Skip to main content

Full text of "Geschichte der römischen Kaiser"

See other formats


Google 



This is a digital copy of a book that was prcscrvod for gcncrations on library shclvcs bcforc it was carcfully scannod by Google as pari of a projcct 

to make the world's books discoverablc online. 

It has survived long enough for the Copyright to expire and the book to enter the public domain. A public domain book is one that was never subject 

to Copyright or whose legal Copyright term has expired. Whether a book is in the public domain may vary country to country. Public domain books 

are our gateways to the past, representing a wealth of history, cultuie and knowledge that's often difficult to discover. 

Marks, notations and other maiginalia present in the original volume will appear in this flle - a reminder of this book's long journcy from the 

publisher to a library and finally to you. 

Usage guidelines 

Google is proud to partner with libraries to digitize public domain materials and make them widely accessible. Public domain books belong to the 
public and we are merely their custodians. Nevertheless, this work is expensive, so in order to keep providing this resource, we have taken Steps to 
prcvcnt abuse by commcrcial parties, including placing technical restrictions on automatcd qucrying. 
We also ask that you: 

+ Make non-commercial use ofthefiles We designed Google Book Search for use by individuals, and we request that you use these files for 
personal, non-commercial purposes. 

+ Refrain from automated querying Do not send aulomated queries of any sort to Google's System: If you are conducting research on machinc 
translation, optical character recognition or other areas where access to a laige amount of text is helpful, please contact us. We encouragc the 
use of public domain materials for these purposes and may be able to help. 

+ Maintain attributionTht GoogX'S "watermark" you see on each flle is essential for informingpcoplcabout this projcct andhclping them lind 
additional materials through Google Book Search. Please do not remove it. 

+ Keep it legal Whatever your use, remember that you are lesponsible for ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just 
because we believe a book is in the public domain for users in the United States, that the work is also in the public domain for users in other 
countries. Whether a book is still in Copyright varies from country to country, and we can'l offer guidance on whether any speciflc use of 
any speciflc book is allowed. Please do not assume that a book's appearance in Google Book Search mcans it can bc used in any manner 
anywhere in the world. Copyright infringement liabili^ can be quite severe. 

Äbout Google Book Search 

Google's mission is to organizc the world's Information and to make it univcrsally accessible and uscful. Google Book Search hclps rcadcrs 
discover the world's books while hclping authors and publishers reach new audiences. You can search through the füll icxi of ihis book on the web 

at |http : //books . google . com/| 



Google 



IJber dieses Buch 

Dies ist ein digitales Exemplar eines Buches, das seit Generationen in den Realen der Bibliotheken aufbewahrt wurde, bevor es von Google im 
Rahmen eines Projekts, mit dem die Bücher dieser Welt online verfugbar gemacht werden sollen, sorgfältig gescannt wurde. 
Das Buch hat das Urheberrecht überdauert und kann nun öffentlich zugänglich gemacht werden. Ein öffentlich zugängliches Buch ist ein Buch, 
das niemals Urheberrechten unterlag oder bei dem die Schutzfrist des Urheberrechts abgelaufen ist. Ob ein Buch öffentlich zugänglich ist, kann 
von Land zu Land unterschiedlich sein. Öffentlich zugängliche Bücher sind unser Tor zur Vergangenheit und stellen ein geschichtliches, kulturelles 
und wissenschaftliches Vermögen dar, das häufig nur schwierig zu entdecken ist. 

Gebrauchsspuren, Anmerkungen und andere Randbemerkungen, die im Originalband enthalten sind, finden sich auch in dieser Datei - eine Erin- 
nerung an die lange Reise, die das Buch vom Verleger zu einer Bibliothek und weiter zu Ihnen hinter sich gebracht hat. 

Nu tzungsrichtlinien 

Google ist stolz, mit Bibliotheken in partnerschaftlicher Zusammenarbeit öffentlich zugängliches Material zu digitalisieren und einer breiten Masse 
zugänglich zu machen. Öffentlich zugängliche Bücher gehören der Öffentlichkeit, und wir sind nur ihre Hüter. Nie htsdesto trotz ist diese 
Arbeit kostspielig. Um diese Ressource weiterhin zur Verfügung stellen zu können, haben wir Schritte unternommen, um den Missbrauch durch 
kommerzielle Parteien zu veihindem. Dazu gehören technische Einschränkungen für automatisierte Abfragen. 
Wir bitten Sie um Einhaltung folgender Richtlinien: 

+ Nutzung der Dateien zu nichtkommerziellen Zwecken Wir haben Google Buchsuche für Endanwender konzipiert und möchten, dass Sie diese 
Dateien nur für persönliche, nichtkommerzielle Zwecke verwenden. 

+ Keine automatisierten Abfragen Senden Sie keine automatisierten Abfragen irgendwelcher Art an das Google-System. Wenn Sie Recherchen 
über maschinelle Übersetzung, optische Zeichenerkennung oder andere Bereiche durchführen, in denen der Zugang zu Text in großen Mengen 
nützlich ist, wenden Sie sich bitte an uns. Wir fördern die Nutzung des öffentlich zugänglichen Materials für diese Zwecke und können Ihnen 
unter Umständen helfen. 

+ Beibehaltung von Google-MarkenelementenDas "Wasserzeichen" von Google, das Sie in jeder Datei finden, ist wichtig zur Information über 
dieses Projekt und hilft den Anwendern weiteres Material über Google Buchsuche zu finden. Bitte entfernen Sie das Wasserzeichen nicht. 

+ Bewegen Sie sich innerhalb der Legalität Unabhängig von Ihrem Verwendungszweck müssen Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst sein, 
sicherzustellen, dass Ihre Nutzung legal ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass ein Buch, das nach unserem Dafürhalten für Nutzer in den USA 
öffentlich zugänglich ist, auch fiir Nutzer in anderen Ländern öffentlich zugänglich ist. Ob ein Buch noch dem Urheberrecht unterliegt, ist 
von Land zu Land verschieden. Wir können keine Beratung leisten, ob eine bestimmte Nutzung eines bestimmten Buches gesetzlich zulässig 
ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass das Erscheinen eines Buchs in Google Buchsuche bedeutet, dass es in jeder Form und überall auf der 
Welt verwendet werden kann. Eine Urheberrechtsverletzung kann schwerwiegende Folgen haben. 

Über Google Buchsuche 

Das Ziel von Google besteht darin, die weltweiten Informationen zu organisieren und allgemein nutzbar und zugänglich zu machen. Google 
Buchsuche hilft Lesern dabei, die Bücher dieser We lt zu entdecken, und unterstützt Au toren und Verleger dabei, neue Zielgruppcn zu erreichen. 
Den gesamten Buchtext können Sie im Internet unter |http: //books . google .corül durchsuchen. 



Geschichte 
der römischen Kaiser 



yon 



Alfred von.Domaszewski 

Pfofeasof an det Universität Heidelberg 



ERSTER BAND 




Dritte Auflage 



LEIPZIG 



VERLAG VON QUELLE & MEYER 



/ ff 



^1 



AUe Rechte vofbehalten 
Copyright 1922 hy Quelle ^ Meyer, Leipzig 
Druck von C. G. Naumann G.m.b.H. in Leipzig 



Deutschen Lesern 



zugeeignet 



ZUM GELEIT 



Die Absicht, die mich bei der Niederschrift dieses 
Buches geleitet hat, spricht die Widmung aus. An 
die Gebildeten dachte ich, als ich in der natürlichen 
Rede des Deutschen die Gestalten der Kaiser wieder- 
zuerwecken suchte. Durch das Nachdenken langer Jahre 
erwuchsen diese Kaiser der Römer in .dem Gefängnis 
des Bticherzimmers zu lebendigen Erscheinungen. Da 
saßen sie nun auf den Borden, den Stühlen, selbst an 
meinem Schreibtische, bis mir die gespenstige Umgebung 
zur Qual wurde. So habe ich denn geschrieben, um 
mich selbst zu befreien. Wie weit es mir gelang, die 
Kraft der Empfindung in Worte zu ergießen, wie sollte 
ich das selbst ermessen können! 

Der Verfasser. 



INHALTSVERZEICHNIS 

Seite 

Einleitung i 

Augustus II 

1. Caesars Ermordung ii 

2. Das Consulat des Marcus Antonius 21 

3. Der Küeg um Mutina 44 

4. Das Triumvirat 64 

5. Brutus und Cassius im Osten 74 

6. PhUippi 81 

7. Perusia • 90 

8. Antonius im 03ten loi 

9. Brundisium 106 

10. Antonius in Athen 115 

11. Der Krieg gegen Sextus Pompeius 118 

12. Der Partherkrieg des Marcus Antonius 135 

13. Der illyrische Krieg Caesars 143 

14. Actium 148 

15. Die Begründung des Principates 166 

16. Die Neuordnung des Reiches 177 

17. Die Eroberung von Illyrien und Germanien . . . .211 

18. Der Untergang der Julier 221 

19. Die Empörung in Illyrien und Germanien 235 

20. Die letzten Jahre 244 

Tiberius 251 

1. Der Antritt der Herrschaft 251 

2. Der Krieg gegen die Deutschen 263 

3. Germanicus im Osten 280 

4. Drusus 289 

5. Seians Herrschaft 298 

6. Die letzten Jahre 315 

Namensverzeichnis .320 

Stammtafeln der Julier und der Claudier. 



zu DEN TAFELN 



Der Auftrag des mir befreundeten Verfassers, für dieses Buch eine 
Auswahl von Bildnisköpfen in guten Photographien bereitzu- 
stellen, war auch zum zweiten Male nicht so befriedigend auszuführen, 
als man erwarten sollte. Denn aus dem reichen Schatz an erhaltenen treff- 
lichen Kaiserporlräts liegt immer noch zu wenig in wirklich zureichen- 
den Lichtbildern vor. Seit J. J. Bernoullis Römischer Ikonographie 
(i 882 — 1 894) war hierin nur wenig geschehen, trotz der grundlegenden 
Bedeutung dieser Denkmäler für die Geschichte der Plastik ihrer 
Zeit und für die gesamte Bildniskunde des Altertums, auch des 
hellenischen, dessen Porträts ja großenteils nur in späten Kopien 
auf uns gekommen sind. Erst die neuen Sammlungen, die kürzere 
von Richard Delbrück (Antike Porträts) und die umfassendere von 
Anton Hekler (Die Bildniskunst der Griechen und Römer) berück- 
sichtigen die_ Kaiserzeit nach Gebühr. Aber für die wenigen, vom 
Verfasser ausgewählten Herrscher gilt auch diesmal noch, daß nicht 
durchweg die besten mir bekannten Bilder und die gewählten Köpfe 
nicht alle in tadellosen Aufnahmen gegeben werden können. Um 
letzterem Ziele näher zu kommen, bleibt es in drei Fällen bei Photo- 
graphien nach Abgüssen statt nach den Originalen. 

Das nachfolgende Verzeichnis und dessen Fortsetzung im ü. Bande 
gibt zumeist nur den Aufbewahrungsort des betreffenden DenkmaJs, 
die Vorlage der Tafel und die letzte wichtige Besprechung in der 
Fachliteratur an, aus der auch genaue Angaben über den Erhaltungs- 
zustand zu entnehmen sind. Das Material ist Marmor, wenn Bronze 
nicht ausdrücklich genannt wird. 



Augustus, Kopf der Statue von Prima Porta im Braccio nuovo, 

nach Photographie Anderson ; vgl. Heibig- Am elung, Führer 

durch die öffentlichen Sammlungen in Rom' I Nr. 5 . . Titel 

Caesar, Kopf der Kolossalstatue im Conservatorenpalast, nach 

. Photographie Anderson, ein idealisiertes Bildnis erst traiani- 

I scher Zeit, wie es denn auch mehr mit den traianischen als 

mit den alten Münzbildern des Dictators übereinstimmt; 

Lvgl. Bernoulli, Römische Ikonographie, I, S. i68f.; Helbig- 
Amelung a. a O., I Nr. 885 16 



Gaius Octavius. Kopf im BQstenzimmer des Vaticans, nach 
Arndt, Griechische und römische Porträts, Nr. 241; vgl. 
Helbig-Araelung a. a. O., 1 Nr. 218. ^ Ich will nicht ver- 
schweigen, daß mir die Arbeit mitunter hadrianischen Ein- 
druck macht, wozu der Fundort Ostia gut passen würde. 

Agrippa, Büste im Louvre, nach Abguß im Archäologischen 
Institut zu Leipzig photographiert; vgl. Bernoulli a.a.O.. I, 
S. 255fF. Hekler a. a. 0„ Taf. 274 

Tiberius, überlebensgroßer Kopf aus Gabii im Louvre, nach 
Photographie Giraudon ; vgl. Bernoulli a. a. O., II i , S. 1 5 1 , 
Nr. 39, Tafel 7. Hekler a. a. O., Taf. 277 256 

Germanicus, Kopf der Statue aus Gabii im Louvre, nach Ber- 
noulli a. a. O., II I, Tafel 10, vgl, S. 237, die ganze Statue 
bei Arndt, a. a, O., Nr. 710. — Die Benennung scheint 
mir zum mindesten höchst wahrscheinlich 280 

Franz Studniczka. 



^ 



EINLEITUNG 



ftfi^fflie Geschichte der Kaiser, die einst über das Weltreich der 
^^^S|Römer geboten, erweckt in unseren Tagen einen stets 
iP^Oiwachsenden Anteil bei Gelehrten sowohl, die sich forschend 
in die Vergangenheit versenken, als auch bei allen, welche die 
Voraussetzungen des eigenen Daseins zu begreifen bemüht sind. 
Worin ist es begründet, daß Ereignisse, die so viele Menschenalter 
hinter unserer Zeit zurückliegen, das Nachdenken wie die Betrach- 
tung immer von neuem anregen? 

Der Untergang einer großen und edeln Cultur, der sich iii 
dieser Weise niemals sonst vollzogen hat, läßt die Geschichte der 
Kaiser so inhaltsschwer erscheinen, daß uns selbst auf der Sonnen- 
höhe unserer Cultur die Furcht beschleicht vor dem Wandel alles 
Irdischen. Der Glanz und die Macht dieses Reiches, sein Sturz in 
eine tausendjährige Nacht tiefer Barbarei erfüllt uns bei dem An- 
blick dieser Zerstörung mit dem Gefühle des Erhabenen, wie es 
das Spiel der tragischen Muse durch den Untergang des Edeln in 
unserem Gemüte erzeugt. Die drohende Mahnung an ein dunkles 
Verhängnis erschüttert uns um so tiefer, weil unser eigenes Dasein 
mit tausend Wurzeln in dem Boden dieses Weltreiches haftet. 

Der Schauplatz der Kaisergeschichte, jenes Mittelmeerreich, 
dessen Länder von der Natur dazu geschaffen waren, die edleren 
Formen des menschlichen Lebens zu erzeugen, ist auch die Stätte, 
wo die moderne Civilisation eigenartig emporgewachsen ist. Über 
die Jahrhunderte hinweg ist der Boden des Römerreiches unsere 
figene Heimat geblieben. So sind die Bedingungen, welche die 
Nalur für das Entstehen, Werden und Vergehen der antiken Cultur 
vorgebildet hatte, uns unmittelbar verständlich als die Voraus- 
setzungen unseres eigenen Lebens. Die Naturformen des Daseins, 



i 



2 EinleitDDg 

auf denen sich die höheren der Civilisation aufbauen, sind uns und 
der Antike gemeinsam. Deshalb erscheinen die Gesänge Homers, 
die das Jugendalter Griechenlands widerspiegeln, als das Ewig- 
menschliche, als das Unvergängliche. Diese Wurzel der antiken 
Cultur treibt ihre schimmernden Blüten auch in unserer Sonne. 
Gerade an Homer erkennen wir die Wesensgleichheit unseres 
eigenen Volkstumes mit den Griechen und Römern: jene Eigenart 
der Indogermanen, die einzig und allein Träger einer wahren 
Civilisation gewesen ist. Unsere älteren Brüder waren jene antiken 
Völker, deren Schicksale unser eigenes Schicksal vorbedeuten. Da- 
her der tiefe Anteil, mit dem wir den Ursachen des Unterganges 
der Römer nachdenken; was ihnen verderblich geworden, das wird 
auch uns dereinst den Untergang bereiten. Diese Stimmung des 
Gemütes ist es, welche den forschenden Geist zur Betrachtung der 
Kaiserzeit antreibt. Der denkende Verstand, indem er das Problem 
zergliedert, entdeckt immer neue Seiten von hoher Bedeutung. 

Das Weltreich der Römer ist ein Erbe des Freistaates, dem 
nach der Besiegung der Carthager die Vorherrschaft im Gebiete 
des Mittelmeeres fast ohne Kampf zufiel. Widerstrebend hatte der 
Adel Roms diese Herrschaft ergriffen und die Staaten an den Ufern 
des Mittelmeeres, die sich selbst nicht mehr zu regieren vermoch- 
ten, an das italische Reich angeschlossen. Nur dem Namen nach 
bildeten Italien und die Provinzen eine staatliche Einheit, Denn 
im Westen wie im Osten war die Oberhoheit nur eine lose, jederzeit 
der Erschütterung durch fremde Staaten ausgesetzt. Die Einheit 
und die Sicherheit des Reiches ist erst eine Schöpfung der Kaiser, 
tue das Reich bis an seine natürlichen Grenzen, den Rhein und die 
Donau im Westen, den Euphrat im Osten erweiterten und durch 
ein stehendes Heer behaupteten. Wie im Westen römische Art die 
politischen Bildungen, die Sprache und die Formen des Lebens be- 
stimmte, so hatte im Osten lange vor den Römern der griechische 
Geist fremdartige Völker zu einem neuen Dasein erweckt. Tief- 
wirkend hatte sich die Civilisation der Römer und Griechen da er- 
wiesen, wo sie feste Stützpunkte besaß an den eigenen Siedlungen 
dieser Völker. Nur die Küsten des östlichen und südlichen Spaniens 
und die Ufer des aegaeischen Meeres sowie vereinzelte Städte an 



den Küsten und im Innern der Continente waren Träger der neuen 
Civilisation. Erst die weise Fürsorge einer langen Reihe aus- 
gezeichneter Herrscher hat diesen Einfluß immer tiefer ins Innere 
getragen und ihm immer weitere Gebiete gewonnen, bis endlich im 
Zeilalter der Antonine das Weltreich auch der Cultur nach eine 
Einheit zu bilden schien. Doch hat die Kaiserzeit die Eigenart der 
Völker des Reiches nicht zerstört. Dem Ursprünge nach ein 
Colon ial reich, hat der Staat der Kaiser diesen Charakter nie ver- 
loren. Die römische Herrschaft in lateinischer und griechischer 
Form wurde von den stammfremden Völkern des Reiches stets als 
eine Fremdherrschaft empfunden und bei aller Unterwerfung mit 
Widerwillen erduldet. Selbst die römisch-griechische Civilisation 
wurde als ein fremdes Kleid mit Zwang getragen und die Sprache 
der herrschenden Völker ist oft nur ein Mittel, einen ganz fremden 
Gedankeninhalt auszudrücken. Dieser Mangel an nationaler Einheit 
ist die innere Schwäche eines Staates, den der machtvolle Wille 
eines zur Herrschaft einzig befähigten Volkes für immer gegründet 
zu haben schien. 

Und doch als die Herrschaft der Römer im dritten Jahrhundert 
dem Ansturm der empörten Knechte erlag, erwiesen sich die Formen 
des Staates und die Formen der Cultur als unüberwindlich. Selbst 
die Barbaren, die im Osten wie im Westen das Reich überfluteten, 
mußten, sobald sie in den Bereich der antiken Civilisation traten, 
die Formen dieses Staates annehmen und die Gedanken römischer 
Staatskunst auf spätere, empfänglichere Geschlechter übertragen, 
so daß sie überall im staatlichen Leben unserer Tage wirksam sind. 
Der Osten, dem noch auf Jahrhunderte ein glücklicheres Los be- 
schieden war, hat die Formen der antiken Cultur in Sprache und 
Bildung noch lange behauptet, als der Geist bereits entwichen war, 
und in eine Zeit hinübergerettet, wo im Abendlande die Wieder- 
geburt der Antike die Wurzel einer neuen Civilisation wurde. Zu 
der Form den Inhalt wiederzugewinnen, war fortan dasStreben aller 
hochgesinnten Geister und keine Zeit hat mit ernsterem Wollen die 
Rückkehr zur antiken Auffassung des Lebens gefordert als die 
unsere. Daher dieses Sehnen nach einer besseren Erkenntnis der 
Kaisergeschichte, der letzten und dauerndsten Form der Antike. 



)^ Einleitorg 

Denn nur durch dis machtvolle Wirken der Kaiser hat die antike 
Civilisalion jene Breite der Ausdehnung, jene Festigkeit des Be- 
standes gewonnen, die ihren Besitz allen kommenden Geschlechtern 
gesichert hat. 

Ohne die Kaiserzeit wäre die Cultur der Antike für uns ebenso 
versunken wie die Cultur, die einst am Euphrat und am NU ge- 
blüht hat. Ihre dauernde Wirkung hat die Antike nur in clenFormen 
geübt, die sie in der Kaiserzeil gewonnen. So führt der Weg auch 
zu der einzig schöpferischen Periode des griechischen Altertums nur 
über die Kaiserzeit, Gerade der Einfluß, den der griechische Geist 
bis in jene Tage geäußert hat, läßt seine volle Bedeutung erst er- 
kennen. In Nachbildungen hat die Kaiserze! t die großen Gedanken 
der Griechen in Kunst und Wissenschaft über den ungeheuren 
Raum des Mittelmeerreiches verbreitet, wo der Samen aufging, je 
nach derEigenart des Bodens, auf den er fiel. Nur römische Kraft, 
in der Kaisergewalt geeint, konnte dieses Werk der Befruchtung, 
das dem griechischen Geiste ewige Dauer gesichert hat, vollbringen. 

In der Kaiserzeit vollzog sich der weltgeschichtliche Wandel, 
der die Völker Westeuropas für immer, die Nordafrikas auf Jahr- 
hunderte hinaus römisch werden ließ, während im Osten die Völker 
zäherer Art erst in dem unendlich schmiegsamen Gewände griechi- 
scher Bildung ihres eigenen Wesens sich bewußt wurden. Nicht 
das Grab der Sonderart der Völker, die in früheren Jahrhunderten 
an den Ufern des Mittelmeeres geblüht hatten, ist das Kaiserreich 
geworden, sondern es ist das Gefäß, in dem jene Völker die Ent- 
wicklung nahmen, deren sie noch fähig waren. Jahrhunderte 
tiefsten Friedens haben den von Natur so reich gesegneten Ländern 
erst den Wohlstand gebracht, auf dem die Civilisation erstarken 
konnte. Eintönig, farblos und ohne jede schöpferische Kraft er- 
scheint die Kaiserzeit nur Jenem, dem, in Vorurteilen befangen, 
das Wissen fehlt. 

Verschuldet ist dieser Irrtum durch den Verlust der histo- 
rischen Literatur der Kaiserzeit, so daß nur die Denkmäler von 
kraftvollem Handeln und blühendem Gedeihen zu uns sprechen. 
Diese Denkmäler, wie sie in Bauten, Bildwerken, Inschriften und 
Münzen vor uns liegen, an sich schwer zu deuten, sind durch den 



Einleitung ^ 

vielgeschäftigen Unverstand, der über dem Einzelnen das Ganze 
nicht sieht, eine neue Quelle der Verwirrung geworden. Nur der, 
dem 65 beschieden ist, in Asien die Ruinen mit Augen zu schauen, 
wo mitten in der Wildnis ganze Städte Zeugnis ablegen von ver- 
gangener Pracht, wird es begreifen, welchen Segen das milde 
Scepter der Kaiser über ihr Mittelmeerreich verbreitet hat. Aber 
selbst im Westen wecken die Römerbauten, die die Erde noch 
trägt, oder deren Trümmer ihr entsteigen, das Staunen des sinnenden 
Betrachters über die Kraft des Wollens und VoUbringens und den 
Zauber der Schönheit, der sie umfließt. Die Bewunderung wächst 
noch, wenn man bedenkt, welche Räume die Kaiserzeit in wenig 
mehr als einem Jahrhundert der Cultur neu gewonnen hat. Als 
Augustus zuerst die Herrschaft in sicheren Händen hielt, lag noch 
über zwei Driltel der Länder, die unter Traian das Kaiserreich 
bilden, die Nacht der Barbarei und auch die Länder älterer Cultur 
waren durch unablässige Kriege verwüstet und entvölkert. In Wahr- 
heit: die Herrschaft der Kaiser war, wie die dankbaren Klein- 
asiaten unter Augustus bekannten, eine Botschaft des Heiles, ein 
Euangelion. 

Wieder ist es der Verlust der historischen Literatur, der es 
verschuldet hat, daß im Gedächtnis der Menschheit sich das An- 
denken jener Caesaren befestigte, die auf schwindelnder Höhe durch 
Mißbrauch ihre Allgewalt schändeten. Das Genie eines Tacitus 
hat jene Julier und Claudier mit so unvergänglichen Zügen ge- 
zeichnet, daß die Nachwelt in ihnen das Wesen der Kaisergewalt 
verkörpert glaubte. Im Gegenteil, von Augustus bis auf Marcus, 
den Philosophen, ist das Wesen der Kaisergewalt Gerechtigkeit und 
Milde. Das Vorbild Caesars, des Begründers der Monarchie, hat 
nachgewirkt bei allen, die ihm auf dem Throne folgten und die 
fähig waren, seinem Beispiel nachzueifern. Der Kaiser ist nicht 
nur der erste Diener des Staates, sein ganzes Leben ist die Hin- 
gabe an die Last eines Amtes, das nur durch die strengste 
Pflichterfüllung zu tragen war. 

Der eigentümliche Geist des römischen Staates, der keine andere 
Form der Regierung als die Vorherrschaft einer Adelsklasse kennt, 
übertrug sich unter den Kaisern auf das ganze Reich. Wie der 



Einlntong 



Kaiser sich auf die bevorrechteten Stände der Senatoren und der 
römischen Ritter stützt, so herrschen in den Gemeinden des Reiches 
jene Familien, welche den Adel der Städte bilden, Sie beruft auch 
in steigendem Maße der Kaiser durch die Aufnahme in die bevor- 
rechteten Stände zum Regimente des Reiches. Die dumpfe Luft 
der Despotie, die alles persönliche Leben lähmt, kann bei der Be- 
trachtung der Kaiserzeit nur der empfinden, der das Dunkel der 
Vergangenheit nicht zu durchdringen vermag. Diese reine Adels- 
herrschaft offenbart auch die Schwäche des politischen Systemes, 
Es ist eben nur der städtische Adel, der in Wahrheit der griechisch- 
römischen Civilisation gewormen wird, auf dem dieEinheit und die 
Macht des Staates ruhte. Ungezählte Millionen lebten ohne Anteil 
am Staate, der Fürsorge der Regierenden vertrauend. Nur in den 
städtischen Mittelpunkten, die die Kaiser in allen Teilen des Reiches 
hervorriefen, verbreiteten sich mit der Entwicklung des Wohlstandes 
auch die Sprache und die Lebensformen der herrschenden Schich- 
ten. Das flache Land, das heißt ungeheure Gebiete wie Gallien, die 
Donaulandschaften, das Innere Kleinasiens, die Bergländer Bri- 
tanniens, Syriens und Nordafricas blieben in ihrer nationalen 
Sprache, Sitte und Religion ganz unberührt. 

Die Vereinigung der politischen Macht in den Händen weniger 
herrschenden Familien hatten zur Folge, daß auch der Besitz dieser 
Bevorzugten stetig anwuchs. Mit der im antiken Geiste begründeten 
Freigebigkeit gegen ihre Gemeinden hatten die Herrschenden die 
Pracht der Städte erhöht und das Dasein der Beherrschten durch 
den Glanz der Spiele und Feste verschönt, ohne den Druck, der 
auf den Beherrschten lastete, zu erleichtem. Dieser ökonomische 
Bau der Gesellschaft findet den getreuesten Ausdruck in dem stets 
wachsenden, ganze Provinzen überziehenden Besitze des Staats- 
oberhauptes, des Kaisers. Gerade dieser Besitz befähigte die Kaiser 
zu jenen staunenswerten Bauten, die nicht nur in der Hauptstadt, 
sondern auch in denProvinzen derSchönheit wie dem Nutzendien- 
ten. Um so gefährlicher mußte eine Erschütterung der politischen 
Ordnung werden, wo die unendliche Mehrheit der Bevölkerung das 
Bestehende zu stützen keinen Antrieb empfand. Diesem ökono- 
mischen Zustande der Kaiserzeit wird der denkende Betrachter 



die größte Aufmerksamkeit zuwenden müssen und die Mühsal, die 
Splitter der Denkmäler richtig zu deuten, nicht scheuen dürfen. 
Denn eine unschätzbare Lehre birgt für unsere Tage diese Ent- 
wicklung in sich, wo die drohenden Zeichen sich mehren. 

Schwerer noch als dieser ökonomische Zustand wiegt die Wehr- 
verfassung des Reiches. Das Söldnerheer der Kaiser, in den Tagen 
des Augustus noch im überwiegenden Maße der Blüte des herrschen- 
den Volkes entnommen, ergänzte sich seil Hadrian nur mehr aus 
den Bewohnern jener barbarischen Landschaften, die dem Einflüsse 
der Civilisation widerstanden hatten. Und doch beruhte die wahre 
Macht der Kaiser nur auf diesen Söldnern. Wer über das Heer 
gebot, war Herr des Reiches. Eindringlicher kann die Lehre der 
Geschichte nicht lauten, wenn man auf das Ende der antiken Cultur 
hinaussieht, daß das Volk, das sich der Waffen entwöhnt, sich 
selbst entmannt, seinen eigenen Untergang herbeiführt. 

Drohender für die Dauer der antiken Civilisation als das Heer 
der Grenzbarbaren war der innere Feind, der die herrschenden 
Völker ihrer nationalen Art entfremden sollte und damit den Quell 
ihrer Kraft versiegen ließ. Der alte Orient, durch den Hellenismus 
zu neuem Leben erwacht, findet für seine Gedanken eine Sprachci 
die überall hindringt und die antike Auffassung des Lebens und 
der Welt langsam und stetig zerstört. Jene Mahnung zur Flucht 
aus dem Dasein in die übersinnliche Welt, die der Orient in jenen 
Tagen mit tausend Zungen lehrte, sie fand freudigen Widerhall bei 
den Mühseligen undBeladenen in allen Teilen des Weltreiches. Sie 
stieg empor in immer höhere Schichten und trübte den Blick selbst 
der Denkenden für die wahre Bestimmung des Menschen, auf der 
Erde, für die er geschaffen, Zweck und Inhalt des Daseins zu 
suchen. Schon in den Tagen Hadrians erhebt sich die dunkle 
Wolke, die die Tatkraft und das Streben im Leben, die Freude am 
Erkennen und am Schönen allmählich in Nacht begräbt. Dieser 
ungeheure Umschwung, der in wenigen Menschenaltern die ganze 
Auffassung der Welt in ihr Gegenteil verkehrt, ist es vor allem, 
der die antike Cultur in ihrer Wurzel zerstörte. Gerade diese 
Wirkung ist dauernd geblieben, bis in unsere Zeit, und die wahren 
Befreier und Erlöser, die uns zurückführen zur heiteren Daseins- 



freude der Antike, sind Söhne unseres Volkes: Kant und Goethe, 
sie allein vermügen uns emporzuleiten in diese lichten Höhen I 

Die Schwierigkeit, die Kaisergeschichte richtig zu beurteilen, 
beruht auf dem Zustande unserer Überlieferung. Ein Unstern ein- 
ziger Art hat über der historischen Literatur gewaltet. Von all 
den Darstellungen der Zeitgeschichte, die die Kaiserzeit in reicher 
Fülle hervorgebracht hat, ist uns nichts erhalten als die Trümmer 
der Geschichte des Tacitus. Die seltsame Vorstellung, als sei 
dieser Meister der Geschichtsschreibung eine ganz vereinzelte Er- 
scheinung, der weder Vorgänger in seiner Kunst besessen, noch 
Nachfolger gefunden, behauptet sich unerschütterlich. Ließ sich 
die Existenz annalistischer Geschichtswerke für die ältere Zeit nicht , 
bestreiten, so soll doch nach Tacitus die Geschichtsschreibung auf 
die Lebensbeschreibung der einzelnen Herrscher zusammenge- 
schwunden sein. Der Zufall der Überlieferung bestimmt auch 
hier die Meinung. Denn das für die Geistesarmut der späteren Zeit , 
so bequeme Büchlein des Sueton ist unter Hadrian geschrieben. 
Diese Art der Kaiserbiographien soll nun die fortan herrschende | 
Form der Geschichtsschreibung bezeichnen. Vielmehr hat die 
Geschichtsschreibung noch am Ende des zweiten Jahrhunderts, als 
das Römertum der Vernichtung anheimfiel, einen großen Meister 
besessen, ganz in der Art des Tacitus. Und auch im dritten Jahr- 
hundert haben Griechen ihre Zeit voll lebendiger Anschauung ge- 
schildert. Dieser Reichtum ist für immer verloren. Die Geschichte 
des zweiten und dritten Jahrhunderts lebt nur mehr fort in den 
späten Auszügen dürftiger Scribenten, diese noch durchsetzt von 
plumpen Fälschungen. Es ist die Sammlung von Kaiserbiographien, 
die unter dem Namen der Scriptores historiae Augustae bekannt 
ist. Ihre ganz erloschenen Andeutungen des Geschehenen durch 
die Zeugnisse der Denkmäler aller Art, Inschriften, Münzen, Bild- 
werke, Bauten wiederzubeleben ist die wahre Aufgabe der Kritik. 

Noch einmal unternahm es ein Grieche des Ostens in dem Augen- 
blicke, als das Reich der Kaiser bereits in sich zusammenbrach, die 
ganze Geschichte des römischen Volkes zu erzählen bis auf seine 
eigeneZeit. DieseKaisergeschichte desDioCassius, auch nur in Trum- 



Einlritung 

meni überliefert, gilt unserer Zeit für eine Art von Evangeiium. Und 
doch ist das Leben der Vergangenheit bei ihm zu einem Gerippe 
von Tatsachen und Namen vertrocknet, die Darstellung schleppend, 
mit dürftiger Seh ulrheEorik verbrämt. Geradezu die Geschichte ver- 
fälscht Dio, indem er die Anschauungen des orientalischen Despotis- 
mus, unter dem er gelebt, auf die Auffassung der älteren Periode 
überträgt. Erst das Genie Theodor Mommsens hat unter Dios 
Übermalung die wahre Gestalt der älteren Kaisergewalt wieder- 
erkannt. Seit dem Erscheinen seines Staatsrechtes des Principates, 
wie die Kaisergewalt auf lateinisch heißt, ist ein Verständnis der 
Kaiserzeit möglich geworden. Denn die Kenntnis des Staatsbaues 
ist die erste Bedingung für das Verständnis der Geschichte. Alles 
politische Leben vollzieht sich im Staate. Das juristisch so voll- 
endete Werk Mommsens ist historisch seltsam leblos. Immer hatte 
man gehofft, daß Mommsen in dem vierten Bande seiner römischen 
Geschichte, der nie erscheinen sollte, die Reichspolitik zeichnen 
werde. Denn der fünfte Band, die Geschichte der Provinzen, bietet 
keinen Ersatz für das Fehlende, Der innere Zusammenhang der 
Ereignisse geht gänzlich verloren bei der vereinzelten Betrachtung 
der Teile des Reiches, So sind uns die Gedanken verborgen, welche 
der große Meister über die Ursachen gehegt hat, die den Untergang 
des römischen Staates herbeiführten. Doch stand es ihm fest, wie 
er es in einer akademischen Rede ausgesprochen hat, daß die ganze 
Kaiserzeit eine Periode der Stagnation gewesen ist, bis eben dieser 
Sumpf in seiner eigenen Fäulnis verkam. Neu ist diese Auffassung 
nicht. Da aus den Trümmern der antiken CiviJisation das Christen- 
tum emporstieg, so war es früheren Zeiten gewiß, daß das Welt- 
reich in seiner sittlichen Verkommenheit die neue Lehre wirksam 
vorbereitete. Es glich einer häßlichen Raupe, die sich zum Schmet- 
terling ewiger Lebenshoffnung entwickelte. Die unergründlichen 
Rätsel des Daseins mit dieser Weisheit zu lösen, ist einer er- 
habenen Anschauung der Gottheit gänzlich unwürdig. 

Der Weg zu besserer Erkenntnis liegt in der mühevollen, 
geistigen Arbeit. Erst wenn die unübersehbaren Trümmer der 
Denkmäler gesichtet und geklärt sind, kann aus der Kritik der 
literarischenUberlieferung das Leben derKaiserzeit wieder erstehen. 



Die rastlose Tätigkeit der letzten Generationen hat diese Denk- 
mäler in allen Teilen des Reiches in einer Fülle zutage gebracht, 
daß die Kraft des Einzelnen niemals zureicht, sie in lebendiges 
geschichtliches Wissen zu verwandeln. Die Organisation der 
wissenschafdichen' Arbeit, wie sie unsere Akademien seit Jahr- 
zehnten betreiben, will durch die registrierende Tätigkeit Vieler 
planmäßig Ordnung schaffen. Bei diesem Sammeln um des 
Sammeins willen drohen selbst die Fähigsten zu erlahmen. Wirk- 
lich erreicht ist das Ziel dieser Tätigkeit nur für die lateinischen 
Inschriften. Auch hier nur durch die gewaltige Arbeitskraft 
Theodor Mommsens, der für diese Sammlung das Wichtigste 
und das Reste geschaffen hat. Die Sammlung der griechischen 
Inschriften versagt für wichtige Teile des Reiches wie für Klein- 
asien und Syrien gänzlich. Die Sammlung der Münzen steht 
kaum in ihren Atifängen, die der Bildwerke hat noch gar nicht 
begonnen; die Bauten des Römerreiches sind vorerst das Ge- 
heimnis weniger auserwählter Architekten. Die zahllosen Zeit- 
schriften, welche die neuen Funde, die jeder Tag vermehrt, 
aufhäufen, sind zu einer drückenden Last angewachsen. 

Wahrlich, der Mut und die Freude am Erkennen müssen 
sich gewaltig regen, soll man über der Erwartung einer ge- 
sicherten Zukunft die Gegenwart des eigenen Lebens nicht ver- 
säumen. Dennoch ist es eine Forderung der Persönlichkeit, 
das Erreichbare zu einem Bilde der Kaiserzeit zu gestalten, 
das Unvollkommene zu wagen, damit Vollkommeneres daraus 
erwachse. 




Die innere Notwendigkeit, welche bei den Romern die Mon- 
archie als die einzig mögliche Staatsform entstehen ließ, beruht 
auf dem Baue jenes Colonialreiches in der Zeit des Freistaates. 
Der italische Staat der Römer war durch allmähliche Erweiterung 
des Gebietes der Stadt Rom über die ganze Halbinsel erwachsen. 
Die in jedem Jahre durch Volkswahl wechselnden Beamten der 
Stadt Rom sind auch dazu berufen, den italischen Staat zu re- 
gieren. Die Einheit und Stetigkeit der Verwaltung beruhte auf 
dem Senat, in den die gewesenen Beamten für die Dauer ihre;s 
Lebens übertraten. Doch hatte Rom die Selbstverwaltung der 
städtisch geordneten Gemeinden Italiens nicht angetastet, so daß 
nur die oberste Leitung des Gesamtstaates dem Senate und den 
Jahresbeamten der Stadt Rom zufiel. Das feste Gefiige dieses 
Staates, seine zielbewußte Führung durch den Adel der Stadt 
Rom hatte Italien nach dem Siege über Carthago zum Herrscher 
im Mittelmeere gemacht. Aber gerade diese Staatsform, die sich 
so wunderbar bewährt hatte in den Kämpfen um die Einigung 
Italiens, erwies sich auf die Dauer als völlig ungeeignet, das stets 
wachsende Colonialreich zu regieren. Die Verfassung forderte, 
daß die Regenten jener überseeischen Länder des römiscJien 
Reiches glfiich den Beamten der Stadt Rom Jahr für Jahr im Amte 
wechselten. Die ersten Voraussetzungen einer gerechten Ver- 
waltung, die Stetigkeit und das Gefühl der Verantwortung, mußte 
den Proconsuln des Senates mangeln, die nur auf die Dauer eines 
Jahres in ihren Ländern mit wahrhaft königlicher Gewalt schal- 
teten. In der Hauptstadt Rom wurden die Beamten in Schranken 
gehalten durch die tatsächlich höhere Gewalt des Senates und die 
Rücksicht auf die öffentliche Meinung, Den Mißbrauch der 
Gewalt in den Provinzen traf nur eine späte und imsichere Ver- 



geltung. Für den weltherrschenden Adel Roms wurde dieses Re- 
giment in den Provinzen, das ihn losband von der Strenge des 
Gesetzes, eine Quelle sittlichen Verderbens, Nicht als ob der Adel 
Roms seine hohen Herrschergaben eingebüßt hätte, wenn große 
Aufgaben seinem Ehrgeiz Befriedigung boten. Aber das Streben 
nach dauernder Macht, die jeder Einzelne des Adels begehrte, 
machte ihre Gesamtheit immer unfähiger die Gleichheit vor dem 
Gesetze zu ertragen. 

Der Weg, auf welchem es den Hochstrebenden gelingen konnte 
über alle anderen emporzusteigen, war gewiesen durch den Bau 
des Staates, In den Provinzen war der Freistaat ein leerer Name, 
der Proconsul in Wahrheit der Alleinherrscher des Landes, Hier 
fand er auch das Werkzeug, das ihm im Kampfe mit seinen adeligen 
Genossen die dauernde Macht gewinnen konnte. Die Wehrkraft des 
italischen Staates beruhte in den großen Zeiten der punischen 
Kriege auf dem Jahresaufgebote der Bauernschaft. Wieder ist es 
das Colonialreich, das mit Notwendigkeit einen völligen Wandel 
schafft. Die Abneigung der italischen Bauern gegen den über- 
seeischen Kriegsdienst führte zuerst im Westen, dann im Osten 
zur Errichtung stehender Heere, Aus freigeworhenen Leuten ge- 
bildet, sind es in Wahrheit Söldner, die den Kriegsdienst als einen 
Beruf ergreifen. Das Band, welches ein Söldnerheer an den Staat 
knüpft, ist seiner Natur nach nur ein loses, sein Gebieter ist der 
Feldherr, von dem es Ruhm und Beute erhofft. Hat ein siegreicher 
Feldherr mit freigebiger Hand auch die Herzen seiner Söldner ge- 
woimen. so sind sie auf seinen Wink jederzeit bereit, dem Gebole 
des Staates zu trotzen. Die Dauer der Statthalterschaft über die 
gesetzliche Frist hinaus zu verlängern, um so das Treueverhältnis 
zwischen Feldherrn und Heer unerschütterlich zu machen, das ist 
der Weg, auf dem die Krone zu gewinnen war, Caesar hat von 
Anfang an diesen Weg mit voller Klarheit beschritten. Während 
der 2ehnjährigen Dauer seiner Statthalterschaft in Gallien hat er 
ein Heer herangebildet, das unbesiegbar, niemandem zu gehorchen 
willens war als ihm allein. Die Monarchie, so begründet, hat ihren 
Charakter bei den Römern nie mehr verändert. Der Streit um die 
Alleinherrschaft ist seit jenen Tagen nie mehr eine Frage des 



Rechtes. Nur der Besitz des stärkeren Heeres entscheidet über den 
Anspruch. Es bedurfte der Weisheit des großen Augustus, um das 
Söldnerheer wieder zum dienenden Gliede des Staates zu machen. 

Indem der Adel Roms in seinem Streben nach Macht und 
Reichtum immer mehr verlernte, dem Staate zu dienen, die Selbst- 
sucht das Gefühl der Pflicht erstickte, wurde der Boden wirk- 
sam vorbereitet für die Alleinherrschaft, Die beständigen inneren 
Kämpfe der Glieder des Adels, die in den Sitzungen des Senates 
ihre persönlichen Ziele rücksichtslos verfolgten, lähmten die Lei- 
tung des Staates, bis sie für die einfachsten Aufgaben der inneren 
und äußeren Politik versagte. Nur durch außerordentliche Maß- 
regeln vermochte der Senat diese störenden Einflüsse zu beseiti- 
gen. Bald im Innern, bald nach Außen mit ungewohnten Macht- 
befugnissen betraut, hatte Pompeius den wankenden Bau des 
Adclsstaates gestützt, ohne die hohen Gaben, die ihn zur Herr- 
schaft befähigt hätten. Aber die Bevölkerung Italiens, wie die 
der Provinzen war unter dieser immer wieder hervortretenden 
außerordentlichen Machtstellung des Pompeius allmählich mit 
dem Gedanken vertraut geworden, daß ein gesicherter politischer 
Zustand nur von der kraftvollen Leitung des Staates durch 
den Willen eines einzelnen Mannes zu hoffen war. 

Und doch konnte der neue Monarch Roms nur aus dem 
herrschenden Adel selbst hervorgehen. Ein Glied ihrer Gemein- 
schaft mußte er die Gleichstrebenden niederringen. Der Widerstand, 
den es zu besiegen galt, war ein ungeheurer. Denn dieser Adel 
war nicht entnervt, zur Unterwerfung geneigt. Auf den Schlacht- 
feldern aller Weltteile hatte Caesar die Adelsherrschaft mit den 
Schwertern seines gallischen Heeres gebrochen, ohne die Besiegten 
mit der neuen Ordnung des Staates zu versöhnen. Auch jene 
Männer, die ihm willig oder gezwungen Gefolgschaft geleistet 
hatten, waren Angehörige desselben Adels. Auch sie sahen in dem 
Julier einen Gewaltherrscher, dem sie nur dienten, solange ihr 
eigener Vorteil es ihnen gebot. Die unvergleichliche Milde, mit 
der Caesar die Besiegten in ihre Rechte wieder einsetzte, die 
Langmut, die ihn den Fehlern seiner Anhänger immer wieder 
Verzeihung gewähren ließ, steigerte für den hochgesinnten Mann 



^^^^H 



>4 



Augnitns 



nach dem vollendeten Siege nur die Schwierigkeit seiner Lage. 
Mißtrauen, Neid, Haß, Begehrlichkeit umdrängten seinen Thron. 

Nach dem Siege bei Munda, der die letzte Hoffnung der Adels- 
partei vernichtete, kehrte Caesar ruhmgekrönt und gebietender als 
je nach Italien zurück. Jetzt war der Augenblick gekommen, wo 
die Alleinherrschaft ihre feste politische Gestalt erhalten mußte. 
Noch gaben sich viele Anhänger der besiegten Partei der täuschen- 
den Hoffnung hin, daß Caesar die Ausnahmsgewalt, die er während 
des Bürgerkrieges bekleidet hatte, niederlegen und dem Senate einen 
Anteil an der Macht zurückgeben werde. Caesar bedurfte jedoch 
der unbeschränkten Machtfülle, um die ungeheuren Entwürfe, mit 
denen er sich trug, ohne störende Einflüsse zu verwirklichen. Er 
gedachte die Macht, die er mit solchen Anstrengungen gewonnen, 
unbeirrt zum Heile des Staates zu gebrauchen. Keine trotzige und 
widerwillige Mehrheit eines unverantwortlichen Senates sollte ihn 
in der Sicherheit und Schnelligkeit des Handelns hemmen. So füllte 
er den Sitzungssaal des Senats mit neuen Mitgliedern, die seine 
Gnade zu Senatoren geschaffen hatte. In der Besetzung der Ämter 
band ihn keine Rücksicht auf dieParteistellung wälirend des Bürger- 
krieges, Auch wer die Waffen für den Senat getragen hatte, war 
ihm willkommen, wenn er mit seinen Gaben dem Staate dienen 
wollte. Die dunkeln Leidenschaften, von denen die um die Ämter 
des Staates Hadernden getrieben wurden, entgingen nicht seinem 
Tiefblick, Aber vor der Überlegenheit seines Geistes verschwanden 
die Gebrechen der Menschen. Die natürliche Hoheit seines Charak- 
ters trat in der Würde seiner allgebietenden Macht als die Offen- 
barung seines innersten Wesens hervor. Diese strahlende Sonne ließ 
die Ehrsucht, die die stärkste Triebfeder der Adelsherrschaft ge- 
wesen war, vergehen in ein wesenloses Nichts. Das Bewußtsein 
eines tiefen Falles von der einst weltbeherrschenden Höhe der 
Macht des Senates erfüllte bald seine Anhänger wie seine Gegner. 

Die alte Königsgewalt lebte im Freistaate für kurze Zeit wieder 
auf im AmtedesDictators. Es war unvergessen, daß dem Dictator 
die anderen Magistrate des Staates zu gehorchen hatten, daß er 
auch über das Heer und das Vermögen des Staates ohne Zustimmung 
des Senates frei geschaltet hatte. In dieser Form allein war die 



I. CaeuiB Ennordniig [e 

Monarchie bei den Römern eines gesetzlichen Ausdrucks fähig, 
wenn das Amt auf Lebenszeit übertragen wurde. Die Würde des 
neuen Amtes kleidete sich in das Gewand des höchsten und besten 
Juppiters. den Triumphalschmuck, der sonst den Römer nur an 
seinem stolzesten Tage, wenn er als Sieger seinen Einzug in die 
Stadt hielt, zu zieren pflegte. Selbst während der Bürgerkriege 
hatte Caesar in rastloser Tätigkeit immer neue Einrichtungen ge- 
schaffen, die jetzt, an Gesetzesstatt zu achten, die Beamten be- 
schwören mußten. Die Wahl der Jahresbeamten, die der Ober- 
gewalt des Dictators zu gehorchen hatten, überließ Caesar nach 
alter Sitte dem römischen Volke. Diese dictatura perpetua, das 
empfand die besiegte Partei in tiefer Demütigung, sie ist die reine 
Monarchie. War Caesar durch die Gewalt seiner Taten an Kraft 
und Macht emporgestiegen über gemeines Menschenmaß, so ent- 
sprach es den Anschauungen der griechischen Welt jener Zeit, daß 
in dieser gesteigerten Persönlichkeit das Wesen der Gottheit hervor- 
trat. Schon nach der Schlacht von Thapsus, noch mehr nach dem 
Siege von Munda sind seine Anhänger bestrebt, ihn gleich den 
Herrschern des hellenistischen Ostens in göttliche Höhe zu eiiieoen. 
Als Neuschöpfer des römischen Volkes galt er, wie einst der 
Gründer der Stadt Romulus, für eine Erscheinung des Gottes 
Quirinus. In dem Tempel des Quirinus stand auf Beschluß des 
willfährigen Senates das Bild Caesars und in dem feierlichen Götter- 
zuge der Circusspiele erschien auch Caesar im Bilde des Gottes. 
Es war Caesars eigener Wille, der so im Göttlichen der neuen 
Monarchie das Gepräge des hellenistischen Königstumes gab. Denn 
er ließ es auch geschehen, daß zur Verehrung des neuen Quirinus 
eine neue Priesterschaft, die Luperci luliani, geschaffen wurde. Wie 
notwendig es dem Dictator erscheinen mochte, seine Gewalt mit 
dem Schimmer der Göttlichkeit zu umkleiden, weil das Wesen des 
I Weltreiches es ihm zu fordern schien, solches Streben mußte 
römisches Empfinden auf das Tiefste verletzen. Es lag darin 
eine Herausforderung, als ob freiwillige Knechtschaft das Los 
sei, das er auch den Römern bereiten wollte. 
L Unter dem Eindruck dieser Ereignisse griff die Mißstimmung 

■ über die Alleinherrschaft weit hinaus über den Kreis der besiegten 



I 



I 



1 f, Ansuitiu 

Partei. Jetzt erst erhielt das Wort, das man sich seit langem im 
Geheimen zugeflüstert, von Caesar dem König wirklichen Inhalt, 
Der Haß Regen den Übergewaltigen fand einen gemeinsamen Bod^ 
und den Schein des Rechtes. Die öffentliche Meinung Roms, auch' 
dem Sieger gegenüber eine Macht, äußerte sich in höhnenden 
Worten und in kecken Taten. Man schmückte das Standbild 
Caesars auf der Rednerbühne mit der königlichen Binde und die, 
Tribunen Caesetius und Epidius, Anhänger des Freistaates, büßtett 
solchen Frevel durch ein Übermaß von Strafe, Als Caesar nach 
der Feier des Latinerfestes zu Pferde gleich einem Triumphator 
seinen Einzug in die Stadt hielt, begrüßte ihn das Volk mit dem 
Zuruf König, Rex. Mit rascher Geistesgegenwart erwiderte Caesar; 
mein Name ist Caesar, nicht Rex. Denn Rex war auch der Bei- 
name eines vornehmen Geschlechtes, Wie bedeutungsvoll, wahr- 
haft prophetisch sind diese Wortel Sein Name, unser Kaiser, er 
hat für alle Zeiten den Königsnamen überstrahlt. Wieder retteten 
die Tribunen die bedrohte Freiheit, als sie die Urheber dieses Rufes 
ins Gefängnis warfen. Trotzdem Caesar sie gewähren ließ, klagten 
sie in öffentlichen Anschlägen über die Lähmung ihres Amtes und 
den Tod des freien Wortes, In gerechter Entrüstung forderte und 
erreichte Caesar vom Senate, daß die Tribunen ihres Amtes ent- 
kleidet und aus Rom verwiesen wurden. Denn Caesar erkannte, 
daß man mit solchem Tun den Haß gegen ihn errege, sein Leben 
bedrohe Er, der in so vielen Schlachten dem Tod ins Auge ge- 
sehen, sah im wahren Mute den besten Schutz. Gerade in diesen 
Tagen entließ er seine hispanische Leibwache, die Warnung seiner 
Freunde mit den Worten zurückweisend, lieber fallen als immer 
fürchten. Aber kein Edelmut vermag den Haß zu entwaffnen. 
Schon hatten im geheimen die Mißvergnügten einander sich ge- 
nähert, aus jeder Steigerung von Caesars glanzvoller Stellung einen 
neuen Antrieb schöpfend, der Tyrannis ein jähes Ende zu bereiten. 
Die Seele der Verschwörung gegen Caesars Leben war Gaius 
Cassius. Der finstere, insichgekehrte Mann verbarg kaum seine 
Abneigung gegen die Alleinherrschaft, Als sie immer deutlicher 
hervortrat, hielt er sich fern von den Beschlüssen des Senates zu 
Caesars Ehren; Caesar übersah es in seiner stolzen Art und ver- 






Caesars EnnoTdnng 



'7 



lieh ihn? für dieses Jahr die Fremdenpraetur, obwohl er die Waffen 
auf Seifen des Senates getragen hatte. Doch Cassius empfand die 
Ehre als eine Zurücksetzung, weil Caesar dem von ihm begünstigten 
Marcus Brutus die ehrenvollere städtische Praetur übertrug, und 
fühlte seine Ohnmacht nur doppelt schtnerzlich. Gerade in Brutus 
sollte Cassius das Werkzeug seines blinden Hasses finden. Auch 
dieser hatte bei Pharsalus für Pompeius gekämpft. Von Caesars 
Milde gewonnen, hatte er sich später willig untergeordnet, bis die 
Erkenntnis, daß die Alleinherrschaft unerschütterlich aufgerichtet 
war, sein Denhen zu verwirren begann. Den Lehren der Stoa er- 
geben, der Tochter des Cato Uticensis vermählt, erfüllte ihn der 
Gedanke, ein Knecht des Tyrannen zu sein, mit tiefer Beschämung. 
Der Zwiespalt zwischen der Forderung einer Philosophie, die den 
Tyrannenmord lehrte, dem Einfluß seines Familienkreises, der das 
Andenken des letzten Römers vergötterte, und der Dankbarkeit 
gegen den edeln Freund, den Herrscher, wurde zur unlösbaren 
Qual. Da war es Cassius, sein Schwager, der den Schwachen, 
Schwankenden mit dem Glauben zu erfüllen wußte, er sei dazu 
bei-ufen, wie einst der Ahnherr seines Geschlechtes, der erste Consul 
Junius Brutus, der sein Liebstes für die Freiheit geopfert, den Frei- 
staat durch eine ungeheure Tat neu zu begründen. Brutus begann 
zu lauschen auf die Stimme des Volkes, die für den, der sie ver- 
nehmen wollte, so deutlich sprach. Wenn er sich auf den Markt 
begab, um Gericht zu halten, so las er auf seinem Amtssitz Worte 
wie: Brutus schläfst Du, oder: o wärst Du doch ein Brutus, welche 
die Freunde der Freiheit angeschrieben hatten. So verstrickte er 
sich immer tiefer in seinen Wahn und lieh den Einflüsterungen des 
Cassius ein nur zu williges Gehör, betäubte die Stimme seines Ge- 
wissens, btizwang sein Herz, um die Bahn des Mörders zu betreten. 
Als Cassius den Brutus gewonnen hatte, nahm die Verschwörung 
eine feste Gestalt an. Kein Eid, kein Opfer band die Genossen des 
Bundes, dem zuletzt 63 Senatoren und Ritter aus beiden Lagern, 
die sich unter Pompeius und Caesars Fahnen bekämpft hatten, an- 
gehörten. Einig waren sie in ihrem dumpfen Hasse gegen den Ge- 
waltigen, der Alle durch die Macht seines Geistes zu dienendem 
Gehorsam herabgezwungen hatte, mochte den Einen unbefriedigter 



Anensttu 



Ehrgeiz, den Anderen der Verlust reicher Güter oder der Tod ver- 
trauter Freunde und Verwandter, die der Bürgerkrieg dahingerafft 
halte, in ihre Reihen geführt haben. Männer von hohen Gaben 
zählten sie nicht in ihrem Bunde. Nur die Namen Weniger kennt 
die Geschichte, wie die Legaten Caesars im gallischen und im 
Bürgerkriege Trebonius, Deciraus Albinus, Minucius Basilus, Sulpi- 
cius Galba, oder leidenschaftliche Anhänger der Senatspartei, wie 
Pontius Aquila, Quintus Ligarius. Unter diesen ist keiner, der nicht 
die Gnade des Siegers und die Güte des Herrschers erfahren hatte. 
Der Gedanke, durch den Mord des Einzigen den Staat freier Bürger 
wiederzubegründen, leitete keinen als ihr unseliges Haupt, Marcus 
Brutus. So ist denn niemals in der Geschichte das Verbrechen des 
Fürstenmordes aus niedereren Beweggründen und gedankenloserer 
Rachsucht geplant worden. 

Da war es ein Vorfall am Feste der Lupercalien, welcher den 
in feiger Furcht schwankenden Verschworenen einen neuen Antrieb 
zum Handeln gab. Caesar wohnte dem Wettlauf der Luperci, die 
an jenem Tage das Pomerium der palatinischen Stadt umkreisten, 
auf der Rednerbühne bei, umgeben von den Magistraten und dem 
Senate. Als die zu Caesars Ehren eingesetzten Luperci luliani auf 
den Markt einbogen, eilte ihr Vormann, der Consiil Marcus Antonius 
über den Platz weg, schwang sich, nackt und gesalbt, wie er nach 
dem Festbrauch war, auf die Rednerbühne und bot Caesar einen mit 
einem Diadem umwundenen Kranz dar, indem er ihn, den neuen 
Qiiirinus, den Gott des Festes, als König Roms begrüßte. Das 
Unziemliche des Vorgangs, wenn auch ganz in Antonius Art, er- 
regte lautes Mißfallen und verletzte auch Caesar, der den Kranz 
dem besten und höchsten Juppiter darbringen ließ und in die Tafel 
der Götterfeste einzutragen befahl, daß das römische Volk durch 

n Consul Antonius dem Dictator lulius Caesar die Königskrone 
angeboten, dieser sie abgelehnt hätte,. Die klare Absicht Caesars, 
den Verstoß seines Freundes und Mitconsuls zu mildern und dem 
bösartigen Spiele mit dem Königsnamen ein Ziel zu setzen, 
wurde wieder mißdeutet. Gerade mit dem Vorgang am Luper- 
calienfeste rechtfertigten die Morder damals und später ihre Tat. 

Schon hatte Caesar seine Vorbereitungen zum Partherkriege 



I. Caesits ErmorduDg iq 

getroffen, der für das Schicksal des Crassus und seiner Legionen 
Sühne nahmen sollte. Die Notwendigkeit, während seiner Abwesen- 
heit die Leitung des Staates Männern anzuvertrauen, die sich in 
seinen Diensten bewährt hatten, bestimmte ihn, die Consulate auch 
für die beiden folgenden Jahre zu besetzen. Aulus Hirtius und 
Vibius Pansa wurden für das Jahr 43, Decimus Albinus und 
Munatius Plancus für das Jahr 43 zu Consuln designiert. Für die 
übrigen Ämter des Staates behielt sich Caesar die Ernennung der 
Hälfte der Beamten vor. Wie um das Werk der Monarchie zu 
krönen, beschloß der Senat, wieder nach dem Vorbild des helle- 
nistischen Königtums, für die Verehrung Caesars einen Flamen 
lulianus einzusetzen und sein Haus gleich den Tempeln der Götter 
mit einem Giebel zu krönen, dem Juppiter Julius einen Tag der 
Circenses der Ludi Romani zu weihen. Auf den Antrag des 
Consuls Antonius wurde diese neue Religion vom Volke zum Ge- 
setze erhoben. In feierlichem Zuge begab sich der Senat auf das 
Forum Julium, Caesar die Beschlüsse zu überreichen. Er war eben 
damit beschäftigt, für den Bau des Tempels seiner Schutzgöttin, der 
Venus Genetrix, Anweisungen zu erteilen, so daß er es versäumte, 
vor dem herannahenden Senate sich zu erheben. Beides, die Be- 
schlüsse, die nach Caesars Sinn gewesen sein müssen, wie die Miß- 
achtung des Senates, reizten endlich die Verschworenen zur Tat zu 
schreiten. Schon früher hatten sie erwogen, Caesar auf dem Wege 
von seinem Hause auf der sacra via oder bei der Leitung der 
Wahlen auf dem Marsfelde zu ermorden; jetzt entschieden sie sich 
für die Sitzung des Senates, die am 15. März in der Curia des 44». 
Pompeius abgehalten werden sollte. Hier konnten sie den Wehr- 
losen umstellen, ohne Verdacht zu erregen. Stärker noch sprach 
die Feigheit der Mordgesellen, die immer nur für ihr eigenes Leben 
bangten. Denn in der nahegelegenen Porticus des Pompeius konnte 
Decimus Albinus seine gemieteten Fechterbanden während der 
Spiele, die im Theater an diesem Tage abgehalten wurden, zum 
Schutze der Verschworenen versammeln. Lange harrte der Senat, 
in seiner Mitte die Verschworenen voll banger Erwartung, des 
Dictators, den furchtbare Vorzeichen nach dem Glauben der Nach- 
welt, unheilvolle Träume am Kommen hinderten. Denn es erschien 



20 AuguBlos 

späteren Geschlechtern undenkbar, daß die wissenden Götter die 
ruchloseste aller Taten geschehen ließen, ohne den Edeln zu warnen. 
So wurde aus der Mitle der Verschworenen der vertraute Freund 
des DicLators, der Waffengefährte vieler Jahre, Decimus Atbinus, 
entsendet, um das Opfer heranzuführen. Es gelang seiner Über- 
redung, Caesar, den Krankheit am Kommen gehindert hatte, zu be- 
stimmen, daß er sich in seiner Sänfte nach dem Sitzungssaale tragen 
ließ, um den Senat, den er berufen, nicht zu verletzen. An der 
Türe des Saales wurde Antonius, dessen Mut und Entschlossenheit 
die Verschworenen zu fürchten hatten, vonTrebonius im Gespräche 
fesigehalten, während Caesar durch die Reihen des Senates, der 
sich, ihn zu ehren, von seinen Bänken erhoben hatte, auf den Thron- 
sessel zuschritt. Kaum hatte Caesar sich auf seinem Sitze nieder- 
gelassen, als Tillius Cimber vor ihm auf die Kniee sank, um ihn 
anzuflehen, seinen Bruder aus der Verbannung zurückzurufen, und 
die anderen Verschworenen, wie um seine Bitte zu unterstützen, 
Caesar umringten. Da ergriff Cimber, das verabredete Zeichen, im 
Diange seines Flehens den Mantel des Herrschers; in diesem Augen- 
blicke stieß Servilius Casca mit dem Schwerte nach Caesars 
Schulter. Vergebens fiel Caesar mit dem Rufe: verruchter Casca, 
was tust Du, dem Mörder in den Arm und durchbohrte seinen 
Arm mit dem Griffel. Von allen Seiten blitzten ihm die Dolche 
der Verschworenen entgegen. Aus 23 Wunden blutend, sank der 
hohe Mann sterbend vor dem Standbild des Pompeius zur Erde. 

So war das Furchtbare geschehen, die Tat frevelhaften Wahn- 
witzes vollbracht. Der erhabene Geist Caesars erlosch in dem 
Augenblicke, wo sein Lebenswerk erst beginnen sollte. All sein 
gewaltiges Ringen war vergeblich gewesen, am Ziele wurde er 
dahingerafft, als er seine unvergleichlichen Herrschergaben zum 
Heile der Welt betätigen wollte. Die Rachegeister erhoben sich 
an seiner Leiche und stürzten das römische Volk in neue blutige 
Wirren, Vergeltung übend an Schuldigen und Unschuldigen. Und 
die Alleinherrschaft, die die Befreier, wie sie sich nannten, hatten 
austilgen wollen, sie erstand über dem Grabe des ersten Kaisers 
von neuem. Nicht die Staatsform stand in Frage, sondern wer das 
blutbefleckte Diadem sich um das Haupt winden sollte. 




2. Das Consulat des Marcus Antonius 



Brutus hatte in seiner Verblendung erwartet, daß der dankbare 
Senat die Tat, die ihn aus unwürdiger Knechtschaft erlöste, be- 
wundernd preisen w.erde. In feierlicher Sitzung sollte der Senat das 
Andenken des Tyrannen ächten, seinen Leib den Fluten des Tiber 
überantworten. Beim Anblick der blutbefleckten Dolche floh der 
Senat von der Leiche weg hinaus auf die Straße und aus dem nahen 
Theater drängte die Menge, welche die Kunde von dem Morde 
erreich! hatte, in angstvoller Eile ins Freie. Die Schrecken einer 
Stadt, die mitten im Frieden von einer Räuberschar überfallen wird, 
verbreiteten sich in Rom. In den menschenleeren Straßen be- 
festigten die Bürger ihre Häuser, um Mord und Raub abzuwehren. 
Denn es schien unmöglich, daß die Mörder anders als an der Spitze 
der entlassenen Soldaten, die damals in der Stadt versammelt waren, 
das Entsetzliche gewagt, und daß sie diese Haufen anders gewonnen, 
als um den Preis der Plünderung Roms. Die Mörder, allein ge- 
lassen bei der Leiche gleich Henkern, die sie waren, überkam die 
Furcht für das eigene Leben. Von Angst getrieben, eilten sie 
geschützt von den Gladiatoren des Decimus Albinus hinauf auf das 
Capitol, indem sie auf dem Wege die Bürger zur Verteidigung der 
Freiheit aufforderten. Hier auf dem Capitole, wo in so manchen 
Büi-gerkämpfen die Empörer eine Richtstatt gefunden, wäre die 
ganze Rotte beim ersten Angriff vernichtet worden, hätte ihnen 
eine Partei mit einem selbstbewußten Haupte gegenübergestanden. 
So aber lähmte der gleiche Schrecken wie die einfachen Bürger 
auch die gesetzlichen Träger der Staatsgewalt. Selbst der Consul 
Antonius war in dem Gewände eines Sclaven entflohen und hielt 
sich in seinem Hause verborgen. Mitten aus der Betäubung, die 
über Rom lag, drang zu den Mördern die Kunde, zwei der ersten 




2 2 AugustuE 

Beamten des Staates, der Prälor Cornelius Cinna und der desi- 
gnierte Consul Cornelius Dolabella hätten auf der Rednerbühne ihn 
Tat gepriesen. So ermutigt stiegen sie selbst auf den Markt 
hinunter, wo Brutus vor einer zusammengelaufenen Menge Neu- 
gieriger der Sache der Freiheit das Wort redete. Frostig, unge- 
lenk, die Gemeinplätze seiner politischen Theorien aneinander- 
reihend, vermochte er keinen Beifall zu entfesseln. Da wichen sie 
wieder zurück hinter die sichernden Mauern des Heiligtums. Dort 
fanden sich im Dunkel des Abends viele Glieder der Adelspartei 
zusammen, denen, im Haß gegen den Dictator mit den Mördern 
einig, der Mut zur Tat gefehlt hatte, um ihnen jetzt ihren Rat zu 
leihen. Vergebens drangen Weitsichtige, wie Marcus Cicero darauf, 
daß Brutus als Praetor urbanus sofort den Senat berufe. Schwach- 
herzige Bedenken, die Brutus schon daran gehindert hatten, den 
Gefährlichsten aller Anhänger Caesars, Antonius, dem toten Ge- 
bieter nachzusenden, lähmten jeden Entschluß. Dieses feige Ge- 
schehenlassen offenbart die ganze Nichtigkeit einer Partei, die wohl 
einen Wehrlosen zu morden wagte, aber in dem Augenblick, wo 
sie sich um jeden Preis in den Besitz der Staatsleitung liätte 
setzen sollen, sich selbst verloren gab. Man einigte sich endlich, 
Gesandte an Antonius und Aemilius Lepidus zu senden. 

Die Laune des Zufalles hatte die Entscheidung, die nicht durch 
Worte gefunden werden konnte, in die Hände dieses gänzlich un- 
fähigen Mannes gelegt. Denn Lepidus stand vor den Mauern 
Roms an der Spitze eines Heeres, das dazu bestimmt war, ver- 
sprengte Häuf en pompeianischer Soldaten in Spanien zu vernichten. 
Er allein gebot in diesem Augenblick über das Schwert, das in 
diesen Zeiten für Recht und Gesetz galt. Als Antwort auf die 
Aufforderung der Mörder führte er seine Soldaten vom Marsfeld, 
wo sie lagerten, in die Stadt und besetzte den Markt. Dadurch war 
die Macht den Anhängern Caesars zugefallen; die Mörder, auf dem 
Capitol abgeschnitten, glichen Belagerten. Um die Lage zu klären, 
fanden am folgenden Tage Beratungen im Hause des Consuls 
Antonius statt, an denen die designierten Consuln Hirtius und 
Pansa, sowie Lepidus und andere Führer der Caesarianer teilhatten. 
Nur Decimus Albinus wagte es unter dem Schutze seiner Gladia- 



. Das Consnlat des MattOl Antonios 



23 






toren in die Stadt herunterzusteigen und verhandelte durch Hirtius 
mit der Gegenpartei, Nicht mehr die Rettung des Staates, sondern 
nur die eigene Sicherheit begelirten sie durch den Besitz der Pro- 
vinzen, die Caesars Gnade ihnen zugedacht hatte. Im Rate der 
Caesarianer drang Lepidus darauf, durch einen Sturm auf das 
Capitol mit den Mördern ein Ende zu machen. Nicht die Scheu 
vor Blutvergießen, sondern das Bedenken der anderen Häupter, sich 
gan,! dem Lepidus zu überliefern, rettete die Mörder, Antonius 
bestimmte Lepidus zum Nachgeben, indem er den Eiteln mit dem 
schimmerndsten Reste von Caesars Kleide, dem Oberpontificate, zu 
schmücken versprach. Seiner Zustimmung sicher ergriff Antonius 
als gesetzliches Oberhaupt des Staates mit Festigkeit die Zügel der 
Herrschaft. Um dem Gefühl gesetzloser Unsicherheit zu steuern, 
das auf der Stadt lastete, befahl Antonius allen Magistraten, die 
ganze Nacht auf den Plätzen ihrer regelmäßigen Amtstätigkeit zu 
verweilen. Bewaffnete durchzogen die Straßen und die Flammen 
mächtiger Holzstöße erleuchteten das Dunkel der Nacht, Durch 
ein Edict entbot der Consul den Senat für den nächsten Morgen 
zur Beratung in den Tempel der Tellus. Noch in derselben Nacht 
hatte Antonius der Gemahlin Caesars die Auslief erung der Papiere 
und der Schätze des Dictators abgezwungen. Durch sein ent- 
schlossenes Auftreten als Erbe von Caesars Macht hatte er auch 
die öffentliche Meinung für sich gewonnen. Diese Meinung bestand 
in den Stimmen der Veteranen Caesars, die zu Tausenden in Rom 
versammelt waren. Teils harrten sie hier in fester Gliederung des 
Augenblicks, wo sie in die für sie bestimmten Colonieen abgeführt 
werden sollten, teils waren sie aus den Landstädten Italiens herbei- 
geeilt, um dem Dictator bei seinem Auszug in den Partherkrieg 
das Ehrengeleite zu geben. In diesem Augenblicke bildeten sie für 
Antonius ein Gegengewicht gegen die geschulten Truppen des 
Lepidus, Antonius wußte seine Stellung zu befestigen mit dem 
Drucke, den diese durch den Tod des vergötterten Feldherm wild 
Erregten auf die haltlose, unsichere Partei des Senates ausübten. 
Denn die Veteranen fürchteten für den sicheren Besitz ihrer Sieges- 
beute und von jedem sittlichen Treueverhältnis hatten sie sich in 
der furchtbaren Schule des Bürgerkrieges losgesagt. 



2^ Auf^ntttu 

Als sich die Senatoren am nächsten Morgen um die zehnte 
Stunde in den Tempel der Tellus begaben, da zeigten ihnen die 
wogenden Mengen der Veteranen, die den Markt erfüllten, welches 
Schicksal ihnen drohen konnte. Auch Dolabella, der zwei Tage 
vorher den großen Toten auf offenem Markte geschmäht hatte, fand 
sich ein und erhob den Anspruch, als zweiter Consul anerkannt zu 
werden. Antonius hatte früher durch erdichtete Vorzeichen Dola- 
bellas Wahl gegen Caesars Wunsch zu hindern gewußt. Jetzt 
räumte er dem verhaßten Rivalen um Caesars Gunst willig den 
Vorsitz an seiner Seite ein, um der Gegenpartei kein scheinbares 
Haupt zu geben. Noch am Tage vorher war Antonius gegen alle 
Bitten des Decimus Albinus, die Mörder als Beamte des Staates 
anzuerkennen, taub geblieben. Jetzt fügte er sich der Forderung, 
daß auch ihnen das verfassungsmäßige Recht an den Beratungen 
teilzunehmen eingeräumt werde und ließ die Ladung an sie ergehen; 
Er wußte wohl, daß sie es nicht wagen würden, angesichts der 
Veteranen, die den Markt füllten, ihren geheiligten Zufluchtsort zu 
verlassen. Dennoch schien es so, als ob der Senat das Werk der 
Befreiung durch die Billigung des Mordes krönen werde. Der lang- 
verhaltene Groll redegewandter Parlamentarier, die der einzig- 
gebietende Wille des Herrschers zur Bedeutungslosigkeit verurteilt 
hatte, machte sich Luft durch wohlgesetzte Anträge auf Beseitigung 
aller Regierungshandlungen des Tyrannen, um sein Andenken zu 
ächten; ja einige Heißsporne der Partei des Senates gingen so weit, 
die Ehrenzeichen ihrer Amter von sich zu werfen, weil sie die 
Wüiden nur aus den Händen des freien Volkes empfangen wollten. 
Aber der Sturm dieses heißbewegten Redekampfes wurde bald über- 
tönt durch die Rufe der vor dem Sitzungssaal sich sammelnden 
Veteranen, in welchen sich die Forderung, die Landverteilung zu 
sichern, mit dem Verlangen nachRache für denCemordeien drohend 
mischten. Antonius eilte mit Lepidus hinaus auf den Markt, um die 
Ruhe der Beratung zu schützen. Nachdem er den Aufruhr gestillt, 
kehrte er zurück in den Senat mit der Mahnung, das Erreichbare 
nicht über dem Gewünschten zu vergessen. Nicht nur die An- 
hänger Caesars, alle, die sie hier im Saale versammelt waren, sie 
dankten die Ämter, auf denen ihr Einfluß im Staate beruhte, nur 



3, Das CoDsulat des Marcus Antonius 

dem Willen des Toten. Den Toten verdammen, hieß sich selbst 
verdammen, mit einem Schlage alle die ehrgeizigen Hoffnungen, die 
ihren Hader entfesselten, vernichten. Zwei Achselträgern beider 
Parteien gelang es endlich, den Ausweg aus diesem Wirrsale zu 
finden durch ein Wort. Der Senat beschloß auf den Antrag des 
Lucius Munatius Plancus und Marcus TuUius Cicero Vergessenheit 
des Geschehenen. In diesem Beschlüsse lag der Ausdruck der 
völligen Ratlosigkeit, das Eingeständnis, daß das Werk des Toten 
fortbestehen sollte. Wenn die Senatoren an diesem Beschlüsse, der 
die Entscheidung, die kein Rat zu finden wußte, in Wahrheit den 
Schwertern anheimstellte, kein Genüge fanden, sondern noch in 
einer besonderen Bestimmung die Gültigkeit der Ackeranweisun- 
gen an die Veteranen feststellten, so erkauften sie damit wenig- 
stens die ungefährdete Rückkehr in ihre Häuser. 

Eins war noch übrig, die Ausgestoßenen auf dem Capitol in 
die Gemeinschaft des Staates wieder aufzunehmen. Auch diesen war 
inzwischen die Erkenntnis gekommen, daß nicht der Wille des freien 
Volkes, sondern die Stimme der Veteranen über ihr Schicksal ent- 
scheiden werde. Auch sie hatten eine Versammlung der Veteranen 
auf das Capitol entboten und mit ihrer Versicherung, daß ihnen die 
Landaufteilung heilig sein werde, nicht minder Beifall gefunden als 
der Senat mit seinen Beschlüssen im Tempel derTellus, So war es 
nur die Feigheit des Gewissens, welche die Mörder an jenem denk- 
würdigen 17. März bestimmte, erst gegen Stellung von Geisein, den 
Kindern des Antonius undLepidus, das Capitol zu verlassen. Die 
Vergessenheit des Geschehenen war, wenn auch nicht ehrlich, so 
doch dem Anschein nach vollständig, als die Häupter der feind- 
lichen Parteien noch an demselben Abend sich zu einem Friedens- 
mahle vereinigten. 

Wer konnte an jenem Abend verkennen, daß das edle Blut 
Caesars ganz umsonst geflossen war? Die Leidenschaften, die er 
mit mächtiger Hand niedergehallen, waren von Neuem entfesselt. 
Furchtbar tönt in diesem Vorspiel des letzten Bürgerkrieges die 
Grundstimmung wieder, die ihn zu dem entsetzlichsten machen 
sollte, der je Italien und die Provinzen des Reiches verwüstet hatte. 
In. diesem Kriege sollte nicht mehr der Wille der Führer, sondern 



das Schwert des gemeinen Soldaten allein entscheiden, und dieses 
Schwert war für jeden zu haben, der den Preis bezahlen wollte. 

Demjenigen Manne, dessen große Gaben der Dunst dieser 
Soldatesca befleckte, der sich eins mit ihr fühlte in wilder Tat- 
kraft und rohen Begierden, dem echten Sohne des Bürgerkrieges, 
war auch die höchste Gewalt im Staate zugefallen. Es war der 
Consul Marcus Antonius. Er überragte alle Anhänger Caesars 
schon durch die Entschiedenheit, mit der er die Macht des toten 
Herrschers an sich zu reißen willens war. Geboren unter Sullas 
Gewaltherrschaft, herangewachsen in der sittlichen Zerrüttung des 
hohen Adels, dem er angehörte, erfuhr er den ersten Einfluß seiner 
Jugend in dem Kreise der verkommenen Gesellen, die in Catilina 
ihr Haupt und ihr Vorbild fanden. Doch ihm, der von einem 
ehrlosen Vater eine tiefe Schuldenlast als einziges Erbe über- 
nommen, verdarben zügellose Ausschweifungen nicht die Kraft des 
Leibes und des Geistes. Dies trat bald hervor, als er unter Gabinius 
auf dem Raubzug nach Ägypten als Fuhrer der Reiterei, die 
fortan immer die Lieblingswaffe auch des Feldherrn geblieben ist, 
hinauszog, um ein Vermögen zu erjagen. Sein Mut, seine Kühnheit, 
sein lauter Frohsinn beim üppigen Gelage, wie eine derbe Gut- 
herzigkeit, gewann ihm rasch die Gemüter der Soldaten. Zurück- 
gekehrt nach Rom wandte er sich dem glänzenden Gestirne Caesars 
zu. In seinem Lager hoffte er zu finden, was er allein begehrte, 
Macht und Mittel zum sinnlichen Lebensgenuß. Schon als Legat 
Caesars diente er in Gallien mit Auszeichnung und entfesselte dann 
in dem von Caesar gewollten Augenblicke mit allzuviel Geräusch 
den Bürgerkrieg. Das höchste Verdienst erwarb er sich, als er 
Caesar zum entscheidenden Kampfe die Legionen nach Epirus nach- 
führte. So lag es in seiner Hand, der Erste unter den Dienern • 
Caesars zu bleiben. Nach der Schlacht von Pharsalus zum Statt- 
halter des Dictators in Italien ernannt, untergrub er durch ein un- 
reines Genußleben und wüste Verschwendung auch seine politische 
Stellung. In Ungnade gefallen, die er durch seinen wilden Trotz 
noch steigerte, erlangte er erst nach dem Siege von Munda die 
Verzeihung des allzumilden Herrschers, Auch wollte Caesar bei 
dem Mangel höherer Begabung unter seinen Anhängern die Unter- 




■. Das CoDsoIat des M^cus Antonius 



27 



Stützung dieses persönlich zuverlässigen Mannes nicht entbehren. 
Zum Consul für das Jahr 44 ernannt, störte er wieder durch Un- 
bolmäßigkeit und Übereifer die Zwecke Caesars. So war der Mann 
beschaffen, der sich plötzlich als Herrscher Roms sah und doch 
keinen besseren Anspruch besaß auf die höchste Würde im Staate 
als den Zufall, der ihn zunächst an den leeren Thron gestellt hatte. 
Aber die unvergleichliche Gunst des Augenblickes nützend, sah er 
sich in seinem Kraftgefühl allen Gegnern überlegen und gedachte 
die über alles Erhoffen reiche Beute mit dem Schwert, das er zu 
führen verstand, gegen eine Welt in Waffen zu verteidigen. 

