klüften der Gebirge, 
Mädchen in der Ebne grünen Zeldern; 
Dennoch finnet Eines ſich zum Andern! 


Ich nur, Arme, finde nit den Liebften — 
Zerne in Venedig weilt der Liebfte! 

Wil ein Briefen fhreiben nad Venedig, 
Will ihn fragen, ob ſich's von Venedig 
Schwerer findet bis zu unfern Höfen, 

Wie vom Meere zu des Bades Rande, 
Bom Gebirge zu der Ebne Zeldern! _ 


— 234 9 


Dor dem Haufe der fcheftenden Mutter. 


Sin hieher gefommen 

Bor des Pflügers Höfe, 
Weil ded Pflügerd Mutter 
Schilt die Mädchen alle, 
Schilt befonders Eine: 

„O du böfes Mäpdhen, 
Flechte nit dein Haupthaar 
Um den blanken Säbder! 
Lode mir den Sohn nidt 
Sommers von dem Pfluge, 
Winters von den Schafen!” 


Ihr darauf das Mädchen 

Aus der Mädchen Mitte: 

„Möge Gott dir beiftehn, 

Alte Pflügermutter! 

So dir etwa Leid ift 

Um dein Pflügerföhnlein, 

Sondr’ es hübſch vom Dorfe 
. Mit Liebftöcdhenzäunen, 

Und umzdune Plug es 

Mit Bafilienfträuclein! 


— 232 9 


Kühles Wafler holend, 
Brech' ich die Liebſtöckchen, 
Pflück' ih die Baftlie, 
Liebe doch dein Söhnlein!” 


— 23 — 


50 finget nur, ihr Dögelein! 


So ſinget nur, ihr Vögelein! 

Für euch jetzt iſt es Sangeszeit, 
Für mich, die Aermſte, Weinenszeit! 
Am Arm ſchlief mir ein Alter ein, 
Und ihn zu küſſen zwingt man mich, 
Die ich ihn lieber wecken thät, 

Als küſſen ihm die welke Wang'! 


Und ſinget nur, ihr Vögelein! 

Für euch jetzt iſt ed Sangeszeit, 

Für mich, die Aermſte, Weinensgeit! 
Am Arm ſchlief mir ein Jüngling ein, 
Und ihn zu wecken zwingt man mich, 
Die ich ihn lieber küſſen thät, 

Als ſtören ihm den füßen Schlaf! 


— 23 — 


Das Mädchen, das im Schnee laufl. 


Hoher Schnee fällt am Sanct Georgstage. 
Ueberfliegen kann den Schnee Fein Voͤglein; 
Doch das Mädchen läuft darüber barfuß, 
Hinter ihm der Bruder mit den Schuhen. 


„Friert's dich nicht, o Schweſter, an den Füßen?“ 


„Rimmer, wahrlich, friert's mich an den Füßen! 
Doch im Herzen friert's mich zum Erſtarren, 
Frieret mich — doch nicht vor Schneeskälte! — 
Frieret mich vor meiner eignen Mutter, 

Die mich hingab ungeliebtem Manne! 


— 235 6— 


Bis zuletzt die Mutter dich vertriebe. 


Maͤdchen lieb und Muttergold, du theures, 
Sag', warum doch ſchilt man dich und ſtößt dich? 
Wüßt' ih, o du liebe Maͤdchenſeele, 

Daß ſie darum ſchelten dich und ſtoßen, 

Weil ſo oft in euern Hof ich komme, 

Defter noch nach euerm Hofe kaͤm' ich, 

Bis zulehdt die Mutter dich vertriebe, 

Trieb' in meine Höfe dich, du Liebe! 


—s 236 8 


Worauf der Brantwerber sehen sol. 


Früh „o Pawle, früh, o lieber Bruder, 
Werbe mit dem Ringe mir die Schwägrin! 
So du aber vor des Schwähers Höfen, 
Und beraus fie dir das Mädchen führen, 
Sich” auf Kränze nicht und Ohrgehänge, 
. Siehe nit auf buntgenähte Kleider, 
Siehe nicht auf fchöngefticdte Aermel! 
Schneider haben buntgenäht die Leibihen, 
Stiderinnen ſchöngeſtickt die Aermel, 
Schmiede ſchoͤn geformt die Ohrgehänge ! 
Sieh’ nur auf Perfon und guten Namen 
Der, mit der du ewig denkt zu Leben! 


— 237 — 


Das Mädchen, das unfreundlich iſt. 


Kauft‘ ein Roß für Taufend, 
Ritt durch's Feld bin faufend, 
Nitt bis an das Waſſer, 
Wollt' es trinken laſſen. 
Saßen an dem Waſſer 
Mädchen drei im Schatten; 
Zwei in Seide ftidend, 

Eine müßig fingend. 

Sprang empor gleih Eine, 
Hielt dad Roß am Zaume; 
Sprang empor die Zweite, 
Tränkte meinen Braunen ; 
Sitzen nur alleine 

Blieb die Dritte, Kleine. 

Die herbeigefprungen 

Und das Roß am Zaum nahm, 
Hab’ ich ſelbſt umſchlungen 
Und geführt nach Haus dann; 
Die herbeigeſprungen 

Und das Roß mir tränfte, 
Gab’ id meinem Freundes; 
‚Gott ihr Segen fhhenfe! 

Doch die figen blieben, 


— 233 9 


° Die au gab ih aus bald, 
Gab fie, wo fie hinpaßt, 
In den tollften Haushalt, 
Wo die lieben Schwäher 
Sih mit Keffeln fchlagen 
Und die jungen Schwäger 
Sih mit Xerten balgen, 
Wo ſich ˖ Schnur und Schwieger 
Raufen mit den Schäffeln 
Und die Fleinen Rangen 
Mit den Rodenftangen 
Und aud mit den Löffeln. 


— 239 — 


Hochmuth. 


Io erhebt fi wol der alte; 
Doc das Thor der Burg ift höher, 
Dran die Pforten Andſcha hütet, 
Um die Stirn der Sonne Strablen, 
Um den Leib des Mondes Gürtel, 
Und mit Sternen angelleidet! 


— 240 — 


Will denn gehen, kehrt' ich auch nicht wieder. 


Kam mir geftern, Fam ein fhwarzes Brieflein, 
Schwarzes Brieflein und zur ſchwarzen Stunde. 
Schwarz gefiegelt war's mit ſchwarzem Siegel, 
Roth gefhrieben war's mit blut’gen Beiden, 
Kam zu mir, und fam von meinem Bruder, 
Kündend, daß die Liebfte fi vermähle, 
Sich vermähl’ mit meinem Bundes bruder; 
Kündend, daß mich wählt der Bundesbruder, 
Mid erwählt, daß ih das Bräutlein führe! 
Welch ein traur’ger Brautgeleiter ift dies! 
Wenn den Becher er erhebt zum Zutrunf, ' 
Sol er fpreben: „Auf dein Wohl, o Schwägrin!” 
Soll er fpreden: „Auf dein Wohl, Geliebte!” 
Nicht fein Herze Fann er dazu zwingen, 
Daß er fage: „Auf dein Wohl, o Schwägrin!” 
Tief betrübt’ er feinen Bundesbruder, 

So er ſpraͤche: „Auf dein Wohl, Geliebte!‘ 
Weh thut gehen, zwiefach wehe bleiben; 
Will denn gehen — kehrt' ich auch nicht wieder! 


— 244 — 


Deinen Namen Hab’ ich ihm gegeben. 


„ Sorich „Geliebte, biſt du ſchon vermählet?!“ 


„Bin's, Geliebter, und ein Knaͤblein wieg' ich — 
Deinen Namen hab' ich ihm gegeben, 

Daß, ihn rufen, mir das Herz erleichtre. 

Nimmer ruf' ich: Komm zu mir, mein Söhnlein! 
Sondern rufe: Komm zu mir, du Liebfter!“ 





— 42 > 


Hochzeitslieder ans Riſano. 


Morgenſtern, der helle, wandelt 
Durch die weiße Stadt Riſano. 
Morgenſtern, der helle, iſt's nicht, 
Stana iſt's, dad junge Mädden ; 
Trägt mit fi zwei Nachtigallen, 
Sprit zu ihnen diefe Worte: 

„80 euch Gott, zwei Nachtigallen, 
Zlieget bin zu Koſto's Höfen, 
Zlieget hin zu Kofto’s Fenſtern, 
Redet alfo dort zu Kofto: 

Sich, das Mädchen Stana fah'n wir! 
Herrlich ift ed angekleidet, 
Angefleidet und gezieret, 

Schlanken Baus und hohen Wuchſes, 
Weiß von Antlig, lieblich rofig, 
Ganz dir ähnlich, für dich paſſend!“ 


— 23 — 


2. 


"Bon der Nelk' ein Zweiglein fendet Stang, 
Sendet ed an Kofto mit der Botſchaft: 
„Kofto, du mein Glüd, mein vielgeliebtes, 
Immer fohilt die Mutter mih und ſchmähet! 
Doch nicht ſchilt fie, weil ih Schlechtes übe, 
Schilt nur deines often Kommens wegen!” . 


Da die Botihaft Kofto mohlverftanden, 
Sendet von der Roſe er ein Imeiglein, 
Sendet’s mit der Botihaft an das Mädden: 
„Stana, meine Seele, du geliebte, 

Bitte Gott, daß bald ed Sonntag werde! 
Sammeln: will fodann ih hundert Swaten, 
Lauter Swaten, nie zuvor vermählte, 
Roſſe reitend, nie zuvor gerittne, 

Säbel ſchwingend, nie zuvor geſchwungne, 
Müsen tragend, nie zuvor getragne, 

Will dir fenden meinen eiguen Bruder, 
Angetban mit meinen eignen Kleidern, 
Angelegt mit meinen eignen Waffen, 

Daß du um fo leichter ihn erfenneft!” 


Lange nicht — und Sonntag iſt e& worden, 

Und es fammelt Kofto hundert Swaten, 

Lauter Swaten, nie zuvor vermählte, 

Noffe reitend, nie zwor gerittne, 

Säbel ſchwingend, nie zuvor geſchwungne, 

Mützen tragend, wie zuvor getragne, 

Sendet voran ſeinen eignen Bruder, 
16 * 


— 2 9 


Angetdan mit feinen eignen Kleidern, 
Angelegt mit feinen eignen Waffen, 

Daß dad Mädchen leichter ihn erkenne, 
Und die Mutter länger nicht mehr felte. 


3. 


Zagt und jagt der junge Kofto 
Dur das Waldrevier, 

Jaget, und die Sommerfonne 
Brennt in's Antlig ihm. 

Sucht denn Kofto, fih zu fühlen, 
Suchet Schattenfühl, 

Sucht und findet mad er ſuchet 
Bald am Rand ded Sees, 

Läßt ſich nieder in der Kühle 
Und entſchlummert füß. 


& 


Als er aber ausgeſchlummert 
Und vom Traum erwacht, 

Sich” — da fteht die kaum verlobte 
Stana neben ihm! 

Zu ihr ſpricht der junge Kofto, 
Sprit. der wadre Held: 

„So dir Gott, 0 Mädchen Stana, 
Kaum mir anverlobt! 

Bift du mit dem Thau gefallen 
Mir vom Himmeldzelt, 
Dver durd den Wald gekommen, 
Mädchen, fo von ſelbſt?“ 


> 


— 25 — 


Ihm jedod das Mädchen Stana 
Sittfam dies zuräd: 
„So dir Gott, o junger Kofto, 
Du mein heitres Glück! 
Braucht’ ich mit dem Thau zu fallen 
. Dir vom Himmel erft? 
Konnt' ih durch den Wald nit kommen, 
Liebfter, dir von ſelbſt?“ 


. 4. 


So befhwöret Stana jung die Sonne: 

„So dir's wohl fei, warme Zrühlingdfonne, 
Und, verfinftert niemals, ftetd du fcheineft ! 
Schieneft du ſchon heute in Rifano 

Und beſchienſt du dort die Höfe Kofto’s? 
Sind zu hauen Schwieger dort und Schwäher? 
Denken bald die Schnur fie heimzuführen? 
Sind zu fhauen mir die jungen Schwäger? 
Sind zu fhauen auch die Schwägerinnen? 
Sahft Mu wol auch Kofto, meinen Liebften? 
Iſt er wohl und ift er mir auch heiter? 
Scharen fi um ibn die ſchmucken Swaten? 
Weht von feinen Höfen fhon die Fahne? 
Zührt die alte Mutter ibm den Neigen? 
Stimmen feine Schweftern heitre Lieder?’ 


Drauf alfo zurüd die warme Sonne: 
„So mir Gott, o wunderfhöne Stana, 


⸗ 


— 246 — 


Da du fragft, will ich dir Wahrheit kuͤnden! 
Wol ſchon fhien ih heute in Riſano 

Und beſchien die weißen Höfe Kofto’s! 

Sah den Schwäher dein und deine Schwieger ; 
Denken bald ald Schnur did heimzuführen!- 
Sah aud deine jungen Schwäger alle, 

Alle, wie fie goldne Ringe fehmicden ; 

Sah die Schwägerinnen all’, die lieben, 

Ale, wie fie Siüberfträußlein richten; 

Sah auch Kofto, deinen Treugeliebten, 

Wie er wohl ift und aud heitern Mutbes, 
Und die Zahne weht ihm von den Höfen, 
Und den Reigen führt die alte Mutter, 

Und im Heigen tanzen feine Schweftern, 

Und um ihn fon ſammeln fi die Swaten, 
Und nit lang — und dich zu holen kommt er!” 


5. 


Ihrer Swaten iſt gewärtig Stana 

Für den nädften Sonntag, der herankommt; 
Drum bepflanzt den Weg fie mit Bafilie, 
Pflanzt Biol’ und Mof’ am Rand des Weges, 
Um die Höfe zartes Majoranfraut, 

Bor die Höfe goldne Pomeranzen. 


Als die Swaten nun am Sonntag fommen, 
Zinden fie den Weg zum Hofe nimmer 
Db des Dufts des morgenden Bafllie, 


+ 27 — 


Ob der Pradt der ofen. und Biolen, 
Ob der Fülle zarten Majoranfrauts, 

Db des Baumes blütenreidher Zweige, 
Ob des Rauſchens all der Falkenfluͤgel. 


Sprit denn fo die wunderſchöne Stana: 
„Laßt, um Gott, o Freundinnen, geliebte, 
Laßt mid treten an des Hofes Zenfter, 
Daß ih ſchaue die geſchmückten Swaten!“ 
Kimmt dann eine Pfauenfeter golden, 
Winft damit den Swaten zu am Wege: 
„Hochzeitsführer, Zierden ihr der Swaten, 
Zückt die Säbel von den breiten Gärteln! 
Mähet ab des Majoraned Zülle! 

Hauet ab der Pomeranze Zweige! 
Schmüdet eud und eure guten Roffe! 
Kommt zu mir in meine weißen Höfe!’ 


6. 


Lieblich ift es anzuſchauen nädtlid, 

Wie die Swaten um die Tafel figen 

Und aus Bechern rothen Küblwein fhlürfen, 
Wie ein Neblein um die Tafel hüpfet 

Und mit Wein die Becher ihnen darreidt, 
Nachtigall auf einer Schulter tragend, 

Auf der andern goldne Pfauenfeber ! 

Alſo ſpricht die goldne Pfauenfeder: 

„D, daß mein der Nadtigallen Kehle! 
Lieblih ftimmen würd’ id meine Kehle, 


— 28 8>- 


AM die Herren nad der Reih' befingen!” 
Alfo aber ſpricht das Kadtigallden: 

D daß mein, du goldne Pfauenfeder, 

„D daß mein des Pfauen Feder wäre! 

. Alle meine Federn würd’ id rupfen, 

AU’ die Säfte nad der Reihe ſchmücken!“ 


T. 


Was erglänzt dort in Riſano's Befte? 

Iſt die Sonne oder ift der Mond es? 

Iſt es Purpur, den die Schneider ſchneiden, 
Dder Gold wol, das die Schmiede ſchmieden? 
Iſt's ein Stidrahm, dran die Mädchen ftiden? 
Dder aber iſt's ein goldner Apfel, 

Soldner Apfel zwiſchen Edelfteinen ? 

Nicht die Sonne, nicht der helle Mond iſt's, 
Iſt nit Purpur, den die Schneider ſchneiden, 
Iſt auch Gold nicht, das die Schmiede fhmieden, 
Iſt Fein Stidrahm, dran die Mädchen ftiden, 
Iſt aud nit, o Freund, ein golbner Apfel, 
Goldner Apfel zwiſchen Edelfteinen, 

Sondern eine Braut bei ihren Schwägern! 
Wie fie ift, fo wunderbar und lieblich, 

Schaut die Stirn’ ihr wie ein ftolz Gebirge, 
Strahlt ihr Antli$ wunderweiß und lieblich, 
Gibt von ferne prädt'gen Schein den Höfen! 


— — — — — 





— 2349 — 


8. 


Drei Gebirge, die find mir body; 
Doch das höchſte ift jened mir, 
Drüber Kofto der Jaäger jagt! 


Zührt ihm Stana das Rößlein zu, 
Zührt es ihm zu und füttert es, 
Gibt ihm zu freffen Perlen zart, 
Perlen aus ihrem Seidenſchoos, 
Gibt ihm zu trinken Waffer fühl, 
Waſſer aus ihrer weißen Hand, 

Und entfhlummert im Wald hierauf. 


Nufen die Wächter aus der Stadt: 
„Weſſen ift die ſchlafende Maid?” 


Kofto der Iäger bört’s und ruft: 
„Mein ift fie und wecket fie nicht! 
Will fie mir wecken felber wol, 

Bis ih nur erft zu End’ gejagt!” 


Kofto der Jaäger jagt zu End’, 


Brit vom Straude ein Nöelein wild, u 


Streiht das Mädchen in's Angeſicht: 
„Wade nun auf, 0 Stana lieb! 
Haft du denn ausgeſchlafen nicht, 
Bei der Mutter die lange Zeit?” 


Da dies Stana, das Mädchen, hört, j 
Da entreißt fie dem Schlummer ſich, 
Springt empor nom Boden behent. 





— 250 — 


Koſto aber, da er dies fieht, 
Sattelt zur Stel’ fein gutes Roß, 
Schwingt fih munter auf’5 Roß empor, 
Faſſet Stana gleih an der Hand, 

Settt fie auf's Nößlein hinter fi, 
Reitet nad feinen Höfen beim. 


Da er vor feine Höfe kommt, 

Ruft er heraus die Mutter fein: 
„Mutter und komm glei vor den Hof, 
Siehe, ih bring’ ein Schnürlein dir!” 


Da died aber die Mutter hört, 

Eilet fie fröhlih vor den Hof, 

Küffet ihr Liebes Schnürlein hold, 
Danket im Himmel Gott dem Herrn: 
„Dan? dir, o Gott, du gütiger, 

Daß du mir ſchickſt Erſatz in’s Hans!“ 


9. 


Sieh’, nun kommt dir unfer ehrfam Bräutlein, 
Kommt und bringt in’3 Haus dir manden Segen, 
Wie im Haar e5 trägt die warme Sonne, 

In den Händen einen grauen Falten, 

In dem Herzen Frieden und Ergebung, 

Und im Munde Honig füß und Kuden! 

Kaum ed anlangt bei den weißen-Höfen, 

heilt es Glück aus durch die weißen Höfe, 


— 231 — 


Folgſam klugen Sinn den Schwiegerältern, 
Freundliches Begegnen ihren Schwaͤgern, 
Hold Empfangen ihres Mannes Schweſtern, 
Liebreich Wort den Frauen ihrer Schwäger, 
Liebevoll Umarmen ihrem Bräut’gam. 


W. 


Zlogen auf zwei graue Edelfalken, 
Zlogen auf von Stana's Heimatshöfen. 
Gleich erkennt die grauen Falken Stana, 
Kennt fie gleih und ſpricht zu ihnen weinend: 
„So eud Gott, zwei graue Edelfalken! 
Kommt ihr jegt von meines Baterd Höfen? 
Saht ihr mir den Vater, mir die Mutter, 
Ob fie, ab, die Thränen ſchon getrodnet, 
Die fie weinten, da ih fie verlaſſen?“ 


Drauf zurüd die beiden grauen Falken: 
„So dir Gott, o wunderfhöne Stana! 
Kommen grad’ von deines Baters Höfen, 
Und gefandt von Bater dir und Mutter, 
Daß wir did, o Stana, lieb begrüßen, 
Di begrüßen und dich aud befragen, 

Ob bei Kofto wohl dir und gewohnlih?’ 


Drauf erwiebert Stana dies den Zalfen: 
„Sebt mit Gott, zwei graue Edelfalken! 


— 252 9 


Grüßt daheim den Vater mir, die Mutter, 

Grüßet fie und fpredht zu ihnen alfo: 

Wohl ift mir bei Kofto und gewohnlih, 

Und, wil’s Gott, fol mir's noch wohler werden!” 


Liebesgefchichten. 


Schwimmt "ein Mädchen üßertm Waffer. 


Wundergrüne Waldeshut, 

Wunderklare Waſſerflut! 

Schwimmt ein Maͤdchen über'm Waſſer, 
Schwimmet nicht, daß es ertraͤnke; 
Schwimmet nur, daß es erſähe, 

Ob die Mutter ſich wol fränfe. 

Doch die Mutter geht an's Ufer, 
Wirft in's Waſſer einen Stein: 
„Sink', o Böſe, ſink' hinunter, 
Nimmer biſt und warft du mein!” 


Wundergrüne Waldeshut, 

Wunderklare Wafferflut ! 

Schwimmt ein Maͤdchen über'm Waſſer, 
Schwimmet nicht, daß es ertränfe; 
Schwimmet nur, daß es erſaͤhe, 

Db der Bater fi wol Pränke. 

Dod der Bater gebt an’s Ufer, 

Wirft in’d Waſſer einen Stein: 
„Sink', o Böfe, fin?’ hinunter, 
immer bift und warft du mein!” 


Wundergrüne Waldeshut, 
Wunderflare Wafferflut! 


— 256 — 


Schwimmt ein Mädchen über'm Waſſer, 
Schwimmet nicht, daß ed ertränke, 
Schwimmet nur, daf es erfähe, 

Ob die Schwefter fi wol Fränke. 

Doch die Schwefter gebt an’d Ufer, 
Wirft in’d Waſſer einen Stein: 
„Sink', o Böfe, ſink' hinunter, 
Nimmer biſt und warſt du mein!“ 


Wundergruͤne Waldeshut, 

Wunderklare Waſſerflut! 

Schwimmt ein Mädchen über'm Waſſer, 
Schwimmet nicht, daß es ertränke; 
Schwimmet nur, daß es erſaͤhe, 

Ob der Bruder ſich wol kranke? 

Doch der Bruder geht an's Ufer, 
Wirft in's Waſſer einen Stein: 
„Sink', o Boͤſe, ſink' hinunter, 
Nimmer biſt und warſt du mein!“ 


Wunderbare Waldeshut, 

Wunderkühle Wafferflut! 

Ueber'm Waſſer ſchwimmt ein Maͤdchen, 
Schwimmet nicht, daß ed ertränke; 
Schwimmet nur, daß es erſaͤhe, 

Ob der Liebſte ſich wol kraͤnke. 

Liebſter eilet an das Ufer, 

Stürzt ſich in die Flut hinein: 
„Komm mit mir, du liebe Seele, 
Warſt und biſt für ewig mein!“ 


—— 357 — 


Mas dem Mädchen lieb it. 


Wuchs ein Pomeranzenbaum in Nowi, 
Pflegte fein ein Rowinianermadchen, 
Hüllt' ihn ein zur Winterszeit in Seide, 
Goß ihn an zur Sommerzeit mit Waſſer. 


Als der Pomeranzenbaum nun blühte, 
Bat zu Gott die ſchöne Nowinianrin, 
Daß der Baum ihr Pomeranzen trage, 
Pomeranzen drei von Goldes Schoͤnheit. 


Bat zu Gott, und wie ſie bat, geſchah es, 
Trug der Baum drei goldne Pomeranzen. 


Nahm das Mädchen, nahm die Pomeranzen, 
Schickt dem Dogen eine von Benedig, 
Schickt die zweite dem verehrten Sultan, 
Schickt die. dritte nah Prilip an Marko. 


Die fie fit dem Dogen von Benedig, 
Schickt dafür entgegen ihr der Doge, 

Shit ihr einen- fhönen goldnen Nadyen. 
Die fie Shit nad Stambol an den Sultan, 


Schickt der Sultan ihr ein golden Spieglein. 


n. 17 


— 238 — 


Die fie ſchickt dem Königsfohne Marko, 
Schickt dafür ihr Marko Roß und Heiter. 


Da nah Nowi die Geſchenke kommen, 
Und das Mädchen fiehet die Geſchenke, 
Sprit ed alfo,.die Geſchenke mefternd: 
„Wenig Dank dir, Doge von Venedig, 
Wenig Dank dir für den goldnen Nahen; 
Bin fein Schiffer, der auf Meeren ſchiffet, 
Bin ein Mädchen, das da ftidt am Fenſter! 
Wen’ger Dank, o Sultan dir von Stambol, 
Wen’ger Dank für deinen goldnen Spiegel; 
Bin ja felbft ein wunderbarer Spiegel! 
Danf nur dir, dem Königsfohne Marko, 
Der du Roß und Weiter mir gefendet — 
Marko weiß, was einem Mädchen lieb iſt!“ 


8 


\ 


Auch wir Mädchen ſchanen auf das Roß nicht! 


Por den Höfen Jowan⸗Beg des Begen 

Tanzt ein Meigen in Herzegowina; 

Doch zu ſchauen ift fein Mann im Neiger, 

Nur zu Shaun find Mädchen drin und Frauen. 


Kommt heran ein unbekannter Nede,- 
Trägt an fi viel prädtige Gewänder, 
Reihen Schmuck an feinem guten Roffe; 
Zrägt am Leib ein Oberkleid grünfeiden, 
Dran zu ſchauen dreißig golpne Spangen, 
Sammtnes Leibchen unter'm Oberfleide, 
Dran zu ſchauen Spangen, ſchwer drei Offa; 
An den Beinen Schuh’ und prädt'ge Hofen, 
Auf dem Haupte einen ftolzen Kalpak, 

An der Seit’ nen Damascenerfäbel, 
Damadcener mit drei goldnen Griffen 

Und drei edlen Steinen an den Griffen. 


Zu befhaun den Knaben hält der Reigen, 

Und der Knabe ſpricht zum Reigen alfo: 

„Tanzt, o tanzet, und beſchauet mich nit! 

Kit nad Golde ſchau ich und nad Perlen, 

Nicht nah Sammt und nit nah feiner Seide! 
17* 


— 260 — 


Schaue nur auf holde Maͤdchenſchoͤnheit, 
Zierde der Geſtalt und Wuchſes Anmuth, 
Lieblichkeit des Gangs und Blickes Sanftheit, 
Daß die Mutter wiſſe, worauf ſtolz ſein, 
Wenn in's Haus das Maͤdchen ihr ich bringe!“ 


Alſo aber ihm der Maͤdchen eines: 

„Sprich nit thöricht, unbefannter Nede! 
Auch wir Mädchen ſchauen auf das Roß nicht, 
Nicht auf Roſſes Schmuck und ſchöne Waffen, 
Sondern ſchauen auf des Helden Schönheit, 
Eh’ der Mutter Lebewohl wir fagen 

Und der Freiheit wunderfhönen Tagen!’ 


— 2 — 


Cochlerlein Muttergold. 


Guter Gott, und welch ein großes Wunder, 
Daß der Zarin Nachkunft nicht will werden, 
Keine Nachkunft, weder Knab' noch Mädchen! 
Fleht zu Gott darum die junge Zarin, 

Daß er Nachkunft ihrem Herzen gebe, 

Sei's ein Knäblein oder auch ein Mägdlein; 
Fleht zu Gott, und Gott der Herr erbört fie, 
Schenket Nachkunft ihrem frommen Herzen, 
Wol Fein Knäblein, aber doch ein Mägdlein. 


Eine Woche donnern die Kanonen, 

Da dem Zaren kommt zur Welt das Mägdlein; 
Doch zwei Wochen finnen fie auf Namen, 

Eh’ dafür fie einen Namen finden, 

Muttergold, den wunderbaren Namen. 


Als den Namen endlich fie erfonmen, 
Schmicden fie aus Silber eine Wiege, 
An die Wiege einen goldnen Falten, 
Daß, wenn ed allein, ed mit ihm rede; 
Und es nährt ihr Muttergold die Zarin, 
Bis zum Moden ed berangewadhfen. 

Als zum Rocken ed herangewachfen, 


— 262 — 


Schmieden ſie ihm einen goldnen Rocken, 
An den Rocken einen Ring von Perlen; 
Und es naͤhrt ihr Muttergold die Zarin 
Bis zum Stickrahm es herangewachſen. 
Als zum Stickrahm es herangewachſen, 
Kaufen ſie ihm Stickrahm und Korallen 
Und von Stahl ein allerfeinſtes Naͤdlein, 
Zeines Linnen aus der Veſte Moſtar, 
Seide, bunter Art, von Gerajewo, - 
Schönes Stickgold fernder aus Venedig, 
Rufen neun Gefpielinnen dann zu ihm, 
Die e8 lehren auf dem Rahmen ftiden, 
Sticken auf der thau'gen Blumenmwiefe 
Und im Kühl der ſchatt'gen Pomeranze. 


Einmal, da die Sonne niedergangen, 

Hebt empor fi Muttergold vom Rahmen, 
Wandelt dur die thau'ge Blumenwiefe, ” 
Und die neun Gefpielinnen zur Seite 

Tragen ibm den Schlepp und and die Aermel; 
Wohl den Schlepp, daß er ſich nicht bethaue, 
Und den Aermel, daß er fi nit wege. 
Sieh’ da wandelt dur die thau’ge Wieſe 
Imbro eben auch, das junge Herrlein, 

Bietet Gott dem Muttergold zum Gruße: 
„Möge Gott, o Muttergeld, mit dir fein!’ 
Muttergold nimmt ibm den Gruß entgegen: 
„Möge Gott dir Gutes geben, Imbro!“ 


Imbro drauf geht nad den weißen Höfen, 
Spricht alfo zu feiner alten Mutter: 


—d 2363 — 


„Mütterhen, mein liebes, gutes, altes, 

Geh, o Mutter, in des Zaren Höfe, 

Wirb für mid dort Muttergom zur Handfrau! 
Schaffſt du mir nidt Muttergold zur Hausfrau, 
Nie, o Mutter, wähl' ich eine Andre, 

Nicht ein Mädden und nicht eine Witwe, 
Waͤhl' als Braͤutlein mir die ſchwarze Erde!“ 


Doch die Mutter drauf zurück dem Sohne: 
„Söhnlein Imbro, du mein Gut, mein liebſtes, 
Fürchte, daß das Mädchen dich verſchmähe!“ 


Imbro aber drauf zur alten Mutter: 
„Sprich nichts mehr, und geh', o alte Mutter, 
Geh’ du hin, erbitte mir das Mädchen!” . 


Kun die Mutter nit mehr anders Ponnte, 
Auch aus Furcht vor Imbro wol nidht wagte, 
Geht fie hin, geht zu des Zaren Höfen. 


Da fie anfommt an des Zaren Höfen, 
Pocht fie mit dem Thürring an die Pforte. 


Und ed feben fie die neun Gefpielen — 

. Sie, die da das Muttergoldchen lehren, 
Die e5 lehren Stiden auf dem Rahmen —, 
Heben an zu fhmähn dad Herrlein Imbro, 
Zu verfhänden in des Mädchens Xugen, 
Schelmenftamme fei entfproffen Imbro, 
Eine Schelmin babe ibn geboren. 


⁊ 


— 264 — 


An die Pforte aber geht die Zarin, 
Thut die Pforte auf der alten Mutter, 
Zübrt hinein fie in die ſchönſte Kammer, 
Bietet ihr gezuderten Kaffee dar, 

Und es fhlürfen aus den Schalen Beite. 


Sprit darauf des jungen Imbro Mutter: 
„Sott mit dir, o jugendlide Zarin! 

Zragft mid nit, no ſag' id dir es felber, 
Was da wol von meinen weißen Höfen 

Zu den deinen mid, die Alte, führet! 

Der mich fendet, ift das Herrlein Imbro, 
Sendet mid und laͤßt dich grüßen ziemend, 
Db du wol dein reines Gold willft geben, 
Geben ihm dein Muttergold zur Hausfrau?” 


Drauf zu ihr die jugendliche Zarin: 

„Warte nur, 0 Imbro’5 liebe Mutter, 
Daß ich erft zur thau'gen Wiefe gebe, 

Und mein reines Muttergold befrage, 

Db ed gebn will mit dem Herrlein Imbro!” 


Drauf zur Pomeranze geht die Zarin, 
Zragt alfo ihr Muttergold, ihr Tiebes: 
„Muttergold ! Willſt du wol gehn mit Imbro?“ 


Muttergold jedoch ihr drauf erwiebert: 
„Laß, 0 laß mid, meine liebe Mutter!. 
Nicht zum Sklaven möcht' id Imbro haben, 
Um wie viel erft wen’ger zum Gebieter! 
Schelmenftamme ift entiproffen Imbro, 

Und geboren hat ihn eine Schelmin!” 


—n 265 — 


Da died Imbro's Mutter hört von ferne, 
Wil fie nicht erſt warten, bis die Zarin 
Mit der Antwort rückkommt von der Wiefe, 
Sondern eilet fort ſchnell aus den Höfen. 


Kommen ſieht fie Imbro fon von ferne; 
Käber aber läßt. er fie erft kommen, 

Zragt fodann die gute alte Mutter: 

„Kommft du, Mutter, Botenlohn dir holen?” 


Eifernd aber ihm darauf die Mutter: 

„Laß, o laß mi, unglüdjelig Söhnlein! 
Hat dir nit vorausgeiagt die Mutter, 

Arg verihmähen werde dich das Mädchen? 
Sieh”, nun hat das Muttergold gefproden, 
Schelmenftamme feieft du entiproflen, _ 

Und geboren hab’ di eine Schelmin!” 


Als dies Imbro von der Mutter höret, 
Sprit er alfo zu der alten Mutter: 
„Keine Mutter hätte mich geboren, 
Sondern eine Stute, die mein Roß warf, . 
So ih mid an Muttergold nicht rächte 
Bor dem Frühſtern und dem Morgenrufe!” 


Ad es nun des Abende ift um's Nachtmahl, 
Speifen Alle, beben dann den Tiſch auf, 
‘Legen fih, wo Jedem ift fein Lager, 

Imbro auch in feiner neuen Kammer. 

Doch dicht fhlafen kann der junge Imbro. 
Macht fih auf, und nimmt Papier und Dinte, 


— 2366 — - 


Schreibet und beſchreibt ein weißes Briefblatt ‚1 
Gibt dad Blatt dem Wirbel des Gebirges, 

Gibt das Blatt ihm, ſpricht alfo zum Wirbel: 
„Richt dies Blatt und Schreiben nimm von binnen, 
Sondern, Wirbel, Muttergoldhend Sinnen, 

Daß ed in den weißen Thurm mir komme 

Bor dem Frühftern und dem Morgenrnfe, 

Kadt, fo wie ed ift, im feinen Hemden, 

Barfuß, wie ed ift, in gelben Schühlein, 
‚Barhaupt, wie es ift, im Pleinen Züdlein!” 
Schreibt dann und beſchreibt ein zweites Briefblatt, 
Wirft Dad weiße Blatt in’d kühle Wafler, 

Wirft’s hinein und fpriht zum Fühlen Waſſer: 
„Nicht dies Blatt und Schreiben nimm von binnen, 
Sondern, Waſſer, Muttergoldchens Sinnen, 

Dad ed in den weißen Thurm mir komme 

Bor dem’ Frühbftern und dem Morgenrufe, 

Kalt, fo wie es ift, im feinen Hemdchen, 

Barfuß, wie es ift, in gelben Schühlein, 
Barbaupt, wie ed iſt, im Pleinen Tüchlein!“ 
Schreibt dann und befchreibt ein drittes Briefblatt, 
Wirft dad Briefblatt in’ lebend’ge Feuer, 
Wirft's in’d Feuer und befhwört dad Feuer: 
„Nicht Died Blatt und Schreiben nimm von binnen, 
Sondern, Zeuer, Muttergoldhens Sinnen, 

Daß es in den weißen Thurm mir komme 

Bor dem Zrübftern und dem Morgenrufe, 

Nackt, fo wie es ift, im feinen Hemdlein, 

Barfuß, wie es ift, in gelben Schüblein, 
Barbaupt, wie es ift, im Heinen Tüchlein!“ 

Und darüber überfommt der Schlaf ihn. 


— 367 — 


Kurz darauf, nicht lange mocht' es dauern, 
Heben laut die Hunde an zu bellen, 

Mit dem Thürring pocht an's Hausthbor Jemand: 
„Herrlein Imbro, öffne mic die Thore! 

Deffne fie, daß fie dir nit veröden!“ 


Auffährt Imbro aus dem leihten Schlafe, 
Fährt empor, als ob ihn Wuth befallen, 
. Eilt hinab, ſchließt auf des Hofes Shore, 
Siehe, wer da pocht — ift Muttergoltchen! 


Da dies fieht das junge Derrlein Imbro, 
Wird er, ob die Sonne ihn beſchiene, 
Wirft den grünen Mantel um das Goldchen, 
Zührt hinein ed in die weißen Höfe, 

Zührt hinan ed in die neme Kammer. 


— 268 — 


- Haikuna Allagitſch. 


Ging Inftwandeln Atlagitſch Haikuna, 

Trug an ſich gar wunderbaren Anzug: 

Sieben Flechten an dem einen Haupte, 

Zwei Gehänge an dem einen Ohre, 

Drei Halsbänder an dem einen Halſe, 

Drei Goldgürtel an dem einen Bergen, 

An den Beinen buntgeftidtte Hofen 

Wunderfeltfam aufgepust zu ſchauen 

Bis an's Knie mit Wölfen und Alraunen, 

Ueber'm Knie mit niedlichen Eihhörnlein, 

Eingefaßt mit ſchnurbartgleichen Schnoͤrkchen, 

Dben mit des Paſchas Delibaſcha 

Und um ihn mit dreißig wadern Kriegern, 

An dem Gurt mit Schmieden zwei, brin Einer 
Hämmert und der Andere vergoldet. 


Hin fo geht fie nad dem neuen Marftplag 
Bor die Bude Ioman’s, des Gefellen: " 
„Helf' dir Gott, 0 Sunggefelle Jowan!“ 


„ Sei mir wohl, o Atlagitſch Haikuna! 
Nütz' im Wohlfein ab die fhönen Hofen 
Und beſchenk' mid, da du neu gekleidet!” 


— 269 — 


Ihm zurück drauf Atlagitſch Haikung: 

„Daß, o Jowan, daß dich Gott nicht ſtrafe! 
Bas kann für dein Wünſchen ich dir ſchenken? 
Shen!’ id dir ein flhönes grünes Tüchlein? 
Kein Gehen? für di ift wahrlich dieſes! 
Shen!’ ih Strümpfe dir und Hemd und Hofen? 
Wahrlich, Fein Geſchenk für dich ift dies auch! 
Soll ih in mein Kämmerlein did Taden? 
Nimmer fittfam würdeft drin du bleiben, 

Ruhen nit und böfe Kurzweil treiben!” 


Drauf zurüd ihr Jowan, der Gefelle: 

„Nun, Haituna, laß und einmal wetten, 
Wetten um dein Halband und mein Weißroß! 
Laß beftimmen einen ſichern Drt uns, 

Sei's in meinem, ſei's in deinem Hofe, 

In dem Garten Atlagitfh des Begen! 

Laß mitfammen eine Naht und weilen, 

Und wer erft den Andern flört durch Kurzweil 
Geb’ das Weißroß oder geb’ das Halsband!“ 


Drauf zu ibm Haikuna dies, das Mädchen: 
„Nun wohlen denn, o Gefele Jowo! 

Komm heut' Abends, wenn ed Nacht geworden, 
In den Garten Atlagitſch des Begen, 

Harre meiner in des Gartens Dunkel, 

Unter'm goldnen Pomeranzenbaume!’ 

Spricht's und kehrt zurüd zu ihren Höfen. 


Jowo unterdeß in feiner Bude 
Ueberdenft des Türkenmädchens Nede, 
Ob er kommen, ob er nit fol kommen. 


— 2370 9 


Da es aber dunkle Rat wii werben, 
Steht er auf. und wandelt nah dem Garten, 
Nach des Begen Pomeranzenbaume. 


Lange noch nicht unter'm Baume harrt er, 
Horch, da rauſcht es durch den grünen Garten, 
Klirret leis, wie goldgeſchlungne Kettlein, 
Rauſchet leis, wie ſeidene Gewänder — 

Jowo glaubt den Türken ſich verrathen, 

Will entfliehn durch's dämmernde Gebüſche, 
Horch, da ruft Haikuna's ſanfte Stimme: 

„Ei wohin? Daß du den Fuß nicht brücheſt! 
Weißt du nicht, was wir beſprochen heute?” 


Stehn bleibt Jowo in dem grünen Garten, 
Wartet bis Haifuna ibm beranfommt. 
An der Hand bald faſſet ihn Haikuna, 
Zührt hinan ihn in den obern Söller, 
Und es legen Beid’ fih in die Kiffen. 


Jowo fhlummert ein, ein ſchuldlos Lämmchen. 
Doch nad Schlaf vergebens ſucht Haifuna, 
Wendet bin und ber fi in den Kiffen, 
Streihelt Jowo mit der Hant am Kinne, 
Spridt: „O Iomo! Sieh' mid: an, o Jowo! 
Iſt es wirklich Leid dir um dein Weißroß? 

D daß doch die Türken dir es ritten 

Und Haidufen mir das Band vertränfen!” 


Da dies höret Iomo der Geſelle, 
Schlingt den Arm er um dad Türkenmädchen, 
Küßt es drei mal, küßt es wol auch vier mal, 


—_—d 27 9 


Wenn ed Jemand zählte, wol aud mehr mal. 
Drauf entfhlummern fanft die jungen Leute. 


Längft fhon über'm Thurme-fteht die Sonne, 

Da erwacht erft Jowo ber Geſelle, 

Spridt beforgt allo zur jungen Zürfin: 

„Sieh', in's Zenfter brennt uns ſchon die Sonne! 
Toͤdten wahrlich werden mid die Türken!” u 


Alſo aber tröftet ihn Haikuna: 

„Fuͤrchte nichts, umd forge nit, o Jowan! 
Eines vollen Jahres weiße Tage 

Koͤnnte ich, o Jowan, dich verbergen 

Hier in dieſen unſern weißen Höfen, 

Und doch wüßten Bater nichts und Mutter!” 
Springt empor dann auf die leichten Beine, 
Legt in's Bett den vielbeforgten Jowan 

Und bedeckt mit Kiffen ihn und Deden. 


Friedlich ſchlummert Jowo in den Kiffen. 
Als jedoch die finftre Naht gekommen, 
Und zu Bette Bater war und Mutter, 
Eilt Haikuna in den obern Söller, 

Holet aus den Kiffen den Gefellen, 

Setzt ibm vor ein trefflih Herrennachtmahl, 
Nimmt zu fi viel gelbe Golddukaten, 
Geht hinnieder in die niedern Stäle, 
Sattelt dort des Atlagitfhen Braunen. 
Jowo au geht heim nad feinem Haufe, 
Zäumet dort fein ſchnellgefußtes Weißroß, 
Nimmt zu fih, was er befidt an Gute. 


— 272 > 


Drauf befteigen Beide ihre Roſſe, 
Und entfliehen nah Gataros Ebne. 


Ad es Morgens Morgen war geworden 
Merket bald des Atlagitihen Ehfrau, 

Daß die junge Tochter nit im Haufe, 

Und mit ihr des Gutes viel entfhwunden 

Und der Braun felbft aus den niedern Ställen. 


Schnell cin Brieflein ſchreibt fie auf den Knieen, 
Sendet nad ed der geliebten Tochter: 

„Was, 0 Tochter, daß der Herr dir gnade, 

- Was verbrennft den Bart du deinem Bater, 
Schwärzeft an das Antlis deiner Mutter?” 


Drauf zurüd der Mutter fchreibt Haifuna: 
„Sprich nit thöriht, meine alte Mutter! 
Wüßteſt du, o meine alte Mutter, j 
Wie ein Chrift fo feurig weiß zu lieben, 
Gleich zur Stund’ verließeft du den Vater, 
Liebteft -felbft, jo alt du, einen Ehriften!” 


—$ 23 — 


Die kluge Jelena. 


Froh geht Pawle zur Verſammlung, 
Traurig aber kehrt er wieder. 