Denn sein Mitconstil Dolabella, den schon in Caesars Gefolg- 
schaft nichts als der bisher unerfüllte Wunsch, seiner Schuldenlast 
ledig zu werden, geleitet hatte, kannte kein höheres Ziel des Lebens 
als die Freuden einer üppigen Tafel. So war er gewonnen als 
Antonius auch ihm die Schatzkammer des Staates zu freiem Ge- 
brauche öffnete. Hinter diesem glänzenden Doppelgestirn adeliger 
Verlotterung traten die bescheidenen Verdienste ehrenhafterMänner 
wie der designierten Consuln des folgenden Jahres im Senate völlig 
zurück. Auch sonst waren die Reihen des Senates durch den Bürger- 
krieg furchtbar gelichtet. Niemals hatte in der Geschichte Roms 
diese erlauchte Körperschaft so durch den Mangel an Talenten ge- 
glänzt. Soweit die Mitglieder des Senates in den Reihen der Mörder 
gestanden hatten, mußten sie bald vor Antonius' Gewaltherrschaft 
ganz vom Schauplatz weichen. Aber auch die Häupter der Mittel- 
partei, die, den Schmerz über den Sturz des Senates im Herzen, 
der Leitung Caesars sich gefügt hatten, wie Servilius Isauricus, 
Servius Sulpicius, Calpurnius Piso, Lucius Caesar und Marcus 
Cicero, geboten über keine Macht, die nur der Besitz der Heere 
SU geben vermochte. 

Wieder gefiel es der Laune des Zufalles, daß die Entscheidung, , 
wie die Kämpfe in der Hauptstadt sich auch abspielen mochten, in 
den Händen jenes Aemilius Lepidus lag. Doch scheint erst Antonius, 
als er die Verteilung der Provinzen nach Caesars Tod durch Senats- 
beschluß regelte, dem willenlosen Helfer des 17. März die Doppel- 
statthalterschaft der Gallia Narbonensis und Hispania cicerior mit 
einem Heere von vier erprobten Legionen übertragen zu haben. 



L 



28 



Auenitni 



In dieser Stellung hinderte er AsinJus PoUio und Munatius Plancus, 
denen Caesar die Statthalterschaft von Hispania ulterior und GaUia 
comata verliehen hatte, an jedem selbständigen Handeln. Denn 
selbst ihren vereinten Heeren von fünf Legionen war er gewachsen, 
da er jederzeit die Veieranen, die Caesar in seinen Provinzen 
angesiedelt hatte, unter die Waffen rufen konnte. Diese Vorsicht 
des Antonius war geboten, da die beiden Statthalter dem Senate 
günstig gesinnt waren. Sicher konnte der Senat nur auf den Caesar- 
mörder Decimus Albinus zählen, der mit einem Heere von zwei 
Legionen die Gallia Cisalpina verwalten sollte. Aber auch er 
wurde durch Vatinius, der mit drei Legionen in Illyricum stand, 
in Schach gehalten. Nichts zu hoffen hatte der Senat von den 
Heeren der weiter entfernten Provinzen, da die Entscheidung in 
Italien fallen mußte, ehe sie aufgeboten waren. An sich neigten 
diese Heere wie ihre Führer dem Senate zu. Denn die Heere ge- 
hörten alle jenen Legionen an, die Caesar erst in den letzten Jahren 
aufgestellt hatte; auch waren sie nicht durch die Schule der Bürger- 
kriege gegangen. Deshalb fehlte ihnen die kriegerische Kraft, 
welche die Heere des Westens unbesiegbar machte. Überdies waren 
die Statthalter durch ihre eigentümliche Lage am entschlossenen 
Handeln gehindert. In Macedonien standen außer dem Heere des 
Statthalters Quintus Hortensius von einer Legion neuer Truppen 
noch sechs Legionen, von Caesar für den Partherkrieg bestimmt, die 
dem Statthalter nicht gehorchten. In Syrien hatte sich schon im 
Jahre 46 eine Legion, die Caesar aus Soldaten des Pompeius ge- 
bildet, empört, den Statthalter Sextus lulius Caesar erschlagen und 
den Pompeianer Caecilius Bassus zum Feldherrn ausgerufen. Dieser 
wurde um die Zeit von Caesars Ermordung in Apameia von drei 
Legionen unter Staius Murcus belagert. Zu seiner Unterstützung 
traf später Marcius Crispus aus Bithynien mit drei Legionen ein. 
Auch aus dem nahen Africa konnte der Senat keine Hülfe er- 
warten, da die Statthalter der beiden Provinzen einander feindlich 
gegenüberstanden. 

So schwach der Senat an Streitkräften war, gegenüber der 
Gewaltherrschaft, die Antonius erstrebte, wäre das gute Recht eia 
starker Schild gewesen. Da war es die unheilbare Verbindung mit 



1. Dal ConmUl de« Mamu Antonlni 



29 



den Mördern, die das Ansehen des Senates vollkommen brach. Wie 
sollten selbst die billig Denkenden im Senate Vertrauen finden bei 
den caesarisch gesinnten Heeren des Westens, wenn der Fluch der 
unseligen Tat dem Namen des Senates unauslöschlich anhaftete ? So 
hatten auch alle Versuche des Senates, die Heere der Provinzen 
gegen Antonius aufzurufen, keinen Erfolg, und es blieb ihm keine 
Stütze als der ehrloseste aller Mörder, Decimus Albinus. 

Durch den Tod des Trägers der außerordentlichen Gewalt war 
der Freistaat in seinen Formen wieder hergestellt. Die regelmäßigen 
Beamten, der Senat und die Versammlungen des Volkes traten 
von selbst wieder in ihr verfassungsmäßiges Recht, sobald die 
Führer der Heere die Verfassung achten wollten. 

Die Haltung des Staatsoberhauptes Marcus Antonius, unter 
dessen Leitung die Beschlüsse des Senates gefaßt wurden, mußte 
über den Frieden im Reiche entscheiden. Wie wenig aber Antonius 
Sinn auf Friede gerichtet war, läßt sein Streben erkennen, die zu- 
verlässige Stütze, die die Senatsherrschaft in Rom und in den 
Provinzen an den Mördern besaß, zu vernichten. Bei der Beratung 
über die Verteilung der Statthalterschaften hatte er es erreicht, 
daß ihren Häuptern, Brutus und Cassius, die Provinzen, welche 
ihnen Caesar nach der Verwaltung der Praetur zugedacht hatte, 
Macedonien und Syrien, nicht zugesprochen wurden. Aber zunächst 
noch nahmen die Morder teil an den Sitzungen des Senats, waren 
Mitglieder der Regierung. Neue Stürme, die die Leichenfeier für 
Ciiesar entfesselte, bedrohten ihre Sicherheit und zwangen sie, 
bald aus Rom zu weichen. Schon in der Senatssitzung im Tempel 
der Tellus hatten die Freunde der Mörder an den Schwiegervater 
Caesars, Calpurnius Piso, die Aufforderung gerichtet, das Testa- 
ment Caesars zu unterdrücken, seine Leiche im Geheimen zu be- 
statten. Piso weigerte sich, den Toten noch im Grabe zu beschimpfen. 
So wurde das Testament im Hause des Antonius eröffnet. Sein In- 
halt war eine neue Anklage gegen die Mörder, eine Mahnung an das 
Volk, seines milden Herrschers zu gedenken, Caesar hatte seinen 
Großneffen Gaius Octavius zu seinem Haupterben eingesetzt und 
ihn zugleich an Sohnes Statt angenommen. Unter den Nacherben 
zweiten Grades, die zu bedenken römische Sitte forderte, war neben 



L 



Antonius der Mörder Decimus Albinus genannt und dem römischen 
Volke hatte der Dictator seine Gärten jenseits des Tiber bestimmt, 
sowie die Summe von 75 Denaren für jeden Bürger, Die Last 
dieses Legates fiel auf den Erben Gaius Octavius, der in dem 
fernen ApoHonia weilte, wo ihn die Kunde von dem Tode des 
Oheims kaum erreicht haben konnte. 

Das Leichenbegängnis Caesars auf Staatskosten, das der Senat 
beschlossen hatte, mit dem ganzen Prunke der öffentlichen Trauer- 
feier ausgestattet, bot Antonius willkommenenAnlaß, denH aß gegen 
die Mörder im Volke zu erregen; als Consul und Verwandter des 
Toten hatteAntonius für denFreund und Amtsgenossen die Leichen- 
rede auf dem Forum zu halten. Hier war neben der Rednerbühne 
ein Gerüst aufgeschlagen, die Nachahmung des Tempels der Venus 
Genetrix, Hinter den Säulen der Tempelhalle erblickte man das 
wächserne Abbild des Toten auf einem Ruhebett hingestreckt, 
zu dessen Häupten, gleich einem Siegeszeichen aufgerichtet, das 
blutbefleckte, von den Dolchen der Mörder zerfetzte Amtskleid, 
So war der Schauplatz vorbereitet. Die Leichenrede des Antonius 
erschütterte in ihrer überladenen Fülle und dem Schmucke gewalt- 
samer Bilder um so sicherer die ungebildeten Hörer und wurde eine 
einzige Anklage der Mörder. Wie man dem Toten die Liebe und 
Treue gehalten, die Senat und Volk ihm so oft gelobt, furchtbar 
wurde es klar, als Antonius diese Beschlüsse angesichts der Leiche 
verlesen ließ. Aber nicht er war es gewesen, so versicherte der 
Redner, der gerechte Rache gehindert, sondern jene, und er wies 
auf den versammelten Senat hin, die es vorgezogen, zu verzeihen. 
Schon mehrten sich in der Menge die Zeichen des Unwillens, da 
trat Antonius an die Bahre heran, pries des großen Mannes Taten, 
beweinte den edlen Freund und entfaltete zuletzt das blutige Ge- 
wand. Mächtig schwollen jetzt die Klagerufe an und verkündigten 
den nahen Sturm. Jetzt begann unter den traurigen Klängen der 
Flöten das Leichenspiel. Als der Chor die Worte aus dem Ajax 
des Pacuvius sang: „habe ich sie deshalb gerettet, um durch ihre 
Hand zu fallen", erhob sich plötzlich das wächserne Abbild des 
Toten und zeigte den Leib des Toten von 23 Wunden entstellt. 
Das Volk, durch diesen Anblick zur Raserei entflammt, stürmte 



von der Leichenfeier weg nach den Häusern der Mörder, um an 
den Schuldigen das Strafgericht zu vollziehen. Mit Mühe durch 
auf gestellte Wachen abgewiesen, fluteten sie zurück auf den Markt. 
Jetzt wollten sie den Toten auf demCapitol oder in der Curie ver- 
brennen, wo er unter den Dolchen der Mörder gefallen war. An 
beiden Orten durch Bewaffnete zurückgewiesen, errichteten sie auf 
dem Forum einen mächtigen Scheiterhaufen, in dessen Flammen 
die Mimen ihre Prachtgewänder, die Soldaten die reichverzierten 
Waffen und Ehrenzeichen, selbst Frauen und Kinder ihren Schmuck 
warfen. Der lodernde Brand, welcher eine Zeitlang die Gebäude 
des Forums bedrohte, wurde den Mördern ein Zeichen, daß ihres 
Bleibens nicht länger in der ihnen feindlichen Hauptstadt sei. 

Antonius war es selbst gewesen, der der drohenden Plünderung 
Einhalt getan. Aber als Brutus, Cassius und Andere durch ihre 
Freunde ihn bestürmen ließen, für ihre Sicherheit zu sorgen, da 
lautete die trostlose Antwort, der Consul könne sich nicht für ihr 
Leben verbürgen. So begann nun die Flucht der Mörder aus Rom, 
Glücklich waren noch die zu nennen, denen die Ehrenstellen, die 
sie in den Provinzen bekleideten, gestattetet!, mit dem Scheine des 
Rechtes Rom zu verlassen. Aber die Häupter der Mörder, Brutus 
und Cassius, zwangen die Pflichten des Amtes, das sie an Rom 
fesselte, auszuharren. Die Stimme des Volkes, die Brutus zur Tat 
gemahnt, sie war verstummt. Noch erschienen sie auf einige Zeit 
auf dem Markte, um die Gunst der Veteranen zu erbetteln, indem 
sie gegen die Bestimmungen von Caesars Ackergesetz in den Verkauf 
der zugewiesenen Ländereien willigten. Aber schon in der ersten 
Hälfte des April verließen auch sie gebrochenen Mutes, die Ver- 
zweiflung im Herzen, für immer das undankbare Rom. 

Der Aufruhr, der bei dem Leichenbegängnis Caesars empor- 
gelodert war, wirkte, von Antonius mit eiserner Hand niederge- 
halten, im Geheimen weiter und bedurfte nur eines Antriebes, um 
von neuem auszubrechen. Der bot sich dar, als ein Abenteurer 
auftrat, der der Menge für einen Enkel des alten Marius, also 
für einen nahen Verwandten Caesars galt. Seines Zeichens ein 
Roßarzt, namens Herophilus, hatte er sein freches Spiel schon 
einmal versucht. Während des spanischen Krieges fand er in Rom 



und Italien raschen Zulauf, bis Caesar dem Treiben durch seine 
Verbannung aus Italien ein Ende setzte. Nach dem Tode des 
Dictators kehrte er nach Rom zurück und warb in der schwülenf 
Luft des kaum erstickten Aufruhrs rasch beim niederen Volk« 
einen Anhang, als er dem toten Oheim auf der Brandstätte de* 
Forums einen Altar errichtete. Die täglichen Opfer, die er ihn! 
darbrachte, trieben die Unruhen in immer weitere Kreise. Da 
ließ Antonius, dessen soldatischem Sinn solches Treiben wider- 
strebte, den Schwindler greifen und im Gefängnis töten. 

Die Zeiten, wo der Pöbel in Aufständen dem Staate seinen 
Willen aufzwang, waren für immer vorüber. Nicht davon erwartet« 
Antonius sein Heil, sondern es war sein Wunsch, die Gemäßiglea 
beider Parteien zu gewinnen, um auf gesetzliche Weise die Machj 
zu behaupten. Bald nach der Leichenfeier rief er selbst eineB 
Beschluß des Senates hervor, der die Wiederkehr der Dictatur ver- 
pönte und ließ ihn durch das Volk zum Gesetze erheben. Noch 
größer war sein Entgegenkommen, als er die Vollziehung der in 
Caesars Nachlaß vorhandenen Verfügungen ganz der Entscheidung 
desSenates überließ. Auf.'Vntrag desFQhrers derGemäßigten,Serviu5 
Sulpicius,beschloß denn auch derSenat.daß keineSteuerbef reiungea, 
Schenkungen und sonstige Privilegien aus Caesars Nachlaß rechts- 
gültig sein sollten. Der gesetzliche Zustand fand einen Ausdruck 
in der Prüfung jenes Nachlasses durch einen Ausschuß des Senates. 
Kein leeres Wort, wie der noch erhaltene Freundschaf tsvertrag mit 
dem jüdischen Staate beweist. Der Senat atmete auf, die drohende 
Wolke der Gewaltherrschaft hatte sich nicht entladen, die Sonne 
des Friedens schien seinen Beratungen zu leuchten. Da wollte der 
Kampf wieder ausbrechen, als die Consuln die Provinzen Syrien 
und Macedonien für sich forderten. Nicht ohne den Schein des 
Rechtes. Denn an beiden Grenzen drohte der Krieg, den Caesar 
selbst hatte führen wollen. An der Donau galt es, die Übergriffe- 
der Dacer zurückzuweisen, in Syrien, an den Parthern Vergeltung* 
zu nehmen. Aber mit den Provinzen fielen die dort versammelten,, 
starken Heere den Statthaltern zu, die ihnen ein dauerndes Über- 
gewicht geben mußten. Den berechtigten Widerstand des Senates 
brach Antonius, indem er Dolabella Syrien durch einen Beschluß 



■ Do« Conmlat des MsKns Antonios 



33 



des Volkes übertragen ließ. Er erzwang nach dem Vorbild Caesars, 
das ihn sein ganzes Leben äffen sollte, von dem eingeschüchterten 
Senat für sich die Provinz Macedonien. Da schien es, daß er das 
Ziel seines Ehrgeizes erreicht hätte, und die Sorge um den Bestand 
der Verfassung wenigstens hinausgeschoben sei. So verließen die 
einflußreichsten Mitglieder des Senates Rom, den lieblichen Früh- 
ling Italiens in ihren Villen am Golfe Neapels zu genießen. 

Auch auf dem Wege, den Antonius bisher beschritten, war die 
Krone zu gewinnen, vielleicht ohne den blutigen Zwang des Bürger- 
krieges, Aber weise Voraussicht, langerwogenes Handeln lag nicht 
in seiner Natur, Er hatte die gesetzliche Form gewahrt, solange 
aus der Schatzkammer des Staates die Mittel flössen, seine und 
seiner Anhänger Begehrlichkeit zu stillen. Doch in wenigen Wochen 
waren die Schätze, obwohl Antonius auch über Caesars reiches 
Erbe als sein Eigentum verfügte, 700 Millionen Sesterzen, die Caesar 
angesammelt hatte, in Nichts zerflossen. Den Abgrund seiner nie 
zu sättigenden Begierde zu füllen, sah er kein anderes Mittel, als 
aus dem Nachlasse Caesars immer neue Ströme Goldes zu schöpfen. 
Gesetze, Freibriefe, Schenkungen, Bürgerrechtsverleihungen, Privi- 
legien aller Art entstiegen unter der geschickten Hand von Caesars 
Geheimschreiber Faberius dieser nie versiegenden Quelle, und das 
Geld der Begünstigten zerrann ebenso schnell in den Händen des 
Antonius. Denn die Leitung des Staates ließ Antonius Muße ge- 
nug, seiner Sinnenlust zu fröhnen im Kreise würdiger Genossen, 
die ihm den Raub verjubeln halfen. So wurde er immer weiter 
gediängt auf der gesetzlosen Bahn und gezwungen bewaffnete 
Helfer zu werben. Dazu bot ihm die Vollziehung von Caesars 
Ackergesetzen willkommenen Anlaß. Auch dieses unvollendete 
Werk des Dictators hatte der Senat und das Volk durch neue Ge- 
setze befestigt. Die Ausführung lag in den Händen der Consuln 
und eines Ausschusses, der aus ihren gefügigsten Werkzeugen ge- 
bildet war. Durch grenzenlose Freigebigkeit bei der Verteilung von 
Ländereien, die den Veteranen Caesars zugedacht waren, war An- 
tonius sicher, einen Heerbann zu werben, den keine Zweifel des 
Gewissens banden. Deshalb begab er sich Ende April nach 
Campanien, auch hier durch sein zügelloses Leben die Würde des 



s* 



Augusttu 




Staates, dessen Oberhaupt er war, in den Kot schleifend. Abel 
seine Tatkraft blieb davon unberührt und bald rüstete er sich a 
einem neuen Schlage, der ihn der Gewaltherrschaft näher bringe! 
sollte. In die Stille der Bäder ron Bajae drang die Nachricht, daJ 
der Consul, hinter dessen wildem Leben man keine gefährlichen 
Pläne vermutet hatte, sich mit einem bewaffneten Gefolge v<m 
Veteranen zu umgeben begann, deren Zahl mit jedem Tage stieg 

Mit diesen Banden, die gleich ihrem Führer das mit den] 
Schwert gewonnene Gut rasch verpraßten, rückte Antonius geget 
die Hauptstadt heran, die wehrlos dalag. Vorerst gedachte Antoniu 
sich dieser Helfer zu bedienen, um Senat und Volk Roms beschließe 
zu lassen, was ihm gut dünkte, Angesichts der gezückten Schwerte 
wagten es denn auch viele der Gemäßigten nirht, nach Rom zurück- 
zukehren. In der Senatssitzung, die Antonius auf den i. Juni anb» 
räumt hatte, entschieden die Stimmen seiner Anhänger, und gleich 
zeitig wurde auf dem Forum durch dasVolk ein Gesetz angenommen 
das die Dauer der Statthalterschaft des Antonius und des Dolabelli 
auf fünf Jahre verlängerte. Wieder ist es Caesars Vorbild, das An' 
tonius einfach nachahmte, der in der ebensolang befristeten Statt 
halterschaft Galliens den Entscheidungskampf vorbereitet hatte 
Aber für Antonius bedeutete auch diese Maßregel nur einen Schrit 
weiter auf dem Wege, seine Gewaltherrschaft auf dem Bodei 
Italiens selbst zu begründen. 

Was seinen Banden Zusammenhalt gab, war der Wunsch, d^ 
bei den gemeinen Soldaten lebendiger war als bei den hochadeligei 
Führern, Rache zu nehmen für die Ermordung Caesars. Aber nocl 
immer hielten sich die Häupter der Mörder in der Nähe Roms auf, 
noch immer hing Brutus an dem törichten Wahne, daß die Stimme 
des Volkes sie, die Retter des Freistaates, in die Heimat zurück- 
berufen werde. Die ApoUinarspiele des Juli, die er abwesend mif 
dem größten Glänze ausstattete, sollten, wie er meinte, die Erhebung 
der Hauptstadt zu seinen Gunsten hervorrufen. Um sie ganz aus , 
Italien wegzuscheuchen, erwirkte Antonius am 5. Juni beim Senate' 
Beschluß, der Cassius und Brutus beauftragte, an den Küsten- 
Asiens und Siciliens für den Staat Getreide aufzukaufen. Es war, 
dies nichts anderes als eine Verbannung aus Italien und ein Beweis, 



, DuirConmlat da Marcoi Antonliu 



35 



daß selbst die Gemäßigten die Trennung von den Mördern als eine 
politische Notwendigkeit empfanden. So sahen sich Cassins und 
Brutus von ihrer eigenen Partei verlassen und ergingen sich in 
schmähenden Edicten gegen den gesetzlosen Consul, der ihres 
Grimmes lachte. Den Auftrag zu vollführen, weigerten sie sich, 
und doch vermochten sie sich nicht loszureißen von dem Schauplatz 
ihres Verbrechens, Nachdem Antonius diesen Schlag gegen die 
Mörder mit williger Zustimmung des Senates geführt, hatte, galt es 
die Versprechungen zu erfüllen, durch die er die edeln Krieger 
Caesars an sich gelockt. Ein neues Ackergesetz seines Bruders, 
des Volkstribunen Lucius Antonius, bedachte die Veteranen mit 
neuen Landschenkungen, die nichts anderes sein konnten als ein 
Raub an den Besitzenden. Um jeden Widerstand, den die Eigen- 
tümer bei der Verteidigung ihres Bodens in gesetzlicher Weise zu 
leisten vermochten, niederzuschlagen, wurde aus geraeinen Soldaten 
eine dritte Abteilung von Geschworenen gebildet, die alle Streitig- 
keiten, die aus der Durchführung des Ackergesetzes entstanden, 
entscheiden sollten. Immer deutlicher zeigte sich Antonius als das, 
was er war, kein Staatsmann, sondern ein Bandenführer, der mit 
seinen Genossen den Staat wie eine Beute teilte. 

In der Gunst der Veteranen neu befestigt, wagte Antonius den 
letzten Schritt, um die Gewaltherrschaft der Soldatesca über Italien 
dauernd zu machen. Anstelle der Provinz Macedonien begehrte er 
jetzt für das folgende Jahr Gallia cisalpina, das in diesem Augen- 
blicke der Caesarmörder Decimus Albinus verwaltete. Der Besitz 
dieser Provinz auf fünf Jahre gab ihm auch die Herrschaft über 
Italien, Das Vorbild Caesars hatte ihn gelehrr, wie rasch die 
Legionen vom Po die Hauptstadt erreichten. Sollte auch Decimus 
Albinus im folgenden Jahre das Consulat bekleiden, so konnte doch 
niemand erwarten, daß er den Besitz der Provinz und des Heeres, 
das ihm allein Sicherheit des Lebens verbürgte, dem Rächer Caesars 
einräumen werde. Nur mit Gewalt konnte er gezwungen werden, 
auf die Fortführung seiner Statthalterschaft über die gesetzliche 
Frist hinaus zu verzichten. So bedurfte Antonius eines Heeres und 
forderte zu der Provinz auch die Legionen, die in Macedonien 
standen. Vom Senate konnte Antonius die Zustimmung zu dieser 

3' 



36 



ADgutlua 



offenen Entfesselung des Bürgerkrieges nicht erwarten. Aber c 
Volk von Rom, durch die Schwerter der Veteranen über 
politische Notwendigkeit belehrt, gab seine Zustimmung. Ein 
dieser Legionen, die quinta Alaudae, ließ Antonius sofort nad 
Italien übersetzen. Sie war von allen für seine Zwecke die 
brauchbarste. Von Caesar aus Galliern gebildet, erst im Laufe da 
Büigerkrieges für tapferes Verhalten zu Römern geadelt, bliebi 
sie für das Leiden, das sie über ein fremdes Volk bringen konnten, 
vollkommen gleichgültig. Die anderen Legionen beabsichtigte .' 
tonius erst heranzuziehen, wenn der Buchstabe des Gesetzes ihm 
nach Ablauf des Jahres die Statthalterschaft der Galüa cisalpina 
eröffnete. 

Der Schlachtruf, mit welchem Antonius die alten Caesi 
legionen ins Feld zu führen gedachte, war die Rache für den Er^ 
mordeten. Seit der Leichenfeier Caesars hatte Antonius keinen 
Grund gefunden, seine Liebe zu dem Toten zu betätigen. 
Gegenteil: das Andenken Caesars war ein Vorwurf mehr gegen 
seine Staatsleitung, die alle politischen Fragen mit roher Gewalt 
enischied. Auch war ein Anderer und Besserer hervorgetreten, 
Caesars Großneffe Octavius, der die Pietät gegen den Toten mit 
tiefem Ernst vertrat. Jetzt besann sich Antonius plötzlich, daß er 
selbst den Lebenden durch ein Gesetz zum Gotte erhöht hatte. Vor 
den Augen seines Heeres galt es also, dem Gott die langversäumtea 
Ehren zu erweisen. In nichts hatte dieser Gott sein Wesen herr- 
licher offenbart als in seiner Siegeskraft, die den Widerstand der 
Feinde zerschmetterte. So sollte denn dieses Heer, in dem die 
Siegeskraft des Feldherrn weiterlebte, jeden neuen Sieg mit einem 
Gedenktage des Gottes feiern. Wahrlich, das Spiel war plump und 
widerwärtig genug, und man begreift es, daß ein feinsinniger Manii 
wie Cicero in der Senatssitzung des i, September an einer solchen 
Gaukelei keinen Anteil haben wollte. Und doch, der historisch so 
bedeutsame Widerstreit beider Männer entsprang dieser rein 
ästhetischen Frage. Bald sah sich Antonius, den von allen Tugen- 
den die Geduld am wenigsten zierte, zu rascherem Handeln ge- 
drängt. Jener Knabe Octavius, er fühlte es, er wuchs zu einem 
gefährlichen Gegner heran. 



2. Das CoDsnlat dci Marcu* Antoniae 



37 



Gaius Octavius entstammte dem Landadel Italiens, der auch in 
den Bürgerkriegen die Tugenden der Römer nicht verlernt hatte. 
Sein frühverstorbener Vater zeichnete sich in hohem Maße aus 
durch die Tugend der Besonnenheit und einen rechtlichen Sinn. 
Sie waren das Erbe des Sohnes, Seine Mutter Atia, eine Nichte 
Caesars, hatte den zarten Knaben erzogen mit milder, weicher Hand. 
Die Reinheit des Gemütes rettete ihre liebevolle Hut dem Kinde, 
das der Zufall seiner Geburt über alle Erdensöhne erhoben hatte. 
Frühzeitig hatte ihn Caesar herangezogen, der in ihm seinen Erben 
sah, und an Caesar, dem Vorbilde aller Herrschertugenden, schulte 
sich schon das politische Urteil des Knaben. Kaum zum Jünglinge 
herangereift, erhielt er von Caesar die äußeren Ehrenzeichen vor- 
nehmer Römer, wie den Pontificat und die Siegeszeichen im africa- 
nischen Triumphe. Den Krieg hätte er im Gefolge Caesars in 
Spanien kennen lernen sollen, wo er, durch Krankheit zurück- 
gehalten, erst nach dem Siege eintraf. Aber noch war er in den 
Augen des Dictators der Schule nicht entwachsen. Während Caesars 
letzter Regierungszeit weilte er in dem stillen ApoUonia, wo der 
Unterricht ausgezeichneter Gelehrter mit der Unterweisung im 
Kriegsdienst durch die waffengewohnten Legionen Macedoniens 
wechselte. Hier traf ihn, im Kreise seiner Jugendfreunde, die er 
aus den Söhnen der einfachsten Bürger gewählt hatte, die Nach- 
richt von der Ermordung Caesars. 

Trotz der Bedenken seiner Umgebung entschloß er sich zur 
Fahrt nach Italien, um das Erbe des Toten anzutreten. In Lupiae 
gelandet, ging er nach Brundisiura, wo ihn die zahlreichen Heeres- 
teile, die in diesem Hafen der Einschiffung nach Macedonien harr- 
ten, freudig als Erben und Sohn des Dictators begrüßten. Auch auf 
seine- Reise durch die italischen Colonien Caesars reihte sich 
Huldigung an fluldigung. Der Stimmung der Veteranen seines 
Vaters war er gewiß. Aber während seines Aufenthaltes in dem 
Hause seiner Mutter in Bajae erkannte er, wie wenig die Großen 
des Reiches gewillt waren, die stillen Hoffnungen des Knaben zu 
erfüllen. Noch weniger ermutigend klangen die Nachrichten aus 
Rom, wo Antonius mit frecher Willkür das Erbe Caesars an sich 
gerissen hatte. 



3» 

Da zwang ihn der Werbezug des Antonius, zu handeln. Er 
erschien in Rom und forderte von dem Praetor Gaius Antonius, 
dem zweiten Bruder des Consuls, die Anerkennung seiner Adoption. 
Denn das Gesetz erforderte, daß die Adoption, die durch das 
Testament erfolgt war, ein Beschluß der Curien bestätigte. Gaius 
Antonius weigerte sich und verschob die Entscheidung bis auf die 
Rückkehr seines Bruders. Nicht minder übelgesinnt war ihm der 
Volkstribun Lucius Antonius, Doch ließ er sich endlich bewegen, 
eine Contio zu berufen, in der sich Octavius vor dem Volke als 
Erbe Caesars bekannte und die Auszahlung der Legate zusagte. 
Für die Antonier war ein solches Tun des Knaben nur ein Gegen- 
stand des Spottes. Der Consul, der nicht nur die Kasse Caesars 
geplündert halte, sondern auch mit den Statuen und Kunstwerken 
seine eigenen Häuser und Villen geschmückt hatte, hintertrieb nach 
seiner Rückkehr das Curiatgesetz durch das alte Rechtsmittel der 
tribunicischen Intercession. Den gerechten Forderungen des Octa- 
vius setzte Antonius bei einer Zusammenkunft nur die Ausbrüche 
seiner üblen Laune entgegen. Bald sah sich Octavius bei der 
Übernahme der liegenden Güter Caesars, die ihm nicht verweigert 
werden konnten, in lästige Rechtsstreitigkeiten verwickelt, die ein 
parteiisches Gericht, von dem Praetor Gaius Antonius beeinflußt, 
stets gegen ihn entschied. 

Aber den Namen „Caesar", den ihm dieAntonier mißgönnten,er 
hat ihn doch getragenl Und so heißt er fortan in der Geschichte. 
Gerade die Grundstimmung in Antonius Gemüte, jeden Wider- 
stand durch rohe Gewalt zu beseitigen, gab dem Auftreten des 
jungen Caesars erst politische Bedeutung. Denn der zarte; Jugend- 
schöne Mann mit der Bescheidenheit seines Alters und dem tiefen 
Blick des besonnenen Verstandes gewann die Herzen wie das Ver- 
trauen. Die Veteranen Caesars scharten sich immer "dichter um 
den Sohn und Erben ihres Feldherrn. Als Antonius sich so weit 
vergaß, Caesar, der vor dem Volke die verzögerte Auszahlung der 
Legate rechtfertigte, mit Gewalt von der Rednerbühne zu reißen, 
und ihn als frechen Aufrührer ins Gefängnis zu werfen drohte, da 
war das Maß voU. Die Veteranen, die Caesar folgten, erklärten 
sich im Namen ihres neu gewählten Führers als Partei. Sie er- 



, Dat CoDBoIat dw Maicm Antonliu in 

zwangen eine Zusammenkunft auf dem Capitol, wo Caesar und 
Antonius mit ihrem bewaffneten Gefolge erschienen und sich die 
Hand zur Versöhnung reichten. Auch hatte Antonius es nicht 
verhindern können, daß Caesar im Juli die Siegesspiele des 
Dictators mit besonderem Glänze beging. Denn sein ganzes Ver- 
hältnis zu Caesars Veteranen, auf dem seine Macht beruhte, hätte 
er gefährdet. Diejenigen unter den Anhängern des toten Dic- 
tators, die in Wahrheit seine Freunde gewesen waren, wie der 
edle Matius, unterstützten den Sohn bei der Feier der Spiele und 
schlössen sich ihm immer näher an. Während der siebentägigen 
Dauer des Festes leuchtete ein Comet am nächtlichen Himmel. 
Dieses Zeichen übler Vorbedeutung wurde in der kriegsschwangeren 
Luft der Zeit zum Beweis, daß der Geist des Dictators zu den 
Göttern entrückt sei. Das Sidus Julium, es leuchtete am Himmel 
Sieg seinem Sohne in dem drohenden Kampf. Niemand wurde von 
diesem Glauben tiefer erfaßt als der junge Caesar, der, von der 
Macht der Gestirne überzeugt, sein ganzes Schicksal vorausbestimmt 
sah. Diesem Glauben im Innersten huldigend, weihte Caesar in 
dem Tempel der Stammmutter des iuli sehen Geschlechtes ein 
Standbild des Dictators, auf dessen Scheitel ein Stern erglänzte. 
Im Irdischen wurde das Vorzeichen eine Mahnung mehr, den 
Willen des Toten zu erfüllen. Mit der äußersten Anstrengung, 
auch das Vermögen seiner Freunde und Verwandten ver- 
brauchend, gab er dem Volke die letzte Spende des Dictators, 

Die Stimmung wurde Caesar dem Sohne immer günstiger, 
Antonius verfiel nun auf die späte Ehrung des vergötterten 
Caesars, deren oben gedacht wurde. Und doch fühlte er sich 
dem so rasch zur Macht emporgewachsenen jungen Caesar im 
politischen Kampfe schon jetzt nicht gewachsen. Er entschloß 
sich, das ganze Heer aus Macedonien übersetzen zu lassen und den 
Kampf gegen Decimus Albinus vor der Zeit zu beginnen. Hier 
im Felde, seiner eigentlichen Gaben sich bewußt, hoffte er den 
blutigen Lorbeer sicher zu erringen, den ihm der jugendliche 
Gegner nicht wieder entwinden sollte. Vor seinem Abgang zum 
Heere ersann er noch die freche Lüge, Caesar hätte ihm durch 
gedungene Mörder nach dem Leben getrachtet. 



So hatte Antonius Anfangs Oktober die Losung 2um Bürgi 
kriege gegeben. Der Kampf Aller gegen Alle hatte begonnen. 
Wehe dem, der der Schwächere warl Cicero hatte in seinen 
Philippiken das wahre Wesen dieses Kampfes gezeichnet. Denn 
Haß und Angst hatten ihn seit jener Rede, die er in der Senats- 
sitzung des 19. September halten wollte, hellsehend gemacht. Wie 
widerwillig auch die Gemäßigten beider Parteien die Gewalt- 
herrschaft des Antonius erduldet hatten, wo waren die Mittel zum 
bewaffneten Widerstand? Der Senat war bereit, in dumpfer Ver- 
zweiflung sich dem Schicksal zu beugen. Da erhob sich der junge 
Caesar, Gewalt mit Gewalt zu begegnen. Zu seinem persönlichen 
Schutze rief er in Calatia und Casilinum die glorreichsten Legionen 
aus Caesars Heer wieder unter die Waffen. Nichts hatte er ihnen 
zu bieten, als das Versprechen großer Geschenke. Aber der Glanz 
des ererbten Namens umgab ihn und lieh ihm ein Anrecht auf 
den Gehorsam der alten Krieger. Die siebente und achte Legion 
sammelten sich unter ihre alten Adler und bildeten den Kern eines 
Heeres, das mit jedem Tage durch Zuzug aus den Colonien der 
Veteranen an Stärke wuchs. Schwieriger war es für Caesar, das 
Mißtrauen des Senates zu entwaffnen. Und doch bedurfte er der 
gesetzlichen Stütze in dem ungleichen Kampfe. Die Führer der 
Caesarianer im Senate, die ihm bereits früher günstig gewesen 
waren, bestimmten auch die Gemäßigten der Senatspartei, dem 
Knaben, wie man ihn nannte, die stillschweigende Anerkennung 
seines angemaßten Heeresbefehles zu gewähren. Denn als Vor- 
kämpfer der Senatsherrschaft erschien Caesar vor den Toren 
Roms. Nachdem der Tribun Cannutius das Volk über die fried- 
liche Gesinnung der außen lagernden Truppen beruhigt hatte, be- 
trat Caesar die Stadt, um sein Handeln als Notwehr gegen den 
gewalttätigen Consul zu rechtfertigen. Aber diese offene Partei- 
nahme für den Senat, so notwendig die politische Lage sie forderte, 
fand nicht den Beifall seines bewaffneten Gefolges. Sie hatten 
nicht deshalb zu den Waffen gegriffen, um ihren gesicherten Be- 
sitz im Kampfe gegen ihre Waffenbrüder in Antonius Heer zu 
gefährden. So gefahrvoll war die Stimmung, daß Caesar, um 
einem drohenden Zusammenstoße mit Antonius auszuweichen, sein 



1. Dai Conmlat des Marcos Antonina aj 

Heer nach Etrurien führte. Dennqch begannen sich seine Reihen 
zu lichten, bis er den Wankelmut seiner Söldner durch Geldge- 
schenke und neue Versprechungen besiegte. 

Da tat der Verrat in Antonius Heere, den Caesar seit langem 
vorbereitet hatte, seine Wirkung. Jetzt, wo die Krone demjenigen 
zufallen mußte, der den Söldnern das höchste Gebot zu tun ver- 
mochte, büßte Antonius für den Wahnwitz seiner Verschwendung. 
Er, der über die Schätze des Staates verfügte, wagte es bei seiner 
Ankunft in Brundisium, den Legionaren das Bettelgeschenk von 
400 Sesterzen auf den Mann zu bieten. In welchem Lichte erschien 
daneben sein Gegner, der, wie es hieß, sein ganzes Vermögen 
dahingegeben hatte, um seine tapferen Beschützer zu belohnen! 
Um so willigeres Gehör fanden die Abgesandten Caesars mit ihren 
Versprechungen und der Erinnerung an die herrlichen Siege, die 
.sie unter dem großen Träger seines Namens errungen hatten. Die 
Erbitterung der Soldaten, von Caesars Unterhändlern geschickt ge- 
schürt, äußerte sich bald in offener Empörung. Zur Unzeit hand- 
habte Antonius jetzt die ganze Strenge des Kriegsrechtes, ließ die 
Rädelsführer greifen und hinrichten. Wolü beugten sich dieTruppen 
für den Augenblick seinem überlegenen Ansehen; aber er hatte 
damit den Keim des Abfalles gesät, der bald hervorbrechen sollte, 
als Antonius die kaum beruhigten Truppen in Brundisium verließ. 

Die beständigen Fortschritte seines Gegners gestatteten kein 
Zaudern mehr. Nachdem er den Befehl gegeben, daß das Heer 
ihm nachfolgen solle, wandte er sich, begleitet von der ihm un- 
bedingt ergebenen LegioquintaAlaudae in Eilmärschen nach Rom, 
wo er am Abend des 24. Novembers eintraf. Hier hatte er auch 
eine letzte Beratung des Senates anberaumt, indem er jeden Senator, 
der nicht erscheinen würde, als einen Staatsfeind bezeichnete. Als 
er, von seiner Leibwache gefolgt, in die Hauptstadt einzog, war er 
entschlossen, die Acht über Caesar verhängen zu lassen. Da er- 
eilte ihn die Nachricht, daß die berühmteste Legion des Heeres, 
die Martia, auf dem Marsche von Brundisium nach Rom sich in 
das feste Alba am Fucinersee geworfen und hier sich offen für 
Caesar erklärt hätte. So unterblieb die Sitzung des Senates; rasch 
wandte sich Antonius zurück nach Tibur, der dort lagernden 



A2 Auenttut 

Truppen sich durch ein neues Gelöbnis der Treue zu versichern. 
Dann eilte er mit der Reiterei weiter nach Alba Fucens; aber die 
empörte Legion zwang ihn durch Pfeilschüsse von der Höhe 
der Mauer herab zum Rückzug, Wieder nach Rom zurückeilend, 
mußte Antonius trachten, in der Hauptstadt zu einem Ende zu 
kommen, um sein Heer unmittelbar gegen den Feind nach Norden 
zu führen; auf dem Schlachtfelde glaubte er ihrer Treue sicher zu 
sein. So begannen denn am Abend des 38. Novembers die Be- 
ratungen des Senates, Aber die Achterklärung gegen Caesar unter- 
blieb. Denn bereits hatte Antonius Kenntnis erhalten, daß auch 
die Legio quarta unter der Führung des Quaestors Egnaiuleius zu 
Caesar übergetreten war. Nichts als ein Dankfest für vermeintliche 
Siege des Lepidus wurde beschlossen; außerdem bestimmte Antonius 
noch für die Statthalterposten der Provinzen seine zuverlässigsten 
Anhänger. Er mußte es dem Zufall überlassen, ob es ihnen ge- 
lingen werde, ihr scheinbares Recht in wirklichen Besitz zu ver- 
wandeln. Mit einem um die Hälfte geschwächten Heere trat 
Antonius Anfangs Dezember den Marsch gegen Decimus Albinus 
an. Raub und Brand bezeichneten die Spuren seiner zuchtlosen 
Scharen, Es war nicht sein Verdienst, daß noch so viele seiner 
Fahne folgten. Denn die beiden anderen Legionen des macedoni- 
schen Heeres hatten nur aus Abneigung gegen Caesars Sache an 
ihm festgehalten. Diese, die secunda und tricesima quinta, hatte 
Caesar der Vater während des Bürgerkrieges aus den Soldaten der 
besiegten Feinde gebildet. In diesen alten Pompeiussoldaten lebte 
der Haß gegen den Namen Caesars fort, nur bei ihnen halte 
Caesar der Sohn mit seinem erborgten Gelde vergeblich geworben. 
Der triumphierende Auszug des Antonius war in Wahrheit zum 
fluchtartigen Rückzug geworden. Alle die Fehler seiner gewalt- 
samen Politik hatten ihn von dem Ziele seines Ehrgeizes nur ab- 
getrieben. Wenn er endlich doch als Sieger aus dem verzweifelten 
Spiele hervorgehen sollte, so dankte er es nur seinem überlegenen 
Gegner, der gegen ihn gerüstet hatte mit dem Gedanken, das 
Bündnis mit ihm zu erzwingen. 

Die Gewalt der Ereignisse drängte denn endlich auch Brutus 
und Cassius, die bis in den August hinein in Unteritalien gezaudert 




2. Das Consulat des Marcus Antonius 



43 



hatten, zum Handeln. Inzwischen war es dem Einfluß der Frauen 
ihres Kreises gelungen, ihre Verbannung aus Italien zu mildern, 
indem ihnen die Verwaltung der Provinzen Creta und Cypern für 
das folgende Jahr übertragen wurde. Vielleicht, daß sie sich ge- 
fügt hätten, wäre Antonius nicht vor der gesetzlichen Zeit dazu 
geschritten, dem Decimus Albinus Gallia cisalpina zu entreißen. 
Es war der offene Kampf gegen die Partei der Caesarmörder, und 
so griffen auch Brutus und Cassius zum Schwerte. Der Nebel 
falscher Gesetzlichkeit zerriß vor ihren Augen; auch sie traten 
nicht mehr für die Rechte des Freistaates ein, sondern sie forderten 
in dem Kampf um Caesars Erbe den Teil an Macht, den ihnen der 
Tyrann selbst zugedacht hatte. Schon bildete der junge Träger 
des ihnen so verhaßten Namens ein Heer, das ihre persönliche 
Sicherheit bedrohte, als sie die Fahrt nach dem Osten des Reiches 
antraten. Die Schnelligkeit, mit der Brutus in Macedonien, Cassius 
in Syrien als Statthalter anerkannt wurden, zeigt gegen alle Zweifel, 
daß sie sich auf einen Rechtsgrund stützten, der in dieser Zeit für 
voll galt. 



3. Der Krieg um Mutina 

Mit ungeheurer Spannung verfolgte man in ganz Italien die 
Entwicklung der Ereignisse. Was man nicht mehr zu hoffen 
gewagt hatte, das war nun doch eingetreten: Der gewalttätige 
Consul, der mit seinen Scharen die Freiheit des Senates und das 
Eigentum der Bürger bedroht hatte, er wich als ein Überwundenea 
aus Italien. Das starke Heer Caesars, das an der Grenze Umbrie« 
und Etruriens in Spoletium versammelt stand, deckte die Hauptstadt 
gegen jeden Angriff. Die zersprengte Partei der Gemäßigten 
sammelte sich Anfangs Dezember wieder in Rom. Zögernd, aber 
doch darin einig, Antonius Widerstand zu leisten, ging ma 
daran, die gesetzmäßige Regierung wieder ins Leben zu rufen. 

Niemand beteiligte sich an dem Werke der Wiederherstellung 
der Senatsherrschaft mit größerem Eifer als Marcus Tullius Cicero^ 
Der unerschütterliche Glaube an das ewige Recht des Senates, den 
er in seinem Handeln zur Schau trug, entsprang seinem glühenden 
Haß gegen Antonius. Er, der in früheren Zeiten so oft durch die 
Trugbilder seiner Wünsche irregeführt worden war, jetüt erkannte 
er zum ersten Male in seinem Leben mit voller Klarheit die poli- 
tische Lage, Die Gewalt in Antonius Händen bedeutete für Italien 
die Wiederkehr der furchtbaren Tage Sullas, die er in seiner Jugend 
mit Zittern geschaut. Alle Kraft, deren seine Natur fähig war, hat 
er eingesetzt in diesem Kampfe, der nicht nur seiner persönlichen 
Sicherheit galt. Seit den Tagen, wo er als Consul den Aufruhr 
Caiilinas erstickte, hat er sich berufen geglaubt, den Staat zu leiten, 
der verhängnisvolle Irrtum seines Lebens. Der Zwiespalt zwischen 
Wollen und Können wurde eine Quelle unablässiger Leiden für den 
von brennendem Ehrgeiz verzehrten Consular. Er selbst hat die 
Qualen seines Innern, die er in den folgenden Jahren erduldete. 



3- Der Kri^ um Mutina ac 

offen ausgesprochen in dem Briefwechsel mit seinem vertrauten 
Fieunde Atticus, Wir folgen allenSchwankungen einer feinfühligen, 
reizbaren Natur, der es trotz hoher Begabung an der Weite des 
Blickes fehlte, um die Notwendigkeit der Umwandlung des Staates, 
die sich vor seinen Augen vollzog, zu erkennen. Wenn wir klarer 
sehen als Cicero, so danken wir unsere bessere Einsicht nur der 
Weite des Abstandes, die uns von jenen Ereignissen trennt. Des- 
halb geziemt es der historischen Gerechtigkeit wenig, die Anklagen 
gegen Ciceros Kurzsichtigkeit beständig zu häufen und die Beweis- 
mittel ausCicerosFreundesbriefen mit demEifer desCriminalrichters 
zusammenzutragen. Ist Cicero der einzige seiner Zeitgenossen ge- 
wesen, der die politische Lage verkannte, den Wert seiner eigenen 
Persönlichkeit überschätzte? Sein Charakterbild darf in der Ge- 
schichte nicht deshalb zum Zerrbild werden, weil er dank seiner 
unvergleichlichen Stellung in der Literatur seines Volkes der einzige 
antike Mensch ist, den wir wie einen Zeitgenossen kennen. Im 
Grunde genommen entspringt diese schiefe Beurteilung Ciceros nur 
einem Mangel an historischer Perspective. Ciceros Gestalt erscheint 
uns in unmittelbarer Nähe, alle anderen Menschen seiner Zeit 
erblicken wir wie in weiter Ferne. Und doch entwerfen wir 
die Zeichnung in dem Maßstabe der sinnlichen Erscheinung. In 
Wahrheit ist Cicero bis auf die Zeit, indie wir jetzt eintreten, ein 
Parlamentarier von geringem Einflüsse, also ein Mann, dessen Name 
in der politischen Geschichte kaum genannt zu werden braucht. 
Noch verkehrter ist diese hämische Beurteilung Ciceros im psycho- 
logischen Betracht, Einer so leicht erregbaren, von jedem Eindruck 
anders bewegten Natur gerecht zu werden, ist an sich schwer. Es 
fehlt ihr das im Wechsel der Ereignisse beharrende Element, mit 
einem Worte der Charakter, Eine solche Natur ist gewiß zum 
Politiker verdorben. Aber diese Schwäche zum Maßstab der ganzen 
Persönlichkeit zu machen, das historische Bild des Mannes dar- 
nach zu entwerfen, ist völlig verfehlt. Es ist gewiß für den Ge- 
schichtsschreiber von Nutzen, daß er Ciceros Beweggründe kennt, 
wo dieser wirklich handelnd eingreift, aber sonst sind die 
Schwankungen seines politischen Urteiles nur ein Gegenstand seiner 
Biographie. Auch sein Gegensatz zu Antonius ist rein persönlicher 



L. 



Art, der Gegensatz feiner Bildung gegen das Faustrecht rohen 
Gewalt. Auch jetzt ist sein politischer Einfluß nur gering; daniben 
darf doch der Lärm seiner eigenen Reden, während alle ditM 
Leidenschaften, die den Senat durch Monate erschüttertenj föa 
immer verstummt sind, nicht täuschen. I 

Es trat bald zutage, daß Antonius im Senate nicht nur offen« 
und geheime Anhänger zählte, sondern daß vor allem die Partei>l 
der Gemäßigten zu entscheidenden Schritten nicht zu bewegen war»! 
Gerade bei den besten Männern dieser Partei war die Abneigung M 
gegen den Caesarmörder Decimus Albinus, den der Senat in dem I 
Besitz seiner Provinz schützen sollte, stärker als selbst die Furcht 1 
vor Antonius. Decimus Albinus hatte durch Aushebungen sein! 
Heer auf vier Legionen verstärkt und den jungen Truppen in einem 1 
Alpenkriege Gelegenheit gegeben, kriegerische Übung zuerwerbenJ 
Beim Herannahen des Antonius fühlte er sich zu schwach, das Feidfl 
zu halten, und zog sich hinter die Mauern von Mutina zurück. Von ■ 
hier aus hatte er ein Edict nach Rom gesandt, in dem er erklärte, I 
die Provinz in dem Gehorsam des Senates zu erhalten. Als dieses I 
Schieiben am 20. Dezember im Senate verlesen wurde, da zeigte! 
es sich, daß es eine Partei, die die Herrschaft des Senates über diel 
Provinzen verteidigte, gar nicht gab. Nicht nur, daß die designierten ! 
Consuln des folgenden Jahres, Hirtius und Pansa, deren Meinung I 
für den Beschluß entscheidend sein mußte, in der Sitzung nicht I 
erschienen, es fehlte nicht viel, und der Senat hätte den Statthalter, I 
der seine Sache gegen den rebellischen Consul verteidigte, offen! 
verleugnet. Nur mit Mühe erreichte es Cicero, daß der Senat diel 
Haltung des Decimus Albinus billigte, alle seine anderen Anträge,! 
die auf eine sofortige Kriegserklärung an Antonius abzielten, fielenfl 
zu Boden. Entscheidende Beschlüsse verschob man auf den Amts-I 
antritt der neuen Consuln, auf den i. Januar des Jahres 43. I 

Der Krieg, den zu führen oder zu vermeiden man noch beraten I 
wollte, war inzwischen bereits entbrannt, da Antonius Mutina ein-l 
geschlossen hatte, vor dessen Mauern der Kampf Tag für Tag I 
tobte. Das einzige Heer, das den Abzug des Antonius hätte er- I 
zwingen können, stand unter der Führung Caesars bei Spoletium. I 
Durch neue Geldspenden hatte er der Treue dieses Heeres sich I 



3. Der Krieg om M-ntioa ^y 

versichert. Wollte der Senat seine Oberherrschaft in Italien, ja in 
der Hauptstadt selbst ausüben, so konnte er dies nur, indem er 
Caesar in seinem angemaßten Heeresbefehl bestätigte. Denn von 
den Statthaltern der Provinzen war Hülfe für den Senat nicht zu 
hoffen, sie erhöhten nur die Schwierigkeit der Lage. Gleich 
Decimus Albinus hatten auch die Statthalter von Spanien und 
Gallien ihre Heere vermehrt, bereit, in dem beginnenden, kriege- 
rischen Reigen ihren Platz zu behaupten. Der mächtigste von 
ihnen, Aemilius Lepidus, dessen Fahnen jetzt auch drei wieder 
aufgerufene Veteranenlegionen Caesars folgten, stand zu Antonius 
in so vertrauter Beziehung, daß sie kaum von einem Bündnis zu 
unlerscheiden war. Umso weniger waren der wankelmütige Muna- 
tius Plancus und der hochstrebende Asinius PoUio geneigt, ihre 
Hoffnung auf den machtlosen Senat zu bauen. So war Vorsicht 
dringend geboten, sollte die Senatsherrschaft nicht, beim ersten 
Versuch, sie auszuüben, in Nichts zerfallen. 

Diese unklare, ängstliche Stimmung der führenden Partei im 
Senate trat deutlich hervor, als der Consul Pansa am i. Januar 
dem erklärten Haupte der Antonianer Fufius Calenus zuerst das 
Wort bei der Beratung gab. Denn nach römischer Sitte behielt 
er das wichtige Vorrecht bei allen Verhandlungen des Senats für 
die ganze Dauer des Jahres, Die Absicht der leitenden Männer, 
mit Antonius wenn möglich zu einer Verständigung zu gelangen, 
lag in diesem Schritte und rief den Antrag des Calenus hervor, 
Gesandte an Antonius zu schicken, um mit ihm über die Räumung 
derCallia cisalpina zu verhandeln. Was die Gemäßigten erstrebten, 
war Zeitgewinn, um dem Senat ein Heer durch neue Aushebungen 
zu schaffen. Denn die Rüstungen blieben mehr als unvollkommen, 
solange Caesars Heer den einzigen Schutz bildete. Auch schien 
es ja möglich, daß Antonius, wie seine Anhänger behaupteten, nur 
die Sicherung seiner Stellung im Staate über die Zeit seines Con- 
sulates hinaus begehrte. So rasch war jedoch die Mehrheit für den 
Gedanken der Versöhnung nicht gewonnen, da die Gegner des 
Antrages, die die Kriegserklärung an Antonius forderten, in Cicero 
ein beredtes Haupt besaßen. Dennoch siegten am 4, Januar die 
Gemäßigten; Die Gesandten sollten an Antonius die Forderungen 



48 ABgomu 

des Senates überbringen, ohne die ein Waffenslillstand unmöglich 
schien. Antonius sollte die Belagerung von Mutina aufheben, mit 
seinem Heere auf den Boden Italiens zurückkehren und der Stadt 
Rom auf nicht mehr als 40 Meilen sich nähern. Mit anderen 
Worten: er hätte sich der Entscheidung des Senates unterwerfen 
mÜE&en. Wie dieser Beschluß zustande kam, wissen wir nicht;- 
aber er ist ein Beweis, daß Hirtius und Pansa, so ehrenhaft sie. 
waren, so treffliche Soldaten, das Gemeinwesen in so stürmischen 
Zeilen zu leiten nicht fähig waren. Die Wahl der Gesandten zeigte 
so recht das unnatürliche Bündnis, aus dem die Mehrheit des 
Senates hervorging. Es waren Servius Siilpicius, Calpumius Piso^', 
der Schwiegervater des Dictators, Marcius Philippus, der Stief> 
vater des jungen Caesars. Also die Mehrheit gehörte der Partä 
der Caesarianer an und hatte gar keine Neigung, den Caesar^ 
mörder Decimus Albinus zu schützen. 

Unberechenbar stand noch immer Caesar an der Spitze seines' 
Heeres. Die Senatspartei haßte und fürchtete in ihm den Rächer, 
des Toten. Die Caesarianer ertrugen gleich Antonius mit Wider- 
willen den tatenlosen Knaben, der sie zu verdunkeln drohte. Er 
selbst trat bei aller äußeren Zurückhaltung seinem Heere gegen-' 
über als der Erbe des Thrones auf. Seine Machtstellung war sein 
gutes Recht. Nicht vermessener Ehrgeiz war sein hohes Streben, 
sondern das Bewußtsein eines zur Herrschaft einzig befähigten 
Mannes, der an Voraussicht, Klarheit des Wollens und Sicherheit 
des Entschlusses trotz seiner Jugend Alle überragte. Kein Zwang - 
der Verhältnisse hat je ihn irre gemacht an seinem Wege; wo er 
sich zu beugen schien, erkannte er bereits die Mittel, die gesetz- 
losen Gewalten zu bezwingen, und unmerkbar schuf er von Anfang, 
an dem Neubau des Staates, ander hohen Aufgabe, ein durch jahr- 
zehntelanges Leiden zerrüttetes Volk wieder aufzurichten. Was er 
jetzt bedurfte, war sich Raum zu schaffen, um das Ziel sich selbst 
zu setzen. Notgedrungen bewilligte ihm der Senat, dessen Willen er 
nicht zu beeinflussen schien, die gesetzmäßige Gewalt und gab ihm 
ein Anrecht auf den Gehorsam seines Heeres. Als Propraetor sollte 
er unter den Consularen sein Stimmrecht ausüben. Zu Spoletium 
war es, inUmbrien,daß er am /.Januar die Abzeichen des Imperiums 



anlegte, um sie nie wieder abzulegen. Der Tag war der Geburts- 
tag seiner monarchischen Gewalt und wurde als der Tag der Be- 
gründung des Kaiserstaates bis in späte Zeiten gefeiert. Er ertrug 
es, seines Einflusses auf das Heer sicher, daß Hirtius, froh dem 
Ratsaal zu entrinnen, kraft seiner höheren Amtsgewalt den Ober- 
befehl über das Heer übernahm und die beiden macedonischen 
Legionen persönlich führte, Pansa sollte in ganz Italien Mann- 
schaften ausheben, um das Heer des Senates zu verstärken. Vor- 
erst hinderte schon die Jahreszeit kriegerische Unternehmungen, 
auch bedingten die Verhandlungen mit Antonius eine Waffenruhe. 
Für den Ausgang der Gesandtschaf t war es von entscheidender 
Bedeutung, daß der einzige, dem es Ernst war mit der Friedens- 
liebe, der die Hoheit des Senates wirklich zu verteidigen gedachte, 
Servius Sulpicius, der Anstrengung der winterlichen Reise erlag. 
Antonius verweigerte den überlebenden Gesandten mit gutem Recht 
jeden Verkehr mit den Belagerten. Dann stellte er seine Gegen- 
forderungen, denen er durch das laute Getöse des Belagerungs- 
krieges, den er angesichts der mehr als unkrieg jrischen Gesandten 
fortführen ließ, einen kräftigen Nachhall lieh. Es war berechtigt, 
wenn er die Bestätigung der Landanweisungen, die er seinen 
Soldaten zugesichert hatte, vom Senate forderte, und unvermeidlich, 
daß er für alle Gewalttaten seines Consulates, die er Amtshand- 
lungen nannte, keine Rechenschaft geben wollte. Aber es war un- 
erträglich, daß er die Gallia cisalpina nur mit der Gallia comata 
vertauschen wollte und sein Heer von sechs Legionen zu entlassen 
veisprach, wenn er ein neues von gleicher Stärke aufstellte, dessen 
Kern die Legionen des Decimus Albinus bilden sollten. Denn dann 
erreichte er die Entwaffnung des Caesarmörders ohne Kampf und 
gewann noch durch die nahe Verbindung mit seinem Bundes- 
genossen Lepidus. Dem Senat blieb keine Wahl, als den trotzigen 
Ccnsular durch Gewalt der Waffen zur Anerkennung seiner Ober- 
hoheit zu zwingen. Zwar wagten es die Anhänger des Antonius, 
wie Fufius Calenus, einer zweiten Gesandtschaft das Wort zu reden; 
sein Abgesandter Varius Cotyla, der mit den Gegenforderungen in 
Rom eingetroffen war, scheute kein Mittel der Drohung und Be- 
stechung, um dem Antrag im Senate zum Siege zu verhelfen; aber 



5° 






die wahre Absicht des Antonius, seine Macht zu verstärken und 
den Krieg erst recht nach Italien zu tragen, lag klar zutage. So 
beschloß der Senat, das Kriegskleid am 4, Februar anzulegen; das 
Vaterland wurde in Gefahr erklärt und die Consuln angewiesen, 
alle Kräfte des Staates gegen Antonius aufzubieten. Noch hatte 
man nicht die Acht über Antonius verhängt, aber tatsächlich war 
eingetreten, was Cicero bereits am i. Januar als unvermeidlich 
vorausgesagt hatte. 

Ehe der Senat die Beschlüsse gefaßt hatte, waren die Truppen 
des Hirtius und Caesar zum Entsätze des Decimus Albinus gegen 
Mutina vorgerückt. Schon am folgenden Tage, dem 3. Februar, 
traf der Bericht desConsuls ein, daß die Vortruppen des Antonius 
bei Claterna zurückgeworfen seien. Diese Siegesnachricht ent- 
zündete das kriegerische Feuer des Senates, und die Partei des 
entschiedenen Handelns gewann^die Oberhand. Von banger Sorge 
ging man zu leerem Hoffen über. Als ob die Truppen des Antonius 
mit diesem leichten Gefecht bereits vernichtend geschlagen wä 
wurde ihnen volle Verzeihung zugesichert, wenn sie ihren Feld- 
herm bis zum 1 5. März verließen. Die Amtshandlungen des Rebellen 
wurden aufgehoben, er selbst zur Verantwortung gezogen für dea 
Raub am Staatsgute. Aber die Erfolge im Felde enCsprachei 
keineswegs so vernichtenden Worten. Antonius hielt nach wie vor 
Mulina eng eingeschlossen; seine Truppen waren bis Parma 
Norden undBononia im Süden vorgeschoben; durch die überlegene 
Reiterei sicherte er den Zusammenhang seiner weitgedehnten 1 
Stellung. Unbeweglich standen ihm lange Zeit die. Truppen 
des Senates in Ciatema und bei Forum Cornelü gegenüber, ob- 
wohl sie selbst ein Parteigänger des Antonius, Ventidius Bassus, 
mit drei im Picenischen gebildeten Legionen im Rücken bedrohta 
Es scheint, daß Hirtius sich zu einem entscheidenden Schlage 3 
schwach fühlte und das Eintreffen Pansas, der die neugebildetea 
Legionen aus Rom heranführte, abwarten wollte. Schwerer noch 
hemmte Hirtius am Handeln die Mißstimmung im eigenen Heere. 
Gerade die Veteranenlegionen, die 7. und 8., weigerten sich, für deH 
Caesarmörder zu kämpfen. Aber die steigende Not der Einge-i 
schlossenen zwang später Hirtius, näher an Mutina heranzurücken. 



j. Der Krieg um Mutina 



Dem Druck des überlegenen feindlichen Heeres nachgebend, räumte 
Antonius Bononia, verteidigte Jedoch den Übergang über die 
Scultenna, die unmittelbar östlich von Mutina dem Po zufließt, mit 
solcher Zähigkeit, daß Htrtius, den geraden Vormarsch auf Mutina 
wieder aufgebend, die aemilische Straße verließ und weiter nörd- 
lich nahe an Mutina ein befestigtes Lager bezog. Von hier aus 
gelang es ihm, mit Decimus Albinus in Verbindung zu treten und 
wiederholt Lebensmittel in die belagerte Stadt zu werfen. 

Da erhielt er die Nachricht, daß Pansa mit vier neugebildeten 
Legionen in Ariminum eingetroffen sei. Die Gefahr, daß Antonius 
diese ungeschulten Truppen beim weiteren Vorrücken gegen Mutina 
durch einen plötzlichen Angriff vernichtend schlagen würde, war 
groß. So entschloß sich Hirtius, dem Heere Pansas die vielbe- 
wunderte Marti a und Caesars unbesiegbare Cohors praetoria unter 
Sulpicius Galbas und Carfulenus Führung entgegenzusenden. 
Schon waren die vereinigten Heere Pansas bei Bononia einge- 
troffen, als Antonius beschloß, ihnen beim Dorfe Forum Gallorum 
einen Hinterhalt zu legen. In der Nacht vom 13. zum 14. April 
überschritt er mit den beiden raacedonischen Legionen und zwei 
praetorischen Cohorten die Scultenna. Eine dieser praetorischen 
Cohorten gehörte d^m Heere des Marcus Silanus an. Lepidus 
hatte Silanus mit einem HeeresteU nach Oberitalien entsendet, 
um Antonius zu beobachten, worin für ihn nur eine Aufforderung 
lag, zu Antonius überzugehen. 

Der Damm der aemilischen Straße führte zwischen Bononia 
und Forum Gallorum durch ein sumpfiges, mit hohem Buschwerk 
bestandenes Gelände; Antonius gedachte den Gegner auf dem 
Marsche durch diese Enge anzugreifen. Als am folgenden Morgen 
die Legio Martia und die prätorischen Cohorten Caesars und Pansas, 
die zuerst aus dem Lager von Bononia aufgebrochen waren, dem 
Dorfe Forum Gallorum sich näherten, erblickten sie vor dem Dorfe 
Reiterabteilungen des Feindes, Von ungestümem Kampfeseifer ge- 
trieben ging Pansas Heer zum Angriff vor. Da entwickelten sich 
die Legionen des Antonius zu beiden Seiten des Straßendammes, 
zum Teil im hohen Schilfrohr und im Gebüsch verborgen, während 
die prätorischen Cohorten aus dem Eingänge des Ortes hervor- 



5' 



Angustui 



biachen. Völlig überrascht hielten die Veteranen Pansas dem An- 
griff stand, rechts vonder Straße traten acht Legionscohorten dem 
Feinde entgegen.auf demStraßendamme selbst focht die pratorische 
Cohorte Caesars, links von der Straße zwei Legionsco horten und 
die pratorische Cohorte Pansas. Die Schlacht war in vollem Gange, 
alsFansa bei seinem Heere eintraf und persönlich die Führung des 
am meisten gefährdeten linken Flügels übernahm, in der Mitte be- 
fehligte Carfulenus, den rechten Flügel Galba. In dem blutigen 
Ringen wurde die 35. Legion des Antonius von den Mars Soldaten 
zum Weichen gebracht. Da warf sich Antonius mit seinen Reitern 
dem siegreich vordringendenHeere Pansas entgegen ; die pratorische 
Cohorte Caesars, die nicht vom Platze wich, wurde zusammen- 
gehauen und auch der linke Flügel, im Rücken bedroht, zurück- 
gedrängt. In diesem gefahrvollen Augenblick wurde Pansa, der in 
den ersten Reihen gefochten hatte, zum Tode getroffen, vom 
Kampfplatz getragen. Der Fall des Feldherm entschied den 
Rückzug des ganzen Heeres, Trotz des Nachdrängens der Feinde 
gingen diese schlachtgestählten Krieger in dem schwierigen Ge- 
lände in guter Ordnung zurück, als die jungen Truppen, denen 
Pansa aus dem Lager von Bononia nachzufolgen befohlen hatte, 
in vollem Laufe auf die Kämpfenden stießen. Ohne einen Augen- 
blick zu stehen, wandten sie sich, so rasch sie gekommen waren, 
wieder zur Flucht, die Speere gegen ihre Kameraden schleudernd, 
Sie sammelten sich erst hinter den Wällen des Lagers, die sie 
besser schützten als ihr eigener Mut, Die Veteranen dagegen boten 
dem Feinde vor den Schanzen, die sie in geschlossener Ordnung 
erreichten, von neuem die Stirne. 

Die Verfolgung endete bei Bononia, und in vollem Siegesjubel 
kehrte das Heer des Antonius nach Mutina zurück. Da ereignete 
sich das Unerwartete für Sieger und Besiegte, Hirtius war auf 
die Nachricht von dem Kampfe, der bei Forum Gallorum tobte, mit 
der 7. und 4, Legion aufgebrochen und stieß am späten Nachmittag 
auf die sorglos dahinziehenden Scharen des Antonius. Ehe diese 
noch Zeit gewonnen hatten, sich zur Schlacht zu ordnen, wurden 
sie angegriffen und unter furchtbaren Verlusten auseinander- 
gesprengt. Alle ihre Fahnen fielen bei der vernichtenden Niederlage 



3. Der Krieg um MallnB 



53 



in die Hände des Feindes, Daß dieser Kampf mit solcher Er- 
bitterung ausgefochten wurde, lag in dem tiefen Hasse der Streiter 
begründet. Denn die Caesarsoldaten übten Vergeltung mit dem 
ganzen Ingrimm langgenährter Feindschaft an den Soldaten aus 
Pompeius Heer, die noch mit dem Blute ihrer besiegten Kame- 
raden befleckt waren. Nur mit Hilfe seiner überlegenen Reiterei 
gelang es Antonius, wenigstens einen Teil seines Fußvolkes wieder 
zu sammeln und das Lager vor Mutina zu erreichen. Lucius 
Antonius hatte am gleichen Tage die Werke des Senatsheeres 
vor Mutina angegriffen. Aber weder vermochte er die Aufmerk- 
samkeit des Hirtius zu täuschen, noch die Schanzen zu zwingen, 
die Caesar mit geringer Macht tapfer verteidigte. 

In Rom hatte sich schon am 20. April ein Gerücht verbreitet 
von dem Siege, den Antonius an der Scultenna erfochten hätte. 
Aber der Jubel der Antonianer, welche gegen Cicero den Vorwurf 
erhoben, er wolle sich in seiner Verzweiflung zum Dictator auf- 
werfen, wurde bald zunichte, als am späten Abend ein Schreiben 
des Consuls Hirtius eintraf, das den glänzenden Sieg von Forum 
Gallorum meldete. Was Ciceros Beredsamkeit bisher vergeblich 
dem ängstlichen Senate hatte abringen wollen, die Ächtung des 
Marcus Antonius, war die unmittelbare Folge des entscheidenden 
Sieges. Für die Feldherrn wurde ein fünfzigtägiges Dankfest be- 
schlossen und der Imperatortitel, Belohnungen für die Lebenden, 
ein öffentliches Begräbnis für die Toten. 

Gleich darauf fiel auch die letzte Entscheidung vor Mutina. 
Was Dccimus Albinus auch verbrochen hatte, in der zähen Ver- 
teidigung Mutinas bewies er den Feldherrn aus Caesars Schule. 
Aber die Not war in der belagerten Stadt so furchtbar geworden, 
daß Hirtius und Caesar durch einen Angriff auf die Werke des 
Antonius den Entsatz erzwingen mußten. Am Morgen des 2t. April 
gelang es ihnen, die langen Linien des Antonius an einer Stelle zu 
durchbrechen, wo der sumpfige Boden es unmöglich gemacht hatte, 
die Befestigungen zu schließen und so ihre Vereinigung mit dem 
au!-fallenden Heer des Decimus Albinus zu vollziehen. Vergeblich 
warf Antonius den vordringenden Feinden seine Reiterei entgegen; 
der Angriff wurde abgewiesen, und die aus den weitgedehnten 



54 



AngDttot 



Werken einzeln hervorbrechenden Legionen des Antonius wurden 
geschlagen. Immer enger zogen die Sieger den Ring um das 
Hauptlager des Antonius zusammen. In der Schlacht, die zuletzt 
zwischen den engen Wällen des Lagers ausgefochCen wurde, soll 
die vierte Legion von Antonius Alaudae aufgerieben worden sein. 
Hirtius selbst fiel im Handgemenge vor dem Feldhermzelte des 
Antonius, mit ihm der Caesarmörder Pontius Aquila und andere 
vornehme Männer. Unter dem Schutze seiner Reiterei entrann An- 
tonius in der Richtung auf Regium Lepidum dem Gemetzel, das mit 
der vollständigen Auflösung seines Heeres endete. Nur die Legio 
quinta Alaudae hielt auch nach der Niederlage fest bei den Fahnen 
zusammen. Das führerlose Senatsheer verlor wenige Tage nach 
der Schlacht auch seinen zweiten Feldherrn. Pansa erlag in Bononia 
seinen Wunden, Beide trefflichen Männer starben als Opfer der 
neuen Art des Krieges, die den Feldherrn ihren Platz anwies in 
den Reihen der Kämpfer, Auch Caesar hatte an diesem Tage 
mitten im Getümmel des Kampfes den Adler einer weichenden 
Legion gegen den Feind getragen. Für ihn war der Verlust der 
wohlgesinnten Consuln ein herber Schlag; er verlor an ihnen die 
Stütze, die er in der Partei des Senates besaß, die Mittler^ die eine 
Versöhnung mit Antonius hätten anbahnen können. 

Dem Anscheine nach war der Sieg des Senates entscheidend 
und vollständig. Die Erwartung war durchaus berechtigt, daß es 
Antonius nicht gelingen werde, den schützenden Kamm der Alpeo 
zu erreichen. Bei einer entschiedenen Verfolgung mußte er trotz 
all seiner Fähigkeit der Truppenführung in wenigen Tagen in die 
Hände der Sieger fallen. Mehr noch als die Erfolge auf depi 
italischen Kriegsschauplatz waren die Nachrichten, die aus dem 
Osten eintrafen, geeignet, die Siegeszuversicht des Senates zu 
steigern. Hier hatten Brutus und Cassius noch in letzter Stunde 
die Tatkraft gefunden, die sie nach dem Morde gänzlich vermissen 
ließen. Die Anordnungen über die Provinzen, die Antonius ge- 
troffen, mißachtend, waren sie, wie früher erzählt wurde, im 
Herbste des Jahres 44 nach Osten unter Segel gegangen und 
hatten, vom Glück begünstigt, sich in den Besitz ihrer Provinzen 
Macedonien und Syrien gesetzt mit allen Streitkräften, die in 



3- Der Krieg am Mulios ^e 

jenen Landschaften versammelt standen. Schon im Frühjahr 43 
waren die Nachrichten über die gebietende Stellung, welche die 
Caesarmörder im Osten gewonnen hatten, nach Rom gelangt. 
Aber vergeblich hatte sich bisher Cicero bemüht, die Anerkennung 
des Senates für das eigenmächtige Ttin der Befreier zu erlangen. 
Jetzt erst, nach der Schlacht von Mutina, wurden sie als Statt- 
halter der ganzen Östlichen Reichshälfte bestätigt. 

Minder rein war der Himmel im Westen. Alle Bemühungen 
des Senates, die Gunst der Statthalter von Spanien und Gallien zu 
gewinnen, waren vergeblich geblieben. Ehrenbeschlüsse und Dank- 
feste für Verdienste, die diese Statthalter sich um die Sache des 
Senates erworben haben sollten, hatten sie doch nicht bestimmt, 
während der Kämpfe in Oberitalien aus ihrer zuwartenden Stellung 
herauszutreten. Die Entscheidung lag jetzt bei Aemilius Lepidus; 
trotz seiner kläglichen Schwäche hatte er seine Parteinahme für 
Antonius offenbart in einer Zuschrift an den Senat, in der er zum 
Frieden mahnte, und noch mehr durch die Entsendung eines 
Heeresteiles, der in der Schlacht von Forum Gallorum an der Seite 
des Antonius gefochten hatte. Welchen Eindruck die Niederlage 
auch auf Lepidus geübt haben mochte, Antonius kannte seinen Mann 
genau; er wußte, als er der Provinz des Lepidus zufloh, daß er hier 
seine Verluste mehr als ersetzen würde. Diese Vereinigung zu ver- 
hindern, Antonius früher zu vernichten, ehe er die Lager des 
Lepidus erreichte, war die dringendste Forderung, sie mußte das 
Schicksal des Senates entscheiden. Cicero, der in diesen letzten 
Tagen der Senatsherrschaft die Leitung des Staates an sich riß, 
war sich der ganzen Bedeutung des Augenblickes auch bewußt. 
Aber bei dem Versuch, das Ziel, die Vernichtung des Antonius, zu 
erreichen, trat die ganze Unnatur des Bündnisses erst zutage, dem 
der Senat seinen scheinbaren Sieg zu danken hatte. Ich habe früher 
dargelegt, wie es kam, daß die wahrhaften Freunde des Dictators 
und der Erbe seines Namens vereint Schlachten schlugen und Siege 
gewannen, um den Caesarmörder Decimus Albinus einem gerechten 
Gerichte zu entziehen. Jetzt waren die Consuln, die das Bündnis 
des Senates mit dem Rächer Caesars geschaffen und erhalten 
hatten, beide auf dem Felde der Ehre gefallen. Ihr Mitfeldherr 



5» 



Augmtiu 



war der Erbe ihrer Macht, der einzige Befehlshaber des Senats- 
heeres, Alle die Rüstungen, durch die der Senat sich selbst zu 
schützen glaubte, hatten nur dazu gedient, die Macht des Mannes 
zu vermehren, der nach dem Throne strebte. 

Wollte der Senat sich dennoch behaupten, so gab es nur zwei 
Wege, beide gleich unsicher, gleich gefährlich. Er mußte den 
Knaben seines Oberbefehles berauben oder ihm ganz vertrauen. 
Das eine machte den Erben des Thrones zum Herrn, und in seiner 
Hand lag es, die Herrschaft zu gebrauchen wie er wollte; das 
andere forderte einen ebenso kühnen als entschlossenen Führer, der 
die caesarische Gesinnung, die das Heer an den Knaben fesselte, 
zu überwinden wußte. Wie so oft in verzweifelten Lagen, wagte 
man nicht, dem Verhängnis ins Auge zu sehen und wählte einen 
Mittelweg, der um so sicherer ins Verderben führte. Zwei Heere 
standen scheinbar dem Senate zur Verfügung, den Antonius zu ver- 
folgen, das befreite unter Decimus Albinus und die Streitkräfte 
unter Caesars Befehl. Dem Anschein nach waren sie von gleicher 
Stärke; Decimus Albinus zählte sieben Legionen, Caesar acht. Auch 
war Decimus Albinus zwei Tage nach der Schlacht bereits auf der 
aemilischen Straße nach Westen aufgebrochen, während Caesar un- 
tätig bei Eononia stehen blieb. Diese Lage der Dinge mußte den 
Senat bestimmen, Decimus Albinus allein mit der Verfolgung des 
Antonius zu betrauen, da man ihn für stark genug hielt, An- 
tonius zu vernichten. Diesen folgenschweren Irrtum kann nur die 
weite Entfernung des Kriegsschauplatzes entschuldigen. Man war 
in Rom ohne Kenntnis von dem wahren Zustand von Decimus 
Albinus Heer. Hunger und Seuchen hatten es geschwächt, und die 
meisten waren Soldaten, die erst im Laufe der Belagerung ihre 
geringe Schulung erfahren hätten. Mit solchen Truppen war auch 
für den fähigsten Feldherm die Verfolgung eines Gegners, der in 
der Not die ganze Spannkraft seiner kühnen Natur aufbot, keine 
leichte Aufgabe, Noch schwieriger, ja unlösbar wurde sie durch 
die Haltung Caesars, dem die Gunst des Schicksals die Ent- 
scheidung in die Hände gespielt hatte. Nicht die Verfolgung,_ 
sondern das Bündnis mit Antonius erschien ihm als das Ziel, das 
er anzustreben hatte, lange ehe der Senat die entsetzliche Gefahr 



3- Der Krieg « 



57 



einer Vereinigung der Praetendenten auch nur ahnte. Seine neue 
Absicht trat deutlich genug hervor, als er sich zuerst nach dem 
Siege weigerte, in eine Unterredung mit dem Mörder zu willigen 
und den Gefangenen freistellte, zu Antonius zurückzukehren oder 
in seinem Heere Dienst zu nehmen. 