Ihm entgegen geht Jelena, 

Seine liebe, junge Schweſter, 

Will des Noffes Zaum ihm halten;“ 
Pawle aber ruft ihr dies zu: 

„Laß, o laß nur, meine Schweſter, 
Meine Schweſter, o Jelena!“ 


Ihren Bruder fragt die Schweſter: 

„So dir Gott, o junger Pawle, 

Junger Pawle, lieber Bruder, 

Was wol ſprechen ſtets die Herrn dort?“ 


„as aud ftetd die Herrn dort fpreden, 
Spreden ſtets von dir, Ielena, 
Und von deiner feltnen Schönheit 
Und von deiner ſeltnen Klugheit! 
Doch gemwettet hat der Ban heut, 
Hat gewettet fieben Burgen 
Und dreihundert Golddukaten, 
Daß du in den Mifhens Wald nicht, 
D Selena, wagft zu geben, 
Kühles Waffer dort zu holen!” 
18 


‘r 


— 27% — 


Laut darüber lacht Selena, 
Spridt alfo zu ihrem Bruder: 
„Fürchte nichts, o lieber Bruder, 
Weil alſo der Ban geſprochen! 
Schaff' mir lieber Reiterkleider, 
Sattle mir ein braunes Roͤßlein, 
Gib mir zwei Gefährten bärtig, 
Daß ih mich verfleide, Bruder, 
Und in die Berfammlung gehe 
Und dort felbft ein wenig höre, 
Wie und was die Herren ſprechen!“ 


An ſich legt denn ſchön Jelena, 

An ſich legt ſie Reiterkleider, 

Setzt auf's Haupt ſich einen Kalpak, 
Schnallt ein Schwert ſich um die Hüfte, 
Reitet in die dunkle Waldung. 


Tief im Walde, im Gebirge, 
Trifft den Ban ſie unverſehens, 
Der auf ſie gewettet eben, 

Und gewettet ſieben Burgen 

Und dreihundert Golddukaten. 


Schon von ferne neigt der Ban ſich; 
In der Nähe beugt er gar ſich, 
Küffet ihr die weißen Hände, 

Küffet ihr der Kniee rechtes, 


Zreundli aber grüßt Ielena: 
„Sott mit dir, o junger Bane!“ 





— 375 — 


Drauf der Ban zurück in Demuth: 


Fragt den Ban Jelena weiter: 
„So dir Gott, o junger Bane! 
Weißt du nicht ein Maͤdchen irgend, 
Das mir wol gefallen könnte?“ 


Diefes ihr der Ban ermiedert: 

„So mir Gott, o Sultansfühnlein, 
Weiß dir wol ein lichlid Mädchen, 
Das dir wol gefallen Fönnte, 
Pawle's wunderfhöne Schwefter, 
Und Selena ift ihr Name!” 


„So dir Gott, o junger Bane, _ 
"Führe mich zu ihren Höfen, 
Zühre mich zu Pawle's Schwefter!” 


Zührt fie hin der junge Bane, 
Führt fie bin zu Pawle's Höfen, 
Deffnet felber ihr die Shore, 
Führt hinein fie in die Höfe, 


Helllaut aber lat Selena, 
Lacht Ielena,. Pawle's Schweſter: 
„Schönen Dank dir, junger Bane! 
Doch dies iſt Fein Sultansſöhnlein, 
Sondern iſt nur ſchoͤn Jelena, 
Iſt nur Pawle's junge Schweſter, 
Und verwetteſt haſt, o Ban, du 

18* 


— 2716 — 


Haft verwettet fieben Burgen 
Und dreihundert Golddukaten!“ 


An die Stirne ſchlaͤgt der Ban ſich: 
„Wehe mir bei Gott dem Einz'gen! 

Nie noch ward ich überliſtet 

Bis von einem Maͤdchen heute, 

Bis von Pawle's ſchöner Schweſter! 
Doch nicht leid iſt's um mein Gut mir; 
Was mir weh thut — iſt die Schande!“ 





— 1 ⸗— 


Die fchöne Angelia. 


Mofen pflüdet Angelia 

Oberhalb Raguſas Befte, 
Windet draus ein lieblich Sträußlein, 
Seht hinaus zur ftillen Donau, 

Sieht hinein in’s klare Waſſer, 

Redet alfo zu fi felber: 

„Dan? und Lobpreis Gott dem Großen, 
Wie ih ſchön bin, weiß und rofig! 
Wären mein no ſchwarze Augen, 
Wollt’ bethören alle Türken, 

Ali-Beg felbft in der Veſte!“ 


Diefes hören Ali's Diener, 

Gehen bin und fagten ihm es. 

Afo aber ſpricht der Beg drauf: 
„Ss ud Gott, ihr treuen Diener, 
Kehmt, 0 Diener, meinen Säbel, 
Nehmt den Säbel, geht zum Mädchen, 
Mest ihr Hauptbaar mit dem Säbel! 
Iſt es länger ald mein Säbel, 

Sei das Mädchen meine Liebfte; 

Iſt es Pürzer als mein Säbel, 

Sei es meine liebe Schwaͤgrin!“ 


— 17138 >» 


Wie er ſpricht, fo thun die Diener, 
Nehmen feinen ſcharfen Säbel, 

Gehen bin zur ftillen Donau, 

Zuaflen an der Hand das Mädchen, 
Meffen ihr das dunkle Haupthaar. 
Länger iſt's als Ali's Säbel! 

Führen denn zum Beg das Mädchen, 
Und des Begen Liebfte wird es! 


— 2719 — 


Doitfehin Petar, der zecht. 


Kuhlwein zecht der Waradiner 
Bane, Doitſchin Petar; 

Für dreihundert Golddukaten 
Zecht an Einem Tag er, 

Und verzecht noch ſeinen Rappen, 
Seine goldne Keule. | 


Bitter fhilt ihn Herr Mathias 
Drum, des. Landes König: 

„Schlag' dich Gott, o Warabiner 
Bane, Doitſchin Petar! 

Für dreihundert Golddukaten 
Zechſt an Einem Tag du; 

Was verzechſt du noch den Rappen 
Und die goldne Keule?“ 


Ihm darauf der Waradiner 
Bane, Doitſchin Petar: 

„Schelte nicht, o Herr Mathias, 
König du des Landes! 

Wareſt du in jener Schaͤnke, 
Drinnen ich geweſen; 


— 280 — 


Küpteft du die junge Schänkin, 
Die da ich geküſſet, 

Hätt’ft verzeht die Peſther Ebne 
Sammt der Burg von Budim! 


— 281 — 


Blume, Wein und Liebe. 


Geht das Mädchen früh im Garten, 
Gräbt ein Rinnlein, lockt das Waſſer, 
Lockt das Waſſer in den Garten, 

Zu benäffen ihre Blümlein, 

Baſilik, das blendendweiße, 

Und die lieben gelben Relken. 

Wo es grub und wo es lodte, 

Dort entſchlief das junge Maͤdchen, 
Schlief, dad Koͤpfchen in den Nelken, 
In der Hand ein Blumenfträußlein 
Und ein Kännlein Wein zur Seite, 


Kam daher ein led’ger Knabe, 

Sah ed, hub au nachzudenken: 

„Rehm' id wol das Blumenfträußlein? 

Trink' den Wein id, der im Kännlein? 

Oder lieb’ ih dich, o Mädchen? 

Kaum bis Mittag währt das Sträußlein; 
Noch viel Fürzer währt das Krüglein; 

Dod für Leblang währt die Liebe! 

WIN das Sträußlein denn bis Mittag tragen, 
Will des Weines mid ein Weilchen freuen, 
Und der Liebe all mein Leblang pflegen!” - 





— 2832 — 


Sultansſohnlein Mujo. 


Mohamedaniſch. 


Turken in's Bad; aus dem Bad die Frauen. 
Sultansſoͤhnlein Mujo vor den Türken; 

Bor den Zrauen Mahmud⸗Paſchas Frauen. 
Schön fürwahr ift Sultansiöhnlein Mujo; 
Schöner aber Mahmud⸗Paſchas Frauen! 

Und mie fehr fie ſchoͤn auch ift, die Hündin, 
Schöner noch ummwallt fie dic Gemandung. 
Schnell erfranft das Sultansföhnlein Mujo 
Nah der Frauen, Mahmud-Paſchas Frauen, 
. Kehret Fran? zu feinen weißen Höfen, 

Legt erkrankt fi in die weihen Kiffen. 


Ale Frauen nah der Reihe kommen 
Auf Beſuch zum Sultansjöhnlein Mujo; 
Eine fommt nidt — Mahmud⸗Paſchas Frauen. 


Laͤßt die Frau, die Sultanin, ihr ſagen: 

„D du Frauen, Mahmud⸗Paſchas Frauen, 
Biſt du etwa eine größre Herrin? 

Niederliegt zum Sterben heut' mein Mujo, 
Alle Frauen kommen ihn beſuchen, 

Du allein nur kommſt nit, ihn zu ſchauen!“ 


— 283 — 


"Da dies hoͤret Mahmud⸗Paſchas Frauen, 

. Rimmt fie Saum und Aermel gleich zuſammen, 
Richtet zu die beften Krankenſpeiſen, 
Roſenkuchen in 'nem goldnen Schälden, 
Honigbrot in einem Silberfhhüßlein, 
Kirſchen, füß in Honig eingefotten, 
Dfirfihe, im Morgenthau gepflüdte, 
Pflaumen von der See, von Moftar Neben; 
Kleidet an fi, wie fie kann, auf's Befte, 
Wandelt binwärts nah des Sultans Höfen, 
Schreitet durch die Höfe ungemeldet, 

Ohne Selam in den obern Söller, 

Drin erkrankt Liegt Sultansföhnlein Mujo. 


& 


Niederfigt fie, fist zu Mujo’s Haupte, 
Trodnet ab den Schweiß von Mujo's Stirne, 
Redet aljo zu der Sultansfrauen: 

„Gleiche Krankheit, dran der Held erkrankt ift, 
Gleiche Krankheit litt auch einft mein Bruder, 
Wol ich felbft au, Mahmud⸗Paſchas Frauen! 
Krankheit iſt's nit, fondern ift die Liebe!” 


Da dies hört das Zarenfähnlein Mujo, 
Springt empor er auf die leiten Beine, 
Rings um Beide ſchließet fi der Söller, 
Und er liebt fie durch drei weiße Tage. 


Ad der Tage vierter war erſchienen, 

Schreibt ein ziemend Brieflein Mahmud⸗ Paſca, 
Fertigt's aus, entſendet's an den Sultan: 
„Sultan⸗Zar, vielmächtiger Gebieter! 


28 — 


Goldnes Entlein ift mir fortgeflogen, 
Iſt geflogen hin nad deinen Höfen! 
Sich’, drei Tage find feitdem vorüber, 
Laß es frei nun, fo du Gott befenneft!” 


Do der Sultan drauf zurüd.dem Paſcha: 
„Gott mit dir, o Diener Mahmud⸗Paſcha! 
Hab’ nen Zalfen jung, unabgerichtet; 

Was er fängt, das will er nicht mehr laſſen!“ 





—d 285 — 


| Junges Mädchen fchafft ein heitres Herze. 


Mohamedaniſch. 


Früh erging ſich Jowan-Beg der junge 

Vor der Frau des Radul-Begen Höfen. 

Sah ihn gehn des Radul-Begen Frauen, 

Sah ihn gehn, ſprach alſo zu ſich ſelber: 
„Guter Gott, welch nie geſeh'nes Wunder! 
Ach und wie iſt ſchön der junge Jowo! 

Hätt' ich zu vermaͤhlen eine Schweſter, 

Gäb’ zur Frau zur Stunde ihm die Schwefter, 
Gaͤb' die Schwefter, hieß’ ihn meinen Schwager! 
Hätt’ ich zu vergeben eine Tochter, 

Gaͤb' zur Frau zur Stunde ihm die Töchter, 
Gaͤb' die Toter, hieß’ ihn meinen Eidam! 
Doch zum Schwager fehlet mir die Schweſter, 
Und zum Eidam die geliebte Tochter; 

Will ihn denn zum Bundesbruder wählen, 
Will fortan ihn Bundeöbruder heißen!’ 


Alſo ſprach des Radul-Begen Frauen. 
Wie fie ſprach, jo that ſie's auch zur Stelle, 
Wählte Jowo fi zum Bundesbruder, 
That fortan ihn Bundeöbruder heißen. 


— 286 — 


Bald darauf — da kommt die Witwe Andja, 
Bittet alfo Radul's edle Zrauen: 
„Sib zum Mann mir Jowo, deinen Bruder!“ 


Ihr jedoch des Radul-Begen Frauen: 
„Nimmermehr, bei Gott, o Witwe Andja, 
Gäb' ich meinen Bruder einer Witwe, 

Wie ich nie ibm Waſſer gäb' zu trinken! 
Böfes Fieber zeigt. das böſe Waſſer, 
Schlimmen Herzens find die fhlimmen Witwen! 
Einem Mädchen will id ihn vermählen, 

Wie ih Wein ihm ftets zu trinken gebe! 
Rother Wein, der ſchaffet rothe Wangen, 
Junges Mädchen ſchafft ein heitres Herze!“ 





— 2387 — 


Liebreich aber iſt das Mädchen. 


Kirſchen trägt ein Kirſchenbäumchen, 
Daß die Zweige will's erdrücken! 
Niemand iſt, ſie abzupflücken, 

As ein Knabe und ein Mädchen. 


Schüchtern aber ift der Knabe, 

Wie Fein Mädchen ſo iſt ſchuͤchtern, 

Sprit zum Mädchen fhamvoll zagend: 
„Nur Ein Kirfhlein, reih' mir Mädchen!“ 


Liebreih aber ift dad Mädchen 

Und mitleidig weichen Herzens; 

Bat der Anab’ au nur um Eines, 
Reicht’ fie ihm doch zwei der ſchönſten! 


— 388 9 


Lot der Knab das Mädchen fein. 


Lockt der Knab' das Mädchen fein, 
Lockt's mit grünen Aepfelein, 

Lockt's bis in den Soͤller kuͤhl, 

Knöpft ihm auf das Leibchen ſchwül, 
Macht' das Hemdchen gern auch frei — 
Reißt die Perlenſchnur entzwei! 


Bitter weint das arme Kind. 
Tröftet fie der Knabe lind: 
„Weine nit, o Seele gut! 
Bald ift Alles wieder gut! 

Hab’ nen Bruder Schneiderlein, 
Macht ein neued Leibchen fein! 
Stidrin ift die Schwefter mir, 
Stidt ein neues Hemdlein dir! 
Und die Perlen Hand in Hand 
Fädeln auf wir miteinand!’ 





289 ⸗— 


Mie Mara den Herzog Stefan los wird. 


In dem Söller ſchläft die ſchöne Mara; 

Reben ihr, die weißen Brautgefchente 

Sorgfam ordnend, ſpricht zu ihr die Mutter: 
„Sinem Herzog gab ih dich, o Mara, 

Und beſchenkt hat berrlid und der Herzog. 
Mir, der Mutter, ſchenkt' 'ne goldne Kron’ er, 
Deiner Schwefter einen Spiegel golden, 

Deinem Bruder eine feltne Quitte, 
Hundertblättrig, die am Meeresurfprung 
Aufgeblüht, gereift im Sonnenaufgang ; 

Doch zu Argem gab ich dich ibm, fuͤrcht' ich, 
Denn ein Säufer, fpriht man, fei der Herzog, 
Säufer und den Türken fehr verfäuldet!” 


Da dies Mara hört, das junge Mädchen, 
Redet fie zu ihrer Mutter alfo: 
„Nimmer, Mutter, geb’ ich mit dem Herzog, 
Möge Gott der Einz’ge fo mir beiftehn! 
Lieber, Mutter, will id mid erbängen 
Bor den Böfen an des Hofes Thoren! 
Sondern höre, meine alte Mutter! 
Wenn die Pauken du vernimmft und Pfeifen, 
Lege mid auf eine leichte Bahre, 

II. 19 


—d 290 — 


Shmüde mid mit Strohblum' und Bafilie, 
Breite über mich ein dünnes Babrtub, 
rag’ binaus mid vor die weißen Höfe! 
Kommt der Herzog mit den Hochzeits gaͤſten, 
Klage dann, o Mutter, mir zu Haͤupten: 
O du Herzog, unbeſchiedner Eidam, 
Fruchtlos botſt du auf die vielen Swaten, 
Unnütz muͤhſt du ab die vielen Roſſe, 

Da ſchon geſtern Mara dir geſtorben, 

Todt lag, da der Morgenſtern erſchienen!“ 


Dies gehorcht die Mutter ihrer Tochter, 

Legt ſie huͤbſch auf eine leichte Bahre, 
Shmüdt fie ſchön mit Strohblum’ und Bafilie, 
Breitet über fie ein feines Bahrtuch, 

Traͤgt hinaus ſie vor die weißen Höfe. 


Da der Herzog Stefan nun herankommt 
Und mit fid führt die gefhmüdten Säfte, 
Klagt die Mutter alfo ihr zu Häupten: 
„O du Herzog, unbeſchiedner Eidam! 
Fruchtlos botft du auf die vielen Gaͤſte, 
Unnüg mühſt du ab die vielen Roffe, 

Da ſchon geftern Mara dir geftorben, 
Todt lag, da der Morgenſtern erſchienen!“ 


Alſo aber ſpricht der Herzog Stefan: 

„So mir Gott der Einzigeine beiſteh', 

Tod iſt dieſes nimmer, nur Verſtellung!“ 
Nimmt zur Hand drauf glühend rothe Kohlen, 





— 294 9 


Legt fie Mara'n an den weißen Bufen. 
Mara zudt nit, rührt mit einem Auge. 


Wieder aber fpricht der Herzog Stefan: 
„So mir Gott der Ginzigeine beifteh’, 
Nimmer ift dies Tod, dies ift Berftellung !” 
Nimmt zur Hand drauf eine Felſenſchlange, 
Legt fie Mara’n an den weißen Bufen. 

Um ven Hals ihr windet fi die Schlange; 
Mara aber zudt nit, rührt Fein Auge. 


Zürnend fpridt der Herzog Stefan meiter: 
„Dennoch, fo mir Gott der Einz'ge beifteh’, 
Iſt dies nimmer Tod, und nur Berftellung !’ 
Zährt dann über's Antlig mit dem Bart ihr, 
Ob vielleicht darob nit Mara lade. 

Mara aber lat nit, rührt den Mund nicht. 


Da nun died aud Herzog Stefan fiehet, 
Lenkt zurüd er die gefhmüdten Swaten, 
Kehret beim zu feinen weißen Höfen. 


As nun Mara aufipringt von der Bahre, 

Springt empor, und fie die Mutter fraget: 

„D du Mara, meine einz'ge Tochter! 

Welche Marter war dir wol die fhlimmfte? 

Gibt der Mutter Mara diefe Antwort: 

„So mir Gott, o meine alte Mutter, 

Da die Glut fie an die Bruft mir legten, 

War’s, 0 Mutter, daß ich's Faum bemerkte; 

Da ſich mir die Schlange um den Hald wand, 
19 * 


— 2923 > 


War's, o Mutter, daß ich's gar nicht merkte; 
Da er mit dem Bart mir an's Geſicht fuhr, 
Fehlte wenig, Mutter, und id ladte, 

Und der böfe Drade, der verichlang mid.” 


— 2393 — 


Dres Mädchen, die einen Rnaben fangen. 


Pflanzten Blumen zart drei junge Maͤdchen, 
Pflanzten Blumen in drei Gartenbeete, 
Pflanzten Immortellen in das eine, - 
Pflanzten in das andere Bafilien, 

Pflanzten rothe Nelken in das dritte. 

Kam daher ein unvermäblter Knabe 

Und zertrat den Mädchen ihre Blumen. 

Da dies aber fahn die jungen Mädchen, 
Flochten fie ein Net aus Mofenzmweigen, 
Zingen ein den unvermäßlten Knaben. 

Nief die Eine: „Wollen ihn zerſchmelzen!“ 
Rief die Andre: „Wollen ibn zerreißen!“ 
Nief die Dritte: „Wollen ihn erhängen!” 


Do der Knabe alfo zu den Mädchen: 

„Bin ja Gold nit, und ihr feid niht Schmiede, 
Daß ihr mid, o Mädchen hold, zerichmelzet! 
Bin Fein Lämmlein und ihr feid nicht Wölfe, 
Daß ihr mid, o Mädchen lieb, zerreißet ! 

Bin ein Held und ihr feid junge Maͤdchen, 

Laßt mid hängen — doch an euern Hald nar!” 


—d 29 — 


Drei Wandrer, die um’s Mädchen ftreiten. 


Wol des Wegs drei junge Wandrer ziehen, 
Wol am Weg ein junges Mägdlein treffen, 
Wol dad Mägdlein alle Drei beſchenken. 

Ein Bafilienzweiglein ſchenkt' der Eine, 
Nundes grünes Aepflein ſchenkt der Andre, 
Bon der Hand fein Ringlein ſchenkt der Dritte. 


Der da ſchenket ein Bafilienzweiglein, 

Sprit darauf: „Mein ift das junge Mägbdlein!’’- 
Der da ſchenkt das grüne runde Aepflein, 

Der au fpriht: „Mein tft das junge Mägdlein!” 
Der da ſchenkt von feiner Hand das Ninglein, 
„Laßt und geben”, ſpricht er, „zu dem Richter, 
Daß wir fehen, wen das Mägdlein eigen!” 


Kommen drauf mitfammen vor den Richter: 
„Sprich uns Recht, o ehrenwerther Richter! 
Wol des Weges zogen wir drei Wandrer, 

Wol am Weg ein junges Mägdlein trafen, 

Wol das Mägdlein alle Drei beſchenkten. 

Ein Bafilienzweiglein gab der Eine, 

Rundes grünes Aepflein gab der Andre, 

Bon der Hand fein Ninglein gab. der Dritte. 
Sprid nun, Richter, wem das Mägpdlein eigen?” 





— 295 9 


Drauf alfo der ehrenwertbe Richter: 

„Baſfilik, das jhenft man ob des Duftes, 
Grünes Xepflein als der Freundſchaft Zeidhen, 
Ringlein, wenn man liebt. So ift die Sahung. 
Wem das Ninglein, dem gehört das Mägplein!” 


— 296 0 


Fluche nicht, o Staunen, meine Seele! 


Ganze Nacht zwei Nachtigallen fingen, 
Singen unterm Zenfter der Zrau Banin. 


Sprit, da fie es hört, die junge Banin: 
„Tödte Gott die Nadhtigallen beide! 
Stören mir die ganze Naht den Schlummer !”’ 


Alſo aber fpridt der Ban zur Banin: 
„Fluche nicht, o rauen, meine Seele! 
Sind ja nit zwei junge Nahtigallen, 
Sondern find zmwei liebe junge Helden, 

Die ein liebes Mägdlein gern umſchlängen, 
Wie ich jetund did, o liebe Frauen!” 


— 9 — 


Schlanke Tanne, ad) wie ſchmerzt das Haupt 
mir! 


Krank umber im Walde wandelt Jowo, 
Lehnt fein Haupt an eine ſchlanke Tanne: 
„Schlanke Tanne, ad wie ſchmerzt dad Haupt mir!” 


„Richt yon mir, o Jowo, ſchmerzt das Haupt dir, 
Schmerzet dir von dreier Mädchen wegen, 

Die dir, Jowo, zarte Xermel ftidten! 

Eine ftidte, während zwei dir fluchten: 

So viel Zmeiglein am geftidten Aermel, 

So viel Wunden treffen did, o Jowo! 

Se viel Häkchen an den zarten Zweiglein, 

Sp viel Elend treffe dich, o Jowo! 

So viel Schnürlein an den fhönen Xermeln, 

So viel Pfeile mögen dich durchbohren!“ 


— 298 0— 


Durch's Gebirge ritt ein Knabe fchmachtend. 


Burda Gebirge ritt ein Knabe ſchmachtend, 

- Schmahtend nad des Waſſers kühler Labung, 
Sehnend ſich nad treu geliebten Armen. 
Müd' vor Herzleid ftüßt er auf fein Schwert fi, 
Weht fih Kühlung zu mit feinem Reiher. 


Aud dem Zenfter fiehet ibn das Mädchen: 
„Mutter mein, o du mein Eoftbar Gut bu, 
Schmachtend reitet durch's Gebirg ein Knabe, 
Schmachtend nad des Waflers Fühler Labung, 
Sehnend ſich nah treu geliebten Armen, 

Stügt vor Herzleid auf fein blankes Schwert fi, 
Weht fih Kühlung zu mit feinem Reibr! " « 
Darf ic kühles Wafler ibm wol reichen? 


Drauf Beiheid der Tochter gibt die Mutter: 
„Schande wär’ ed, Wafler ihm zu reihen! 
Geh’, o Tochter, nimm ein Kännlein Weines, 
Reich' ihm Wein und reich' dazu ihm Waſſer!“ 


Schnell gehorcht dem Mutterwort das Mägpdlein, 
Füllt zwei Kännlein, füllet ed mit Kühlwein, 
Eins mit Kühlwein, eind mit Marem Wafler, 
Geht hinaus zum Knaben an- die Straße. 





— 299 9 


Doch der Anabe achtet nicht des Waſſers, 
Achtet nit des Waflers, nicht des Weines, 
Faßt dad Mädchen an den weißen Armen, 
Hebt zu fi ed auf fein gutes Roͤßlein, 

Küpt, fo viel ihm lieb, das liebe Mädchen, 
Shlingt um ed drei mal den feidnen Gürtel 
Und zum vierten nod dad goldne Schwertband, 
Zliehet dann durch Wälder und durd Berge! 


— 30 — 


Mujo der übermütfiige Sahnenträger. 


Gebet fich empor ein Meines Häuffein, 
Klein zwar, aber Fühn und feuermuthig. 
Bor dem Häuflein Fahnenträger Mujo 
Zrägt die Fahne, fingt alfo auf türkiſch: 
„Wehe dem, wo wir heut’ übernadten! 
Bor dem Wagen ſchlacht' ih ihm den Ochſen, 
Bon der Heerdenglode weg den Hammel! 
Wein begehr’ ich für drei ganze Jahre 
Und für vier die allerbefte Rakia! 
Kleinigkeit jedoch ift Alles diefes ! 
Abendmahlen ohne Neuvermäßlte, 

Schlafen ohne Mädchen werd’ ih nimmer!” 


Alſo fingt noch Mujo hoch zu Roſſe, 

Horch — da fällt ein Schuß aus dem Gebirge, 
Trifft den Saͤnger, trifft an guter Stell' ihn, 
In die breite Bruſt grad durch die Spangen! 
In den Raſen ſtürzt vom Roſſe Mujo 

Und ein Held ruft zu ihm aus den Bergen: 
„Wollteſt ohne Mädchen nicht gehn ſchlafen? 
Geh’ nun ſchlafen mit 'nem ſchoͤnen Mädchen, 
Schlafen mit dem Madchen grüne Erde!” 


— 301 — 


Einen Alten nahm’ ich nimmer! 


Alſo rühmt ſich Faliſawa: 
„Einen Alten nähm’ ich nimmer; 
Jung und bartlos muß mein Lieb fein!” 


Diefes bört ein fiedhes Greislein, 
Scheert fi ab fein weißes Bärtlein, 
Weißes Bärtlein und Schnurbärtlein, 
Geht dann hin zu Zalifama : 
„Faliſawa, Seel! und Herz du, 

Sei mein Lieben! Bartlos bin ih!” 


Freit um's Mädchen und erfreit es, 
Zührt es heim nad feinem Hofe. 


As ed aber Mitt’ der Naht war, 
Hebet an das alte Greidlein: 
„Faliſawa, du mein Scelden, 
Mad’ mein Bettlein mir am Dfen, 
An dem Ofen, und auf Säden!” 


Springt empor gleih Faliſawa, 
Nimmt Strobblumen einen Arm voll, 


— 302. 


Einen Arm vol Bafilicum, 

Macht ein Bettlein hübſch am Dfen, 
Läuft dann, was fie fann, von binnen, 
Läufet grad nad ihren Höfen. 


— — — — — 


— 33 — 


Locke mich — und folgen will ich! 


Pittet Gott der junge Knabe: 
„Sib, o Gott, mir Goldgeweibe, 
Am Geweihe Silberenden! 

Will der Zöhre Baft durhbohren, 
Wil erfhauen, was im Baum iſt!“ 


Gott der Herr gibt Goldgeweih ihm, 
Am Geweihe Silberenven, 
Und der Knab' durchbohrt die Föhre. 


Doch, o fiehe, in der Föhre 
Iſt ein junges Mädchen drinnen, 
Das erglänzet glei der Sonne! 


3u ihr ſpricht der junge Knabe: 
„Höre mid, 0 junges Mädchen! 
Möchte di wol gerne freien, 


Doch — man wird did mir nicht geben! 


Möchte dich wol gerne locken, 
Doch — du wirft mir nimmer folgen! 
Möchte dich wol gern’ entführen, 
Doch — alleine kann idy’3 nimmer!” 


Drauf zurüd das junge Mädchen: 
„So dir Gott, o junger Knabe, 


' J 


— 3 — 


Freie nicht — nie gibt man dir mich! 
Nicht entführ' mid -- wuͤrdeſt ſterben! 
Denn mir ſind neun ſtarke Brüder, 
Und nicht wen'ger ſtarke Vettern! 
Wenn ſie reiten ihre Rappen, 

Wenn fie gürten ihre Säbel, 

Segen auf die Wolfsfellkappen, 

Iſt ed ſchteckbar, fie zu ſchauen, 

Wie dem erft ereilt zu werden! 
Sünde wär’ es, thöricht fterben, 
Schande wär’ ed, feig entfliehen! 
Darum lode, junger Sinabe, 

Locke mich — und folgen will ich!“ 





— 305 — 


Die getäuſchten Entführer. 


Weideten zwei Schäferinnen Schafe, 
Mara und Liljana ihres Namens; 
Junge Schäfer weideten mit ihnen, 
Niko Einer, Nikola der Andre. 


Sprechen ſich die Schäfer jung zuſammen 
Zu entführen die zwei Schäferinnen, 
Niko Mara’n, Nikola Liljane’n. 


Wie fie ſprechen, thun fie au zur Stelle. 
Niko nimmt die Eine auf den Sattel, 
Kikola die Andre auf fein Braunroß, 

Und entfliehen mit der theuern Beute, 

Wie zwei Sterne an den Himmeln binfliehn. 


Bald jedoch ſpricht Niko fo zu Mara: 
„Süßes Kind, wie ſcheinſt du mir ſo knochig!“ 
Mara aber ihm darauf erwiedert: 

—,„Bin kein Kind zwar, doch auch eben alt nicht; 
Bin ein Mägdlein juft in beſten Jahren! 

Als die Türken Nowi überfielen 

Zaͤhlt' ich eben volle dreißig Jahre; 

U. 20 


—d 306 > 


2 


Dreißig fieben find ſeitdem entſchwunden. 
So du aber mir nicht mödhteft glauben, 
Zrage nur Liljena, die recht deutlich 

Meiner Mutter Wochen noch gedenket!“ 


— 308 — 


So du Waffer mir gebracht vom Quelle, 
Haft du felber dich zugleich erlabt dran; 
So du Fühlen Schatten mir bereitet, 
Haft du felber drunter erft geraſtet!“ 


— 309 — 


— 310 — 


Der Ruabe, der zur Perle ward. 


Bittet Gott ein unvermäblter Knabe, 
Daß er ihn zur Berl’ des Strandes made, 
Db die Maͤdchen, wenn fie Waſſer holen, 
Ob die Mädchen an der Bruft ibn bärgen, 
Ihn anreibten an ein ſeiden Schnürlein, 
Und ihn hängten um den weißen Naden, 
Daß er höre, was die Mädchen ſprechen, 
Und ob Jede ſpricht von ihrem Liebften, 
Und von ibn aud feine Herzgeliebte. 


Wie er bat, fo ließ ihm Gott geſchehen; 
Ward ’ne Perle an dem Strand des Meeres. 
als die Mädchen, ald fie Wafler holten, 
Bargen fie ihn nun an ihren Bufen, 
Reihten an ein Schnürlein ihn grünfeiden, 
Hängten ihn um ihren weißen Naden. 


>». Hören tonnt’ er nun, was Alle fpraden, 


Und wie Iede ſprach von ihrem Liebften, 
Und von ihm aud feine Herzgeliebte! 


N 


— 31 —— 


Ruf’ um Gott herein den Ruͤaben! 


Best durch's Dorf der Knab' zum Mädchen, 
Geht zum Maͤdchen, da es dunkelt. 

Da es dunkelt, wird er irre, 

Sieht den Weg nicht, den er. gehn fol. 


Da dies fieht das junge Mägdlein, 
Bittet alfo eö die Mutter: 

„Ruf ihn, Mutter, gib ihm Obdach! 
Nuf um Gott herein den Knaben !” 


„Laß, 0 Tochter, laß den Knaben! 
Denn ein Stäpdter ift der Knabe, 
Der da ſuchet ſüße Rakia, 

Süuͤße Rakia, koͤſtlich Nachtmahl, 
Und ein ſtaͤdtiſch weiches Lager!” 


„Ruf ihn, Mutter, gib ihm Obdach! 
Nuf um Gott herein den Knaben! 

. Meine Augen fein ihm Rakia, 

Meine Wangen füße Kuden, 

Und mein Hals ein koſtlich Nachtmahl! 
Thau'ge Gräfer ſei'n ihm Lager, 


— 312 — 


Blauer Himmel ſei ihm Decke, 
Meine Arme weiche Kiſſen! 

Ruf' ihn Mutter, gib ihm Obdach, 
Ruf' um Gott herein den Knaben!“ 


— 313} > 


Schön Pawa. 


Sauaft Ihön Pamwa in dem hoben Niedgras, 
Stiehlt zu ihr fih Nado in das Niedgras: 
„Schöne Pawa, willſt du fein die Meine?” 


„Schöner Rado, was dann für mid gibft du?’ 
„Schöne Pawa, viel des rothen Goldes!“ 
„Schöner Rado, Gold nit woll'n die Brüder!” 
„Schöne Pawa, ſchwere Stoffe geb ih!” 
„Schoͤner Rado, Stoff’ nicht woll'n die Brüder!” 
„Schöne Pawa, geb’ für dich mein Röplein!” 
„Schöner Rado, wolln Fein Roß die Brüder!” 
„Schöne Pawa, geb’ für did mid, felber!‘ 
„Schöner Rado, werden mid dir geben!” 


— 31 — 


Sein muß einmal, was da fein fol! 


Toda warf. ein grünes Aepflein, 
Und auf weh das Aepflein ßele, 
Diefen wollte Toda küſſen. 


Ziel das Xepflein auf 'nen Alten. 
Doch nit küſſen will ihn Tode, 
Sondern ſchickt ihn an dad Wafler, 
Ob das Waſſer ihn nicht nähme. 


Aber fieh’, es kommt der Alte, 
Bringt dem Mädchen klares Wafler: 
„Küffe mid, 0 Toda, Todden! 
Küſſe mid, o Herz und Seele!” 


Doch nicht Füffen will ihn Tode, 
Sondern ſchickt ihn in's Gehölze, 
Ob daB Holz ihn nicht erſchlüge. 
Aber fieh, es kommt der Alte, " 
Bringt dem Mädchen, bringt vom Holze: 
„Küſſe mih, 0 Zoda, Todden! 

Küffe mih, o Herz und Seele!” 


— HE —— 


Doch nicht küſſen will ihn Toda, 
Sondern ſchickt ihn in die Feldſchlacht, 
Ob das Schwert ihn nit zerbaue. 


Doch, 0 fieh’, es kommt der Alte, 
Schwingt den Säbel in der Rechten: 
„Küſſe mid, 0 Toda, Todchen! 
Küffe mich, o Herz und Seele! 
Sein muß einmal, was da fein fol!” 


— 316 — 


Die Banin von Erdefi. 


Pflanzt ein Taͤnnlein von Erdelj die Banin, 
Pflanzt das Taͤnnlein, redet zu ihm alſo: 
„Sprieß, o Tännlein, ſprieß hinan zum Himmel! 
Neig' die Zweige, neig' in's Gras ſie nieder, 
Daß, wenn deinen Wipfel ich erklimme, 

Ich das weiße Budim mag erſchauen 

Und in Budim's Burg den Knaben Jowo! 

Ob der Knabe ſich wie ſonſt noch kleidet? 

Ob am Kalpak ihm die Feder ſchimmert? 

Ob fein Roͤßlein hoch das Haupt emporträgt?” 


Redet alfo, glaubt, es hör' fie Niemand; 

Hört jedoch von Erdelj fie der Bane, 

Höret fie und redet zu ihr alfo: . 
„Daß dir Gott, des Band von Erdelj Frauen! 
Iſt denn beffer Budim ald mein Erdelj? 

Beſſer Jowo von Budim ald ih bin?” 


Drauf alfo die Banin ihm ermiedert: 
„Beſſer nicht ift Budim ald dein Erdeli, 
Beffer nit als du, 0 Ban, ift Jowo; 


— 317 — 


Jowo aber ift mein erftes Lieben! 

Erftes Lieben ift ein Becher Blumen, 
Zweites Lieben ift ein Becher Weines; 
Doch das dritte ift vol Gift ein Becher!’ 


—, 318 e— 


50 ergeh’s den unfolgfamen Mädchen! 


Yarte Flechten flocht die Mutter, 
Flocht zu Zünfen, floht zu Neunen, 
Sprach zu Mara, ihrer Todter: 
„Höre Mara, liebe Tochter! 
Kommft herab du in die Ebne, 

In die Ebne, wo fie tanzen, 

Meide mir den jungen Tomas! 
Denn ein Iunggefell ift Tomas, 
Und aud du bift unvermählt noch!“ 


Mara aber merft fidy dies nit, 
Geht hernieder in die Ebne, 

In die Ebne, wo fie tanzen, 
Tanzet mit dem jungen Tomas. 


Tomas drebt und ſchwingt den Reigen, 
Shmwingt den Reigen, winft den Dienern: 
„Führt die Roſſe nah zum Reigen, 
Meinen Zuds und meinen Braunen !” 


Und die Diener, diefe merken’, 
Führen dar die beiden Roffe, 

So den Fuchs, wie aud den Braunen. 
Auf den Fuchs nun ſchwingt ſich Tomas 


— 319 > 


Wirft das Mädchen auf den Braunen, 
Schießt dann hin durch's ebne Zeld, 
Wie ein Sternlein dur die Himmel! 


Da es war am Rand der Ebne, 
Spridt zum Mäpden Tomas alfer 
„ Siebft du dort den dürren Ahorn? 
An den Baum werd’ ih did hängen, 
Daß dein Aug’ die Haben trinten, 
Dich des Adlers Flügel ſchlage!“ 


Bitter drauf das Mädchen wehklagt: 
„Weh' mir, daß fih Gott erbarme! 
Jedem Mädchen fo ergeh’ es, 

Das nit hört der Mutter Warnung!” 


So jedoch gleich tröſtet's Tomas: " 
„Fürchte nichts, o Liebchen Mara! 
Iſt ja nicht ein dürrer Ahorn, 
Sondern iſt mein weiß Gehöfe! 
Sollſt meine Liebe drinnen ſein, 
In den Höfen mir ſchalten fein!“ 


— 320 — 


Der, Klügſte von den Dreien. 


Gingen liebe Griechenmädchen, 
Gingen wohl zu Drein. 

Goldnen Rahmen trug die Eine, 
Dacht' zu ſticken fein; 

Zarte Perlen trug die Andre, 
Dacht' ſie anzureihn; 

Weißes Linnen trug die Dritte, 
Wollt' es bleichem rein. 


Kamen ſchmucke Griechenknaben, 
Kamen dar zu Drein. 
Goldne Harfe trug der Eine, 
Dacht' zu fingen fein; 
Gelbe Schuhe trug der Andre, 
Dacht', getanzt muß ſein; 
Unterdeß die Griechenmaͤdchen 
Küßt der Dritt' allein! 


— 3A — 


Doch die Fremde, die läßt mich nicht. 


— 


Kleidet der Wald in Laub ſich grün, 
Bruder und Schweſter wohnen drin; 
Doch die Schweſter zum Bruder ſpricht: 
„Bruder, was kommſt du öfter nicht?“ 


„Gerne, Schweſter, käm' ic öfter, 
Doch die Fremde, die läßt mich nicht, 
Fremde, holde, liebliche Maid? 
So ich zäume mein gutes Roß, 
Zaͤumt es die Fremde wieder ab; 

So ich gürte mein ſcharfes Schwert, 
Guͤrtet's die Fremde wieder los, 
Spricht: Geliebter, wo willſt du hin? 
Weit, ſo weit iſt das ebne Feld, 
Trüb', fo trübe die tiefe Flut! 
Bleib’, Beliebter, bleibe bei mir!” 


24 


y 


Iunger Rede, komm', erlöſ' mid)! 


Hinterm Berge, hinterm grünen, 
Wehklagt's hellaut, wehklagt's ſchmerzvolt, 
Klaget faſt wie Maͤdchenſtimme. 

Hoͤrt's ein Knab', geht nachzuſchauen, 
Sieht ein Maͤdchen, ſieht's verwickelt 

Arg in zarten Roſenketten, 

Und das Maͤdchen bittet alſo: 

„Junger Recke, komm, erlöſ' mich, 

Und ich will dir Schmefter fein!‘ 


Doch der Knabe drauf erwiedert: 
„Hab' zu Haus ſchon eine Schweſter!“ 


„Junger Rede, komm, eriöl" mid, 
Um ih wil dir Schwaͤgrin fein!‘ 


Doch aud darauf fprict der Knabe; 


„Hab' zu Haus auch eine Schwaͤgrin!“ 


„Junger Held denn, fo erlöf mid! 
Deine Liebfte will ih fein!’ 


Und der Knabe küßt das Mägdlein, 
Kuͤßt ed erft, und dann erlöft er’s, 
Zührt es beim nad feinen Höfen. 


— 33 — 


Petro, der das Sträußlein frei trägt. 


Kris des Morgens gebt die junge Anna, 

Um die Stadt rings geht fie, pflücket Blumen, 
Pflückt zumeift dreifarbig duft’ge Veilchen, 
Windet draus ein Sträußlein zartgewunden, 
Schickt das Sträuflein Petro, ihrem Liebften, 
Läßt dazu ihm ſolche Kunde fagen: 

„O mein Petro, du mein Treugeliebter, 
Sende dir ein zartgemundnes Sträußlein! 
Nimmer aber trag’ es an der Sonne, 

Trag's verborgen, daß es Dir nicht welke!“ 


Petro aber, da ihm fommt das Sträußlein, 
Nimmt das Sträußlein, heftet an den Hut es, 
Srägt es frei, trägt’s offen an der Sonne. 


Weil er's aber offen an der Sonn’ trägt, 
Offen, ohne Scheu, vor Aller Xugen, 
Bringt das Sträußlein, bringt ihm nod ein ſchönres! 


Mit dem Sträußlein fommt er zu den Höfen. 

Wie er kommt, da ſiehet ihn die Mutter, 

Siehet ihn, und fragt aus offnem Zenfter: 

„Ei doch, Petro, Söhnlein und mein Schat du, 

Woher nahmft du fol ein Lieblih Sträußlein?“ 
21* 


— 3 — 


Drauf der Mutter Petro dies erwiedert: 

„Ei, dies Sträußlein gab mir die Geliebte! 
&o fie dir und deinem Herzen lieb ift, 

Soll fie nicht bei ihrer Mutter wintern, 
Bring’ ih bald fie, Mutter, in den Hof dir!” 


„Bring’ fie!” fprad die Mutter, „und fei glücklich!“ 


„Dank dir!” fprad der Sohn, ‚und lebe lange !” 


— 335 > 


Don der fchönen Satime. 


Zwei Brautwerber werben um Fatime; 
Einer iſt der junge Knabe Alil, 

Einer iſt der greife Jemin-Aga. 

Da zur Tochter ſpricht die Mutter alſo: 
„Nimm, Fatime, nimm den greiſen Jemin! 
Was da Alil ſein nennt ſammt und ſonders, 
Schenkt allein dir in dem Aepflein Jemin!“ 


Fata ſchweigt und ſpricht dazu Fein Woͤrtlein, 
Und an Jemin gibt ſie hin die Mutter. 


Doch zum Unheil lädt der greiſe Jemin, 
Lädt den jungen Alil auch zur Hochzeit. 


Als ſie heim die junge Braut nun führen, 
Und die Frau'n der Braut zur Seite reiten, 
Fragt Fatime von dem hohen Roſſe, 

Fragt die Frau'n, die ihr zur Seite reiten: 
„Welches iſt der junge Knabe Alil? 