Schwere Besorgnis wurde in Rom wach, als man endlich die 
Lage in Oberitalien richtiger zu erkennen begann. Bereits hatte der 
Senat Fehler auf Fehler gehäuft in der Absicht, Caesar zurück- 
zudrängen. Hatte man doch Decimus Albinus nach dem Siege den 
Triumph bewilligt, Caesar nur die Ovatio. Das entsprach wohl 
dem Range der Feldherrn, wie ihn der Buchstabe des Gesetzes fest- 
stellte; aber wie verkehrt war es, dem gefährlichen Manne durch 
solche Zurücksetzung den Schein des berechtigten Widerstandes zu 
verleihen. Sein Heer halte den Sieg gewonnen, und den von ihm 
aus sicherer Gefangenschaft Befreiten verlieh man die höheren 
Ehren. Den von den Truppen gehaßten Mörder krönte der Senat 
mit dem Höchsten, was das Heer kannte. Wie konnte der Senat 
dann noch hoffen, daß Caesar dareinwilligen werde, die mace- 
donischen Legionen, die dem Befehl des Hirtius unterstanden 
hatten, dem Albinus abzutreten? Die Absicht^ Caesars Macht zu 
schwächen, Jag klar zutage; die Legionen empörten sich gegen 
den Befehl, verschmähten die Geschenke des Senates und zwangen 
Caesai- zum tJngehorsam. Was wollte es dagegen besagen, daß 
Caesar Albinus die gänzlich unbrauchbaren Rekruten aus Pansas 
Heer überließ. Niemand konnte mehr verkennen, daß Caesar der 
Sohn und Caesars Legionen für immer geeint waren. Die nächste 
Folge des hervorbrechenden Zwiespaltes zwischen Caesar und dem 
Senat war, daß sein Heer untätig bei Bononia stehen blieb und 
auch dann sich nicht bewegte, als Venlidius mit drei Legionen, 
die er im Picenischen geworben, Antonius zu Hülfe zog. 

Während der kostbaren Tage, die Albinus mit dem Versuche, 
Caesar durch Verhandlungen zu gewinnen, verlor, hatte Antonius 
unter dem Schutze seiner Reiterei den Rückzug unablässig fort- 
gesetzt. Diesen Vorsprung wieder wettzumachen, war für Albinus 
bei der Erschöpfung seines Heeres um so schwerer, als dem Gegner 
die geringe Zahl seiner Streitkräfte das Entkommen erleichterte. 



58 

So blieben denn seine Anstrengimgen, Antonius von seiner Rüct 
zugslinie abzudrängen, erfolglos. Unter unsäglichen Entbehnmgenj 
in deren Ertragen der Feldherr dem gemeinen Mann durch alle 
Tugenden des Soldaten vorauleuchtete, hatte Antonius, über dep 
Apennin zurückweichend, die nach der Narbonensis führende 
MilitärstraOe gewonnen. Bei Vada Sabalia am ligurischen Golfs 
erreichte ihn Ventidius Bassus mit den picenischen Legionen. Un 
den Feind über die Richtung seines Rückzuges zu täuschen^ 
hatte Antonius im Norden des Apennin Streifscharen zurüclc' 
gelassen. Decimus Albinus ging in die Falle. Obwohl er sich Vad« 
Sabatia am 5. Mai auf einige Meilen genähert und Kenntnis hatte 
von dem Eintreffen des Ventidius Bassus, ließ er sich doch durch 
die Bewegungen dieser Streifscharen in der Richtung auf Pollentia 
abziehen. Er scheint gedacht zu haben, daß Antonius auf der 
leicht gangbaren Straße über die cottischen iMpen nach Gallieil 
entkommen wollte. So wandte er sich mit seinem gatuen Heere 
nach Norden und gab die Verfolgung tatsächlich auf. Antoniiu 
hatte dagegen in seinen Bewegungen keinerlei Stillstand eintretei 
lassen; auf der ligurischen Küstenstraße nach Westen ziehend, 
erreichte er bei Forum lulii gallischen Boden, ungehindert voB) 
den Vortruppen des Lepidus, welche die Pässe der Seealpen, die 
sie hätten verteidigen sollen, ohne Widerstand räumten. Dies ließ 
bereits erkennen, welchen Verlauf die vom Senat befohlenen Alf 
griff sbewegungen der gallischen Heere nehmen würden. 

Während des mutinensischen Krieges hatte Munatius Plancus 
politisch farblos und nur auf seine eigene Sicherheit bedacht, alle 
Aufforderungen des Senates, in den Krieg einzugreifen, abgelehnl 
mit dem Hinweis auf die geringe Zuverlässigkeit seiner Truppen 
und die unsichere Haltung des Lepidus. Wahrscheinlich Ende 
April hatte er endlich, wohl auf die Nachricht von der Schlacht 
bei Forum Gallorum, den Vormarsch angetreten, mit vier Legioneq 
die Rhone hinabziehend bis nach Vienna. Noch schien ihm das 
Kriegsglück nicht hinreichend entschieden. So machte er wiedea 
Halt und entsendete nur 4000 Reiter nach Süden. Erst die Nieder- 
lage des Antonius vor Mutina bestimmte ihn, seine Bewegungen 
wieder aufzunehmen und die Isara am 12. Mai zu überschreiten. 



nur um abermals zögernd abzuwarten, ob Lepidus den Flüchtling 
■ unter seinen Schutz nehmen werde. Auch bei Lepidus war mit 
der vollständigen Besiegung des Antonius der Eifer für die Sache 
des Senates erwacht. Er forderte Munatius Plancus auf, sich mit 
ihm zu vereinigen und rückte selbst mit sieben Legionen bis Forum 
Voconii vor. Es ist schwer zu sagen, ob Lepidus jetzt, wo die 
Woge des Unheils über Antonius zusammenbrach, nicht ernstlich 
daran dachte, die Partei des siegreichen Senates zu ergreifen. Aber 
sein Heer war es, das dem unbehülflichen Manne die Entscheidung 
über den Kopf wegnahm. Gerade die von Lepidus in Südgallien 
wieder aufgebotenen Veteranenlegionen Caesars, vor allem die 
decima, die den Lorbeer aller Siege Caesars an ihren Fahnen trug, 
waren von glühendem Eifer für das Andenken Caesars erfüllt und 
sahen in Antonius, der vor dem Caesarmörder um sein Leben lief, 
nur den Rächer ihres toten Feldherrn. So mußte es Lepidus ge- 
schehen lassen, daß Antonius Heer in seiner unmittelbaren Nähe 
ein Lager schlug. Noch verhandelten die beiden Feldherrn, als die 
Heere sich bereits verbrüderten und stürmisch die Vereinigung zum 
gemeinsamen Kampfe gegen Decimus Albinus forderten. Antonius 
überließ jetzt willig den Oberbefehl Lepidus, als dem älteren Con- 
sular, sicher, daß sein Wille allein über das Heer gebieten würde. 
Nicht so rasch kam Antonius mit Munatius Plancus zum Ziele. 
) Zwar war er noch an demselben Tage, an dem er die Vereinigung 
mit Lepidus erzwungen hatte, nach Norden aufgebrochen und hatte 
an Plancus die Aufforderung gerichtet, zu ihm überzutreten. Aber 
dieser, die Aussichten beider Parteien vorsichtig erwägend, hielt 
den Augenblick für noch nicht gekommen, sondern wich, als er den 
Anmarsch der Verbündeten erfuhr, wieder nach Norden zurück. Am 
4. Juni erreichte Plancus abermals die Isara, überschritt sie und 
brach die Brücke ab. Dann bezog er eine neue Stellung bei Cul^o 
im Lande der Allobrogen, wo er über den kleinen St. Bernhard 
jederzeit mit Decimus Albinus in Verbindung treten konnte. Dieser 
f war, nachdem ihm Antonius den Kriegsplan so völlig verrückt 
hatte, noch nicht dazu gekommen, einen neuen Entschluß zu fassen. 
Untätig stand er durch Wochen bei Eporedia, wie er nach Rom 
meldete, um die Alpenpässe zu bewachen, die Niemand bedrohte. 



6o 






Erst als geschehen war, was er hätte verhindern sollen, Antoniut 
und Lepidus ihre Heere vereinigt hatten, entschloß er sich, de* 
Mahnung des Munatius Plancus zu folgen, und sein Heer über c 
Alpen nach Gallien zu führen. Er hatte damit einen Weg be- 
schritten, auf dem es für ihn keinen Rückzug mehr gab. Man 
möchte glauben, daß ihn seine Berater in Rom gegen seine bessere 
Einsicht in sein sicheres Verderben stürzten; denn als Vollstrecker 
der Acht, die der Senat jetzt auch über Lepidus verhängte, ging 
er über die Alpen. Das Bündnis seiner Gegner wurde damit nur 
umso fester. Da traf in Cularo die Nachricht ein, daß auch Asiniui 
Pollio, der Statthalter des jenseitigen Spaniens, sich für Antoniu! 
erklärt hätte. Damit war das Übergewicht der Gegenpartei ent- 
schieden; Munatius Plancus beeilte sich, Decimus Albinus seinen 
Schicksal zu überlassen, solange dem Übertritt zum Feinde noch 
ein Preis winkte. 

Durch diese Treulosigkeit seines Verbündeten geriet Decimui 
Albinus in eine verzweifelte Lage; denn sein Rückzug führte üb3 
die Hochalpen. Doch dachte er daran, sein Heer durch OberitalieB 
nach lUyricum zu Marcus Brutus zu führen. Vergebliches Hoffen, 
seine Tage waren gezählt. Beim ersten Versuch, den schwierigen 
Marsch anzutreten, löste sich sein Heer auf. Wo alle die altea 
Caesarlegionen des Westens um die Sieg und Beute verheißenden 
Fahnen des Antonius sich scharten, da gaben die Veteranen de$ 
Decimus Albinus den Feldherm, für den sie so lange gefochtea 
hatten, verloren und schlugen, ihres Wertes sich bewußt, die Straßf 
nacli Süden ein. Das übrige Heer, soweit es sich nicht verliefy 
suchte und fand Aufnahme in den Reihen Caesars. Von allen ver- 
lassen, vertauschte Decimus Albinus das Ehrenkleid eines römi- 
schen Proconsuls mit dem Gewände eines gallischen Bauern, floh 
hinauf in das Gebirge, um im fernen Lande der Barbaren Rettung 
seines Lebens zu suchen. In dem Hause eines gallischen Haupt-« 
lings, den er einst in glücklicheren Tagen mit Wohltaten über- 
häuft hatte, ereilte ihn das rächende Geschick. Soldaten des 
Antonius, die der Spur des Flüchtlings gefolgt waren, überbrachtei 
das abgeschlagene Haupt ihrem Feldherrn, und Antonius, der dei 
Toten nicht persönlich haßte, gönnte der Leiche ein Grab. 



3. Der Kripg um Mmina gj 

Während der Besiegte von Mutina in wenigen Wochen zum 
Gebieter des Westens geworden war, hatte sein junger Gegner die 
Herrschaft über Italien gewonnen. In seiner falschen Zuversicht 
hatte der Senat, solange die Entscheidung in Gallien noch schwebte, 
das Bemühen fortgesetzt, Caesar seinem Heere zu entfremden. Ein 
Ausschuß des Senates von zehn Männern sollte über die Land- 
verteilung an die Sieger von Mutina verfügen, Cicero war sein 
Haupt, Caesar fehlte unter den Gliedern. Die Folge war, daß die 
Veteranen das Angebot des Senates ebenso entschieden zurück- 
wiesen, wie früher die Geldgeschenke. Noch immer hoffte der 
Senat auf eine glückliche Wendung in Gallien, die ihn von den 
Schwertern der Legionen Caesars erlösen sollte. Die Lage forderte 
gebieterisch, dem Staat nach dem Falle der beiden Consuln wieder 
ein Haupt zu geben. Aber in dem mutlosen Senat fand sich Niemand, 
der an diesem gefahrvollsten Platz seinen Kopf wagen wollte. Wie 
in den Zeiten tiefsten Friedens leitete einer der Prätoren, Marcus 
Comutus, die Sitzungen des Senates. So glaubte man Caesars 
Wunsche, als Führer des Heeres auch Oberhaupt des Staates zu 
sein, ausweichen zu können. Höchstens die Prätur war man bereit 
ihm zu gewähren. Da entschied auch diese Frage die einzige 
wirkliche Macht, das Heer. 

Anfangs Juli erschien eine Gesandtschaft von 400 Centurionen 
in Rom. Sie waren gekommen, um dem Senate die Wünsche und 
Beschwerden des Heeres, die so oft vergeblich laut geworden, ins 
Gedächtnis zu rufen. Diese alten Soldaten, denen in zwanzig Kriegs- 
jahren nichts heilig gewesen war als ihr Falmeneid, sie kannten 
keine Scheu vor dieser erlauchten Körperschaft, keine Rücksicht 
auf das geschriebene Recht. In den Sitzungssaal eingeführt, 
forderten sie trotzig für ihren Feldherrn das Consulat, für das Heer 
die Auszahlung der langgeschuldeten Geldgeschenke, zuletzt die 
Aufhebung der über einen Anhänger des Antonius verhängten 
Acht. Der Senat fand noch den Mut, solche Forderungen in einer 
stolzen Antwort abzulehnen. Als sie so abgewiesen waren mit 
ihrem wohlmeinenden Rat, wie sie es verstanden, schlug einer der 
Cenlurionen, in dem Augenblick, wo die Heeresgesandtschaft den 
Sitzungssaal verließ, drohend an den Knauf seines Schwertes und 



62 



Anguitu« 



rief: wenn ihr es nicht gewährt, dieses wird es gewähren 1 Nie 
in der Geschichte Roms hatte rohe Gewalt so zu den Höchsten des 
Volkes zu sprechen gewagt. Vergebens hatte der Senat in seiner 
Verzweiflung zwei Legionen aus Africa herbeigerufen — es waren 
caesarische Legionen wie jene, die sie bekämpfen sollten — und 
in den Straßen Roms Soldaten auszuheben begonnen. Schon i 
das Heer Caesars von seinem eigenen Ungestüm vorwärts ge- 
trieben, aus den Lagern aufgebrochen, die Gesandten des Senates, 
die durch Worte, Geldgeschenke seinen Marsch hemmen wollten, 
mit den Waffen verscheuchend. Caesar hatte es erreicht, daß seia' 
ehrgeiziges Streben als der einmütige Wille seines Heeres erschien^ 
dessen Zwange er gehorchte. Auch für ihn gab es kein Zurück' 
auf dieser Bahn, die, einmal beschritten, nur durch Blut und Elend 
zum Throne führte. Je näher das Heer der Hauptstadt kam, destOK 
höher stieg die Angst und Verwirrung, bis endlich der Senat, voi 
der Menge bestürmt, in alles willigte, was er früher stolz abgelehnt 
hatte. Das Geldgeschenk von 5000 Denaren für jeden Soldaten' 
wurde gewährt, Caesar gestattet, sich abwesend um das Consulat 
zu bewerben, ihm allein die Landaufteilung übertragen. Kaum 
hatten Gesandte mit diesen Beschlüssen Rom verlassen, als das 
Eintreffen jener africanischen Legionen noch einmal den Wider- 
stand des um sein Leben ringenden Senates wachrief. Die Prae- 
toren erhielten unumschränkte Gewalt, das Janiculum wurde be- 
setzt und die Stadt in aller Eile befestigt. Noch unterhandelte 
■ Caesar mit den Gesandten des Senates, da traf die Nachricht ein 
von der letzten Regung des Widerstandes. Rasch vorausgesandte 
Reiterabceilungen bemächtigten sich der Zugänge zur Stadt, uni 
bald darauf erschien Caesar selbst an der Spitze von acht Legioniai 
auf der Höhe des Quirinals. Angesichts dieser Übermacht 
schwankten die Legionen des Senates keinen Augenblick, siel 
mii den Gegnern zu verbrüdern. Ruhmlos und ehrlos wie diesd 
letzte Herrschaft des Senates gewesen war, so hatte sie auch gfr^ 
endet. Gefolgt von seiner Leibwache hielt Caesar seinen Einzug 
in die eroberte Stadt, die demütige Huldigung des Senates und 
Volkes von Rom entgegennehmend. Nachdem den Legionen ihr 
Lohn aus den Kassen des Staates geworden war, verließ daat 



3. Der Krieg um Mutina , f^r 

Heer am nächsten Morgen den Mauerring, um die Freiheit der 
Wahl nicht zu beeinflussen. So wurden denn am 19. August 
Caesar der Sohn und sein Vetter Pedius unter dem Schutze von 
elf Legionen und zahlreichen Hülfsvölkern zu Consuln des römi- 
schen Volkes gewählt. Einmal im Besitze der höchsten Macht ließ 
Caesar dem Senat keinen Zweifel mehr, daß es mit seiner Herr- 
schaft für immer zu Ende sei. Ein Gesetz des Consuls Quintus 
Pedius beschloß die Einsetzung eines Gerichtshofes, um die Caesar- 
mörder zur Verantwortung zu ziehen. Über die Schuldigen wurde 
die Acht verhängt. Nur einer der Richter, der Senator Silicius 
Coronas, hatte den Mut, die Mörder freizusprechen. Caesar rühmte 
seine Milde; später fiel er unter den ersten Opfern der Ächtungen. 
Als der Beherrscher Italiens verließ Caesar Rom und wandte sich 
in langsamen Märschen nach Norden. 



4- Das Triumvirat 

Wer sich noch der Täuschung hingeben wollte, daß Caesal'i 
Italien vor den Legionen des Antonius und Lepidus schützen werd^ 
wurde rasch belehrt, als wenige Tage nach dem iVbmarsche Caesai 
QuintuH Pedius dem Staate eröffnete, die Lage des Staates forder« 
dringend, die über Antonius und Lepidus verhängte Acht auf- 
zuheben. Niemand wagte einen Widerspruch. So war das Hindernis 
beseitigt, das der Vereinigung der Machthaber noch im Wege statid, 
der Weg nach Italien war Antonius und Lepidus eröffnet. Daft 
sie nicht allein kamen, sondern unter dem Schutze von siebzehn 
auserlesenen Legionen, war selbstverständlich. Nur die kurze Friai 
eines Jahres war vergangen seit der Zeit, wo Antonius noch glaubte 
den Knaben Octavius mit leichter Mühe vernichten zu können. Ab 
dem Beherrscher Italiens, dem Gebieter über elf Legionen, sollte 
er ihm wieder gegeniibertreten, um ihm den Anspruch auf die 
gleiche Macht zu gewähren. Der Zwanzigjährige hatte sich als 
Meister im höchsten Spiele bewährt, und die Krone, die unerreich- 
bar über ihm zu schweben schien, auf sein Haupt herabgezwungen. 
Nichts war sein Einsatz gewesen als nur ein Name. Aber seine 
Zaubergewalt ließ die Herzen der wilden Krieger des Heeres höhet 
schlagen beim .'\nblick ihres jugendlichen Führers, der unmerklidl 
ihre Begeisterung für den toten Helden, die einzige, deren sie 
fähig waren, nach seinen kühlen Planen zu lenken wußte. 

Und doch, Caesar mußte es in diesem Augenblicke bitter emp- 
finden, daß auch das klarste Wollen gegen den Zwang der Zeii 
nichts vermag; er mußte den Bu;id mit Antonius schließen, die 
niedere Gemeinschaft eingehen, deren blutige Schatten ihn nie 
mehr verließen. Welcher Art dieses Bündnis war, trat bei der Zu- 
sammenkunft hervor, die frühere Verhandlungen zum Abschluß 



4, Das Triumvirat 

bringen sollte. Eine Insel im Flusse Lavinius, nahe bei Bononia, 
war für die Begegnung der drei Männer ausersehen. Zwei Brücken 
führten nach der Insel, deren Ausgang die engeren Leibwachen 
der Feldherm besetzten. Lepidus betrat zuerst die Insel, die man 
gelichtet hatte, und gab ein Zeichen, daß kein Hinterhalt sie be- 
drohe. Diese seltsame Vorsicht war Antonius Werk, der mit 
seiner höheren Macht das ganze Wesen dieser Vereinigung be- 
stimmte. Er wiederholte jetzt den giftigen Vorwurf, den er vor 
dem mutinensischen Kriege gegen Caesar geschleudert hatte, als 
hielte er ihn für fähig, seinem Leben nachzustellen. Und doch 
peinigte ihn der Gedanke, daß die sanfte Hand des Knaben ihn 
dereinst niederzwingen könnte. Der höllische Geist des Bürgerkrie- 
ges lehnte sich in ihm auf gegen den lichten Bringer des Friedens. 

Zwei lange Tage dauerten die Verhandlungen, welche dem 
Bunde der drei Männer eine feste Gestalt geben sollten. Dieses 
zweite Triumvirat ist die nackte Gewaltherrschaft nach dem Sinne 
des Antonius. Die Triumviri reipublicae constituendae, wie sie sich 
selbst nannten, band weder das Recht noch der Wille des Volkes. 
Jede ihrer Amtshandlungen, welche die Neuordnung des Staates 
zu fordern schien, hatte Gesetzeskraft. Zwar die Formen des Staates 
ließ man bestehen, weil ohne sie der Staat nicht denkbar war. Es 
gab noch einen Senat, es gab nach wie vor Consuln, Praetoren, 
Tribunen. Aber wer zu diesen Ämtern gelangen sollte, bestimmte 
nur die Willkür der Herrscher. Nach ihrem Einzug in Rom hat 
ihnen eine lex Titia vom 27. November diese Macht auf fünf Jahre 4} v. 
nach den Formen des Rechtes übertragen, jedem mit gleicher 
Gewalt, so daß er bei seinen Amtshandlungen der Mitwirkung 
der anderen nicht bedurfte. 

Aber die wahren Sieger im Kampfe waren die Legionen, die ihre 
Feldherrn so hoch erhoben hatten, um jetzt ihren Lohn zu finden. 
Achtzehn dieser Legionen fehlte noch der Landbesitz auf italischem 
Boden. Achtzehn der blühendstenStädte Italiens wurden ihnen über- 
wiesen mit ihren Tempeln und Häusern, ihren üppigen Fluren, mit 
all dem Eigentum ihrer Bewohner. Wahrlich, Antonius verstand es, 
seine Versprechungen zu erfüllen. In ihm, dem glänzenden Feld- 
herm, lebte nach den Begriffen des gemeinen Soldaten die Helden- 

DoiB-..ow.ki. 1. 5 



große des Dtctator», Aber ■— gtr«** JBae^ drr ihnen ei 
Herr gewesen, war in dem latueaAbgqa des Heeres da- Fddhcfr 
herabgeati^en zu den Seänen, ibr Cencem in Ftvad nnd Leid.. 
Auch in Gestalt oodAiwchm warAntonias das racbte MastolMU 
dieser Soldaten des B ötg n fci ieges, der -itirniarHiT Mana 
dem dunkeln, in die niedere Stime gewadiseiiai Kraishaar i 
dem feurigen Blick, von hohem Wocfas^ br e it er Brost md ii 
tigen Gliedern, in der Soooe des Fddes gebcätmL Vor i 
Caesar, schlank und leicht gefaant^ mit dem stnnendcn 
Auge und dem gewellten blonden Haar, der in seinem Wes 
nie den gesetzlichen Sinn verleugnete, völlig in den Schatten. 

Der Rücksicht auf das Heer entsprangen auch die Ächtungei^ 
die die Kassen der Trium^-jm zur freigd)igea Belohnung ihrer Ge- 
treuen füllen sollten. Hatte der Haß des Mahus einst die Äcfatmig 
des politischen Gegners gefordert, Sullas fühllose Gleichgültigkot 
sie geschehen lassen, so ist Raub und )Iord jetzt der einzige ZweckJ 
Auch Caesar hatte vor der kalten Notwendigkeit in die Achtungett 
gewilligt. Wenn Caesar nach seii>em Siege wirklich Schuldige 
durch das Gesetz des Pedius vorGericht gefordert hatte, so kannte 
die Gerechtigkeit des Antonius diesen feinen Unterschied nicht. 
Mit edler Unparteilichkeit bestimmte man schon in jener Zusanmtet^ 
kunf t die Namen derjenigen, die als Opfer fallen sollten. An der 
Spitze der Liste standen der Bruder des Lepidus Aemilius Paulus, 
der Oheim des Antonius Lucius Caesar, Quintius der Schsvieget^ 
vater des Asinius Pollio. M^^n beeilte sich, die ersten Opfer zu 
fällen, bevor noch ein Urteü erflossen war. Vorausgesandte Mörder 
erreichten die Ahnungslosen beim Mahle, auf der Straße, in den 
Tempeln, Die ganze Nacht erfüllte Rom, wo Jeder sich bedroht 
glaubte, Wehgeschrei und wilde Verwirrung. Man atmete auf, 
der Consul Pedius die Namen der Geächteten, die meist schon j 
tötet waren, bekannt gab. Die Liste umfaßte 17 Namen, Kurze 
Zeit darauf hielten die Triuravirn, jeder an der Spitze einer Legioi^ 
ihren Triumpheinzug in Rom, Noch in derselben Nacht wurde eiiu 
Liste Geächteter mit 130 Namen, wenige Tage später eine zweite 
mit 150 Namen angeschlagen. Ein Edict der Triumvirn, ganz im 
Stile von Antonius' Beredsamkeit gehalten, rechtfertigte die Ach- 



4- Das Triumvirat 6^ 

tung der Gegner als eine politische Notwendigkeit. Das Ver- 
mögen der Geächteten sollte dazu dienen, an den ruchlosen 
Mördern Caesars Vergeltung zu üben. Das Edict sicherte nach 
dem Vorbild des Sulla den Schlächtern hohe Preise zu, 25 000 
Denare jedem Freien, der den Kopf eines Geächteten brächte, 
!o 000 Denare dem Sclaven und überdies die Freiheit. So begann 
die Jagd nach den von der Acht Betroffenen in Rom und Italien, 
die Tore der Stadt wurden besetzt, die Häfen Italiens streng be- 
wacht, Mordscharen durchzogen das flache Land und die abge- 
legenen Gebirge, spürten nach den Geächteten in den prunkenden 
Palästen der Reichen und in den elenden Hütten der Hirten. 
Immer neue Namen wurden den Listen hinzugefügt, so daß die 
Zahl der Geächteten allmälilich 300 Senatoren und 2000 Ritter 
umfaßte, mehr als Marius' und Sullas Wüten dahingerafft hatte. 
In diesen Tagen des Schreckens starb auch Marcus Cicero. 
Sein Name stand bereits auf der Liste der 17. Er wollte über das 
Meer nach Macedonien entfliehen, aber ein Sturm zwang ihn wieder 
vor Anker zu gehen. Schwerer als die Gefahr, die sein Leben be- 
drohte, lastete die Verzweiflung auf seiner Seele. Nach kurzem 
Triumphe sah er den gänzlichen Sieg seiner Feinde und erkannte, 
daß die Sache, die er zuletzt mit all der Hingebung, deren sein 
schwacher Charakter fähig war, gedient hatte, für immer verloren 
war. So begab er sich auf sein Landgut bei Formiae und erwartete 
sein Schicksal. Als die Mörder, geführt von dem Tribunen Popilius 
Laenas, den er einst vor Gericht verteidigt hatte, in sein Haus 
eindrangen, gab er den Bitten seiner Diener nach und wandte sich 
zur Flucht. Von den Verfolgern in einem nahe gelegenen Walde 
eingeholt, versuchten seine Begleiter Widerstand zu leisten. Aber 
Cicero wehrte ihnen. Während er noch zu seinen Mördern sprach, 
hieb ihm der Centurio Herennius das Haupt ab; auch die Rechte, 
die die Philippiken geschrieben, trennte man von der Leiche. 
Sicher, hohen Lohn zu finden, eilten die Mordknechte mit ihrer 
kostbaren Beute nach Rom. Sie trafen Antonius, als er auf dem 
Markte zum Volke sprach. Frohlockend befahl er, dem Mörder 
Herennius das Zehnfache des Preises, 1/4 Million Denare, zu be- 
zahlen, und ließ Kopf und Hand auf der Rednerbühne, deren Zierde 



68 



Augoitos 



der Tote zu allen Zeiten gewesen war, zur Schau stellen. Aber 
das Weib des Antonius, Fulvia, fand für ihren dämonischen Haß 
erst Sättigung, als sie das tote Haupt in ihren Schoß gebettet und 
die Zunge, die sie gelästert, mit ihrer einzigen Waffe, den Nadeln 
ihres Haares, durchbohrte. Hatte er doch die Gute in dem a\xi» 
Tiefste gekränkt, was sie gar nicht besaß, ihrer weiblichen Khre, 
Auch Ciceros Bruder und dessen Sohn erlitten den Tod, nur weil 
sie dem Größeren verwandt gewesen waren. Sie empfingen den 
Streich der Mörder, als sie sich umschlossen hielten. So weiß die 
Geschichte dieser furchtbaren Zeit von manchem leuchtendes 
Beispiel der Gattentreue und Kindesliebe, der Hingebung de* 
Diener an ihre H'errn zu berichten, denen hochbegabte Männer, 
die Zierden einer besseren Zukunft, ihre Rettung dankten. Aber 
nicht minder von treulosem Verrat, gemeiner Niedertracht. 

Allmählich erschöpfte sich auch das Wüten der Verfolgung, di( 
Stimme der Menschlichkeit fand bei den blutbefleckten Herrschern 
wieder Gehör. Vor allem, weil das planlose Morden zuletzt seineQ 
eigenen Zweck verfehlte. Hatte man doch auf die Listen gesetz^ 
wer irgend durch Ansehen oder Reichtum aus der Menge hervor- 
ragte, Männer, denen jede Parteistellung fernlag, wie den großtetj 
Gelehrten Roms Terentius Varro. Trotz der Achtungen lebte i 
auf dem Landgut eines Freundes ruhig seinen Studien, Er wurde 
endlich begnadigt und so viele andere, vor allem die nächsten Ver< 
wandten der siegreichen Feldherrn, die die Mörder doch nicht an- 
zutasten wagten. So hatte Antonius Mutter den Bruder Luciua 
Caesar gegen die Häscher verteidigt. Die Ächtungen hatten den 
blutigen Segen, den dieTriumvim erhofften, nicht gebracht. Kein« 
Käufei des geraubten Gutes wollten sich finden, trotz der Schleuder- 
preise, um die man die Besitzungen der Gemordeten hingab, die-; 
Kassen mit dem roten Golde zu füllen, nach dem die Soldaten be- 
gehrten. Härter drängte noch die Notwendigkeit, für die Kriegn 
führung im Osten einen Schatz zu sammeln. Die Triumvirn ei 
klärten, sie bedürften, um den dringenden Forderungen gerecht z 
weiden, einer Summe von zweihundert Millionen Denaren. Uni 
das zu erreichen, genügte es nicht, die Reichen zu berauben, jedeii^ 
der noch etwas besaß, sollte das Letzte abgezwungen werden. 



4- Da9 Triumvirat gg 

'Das erste Edict hatte eine Reihe von Bestimmungen enthalten, 
'Welche die Frauen und Kinder vor gänzlicher Verarmung schützen 
sollten. So hatte es den Frauen ihre Mitgift, den Söhnen den lo,, 
den Töchtern den 20. Teil des väterlichen Vermögens zugesichert, 
Bestimmungen, die man nicht gehallen und die jetzt ganz beseitigt 
wurden. Man befahl den 1400 reichsten Frauen, ihr Vermögen selbst 
einzuschätzen, um sie mit einer Steuer zu belasten. Da war es 
Hortensia, die Tochter des berühmten Redners, die die Kühnheit 
besaß, die den Männern fehlte, auf offenem Markte den Triumvirn 
entgegenzutreten, und sie erreichte durch ihre mutvolle Sprache, 
daß nur die 400 Reichsten getroffen winden. Hatte man die Vor- 
nehmen, deren Einfluß weit reichte, so wenig geschont, wie sollte 
das Volk erst leiden! Wer mehr als 100 000 Sesterzen besaß, 
mußte den zehnten Teil seines Vermögens und einen ganzen Jahres- 
ertrag als Kriegssteuer zahlen. Von den Miethäusern wurde die 
Jahresmiete, von Privathäusern die Hälfte ihres Mietwertes erhoben. 
Für jeden Sciaven hatte der Besitzer 25 Denare zu entrichten. 
Als Steuer des Grundbesitzes mußte die Hälfte des Jahresertrages 
erlegt werden. Schwerer noch als diese unerschwinglichen Steuern 
traf die Besitzenden die grenzenlose Willkür, die bei der Ein- 
schätzung und Erhebung herrschte. Was man Steuern nannte, 
war in Wahrheit ein Raub, der zum vollständigen Zusammen- 
bruche des Wirtschaftslebens führte. So rüsteten die Triumvirn 
zu dem Bürgerkriege, durch den sie ihre Herrschaft in allen 
Teilen des Reiches erst zu begründen hatten. 

Was in diesem Kriege zu gewinnen war, hatte Antonius sich 
selbst vorbehalten. Lepidus, der Schattenherrscher von seinen 
Gnaden, erhielt Spanien und die Narbonensis als getreuer Verwal- 
ter, auch das nur, damit Caesar keinen Anspruch erheben konnte. 
Dagegen Gallia comata undGallia cisalpina, die Antonius während 
des mutinensischen Krieges nacheinander begehrt hatte, fielen ihm 
jetzt beide zu. Nicht nur als eine Steigerung seiner Macht hatte 
Antonius sie in Besitz genommen, sondern es lag darin auch der 
Oberbefehl, beschlossen in dem Krieg gegen die Caesarmorder, der 
die nächste .Aufgabe der Triumvirn bilden mußte. Denn lllyricum, 
das Brutus besetzt hielt, lag im Amtsbereich des Statthalters der 



70 



Angostns 



Gallia cisalpina, und wer mit seinen Legionen am Po stand, be- 
herrschte auch Rom. Caesar hatte dagegen Antonius wie zun) 
Hohne Africa und Sicilien zugewiesen, deren Besitz er sich ers( 
eikämpfen mußte. Denn Africa hatte er der Senatspartei zu ent' 
reißen, und auf Sicilien gebot Sextus Pompeius, der jüngere Sohn 
des Besiegten von Pharsalus. Diese Zuriicicsetzung Caesars läß| 
klar erkennen, was seine Stellung in diesem Bunde war. Nichts 
als den Schein der Gleichstellung hatte Caesar in dem verderb- 
lichen Vertrage von Bononia zu retten vermocht. Notgedrungen 
hatte er in die Ächtungen gewilligt, in die Beraubung Italiens^ 
die er in der Gegenwart verabscheute und noch mehr für die 
Zukunft. Erst als Antonius Raserei des Sieges sich zu beruhigen 
begann, trat Caesar mildernd, schützend, helfend ein. 

Es war kurzsichtige Verblendung, daß Antonius meinte, 
könne, indem er Caesar den Krieg gegen Sextus Pompeius auf- 
bürdete, den Kampf gegen Brutus und Cassius allein führen, Schot 
nach dem Gesetze des Quintus Pedius hatte Caesar Sextus Pom- 
peius der Mitschuld an der Ermordung Caesars seines Oheimsf 
anklagen lassen. Die Aufgabe, den Seeräuberstaat auf Sicilien 2 
zerstören, war fürltalien die bedeutsamste. .Als Vorkämpfer seines 
Volkes sollte Caesar hier jenen Lorbeer gewinnen, den kein Bürger* 
blut befleckte. Seine Stellung neben Antonius zu befestigen, gelang 
Caesar, als er bei der Teilung der Legionen, kraft seines Erbrechtes, 
jene für sich gewann, die das alte Heer des Dictators in Gallien 
gebildet hatten. Schwach in ihrem Bestand, waren und blieben 
sie das mächtigste Element im Heere der Triumvirn. Nimnwi 
würden sie es ertragen haben, daß der Erbe von Caesars Namen 
nicht ihr Feldherr sei. Indem Caesar so für alle Zukunft einen un- 
erschütterlichen Boden im Heere gewann, nützte er die Schreckens- 
zeit zu einem Versuche, sich in den Besitz der Provinzen zU 
setzen, die ihm der Vertrag von Bononia zugesprochen hatte. 

In Africa hatte der Dictator neben der alten Provinz eine neue 
geschaffen, Africa nova, das Reich Jubas, der bei Thapsus für den 
Senat gefochten hatte. Auf seine Anordnung hin stand an 
Spitze dieser Provinz Titus Sextius, der sich später für Antonius 
erklärte und jetzt den Oberbefehl Caesars des Sohnes anerkannte 



4- Du Triumvirat ^ i 

Er forderte im Namen der Triumvirn von dem Statthalter der 
Nachbarprovinz Quintus Cornificius, der die Partei des Senates er- 
griffen hatte, daß er sein Amt niederlege. Darüber kam es zum 
Kriege, dessen Entscheidung erst in die Zeit der Schlacht von 
Philippi fällt, Sextius brach in die alte Provinz ein, eroberte Ha- 
drumetum und andere Städte, wurde jedoch von Ventidius, dem 
Quaestor desCornificius, in einerFeldschlacht überwunden und wich 
in seine Provinz zurück. Hier wurde er von Ventidius und Laelius, 
dem Legaten des Cornificius angegriffen und in der HauptstadtCirta 
belagert. Wie oft auf dem Boden Africas, lag die Entscheidung bei 
den eingeborenen Stämmen der Numidier. Der mächtigste unter 
ihren Fürsten war in dieser Zeit Arabio, der nach mannigfachen 
Wechselfällen sein väterliches Erbe wiedergewonnen hatte. Als er 
sich f ürSextius erklärte, ergriffen auch die kampfgewohntenScharen 
eines römischen Parteigängers Publius Sitius, den Arabio beseitigt 
hatte, für Caesar den Sohn die Waffen, in Erinnerung an dieKriegs- 
dienste, die sie dem Dictator während seines africanischenFeldzuges 
getan, und die Belohnungen, die sie gefunden. So erlangte Sextius 
die Oberhand, schlug Ventidius und tötete ihn auf der Flucht. 
Laelius, der Cirta noch belagert hielt, wurde zum Rückzug in die 
Provinz gezwungen. Nach solchen Erfolgen drang Sextius in Africa 
ein und bedrohte mit überlegener Macht Utica. Laelius, der sich 
mit der Reiterei des Cornificius zu weit vorwagte, wurde von der 
Übermacht der Feinde geschlagen und auf einem Hügel einge- 
schlossen. Um ihn zu befreien, rückte Cornificius mit seinem 
ganzen Heere von Utica vor. Bei der Überlegenheit der Feinde 
an Reiterei geriet er bald in schwere Bedrängnis. Sein Lager 
wurde von den Numidiem des Arabio in einem Überfall ge- 
nommen, er selbst bei dem Versuche zu Laelius durchzubrechen 
getötet. Angesichts dieser Niederlage stürzte sich auch Laelius 
in das Schwert. Das ganze Heer des Cornificius, von den Nu- 
midiem auseinandergesprengt, suchte Rettung in der Flucht, 
Nur wenige, die den Schwertern und Lanzen der Verfolger ent- 
rannen, gelangten zu Schiffe nach Sicilien, 

Eine ungleich schwerere Aufgabe sollte es für Caesar sein, 
Sextus Pompeius Sicilien zu entreißen. Der Fluch eines großen 



72 



AoEBtlnt 



Namens hatte auch Pompeius bestimmt, in den Wirren nach Caesars 
Tode nach einer Krone zu haschen, obwohl er von der Natur dazu 
geschaffen war, im Besiue seines reichen, väterlichen Erbes müßig 
und eitel dahinzuleben. Nach derSclilacht bei Munda, als elender 
Flüchtling umherirrend, sammelte er bald die Ausgestoßenen des 
Büigerkrieges in Lusitanien von neuem um seine Fahne, Zuchtlose 
Räuberhaufen, lieh ihnen die Verzweiflung Kraft. Auch entfaltete 
Pompeius im Bandenkriege gegen CaesarsStatthalter AsiniusPollio 
ein eigentümliches Geschick, eroberte Stadt um Stadt und gewann 
zuletzt auch Neu-Carthago an der Küste des Mittelmeeres, Da er- 
öffnete ihm Aemilius Lepidus, der ewige Mittler dieser Zeiten, die 
Hoffnung auf seine Wiederherstellung. Aber die Forderung des 
Sextus Pompeius, in den Besitz der Güter seines Vaters wieder- 
eingesetzt zu werden, war unerfüllbar. Denn sie waren die Beute 
des Consuls Marcus Antonius. So wich er vor der Übermacht der 
Legionen, die Aemilius Lepidus herangeführt hatte, hinaus auf das 
Meer, das fortan seine Heimat sein sollte. Die Spannung des 
mutinensischen Krieges ließ ihn mit seinen Raubschiffen an der 
Küste Massilias zögern, bis der Sieg des Senates auch seinem 
Handeln eine bestimmte Richtung gab. Vom Senate zum Feld- 
herm aller Meere ernannt, das Amt, das sein Vater so ruhmreich 
geführt, wurde der Sohn, als auch ihn Caesar als Mörder des 
Dictators verurteilen ließ, das Haupt aller Räuber des Meeres. Die 
Küsten brandschatzend, um sein Schiff svolk zu nähren, fand er in 
Sicilien, dem Lande der Sclaven Wirtschaft, eine Burg im Meer. 
All; die Gesetzlosen, entlaufene Sclaven Italiens und Siciliens, 
flüchtige Verbrecher, sie fanden auf seinen Schiffen eine Freistatt, 
vermehrten die Zahl seiner Streiter. Daß aus solchen Anfängen 
ein Staat erwuchs, war das Werk der Ächtungen, die den Besten 
des italischen Volkes das Los der Räuber bereiteten. Das nahe 
Sicilien war ihr einziger Zufluchtsort, Die Flagge des Pompeius 
wurde das Wahrzeichen der Rettung, die Planken der Raubschiffe, 
die die Geächteten freudig aufnahmen, der Boden der Freiheit 
gegen die Gewaltherrschaft der Triumvirn, Am Hofe des See- 
königs, der sich selbst mit dem Eichenkranze zum Zeichen der 
Rettung so vieler Bürger schmückte, fand sich in Messina eia 



■ Ds5 Tiiumvint 



73 



Gegensenat zusammen, der den Kern der Regierung des neuen 
Staates bildete. Die Flotte dieses Staates beherrschte das tyrrhe- 
nische Meer, plünderte die Küsten Italiens und schnitt der Haupt- 
stadt Rom die Zufuhr ab. So kam mit allen anderen Leiden 
über Italien noch die Not des Hungers. 

Es war Caesars Pflicht, den kühnen Räubern zu wehren. Noch 
im Herbste des Jahres 42 führte er seine Legionen nach Regium 
an die Meerenge, wohin Salvidienus Rufus, sein Jugendfreund, ein 
Mann ohne Herkunft, mit einer rasch gerüsteten Flotte voranging. 
Der Übergang nach der Insel war nur durch eine Seeschlacht 
zu gewinnen. Ehe noch Caesar eintrafj kam es in der Meer- 
enge zum Kampfe, in dem die leichtgebauten, von erfahrenen 
Seeleuten gelenkten Schiffe des Pompeius sich den ungeschulten, 
unb eh Ulf liehen Gegnern überlegen bewiesen. Die Verluste der 
Kämpfer waren gleich groß gewesen, der Sieg nicht entschieden, 
Caesar befreite die Städte Regium und Vibo von dem Schicksal, 
gemäß dem Vertrage von Bononia den Legionen als Siegesbeute 
überliefert zu werden, um die seekundigen Bewohner für den 
Dienst auf der Flotte zu gewinnen, und befahl dem Salvidienus, 
seine Schiffe ku einem neuen Kampfe zu rüsten. Da rief ihn 
Antonius nach Brundisium. Die Nachrichten, die aus Griechen- 
land von dem Vordringen der Heere des Cassitis und Brutus 
eintrafen, gestatteten nicht länger, die Überfahrt der italischen 
Legionen zu verzögern. Zum Schutze Italiens ließen sie Lepidus 
mit einem Heere zurück. Es war nicht das Verdienst der Tri- 
umvim, daß ihnen noch in der letzten Stunde der Vorteil blieb, 
den Krieg auf dem Boden Griechenlands auszukämpfen; denn 
Cassius und Brutus, nur auf die Verstärkungen ihrer Rüstungen 
bedacht, hatten versäumt, die Küsten des ionischen Meeres gegen 
eine Landung ihrer Gegner zu schützen, obwohl der Besitz 
einer gewaltigen Flotte ihnen das vollkommene Übergewicht 
zur See gab. 




5- Brutus und Cassius im Osten 

Wie es gekommen war, daß die Caesarmörder sich all« 
ötreitmittel der östlichen Provinzen halten bemächtigen könnei 
habe ich jetzt zu schildern. Brutus war im Herbste des Jahre 
44 in Athen gelandet. Von den Athenern mit den unvermeid- 
lichen Ehren überhäuft, schien er ganz der Philosophie zu leben 
Da überbrachte ihm der Quaestor Asiens j6ooo Talente, di© 
der Cae&armörder Trebonius in seiner Provinz erpreßt hatte; 
So besaß Brutus die Mittel, ein Heer zu werben, und bald strömtea' 
Soldaten, die aus Pompeiua Heer nach der Schlacht von Pfaar-' 
Salus in diesen Landschaften zurückgeblieben waren, si 
Fahnen zu. Mit diesen kriegsgeübten Scharen drang er in Mace- 
donien ein und bestimmte den Statthalter Quinlus Hortensiu! 
Hortalus, ihn als Nachfolger im Amte anzuerkennen, Ciceroi 
Sohn hatte den Ruhm, die in der Provinz lagernde Legion füc 
den Senat zu gewinnen, und bald schlössen sich auch Reitet 
aus Dolabellas Heer dem freigebigen Führer an. So rasche 
Erfolge und gutes Geld überzeugten auch die Legionen Ulyri- 
cums von dem Rechte des Senates. Ihr Feldherr Vatinius, voa 
Kiankheit gebeugt und von seinen Soldaten mißachtet, öffnete.' 
die Tore Dyrrachiums dem Sieger, Brutus war bereits Herr 
der Küste von Epirus, als Gaius Antonius, dem sein Bruder 
auf Grund jenes Senatsbeschlusses vom 28. November die Statt- 
halterschaft Macedoniens übertragen hatte, in Apollonia landete 
Obwohl die Besatzung der Stadt nur 7 Cohorten zählte, so be- 
schloß Gaius Antonius doch, den Seeplatz gegen den über* 
legenen Feind zu verteidigen, um seinem Bruder die Landung iq 
Epirus frei zu halten. Noch war die Entscheidung vor Mutina 
nicht gefallen, als die Siegesnachrichten des Brutus in Rom 
eintrafen. Den unerwarteten Helfer in seiner angemaßte 
Stellung, wie Cicero wollte, zu bestätigen, fehlte dem Senate der 
Mut, Aber was matj hoffte, verriet der Beschluß, der dem Hor- 
tensius, der sich Brutus freiwillig untergeordnet hatte, die Statt- 



;. Bnitui nnd Cuiiu« Im Oiten 

halterschaft von Macedonien verlängerte. Auch wollte man Gaius 
Antonius verleugnen, den die Gemäßigten wie seinen Bruder ver- 
abscheuten. 

Apollonia gegen die Übermacht zu verteidigen, erschien 
Gaius Antonius bei der unsicheren Haltung der Bewohner bald 
unmöglich. So versuchte er gegen Buthrotum in Epirus durch- 
zubrechen. Auf dem Marsche wurden 3 seiner Cohorten abge- 
schnitten, er selbst bei Byllis von Ciceros Sohn überholt und 
nach kurzer Gegenwehr gezwungen, die Waffen zu strecken. 
Biutus hatte Blutvergießen zu vermeiden gewußt, sodaß sein 
Heer nach dem Übertritt der Cohorten des Antonius auf acht 
Legionen anwuchs. 

Auch Cassius hatte in Asien von Trebonius reiche Mittel für 
seinen Zug nach Syrien erhalten. So mit dem Nerv aller Kriegs- 
führung ausgerüstet, gewann er herrenlose Reiterscharen, die für 
den Partherkrieg bestiramt waren. Durch das Innere Kleinasiens 
weiterziehend hob er Truppen aus, erpreßte Gelder, zwang Städte 
und Fürsten, sich ihm anzuschließen. Er gewann damit den ent- 
scheidenden Vorsprung vor seinem Nebenbuhler Dolabella, dem er 
den Besitz Syriens streitig machen wollte. Denn Dolabella hatte 
Italien erst verlassen, als Antonius durch eine letzte Gewalttat die 
Legionen aus Macedonien nach Brundisium abrief. Nur der hohe 
Adel seines Geschlechtes hatte ihm einen Platz in Caesars Anhang 
gesichert und den Verdienstlosen bis zum Consulat erhöht. Auch 
er, der üppige Schwelger und Buhler, dem aufbrausender Zorn für 
kraftvolles Handeln galt, hatte in seiner Weise neben Antonius 
den Gewaltherrn gespielt, obwohl er nur die Brosamen auflas, die 
von dem Tische des Mächtigeren fielen. So war ihm auch bei der 
Teilung des macedonischen Heeres nur eine der 6 Legionen zu- 
gefallen. Nachdem er in Macedonien den Befehl über diese Legion 
übernommen und durch Aushebungen eine zweite aufgestellt, 
wandte auch er sich nach Asien, um einen Kriegsschatz zu gewinnen. 
Aber Trebonius hütete seine Beute. Die Städte Asiens verschlossen 
ihm die Tore, erwehrten sich seiner mit Gewalt; kaum daß ihm 
Trebonius einen freien Markt für das Heer gewährte. Da gab sich 
Dolabella den Anschein, als wolle er in Ephesus sein Heer ein- 



76 






schiffen, wandte sich dann gegen Smyrna, dessen unbewachle 
Mauern bei Nacht erstiegen wurden. Die plündernden Scharen 
Dolabellas drangen in die Stadt ein, überraschten Trebonius im 
Schlafe. Mit wildem Hohn schlug man ihm das Haupt ab, das 
als Fangball durch die Straßen rollte, bis es Dolabella auf dem 
Richterstuhle der Statthalter Kleinasiens zur Schau stellen ließ. 
Den Leichnam des Gottverruchten warf man ins Meer. So hane 
den ersten der Mörder Caesars ein gerechtes Gericht erreicht. Jetzf, 
Herr Asiens, nahm Dolabella wütende Rache an Allen, die mit 
ihrem Gelde zurückgehalten hatten. Öffentliches und heiliges Gut 
riß er an sich, plünderte und verwüstete die Städte, wo Ruinen 
noch in späteren Zeiten von der Hand des Dolabella zeugten. 

Die gemäßigte Partei des Senates beantwortete solches Rasen, 
mit der Acht, Verderblicher wurde ihm seine planlose Kriegs- 
führung. Denn als er sich noch der Küste Syriens näherte, hatte' 
Cassius die Herrschaft über die Provinz gewonnen. 

Ich habe früher erzählt, wie Feldherm Caesars um die Zeit 
von dessen Ermordung abgefallene Legionen, die aufs neue das 
Banner des toten Pompeius erhoben hatten, in Apameia belagert 
hielten. Jetzt war in Syrien Waffenruhe eingetreten, weil niemand 
mehr wußte, für wen und warum er sich schlug. Da erschien 
Cassius, der einst nach der Niederlage des Crassus Syrien ruhnn 
voll gegen die Parther verteidigt hatte, als der von Caesar für dia 
Verwaltung der Provinz eingesetzte Statthalter, Sein Ansehen 
bestimmte die Führer der syrischen Heere, die Herrschaft des 
Senates, der in Italien zu gebieten schien, anzuerkennen. So i 
es Cassius ein Leichtes, den Legaten des Dolabella, der mit vie» 
Legionen aus Aegypten heranrückte, den Weg in Palästina zu ver- 
legen und durch seine Übermacht zur Waffen Streckung zu zwingea 
Bereits gebot er über 12 Legionen, 20 Cohorten der Hilfstruppetf 
h Chr. und zahlreiche Reiter, als Dolabella endlich im April das geplün- 
derte Asien verließ. Auf der Flotte, die er auf den Inseln und den' 
Küsten Kleinasiens gerüstet hatte, brachte er sein Heer nach 
Cilicien, wo Tarsos ihn aufnahm und Aegae nach Vertreibung det* 
Besatzung des Cassius in seine Hände fiel. Durch so leichte Er- 
folge verblendet, landete er in Laodikeia, Bei einem ersten Vor- 



stoße auf Antiochia blutig zurückgewiesen, sah er sich bald in 
Laodikeia von den zehnfach überlegenen Streitkräften des Cassius 
eingeschlossen. Noch beherrschte er die See, da auch die Städte 
Phönikiens und Königin Cleopatra von Aegypten den Rächer 
Caesars willig unterstützten. Aber die Kriegsschiffe, mit welchen 
sein Legat Figulus aus den Gewässern Kleinasiens ihm hätte 
nachfolgen sollen, wurden von den Flottenführern des Cassius auf- 
gehalten; seine Verbündeten in Syrien hielten es bald für besser, 
Cassius Übermacht zu verstärken, sodaß er, auch zur See ge- 
schlagen, nach der Sperrung des Hafens durch Staius Murcus in 
schwerste Bedrängnis geriet. Noch wehrte sich Dolabella in seiner 
Verzweiflung bis aufs Äußerste, obwohl auch der Hunger die 
Verteidigung lähmte. Schon hatten die Belagerungswerke des 
Cassius die Befestigungen erreicht, als die Soldaten Dolabellas, des 
starrsinnigen Widerstandes müde, den Feinden die Tore öffneten. 
Für den Henker des Trebonius gab es keine Gnade. Dolabella 
endete unter den Streichen eines Leibwächters sein Leben, und 
seinem Beispiel folgten die vornehmsten seiner Anhänger, Cassius, 
'der jede Parteinahme für seine Gegner als eine Auflehnung 
gegen die Hoheit des Senates bestrafte, ließ das unglückliche 
Laodikeia die ganze Schwere des Kriegsrechtes fühlen. Trium- 
phierend berichtete Cassius noch vor dem Entsätze Mutinas an 
den Senat über seine glänzenden Taten, 

Aber Hülfe konnte dem Senate nur Brutus bringen, der um 
diese Zeit mit acht Legionen in lUyrien stand. Doch blieb er, auch 
als Decimus Albinus befreit war, gegen alle Bitten, in den italischen 
Krieg einzugreifen, taub. Selbst die offene Parteinahme des Senats, 
der ihn und Cassius zu Oberstatthaltern des Ostens ernannte, ver- 
mochte ihn nicht aus seiner vorsichtig abwartenden Stellung auf- 
zurütteln. Darüber vollzog sich das Schicksal des Senates, vom 
scheinbaren Sieg bis zur vollständigen Niederlage, Die Bildung 
des Triumvirates mußte Marcus Brutus ein längeres Ausharren in 
seiner jetzt bedrohten Stellung an der epiro tischen Küste umso 
gefährlicher erscheinen lassen, als seine eigenen Truppen aus jungen 
unerprobten Mannschaften bestanden, die dem Stoße der Veteranen 
Caesars nimmer hätten stand halten können. Er tat das Unvermeid- 



7« 



Anputn* 



liehe, alä er sein ganzes Heer nach Asien überfühne, um sich 1 
mit Cassius zu vereinigen. Auf seine dringende Mahnung hatts: 
Cassius den Zug gegen Cleopatra, die für ihre Unterstützung Dola- 
bellas hätte büßen sollen, aufgegeben und war mit seinem ganzeüf 
Heere aus S>'rien im Anmarsch, Auf dem Wege hatte er mit de« 
fühllosen Härte seines Charakters Städte, Fürsten und Ländef 
beraubt. Das gleiche Schicksal wie Laodikeia traf jetzt auch Tarsoa 
das sein Verderben heraufbeschwor, indem es dem Caesarmördei 
Tülius Cimber, der, seine Provinz Bithynien im Stiche iassen<^ 
Cassius erreichen wollte, den Eintritt in die Stadt verweigerte. Füi 
solchen Frevel belegte Cassius die Stadt nach der Überwindung 
des Dolabella mit der unerschwinglichen Buße von 1500 TalenteOj 
Ausgesandte Soldaten zwangen die Behörden der Stadt, die Geldes 
des Staates, die Kostbarkeiten der Tempel, das Privatvermögen 
der Bürger auszuliefern, imd da alles nicht genügen wollte, die 
Frauen und Kinder, Männer und Greise in die Sclaverei zu 1 
kaufen, bis endlich selbst Cassius diesem Wüten Einhalt tatd 
Rascher gewann er die Schätze des Königs Ariobarzanes 
Cappodocien. Der Verschworung beschuldigt, wurde er einfadi 
von Cassius Reitern erschlagen und seine Schatzkammern geleert 
lii Smyma hielten die Caesarmörder Kriegsrat. Noch banei 
sie es in der Hand, die verlorene Stellung in Europa wieder ein- 
zunehmen, den Gegner entweder, wie es Pompeius im ersten Bürger 
kriege getan, an der Küste des adriatischen Meeres zu erwarteu 
oder mit ihrer überlegenen Flotte Italien selbst zu bedrohen und 
den Krieg im Bunde mit Sextus Pompeius zu führen. Aber d« 
Fluch ihrer Tat wich nicht von ihnen und lähmte die Kraft ihrei 
Entschließung, Ihr einziger Gedanke war, die führerlosen Heere 
die sie an sich gerissen, dauernd an sich zu fesseln und willig 3 
machen, nach «) vielen Niederlagen der Senatspartei unter ihren 
Fahnen weitentukämpfen. Das einzige Mittel, die Söldner im G« 
horsam zu erlialien, lag in der Macht des Goldes. Wie die TriunW 
vim in Italien raubten und plünderten, um die Gier ihrer Söldnei 
zu stillen, *o erpreßten die Befreier in den Provinzen, was ihnei 
noch abzuzwingen war. Aber ganz anders als in Italien waren di 
hoben Herren de» Senate« »eit einem Jahrhundert in den Provinze 



L. 



5- Brattu und CaariDi im Osten yg 

ihnt, in den Untertanen nichts anderes zu sehen als eine 
willenlose, im höchsten Maße steuerbare Masse, die irgendwie zu 
schonen keine Gerechtigkeit erlaubte. Zur schwersten Mißhand- 
lung wurden die Retter der Freiheit durch ihren Fanatismus 
aufgestachelt. Wie Cassius in Syrien hatte Brutus schon früher 
in Thrakien den Raubkrieg geführt, die ohnmächtige Fürstin 
Polemokrateia gezwungen, ihm, dem selbstbes teilten Vormund 
ihrer Kinder, ihre Schätze in Europa und in Kyzikos, wo sie 
sie geborgen glaubte, auszuliefern. Noch tragen die aus dem 
thrakischen Golde geprägten Münzen des Brutus das Wahrzeichen 
seiner Schande, den Freiheitshut zwischen den Dolchen der 
Rächer. Was war von solchen Männern zu erwarten, wo sie an 
der Spitze von 19 Legionen kein Unrecht tun konnten? 

Auch in Asien galt es, Abtrünnige zu züchtigen. Hatten doch 
Rhodos und die Lykier, dem Namen nach freie Bundesgenossen 
Roms, zur Unzeit erklärt, im Bürgerkriege keine Partei ergreifen 
zu wollen. Rhodos hatte trotz aller Schicksal schlage, die es unter 
römischer Herrschaft erfahren, neben den Tugenden griechischen 
Geistes auch die Kunst der Waffen nicht verlernt. War auch die 
Zeit der Blüte ihres Handels dahin, so glänzte doch die Stadt, die 
nie den Feind im Innern ihrer Mauern gesehen, im altererbten 
Reichtum. Dies war es, was Cassius bewog, die Treulose heimzu- 
suchen. Die Erinnerung an so viele ruhmvolle Siege, die sie gegen 
übermächtige Feinde gewonnen, bestimmte die Rhodier, trotz der 
geringen Schiffszahl auf der Höhe von Myndos der römischen 
Flotte entgegenzutreten. Aber ihre Seemannskunst und ihr Mut 
erlag der Übermacht der Feinde. Als Cassius von Loryma aus 
seine Legionen auf Lastschiffen nach der Insel übersetzte und 
mit der Flotte den Hafen zu sperren drohte, versuchten die 
Rhodier noch einmal, wenn auch gleich erfolglos, ihre Stadt 
zu schirmen. Das Hoffnungslose des Widerstandes lähmte auch 
die Verteidigung und führte zu Verhandlungen. Während sie 
noch schwebten, drang Cassius durch Überraschung in die Stadt 
ein. Ganz anders als Tarsos befriedigte Rhodos die Raubgia- 
der Sieger. Die herrliche Beute von 8500 Talenten krönte die 
Hinrichtung der edelsten Vorkämpfer der Freiheit. 



Noch vernichtender traf der Rachezug des Brutus die Städte 
Lykiens. Die Plünderung der kleinem) Orte gelang ihm mähcr 
los. Aber das feste Xanthos trotzte selbst einer regelmäßigCB 
Belagerung. In erbitterten Ausfallskämpfen zersiörteo die Ver« 
leidiger immer wieder die Belageningswerke, bis es den Römern 
gelang, durch ein geöffnetes Tor in die Stadt einzudringen; dia 
Xanihier brachten das Tor wieder in ihre Gewalt, griffen die': 
Rötner im Innern von allen Seiten an und drängten sie zuletzt in 
das Heiligtum des Sarpedon, dessen feste Mauern iha^i Schuti 
gewährten. Den Abgeschnittenen Hülfe zu bringen, bemühte 
sich die Römer lange vergebens, bis sie endlich unter der Fülinm| 
eines lykischen Verräters die Stadtmauer an einer Stelle erstiegen 
wo der Schutz steiler Felswände die Verteidiger in Sieberheil 
gewiegt hatte. Bald ergossen sich die Römer von allen Seitefl 
in die Stadt, mit den Bewohnern, die jeden Fußbreit verteidigten 
im Straßenkampfe ringend. Vergebens suchte Brutus 
Morden Einhalt zu gebieten. Die Xanthier, das Beispiel ihrei 
Väter nachahmend, die in den Kämpfen gegen Harpagos unted 
den Trümmern ihrer Stadt den Tod gefunden hatten, warfei 
die Brandfackel in ihre Häuser und Tempel, und wer nicht mi 
dem Schwert in der Hand fiel, verbrannte in der flammendei 
Lohe. Nur 150 Greise und Kinder von Xanlhos sollen da 
Untergang der geliebten Heimat überlebt haben. Ein so furcht 
bares Strafgericht lähmte den weiteren Widerstand der Lykiet; 
Patara ergab sich bedingungslos, als Brutus es mit dem Schick- 
sal von Xanthos bedrohte, und nachdem auch Myra gefallen 
war, unterwarf sich ganz Lykien dem Sieger. Was der Preis 
der Verzeihung war, erkennt man an der Begnadigung Pataras 
von wo Brutus, was die Stadt an Gold und Kostbarkeiten besaß, 
entführte. So hatten die Befreier an ihren Feinden gehandelt 
die um den Schein der Freiheit mit ihnen gerungen hatten. 
Gleiche Gerechtigkeit widerfuhr den gehorsamen Provinzialen. 
Ein Edict befahl ihnen, das zehnfache des Jahrestributs in dMi 
Kriegsschatz zu steuern. Wie ein Brandmal ist die Erinnerung 
an die letzte Zeit der Senatsherrschaft den Ländern des Ostei 
aufgeprägt geblieben. 




6. Philipp! 

Die Fortschritte des Heeres der Triumvira in Macedonien 
machten den Raubzügen der Befreier ein Ende und nötigten sie, an 
ihre Verteidigung zu denken. Bereits hielten Decidius Saxa und 
Gaius Norbanus mit acht Legionen die schwierigen Pässe an der 
thrakischen Küstenstraße besetzt. Die Landung des Hauptheeres der 
Triumvim in Epirus wirksam zu hindern, war unmöglich geworden. 
Die glücklichen Unternehmungen der Flotte im adriatischen Meer 
lassen erkennen, daß Cassius und Brutus bei einer umsichtigen 
Führung des Krieges die Gegner hätten in Italien festhalten können. 
Cassius hatte schon im Frühjahr 42 den Staius Murcus mit einer 
Flotte nach dem Peloponnes entsendet, um den Kriegsschiffen, 
welche die Königin Ägyptens den Triumvim zu Hülfe sandte, den 
Weg zu verlegen. Als ein Sturm die Ägypter zerstreute, erhielt 
Murcus freie Hand in das adriatische Meer vorzugehen. Er legte 
sich vor den Kriegshafen Bruodisium und hinderte die Ausfahrt der 
Truppenschiffe so wirksam, daß Antonius den Eingang des Hafens 
nur mit Mühe durch Floße, die Türme trugen, offen hielt. Erst 
Caesar, der, den Kampf gegen Sextus Pompeius aufgebend, seine 
Flotte von Regium heranführte, gelang es, die Sperre des Hafens 
zu sprengen. So landeten die Triumvim ihr ganzes Heer ohne 
ernstliche Störung in Dyrrachium, ehe noch Domitius Ahenobarbus, 
den Cassius mit 50 Schiffen, die auch Legionare an Bord führten, 
entsendet hatte, zur Verstärkung des Murcus an der illyrischen 
Küste eintraf. Nur die Nachschübe an Truppen und die Transporte 
vermochten sie zu hemmen. Aber auch dies genügte, die Lage der 
Triumvirn zu erschweren. Denn sie waren jetzt für die Verpflegung 
ihres Heeres ganz auf das arme lllyricum und das schwach be- 
völkerte Macedonien angewiesen, und doch ein rascher Vormarsch 



82 



AnguTlui 



nach Macedonien war dringend geboten, sollten die nach Mace- 
donien vorgeschobenen Legionen nicht von der feindlichen Übet- 
machc erdrückt werden. 

Schon waren Cassius und Brutus nach dem thrakischen Cher- 
sones übergegangen. Hier hielten sie eine Heeresschau über 
19 Legionen, 12000 Reiter und zahlreiche Hülfsvölker, die ihnen 
die Fürsten Asiens zugeführt hatten. Der innere Wert und Zu- 
sammenhang des Heeres entsprach nicht der gewaltigen Zahl. 
Um den Kampfesmut des Heeres zu heben, seiner Treue gewiß ■ 
zu sein, spendeten Cassius und Brutus aus ihrem unerschöpf- 
lichen Kriegsschatz reiche Gaben. Durch die thrakischen Fürsten 
von der Stellung des Feindes genau unterrichtet, rückten sie auf 
der Küstenstraße über Änos und Maroneia gegen die korpilischen 
Pässe vor. Decidius Saxa wurde zur Räumung der Pässe ge-' 
zwungen, als die Flotte unter Tillius Cimber, an der Küste entlang 
fahrend, den Rückzug bedrohte. Er wich auf die sapaeischea , 
Pässe zurück, vereinigte sich hier mit Gaius Norbanus, um die stark 
befestigte Stellung, die zu umgehen unmöglich schien, hartnäckig 
zu verteidigen. Trotz ihrer Übermacht verbluteten sich die Truppen 
der Befreier in vergeblichen Stürmen. Und doch war das Haupt- 
heer unter Antonius bereits im Anmarsch, auch die Jahreszeit 
drängte zur Eile. Da erbot sich der thrakische Fürst Rhascuporis, 
die Legionen des Cassius auf unwegsamen Gebirgspfaden dem 
Feinde in den Rücken zu führen. Als die für die Umgehung be- 
stimmten Truppen unter Bibulus Befehl nach einem viertägigen 
Marsche in den ungangbaren, wasserlosen Bergen ganz erschöpft 
hinter der Stellung der Caesarianer eintrafen, hatte Norbanus, 
von dem thrakischen Fürsten Rhascus gewarnt, die sapaeischen 
Pässe geräumt und war in vollem Rückzug auf Amphipolis be- 
griffen. Rhascus war der Bruder jenes Rhascuporis und hatte 
die Partei der Triumvirn ergriffen, um dem Fürstenhause, wer 
auch siegen sollte, die angestammte Herrschaft zu sichern, 

Cassius und Brutus folgten den Feinden durch die verlassenea 
Pässe. Jenseits des Westausganges dehnte sich die Ebene von 
Philippi. Cassius erkannte mit sicherem Blicke westwärts der Stadt 
eine Stellung, die zu einer nachhaltigen Verteidigung vortrefflich, 



geeignet war. Sie deckte die Straße von Philippi nach dem Hafen- 
platze Neapolis, wo die Flotte, die das Meer beherrschte, vor 
Anker ging, und hielt die Rückzugslinie durch die sapaeischen 
Pässe offen. Ein Fluß, der im Westen durch ein versumpftes Tal 
hinlief, erschwerte die Annäherung der Feinde. Im Süden war diese 
Stellung durch ausgedehnte Sümpfe, im Norden durch ein unweg- 
sames Gebirge vor jeder Umgehung gesichert. Auf zwei Hügeln, 
die ein schmales Tal trennte, verschanzten sich die Heere, Brutus 
auf dem nördlichen, Cassius auf dem südlichen, und sperrten das 
Tal durch ein starkes Werk. Auf diesem wohlgewählten Kampf- 
platz lag es in der Hand der Feldherrn, den Feind durch hart- 
näckige Verteidigung zu erschöpfen oder die Entscheidungsschlacht 
unter günstigen Bedingungen zu schlagen. Ihr junges Heer brannte 
vor Begierde, Kraft und Geschicklichkeit an den Veteranen Caesars 
zu erproben. Fochten doch in beiden Reihen die edeln Söhne 
Italiens. Um den unerreichten Siegesruhm ihres Volkes ringend, 
sollten sie im brudermordenden Kampfe das Blachfeld von Philippi 
mit ihrem Blute röten. Aber über den Feldherrn lag der Schatten der 
Verzweiflung. In dem Glauben an ein unentrinnbares Verhängnis 
brüteten sie finster über dunkeln Ahnungen, unheilvollen Vorzei- 
chen. Die Adler, die Siegesboten des höchsten und besten Juppiter, 
die das Heer auf dem Zuge durch Thrakien geleitet hatten, ver- 
schwanden vor ihren Blicken auf dem Felde von Philippi. Cassius 
sah es mit Entsetzen, daß das Bild der Göttin, die seine Sieges- 
kraft verkörperte, bei der Heeresweihe in den Staub stürzte. Qual- 
voller litt Brutus, wenn die zertretene Liebe zu Caesar im nächt- 
lichen Dunkel den drohenden, blutigen Schatten heraufbeschwor. 
Da rief sie das Nahen der Feinde zur Tat. 

Antonius führte das Heer der Triumvirn über Amphipolis heran, 
wo er sich mit Norbanus, der ihn in stark verschanzter Stellung 
erwartet hatte, vereinigte. Caesar war erkrankt in Dyrrachium 
zurückgeblieben. Schmerzlich empfand er, wie oft in seinem 
Leben, daß sein schwacher Körper im entscheidenden Augen- 
blicke versagte. Als Antonius vor den unangreifbaren Höhen von 
Philippi eintraf, entschied er sich, sein Heer unmittelbar am Feinde 
in der sumpfigen Niederung lagern zu lassen. Die Ungunst der 



84 



AaguttDt 



Stellung irrte ihn nicht, da er entschlossen war, die Entscheidung^ 
schlachl zu schlagen. Zehn Tage später, als Caesar beim Heere 
eintraf, rückte er in voller Schlachtlinie an die Schanzen des Geg- 
ners heran. Aber Cassius blieb unbeweglich auf den Höhen stebeo. 
Die Schwierigkeit der Verpflegung, Mangel an Trinkwasser, Krank- 
heilen unter dem Einflüsse der Herbstregen wirkten so ungünstig 
auf das Heer der Triumvim, daß Antonius beschloß, die Schlacht 
die die Gegner so hartnäckig verweigerten, zu erzwingen. Es 
konnte nur gelingen, wenn er die Verbindung des Cassius mit <i 
Meere bedrohte. Durch den Schein eines Angriffs auf der | 
Linie den Gegner täuschend, ließ er Tag und Nach: an ein« 
Damm arbeiten, der den Sumpf im Süden überbrückte. In einet 
dunkeln Nacht führte Antonius einen Teil seines Heeres über di 
Sumpf, besetzte eine Höhe im Rücken der Feinde und befestigte si 
Als Cassius die Umgehung gewahr wurde, verlängerte er den At 
seiner Befestigungen, der vom Haupdager bis aii den Sumpf reichl 
durch ein Gegenwerk, bis es ihm gelang, den Damm des Antoniai 
m durchbrechen und die vorgedrungenen Abteilungen vom Haupt 
beere abzuschneiden. Nur durch eine siegreiche Schlacht koaaa 
Antonius die j^bgeschnittenen befreien. So entwickelte er wie 
sein und Caesars Heer in der Ebene zur Schlacht gegen den Fei 
fler wie immer unbew^lich auf seinen H^en stand. Als i 
den rechtoi Flügel ohne Rücksicht auf die Schwierigkeit d 
vsm Angriff auf Cassius Legionen heranfütute, stürmten d 
ooen des BmEits, oiioe einen Befehl abzuwaneo, die Höben fa 
Caesars Fl^d em, warfen und durchbrachen ihn und fa 
sich des feindlklieQ Lagers. Trotz der Niederlage des linken % 
die sich cor setnen Augen vollzog, drang Antonius mit Ob 
auf die Linien des Cassius ein, erreicfate den Arm der£ 
der das Haaptbger mit dem Sumpfe verband, eroberte c 
Wncte SODCS ABStnnBCS die Wer^ und trieb die VertekJ 
«OB dem Damme in don Sonpfe berbeieüten, zurück 
er so des *^'*'^— -*!"'"* "^ der fctndlicfaen Stellung Herr g 
gvif f er mü fikiihnn Ungcstsm das schwach \-erteidigte Y. 
des <jsg«5 a^ ibs m ^üe Hände fiel. Vom Lärm des 1 
; b^anoen die I 



6. Phllippi gE 

vor den Schanzen kämpften, zu weichen. Cassius, als er das 
Feld von Pliehenden bedeckt sah, gab alles verloren und rettete 
sich gegen Philippi. Da sah er, wie von Norden Reitermassen 
heiankameii, die er für feindliche hielt. Ehe noch der Officier, den 
er zur Erkundigung ausgesendet hatte, zurückkehrte, ließ er sich 
verzweifelnd von seinem Schildträger töten. Und doch waren des 
Antonius glänzende Erfolge nur ein Scheinsieg gewesen. Als 
Biutus sein siegreiches Heer zum Gegenangriff heranführte, wurden 
die TiTJppen des Antonius aus den mit so furchtbaren Opfern ge- 
wonnenen Werken wieder herausgetrieben. Am Abend der Schlacht 
lagerten sich die Heere in den Stellungen gegenüber, die sie vor dem 
Kampfe eingenommen hatten. Schon am nächsten Morgen ordneten 
die Triumvim in der Ebene ihr Heer von neuem zur Schlacht. 
Aber das Heer des Brutus wagte nicht mehr, von den sicheren 
Höhen ins Tal zum Kampf niederzusteigen. Es war, wie Brutus 
sagte: wir geben uns nur den Schein, nicht besiegt zu sein. Um 
den Anblick des toten Feldherrn dem Heere zu entziehen, ließ 
Brutus die Leiche des Cassius in dem fernen Thasos bestatten. 

An demselben Tage, an dem bei Philippi die Schlacht ge- 
schlagen wurde, hatte die Triumvim auf dem adriatischen Meere 
ein furchtbarer Schlag getroffen, Domitius Calvinus hatte den 
Versuch gewagt, angesichts der feindlichen Flotte, die das Meer 
beherrschte, von Bnindisium aus zahlreiche auserlesene Truppen 
auf Lastschiff en nachEpirus überzusetzen. Da stockte der günstige 
Fahrwind in dem Augenblicke, wo die Truppenschiffe des Calvinus 
von der Flotte des Staius Murcus und Domitius Ahenobarbus auf 
offenem Meere erspäht und angegriffen wurden. Die schwache 
Bedeckung an Geleitschiffen wurde bald überwältigt und die Last- 
schiffe, von Brandpfeilen in Flammen gesetzt, begannen zu sinken. 
Der Mut der Verteidiger, die mit den feindlichen Elementen rangen, 
das Deck der sie umgebenden Kriegsschiffe zu erstürmen suchten, 
verzögerte nur ihren Untergang, Zwei Legionen, unter ihnen die 
Martia, die Siegerin von Munda und Mutina, 2000 Soldaten prae- 
torischer Cohorten, 4 Reiterregimenter und zahlreiche auserlesene 
Hülfsvölker, sie alle deckten den Grund des Meeres. 

Dieses grausige Opfer änderte nichts an dem Ausgang des 



86 



Auguttus 



Kampfes bei Philippi. Brutus, der in Cassius Tode die Entscheidung 
des Schicksales sah, war keines Entschlusses mehr fähig. Er v 
säumte sogar seine nächste Pflicht, die Straße nach der Küste, aui 
der die ganze Verpflegung seines Heeres beruhte, zu sichern, 
Antonius bemächtigte sich eines Nachts einer die Straße beherr- 
schenden Höhe und besetzte sie mit vier Legionen; immer neue 
Verstäi'kungen heranziehend, schob er seine Werke, ohne irgend 
einen Widerstand zu finden, bis an die Meeresküste vor. 
eisei ner Ring, der keinen anderen Rückzug offen Heß als das un- 
wegsame Gebirge, umklammerte so das Lager des Brutus. Hungei 
und Verzweiflung herrschten in seinem Heere, wo Befehl wie Ge- 
horsam gleichmäßig erloschen war. Immer täuschte sich Brutus 
vor, daß das feindliche Heer, unter der schwierigen Verpflegung 
leidend, von selbst vom Platze weichen werde, und suchte beim 
Anblick seines in gerechter Entrüstung sich auflehnenden Heere> 
Trost in den Worten seiner Philosophie, den nur entschlossenes 
Handeln hätte geben können. Da zwangen ihn seine Truppen 
zwanzig Tage nach der ersten Schlacht, sie zu einem letzten Kampfe 
dem Feinde entgegenzuführen. An Tapferkeit und Mut waren die 
Heere sich gleich, aber die Wucht und Erbitterung der Veteranen 
Caesars drängten nach langem Ringen die Legionen des Brutut 
allmählich zurück gegen ihr zweites Treffen, bis auch dieses i 
das dritte ins Wanken geriet. Da begann ihre Schlachtlinie sicü 
zu lockern, die Cohorten der Treffen wurden ineinander geschoben, 
der Widerstand gebrochen. Die Fliehenden wandten sich den 
schützenden Lager zu oder suchten Rettung in der Richtung nach 
dem Meere. Nur vier Legionen des rechten Flügels hielten um 
ihre Adler zusammen und schützten Brutus bei dem Rückzug in 
das Gebirge. Antonius verfolgende Reiter sperrten ihnen alle Weg^ 
drängten sie auf wasserlose Höhen, wo ihnen keine Wahl mehr 
blieb als die Ergebung. Brutus letzte Mahnung zum Widerstand 
hatten sie mit dem höhnenden Zuruf erwidert, sie hätten nach so 
tapferer Gegenwehr noch Hoffnung auf Versöhnung. Von seinem 
Heere gerichtet wie von seinem Gewissen, starb der Verblendete, 
der sich vermessen, in das Rad des Geschickes zu greifen, dea 
elenden Tod des Genossen seines Verbrechens. 



6. PhiUppi 



87 



Sieger in diesem Kampfe war allein Antonius. Seine ungestüme 
Tatkraft hatte das ganze Heer erfüllt, als er mit wuchtigen, sicheren 
Schlägen den hülflosen Gegner einengte und zuletzt bis zur Ver- 
nichtung schhig. Caesar war in der ersten Nacht krank im Zelte 
zurückgeblieben, und als sein Lager erstürmt wurde, war er der 
Gefahr, gefangen genommen zu werden, nur durch einen Zufall ent- 
gangen; wie er selbst sagte, hatte ihn ein Traum gewarnt. In der 
zweiten Schlacht führte er seine Legionen, ohne an dem Siege einen 
entscheidenden Anteil zu'haben. So hatte der Sieg über die Mörder 
Caesars für den Erben seines Thrones eine Lage geschaffen voll 
Schwierigkeit und Gefahr. Sein Gegner Antonius war in der Laune 
des Sieges um so mehr geneigt, das Übergewicht, das wahres Ver- 
dienst ihm gewonnen hatte, zu mißbrauchen. Denn die Feldherm- 
gabe, die Antonius allein zierte, sie war Caesar, dem Meiste'r der ■ 
Staatskunst, völlig versagt. Auch das Heer, das ihm mit Treue 
anhing, war vom Siege geblendet, sah nur in Antonius seinen 
Herrn und Meister. Es bedurfte eines Lebens von Schuld und 
Schande, Antonius den Glanz zu rauben, der ihn jetzt umgab. 