Welches iſt der greife Jemin-Aga?“ 


Drauf erwiedern dieſes ihr die Frauen: 
„Jenes iſt der junge Knabe Alil, 


— 38 > 


Der dort trägt die ärmlihen Gewaͤnder, 

Der dort fpielet mit der eh’rnen Keule! 
Wohl der Mutter, die zur Welt ihn bradte, 
Wohl der Zrauen, die ihn einft wird Püflen ! 
Jenes ift der alte Iemin=Aga, 

Der dort trägt grfnfammtene Gewänter, 
Dem der Bart ergraut zum Gürtel wallet, 
Der dem Kum dort an der Seite reitet!” 


Fata Ihweigt. Kein Sterbenswörtden ſpricht fie. 
Stile Thränen quillen ihr vom Aug’ nur. 


Als fie vor die Höfe Jemin's kamen, 

Gehn die Schweitern Jemin's ihr entgegen. 

Korn trägt Eine, Honig trägt die Andre: 

„Hier, o Schwägrin, Korn, auf daß du fruchtbar, 
Hier, o Schwägrin, Honig, daß du ſüß ſei'ſt!“ 


Alfo aber ſpricht darauf Fatime: 

„Laßt, o laßt mid, Iemin’s liebe Schweftern! 
Gebt mir weder Korn, noch gebt mir Honig! 
Zührt binan mid in die ftillen Hallen ! 

Bettet auf drin mir ein ſtilles Bettlein, 

Lang’ nit, wahrlich, will ih drauf euch ſiechen 
Fragt jedoch nad mir euch meine Mutter, 
Sagt dann ber unmlitterliden Mutter: 

Was mid tödtet, fein die Schaͤhe Jemin's 

Und die Sehnſucht nad der Armuth Mist’ 


- —— — 


4 337 — 


Mara von Muiza. 


Safe weidet Mara von Muiza, 

Bei Muiza am Malowan= Berge, 

Und zwei junge Schäfer weiden mit ihr, ' 
Petar Einer, Nikola der Andre. 


Petar ſpricht: „Mein ift die Shine Mara!” 
Nikola: „Nicht deinz fie ift die Meine!” 
Alfo aber Mara von Muiza: 

„Beide feid ihr jung und Beide lieb mir, 
Beide ſchoͤn, mögt lang den Müttern leben ! 
Zu ded Berges Gipfel geb’ der Eine, 

An des Berges Fuße bleib’ der Andre, 

In des Berges Mitte ſteh' ich ſelber! 

So id winke mit dem Silbertude, 

Lauft ihr Beide nad des Berges Mitte! 
Wer fodann der Erfte mich erreidet, 

Deflen treues Liebchen will id werben, 

Doch dem Zweiten bleibt das Silbertüdlein!” 


Zu des Berges Gipfel geht denn Petar, 
Nikola zum Zuß des Berges nieder. 


— 32383 — 


In des Berges Mitte ſteht das Mädchen, 
Winft den Hirten mit dem Silbertude, 
Und die Hirten ftreben um die Wette. 
Nah' jedoch dem Ziel finkt leblos Einer, 
Sterbend in des Mädchens Arm der Andre. 


Da dies Mara fieht, das ſchöne Mädchen, 
Daß zwei Helden jung um fie verſchieden, 
Reißt aus Niko’d Gürtel fie das Meffer, 
Stoͤßt in's Herz ſich das geſchliffne Meffer, 
Sinkt entſeelt hin zwiſchen beide Freier. 


— 339 — 


Der jungen Mara Crauer. 


Starb der jungen Mara der Geliebte. 
Mara klagte, klagt' um ihn drei Jahre, 
Wuſch im erſten ſich die weiße Wang' nicht, 
Flocht im zweiten ſich das lange Haar nicht, 
Schnitt im dritten ab ihr langes Haupthaar, 
Sandt' es ihrem Oheim hin nach Nowi. 


Faſſen ließ der Oheim es in Silber, 
Schmücken ließ die Baſe es mit Perlen, 
Hängten ed dann hin an's Thor der Veſte, 
Und ein Jeder, der vorbeiging, ftaunte: 

„ Guter Gott, o niegefeh'nes Wunder ! 
Wer mag wol und wen mag wer beflagen ? 
Klaget um ihr Söhnlein eine Mutter? 
Klaget um den Bruder eine Schweiter ? 
Klaget um den Schwager eine Schwägrin?” 


„um ihr Söhnlein klagt fo Feine Mutter, 
Um den Bruder klagt fo Feine Schwefter, 
Um den Schwager Plagt fo Feine Schwägrin, 
Kur ein Mädchen Plagt fo um die Liebe!” 


nn — — — — 


Iwo und Jelena. 


Sahen ſich zwei Liebende von Kindheit, 

Eines Iwo, Jelena das Andre. 

Da fie aber zur Vermaͤhlung waren, 

Da ſprach Iwo zu Ielena aljo: 

„O Jelena, meine theure Seele! 

Wil dich freien! Wirft du wol’ mit mir gehn?” 


Und Ielena ſprach darauf zu Iwo: . 
„D mein Imo, theurer als mein Aug’ mir! 
Wirb um mid, und gerne geb’ ich mit dir! 
Zragen aber will ih erſt die Mutter, 

Ob die Mutter mid an dig wol gäbe?” 


Jela geht nad ihrer Mutter Hofe, 
Sprit alfo zu ibrer lieben Mutter: 
„Mütterdhen, mein liebes, gutes, altes, 
Werben wird um mid der junge Iwo! 
Möchteſt du an Iwo mid wol geben?” 


Died jedoch erwiedert ihr die Mutter: 
„Sprich nicht thöriht, Tochter mein, Ielena! 
Einem Beffern gibt di deine Mutter, 

Einem Beflern und aud einem Reichern!“ 


—_ 321 — 


In's Gebirg gebt Iela drauf zum Liebſten, 
Sprit mit ihm, erzählt ihm, wie und was ift, 
Daß die Mutter fie an ihn nit gäbe, 

Redet felbft zu dem Geliebten alſo: 

„Geh', 0 Iwo, du mein theurer Liebfter, 

Wirb um Manda, meine Bundesſchweſter! 
Schlanker ift fie, ſchöner als wie ib bin, 
Reicher an Gereändern mb, an feinen!” 


Iwo darauf alfo zu Jelens: 

„Sprich nit thoͤricht, Iela, meine Liebe! 
Sei auch Manda ſchlanker, fei fie ſchöner, 
Reicher an Gewändern auch an ſeidnen; 
Doch nicht lieblich iſt ſie meinem Herzen!“ 


Spricht's — und geht grad hin zu Manda's Höfen, 
Wirbt um Manda, um das fhöne Mädchen, 
Wirbt, und gerne geben fie die eltern, 

Und er fammelt buntgeſchmückte Swaten. 


Bald auch fommen die, die Braut zu holen. 
Als fie aber vor die Höfe kamen, 

Bor die Höfe Jelena's, des Mädchens, 
Stand Jelena juft am weißen Zenfter, 

Sah die Swaten Iwo's, ihres Liebſten, 
Rief herbei die Liebe alte Mutter: 

„Sieh', o Thörin, meine alte Mutter, 
Hätteft du an Iwo mid gegeben, 

Meine Swaten wären diefe jetzund!“ 


As jedoch die Swaten hingezogen, 
Klaget alſo laut das liebe Mädchen: 


—d 333 > 


„Komm zu mir, komm ſchnelle, liebe Mutter! 
Arges Kopfweh bat mich überfommen! 
Gib die Schlüffel mir von unfrer Lade, 
Daß Arzneien meinem Leid ih ſuche!“ 


Und es glaubt dem Mädchen died die Mutter, 
Gibt zur Stel’ die Schlüffel ihr der Lade, 
Und das Mädchen gebt binan zum Thurme, 
Zindet dort zwei goldgefhlungne Schnürlein 
Und erbängt fih an des Thurmes Aenftern. 


Lange nit, da ruft ihr Kind die Mutter. 
Da jedod nicht Antwort fi läßt hören, 
Schaut binan fie zu des Thurmes Fenſtern, 
Sieht Ielena an den Zenftern bangen. 


Schnell binan zum weißen Thurme eilt fie, 
Schneidet ab die goldgefhlungnen Schnüre, 
Und Selena fällt zur ſchwarzen Erde. 

Böfe Ohnmacht fei dies, meint die Mutter — 
Doch entflohen längft ift Jela's Seele! 


Da dies fiehet jung Jelena's Mutter 
Zertigt fie aus Laubgezweig ein Bahrlein, 
Trägt hinaus ed, wo der Weg fi Preuzet, 
Und vorbei ziehn Iwo's fhmude Smwaten. 


Als die Swaten nun vorüberfommen, 

Spreden fo die Smwaten zueinander: 

„Welch ein fhöner Tag, Gott fei gepriefen! 
Ald wir geftern bier ded Weges zogen, 

War noch feine Spur von dieſem Laubftraud !” 


— 333 9 


Keiner aber merket von den Allen, 

Keiner merkt die Babre, außer Iwo, 

Und alfo zu feinen Swaten fpridt er: 
„Seht voran, ihr Herren Hochzeitsgäͤſte! 
Meines Freundes Grabeshügel ift dies, 
Win für ihn zu Gott hier einmal beten!’ 


. An der Bahre Jelena's bleibt Iwo, 
Boran nad dem Hofe ziehn die Smwaten. 


Kiemand achtet, wo denn Iwo fäume; 
Manda aber Fann fi nit erwehren, 

Redet leiſe fo zum Brautgeleiter: 
„Brautgeleiter, du mein golden Ringlein, 
Unredt ift ed, daß nad dir ich ſchaue, 

Mehr nod,unreht, daß zu dir ich rede! 
Dod — wo fäumet Iwo unfer Bräut’gam?” 


NRückwaͤrts gehn die buntgelhmüdten Swaten, 
Finden Iwo an dem grünen Hügel, 

Meinen, dag er ſchwer in Ohnmacht liege — 
Doch entfeelt Liegt Ivo an dem Hügel, 

Liegt entfeelt aus Herzleid um Selena. 


Graben denn aub ihm ein Grab die Swaten, 
Graben ihm ed an Jelena's Seite, 

Legen ineinander Beider Hände, 

Legen ineinand fie durd die Erde, 

Rothes Aepflein in die Hände Beider, 

Daß man fehe, wie fie treu ſich liebten. — 


2 — 34 > 


Kurze Zeit nur wear dahin gegangen, 

Da erwuchs aus Iwo's Grab ein Foͤhrlein, 
Aus Jelena's eine ſchlanke Rebe 

Und die Rebe hing am Stamm ber Foͤhre 
Wie am Hals des Lichften hängt em Maäͤvchen. 


“ 


Guter Gott, gepriefen fei für Alles! 
Schwer jedoch mögft Iung und Alt du ftrafen, 
Wer da reißt Geliebte von Geliebten! 


— 35 ⸗— 


Janja de Schöne. 


Kehrt die Höfe, kehrt fie weinend 
Janja die Schöne, 

Tritt zu ihr. der liebe Schwager, 
Pawle der Schöne. 

Spricht zu ihr der Liebe Schwager, 
Pawle der Schöne: 

„Sprich, was ift dir, liebe Schwägrin, 
Janja du Schöne? 

Kehrſt die Höfe, kehrſt fie weinend! 
Kimmer tft gut dies!” 


Ihm darauf die liche Schwaͤgrin, 
Zanja die Schöne: 

„Was wol wär’ mir, lieber Schwager, 
Pawle du Schoͤner, 

Trüg' nicht um die Schwiegermutter 
Schmaͤhlichen Leumund, 

Daß ih dich, o Paunle, bieb'? den 
Leiblichen Schwager; 

Spraͤch' dazu nicht deine Mutter, 
Freundin der Wahrheit: 

Geh’ zur Kirche? N zu Gott dort! 
Rede die Wahrheit!‘ 


— 336 8 


Dies hört, von der Jagd heimkehrend, 
Djurdje der Kneſe, 

Spricht: „Bereite ſchnell das Bett mir, 
Janja, du Schöne!’ 


Sanja drauf: „Noch ift es frübe, 
Diurdje, o Kneſe!“ 


Djurdje aber: „Mag es früh ſein, 
Spute dich, Janja!“ 


Und es geht das Bett zu richten 
Janja die Schoͤne, 

Und ihr folgt, den Jagdſpeer züdend, 
Djurdje der Kneſe. 

Nach ihr aber Läuft ihr Söhnlein 
Bitterlich weinend. . 


Afo redet zu dem Söhnlein 
Janja die Schöne: 
„Bleib' zurüd in deinem Hofe! 

Weine nit, Söhnlein! 
Sich’, zu fterben ift beſchieden 
Heute der Mutter!” 


Alſo fpriht fie, und den Jagdſpeer 
Schwinget der Kneſe, 

Streckt zu Boden, eine Leiche, 
Janja die Schöne. 


Drauf zur Jagd hinaus geht wieder 
Djurdje der Kneſe, 


— 37 — 


Trifft im Feld den jungen Bruder 
Janja der Schönen. 


In der Rechten trägt der Bruder 
Duftende Roſen, 

Reichet dar dem Waldesjäger 

. Eine der Rofen: 

„Hier, o Schwager, flinfer Jäger, 
Eine der Roſen! 

Bring’ die Rofe meiner Schwefter 

Janja der Schönen! 

Lieb vom Bruder eine Rofe 

Iſt ja der Schweſter!“ 


Drauf zurüd im fohnellen Jagen 
Diurdjie dem Bruder: . 

„So dir Bott, o junger Bruder 
Janja der Schönen! 

Sit die Roſ' ihr lieb gemwefen, 
Iſt fie nun nimmer! 

Mit dem ſchlanken Leibe nunmehr 
Mißt fie die Erde, 

Mit den ſchwarzen Augen nunmehr 
Zählt fie die Sterne!” 


Angftooll fragt der junge Bruder 
Janja der Schönen: . 
„ Iſt's durch Gott ſo lieber Schwager ‚ 
. Dder durd did gar?” 
M. 23 


— 338 — 


Ihm darauf im ſchnellen Jagen 

Djurdje der Kueſe: 
„Richt durch Gott iſt's! Iſt durch mich ſo, 
Djurdje den Kneſen!“ 


Da erfaßt den Speer der Bruder 
Janja der Schönen, 

Und erftiht im ſchnellen Jagen 
Djurdje den Kneſen. 


Fernher ſieht dies Janja's Schwager, 
Pawle der Schöne, 

Ruft heraus die alte Mutter 
Bor die Gehöfte: 

„Komm beraus, o'alte Mutter! 
Siehe das Unglüd! . 

Wie du, Mutter, auögelichen, 
Wird dir gezahlt nun! 

Wie du, Mutter, ausgefäet, 
Iſt dir die Ernte! 

Dort im Walde liegt ein Hirſch dir, 
Heim eine Hirſchkuh, 

Todt auch an der Hirſchkuh Brut ihr 
Lieblihes Rehlein!“ 





— 339 > 


Beſſer in es, daß wir Wilmen Beide. 


Raut am Saum der Berge dort die Sonne?. 
Kit die Sonne ift ed, die dort hinwallt 

An den Bergen, fondern Zrau Selena, 

Pawle mit ihr, ihr geborner Schwager. 


Alſo redet Pawle zu Ielena: 
„O Selena, vielgeliebte Schwägrin, 
Gib zur Frau mir Anna, deine Schwefter ! 


Dies jedoch zurüd ihm Frau Selena: 

„Sprich nit thöriht, Pawle, lieber Schwager! 
Nicht für did ift Anna, meine Schwefter, 
Denn von Irrfinn ift das Kind befallen!’ 


Zeife drauf zu Frau Ielena Pawle: 
„Sib fie mir, o meine liebe Schwägrin, 
Sei fie auch von irrem Sinn befallen! 
Will zur Fraun nah Omlewo fie führen! 
Heilen wird fie unfre liebe Zraun mir!” 


Da nun Soldes Frau Selena böret, 

Sprit fie leife dies zu ihrem Schwager: 

„Glaub' bei meinem Glauben mir, o Pawle, 
22* 


— 30 — 


Nicht von Irrfinn iſt befallen Anna, 

. Alzufhön nur tft das junge Mädchen! 
Lade du als Hochzeitsgaͤſte deshalb, 

Lade Unbefannte wie Bekannte; 

Dod als Brautgeleiter einen Fremden, 
Nimmer Iwo, deinen eignen Bruder! 
Denn fürwahr, nur alzufhön ift Anna, 
Leiht um fie einbüßteft du dein Leben!“ 


Kaum nun Pawle ſolches Wort vernommen, 
Eilt er gleihd um Botenlohn zur Mutter: 
„Botenlohn, o meine liebe Mutter! 

Ihre Schweſter gab zur Frau mir Iela! 
Eines aber rieth die liebe Schwägrin, 
Hieß mid) laden buntgeſchmückte Swaten, 
Unbekannte laden wie Bekannte, 

Nur als Brautgeleiter einen Fremden, 
Nimmer Iwo, meinen eignen Bruder; 
Denn fürwahr, nur allzuſchön ſei Anna, 
Leicht um fie einbüßte ich mein Leben!” 


Ihm jedod darauf die alte Mutter: > 
„Sprich', mein liebes Kind, nicht aljo thöricht! 
Uebergroße Schande wär’ dir diefes, 

Zu erwählen fremden Brautgeleiter, _ 

Und nit Iwo, deinen eignen Bruder!” 


Wählt denn Pawle fhmude Hochzeitsgäſte, 
Wählt ald Brautgeleiter feinen Bruder, 
Und fie gehn, daß fie das Mädchen holen. 





— 3 ö— 


Glücklich langen an fie bei dem Mäadchen, 
Gluͤcklich ziehn fie heimwaͤrts mit dem Bräutlein; 
Sieh’, da weht ein Lüften aus den Bergen, 
Hebt empor des Maͤdchens weißen Schleier, 

Und wie Sonnen ſtrahlt ihr fhönes Antlig! 


"Da dies fieht der junge Brautgeleiter, 

Ruft er zu mit heller Stimm’ dem Bruder: 
„Bruder Pawle! Sdad' iſt's um dein Nöflein! 
Ohne Hufe führft du's durd die Berge, 
Durch die ſchwarzen Berge Koreniga!” 


Parole, da er folden Ruf vernommen, 

Sitzet ab glei ohne Arg vom Roſſe, 

Sitzet ab, fieht nah des Roſſes Hufen. 

Gut find an den Hufen all die Eifen, 

Haftend feft die vierundzmwanzig Nägel. 

Iwo aber, da ſich Pawls neiget, 

Züdt den blanten Säbel von der Seite, 
Schlägt dem Bruder hinterrüds das Haupt ab. 


Schreckvoll fragen die gefhmüdten Swaten: 
„Sprih, was fol dies, Gnabe Gott dir, Iwo? 
Was erfchlägft du Pawle, deinen Bruder?’ . 
Fragen, fiten ab dann von den Noffen, 

Graben eine Grube mit den Säbeln, 

Scharren ein den unglüdfel’gen Pawle, 

Ziehen traurig vor die weißen Höfe. 


Muntrer Reigen fhwinget vor den Höfen. 
Frau Selena führt den muntern Reigen, 





3ählet, da- fie nahn, die Hochzeitsgaͤſte, | 
3ählet ale, — nicht den Schwager Pawle. | 
Rückwärts drum den muntern Reigen führt fie, 

Zührt ihn rückwärts, heißt ihn endlich ftill ftehn, 

Eilt entgegen der geliebten Schweſter. 


Weinend aber ſpricht zu ihr die Schwefter: 
„Weh', o Schwefter! Gnade Gott uns Beiden! 
Eh’ noch zu den Höfen id gekommen, 

Ward, o junges Blut id, fon zur Witwe!” 


Da Jelena fieht der Schwefter Thränen, 
Und erfieht, wel Unheil ift geſchehen, 
Eilt hinein fie in die weißen Höfe, 
Holt heraus ein wohlgeftähltes Meffer, 
Stößt in’d Herz ed Iwo, ihrem Gatten. 


Da dies fiehet Iwo's alte Mutter, 
Fragt entieht fie ihre Schwiegertodhter: 
„Weh', was fol dies? Daß dir Gott vergebe!” 


Jela aber gibt ihr dies zur Antwort: 
„Steh’ mir bei mein Glauben, alte Mutter, 
Mir geborne, oder nit geborne; 

Beffer ift ed, Daß wir Witwen Beide, 

As zwei Schweftern die Geliebten Eines!’ 


Legenden und Gefänge der Blinden. - 





Legenden. 


— —— 


Der reiche Gawan und die Engel. 


Und es ſprach einſt Gott der Herr, 
Sprach zu dreien Engeln dies: 
„O ihr meine Engel drei, 
Himmliſche Wojwoden drei, 

Steiget nun herab zur Erd', 
Nehmt dort trocknes Ahornholz, 
Fertigt euch ein Geiglein draus, 
Zieht damit durch alle Welt 

Wie die Bien' durch's Blumenfeld, 
- Bon den Thoren Gott des Herrn 
Bis zum Niedergange fern, 

Und erforfht die Glauben all 

Und erprüft die Städte al, 

Db fie Gott erkennen all 

Und den Namen Sott des Herrn!” 


Stiegen drauf die Engel drei, 
Stiegen glei zut Erd’ herab, 
Nahmen trodnes Ahornholz, 
Machten draus ein Geiglein gut, 
Zogen dann durd alle Welt, 


—) 36 — 


' Bienlein durd das Blumenfeld, 
Bon dem Thore Gott des Herrn 
Bis zum Niedergange fern, 
Forſchten nad dem Glauben all, 
Hrüften au die Städte all, 

Und allmännig nab und fern 
Pries den Namen Gott des Herrn. 


Kamen fo die Engel auf 

Bor des reihen Gawan Haus, 
Kamen an zur jelben Friſt, 

Da juft heil'ger Sonntag ift, 
Standen vor dem Haufe dar 

Einen halben Sonntag gar, 

Bis die Füße allen Drein 
Schmerzen fehr vom langen Stand, 
Und ein Jedem feine Hand 

Bon dem vielen Geigen fein 

Wie auch von der Roth zur Stumd’ 
Mit des Haufes bölem Hund. 