Das Reich lag zu den Füßen der Sieger vonPhÜippi. Antonius 
war entschlossen, den Mitbewerbern um die Macht keinen Anteil 
an seiner Beute zu gönnen. Gerade darin beging er den ersten 
Fehler, indem er den hülflosen Lepidus ganz beiseite schleudern 
wollte unter dem nichtigen Verwände, er hätte des Pompeius 
Räuberherrschaft begünstigt. Doch Caesar rettete den dritten der 
Triumvim, da er die Grundlage seiner eigenen Macht nicht in Frage 
stellen wollte. Indem er Lepidus die politisch bedeutungslose Herr- 
schaft über Africa zusichern ließ, gewann er für sich selbst die 
Provinzen, die Lepidus früher besessen hatte, beide Spanien. 
Antonius fielen die beiden Gallien jenseits der Alpen zu, da Gallien 
diesseits der Alpen fortan einen Teil Italiens bilden sollte. Die 
späteren Ereignisse zeigen, daß der Legat des Antonius in Galliep 
Fuf ius Calenus, sein getreuer Helfer in der Zeit des mutinensischen 
Krieges, schon damals den gemessenen Befehl erhielt, Caesar an 
der Besitzergreifung Spaniens zu hindern und in den italischen 
Wirren, die Antonius voraussah, gegen Caesar Partei zu ergreifen. 
Schon in Philippi warf der perusinische Krieg seine Schatten voraus. 



gg All£»tQt ^^ 

Denn Caesar war es zugedacht, die Landaufteilung in Italien durch- 
zuführen. Bei diesem fluchwürdigen Geschäfte sollte Caesar, i 
Antonius hoffte, an dem unlösbaren Gegensatze, die Begehrlichkeit 
der Söldner zu befriedigen und die Rechte der Bewohner Italiens 
zu schonen, elend scheitern. Er selbst dagegen, mit dem neues 
Lorbeer geschmückt, den ihm der Partherkrieg gewinnen mußte, 
gedachte als Herrscher des Ostens den Schattenherrscher Italiens 
um so sicherer zu vernichten. Aber die arge List seines Spieles 
sollte an seinen eigenen, niederen Leidenschaften scheitern. Caesar 
in seiner weisen Voraussicht erkannte klar, daß die wa 
Wurzeln der Macht nicht im Träumen und Hoffen, sondern in det 
harten Erfüllung der Herrscherpflichten lagen. Gerechtigkeit gegen 
die Forderungen seiner getreuen Soldaten, Liebe zu seinem armen, 
■ zertretenen Volke: das war der Gedanke, der ihn erfüllte, als er 
von Philippi nach Italien zog, um eine Aufgabe zu lösen, die 
unlösbai schien. 

Die ungeheuren Streitkräfte, die bei Philippi um den Sieg ge- 
rungen hatten, 43 Legionen, standen in dem Lager der Sieger ver- 
sammelt. Die Meisten aus dem Heere der Triumvim waren dem 
Kriegsdienste abgeneigt. Hatten sie doch nur zu den Waffen ge- 
griffen, den Tod ihres vergötterten Feldherrn an seinen Mördern zu 
rächen. Sie begehrten den Siegeslohn von ihren Feldherm, da 
ihnen immer wieder zugesichert, niemals bezahlt worden war. Si< 
erhielten auf der Wahlstatt ihre Entlassung. Nur u Legionel 
junger Mannschaften, die ihre Adler einst von dem Dictator er- 
halten hatten, blieben unter den Waffen. Dem Namen nach teiltea 
die Triumvirn dieses Heer, da 5 Legionen unter Caesars Befehl 
traten, 6 Antonius nach dem Osten folgen sollten. Aber wieder, 
brach Antonius den Vertrag, indem er ihn schloß : zwei der Legionel 
aus Caesars Heere wurden für den Partherkrieg bestimmt. 
Philippi erhob sich zu ewiger Erinnerung eine Siegesstadt, deren 
Bewohner die Veteranen der Cohortes praetoriae bildeten. Ai 
ihrer Stelle schufen die Herrscher eine neue Leibwache aus 10 o 
der erprobtesten Kämpf er von Philippi. So ist das Schlachtfeld v(M 
Philippi auch die Geburtsstätte jener Leibwache der Kaiser, di( 
mehr als einmal entscheidend in die Geschicke der Welt eingreif e9 



^ ^ ^ 



6. Philippi 80 

sollte. Die reich gefüllte Kriegskasse der Besiegten bot den 
Triumvim die Mittel^ jedem Soldaten einen Siegeslohn zu spenden. 
Und doch war dies nur ein schwaches Angeld für weit höhere 
Forderungen. Dem reichen Osten, in Wahrheit ein ganz er- 
schöpftes Land, sollten unter Antonius kundigen Händen neue 
Schätze für die Befriedigung des Heeres abgepreßt werden. Für 
die Dauer eines Jahres gedachte Antonius von Caesar zu scheiden, 
und eben in diesem Jahre sollte sein Bruder Lucius als Haupt des 
Senates in Rom den Lästigen überwachen. Caesar schied von dem 
Todfeind, dessen Innerstes er durchschaute, mit dem festen Ent- 
schlüsse, die Herrschaft zu behaupten. 



7- Perusia 

Der wahre Herrscher Italiens war in der Zeit des Krieges voB; 
Philipp! nicht Lepidus der Triumvir, der nur mit willenloser Träg- 
heit an seinem Amte hing, sondern Antonius Weib Fulvia. Mehr 
als ihr Reichtum hatte ihre sinnliche Schönheit und Leidenschaft 
das Herz des Antonius gewonnen, den sie als dritten Gemahl nüt^ 
solchem Zauber bestrickte. Die Gatten fühlten sich eins 
Lust, die Herrschaft in tollem Genuß zu gebrauchen. Jetzt, als difi( 
Gemahlin des gebietenden Herrn erfreute sie ihr Herz, mit den 
wechselnden Launen des Weibes das Schicksal zu spielen. So 
übte sie ihre Macht an Lucius Antonius, der in seinen Fehlem, 
aber nicht in den Vorzügen, seinem Bruder glich. Wie eine Wetter- 
fahne folgte er dem Zuge ihrer Heftigkeit, Gleich einem zweitea 
Markis, der den Antritt seines ersten Consulates mit dem Triumph 
über König lugurtha gefeiert hatte, eröffnete er das hoffnungs- 
reiche Jahr seines Consulates mit der Feier eines Scharmützels 
mit Alpenstämmen. Es schien, als ob das Gähren dieser schick- 
salsschweren Zeit sich in ein Possenspiel auflösen sollte. Und 
doch hatte Antonius frevelhafter Leichtsinn solchen Händen s 
eigenes Geschick anvertraut. Italien harrte mit Bangen der Heim- 
kehr Caesars und frohlockte, als eine Krankheit ihn in Brundisiuntt 
befiel, als sei der Schrecken neuer Ächtungen gewichen. 

Aber ein günstigeres Geschick wachte über Italien. Die Hand, 
die Widerwillen geschlagen hatte, sollte auch heilen. Schon die Art, 
wie er zu dem schweren Werke seine Helfer wählte, mußte Ver- 
trauen erwecken. Er fand sie nicht in dem mörderischen Adel, den 
Urhebern und den Opfern der Ächtungen, sondern in dem Kreise 
der Freunde seiner Jugend, die gleich den Bedrückten dem Volke 
angehörten. Selbst von so schlichtem Wesen, fühlte er sich jedem 



wahren Werte verwandt. Nach dem Vertrage mit Antonius, dessen 
Wortlaut Caesars Vorsicht schriftlich festgestellt hatte, sollten die 
Landbesitzer Italiens, deren Boden enteignet wurde, mit Geld ent- 
schädigt werden. Antonius hatte sich vor dem Heere verpflichtet, 
die Schätze Asiens, die die Landaufteilung sichern sollten, nach 
Italien zu senden. Aber Antonius und ein Zahl ungs versprechen I 
Caesar sah sich gezwungen, die all ehr würdigen Heiligtümer Italiens, 
die alle früheren Bürgerkriege geschont hatten, ihres Schmuckes 
und der Tempelschätze zu berauben, um nur die neuen Ansiedler 
mit dem unentbehrlichsten Wirtschaftsgeräte auszustatten. Achtzehn 
der blühendsten Städte hatte schon der Vertrag von Bononia den 
Legionen zugesprochen. Sie mußten ihnen werden. Die verzweifelten 
Bewohner drängten sich hülfesuchend in Rom zusammen, die Stadt 
mit ihren Wehklagen erfüllend. Aber lauter sprach die harte Not- 
wendigkeit. Caesar gedachte die Güter der reichen Senatoren auf- 
zuteilen, um die ärmeren Bürger der Landstädte zu entlasten. Schon 
bei dem ersten Versuche, ausgleichende Gerechtigkeit zu üben, 
zeigte sich der Senat, der seine Freiheit vor den Schwertern der 
Legionen zu verteidigen verlernt hatte, einmütig, seinen Überfluß 
mit allen Mitteln zu behaupten. So willigte Caesar in die Zer- 
störung des mittleren Besitzes, noch immer darauf bedacht, die 
Bauernschaft, in der er die ganze Zukunft Italiens sah, zu er- 
halten, indem er die Güter, die das Landlos der Veteranen nicht 
überstiegen, und die Mitgift der Frauen von der Aufteilung aus- 
nahm. Auch so ließ sich die Einweisung der Veteranen in ihren 
neuen Besitz nur mit grausamer Härte vollziehen. Diese Soldaten, 
die gewohnt waren, die Grenzen ihres Eigentums in ihrem Gelüste 
zu sehen, dehnten mit Gewalt ihre Guter über den Boden ihrer 
Nachbarn aus. Die Bewohner der Städte, die den sicheren IJnter- 
g£mg vor Augen sahen, suchten Gewalt mit Gewalt abzuwehren. 
Viele Städte wurden wie im Kriege mit stürmender Hand genommen, 
und die neuen Eigentümer fanden den Weg zu ihren Gütern über 
die Leichen der rechtmäßigen Besitzer. Auch hier waren Caesar 
und seine Freunde, die die Landaufteilung leiteten, unablässig be- 
müht, von den unglücklichen Bewohnern Italiens das Schlimmste 
I abzuwenden, den ärgsten Greuel abzuwehren. Dem gerechten Sinn 

^ 



, Italien, wenn nicht dieRube^ 




des Herrschers schien es zu geling) 
so doch den Frieden zu sichern. 

Fulvia und Lucius Antonius ließen Caesar, der sich auf 
geschriebene Recht des Vertrages berief, um die Landanweisung 
nach seinem Willen durchzuführen, gewähren, solange sie ihn ia 
unlösbare Wirren verstrickt glaubten. Aber daß das Werk gelingea 
sollte, war nicht nach ihrem Sinne. Plötzlich fanden sie, daß 
Caesar schweres Unrecht beging; nicht er, sondern die Legatea 
des Antonius sollten den Legionen, die unter Antonius persönlichem 
Befehle gestanden hatten, ihre Güter anweisen. Denn sie fürchteten,, 
diese Soldaten könnten Antonius entfremdet werden, dem gerechten 
Henscher sich zuwenden. Um Italien den Frieden zu erhalten, 
willigte Caesar in diese Forderung, Die Legaten vergrößerten den 
Veteranen ihre Landlose und gestatteten ihnen ganz in der Art des 
Antonius das Recht der Bewohner mit Füßen zu treten. So war 
der Same des Bösen wieder gesät, der Geist der Parteiung erhob 
von neuem sein Haupt im Heere. Denn das wahre Ziel Fulvias 
war, den Krieg zu erregen. Ihre Weiblichkeit haßte den kühlen 
Herrscher, der mit männlichem Wollen aufgeregter Heftigkeit be- 
gegnete. Auch stachelte sie die Eifersucht. Sie wollte ihren Ge-' 
mahl, den sie in den Armen Cleopatras wußte, durch den Krieg in; 
Italien wieder in ihre liebende Nähe zwingen. Lucius Antonius 
drehte sich nach dem neuen Winde. Er fühlte sich plötzlich alsi 
der Consul und das gesetzliche Oberhaupt des Senates dazu berufen, 
die Freiheit der Italiker gegen soldatische Willkür zu schützen. 
Hatten doch die Verzweifelten, als sie nirgends Hülfe fanden, sogar 
ihn, den Bruder des Antonius, mit ihren Bitten bestürmt. Die 
falsche Politik, die man bisher getrieben, wurde ihm klar. Sein 
Bruder begehrte den Freistaat wieder herzustellen, und nur Caesai 
maßloser Ehrgeiz hinderte den wohlwollenden Herrscher. In Fulvia^ 
erwachte nicht minder plötzlich die Zärtlichkeit der Mutter. Caesar 
hatte die Kinder des Antonius in seinen Schutz genommen, in Wahr- 
heit, um die unschuldigen Kleinen zu würgen. Lucius Antonius 
eilte in die Colonien der Veteranen, um Schutz für sie zu sucheO] 
und fand keinen Glauben. Auch die Veteranen des .Antonius über- 
zeugte Caesars klare Darlegung, daß er in voller Eintracht mit 



7. Pernsia 



93 



;us Antonius handle; die ausgesandten Mörder seien Reiter- 
wachen an den Küsten Brettiens. Viel bedenklicher war es, daß 
Fufius Calenus den Legionen Caesars den Durchzug nach Spanien 
verweigert hatte. 

So nahm das Heer die Entscheidung des Zwistes in die Hand. 
Es berief durch seine Häupter die Herrscher zu einem Gerichtstag 
nach Teanum. Die Entscheidung war nach dem Geiste Caesars, 
Danach sollten die Triumvirn den Consul nicht in der Ausübung 
seines Amtes hindern; nur die Kämpfer von Philippi hätten ein 
Anrecht auf Landbesitz in Italien. Der Ertrag der eingezogenen 
Güter fiel zu gleichen Teilen auch den Legionen des Antonius zu; 
niemand dürfe ein neues Heer in Italien bilden. Caesars befestigtes 
Ansehen zeigte der letzte Beschluß, daß sein Heer freien Durchzug 
nach Spanien habe und Calenus verpflichtet sei, ihm an Stelle der 
Legionen, die er an Antonius für den Partherkrieg abgetreten hatte, 
zwei Legionen seines eigenen Heeres zu überweisen. Durch die 
Vernunft geschlagen, kam Fulvia nach Frauenart auf ihr letztes 
Wort zurück. Nur war jetzt der arme Lepidus der Kindermörder, 
und sie flüchtete mit den Kleinen unter dem Schutze des getreuen 
Votmundes Lucius Antonius aus Rom nach Praeneste. Nun besaß 
sie den Stoff, den teuren Vater ihrer Kinder in dem fernen Ägypten 
mit liebevollen Briefen zu bestürmen. Selbst der Senat in Rom 
mahnte den Vorkämpfer seiner Rechte, den Consul Lucius Antonius, 
zum Frieden und erschütterte den weitblickenden Staatsmann in 
der Richtigkeit seines Tuns. Aber einer Frau in Nöten fehlt es 
nie an einem einsichtigen Berater, und Fulvia besaß ihn in Manius, 
der nach der Art solcher Freunde ihr das, was sie wollte, ganz 
klar bewies: während Antonius im fernen Osten mit Mühe und 
Not Schätze sammle für sein Heer, verstehe es Caesar in seiner 
Tücke, dieses Heer ihm zu entfremden und sich in Italien behag- 
lich einzurichten. Jetzt galt es für Fulvia, die Herrschaft ihres 
Mannes zu verteidigen, und da er eben nicht da war, nahm sie 
selbst die Zügel in ihre zarte Hand. Bald hatte sie in Praeneste 
einenGegen Senat aus ihren Parteigängern gebildet, und das dienende 
Haupt dieser neuenRegierung Italiens, Lucius Antonius, durchzog 
in Fulvias Auftrage dieColonien des Antonius und warb offen zum 



94 

Kriege. Caesar erkannte, daß der Bürgerkrieg unvermeidlich ge- 
worden war, und begann selbst zu nisten. 

Der offenbare Wahnwitz dieses Treibens bestimmte das Hee 
nochmals einzugreifen. Die Legionen des Antonius, die sich ind 
drohenden Kampfe ohne Führer sahen, gingen voran. Wahrlichj 
die Häupter des Heeres waren sich des Ernstes und der Heiligkeit 
ihres Miltleramtes wohl bewußt. Im Angesicht des Senates untf 
des Volkes von Rom traten sie auf dem Capitol zusammen, 
nochmals den Vertrag von Philippi zu prüfen, und als sie ihn 
richtig befanden, beschieden sie die hadernden Herrscher 
feierlichster Form zu einem zweiten Gerichtstag nach Gabiij 
Caesar hatte sich eingefunden; seine Reiter streiften auf der 
Straße nach Praeneste, wo Lucius Antonius mit seinem Gefolge: 
herankam. Da entzündete sich das glimmende Kriegsfeuer. 
Schutzwachen der beiden Herrscher gerieten hart aneinander, 
Lucius Antonius floh in kopfloser Angst nach Praeneste. Wen^ 
auch die Veteranen in Gabii für Caesars Ansprüche entschiedet^ 
so war doch der Gerichtstag gesprengt. Fulvia höhnte nur ; 
Kreise ihrer Höflinge über den Senat in Soldatenstiefeln. Ti^unf 
phierend stcind sie am Ziele ihrer Wünsche: der Krieg, den sit 
gewollt, er war nun endlich doch gekommen I 

Der leichtfertige Leichtsinn des Weibes erscheint umso f revd' 
hafter, als Italien in diesem Augenblicke einmütig hätte zusammen- 
stehen müssen gegen den Räuberstaat auf Stcilien. Denn die Mach) 
des Sextus Pompeius war im steten Wachsen, Wieder hatte 
Austreibung der Besitzenden viele verzweifelte Menschen nach dei 
Insel hinübergeführt. Neue Verstärkungen an Schiffen und ge 
schulten Mannschaften brachte ihm der Sieg von Philippi. Alle dk 
zahlreichenFIottenabteilungen derBefreier aus den östlichenMeer« 
fanden sich in Messana zusammen, wo der Seekönig das Banne] 
der Freiheit entrollt hatte. Auch Staius Murcus war mit sein^ 
Flotte, die 2 Legionen an Bord führte, unter diese Wahrzeichei 
seiner eigenen verlorenen Sache geflüchtet. NurDomitius Ahen» 
barbus kreuzte noch im adriatischen Meere, in seinem Tun in nicht) 
verschieden von den Räubern der See, Alle Küsten Italiens lagei 
schutzlos da und wurden von Postenketten kaum bewacht. Wie di( 



üUi 



7. Penisia gj 

Zufuhr seit langem gestockt hatte, so war auch der Landbau in 
Italien durch die Umwälzung des Besitzes gelähmt. Der Hunger 
herrschte in Rom, dessen Straßen selbst bei Tage von Räuber- 
scharen heimgesucht wurden. Wohl hatte Caesar die Vorbereitungen 
zimi Kriege gegen Sextus Pompeius wieder begonnen. Vier Legionen 
standen in Capua, eine Flotte wurde in Brundisium gerüstet. Gleich- 
zeitig mit dem Ausbruche des Bürgerkrieges traf ihn die Nachricht, 
daß Domitius Ahenobarbus in den Hafen von Brundisium ein- 
gedrungen sei und die Flotte vernichtet habe. Auch sonst war die 
Lage für Caesar äußerst gefahrvoll. Er hatte zwar an Salvidienus 
Rufus den Befehl gesandt, er solle das Heer nicht nach Spanien 
führen. Aber es war unsicher, ob ihn und seine sechs Legionen 
die Nachricht noch rechtzeitig erreichen werde. 

Die Stunde der Not ließ Caesar, den Klugen im Rate, auch' 
das Schwert finden zur Tat in seinem Jugendfreunde Marcus 
Agrippa. Ein Mann ohne Ahnen, gehorte er zu den seltenen, deren 
Adel in ihnen selbst entspringt. Stolz und voll leidenschaftlichen 
Tatendranges erhob sich der Bürgersohn gebieterisch über alle, die 
Caesars Fahnen folgten, nur in warmfühlender Freundschaft dem 
überlegenen Geiste des Herrschers sich beugend. So wardenHeerea 
Caesars der Feldherr erstanden, der sie seit dem Tage, wo er den 
Befehl übernahm, von Sieg zu Sieg führen sollte. Schon in diesem 
seinem ersten Kriege leuchtet die planvolle und entschiedene Lei- 
tung hervor. Dagegen Lucius Antonius war nur das Kriegshom, auf 
dessen Ruf die Legionen aus den Colonien sich zusammenballten, 
von der blinden Eifersucht gegen ihre Waffengenossen in Caesars 
Heer vorwärtsgetrieben. Während die Heere in Italien noch in der 
Bildung begriffen waren, erhielt Caesar Gewißheit, daß Salvidienus 
Rufus, von Fufius Calenus an der Grenze Galliens zurückgewiesen, 
den Rückweg angetreten hatte und in Eilmärschen durch Ober- 
italien sich näherte. So ließ er zum Schutze Roms zwei Legionen 
unter Lepidus zurück und wandte sich auf der Via Flaminia nach 
Neiden, Vor Nursia abgewiesen, stieß er in Umbrien auf das Heer, 
das Fumius, der Legat des Lucius Antonius, aus den Marken heran- 
führte. In der Schlacht siegreich, drängte er den Gegner auf 
Sencinum zurück und schloß die Stadt ein. Hier war es, daß Salvi- 



,6 



An^Qstm 



dienus sich mit ihm vereinigtCj der die Leitung der Belagerung 
übernahm, während Caesar mit dem Hauptheere wieder nach Süden 
eilte, um Rom 2urückzugewinnen, Denn Lucius Antonius war mil 
einem Heere, das er in Süditalien gebildet hatte, gegen Rom vor- 
gedrungen, hatte die Stadt, die Lepidus, schlaff wie immer, nicht 
verteidigte, mitübermacht eingenommen. Beim HerannahenCaesar» 
suchte Antonius nach Norden durchzubrechen, um sich mit Furnius 
zu vereinigen. Schon näherten sich auch die gallischen Legioneti, 
von Asininus PoUio und Ventidius geführt, dem Kriegsschauplätze. 
Salvidienus schwebte in Gefahr, von zwei Seiten angegriffen zu we^ 
den. Da befahl Agrippa die Vereinigung aller Streitkräfte Caesars 
in der Richtung auf Antonius Heer, Er selbst sperrte Antonius in 
Etrurien den Weg nach Westen durch die Besetzung von Sutriui 
Caesar, der Rom wieder in seine Gewalt gebracht hatte, bedrohte 
Antonius von Süden. Nach Osten verlegte Salvidienus ihm die 
Straßen nach Umbrien. Auf dem Rückzug von Sentüium, 
Agrippa angeordnet, hatte Salvidienus einen glänzenden Sieg übel 
Furnius gewonnen. In dem Bestreben, Antonius die Hand zu rei- 
chen, drängte Furnius ungestüm nach und wurde von Salvidienui 
überraschend angegriffen und so vernichtend geschlagen, daß aucb 
Sentinum in die Hände des Siegers fiel. Für Antonius war di« 
Gefahr, in den Pässen des Apennin von der Übermacht überwältig! 
zu werden, so groß, daß er hinter den Mauern des festen Perusil 
Schutz suchte vor der drohenden Umklammerung. Hier harrte ( 
des Entsatzes, den die anderen Heere ihm bringen sollten. Au! 
dem fluchtartigen Rückzug hatte sein Heer nicht mehr Vorräü 
genug in die Stadt schaffen können, um sich selbst und die B* 
wohner der volkreichen Stadt während einer langwierigen Be 
lagerung zu ernähren. So hatte der große Staatsmann Antoniui 
sich als ein nicht minder großer Feldherr bewährt, der das best 
Heer Roms in ein Netz verstrickte, aus dem es keine Befreliui] 
mehr gab. 

Noch vor seiner Einschließung hatte er Manius, den trefflichea 
Berater Fulvias, entsendet, um Ventidius und Asinius Pollio mit 
den gallischen Legionen zum raschen Entsätze zu drängen. Marcus 
Antonius trug selbst Schuld daran, daß die politische Lage nodl 



7- Perusia 



97 



heilloser verwirrt war als die militärische. Hatte er doch das üble 
Spiel seiner Frau in Briefen gutgeheißen, während sein Quästor, 
der, persönlich mit ihm verfeindet, nach Italien zurückkehrte, die 
Mißbilligung all dieser Wirren verkündete. Die Legaten des An- 
tonius trugen daher kein Verlangen, ihre Heere an den Entsatz des 
halsstarrigen Toren in Perusia zu wagen. Und doch hätte es des ent- 
schlossenen Handelns bedurft, um die Eingeschlossenen zu be- 
freien. Denn in kurzer Zeit war Perusia von meilenlangen Werken 
umringt, die bis an den Tiber reichten, sodaß keine Zufuhr in 
die Stadt gelangen konnte. Da brach Fulvia, die Brandfackel des 
Krieges, selbst von Praeneste auf, um der Kriegführung ihren Geist 
einzuhauchen. Der immer willfährige Munatius Plauens brachte in 
Süditalien ein Heer auf die Beine, und er gewann auch einen Er- 
folg über eine auf dem Marsch begriffene Legion Caesars. Als 
aber Ventidius und Asinius PoUio von Norden gegen Perusia heran- 
rückten, traten ihnen Caesar und Agrippa entgegen und trieben sie, 
ehe sie noch einen Angriff versucht hatten, mühelos wieder zurück 
an die Meeresküste nach Ravenna und Ariminum. Auch Plancus 
zog es vor, sich einem Kampfe durch den Rückzug auf Spoletium 
zu entziehen. So unentschlossene Feinde genügte es durch vor- 
geschobene Posten überwachen zu lassen. Das Hauptheer kehrte 
nach Perusia zurück und verstärkte die Befestigungen durch eine 
doppelte Umwallung, Die Gräben wurden vertieft und verbreitert, 
die Wälle verstärkt und erhöht und die Werke durch Warttürme mit 
einem Abstand von nur 60 Fuß gegen jede Überraschung gesichert. 
Die tapferen Männer, die Antonius nach Perusia gefolgt waren, 
wollten verzweifeln bei dem Gedanken, hilflos dem Feinde über- 
liefert zu sein. An alle Entbehrungen des Krieges gewöhnt, ertrugen 
sie standhaft die Leiden der Belagerung, in dem guten Glauben, ihre 
Waffengefährten müßten sie befreien. Schon neigte sich das Jahr 
zu seinem Ende, als das Heer beschloß, in der Neujahrsnacht, wo 4c 
die Festfreude die Verteidiger sorglos machen konnte, den Durch- 
bruch zu versuchen. All ihr Anstürmen gegen die unbezwinglichen 
Werke blieb vergeblich, geschlagen mußten sie zurückweichen. So 
wütete der mitleidlose Hunger weiter in den Mauern von Perusia. 
Da versuchten die Legaten des Antonius noch einmal von 



Süden den Entsatz und drangen, die Beobachtungstruppen Caesars 
vor sich hertreibend, bis auf wenige Meilen an Perusia heran. 
Schon verkündeten Feuerzeichen den Belagerten ihr Nahen, 
Agrippa und Salvidienus dem Entsatzheere mit geschlossener 
Macht entgegentraten. Vor die Entscheidung gestellt, zu schlagen, 
versagte den Angreifern der Mut; auf den Rat des Munatius 
Plancus wich das Heer wieder auf Fulginium zurück. Dei 
Gedanke mag sie bestimmt haben, daß Caesar von dem äußer-« 
sten Kriegs recht keinen Gebrauch machen werde. Damit war. 
der Fall von Perusia entschieden. Denn der Hunger raffte die 
Bewohner der belagerten Stadt hin, sodaß Lucius Antonius die 
Unfreien vor die Tore hinaustrieb, um sie zwischen den Mauern 
und den Werken der Feinde einem elenden Tode zu überliefern* 
Die unerbittliche Notwendigkeit, die Stadt zu übergeben, wurde 
durch das grausige Opfer nicht einmal hinausgeschoben. Abel 
das Heer dachte zu groß von seiner Waffenehre, um sich t 
Schicksal zu fügen. Schon früher, als die Feuerzeichen 
Entsatzheeres Rettung verhießen, hatte es in vergeblichen Stür- 
men versucht, den Helfern die Hand zu reichen. Jetzt zwange» 
sie Antonius, sie zu einem neuen Sturm gegen die furchtbareu 
Werke zu führen. Mit allem gerüstet, um die Gräben auszu' 
füllen, die Wolfsgruben zu überdecken, drangen sie bei Tage* 
grauen bis an die Einschließungsmauer selbst vor, erstiege! 
sie auf Fallbrücken, erkletterten die Türme mit Leitern, obwo&l 
sie bei dem Sturme von allen Seiten den Geschossen der Feind« 
preisgegeben waren. Ihr wilder Mut überwand alle Hindemisse, 
immer zahlreicher gewannen sie die Höhe der Mauer, als 
Verstärkungen Caesars den Erschöpften sich entgegenwarfei^ 
sie zurücktrieben. Brücken und Leitern zerstörten. All ihre i 
zweifelte Tapferkeit war vergebens gewesen. Ratlos standen sie 
vor den eben eroberten Mauern, von deren Höhe die Feindl 
ihnen unter höhnendem Zuruf ihre Toten nachschleuderten, 
Dann begannen sie auf die Hornrufe des Antonius zurückzu- 
weichen, als der Jubel der Sieger sie zu einem neuen, blind* 
wütigen Ansturm gegen die Mauerti trieb. Das ganze Hee) 
hätte sich in dem vergeblichen Ringen verblutet, hätte nichl 



7. Penisia 



99 



Antonius Bitten und Flehen dem Kampfe Einhalt getan. 
Penisia war bezwungen. 

In den Verhandlungen, die der Übergabe vorausgingen, 
nahm Antonius alle Schuld auf sich, nur um für das Heer die 
Gnade des Siegers zu erlangen. Caesar gewährte sie und entließ 
•die tapferen Verteidiger in ihrer Ehre un gekränkt, indem er 
jedem der Feinde die Gunst gewährte, in seinem Heere Dienste 
zu nehmen. Nur für die Vornehmen, die in Antonius Heere 
den Haß gegen ihn geschürt hatten, wie Cannutius, Claudius 
Bithynicus, gab es keine Verzeihung: der einmütige Wille des 
Heeres verurteilte sie zum Tode, Grausamer erscheint das Schick- 
sal Perusias. Die Einwohner wurden geschont, aber bei der 
Plünderung, die Caesar gestattete, ging die Stadt bis auf wenige 
Heiligtümer in Flammen auf. Die Ratsherrn, mit Ausnahme 
des einen Lucius Aemilius, der als Richter in Rom die Caesar- 
mörder verurteilt hatte, wurden hingerichtet. Auch Penisia 
war eine der Militärcolonien, deren Stadtrat aus den angesehen- 
sten der Veteranen sich zusammensetzte. Man muß annehmen, 
daß er tätig in die Verteidigung eingegriffen hat. Entscheidend 
für das harte Gericht waren politische Erwägungen. Den Muni- 
cipien Italiens wurde die Feuersäule des brennenden Perusia ein 
warnendes Zeichen, daß es mit der Auflehnung gegen den gesetz- 
lichen Herrscher für immer vorüber sei. An dem Brande von 
Perusia hat sich die milde Flamme des Friedens entzündet, der 
in Italien unter Caesars Scepter wieder eingekehrt war. Der 
Krieg war zu Ende. 

Denn die Legaten des Antonius, die von Anfang an wider- 
willig in den Kampf eingetreten waren, wichen vor den Siegera 
mit ihren Heeren an die Meeresküste zurück nach Ravenna, 
Brundisium, Tarent, Noch immer lebte in diesen Heeren von 
13 Legionen und 6500 Reitern der kriegerische Geist, eine 
furchtbare Macht unter einem Haupte. Die ratlosen Führer 
waren nur mehr auf ihre eigene Sicherheit bedacht. Munatius 
Flancus ließ sein Heer im Stich, von dem zwei Legionen zu 
Agiippa übertraten, und ging nach Brundisium, wohin auch 
Fulvia auf der Flucht über Neapel sich gewandt, um ihrem 

7* 



I oo AugUStUE 

Gatten nach Griechenland entgegen2ureisen. Andere Führer fan- 
den in Sicilien, dem letzten Hafen der geschlagenen Parteien^ 
eine Zuflucht, Nur Asinius PoUio rettete sein Heer dem Marctu 
Antonius und sicherte ihm die Landung in Italien durch einen 
Vertrag mit Domitius Ahenobarbus, dessen Flotte noch immer 
das adriatische Meer beherrschte. Als sei es an diesen nieder- 
schmetternden Schlägen, die Antonius bei seiner Heimkehr 
warteten, noch nicht genug, starb in diesem Augenblicke sein 
getreuer Legat Fufius Calenus, Als Caesar am Fuße der Alpen 
erschien, wagte der junge Sohn des Fufius Calenus unter deiiL 
Eindruck des Unterganges seiner Partei in Italien keinen Wideiv 
stand, sondern überließ Caesar ohne Kampf den Befehl über diet 

II Legionen Galliens. Anders als in dem Vertrage von Bononia, 
wo er sich der überlegenen Macht des Antonius hatte beugen 
müssen, stand Caesar jetzt, nachdem er dessen Partei auseinander! 
gebprengt und niedergestreckt hatte, gerüstet den Flüchtlii 
an der Schwelle Italiens zu empfangen. Dieses eine Jahr hat« 
beider Geschicke für immer entschieden. Wie Caesar im strengeq 
Festbalten an Recht und Pflicht die Herrschaft über den ganzei 
Westen gewönnen hatte, so waren im Osten Macht und Glanz i 
Antonius unreinen Händen zu Staub und Asche geworden. 




Nach , den hohen Anstrengungen des Krieges von Philipp! 
war Antonius in eine bequeme Laßheit verfallen, obwohl die Er- 
schütterung des Bürgerkrieges im Osten nachzitterte. Auf der 
Reise nach Asien Athen berührend, ergötzte er sich an den Vor- 
tragen der Philosophen wie an einem fremden Gerichte, und 
ließ der Stadt in heiterer Laune seine Gunst widerfahren. In 
Ephesus empfing ihn ein Zug weiblicher Bacchen und männ- 
licher Satyre und Pane mit dionysischem Taumel, wie ein Morgen- 
gruß jenes Asiens, dessen Sinnesfreuden die Tage seiner wilden 
Jugend berauscht hatten. Noch trug er das Kleid der Römer, 
aber die Art der orientalischen Herrscher, die in ihm lag, sie 
wurde ihm bald das Wesen der Macht, Ein neuer Hof sammelte 
sich um ihn von Sängern und Flötenspielern, Tänzern und 
Gauklern mit ihrem Anhang von Weibern und Knaben. Auf 
Wunsch so dienstwilliger Schmeichler und Freudenspender ent- 
schied er über Wohl und Weh der Edelsten des Landes, Was 
waren Antonius in seinem üppigen Kreise die Leiden Asiens! 
Auf dem Landtage der Provinz Asien wurde ein Edict des 
Triumvirs verlesen, das innerhalb zweier Jahre die Steuern von 
neun Jahren forderte, um die Getreuen von Philippi zu belohnen. 
Das grausame Gebot rief wildes Entsetzen hervor. Wie sollte 
nach allem, was die Befreier dem Lande schon abgezwungen 
hatten, der Boden diesen Ertrag liefern, wenn man in einem 
Sommer nicht zweimal erntete, der Herbst nicht zweimal reiftel 
Und all das Gold, mit Blut und Elend erpreßt, diente nur für 
den Glanz des neuen Heracles, der in der Gestalt des Antonius 
1 auf Erden niedergestiegen war. So durchzog der Gott inmitten 
I der römischen Großen und seines bewaffneten Gefolges, umgeben 







von seinem neuen Hof, die Länder Asiens, segnend oder ver- 
nichtend, Könige erhebend oder stürzend, die Töchter der Men- 
schensöhne beglückend. Die Opfer der Grausamkeit des Cassius 
und Brutus wurden durch Gunstbeweise entschädigt. Den 
Lykiem wurde Steuerfreiheit gewährt, Xanthos erstand wieder aus 
seinen Trümmern, Rhodos erhielt für all das geraubte Gut die 
Inseln Ttnos, Naxos, Andros und auf dem Festlande die Stadt 
Myndos. Athen, das geistige Haupt Griechenlands, gewann durch 
die Beredsamkeit seiner Gesandten neuen Besitz an Inselchen des 
ägäischen Meeres. Tarsos und Laodikeia, so hart von Cassius heim- 
gesucht, erfreuten sich des Geschenkes der Freiheit. 

Hier in Tarsos war es, wohin Antonius mit den anderen 
Vasallen Roms auch die Königin Ägyptens entboten hatte, um ihr 
Verhalten während des Bürgerkrieges zu rechtfertigen. Caesar 
der Dictator hatte Cleopatra in ihrer Jugend, als sie an Zärtlich- 
keit, geheimer Tücke und gleißender Pracht des Leibes einem 
Tigerkätzchen glich, an sein mächtiges Herz geschlossen. Dann, 
brachte er dieses kostbare Schaustück des alten Wunderlandes 
am Nil in seine Gärten nach Rom. Sie kannte sie alle, diese 
Vornehmen Roms, die mächtigen und stolzen, die sich vor dem 
Auge des Gebieters gebeugt hatten, und kostete den höchsten 
Rausch des Weibes, als sie in dem Manne, dem sie angehörte, 
den ersten dieser Welt sah. Sein Tod bedeutete auch ihren Sturz. 
Es scheint kein Zufall, daß sie Rom verließ, als der junge 
Octavius das Erbe seines Oheims antrat. So kehrte sie zurück zu' 
dem verlassenen Throne Ägyptens, dem ersten und kostbarsten 
Geschenke Caesars. Nun war es der Erbe seiner Macht, der neue 
Herrscher Roms, der sie an seine Seite rief. Ihr rasch auffassen-^ 
der Verstand hörte willig auf die Unterweisungen des Römers 
Dellius, der den Befehl des Antonius nach Alexandrien über- 
bracht hatte, über Art und Wesen des neuen Herrn. Antonius 
saß auf seinem Richterstuhle auf dem Markte zu Tarsos, als die 
Kunde die Stadt durchlief, Aphrodite sei von Paphos nieder- 
gestiegen und nahe auf dem Meere. Halb gläubig, halb neu- 
gierig strömte die Menge hinunter an den Kydnos, das Wunder 
zu schauen, und ließ den Imperator allein mit seinen Beisitzern 



auf dem menschenleeren Markte. Da kam es den Strom herauf, 
das Wunder des Meeres, eine goldglänzende Triere, von schwel- 
lenden Purpursegeln und dem Schlage silberner Ruder getrieben. 
Auf dem Deck ruhte die neue Aphrodite im Kreise der Nereiden, 

' umspielt von holden Knaben, den Liebesgöttern. Antonius eilte 
hinab, die Göttin zu sehen und fand in seinen Armen die ver- 
blühende Lagergenossiri seines Herrn. Bald war sie durch den 
Liebeszauber, den sie atmete, die Herrin seiner Sinne geworden, 
tind nach der zwingenden Gewalt ihres Willens lenkte sie die 
Übung der Macht in seinen Händen, Nicht das Spielzeug seiner 
Muße, was sie Caesar gewesen war, sondern der Inhalt seines 
Lebens sollte sie dem unterjochten Manne werden. Wie eine 
Morgengabe erster Liebe forderte und erhielt sie das Leben 
ihrer Schwester Arsinoe, die sich einmal erfrecht hatte, die 
Herrschaft Ägyptens ihr streitig zu machen. Ihre frühen Künste, 
gesteigert durch die Reife des Leibes und des Geistes, übend, ver- 
wandelte sie das gemeine Treiben seines Hofes in einen Zauber- 
garten, wo der Sirenenklang ihrer Stimme zu immer neuen 
Freuden rief. 

' Endlich schied Antonius von Cleopatra, nur mehr von dem 

Gedanken erfüllt, wieder in ihre Nähe zurückzukehren. Der Ruhm 
des Partherkrieges, den er hatte führen wollen, war vor seinen 
geblendeten Augen ganz entschwunden. Und doch lauerte der 
gefährliche Feind an der Grenzen Syriens. Unter dem Einfluß 
der römischen Flüchtlinge, die sich am Hof des Königs Orodes 
eingefunden hatten, waren die Parther in ihrem Hochgefühl des 
Sieges über Crassus noch mehr geneigt, den Krieg auf römischen 
Boden zu tragen. Auch nach der Neuordnung durch Pompeius 
glich das Land in dem Wechsel städtischer Gemeinden, selb- 
ständiger Fürstentümer, geistlicher Territorien dem bunten Mantel 
des heiligen römischen Reiches. Hatte auch Pompeius mit starker 
Hand die Selbstherrlichkeit dieser kleinen Staaten unterdrückt, 
so war doch der Geist der Unruhe, Auflehnung und eifersüch- 
tiger Zwietracht in Syrien wieder erwacht. Alle, die der römi- 
schen Herrschaft abgeneigt waren, sahen in den Parthem will- 
kommene Helfer. Nur das Heer, das Antonius von Philippi 



t04 



Ausnitn* 



vorausgesandt hatte, hinderte eine offene Empörung. Antonius 
vetkanate die -Lage vollkommen, als er bei seinem Erscheinen in 
Syrien nur bemüht war, wie früher in Kleinasien Geld zu er- 
pressen. Auch Palmyra, die reiche Handelsstadt an der Wüsten- 
grenze, sollte von ausgesandten Reitern geplündert werden. Aber 
sie kehrten mit leeren Händen zurück, da die Bewohner ihre 
wertvollere Habe über den Euphrat geflüchtet hatten. Antonii 
übergab bei Eintritt des Winters die Provinz seinem Legaten 
Decidius Saxa und eilte nach AJexandria in die Arme Cleopatras. 

Ägypten und seine Königin waren geschmückt, den 
Herrscher festlich zu empfangen. Aller Prunk römischer Großer 
erschien roh und unbehülflich angesichts eines Hofes, dessea 
altgeübte Pracht griechischer Geist seit Jahrhunderten verfeinert 
und geadelt hatte. Die Genüsse der Tafel wechselten mit der 
Aufregung der Jagd und dem Spiele der Musen, In diesen 
bunten Scenen trat ihm die Geliebte in immer neuer reizender 
Gestalt entgegen und entzückte ihn durch die neckische Anmut 
ihres Geistes. Hier warf er die Bürde seines Amtes von sich,. 
legte die griechische Tracht des Hofes an und fühlte sich unter 
den unvergleichlichen Künstlern des Lebens, wie der Kreis um 
die Herrscher sich nannte, im Lande der Träume. Unsanft; 
wurde er aufgerüttelt durch die Unheilsnachrichten, die gleich- 
zeitig aus dem Osten und dem Westen des Reiches eintrafen und 
den Glanz der Feste in Alexandria trübten. 

Schon die wachsenden Wirren Italiens mußten Antonius mit 
Sorge erfüllen. Die Briefe seiner Frau, deren Richter zu spiel«| 
ihm der Mut fehlte, hatte er durch halbe Zustimmung von siclj 
fern zu halten gesucht. Die Gesandten seiner italischen Le 
gionen, die die weite Fahrt nach Alexandria nicht gescheui 
hielt er ohne Antwort zurück. Da waren es die Siege der 
Parther, die jedes weitere Zaudern unmöglich machten, Untei 
den Römern am parthischen Hofe war Labienus, der Sohn des 
Besiegten von Thapsus, am eifrigsten bemüht, den Krieg zu 
erregen. Von Cassius an Orodes gesandt, parthische Hilfe zu; 
werben, war er durch den Untergang seiner Partei heimatlos 
geworden und sann nur mehr auf Rache. Die Gunst des Augen- 



B. Anmaixu im Uiten jqf 

blicks versprach den Parthern einen leichten Sieg. Denn unter 
den maßlosen Bedrückungen des Antonius regte sich in den Pro- 
vinzen selbst der Widerstand, und die Heere, die sie verteidigen 
sollten, aus den Legionen der Besiegten von Philippi gebildet, 
schwankten in ihrer Treue. So überschritten schon im Winter 
des Jahres 41 die parthischen Heere, geführt von Labienus und 
des Orodes edlem Sohne Pacorus, den Euphrat. Vor Apameia 
zurückgewiesen, gewannen sie um so leichter die zahlreichen im 
{lachen Lande liegenden Posten, die beim Anblick der Römer, 
unter denen sie früher gedient, willig zum Feinde übergingen. 
Mit einem erschütterten Heere wagte Decidius Saxa die Schlacht, 
nur um der Übermacht der feindlichen Reiter zu erliegen. Auf 
der Flucht in Apameia und Antiochia stand haltend, aus beiden 
Städten durch das Nahen der Parther und den Aufstand der 
Einwohner vertrieben, wurde er in Cicilien von Labienus ver- 
folgenden Reitern eingeholt und getötet. Ganz Syrien erhob 
sich gegen die lömische Herrschaft. Pacorus, als Befreier be- 
grüßt, dehnte das Reich der Parther bis an die Grenzen Ägyptens 
und den Taurus aus. Labienus drang mit seinen flüchtigen 
Reiterscharen vor bis an das ägäische Meer, den Widerstand 
wie in Mylasa und Alabanda mit Gewalt brechend und als Im- 
peiator der Pariher, wie er sich nannte, die Freiheit vom römi- 
schen Joche verkündend. Als Antonius aus Alexandria auf- 
biach, wai- nur mehr die Inselstadt Tyros, wohin die Römer aus 
ganz Syrien geflüchtet waren, römisch geblieben. So schwer 
Antonius sich losgerissen hatte, er ging, wie Cleopatra hoffte, 
■um wiederzukehren. Die Leidenschaft, die sie vereinigte, war 
umso tiefer, als ihre Liebe keine Neigung band. In der kurzen 
Spanne eines Winters waren sie beide Andere geworden. Cleo- 
patra, die als kleine Königin Ägyptens vor jedem Befehl aus 
Rom gezittert hatte, fühlte jetzt die Macht in sich, durch diesen 
Mann eine Welt zu beherrschen, Antonius hatte erst am Nil 
gelernt, was Handwerk war, was ihr Gebrauch, wo Millionen 
seit Jahrtausenden den Zweck ihres Lebens darin fanden, ein 
Menschenpaar anbetend über sich zu erheben. 



g. Bnindisium 

Noch blieb Antonius das parthischen Reitern unerreichbare 
Meer. Auf der Fahrt von Tyros über Cypera, Rhodos nach 
Asien eine Flotte sammelnd, erreichte er mit 200 Kriegsschiffea 
Athen. Schon auf dem Wege waren ihm die Flüchtlinge seiner 
Partei entgegengekommen, die ihn die ganze Größe seiner Nieder-^ 
läge in Italien erkennen ließen. Es war in Athen, wo Antonius- 
und Fulvia, die selbstentthronten Herrscher, sich begegneten, 
die Schmach in Vorwürfen erschöpfend. Antonius ermaß, wohia 
ihn seine Frauenliebe getrieben, und fand den Mut zu mann- 
hafter Tat. Seinen Freunden dankte er es, daß ihm der Weg 
nach Italien nicht gänzlich versperrt war. Im adriatischen Meere 
nannte er jetzt auch die Flotte des Domitius Ahenobarbus sein 
eigen, und im Süden Italiens standen die Legionen, die Ven- 
üdius nach Tarent geführt hatte. Sextus Pompeius sandte ihm 
seine Mutter Julia, die vor den Legionen Caesars auf das Meer 
geflüchtet war, unter dem sicheren Geleite von Kriegsschiffen 
nach Griechenland entgegen und bewarb sich um ein Bündnis. 

Auch Caesar sah jetzt in dem Seekönig auf Sicilien nicht mehc 
den Feind und schloß unter Maecenas gewandter Vermittlung 
mit Scribonia, der alternden Schwester des Libo, dessen Tochter 
Pompeius Gemahlin war, eine Ehe, um die drohende Vereinigung 
aller Flotten, die an den Küsten Italiens kreuzten, zu verhindern. 
So hatte er schon früher auf den Wunsch des Heeres in Bononia 
die Tochter der Fulvia gefreit und beim Ausbruche des perusi- 
nischen Krieges wieder, wie er sagte, unberührt entlassen. Ihm, 
dem jugendlichen Manne, diente die Frauenliebe, die lockendste 
Versucherin, nur als Mittel kühlerwägender Staatskunst. Und 



9- Bnmdisiuni 



107 



doch rolile in seinen Adern das Feuer südlichen Blutes. Die 
Erbitterung gegen den Sieger von Philippi und elenden Flücht- 
ling des Partherkrieges, der da gekommen war, seinem Italien, 
dem er mit solchen Mühen den Frieden gesichert zu haben glaubte, 
neue Opfer an Gut und Blut abzufordern, hatte in ihm den Ent- 
schluß gereift, den E n ts che i du ngs kämpf gegen den Entarteten 
schon in dieser Stunde auszukämpfen. Gehorchten doch mehr 
als 40 Legionen seinem Befehle, und an Agrippa besaß er den 
Feldherrn, dessen Kriegskunst dem stürmischen Mute des An- 
tonius weit überlegen war. Lepidus, den scheinbaren Träger 
gleicher Gewalt, entfernte er, um über den ihm zugedachten 
Fetzen des Reiches, die Provinzen Africas, zu herrschen, und mit 
ihm 6 Legionen, deren Treue er mißtraute. Den Lucius Antonius, 
der noch immer von dem einzigen Herrschaftsrechte- des Senates 
redete, erhob er von der schwierigen Probe, seine StaatskuDSt 
selbst gegen seinen Bruder zu verteidigen, indem er ihn beredete, 
an die Spitze der beiden Spanien zu treten, mit zwei Legaten als 
Stützen der Verwaltung, die seine Wächter waren. Da die langge- 
dehnten Küsten Italiens ohne Flotte gegen jede Landung zu decken 
unmöglich war, so verhinderte Caesar die Festsetzung der Feinde 
in den Häfen Calabriens, Brundisium und Sipontum, durch starke 
Besatzungen, die die Städte gegen einen Handstreich schützten. 
Denn schon war Antonius von Griechenland nach Corcyra vor- 
gegangen, wo er seine Vereinigung mit Domitius Ahenobarbus 
vollziehen wollte. Im Norden der Insel begegneten sich die 
Flotten auf dem hohen Meere. Trotz der Warnung des Munatius 
Plancus, dem Worte des Mannes, den der Gerichtshof des Pe- 
dius als Mitschuldigen an der Ermordung Caesars geächtet hatte, 
nicht zu trauen, steuerte Antonius, seine eigene Flotte zurück- 
lassend, mit nur fünf Schiffen dem Admiralsschiff der heran- 
nahenden Flotte entgegen und forderte das Senken der Flagge, 
das Zeichen der Unterwerfung. Da fiel die Flagge des Domitius, 
und bald lagen die Schiffe Bord an Bord. Dann tauschten die 
Feldherm und ihr Gefolge, die sich solange als Feinde gegen- 
überstanden und nun sich als Freunde fanden, fröhlichen Gruß 
und die Versicherung erneuter Freundschaft. Die vereinigten 



Flotten richteten ihre Fahrt gegen Brundisium, und Antonius 
begehrte, vor dem Hafen angelangt, von dem Befehlshaber der' 
Besatzung die freie Landung, da der Vertrag von Philippi die 
Herrschaft über Italien jedem der Triumvim zugesichert hatte. 
Der gemessene Befehl Caesars verbot den Feinden die Einfahrt 
in den Hafen. So hatte Antonius keine Wahl, als den Krieg, 
der ihm angeboten war, aufzunehmen. An Sextus Pompeius er- 
ging die Aufforderung, die zugesagte Hilfe durch einen Angriff 
auf die Westküste Italiens zu verwirklichen. Bald ging die Flotte 
mit einem starken Landungsheere an Bord von Messana aus nach 
allen Richtungen hin in See. Menodorus entriß Caesars unzu- 
verlässigen Legionen Sardinien. Cosentia und Thurioi wurden 
belagert, die Reiterscharen des Pompeius brandschatzten die 
Küsten. Auch Sipontum wurde von Antonius erobert, aber rasch 
von Agrippa zurückgewonnen. Antonius landete jetzt bei Brun- 
disium. Während Domitius sich mit der Flotte vor den Hafea 
legte, umschlossen die Belagerungswerke des Antonius die wider* 
spenstige Stadt von der Landseite. Caesar eilte mit dem Haupt-: 
beere von Norden heran, Brundisium zu schützen, und errichtete 
sein Lager hart an den Befestigungen des Feindes, ein Zeichen, 
daß er sofort bereit sei, die Schlacht zu schlagen. Denn er hatte 
die Macht in der Hand, den zuversichtlichen Gegner zu erdrücken. 
Da lähmte ein letztes Aufleben jenes Geistes, den der Bürger-^ 
krieg im Heere erzeugt hatte, seinen schon erhobenen Arm. 

Die Abneigung gegen einen Krieg war während der letztea 
Kämpfe in Caesars Reihen wiederholt hervorgetreten und nur dem 
Ansehen Agrippas gewichen. Nur jene Legionen, denen Caesar 
selbst in den Colonien Landbesitz geschaffen hatte, waren ihm un- 
bedingt ergeben. Aber in den Soldaten, die unter Antonius persön- 
lichem Befehle bei Philippi gesiegt hatten, erwachte mit der Nähe 
ihres Feldherm auch die Erinnerung an seine Taten, da sein Ver^ 
schulden ihrem einfachen Verstände unbegreiflich blieb. S» 
schien ihnen ein leichter Erfolg, den Antonius angesichts beider 
Heere an der Spitze seiner Reiter über eine der Zahl nach 
stärkere Abteilung von Caesars Reitern davontrug, ein neua 
Beweis seiner Überlegenheit. Gerade die auserlesenen Soldaten 



der praetorischeti Cohorten beider Feldherrn gingen mit dem 
Wunsche der Versöhnung allen anderen voran. Auch jetzt hatte 
Caesar keinen Grund, an dem endlichen Siege zu zweifeln. Aber 
ein neuer Krieg, schwieriger und langwieriger als der eben be- 
endete, mußte bei der leidenschaftlichen Parteinahme der Heere 
Italien hoffnungslos verwüsten. Aus Liebe zu seinem Volke be- 
zwang Caesar den gerechten Zorn und reichte noch einmal dem 
Feinde die Hand zur Versöhnung, das schwerste Opfer seines 
Lebens bringend. War er doch bereit, als Preis des dauernden 
Friedens die edelste und zarteste der Frauen, seine Schwester 
Octavia, seines Herzens geliebtestes Kleinod, hinzugeben. An- 
tonius Weib Fulvia war um diese Zeit einer schleichenden Krank- 
heit in Sikyon erlegen, und Octavias Hand war durch den Tod 
ihres Gemahls Marcellus frei geworden. Das Familienbündnis, so 
oft das Werk fauler Staatskunst, im Rate der Geschwister still 
erwogen, erschien als einzige Hoffnung, diesen Feind des romi- 
schen Volkes an seine Pflicht zu binden. Denn ihre vornehme 
Schönheit, geadelt durch die Reinheit der Sitten, sie war ein 
Zauber, auch das Herz eines Antonius von dem Gifte der ägyp- 
tischen Schlange zu läutern. Und doch vermochte sich Caesar 
nicht zu überwinden, diesen furchtbaren Vertrag Antonius mit 
eigenem Munde zu verkünden. Maecenas war es, den Caesar aus 
Rom herbeirief, den Schicksalsknoten zu schürzen. Seltsam hatte 
das Geschick es gefügt, daß neben Agrippa als erster Helfer 
Caesars jener etruscische Ritter stand. Vor seinen Königsahnen 
verblaßte ihm der Ruhm der stolzesten Geschlechter Roms, und 
im weichlichen Gefallen am feingeistigen Genießen lag seine Tat- 
kraft wie im Schlummer. Um so leichter vollzog er in lässiger 
Müsse die Weisungen der Staatskunst seines Herrschers, ohne 
die Last eines Amtes und scheinbar ohne Verantwortung, Ihm 
trat bei den Verhandlungen der einzige geistige Mann aus An- 
tonius Umgebung entgegen, Asinius PoUio. Das herbe Römertura 
des Freistaates lebte in ihm fort und lieh seiner Hand die Kraft, 
dab ehrgeizige Ringen eines Geschlechtes, das unter jeder Fahne 
nur seiner Selbstzucht folgte, mit festem Griffel in die ehernen Ta- 
feln der Geschichte einzutragen. Minder gefährlich erschien ihm 



für die freie Regung des Geistes Antonius, der in seinem Leben im- 
mer nur den Schein der Herrschaft und nie ihr Werk begriffen hat, 
als der uneigründlich tiefe, nie sein letztes Wort verratende Caesar. 
Tiefe Einsicht in die wirkliche Lage des Staates, in den wah- 
ren Voiteil ihrer Herrscher ließ die beiden Männer nach kurzer 
Beratung all dieser Wirren Lösung finden. Eine klare Scheidung 
der Machlgebiete sollte jedem den Raum gewähren, wo sich sein 
Wesen nach dem Gebote ihrer Naturen frei entfalten konnte. So 
schieden sie das Reich in zwei Hälften: für Caesar den römischen 
Westen, für Antonius den griechischen Osten. Eine Linie, übw 
Srodra in lUyricum von Norden nach Süden gezogen, blieb für 
alle Zeilen, auch nachdem Caesar auf Jahrhunderte das Reich 
wieder geeint hatte, die unverrückbare Grenze zweier für immer 
geschiedener Welten. Antonius, der sich bei Philippi noch als 
Henscher des ganzen Reiches sah, willigte in den Verlust des 
Westens, um in Italien ein neues Heer bilden zu können, 
ihm den Osten zurückerobern sollte. Freundlicher noch erschien 
ihm »ein großmütiger Verzicht bei dem Gedanken an die holde 
Frau, in deren Armen ihn der nie geahnte Reiz einer sittlich 
reinen Ehe erwartete. Kaum in ihrem Besitz, schlug er seinem 
Schwager eine neue brennende Wunde, Wie um ihm zu zeigen, 
äk& e* in seiner Hand gelegen hätte, das freundlich Gewährte zu 
bcfuupten, eröffnete er Caesar in vertrautem Gespräche, daß die 
Treue tciner Nächsten gewankt habe, Salvidienus Rufus, der 
Ju^endfreiuid Caesars, der glänzende Feldherr des perusinischen 
ICri^lit*, den Caesar mit dem Consulate geehrt, an die Spitze des 
KlllUchen Heeres gestellt hatte, er war es gewesen, der den Verrat 
Ml (^»€iar begangen hatte. Vor das Gericht des Senates gefordert 
Wi4 «chuldfg befunden, gab er sich selbst den Tod. Gleiche 
Gm'Vhtijiktii schien Antonius die Hinrichtung eines Hochver- 
fHUtti »«iner Partei zu fordern, und so fiel Manius, weil er Ful- 
Wm ijsuncn durch gefällige Deutung Gedanken geliehen hatte, 
r Offfer. Die Erlösung aus der Kriegsgefahr erschien in Italien 
t$* «tfl ÄJ«g über innere Feinde, und der Senat beschloß, den Ein- 
jtMu 4l«r vcrtöhnten Herrscher in Rom als einen Triumph zu feiern. 
At)«f auf dem IMeere herrschte nach wie vor der Krieg, Die 



Bißei des Hungers, die der Bürgerkrieg erzeugt hatte, peinigte 
invei ändert Rom und Italien. Wohl hatten die Herrscher in Brun- 
disium beschlossen, den Seeraub, der Jeden Verkehr lähmte, aus- 
zutilgen. Antonius Flotte sollte auf Seiten' Caesars kämpfen, wäh- 
rend die Legionen Galliens, die Antonius widerrechtlich entrissen 
worden waren, den Krieg gegen die Parther führten. Gleich der 
erste Versuch Caesars, Pompeius aus Sardinien zu vertreiben, schei- 
tert^ nach einem scheinbaren Gelingen. Die Rüstungen zum See- 
*ri^g erforderten erhöhte Mittel. N«ue Lasten schrieben die 
*''Ücte der Triumvirn in Rom aus, die Erhöhung der Sclaven- 
^f^Vxer, die verhaßte Erbschaftssteuer. Da brach der Straßenauf- 
'^f^«: in Rom los. Die Edicte der Triumvirn worden von den 
"^^"Uem gerissen, die Aufrührer zwangen auch die ruhiger Ge- 
*"*-*^ien, sich ihnen anzuschließen. Schon drohten die tobenden 
"^-Xifen die Paläste der Triumvirn niederzubrennen, als Caesar, 
'^'•■*~ von Wenigen gefolgt, ihnen entgegentrat und, selbst mit 
"^^chossen bedroht, unerschüttert in ruhigen Worten Gehör 
^^^iT-derte. Da ließ Antonius ganz gegen Caesars Willen Soldaten 
^'~*-^ die dichtgedrängten Massen einhauen, und sie, als sie nicht 
^^ ^ben, durch verstärkte Scharen auseinandersprengen, bis die 
"^■^er die Plätze und Straßen Fliehenden in Haufen unter den 
'^Teichen der Verfolger zusammenbrachen. Um das Gräßliche 
^^n Blicken zu entziehen, wurden die Leichen in den Tiber ge- 
^''orfen. Aber das vergossene Blut erstickte nicht den Hunger. In 

I^A^ahrheit mußten die Triumvirn, die ihrenWillen über Gesetz und 
*^echt erhöhl hatten, sich vor dem Aufruhr der Straßen beugen. 
Schon lange war Sextus Pompeius aus einem Horte aller Be- 
<4rängten der Unterdrücker aller geworden, die sich ihm schutz- 
^ehend genähert hatten. Der gesetzlose Zustand, in dem sein Reich 
Schwebte, ließ kein Gefühl der Sicherheit und keine Hoffnung auf 
iDauer entstehen. Die römischen Großen, die in Pompeius Rate 
erschienen, die italischen Bauern, die, von Haus und Hof getrie- 
ben, die Kraft seiner Legionen bildeten, wurden zurückgedrängt 
■von den entlaufenen Knechten, den flüchtigen Sclaven und dem 

L wilden Volke der Raubschiffe, die den Keim dieses Staates gebildet 
hatten und sein Wesen bestimmten. Der erste ihrer Schar, wie es 



b 



Pompeius gewfesen, kannte er als König der See keine Sorge für 
die Zukunft, solange Meer und Land noch reichlich spendeten, um 
die Tage bis zum unvermeidlichen Gerichte zu verjubeln. In dieser 
Verzerrung staatlichea Lebens erschien der König der Räuber 
bei den rauschenden Festen auf seiner Burg zu Messana im Spott- 
bild des Gottes Neptunus. So waren die Hohen und die Niederen, 
die ein unerhörtes Geschick von einem gesetzlichen Dasein los- 
gerissen hatte, auf der herrlichen Insel inmitten dieses Räuber- 
volkes eingeschlossen wie in den Mauern eines Kerkers. Nach Be- 
fieiung ringend, wanderte ihr Blick voll Sehnsucht nach der nahen 
Heimat. Alle Mahnungen seiner römischen Umgebung, selbst 
solcher, die ihm Heer und Flotte zugeführt, einen Ausweg zu, 
suchen aus diesem gesetzlosen Zustand, in den Wind schlagend, 
ließ Pompeius in den Anfällen seiner Räuberhoheit unbequeme 
Warner wie Staius Marcus kurzer Hand von seinen Raubgesellen i 
hinrichten. Noch besaßen wenigstens dieVornehmen mächtige Für-, 
Sprecher bei den Triumvim, die die Rettung der bedrohten Freunde 
und Verwandten aus Räuberbanden vertraten. Auch um ihret- 
, Chr. willen beschlossen die Triumvirn, den SeekÖnig als eine staatliche 
Macht anzuerkennen und so die Freiheit des Meeres zu erkaufen. 
Der Schwiegervater des Pompeius war der berufene Mittler;' 
Antonius, der geneigter war, sich von Sorgen zu entlasten, die 
nicht die seinen waren, verhandelte zuerst mit Libo auf der Insel 
Aenaria, bis auch Caesar unter dem Drucke der Rom mit Raub-' 
und Brand bedrohenden Aufstände in den Vergleich willigte. Die 
Versöhnung, die die Menschlichkeit und die Vernunft gebot, wurde 
durch die Schaustellung der Streitkräfte beider Parteien zu einer' 
versteckten Diohung. Pompeius entfaltete seine mächtige Flotte, 
die die Legionen an Bord führte, längs der Küste im Golfe von 
Puteoii, während die Triumvirn ihr Fußvolk und ihre Reiter in 
dichten Reihen dem Meeresufer entlang entwickelten, als gälte es, 
einer Landung zu wehren. Solchem Mißtrauen, das ihre wirk- 
liche Stimmung verriet, entsprach auch der für die Unterredung 
erwählte Platz. Im Meere hatte man zwei Bühnen auf Pfählen 
errichtet, die eine dem Lande nahe gelegen, die andere im tiefen 
Wasser, Von hier aus sich gegenseitig vernehmbar, pflogen die 



Feinde die Verhandlung. Pompeius war in jedem Sinne der Ge- 
währende und erreichte um so leichter das Versprechen seiner hoch- 
getipannlen Forderungen, je weniger die Triumvirn gedachten sie 
zu erfülJen, Zwar zuerst als Pompeius als dritter anstelle des Le- 
pidus in den Bund einzutreten begehrte, schienen die Verhandlun- 
gen zu scheitern. Aber dem geschäftigen Bemühen besonders der 
Frauen, die die Wiedervereinigung mit den langgetrennten Ver- 
wandten und Freunden heiß begehrten, gelang es, die starrsin- 
nigen Herrscher zu erweichen. Endlich willigten die Triumvirn 
darein, Pompeius, wenn auch nicht als Dritten im Bunde anzuer- 
kennen, so doch als Vierten. Denn sein Seereich erhielt jetzt eine 
feste Grundlage, da ihm der Besitz von Sicilien, Sardinien, Corsica 
und aller Inseln im westlichen Meere zugesprochen wurde, sowie 
die Landschaft Achaia, das eigentliche Griechenland, in der öst- 
lichen Reichshälfte. Das Consulat sollte er abwesend durch einen 
seiner Fieunde verwalten, den Augurat bekleiden. Als Ersatz 
für die ihm schon mehr als einmal versprochenen Güter seines 
Vaters erhielt er ein neues Versprechen von 17 Millionen Denaren. 
Wahrlich, alles hatte er erreicht, nur nicht die Erfüllung dieser 
Forderungen, So versprach denn auch er das Unerfüllbare, von 
seinem Räuber handwerk zu lassen. Er versprach die Freiheit des 
Handels nicht mehr zu stören, die Küsten Italiens nicht mehr zu 
brandschatzen, seine Besatzungen aus den festen Plätzen der Halb- 
insel- herauszuziehen, keine entlaufenen Sclaven mehr aufzunehmen. 
• JDas Werk der Versöhnung war herrlich gelungen. Nur Caesar 
sah, daß der Räuber mit den Vornehmen und Geringen, die 
Wiederherstellung und Ersatz ihres verlorenen Besitzes erlangten, 
den einzigen Schutz verlor, der die letzte Vergeltung an ihm zu 
üben bisher gehindert hatte. 

Pompeius, der sich in dem Glänze seiner neuen Würde sonnte, 
versprach dem lieben Freunde, seine Tochter an Octavias Sohn 
Marcellus zu vermählen, wenn das Knäblein zu Jahren gekommen 
wäre. Und doch sah der Räuber immer nur den Richter vor 
Augen. Auch bei dem Festmahle der Triumvirn wollte er das 
Rauschen des freien Meeres nicht entbehren und feierte es mit 
ihnen nur auf jener Bühne, die der Verhandlung gedient hatte. 



Auguitng 



MutvoUer erschienen die Triumvim zum Dank auf seiner Hexerei 
und entgingen dem tückischen Rate des Menodorus, die kostbaj 
Vögel durch Kappen der Anker zu entführen, nur durch die Em 
innerung des Pompeius, daß er nicht immer ein Räuber gewesen." 
Der langersehnte Friede war endlich eingekehrt. Unbeschreiblich \ 
war die Freude, die die am Ufer Harrenden erfaßte, wie die Boote 
des Pompeius die lang Vermißten, Totgeglaubten, die nach Jahren 
trosüoser Flucht ihrer Heimat wiedergegeben wurden, ans Land 
setzten. Über ganz Italien verbreitete sich der Jubel, als die lang 
zurücli-gehaltenen Kornschiffe aus Africa, Sicilien, Sardinien imter 
dem Geleite der Flotte des Pompeius in sicherer Fahrt in die Häfen 
einliefen, nach der erduldeten Not Überfluß spendend. Antonius 
und Caesar wurden auf dem Wege nach Rom gleich den rettenden 
Göttern durch Opferspenden gefeiert, sodaß sie, der unverdienten 
Ehren müde, Rom selbst bei Nacht betraten. 

Hier schieden sich die Wege der Herrscher. Langversäumte 
Pflichten riefen Antonius nach dem Osten. 

Was auch die Zukunft bringen mochte, Caesar hatte jetzt 
freie Hand, unbeirrt durch fremdes Wollen, im Westen die Grund- 
lagen zu legen für das Werk der Neuschöpfung des römischen 
Staates, dem sein ganzes Leben geweiht sein sollte. Als der 
Zwang, unter dem er seit Jahren jedes Empfinden in seiner Brust 
niedergehalten hatte, von ihm wich, erfaßte ihn im Morgenrote ] 
der HerrschergrÖße die Liebe, des jungeii Herzens mächtigste J 
Zauberin. Schon hatte er sich von Scribonia getrennt, obwohlg 
sie ihm eine Tochter gebar, nach dem Besitze der stolzen Fraul 
begehrend, die ihn, der die Sitte so streng achtete, über allel 
Schranken hinwegriß. Livia, die Gattin des Claudius Nero, 
war es, deren herbe Schönheit die Leidenschaft in ihm mit ! 
Chr. unwiderstehlicher Gewalt entzündete, daß er sie, ehe sie nocl 
ihre Ehe gelöst hatte, in sein Haus entführte. Und doch, so ge-l 
waltsara der sonst so Kühle gehandelt hatte, dieser Bund, deaj 
tiefste Neigung geschlossen, er widerstand den schwersten Prüfua-^ 
gen, und wurde eine Quelle wahren Glückes, verband die auf da 
Höhen menschlichen Daseins doppell Einsamen jnit ruhiger Zu* 
versieht und nie gestörtem Vertrauen. 



I gen, und 

L Höhen n 

■ versieht 




Schon von Brundisium aus hatte Antonius den Ventidius 
Bassus mit den Legionen Galliens nach dem Osten entsendet^ um 
Kleinasien und Syrien aus den Händen der plündernden Befreier 
zu erlösen. Als das römische Heer in Kleinasien landete, nahm 
Labienus seine Scharen zusammen und suchte über den Taurus zu 
entkommen. Von Ventidius, der ihm mit leichten Truppen nach- 
setzte, am Fuße des Gebirges zum Stehen gebracht, rief er das 
parthische Heer aus CUicien zu Hülfe heran. Blinde Zuversicht 
ließ die Parther, ohne daß sie an die Vereinigung mit Labienus 
dachten, beim Hervorbrechen aus den Pässen gegen da,s Lager 
des Ventidius, dessen Legionen herangekommen waren, im ersten 
ArSauf anstürmen. Von der Höhe des Lagers herab warfen die 
Verteidiger die vorderen Reihen der Parther mit leichter Mühe 
auf die aus der Ebene noch Nachdrängenden zurück, sodaß ihr 
ganzes Heer in Verwirrung geriet, und vor dem Angriff der 
Legionen auseinanderbrechend, in wilder Flucht in das Gebirge 
zurückeilte. 

Als Labienus angesichts der Niederlage der Parther den 
Rückzug in das Gebirge versuchte, leistete sein Heer, das meist 
aus römischen Überläufern bestand, dem Feinde kaum mehr 
Widerstand. Ohne Kampf besetzte jetzt Ventidius Cilicien. Hier 
wurde Labienus, der in fremder Tracht entkommen war, aufge- 
spürt und gefangen. Dann gewann Ventidius durch einen über- 
raschenden Angriff in den Pässen des Amanusgebirges, den Toren 
Syriens, einen letzten, entscheidenden Sieg über das Partherheer 
des Phranapates. Nicht nur das Feldherrngeschick des Ventidius, 
mehr noch hatte der Unverstand parthischer Führer, die mit ihren 
Reitern inmitten des Berge Schlachten schlugen, den gänzlichen 



Umschwung herbeigeführt. So war denn Syrien wieder die Beute, 
der Römer geworden, und die Fürsten, wie Malchus der Naba- 
täer, Antigonus der Jude, büßten ihre Neigung für Pacoms mit' 
klingendem Golde. Arados, das Antonius während der Herrschaft 
der Parther Trotz geboten hatte, wehrte sich mit dem Starrsina 
semitischer Städte gegen das unvermeidliche Strafgericht. In deitt 
Heeibann der Panher, die den römischen Waffen erlegen i 
hatten die Edeln Irans nicht gefochten, Sie zogen nur unter da 
Führung ihrer Könige ins Feld. So rief sie Pacorus zu den Waffen* 
um die Schmach zu tilgen. Ventidius sah ihren Angriff voraus und 
wußte sie durch die Vorspiegelungen eines arabischen Fürsten, des 
er gewonnen hatte, über die Richtung seiner Verteidigung 
täuschen. Während die Parther den Feind in den weiten Ebeneai 
im Noiden von Palmyra, die ihrer Kampfweise so günstig warei^ 
erwarteten, erscheinen die Römer, auf dem Marsche gegen Zeiigmj 
am Euphrat begriffen, drohend in ihrem Rücken. So folgte ihnei 
Pacorus in das hügelige Gelände im Süden der CyrrhesticenischeB 
». Chr. Landschaf t. Hier kam es bei Gindarus, an demselben Tagi 

Jahres, der die Niederlage des Crassus gesehen, zur Schlacht. Du 
Parthei voll Siegesmut griffen die vor dem Lager in Schlachtlfnii 
geordneten Römer in langen Reihen an, von den Höhen durch dia 
weitirfigtnden Geschosse der Römer trotz ihrer schweren Paii' 
zerung so wirksam beschossen, daß ihr Ansturm bald zum Stehä 
kam. Noch leisteten sie den Römern tapferen Widerstand, all 
Pacorus fiel und um ihn die Edeln, die die Leiche des Königs» 
Sohnes verteidigten. Da wandten sich die Parther zur Flucht, 
den Römern bis nach Zeugma und Samosata am Euphrat verfolgt. 
Während sein Feldherr im Osten kämpfte und siegte, hatt< 
Antonius, der Stimmung folgend, welche die Ehe mit der feiH' 
gesitteten Frau in ihm hervorrief, in Athen einen geistigen Schau« 
platz für sein altes Wesen gefunden. Auch hier konnte er ohne 
den Zwang seiner Stellung unter den Bürgern der freien Stadt al9 
Gleicher unlci Gleichen den ersten Liebesrausch und das GefühJl 
seiner Allmacht genießen. Waren doch die Athener, durch das 
Elend von Jahrhunderten belehrt, in den Schmeichelkünsten dqi 
Fürsienverehrung nicht minder dienstwillig als die Völker 



Ostens, denen sie auch hierin die Meister geworden waren. Sic 
wußten den Imperator, der in ihrer heimischen Tracht wieder in 
den Hörsälen der Philosophen auftauchte und an der Schönheit 
attischer Epheben in den Ringschulen sich ergötzte, durch die 
Verzermng ihres sinnvollen Glaubens von dem zur Göttlichkeit 
sich läuternden Menschentum zu huldigen, als sie in ihm den 
neuen Dionysos feierten. So erschien es nur folgerichtig, den 
neuen Schutzgott der Stadt der schirmenden Eurggöttin und 
Jungfrau Athene anzutrauen, die seiner irdischen Gemahlin Octa- 
via die Hand reichte. Antonius aber lebte den himmlischen Traum 
auf dem Boden der Erde und forderte von seiner göttlichen 
Gattin eine weltliche Mitgift von tausend Talenten aus dem 
Schatze des Burgtempels, sehr zum Leidwesen der Athener, die 
für diesen Lohn ihrer Huldigung keinen Trost fanden in gewand- 
tem Spotte. Denn Antonius, der für seine Raubsucht selbst in 
dem gänzlich verarmten Griechenland noch Anlaß fand, plünderte 
dessen Städte, wie er sagte, um Pompeius die zugedachte Beute 
zu kürzen. Doch er verstand auch zu geben, als er zur Feier 
der ersten Siege des Ventidius ganz Athen speiste und bei dem 
prunkenden Mahle als Gymnasiarch der Stadt den Vorsitz führte. 
Die Herrschaft übte er, indem er die Boten aus allen Teilen 
seines Reiches schriftlich beschied und die Königreiche des Ostens 
nach Gunst vergabte, wie er dem Dareios, des Pharnaces Sohn, 
Pontus verlieh, Herodes Idumaea, Amyntas Pisidien, Polemo 
einen Teil Ciliciens, und anderen wieder andere Reiche. 



Jd 




Der Krieg gegen Sextus Pompeius 

Athen war Antonius auch so lieb geworden, weil er hier au£ 
seinem Herrschersitz mit den Legionen, die er in Europa, unter 
dem Vorwande, die Parthiner in Dalmatien für ihre Unterstützung! 
des Brutus zu züchtigen, zurückgehalten hatte, dem Sextus Pom- 
peius Trotz bot und so seinem Schwager Caesar das Leben 
Italien erschwerte. Hatte Antonius Achaia nicht geräumt, so war 
Caesar ebensowenig geneigt, dem Seekönig mit den 17 Milliones 
seines väterlichen Erbes den Schatz zu füllen. 

Auch Pompeius hatte die Bedingungen des Vertrages nit^ 
erfüllt. Seine Besatzungen standen noch immer in Italien, sein 
Inselreich blieb die Zuflucht entlaufener Sciaven und Räuber. 
Bald kreuzten auch seine Flotten wieder in dem italischen Meere, 
die Zufuhr unterbindend. Schon rüstete Caesar eine Flotte 
den Häfen Italiens und gedachte mit seinem Schwager in Brun- 
disium die Anordnungen für den gemeinsamen Krieg zu beraten^ 
nur daß Antonius, als Caesar zur anberaumten Stunde nicht 
erschienen war, froh dem Verhjißten nicht ins Auge zu sehen, e 
Athen zurückkehrte. 

Pompeius, seiner Warner durch den Vertrag von Misenuni 
ledig, henschte nur mehr und wurde beherrscht durch seine 
Freigelassenen, die an diesem Hofe ura den Einfluß haderten. 
Menodorus, in seinem Befehle über Sardinien und Corsica be- 
droht, bediente sich der Vermittelung jener Römer, die bei Pom- 
peius ausgeharrt hatten, um durch Verrat der Inseln am Hofe 
Caesars zu neuem Ansehen zu gelangen. Zögernd und doch deii 
unvermeidlichen Krieg vor Augen, ergriff Caesar das Angebot 
der Inseln, die Menodorus ihm mit den Flotten, drei Legionen 
und den leichten Truppen überlieferte. Noch waren die Flottea 



Caesars in Ravenna und vor Rom erst im Baue und die Küsten 
Italiens durch Strandwachen unzureichend geschüt2t, die Legionen 
aus lUyricum erst im Anmarsch. 

Pompeius kam jetzt dem Angriff zuvor und verwüstete die 
Küsten Campaniens, ehe noch die Flotte aus dem adriatischen 
Meere in Tarent eintraf. Als sich das Landheer Caesars bei 
Regium sammelte, ging Pompeius auf Messana zurück, um der 
drohenden Vereinigung der feindlichen Flotten in der Meerenge 
zu begegnen. Denn vom Norden führten Calvisius Sabinus und 
Menodorus ihre Geschwader heran, während die Flotte aus Tarent 
unter Caesars Befehl Regium sich näherte. Noch lag es in Pom- 
peius' Hand, die Gegner vereinzelt mit Übermacht anzugreifen, 
Menekrates ging wieder mit zahlreichen Schiffen nach Norden 
in See und erspähte im Abenddunkel die Flotte des Calvisius an 
der Küste von Cumae. Calvisius gedachte dem Kampf auszu- 
weichen, indem er an der Küste Schutz suchte. Als er am Morgen 
in einer langen Linie am Ufer gegen Süden fuhr, versperrte 
ihm die Flotte des Menekrates, die von Aenaria her ansteuerte, den 
Weg. So sah sich Calvisius unter den ungünstigsten Bedingungen 
zur Seeschlacht gezwungen. Während die Schiffe des Menekrates 
im freien Meere sich rasch und sicher bewegten, hatte Calvisius 
weder Raum zum Angriff noch zum Rückzug. Viele seiner 
Schiffe, von den an Zahl überlegenen Gegnern gedrängt, liefen 
auf den Strand, um elend zu scheitern. Den tapfersten Widerstand 
leisteten die Abgefallenen unter Menodorus, und ihnen war es 
zu danken, daß der Sieg der Pompeianer sich so lange verzögerte. 
In dem Gewirre des Seekampfes suchten sich Menekrates und 
Menodorus lange vergeblich, fest entschlossen, die alte Neben- 
buhlerschaft auf ihrem eigensten Elemente zum Austrag zu bringen. 
Als sie sich endlich nahekamen, brach die ganze Wildheit dieses 
Räuberkrieges hervor in dem Einzelkampfe der führenden Schiffe. 
Der Ramraspom, die Waffe des Kühnen, schädigte beide Schiffe 
schwer. Da warfen sie die Enterhaken des Piraten aus, und bald 
tobte der Nahkampf auf den Verdecken. Durch die Bordhöhe 
überlegen, ließ Menodorus die wuchtigsten Geschosse auf die 
Gegner niederhageln, bis Menekrates, unter den Toten und Ster- 



1 20 Ango»tn» 

bendea von einer vielzackigen iberischen Wurflanze in den Schen- 
kel getroffen zusammenbrechend, durch den Sturz ins Meer den 
Händen des siegenden Feindes sich entzog. Auch Menodorus, an 
der Schulter verwundet, verließ mit seiner Beute den Kampfplatz. 
Unbekümmert um den Untergang des Menekrates, hatte sein 
Unterführer Demochares den Angriff fortgeführt, die gestrandeten 
Schiffe des Feindes in Brand setzend. Mit Mühe verhinderte Cal- 
visius. der auf dem linken Flügel gesiegt hatte, die gänzliche 
Vernichtung seiner Flotte. Aber mit dem Tode ihres berühmten 
Kämpfers war die Zuversicht von den Siegern gewichen. Demo- 
chares ging am nächsten Morgen nach Sicilien zurück. Calvisius 
folgte ihm, nachdem er die Trümmer seiner Flotte wieder s 
tüchtig gemacht hatte. 

Demochares kam zur rechten Zeit nach Messana, die ] 
enge gegen die Flotte Caesars, die bereits beiRegium vor Ankei 
lag, zu decken. Als Caesar, nur auf seine Vereinigung mit Cal-" 
visius bedacht, von Regium an der Küste in der Meerenge durchi 
zubrechen suchte, wurde er von Demochares im Rücken angi 
griffen, und bald war seine ganze Flotte gegen die steile Felsküste 
Biettiens gedrängt. Wieder war aller Vorteil des Seekampf« 
auf Seite der Flotte des Pompeius. Vergebens versenkte Comi- 
ficius das Schiff des Demochares, der Andrang der Flotte i 
Pompeius wuide immer heftiger, als sie plötzlich zu weichcE 
begann, von der hohen See das Herannahen der Geschwader des 
Calvisius und Menodorus erspähend. Die Nacht war hereinge- 
brochen, während die schwerbeschädigten, halb verbrannte! 
Schiffe Caesars noch an der unheilvollen Küste lagen. Ais dei 
Morgen endlich anbrach, steigerte die Not ein plötzlich los- 
brechender Sturm, der, Tag und Nacht mit äußerster Gewal' 
wehend, die hülflosen Schiffe gegen die Felsen schleuderte und 
das Meer wie die Küste mit Trümmern und Leichen bedeckte 
Am nächsten Morgen sah die strahlende Sonne, die über den 
beruhigten Meere erglänzte, den Untergang der Flotte Caesars 
Nur die seekundigen Schiffe des Menodorus, die trotz des Sturme! 
die hohe See gehalten hatten, und andere, schwerbeschädigte ent 
rannen dem Verderben. Pompeius hatte im sicheren Hafen voa 



. Der Krieg geßen Seihis Pompeiui 



Mes^ana die Elemente für sich kämpfen lassen und tat nichts, den 
reind auf seinem Rückzug zu verfolgen. Hatte es sich doch 
henlich ei wiesen, daß der im meerblauen Gewände prangende 
Seekönig des Neptuns echter Sohn war. 

Die glänzenden Siege des Ventidius hatten Antonius endlich 
bestimmt, im Sommer des Jahres 38 nach Syrien zu eilen, um an 
die Spitze seines Heeres zu treten. Ventidius hielt König Antioc hus 
von Commagene, den Freund und Günstling der Parther, in seiner 
Hauptstadt Samosata belagert. Auch als Antonius eintraf, wider- 
stand die feste Burg allen Stürmen. Endlich des Stillsitzens müde, 
ließ Antonius dem König seine Herrschaft gegen Zahlung einer 
Geldbuße, Was er plante: die Eroberung des parthischen Reiches, 
schien mit den Streitmitteln, die im Osten standen, unerreichbar. 
So vertiaute er die Hut Syriens seinem Legaten Sossius an und 
kehrte zurück nach dem Westen, von seinem Schwager neue 
Legionen zu fordern. Ventidius, von Antonius in Ungnade ent- 
lassen, feierte im Winter einen Triumph einziger Art über die 
Parther, War er doch als Knabe ein Gefangener im Bundesge- 
nos&enkriege vor dem Siegeswagen des Pompeius Strabo einher- 
geschiitten, und jetzt hielt er selbst den Siegeseinzug in Rom, 

Die Unheilsbotschaften des sicilischen Krieges schienen An- 
tonius in Athen ein Festgruß, Der stolze Schwager war doppelt 
gederaütigl, der, auf seine eigenen Streitkräfte bauend, durch 
eigene Unfähigkeit der Führung so elend gescheitert war. Und 
doch war es für Antonius schwer, die im Vertrage von Brundisium 
zugesagte Hülfe auch jetzt nicht zu leisten, um so schwerer, als 
Octavias versöhnender Einfluß für den Bruder sprach. Im Grunde 
war er auch ihrer schon müde geworden, dachte nur mehr daran, 
von Italien neue Opfer zu erzwingen, um durch den erträumten 
Sieg über die Parther seinem verblassenden Kriegsruhm neuen 
Glanz zu geben. Auch forderte der Ablauf der Frist, die die Trium- 
vim selbst ihrem Amte gesetzt hatten, eine Vereinbarung der 
Herrscher. Mißtrauen und Abneigung ließ sie keine Formel mehr 
finden, das gemeinsame Amt anders als stillschweigeijd weiter zu 
führen. Doch sahen sich Antonius und Caesar in Tarent vor dens?». 
Augen der Welt als Freunde. Aber schärfer als je trat der Ge- 



gensatz hervor zwischen dem Vergeuder eigenen und fremden 
Gutes und dem maßvoU die Kraft der Gegenwart und Zukianft 
Erwägenden. Und zwischen ihnen stand die schwache Frau, nach 
Vermittlung suchend für das Unversöhnliche. War doch keiner 
geneigt, dem anderen zu gewähren, was er bedurfte. Wie konnte 
Caesar, der Vater seines Volkes, die Söhne Italiens opfern für 
den Wahnwitz eines neuen Aiexanderzuges, und nur dann wäre 
Antonius gewillt gewesen, seine wirksame Hülfe zu leihen für 
den Seekrieg. Nicht die Legionen Italiens, sondern 2000 Mann 
für die Verstärkung der Leibwache gewährte Caesar dem Anto- 
nius und gestattete auf Octavias Bitten dem Schwager noch 1000 
nach eigener Wahl auszulesen. Da ließ Antonius auch die Flotte, 
die er zugesagt hatte, von 300 Schiffen auf 120 zusammenschwin- 
den, als Liebesgabe Octavias noch 10 Boote hinzufügend. -So war 
der bittere Ernst der Forderungen zum Getändel der Höflichkeit 
geworden, die keinen über das harte Nein hinwegtäuschte. Von 
Tarent ging Antonius nach dem Osten, \^il er wußte, was ihn 
mächtiger zog als der Kriegsruhm. Schon in Corcyra entließ er 
Octavia, zu zart, das rauhe Kriegsleben mit ihm zu teilen, und 
sandte sie mit den Kindern, die ihrer Ehe entsprossen waren, dem 
Bruder zurück nach Italien, Er war geschieden in dem sicheren 
Bewußtsein, den tief eingewurzelten Haß dereinst in einem Kampf 
auf Leben und Tod zu erproben. 

Vieles hatte zusammengewirkt, das klägliche Ende des Krieges 
gegen Sextus Pompeius herbeizuführen. Die Abneigung gegen 
das trügerische Element, gegen alles, was den Griechen das wech- 
selnde Spiel von Wind und Wogen so lockend erscheinen ließ, 
wohnte den italischen Bauern seit Alters inne und ließ sie nie zu 
einem seefahrenden Volke werden. Nur die unabweisbare Not- 
wendigkeit, das italische Meer von der Vorherrschaft der PunieT 
zu befreien, hatte sie einst bestimmt, diese in Namen, Bauart, 
Rüstung und Gebrauch gleich fremdartigen Kriegsfahrzeuge zu 
besteigen, immer dann ihres Sieges gewiß, wenn es ihnen gelang, 
auf die kunstreiche Lenkung der Rosse des Meeres verzichtend, 
die Seeschlacht Bord an Bord wie eine Landschlacht zu schlagen. 
Als die Pnniergefahr verschwunden war, verschwand auch die rö- 



mische Flotte von dem Meere, das zu gewinnen die Römer Tau- 
sende von'Schiffen und zahllose Menschen geopfert hatten. Immer 
bedurfte es der äußersten Gefahr, um neue Flotten von gleich 
kurzer Dauer entstehen zu lassen. So fehlte Caesar für das Schwie- 
rigste, eine Flotte aus dem Nichts zu schaffen, die erste Bedingung: 
ein seefrohes, seeerprobtes Volk. Und als sie doch entstand, un- 
gefüge in der Bauart, unbehülflicli in der Lenkung, fehlten ihr die 
Männer, die sie in Sturm und Schlacht zu leiten vermochten. Wenn 
Pompeius in Messana Musterung hielt über sein wetterfestes, 
kampferprobtes Schiffsvolk, von jenen Küsten, wo die Gewohnheit 
von den Vätern forterbte, auf der blauen Meeresfläche zu ernten, so 
mochte er der friedlichen Bauern spotten, die nur die Verzweif- 
lung zum Ruder greifen ließ. 

Was die Römer auch auf dem Meere unbesiegbar gemacht 
hatte, war die Hingebung an das Vaterland gewesen. Caesar war 
es, der die in den Bürgerkriegen erstorbene Liebe zur Heimat, den 
Opfeisinn der Bürger wiedererweckt hatte. Freudig ging man in 
allen Häfen Italiens an den Bau der Schiffe, willig liehen die 
Reichen dem Staate ihre Sclaven, die Schiffe zu bemannen, und 
erdugen neue Lasten für die Rüstungen zum Kriege. Auch der 
Feldherr des Reiches, Agrippa, war aus Gallien zurückgekehrt, der 
siegreich, wie immer, die Grenzverteidigung am Rhein durch den 
Ausbau des gallischen Straßennetzes, die Erbauung der Truppen- 
lager neu geordnet hatte. Den leichtgewonnenen Triumph über 
die Aquitanier lehnte er ab, um als Consul die Rüstungen zum 37 »- Chr. 
Kriege planvoll zu leiten. Kein Mißlingen durfte diesmal die Hei- 
lung Italiens von der Eiterbeule des Räuberstaates, der all den 
klinken Stoff der Bürgerkriege in sich aufgenommen, länger ver- 
zögern. Einig mußten die Triumvim diesem gemeinsamen Feinde 
entgegentreten. In Tarent hatte Caesar von Antonius wenigstens 
den Schein der Mitwirkung erreicht. Entschiedener mahnte er 
Lepidus an seine Bundespflicht; der mit der ganzen gewaltigen 
Rüstung an Heer und Flotte, die seinem trägen Leibe so unbehülf- 
lich als zwecklos saß, von Africa aus Sicilien angreifen sollte. Aber 
die eigene Macht mußte die Entscheidung bringen. Zwei Jahre 
wurde der Bau der Flotte, die Übung der Mannschaften fortge- 



124 



AuEluRli 



setzt. Um in einem ruhigen Wasserbecken ungestört vom Feinde 
die Bemannung der Penteren in sicherem und gleichmäßigem 
Schlage der Ruder, der Triebkraft des antiken Schiff es, zu schulen, 
veieinigte Agiippa den Arverner und Lucriner See zu einem Was- 
seispiegel, der sich in das Meer durch einen breiten, in den tren- 
nenden Hügelnicken eingeschnittenen Kanal öffnete. An dem. 
sicheren Gebrauch dieser vollkommenen Waffe mußte bei der 
Überlegenheit an Zahl die Seemannskunst der Pirten zu Schan- 
den werden. 

Durch einen gleichzeitigen Angriff von drei Seiten gedachte 
Agrippa die Landung auf der Insel und damit die Entscheidung zu 
erzwingen. Der Schicksalsglaube, der Caesar sein ganzes Leben 
36». Clir. bestimmte, ließ ihn den ersten des Monats Julius als den Tag 
erwählen, an welchem Lepidus ausAfrica, Stalilius Taurus mit der 
Flotte desAntoniu.= ausTarent, er selbst von Puteoli aus die Fahrt 
nacli Sicilien antreten sollten. Das Verhängnis von sich abzu- 
wehren, hatte Pompeius alles aufgeboten, was in seinen Kräften 
stand. Immer noch konnte er hoffen, von Messana aus den ge- 
trennt heransegelnden Gegnern, wie im ersten Kriege, vor ihrer 
Veieinigung mit überlegener Macht entgegenzutreten. Schwieri- 
ger, ja unmöglich war es, gegen Lepidus den Süden Siciliens er- 
folgreich zu verteidigen. Doch hatte er die Seeplätze, vor allem das 
wichtig« Lilybaeum, neu befestigt und die Küste durch ein Land-, 
beer unter dem Befehle des Plennius gedeckt, auch besetzte er die, 
Inseln Cossura im Süden und Lipara im Norden, damit die feind-i! 
liehen Flotten nicht von diesen sicheren Ankerplätzen aus Siciliea 
bedrohten. 

Unter den feierlichsten Opfern an die Götter des Meeres war 
Caesar ausgefahren, aber ihr Segen ruhte nicht auf seiner Flotte. 
Ein heftiger Südsturm zwang die schwerbeschädigten Schiffe, in 
dem Golf von VeJia Schutz zu suchen, wo das plötzliche Umsprin- 
gen des Windes die Zerstörung noch steigerte. Der gleiche Sturm 
hatte Tauius au der Ausfahrt verhindert und Lepidus gehemmt, 
wenn er auch nach Verlust zahlreicher Transportschiff e Sicilien er- 
reichte und ein Heer von 12 Legionen, numidischen Reitern und 
anderen Leichtbewaffneten auf der Insel landete. Noch kreuzte 




. Der Krieg gegen Seitns Pompein» 12 = 

eine Flotte des Pompeius unter Papias im südlichen Meere, ohne 
die Verstärkung des Lepidus durch neue Transporte aus Africa 
wirksam hindern zu können. So ging Papias auf Messana zurück, 
die VerteidigLing Lilybaeums gegen Lepidus dem Plennius über- 
lassend. Nachdem die Flotte Caesars wieder seetüchtig geworden, 
begann von Osten der Angriff auf Sicilien von neuem. Bei Re- 
giuni sammelte sich das Landheer, das unter dem Schutze der 
Flotte des Taurus, die Caesar selbst aus Tarent herbeigeholt hatte, 
nach Tauromenium übergehen sollte. Agrippa steuerte mit der 
Flotte Caesars nach der heiligen Insel im Norden Siciliens, wo dem 
Blicke die Wasserfläche des entscheidenden Kampf es an der Küste 
bei Mylae sich öffnete. Nur das Geschwader des Demochares von 
40 Segeln schien hier auf dem Meere zu kreuzen. Pompeius, von 
demHeiannalien der Feinde unterrichtet, hatte erkannt, daß er die 
drohende Landung an der Nordküste nur durch eine Schlacht ab- 
wehren könne. Er verstärkte die Flotte bei Mylae durch das Ge- 
schwader des ApoUophanes und ging selbst bei Nacht von Mes- 
sana mit 75 Schiffen in See, So sah sich Agrippa, der nur mit seiner 
halben Macht von der heiligen Insel ausgefahren war, am Morgen 
der ganzen feindlichen Flotte gegenüber. Ohne das Eintreffen der 
anderen Schiffe abzuwarten, ging Agrippa voll stürmischen Mutes 
zum Angriff über. Wohl focht die Flotte des Pompeius ihres alten 
Ruhmes würdig und bemühte sich, die Gegner nach griechischer 
Seemannsweise durch Abstreifen der Ruder beim raschen Um- 
kreisen zu schädigen, während die Seeleute des Agrippa im Geiste 
ihres Führers die feindlichen Penteren durch den Stoß des Ramm- 
spoms ihrer stark gebauten Schiffe niederzubrechen suchten oder 
von der Höhe der mächtigen Türme, die sie auf Vorder- und Hinter- 
deck trugen, mit dem Geschoßhagel .der Landschlacht bestrichen. 
Agrippa, allen vorankärapfend, hatte nur ein Ziel im Auge; das 
füljrende Schiff des Feindes. Er traf es mit der ganzen Wucht des 
Rammspoms in die Breitseite, riß es entzwei, sodaß es in den ein- 
stürzenden Fluten versenkt wurde. Demochares, der sich von dem 
sinkenden Schiffe gerettet hatte, suchte den Kampf fortzuführen, 
als das Erscheinen der zweiten Flotte Agrippas Pompeius be- 
stimmte, das Zeichen zum Rückzug zu geben. Die weichenden 



f 



Schiffe suchten Schutz in dem seichteren Gewässer der Küste, wo- 
hin ihnen die tiefgehenden Schiffe des Gegners nicht folgen konn- 
ten. Voll Unmut, angesichts der ihm entrinnenden Beute, ging 
Agrippa mit seiner Flotte vor Anker. Nur mit Mühe bestimmten 
ihn seine Freunde, die Nacht nicht an dieser sturmreichen Küste 
abzuwarten und die Flucht des geschlagenen Feindes nicht länger 
hii:dem zu wollen. So gingen die Sieger nach der heiligen 
Insel zurück. 

Der Seekönig, der vom sicheren Lande aus dem Kampfe der 
Flotten wie einem Schauspiel angewohnt hatte, pries und belohnte 
die Tapferkeit der Seinen und ging dann, um die dringendere Ge- 
fahr einer Landung Caesars abzuwehren, in die Meerenge von Mes- 
sana zurück, den Norden der Insel nur mehr zum Scheine mit einem 
schwachen Geschwader bewachend. Durch diesen raschen Ent- 
schluß erschien Pompeius in dem Augenblicke wieder in der Meer- 
enge, als Caesar, in der Meinung, er werde noch von Agrippa bei 
Mylae festgehalten, im Begriffe war, mit dem Landheer aus Italiea 
nach Sicüien überzugehen. Schon war Caesar mit drei Legionen, 
Reitern und leichtem Fußvolk südlich von Tauromenium gelandet, 
nicht mehr hatte die Flotte auf einer Fahrt übersetzen können, Mes- ' 
salla sollte von Regium mit dem übrigen Heere folgen, als diej 
Flotte des Pompeius vor Tauromenium erschien, während heran- ■ 
jagende Reiter auch das Nahen seines Fußheeres verkündeten. 
Zwischen Tauiomenium und dem Landheer des Pompeius einge- 
schlossen, durch die Flotte von Italien abgeschnitten, ließ Caesar j 
das gelandete Heer während der Nacht das Lager befestigen und 
übertrug Cornificius den Befehl. Den nächsten Morgen mußte er I 
die Entscheidung zur See suchen. Angriff und Gegenangriff der [ 
sich bekämpfenden Flotten wechselten den ganzen Tag, bis am .) 
Abend der rechte Flügel Caesars mit halbverbrannten, schwerbe- 
schädigten Schiffen Schutz an der Küste Italiens suchte. Die J 
Schiffe des linken Flügels waren gesunken oder standen in Flam- 
men. Caesar, der während der Schlacht auf einem leichten, rasch- 
fahrenden Schiffe zwischen seiner Flotte gekreuzt hatte, den Mut 
der Seinen zum Kampfe anfeuernd, sah alles verloren und rettete 
sich in einem Boote nach Regium zu den Legionen Messallas. 



. ' Der Krieg gegen Seitn» Pompeios ' 



127 



TAuch dem Landheere des Cornificius drohte das Schicksal der 
Klotte. An der Küste, wo dem von Feinden umlagerten Heere 
Nahrung zu schaffen unmöglich war, länger zu verweilen, bedeu- 
tete den sicheren Untergang. So beschloß Cornificius, den Weg in 
das gesegnete Innere der Insel mit dem Schwerte zu erkämpfen. 
Die Waffenlosen, die sich von der sinkenden Flotte ans Land ge- 
rettet hatten, in die Mitte nehmend, rückte er in einem Viereck vor, 
auf dem Marsche durch die Küstenebene von den feindlichen Rei- 
tern gehemmt und, nachdem der Weg in die Schluchten des steil 
abfallenden Gebirges eintrat, noch härter von den leichtbeweglichen 
Numidiern und Libyern in Pompeius Heer bedrängt. Unter steten 
Kämpfen nur langsam vorrückend, gelangte das Heer am vierten 
Tage in die wasserlosen, erstarrten Lavastrome des Aetna. Bei 
Tage von dem aufwirbelnden Staube geblendet, in der sengenden 
Sonne dem Durste erliegend, wagten sie, in den pfadlosen Schluch- 
ten einem Überfalle preisgegeben, den Marsch bei Nacht nicht 
mehr fortzusetzen. Am folgenden Morgen auf den glühenden 
Felden mühsam emporkletternd, schienen sie den immer dichter 
einfallenden Geschossen der Feinde, ohne die Kraft Gegenwehr zu 
leisten, in Massen zu erliegen, als die Kühnsten, von Verzweiflung 
getrieben, die nächsten Höhen erstürmten. Aber neue Schluchten, 
neue Felsen türmten sich auf, hinter denen der Feind lauerte. Mut- 
los, ließen sie ermattend, verdurstend die Waffen sinken. Wieder 
riß sie Cornificius zu einem Sturm fort, eine nahe Quelle weisend. 
Als sie, unter furchtbaren Verlusten durch die Feinde brechend, 
der Quelle endlich nahekamen, war auch dieser Strom des Lebens 
von einer Übermacht bewacht. Schon glaubten alle diese Tapfe- 
ren elend zu erliegen, da zeigten sich auf den beherrschenden 
Höhen die Feldzeichen eines herannahenden Heeres. Das mußten 
Retter sein. Noch einmal setzte das ganze Heer des Cornificius 
zum Angriff an, und die Feinde wichen, gaben den Weg frei zu 
dem ersehnten Quell. Nicht der Ansturm der Legionen des Corni- 
ficius, das Heer, das auf den Höhen stand, hatte sie zum Rückzug 
gezwungen. Denn es waren drei Legionen Agrippas, die von Tyn- 
daris, wo sie gelandet waren, quer durch die Insel heranziehend, 
wie rettende Gotter erschienen. 



Agrippa hatte Tyndaris, für den Landkrieg wie für die 
Kämpfe zur See ein gleichgünstiger Stützpunkt, nach wiederholten 
Slüimen eiobert. mit all den Vorräten, die Pompeius hier aufge- 
häuft hatte. Dort landete Caesar allmählich 21 Legionen, 20000 
Reiter und 5000 Leichtbewaffnete. Pompeius, auf die Deckung 
Messanas bedacht, sperrte die Bergschluchten bei Tauromenium 
und Mylae im Norden und Süden durch Verschanzungen und 
deckte sie mit starken Besatzungen. Durch ein falsches Gerücht 
von einem Angriff Agrippas auf Cap Pelorias getäuscht, gab Pom- 
peius den Befehl, die Pässe von Mylae zu räumen, und dann döl 
Gegenbefehl, sie wieder zu besetzen. Aber bereits hatte sie Caesax 
genommen und vereinigte sich mit Lepidus, der von Süden t 
Insel durchziehend herankam, vor den Mauern von Messana. AI» 
dann Taurus die Zufuhr aus den Küstenorten Siciüens nach Me: 
Sana sperrte, mußte Pompeius für die Herrschaft über die Se 
die Entscheidungsschlacht schlagen. 

In den Gewässern der ersten Seeschlacht kam es zwischen de 
beiden Flotten, jede zählte 300 Schiffe, an einem vorher anbe- 
raumten Tage zum Kampfe. Beide hatten ihre Rüstungen 
vollkommnet: Pompeius durch Erhöhung der Bordwände und 
Verstärkung der Türme, Agrippa durch eine neu erdachte Art v 
Enterhaken, die, auf das Deck des feindlichen Schiffes mit i 
widerstehlicher Gewalt niedergehend, seinen italischen Legionären 
die als Decksoldalen fochten, den gewohnten Boden der Land: 
Schlacht bereiteten. Angesichts der Landheere, die in den Lagen 
des Caesar und Pompeius versammelt standen und die Aufregung 
des Kampfes mit den Streitern teilten, erfolgte der Zusammenstoß 
der Flotten, Das Gewoge des Seekampfes, die schweren Beschä' 
digungen der bald vordringenden, bald zurückweichenden Schiffe^ 
der gleiche Schlachtruf in italischer Zunge ließen es lange unent 
schieden erscheinen, auf wessen Seite der Sieg sich neigte. Nicht 
unterschied die kämpfenden Schiffe mehr als die Farbe derTürm^ 
die, hoch über die Verdecke emporragend, weithin sichtbar, Freun 
den und Feinden ein Wahrzeichen wurden, daü die Flotte Agrip 
pas die Überlegenheit gewann. Agrippa sammelte seine Flotte zi 
einem neuen Anprall auf den Gegner. Die Schiffe des Pompeiui 



stürzten im Zurückweichen die das Deck schwerbelastenden Türme 
übet' Bord und flohen auf den Hafen von Messana zu. " Nur sieb- 
zehn entrannen den Verfolgern, die übrigen, gegen die Küste ge- 
drängt, zerschellten oder gingen, soweit sie Ankergrund gewannen, 
in Flammen auf. Da strichen die noch auf hoher See kämpfenden 
Schiffe des Pompeius vor den Siegern die Flagge. Beim Anblick 
des Untei'ganges seiner Flotte floh Pompeius, von Entsetzen er- 
faßt, den Feldhermmantel von sich werfend, nach Messana. Sein 
Landheer, ohne Weisung gelassen, streckte die Waffen. 

Bereits war Plennius, der Lilybaeum mit acht Legionen ver- 
teidigt hatte, von Pompeius zurückberufen, im Anmarsch auf 
Messana. Doch Pompeius, das sichere Verderben vor Augen, 
brachte was er vermochte auf seine Schiffe und floh hinaus auf 
sein Meer, um im fernen Osten bei Antonius Schutz zu suchen. 

Die ungeheuren Heeresmassen, die der Krieg auf der Insel 
zusammengeballt, hielten den Plennius, der Messana erreicht 
hatte, belagert. Auch er konnte an nichts anderes mehr denken, 
cJs seinen und seiner Gesellen Hals vor dem Henker zu retten. 
So begann er mit den Belagerern zu unterhandeln. Agrippa 
verwies ihn auf die Entscheidung Caesars. Aber Lepidus, glück- 
lich, sein Heer gleich um acht Legionen zu verstärken, schloß 
Brüderschaft mit den Räubern und besiegelte den Bund, indem 
er das unglückliche Messana den vereinten Heeren zur Plün- 
deiung überließ. Eine ganze Nacht wüteten die Räuber in Mes- 
sana, einen letzten Triumph ihres goldenen Handwerkes ge- 
nießend. Die Brust geschwellt von Hochgefühl beim Anblick 
seiner unüberwindlichen Streitkräfte, sah sich Lepidus als Herr 
von ganz Sicilien und erteilte strenge Weisungen an die Städte 
der Insel, Niemand einzulassen, der in Caesars Auftrage erschiene. 
Er war es doch gewesen, der Sicilien erobert hatte. Oder sollten 
die vielen Städte, die er beim Vorbeimarsch nur so weggenom- 
men, für nichts zählen? Wie, gebührte ihm nicht Sicilien nebst 
seinem Africa, da beides im Vertrage von Bononia ein Los der 
großen Erbschaft des Dictators gebildet hatte? Die Vorstellungen 
Caesars machten ihn, den Herrn von 22 Legionen, nur noch hals- 
starriger. Nur gerade mit diesem Herrentum war es übel be- 



no 



Augostus 



Stellt. Caesar erschien es als das Einfachste, das Heer des Le- 
pidus in seinem eigenen Lager mit kurzen Worten aufzufordern, 
zu ihm übemutreten. Die Legionen des Plennius, die als ent- 
laufene Sciaven wußten, was ein Heer war, gingen mit erhobenem 
Fahnen in Caesars Lager über. Auch andere brachen schon ihre 
Zelte ab. Was, Rebellion im Lager! schrie Lepidus, stürzte aus 
dem Feldhermzelte hervor und rief zu den Waffen. Es fanden 
sich denn auch einige, die ihre Speere auf Caesar und seine Be- 
gleiter schleuderten und sie zum Rückzug zwangen. Caesar, des 
sinnlosen Widerstandes müde, griff einen Posten mit Reitern 
an urld sprengte ihn auseinander. Das diente den anderen zur 
Warnung. In hellen Haufen gingen die Legionare, Reiter, Flotten- 
soldaten und Hülfsvölker zu Caesar über. Da befahl Lepidus den 
Soldaten, unter die Waffen zu treten; kaum hinter den Fahnen 
geoidnet, folgten sie dem Beispiel aller anderen. Wie ein Blitz 
ging es Lepidus durch den Kopf, wie große Feldherm den Auf- 
ruhr gebändigt; er griff nach einer Fahne, um den Träger zum 
Stehen zu zwingen, ließ sie aber auf die Warnung, das könnte 
gefährlich werden, wieder fahren. Schon fragten die Über- 
läufer Caesar, ob man den aufgeregten Herrn nicht beruhigen 
könnte, da war aber auch der Entschluß des Lepidus gefaßt: er 
warf die Feldherrnkleidung ab und lief so rasch er konnte, um 
nicht der Letzte zu sein, in Caesars Lager, bereit, kniefällig um 
sein Leben zu bitten. Caesar entzog ihn den Blicken des von i 
allen Seiten zusammenströmijnden Heeres und sandte den ToreaJ 
nach Rom, wo er noch viele Jahre lebte, nur mehr des Gedankei 
fähig, wie unsicher sein Kopf auf dem Halse säße. 

Caesars erste Sorge war, wie er sich von allen diesen Herren,! 
die wie eine steigende Last ihn niederzudrücken drohten, wiedeffl 
befreien könnte. Es gab keine Feinde mehr zu bekämpfen ; 
jenen Feind im Osten, der aber in diesem Augenblicke durcll'l 
eigene Schuld unfähig wurde Böses zu tun. Es galt, dieses 
Söldnerheer, das die Bürgerkriege ins Ungemessene hatten an-i 
schwellen lassen, das sich in den letzten Kämpfen wieder alsl 
die unentbehrliche Stüze der Herrschenden hatte fühlen lerneuj 
zurückzuzwingen in die gesetzliche Ordnung des Staates, 



,^_J^ 



II. Der Krieg gegen SextuB Pompeius Ijl 

herrschende Glied wieder zum dienenden zu machen. Und das 
in einem Augenblicke, wo die offenbare Ohnmacht eines Herr- 
schers auch die Macht des anderen in die Willkür des Heeres zu 
stellen schien. Eine Aufgabe, so schwierig, als gälte es das 
Schwungrad mitten in der Bewegung auszuwechseln. Furchtbar 
war die Macht, der er Trotz zu bieten hatte. 45 Legionen, 25000 
schwere Reiter, leichte noch um die Hälfte mehr, die Bemannung 
von 600 Kriegsschiffen, Lastschiffe ohne Zahl. Um sie zu ver- 
söhnen, verlieh er ihnen Geldgeschenke oder versprach sie doch, 
schmückte sie mit den glänzenden Ehrenzeichen römischer Sol- 
daten, ließ auch den Führern von Pompeius Heere Gnade wider- 
fahren. Aber es gab im Heere gerechte Gründe der Unzufrieden- 
heit, die keiner Mahnung, keiner Drohung weichen wollten. Wie 
viele waren in seinem eigenen Heer, die ihm, von Versprechungen 
gelockt, von Schlachtfeld zu Schlachtfeld gefolgt waren, denen 
der Lohn, den sie mit ihrem Blute verdient hatten, noch immer 
nicht geworden war. Und was bot ihnen der Feldherr, um ihren 
Unmut zu beruhigen, als äußeren Ehrenschmuck, der sie in den 
Heimatstädten durch Festkränze und Festkleider über die Bürger 
erhöhen sollte, leeres Spielzeug für Kinder. Dennoch, so gebie- 
tend stand Caesar bereits dem Heere gegenüber, konnte er es 
wagen, die Veteranen von Mutina und Philippi aus dem Heere 
zu entlassen mit der bloßen Zusage, daß ihnen der Landbesitz 
imd die Geldgeschenke werden sollten. Als sie nach Italien über- 
setzten, ließ sich das Heer durch ein Geschenk von 500 Denaren 
für jeden Mann beruhigen, und die Legionen gingen nach den 
Provinzen, die ihnen bestimmt waren. Sicilien, trotz des Elendes 
und der Armut, die dieser letzte Sclavenkrieg gezeitigt hatte, 
seine einst so blühenden Fluren für immer entfärbend, mußte 
seinen Bezwingern den Siegeslohn, 1600 Talente bezahlen. Kaum 
waren die Heere in ihren Standorten eingetroffen, so erging der 
Befehl, die entlaufenen Sclaven, die sich in die Reihen einge- 
schlichen halten, zu greifen und nach Italien zurückzusenden. Die 
noch Herrn besaßen, kehrten zurück in die Knechtschaft, die an- 
deren starben am Kreuze vor den Toren der Städte, denen sie 
einst angehört hatten. Ein furchtbares Sinnbild einer Zeit, die 



die letzten Graadlageo des bürgerlichen Oaseins aufgehoben 
hatte. 

Bei setner Rückkehr o^ch Rom beschränkte Caesar die 
Ehren, die der Senat ihm erweisen woUte, auf Weniges, wie daß 
die Heiligkeit des iribunicischeD Amtes auch Um schirmen sollte, 
und die Jahresfeier seiner Siege, Er rechtfertigte seine Staats- 
leitiing in mündlicher Rede und schriftlicher Darlegung und rer" 
spiach seine Ausnahmsgewalt niederzulegen, wenn Antonius aas 
dem Partberkriege zurückkehre, seinen Einfluß auf die altge 
wohnte Tätigkeit der Jahresbeamten des Staates schon jetzt frei- 
willig beschränkend. Ruhe und Frieden ließen auf dem Bodea 
Italiens wieder die Gaben der Ceres erblühen und füllten die 
Häfen mit dem Gewinne des Kaufmannes. Vor den Augen der 
Bewohner Italiens, die freien Gemütes in die Zukunft blickten^ 
schien der Gott Mercurius in der Gestalt des jugendlichen Herr- 
schers segnend durch die Lande zu schreiten, den zu verehren 
wahre Dankbatkeit sie trieb. Herrlicher klangen dem Fürsten 
die Gesänge der Dichter, die nach seinem innersten Wunsche 
mit dem nie gehörten Wohllaut lateinischer Rede die Rückkehr 
zu den einfachen Sitten der Väter die Bürger lehrten und die 
Liebe zu dem mit der Kraft der Natur erfüllten Leben der Bauern 
und Hirten. 

Caesar hatte die Fahrt des Pompeius nach Osten nicht mehr 
gehindert, da der Seekönig mit seinen fliehenden Schiffen bald 
die Grenze des Westreiches überschritt. Im Vorbeifahren plün- 
derte Pompeius, wie um das Andenken seines glorreichen Hauses 
noch duich eine letzte Räubertat auf italischer Erde zu schänden,, 
die Weihgeschenke im Tempel der Juno am Vorgebirge Laci- 
nium, die selbst der Punier verschont hatte. Was er bedurft^ 
war eine Freistatt auf einer Insel des Ostmeeres. Er fand sie auf 
Lesbos in MytUene, wo der Name Pompeius des Großen, der 
die Stadl durch so viele Gnadenbeweise geehrt und erhöht hatt^ 
selbst in dem entwürdigten Sohne noch heilig war. Der Herrscher 
des Ostens weilte ferne auf dem Zuge gegen die Parther. Und 
so sann Pompeius in Mytilene darauf, je nach dem Ausgang des 
Krieges als Freund oder Nachfolger des Mächtigen auch im 



II. Der Kii^ gfsg^ Sextas Pompnns 131 

Osten eine Herrschaft zu gründen, Antonius Niederlagen erfüllten 
ihn mit neuen Hoffnungen. Schon gingen seine Gedanken zu 
den Fürsten Thrakiens und des Pontus, um Hilfe zu werben, und 
hatte Labienus die Parther bis nach Kleinasien geführt, so hoffte 
auch er durch Boten die Freundschaft der Sieger zu gewinnen. 
Mehr um die Lage auszuspähen, als in friedlicher Absicht er- 
schienen seine Gesandten auch bei Antonius in Alexandria. In- 
zwischen ging er daran, seine Schiffe zu rüsten und ein Heer zu 
bilden. In Alexandria entlarvte Antonius das Doppelspiel, als 
er den Gesandten die gefangenen Boten an den Partherkönig 
gegenüberstellte, und befahl dem Statthalter Syriens, Titius, Heer 
und Flotte nach ICleioasien zu fuhren, um mit dem gefährlichen 
Abenteurer ein Ende zu machen. Denn die Küsten der Provinz 
Asien lagen den Angriffen der sich bildenden Räuberflotte schutz- 
los offen. Wohl rief der Statthalter Furnius die Hülfe des Do- 
milius Ahenobarbus, der das benachbarte Bithynien verwaltete, 
an und befahl Amyntas, mit seinen kriegsgeübten Galatern das 
Feld zu nehmen. Bereits hatte Pompeius Lampsakos erobert und 
unter den von Caesar dort angesiedelten Italikern um hohen 
Lohn Soldaten geworben. Dann griff er Kyzikos zu Land und zur 
See an. Hiei durch eine schwache Truppenabteilung des Antonius, 
die in der Stadt die Fechterschulen bewachte, zurückgeschlagen, 
ging er in die fruchtbare Troas, die Felder abzuernten. Furnius 
suchte durch seine zahlreiche Reiterei den Plünderern zu wehren, 
nur um in einer vollständigen Niederlage die Schlagkraft des 
kühnen Räubers zu erfahren. Ein solcher Sieg, im freien Felde 
gewonnen, ließ die durch den römischen Steuerdruck verzweifelten 
Bewohner der Propontis und Mysiens in hellen Haufen der Fahne 
des Pompeius zuströmen. Bald war es wieder ein Heer von drei 
Legionen, wie er sie nannte, über das er gebot. Von dem Meere 
abgeschnitten durch die Flotten, die von, allen Seiten in den 
Gewässern Kleinasiens eintrafen, drang er in Bithynien ein und 
herrschte bald in den Städten Nikaea und Nikomedia über die 
Provinz, Aber kein Wagemut vermochte ihn mehr vor der Über- 
macht seiner Gegner zu erretten. Denn Titius war mit dem 
Heere und der Flotte Syriens, 120 Schiffe stark, bei Prokonnesos 



134 






gelandet; ihm folgten 70 Schiffe, die in den sicilischen Gewässern 
gegen den Räuber gefochten hatten. 

Da veibrannie Pompeius seine Schiffe, bewaffnete seine 
Ruderknechte und wollte sich zu Lande nach Armenien und zu den 
Partbem durchschlagen. Das Ende, das Pompeius so lange mit 
der Geschicklichkeit eines verzweifelten Spielers von sich abge- 
wehrt hatte, es war da. Viele der vornehmen Römer, die bis zu- 
letzt bei ihm ausgehalten hatten, sein Schwiegervater Scribonius 
Libo, der Caesarmörder Cassius Parmensis, Nasidius, Saturnius, 
Theinius, Antistius, verließen ihn und riefen die Gnade des An- 
tonius an. Aber so leicht sollte es doch nicht sein, den fliehenden 
Räuber zu fangen, in dem der soldatische Geist seines Vaters 
gerade in der Stunde der Not immer wieder auflebte. Auf dem , 
Marsche durch Bithynien von den verfolgenden Heeren des Fur- 
nius, Titius und Amyntas ereilt, überfiel er die Feinde im Dunkel 
der Nacht in ihren unbefestigten Lagern und trieb sie ausein- 
ander. Ohne den Sieg zu benützen, war er nur bestrebt, vorwärts 
zu kommen, von der zahlreichen Reiterei der Verfolger mehr und 
mehr gehemmt, bis er, unfähig sein Heer zu verpflegen, daran 
dachte die Waffen zu strecken. Aber nur dem Furnius, einem alten 
Freunde seines Vaters, wollte er sein Leben anheimgeben, dem 
Titiiis mit Recht mißtrauend, der ihm durch eine allzu große Dan- 
kesschuld vorpflichtet war. Über der Feinheit dieses Unterschiedes I 
verzögerte sich die Übergabe, Noch einmal dachte Pompeius mit I 
den Kühnsten nach der Küste durchzubrechen und Titius Flotte 4 
zu verbrennen. Von Scaurus verraten, mußte er sich Amyntas I 
Reitern bedingungslos ergeben. In Milet starb Pompeius 40 Jahre > 
r. Chr. alt auf Befehl des Antonius und ging zur Ruhe des Grabes ein, 
nachdem er in den Stürmen des Bürgerkrieges durch mehr als I 
ein Jahrzehnt, bald emporgehoben zu glänzender Höhe, bald j 
niederstürzend unter den Fluten des Unheiles, auf dem Meere j 
des Lebens ein Spielball gewesen der wechselnden Laune deS'J 
Glückes. 



L. 



12. Der Partherkrieg des Marcus Antonius 

Wie im Jahr nach der Schlacht von Philippi das aufgehende 
Gestirn Caesars mit mildem Scheine den nahenden Frieden ver- 
kündete, während auf den Siegesglanz des Antonius die ersten 
dunkeln Schatten fielen, so sah das Jahr, in dem der Friede 
Italiens durch die Befreiung des Meeres zur Wahrheit wurde, als 
es sich zu Ende neigte, wie Antonius auf den Schlachtfeldern 
Irans geschlagen dem drohenden Untergang entgegenging. 

Antonius wurde auf der Fahrt nach dem Osten die Beute all der 
trüben Leidenschaften, deren sein verwildertes Gemüt fähig war; 
Abneigung gegen seine reine Frau und Haß gegen ihren unbezwing- 
lichen Bruder, Mißgunst gegen den trefflichen Ventidius, der ihn der 
Lorbeeren des Partherkrieges beraubt hatte, und die böse Lust an 
den sinn betörenden Reizen Cleopatras trieben ihn vorwärts. Ehe er 
noch Syrien erreichte, hatte er die Königin Ägyptens durch Fonteius 
nach Laodikeia geladen. Mehr noch als ihre Liebe erfreute ihn der 
schlangenkluge Rat der Verführerin, die ihn die höhere Wonne 
der« gesättigten Rache an den Geschwistern in Rom genießen ließ. 
Schamlos nannte er die Zwillingskinder, die das Weib geboren, 
Alexander und Cleopatra, sein eigen; sie hießen ihm Helios und 
Selene. Auch Heracles, sein Ahnherr, hatte die Erde mit Ge- 
schlechtem von Königen beschenkt. Seine Größe forderte es, daß es 
der Mutter seiner Brut nicht an Ländern fehle, die wachsende Zahl 
ihrer Nachkommen zu begaben. War sie, die letzte aus dem Ge- 
schlechte der Ptolemäer, wofür sie weise gesorgt, nicht würdig, der 
alten Pharaonen Herrlichkeit unter ihrem Scepter zu schauen? So 
erhielt sie dennj was jene besessen, Cyrene und Cypem, Teile 
Ciliciens, die Küste Phoeniciens bis Sidon mit dem syrischen Hin- 
terlande und den angrenzenden Strichen Arabiens, aus Antonius 



gnadenvoller Haod, Die Fürsten und Völker Vorderasiens zitter- 
ten vor der nimmersatten Gier der Buhlerin. 

Aber noch war Antonius ein römischer Feldherr, der beste 
seiner Zelt genannt. In Syrien stand das glänzende Heer bereit, 
15 Legionen, 10 000 jener gallischen und hispanischen Reiter, deren 
Ahnen wie ihre Nachkommen die weite Welt mit dem Ruhme des 
Rittertums gekrönt hat. Und alle die Fürsten des Ostens gehorchten 
Antonius Befehle. Aber wie Antonius, so war auch dieses Heer im 
innersten Kerne krank. Denn nur 7 der Legionen, die des galli- 
schen Heeres, waren die erprobten italischer Herkunft aus Caesars 
Heer. Die anderen können nur aus den Trümmern der von Pacorus 
geschlagenen Legionen bestanden haben, deren Reihen Antonius 
mit neuausgehobenen Asiaten gefüllt haben wird. Für das lange 
Zaudern trifft den Feldherm keine Schuld. Das Bewußtsein, daß 
dieses Heer der ungeheuren Aufgabe, mit der er seit Jahren sich 
selbst und andere getäuscht, nicht gewachsen war, verdarb ihm die 
Anlage wie die Führung des Krieges, auf den er all seine Hoffnun- 
gen gebaut hatte. Damit doch etwas geschehe, ließ Antonius seinen 
Legaten Canidius Crassus leichte Siege über dieVöIker an der Nord- 
grenze Armeniens, die Iberer und Albaner, gewinnen. Sie solltea^ 
eine Stütze mehr bilden in seinem überlegten Angriffsplane. Mehr 
noch hoffte Antonius von deri Wirren im Partherreiche, wo jeder 
Thronwechsel den Staat, der auf dem Farailienrechte beruhte, 
durch die rechtlose Vielweiberei der Herrscher erschütterte. 

Orodes, von Verzweiflung über den Tod seines Lieblings 
Pacorus und der Last des Alters niedergebeugt, überließ Herrschaft 
und Reich dem ältesten seiner Söhne Phraates. Den Thron zu 
sichern, mordete Phraates 30 Brüder und sandte ihnen Orodes, die 
Rache des zürnenden Vaters fürchtend, in den Tod nach. Aber 
auch unter den Großen des Reiches fielen seine Opfer, so daß 
viele, seine Nähe meidend, durch Flucht zu den Römern ihr Lebea 
zu retten suchten. So war auch Monaeses bei Antonius erschienea 
und gewann sein Vertrauen durch das Versprechen, den Römern 
im kommenden Kriege als Führer und Helfer zu dienen. Phraates, 
den Einfluß des Monaeses auf seineVolksgenossen fürchtend, suchte 
ihn zur Rückkehr zu bestimmen. Antonius gestattete die Heimkehr 



in der Hoffnung, den Parther, den er mit Städten Syriens belehnt 
hatte, als Unterhändler undV erräter zugleich zu benutzen. Als strebe 
er nach einem friedlichen Vergleiche, begehrte er, um Phraates in 
Sicherheit zu wiegen, die Rückgabe der Feldzeichen und Gefange- 
nen aus Crassus Heer. Bei der Waffenschau am Euphrat schien 
sein Heer, das 60 000 römische Fußsoldaten und ungezählte Hülfs- 
scharen der Könige des Ostens umfaßte, jedem Gegner überlegen. 

Die Erwartung der Parther täuschend, deren Reiter sich jen- 
seits des Grenzstromes zeigten, schlug er die Straße nach Armenien 
ein, um in die nördliche Grenzlandschaft des parthischen Reiches 
Media Atropatene, einzubrechen. Sobald die Parther, durch die Be- 
drohung der eigenen Grenzen zur Umkehr bestimmt, die Straße in. 
Mesopotamien freigaben, sollte Oppius Statianus das Belagerungs- 
geschütz und alles schwere Heeresgerät, das auf den Bergpfaden 
des armenischen Hochland es vorwärts zu bringen zu schwierig schien, 
unter dem Schutz von zwei Legionen durch die Vorberge am Euphrat 
und Tigris dem Hauptheere nachführen. Alles hing von den Er- 
folgen ab, die Antonius, in Atropatene angelangt, rasch zu erzwingen 
gedachte. Aber diese überkühne Trennung seiner Streitkräfte sollte 
die Quelle des Verderbens werden. Wohl vollzog sich der Vormarsch 
des Hauptheeres, dessen Bewegungen der König Armeniens, Arta- 
vasdes, mit 6000 Reitern und 7000 Fußgängern deckte und leitete, 
bis nach Atropatene leicht und sicher. Schon stand Antonius vor 
den Mauern Phraaspas, der Hauptstadt der Atropatene, rasch er- 
hoben sich die Wälle und Türme römischer Belagerungskunst, und 
auch Statianus näherte sich mit den Maschinen, die die Bezwin- 
gung der Feste verbürgten. Da warfen sich die Meder und Parther 
auf den unbehilflichen Troß, der die schwierigen Straßen des Za- 
grosgebirges mühsam emporstieg, schlugen und vernichteten die Be- 
deckung und zerstörten das ganze Heeresgerät, Als Antonius heran- 
kam, die Angegriffenen zu befreien, fand er auf der Wahlstatt nur 
mehr Leichen und Trümmer. Noch erreichte er die abziehenden Sie- 
ger, die vor seinem Angriff ohne ernstlichen Verlust zurückwichen. 

Obwohl des wirksamsten Mittels der Bezwingung Phraaspas 
beraubt, setzte Antonius die Belagerung fort, von den parthischen 
Reitern selbst umlagert. Die Verpflegung des Heeres wurde an- 



138 



Angttsttts 



gesichts dieser Reiter, die die Abteilungen der Römer, die Vorräte 
undBauholz in dasLager schafften, überraschend angriffen und auf- 
hoben, mit jedem Tage immer schwieriger. Da versuchte Antonius, 
die stets zurückweichendenFeinde zu einerHauptschlacht zu zwingen , 
Einen Tagmarsch war er mit lo Legionen und der ganzen Reiterei l 
von Phraaspa vorgerückt, als die Feinde in einem weiten Halbkreis I 
an sein Lager herankamen. Antonius ließ sein Heer, als dächte er | 
an keinen Kampf, in Marschordnung bis an den Flügel des Feindes 1 
heranrücken, dann warfen sich auf sein Zeichen die Legionen mit ] 
rascher Wendung in langen Linien, die Pila schwingend, im Sturm- -l 
lauf auf die Parther, während die Reiter an den Flügeln vorbrachen. 1 
Noch rascher wichen die Parther dem drohenden Stoße. Obwohl ' 
das Fußvolk die Verfolgung über eine halbe Meile fortsetzte, die 
Reiter noch dreimal so weit, hatten die flüchtigen Feinde fast keine 
Verluste erlitten. Auf dem Rückmarsche nach Phraaspa zeigten sich 
die Parther in immer dichteren Scharen, zuletzt ihr ganzes Heer. 
Und auch dieBelagerung, durch die kühnen Ausfälle der Verteidiger 
gestört, blieb wirkungslos. Beim Herannahen des Herbstes litt das 
Heer, seit langem von Mangel heimgesucht, unter der eisigen Kälte 
iranischer Nächte. Da begann in dem schlecht gefügten Heere der 
Gehorsam zu versagen. Die bittere Notwendigkeit drängle zum 
Rückzug. Die Zuversicht, mit der Antonius noch einmal als Be- 
dingung des Friedens die Gefangenen aus Crassus Heer und die-g 
Feld7eichen forderte, täuschte die Feinde nicht. Phraates empfing I 
die Gesandten auf seinem Goldthrone sitzend, Heß den Bogenl 
drohend in der Hand erklingen und forderte als Preis des Frie- 
dens unter Schmähungen den Abzug der Römer. 

Angesichts der siegesbewußten Feinde, mit dem entmutigteal 
Heere die Straße durch die baumlosen Ebenen, die man gekom-l 
men, einzuschlagen, war sicheres Verderben. Nur bei einem Rücfc-j 
zuge durch die Berge konnte Antonius hoffen, den beständigi 
Anfällen der parthischen Reiterschwärme auszuweichen. Schoi 
hatte Artavasdes mit seinen armenischen Reitern das Heer ver-l 
lassen. Und Antonius mußte sich auf diesen unbekannten Wegettl 
der Führung eines mardisch^n Überläufers anvertrauen, der 
Ketten, den Tod vor Augen, seine Treue bewähren sollte. 




Als das Heer, durch eine Ansprache des Domitius Ahenobarbus 
über dieNotwendigkeit des Rückzuges belehrt, — vorScham gebeugt 
versagte dem Feldherrn die Rede — das Unglückslager vorPhraaspa 
verließ, sah es, wie die mühsam erbauten Werke, von den Belagerten 
in Brand gesetzt, in Flammen aufgingen. Drei Tage war das Heer 
vorgerückt, als die Straße durch abgeleitete Wasserläufe zerstört 
erschien, und bald zeigten sich auch die Parther in immer zahl- 
reicheren Schwärmen, den langen Zug umkreisend, bis sie dem An- 
prall der gallischen Reiter wichen. In den folgenden Tagen setzten 
die Römer den Marsch unter steter Belästigung durch die Feinde, 
in einem langen Viereck geordnet, fort, im Rücken und an den 
Seiten von den Bogenschützen und Schleuderem gedeckt. Am achten 
Tage kam es zur Schlacht. Der Führer der Nachhut, Flavius 
Gallus, drang mit den Leichtbewaffneten, verstärkt durch starke 
Reiterei, auf die Parther ein und verfolgte die stets Weichenden mit 
aller Ki'aft. Da sah er sich von allen Seiten von dichten Massen 
umringt. Ihn zu befreien, griffen immer neue Abteilungen des 
schweren Fußvolks in den Kampf ein, die Verluste nur steigernd. 
Erst als Antonius die Kerntruppen der gallischen Legionen heran- 
führte, gelang es die Feinde zurückzuwerfen, 3000 Tote und 5000 
Verwundete deckten das Schlachtfeld, unter ihnen Flavius Gallus, 
von vier Pfeilen durchbohrt. Das Heer, des besten Teiles der Reiter 
und Leichtbewaffneten beraubt, war so mutlos geworden, daß der 
Feind, auf Raub bedacht, in dieser Nacht plündernd in das Lager 
brach. Antonius, durch diesen neuen Schlag ganz gebeugt, wurde 
mit Mühe von seinen Freunden gehindert, zum Zeichen seines 
Schmerzes dem Heere in dem unheilbedeutenden Kleide der Toten- 
trauer das Leid um den Verlust so vieler Tapferer zu klagen. 

Um nur vorwärts zu kommen, nahmen die Legionare das 
übrige Heer in die Mitte und schützten sich, wie bei dem Sturm 
auf eine Mauer, gegen die Geschosse der Parther durch die Ver- 
scbildung; die vorderen Glieder niederknieend, die hinteren die 
Schilde erhebend, bildeten sie mit den dicht zusammengeschlossenen 
Scuta einen eisernen Wall, an dem der Pfeilregen der Parther 
wirkungslos niederprasselte. Dann sich erhebend, trieben sie unter 
wildem Schlachtruf die Reiter mit den Pila zurück. So, bald stand- 



L. 



p 



haltend, bald weiterziehend, setzte das Heer Tag für Tag den Marsch 
fort, während seine Reihen sich noch mehr als durch die Waffen 
der Feinde durch den Frost der winterlichen Nächte, Entbehrung, 
Mangel an Nahrung lichteten. Denn die Lastwagen dienten nur 
mehr dazu, die Kranken und Verwundeten fortzuführen. Das Ge- 
treide mangelte bald gänzlich, und das Heer ernährte sich von den 
Pflanzen am Wege, bis sie die ekle Kost auch durch Krankheiten 
aufrieb. Und doch, Tag für Tag wurde gekämpft mit den grau- 
samenFeinden, die Jeden, der dieReihen verließ, ohneGnade nieder- 
schössen. Endlich schien die Kampflust der Parther nachzulassen; 
nur vereinzelt zeigten sich die Reiter mit abgespannten Bogen, als 
dächten sie an keinen Angriff mehr. Selbst die Dörfer am Wege 
ließen sie unbeschützt. Aber die gefahrvollste Strecke des Weges 
lag noch vor den Römern. Eine weite, bäum- und wasserlose 
Ebene trennte sie von den nächsten ragenden Bergen. Es bedurfte 
keiner Warnung aus den Reihen des Feindes, wie man später er- 
zählte, als die Rettung des Heeres wie ein Wunder erschien, An- 
tonius zu bestimmen, dem Angriff der tückischen Feinde durch 
einen Nachtmarsch zuvorzukommen, Wasser in Gefäßen mit sich 
führend, selbst in den Helmen und in Häuten, brachen sie im 
I Dunkeln auf, um die Wachsamkeit des Feindes zu täuschen. Noch 

hatten sie die Berge nicht erreicht, als bei Sonnenaufgang die 
Parther sie ereilten und die vom Nachtmarsch Erschöpften 
I unter Kämpfen vorrücken ließen. Als die Römer endlich einen 

Wasserlauf am Fuße der Berge erreichten, wurde das Lager ge- 
l schlagen, damit die Feinde nach ihrer Gewohnheit vom Kampfe 

L abließen. Auch diesmal verschwanden sie vor den Blicken der 

K Römer. Die Ruhe vom Kampfe nützend, zwang Antonius das Heer, 

I wieder aufzubrechen und den Marsch den ganzen Tag fortzusetzen. 

I Als das Heer im Nachtlager eintraf, zeigten sich bereits die letzten 

I Zeichen der Auflösung. Die Soldaten begannen das Heeresgepäck 

I zu plündern, selbst die kostbare Ausstattung des Feldherrnzeltes 

^^^ nicht schonend. Antonius war nahe daran, sich von einem Leib- 

^H Wächter töten zu lassen. Er wagte endlich bei Tagesgrauen den 

^^^ letzten Versuch, seines Heeres wieder Herr zu werden, indem er 

F das Zeichen zum Aufbruch geben ließ. Die im Dunkeln alles ge- 



wagt, sie fügten sich unter dem eisernen Zwange der Gewohnheit 
dem Befehle. Noch einmal verließ das Heer beim Aufgehen der 
Sonne das Lager, um einem letzten Kampfe mit dem zähen Feinde 
entgegenzugehen. Ein kurzer Marsch trennte sie noch von einem 
Bergstrom, dessen kristallene Fluten ihren Hauch im Morgennebel 
verbreiteten. Wieder schwärmten die Leichtbewaffneten, die Le- 
gionare schlössen sich zusammen in ihrer Verschildung; so traten 
sie dem Feinde entgegen und erreichten, in der gewohnten Weise 
die Reiter bekämpfend, den Strom, Unter dem Schutze der Rei- 
terei ließ Antonius zuerst die Kranken und Schwachen übergehen. 
Da spannten die Sohne Irans plötzlich den Bogen ab, und, den 
tapferen Gegnern einen letzten Gruß zuwinkend, ritten sie davon 
in ihre Heimat. 

In Ruhe und Ordnung, wenn auch nicht ohne Sorge vor den 
Parthem, erreichte das Heer 6 Tage nach der letzten Schlacht den 
Araxes, dessen Wellen Armenien von Media Atropatene schieden. 
Hier iii dem fruchtbaren, befreundeten Lande hoffte das Heer das 
Ende seiner Leiden zu finden. Antonius hielt eine Heerschau über 
seine gelichteten Reihen. 20 000 Fußgänger und 4000 Reiter hatte 
der Feind in den 18 Kampftagen des Rückzuges und die zehrenden 
Krankheiten dahingerafft. Ruhelos führte Antonius das erschöpfte 
Heer vorwärts durch den Winter des schneebedeckten Armeniens, 
die Toten und Sterbenden hinter sich zurücklassend, und opferte 
noch 8000 Menschen seiner sinnbetörten Hast. War doch sein 
Feldherrnruhm auf diesem Feldzuge für immer untergegangen. Er, 
der sich vermessen, mit dem Ruhme des glorreichsten Helden der 
Welt wetteifernd seine Waffen bis an den Indus zu tragen, sah in 
tiefer Beschämung die engen Grenzen seiner vielgepriesenen Kunst, 
Denn unfähig, die in der Schule Caesars erlernten Regeln römischer 
Heerführung nach der neuen Kampfweise der Gegner umzubilden, 
dankte er die Rettung des Heeres nur der eisernen Kriegszucht der 
Legionen Caesars, deren Heldenmut sich selbst in diesem ungleichen 
Kampfe behauptet hatte. Wer sollte nicht die Weisheit Caesars des 
Sohnes preisen, der Italien davor behütet hatte, für Uberhebung und 
Unvermögen eines Antonius noch schwerere Opfer zu bringen I 
VonScham niedergedrückt, eilteAntonius, von Wenigen begleitet, 



hinunter an die einsame Meeresküste, zwischen Berytus und Sidoa 
Cleopatra zu erwarten, und vergeblich die Qualen seines Innern 
in schweretn Trünke betäubend. Sie war nun seine Hoffnung, 
seine Stütze; in ihrem Namen verteilte er Geld und Kleider unter 
das von allem entblößte Heer. 

Noch einmal gedachten die Geschwister in Rom, die deu 
Schmerz und die Schmach dieser Jahre in ihrer Brust verschlossen 
hatten, den tief Gedemütigten an seine Ehre zu mahnen, Octavia 
in ihrem milden Sinne brach selbst nach dem Osten auf mit allem 
ausgerüstet, was das Heer bedurfte, und von 2000 erlesenen Leib- 
wächtern gefolgt. Aber auf die bloße Nachricht von ihrem Kommen 
befahl ihr Antonius, obwohl er die Geschenke nahm, durch seine; 
Abgesandten in Athen, nach Italien zurückzukehren. Wo die Macht 
der Liebe über den schwer mit sich selbst ringenden Mann zu ver- 
sagen schien, hatte Cleopatra den Starken und Mutigen zu rühren 
gewußt, durch den Schein seelischer Leiden, die bei dem Verliisto 
des Einzigen den schwachen, hülflosen Leib des Weibes aufzulösen 
drohten. Doch verbarg sie mit kluger List den wahren Grund 
ihrer scheinbaren Angst. Der neue Kriegszug, den der Geliebte' 
planle, an dem treulosen König Armeniens Vergeltung zu üben, 
das war es, was sie zu töten drohte. Immer mehr wußte sie ihn 
in dem Gedanken zu bestärken, daß der Rachekrieg gegen die Ge- 
schwister in Rom das einzige würdige Ziel seiner Macht sei. Allea 
seinen Leidenschaf ten schmeichelnd, erniedrigte sie ihnzumwillen- 
losen Knechte ihres eigenen Hasses, nur das eine übersehend, 
daß sie das Werkzeug, durch das sie über die Welt zu herrscheZf 
gedachte, selbst rettungslos verdarb. 

Caesars gerechte Empörung ließ ihn Octavia befehlen, das 
Haus ihres Gatten in Rom zu meiden. Aber der Schwester 
Flehen, sie nicht die Ursache eines Krieges werden zu lassen, nach- 
gebend, sah er, wie sie alle die Kinder des Antonius, auch aus der 
Ehe mit Fulvia, um sich sammelte und den Verwaisten die milde 
Güte erwies, deren ihr Gemüt einzig fähig war. Der Anblick der 
entehrten Fürstin, die mit so hoher Fassung ihr Schicksal trug, 
zerstörte alle Neigung, die Antonius in Italien noch besaß. 



La 




Auch Caesar war entschlossen, Antonius keinen Grund zum 
Kriege zu bieten. Sollte er unvermeidlich werden, so mußte er 
unter Voraussetzungen beginnen, die den Sieg verbürgten. Die 
Erfahrungen von Pharsalus und Philippi hatten gelehrt, daß in 
einem Krieg zwischen dem Westen und Osten, wenn Italien nicht 
der Schauplatz wurde, die Entscheidung auf einem Schlachlfelde 
Griechenlands fiel. Dies ist die Ursache der Kämpfe in lUyricum, 
deren Ziel darin lag, dem Landheere den gesicherten Anmarsch 
nacli Griechenland zu schaffen. Dreimal hatte Caesar, derDictator 
in dem Bürgerkriege, sich dieser Brücke zwischen Italien und 
Griechenland bemächtigen wollen. Die Niederlagen des Basilus 
bei Curicta, des Gabinius und Vatinius in den Bergen Dalmatiens 
bewiesen nur die Schwierigkeit des Unternehmens. Aber dieser 
Krieg war nicht minder geboten, um die Sicherheit und den 
Handel Oberitaliens zu schirmen. Denn immer wieder suchten die 
Barbaren der iulischen Alpen Oberitalien heim und störten die 
Kaufleute Aquileias auf ihren friedlichen Zügen nach der mittleren 
Donau, im Tale der Save und längs der Küste des illyrischen 
Meeres. Aquileia, wo alle diese Handelswege entsprangen, wurde 
notwendig auch der Ausgangspunkt des Krieges. 

Die Illyrier schieden sich in zwei Hauptstämme, dieDalmater in 
den dinarischen Alpen und die Pannonier in Kroatien und dem west- 
lichen Ungarn. Zwischen diesen saßen als ein besonderes Volk die 
Japuden im Osten der Halbinsel Istrien. Das tiefe Dunkel, das über 
dem mit Urwäldern bedeckten Lande lag, hatte auch das Licht 
griechischer Wissenschaft nicht erhellt. Denn nur auf den Inseln 
des von gefahrvollen Nordstürmen heimgesuchten Meeres saßen 



I 



Augultui 

seit Jahrhunderten griechische Händler. An der Küste hatten sie 
nur in Epidaurum Fuß gefaßt. Aber die Waldpfade des Innera 
wagten sie nicht zu betreten. Auch die Siedelungen der Römer an 
den Küsten wie Salonae vermochten trotz der Nähe Italiens nicht 
zu erstarken. So war auch die Kunde von den Sitten der Illyrier 
nur eine dunkle. Man wußte, daß ihnen das Eigentum des Ein- 
zelnen noch unbekannt war, sodaß die Dalmater den Gemeinde- 
boden in jedem achten Jahre neu aufteilten, daß sie den Pflug 
nicht kannten, der Boden nur dürftige Gerste hervorbrachte. Unttt 
dem aufgehäuften Miste ihrer Viehherden gruben die Dardan^ 
ihre Wohnhöhlen, Den Leib bemalten die Japuden in schreck- 
hafter Art. Bei den Pannoniern war die politische Bildung nicht 
über das Geschlechtsdorf hinausgekommen, Stadt und Staat war 
ihnen beide fremd. Was die in zahllose Stamme gespalteten Völk^ 
so furchtbar machte, war ihr wilder Kriegsmut, der in ihrer Mord- 
gier und der völligen Verachtung des eigenen und fremden Lebens 
wurzelte. Die Raserei ihres Kampfes entzündeten noch die grau- 
samen Formen ihrer Gottesverehrung. 
■. Clii. Caesar sicherte durch einige wuchtige Schläge die Handels* 

Straße in den österreichischen Alpen, wo Virunum, Juvavmn^ 
Ovilava auf alten Factoreien Aquileias erwachsen sind. Dani 
wurden die unbequemen Nachbarn Aquileias, die Japuden, zuerst 
angegriffen. Nur der Bau des römischen Straßennetzes läßt noch 
jetzt das planmäßige Vorgehen gegen den Hauptort der Japuden, 
Metulum, erkennen. Auf drei Straßen von Aquileia, aus dem 
Tale der Save und von der dalmatinischen Küste, den Weg durdt 
' den Urwald lichtend, sind die Heersäulen, im steten Kampfe mit, 
den Japuden, die, aus dem Dickicht ihrer Wälder hervorbrechend, 
den Vormarsch hemmten^ ins Innere des Landes eingedrungo^ 
und vollzogen ihre Vereinigung vor Metulum, das, auf zw« 
Hügeln erbaut, von 3000 streitbaren Männern verteidigt wurda 
Als die eine dieser Höhen den Belagerungswerken der Römel 
bereits zu erliegen drohte, untergruben die Verteidiger die Maue^ 
und flüchteten in die zweite neu befestigte Burg. Hier war ib{ 
Widerstand um so entschlossener. Zwei Dämme der Belagerei 
erreichten die Mauer. Auf ausgeworfenen Brücken drängten di« 



■ 5. Der illyrische Krieg Caesars [ -e 

Stürmenden gegen die Zinnen heran, als die Japuden die Brücken 
mit langen Haken einrissen und die Angreifenden unter den 
Trümmern begruben. Da sprang Caesar, nur von Agrippa und 
zwei Leibwächtern gefolgt, auf die letzte dieser Brücken und er- 
reichte die Mauer, die Legionare durch sein Beispiel mit fort- 
reißend. Aber auch diese Brücke brach unter der Last der An- 
stürmenden zusammen, Caesar wurde, am Schenkel und an 
beiden Armen verwundet, vom Kampfplatze getragen, zeigte 5ich 
jedoch von der Höhe eines Belagerungsturmes wieder den Feinden. 
Da verließ die Japuden der Mut, sie übergaben die Stadt und 
räumten vor einer römischen Besatzung die beherrschende Burg. 
Die Forderung der Wächter, ihre Waffen abzuliefern, trieb sie 
zur Raserei, Während die Kämpfer vor den Mauern der Burg 
verbluteten, verbrannten Frauen und Kinder in den Häusern der 
Unterstadt, Der Untergang Metulums wurde allen Japuden ein 
Zeichen, sich den Siegern zu unterwerfen. 

Die Sicherung des Gewonnenen konnte nicht für vollendet 
gelten, solange die Pannonier im Tale der Save der Oberhoheit 
Roms widerstrebten. So beschloß Caesar noch in demselben 
Sommer die Wasserburg der Ereuci, Siscia, am Zusammenflusse 
der japudischen Culpa und der Save, anzugreifen. Auch für den 
Handel AquiJeias und als Stützpunkt gegen die mächtigen Dacer 
jenseits der Donau war Siscia als Stapelplatz von großer Bedeu- 
tung. Sein friedlicher Vormarsch, die maßvollen Forderungen: 
-Aufnahme einer Besatzung, Stellung von Geiseln und Lieferung 
"von Getreide für das Heer, machten die Ältesten geneigt, in die 
"Unterwerfung zu willigen. Schon waren die Kinder der Vor- 
nehmsten Caesar überliefert, da brachte der Anblick der römi- 
schen Waffen die Bewohner zur Verzweiflung. Sie schlössen die 
Tore, und besetzten Wall und Graben, die die Landzunge zwischen 
<ien Fluß laufen sperrten. Caesar überschritt den Strom auf 
Brücken und warf zwei Belagerungsdämme auf, deren Holzwerk 
die Bewohner Siscias vergeblich in Brand zu stecken suchten. 
Ein Entsatzheer der pannonischen Stämme war geschlagen, als 
die Römer am 30. Tage der Belagerung die Stadt im Sturm 
nahmen. Die Einwohner, denen Gnade widerfuhr, bequemten 



146 



Angoitus 



sich, eine Besatzung von 25 Cohorten in ihre Mauern aufzunehmen. 
Caesar war nach Rom zurückgekehrt, als ihn die Nachricht von 
einer Erhebung Siscias mitten im Winter nach Pannonien rief. 
Doch hatte die Besatzung die Empörung niedergeschlagen. 

r.Oir. Noch in diesem Jahre konnte Caesar dazu schreiten, das. 

Küstengebiet Dalmatiens zu sichern. Denn diese Stämme, früher^ 
Rom tributpflichtig, standen seit der schmählichen Niederlage: 
des Gabinius in Waffen, Promo na, im Norden der römischeu, 
Stadt Salonae auf einem der Felsriffe des Kalkgebirges erbau^ 
wurde beim Herannahen Caesars der Sammelplatz der Liburner. 
Ihre Wachen erspähten von den Felsspitzen der Umgebung alle 
Bewegungen des feindlichen Heeres. Doch wurden sie bei Nacht 
von den Römern, die im Schutze der dichten Wälder herange- 
kommen waren, überfallen und verjagt. So lag der Weg frei. 
Römische Werke begannen Promona einzuschließen. Ehe sie 
noch vollendet waren, kam es zur Entscheidung. Ein Entsatz- 
heer der Dalmater, von den Römern zurückgedrängt, sah vor 
seinen Augen, wie die Verteidiger Promonas, bei einem Ausfalle 
geschlagen, im Fliehen auch die Tore ihrer Stadt nicht mehr zu 
behaupten vermochten. Nur die Burg, wohin die Verteidiger in 
Massen geflüchtet waren, hielt sich noch einige Tage. Da löste 
sich das Entsatzheer auf und verbarg sich in den pfadlosen 
Wäldern und Schluchten des Gebirges, um sich den Römern bei, 
ihrem Vordringen immer von neuem entgegenzuwerfen. Ort auf 
Ort der Dalmater wurde von den Römern im Sturm genommea, 
und ging in Flammen auf. Erst vor Setvia, der Hauptstadt dieser 
Stämme, erwartete sie ein hartnäckiger Widerstand. Caes^, im^ 
Kampfe gegen die den Entsatz versuchenden Dalmater am Knie 
schwer verwundet, verließ das Belagerungsheer bei Eintritt des 
Winters und überüeß Statilius Taurus die Fortführung des Krieges, 

f. Chr. Als er im nächsten Frühjahr wieder in Dalmatien eintraf, fand 
er den Widerstand der Küstenstämme gebrochen. Die Dalmater 
willigten darein, 700 Geiseln zu stellen und die Feldzeichen, 
sie im Kriege gegen Gabinius erbeutet hatten, auszuliefern, Auc^ 
die Stämme derDerbani im Süden, die den letzten Teil der Küsten- 
straße beherrschten, fügten sich wieder der Oberhoheit Rom& 



13. Der illyrische Kri^ Caesars 



147 



So war der Zweck des Krieges erreicht, der Weg durch lUy- 
ricuni gesichert. Alte Schmach römischer Waffenehre war ge- 
tilgt, und das Heer blickte mit Stolz auf seinen Feldherrn, der, 
der Tapfersten einer, in den mörderischen Schlachten allen voran- 
gekämpft hatte. Dieser Zug der Selbstentsagung ist bewunderns- 
wert an dem jungen Herrscher, der sein Leben freudig einsetzte, 
um vor der letzten Entscheidung mit dem Feinde des Ostens das 
Heer mit jenem Vertrauen zu erfüllen, das der Tapfere nur dem 
Tapferen entgegenbringt. 



10* 



i 



14. Actium 

Immer drohender waren die Zeichen geworden, welche di 
nabenden Krieg mit dem Herrscher des Ostens verkündeten. Aui 
Antonius war gleich Caesar weiter vorgeschritten auf der B; 
auf welcher die ursprüngliche Anlage des Charakters den Sterl 
liehen unabwendbar vorwärts führt. Antonius, der den Winter nach 
dem Partherkriege in Alexandria verlebte, trug sich nur im Kleide 
der Ptolemaeer, und mit Recht; war er doch nur mehr der Fürst- 
gemahl Cleopatras, der Herrscherin des ganzen Ostens. Königin 
der Könige hieß sie und war sie. Ihr Mitherrscher in Ägypten war 
Caesarion, der im Namen die Schande seiner Mutter trug. Alexan- 
der erhielt Armenien und Medien und das Land der Parther, wenn 
sie erst erobert wären. Ptolemaios Phönicien, Syrien und Cilicien, 
So erschienen denn auch die Knäblein geputzt, der eine mit der 
Tiara des Achaemeniden, der andere mit dem Diademe Alexanders 
des Großen, begleitet von Unsterblichen und Hypaspisten als 
Leibwächtern. Cleopatra, die kinderreiche Mutter dieses Mummei 
schanzes, war von Aphrodite mit besserem Rechte zur keuschi 
verhüllten Isis geworden; Antonius hieß ihr zu Gefallen Osiris. Si 
anmutig beschäftigt die Seinen zu erfreuen, vergaß Antonii 
nicht seine bösen Rachegedanken für Artavasdes den Armenier^ 

Denn mit Heeresmacht, als gälte es einen neuen Krieg geg< 
die Parther, brach er nach dem Pontus auf und lockte in Nio 
polis, der Stadt, die an Mithradates, den furchtbaren Feind Roms,^ 
erinnerte, den Artavasdes durch seinen katzenfüßigen Unter- 
händler DelHus ins Lager, um ihn zuerst in Ehren zu begrüßen, bis 
er sich seiner Schätze versichert hatte, und ihn dann, als einen. 
König, in silbernen Ketten nach Alexandria zu schleppen, wo das 
Zerrbild eines römischen Triumphes der grausigen Fratze einen 
würdigen Abschluß gab. Die kostbare Siegesbeute dieses rühm- 



14- AcCinni l^q 

reichen Feldzuges wurde ein Geschenk Cleopatras. Der unglück- 
liche König wurde, nuiimehr in goldenen Ketten, auf einem ver- 
goldeten Stuhle sitzend, mit seinem ganzen Hause, das sein Schick- 
sal geteilt hatte, offen der gaff enden Menge zur Schau gestellt, um 
ihn durch solche Schmach zu zwingen, der Königin der Könige 
fußfällig zu huldigen, bis ihn seine stolze Weigerung in das er- 
sehnte Dunkel des Kerkers brachte. 

Während die Rüstungen im ganzen Reiche an Schiffen und 
Mannschaften zum Kriege gegen Caesar im Gange waren, hielt 
Antonius scheinbar an dem Spottbilde eines neuen Partherkrieges 
fest, erschien wieder an der Grenze Mediens, um seinen Alexander 
mit Jotape, der Tochter des Meders, zu verloben. Diese sichere 
Bürgschaft eines neuen Alexanderzuges in der Tasche, gewann er 
von dem guten Vetter eine unfehlbare Hilfe für den Krieg gegen 
Caesar in einer Schar medischer Reiter, die ihm selbst so furchtbar 
geworden waren. War auch alles und jedes nur darauf berechnet, 
seinen Schwager in Rom durch unablässiges Verhöhnen römischen 
Denkens und Empfindens zum Kriege zu reizen, so ist doch ein 
solches Übermaß des Hasses schon eine Störung des Gleichgewichts 
seiner geistigen Kräfte, Aber es galt, den Westen nicht nur zu be- 
kriegen, sondern den grundlosen Krieg auch zu rechtfertigen. 
So begann ein erbitterter Briefwechsel mit Caesar, der Lepidus 
Africa geraubt, ihn selbst um seinen Anteil an Sicilien gebracht, 
durch seine Landaufteilung den Siegeslohn für die Legionen des 
Partherkrieges verkürzt habe. Denn daß er gesiegt, hatte er laut 
genug verkündet, und Caesar selbst hatte für ihn durch den Senat 
die Siegesehren beschließen lassen. Wie ganz anders klang es den 
Römern, wenn ihm Caesar die schmachvolle Lebenshaltung, die 
Vergabung der Provinzen des römischen Volkes zur Ausstattung 
der Bastardkinder seiner Kebse entgegenschleuderte. 

Die beiden Triumvirn hatten das Recht, in jedem zweiten Jahre 
Consuln nach ihrer Wahl zu ernennen. So verlieh Antonius für 
das Jahr 32 seinen Getreuesten, Gaius Sossius, dem Statthalter 
Syriens, und Domitius Ahenobarbus, derBithynien gegen die Räuber 
des Pompeius nicht geschützt hatte, das Consulat. Sie schmückien 
für ihren Herrn, den Gebieter des Ostens und Beherrscher des 



"50 



Au^itua 



Meeres, bereits die Siegesstraße in Rom, als sie die Tempel des 
Apollo und des Neptunus auf dem Marsfelde aus dem Raube ihrer 
Provinzen neu erbauten. In der Sit2ung des Senates vom i. Januar 
— Caesar war nicht erschienen — füllte der Consul Sossius, naclt 
der Sitte über die Lage des Staates berichtend, seine Rede mit dem 
Lobe des Antonius und heftigen Schmähungen Caesars, bis ihn der 
Tribun Nonnius Baibus durch seinen Einspruch an weiteren An- 
trägen hinderte. Der Senat hatte schweigend diese Worte hin- 
genommen. Da berief Caesar wenige Tage später selbst den Senat,,, 
um Sossius zu widerlegen und schloß seine Rede mit 'den Worlear 
er werde die Wahrheit enthüllen. Die Consuln, die wußten, was da' 
drohte, hörten ihn stumm an und verließen jetzt Rom und Italien^ 

In Alexandria hatten Munatius Plancus, Titius und andere, di^ 
Antonius im Rate die Nächsten waren, und deren gewandte Ver- 
mittlung die Versöhnung mit Caesar noch immer offen hielt, ge- 
fordert, Antonius solle sich in dem kommenden Kriege vonCleopatra 
trennen, um frei von ihrem Einflüsse sein Heer zu führen. Aber 
Antonius war nicht mehr fähig, sich von ihrer Gestalt, die allesj 
was krank und elend in ihm war, so betörend widerspiegelte, los* 
zureißen. So wichen die Freunde als erste aus der iriumphierendeal 
Nähe des Weibes. In Italien eröffneten sie Caesar die letzten Ab- 
sichten des Paares in Alesandria und den Inhalt des Testamentes, 
das Antonius der heiligen Hut der Vestalinnen anvertraut hatte: 

Caesar ergriff die dargereichte Waffe, sicher in seinem Hasse, 
der jeden zu unedlem Handeln verblendet, das Ansehen seines 
Feindes zu vernichten. Zum zweitenmale erschien er im Senate und . 
ließ das Testament verlesen. Es enthielt die Bestätigung aller 
Schenkungen an die Kinder Cleopatras, bezeichnete jenen Cae- 
sarion als den echten Sohn des Dictators und bestimmte, daß 
Antonius neben Cleopatra in Alexandria sein Grab finden sollte. 
So fand alles Glauben: daß Antonius der Ägypterin Rom als 
Geschenk zugedacht und den Sitz der Herrschaft nach Ägypten 
übertragen werde. 