Endlich thut fi auf das Haus, 

Frau Ielena kommt heraus. 
Dienerinnen gehn ihr vor, 

Mägde folgen ihr durch's Thor, 

Und um's Haupt, gar ftolz zu ſchaun, 
Wallen Schwingen ihr von Pfaun. 
Ein verbranntes Brot heraus 

Bringt die Zrauen aus dem Haus, 
Das gefnetet Freitags ward, 
Sonnabend gebaden hart, 


—ı 1 — 


Sonntags erft herausgeſcharrt. 
Died nun Frau Ielena gibt, 
Nicht fo wie der Herr es Licht, 
Sondern wirft’ den Engeln zu 
Mit des reiten Fußes Schub: 
„Gottesknechte, nehmt dies dann! 
Was für Herrgott iſt dies dann, 
Der da nit ernähren kann 
Seine Knecht' im eignen Haus, 
Sondern ſchickt zu mir heraus? 
Ei, da hab’ ih mir im Haus 
Einen Gott, der Höfe frei 

Mir erbaut aus feftem Blei, 
Tiſche drein aus Silber fteNt, 
Bielen Reichthum, vieles Geld!“ 


Drauf die Engel gingen fort, 
Trafen gleih am nädften Ort 
Stefan, Gawan's treuen Knecht, 
Spraden alfo zu dem Knecht: 
„Bruder Stefan, ſchenk' um Gott 
Uns ein Kleins in unfrer Roth!” 


Stefan drauf, der treue Knecht: 
„Diener Gottes, Brüder, feht! 
Renne nichts auf Erden mein, 
Als ein einzig Zämmelein ! 

Hab’ gedienet treulih gar 
Herren Gawan neun der Jahr”, 
Zür die vollen Jahre neun 

Gab er mir dies Laͤmmelein! 


— 38 — 


Hab’ erbeten Milch mir ſchwer, 
Das ich groß das Laͤumlein nähr, 
Und nun ift das Laͤmmchen ſchier 
Bon der Heerd’ das Liebfte mir! . 
Hätt’ ih bier das Laͤmmchen glei, 
Gaͤb' es gern znr Stunde end! 
Doch die Hirten, leider Gott, 
Trugen juft das Laͤmmchen fort!” 


Spraden drauf die Engel drei: 

„Dank dir, Dank, o Stefan freu: 

Aft das Herz fo wie die Jung’, 
Kommt au bald das Lämmchen jung:” 


Kehrt fih um der Knecht zumal — 
Sich, da kommt das Laͤmmlein dar, 
Hüpft heran durch's grüne Thal! 
Wie ſich's freuet mit dem Knecht, 
Wie mit feiner Mutter recht! 
Stefan aber nimmt es auf, 

Küßt's drei mal mit feinem Mund, 
Gibt's den Engeln dann zur Stund': 
„Diener Gottes, nehmt ed bin! 
Sei ed ein Almofen eu, 

Zürbitt’ mir in Gottes Reid!” 


„Dank dir, Stefan, treuer Knecht!“ 
Singen drauf von felbem Drt, 
Rahmen mit dad 2ämmlein fort. 


Ald die Engel kamen dann 
Bor des Heiland hellen Thron, 


— 5 39 — 


Sagten Altes fie dem Herrn, 
Was fie fahn auf Erden fern. 


Befler weiß es felbft der Herr, 
Ald wie fie ed Fünden ihm, 
Sprit zu ihnen diefes Wort: 
„‚Höret mi, 0 Engel mein! 
Steigt hinab zur Erde glei, 
Gehet bin zu Gawan's Hand, 
Gießt den Balatinateidh, 

Gießt zur Stund’ ihn drüber aus! 
Dann erfaßt das ftolze Weib, 
Zrau Ielene, an dem Leib-, 
Bindet an den Hals ihr fein 
Einen alten Felfenftein, 

An den Stein. den Teufel feit, 
Daß er fie nit von fi läßt, 
Durch -die Hoͤll' fie ſchlepp' umher 
Wie nen Kahn durch's wüſte Meer!’ 


— 3850 9 


Sant Peter's eigne Mutter. 


In den Himmel gebt Sanct Peter. 
Hinter ihm her Läuft die Mutter, 
Bittet ihn mit lautem Bitten: 
„Steh' ein Weilchen, Söhnlein Peter, 
Daß ich mit dir geh’ in Himmel!” 


So jedod der heil’ge Peter: 

„Kehr' du um, o meine Mutter! 
Denn, o fieh”, dein ganzes Leblang 
Haft du nicht verdient den Himmel, - 
Hungernde gefättigt niemals, 
Dürftende getränfet niemald, 
Kadende gekleidet niemals, 

Nie beihubet Den, der barfuß, 

"Nie betbeiligt Den, der blind war, 
Nichts geopfert für die Seele, 

Ad nur einmal ein Zlahsbündlein, 
Das du theilteft unter Dreie, 

Und darum du drei mal feufzteft: 
Weh' mir, wehe, mein Flachsbündlein! 
Ad, wo wirft herum du lungern, 
In den Bergen, in den Thaͤlern, 
In der Blinden Bettelfäden? 








— 3 ⸗— 


‚Weiter ſpricht der heil'ge Peter: 
„Darum, Mutter, Behr’ zurüd du, 
Knüpfe Fäden aneinander, 

Einen Faden an den andern, 

Klimm’ zum Himmel an den Fäden!’ 


Rüuckwaͤrts kehrt Sanct Peter’s Mutter, 
Knüpfet Fäden aneinander, 
Einen Zaden an den andern, . 

Klimmet bin dann längs der Fäden, 
Ob fie niht in Himmel käme — 

Sich’, da reißen ab die Faͤden, 

Um fie ftärzt zur tiefften Hölle! 


— — — .. 


— 353 — 


Was die ſchwerſten Sünden find. 


— 


Waͤqſt ein Baum im Paradies, 
Ein gar edler Delbaum dies! 
Zeuget Sproflen enler Art, 
Goldne Aeftlein fein und zart, 
Krägt dran Laub von Silber Mar. 


Drunter fteht ein golden Bett, 
Darauf Blumen allerhand 
Doch zumeift find auögeftreut 

- Bafilit und Nöslein roth. 
An dem Bettlein ruhet aus, 
Ruhet aus Sanct Nikolaus! 


Bu ihm fommt der Wojewod, 
Zriedenfpender Ilia. 

Zu ihm fpriht der Wojewod, 
Zriedenfpender Ilia: 

„Steh’ du auf, Sanct Nikolaus! 
Laß uns gehn zur Dbermelt, 
Dort die Kähne rüften aus, 

Und die Seelen führen uns 
Diefer zu aus jener Welt!” 





nl. 


— 353 — 


| 
Drauf zurüd Sanct Nikolaus: 
„Geh' von binnen Wojewod, 
Friedenſpender Ilia! 
Lichter Sonntag iſt es heut'! 
Nichts gethan wird an dem Tag, 
Als getauft nur und getraut 
Und gekämmt das blonde Haar 
Und gepflegt die weiße Wang'!“ 


Wieder drauf der Wojewod, 
Zriedenipender Ilia: 

„Steh' nur auf, Sanct Nikolaus ! 
Laß uns gehn zur Oberwelt 

Und die Kähne rüften aus!” 


Auf fteht nun Sanct Nikolaus, 
Gebt mit ihm zur Oberwelt, 
Hilft Die Kähne rüften aus, 
Und die Seelen diefer Welt 
Fördern in die andre ihm. 

Nur drei Seelen Pönnen nidt: 
Eine Seele fündenreih, 

Die den Kum zog vor Gericht; 
Gine Seele fündenreih, 

Die dem Nachbar lang gegrollt; 
Und die fündenreidhfte Aller, 
Die verleumdet eine Jungfrau! 


23 


— 3 — 


Warum die Espe ewig zittert. 


Hoch auf einem hohen Berge 
Sind zu ſchaun gar viele Burgen‘, 
Iſt zu Shaun auch eine Kirche, 
Drin zwei heilige Sänger fingen,- 
Heiliger Petrus, heil’ger Niklas, 
Und zwei Schweftern gegenfingent, 
Angelia und Maria. 


Sottes Mutter will fie hören; 

Und es ſchweigen alle Wefen, 

Und ed ſchweigen alle Bäume. 

Nur die Espe will nicht ſchweigen, 
Will nicht ſchweigen, flüftert immer! 


Da verwünſcht fie Gottes Mutter: 
„Ale Bäume follen fruchten, 
Kur du, Espe, ſollſt nit frudten, 
Sondern zittern ſtets und flüftern, 
Selbft im Sommer, wenn es ſchwül ift 
Und fein leifer Hau ſich reget!” 








— 335 > 


Die Caufe Chriſti. 


Wandelte die allerreinſte Jungfrau, 
Wandelte durch alle Welt und Erde, 
Trug auf ihren Armen dar ihr Söhnlein, 
Trug ihr liebes Söhnlein Jeſum Chriſtum. 


Sieh', da traf Johannes ſie, den Täufer, 
Sprach zu ihm, die allerreinſte Jungfrau: 
„Komm heran, Johannes, mein Gevatter! 

Laß uns gehen an das Waſſer Jordan, 

Daß mein Söhnlein Chriſtum wir dort taufen!“ 


Machten fi denn auf von diefer Stelle, 
Singen miteinander an den Zordan. 


Da Johannes nun Herrn Iefum taufte, 
Sieh’, da ließ vor Schred fein Bud er fallen. 


Zrug ibn drauf die allerreinfte Jungfrau: 
„Sag', was gibt's, Johannes, mein Gevatter?” 


„Ei was gäb’ ed, meine liebe Kumin? 
Toll geworben fheint des Jordans Waſſer, 
Stehn bleib’ts und will nimmer weiter ftrömen! 
Kiederftürzt in’d Gras das Waldgebirge, 

23 * 


— 36 — 


Und, o ſiehe Kumin, fieh” empor nur, 
Ueber und entvier bricht felbft der Himmel!” 


Ihm zurüd die allerreinfte Jungfrau: 

„Fürchte nichts, Johannes, mein Gevatter! 

Toll nit worden ift des Jordans Wafler, 
Sondern nur herbeigeftrömt, Gevatter, 

Daß es ſich am Leibe Ehrifti heil’ge! 

Die Gebirge neigen fih vor Chriſtus! 

Und der Himmel bricht auch nicht in Stüden, 
Sondern auftbun ihn die lihten Englein, 

Daß fie fehen, wie wir Chriſtum taufen, 

Sie und Gott der Herr im Thor des Aufgangs!” 


Auf vom Boden nimmt das Bud Johannes, 
Nimmt das Bud, tauft Chriftum, feinen Täufling, 
Zaufet ihn, und Ehriftus tauft Johannes, 

Und von jener Stund’ entitand die Taufe, — 
Alles dies dur Gott, des Maͤcht'gen, Gnade, 
Daß er mit uns fei für heut’ und ewig! 





— 357 — 


Die Sonntagsernte. 


Dank dem Herrn, Lobpreis dem Einzigeinen! 


Sonntägs mähn die Chriften ihre Ernten; 
Sich’ da wehn drei Bolten über ihnen! 
Eine birgt den Donnerer Ilia, 

Eine birgt die flammende Maria, 

Eine birgt den heil'gen Pantelia. 


Alſo ſpricht der heil’ge Pantelic: 

„Schick' den Donner, Donnerer Ilia! 
Schi’ dein Feuer, flammenre Maria! 
Selber ih will meinen Sturmmwind ſenden!“ 


Drauf jedod die flammende Maria: 

„Side nit den Donner, o Ilia, 

Kit den Sturm, o heil'ger Pantelia, 

Meine Zlammen werd’ au ich nicht fenden! 
Denn dem Türken kann der Chriſt nit trauen, 
Und im Zeld die reife Saat nit warten! 


— — — — — 


— 36 —— 


Und, o fiehe Kumin, fieh” empor nur, 
Ueber uns entvier bricht felbft der Himmel!‘ 


Ihm zurück die allerreinſte Jungfrau: 

„Fuͤrchte nichts, Johannes, mein Gevatter! 

Toll nicht worden iſt des Jordans Waſſer, 
Sondern nur herbeigeſtroͤmt, Gevatter, 

Daß es ſich am Leibe Chriſti heil'ge! 

Die Gebirge neigen ſich vor Chriſtus! 

Und der Himmel bricht auch nicht in Stücken, 
Sondern aufthun ihn die lichten Englein, 

Daß ſie ſehen, wie wir Chriſtum taufen, 

Sie und Gott der Herr im Thor des Aufgangs!“ 


Auf vom Boden nimmt das Buch Johannes, 
Nimmt das Buch, tauft Chriſtum, feinen Taͤufling, 
Taufet ihn, und Chriſtus tauft Johannes, 

Und von jener Stund' entſtand die Taufe,— 
Alles dies durch Gott, des Maͤcht'gen, Gnade, 
Daß er mit uns fei für heut’ und ewig! 





— 357 — 


Die Sonntagsernte. 


Dank dem Herrn, Lobpreis dem Einzigeinen! 


Sonntags mähn die Chriften ihre Ernten; 
Sieh’ da wehn drei Wolfen über ihnen! 
Eine birgt den Donnerer Ita, - 
Eine birgt die flammende Maria, 

Eine birgt den heil'gen Pantelia. 


Alſo fpridt der heil'ge Pantelie: 

„Shi den Donner, Donnerer Ilia! 
Schick' dein Feuer, flammente Maria! 
Selber id will meinen Sturmwind fenden !’ 


Drauf jedod die flammende Maria: 

„Schilke nit den Donner, o Ilia, 

Kit den Sturm, o heil'ger Pantelia, 

Meine Zlammen werd’ aud ich nicht fenden! 
Denn dem Türken kann der Ghrift nicht trauen, 
Und im Zeld die reife Saat nit warten! 


— 358 — 


Das Mädchen und der Drache. 


An des Heilands Himmelfahrt 

Früh erwacht das Mädchen zart, 
Sieht, wie etwas vor dem Hauſe 
Streift den Thau vom grünen Gras; 
Bittet Gott, da ſie es ſieht: 

„Gib, o Gott, daß ich erſchaue 
Jedes Thier mit meinen Augen, 

Nur den Drachen des Gebirgs nicht!” 


Doch — kaum hat ſie's ausgefproden, 
Stebt vor ihr der wilde Drade, 
Nimmt fie unter feine Zlügel, 

Zliegt empor, und trägt die Aermite 
Zort in's mwüfte Steingeklüfte. 


Lange hält er hier das Mädchen. 


Ad es wieder Himmelfahrt war, 
Hebt das Mädchen an zu klagen, 
Klaget bitter, will nit enden. 


Troͤſtend ſpricht der wilde Drade: 
„Sag’, was ift dir, junges Maͤdchen?“ 


‚ —d 359 — 


„Ei, was wär! mir, wilder Drade? 
Himmelfabrttag ift ed heute! 
Ale Mädchen pflüden Nofen, 
Hflüden Nofen, winden Kränze; 
Kur id Arme, Unglüdfel’ge, 
Darf nicht pflüden, darf nicht winden!“ 


Leid um's Mädchen iſt's dem Draden, 
Und er läßt ed Roſen pflüden, 
Nofen pflüden, Kränze winden. 


Immer aber weint das Mädchen, 
Weinet bitter, will nicht enden. 


Troͤſtend weiter ſpricht der Drade: 
„Sag’, was ift dir junges Mädchen?” 


„Ei, was wär’ mir, wilder Drade? 
Himmelfahrttag ift ed heute! 

Ale Mädchen bringen Kränze, 
Schmüden beim die lieben Mütter; 
Kur ih Arme, Unglüdfel'ge, 

Muß die Mutter bier beklagen!“ 


Leid aud darum iſt's dem Draden, 
Redet alfo zu dem Mädchen: 

„Willſt du, Seele, mir ol ſchwören, 
Daß du mir aud wiederkehreſt, 

Wil ih dich zur Mutter laffen!” 


Und das Mädchen ſchwört dem Draden, 
Daß ed ibm dann wiederkehre, 


—d 358 9 


Das Mädchen und der Drache. 


An des Heilands Himmelfahrt 

Zrüh erwacht das Mädchen zart, 

Sieht, wie etwas vor dem Haufe ‘ 
Streift den Thau vom grünen Gras; 

Bittet Gott, da fie es fieht: 

„Gib, o Gott, daß ih erihaue 

Jedes Thier mit meinen Augen, 

Nur den Draden des Gebirgs nicht!” 


Doch — kaum bat ſie's ausgefproden, 
Steht vor ihr der wilde Drache, 
Nimmt fie unter feine Zlügel, 

Zliegt empor, und trägt die Aermite 
Zort in’s wüſte Steingeklüfte. 


Lange hält er bier das Maͤdchen. 
Ald es wieder Himmelfahrt war, 


Hebt das Mädchen an zu Plagen, 
Klaget bitter, will nit enden. 


Tröftend ſpricht der wilde Drade: 
„Sag', was ift dir, junges Maͤdchen?“ 


—s 359 — 


„Ei, was wär’ mir, wilder Drache? 
Himmelfahrttag iſt es heute! 

Ale Maͤdchen pflücken Roſen, 

Pflücken Roſen, winden Kraͤnze; 

Kur ih Arme, Unglückſel'ge, 

Darf nit pflüden, darf nicht winden!“ 


Leid um’s Mädchen iſt's dem Draden, 
Und er läßt ed Roſen pflüden, 
Nofen pflüden, Kränze winden. 


Immer aber weint dad Mädchen, 
Weinet bitter, will nit enden. 


Troͤſtend weiter fprit der Drade: 
„Sag', was ift dir junges Mädchen?“ 


„Ei, was wär’ mir, wilder Drache? 
Himmelfahrttag iſt es heute! 

Ale Mädchen bringen Kränze, 
Schmücken beim die lieben Mütter; 
Kur ih Arme, Unglüdfel’ge, 

Muß die Mutter bier beklagen!” 


Leid auch darum iſt's dem Draden, 
Redet alfo zu dem Mädchen: 

„Willſt du, Seele, mir Bol ſchwören, 
Daß du mir aud wieberfehreft, 

Will ih dich zur Mutter laffen!” 


Und das Mädchen ſchwört dem Draden, 
Daß ed ihm dann wiederkehre, 





— 360 — 


Und der Drade läßt das Maͤdchen, 
Doß ed heim die Mutter Eränze. 


Heim zur Mutter fommt das Mädchen, 
An den Draden denft ed nimmer! 


Drache aber harıt des Mädchens, 
Harret heute, barret morgen, 
Stirbt viel eher in den Klüften 
Als des Mädchens er erharret! 


— 361 — 


Der Wila Wolkenſchloß. 


Baut 'ne Burg die weiße Wila, 
Nicht im Himmel, nicht auf Erden, 
Sondern auf 'nem Wolkenberge, 
Baut hinein drei ſchoͤne Thore, 

Bauet eines ganz von Golde, 

Baut das andre ganz von Perlen, 
Und das dritte ganz von Scharlach. 
Das ſie bauet ganz von Golde, 

Dran vermählet ihren Sohn ſie; 

Das ſie bauet ganz aus Perlen, 

Dran vermäbhlt fie ihre Tochter; 

Das fie bauet ganz von Scharlach, 
Daran figt die Wila felber, - 
Sist fie felbft und fieht hernieder, 
Wie der Blitſtrahl mit den Donnern, 
Wie die Schwefter mit den Brüdern 
Und die Braut fpielt mit den Schwägern; 
Wie der Blit die mächt'gen Donner, 
Wie die. Schwefter ihre Brüder 

Und die Braut befiegt die Schwäger. 


— 362 — 


Die Wilen des Lomffchen. 


Ein Berg böher als der andre, 
Doch der höchſte ift der Lowtſchen! 
Dorn und Diftel nur dort gibt es, 
Ew'gen Schnee und ew’ge Zröfte, 
Sturm und Regen jahraus, jabrein, 
Und die Wilen, die dort wohnen, 
Schwingen darunter ihren Reihn. 


Reitet ein, Held vorüber dort, 

Reitet zu fuhen der Liebe Süd, 

Da erihauen die Wilen ihn, 

Rufen ihm zu am felben Ort: 

„Kehre bei uns ein, wadrer Held! 
Siche, bei uns hier weilt dein Süd, 
Hült fi in lichten Sonnenschein, 
Kahrt fih von bleidem Mondenſchein, 
Shmüdt fi mit weißen Sternelein!” 


— 363 0 | 


Rüffe nicht die Bundesichwerter! 


Mara ging, die Jungfrau, nah Bulgarien, 
Schloß mit den Bulgaren Bundesfreundſchaft, 
Und zulegt mit. Pero dem Bulgaren: 

„Bet in Gott mein Bundesbruder, Pero! 
Führ' zurüd mid aus dem Land Bulgarien!” 


N 


Aus dem Land Bulgarien führt fie Pero. 


Mitten in den fhwarzen Bergen aber 
Quillt hervor ein Brünnlein Flaren Waſſers, 
Und Kaffee zu brauen fest fih Pero, 
Mora, ihre. Wangen weiß zu waſchen. 


Gleich der Frühlingsſonne ftrahlt ihr Antlig, 
Gleich dem hellen Mondenſchein ihr Bufen, 
Und alfo ſpricht Pero der Bulgare: 

„Mara, o in Gott mir Bundesſchweſter! 
Küffen möcht’ id) deine weißen Wangen!’ 
Und fo wie er's ausſprach, der Bulgare, 
Wie er's ſprach, fo that er's auch zur Stelle. 


— 364 9 


Doch, o fieh'! Gleich fuhr ein Blit vom Himmel, 
Schlug zu Boden Pero den Bulgaren. 


Arg entrüftet aber rief die Jungfrau: 
„Jeden Helden möge Gott fo ftrafen, 
Der da Füßt, die ihm in Gott ift Schwefter!” 


— 35 > 


Was der Than der Bafılie erzäßft. 


Pitter Flagt Bafilie, die zarte: 
„Milvder Thau, was fälft du mir nit heute?” 


„Bin dir feit zwei Morgen ja gefallen! 
Heute aber hab’ id mich vermeilet, 

Schauend an ein übergroßes Wunder, 

Wie die Wila um das Waldgebirge, 

Um dad grüne, zankte mit dem Adler! 
Sprad die Wila: «Mein tft das Gebirge!» 
Sprach der Adler: «Dein ift’s nimmer! Mein ift’s!» 
Und die Wila brad dem Aar die Flügel. 
Wehyvoll Elagten nun die jungen Adler, 
Klagten, wußten nit, mad zu beginnen. 
Sich’, da Fam die Schwalbe, that fie tröften: 
« Weinet nit, o meine jungen Adler! 

Will euch führen in das Land von Indien, 
Wo die fhönen Amaranthen wadhfen, 
Wachſen bis an’s Knie hinan den Roſſen, 
Und der Klee bis an die hoben Schenkel, 
Und die Sonne niemald untergebet!» 

Und die Jungen gaben ſich zufrieden.” 


—d 366 ⸗—— 


Weh' der Nachtigall ohne Wald. 


Lieblich eine Nachtigall 

Singt im grünen Tannenwald, 
In dem grünen Tannenwald 
Und auf ſchlankem Tannenaft. 