Die Empörung des Senates war ebenso heftig als wahrhafte 
Niemand wollte den Namen dieses Abgefallenen mehr neancB- 
Nicht dem Knechte der Ägypterin, sondern dem Weibe, das die 



Ehre des römischen Volkes in den Kot getreten hatte, erklärte 
Caesar, gefolgt von dem Senate, der in der Sitzung das Kriegs- 
kleid angelegt hatte, in der feierlichen Form des alten Rechtes der 
Fetialen an der columna bellica des Marsfeldes den Krieg, Ganz 
Italien, der ganze Westen erhob sich wie ein Mann und schwor 
Caesai die Treue in dem Kampfe der Römer gegen die Schmach 
des Ostens. 

So war der Krieg endlich gekommen, für den Antonius so 
lange gerüstet, den zu erzwingen ihm kein Mittel zu niedrig, zu 
ehrlos schien. Das weite Asien mit seinen menschenreichen, zum 
letzten Dienste willigen Völkern trat auf den Plan in der prahlen- 
den Zahl seiner Streiter und dem unübersehbaren Walde seiner 
Masten, 30 Legionen zahlte die Münze in Alexandria den Sold, 
500 Schiffe schwerster Bauart lagen auf den Werften und in den 
Häfen Asiens bereit. Aber der Anblick dieser Massen erfreute 
nicht das kriegsgeübte Auge des Feldherrn. Nur Jene 7 gal- 
lischen Legionen, deren Reihen Antonius mit den kriegerischen 
Galatern und Lycaonen ergänzt hatte, waren dem Feinde ge- 
wachsen; von den anderen können nur 8 einen Stamm italischer 
Soldaten besessen haben; die übrigen waren nicht besser, als jene 
ungezählten Haufen der orientalischen Großkönige, die stets nur 
den Spott des Abendlandes hervorriefen. So lag von Anfang an 
das Schwergewicht der Rüstungen auf der Flotte, die auch den 
Stolz und die Hoffnung Cleopatras bildete. Aber wo der entschie- 
dene Wille des Feldherm fehlte, war auch die Flotte nicht wahr- 
haft kriegsbereit. Auch sammelten sich erst die 15 allein kampf- 
fähigen Legionen, die Canidius heranführte, als die Königin mit 
ihrem König in Ephesus erschien, um Italien zu bezwingen. Um 
so glänzender leuchtete der Hofstaat der Herrscher, die alle 33". 
Fürsten und Fürstlein Asiens umdrängten. Noch einmal versuchte 
der Consu! Doraitius, der Zeuge des Hasses von ganz Italien gegen 
die Verderberin gewesen war, Antonius zu bestimmen, sich los- 
zusagen von ihrem fluchwürdigen Einflüsse. Da wußte der elende 
Canidius, ihr Geschöpf, den Schwankenden zu betören, als sei die 
Königin, unter deren Befehle der beste Teil der Flotte stünde, 
die wahre Bürgschaft des Sieges. 



■ 



152 

Wie wenn es nur mehr gälte den gewonnenen Sieg zu feiern, 
verbrachte das Paar, das die Sonnenhöhe des Lebens schon lange 
überschritten hatte, den Winter auf Samos, die erstorbene Lust 
mit Gewalt aufpeitschend. Was konnte man noch ersinnen, was 
der Herrscher von ganz Asien auch würdig war? Der Hof verfiel 
auf den herrlichen Gedanken, alle dionysischen Künstler der 
griechischen Welt auf Samos zu einem Riesentheater zu ver- 
sammeln, die die Insel, während der Erdkreis von Kriegsweh 
seufzte, durch Wochen mit Gesang und Tanz, Flötenspiel und 
Citbarenklang erfüllten. So war es doch gelungen, sich zu be- 
ehr, täuben, und leichteren Herzens setzten die Herrscher im Frühjahre 
die Fahrt nach Athen fort, damit die Stadt, die die Ehre Octavias 
gesehen, auch die Schmach ihres Gatten, der Cleopatra vor aller 
Augen Sclavendienste erwies, staunend schaue. Auch dort wieder- 
holte sich' das kindische Treiben theatralischer Schaustellungen. 
Antonius krönte sie, als er, der erste Bürger Athens, Cleopatra 
die Ehrenbeschlüsse seiner Mitbürger überreichte und die Selbst- 
verhöhnung mit einer Rede auf seine Vaterstadt Athen im Stile 
seiner vi elbe wunderten Kunst feierte. Wahrlich, weit war der 
Mann gekommen seit dem Tage, wo er mit der inneren Un- 
wahrheit seiner Beredsamkeit die Leiche Caesars geschändet, um 
nun sich selbst in hohler Prahlsucht zu schänden. 

Mit diesem gebrochenen Rohre wolite die Königin Ägyptens 
ihre Feinde schlagen. Denn auch die Flotte, auf deren Größe und 
Zahl Antonius pochte, war der Caesars in keiner Weise gewachsen. 
Agrippas bildsamer Geist, durch die Erfahrungen der Kämpfe in 
den Gewässern Siciliens belehrt, sah gerade in der Schnelligkeit 
und leichten Bauart seiner Trieren und Liburnen nach echter 
Seemannsweise den sicheren Erfolg gegen die Kolosse von 8 und 
10 Ruderbänken, die Antonius für unangreifbar hielt. Nicht 
minder überlegen waren die Seeleute des Agrippa, die in dem 
langen Kriege mit Pompeius die vollkommenste Schulung ge- 
wonnen hatten, den Ruderknechten des Antonius, die in dem 
trägen Zuwarten an den Küsten des Peloponnes verkamen und zu 
Tausenden dahinstarben, sodaß in der Stunde der Entscheidung 
der dritte Teil der Bemannung fehlte. Denn immer erwartete 



Antonius, auch als er den Sitz seiner Untätigkeit nach Patrae 
an die Nordküste des Peloponnes verlegte, die eigene Ent- 
schließung vom Handeln des Gegners. Er sah es ohne Gegen- 
wehr, daß Agrippa Corcyra besetzte, seine Schiffe die Küsten 
des Peloponnes beunruhigten und den wichtigsten Stützpunkt in 
Messen len, Mothon, verbrannten. 

Erst als Caesars Landheer am Nordufer des ambracischen 
Golfes erschien und die Flotte, von Brundisium heranfahrend, bei 
Actium sich mit dem Heere vereinigte, erkannte Antonius ein 
Ziel, den persönlichen Feind, und setzte seine Massen zu Wasser 
und zu Land gegen Actium in Bewegung. Der Eingang in den 
Golf, den ein Geschwader während des Winters befestigt hatte, 
war in seiner Gewalt, sodaß er am Nordufer den Höhen, die 
Caesar besetzt hielt, gegenüber ein Truppenlager errichten konnte, 
Caesar sah ruhig, wie der Feind sich in einer Stellung, die für 
den Angriff wie für die Verteidigung gleich ungünstig war, fest- 
setzte, wo er für seine Verpflegung auf das straßenarme, kaum 
bewohnte Mittelgriechenland angewiesen blieb. Antonius empfand 

■ die Ungunst seiner Stellung bald, als Agrippa ihm zuerst Leucas 
im Süden von Actium entriß und dann nach einem Siege, den er 
im korinthischen Golfe über Gaius Nasidius erfocht, auch Patrae 
nahm, wo die Flotte des Antonius ihren Hauptstützpunkt und 
Stapelplatz besaß. Später fiel selbst der wichtigste Hafen Grie- 
chenlands, Korinth. Nicht besser erging es Antonius im Land- 
kriege. Die hochgerühmte asiatische Reiterei, die Antonius um 
den Golf von Ambracia in weiten Bogen gegen Caesars Lager vor- 
zuschicken pflegte, erlitt durch Statilius Taurus eine vollständige 

I Niederlage. Der Abfall der vornehmen Römer seiner Umgebung, 
den bereits in Athen der aufreizende Hohn Cleopatras hervor- 
gei"ufen hatte, begann von neuem, auch der schwerkranke Domi- 

I tius verließ ihn, gefolgt von Philadelphus, dem König der Pa- 
phlagonea. Schon begegnete Antonius den Treulosen mit grau- 

I samer Härte. Um die Verpflegung für das hungernde Heer zu 
erlangen, gingen Dellius und Amyntas bis nach Macedonien 
und Thrakien vor, die unglücklichen Bewohner von Phokis wurden 

I beim Schleppen der Getreidelasten zum härtesten Frohndienst 



154 

gezwungen, Antonius selbst überschritt den Piodus, die Nach- ] 
Schübe zu leiten, und doch auch im Felde nichts als Niederlagen.] 
Sossius, der ein Wachgeschwader Caesars bei Actinm ai^riff, j 
wurde durch Agrippas rechtzeitiges Eingreifen vernichtend ge-J 
schlagen; Antonius, der persönlich seine Reiter führte, hatte] 
keinen besseren Erfolg. Das Lager im Norden des Golfes koDDie' 
gegenüber dem siegesbewußten Gegner nicht mehr gehalten 
werden. Dicht zusammengedrängt standen am südlichen Ufer 
Heer und Flotte, und selbst der Rückzug war ohne eine Ent- 
scheidungsschlacht nicht mehr zu erzwingen. Und der Abfall im 
Heere griff immer weiter um sich, selbst Amyntas ging zum Feind 
über und Dellius, die Krone aller Schmeichler und der Überläufer 
aller Bürgerkriege. 

Die steigende Not zwang endlich zu einem Entschlüsse. 
Antonius berief einen Kriegsrat, in dem die mächtigste seiner 
Bundesgenossen, die Körügin Äg>-ptens, über alle anderen erhöht, 
die Entscheidung geben sollte. Die Frau trat dafür ein, die Ent- 
•cheidung in einer Seeschlacht zu suchen, gewiß in ehrlicher 
Meinung, Denn auch Antonius konnte nicht verkennen, daß sein 
LandhcL-r eine Schlacht nicht erzwingen konnte, selbst wenn der 
.Sieg «egen die Veteranen Caesars minder unsicher erschieneii 
wkrc. Aber die mächtige Flotte bot doch immer die Bürgschaft 
«Ion Wen auf das freie Meer zu erkämpfen. 

Auch nachdem Antonius seine unbrauchbar gewordenen 
Hclilffß vcrhraiuit hatte, sperrten die gewaltigen Acht- und Zehn- 
fdflnrrt wie mit einem Walle den Eingang in den Golf, sodafl 
(Utt IMotlii dpr Ägypter, als zweites Treffen geordnet, den Rück- 
Imlt hUlioH'. Brei Tage harrten die Schiffe, mit lausenden und 
nUfTtuUwmien vun Decksoldaten besetzt, des Zeichens zur 
Ädilmlil, die zu liefern der heftige Wellengang hinderte, 

IClullifll «rn 2. September des Jahres 31 sollten die Flotteti, 
lUn i\' ll ■" lunge im Auge gehabt hatten, bei ruhigem Meere 
tUili K«in(if mi*förhtcn, der auf zwei Jahrhunderte hinaus über die 
Votiift I »( ilttU ilc"> Westens im Reiche der Römer entschied. 
A((fl('I''' '""'" "*''"' leit^htgcbauten, beweglichen Schiffe in emem 
((i*(f'(if''l»B, f'»'"' liingang des Golfes gegenüber, auf hoher See 



geordnet, einen Angriff auf die unzerreißbare Linie des Gegners 
vermeidend. Endlich um die Mittagsstunde begann sich der 
Wall der Schiffe am Eingang des Golfes zu lösen. Der linke 
Flügel unter Sossius Befehle, von günstigem Fahrwind getrieben, 
bewegte sich gegen die Trieren, die Caesar führte, den langsam 
Weichenden immer weiter auf die hohe See folgend, bis Caesar 
zum Angriff überging. Als an den unzerbrechlichen Schiffs- 
wänden der Gegner die Rammsporne wirkungslos zersplitterten, 
umdrängten die Trieren die wie Türme ragenden Colosse und 
bekämpften sie Bord an Bord mit einem Hagel von Geschossen, 
die sie gegen das Deck der Verteidiger emporsandten. Schon 
drohte Agrippa mit dem linke] Flügel die vorgedrungenen Schiffe 
des Antonius zu umfassen, als ihm Gellius Poplicola mit dem 
rechten Geschwader des Antonius entgegentrat. Auch er war 
bald mitten im Kampfe mit dem Geschwader des Arruntius 
verwickelt. 

Die Flotte der Ägypter, 60 Segel, stand in der Mündung des 
Golfes, und Cleopatra sah den gewollten, männermordenden See- 
kampf, von dessen Herrlichkeit sie so lange geträumt hatte, mit 
entsetzten Augen. Da faßte sie sinnbetörende Angst. Noch lag 
das freie Meer vor ihr, noch sah sie die Hoffnung, dem gräß- 
lichsten Tode der Wellen zu entrinnen, und gab den Ihren das 
Zeichen zur Flucht, hinaus in die rettende Ferne. Als Antonius 
das Purpursegel der Geliebten entschwinden sah, da senkte sich 
die Nacht des Wahnsinns, die ihn schon lange umdüsterte, über 
ihn nieder. Er vergaß Ehre und Pflicht, vergaß die Treue für 
die Tapferen, die um ihn kämpften und starben, den gellenden 
Hohn seiner Feinde und folgte den Spuren des Weibes, dessen 
Truggestalt ihn in diesen letzten Abgrund der Selbstvernichtung 
nach sich zog. Bei Actium wütete der sinnlos gewordene Kampf 
mil ungeschwächter Kraft bis in die Abendstunden. Als die Zer- 
störung der Ruderreihen und die rückkehrende Meeresströmimg 
die Colosse des Gegners wohl unbeweglich gemacht, aber den 
Widerstand noch immer nicht gebrochen hatte, ließ Agrippa sie 
durch Brandpfeile in Flammen setzen. Auch dann noch rangen 
die Kämpfer verzweifelt, daj Feuer zu nähren und zu ersticken 



1^5 Angnstu« 

bemüht, sich gegenseitig mit allen Waffen zerfleischend, ] 
Landheer des Antonius, 19 Legionen stark, hatte dem Untergarxj 
der Flotte vom Ufer als Zuschauer angewohnt. Die Aufforderunj 
Caesars, sich zu ergeben, zurückweisend, hielten sie, auch als 
die Flucht des Feldherrn Antonius offenbar war, noch zusammen 
und versuchten nach Macedonien zurückzugehen, bis sie endlicii 
am siebenten Tage, von allen ihren Offizieren verlassenj- ihr 
Schicksal über sich ergehen ließen. 

Seit den Tagen Alexander des Großen, der in seinen Taten 
und in seinem Wirken das unerreichbare Vorbild aller Herrscher 
geblieben war, erbte sich die Sitte fort, die Gründung eines 
neuen Reiches durch die Erbauung einer Stadt zu krönen, die 
unter Menschen dem entscheidenden Sieg ewiges Gedächtnis 
sicherte. Keine Stadt trug mit besserem Rechte den Namen 
Nicopolis als die Stadt, die auf Caesars Geheiß sich an der Stelle 
seines Lagers auf der Halbinsel, gegenüber dem altehrwürdigen 
Heiligtum des Apollo von Actium, im Norden des ambracischep 
Golfes erhob. Wurde sie doch das Wahrzeichen alles dessen, 
was der große Herrscher plante und im Laufe eines an kraft- 
vollem Wirken unerreichten Lebens auch erfüllte. An der Grenz( 
des Westens und Ostens stand diese Stadt, berufen zu glätizea 
und zu blühen, solange der Geist des Herrschers, der sie ge- 
schaffen, die Tugenden des Volkes, die er verkörperte, das Reich 
der Römer bestimmten. Dem griechischen Gotte zu Ehren, dessen 
Lichtgestalt in diesem Kampfe für die Römer, die wahren Erbea 
der Griechen, gegen den griechischen Schein des Ostens gestritten 
hatte, sollte die Erinnerung an den herrlichen Sieg in jedem 
vierten Jahre nach griechischer Weise mit musischen und gym- 
nischen Agonen begangen werden. In seinem Heiligtume weihte 
Caesar die erbeuteten Schiffe, deren Schnäbel im Lager des 
Siegers den marmornen Sockel am Bilde des Gottes schmücktea^ 
Die Bewohner der Stadt, Griechen des benachbarten AcarnanienS] 
deren Schutzgott der Apollo von Actium war, wurden ein Glied 
der uralten Vereinigung griechischer Stämme zur Verehrung 
des Pythonsiegers in Delphi, die einst die ersten Satzungen 
friedlichen Rechtes unter streitenden Völkern schufen, wie der 



Friedensfürst, der die neue Stadt geschaffen, jahrzehntelangen 
Kampf der Völker des Miltelmeerreiches für immer beruhigte. 

Auf dem letzten Schlachtfelde der Bürgerkriege wurde das 
Heer zum Werkzeug umgebildet, den Frieden des Reiches zu 
schützen. Nachdem Caesar auch die Besiegten in die Reihen 
seines Heeres aufgenommen hatte, wurden alle, die Anspruch 
erworben auf Entlassung und Belohnung, nach Italien zurück- 
gesendet, um hier nach der Rückkehr Caesars aus dem Osten 
durch die Beute Ägyptens befriedigt zu werden. Jene 7 Legionen, 
die so ruhmreich im Partherkriege des Antonius gefochten hatten, 
wurden bestimmt, das Heer des Orients zu bilden. Zum Schutze 
des Westens erwählte Caesar die Legionen, die einst unter dem 
Dictator GalJien unterworfen und die Heere des Senates besiegt 
hatten. Über allen diesen Legionen waltete Venus Genetrix, die 
Ahnherrin seines Hauses und die Siegesgöttin des größten Juliers. 
Denn sie trugen das Zeichen des Tierkreises, den Stier, in ihren 
Fahnen, als Erinnerung, daß sie in der Stunde geboren wurden, 
da der Stern der Venus herrschend am Himmel leuchtete. Unter 
dem Schutze desselben Gestirnes standen auch die spanischen 
und gallischen Reiter, deren Geschwader die Namen der alten 
Obersten, die sie unter dem Dictator glorreich geführt hatten, 
zum dauernden Gedächtnis führten. So strahlte nach dem Schick- 
salsglauben Caesars das Sidus Julium siegbedeutend für immer 
über dem Heere der Kaiser, Die Veteranen der caesarischen 
Legionen des Antonius erhielten ihre Heimat in Patrae, dann 
in den Städten Kleinasiens, Apameia, Alexandria Troas, Antio- 
chia Pisidiae. 

Dann brach Caesar nach dem Osten auf, um an den Schul- 
digen in Alexandria ein letztes Gericht zu vollziehen. Die Ver- 
ehiung für die Größe attischen Geistes ließ Caesar in Athen die 
Weihen der Eleusinien nehmen, die die friedliche Wiedergeburt 
des griechischen Ostens vorbedeuteten. Das hungernde Griechen- 
land erhielt aus den Speichern des Antonius wieder zurück, was 
ihm für den Krieg war abgepreßt worden. Im Winter verweilte 
Caesar auf dem herrlichen Samos, mit der Neuordnung Klein- 
asiens beschäftigt, durch rohe Willkür zerstörtes Recht wieder- 



■58 






aufbauend, als ihn die Nachrichten von den Unruhen im Heere 
nacli Italien riefen. Denn Maecenas und Agrippa, die in seinem 
Namen mit unumschränkter Gewalt schalteten, hatten die Auf- 
lehnung des Heeres nicht zu bändigen vermocht. Nach einer 
gefahrvollen Fahrt auf dem stürmischen Meere landete Caesar 
in Brundisium, wo die Magistrate, der Senat und die Ritterschaft 
den Herrscher erwarteten. Was nach Philippi versprochen und 
Die erfüllt worden war, jetzt bei der neuen LandaufteUung zu 
Cfftillen, hatte Caesar Mittel und Macht, Die Bewohner der 
Städte, die in früheren Zeiten zu Antonius gestanden hatten, 
trhitlten für das den Veteranen zugesprochene Land neuen Grund- 
tw*itz in Dyrrachium und Philippi, die anderen wurden mit Geld 
Cttttchädigt, wofür Caesar hunderte von Millionen verwendete. 
IMcie Forderung im Augerkblicke zu erfüllen, war unmöglich. 
Aber da» Versprechen beruhigte Italien und das Heer, als CaesaD 
«Ctne und seiner Freunde Güter zum Verkauf anbot. Jetzt hatte 
Cietar, da sein Wille frei gebot, die Landaufteilung, an der er 
im Jahre des perusinischen Krieges hatte scheitern müssen, in 
Wtrtüütn Wochen, getragen von der Liebe und dem Vertrauen 
iUfUens, gelöst. 

Die Nachricht von seiner Rückkehr nach Samos erreichte das 
fmtr in Alexandria, ehe sie noch um seine Ausfahrt gewußt 
füllten, sodaß ihnen diese neue Frist, die ihren Untergang hin- 
iftM^CK^oben hatte, keinen Trost gewährte. Rasch hatte Anto- 
Hfw bei Actium das fliehende Schiff Cleopatras eingeholt, das 
fitß denn auch an Bord nahm. Erst nach drei Tagen der Fahrt 
Igtriang es geschäftigen Dienerinnen, die Verzweifelten zu ver- 
tiÖbneD, Auf der Höhe von Alexandria trennten sie sich, An- 
t/iftiu» ging, um das Heer aus der Cyrenaica herbeizuholen, wäh- 
rend Cleopatra mit bekränzten Schiffen unter Siegesklängen ia 
4«/ Hafen einfuhr, nach ihrer Landung durch Hinrichtungen und 
Wunderungen ihre Schätze für den Feind vermehrend. Da sie 
/.*i*«r nicht köpfen konnte, köpfte sie den unglücklichen König 
MW Armenien. Antonius Boten an Pinarius Scarpus, der das 
H**f ift der Cyrenuica befehligte, waren statt aller Antwort hin- 
jj^HlfpitUit worden. Um eine neue Niederlage reicher, kehrte An- 



14. Actium 

tonius nach Alexandrien zurück. Von all dem Liebesrausche 
war nichts geblieben als die ekle Hefe, und doch auch sie mußte 
bis zur bitteren Neige geleert werden. Aus den Künstlern des 
Lebens waren die Künstler des gemeinsamen Sterbens geworden, 
die in schwarzen Gewändern unter sinnlos schaurigen Ceremonien 
dem Tode entgegenjubeln wollten. Aber auch dieses unterhöhlte 
I Geprahle tat Antonius kein Genüge, der in seinen dunkelsten 
Stunden auf das Märlein von Timon dem Athener verfiel und 
am einsamen Meeresstrande in einer nach eigener Wahl ausge- 
statteten Timonsburg ganz nach Gefallen, des Hasses aller 
Menschen würdig, seinem Menschenhasse leben konnte. Dann 
gedachte er wieder mit seiner Geliebten und allen Schätzen auf 
dem Meere nach dem glücklichen Arabien oder, denn die Grenzen 
der römischen Welt waren enge, nach dem fernen Spanien zu 
entfliehen. Aber die Schiffe im roten Meere verbrannten Araber 
auf Geheiß von Caesars Statthalter in Syrien, und das Heer des 
Pinarius Scarpus führte der Abgesandte Caesars, Cornelius Gallus, 
nach Paraetonium an die Westgrenze Aegyptens, So wurde Anto- 
nius wieder aus Timon der Feldherr und brach mit Heer und 
notte auf, die Legionen in Paraetonium zum Gehorsam zu zwin- 
;en. Doch die Worte des Redekünstlers, welche die Abgefal- 
Xenen gewinnen sollten, wurden vor den Mauern Paraetoniums 
■^?on dem Schalle der Kriegshörner des Pinarius Scarpus erstickt, 
-und seine Flotte verfing sich bei dem Versuche, in den Hafen 
einzudringen, in die sperrenden Ketten der Einfahrt und fiel den 
Jfeinden in die Hände. Immer näher rückte Caesar durch Syrien 
lieran. So begannen Antonius offen, Cleopatra im Geheimen 
»xit Caesar zu unterhandeln, beide nur mehr mit großen Worten 
'der listigen Ratschlägen um ihr Leben bettelnd. 

Da öffnete auch Pelusium, das unbezwingliche, Caesar die 
Tore. Ein leichtgewonnener Sieg über die wegmüden Reiter 
^a.€sars überzeugte Antonius, daß seine alte Siegeskraft ihn noch , 

::ht verlassen hatte. So forderte er jetzt Caesar zum Zweikampf 

fc^-i"aus, als gälte es, über den Besitz der neuen Helena wie in den 

pä-gen des Menelaos zu entscheiden, und erhielt die hofliche Be- 

■■t*ning, es gebe für ihn noch andere Wege zum Tode. Noch 



jo y. Cht. einmal führte er am r. August Landheer und Flotte Caesar vor 
den Toren Alexandrias entgegen, in einem goldenen Theater- 
panzer aus der Rüstkammer der Ptolemaeer an der Spitze einher- 
reitend. Die Flotte ging auf Cleopatras Weisung mit erhobenen 
Rudern zu Caesar über, ihrem Beispiel folgte die eben noch so 
siegreiche Reiterei, nur das Landheer hatte den Mut, sich schlagen 
zu lassen. Vom Kampfplatze flüchtete Antonius in die Königs- 
burg, wo ihn der Jammerruf empfing, die edle Cleopatra sei 
ihm in den Tod vorangegangen, ein Zeichen, daß auch er dem 
Richter sich entziehen müsse. Schon war Antonius, von eigener 
Hand zum Tode verwundet, zusammengebrochen, als ihm die 
trostreiche Kunde wurde, die Geliebte lebe noch im Grabmale, 
das sie beiden erbaut hatte, wohlgeborgen. In ihren Armen zu 
sterben, war sein letzter Gedanke. Nur ließ sich die Tür des 
Grabmals nicht öffnen. An Seilen auf das Dach hinaufgewunden, 
hat er in dem Schöße Cleopatras, die der Lärm hinaufgelockt 
hatte und die nun bei dem gräßlichen Anblicke wirklich erschrak, 
sein Leben ausgehaucht. Mit dem wilden Wehklagen orienta- 
lischer Weiber betrauerte sie den Toten und war nach ägyptischer 
Weise bemüht, den Leib der Verwesung zu entziehen. Caesar, 
als Sieger in Alexandria einziehend, sah die Leiche des Feindes. 
Er ahnte nicht, daß sein Blut in den Enkeln und Enkelkindern, 
die der fluchwürdigen Ehe mit Octavia entsprangen, wie ein 
Rachegeist Wahnsinn und Zerstörung zeugen würde. 

Alles hatte Cleopatra getan, um Caesar zu überzeugen, daß 
nur die Angst vor der Raserei des Antonius sie an seiner Seite 
festgehalten hatte. Aber die Furcht hatte sie nie verlassen, daß 
der Mann, der sie einst als Knabe aus dem kosigen Pfühle, von. 
dem sie auf das beherrschte Rom ihres Geliebten niedergebückt, 
verscheucht hatte, jetzt nahe, unerbittlich wie das Schicksal, 
Rechenschaft von ihr zu fordern für ein Leben von Sünde und 
Schande. Da erschien Proculeius, des Maecenas Schwager, der 
glatteste aller Höflinge, und erzwang den Eintritt in das Grabmal. 
Er überzeugte sie von der Gnade des Siegers und wußte sie in 
Sicherheit zu wiegen. Neues Hoffen begann ihr unersättlich eitles 
Herz zu schwellen, daß es ihr noch gelingen könne, Caesar 



I 



l6z Aneoshw ' 

tilgt bis zum letzten wurden auch, die den Mord Caesars gewagt 
hatten. Von dem freveltiaften Adel Roms waren die kühnsten 
Verfechter der Rechte des Senates, die zuletzt zu der Fahne des 
Antonius geschworen hatten, durch den Bürgerkrieg weggemähC 
worden. 

Der Tag der Einnahme von Alexandria blieb, in dauerndem 
Gedächtnis, als der Tag, an welchem der Bürgerkrieg für immer 
von dem Erdkreis der Römer gebannt wurde; eine zweite Siegea- 
stadt wurde auf dem Schlachtfelde erbaut, in deren Nähe das 
Lager der Legion Alexandrias stand. 

Die Sorge Caesars war es, in den nächsten Monaten Ägypten, 
das unter den 22 Jahren der Regierung Cleopatras am meisten 
gelitten hatte, eine dauernde Verwaltung zu geben. Das Land 
war im Laufe einer langen Geschichte völlig zu einem riesigen 
Landgute der Könige geworden und unterschied sich in allen 
Stücken von den Provinzen des römischen Volkes, deren Gemein- 
wesen unter der Leitung der Statthalter des Senates sich seihst 
verwalteten. Sollte dieses Reich dennoch in den Staat der Römer 
eintreten, so war es unerläßlich, es wieder der fürsorglichen, alles 
bestimmenden Hand eines einzigen Herrschers anzuvertrauen. 
Aber Ägypten, so reich an Hilfsmitteln, so abgeschlossen durch, 
seine Lage, von einer stets zu Unruhen neigenden BevÖlkenmg. 
bewohnt, konnte unter einem Statthalter mit königlicher Gewalt 
eine Gefahr werden für den Alleinherrscher in Rom. Deshalb 
beschloß Caesar, den neuen König Ägyptens nicht den Reihen' 
des Senates zu entnehmen, der die Herrschaft des Juliers in Rom 
als eine Anmaßung empfand, sondern verbot den Senatoren sogar, 
Ägypten ohne seine Erlaubnis zu betreten. Er selbst trat an die 
Stelle der Könige Ägyptens und Heß das Land durch einen 
Vertreter verwalten. Hier in der Wahl dieses Stellvertreters 
tritt zum erstenmale ein Grundsatz der Verwaltung hervor, der 
ein Pfeiler der neuen Staatsordnung werden sollte. Gleich dem 
Präfekten für Ägypten wurden alle jene Reichsbeamten, die d« 
Kaiser als in seinen persönlichen Diensten stehend betrachtete, 
dem zweiten Stande, den römischen Rittern, entnommen. 

Der Präfekt für Ägypten erhielt durch ein Gesetz die Rechte 



I 



14. Actiiun ' 1^1 

eines Beamten des römischen Volkes in der Gerichtsbarkeit und 
in der Heerführung. Demselben Stande entnahm Caesar auch 
die Unterbeamten, die den Präfekten in seiner Verwaltung des 
Landes unterstützen sollten. So die Präfekten der drei Legionen 
Ägyptens und die obersten Richter in den verkehrsreichen Häfen 
Alexandria und Pelusium, die zunächst für die Rechtspflege 
unter römischen Bürgern bestimmt waren. Dann den Beamteä, 
der die eigenen Rechnungen des Kaisers führte. Er stand an 
der Spitze der weitgedehnten Domänen und der Steuern, die für 
die Hofhaltung der Könige gedient hatten. Endlich die Epistra- 
tegen, die drei Bezirke regierten, zu denen die Gaue des Landes 
zusammengefaßt wurden. Zu den höheren Stellungen berief 
der Kaiser nur solche Männer, die ihr Leben in seinen Diensten 
als Offiziere der Legionen verbracht hatten. Zuletzt als Oberste 
seiner Leibwache bewährt, fanden sie in diesen hochbezahlten 
Ämtern den Lohn für ihre Treue. 

Die Verwaltung Ägyptens blieb die eines Landes von Dör- 
fern, und selbst das stolze Alexandria verlor seine städtische Ver- 
fassung. Ohne das Recht der Selbstbestimmung unterstand diese 
erste Handelsstadt des Reiches der Gerechtigkeit oder Willkür 
seines obersten Richters und seines Polizeiraeisters. Für das 
Gedeihen des Landes, wie es die Fluten des Nil durch ihren 
Segen hervorriefen, sorgte Caesar, indem er die Deiche und 
Kanäle durch die im Frieden mußige Kraft der Soldaten neu 
instand setzen ließ und die Steuererhebung mit den allgemeinen 
Grundsätzen römischer Verwaltung in Einklang brachte. Er 
selbst besuchte die Hauptorte jener Gaubezirke und erfreute sich 
an den alten Wunderbauten, wenn er auch weder die lebenden 
heiligen Stiere noch die toten Ptolemäer zu sehen wünschte. 

Im Herbste durch Syrien und Kleinasien zurückkehrend, 
verschob er es auf spätere Tage, für die Niederlage des Crassus 
von den Parthern Genugtuung zu fordern. Denn der Sieg über 
Antonius war für die Parther eine Quelle neuer Wirren geworden. 
Phraates grausame Härte richtete sich gegen jene, die mit den 
Römern in Beziehung getreten waren, und trieb seine Edeln 
zum Aufstande. Vor einem Gegenkönig Tiridates fliehend, suchte 



r 



p 



Pbraates bei den Scythen Schutz und gewann mit Hülfe dieser 
stets nach Krieg und Raub lüsternen Reiter Turkestans das 
verlorene Reich zurück. Tiridates, ein Vertriebener, fand später 
bei den Römern in Syrien eine Freistatt. So diente er Caesar als 
ein Werkzeug, den unruhigen König der Parther im Zaume zu 
halten. 

Von der Tätigkeit, die der Kaiser den Winter über in Klein- 
asien entfaltete, kennen wir nur den krönenden, politischen Ge- 
danken. Schon die Proconsuln des Senates hatten in den Pro- 
vinzen des Ostens, über die sie mit königlicher Gewalt schalteten, 
die göttlichen Ehren der Könige von ihren Untertanen entgegen- 
genommen. Auch der Senat, der so eifersüchtig darüber wachte, 
daß kein Glied des herrschenden Adels sich über seine Reihen 
erhob, hatte in Fällen wahren Verdienstes um das Wohl der 
Provinzen solche Ehren gebilligt. So unlösbar waren im Osten 
Herrschaft und Göttlichkeit zu einem Gedanken verbunden. Des- 
halb ließ es Caesar geschehen, daß in Pergamon und Nikomedia 
die Landtage der Provinzen Asien undBithynien Tempel erbauten 
für die Verehrung der Göttin Roma und des Caesar, Nach 
griechischer Art beging man festliche Spiele zu Ehren dieser 
Gotter. Gerade darin knüpfte Caesar das Band fester, das alle 
griechisch sprechenden Völker des Reiches in der gemeinsamen 
Cultur vereinigte. Hatten doch die Griechen nie eine andere 
Einheit gekannt als jene großen Götterfeste, an welchen das 
ganze Volk die künstlerische Durchbildung des Geistes und des 
Körpers im Wetteifer um die Ruhmeskränze der Gottheiten be- 
tätigte. Diese neuen Feste der Roma und des Caesar sollten 
die alten der Heimat, ihnen an Ehren gleich, überstrahlen, und 
auch die Götter der einzelnen Landschaften verblaßten hinter 
diesen neuen Gottheiten des ganzen Ostens. Die Tempel Asiens 
erhielten ihre Götterbilder wieder, die ihnen Antonius geraubt 
hatte, um seinen Triumph in Rom damit zu schmücken. 

Im Sommer des Jahres 29 kehrte Caesar über Griechenland 
zurück nach Rom. Zum erstenmale seit Jahrhunderten schloß 
sich wieder der Tempel des Janus zimi Zeichen, daß unter dem 
Schutze der römischen Waffen der Friede eingekehrt sei auf 



^ 



14- Actium l6g 

dem Erdkreis. Und der Göttin des Heiles brachte man lang ver- 
gessene Opfer dar beim Eintritt einer neuen, gnadenvollen Zeit. 
Der Leben schaffende Geist, der im Herrscher waltete, wirkte 
auch mit schöpferischer Kraft für den einzelnen Bürger und den 
ganzen Staat der Römer. Diesen Genius des Kaisers zwischen den 
schützenden Göttern des Hauses zu verehren, wurde in Rom und 
Italien Sitte und bald Gebot. Der Göttlichkeitsgedanke des Dic- 
tators fand hier durch die Weisheit seines Nachfolgers einen irdi- 
schen Boden, wo er, aus römischem Denken selbst erwachsend, 
nur segensreich wirkte, die Allgegenwart des milden Herrschers 
trostreich verkündete. 

So war auch der Geburtstag des Caesar, an dem sein Genius 
mit ihm entstanden war, ein Tag fesüicher Erhebung, den zu 
feiern dem Staate zur Pflicht wurde, wie auch in jedem vierten 
Jahre die Priester der Gemeinde zu den Göttern um sein Fort- 
leben beteten. Die Ehren, die Caesar selbst empfing, waren 
maßvoll wie sein Wesen: daß der Beschützer des Volkes seine 
tribunicische Gewalt bis an den ersten Meilenstein erstreckte, als 
erster der Bürger den Ehrenplatz erhielt bei den Festen der Ge- 
meinde, auch auf die Ergänzung der Priesterschaft Einfluß nahm. 
Sein Name wurde gleich dem des Gründers der Stadt in dem 
Liede der Salier genannt. 

Die festliche Freude erhöhte Caesar durch Spenden an das 
Volk und das Heer, durch Ehren seiner getreuen Helfer, wie 
Agrippa mit der neuen meerblauen Siegesfahne geschmückt wurde 
und die Senatoren, die in dem Kriege mitgefochten, im Sieges- 
zuge im Ehrenkleide einherschreiten sollten. Caesar selbst feierte 
.jetzt am 13. bis 15. August seine Siege über die Dalmater und 
über Cleopatra bei Actium und in Ägypten, Die Kinder Cleo- 
patras wie andere Fürsten des Ostens erschienen im Zuge und 
auch das goldene Abbild der Königin selbst. 



p 



15. Die Begründung des Principates 

Caesar war seit langem entschlossen, die Ausnahmsgewalt in 1 
eine gesetzliche zu verwandeln. Aber noch trug Rom und Italien 
das Brandmal der Bürgerkriege, in denen die Not der Zeit 
Tempel und öffentliche Bauten, Straßen und Mauern hatte ver- 
fallen lassen. Sollte der Segen der Götter von neuem auf dem 
Lande ruhen, so mußten die Stätten ihrer Anbetung aus Verfall 
und Entehrung zu neuem Glänze erstehen, der Glaube an die 
Götter durch Wiederbelebung ihrer Verehrung von neuem er- 
starken. Gläubigen Gemütes ging Caesar an die WiederherJ 
Stellung der Gotteshäuser. Selbst die Tempel der großen Göttd 
des Staates, wie das Capitol, die Tempel des Quirinus und da 
Magna Mater, die Heiligtümer des Jupiter feretrius, der Larera 
der Penaten, das Lupercal, bedurften seiner helfenden Handj 
neben ihnen 82 Tempel, deren Namen nicht genannt werdet 
Aber auch die Verehrung neuer Gottheiten war in diesen Zeit« 
dem römischen Staat zur Pflicht geworden, des Divus Julii 
der als Schutzgeist über seinem Sohne gewaltet hatte, und d^ 
beiden Götter, die seine Vorkämpfer gewesen waren in da 
Schlachten, die das Werk des großen Helden neu begründeten^ 
So wurde dem Divus Julius auf dem Forum der Tempel erbaut, 
dessen Rednerbühne die erbeuteten Schiffsschnäbel der Schlacht 
von Actium schmückten. Dem Rächergotte von Philippi, dem 
Mars ultor, sollte auf dem Forum, das Caesar plante, ein Tempel er- 
stehen. Apollo, dem Siegbringer von Actium, wurde auf dem Pala- 
tin ein Tempel neben dem Hause seines Schützlings Caesar erbaut, 
zugleich eine Stätte der Musen, deren Geist in den Bibliotheken 
griechischer und lateinischer Dichter seines Vorhofes waltete. 
Schon das nächste Jahr sah die Vollendung dieses ganz aus 



Marmor erbauten, mit den herrlichsten Kunstwerken geschmückten 
Baues. Andere Tempel erneuerten seine Feldherrn, wie Muna- 
tius Plancus den Tempel des Saturnus auf dem Forum neu er- 
baute; denn der Reichtum der Großen sollte im edeln Wetteifer 
dem Schmucke des großen Roms dienen. Damit diese Gottes- 
häuser auch die lebendige Übung des Glaubens erfüllte, trat 
Caesar selbst in die hohen Priesterschaften ein, denen die Für- 
sorge für den Dienst der Götter oblag, durch Beispiel und Ernst 
langgewohnte Gleichgültigkeit überwindend. Tief befestigte sich 
im Laufe seiner langen Herrschaft der Glaube an die sichtbar 
waltenden Götter des Staates und erwuchs zu jenem Stolze des 
neuen Römertums, das alle die fremden Götter des Reiches seines 
eigenen Adels unwürdig fand. 

Auch die Bauten des Staates genügten nicht der Macht des 
neuen Reiches und der wachsenden Volkszahl der weltbeherr- 
schenden Stadt. So erbaute Caesar selbst das Rathaus des Se- 
nates, Curia Julia genannt, und das daran stoßende Chalcidicum, 
der Minerva geweiht, als Archiv des Senates, vollendete das 
Forum Julium des Dictators und erneuerte die Porticus des Octa- 
vius auf dem Marsfelde, bestimmt, mit den im dalmatischen 
Kriege wiedergewonnenen Feldzeichen des Gabinius geschmückt 
zu werden. Auf dem Marsfelde entstand auch das Ehrengrab 
Caesars und seines Hauses. Der Grabhügel, der sich mächtig in 
dem Felde erhob, bot, mit schattenden Bäumen bewachsen und 
durch Kunstwerke geziert, inmitten weitgedehnter Lustgärten 
den freundlichsten Anblick, ein Denkmal des heiteren Sinnes 
seines Erbauers. Aber auch hier schufen die Freunde mit ihm, 
wie Marcius Philippus, der die Porticus um den alten Tempel des 
Hercules Musarum errichtete, Statilius Taurus, der schon im 
Jahre der Schlacht von Actium das steinerne Amphitheater voll- 
endet hatte, vor allem der größte und edelste, Marcus Agrippa. 
So führte er den Bau des vom Dictator begonnenen Riesensaales 
der Volksabstimmungen, Saepta Julia genannt, zu Ende, dessen 
ungeheure Tonnengewölbe schon den nächsten Geschlechtern 
unerreichbar blieben, erbaute zur Erinnerung an seine Seesiege 
die Porticus Argonautarum, begann die Thermen, die ersten 



Aiqputus 




ihrer Art, deren Abschluß jenes Pantheon wurde, noch in seiner 
späteren Gestalt das Vorbild für den hohen Baugeist der Re- 
naissance und das Staunen unserer Welt. 

Italien mit dem Herzen des Reiches wirklich zu verbinden, 
wurden die Hauptstraßen der Halbinsel erneuert, die Via Fla- 
minia von Caesar selbst, die anderen im Wetteifer von seinen 
Freunden, die aus der Kriegsbeute der Triumphe, die Caesar 
ihnen verlieh, die Kosten bestritten. 

Wenn so das neue Leben des Staates in diesen Bauten macht- 
voll sich regte, so prüfte Caesar in diesen Jahren auch seine 
Kraft, indem er das römische Volk in Italien und den Provinzen 
einer Zählung und Schätzung unterwarf. Gewaltiger erscheint 
das Werk, das unter der Leitung Agrippas entstand, einer Ver- 
messung und Schätzung des ganzen ungeheuren Reiches. Dem 
Volke von Rom zeigte die Riesenkarte des Reiches an den 
Wänden der Porticus des Marsfeldes, die seine Schwester Vipsania 
PoUa erbaute, in einfacher Gestalt das abgeschlossene Werk. 
Durch die Neuordnung der Gottesverehning war es bedingt, daß 
Caesar die aussterbenden Geschlechter des patricischen Adels 
durch Ernennung neuer Adeliger ergänzte. Schon früher hatte 
Caesar den Senat von all den Unwürdigen, die Antonius nach 
dem Tode des Dictators, wie auf den Befehl der Unterwelt, für 
Geld und andere Dienste mit diesem höchsten Ehrenkleide ge- 
brandmarkt hatte, zu reinigen gesucht. Noch zweimal griff Caesar 
in späteren Jahren ein, um den Senat der Aufgaben fähig zu 
machen, die er ihm im neuen Staate zugedacht hatte. 

Während des Agrippa stolze Bauten die Größe seines Herr- 
schers verkündeten, war Maecenas in seiner heiteren Muße nicht 
minder tätig, in einem luftigeren Reich seines Herrschers Glanz 
dauernd zu befestigen. Um ihn, den feinsinnigen Beurteiler und 
hülfreichen Freund, sammelte sich alles, was Italien an hochbc' 
gabten Dichtern kannte. Er stimmte ihre Leier nach dem Sinne 
des Herrschers, daß die reinste der geistigen Mächte am Zauber- 
bande der Phantasie ein heranwachsendes Geschlecht diu*ch stol- 
zes Streben und beglückendes Hoffen hinwegleite von der Schuld 
der Väter. So ist dieses erste Jahr wahrer Alleinherrschaft wie 



IS. Me Begrflndung des Prindpales 

der Vorklang einer Melodie, die, mächtiger und mächtiger an- 
schwellend, den Gesang von der Größe dieser Zeit nach Jahr- 
tausenden noch rein ertönen läßt. 

Das ganze Jahr nach dem Triumphe war verstrichen, ehe 
Caesar den Augenblick gekommen sah^ mit dem langerwogenen, 
tiefdurchdachten Bauplan des neuen Staates hervorzutreten. Erst 
am 13, Januar des Jahres 27 erklärte Caesar im Senate, daß 
die Verfassung des Freistaates wiederauflebe und die Stimme der 
Gesetze, die unter dem Lärm der Waffen so lange geschwiegen, 
wieder allein entscheide. Auf Antrag des Munal ins Plancus 
verlieh der Senat am r6. Januar dem Herrscher den Ehrennamen 
Augustus, das ist der Geheiligte, der, solange das Bewußtsein 
für wahre Herrscher tu gen den nicht ganz erloschen ist, mit tiefer 
Ehrfurcht genannt werden muß, 

Augustus selbst und die Herrscher, die ihm auf dem Throne 
folgten, haben die Verfassung, die am 13. Januar des Jahres 
27 ins Leben trat, als Principat bezeichnet. Es ist dies die Herr- 
schaft des Princeps Civium, des ersten der Bürger, An Ansehen 
sollte der erste der Bürger alle anderen überragen, dagegen gleich 
ihnen der Herrschaft des Gesetzes unterworfen sein. Damit 
war die römischem Geiste unerträgliche Vorstellung gebannt, 
als sei der Wille des Herrschers sieht selbst Gesetz. Der erste 
der Bürger übte die ihm von der Gemeinde übertragene Gewalt, 
nach Form und Inhalt durch das Gesetz begrenzt, neben den an- 
deren Beamten des Staates. Was ihn von den anderen Beamten 
unterschied, ist nur die Fülle der Befugnisse, die in seinem 
Amte beschlossen sind. 

Wie die Alleinherrschaft bei den Römern im Laufe einer 
langen Geschichte erwachsen war, ist es der Oberbefehl über 
das Heer des Staates, der den Kern der Macht des Princeps 
bildet. Vor den Augen der Bürger trat dieser Heeresbefehl des 
Princeps zurück, da die Heere ihren Standort in den Provinzen 
hatten, die Grenzen Italiens nicht überschreiten durften. Damit 
ist auch die Form des Heeresbefehles bestimmt, den der Princeps, 
wie die Statthalter des Freistaates, nur pro consule ausübt. Er 
selbst trägt in Rom und Italien nicht das Kleid des Feldherrn, 



, yo Anputn« 

sondern das Kleid des Bürgers. In seinem äußeren Erscheinen 
prägt es sich aus, daß auch er der Herrschaft des Gesetzes unter- 
worfen ist. Augustus übernahm den Heeresbefehl bei Begründunj 
des Principates nur in jenen Provinzen, deren Frieden nicht ge- 
sichert schien, sodaß dauernd starke Heere in ihnen lagen; 
mußten. Es waren dies Spanien, Gallien, Syrien, die auch in 
ersten Triumvirat Caesar, Pompeius und Crassus unter sich geteilt 
hatten. Alle anderen Provinzen traten wieder unter die Herr- 
schaft des Senates, dessen Proconsuln sie verwalteten, die das 
Los, wie unter dem Freistaate, zu ihrem Amte berief. Die Pro- 
coasuln von Africa und lUyricum standen an der Spitze dö" 
Heere der Provinzen, ganz in derselben Weise wie der Princeps, 
wenn auch ihre Heere, schwach an Zahl, keine höhere Bedeutung 
besaßen als die einer Grenzwehr. 

Den Kern aller Heere bildete nach wie vor das Aufgebot der 
römischen Bürger in den Legionen, die tatsächlich sich' durch 
freie Werbung ergänzten. Trat die Notwendigkeit der Aushebung 
ein, so beschließt sie der Senat auf Antrag des Princeps. Auch 
die Höhe des Soldes der Legionen bestimmt dem Grundsatze 
nach der Senat und überweist dem Princeps als Feldherm des 
Reiches aus der Kasse des Staates die Summen für die Besoldung 
der Legionen. Das Aufgebot der Untertanen in den Provinzen 
unter die Fahnen zu rufen, ist das Recht des Heerführers, unter 
dem Principate das Recht des Oberfeldherm des Staates. Da 
der Princeps seinen Amtssitz regelmäßig in Rom hatte, so muß 
die Leibwache, die für seinen persönlichen Schutz bestimmt ist, 
ihm nach Italien folgen. Eine dieser Cohortes praetoriae tut 
regelmäßig Dienst in Rom und bewacht den Palast des Princeps, 
aber auch sie, so seltsam es scheint, im Gewände der Bürger, der 
Toga. Dagegen die Mannschaften der Flotten Italiens, die nur 
die Sicherheit der Schiffahrt in den Meeren verbürgen sollen, 
sind dem Princeps keine Soldaten, sondern ein Teil seines Haus- 
gesindes, Sklaven und Freigelassene und von Freigelassenen' 
geführt. 

Augustus dankte seinen Söldnern die Herrschaft, und nur 
auf ihrer Treue ruhte seine Macht. Der Mann der Wirklichkeiten 



- 



l 



und nicht des Scheines, hat er trotz all der gesetzlichen Formen 
in der freudigen Zustimmung seiner Söldner seine wahre Be- 
rechtigung den Heeresbefehl zu führen ganz allein gefunden. 
Deshalb ist der Zuruf des Heeres, mit dem es den siegreichen 
Feldherrn als der höchsten Siegesehre würdig bezeichnete, der 
Siegemame Imperator, für ihn und seine Nachfolger auch die 
Form geblieben, den Heeresbefehl zu übernehmen und damit 
die Stellung eines Princeps an der Spitze des Staates, So hat 
der Principal seinen Ursprung aus der Erhebung des Heeres 
gegen die gesetzliche Ordnung des Staates nie verleugnet. In 
dem politisch gesicherten Zustande, der über die Person des 
Nachfolgers im Principate keinen Zweifel ließ, ist dieser erste 
Zuruf des Heeres selbst nur eine leere Form, und die Ausrufung 
des neuen Imperator vollzieht sich durch die Anerkennung der 
Schloßwache, deren Beispiele die ganze Leibwache und alle Bür- 
gerheere der Provinzen folgen. Aber wenn das Recht der Nach- 
folge in Frage stand, dann allerdings ist Jeder Söldner berechtigt, 
wenn auch nicht sich selbst, so doch seinen Kameraden durch 
den Zuruf Imperator zum Oberfeldherrn auszurufen. Dieses 
äußerste Recht ist in den Krisen der Militärmonarchie oft genug 
zum äußersten Unrecht geworden. 

Die Macht der Wirklichkeit hat den Princeps gezwungen, 
beim Antritt des Oberbefehles die Leibwache in Rom und die 
Bürgerheere der Provinzen für den Zuruf durch ein Gnaden- 
geschenk zu belohnen, das stetig anwuchs und zuletzt von einem 
Kaufe der Krone kaum mehr zu unterscheiden war. So ist das 
Söldnerheer die Erbkrankheit des Principates geblieben. Den 
Vorwurf gegen Augustus zu erheben, daß er durch dieses Söldner- 
heer das Wohl des Staates der Sicherheit der Alleinherrschaft 
geopfert habe, wäre um so ungerechter, als auch der größte 
politische Genius nur unter den Bedingungen der Wirklichkeit 
den Staat gestalten kann. Die Vorherrschaft der Italiker in dem 
Colonialreiche der Römer ließ sich nur durch das Söldnerheer 
behaupten, und nicht die Staatsform, sondern die Geschichte 
des Staates hatte hier das Gesetz gegeben. 

Der oberste Heeresbefehl schloß notwendig auch die Er- 



p 



JJ2 AugmlDs 

nennung aller, die das Heer führten, in sich. Aber gerade hierin 
hat Augustus sich selbst eine Schranke auferlegt, die die Mit- 
herrschaft des Senates auch in den Provinzen des Princeps zur 
Wahrheit machte. Die Führer der Heere und Statthalter der 
Provinzen entnahm er nur dem Senate. Diese Legati Augusti 
pro praetore sind die Stellvertreter des Princeps und haben die 
volle Gewalt der Beamten, die das Volk durch seine Wahl be- 
stellt. Je nach der Stärke des Heeres entnahm sie der Princeps 
den Rangstufen des Senates, die aus den früher durch Volfcs- 
wahl zum Consulate oder der Praetur berufenen bestanden. Denn 
nur wer eines dieser Aemter bekleidete oder bekleidet hatte, war 
auch nach dem Rechte des Freistaates berechtigt, ein Heer zu 
führen. Dem Kreise des Senates gehörten auch die Führer der 
Legionen, die Legati Augusti legionis, und die ihnen an Rang 
zunächststeheoden Obersten der Legionen, die Tribuni laticlavii, 
an. Das ausschließliche Recht des Senates auf den Befehl über 
die Bürgertruppen hat Augustus damit gewahrt, weil er die 
Mitberrschaft des ersten Standes des Reiches im Ernste erstrebte. 
Deshalb konnte er sagen, daß der Freistaat im Principate wieder- 
aizflebe. Denn die wahre Regierung des Freistaates war der 
Senat gewesen, mit dem der Princeps die Gewalt teilte. Nur 
die Obersten der aus den Untertanen gebildeten Truppenkörper 
ernarmte der Princeps aus den Mitgliedern des zweiten Standes, 
der römischen Ritter. Gerade in der Art, wie er durch seinen 
still wirkenden Einfluß den Adel der Landstädte Italiens und 
der römischen Provinzen des Westens bestimmte, in diesen Stel- 
lungen des Heeres zu dienen, offenbarte sich die Weisheit des 
Fürsten. Die Liebe zum Waffendienste hat er in den höheren 
Ständen des Reiches wiederzuerwecken gewußt und dem Söldner- 
heere Führer gegeben, denen das Wohl des Staates höher stand 
als der Stand es vor teil des Söldners. 

Auch in den Hauptleuten der Legionen, den Centurionen, 
schuf er einen Stand, der durch höheren Sold, äußere Ehren und 
Begünstigung bei der Beförderung zu anderen Stellen des Staats- 
dienstes über den gemeinen Mann emporgehoben, durch sein 
neugewonnenes Ansehen die Söldner in sicherem Gehorsam hielt. 



Die Söldner des Bürgerheeres, der überwiegenden Mehrheit nach 
Römer von Geburt, erfüllte und vereinigte das stolze Bewußtsein, 
dem herrschenden Volke anzugehören. Mit den Vorrechten ihrer 
Hauptleute versöhnte sie die strenge Regel des Dienstes, die 
jedem durch Treue und Tapferkeit den Weg eröffnete, in ihre 
Reihen emporzusteigen. Die' schwierigste Aufgabe, das Bürger- 
heer mit dem Aufgebote der Untertanen zu einer Einheit zu ver- 
schmelzen, löste Augustus im Geiste des Freistaates, der zur 
Fiihrung der Unterabteilungen dieser Untertanen die früheren 
Unteroffiziere der Legionen berief und auch die größeren Trup- 
penkörper den gewesenen Hauptleuten der Legionen unterstellte. 
So verwuchsen das Bürgerheer und die Truppenkörper der Unter- 
tanen diu"ch den römischen Geist, der beide erfüllte, zu einer 
Einheit. Augustus hat es erreicht, daß das Söldnerheer, so lange 
eine Gefahr für den Staat, die sicherste Bürgschaft für den 
Frieden im Reich imd an seinen Grenzen wurde. 

Wenn Augustus den Senat, soweit es das Wesen der Allein- 
herrschaft zuließ, wieder in seine Rechte einsetzte, so leitete 
ihn der tiefe Sinn für das Wirkliche, der die geschichtlich gewor- 
denen Bedingungen des Staatslebens als die Voraussetzungen 
seines Schaffens achtete. Der Senat war in den Augen der 
römischen Bürger und der Untertanen geheiligt als der Träger 
der ganzen großen Geschichte des Staates. Altererbte Begabung 
lebte in diesen stolzen Geschlechtern, welche Augustus in der 
Leitung des Staates nicht entbehren konnte. Nur auf die Zu- 
sammensetzung der Körperschaft, der er die einflußreichsten 
seiner Diener entnehmen mußte, hat er sich den Einfluß gewahrt, 
weil es das Wohl des Staates erforderte. Er selbst stand als 
Princeps senatus als Erster an der Spitze seiner Mitglieder und 
bestimmte seine Ergänzung bei den Wahlen des Volkes durch 
das Mittel, das jedem Bürger zustand, die geeignetsten Bewerber 
dem Volke zu empfehlen. War dieses Wahlrecht des Volkes schon 
ein Schatten geworden, beschränkt auf die Menge der Haupt- 
stadt, wenn nicht die Wichtigkeit der Wahl auch die Bewohner 
der Landstädte Italiens nach Rom führte, so sollte doch dieses 
einst in der Geschichte so hochbedeutsame Recht dem Volke, 



L. 



174 



Augotlus 



das der Träger der Staatshoheit war, unter der Herrschaft des 
Princeps nicht geschmälert werden. Die leichte und doch so 
sichere Hand des Staatskünstlers wußte trotz des Unbequemenj 
das die Bewerbung und die Wahlen mit sich brachten, auch 
dieses verfallende Werkzeug nach seinem Sinne zu brauchen. 
Die scharfe Scheidung der Stände nach dem Maßstabe des Ver- 
mögens schärfte Augustus von neuem ein, weil auf ihrer Gliede- 
rung das Gefüge des Staates beruhte. 

Nach dem Oberbefehle über das Heer lag das Wesen der 
Macht in der sicheren Herrschaft über die Mittel des Staates 
Aber auch hier legte sich Augustus jene Beschränkung auf, die die 
Stellung des Princeps als eines Beamten des Staates forderte. 
Nur der Ertrag der Provinzen, die er selbst in seine Verwaltung 
genommen, floß unmittelbar in seine Kassen, und zur Ver- 
waltung dieses Staatsvermögens berief er als seine persönlichen 
Diener Mäimer aus dem Ritterstande, die nach römischer Art 
als Vermögensverwalter den Namen Procuratores führten. Sie 
traten den Statthaltern, die er aus den Reihen des Senates pr- 
wählte, zur Seite, nur dem Princeps verantwortlich. Dagegen 
die alte Kasse des Senates blieb im Besitze der Einnahmen aus 
den Provinzen, die der Senat durch seine Proconsuln verwaltete. 
Die Mitherrschaft des Senates ist in dieser Regelung der Staats- 
einnahmen nicht minder klar ausgesprochen. Aber das Wohl 
der Untertanen war für die Verwaltung der Provinzen oberstes 
Gesetz. Deshalb ließ der Princeps in den Streitigkeiten, die der 
Erhebung der Steuern entsprangen, das ordentliche Gericht 
zwischen den Ansprüchen seiner Steuerbeamten und dem Rechte 
der Untertanen entscheiden. Jenes edle Wohlwollen, das in 
Gerechtigkeit und Milde das Los aller Bewohner des Reiches 
erleichterte und versöhnte, ist das Wesen der Herrschaft des 
Augustus, 

Der Schirmer der Rechte des Volkes sollte der Princeps sein, 
und deshalb umkleidete ihn die heilige Würde der alten Tribunen 
des Volkes, die das Volk gegen die Willkür der Adelsherrschaft 
seit den Anfängen des Freistaates zu schützen berufen waren. 
Diese Gewalt ganz allein ist es, deren Augustus zur friedlichen 



I 15- Die Begtündimg des Prinripites I 7 c 

t-eitung des Staates bedurfte, die ihn berechtigte, die Beschlüsse 
ües Senates und des Volkes hervorzurufen, auf dem Wege der 
Jjesetzgebung weiterzubilden an der Gesundung des Staates, 
tiierin lag auch seine Macht beschlossen, die ihm gestattete, in 
«der Weise der Tribuni plebis Unbill aller Art zu sühnen, dem 
Schwachen und Bedrückten zu seinem Rechte zu verhelfen, wenn 
'er seinen Schutz anrief, und, ohne den ordentlichen Gang der 
^Gerichte zu stören, durch seine Entscheidungen auch die Formen 

Ides Rechtes zu beeinflussen. 
Bei der Begründung des Principates erschien es Augustus 
notwendig, bis die neue Staatsform lebendig wirksam geworden, 
das oberste Amt des Freistaates, das Consulat, selbst zu bekleiden. 
Zu CoUegen im Amte berief er nur solche Männer durch die 
Wahl des Volkes, die mit ihm an der Neuordnung des Staates 
geschaffen hatten. 

Auch in der Ordnung des Hofes, der mit der Alleinherrschaft 

notwendig ins Leben trat, hat Augustus die Stellung des ersten 

der Bürger gewahrt. Denn dieser Hof unterschied sich in nichts 

von der Lebenshaltung der vornehmen Häuser des Freistaates. 

Seine persönlichen Diener, aus dem Sklavenstande hervorge- 

I gangen, leiteten das große Hauswesen, und erinnerten durch die 

I Namen ihrer Ämter stets daran, daß sie Diener waren. Der 

Kreis dieses Hofes war der Kreis der persönlichen Freunde des 

f Herrschers, der so weit reichte, nach der edeln Sitte der Antike, 

^ als alte Bande der Liebe und neues Verdienst geistiger Art 

j Menschen einander nahe führten. 

I Nicht über seinem Volke, sondern in seiner Mitte lebte, 

! empfand und dachte der wahre Vater seines Volkes. So blieb 
tier Blick des machtvollen Herrschers ungetrübt für alles, was 
seine Zeit bewegte, und der unmittelbare Eindruck seiner hei- 
I teren, freudig das Leben erfassenden Persönlichkeit hielt all das 
i Streben und Ringen nach Macht und Einfluß in seiner Umgebung 
I im schönsten Gleichgewicht. Er, der wahre Künstler des Lebens, 
I erfüllte das Ideal griechischer Lebensweisheit, die Besonnenheit, 
1 -Was das römische Volk in den Augen des Knaben las, in dem 



k 



bewußten Blicke des gebietenden Herrschers lag es wie die Offen 
barung einer sonnigen Natur. 

Der Senat beschloß, das Haus des Herrschers auf dem Palatia 
durch den Schmuck der Eingangstür auszuzeichnen, damit Jeder, 
der es betrat, den göttlichen Segen erkenne, der auf ihm ruhte. 
Der SJegeslorbeer, immer grünend, umfing die Pfosten, und 
über dem Sturze war der Eichenkranz Juppiters befestigt, das 
Zeichen der Errettung der Bürger aus Todesnot, In ihrer schmuck- 
losen Einfachheit waren die Räume des Hauses so recht der 
Ausdruck des einfachen Sinnes des Ersten der Bürger. Frei 
wollte er sein von allem lastenden Prunke, der nur die Tätigkeit 
des Geistes beengt. Seine unsichere Gesundheit festigte er durch 
die einfache Lebenshaltung, den kargen Tisch und den regel- 
mäßigen Wechsel zwischen der angestrengten Tätigkeit für dea 
Staat und dem behaglichen Sichergehen im Familienkreise, dem 
zwanglosen Umgang mit vertrauten Freunden. . Bürgerlich sollte 
sein Hauswesen erscheinen, ein Vorbild in den Sitten der Väter, 
wie er sich nur in den Gewändern kleidete, die die Frauen seiner 
Familie für ihn webten. Nach seinem Wunsche hätte sein Haus 
gerade durch jene Tugenden glänzen sollen, die der Senat in ihm 
ehrte, als er den Schild in der Curie weihte, dessen Aufschrift 
den frommen Sinn, die Milde und Gerechtigkeit und die wahr- 
haft römische Art des Fürsten pries. In diesen Tugenden hoffte 
er sein ganzes Volk zu befestigen. Noch heute tönt uns aus 
dem Weihegesang, mit dem Horaz die Begründung des Princi- 
pates feierte, die machtvolle Mahnung an das Römertum ent- 
gegen, sich herrschend zu erheben nach dem Vorbild des 
Augustus. Aber lange Jahre mühevoller Arbeit erwarteten 
Augustus, bis das Werk friedlichen Schaffens vollendet war. 



J 




Noch in dem Jahre der Begründung des Principates ging 
Augustus nach dem Westen, nicht, wie man erwartete, wn das 
Reich zu mehren durch die Eroberung Britanniens, sondern um die 
Vorbereitungen zu treffen, den Norden Spaniens, wo kriegerische 
Völker der Herrschaft Roms widerstrebten, zu unterwerfen. Im 
Nordwesten der Halbinsel erheben sich die rauhen, zerklüfteten 
Berge der Asturer und Callaecer, die zu allen Zeiten, wenn sieg- 
reiche Eroberer in Spanien vordrangen, die letzte Zuflucht der 
Freiheitskämpfer geblieben sind. Wie von diesen Bergen nieder- 
steigend die christlichen Spanier den Arabern die Herrschaft 
wieder entrissen, so hat sich bis in unsere Tage in diesem Winkel 
Spaniens die Eigenart seiner ältesten Bewohner am reinsten er- 
halten. Auch in den Tagen des Augustus lagen diese ungebän- 
digten Bergvölker wie ein Keil zwischen den mit Art und Wesen 
der Römer erfüllten Provinzen Spaniens, eine stete Bedrohung 
seiner friedlichen Bewohner, die sie als Feinde mit ihren Raub- 
zügen heimsuchten. Gerade diese Provinzen aber waren willig, in 
das Neurömertum des Westens aufzugehen, und schon war auf 
dem mit dem Blute der Römer des Freistaates getränkten Boden 
Spaniens die römisch-iberische Cultur erwachsen, die, die Vorzüge 
beider Völker vereinigend, dem Geistesleben der Kaiserzeit ihr 
entschiedenes Gepräge geben sollte. Diese Bedeutung der spani- 
sciien Provinzen für die Kraft des ganzen Reiches hat Augustus 
*>^stimmt, hier zuerst eine dauernde Ordnung zu schaffen. Ver- 
klungen sind diese Kämpfe wie alle die ruhmreichen Kriege in 
**^T Zeit des Augustus und so unklar erkennbar, wie die herrlichen 
^A«ge, durch die Rom einst die Herrschaft über Italien gewann. 



'78 



Ai^iittni 



Zuletzt halte StatUius Taurus im Jahre zg gegen die Asturef 
und ihre Östlichen Nachbarn, die Cantabrer, gekämpft. Jetzt im 
Jahre 26 sollte durch einen umfassenden Angriff von Osten und 
Süden der Widerstand gebrochen werden. Nachdem Augustus sein' 
achtes Consulat in der Hauptstadt des nördlichen Spaniens Tarraco 
angetreten hatte, verlegte er sein Hauptquartier nach Segisamo aa 
die Grenze des gesichenen Gebietes, wo die Hauptstraße nach 
Buidigala im südlichen Gallien abzweigte. Die neugebildeten 
Legionen, die 1. und die 2., die nach Augustus hießen, erhielten 
ihre Fahnen aus den Händen des Stiefsohnes des Kaisers, Tiberius 
Claudius Nero, der hier in Spanien seinen ersten Kriegsdienst taC 
In drei Heersäulen drangen die Romer in Cantabrien ein, während, 
die Flotte, von der Mündung der Garonne ausfahrend, die Küste 
umfaßte. Vor den Mauern von Bergida geschlagen, wichen d 
Cantabrer auf die unzugänglichen Hohen des Berges Vindius j 
das Meeresufer zurück, die Menschenhänden so unerreichbar schie- 
nen wie den Fluten des Oceans. Und doch wurden sie nach einec 
langen Belagerung durch Hunger bezwungen. RacUium nahmen 
die Römer im Sturm. Gleichzeitig waren die Legaten des Augustus 
Aniistius und Furnius aus der Südprovinz in die Berge der Callaecer 
vorgedrungen, wo die Hauptmasse des Volkes in der Stadt Medulium 
am Fluß Minius, durch Belagerungswerke von 15 Meilen Länge' 
eingeschlossen, bis zum äußersten Widerstand leistete, dem Joche - 
der Sklaverei zuletzt durch Gift oder das eigene Schwert sich ent- 
ziehend, Augustus war im Winter krank nach Tarraco zurück- 
gekehrt und überließ im folgenden Jahre den Krieg gegen die 
Asturer, die allein noch unbesiegt waren, Agrippa. Auch in ihrem 
Lande setzten sich die Römer in den Lagern dreier Legionen fest« 
Schon wurden die bezwungenen Bergbewohner teils in den Kbenei> 
angesiedelt, teils als Kriegsgefangene in die Sklaverei verkauft 
als die Asturer im Winter des zweiten Jahres von ihreii sehnet 
bedeckten Bergen niederstiegen und die Lager der Legionen an- J 
griffen. Aber der Verrat der Brigaecini machte ihre Tapferkei,-Ä 
zu Schanden. Carisius führte ein neues Heer heran, und in eine =:= 
blutigen Schlacht blieb den Römern der Sieg. Auch die Asture 
leisteten in einer Stadt fester Lage, Lancia, einen letzten WiderstanC 



i Asture=S 
derstanc=a 



erfuhren jedoch die Gnade der Sieger. Drei Jahre hatte der Krieg 
gewährt. Die Veteranen des siegreichen Heeres erhielten als eine 
dauernde Besatzung in den fruchtbarsten Teilen des unterworfenen 
Gebietes Landbesitz. So entstanden die Städte Bracara Augusta, 
Luchs Augusti, Augusta Asturica, in denen der Name des Siegers 
fortlebte. Die Stadt Emerita in Lusitanien wurde von Carisius als 
eineColonie nach denStreitem benannt, die aus dem Heere schieden. 
Augustus kehrte erst im Anfange des Jahres 24 nach Rom zurück 
mit dem Ruhme, Spanien dauernd bezwungen zu haben, wenn 
auch das Kriegsfeuer in den Bergen der Asturer und Cantabrer 
nicht ganz erloschen war. Die Grausamkeit des Carisius hatte die 
Stämme wieder unter die Waffen getrieben, bis die hoffnungslose 
Erhebung der zum Tode bereiten Kämpfer zusammenbrach. 

Im Osten des Reiches war der Friede in diesen Zeiten nicht 
gefährdet. Wohl schwebte man in Rom, als die Schlacht bei Actium 
über die Zukunft des Reiches entschied, in Angst vor einem Einfall 
der gefürchteten Dacer, gegen die Augustus im Dalmatinischen 
Kriege Siscia als Waffenplatz erbaut hatte. Doch war diese Gefahr 
durch die Siege, die bald darauf Marcus Crassus an der unteren 
Donau gewann, beschworen. Im Jahre seines Triumphes hatte 
Augustus dieStatthalterschaftMacedoniens dem Crassus übertragen. 
Da fand er die Veranlassung, die Feinde der Römer zu bekämpfen, 
bei einem Einfall der Bastarner. Dieses Volk war an der Mündung 
der Donau aus einer Vermischung germanischer Stämme mit dem 
eingeborenen Volke der Geten erwachsen, Sie erschienen in jener 
Zeit auf ihren Kriegszügen in dem Lande jenseits des Balkan, und 
nach Westen vorwärts dringend, unterwarfen sie die Triballer am 
Ciabrus und setzten sich ^uch in dem Lande der Dardaner fest. 
Jetzt waren sie zu Grenznachbam der Römer geworden, deren 
Untertanen diesseits des Balkan unter ihren Raubanfällen zu leiden 
begannen. Um den thrakischen Stamm der Dentheleten zu schützen, 
trat ihnen Crassus entgegen und verfolgte die Zurückweichenden 
"Über die Pässe des Balkan, die über das heutige Sophia nach Norden 
führen, auf dem Marsche eine Stadt des Volkes der Moeser im 
Sturme erobernd. Unter dem Eindruck dieses Sieges begannen die 
Sastamer, die den Ciabrus erreicht hatten, mit Crassus zu unter- 



i8o 

bandeln. Aber ihre Gesandten verrieten trunkenen Mutes im Zelte 
des römischen Feldherm, wie wenig sie an Frieden dachten. In 
einem dichten Walde hielt Crassus in Erwartung des Angriffes den 
Bastamer sein Heer verborgen, nur durch vorausgesandte Späher 
die Feinde heranlockend. Die Bastamer gerieten beim Vordringen 
in dem Walde in den Hinterhalt. Von allen Seiten angegriffen 
und zurückgeworfen, wurden sie beim Rückzug nach ihrer Wagen-- 
burg, die sie, um ihre Frauen und Kinder zu retten, nicht preis-, 
geben wollten, vollständig geschlagen. Ihr König Deldo fiel von 
Crassus' Hand. Die Fliehenden, die im Walde Schutz suchten,, 
wurden mit dem Walde verbrannt, andere gingen in den Fluten 
der Donau unter oder kamen in der Ebene um. Diejenigen, die 
sich in eine feste Burg gerettet hatten, bezwang Crassus mit Hülfe 
des getischen Fürsten Roles, der zum Bundesgenossen und Freund 
des römischen Staates ernannt wurde. Crassus wandte jetzt seine 
Waffen gegen die Stämme der Moeser im Norden des Balkan, die 
einen zur friedlichenUnterwerfung nötigend, die anderen mitGewalt 
bezwingend. Für ihn begann die Not erst bei dem Rückmarsche 
durch das beschneite Gebirge, wo viele der Kälte erlagen oder den 
Angriffen der Thraker. Im nächsten Jahre schlug er die Bastamer, 
die Rache nehmen wollten für den Untergang ihrer Brüder, aufs 
Neue und vergalt den thrakischen Stämmen der Meder und Serder _ 
ihre Treulosigkeit, indem er den Gefangenen nach äußerstem 
Kriegsrecht die Hände abhauen ließ. Eine dauernde Ordnung in 
diesen Bergen zu schaffen, verlieh er dem Fürsten der Odrysen die 
Vorherrschaft über alle Stämme der Thraker und übergab ihin 
das große Heiligtum des thrakischen Dionysos, das früher die 
Besser verwaltet hatten. Dann zog er wieder über den Balkan, 
König Roles Hilfe zu bringen in seinem Kampfe gegen den 
Fürsten der Geten Dapyx. Durch die Flucht der getischen Reiter, 
die auch das Fußvolk mit fortriß, war die Niederlage der Feinde 
vollendet, ehe es zur Schlacht kam. Die Burg des Dapyx wurde 
durch Verrat genommen, und der König fiel selbst mit den 
Besten der Seinen. Da flüchteten die Geten ihre Herden und das 
Kostbarste ihrer Habe in eine weitverzweigte Höhle des Gebirges,. 
Durch Vermauerung der Zugänge erzwang Crassus die Übergabe. 




i6. Die Neuordnung dm Reidies lg[ 

Einmal im Siege, griff er auch Genucla, die an der Donau er- 
baute Burg des Geteti Zyraxes, zu Wasser und zu Lande an und 
erstürmte sie, ehe die scythischen Scharen, die Zyraxes selbst 
heranführte, zum Entsätze erschienen waren. Hier gewann er 
die Feldzeichen wieder, die einst Gaius Antonius, der Mitconsul 
Ciceros, in der Schlacht gegen die Geten vor den Mauern von 
Istropolis verloren hatte. Als er dann auch die letzten Stämme 
der Moeser, die der römischen Herrschaft noch widerstrebten, 
unterworfen hatte, gehorchte die ganze Ebene im Norden des 
Gebirges bis an die Mündung der Donau dem immer siegreichen 
Feldherm. In dem Jahre, in dem Augustus den Principat be- 
gründete, hielt Crassus den Siegeseinzug in Rom, 

In Ägypten hatte Augustus seinen Freund Cornelius Gallus 
für die Dienste, die er bei der Eroberung des Landes geleistet hatte, 
als Ersten eingesetzt, der in seinem Namen Alexandria und das Tal 
des Nües verwalten sollte. Aber der Glanz der alten Pharaonen, 
der ihn umgab, verblendete den allzu empfänglichen Geist des ge- 
feierten Dichters und ließ ihm die Niederwerfung der Bauern der 
Thebais, die der neuen Steuerordnung widerstrebten, als eine 
Großtat erscheinen, würdig der Ehren eines Königs des Landes, 
und in anmaßenden, verletzenden Reden erging sich der Prahler 
über die Geheimnisse, die der Herrscher der Brust des Freundes 
anvertraut hatte. Augustus rief ihn ab und verbot dem Manne, 
der sich seiner Freundschaft so unwürdig gezeigt hatte, sein Haus 
imd seine Provinzen, So war der Erste an dem neuen Hofe in 
Ungnade gefallen, und die Freunde des ersten Bürgers flohen die 
Nähe des Verpesteten, bis auch der Senat ihn vor sein Gericht zog 
und der Verzweifelte das Leben nicht mehr ertrug im Lichte der 
Sonne. 

Die Blüte Alexandrias beruhte vor allem auf dem Austausch 
der Güter, die von den Küsten des glücklichen Arabiens und dem 
fernen Indien zu Lande und zu Wasser nach dem Nile gelangten. 
Nach den Häfen Myoshormos und Berenice am roten Meere 
brachten die Kaufleute zu Schiffe die kostbaren, mit Gold aufge- 
wogenen Waren und dann auf dem Rücken der Kameele durch das 
Wüstengebirge am Ostrande des Niltales auf den Straßen, die 



l82 Ai^wtoi 

römische Soldaten neu erbauten und bewachten, nach der Thebais. 
Aber wichtiger war der alte Handelsweg durch das Innere der 
arabischen Halbinsel, nur dem Volke der Nabataei bekannt und 
von ihren nach Tausenden von Lastrieren zählenden Karawanen 
begangen. Im Süden des loten Meeres am Rande der Wüste lag 
Petra, die alte Hauptstadt dieses Volkes, die noch heute in den 
Ruinen ihrer Grabbauten Zeugnis ablegt von der Macht des grie- 
chischen Geistes. Freunde der Hellenen nannten sich die Könige 
und das ganze Volk trotz ihrer aramaeischen Herkunft mit Recht. 
Denn wie Freunde zur Einheit im Denken verwachsen, so ent- 
standen in jenen Gräbern aus den einfachen Bauten der Aramaeer 
durch den adelnden Einfluß griechischer Kunstformen ganz neue 
Gebilde von eigenartiger Schönheit, die eine wahre Verschmelzung 
des einander so fremden Wesens beider Völker zeigen. In der 
schweigenden Einsamkeit der Wüste verkünden sie lautlos die ganze 
Größe des Hellenismus, der den Völkern des Ostens Sprache lieh, 
ein dumpf beschlossenes Dasein in dem Ausdruck der eigenen 
Gedanken zu wirklichem Leben zu lösen. Wüßte die Wissenschaft 
die Frage überhaupt zu stellen, in den Bauten des Ostens 1 
die Antwort bereit, wie der stille Einfluß des erhabenen Geistes 
der Griechen jene in sich so verschiedenen Volker des Ostens ganz 
nach ihrer Eigenart zu einem erhöhten Dasein emporgeführt hat. 
Eifersüchtig wachten die Nabataeer über diesen Handelsweg im 
Irmerii der arabischen Halbinsel, den sie durch die Sicherung der 
wenigen Wasserstellen der Wüste in ihre Gewalt gebracht hatten. 
Aber jetzt gehorchten sie der Oberhoheit Roms, das berechtigt und 
berufen war, auch in jenen Ländern die Macht seiner Waffen za 
zeigen. So erhielt der Präf ekt Ägyptens Aelius Gallus im Jahre 25 
von Augustus den Befehl, auf jener Straße der Nabataeer bis nach. 
dem glücklichen Arabien vorzudringen, um in dieser Heimat des 
Weihrauches und 'anderer Spezereien festen Fuß zu fassen. 1000 
Reiter der Nabataeer und 500 der Juden sollten den Römern antec 
Syllaeus, dem Vezir des Königs Obodas von Petra, als Geleiter und 
Führer dienen. Das Heer des Aelius Gallus bestieg in Cleopatra, , 
dem Hafen am Ausgange der Bitterseen, die Kriegs- und Lastschiffe 
und erduldete in der glühend heißen Luft dieses stürmischen 



. Die NenordnuDg des Rciclies igi 

"Wasserbeckens bei der Fahrt um das Sinaigebirge und entlang den 
a-otenSandsteinkliff en der arabischenKüste alleLeiden, die in diesen 
Gewässern der heftige Seegang und der unerträgliche Glanz der 
Meeresfläche, in ihrem Blau mit dem Blau des sengend strahlen- 
den Himmels wetteifernd, zur dauernden .Qual bereiten. In dem 
Hafen der Nabataeer, Leukokome, landete das Heer. Von Krank- 
heiten befallen, die an diesen Küsten heimisch sind, wurde es den 
Winter über festgehalten. Auf dem Marsche durch die Wüsten- 
-wege ging das Heer neuen, ungeahnten Leiden entgegen, die keine 
Fürsorge und keine Erfahrung ihrer Führer von ihnen abwenden 
konnten. Denn das Wasser konnte das Heer nur auf Kameelen 
mit sich führen, und es lebte von ungewohntem Getreide und dem, 
was das Land an dem Oele und den Blättern der Palmen hervor- 
brachte. Dreißig Tage hatte der Marsch bereits gewährt ohne Ge- 
fahren, solange das Heer das Gebiet des befreundeten Fürsten 
Aretas, eines Verwandten des Obodas, durchzog. Da trat es in den 
Bereich der weiten, wasser losen Felsschluchten und Berge ein, die 
den eigentlichen Schrecken der Einöden Arabiens bilden, wo einsam 
schweifende Söhne der Wüste keine Freunde kennen. Auf dem 
Marsche durch diese Strecken befiel das Heer das zehrende Fieber 
der Erschöpfung. Es war eine Erlösung, als in dem fruchtbaren 
I X,ande von Negrana der Feind sich zeigte. Die Stadt wurde erobert 
' und sechs Tage später bei einem Flußübergang das Heer des 
Königs Sabus, schlecht bewaffnet und noch schlechter geleitet, 
.<jhne Verluste besiegt. Dann führte der Marsch über Asca und 
Athrula, die durch Besatzungen gesichert wurden und reiche Vor- 
räte boten, nach dem Lande der Verheißung. Aber die Einnahme 
der Hauptstadt Mariba überstieg die Kraft des Heeres, das Tau- 
seade auf dem Marsche in der Wüste zurückgelassen hatte. Nach 
.sechs Tagen einer wirkungslosen Belagerung trat Aelius Gallus den 
Rückmarsch an, eine andere Straße näher der Küste einschlagend, 
die vielleicht der eigentliche Handelsweg der Nabataeer gewesen 
ist. Wieder gelangte das Heer auf kürzeren Wegen nach Negrana, 
elf Tage später an die Oase der sieben Brunnen und von da durch 
das befreundete Gebiet von Chaala nach einem Platze bei Malotha. 
Wieder ging es weiter durch wasserlose Wüsten, bis das Heer 



endlich den Hafen am roten Meer erreichte, nach 60 Tagen des 
Marsches. Sechs Monate hatte der Hinmarsch gedauert. Von hier 
ging Aelius Gallus mit den wenigen Kampffähigen nach Myoshor- 
mos über. Nur daß Syllaeus das Heer redlich geleitet hatte, war 
seine Rettung gewesen. Dennoch gelang es dem tückischen Hasse 
des Nicolaus von Damascus, des Beraters des Judenkönigs Hero- 
des, in Rom seine Verurteilung zu erreichen, da auch Gallus durch 
gefälschte Berichte Augustus irregeführt hatte. War auch der 
Zweck des Feldzuges nicht erreicht, so erschien es doch eine 
rühmenswerte Tat und erscheint so auch heute noch jedem, der 
die Bedingungen eines solchen Zuges sich vor Augen zu führen 
vermag. Augustus hielt diesen Zug der Erwähnung wert La seiner 
Inschrift von Ancyra, weü niemals Griechen oder Römer in dieses 
Land mit Heeresmacht eingezogen waren. Darüber mag spötteln, 
dem alles, was Augustus gelang oder auch nicht gelang, gleich- 
mäßig ein Gegenstand des Hohnes ist, nur weil er ein Herrscher war. 
So gedachte Augustus auch des Kampfes, der um eben jene Zeit 
gegen die Aethiopen an der Südgrenze Ägyptens geführt wurde. 
Die Königin Kandake, Klage führend über die Belästigung ihrer 
Untertanen durch die Beamten Ägyptens, brach um die Zeit, als 
Aelius Gallus mit einem großen Teil seines Heeres außer Landes 
stand, über die Grenzen, eroberte die Feste Syene und schleppte 
mit anderer Beute die Statuen des Augustus mit sich fort, lun 
Ägypten des sichtbaren Schutzes seines Gottes zu berauben. Aber 
Petronius, der Stellvertreter des Aelius Gallus in der Verwaltung 
Ägyptens, der schon früher einen Aufruhr in Alexandrien nieder- 
geschlagen hatte, zog mit 10 000 Fußgängern und 800 Reitera 
gegen die Aethiopen, zwang das dreimal so starke Heer Kandakes 
zum Rückzug auf Pselchis und forderte die Rückgabe des Ge- 
raubten. Als die Aethioper drei Tage mit der Antwort zögerten, 
schlug er die nur mit Schilden aus Rinderhäuten und Streitäxten, 
Lanzen und Schwertern bewaffneten Wilden und trieb die Fliehen- 
den teils auf eine Insel des Nil, teils zurück in ihre Stadt, wo die 
Feldherm der Kandake und die Masse des Volkes gefangeo 
wurden, um den Sclavenmarkt in Alexandria zu füllen. Dera 
Stromlaufe folgend, eroberte Petronius das im Sande der äthio- 




pischen Wüste liegende Premnis und die Hauptstadt der Kandake 
Napata. Schon war Kandalce zur Rückgabe der Beute bereit, 
auch verbot die Natur ein weiteres Vordringen, so ließ Petronius 
in Premnis eine Besatzung zurück und sandte Gefangene, looo an 
der Zahl, zu Augustus, der noch in Tarraco weilte. Einige Jahre 
später wollte Kandake die Römer aus Premnis vertreiben, erlitt 
aber eine neue Niederlage und willigte darein, daß Premnis ein 
Lager der Römer blieb, deren Oberhoheit ihre Gesandten aner- 
kannten, als sie vor Augustus im Jahre 30 in Samos erschienen. 
Der Erfolg der Römer an dieser Grenze ist dauernd gewesen, 
wie die in dem nördlichen Aethiopien auch später bestehenden 
Straßen mit Meilenzählung beweisen. 

Politisch bedeutsamer ist die Änderung der Verwaltung, die in 
Galatien nach dem Tode des Königs Amyntas eintrat. Amyntas, 
den Antonius zum Herrscher der Galater erhoben und mit Er- 
weiterungen seines Gebietes beschenkt hatte, dankte die Erhaltung 
seiner Herrschaft dem Entschlüsse, der ihn, ehe noch die Ent- 
scheidung bei Actium gefallen war, in das Lager des Augustus 
übertreten ließ. Sein Reich umfaßte auch die Hochsteppen Lycao- 
niens bis an den Taurus, das rauhe Cilicien und die Berge der 
wilden Pisidier und Isaurer, Die Festen, die er in Derbe und 
Isaura errichtete, sicherten diese Landschaften. Als er auch durch 
die Eroberung Cremnas die Cieter und Homonadenser in den 
Bergen CUiciens einschließen wollte, ihre Burgen brach und den 
Fürsten des Volkes tötete, fiel er durch Verrat in die Hände der 
Gemahlin des Toten, Quirinius, der Statthalter Syriens, übte Ver- 
geltung für die Ermordung des Amyntas. Das weite Gebiet, das 
dieser beherrscht hatte, ließ Augustus durch LoUius in eine Provinz 1; 
umwandeln. Nur die Galater und ihre kriegerischen Nachbarn 
eigneten sich unter den Völkern des Ostens, durch die Tapferkeit 
imd die Leichtigkeit, mit der sie römische Art annahmen, zum 
Dienste in den römischen Legionen Syriens und Ägyptens, die sie 
fortan zu ergänzen bestimmt waren. Mit dem Eintritt in das Heer 
erwarben sie das Bürgerrecht und die bevorzugte Stellung der 
Römer, sodaß das ganze Volk der Galater in Treue und Dankbar- 
keit gegen das Herrscherhaus wetteiferte. In den Hauptstädten 



i86 

ihres Landes, in Ancyra in Galatien und ApoUonia in Pisidien 
wurden Tempel errichtet für die Verehrung der Göttin Roma und 
des Augustus. 

Auch im Westen kam es wahrend der Zeit, als Augustus in 
Spanien weilte, zu Kämpfen, die ihm wichtig genug erschienen, den 
Siegernaraen Imperator zu erneuern. Der Sieg des Marcus Vini- 
cius über germanische Stämme, die den römischen Handel gestört 
hatten, ist nur dem Namen nach bekannt. Es mag dieser Krieg 
in Verbindung stehen mit den Kämpfen zur Sicherung der beidea 
Alpenstraßen, die aus OberitalJen über den großen und kleinen 
Sanct Bernhard nach Gallien führten. Die Siege, die Aulus 
Terentius Varro im Jahre 25 in diesen Bergen über die Sallasser 
gewann, endeten mit der Ausrottung des ganzen Volkes, das auf 
dem Sclavenmarkte unter der Bedingung verkauft wurde, keinem 
die Freiheit wiederzugeben. An der Stelle, wo das Lager des Varro 
gestanden hatte, entstand die Stadt Augusta Praetoria, die auch 
heute noch die Umfassungsmauer aus der Zeit des Augustus zeigt 
und in der Anlage der Straßen und Häuser den Plan der Ansied- 
lung jener 3000 Veteranen derCohortes praetoriae erkennen läßt. 

Die Führung des spanischen Krieges hatte Augustus seinen 
Feldherrn anvertrauen müssen, da ihn selbst dauernde Kränklich- 
keit in Tarraco festhielt. Um so schwerer lastete die Sorge um 
das Reich und sein Haus auf dem Gemüte des Kranken und reifte 
in ihm den Beschluß, die Ehe seines Neffen Claudius Marcellus, des 
Sohnes der Octavia, mit seinem einzigen Kinde Julia, die aus 
dem Bunde mit Scribonia entsprossen war, zu beeilen. Claudius 
Marcellus und Tiberius Claudius Nero, der Stiefsohn ausdererstea 
Ehe Livias, waren als Prinzen des kaiserlichen Hauses bei dem 
Siegeseinzug des Augustus auf den Beipferden des Triumphal- 
gespannes geritten und taten ihren ersten Kriegsdienst, im gleichen 
Jahre geboren, als Sechzehnjährige, im Gefolge des Herrschers, 
gleich an äußeren Ehren. Bei der festlichen Feier im Lager, als 
Augustus die Veteranen des Krieges entließ, führten beide als Spiel- 
geber den Vorsitz. Schon dort erduldete Tiberius das Schicksal 
seines Lebens, stets der zweite am Throne und ungeliebt als Stief- 
sohn zu bleiben. Und doch besaß er die zähe Kraft, die den echtea 



■ 6, Die Neuordnung des Reiclieg lg7 

Sprossen des Hauses fehlte und ihm eine lange Dauer des Lebens 
verhieß. Jetzt sah er, wie Marcellus im Jahre 25 nach Rom 
zurückkehrte, um die Ehe mit der Kaisertochter zu schließen. Die 
Hochzeitsfeier des in seiner Zartheit und Schönheit allzujungen 
Paares leitete Agrippa, selbst der Schwester des Marcellus ver- 
mählt. Als Augustus, noch immer krank, im Jahre 24 nach Rom 
zurückkehrte, schlössen sich die Flügel des Janustores von neuem, 
wenn auch der Princeps die Ehre des Siegeseinzuges ablehnte. Jetzt 
verlieh Augustus dem Marcellus als Erben des Thrones das Recht, 
unter den Praetoriern im Senate zu sprechen, das Consulat zehn 
Jahre vor der gesetzlichen Zeit zu bekleiden. Zur Feier des Sieges, 
noch mehr zur Feier der Vermählung im Kaiserhause hatte Augustus 
das Volk mit einem Gnadengeschenke von 100 Denaren auf den 
Mann bedacht. Wirksamer sollte der Prinz nach der Sitte der Vor- 
nehmsten Roms die Gunst des Volkes gewinnen durch den Glanz 
der Spiele, die er im folgenden Jahre als Aedil zu feiern hatte. 

Da erfaßte Augustus im Jahre 23 die Krankheit schwerer als 
je und ließ ihn am Leben verzweifeln. Er übergab dem Consul 
Calpurnius Piso den Bericht an den Senat, in dem er Rechenschaft 
legte über den Bestand des Heeres und Staatsvermögens, die ihm 
anvertraut waren, und legte den Siegelring in Agrippas Hände, 
damit er für ihn, den Hülflosen, die Herrschaft führe. Aber diesen 
letzten Anfall der tückischen Krankheit überwand die Kunst seines 
' Arztes Musa. Augustus erhob sich als ein Genesener, um schmerz- 
licher zu leiden durch den Zwiespalt im eigenen Hause, Agrippa, 
der so lange als der Getreueste jede Probe der Ergebenheit be- 
standen hatte, ertrug es nicht, hinter dem tatenlosen Knaben Mar- 
cellus zurückzustehen, und als Augustus den ungerecht Erzürnten 
als Verweser des Ostens mit höchster Macht nach Syrien sandte, 
Sagte ?ich Agrippa von Pflicht und Freundschaf t los und ging nach 
Lesbos in die selbsterwählte Verbannung. Im Innersten verletzt, 
feali ihn Augustus scheiden. Da war es die Hand des Todes, die 
«die Freunde wieder zusammenführen sollte. Marcellus starb im 
Herbste desselben Jahres zu Bajae am Fieber, Um seinem Hause 
^en Frieden, dem Reiche den fähigsten seiner Diener zu erhalten, 
entschloß sich Augustus, seine kindliche Tochter dem Freunde, der 



Augnstus 



I 



mehr als das Doppelte ihrer Jahre zählte, in die Ehe zu geben. 
Wieder war die Sorge um den Staat, wie einst bei jenem Ehe- 
bunde zu Brundisium, für Augustus ganz allein entscheidend, dem 
er das eigene Glück, das Glück der Seinen stets aufzuopferar— 
bereit war. Denn die Last der Herrschaft war für die Schulterr— ^ 
eines Mannes zu schwer. Dringend forderte der Zustand d^^^ 
Reiches, daß Augustus die Provinzen selbst bereiste, um in eine» „j 
jahrelangen Wanderleben überall nach eigenster Einsicht jene A^Kr7 
Ordnungen zu treffen, die auf Jahrhunderte hinaus die uaverrüct^,, 
baren Grundlagen des Staates zu bleiben bestimmt waren. Zueiraj 
sollte der Osten, der des Weitblickes und des Wohlwollens tSes 
Herrschers am meisten bedurfte, der Schauplatz dieses unver- 
gleichlichen Wirkens werden. Agrippas Händen konnte er wäh- 
rend seiner Abwesenheit, die ihn durch Jahre von Rom fernhalten 
mußte, Italien und den Westen anvertrauen. 

Aber die neue Aufgabe, die er sich selbst gesetzt, bedurfte- 
einer neuen Gestaltung seiner Rechte als Herrscher. Denn gerade 
die Provinzen des Senates waren es, wo alter Mißbrauch zmn 
Rechte der Gewohnheit geworden war. Deshalb ließ er sich das 
Imperium des Proconsuls für das ganze Reich übertragen mit 
höherer Amtsgewalt, die ihn berechtigte, in die Verwaltung der 
Provinzen des Senats einzugreifen, und ebenso mußte seine tri- 
bunicische Gewalt fortan nicht mehr durch die Bannmeile Rom» 
beschränkt bleiben. Ferne von Rom war die Verwaltung des Con- 
sulates ein leerer Schein, so verzichtete er für immer auf dieses* 
Amt und behielt sich nur vor, die höchste Würde des Senates zu, 
bekleiden, wenn es ihm notwendig erscheinen sollte. Hatte er bis- 
her als Consul dem Jahre den Namen gegeben, so trat jetzt jen^ 
neue Zählung seiner Regierungs jähre an die Stelle nach Jahren der 
Bekleidung der tribunicia Poteslas, um in der ungeheuren Ver* 
waltung, die ihm persönlich unterstand, eine feste Jahresrechnunj 
einzuführen, die keineswegs im Leben die gewohnte Zählung de 
Jahre nach den Consuln des römischen Volkes verdrängen solIte;i 
Bei den mannigfachen Aufgaben, die seiner in den Provinzen 
harrten, mußte er frei sein von dem Zwange, für dauernde Satzun-i 
gen erst die Zustimmung des Senates und des Volkes in Rom ein- 




l6. Die Neuordnung des Reicbei ]8q 

zuließen. So übertrug ihm der Senat das Recht, in göttlichen und 
menschlichen Dingen zu verfügen, was das Wohl des Staates er- 
forderte. Mochte das auch klingen, als ob der Princeps wieder 
iber Recht und Gesetz erhöht sei, der Geist ist es, der selig macht, 
mMiti in den Händen des größten Künstlers in der Leitung eines 
taates wurde das scheinbar so schrankenlose Recht nur der Aus- 
druck der Besonnenlieit des Mannes, der es übte. Diese neue Ver- 
fassung des Jahres 23 entsprach den neuen Aufgaben, die der 
Herrscher erfüllen mußte, und das Bindende lag, wie immer bei 
Augustus, in der Person des Herrschers und nicht in dem starren 
Buchstaben eines geschriebenen Rechtes. Die Art, wie er die 
Herrschaft handhabte, war das Geheimnis seiner Erfolge. 

Niemand besaß in diesen schwierigen Tagen das Vertrauen des 
Kaisers als Maecenas. Und auch er versagte in den Stunden ernster 
Prüfung. Ihn zu ehren, hatte Augustus Terentius Varro Murena 
zum Mitconsul für das Jahr 23, in dem sich die Aenderung der 
Verfassung vollzog, ernannt. Aber gerade diese höchste Gnade 
verblendete den anmaßenden Mann bis zu seinem Verderben. Als 
Augustus in dem Gerichtshof erschien, der über die Schuld eines 
Statthalters des Senates urteilen sollte, um Zeugnis abzulegen gegen 
den Angeklagten, herrschte ihn Terentius Varro an: wer ihn herbei- 
gerufen, und erhielt die fürstliche Antwort: das Wohl des Staates. 
Eben jenes reinere Hervortreten der Alleinherrschaft wird die Ver- 
atilassung gewesen sein, daß sich unter der Führung des Fannius 
Caepio eine Verschwörung bildete gegen das Leben des Kaisers. 
Auch Terentius Varro schloß sich ihnen an. Aber die Toren waren 
bereits überwacht. Da verriet Maecenas das Geheimnis seinem 
Weibe, der Schwester des Terentius Varro; so entflohen die Buben 
rechtzeitig gewarnt. Das Gericht verurteilte sie zum Tode, und sie 
büßten sterbend den versuchten Mord. Augustus entzog Maecenas, 
dem Hochverdienten, auch jetzt nicht seine Freundschaft, aber der 
Vertraute seines Rates durfte er nicht länger sein. Vielleicht, daß 
dieser Schmerz ihn auf das letzte Krankenlager warf, wo er an 
seinem Leben verzweifelte, um zu sehen, daß Agrippa die Probe 
der Freundschaft nicht minder schlecht bestand. Und doch auch 
solche Erfahrung hat sein rein gestimmtes Gemüt nie irre ge- 



f9o 

macht, an den Wert und die Dauer der Freundschaft nnter Men- 
schen zu glauben. Ueber alle Immgen des Lebens hinw^, hielt 
er fest an ihnen und rühmte ihre Liebe bis in seine letzten Tage 
als sie ihm lange im Tode vorangegangen waren. 

Als Augustus nach dem Osten aufbrach, fand er, wie so oft 
in späteren Jahren, eine Stütze an seinem Stiefsohn Tiberius Nero, 
dem stets ergebenen Helfer, der mit unwandelbarer Verehrung zu 
dem Herrscher hinaufblickte. Hinter Marcellus zurückstehend, 
hatte er in diesem Jahre nur die Quaestur bekleidet, seine Fähig- 
keit bei der schwierigen Versorgung des Marktes der Hauptstadt 
beweisend, und nur das Recht erlangt, die Ämter fünf Jahre vor 
der gesetzlichen Zeit zu bekleiden. Jetzt wieder der Zweite am 
Throne, sollte er das Heer nach dem Osten führen, wo höhere Auf- 
gaben seiner harrten. Da erhielt er, als das Heer das Schlachtfeld 
von Philippi überschritt, in dem Aufflammen der Altäre, die die 
Legionen nach dem Siege errichtet hatten, ein Wunderzeichen xa~ 
künftiger Herrschermacht. Sein verschlossenes, zu dunkler Ahnung 
neigendes Gemüt hat von dieser Stunde mit finsterer Kntsdilos- 
senheit an diesem Hoffen festgehalten. 

Kaum hatte Augustus im Jahre 22 Rom verlassen, so brachen 
Unruhen aus, die ihn zur Umkehr zwangen. Hungersnot und Krank- 
heiten, die in Rom und Italien herrschten, waren nach der Meinung 
des Volkes hervorgerufen worden, weil Augustus das Consulat 
niedergelegt hatte und so sein Schutz nicht mehr auf Rom ruhte. 
Der Senat wurde in der Curie belagert von tobenden Haufen, die 
daü Gebäude in Brand zu stecken drohten und erst abließen, als 
der Senat beschloß, dem Kaiser die Dictatur auf Lebenszeit zu 
Übertragen. Als Augustus nach Rom zurückkehrte, wiederholte 
iich der Aufruhr. Mit Gewalt wollte man ihm die Würde aufdrän- 
gen, trotz seines kniefälligen Bittens, davon abzustehen. Auch die 
andere Form, die schrankenlose Gewalt dauernd zu üben als Con- 
feul, lehnte er ab. Nur die unabweisliche Fürsorge nahm er auf 
fleh, die Hauptstadt aus der Hungersnot zu befreien. 

In der Art, wie der Princeps jetzt für die Verpflegung der 
Hauptitadt, die Cura annonae, eintrat, zeigt sich die Schonung des 
llflUfilienden, da Senatoren aus der Rangklasse der Praetorier die 



^ 



Verteilung des Getreides an die Bedürftigen in Zukunft leiten soll- 
ten. Es geschah dies nach einem Grundsatz, an dem Augustus 
auch später immer festhielt, wenn er die Oberleitung eines Amts- 
kreises übernahm, den nach der Verfassung vom Volke bestellte 
Beamte hätten verwalten müssen. Für solche Zweige seiner Ver- 
waltung berief er stets Mitglieder des Senates als Hilfsbeamte, die 
die außerordentliche Art ihrer Verwendung im Titel, den sie führ- 
ten, als Curatores, erkennen ließen. Es ist immer der Gedanke der 
Mitwirkung des Senates in der Regierung des Reiches, der ihn 
leitete. Dennoch umschloß die Cura annonae weitgehendere 
Pflichten, die nur die das ganze Reich umspannende Macht des 
Princeps zu erfüllen vermochte. Die wahre Schwierigkeit war es, 
die Bewohner der Hauptstadt vor den drückenden Schwankungen 
des Marktpreises sicherzustellen, die die Mißernten in Italien und 
den Provinzen, sowie der unsichere Gang der Schiffahrt in der 
stürmischen Jahreszeit hervorrufen konnten. Wenn es Augustus 
gelang, in jenem Jahre in wenigen Tagen die Not zu beseitigen, so 
zeigt ihn dies eben als den Herrn des wichtigsten Getreidelandes 
Ägypten und den Besitzer der größten Ländereien. Es ist ein ganz 
neuer Zweig der Verwaltung, der sich zu all den Pflichten, die 
auf dem Princeps lasteten, jetzt auftat und erst allmählich im 
Laufe seiner Regierung jene Gestaltung erhielt, die der letzten 
Form des augusteischen Principates entsprach. 

Wie wenig Augustus damals eine Erweiterung seiner Gewalt 
wünschte oder auch nur wünschen konnte, zeigen doch für die ein- 
sichtigen Beurteiler gerade die Aufgaben, die ihm in der Neuord- 
nung der Provinzen zunächst oblagen. So war es ihm auch Ernst, 
als er in jenen Jahren noch einmal den Versuch machte, die Cen- 
•Sur wieder ins Leben zu rufen. Seine eigene Schätzung des Jäh- 
eres 28 war außerordentlicher Art gewesen. Den beiden Censoren 
^aullus Aemilius Lepidus und Lucius Munatius Plauens lieh er 
^seine Hilfe und bewirkte auch, daß die Vereine, die in Rom stets 
^ine Quelle der Störung der öffentlichen Ruhe waren, durch stren- 
,gere Gesetze beschränkt wurden. Die Verwaltung des Senates gab 
«r die Provinzen Gallia Narbonensis und Cypern zurück, da sie für 
"Völlig befriedet gelten konnten. Endlich konnte er nach Sicilien 



192 






aufbrechen, als ihn wieder Unruhen, die bei den Wahlen zum Coq- 
sulat ausbrachen, zurückriefen. Immer noch wollte man den Princeps 
zwingen, das Consulat zu übernehmen, und unterließ lieber die Wahl 
des zweiten Consuls ganz, nur damit ihm die Stelle offen bleibe. 

Als Agrippa aus Lesbos eintraf, um sich mit Julia zu ver- 
mählen, hatte Augustus, der um diesen höchsten Preis den Westen 
in sicheren Händen wußte, Italien bereits verlassen. Sicilien zu 
neuem Leben zu erwecken, vermochte keine menschliche Kraft, 
Aber die alten Städte sollten doch als Städte rÖmiscHer Ordnung 
durch die Ansiedelung der Veteranen, die einst in des Pompeius 
Heere gedient hatten, wieder Bewohner erhalten. So endeten die 
einst so stolzen Nanaen Syracusae, Tauromeniura, Catania, Ther- 
mae Himeraeae, Tyndaris, Lilybaeum, Panormus als bloße Schat- 
ten dürftiger Landstädte. Ganz in derselben Weise fanden da- 
mals vielleicht Veteranen aus Lepidus Heere in Städten Africa» 
und Mauretaniens eine neue Heimat. Während er auf der Reisl 
nach Asien in Griechenland verweilte, sind es nur die beiden 
Leuchten Griechenlands, Athen und Sparta, von denen wir Kennt- 
nis erhalten. Auch hier hat der Kaiser ausgleichende Gerechtig-, 
keit geübt. Sparta, das Livia auf der Flucht vor den Achtungen) 
des Jahres 43 hilfreich aufgenommen hatte, sah sich vergrößert 
um seinen alten Besitz der Insel Kythera, während Athen, der 
schlechteste Herr seiner Untertanen, die Herrschaft über Agina 
und Euboea gewiß mit Recht verlor. Daß der Kaiser Rache ge- 
nommen für Ehren des Antonius, ist eine lächerliche Erfindung; 
dagegen wußte er, was er tat, als er den Athenern verbot, ihj 
Bürgerrecht für Geld zu verkaufen. 

In Asien wurde in den beiden Jahren 21 und 20 Samos wieder 
der Silz seiner Regierung, ohne daß wir über seine Tätigkeit 
den Provinzen Asien und Bithynien etwas Wissenswertes erfahren.^ 
Daß er die Steuern neu regelte, die Verwaltung der Städte nrai 
ordnete, lag in seiner Aufgabe, Kyzikos, das seine Gerichts- 
holieit als freie Stadt bis zur Geißelung imd Hinrichtung römischer 
Bürger mißbraucht halte, verlor seine Selbstverwaltung, die es ver- 
wirkt hatte. Und so erging es auch später Sidon und Tyros in 
Syrien, die ihre Freiheit nur mehr im wilden Aufruhr betädgten.j 



. Die NFUordimng (icFi Reiches Igi 

Was hier alles verschollen ist und bei dem Mangel historischen 
Sinnes verloren bleibt, wenn es auch erkennbar ist, zeigt die. Neu- 
ordnung des Aphroditekultes in Paphos auf Cypem. In dem Kalen- 
der dieser Stadt, den eine astrologische Handschrift erhalten hat, 
treten uns die politischen Gedanken der älteren Form des augu- 
steischen Principates in merkwürdiger Weise entgegen. Aphrodite 
erscheint als die Ahnfrau der Julier, deren Haus auch Agrippa 
und die Söhne der Livia umfaßt. Höher in der Verehrung als 
das Kaiserhaus steht das römische Volk und sein Schutzgott, der 
Juppiter des Capitols. Es ist eben jene Auffassung, die der Gestalt 
des Kaiserkultes in den Provinzen des Ostens entspricht. Aber 
auch im Osten ist es die göttliche Herkunft des Julischen Hauses, 
die für Augustus immer der Leitstern seiner ganzen Regierung 
geblieben ist und den Völkern des Reiches sein wahres Anrecht 
auf die Herrschaft erweisen sollte. 

Im Osten Kleinasiens hatte sich die ursprüngliche Ordnung 
der Gesellschaft, wie sie in diesen Landschaften seit Alters bestand, 
bis in diese Zeit unverändert erhalten. In dem hohen Priester der 
Stamm esgottheit sahen die in Dorfgemeinden lebenden Bewohner 
ihr geistliches und weltliches Haupt. Dem Heiligtums zinsten sie 
und folgten auch in weltlichen Dingen der Weisung ihrer Priester. 
Angehörige dieses Priesteradels hatten sich zu Herrn weiterer Ge- 
biete, die die gemeinsame Sprache und der gemeinsame Glaube 
verband, aufgeworfen, und sie hießen Könige, Die Voraussetzung 
der römischen Selbstverwaltung, die nach griechischer Weise ge- 
ordnete städtische Gemeinde, fehlte ganz. Hier war Augustus in 
seiner weisen Schonung des geschichtlich Gewordenen bemüht, 
den Völkern ihre angestammten Herrscher zu erhalten. Da sie 
alle, nur dem Drange der Zeit gehorchend, Antonius in den Krieg 
gefolgt waren, so beließ Augustus schon damals jenen ihre Herr- 
schaft, die kein persönliches Verschulden traf. Polemo hatte die 
Herrschaft über Kleinarmenien, die ihm Antonius zuletzt verlieh, 
im Jahre 26 mit Pontus am Meere als Freund und Bundesgenosse 
des römischen Volkes vertauscht. Archelaus, ein Nachkomme des 
berühmten Feldherrn, der die Heere des Mithradates gegen Sulla 
geführt, erweiterte jetzt im Jahre 20 sein angestammtes Reich 




Cappadocien durch Kleinarmenien und das raube Ciliciea mit Stri- 
chen an der Meeresküste, wo die Insel Elaeusa sein Königssitz 
wurde. Das Heiligtum des östlichen CiUciens, griechisch Hierapolis 
genannt, beherrschte das Geschlecht der Tarcondimoti, auch nach 
Augustus Bestimmung. Den Thron von Commagene verlieh er 
Mithridates, dem Neffen des letzten Herrschers, In Samos war es, 
wo die Gesandten der Inder vor ihm erschienen, um den Kaiser 
der Römer, von dessen Weisheit und Macht der Ruhm bis an die 
Grenzen des Erdkreises gedrungen war, durch Geschenke zu ehrea 
und die Freundschaft mit dem Herrscher zu schließen, die sie 
bereits früher in Tarraco von ihm erbeten hatten. 

Auch Phraates der Parther erkannte, als Augustus im Jahre 20 
in Syrien eintraf, daß er den Römern die Genugtuung für die 
Niederlage des Crassus nicht länger weigern dürfe. Demi schon 
stand Tiberius Nero mit den Legionen des Westens in Armenien 
und erhob den Schützling Tigranes auf den Thron des Landes, 
dem seit der Ermordung des Artaxes der Herrscher fehlte. Tiberius 
war es auch, der die Feldzeichen und Gefangenen aus Crassus 
Heere in feierlicherHeeresversammlung aus den Händen der Parther 
empfing. Ohne zu schlagen, hatte der Fürst des Friedens den 
stolzen Gegner gedemütigt, und der unblutige Lorbeer galt ihm 
selbst und seiner Zeit höher als ein noch so ruhmreicher Krieg 
gegen einen Feind, den in seiner Heimat dauernd zu besiegen un- 
möglich erschien, ohne die Kraft des Reiches für einen Traum aufs 
Spiel zu setzen. Die natürlichen Grenzen des Mittelmeerreiches 
lagen am Euphrat, so weit reichte in Wahrheit die griechische 
Civilisation, die noch bei den semitischen Völkern Syriens einen 
Boden gefunden hatte. Aber die Hochebenen Irans waren nach 
der Natur des Landes und der Geschichte seiner Völker eine ab- 
geschlossene Welt. Der Hellenismus ist hier nie mehr als ein 
Schein gewesen, der schon unter den nächsten Nachfolgern des Er- 
oberers in Nichts zerfloß, und der spröderen römischen Art hatten 
diese Länder sich niemals gefügt. Wie immer ist Augustus in den 
Grenzen geblieben, die das dauernde Wohl seines Staates ihm setzte. 

In Syrien hat Augustus die Ordnung, die Pompeius mit weit- 
blickender Umsicht geschaffen hatte, aufrecht erhalten. Die lange 




6. Die NeuordnaDg des Rdches iQe 



IHerrschaft der Macedonen hatte hier die Verfassung griechischer 
Städte in den nördlichen Teilen der Provinz auf alle die Gemeinden 
»iraiter Entstehung übertragen und neue Städte griechischer An- 
siedler gegründet. Nur im Süden der Provinz widerstrebte die Na- 
tur des Landes der städtischen Siedlung, und auch die Eigenart 
«ier Bewohner stand ihr hindernd im Wege. Den Gottesstaat der 
Juden unter der kraftvollen Herrschaft des Idumaeers Herodes 
liatte Augustus ausersehen, den Mittelpunkt für die Angliederung 
■der anderen Gebiete, die im Osten des Jordan lagen, zu bilden, 
lEs waren dies außer den jüdischen Gebieten GalUaea, Samaria, 
Judaea und Idumaea jene Landschaften im Osten Auranitis, Bata- 
', naea, Trachon, Peraea, von schweifenden Nomaden oder den Höh- 
I lenbewohnern der Basaltgebirge des Hauran bevölkert. Diese 
i fremden Gebiete standen zuweilen unter jüngeren Fürsten des 
[ jüdischen Königshauses, ohne daß der Wechsel dieser Herrscher 
1 für die Geschichte des Reiches von Bedeutung wäre. Herodes, 
i der Gnade des Kaisers sich erfreuend, und ängstlich darauf be- 
! dacht, sie zu erhalten, bemühte sich, die bäuerlichen Bewohner 
[ jüdischen Glaubens in den neuen Städten, die er nach den Glie- 
' dem des Herrscherhauses benannte, zusammenzusiedeln und an 
die Formen des griechischen Lebens zu gewöhnen. Sebasteia in 
Samaria, Tiberias am See Genezaret, Livias und der Hafen Cae- 
sareia an Stelle von Stratonsturm an der philistaeischen Küste 
zeigten nicht nur in ihren Bauten, sondern vor allem durch die 
Nachahmung griechischen Städtelebens in den Gymnasien und 
Theatern diesen Einfluß des Herrschers, 

Aber das eigentliche Judaea kannte nur den Tempel des Jahve 

,uf Moria, und die Stadt Jerusalem blieb, obwohl der Sitz des 

Königs und geschirmt von einem Mauerkranz und stolzen Türmen 

■iechischer Baukunst, nur die Stätte der bildlosen Verehrung des 

;sichtbaren Gottes, frei von all dem Greuel der unreinen Heiden, 

.ächtiger als der hohe Rat der Priester beherrschten das Volk, 

der Beobachtung seines das ganze Leben umfassenden und 

les wahre Leben erstickenden Gesetzes aufging, jene Abgeson- 

("clerten, die die Feinheit in der Auslegung des Gesetzes bis zum 

Aberwitz gesteigert hatten. Sie haßten den Römling und sitten- 

'3* 



1,6 



Augustns 



I 



^h ah 



losen Herrscher, der sie mit grausamer Härte niederhielt, und 
verachteten den milden Kaiser um so tiefer, da er trotz seiner Ab- 
neigung gegen dieses Gegenbild griechischer Besonnenheit sich er- 
frechte, dem ihm gänzlich unbegreiflichen Jahve mit seinen un- 
reinen Händen täglich aus einer Stiftung Opfer darbringen zu las- 
sen, um zu ehren, was einem Teile seiner Untertanen nun einmal 
ehrwürdig war. Noch stand der Haß gegen ihren unmittelbaren 
Herrn, den Idumaeer, wie ein schützender Wall da, daß ihr In- 
grimm gegen das weltbeherrschende Volk, das doch nach den 
wahren Worten Jahves bestimmt war, Staub zu sein unter ihren 
Füßen, nicht in offener Auflehnung gegen die Heerscharen Satans, 
die das Gewand der römischen Legionare Syriens trugen, losbrach. 
Als Augustus Syrien verließ, mochte er sich glücklich preisen, 
die einzig Reinen unter der sicheren Hut des Idumaeers zu wissen. 

Wieder verbrachte er den Winter auf Samos, um dann auf der 
Rückreise nach Italien nochmals Athen zu berühren, das durch den 
Ausbau eines schon von Caesar geplanten Marktes, Geld und Ge- 
treidespenden die Anerkennung auch seiner geistigen Stellung fand. 

Die Heimkehr des Kaisers nach Rom wurde getrübt durch 
Unruhen, die die dauernde Verkennung seiner politischen Ab- 
sichten hervorgerufen hatte. Agrippa weilte in Spanien, wohin ihn 
ein Aufstand der Cantabrer gerufen. Die Gefangenen früherer 
Kriege hatten ihre Sklavenketten gebrochen und, in ihre Berge 
zurückkehrend, trieben sie das Volk zu einer neuen Erhebung. 
Erst als Agrippa die wankende Zucht im Heere wiederhergestellt 
hatte, zwang er den Aufstand nieder und siedelte die unbeug- 
samen Freiheitskämpfer in die Ebenen über. 

So lag das Regiment in Rom in den Händen des Consuls Sen- 
tius Satuminus. Wieder hatte man die Wahl zu der zweiten Stelle 
des Consulates unterlassen, immer in der Hoffnung, Augustus 
werde nach seiner Rückkehr in diese höchste Würde des Staates 
wie de rein treten. Ferne noch von Rom, verfügte Augustus, die Wahl 
doch zu vollziehen, und bestinuTite das.^mt dem Quintus Lucretius, 
einem der Geächteten, Aber ein junger Adeliger, der als Aedil 
gegen das Gesetz unmittelbar zur Praetur gelangt war, wollte jetzt 
als Praetur auch seine Wahl zum Consul erzwingen und wurde nur 



. Die Neuordnung des Reiches 



■97 



[ 



durch das Aufgebot Bewaffneter von dem die Wahl leitenden Con- 
sul Sentius Saturninus gehindert. Da erschien eine Gesandtschaft 
des Senates, an ihrer Spitze die Beamten des Staates, bei Augu- 
stus, der noch immer in Campanien weilte, um ihm eine schranken- 
lose Gewalt zur Neuordnung der Gesetze und der Sitten anzubie- 
ten. Aber nicht von solchen äußersten Maßregeln, die den ganzen 
von ihm gewollten Bau der Verfassung in Frage stellten, erwartete 
Augustus eine wirkliche Gesundung . des Staates. Er blieb fest in 
seiner Ablehnung einer Gewalt, die den Anschauungen der Väter 
über staatliche Ordnung widerstrebte, auch als der Senat dieses 
Ansinnen im folgenden Jahre wiederholte. 

Eben die tribunicische Gewalt, die in früheren Jahrhunderten 
die tiefgreifendsten Änderungen deß Zustandes der Gesellschaft 
herbeigeführt hatte, gestattete auch ihm, durch Befragung des 
Volkswillens seine Sittengesetze zu geben. Jener Quintus Lucre- 
tius, der Führer der Gesandtschaft an den Kaiser, die er, um seine 
hilflosen Berater als wohlgesinnte Freunde erscheinen zu lassen, 
als eine Ehrengesandtschaft empfing, wurde nun zum Consul 
gewählt. Auch hierin kann man nur die leichte Hand des großen 
Künstlers bewundern. 

Sie bewährte sich in den berühmten Sittengesetzen, den leges 
Juliae. Der Grundgedanke dieser Gesetze lag darin, daß nur die 
Selbstachtung die Menschen bestimmen könne, die Sitten zu ach- 
ten, und daß die Menschen, wie sie nun einmal sind, durch nichts 
schwerer getroffen werden als in ihrem Teuersten, ihrem Besitze. 
Aber auch dem höheren Ziel der wahren Sittlichkeit nähern sich die 
Menschen, die sich in ihrer Form, der Sitte, bestärken. Gerade in 
den höheren Ständen, die der Kaiser zur Mitherrschaft berufen 
hatte, war die Grundlage aller wahren Sittlichkeit, die Ehe, am 
tiefsten erschüttert. Der Geist der Antike hat jederzeit vom Staate 
gefordert, auch hier in das Leben seiner Bürger einzugreifen. Die 
Verachtung gegen solche Polizeimaßregeln ist durchaus modern 
und wird dem Wollen und Wirken des Kaisers nicht gerecht. Fern 
von aller Selbstüberhebung, fand der Kaiser seine Berechtigung, die 
Welt wieder einzurenken, nicht in seinem eigenen erhabenen Vor- 
bild oder seinem unfehlbaren I-^^rteil, sondern in der Weisheit der 



I g8 Augustus 

Väter, indem er seine Gesetze empfahl, weil sie dem entsprachen, 
was die besten Männer des Freistaates, die das Volk einst als 
Censoren dazu berufen hatte, die Sitten zu bessern, in Wort und 
Schrift gelehrt hatten. Die Reden und Äußerungen eines Rutilius 
und Metellus Nuraidicus, der letzten wahren Adeligen des Frei- 
staates, sind es, die auch den Adel und das Volk des Kaiserstaates 
zur Einkehr und Besserung mahnen sollten. So sind jene Gesetze 
entstanden über die Einschränkung des Luxus, auch in der Tracht 
und dem öffentlichen Auftreten der Frauen, die doch die Haltung 
des Lebens durch ihren echten und falschen Schönheitssinn be- 
stimmen. Dann das Gesetz, welches den Ehebruch und Unkeusch- 
heit mit den härtesten Strafen bedrohte; endlich das Gesetz über 
das Eherecht der Stände, das die Ehelosen mit Zurücksetzung bei 
der Bewerbung um die Ämter des Staates belegte, den mit Kindern 
Gesegneten Vorrechte gewährte. Auch die Mißbräuche, die das 
Wahlrecht des Volkes in den letzten Zeiten so oft hatte hervor- 
treten lassen, wurden durch Gesetze gegen Wahlumtriebe einge- 
schränkt. Sollten diese Gesetze wirksam werden, so galt es vor 
allem, den Senat, der das Vorbild für die anderen Bürger im Leben 
und in der Bekleidung der höchsten Aemter des Staates sein sollte, 
von den unwürdigen Mitgliedern zu befreien, die seine Sitzungen 
noch immer entehrten. Es ist der Beweis wahrer Stärke, daß 
der Kaiser nicht einfach die Liste des Senates nach freiem Er- 
messen neu aufstellte, wozu der Witz eines Polizeidieners gereicht 
hätte, sondern den Senatoren die Verantwortlichkeit aufzwang, 
durch eigene Wahl zu bestimmen, wen sie in Zukunft würdig er- 
achten wollten, in ihrer Mitte zu sitzen. Er selbst bezeichnete unter 
Eidschwur dreißig, die er für die Würdigsten hielt, damit jeder 
von diesen wieder fünf gleichfalls unter eidlicher Versicherung be- 
zeichne; auch jene dreißig mußten auf diese Weise neu gewählt 
werden. Erst das Los bestimmte, welche aus der Liste der Fünf als 
gewählt erscheinen soUten. In dieser Weise gedachte der Kaiser 
die Zahl der Senatoren wieder auf dreihundert zurückzuführen 
durch Wiederholung des Wahlvorganges. Aber die Fälle unge- 
rechter Begünstigung, ja gemeiner Fälschung der Listen mehrten 
sich. Der Kaiser ertrug den frechsten Widerspruch, offene Be- 



schimpfung, bis er endlich verzweifelt die Toga vom Leibe riß und 
die Senatoren, indem er ihnen seine ehrenvollen Narben wies, knie- 
fällig beschwor, doch dem Wohle des Staates zu gehorchen. 
Mächtiger war das eigensüchtige Bestreben, das unverdient er- 
worbene Ehrenkleid festzuhalten. Augustus, der, von Agrippa be- 
gleitet, nur mehr im Panzer, den er unter der Toga trug, im Senat 
erscheinen konnte, war gezwungen, sechshundert den Sitz im Senate 
zu belassen und selbst jenen, welche ausschieden, ihre Standes- 
rechte und die Bewerbung um die Ämter des Staates zu gewähren. 
Unter den neuen Gesetzen ging das heranwachsende Geschlecht 
einer neuen Zukunft entgegen. Augustus gottesfürchtigem Sinne 
war es geboten, für das, was er jetzt erhoffte, den Segen der Gott- 
heit zu erflehen. In der Festfeier der ludi saeculares ist dieser Ge- i; 
danke in einer Gestalt zutage getreten, die die ganze Bürgerschaft 
i mit dieser Hoffnung erfüllte. In Zeiten großer Not waren die Römer 
gewohnt, die Hilfe, welche die heimischen Götter versagten, in den 
weissagenden Worten der Seherin Apollos zu finden, die seit den 
Xagen des Tarquinius Superbus das Schicksalsbuch der Römer 
V'aren. Die Priester für die Verehrung der fremden Gottheiten 
griechischen Glaubens waren die Hüter des Gnadenschatzes, und 
ihnen verkündete .Apollo in dieser Stunde, wie das Gären des Jahr- 
liunderts der Bürgerkriege zum Abschluß gekommen sei, um in 
«iner Wiedergeburt alles Seienden einen neuen Kreislauf der Dinge 
«dieser Welt einzuleiten. In jedem hundertundzehnten Jahre hätte 
sich so der Kreislauf der Schöpfung seit Alters erneuert. Was der 
fromme Sinn früherer Jahrhunderte stets geübt, den Eintritt der 
gnadenvollen Zeit unter dem Schutze der Götter zu begehen, das 
; hatte jenes ruchlose Geschlecht, das die Saat der Bürgerkriege ge- 
1 sät, von den Göttern gehaßt, zu tun versäumt. So sollte jetzt die 
Feier, in würdiger Weise erneuert, ake Schuld sühnen, damit auf 
dem neuen Kreislauf der Schöpfung der Segen der Götter dauernd 
ruhe, Augustus selbst und Agrippa als Vorsteher der Priester, 
denen die Verehrung derGötter griechischenGlaubens oblag, leiteten 
die Festfeier und brachten den Gottheiten der Feier die Opfer dar, 
denen das ganze römische Volk, durch reinigenden Zauber geläutert, 
anwohnen sollte. Die uralte Vorstellung, daß alles Leben dem 




200 AupHlns 

Schöße der Erde entspringt, um unter dem Lichte des Himmels 
sich zu entfalten, hat den Kreis der Gottheiten sinnreich bestimmt. 

Drei Tage und drei Nächte währte die Feier, in der die Wunder- 
kraft dieser heiligen Zahl geheimnisvoll wirkte. Die Nächte wi 
den dunkel im Schöße der Erde waltenden Mächten geweiht. An 
der Stätte, wo die Fluten des Tiber sich auf dem Marsfelde im' 
engsten Bette drängten und amTarentum der Weg sich öffnete in 
das unsichtbare Reich, brachte man ihnen die Opfer dar. 

In der ersten Nacht galten die Gebete den Göttinnen, die das 
Schicksal bestimmen; jenen, die das Leben milde aus dem Schöße 
lösten, war die zweite Nacht geweiht. Die Mutter Erde, die in 
diesen Göttinnen bereits gewaltet hatte, beherrschte die dritte^ 
Nacht, in der die Matronen des römischen Volkes sie verehrten. 
Prächtiger war die Feier der Götter des Tages. Im Gebete riefea 
sie die Chöre der Knaben und Mädchen an, die, je 27 an der Zahl, 
dreifach das Wunder der dreimal drei belebten. Juppiter, dem 
Gotte des Himmels, sangen sie auf dem Capitol am ersten Tage 
das Lied, das Horatius gedichtet hatte, am zweiten Tag an der- 
selben Stelle das stets sich erneuende Leben in Juno verehrend, 
um den letzten Tag mit dem Preise Apollos und seiner Schwester 
auf dem Palatin und dem Aventin zu begehen. So klang die 
Feier weihevoll aus mit der Anbetung der Götter des Lichtes, 
sie, die so gnadenvoll über dem Kaiser gewaltet hatten und atis. 
dem Munde ihrer Seherin den Segen, der auf ihrem Schützling- 
ruhte, über die sich erneuende Schöpfung ausbreiteten. 

Jetzt war auch die Zeit gekommen, in der sich Augustus bei 
Beginn des Principates bereit erklärt hatte, sein Amt niederzu- 
legen, wenn es der Zustand des Staates gestatten sollte. Noch war 
die Sorge um das gemeine Wohl nicht von ihm gewichen und 
sollte auch niemals weichen. So erneuerte Augustus damals und 
später die Bürde in den gleichen sich wiederholenden Fristen. Er' 
mochte gedacht haben, daß ein jüngerer Mann seines Hauses ihm, 
wenn die Kraft versagte, die Ruhe des .-\Iters gewähren sollte.. 
War doch in eben diesem Jahre der Ehe Julias der zweite Sohn, 
entsprossen, Lucius, der seinen Namen nach dem Lichte tnig», 
dessen Gott das Jahr wunderbar erhellte. Der ältere Gaius, der 



nach dem göttlichen Dictator hieß, war bereits drei Jahre früher 
geboren worden. Diese seine Enkelbinder nahm Augustus jetzt 
als Söhne an, da ihn Livia keine Erben hoffen ließ, und beobach- 
tete in der Form, durch die er sich Söhne gewann, streng die 
Satzungen altbürgerlichen Rechtes, In seinem Hause sollten sie 
heranwachsen, die Erben seines Thrones, daß ihnen all die Sorge 
und Liebe zuteil werde, deren er nur fähig war. Aber seiner 
Kinder sich zu erfreuen, war der Augenblick noch nicht gekothmen. 
Auch derWesten bedurfte seiner helfenden Hand. WährendAgrippa, 
schon seit zwei Jahren im Besitze der tribunicischen Gewalt, sein 
Mitherrscher, im Osten unmittelbar die Herrschaft ausübte, ging 
Augustus nach Gallien, von Tiberius Nero begleitet, der unter den 
Augen des Kaisers die Gallia comata verwalten sollte. Die Re- 
gierung Roms und Itcdiens überließ er dem Statilius Taurus. 

Das große Werk der Vermessung des römischen Erdkreises, 
das unter Agrippas Leitung so viele Jahre vorher begonnen hatte, 
diente vor allem als Grundlage einer gerechten Verteilung der 
Steuerlast der Untertanen. Wieder war es die Aufgabe des Augu- 
stus, die neue Steuerordnung den Bedingungen des Westens an- 
zupassen. Nach der Ueberweisung der Gallia Narbonensis an den 
Senat zerfiel das Gallien, das der Verwaltung des Princeps unter- 
stand, in drei Provinzen, die Tres Galliae der Kaiserzeit, Aquitania, 
Lugdunensis und die Eelgica. In dieser Einteilung trat jene Schei- 
dung der von Caesar eroberten gallischen Landschaften nach der 
verschiedenen Volksart der Bewohner nicht mehr rein hervor. 
' Denn die Südprovinz Aquitania umfaßte außer den Völkern, die 
ihr den Namen gaben, auch 19 Gaue des reingallischen Gebietes 
im Norden der Garonne. Die mittlere Provinz, nach der Haupt- 
stadt Lugudunum benannt, die noch auf Anordnung des Dictators 
Munatius Plancus im Jahre 43 als eine Stadt römischer Bürger ge- 
gründet hatte, wurde von den übrigen gallischen Stämmen gebildet 
und reichte bis an die Loire. Die nördlichste Provinz, die nach 
den Belgae hieß, bewohnten Völker, die sich germanischer Art 
näher verwandt fühlten. Stand auch an der Spitze jeder Provinz 
von jetzt an ein Statthalter praetorischen Ranges, so bildeten sie 
doch, wie in früheren Zeiten, als das ganze von Caesar eroberte 



J02 AugUBtUS 

Gallien noch ein Verwaltungsgebiel gewesen war, eine Einheit im 
politischen Sinne, Ihr Mittelpunkt wurde die allen drei Gallien ge- 
raeinsame Stätte der Verehrung an dem Altare zu Lugiidimum, 
wo der Landtag der drei Gallien der Dea Roma und dem Augustus 
opferte. Den Gedanken Caesars, auch diese Gallien durch römische 
Colonisation der Art des herrschenden Volkes zu gewinnen, hat 
Augustus als undurchführbar mit Bewußtsein aufgegeben. Die 
Stämme der Gallier wurden von wenigen adeligen Geschlechtem 
in Hörigkeit erhalten; es ist das Land der großen Grundheirschaf- 
ten, das reine Gegenbild der sich selbstverwaltenden städtischen 
Gemeinden, die überall im Reiche die Grundlage für die Aus- 
dehnung der griechisch-römischen Clvilisation waren. Ein noch 
stärkeres Hindernis bildete der düstere Glaube des Volkes, der 
jedem Einfluß der griechischen Siedler Massilias unter der Herr- 
schaft einer allmächtigen Priesterschaft widerstanden hatte. Augu- 
stus verbot den römischen Bürgern, sich zu den Lehren der Druideu 
zu bekennen, ohne den Glauben des Volkes wandeln zu köimeo. 
Geistige und physische Knechtschaft ist die geschichtlich bedingte 
Art der Gallier in der Zeit des Augustus. Die lange Herrschaft 
der Kaiser hat diesen Zustand nicht zu ändern vermocht und das 
Urteil des ersten Princeps, das Volk seiner Weise zu überlassen, 
nur bestätigt. Der höhe Adel ist wenigstens im Süden allmählich 
in Sprache und Sitte römisch geworden, sonst aber ist die latei- 
nische Zunge den Galliern der Kaiserzeit ein unverständlicher 
Klang geblieben. Friedfertig;, arbeitsam, bald auch mit Wohl- 
stand gesegnet, ist Gallien nichts als eine Steuerquelle. 

Eine neue Tatkraft regte sich im Kaiserhaus jetzt, wo auch 
der Bruder des Tiberius Nero, Claudius Drusus, zimi Manne heran- 
wuchs. Im Hause seines Stiefvaters geboren, war es, als ob auch 
sein Wesen nach ihm, den er allein, als seinen Vater gekannt hatte, 
sich gebildet hätte. Sein hochgestimmtes, freudig bewegtes Gemüt; 
gewann ihm die Neigung der Frauen und Männer am Hofe imd 
erhellte selbst den düsteren Bruder. Des Kaisers Liebling, der 
Günstling des römischen Volkes, regte der junge Adler seine 
Schwingen zum hoffnungsvollen Fluge. Der Schutz Oberitaliens 
gegen die Alpenstämme, die auf ihren verheerenden Einfällen das 



|6. Die Neuordnung des Reiches jqi 

Kind im Mutterleibe nicht schonten, war trotz der Truppeiij die in 
der Ebene die Ausgänge der Haupttäler überwachten, nicht wirk- 
sam genug, um diese Plage gänzlich fernzuhalten. Wieder vyaren 
im Jahre 16 die Camuni und Venu, aus dem Tale derEtsch nieder- 
steigend, bei Verona plündernd eingebrochen und mußten von 
Publius Silius mit Waffengewalt in ihre Berge zurückgeworfen 
werden. So begannen im Jahre 15 umfassende Unternehmungen 
unter der Leitung der beiden Stiefsöhne des Kaisers, die in den 
mittleren und den Westalpen den Bewohnern das Raubhandwerk 
für immer verleiden sollten. Drusus, durch das Tal der Etsch und 
Eisack nach Norden vordringend, schlug die Genauni bei Bozen 
und die Ereuni am Brenner, wandte sich dann zurück nach dem 
Oberlauf der Etsch, öffnete durch das Vintschgau an den Gletschern 
vorbei eine Straße nach dem Tale des Inn und stieg von hier 
durch einsame Hochtäler über den Arlberg nach Bregenz am 
Bodensee nieder. Sein Bruder Tiberius Nero war, mit den 
Legionen Galliens durch das Rheintai nach Osten vorrückend, am 
Bodensee eingetroffen, und vereint schlugen sie am i, August auf 
dem See selbst die Schlacht gegen die Vindelicer, Doch ist dieser 
Feldzug mit seinen Straßenbauten in den östlichen Alpen nur die 
Voraussetzung eines Krieges, der in den zerklüfteten Alpentalem 
durch viele Jahre von kleineren Abteilungen römischer Heere gegen 
die flüchtigen Bergvölker geführt werden mußte, bis erst im Jahre 8 
die Unterwerfung der ganzen Alpen von der Adria bis an das 
ligurische Meer beendet war. Noch steht in Trümmern das ge- 
waltige Siegeszeichen des Augustus in La Torbia bei Monaco. In 
dem Marmorglanze seiner in Stockwerken aufsteigenden Säulen- 
reihen mit dem Schmucke der Statuen und Riesenwaffen, die es 
trug, leuchtete es einst weit über die Berge hin und blickte nieder 
auf das azurblaue Meer, den Schiffern und Wanderern weithin ver- 
kündend, daß selbst an diesen Küsten der Friede herrsche. 

Aber diese ruhmreiche Tat verschwand vor den Augen der 
Mitlebenden gegenüber den gewaltigen Kriegszügen, in denen sich 
die Kraft des neuerstarkten Reiches in einer Größe äußerte, die 
die glorreichsten Kriege des Freistaates in Schatten stellen sollte. 
Ein Einfall der überrheinischen Germanen, Usipeten und Tencterer, 



204 






hatte vor den Augen des Kaisers im Jahre i6 gezeigt, daß diese 
Grenze eines besseren Schutzes bedürfe. Usipeten und Tencterer 
waren am Niederrhein auf einer fröhlichen Kriegsfahrt auf galli- 
schem Boden erschienen, die römischen Reiter hatten sie ge- 
schlagen, und auch die fünfte Legion, die LoUius, der Statthalter 
der Gallia comata, herangeführt, wurde in die Niederlage hinein- 
gerissen und ließ ihren Adler zur ewigen Schmach in den Händen 
der Germanen, die mit dieser Beute siegestrunken heimkehiteaL 
Um solchen Gästen das Wiederkommen zu wehren, mußte die 
Grenzverteidigung bis an den Strom selbst vorgeschoben werden. 
Noch unzureichender war die Grenzwehr in den illyrischen Land- 
schaften, wo das schwache Heer des senatorischen Statthalters 
nicht einmal die Barbaren von dem Boden Italiens fernzuhalten 
vermochte, und an der unteren Donau, wo die Länder noch immer 
trotz der Siege des Crassus ein Tummelplatz für die Raublust der 
getischen Reiterscharen geblieben waren, sodaß auch die thra- 
kischen Stämme die Provinz Macedonien ungestraft heimsuchen 
konnten. Hier Wandel zu schaffen, war der Kaiser umsomehr 
entschlossen, als das Kaiserhaus an Tiberius Nero und Drusus 
Feldherrn besaß, die im edelsten Wetteifer brüderlicher Liebe ihre 
großen Gaben im Dienste des Kaisers und wohlgeneigten Vaters 
vor diesen Erbfeinden des römischen Volkes erproben wollten. 

Das Werkzeug des Krieges, das Heer, bedurfte einer voll- 
ständigen Neubildung, um so großen Aufgaben zu genügen. Wie 
nach der Schlacht von Actium ging der Kaiser daran, das Heer 
durcli Entlassung aller Soldaten, die den Anstrengungen der neuen 

I Kriege nicht mehr gewachsen waren, und durch Einstellung junger 
Mannschaften der Tatkraft ihrer jugendlichen Feldherm würdig zu 
machen. In Italien wie in den spanischen und gallischen Provinzen 
entstanden neue Städte der Veteranen, und die Bewohner wurden 
für den enteigneten Besitz durch Geld entschädigt. Die Bedingungen 
für den Dienst wurden in einem festen Vertrag für alle Zeiten 
niedergelegt, der Rechte und Pflichten klar umschrieb und die 
Jugend Italiens und der Provinzen willig machte, in denHeeresdienst 
einzutreten. Das Vorbild griechischen Söldnertums war seit den 
Tagen des Marius bestimmend gewesen auch für die Söldner Roms. 



I 



!6. Die Neuordnung des Reiches 205 

Wie die Könige Pergamons in ihren Verträgen mit den Söldnern 
älteren Gewohnheiten der asiatischen Herrscher gefolgt sein werden, 
so hat Augustus ihre Bestimmungen auch seinen Dienstverträgen 
zugrunde gelegt. Die Dauer des Dienstes wurde in der Leibwache 
auf 12 Jahre, in den Legionen auf 16 Jahre festgesetzt, für den 
Jahressold der Satz des Dictators festgehalten, außer für die Leib- 
wache, die schon bei der Begründung des Principates eine weitaus 
höhere Entlohnung ihres gefahrlosen, aber politisch umso be- 
deutsameren Dienstes erhalten hatte. Den Legionaren wurde nach 
Ablauf ihrer Dienstzeit der ganze Betrag ihres Soldes noch einmal 
als Versorgung ihres Alters zugesichert, den Praetorianern das 
Zehnfache ihres Jahressoldes. Die Dienstordnung, in allen Einzel- 
heiten geregelt, eröffnete den Söldnern für Treue und Tapferkeit 
den Weg bis in die Stellen der Hauptleute, denen wieder das Empor- 
steigen in ö^e Aemter des Ritterstandes, sowohl in der Führung 
des Heeres als in des Kaisers Verwaltung als Lohn erprobter 
Fähigkeit winkte. Gleichzeitig am Rhein und an der Donau sollten 
Tiberius und Nero gegen die Germanen und die lUyrier im Jahre 1 1 
zu Feld ziehen. Deshalb übernahm Augustus die Provinz Illyricum 
in eigene Verwaltung. 

Noch waren die Heere in ihrer Neubildung begriffen, die stra- 
tegischen Linien am Rheine und an der Save sollten erst entstehen, 
als Augustus aus Gallien nach Rom zurückkehrte, um seinem Frie- 
denswerke, das das Reich fähig gemacht hatte, seine Grenzen zu 
erweitem, durch eine hohe Feier im Kaiserhause die letzte Weihe zu 
geben. Auch Agrippa kehrte aus dem Osten heim, um als Mit- 
herrscher an die Seite des Augustus zu treten. Während Agrippas 
Tätigkeit im Osten war nur im bosporanischen Königreiche der 
Friede gestört worden. Hier herrschte seit den Tagen des Dictators 
ein Bürger Panticapaeums, Namens Asander. Nach der Schlacht 
bei Zela hatte er den Pharnaces, der in sein angestammtes Reich 
zurückkehrte, geschlagen und getötet und dessen Tochter Dynamis 
zur Ehe gezwungen. So war er zum König des bosporanischen 
Reiches geworden und behauptete sich, mit Glück gegen die Nach- 
barn kämpfend, in der angemaßten Herrschaft, selbst von Augustus 
anerkannt. .Am Abend seines Lebens erlag er, 93jährig, den Waffen 



L 



2o6 Ai^uatn» ^^M 

eines Abeoteurers Scribonius, der sich eioea Sohn jenes Pbamaces 
nannte, und gab sich selbst den Tod, Seine Witwe Dynamis mußte 
darein willigen, das Weib des Siegers zu werden. Da griff im 
Jahre i6 Agrippa in das Geschick des Reiches ein. Er bestinunte 
jenem Polemo, den Augustus mit dem Pontus belehnt hatte, audi 
die Herrschaft im Bosporus. Ehe er noch in seinem neuen Reiche 
erschien, hatten die Bosporaner den Scribonius getötet und weiger- 
ten sich jetzt, Polemos Herrschaft anzuerkennen. Erst der Drohung 
Agrippas, der mit einem Heere in Sinope erschien, fügten sie sich, 
Polemo bestieg den Thron als dritter Gemahl der Dynamis. Als 
sie aus dem Leben schied, bestimmte ihm Augustus um das Jahr 12 
die Pythodoris zur Frau, sodaß der Traum des Antonius, die Erde 
mit Königen seines Geschlechtes zu bevölkern, hier in Erfüllung 
ging. Denn sie war seine Enkelin von einer Tochter, die er mit 
dem Trallianer Pythodorus vermählt hatte. Auch sonst hatte 
Augustus den Kindersegen des Antonius, der nun einmal sein 
Schwager gewesen war, für seine politischen Zwecke genützt, auch 
seiner kinderliebenden Schwester Octavia willfahrend, die alle diese 
Kleinen, selbst den Nachwuchs Cleopatras, in ihrem Hause erzog. 
So hatte er die Cleopatra, die seinen Triumph geschmückt hatte, 
mit König Juba, dem Sohn des Besiegten von Thapsus, vermählt 
und dem Paar zur Hochzeit das Königreich des Bocchus von 
lUauretanien geschenkt. Die Tochter jener Pythodoris und des 
Polemo wurde später als Gemahlin desCotys Königin inThrakiai. 
Die Wechselheiraten unter den Fürstenhäusern des Ostens begün- 
stigte Augustus, um die zersplitterten Gebiete in ihren Herrschern 
inniger zu verbinden. So ging Glaphyra, die Tochter des Archelaos 
von Cappadocien, in manche Hand. Zuerst mit Alexander, dem 
Sohn des Herodes, vermählt, heiratete sie nach dem Tode der 
Cleopatra den Juba und, als dieser sie nicht mochte, erfreute sie 
I den Bruder des Alexander, Archelaos, Solchen Ehen entsproßteo 
wieder Königlein, die den Bedürfnissen römischer Politik in spä- 
teren Jahrzehnten entsprachen, 

Agrippa hatte auch in Syrien geweilt, wo er die Colonieen 
Beryius und Heliopolis begründete, als die Heere von Augustus 
verjüngt wurden, und den Juden ihre religiösen Pririlegien auf 



t6, Die Neuonbnu^ de* Rddiei 



«Jen Rat des Herodes, selbst die Freilieit vom Heeresdienste er- 

-xieuerte. Das Jahr 13 sah alle Glieder des Kaiserhauses in Rom. 

Der Senat hatte im Jahre 19 die Heimkehr des Kaisers aus dem 

Osten durch die Errichtung eines AJtares der Fortuna Redux ge- 

' feiert. Vor dem Capenischen Tore erhob er sich angesichts des 

! Tempels von Honos und Virtus, damit diese Gottheiten auf den 

Altar niederblickten, wenn die Priester des Staates den Göttern 

opferten zum Heile des Mannes, der die Tugenden des Römers 

• verkörperte. Jetzt erfuhr die Vollendung der Neuordnung des 

f Reiches eine höhere Weihe, als der Senat beschloß, auf dem 

' Marsfelde dem Frieden einen Altar zu erbauen. Ein wunderbares 

[ Walten des Geschickes hat es gefugt, daß dieser Altar, in seinen 

I Teilen unversehrt, wieder der schützenden Erde, in deren Schoß er 

[ durch zwei Jahrtausende geruht, entsteigen soll. Denn die Bild- 

I werke, die ihn schmücken, zeigen den Kaiser auf der Höhe seines 

. Schaffens und seines Glückes, Die Weihe dieses Augenblickes hat 

die Hand des Künstlers in unvergänglicher Reinheit zu dauernder 

Gestalt geformt. Wie in der Feier der ludi saeculares, so erscheint 

hier im Bilde auf dem Altare die Erde, umweht von den zeugenden 

I Lüften des Himmels, im Kreise menschlicher und tierischer Schöp- 

'fung. Die Schranken, die den geheiligten Raum umschlossen, tragen 

iden Zug der Priester, der als erster zur Weihe des Platzes an den Ort 

|<ies Altares gewallt ist. An ihrer Spitze der Kaiser, gefolgt von 

i-eeinem ganzen Hause, das ihm in Söhnen und Enkeln erblüht war. 

i In schlichter Wahrheit hat der Künstler diese Mächtigsten der Erde 

[xiach ihrem innersten Wesen erfaßt, wie sie ihm selbst erschienen 

:an jenem Tage des Glückes. Dem Auge des Kaisers verbarg der 

' «lunkle Schleier der Zukunft, wieviel von dem Adel und der Liebe, 

I <iie ihn umgaben, in wenigen Jahren der Tod und die Schande ihm 

entreißen sollte. Sah er doch mit Stolz auf die Tochter, die seiner 

Erben Mutter war. Und ein zweites Geschlecht erblickte er in den 

Söhnen seiner Frau, Schon war dem Drusus der Germanicus von 

Antonia der jüngeren geboren, und Tiberius sollte in diesem Jahre 

des Agrippa Tochter freien, Octavias zweite Tochter aus der Ehe 

mit Antonius war dem Domitius Ahenobarbus vermählt und nannte 

Tochter und Sohn ihr eigen. Die Heimkehr des Kaisers war nach 



208 



I 



der Sitte mit festlichen Spielen b^angen worden. Hier war es, 
daß der Kaisersohn Gatos sich zum erstea Male dem Volke zagte. 
Das Knabeotumier der ludi Troiae hatte er mit aaderea Sohlten 
der Vornehmsten geritten, und wie im Spiele übte er die Pflicht 
des höchsten .-Vmtes, als er neben Tiberius, dem Consul, den Vot- 
sitz führte bei den Spielen der Heimkehr des Kaisers. 

Der Glaaz der Stadt wurde erhöbt durch die \'ollendung 
zweier Bauten. £in Theater hatte Cornelius Baibus auf dem Mars- 
felde errichtet, das andere von dem Dictator geplante vollendete 
Augustus und weihte es dem Aitdenken seines Neffen Marcellus. 
Damals hat Augustus, wie es scheint, die .\emterordmmg des Se- 
nates eingeschärft und die drei Stufen der Quaestur, des Tribunates 
mit der Aedilität und der Praetur als notwendige Vorbedingung für 
die Bewerbung um das Consulat eingeführt. Auch bestimmte er, 
daß dem Senate nur angehören solle, wer ein Vermögen von einer 
Million Sesterzen besäße. Bedeutungsvoll war es, daß Augustus im 
folgenden Jahre nach dem Tode des Lepidus zum Oberpontifei 
durch das römische Volk gewählt wurde. Wohl hatte Augustits 
diesen adeligsten des Uradels von Rom gezwungen, an den 
Sitzungen des Senates teilzunehmen, damit er äußerlich den Pflich- 
ten seines Amtes genüge, aber diesen ranghöchsten und stumpf- 
«innigsten aller Consulare auch zuerst um seine Meinung zu be- 
fragen, wäre der reine Hohn auf den Ernst der Beratungen ge- 
wenen. Doch der Kaiser ertrug den pflichtlosen Menschen um der 
Heiligkeit seines Amtes willen durch so viele Jahre, bis sein Tod 
ihm gestattete, die römischen Priester in strengere Zucht zu nehmen. 

Am Anfang des Jahres verließ ihn der treueste und edelste 
MinM Helfer für immer. Bis zuletzt war Agrippa als Feldherr 
.' dW Kfflfbff tätig gewesen. Noch im Jahre 13 war er in AquUeia 
m dto Spitze des Heeres getreten, als sein bloßes Erscheinen 
tlif. Illyrier bestimmte, die Waffen niederzulegen. Schwer erkrankt 
k«hne er im Jahre 12 nach Italien zurück, wo er in Campanien 
■färb, cr»t 5 r Jahre alt, wenige Tage, nachdem Augustus den 
f;f>itr[f<intificat erworben hatte. Die Freundschaft der Herrscher 
WM »eil der Ehe Julias nie mehr getrübt worden, und neidlos hat 
Afcripin* bin an sein Ende der überlegenen Einsicht des I 



ies Princeps ■ 



sich gefügt, den zu erhöhen er mehr als irgend einer getan. 
Augustus hielt dem Freunde die Leichenrede und beschenkte das 
Volk aus dem reichen Erbe, das er ihm hinterlassen hatte, mit 
einer Gabe von loo Denaren für den Mann. Dauernder lebte 
sein Gedächtnis in den herrlichen Bauten, wie er auch durch den 
neuen mächtigen Strom klaren Bergwassers, den er in die Stadt 
geleitet, der aqua Virgo, noch zuletzt für das Wohl gerade der 
einfachsten Bürger gesorgt hatte. 

Wieder stand Augustus vor der entscheidenden Frage, wer, 
wenn auch ihn der Tod abrufen sollte, an seine Stelle treten könnte. 
Gewohnt, alles dem Staate unterzuordnen, sicher, daß sein Wunsch 
den Seinen Befehl sein müsse, entschied er sich, die Hand seiner 
Tochter, die das Anrecht auf den Thron in sich schloß, dem Wür- 
digsten zu verleihen, ohne auf die Stimme natürlichen Empfindens 
zu achten. Seine Wahl fiel auf den Stiefsohn Tiberius, obwohl er 
damit ein Band zerriß, das ihm hätte heilig sein müssen. Denn 
schonungslos zerstörte er das Glück seines ungeliebten Sohnes. 
Tiberius, dem alles im Leben zur Qual wiu^de, hatte die ganze Lei- 
denschaft seiner tiefinnerlichen Natur in der glatten Schönheit der 
geistlosen Tochter Agrippas gelesen und hing mit zarter Liebe an 
der Frau, die ihm bereits einen Sohn geschenkt hatte. Nun mußte 
er ihr entsagen, deren Anblick ihn auch später, als sie leichten 
Herzens die Frau eines anderen geworden war, zu Tränen rührte, 
und in die Ehe mit Julia willigen, die mit scheinbarem Glanz nur 
Demütigungen und Schande in sich barg. Denn was war es, das 
ihm der Kaiser ansann? Als Hüter und Helfer den Söhnen 
Agrippas die Herrschaft zu wahren, bis er vor diesen Knaben 
wieder in das Nichts zurücktrat. Und nur mit Widerwillen konnte 
er an diese Kaisertochter denken, der er ein Wächter ihrer mehr 
als lockeren Sitten sein sollte. Denn diese Ehe mit Agrippa, von 
Kindern reich gesegnet — noch nach dem Tode des Agrippa 
hatte Julia einen Sohn geboren, der den Namen seines Vaters 
trug — , war der in Jugendschönheit, Geist und Anmut glänzen- 
den, Frau zur Quelle tiefsten Verderbens geworden, Augustus, so 
streng gegen sich, so gerecht gegen andere, der Tochter gegenüber 
versagte ihm der Ernst, die Zucht des Lebens zu fordern. In der 



3 1 ' Allgustos 

heiteren und leichten Art das Leben zu erfassen ihm so ähnlich, 
sonnte sie sich in dem Glänze ihrer erhabenen Stellung, erfreute 
sich an Schmuck, reizvollen Gewändern und all dem Tand ge- 
schmackvoller Zierde und nahm willig die Huldigungen der vor- 
nehmsten Jugend Roms entgegen, die die Kaisertochter und 
schönste Frau Roms bei ihrem öffentlichen Erscheinen 
schwärmten und bald auch den Weg fand, auf dem die Bewunde- 
rung verführerisch von heitereni Lebensgenüsse zur Gewährung* 
verbotener Wünsche verleitet. Agrippas zärtliche Sorge, in den 
Beweisen der Liebe nimmer ermüdend, hatte einen Schleier übei 
ihren Wandel verbreitet, der schon in jenen Jahren jede Grenze det 
Sitte verletzte. Nur der Kaiser blieb blind für die Verfehlungen dec 
einzig geliebten Tochter. Aber Tiberius ging sehenden Auge» 
diese ehrlose Ehe ein, weil ihm der Mut fehlte, dem verlockenden 
Traume nach dem Besitze der Krone ganz zu entsagen, wenn er 
sich weigerte, dem Gebote des Kaisers zu gehorchen. Beklagens- 
wert ist Augustus, der das Wohl des Staates, das Wohl der Selnea 
wollte, und unbewußt immer weiter wob an dem Netze des eigenen 
Elends. Auch Tiberius erscheint verblendet von der Ale am Ziele 
seines Ehrgeizes, an der Stelle des Agrippa als Mitherrscher im 
Reiche, während sein Fuß sich verstrickte in dieser Ehe zunii 
tiefsten, kläglichsten Falle, Wie ganz anders leuchtete die Sonne 
des Glückes dem jüngeren Bruder, der schon vor Jahren durcb 
seine ritterliche Anmut die beste und liebenswürdigste der Fraueu 
am Hofe gewonnen hatte, und dem auf der Höhe sieghafter 
Jugendkraft das Los beschieden war, das die Götter ihren Lieb- 
lingen bereiten. Nach Agrippas Tode sah das römische Volk nur 
in Augustus seinen Hort und begehrte im nächsten Jahre noch- 
mals, daß er durch die unbeschränkte Gewalt während der 
schweren Kriege, die in lUyrien und am Rheine die Heere ge- 
fesselt hielten, Ruhe und Sicherheit des Reiches verbürge, ohne 
den Kaiser in seinem Entschlüsse zu beirren, keine der Verfas- 
sung widerstreitende Gewalt auszuüben. Denn das Siegesbe- 
wußtsein der jungen Feldherrn hatte sich an Aufgaben gewagt, 
die die Kraft des Reiches zu übersteigen drohten. 