Gehn drei Zäger in dem Wald, 
Schöffen gern die Nachtigall. 


Bittet fie die Nachtigall: 
„Wollet nit erſchießen mid! 
Wil eud fingen Lieder hübſch 
In dem grünen Gartenlaub, 


Auf dem rothen Roſenſtrauch!“ 


Tragen denn die Jäger drei, 
Tragen beim die Nachtigall, 
Bringen in die Höfe fie, 
Daß fie finge Lieder hübſch 
In dem grünen Gartenlaub, 
Auf dem rothen Roſenſtrauch, 
Ihre Lieben zu erfreun. 


Doch nicht Fann die Nachtigall, 
Daß fie finge Lieder hübſch, 


— 367 > 


Sondern klagt und Plaget ftets, 
Klagt und jammert bitterlic. 


Sragen denn die Jäger drei 

Sie zuräd zum Tannenmwald, - 
Laſſen fie im Walde frei, 

Und nun fingt fie, daß ed halt: 
„Weh' dem Freunde ohne Freund! 
Weh' dem Freunde ohne Freund, 
Ohne Wald der Nachtigall!“ 


— 368 — 


Gefänge der Blinden. 


Des Blinden Bilfe. 


Outer Gott, Lobpreis fei dir für Alles! 
Guter Gott, und du, o junger Sonntag! 
Guter Gott Und helfe du Jedwedem, 
Jedem Bruder, jedem guten Helden, 
Der da pflüget, daß er nähre Waifen, 
Zarte Würmlein, fammelnde Ameifen ! 


Schenkt mir etwas, o Ernährer, _ 
O Ernährer und o Bäter! 

Schenkt mir etwad meine Brüder, ' 
Edle Brüder, ehrenwerthe! 

D ihr Brüder, milden Herzens, 
Geht doch nit an mir vorüber! 
Tragt vorbei nit mein Almofen, 
Mein Almofen, diefed Fleine, 
Diefes Pleine, diefes wen'ge! 

Kleine Gabe ift ein Kreuzer, 

Aber eine große Stiftung ; 

Denn er wuchert und vergeltet, 


u. 


— 39 — 


hut dir auf des Himmels Pforten 
Und gedenft al’ deiner Todten! 
Beten will ih und erbitten 
Jeden Morgen, jeden Abend 
Gutes Glück für eure Häufer, 
Eure Kranken, eure Sieden, 
Eure Wandrer, eure Krieger, 
Eure Pflüger, eure Winzer, 
Eure Hirten, eure Kämpfer, 
Eure Schüler, die da lernen, 
Daß fi freuen ihre Mütter! 


Schenkt mir etwas, o ihr Brüder, 

Daß ihr nie, wie ih, einhergeht 

Und nicht blinde Kinder zeuget, 

Kiht im Haus und nicht im Stamme, 

Und fie in die Welt nit fendet, 

Wie die Mutter mid) gelendet 

In die Fremde, in die Weite, 

In die unbekannte Zerne, 

Daß ih nun mit fremden Augen 

Wandern muß auf harten Pfaden, 

Waten muß dur arge Zurten, 

Schlagen mid von Baum zu Baume, 

Bon Verhaßtem zu Verhaßtem, 

Und von Steine zu Gefteine, 

Gleich dem Waſſer an den Ufern! 

Zremde Mütter nenn' ih Mutter, 

Zremde Bäter nenn’ ich Vater, 

Zremde Brüder nenn’ ich Bruder, 

Fremde Schweftern nenn’ ih Schwefter; 
24 





— 30 — 


Mancher ſieht mich, Mancher nicht auch, 
Mancher hoͤrt mich, Mancher nicht auch, 
Mancher ruft mich, Mancher nicht auch, 
Und gar Viele gehn vorüber! 


Sieh', o Bruder — haſt du Mitleid — 
Sieh', mich führen fremde Augen! 
Sich’, mich nähren fremde Hänte, 
Eure Hände — wie dad weh’ tbut! 
Und id dürft’, die Welt zu ſchauen, 
Weiße Welt und wurme Sonne, 
Weisen Tag und hellen Mondichein, 
Und um mid die Welt und Alles, 
Und die Brüder, die um mid find, 
Und vor mir die_braune Erde, 

Ueber mir den blauen Himmel! 

Sa, mid führen fremde Augen; 
Denn allein bin ich ja hilflos! 

Ja, mid nähren eure Hände; 

Denn, 9 ſeht, ih Fann nicht pflügen, 
Eggen nit, nicht fürn, nit ernten, 
Und was eud find helle Tage, 

Sind mir endlos finftre Nächte, 
Dhne Stern und ohne Mondfcein! 


Seht, o Brüder, den Gefangnen, 
Seht, o Brüder, ihn im Kerker! 
Wohl tft ihm — fein harrt Erlöfung, 
Endlih einmal wird ibm Freiheit! — 
Doch den Blinden, wer befreit ihn? 


— 371 oo 


Und wann wird Erlöfung jemals 
Aus der Blindheit ſchwarzer Haft ihm? 


Schweres Unglüd ift die Blindheit, 
Schweres Unglüd, bittres Elend! 
Der du fiehft mit deinen Augen, 
Der du börft mit deinen Ohren, 
Gib mir aud mit deinen Händen, 
Auf daß ſchauen deine Augen, 

Auf daß, hören deine Ohren 

Und did nähren deine Hände! 
Gib um Süd und um Gedeihen, 
Gib um Gott den Einzigeinen, 
Gib um deiner Seele Wohlfein! 
Seht ihr mid, o meine Brüder? 
Seht ihr mid mit euern Augen? 
Hört ihr mid mit euern Ohren? 


24 * 


— 372 — 


So du willſt dem Herm gehören. 


Erdenſohn, Gerechter, merke; 
Merke Gottes Diener Einer! 

So du willft dem Herrn gehören, 
Thue Guted all dein Leben; 

Ehre deinen ältern Bruder, 

Das aud did dein füngrer ehre; 
Nicht im Glück did überhebe, 

Nicht im Unglüd did erniedre 

Und den Nädften nicht beneide! 
Denn, o Erdenfohn, Geredter, 
Wenn der Tod ereilt den Menſchen, 
Nimmt er nit in's Grab von Allem, 
Als gefreuzte weiße Hände 

Und das Gute, das er übte, 

Das er that um Gotted Willen, 
Für dad Heil that feiner Seele, 
Auf daß es ihm wohl ergebe, 
Diesfeitd wie im andern Leben! 


— 373 — 


Des Blinden” Segen. 


Dank dir, Dank, o Chriſtenbruder! 
Möge dich der Herr beſchenken, 
Und des Herren ew'ge Gnade, 
Daß du herrlich ſtets gedeiheſt, 
Deiner Jugend dich erfreueſt, 
Wo du geheſt, gluͤcklich ſeieſt, 
Und geachtet, wo du fißeft, 

Auf der Reife wie im Haufe; 
Im Gebirge wie am Meere 
Blumen deiner Hand entiprießen, 
Sid die Himmel dir erfähließen ! 


Tranergefänge und Tiſchgeſänge. 


— — — — 


Trauergefänge. 


Wie fie die Mutter -tröflen. 


Bin beſuchen dich gefommen, 
Arme Schweſter; 

Doch wie ſehr haſt du ergeben 
Dich dem Schmerze! 

Als du es erlebt nun einmal, 
Vielbetrübte, 

Daß dein Schickſal du beweineſt 
Vom Beginne, 

Als du es noch trugſt am Herzen, 
Unglückſel'ge, 

Welcher Wunde dann auf Erden 

.Wird nicht Heilung? 

Jeder Wunde wird hier Heilung, 
Ungluͤcksſchweſter! 

Sollt' ſie nicht auch dir noch werden, 
Bielbetrübte? 





— 378 > 


Die Mutter am Sarge des Sohnes. 


Weh mir, daß ich Arme es erlebte, 
Weh' mir, weh'! 

Meines Sohnes Bahre zu beſtellen, 
Weh' mir, weh'! 

Die ich ſolches jemals zu erleben, 
Weh' mir, weh'! 

Nimmermehr gedacht', ich Unglückſel'ge, 
Weh' mir, weh’! 

Doch, 0 Gott, für diefes auch fei Dank dir, 
Weh’ mir, weh’! 

Bas mid Arme nun fo tief beträbet, 
Weh' mir, weh’! 

Nur vom Anfang mein Gefhid beflag’ id, 
Weh' mir, weh’! 

Da ich's unterm Herzen nod getragen, 
Weh’, o weh’! 


— 379 &- 


Weh mir, weh um dich, o Gold, mein reines! 


Weh mir, weh um dich, o Gold, mein reines! 
Soll ich dich in einen Aermel ſticken? 
Bald, gar bald zerriffen ift ein Aermel, 

- Und vergeflen und verwebt dein Name! 
Sol ich di in einem Liede fingen? 
Ah, es gebt das Lied von Mund zu Munde, 
Und auf böfe Lippen kommt dein Name! 
Sol ich dich in einem Bud einfhreiben? 
Weh’, ed geht das Buch von Hand zu Händen, 
Und in böfe Hände fommt dein Name! 


— 380 0 


Wenn fie den Todten aus dem Haufe fragen. 


Sag’, o Ban, wohin gebenfft du? 
Nach dem weißen Klofter etwa, 
Dort, wo unfre Todten ruhen? 
Sehr jedoch, o Ban, befüuͤrcht' ich, 
Daß du nie zurüd und kehreſt, 
Denn gar endlos find die Wege! 
Eines aber bitt' ih ſchmerzvoll: 
So, 0 Ban, du bingefommen, 
Grüße du uns unfre Lieben, 

Die wir längft dahingefendet! 
Sprich zu ihnen, wie es Wahrheit, 
Wie wir trauern und und Pränfen, 
Weil fie niemals unfer denfen, _ 
Nie zu ihrem Haufe Fommen, 
Andre nie nad uns befragen! 


— 384 — 


Wenn ſie den Codten in's Grab legen. 


So gedenkſt du denn zu ſcheiden 
Von der Welt, der weißen, wirklich, 
Und von all' den Kirchenherren? 
Scheid', o Ban! Doch Eins vergiß nicht, 
An's Barett die Hand zu führen 
Und zu danken allen Herren, 

Allen dieſen Herrn der Kirche, 

Die für dich zu Gott jeßt beten, 
Und auch al’ den andern Brüdern, 
Die zu dir ſich berbemühten, 

Did beweinen, dich begleiten! 
Eines aber bitt' ich leidvoll, 

Bitte dich um unfre Todten! 
Wenn, 0 Ban, du bingefommen, 
Wolle dort fie nicht misachten! 
Dies mit tiefem Leid auch bitt’ ich, 
Das du unfre lieben Todten 

Mit Gefpräden nit zurüdhältft, 
Sondern fie zu und entfendeft, 
Daß wir fehnlidy fie umarmen, 
Unfre beißen Thränen ftillen ! 


— 398 — 


Alage um einen jungen Hausvater. 


Nix genug vermwundern kann id) 
Mid, o Bruder, 

Daß die Mutter du verläffeft, 
Die betrübte; 

Und verläffeft Haus und Höfe 
Tief in Kummer, 

Und verläffeft deine Wirthſchaft 
Tief in Elend, 

Und dies Alles, Fluges Haupt du, 
So zur Unzeit, 
Da zurücbleibt deine Hausfrau, 
Kung Thon jammernd, 
Bleibt mit deinen zarten Kindlein, 
Die verwaift nun! 

Wer wird nun die Kleinen nehmen 
Auf die Arme? 

Wer wird ihnen Nahrung ſcaffen? 
D des Schmerzes! 

Wer wird fie zur Schule fenden? 
D des Elends! 

Dich beweinen deine Kleinen, 

Die betrübten, 

Weinen viel, und wachſen ſchnelle — 
D des Unglüde! 


— 33 — 


Erinnerung an den Codten. 


Sqweſtern, bleibt, daß wir einander hören 
Und von dieſem Unglück uns erzählen! 

Da er für die Neife ſich bereitet, 

Folgt’ ihm nach die unglückſel'ge Mutter, 
Zolgten ihm die Fummervollen Brüder, 
Folgte ibm die gramerfüllte Ehfrau! 

Sprad zu ihm die unglüdfelge Mutter: 
„Weh', 0 Sohn, wohin des Wegs gedenkft du?” 
Seine Brüder: „Ach, wohin, du Zierde?“ 
Seine Ehfrau: „Ad, wohin, Gebieter? 
Etwa jenen weiten Weg zu wallen, 

Der wol bin, doch nimmer „führet rückwaͤrts? 
Ad, und wem dann wilft du mich verlaffen?” 
Wandte fi zurück drauf zu den Seinen, 
Sprach zu ihnen diefe Schmerzensrede: 
„Wolle mir nicht folgen, arme Mutter! 
Wolet mir nit folgen, meine Brüder! 
Wolle mir nit folgen, liebe Ehfrau! 

Denn zu Haus euch kann id nimmer kehren, 
Sondern muß nad jener Veſte binwärts! 
Zarenburgen barren drei dort meiner! 

In der einen gibt ed Feine Sonne, 

In der andern Sommers Feine Quelle, 


— 34 — 


In der dritten Winters Feine Feuer; 
Ewig tennod dent’ ih drin zu wohnen!” 


Ziefbefümmert blieb ihm feine Mutter, 
Tiefbefümmert blieben feine Brüder, 
ZTiefbefümmert blieb zurüd die Ehfrau! 


—ı BB > 


Tifchgefänge. . 


Ciſchſpruch der Syrmier, Batſchker und Banater. 


Voglein überfliegen drei die Berge, 
Einen Segen trägt im Schnäblein jedes: 
Eine Weizenähre trägt das eine, 

Eine Weinesrebe trägt das andre, 
Heiterkeit und Wohlſein trägt das dritte. 
Das da trägt die volle Weizenähre, 

Faͤllt hernieder auf die ebne Batſchka, 
Bringt der Batſchka reihe Weizenernten; 
Dad da trägt die ſchwere Weineörebe, 
Laͤßt fi nieder auf die Fruſchka-Gora, 
Bringt der Fruſchka reihe Weinedlefen; 
Dad da austrägt Heiterkeit und Wohlſein, 
Mög’ auf unfern Tiſch herab ſich laffen, 
Daß wir wohl fein für und für und beiter! 


— 36 — 


In Ehren Gottes. 


So tranken wir auf gute Zeit und auf beſſere Zeit, 
und ſo wollen wir nun trinken zur überherrlichen Ehre 
Gottes! 

Auf daß Gott uns beiſtehe und fein herrlicher Ruhm! 
Wer da aufgeſtanden iſt zur Ehre Gottes, und ihn an⸗ 
gebetet hat, dem helfe auch Gott am Leibe und an der 
Seele; ſo aber Jemand vergeſſen hat, ſei es aus Furcht 
oder aus Scham oder in ſeiner Suͤndigkeit, und Gottes nicht 
gedacht hat, deß möge Gott und der herrliche Ruhm 
Gottes nicht wieder vergeſſen, ſondern möge ihm der beſte 
Helfer fein am Leibe wie aud an der Seele! 


— 387 9 


Auf das Wohl des Hausherren. 


Mur daß du mir wohl feift, Bruder Haudberr ! 

So tranfen wir denn auf gute Zeit und auf beffere 
Zeit und auf Gottes herrlihen Ruhm, und fo wollen wir 
nun trinfen auf das Wohl unfers Bruders, des Haus⸗ 
herrn dieſes ehrenwerthen Haufes, auf fein Leben und fein 
ſchönes Geſund! 

Auf das Wohl ſeines ehrenwerthen Hauptes, ſeiner 
Brüder und Vettern, feiner Söhne und Geſchwiſterſöhne, ſei⸗ 
ner Enkel und fonftigen Sproffen, wie aud auf dad Wohl 
eined jeden Einzelnen feined Haufes, feiner Zamilie und 
feines Stammes! 

Auf das Wohl feiner auögebreiteten Heerden und fei- 

nes tiefgreifenden Pfluges! j 

Auf das Wohl feines feften und hohen Daches und 
aller frudtbringenden und gedeibliden Samen! Was im- 
mer Gott ihm geſchenkt und beſchieden, das möge er ihm er- 
halten und nod vermehren hienieden, fo viel fein Wille 
ift und feine Gnade, in Frieden! 

Auf daß ihm Gott gebe, um was er gebeten, und 
ihm heſcheide, was er begehret, befonders aber herzliche 
Freudigkeit und männlide Gefundheit, die den Helden 
überall zurecht führt, und ihn überall Glück finden läßt 
und bringen in’s eigne Haus! 

25* 


— 386 — 


In Ehren Gottes. 


So tranten wir auf gute Zeit und auf beffere Zeit, 
und fo wollen wir nun trinfen zur überberrliden Ehre 
Gottes! - 

Auf daß Gott uns beiftebe und fein berrlider Rubm! 
Wer da aufgeftanden ift zur Ehre Gottes, und ibn an- 
gebetet bat, dem helfe auch Gott am Leibe und an der 
Seele; fo aber Jemand vergeflen hat, fei ed aus Furcht 
oder aus Scham oder in feiner Sündigkeit, und Gottes nicht 
gedacht hat, deß möge Gott und der herrlihde Ruhm 
Gottes nicht wieder vergeflen, fondern möge ihm der befte 
Helfer fein am Leibe wie aud an der Seele! 


— 387 9 


Auf das Wohl des Hausherren. 


Mur daß du mir wohl feift, Bruder Hausherr! 

So tranfen wir denn auf gute Zeit und auf beffere 
Zeit und auf Gottes herrlichen Ruhm, und fo wollen wir 
nun trinten auf das Wohl unfers Bruders, des Haus⸗ 
herrn dieſes ehrenwertben Haufes, auf fein Leben und fein 
ſchönes Geſund! 

Auf das Wohl ſeines ehrenwerthen Hauptes, ſeiner 
Brüder und Bettern, feiner Söhne und Geſchwiſterſoöhne, ſei⸗ 
ner Enkel und fonftigen Sproffen, wie aud auf das Wohl 
eines jeden Einzelnen feines Haufes, feiner Zamilie und 
feined Stammes! 

Auf das Wohl feiner auögebreiteten Heerden und ſei⸗ 
nes tiefgreifenden Pfluges ! - 

Auf das Wohl feines feften und hoben Dades und 
aller fruchtbringenden und gebeihliden Samen! Was im- 
mer Gott ihm geſchenkt und beſchieden, das möge er ihm er: 
halten und nod vermehren hienieden, fo viel fein Wille 
ift und feine Gnade, in Frieden! 

Auf daß ibm Gott gebe, um was er gebeten, und 
ihm heſcheide, was er begehret, beſonders aber herzliche 
Freudigkeit und männlihe Gefundbeit, die den Helden 
überall zurecht führt, und ihn überall Gluͤck finden laͤßt 
und bringen in’s eigne Haus! 

25* 


— 3388 — 


Wohin auch unſer Hausherr und wohin die Seinen 
aus dem Hauſe treten, gutem Glücke mögen ſie begegnen; 
wo fie wandeln, da mögen fie wandeln auf breitem Pfade 
und mit leuchtendem Antlif; unter fremden Brüdern und 
Landsleuten mögen fie geachtet fein und wohl willtommen 
und von Gott dem Herrn geliebt und gnädig auf: 
genommen! 

Auf daß fih unfer Bruder Hausherr überall unter den 
Leuten feiner Freunde rühme, ſich der Seinen rühme 
und mit ihnen brüftes auf feine Enkel ftolz fei und fid 
mit ihnen fhmüde; mit feinen Sproffen fi ziere, fo wie 
der Georgstag fih ſchmücket und zieret mit Laub und 
. grünen Gräfern und der Himmelfahrtötag mit den Blumen 
des Sommers und Gottes manderlei Gaben! 

Auf daß Bott unferm Bruder Haudberrn in Allem 
gebe trefflih Gebeihn, Hülle und Zülle, Glück und Ge 
hi, daß der Pflug ihm geb’ in die Tiefe, daß die Heerd' 
ibm geh’ in die Breite, daß die Tenn’ ihm fei von Dauer, 
und fiher vor Hagel und Schauer, fein Haus entfernt 
aler Trauer und feft gegründet die Mauer, fein Dad 
entfernt allem Wehe, und gekannt in der Fern und Nähe! 
Mög’ es ftets fih auöbreiten und nichts dran ſich än⸗ 
dern vor Zeiten, und fo fi was Andert vor Zeiten, mög' 
Gott zu Gutem ed leiten, und denken feiner in Gnaben, 
daß Riemand ibm Fönne ſchaden! 

Auf daß Gott und die unendlihe Gnade Gottes gebe, 
daß, was unfer Bruder Hausherr von Samen hinausträgt 
in Gotted Namen, und trägt über feine Schwelle, ihm 
wohl erfprießfe und ſchnelle, und was er audfät mit der 
rechten Hand, nicht finde im Felde ſchlechten Stand, unt 
was er audfä’t mit der Linken, vorzeitig ihm nicht mög’ 


— 389 & 


finfen, fondern bedacht fei allerwegen mit Thau genug und 
mit Regen, an der Wurzel in Raſen gebettet, am Wipfel 
mit Segen befcättet! 

Auf daß Gott gebe, daß unfer Bruder der Hausherr in 
diefem feinem Haufe bei froͤhlichem Schmaufe nod oft und 
lange hohe und erlefne Gäfte empfange, Patriarden und 
Wladyken, Popen und Kaludjeren, Gevatter und Freunde, 
wadre Helden feine Brüder Serben, Arme und Sieche, 
Traurige und Unglückliche, und jeden nad) Gebühr und 
Schicklichkeit, der ſich kreuzt mit des Kreuzes Zeichen, und 
an Gott glaubt, dem nichts zu vergleichen! Die Ho⸗ 
ben und Erleſnen kommen ihm zu Ruhm und größerer 
Ehre; die Armen und Siehen zu Ruhm und daß er ihnen 
befperes die Durftigen, daß er fie tränfez die Hungrigen, 
daß er fie fättige; die Nadten, daß er fie befleide, und 
Jedem ſchaffe einen Augenblid Freude dieſes Jahr, wie er’ö 
fann nur zwar, doch wie er es möchte im nächſten Jahr! 

Auf daß Jeder, der ihm geht aus dem Haus, feinen 
Ruhm in die Welt trage hinaus, wie die Biene aus der 
Honigblum’ hinausträgt der Blume Ruhm! 

Und nun — wozu noch weiter? Auf fein Wohl leert 
den Becher heiter! 


— 390 — 


Auf dein Wohl, Bruder Hansherr! 


Mir Hülfe Gottes und im Namen Gottes haben wir 
uns bei dir verfammelt, um deinen Ruhm zu mehren und 
deinen Wein zu mindern! Möge dir Gott dafür geben 
Weizen über Weizen und Korn über Korn! Wenig 
mögft du fäen, viel aber ernten und Alles verzehren mit 
deinen Kumen hier an deinem Tiſche und zum Lobpreid 
Gottes, und nit vergeffen, deine Freunde dazu einzula- 
den! Möge er dein Haus fhmüden, deine Erde fegnen, 
deine Heerde mehren, und möge fie dir Säfe ſchütten wie 
die Mühle Mehl fchüttet, und du Gäfte bewirthen und 
Gott loben und ſtets einfhänfen und nie ein leere Zap 
haben! Mögen dich deine Brüder lieben, und Freunde aus 
allen Enden des Landes bei dir einkehren und dir brin- 
gen Liebe, Lob und Leben, und möge jeder Schritt, den 
du aus deinem Haufe thuft, dich in daffelbe zurüdführen, 
mit Ehre, Segen und Glüd! Möge das Thor, durch wel- 
bed Zreunde zu dir kommen, offen ftehen allezeitz dad Thor 
aber, durch welches dir Feinde ins Haus wollen, mit Di: 
fteln verwachſen! Möge Gott dir ferne halten glimmende 
Aſche, treulofen Freund, türkiihen Vogt und jegliches Un- 
heil! Und nun diefer Becher mir, der andre dir! 


— 34 —— 


Auf das Wohl des Freundes. 


Auf dein Wohl, mein Brubder!- 

Auf das Wohl unfers jeden Gevatterd und Freundes, 
Geſellſchafters und Bundeöbruders, alt wie jung, Lieb wie 
wertb! Wo Jemand ift, mit dem unfer Großvater ober 
Vater zufammengehalten, und wir Jungen mit ihnen oder 
nad ihnen, vom wüften Meere bis zur ftillen Donau, 
weflen Glaubens immer und weſſen Geſetzes, der da wohl 
will unferem Haufe und unferem Stamme, einem Ichen 
möge Gott beiftehen und einen Ieden erheben, fo wie es 
der Wille ift Gott des Allmädtigen! So Gott will! 

- Auf das Wohl aller diefer Herren! Die da gekommen 
find und haben zugefproden in diefem Jahr, gebe Gott 
und die Gnade Gottes, daß fie auch Fommen und zufpredhen 
im nächſten Jahr, und noch mandes Jahr, und Alles bei 
unferem Leben immerdar! So Gott will! 

Wer ein Gevatter ift und Zreund, und nicht kommen 
tonnte in diefem Jahr, und zu kommen doch wuͤnſchte im⸗ 
merdar, gebe Gott, daß wo er hin mag fommen, er zu 
Süd und Heil fei aufgenommen! &o Gott will! 

Auf daß unfere Freunde, mein Bruder, wo fie au 
fein, wenn fie trinfen, Gott bitten, und Wohl zu vers 
leihn, fowie wir aud zu jeder Zeit für ihr Wohl zu 
trinfen find bereit! So Gott will! 

Gebe Gott, daß wir und unfere Kinder und unfere Brü- 
der, wo immer wir von unfern Gevattern und Freunden 


— 393 — 


hoͤren, fie freundlich begrüßen ; wo immer auf Reifen oder 
in Berfammlungen ihnen begegnen, einander zu Wohl 
und Hell ratben, die Wangen Füffen und einer den an= 
dern fragen nad feinem Wohlſein aus gutem Herzen und 

reiner Liebe! &o Gott will! - 

Gebe Gott und die Gnade Gottes, daf wir von un- 
fern Gevattern und Freunden ſtets Gutes hören und Ehr⸗ 
femes, und daß wir uns bei ihnen ftetö des Guten Fönnen 
verfeben, fowie audy fie bei und! So Bott will! 

Gebe Sott, daß wo Iemand tft guten Stammes und 
reihen Haufe, ein redhtgläubiger Ehrift und waderer 
@&erbe, er Einem befchert fei zum Gevatter, Einem zum 
. Freunde, Einem zum Gefährten, Einem zum Buntesbruder, 
und Gott ihm beiftehe und uns von allen Seiten, doch 
zuvörderft von feinem Himmel! &o Gott will! 

Sehe Gott, daß Jeder von uns feine Gevatter wähle 
nad des Herzens Neigung, und nit nah Muß und Wi⸗ 
derwillen; Jeder feinen Freund nach Ruf und aus Liebe 
und nad Ghrifti Geſehen; Jeder die Alten koͤnne erhalten, 
die Neuen Sinne erfreuen! So Gott will! 

Gebe Gott, daß man unfere Gevatter und Freunde 
erfenne im Mathe der Herren, auf der Wahlftatt der Helden, 
in der Berfammlung der Brüder an ehrfamem Namen, 
an tapferer Abkunft, an vollem Beutel, an ſcharfem 
Schwerte und an allen guten Dingen, wie man erkennt 
den Morgenftern unter allen Sternen am morgenden Auf: 
gang! So Gott will! 

Und wozu des Mebren? Lapt auf fein Wohl und die 
Becher leeren! 


— — — — 


— 393 — 


Denn man mit Iemandem Freundſchaft trinkt. 


- 


Mit wen dent’, mit dem in Ewigkeit, fo Gott win! 
Ehrfamer Bruder! Leuchtend Tei deine Ehre, und daß die 
Mutter Gottes fie immer noch mehre! 

Mögeft du ſtets den Freunden dienen, dod nie felbft 
etwas bedürfen von ihnen! 

Möge mit Gutem der Herr did betheiligen, felber dir 
beiftehbn, wie aud die Heiligen! 

Mög’ er in Hülle und Fülle dir geben, daß du Fannft 
Säfte bewirtben dein ganzes Leben! 

Mögeft du volle Becher, fpenden, Gott did fegnen mit 
vollen Händen ! 

Wie du mid ſchmückeſt mit diefem Strauß, ſchmücke 
Gott mit Wahsthum dein ganzes Haus! 

Wie du mir reift entgegen die Hand, reide dir 
Gott die feine in Haud und Land! 


Erlänterungen. 





Von verfchiedenen Kämpen nnd Kämpfen. 


Berbefferungen: 
S. 11 3eile 3 v. o. flatt Falkenroß I. Kranichroß. 





Sawa der Kalubfer. 


Einer Omer⸗Dſchehaitſch der Paſcha, 

Und der Andre Tſchuprilitſch der Befir. 
Von dem Paſcha Omer-Dſchehaitſch ift nichts Hiftorifches 
zu ermitteln. Veſir Tſchuprilitſch wird in einer Gefchichte 
von Montenegro, die im Jahre 1754 zu Moskau erfchienen, 
unter ver Jahreszahl 1714 aufgeführt. Es gefchieht viefes 
Befirs noch in vielen andern Lievern Erwähnung, und wird 
auch fein Top durch Serbenhand an die mannichfachften Bege- 
benheiten gefnüpft und verjchievenen Helden zugefchrieben, 
wie aus den in biefem Werke mitgetheilten Befängen erfichtlich. 


Wut Andjelitfc. 


Stel’ herbei dreihundert ſyrm'ſche Rinder, 
Stel’ herbei fünfhundert batiher Schafe. . 


In ven Gebirgen Syrmiens gedeihen die beften Rinder jener 
Gegend. Die Batfchka, das ift die Gegend zwifchen Donau 
und Theiß bis hinauf gegen Therefiupel, it reich an Schafzucht. 


— 398 e— 


Wecke doch die beiden Lieben Söhnlein, 
Daß die Sonne fie. nit mit fi nehme! 


68 befteht unter ben Serben ortweife ber Glaube, man bürfe 
die Kinder während des Sonnenunterganges nicht fchlafen 
laffen, damit fie vie ſcheidende Sonne nicht mitnehme. 


Die Helden von Zengg. 


Wut mit Namen Manduſchitſch. 
Ein Zeitgenoffe Iwo's von Zengg und Ilia Smiljanitfch's, 
von dem man weiß, baf er im Kampfe gegen ven Veſir Tſchu⸗ 
prilitſch geblichen. 


Dſchengitſch · Bekir · Paſcha vor Moskwa. 


Ein Lied mit hiſtoriſcher Grundlage, aus der Zeit der Kaiſerin 
Eliſabeth von Rußland und ihrem Kriege mit der Pforte. Un—⸗ 
ter Frau Selifawa ver Mostwalönigin, von der im Liebe bie 
Rede ift, ift eben diefe Zarin, vie Tochter Beter des Großen, 
gemeint, _ 


Moskowitiſche Geſchenke und türkiſche Gegen⸗ 
geſchenke. 


So den Stab des Nemanitſchen Sawa, u. ſ. w. 


Die Nemanitſche, Söhne und fernere Abkoͤmmlinge Nemanja's, 
waren bie mächtigften unter den ferbifchen Herrfcherfamilien. 
Sie herrſchten bis in die Mitte der zweiten Hälfte des 16. Jahr⸗ 
hunderts. Der Letzte ihrer Reihe war Stefan Uroſch, (t ums 
Jahr 1368). Sawa, d. i. Sabbas, der Bruder Stefan Nemanja's, 
Gründers des Kloſters Chilindar auf Athos, war ber erfte fer- 
bifche Patriarch; daher hier auf feinen Stab als ein natio- 
nales Heiligthum hingewiefen if. — Die Aufzählung der 


— 39 —— 


Krone des Kaifers Konftantinus, von welchem Konftantinopel 
fo geheißen ift, unter ven Dingen, vie für ven Zar von Moſtwa 
von hohem Werthe find, ift ein politifcher Zug, ein frommer 
Wunfh, wie er ven Chriſten in der Türkei in den Liedern oft 
unterläuft, und ein Zeichen des feften Glaubens, Runftantinopel 
müffe noch einmal dem Oberhaupte ver orientalifchen Kirche 
yu eigen, und bie Raja dadurch erlöfl werden. — Lazar warı 
ver letzte freie Fürft Serbiens, ein Anoptivfohn, over, wie 
Einige wollen, ein natürlicher Dufchans, des vorletzten Nema⸗ 
nütfchen. Er fiel am 15. Juni 1389 alten Stils in der Schlacht 
auf Koffewo im Kampfe gegen den Sultan Murab, ver in 
derſelben Schlacht feinen Top fand. Seine Kreugesfahne 
fpielt im Volksglauben eine große Rolle. 


Sranenlieder. 
Erfter Reigen. 


Das Röffein, das feinen Seren verläßt. 


Ljubitfchiza, Grlitſchiza und Gondſchelale find alle: 
gorifche Namen für bie Wonnen ber Liebe: Kuß, Umhalfung und 


Umarmung. 


Und den Einen werd’ ih ewig küſſen! 


Und — bei meinem Bruder! 


Mäpchen fchwören immer bei ihren Brüdern. 68 ift dies ihr 
heiliäfter Schwur. 


Die einen Schwager hat. 


Biele und liebe Verwandte, insbefonnere aber Schwäger und 
Schwägerinnen haben, gilt für ein großes Glück. Die Schwä- 


⸗ 


— 0 e⸗— 


x 


ger erweifen ihren Schwagerinnen fletö ſehr viele Aufmerkfam- 
keiten. Daher die Rlage des Madchens. Giche and bie Lieder 
auf ©. 112, 113. 


Sprich, woher mein Ringlein dir? 


Reuli gab's dein Bruder mir. 
Anfpielung anf die Werbung, veun bie Brüder find es immer, 
die Die Braut abholen. nnd fie vem Bräutigam in’s Haus 
bringen. 


Aus der familie. 


Angelia Milutinowitſch. 
Angelia, Anpufda, Andja find lauter Synonyme. 


Kyriak Milutinowitfc. 


Dretalowitfch, eine angefehene Familie in Montenegro. 

Wenn in viefem Liede abermals vom Tode Grtſitſch Manoilo’s 
gefungen wird, fo muß man fi} darüber nicht fehr verwundern. 
Daß ein Sänger dieſen bereits einmal hat umkommen laflen, das 
hindert nicht einen andern Sänger, feinen Tod bei einer andern 
Belegenbeit anders zu fingen. 


Die Verlobte des Zengger Iwo. 


Diefer Zengger Iwo iſt offenbar ein Anderer als der gleichna- 
mige Kapitän der Zengger, von dem fidh bie Geſänge im erfien 
Theile, S. 43, finden. 


— 


—404 — 


Die Hochzeit des Fahnenträgers Militſch. 
Voran eil' ich ſelbſt auf meinem Roſſe, 
Botenlohn zu holen von der Mutter! 
Wer zuerſt den Brautzug kommen fieht, und den Aeltern des 
Bräutigams oder der Braut bie Nachricht davon hinterbringt, 


ber hat Anſpruch, dafür beichenft zu werden. Das Geſchenk, 
das er erhält, heißt musculuk (fpr. Muſchtſchuluk). 


Bon der Schweiter des wilden Bogdan. 
Gib, o Mutter, gib mir weiße Kuchen. 


Wenn man feine Verwandten befucht, bringt man ihnen im: 
mer allerlei Geſchenke mit, insbefondere aber Kuchen, vie nie 
und nirgends fehlen dürfen. 


Komm berbei, o Todor, mein Befir du! 
Veſir bebeutet fowol die Würde des höchften Dieuers im 
Staate, als auch des erſten Dieners einer reichen Familie; 
- etwa SHaushofmeifter, Berwalter. Hier ift es im letztern 
Sinne genommen. 


Alan: Aga’8 treulofe Witwe. 


Wafler mir von Miletin zu holen. 
Ich habe dieſe Stelle nie recht verfianden. Gibt es einen 
Ort, eine Duelle biefes Namens, deſſen Wafler Zauber: oder 
Heilkeäfte zugefchrieben werben ? 


Die Giftmifcherin. 


Es ift merkwürdig, daß fich dieſer Stoff in ven Volksliedern 
aller Nationen wiederholt. Die Deutfchen, die Engländer, bie 
Sranzofen, alle haben vie Geſchichte von der Schwefter, pie um 
des Geliebten willen ihren Bruber vergiftet. Die auffallenpfte 
Achnlichkeit Hat das vorliegende mit dem tichechifchen Liede: Sestra 
travitelka. Siehe Erbens Tſchechiſche Volkelieder. 


IT. 26 


— 1 > 
Stanenlieder. 
Zweiter Ragen. 


BIT denn geben, kehrt' ich au nicht wieder. 


Kündend, daß mid wählt der Bundesbruder, 

Mid erwählt, dab ih das Bräutlein führe. 
Der teinen leiblichen Bruder hat, der wählt ih feinen Bun= 
desbruder zum Tjewer, d. i. Brautführer. Die Braut wird 
dann vou diefem ebenfo gut Schwägerin geheißen, als ob er 
des Bräutigams leiblicher Bruder wäre. 


Soäzeitslieder aus Rif ano. 


Es verfteht Rh, daß bie Namen Stana uns Koftlo (Konſtan⸗ 
tin) bei jebem einzelnen Falle durch andere exfegt werben. 


Will dir fenden meinen eignen Bruder, 


das heißt fo viel, als, ich werde bei deinen Neltern um dich 
anhalten, da der Bruder immer die Würde des Brautführers 
bekleidet. 


Weht von ſeinen Hoͤfen ſchon die Fahne? 
Wenn vie Swaten hinausziehen, um vie Braut heimzuholen, 
wird in dem Giebelfenſter des Hauſes eine Fahne ausgeſteckt. 
An ihr erkennt man, daß hier ein Hochzeitshaus ſei. 

Schaut die Stirn' ihr wie ein ſtolz Gebirge. 
Ein merkwürdiges Bild von einer Braut! Es ſoll wol die 
Würde dadurch ausgedrückt werben, vie Erhabenheit des Ver⸗ 
hältniſſes, in das nun die Braut tritt. 

Daß du mir gabſt Erſat in's Haus. 
Die Schwiegermutter nennt Ihre Schwieg ertoͤchter immer ihren 
Erſatz, das heißt die ſie im Hauſe von nun an oder in Zukunft 


— 





— 1 — 


Erſetzende. Denn übernimmt auch die Schwiegertochter 
nicht immer gleich das geſammte Hausweſen, ſo iſt ſie doch 
fünftig die Herrin des Hauſes. 





Fiebesgeſchichten. 
Was dem Muͤdchen lieb iſt. 


Schickt die dritte nach Prilip an Marko. 
Es iſt dies Marko der Königſohn, genannt Kraljewitſch, Sohn 
Wukaſchin's, eines der letzten ſerbiſchen Könige in ver zweiten 
Hälfte des 16. Iahrhunderts; verfelbe, der in der Sage des 
- Volkes immer noch fortlebt und von dem ſo viel gefungen 
wird. 


Haikuna Atlagitſch. 


Bis an's Knie mit Wölfen und Alraunen u. |. w. 
Dies und alles Anvere, was fih an Haituma’s weiten Hojen 
finden foll, ift wahrfcheinlich ausgefticht. 

Und beſchenk' mid, da du neu gekleidet. 
Wie bei ven Juden noch jekt, fo ifl es hie und da im Oriente 
Sitte, Iemanvden, der ein neue Kleid anzieht, zu beglüd: 
wünfchen. Dafür verlangt man, wenn man arm ift, ein Elei- 
nes Gefchent. 

Was verbrennft den Bart du deinem Bater, 

Schwaͤrzeſt an das Antlig deiner Mutter? 
Beides heißt fo viel, ald warum thuft bu ung dieſe Schmach an? 


Doitſchin Petar, der zecht. 


Bitter ſchilt ihn Herr Mathias. 
D. i. Koͤnig Mathias von Ungarn. 
26 * 


— 44 ⸗— 


Einen Alten naͤhm' ich nimmer. 
Rühmte fo fi Faliſawa. 


Faliſawa, von faliti se, ch rühmen, tin fingirter Name, 
etwa Prahlhaͤnschen. 


Beſſer iſt es, daß wir Witwen Beide. 


Will zur Frau'n nach Omlewo ſie führen. 
Wahrſcheinlich iſt hiermit irgend ein wunderthätiger Ort, ein 
Gnadenbildniß gemeint. 


Fegenden. 


. der Wojewod 
Zriedenfpender Ilia. 
Außer dem Donner gehört auch noch die Ueberfahrt ver See- 
» Ien ver Berflorbenen ins Jenſeits zu den Gefchäften des hei- 
figen Elias, Wer venft hier nicht an Sharon? Abermals 
ein Fall von Uebertragung mythologifcher Begriffe auf chrift- 
liche Geftalten. 


Die Sonntagdernte. 


Eine birgt die flammende Maria u. ſ. w. 
Die flammende Maria, ognena Maria, ift nicht vie Mutter 
Gottes, fondern eine Anvere. Der heilige Banteleimon 
entfpricht ganz dem mytholugifchen Aeolus. 





— 406 — 


Geſaͤnge der Blinden. 


Diefe werben von jenen Blinden auf Märkten, vor den Kirchen, 


“an ben Brüden und vor ven Thüren der Häufer gefungen, bie 


keine Helvengefänge zu fingen wiflen, ober auch von andern, bie 
eben nicht Zuhörer für ein Heldenlied haben. Ich Halte die Lie⸗ 
der der Blinden für eine neuere Gattung bes ferbifchen Liebes, 
und es feheint mir, als ob fie in jenen Gegenden und auch erft 
in jenen Zeiten entflanden wären, wo das Helvenlien ſchon in Ver: 
geffenheit zu gerathen anfing, 3.8. unter ven Serben in Oeſtreich. 


Tranergefänge und Tifchgefänge. 


Die fämmtlichen hier mitgetheilten flammen aus ven Bocche 
di Cataro, bei denen namentlich die Trauergefänge befon: 
ders gepflegt werden und im Schwunge find. Don ver Minute 
des Sterbens bis zur Stunde ver Erinnerung an den Todten wird 
jeder Moment durch Sefang begangen. Alles, was bei folchen 
Gelegenheiten gefungen wird, mitzutheilen, ift unmögli. Die 
Geſänge variiren nach jedem einzelnen Falle und nach ben jebes- 
maligen Umftänvden und Berhältniffen. Namentlich find die Sän- 
gerinnen in Lobeserhebungen des Todten, in Fragen an ihn und 
in Aufträgen, vie file ihm an vie vorangegangenen Berwanbten 
‚mitgeben, unerfchöpflih. Merkwürdig ift bie durch alle Trauer: 
gefänge feftgehaltene Borftelung von einer Wanderung, einer 
Reife, die unendlich weit ifl, und von ver man fhwerlich je zurüd: 
fehrt, bie man von dem Tode hat. hen fo die fefte Ueberzeugung 
des Zufammentreffens mit den Vorhergeftorbenen, und endlich vie 
fo oft ſich wiederholende Frage, warum der Todte fich jetzt ſchon 
entſchloſſen habe zu ſterben, da er noch Weib und unverſorgte 
Kinder hat u. ſ. w., als herrſche die Anſicht, als wäre der Top, 
wie jede andere Reiſe, ein Schritt der Selbſtbeſtimmung und des 
freieigren Wollens. Siehe z. B. die „Klage um einen jungen 
Hausvater“. 


— 406 — 


Tifhgefänge finn unter ven Serben überall üblich. Schon 
während der Mahlzeit, zum öfterfien aber nach verfelben, wo das 
Trintgelage beginnt, ſtimmt bald der, bald jener von ver Tafel- 
runde ein Lieb an, oft auch blos bie ABorte mnogeja heta, d. i. 
Biele Jahre, Die dann immer wiederholt werben, unb alle IIm- 
figenven flimmen mit ein. Hierauf erhebt ſich nerienige, der den 
Geſang ausgebracht und hält einen Tiſchſpruch, ſei es nun zu Eh⸗ 
ren Gottes, des Hausherrn, over fonft Jenanden, in der Weife 
wie ich fie im Vorliegenden mitgetheilt habe. Manchmal wire 
auch erfi ver Tifchfpruch gefprochen und dann gefungen. Auch 
Jhierin ift nem Rebner vollkommen freier Spielraum gelaflen, und 
es liegt an ihm, die jebesmaligen Umſtände zu feinen redneriſchen 
Zweden geſchickt auszubeuten. Voll Humor find namentlich 
manchmal bie Tifchzwiegefpräche bei Hochzeiten zwifchen ven Swa- 
ten, wie Karadſchitſch Beiſpiele Hiervon in feinem Kovcezid auf- 
gezeichnet hat. 


Drud von 3. X. Brochaus in Leipzig.