17. Die Eroberung von Illyrien und Germanien 

■ Der Unstern, der über Tiberius in seinem Leben waltete, 
liat auch die Überlieferung über seine Taten in den Kriegen, durch 
die er während der Jahre il bis 9 ganz Illyricum der römischea 
Herrschaft unterwarf, für uns zerstört. Denn ein heldenhafter 
Widerstand war es zweifellos, den diese ungebändigten Völker mit 
der Kraft der Natur römischer Kriegskunst und Tapferkeit ent- 
gegensetzten. Zur Bezwingung Ulyricums waren vier Legionen aus- 
ersehen, unterstützt von den aus den Heeren Spaniens ausgeschie- 
denen zahlreichen Vexillationen, Aber ehe der Krieg noch be- 
gann, war in Thrakien eine gefahrvolle Erhebung ausgebrochen, 
die auch zwei Legionen aus den Heeren Ägyptens und Syriens 
nach dem Abendlande rief. In Pannonien drangen die Römer 
von ihren Waffenplätzen Emona und Siscia im Tale der Save 
vor und errichteten neue Stützpunkte ati diesem Strome in Ser- 
vetium und Sirmium. So wirkten die römischen Heere zugleich 
gegen die Pannonier im Norden und die Dalmater im Süden. 
An den eigenen Grenzen der Pannonier saßen ihre Erbfeinde, 
die gallischen Scordiscer, an Wildheit und Kampfweise ihnen 
gleich und die Bundesgenossen der Römer. Von Sirmium und 
Kmona aus zogen die Römer am Fuße der Alpen und im Westen 
der Donau bis gegen Carnuntum und Aquincum, alten Handels- 
wegen folgend, und auf diese, durch Besatzungen gesicherten 
Straßen gestützt, trieben sie ihre Linien vor in dem ungangbaren 
Waldlande, beraubten die Besiegten ihrer Waffen und schleppten 
die Kampffähigen in die Sklaverei fort. In einem Sommer schien 
das Volk bis an die Ufer der Donau bezwungen. Die Dalmater, 
denen dasselbe Schicksal drohte, traten im folgenden Jahre 
unter die Waffen und zwangen Tiberius, sich mit dem Heere 



i 



Auguxtus 



I 



^en sie zu wenden, sodaß auch die Pannonier sich w 
hoben. Abwechselnd führte jetzt Tiberius, von den Waffenplätzen 
des Savetales vorbrechend, seine Schläge gegen beide Gegner. 
Da überschritten die Dacer im Winter des Jahres lo das Eis der 
Donau und verheerten Pannonien, während die Dalmater durch 
den Steuerdruck wieder zum Aufstande getrieben wurden. Aber 
Tiberius schlug auch die neuen Feinde mit den alten und er- 
stickte im Jahre 9 die letzte Bewegung des jeder Knechtschaft 
ungewohnten lUyriens, Die Hauptmacht der Legionen blieb auch 
nach dem Siege in den Lagern an der Save vereinigt, von 
welchen die gesicherten Straßen durch das Land quer bis an das 
Ufer der Donau und in die Berge Dalmatiens führten, an ihren 
Kopfenden durch große Lager der Auxilia gedeckt. Die unter- 
worfenen Völker selbst wurden zum Kriegsdienst gezwungen, er- 
gänzten unter römischen Führern den Grenzschutz ihrer eigenen 
Provinzen oder mußten in fernen Ländern den römischen Waffen- 
ruhm mehren. Es war ein furchtbares Werk, das dieser Claudier 
mit äußerster Härte in wenigen Jahren vollbracht hatte, und die 
Saat des Hasses und der Verzweiflung, die er gesät, sollte in einem 
ifitOKl Geschlechte, als es zum Gebrauche der Waffen heranwuchs, 
liiSiO gefahrvollsten Krieg erzeugen, den die Römer seit den Tagen 
de* großen Hannibal um ihr eigenes Dasein gekämpft haben. 
Ä" war dieser Mann in seiner Jugend, und man erhebt gegen 
Auguttim den Vorwurf, daß sein mildes Herz vor ihm zurück- 



FrÖhcr Iiatte schon Lucius Piso den Krieg in Thrakien be- 
Vologacses, ein Priester des thrakischen Dionysos, hatte 
di» BciHwr durch Zauberkraft und Weissagung zum Kampfe 
tn»Ht gegen die neuen Herren des Heiligtums und hatte den 

IK/^lJlf der Odryscn Rhascuporis besiegt und getötet, sodaß auch 
§fUi Olifiim Rhümetalkes beim Anblick des Wundermannes, von 
Mfitit^tt Htrcitcrn verlassen, davonfloh. Die Sieger verheerten 
1tiii'ti*Umivt\ lind streiften bis in den thrakischen Chersonesus. 
t^t »1» I'lio mit den Truppen Asiens auf dem Kampfplatz er- 
Mtilisii, wurden die Besser auf ihr eigenes Gebiet zurückgedrängt 
1^ itl dreijährigen Kämpfen mehr durch ihre eigenen Volks- 



len Volks- ' 



als die Waffen der Römer niedergerungen. Damals hat 
^Is eine Folge des Krieges ein Heer von zwei Legionen im Lande 
cier Dardaner um Naissus und an der Donau bei Ratiaria feste 
Standlager bezogen, bestimmt, gegen die Dalmater im Westen 
und die Thraker und Moeser im Osten zu wirken und über Sir- 
rmium auch mit dem Heere Pannoniens in Verbindung zu treten, 
INur ein unbedingtes Vertrauen auf die Schlagkraft der festge- 
fügten und ausgezeichnet geführten Heere konnte diese auf wenige 
Linien beschränkte Besetzung so weiter, von kriegerischen Stäm- 
i:nen bewohnter Gebiete als gesichert erscheinen lassen. 

Und doch haben die Römer in diesen Jahren auch ganz 
Deutschland zwischen Rhein und Elbe mit den Waffen unter- 
"worfen. Das Heer Galliens wurde durch nengebildete Legionen 
auf acht Legionen verstärkt und jetzt erst der Gedanke des Dicta- 
tors, die Stützpunkte der Heere an den Rhein selbst zu verlegen, 
verwirklicht. Agrippa hatte noch das Rheintal als Vorland be- 
trachtet und den Legionen in Metz und Trier ihre Standlager 
angewiesen, während die Auxilia, in großen Lagern am Grenz- 
strom versammelt, die Einfallslinien der schiffbaren Nebenflüsse 
des Rheines und die Haupttäler des östlichen Randgebirges 
sperrten. So lagen weite Strecken der Grenze offen, die die Ger- 
manen umso leichter überschritten, wenn sie die Lust anwandelte, 
auf einer Kriegsfahrt in dem überrheinischen Lande nach Beute 
und Ruhm zu jagen. Die Absicht der Eroberung Deutschlands ließ 
Drusus das ganze Heer Galliens an die Ufer des Grenzstromes 
vorschieben; das Heer von acht Legionen wurde in zwei Körper 
geteilt, deren Oberleitung in MogontiaCum am Oberlaufe des 
Rheines und in Vetera am unteren Strome über zwei Legionen 
gebot. Denn hier allein öffneten der Flußlauf des Main imd 
cier der Lippe natürliche Straßen in das pfadlose Wald- und Berg- 
land jenseits der Grenze. Am Oberrhein erhielt eine Legion 
in Vindonissa in der Schweiz, die andere in Argentoratum ihren 
Standort. Am Niederrhein ergänzten die Legionen in der Stadt 
«der Ubier und in Novaesium die Stellung von Vetera, Eine lange 
üeihe von 50 Lagern der Auxilia verband die Festungen der Le- 
gionen. Den Stützpunkt der Flotte, die bei der Eroberung Ger- 



2 ) 4 Auguitu* 

maniens mitwirken sollte, errichtete Drusus am Ärmelkanal in 
Gessoriacum. 

War das Deutschland jener Zeit wirklich für die Herren der 
sonnigen Ufer ihres inneren Meeres ein so wünschenswerter 
Besitz? Das deutsche Mittelgebirge, den Römern eine ungeglie- 
derte Masse von unbekannter Ausdehnung, barg in seinen Ur- 
wäldern den ungezählten Heerbann der gefürchteten Sueben, 
die doppelt unangreifbar erschienen, weil sie die Hocbebeaea 
Lm Süden bis an die Grenzen des Reiches in ein Ödland ver- 
wandelt hatten. Der Norden, mit Busch und Baum bestanden, 
von langsam fließenden Gewässern durchzogen, die den Boden 
versumpften und mit feuchten, aufsteigenden Nebeln bedeckten, 
war nur für seine Bewohner eine Heimat. Der karge Boden auf 
den seltenen Rodungen und die schwachen Herden kleiner Rinder 
nährten das harte Geschlecht, das hier kaum seßhaft geworden 
war, nicht in genügendem Maße, sodaß die gefahrvolle Jagd 
auf die schreckhaften Elche und Wisente des Urwaldes den Tisch 
füllen mußte. In Blockhäusern und Rohrhütten lebten sie, 
Tierfelle gekleidet oder nackten Leibes, und selbst ihr Stob, 
ihre Waffen, war nur furchtbar durch die Kraft der Arme, die, 
sie schwangen. Kostbares nannten sie nur ihr eigen, wenn s 
das rote Gold auf ihren Kriegsfahrten erbeuteten. Die Gleichheit 
des freien Mannes achtete den Vorzug, den Edelingen die Her- 
kunft aus einem erlauchten Geschlecht göttlicher Ahnen lieh. Dia 
Ältesten regelten das Leben der Gemeinde, verteilten die zu be^ 
stellenden Äcker in jedem Jahre neu und schirmten das Recht., 
Doch bei allem von Gewicht mußte die Gesamtheit der Freien 
entscheiden. Könige der Völkerschaften kannten sie wohl im 
Frieden; aber im Kriege gehorchten sie nur dem tapfersten Maon^ 
den sie sich selbst zum Führer erkoren hatten, und auch ihm , 
verweigerten sie vor dem entscheidenden Kampfe den Gehorsam, 
wenn es dem Eigenwillen einer ungebandigten Natur so gefieL 
Die überschießende Kraft und die helle Freude der Phantasie, 
die unter der Last eines trägen Friedens verkamen, trieb sie^ 
die Aufregung der Jagd und der wilden Gelage zu steigern in dem 
eines freien Mannes einzig würdigen, frohen Wettstreit derWaffen; 



Der hohe Wald und die freie Ebene wurde ihren ragenden Ge- 
stalten mit dem wallenden Blondhaar und den blitzenden Augen 
zu enge in dem Räume, den die eigenen Siedlungen beherrschten. 
T*3ur wenn weite unbewohnte Flächen, die kein Feind zu betreten 
^vagte, ihre Wohnsitze umgaben, fühlten sie mit Stolz, wie weit der 
Schrecken ihrer Tapferkeit reichte. So hatten Fehden und Kriege 
ohne Ende und ohne Ziel Stämme und Völker tief gespalten, und 
<ier Gedanke, daß die Laute der gleichen Sprache, gleicher Glaube, 
gleiche Sitte sie zu dem gemeinsamen Adel hoher Tugenden 
■verband, hatte ihnen kaum noch getagt. An dem ostlichen Ufer 
des Rheines saßen von Mainz bis Vetera die Chatten, Sugambrer, 
■XJsipeten und Tencterer. Hinter diesen an der Ems die Bructerer 
und an der Weser die Cheruscer, zuletzt an der Elbe die Angri- 
■varier. Diese Stärmne der norddeutschen Ebene lebten in töd- 
licher Feindschaft mit den Batavern, den Friesen, den Chaucen 
an der Meeresküste, und nicht minder tief war der Haß zwischen 
Cheruscern und Chatten. 

Der Bau der Waffenplätze am Rheine, das stetige Anwachsen 
der römischen Heere, hatte die Sugambrer über die drohende 
Vergeltung für die Niederlage des Lollius belehrt und ihnen die 
Hilfe der Cheruscer und Sueben gewoimen. Die Schätzung der 
Gallier, die Drusus in diesem Jahre vollendete, ließ das leicht 
I erregbare Volk in unruhiger Bewegung erscheinen, die beim 
■ Auftreten der Deutschen auf römischer Erde zum Aufstand sich 
steigern mußte. Ihres Sieges gewiß, teilten die Deutschen die 
gehoffte Beute, als sollten den Sueben das Gold und Silber, den 
Cheruscern die Rosse, den Sugambrern die Kriegsgefangenen als 
Knechte zufallen. So darf man vermuten, daß die Sueben nur als 
beutelustige Reisläufer fochten, von den Cheruscern ein adeliger 
Heerbann ins Feld zog, während die Sugambrer in dem Kriege 
, als Volk kämpften, das mit den seßhaften Sitten ihrer gallischen 
Nachbarn vertrauter war. Aber sie fanden den Strom in sicherer 
Hut, und die vornehmen Gallier hatte Drusus zur Festfeier in 
Lugudunum versammelt, sodaß ihre halbfreien Massen sich nicht 
erhoben. Am i. August des Jahres 13, dem Ehrentag des Kaiser- 
hauses weihte Drusus den Altar am Zusammenfluß der Rhone 




Jl6 



Ai^intii* 



und Saone, den Galliern ein Zeichen der sicher gefestigten römi- 
schen Herrschaft, und brach dann auf, die Angreifer auf ihrem 
eigenen Boden heimzusuchen. Durch das Land der Bataver 
ziehend, überschritt er den Rhein nahe an seiner Mündung, ver- 
wüstete weit und breit das Gebiet der Usipeten und ihrer Nach- 
barn, der Sugambrer, Dann fuhr er mit der Kriegsflotte hinaus 
in das Nordmeer, gewann die Friesen und ging an der Mündung 
der Weser bei den Chancen ans Land. Hier bewiesen die Friesen 
ihre seltsame Treue für die Feinde der Deutschen, als sie die 
Flotte, die mit dem Wechsel der Gezeiten an dieser Küste nicht 
vertraut, in den plötzlich sich bildenden Untiefen festsaß, durch 
ihre Hingebung retteten. Doch war dieser Feldzug nicht mehr 
als eine Erkundung des u nbekannten Landes gewesen. Denn 
Drusus gedachte den Norden Deutschlands vom Rheine und vom 
Meere gleich2eitig zu umfassen. Nach Rom im Winter zurück- 
Ichi. gekehrt, sah er im Frühjahr wieder den Rhein, Die Zwietracht 
der Deutschen lähmte ihren Widerstand. Als Drusus wieder im 
Lande der Usipeten erschien, diesmal durch Straßen und Brücken 
die Besetzung des östlichen Rheinufers zu einer dauernden zu, 
machen, fand er, als er die Lippe überschritt, daß die Sugambrer, 
die er bekämpfen wollte, mit ihrem ganzen Heerbann gegen die: 
Chatten zu Felde gezogen waren, diese Treulosen, die ihnen die 
Bundeshilfe versagten, zu züchtigen. So lag der Weg offen ia 
das Land bis an die Weser. Hier in dem Waldgebirge bei 
Detmold sollten die Römer zum ersten Male die wahre Natur des' 
Krieges auf deutscher Erde kennen lernen. Denn der Weg, den 
man gekommen war, war von all den tapferen Streitern, die sich 
in ihrer Freiheit bedroht sahen, dicht besetzt. Die Deutschea 
brachen immer wieder aus dem Dickicht des Urwaldes hervor 
und griffen die mühsam vorwärts ziehenden römischen Reihen' 
mit Ungestüm an, bis in den Schluchten von Arbalo das, ganzQ 
Heer in äußerste Gefahr geriet. Schon schien den Römern jedeE 
Ausweg versperrt zu sein, als die Deutschen bei ihrem ordnungs- 
losen Ansturm, der die Gegner vernichten sollte, der ganzen 
Wucht römischer Kriegszucht erlagen, Jenseits dieser Engen am. 
Zusammenfluß der Lippe und Eliso errichtete Drusus das Lager 



von Aliso, bestimmt, die Wasserstraße der Lippe, die nach Vetera 
am Rheine führte, dauernd zu sichern. Gleichzeitig hatte das 
Heer des Oberrheins auf dem Boden der Chatten eine Zwingburg 
erbaut. 

Durch die Erfahrung dieses Feldzuges belehrt, beschloß 
Drusus im nächsten Jahre den Angriff von der Meeresküste, um lo 
■die einzig gangbaren Wasserstraßen in das Land der Bructerer 
und Cheruscer zu erschließen. Ein Kanal aus dem Rhein in den 
Zuidersee war bereits gegraben, der die Ausfahrt der römischen 
Flotte sicherte. So erschien im nächsten Jahre die Flotte an 
der Mündung der Ems, schlug die Boote der Bructerer und be- 
setzte die Insel Borkum. Die römischen Besatzungen, längs der 
Ems vorgeschoben, bildeten eine Kette, die vom Meere bis Aliso 
an der Lippe reichten. Von Gessoriacum wurden in den Marschen 
Straßen erbaut, die auch die Meeresküste bis an die Mündung 
■der Ems sicherten. Aber noch in demselben Jahre griff Drusus 
die Chatten an, die die Sitze, die ihnen die Römer vorgeschrieben, 
verlassen hatten und in ihren Feinden, den Sugambrern, zu 
spät die Genossen ihrer Leiden sahen; Die wunderbare Klarheit, 
mit der Drusus, ein wahrhaft großer Feldherr, die Bezwingung 
Deutschlands erfaßt hatte, zeigt auch sein letzter Feldzug. Zuerst 
griff er die Sueben an und traf ihre Grenzmannschaften, die 9 '■■ 
Marcomannen, mit solcher Wucht, daß sie ihre Sitze an der römi- 
schen Grenze für immer räumten und unter Marbods Führung, 
in dem fernen Boeheim neue Sitze suchten. In Mainz erinnert 
das gewaltige Siegeszeichen, das einst mit den erbeuteten Waffen 
der Marcomannen geschmückt war, noch in seinen zerstörten 
Resten an den Helden. Dann zog er von Mainz, eine Straße 
erbauend und sichernd, gegen Aliso und von da an die Weser. 
Auch an dem Ufer dieses Flusses entstand jetzt die römische 
Grenzwehr, und Drusus drang weiter vor, das Land der Cheruscer 
verwüstend, bis an die Elbe, wo er ein letztes Siegeszeichen er- 
baute. Von der Elbe nahm Drusus die Richtung nach dem her- 
cynischen Walde, um durch den Widerstand des Urwaldes und 
unbesiegter Feinde eine neue Straße nach Mainz zu bahnen. 

Da fand er an der fränkischen Saale die Grenze seiner Taten 



L 



3 1 8 AngmtnB 

und seines Lebens. Schon an der Elbe hatte im Nebel des Waldes 
die Erscheinung einer Frau seine Seele geängstigt mit der droheo- 
den Mahnung, dem unersättlichen Streben ein Ziel zu setzen, 
wie ein Sinnbild für den Sohn des Südens der furchtbaren Naiur 
des nordischen Landes, Mit dem Pferde stürzend brach er den 
Schenkel und lag im Lager des trauernden Heeres hoffnungs- 
los darnieder. Die Schreckenskunde gelangte zu Augustus nadi 
Ticinum am Po, wo Tiberius aus Pannonien, mit dem Lorbeer 
des letzten Sieges geschmückt, eingetroffen war. Mehr nodi 
bangte den Feldherm um das Schicksal des Heeres, das, seines 
Führers beraubt, inmitten des feindlichen Landes stand. So eilte 
er über die Alpen an den Rhein nach dem letzten romischeni 
Standlager imd dann durch das kaum befriedete Gebiet der Bar- 
baren, nur von einem gallischen Häuptling begleitet, in ras^' 
losen Ritten Tag und Nacht vorwärts an das Sterbelager des ge- 
liebten Bruders. Als die Reiter in der Waldlichtung auftauchte^ 
trat ihnen auf Drusus Befehl das ganze Heer im Waffenschmud« 
entgegen, um Tiberius als Imperator zu begrüßen. Von seiner 
starken und sicheren Hand geführt, gelangte das Heer, auf 
einer Bahre den sterbenden Feidherrn mit sich tragend, an daS 
letzte Sommerlager der Römer. Hier an den Quellen der Lippe 
verschied Drusus, Den Zug der Leiche geleitete Tiberius über die, 
Alpen nach Italien, den ganzen Weg zu Fuße vor der Bahrci' 
einherschreitend. In Ticinum empfing Augustus den GeliebtOi 
und folgte dem Zuge bis nach Rom. Vater und Bruder hielten üöt 
die Leichenrede und nannten ihn mit dem Ehrennamen Ger- 
manicus, den Bezwinger der Deutschen, der in seinem Geschledit 
forterbte. Auf dem Grabmale pries Augustus den Toten iS 
Versen, die er selbst verfaßte, und schilderte in einem Budift 
seine Taten, Der Geschichtsschreiber Livius schloß wohl 
dem Sinne des Kaisers sein Werk, das von dem Ruhme der Römer 
seit der Gründung der Stadt berichtet hatte, mit dem Tode des. 
Drusus, als sei die Geschichte des Helden für alle Zeiten das 
letzte Blatt der Großtaten Roms. 

Wohin der Kaiser blickte, hielt der Tod seine Ernte nutet 
denen, die ihm die Teuersten waren. Octavia war schon zwei 



17. Die Eroberung von Illyrien nnd Germanien 21g 

Jahre vorher gestorben, nachdem sie seit dem Tode des Marcellus 
ein Bild der Trauer gewesen war. Maecenas erlag den jahre- 
langen schweren Leiden. Auch Horatius der Dichter schied aus 
dem Leben, der seine und seines Hauses Große verkündet hatte 
und seinem Herzen teuer gewesen war. Tiberus ganz allein war 
ihn und seinen heranwachsenden Söhnen jetzt Stütze und Stab. 
Und doch ermüdete seine Hand nicht in dem Werke friedlichen 
Schaffens. Im Jahre S hielt er den zweiten Census, der, seit dem 
Friedensfeste der Ära Pacis vorbereitet, nun zum Abschluß kam 
' und die Zahl der Bürger um 170000 Köpfe gewachsen zeigte. 
' Wieder beschloß der Senat nach dieser Neuschöpfung der Bürger- 
schaft, für die jede Schätzung galt, für den Kaiser eine sinnvolle ■ 
Ehre, als der Monat Sextilis, in dem Alexandria gefallen war und 
i Augustus seinen Siegeseinzug in Rom gehalten hatte, in Wahrheit 

für alle Zeiten den Namen Augustus erhielt. Im nächsten Jahre 7 
J fand auch der Umbau und die Neuordnung Roms ihren Abschluß 
fin der Einteilung der Hauptstadt in 14 Regionen, die in zahl- 
ireiche Viertel zerfielen, und in dem gemeinsamen Heiligtum 
ijedes Viertels, des Vicus, wurden die schützenden Götter der 

■ Straßen, die Lares, und zwischen ihnen der Genius des Kaisers 
verehrt. Augustus, stets darauf bedacht, die Schönheit Roms 
>u erhöhen, weihte in diese Kapellen kostbare Kunstwerke, die 
■er aus den ihm dargebrachten Neuj'ahrsspenden erworben hatte, 
'"wie -ein Hausvater die Geschenke der Seinen verwendend. 

I ' Um das Werk des Drusus zu festigen, war Augustus selbst 
I im Jahre 8 nach Gallien gegangen, und Tiberius führte die Le- 
'gionen durch alle Gaue Deutschlands, und lähmte, wo die rö- 
' mischen Waffen sicji zeigten, jede Regung des Widerstandes. 
' Mit eiserner Hand hielt er sie nieder, ganz nach dem Grundsatz, 

■ den er in späteren Jahren pries, mögen sie mich hassen, wenn 
sie mich nur fürchten. Die Sugambrer, die den Lollius geschlagen 
hatten, erfuhren seine Art zu vergelten. Ihre Vornehmsten gingen 

• nach Gallien in die Gefangenschaft, wo sie in der Luft des Kerkers 
an Herzleid verkamen. Das ganze Volk wurde auf römischen 
Boden übergesiedelt, und die waffenfähige Jugend sollte in Thra- 

'kien, Africa, Syrien für die Römer verbluten. Wie ganz anders 



k. 



hatte Drusus die Deutschen mehr noch als mit den Waffen durch. 
die Gewalt seiner Persönlichkeit gewonnen. Mit freigebiger Hand 
verteilte er stolze Streitrosse und glänzende Waffen unter dl* 
Fürsten, und in dem Gewühle der Reiterschlacht suchte er ihre» 
tapfersten Mann, den Heerkönig, im Zweikampf zu fällen. Seia 
strahlendes Heldentum blendete ihre Augen, und sie fochten fü 
den Fremden gegen die eigenen Brüder, beklagten seinen Toc 
als wäre der Beste der Ihren gefallen, Augustus erfüllte der^ 
Wunsch des Toten, als er den Siegeslorbeer des Germanicus de» 
Juppiter feretrius darbrachte, den nur jene romischen Feldherr: 
ehren durften, die dem feindlichen Heerführer die blutige Waffen 
rüstung mit eigener Hand abgezogen hatten. Nachdem Tiberia 
i'. Chr. den Antritt seines zweiten Consulates mit der Siegesfeier übe 
Deutschland begangen hatte, überschritt er abermals den Rheii 
um die gesicherte Ordnung der neuen Provinz des römische« 
Reiches zu überwachen. In Rom hatte der Senat auf seine 
Antrag beschlossen, daß der neuerbaute Tempel der EintracfcaÄ 
seinen und seines Bruders Namen tragen sollte, und er feiert^ 
nach seiner Rückkehr die Einweihung jener Halle, die Vipsan. 
Polla, die Schwester Agrippas, auf dem Marsfelde erbaut hatt« 
mit Gladiatorenspielen zur Erinnerung an den toten Herrscher. 



i8. Der Untergang der Julier 

Wieder hatte Augustus im folgenden Jahre Tiberius durch die 6 v. ehr, 
Verleihung der tribunicischen Gewalt als Mitherrscher bestätigt, und 
wie er im Westen das Reich befestigt hatte, so sollte er in diesem 
Jahre im Osten den Streit um den Thron Armeniens von neuem 
schlichten. Da erwiderte er demKaiser,daß seinEntschluß gefaßt sei, 
allen Würden und Ehren zu entsagen und als Privatmann in Rhodos 
denRest seinerTage zu verleben. Wie zwingend die Gründe waren, 
die ihn zu diesem Aeußersten getrieben hatten, ahnte der Kaiser 
nicht. Die Ehe mit des Kaisers Tochter war es, deren Schande er 
nicht mehr zu ertragen vermochte. Wohl hatte Julia den zweiten 
Gatten wie den ersten aus der Hand ihres Vaters genommen, imd 
der stolze, in sich gekehrte und doch so leidenschaftliche Claudier 
schien ihre Gefallsucht angenehm zu beschäftigen. Aber wie sollte 
die Ehe dem Manne, der im Leben nur das Eine kannte, die eiserne 
Pflicht des Soldaten, und der Frau, die in leerem Genüsse ihre 
Seele aufrieb, nicht zur Hölle werden? Und selbst zwecklos war es 
für Tiberius geworden, die Schande länger zu tragen, da Augustus 
dem Gaius Caesar mit dem Männerkleide auch das Consulat über- 
tragen wollte, das er schon nach fünf Jahren verwalten sollte. Was 
länger den Hüter dieser Knaben spielen, von denen Niemand 
wußte, mit welchem Rechte sie Agrippa ihren Vater nanntenl 
Ueber ihn, dem mit dem Tode des Bruders der letzte Quell der 
Liebe vertrocknet war, vermochten die Vorstellungen des Augu- 
stus, die Bitten der Mutter nichts mehr. Vier Tage wies er, zum 
Sterben entschlossen, Speise und Trank zurück, bis man ihn ziehen 
ließ, um seine Verzweiflung auf Rhodos zu begraben. Wortlos war 
er von seinen Freunden geschieden, und stumm sollte er die Jahre 
vertrauern, auf dieser Insel der Philosophen und Redekünstler 



2 22 AugoslDB 

ein zweckloses Dasein lebend : er, der seit Jahren gewohnt war, aa 
der Spitze der Heere, keines fremden Rates sich bedienend, ia' 
kurzen Befehlen den Willen der Tausende planvoll zu lenken. Fest 
und sicher war er vorgeschritten im Leben, in treuer Pflichterfül- 
lung, unbeugsam den Freunden und Feinden, nur dem Herrscher, 
den er verehren mußte, gehorchend. Und gerade dieses sein rein- 
stes Empfinden war ihm zum schwersten Fluche geworden. 

Augustus empfand es, daß ihm mit Tiberius der Arm zur Tat 
genommen war. Er ließ es geschehen, daß in Armenien der Einfluß 
der Parther vorwaltete. Die Kinder des letzten Königs, Tigranes 
und Erato, bestiegen, in der Ehe nach der Sitte des Orients ver- 
bunden, unter parthischem Schutze den Thron, und der von den 
römisch Gesinnten erhobene Gegenkönig .'Vriavasdes wurde unter' 
schweren Verlusten der römischen Truppen, die seine Herrschaft 
stützen sollten, aus dem Lande getrieben. Augustus begnügte sidi, 
auf die anmaßenden Briefe des neuen Königs der Parther, Phraa- 
taces im drohenden Tone zu antworten. Doch ist alle und jede 
U eher lief er ung über die nächsten Jahre des Kaisers verloren, sodaß 
ein Urteil schwierig wird. Vereinzelte Trümmer lehren, daJ3 die 
zielbewußte Verteidigung des Gewonnenen in keiner Weise nachließ 
und der Schrecken des römischen Namens weit über die Grenzen 
reichte, die die Heere unmittelbar schützten. So wissen wir, daß 
Domitius Ahenobarbus, Octavias Schwiegersohn, von lUyrien aus in 
Böhmen eindrang und die Marcomannen zwang, den Hermunduren 
Sitze in ihrem eigenen Lande einzuräumen, imd dann, die Elbe über- 
schreitend, in der heutigen Lausitz dem Augustus einen Altar er- 
richtete, an dem ihn die neuen Bundesgenossen verehrten. Weiter 
war er auf deutscher Erde vorgedrungen, als je ein Römer vor ihm. 
Eiii unljekannter Feldherr griff die Völker an der mittleren Donau 
an, schlug die Dacer und Bastarner in der Theißebene, unterwarf 
die Osi, Cotini in den kleinen Karpathen und bezwang die Anarter 
im nördlichen Siebenbürgen. Auch der große Feldzug des Gnaeus 
Lentulus, von dem nur eine schattenhafte Kunde auf uns gekommen 
ist, kann nur in diese Zeit gesetzt werden. Denn dieser Krieg zeigt 
die Kraft des augusteischen Heeres auf ihrer Höhe. VonPannonien 
aus sind die Römer, die Donau und die Theiß überschreitend, 



durch das Tal der Marosch in das Waldgebirge eingedrungen und 
haben die Dacer im Innern Siebenbürgens bekämpft. Es schien, 
als ob diesem welterobemden Volke die Natur keine Schranken 
mehr setze. 

Eine so staunenswerte Schlagkraft römischer Heere, wie siedle 
Geschichte weder früher noch später sah, beruhte auf der unge- 
meinen Spannkraft in dem Baue der Grenzverteidigung, Die auf 
den Straßen von den Legionslagern vorgeschobenen, ganz zuRömern 
gewordenen Auxilia bildeten nur den Kern der Grenztruppen, an 
die sich die in römischer Weise geschulten Aufgebote der Unter- 
tanen anschlössen. So konnten die starken Heere, die der Führung 
ausgezeichneterFeldherrn anvertraut waren,gegen die angrenzenden 
Barbaren die betäubendenSchläge führen.diednrchdieRückwirkung 
auf die Untertanengebiete die Herrschaft in den Grenzprovinzen um 
so sicherer machten. Auch standen die großen Heere in Germanien 
und lUyricum durch die Straßenzüge, die an der oberen Donau, in 
Raetien und Noricum, nach einem weitblickenden Plane geführt 
waren, in sicherer Verbindung, sodaß sie sich jederzeit unterstützen 
konnten. Und es ist dies alles des Kaisers eigenstes Werk, der, 
kein Feldherr, in seiner Jugend das Wesen des Krieges mit dem 
Einsatz des eigenen Lebens tiefblickend erkannt hat. Sein Geist 
war es, der die Heere belebte und für den Sohn des göttlichen 
Juliers und seine immer siegreichen Adler auch den gemeinen Mann 
willig sein Leben einsetzen ließ. Um das Heer auf der Höhe seiner 
Kraft zu erhalten, wurden gerade in diesen Jahren 7 — 2 v. Chr. Jahr 
für Jahr die Veteranen entlassen, für deren Versorgung der Kaiser 
die Summe von 100 Millionen Denaren verwendete. So hoffte der 
Kaiser, dem Sohne dereinst, wenn er als Consul an die Spitze des 
. Reiches treten sollte, ein neues Heer, zu neuen Taten gerüstet, wie 
einst dem Drusus und Tiberius im Jahre 12, zur Führung über- 
weisen zu können. Auch Lucius hatte im Jahre 2, fünfzehnjährig, 
mit dem Männerkleide die Zusicherung des Consulates erhalten. 
Auf den Söhnen lag jetzt die Pflicht der Herrschaft, und das ganze 
Reich sollte es erkennen, daß Augustus bereit sei, nur mehr der 
Vater seiner Söhne zu sein, als er, der so lange der Vater seines 
Volkes gewesen war, auf Wunsch des Senates den neuen und 



J 



AugnsiuB 



dem Empfinden so alten Ehrennamen Pater Patriae, Vater des 
Vaterlandes, annahm. 

Da wurde das ganze Vertrauen auf seine Söhne zunichte durch 
den furchtbarsten Schlag, der die Spannkraft seines Geistes für 
immer brach. Das, was der Kaiser alle diese Jahre nicht hatte 
sehen wollen, obwohl es auch seinem blinden Auge nicht länger 
verborgen sein konnte, die ganze Ehrlosigkeit seiner Tochter, es 
».Chr. wurdezuroffenbarenSchande.DerKaiser hatte in eben diesem Jahre 
den Bau des Marstempels auf dem Forum, das seinen Namen trug, 
vollendet und weihte die Stätte, wo die Standbilder der großen _^-~j 
Feldherrn des Freistaates an die ruhmreiche Geschichte desStaates d:^^ 
erirmerten; er beging den Tag mit festlichen Spielen. Gaius undi 
Lucius hatten den Vorsitz geführt, Agrippa, der jüngste der Brüder - 
war mit den edeln Knaben im Troiaspiele geritten. Alles war auf- 
geboten worden, was nur die Schaidust der Hauptstadt durch Tier- 
hetzen, Gladiatorenkämpfe, Seeschlachten im künstlichen Wasser" 
hecken der Arena entzücken konnte. Da erfuhr es endlich Augustus 
wie die Tochter die heilige Zeit weihevoll begangen hatte. Um c 
Freuden, die keine mehr waren, den Reiz zu geben, hatte sie, dm^« 1 
Kaisertochter, mit ihren Lustgenossen trunkenen Mutes bei Nacfc:« n 
die Rednerbühne, von welcher Augustus seine Sittengesetze ve er- 
kundet hatte, zum Lager gewählt. In dem Berichte der Wächt^sr 
der nächtlichen Ruhe, die die tobende Schar ergriffen hatten, l^ks 
der Kaiser die offenkundige Schmach. Die Verzweiflung riß itui 
hin, vor dem Senate selbst der Ankläger der Tochter zu werden 
und alles, was niemandem ein Geheimnis war, offen darzulegen, 
nur um sich von dem Vorwurf zu reinigen, als hatte er um solches 
Tun gewußt. Jetzt las er erst in den Mienen der anderen seine eigene 
Schuld, daß er durch Gewährenlassen sich selbst den Abgrund 
gegraben, der die Ehre seines Hauses für immer verschlang, und 
von Scham niedergedrückt floh er das Antlitz der Menschen. Er 
verbarmte die rettungslos Gefallene nach der einsamen Insel Panda- 
taria, wohin ihr niemand folgte als ihre alte Mutter Scribonia. 
Furchtbar war es für Augustus vor allem, daß die Ruchlose so a 
dem göttlichen Blute der Julier gefrevelt hatte, und Sühne mußtel 
ihm werden an den Genossen ihrer Schuld. Hatte sie doch geradel 




i8. Dtr Untergang der Julier 



325 



in dem Kreise des Adels, der die großen Namen nur mehr trug, 
um die eigene Schande zu erhöhen, ihre Freunde gefunden, denen 
selbst das Leben des Kaisers nicht heilig war. Die Reinheit seines 
geweihten Amtes als Tribun des Volkes und höchster Priester des 
Staates war in ihm geschändet. Eine Anklage neuer Art, als sei 
die Majestät des römischen Volkes in dem Träger seines höchsten 
Vertrauens verletzt, wurde gegen jene erhoben, die seine Ehre in 
der Tochter gekränkt hatten. Der Vornehmste und Frechste von 
allen, Julius Antonius, der Sohn des Triumvirs, den Augustus, alle 
die Feindschaft vergessend, bis zumConsulate erhöht hatte, wurde 
des Todes schuldig befunden, und mit ihm starben QuintiusCrispi- 
nus, Appius Claudius, Cornelius Scipio, deren Ahnen als das Muster 
aller Tugenden des Kaisers Forum schmückten, sowie andere nie- 
deren Ranges. Unerbittlich war der Kaiser, je schuldiger er sich 
selbst wußte, gegen alle dieses Kreises, die in die Verbannung nach 
einsamen Inseln oder bis an die unwirtlichen Grenzen des Welt- 
reiches weichen mußten. Tiberius erhielt wohl die Scheidung von 
der Frau: aber der Kaiser zürnte ihm umsomehr, daß er seine 
Ehre mit dem Aeußersten gewahrt hatte, ohne ihn, den Ahnungs- 
losen, zu warnen, wie es die Pflicht des Freundes gewesen wäre. 

Selbst auf die Kaisersöhne fiel jetzt der dunkle Verdacht un- 
reiner Herkunft. Der ganze Boden der Herrschaft schien dem 
Kaiser zu wanken, die ja auf dem Vertrauen und der Liebe be- 
gründet war. Stärker als früher tritt seit jenem Tage die Be- 
tonung der Alleinherrschaft hervor, besonders im Osten, wo 
wie auf Paphos die Verehrung der Person des Kaisers und seiner 
Machtfülle in den Mittelpunkt tritt. Neue Eide der Untertanen 
hatten schon im Jahre vorher den Gehorsam gegen den Kaiser 
Und sein Haus zur heiligen Pflicht gemacht. Augustus wollte 
Von der Hoffnung nicht lassen, daß in den Söhnen eine Zeit 
des Glückes auch für ihn erblühen müsse. 

Die Geldspende, die Augustus auch in dem Jahre, als Lucius 
Caesar in das Staatsleben eintrat, den römischen Bürgern in der 
l^öhe von 60 Denaren auf den Kopf verteilen ließ, wurde die Ver- 
anlassung, die stets wachsende Zahl der Stadtarmen Roms ein- 
zuschränken. Denn bereits 320 000 Menschen erhielten regelmäßig 



I 



;jft Aneuntai 

die weit dmckeiidere Speisung aus den Speichern des Staates nach 
jenem Grundsatz des Gaius Gracchus, der den Enterbten des 
römischen Volkes das tägliche Brot umsonst gab. Diese Frumen- 
tationes, das rechte Erbe der Bürgerkriege, ganz zu beseitigen 
scheute sich der Kaiser, weil diese Verschleuderung der Staats- 
mittel kein bloßer Mißbrauch war. Denn eben diese müßige, 
hungernde Menge beherrschte wie in den Tagen der Gracchen schon 
durch ihre Zahl die Abstimmungen des Volkes und verlieh dem 
Herrn der Legionen des Reiches durch seinen Willen die bürger- 
liche Amtsgewalt wie das höchste Priestertum. So lebte auch 
unter der Alleinherrschaft dieser Schatten der einst so stolzen 
Hoheit des römischen Volkes in der Meinung der Plebs urbana 
weiter und forderte die Anerkennung seiner geschichtlich geworde- 
nen Rechte mit dem Ungestüm des Straßenaufruhres. Wenn Augu- 
stus zu versagen auch die Macht hatte, schwächere Herrscher hätten 
sich doch wieder der Hoheit der Straße gebeugt. So begnügte sich 
Augustus, diese Erbkrankheit des römischen Volkes zu lindern, in- 
dem er die Zahl der Getreideempfänger auf 200 000 einschränkte. 
Wie die Söldner ihre Ehrengabe beim Antritt eines neuen Princeps 
als Donativ erhielten, so sind die gleichartigen Geldgeschenke an 
die Plebs urbana, die Liberali tates, bei demselben Anlaß herkömm- 
lich, und an den großen Tagen im Familienleben der Herrscher, wie 
Geburten, Sterbefällen, hat die Plebs urbana Freud und Leid, mit 
Geld beschenkt, herzlich mitempfunden und bei den Festen des 
Kaiserhauses durch ihr stattliches Erscheinen die Zahl der Be- 
wunderer solcher Majestät, dem Glan2e der Weltherrschaft gemäß, 
auf Hunderttausende gesteigert. Wie im Rechte der Mißbrauch 
den Zweck überdauert, so hat das sterbende Rom des 4, Jahr- 
hunderts, als seine Weltherrschaft auf den Umkreis seiner Mauern 
beschränkt war, unter dem Rufe Panem et Circenses bei den täglich 
sich erneuernden Schaustellungen seinem Untergang zugejubelt, 
r, Augustus war einst neunzehnjährig zuerst an die Spitze des 

Staates getreten. Jetzt entließ er Gaius Caesar, als er in dasselbe 
Alter trat, damit er die Pflichten der Herrschaft im Osten übe. Mit 
Bedacht hatte Augustus dem jungen Manne Berater und Helfer an 
die Seite gestellt, die den Schauplatz seiner Tätigkeit aus eigen«' 



l8. Der Untaigaiig der J^ulier 

Erfahrung kannten. Jener LoUius, der bei der Begründung des 
Principates in Galatien die neue Ordnung geschaffen hatte, trat 
an die Spitze seiner Reisebegleiter, und in Syrien erhielt Quirinius, 
der einst den Tod des Amyntas gerächt hatte, wieder den Befehl 
über die Heere am Euphrat. Die Gelehrten des Hofes, wie 
König Juba von Mauretanien und der Geograph Isidorus von 
Charax, widmeten dem Prinzen ihre Werke über die fernen 
Länder des Ostens, die den Römern noch nicht gehorchten, eine 
schmeichelnde Mahnung, was die Meinung Roms von dem Kaiser- 
sohne erhoffte. Und an eine ernstere Zurückweisung der parthi- 
schen Anprüche muß auch der Kaiser gedacht haben, und die 
frohe Hoffnung, daß Gaius im Osten den stolzen Flug seines 
Drusus erneuern würde, mag sein väterliches Herz bewegt haben. 
Die erste Kenntnis der Schulung und Führung römischer Heere 
erwarb Gaius an der Donau, wo der Anblick der kämpf gehärteten 
Legionen ihm den Ernst seiner Aufgabe vor Augen führte. 

In Kleinasien sollte er dem Verbannten von Rhodos begegnen. 
Schon hatte Tiberius sich so weit gedemütigt, für Julia, die ihn 
entehrt hatte, die Gnade des Kaisers zu erbitten. Nun war auch 
die rribunicische Gewalt, die ihn schützte, erloschen; er bat von 
neuem in Briefen an Augustus, an seine Mutter, an seine Freunde 
in Rom, man möge ihm doch gestatten, als einfacher Bürger 
zurückzukehren. Das Geständais entrang sich seiner Brust, er habe 
nur Gaius imd Lucius nicht im Wege stehen wollen, eine bittere 
Wahrheit für den Kaiser, der unerbittlich blieb. Kaum erreichte 
es die Mutter, daß der Name eines Legaten ihn vor dem äußersten 
Unglimpf schützte. Und jetzt mußte er vor Gaius in Chios er- 
scheinen, ihm zu huldigen. In Wirklichkeit bettelte er um sein 
Leben, angesichts der Höflingsschar, die ihn tun seiner wahren 
Verdienste willen um so bitterer haßte, Gaius gehorchte nur dem 
Willen des Augustus, wenn er dem Verbannten befahl, nach 
Rhodos zurückzukehren. Aber der Kreis, der ihn umgab, lachte 
über den Elenden, und wie zur Wette erboten sich die Erbärm- 
lichsten, wie der junge Domitius Ahenobarbus, den Kopf des Ge- 
ächteten aus Rhodos zu holen. Tiberius wagte es nicht mehr, sein 
Haus zu verlassen und spähte die langen Nächte mit dem Astrono- 



L 



328 AiipistQS 

raen Thrasyllus in den Sternen nach seinem Schicksal, sein Herz in 
Zorn und Gram verzehrend. Sein Leben geriet in ernste Gefahr, 
nur weil Centurionen in dem Gefallenen noch den Feldherm, der 
sie immer zum Siege geführt, geehrt hatten. Wahrlich, sein Leiden 
überstieg Menschenkraft, und seine Natur mußte entarten unter 
dem Zwange, noch Ergebenheit und Liebe für diese Kaisersöhnc 
zu heuchein. Noch zwei Jahre sollte er in seinem Kerker Rhodos 
verharren, bis die Bitten seiner Mutter es bei Auguslus ver- 
mochten, daß die Entscheidung über sein Schicksal Gaius anheim- 
gestellt wurde. Zu seinem Glücke hatte damals sein Todfeind 
LoUius durch seine Bestechlichkeit und andere Laster den Ein- 
fluß über Gaius verloren, sodaß Tiberius die Erlaubnis zur Heim- 
kehr erhielt unter der Bedingung, sich von jedem Anteil am Staate 
fernzuhalten. Dem Anscheine nach weiter als je vom Throne, wal 
,er ihm unmerklich näher getreten. Denn der zweite der Kaiser- 
söhne, Lucius, der in diesem Jahre in Spanien an die Spitze da 
Heere treten sollte, starb auf der Reise inMassilia, am 20. August 
des Jahres zn.Chr. Tiberius verfaßte in Rom ein Leichencarmeo 
auf seinen geliebten Lucius, und Augustus nahm es an. 

Gaius, der den Osten vor allem als Herrscher kennen lernen 
sollte, war über Syrien auch nach Aegypten gelangt, wo ein neuef 
Krieg mit den Marmariden in der libyschen Wüste und mit ihren 
Nachbarn an der großen Syrte, den Garamanten, drohte. Dani^ 
war er über Jerusalem nach Syrien zurückgekehrt und hatte weda 
dem Apis noch dem Jahve geopfert. Den Streit um Armenien ^ 
jetzt der König der Parther Phraataces bereit friedlich zu schlichten, 
um ein Eingreifen der Römer in seinem eigenen Lande fernzuhalten, 
Angesichts ihrer Heere, die an beiden Ufern versammelt standen, 
trafen die Fürsten auf einer Insel des Euphrat zusammen und ge- 
fielen sich, nachdem der Parther auf die Oberhoheit über Armenien 
verzichtet hatte, im Austausch gegenseitiger Freundschaft. Die 
Herrschaft über Armenien erhielt aus der Hand des Gaius Ariobar 
zanes, der Sohn des medischen Königs Artavasdes. Um den SchütZ' 
ling in seinem Reich einzusetzen, erschien Gaius selbst in Armenien, 
weil die Partei der parthisch Gesinnten noch immer seiner Herr-' 
Schaft widerstrebte. Da geschah es, daß bei der Belagerung voa 



!, Artageira der Kaisersohn während der Verhandlung mit denFeinden 3 "■ ehr. 
durch die Tücke des Parthers Addo eine schwere Wunde empfing. 
I>as Heer rächte seinen Feldherrn und erstürmte Artageira. Aber 
■von dieser Stunde siechte Gaius dahin. Unfähig geworden, seinen 
Pflichten zu genügen, erbat er und erhielt endlich von Augustus 
die Erlaubnis zur Heimkehr. Er sollte Italien nicht mehr sehen. 
' Auf der Reise schied er in Limyra an der Küste Lyciens aus dem 4 n, che. 
Leben. So hatte das grausame Geschick Augustus beide Söhne 
geraubt, und das ganze Reich teilte den Schmerz des Kaisers um 
die letzten Julier, deren Jugendblüte vor der Zeit geknickt war. 

Wohl war dem alternden Kaiser in dem Sohne seines Drusus, 
Germanicus, das Ebenbild des stets betrauerten Lieblings erwachsen. 
L Die Neigung trieb, ihm das Erbe des Thrones zuzuwenden. Aber 
lauter sprach die Verantwortung des Herrschers, wo das Blut der 
] Julier denn doch zur Erde gesunken war, den Mann seines Hauses 
)-Zur Herrschaft zu berufen, der allein der Last des Amtes auch ge- 
1! wachsen war. Augustus überwand sein Herz und erwählte den 
[ Mann, vor dem sein Empfinden zurückschauderte, der durch sein 

I, bloßes Erscheinen im trauten Kreise Scherz und Laune verstummen 
j machte, zum Nachfolger. Am 26. Juni des Jahres, das ihm Gaius 
I entrissen hatte, nahm er Tiberius an Sohnesstatt an. Sein inneres 
|i Widerstreben verriet er, in dem Augenblicke, wo er das Schicksal 
i des Reiches für immer seinen Händen anvertraute, als er seine Wahl 
h vor dem Senate mit dem Schwüre entschuldigte, nichts als das Wohl 
1' des Staates hätte ihn dazu vermocht. So war für Tiberius die Er- 
1 fiillung eines kaum mehr gehofften Wunsches ein Schmerz mehr. 
i| Und Augustus häufte noch die Kränkung, da er ihn zwang, obwohl 
Tiberius selbst einen Sohn besaß, den Germanicus und neben ihm 
., Agrippa, den von Augustus selbst verachteten letzten Sproß aus 
f Julias Schoß, an Sohnesstatt, anzunehmen. Selbst als Erbe des 
I Thrones sollte es Tiberius noch empfinden, daß er auch jetzt nach 
jXiem Herzens wünsche des Kaisers nichts war als der Platzhalter 
feines Besseren. Wieder hatte Augustus selbst und ganz allein in 
(Seiner Verblendung den Keim all des Unheils gesät, das nach seinem 
jTode sein ganzes Hans zerrüttete, Tiberius hatte alles hingenommen 
nüt dem stummen Gehorsam des Soldaten, um in seinem Innern 




230 



Aueuani» 



von dieser Stunde an gegen die, die ihm nach den Banden des Blutes 
die Nächsten sein sollten, Haß und Mißtrauen zu nähren. Ab« 
das Wohl des Staates, das war durch all das Leiden dieser unseligen 
Menschen im Augenblicke wenigstens gesichert. Der Feldherr stand 
wieder an der Spitze der Heere, der jeder Aufgabe gewachsen war. 
Noch im Jahre seiner Erwählung ging Tiberius an den Rhein, 
wo die Herrschaft der Römer ins Wanken gekommen war. Vier 
Jahre vorher hatte Marcus Vinicius einen Aufstand niedergeschlagen 
und dann Domitius Ahenobarbus die Straßen und Befestigungen in 
dem Lande zwischen Rhein und Weser wiederhergestellt. Aber der 
König, den er den Cheruscem gesetzt, wurde von dem unbotmäßigen 
Volke um so sicherer wieder gestürzt. Bei dem Erscheinen des gc- 
f ürchtetenClaudiers fügten sich die Völker Deutschlands wieder dem 
fremden Joche. Den Rhein an seiner Mündung überschreitend, 
durchzog er das Gebiet der Carmanefaten, Atuarier, Bructerer un(j 
unterwarf die Cherusker. Auch das Land jenseits der Weser wurde 
wieder in Besitz genommen. Sentius Satuminus drang vom Ober- 
rhein von neuem inDeutschland ein und unterstützte die Bewegungen 
des Hauptheeres. Bis in den Dezember hatte Tiberius das Heer 
bald hier, bald dort durch die deutschen Gaue geführt, und zum 
ersten Male bezogen die Legionen ihre Winterlager auf deutsche! 
Erde an den Quellen der Lippe. Tiberius eilte im Winter nach 
Rom, um im Frühjahre das Werk der Bezwingung Deutschlands 
n. Cbr, zu beenden. Auch die Chancen lieferten jetzt beim Herannahen 
des römischen Heeres die Waffen aus, und ihre Fürsten lagen knie- 
fällig vor dem Tribunal des Imperators. Mehr eine Waffenschaa 
in dem unterworfenen Lande war es, als Tiberius, nachdem er nodt 
die Langobarden unterworfen hatte, das ganze Heer an dem Ufd 
den Elbe versammelte, wähi-end dieKriegsf lotte, die dieMeeresküste 
umfahren hatte, in den Strom einlief. Lfeberwältigend auch für die 
Völker jenseits der neuen Grenze des römischen Reiches erschien 
diese Entfaltung unbezwinglicher Kraft. Aus dem staunenden Heer- 
liaufen der Semnonen, die am anderen Ufer diesen Anblick schauten, 
bestieg ein greiser Häuptling einen Kahn und erbat, am römisches 
Ufer landend, den göttlichen Führer dieser in Waffen und Ehren- 
zeichen strahlenden Scharen zu sehen. Wer mag es leugnen, daß 



dieses Weltreich mit all dem prangenden Glänze seiner Cultur den 
Augen der einfachen Söhne des Waldes als Spiegelbild des 
Ueberirdischen erscheinen mußte? 

Nur ein Mann hatte bisher in den Wäldern Boeheims den 
römischen Waffen getrotzt, jener Marbod, der die Sueben vom 
Neckar in ihre neue Heimat geführt hatte. In seiner Jugend hatte 
er am Hofe des Augustus geweilt und kannte römische Art besser 
als irgendeiner der deutschen Fürsten. An Stelle der losen Gefolg- 
schaft, die nur im Krieg ins Leben trat, setzte er in seinem Staate 
die dauernde Macht eines Königs, der auch im Frieden Gehorsam 
fand, und übte seine Scharen in der eisernen Zucht der Römer, 
die diese unüberwindlich machte. In seinen neuen Sitzen dem un- 
mittelbaren Einfluß Roms entzogen, gründete er einen Staat, der 
bald allen seinen Nachbarn furchtbar wurde. Die Römer hielt er 
von sich ferne, mit seiner Macht drohend oder auch um die Gunst 
der Mächtigeren werbend. So unterwarf er sich die Stämme der 
Lugier, Gutonen und selbst die streitbaren Semnonen, so daß er 
von Böhmen über Schlesien bis in die Brandenburg gebot. 70000 
Fußgänger und 4000 Reiter zählte sein Heerbann, erprobt in der 
steten Übung des Krieges. Diesen Feind gedachte Tiberius als 
letzten im Jahre 6 anzugreifen. Er selbst wollte mit dem Heere 
niyricums, verstärkt durch einen Teil des Rheinheeres, von Car- 
nuntum über Mähren von Osten in Böhmen einbrechen, während 
der StatthalterObergermaniens mit den Legionen des Rheines durch 
das Maintal nach dem Fichtelgebirge zog und Marbods Reich an- 
griff. Mit Feuer und Axt den Weg durch die Urwälder sich bah- 
nend, hatten die römischen Heere, an Zahl den Deutschen um das 
Doppelte überlegen, auf fünf Tagemärsche den Sitzen Marbods sich 
genähert, als der Aufstand, der in ganz lUyrien losbrach, ihnen 
Einhalt gebot. Das Bewußtsein, daß ihr unbarmherziger Bezwinger 
wieder an der Spitze des Reiches stand, hatte die Illyrier, mehr noch 
als der unerträgliche Steuerdruck römischer Härte, zurV erzweif lung 
getrieben. Aber in einem halben Menschenalter des Leidens waren 
die unerfahrenen Wilden zu Soldaten römischer Zucht geworden. 
Die Jugend wie das Alter, die in allen Teilen des römischen Rei- 
ches unter Waffen gestanden hatten, war in kriegerischer Schu- 



k 



-'33 



AueusiD« 



lung auch den Legionen gewachsen. Wahrhaft furchtbar war die 
Gefahr, in der bei der Nähe des Feindes selbst Italien schwebte, 
Um sie zu beschwöien, griff Augustus, dessen Greisenhand das 
Steuer des Staates zu entgleiten drohte, zu den äußersten Mitteln, 
Fühlte er doch den Thron seit dem Tode seiner Söhne wanken. 
Wieder hatten sich Mordgesellen gegen sein Leben verschworen, 
Diesmal ließ er auf Livas klugen Rat diesem knabenhaften Tun 
It Cht. nur die Strafe der Knaben widerfahren. Auch dieser mitherrschende 
Senat, die Last seines Herrschens, bedurfte einer Besserung. Aus 
zehn, die er für die Würdigsten hielt, ließ er durch das Los drei er- 
wählen, die die Liste des Senates reinigen sollten. Da wichen, die sich 
selbst verurteilten, freiwillig von den Bänken des Senates. Auch das 
römische Volk war nicht, was es sein sollte. Die Pest der Freilassung 
vergiftete immer von neuem sein Blut. Durch strenge Bestimmung 
sollte in Zukunft die Freiheit nur erhalten und gewähren, wer dessen 
würdig war. Jetzt drohte in diesem furchtbaren Aufstand auch die 
sicherste Stütze des Reiches, das Heer, zu versagen. Die Ergänzung 
wie die Entlassungen waren seit Jahren unterblieben, weil die Last 
des Soldes zu groß geworden war. Und doch, sollte das Heer seinen 
Zweck erfüllen, so gab es kein Mittel, als diese Last noch zu steigern.. 
Der Kaiser erhöhte den Sold der Bürgertruppen um ein Drittel und 
gründete für die Versorgung der entlassenen Soldaten eine n 
Kasse, die nur neue Steuern füllen konnten. In der Voraussicht dieser 
Notwendigkeitjdie ja nicht erst dieser Auf stand schuf, hatteAugustus 
bereits im Jahre s den Wohlstand Italiens durch Aufzeichnung der- 
jenigen, die mehr als loooooSesterzen im Vermögen besaßen, fest- 
stellen lassen. Die Grundlagen für die neuen Steuern aufErbschaften 
und den Verkehr waren vorhanden. Steuern waren es allerdings 
nicht, was das römische Volk von der Herrschaft des Friedensfürstea 
erwartete. Hatte er doch bisher die letzten Ideale des freien Bürgers, 
Freiheit vom Heerdienst und von der Steuer, im Uebermaß erfüllt. 
Um sie zu besitzen, hatte man gerne auf jede andere Freiheit ver- 
zichtet. Jetzt regte sich mit Gewalt im römischen Volke das Ge- 
fühl der wahrhaft freien Männer, die keine Pflichten kennen, und 
nur die Drohung, die Vermögenssteuer, die schon vorbereitet war, 
ihnen aufzuerlegen, ließ sie das kleinere Uebel wählen. 



i8. Der Uatei^ng der Julier ji^ 

'er Kaiser brach jetzt auch mit dem Grundsatz der senato- 
rischen Verwaltung für Rom und Italien. Rom, so oft von Bränden 
heimgesucht, besaß keinen Schutz gegen die immer wiederkehrende 
Gefahr. Denn das aus der Zeit des Freistaates ererbte Verfahren, 
wonach alle Beamten im Falle eines Brandes das Feuer bekämpften, 

• denen nur die geschulten Löschmannschaften fehlten, war der reine 
j Hohn auf die Sicherheit der Weltstadt. Augustus überwand das 
j Bedenken, eine neue bewaffnete Macht in die Mauern Roms zu 

führen, und schuf die Brandwache Roms, die Vigiles, Ganz nach 
' dem Vorbilde der Leibwache wurden sie als Soldaten in der Stärke 
[ von 7 Cohorten aufgestellt, unter dem Befehl eines Praefectus Vi- 
gilum aus dem Ritterstande, und erhielten an den Grenzen der 14 
Regionen der Stadt ihre festen Kasernen. In demselben Jahre 
brach der Kaiser auch mit dem Grundsatze, in Fällen der Not Be- 
amte aus dem Senat für die Getreideverteilung zu berufen, und gab 
sich in dem Praefectus Annonae dauernd einen Helfer aus dem 
Ritterstande, um die Verpflegung der Hauptstadt in eine Hand zu 
legen. Auch verließ er in der Verwaltung der neuen Kasse für die 
Versorgung der Veteranen den Grundsatz, den Beamten der 
Hauptstadt ihr Amt nur auf ein Jahr zu übertragen, da die Prae- 
fecti aerarii militaris, die aus den Praetoriern erlost wurden, durch 
[ drei Jahre ihr Amt führten. Die Herrschaft war persönlicher ge- 

• worden, und selbst an der Leitung der Beratungen des Senates 
I hinderte später den Kaiser seine zunehmende Kränklichkeit, so 

daß er mit einem Ausschuß des Senates in seinem Palaste die 
wichtigsten Angelegenheiten zu erwägen pflegte. 

Auch in den Provinzen zeigte sich eine neue Art, die Herr- 
schaft zu üben. Der Aufstand der Marmariden, dessen ich früher 
I gedachte, hatte den Kaiser bestimmt, die Verwaltung der Cyre- 
fOaica dem Senate zu entziehen und auf die Bitte einer Gesandt- 
i Schaft der griechischen Städte, die im Winter des Jahres 2 n. Chr. 
'die Reise nach Rom gewagt hatte, ein Heer unter einem Obersten 
«Seiner Leibwache nach dem Lande zu entsenden. Der Mann seines 
V'ertrauens, QuiriniuSj Statthalter Syriens, erhielt die Oberleitung 
kies Krieges und unterwarf, mit außerordentlicher Gewalt ausge- 
(Stattet, in mehrjährigen Kämpfen diese wilden Völker, Auch Sar-* 




234 Aucustus 

dinien, das von heimischen Räubern geplagt wurde, erhielt einen 
kaiserlichen Präfekten zum Statthalter, der gleich jenem der Cyr^ 
naica aus den Obersten der Garde genommen wurde. Dieser ü 
Ägypten erprobte Grundsatz, zu politisch bedeutsamen Stellen di 
einzig zuverlässigen Spitzen der Leibwache zu berufen, wird jeti 
erst ein allgemeiner Grundsatz der Verwaltung für die culturlose 
oder früher von Königen beherrschten Gebiete, und auch 
höchste Amt für die Erhebung von Steuern in den Provinzen, 
deren Statthalter dem Senate entnommen wurden, ist eine Belob 
nung für diese Getreuen. Die Fürsten des Ostens schonte der Kai' 
ser nicht mehr wie früher in ihrer angestammten Herrschaft; 
So wurde gleichfalls im Jahre 6 Judäa dem Sohne des HerodeS 
genommen und einem kaiserlichen Procurator unterstellt. Da 
gleiche Schicksal traf die geistlichen und weltlichen Herrn 
Osten Kleinasiens, wo weite Gebiete am Pontus zu den Provinzen 
des Kaisers geschlagen wurden. Es war auch die steigende Leere 
in den Kassen, die den Kaiser zwang, durch die unmittelbare Ver^ 
waltung die Steuerkraft der Länder besser zu verwerten. Selbst in 
der Auswahl der Personen, denen der Kaiser die Verwaltung seiner 
Provinzen anvertraute, trat jener Zug des Alters hervor, das nur ge- 
wohnten und erprobten Dienern Vertrauen schenkt, und verleitete 
den sonst so klaren Herrscher zu den schwersten Mißgriffen. 

Zu spät erkannte Augustus, derder Hilfe so sehr bedurfte, den 
wahren Wert des Stiefsohnes und gab sich dem Manne, der io 
seiner Treue und seiner Hingebung nie gewankt hatte, auch offenen 
Herzens hin. Stärker als früher wirkte der Einfluß seiner Frau auf 
ihn, deren klugen Rat fer gerne hörte, ohne jedoch diesem Ulysset 
in Frauen kl eidern gegenüber die Vorsicht zu versäumen, den In- 
halt ihrer politischen Gespräche vor ihren Augen aufzuzeichnen. 
Aber ehrwürdiger als je erschien Ider greise Herrscher in der Not 
dieser letzten Zeit seiner Herrschaft den Augen der Seinen. Denn 
er, den das Gluck sein ganzes Leben getragen, erfuhr jetzt, daß 
niemand glücklich zu preisen sei vor dem Ende seiner Tage. Furcht- 
bar waren die Schatten, die auf die Herrschaft des Friedensfürstea 
fielen, und die Vergeltung traf ihn, daß er durch die Unterjochung; 
freier Völker seinem eigenen Werke untreu geworden war. 




Während das Heer Illyricums gegen Marbod zog, war ein Auf- 
stand bei den Daesitiaten im heutigen Montenegro losgebrochen 
und hatte sich in den Wäldern und Schluchten lllyriens wie ein 
Lauffeuer ausgebreitet, da der langgenährte Haß in hellen Flammen 
aufloderte. Die schwachen Abteilungen römischer Soldaten, die 
noch zerstreut im Lande standen, wurden vernichtet, die Kauf- 
leute, und wer sonst das Kleid der Römer trug, erschlagen. Mit 
200 000 Fußgängern und 9000 Reitern wollten die Aufständischen 
die Städte der Römer, Nauportus und Tergeste, niederbrennen und 
den Weg nach Italien sich öffnen, Augustus erklärte im Senat, 
der Feind könne in zehn Tagen vor Rom stehen. Die Waf fenplälzc 
der Römer im Savetal widerstanden dem ersten Ansturm der 
Breucer, die unter ihren Königen Bato und Pinnes fochten, und 
Aulus Caecina führte die Legionen Moesiens heran. So wurden die 
lUyrier im eigenen Lande festgehalten. Tiberius hatte die Kunde 
von dem Aufstande erreicht, ehe es zwischen den römischen Heeren 
und den Marcomannen zur Schlacht gekommen war, Marbod, im- 
mer nur auf seine eigene Sicherheit bedacht, schloß mit den Rö- 
mern von neuem Frieden und Freundschaft, so daß auch von 
Norden die Legionen gegen lllyrien heranzogen. Das Heer wurde 
im Laufe des Krieges durch vier Legionen aus Obergermanien und 
Spanien verstärkt. Selbst aus Syrien und Ägypten trafen drei Le- 
gionen unter Plautius Silvanus auf dem Kriegsschauplatze ein, um 
1; das Heer Moesiens zu verstärken. Zuletzt gebot Tiberius über 
1 15 Legionen, ro Alae und 70 Gehörten der Auxilia. In Italien 
t wurden Soldaten ausgehoben und die Veteranen bis zu loocx) Mann 
E UDt^ die Waffen gerufen. Sogar -Freigelassene stellte Augustus 



3jft AogustiiB 

in das Heer ein und biMete aus ihnen besondere Abteilungen d 
Cohortes Voluntariorum. Doch beherrschten zuerst die Aufstän- 
dischen das Feld. Caecina erfocht zwar einen Sieg über die Breu- 
cer an der DraUj aber bald fanden sie die Unterstützung der Dal- 
mater. Der Daesitiate Bato bedrohte die Städte an der Küste Dal- 
matiens. Vor Salonae zurückgewiesen und verwundet, ließ er das 
ganze Küstengebiet bis Apollonia in Epirus verheeren. Der Statt- 
halter lllyriens, Valerius Messalinus. mit der Hälfte der 20. Legion 
herbeieilend, wurde zuerst von den Dalmatern geschlagen und 
gewann ein zweites Treffen nur durch eine Kriegslist. Nicht 
glücklicher focht Caecina. Bato der Daesitiate vereinigte sich 
mit den Breucern und besetzte eine starke Stellung ara Almas- 
gebirge im Norden von Belgrad. Die thrakische Reiterei unter 
König Rhoemetalces wurde zurückgeworfen, auch die Auxilia 
geschlagen, und selbst die Legionen behaupteten unter dem Ver- 
luste vieler Stabs- und Oberoffiziere nur mit Mühe ihre Linien, 
Bald mußte das moesische Heer ganz vom Kriegsschauplätze wei- 
chen, da die Illyrier verheerend in Macedonien einbrachen und 
die Dacer und Geten, die Donau überschreitend, Moesien 
wüsteten, Tiberius beschränkte sich den langen Winter darauf, 
die Savefestungen zu halten und nur durch Vorstöße die immer 
weichenden Gegner zurückzuweisen. 

Obwohl Germanicus im nächsten Kriegsjahre mit VerstärkungCD 
aus Italien eintraf, sodaß die Küste Dalmatiens durch die Cohortes 
Voluntariorum gedeckt werden konnte, blieb Tiberius in der Ver- 
teidigung, mehr bemüht, durch verheerende Züge die Kraft del 
Gegner zu schwächen als eine Entscheidung herbeizuführen. Im- 
mer noch hinderten die beiden Batos in ihren Stellungen an den 
versumpften Ufern der Drau- und Savemündung Aulus Caecina, 
der bereits durch die Legionen des Ostens verstärkt war, am Vor- 
dringen. Sie griffen das ihnen gegenüberliegende römische Heei 
an und trieben es auf seine Yerschanzungen zurück. Nur Germani- 
cus war in Dalmatien eingedrungen und hatte die Maezei im nörd- 
lichen Bosnien unterworfen. Die Natur solcher Volkskriege bring 
es mit sich, daß der weniger geschulte Gegner zuletzt die Ent 
Scheidung sucht. So stellten sich im dritten Jahre die Pannooie 



. Die Empfirung in Tllyriea imd Germanien 



237 



i dem Heere des Tiberius am Flusse Batinus zur Schlacht. Bereits 
,' hatten die Römer Bato den Breucer gewonnen. Er verriet um den 
' Preis, als einziger Herrscher den Breucern zu gebieten, seinen 
: Mitkönig Pinnes und verhalf den Römern zum Siege über sein 
eigenes Volk. Vergeltung an dem Treulosen zu nehmen, drang 
Bato der Daesitiate mit seinen Dalmatern in Pannonien ein, be- 
lagerte den Breucer in einer Stadt und zwang ihn zur Übergabe. 
Vor das Volksgericht gestellt, erlitt er den verdienten Tod. Aber 
I der Krieg im eigenen Lager hatte die Kraft der Illyrier ge- 
, schwächt. Die Pannonier erlagen in einer Feldschlacht dem 
i'Heere, das Plautius Silvanus von Osten heranführte. 

Bato der Daesitiate sah keine Hoffnung mehr als in der Ver- 
teidigung seiner Heimat. Er ließ die Straßen, die aus dem Tale 
der Save undMorava in das Innere Dalmatiens führten, dicht be- 
isetzen, um den Römern den Eintritt in seine Berge zu wehren, 
I Doch konnte Tiberius, nachdem der Widerstand in Pannonien ge- 
' brochen war, seine ganze Übermacht gegen die Dalmater wenden. 
' Die Pässe wurden erstürmt, und von allen Seiten drangen die Römer 
'j in das Land ein. Germanicus nahm Splonum und nach einem grauen- 
|| vollen Kampfe Raetinium, Als die Dalmater den Befestigungs- 
i ring nicht mehr zu halten vermochten, legten sie Feuer in die Stadt 
' und wichen in die Burg zurück. Die Römer, Herren des Walles, 
' drangen bis unter die Mauer der Burg vor. Da sahen sie sich, als 
sie mit den Verteidigern im Kampfe lagen, von den aufflammen- 
■ den Gebäuden und dem brennenden Holzwerk der Befestigungen 
l'wie in einem Feuerring gefangen. Nur um den Weg ins Freie 
Zu gewinnen, häuften sie Leichen auf Leichen über die brennenden 
Häuser und die Flammen des Walles, und auf diesem Menschen- 
lidamme wie auf einer Brücke entrannen sie dem Verderben, Auch 
die Verteidiger der Burg wurden durch die Flammengarben und 
!<ien qualmenden Rauch zur Flucht gezwungen und retteten sich 
in unzugängliche Höhlen. In dieser grausigen Weise raste der 
'Xrieg in ganz Dalmatien. Drei römische Heere, von Tiberius, 
Plautius Silvanus und Aemilius Lepidus geführt, durchzogen das 
Land und trieben die Einwohner von Ort zu Ort. Auch.Seretium, 
das Tiberius zuerst getrotzt hatte, wurde jetzt bezwungen. Die 



k. 



238 AuKDtlus 

verzweifelten Kämpfer um den geliebten Boden der Heimat dräng- 
ten sich um die Felsburg Andetrium bei Salonae zusammen, nui 
mehr bemüht, den verhaßten Feinden Schaden zu tun. Da ver- 
einigte Tiberius sein Heer zum Angriff auf die Stadt. Während 
die Römer auf den imgangbaren Bergpfaden den Weg zu diesem 
Felsenneste - zu erstürmen suchten, gingen von den vorliegenden 
Höhen gewaltige Felsblöcke, die Räder schwerer Wagen nieder, 
sie zu zerschmettern, und die Geschosse der unerreichbaren Feinde 
streckten sie nieder. Endlich wurden die Römer Herren einer 
Höhe, die die Stellung der Verteidiger beherrschte und ihnen den 
Rückzug nach der Stadt sperrte. Die Dalmater wurden von den 
Bergen heruntergeworfen, in die Wälder hineingetrieben, wo man 
sie wie das wilde Getier aufspürte und niedermachte. Als Ande- 
trium selbst erstürmt wurde, war Bato dennoch entkommen, und 
weiter spann sich dieses Krieges jammervolles Elend. 

Keinen anderen Weg gab es mehr, den erbarmungslosen 
Feinden zu entgehen als die Selbstvernichtung, Germanicus griff 
Arduba an, das von einem Strome umflossen wurde. Als die 
Belagerer der Stadt immer härter umdrängten, brach unter den 
Verteidigern ein Kampf aus zwischen den Bewohnern und den 
Überläufern aus dem römischen Heere, die in der Übergabe ihr 
sicheres Verderben sahen. Mochten die Männer, Sieger in dem 
Gemetzel, ihre Waffen und ihre Leiber den Römern überliefern, 
die Frauen der Dalmater konnten die sichere Schande nicht auf 
sich nehmen und warfen sich von der Mauer herab in den mitleids- 
vollen Strom oder verbrannten mit ihren Kindern in den rettenden 
Flammen der Häuser, Es war kein Krieg mehr, sondern die Aus- 
rottung des ganzen Volkes. Bato, nur um Gnade für die Seinen 
zu erlangen, lieferte sich selbst den Römern in die Hände. Vor 
das Zelt des Imperators geführt, war er bereit zu sterben, nur 
sein Volk sollte man schonen, dem die Verzweiflung über den 
unerträglichen Druck die Waffen in die Hand gezwungen hatte. 
Er fand Gnade und sein gänzlich vernichtetes Volk die Ruhe 
des Grabes. Der Sieg war gewonnen und Rom um einen Triumph 
reicher, Germanicus selbst überbrachte die Nachricht von der 
Unterwerfung Illyricums nach Rom. Fünf Tage später gelangte 



e Empnmng io lUyrieo und Geriii«nfeB 



239 



in den Jubel, der ganz Rom erfüllte, eine andere Nachricht, daß 
die stolzen Sieger die Vergeltung der Götter für das Elend, das 
sie über die Völker brachten, getroffen habe. Deutschland hatte 

1 sieghaft erhoben gegen die Herren der Welt, 
Die Herrschaft der Römer hatte die Völker geeint, und über 

rg und Tal hinweg gelangte die Kunde in den Urwald an der 
Weser von dem Ringen und Sterben der Ulyrier. Auch die 
Deutschen empfanden den Zwang der Knechtschaft härter als 
früher. Augustus hatte ihnen den Quintilius Varus, den Gemahl 
seiner Nichte Claudia Pulchra, zum Gebieter gesetzt. Früh durch 
Gunst emporgehoben, schon im Jahre 13 v. Chr. Consul mit 
Tiberius, hatte er später durch lange Jahre Syrien verwaltet, wo 
sein Wille wie seine Willkür über ei^n in Knechtschaft erzogenes 
Volk ohne Schranken gebot und die Steuern des Landes auch den 
Reichtum seines Herrn mehrten. Stumpfen Geistes, trägen Lei- 
bes, sah er auch in den freien Söhnen des Waldes nur Unte^r- 
tanen, die jetzt zu scheuem Gehorsam zu zwingen die bedrohte 
Herrschaft der Römer ihm zu gebieten schien. Er ließ sie die 
Härte des römischen Steuerdruckes, der dem Ärmsten das Letzte 
nahm, empfinden und die Segnungen eines Rechtes, das, in einer 
unverständlichen Sprache des herrschenden Volkes geschrieben, 
die lebendige Anschauung ihres natürlich gewordenen Rech- 
tes in dürre Begriffe spaltete. Je stärker der ungebändigte 
Wille der Freien solchem tötenden Zwange widerstrebte, desto 
schärfer zog er die Zügel an, um ihn zu brechen, bis 
sie mit ungestümer Kraft den schlaffen Reiter in den Staub 
schleuderten. 

Eines hatten die Deutschen von den Römern willig gelernt, 
die neue Zucht des Krieges, Unter römischen Führern gebildet, 
war ihr Heerbann nicht mehr Spreu vor dem geschlossenen 
Wall der Legionen. Ihre Edelinge hatten die freien Volksgenossen 
unter der Fahne der Römer geführt und den Herrn die Kunst ab- 
gelauscht, Krieg und Schlacht planvoll zu leiten. Die Besten 
unter ihnen sannen seit langem auf Mittel und Wege, das ver- 
haßte Joch der Fremden abzuschütteln, und auch der gemeine 
Mann war jetzt nach Jahren der Fremdherrschaft bereit, Gut und 



340 



Ausn)tii!< 



Blut daran zu setzen, sie wieder außer Landes zu jagen. Über 
die Feindschaft der Stämme hatte die gemeinsame Not die Brücke 
der Freundschaft geschlagen. Der Chatte und der Cherusker, 
der Bructerer und der Chauce, waren sie nicht Söhne derselben 
Erde? einig in dem Glauben an Wotan und die Helden von Wal- 
halla, in deren ewigjunge Reihen die Schlachtenjungfrauen den 
Tapfersten führten? Am mächtigsten war der Gedanke der 
Erhebung bei den Cheruscern, die der Herrschaft Roms erst 
wenige Jahre sich wieder gefügt hatten und an ihren adeligen 
Sippen bewährte Führer besaßen. Die Feindschaft, die am schärf- 
sten die zu trennen pflegt, welche die Bande des Blutes aufs engste 
verknüpfen sollten, hatte unter diesen Adeligen Segestes aus 
Haß gegen sein Geschlecht völlig zum Römling werden lassen, 
da ihn die Römer über die Seinen erhoben. Manche, wie jem 
Flavus, von römischem Waffenglanze geblendet, waren ganz i 
die Reihen des römischen Heeres getreten. Julier nannten sich 
diese stolzen Deutschen, den neuen Adel der Fremden in dem 
Namen des Herrschers der Römer tragend. Andere desselben 
Hauses waren die Führer geworden in dem Bunde der Deutschen 
gegen die Herrschaft der Fremden. Der jüngste dieser Helden, 
Arminius, war es, der ein Retter erstand seinem Volke, 
höchsten Gaben hatten die Götter ihm verliehen, die Kraft der, 
Überredung, die Stärke der Überzeugung und die herrlichste aller 
Gaben, ein Heer zu leiten im Sturm der Schlacht, und den gött- 
lichen Mut der Jugend, den noch keine Erfahrung gebeugt hat, 
Als Führer des Heerbannes der Cheruscer standen sie in dem 
Lager an der Weser, wo Quintilius Varus inmitten der drei Le- 
gionen Niedergermaniens seinen Richterstuhl aufgeschlagen hatte, 
um die neue Lehre des Gehorsams im Lande der Cheruscer 2ii' 
verbreiten. Die Ruten der Lictoren zeichneten den Rücken der 
Freien und ihre Beile fällten die Häupter der Stolzen. Und doch, 
im Spätherbste des Jahres g, als Mord und Brand in den Bergen. 
Dalmatiens wüteten, war das Netz des Verderbens in den Wäl- 
dern Deutschlands gestellt, dem Varus und seine Legionen nim- 
mermehr entrinnen sollten. 

Unwirtlich wurde es in dem nordischen Lande, und Varus 



. Die Empöruiig in lÜTHeD und Gennaoien 



gedachte heimzukehren nach seinem Palaste in Cöln, wo doch 
das Behagen römischen Lebens winkte. Den Rückmarsch trat 
das Heer an, in seinem Gefolge die Cheruscer, Schon hatte 
man das Waldgebirge erreicht, in dessen Mitte die Feste Aliso 
als letzte Burg der Römer die Grenze römischen Bodens bezeich- 
nete. Aber seltsam unbotmäßig waren diese Deutschen gewesen 
in diesem Sommer, und wieder berichteten Boten dem Varus, 
daß ein Stamm im Teutoburger Walde den Gehorsam verweigere. 
Kurz vor seinem Ziele bog das Heer ab von der gesicherten Straße 
nach dem Rhein und betrat, um dem römischen Namen Achtung 
zu schaffen durch Züchtigung der Abtrünnigen, die von ver- 
sumpften Tälern durchschnittenen Wälder des Gebirges, durch 
das keine Straße führte. Da war es an der Quelle der Hunl:e, 
daß die drohende Gefahr dem Heere offenkundig wurde. Als 
Varus im Feldherrnzelte nach der Sitte die römischen Obersten 
und auch die Führer der Deutschen im Heere an der mächtigen 
Tafel zum abendlichen Mahle versammelt hatte, erhob sich Se- 
gestes, den sorglosen Römer zum letzten Male vor seiner eigenen 
Sippe zu warnen. Er forderte, alle die Deutschen, wie sie da 
saßen, in Ketten zu legen, damit sie die Treue nicht brächen. 
Arminius trotzte den drohenden Worten, und ehe Varus die Mah- 
nung nur befolgen konnte, hatten er und die Seinen das Zelt ver- 
lassen. Am Lagertore schwangen sie sich auf ihre Rosse und 
eilten hinaus in den Wald, an dessen Rande die Deutschen ihrer 
Führer harrten. 

So begann am folgenden Morgen der Kampf mit den Römern, 
in dem alle Stämme, die je das Joch getragen hatten, vom Main 
bis an das Ufer des Meeres einmütig zusammenstanden. Alles war 
Ker gegen die Römer: die Art des Bodens, die, den schwergerüste- 
ten Kämpfer im Vorwärtsgehen wie im Streite hindernd, die Bil- 
dung der geschlossenen Schlachtlinie nicht gestattete; Mangel 
an leichtem Fußvolk und Reitern, die das Heer in Masse bereits 
verlassen hatten, um in ihre Standorte zurückzukehren; die Über- 
^ahl der Feinde, denen Wald und Sumpf, von Kindheit vertraut, 
für ihre lose Art zu kämpfen den rechten Raum darboten. Und 
loch, diese Legionen, die seit zwanzig Jahren diese Feinde auf 



i 



f 



242 

dieser Erde in allen Schlachten überwunden hatten, sie wären 
nimmer bezwungen worden trotz alles Todesmutes der Deutschen, 
all der Hingebung und des wunderbaren Geschickes ihres jungen 
Führers, hätte sie ein Feldherr auch nur von den Gaben der Sie- 
ger des illyrischen Aufstandes geführt. Aber Varus, der Weich- 
ling des römischen Palastes, war das Verderben des Heeres. 
Drei Tage zog das Heer vorwärts ohne Pfad durch den regen- 
schweren, von Sturraesbrausen erfüllten Wald im beständigen 
Kampfe mit dem Feinde, bis die zusammenschwindende Zahl 
der Streiter nicht mehr gestattete, den schützenden Wall der 
römischen Lagerkunst ganz auf zu werfen. Den Untergang vor 
Augen, gab sich Varus selbst den Tod. Noch wollte das Heer die 
Leiche den Flammen übergeben, um sie dem Feinde zu entziehen, 
als die Deutschen mit solcher Gewalt gegen den Wall anstürmten, 
daß der Widerstand zusammenbrach. Die Legionare fielen bis 
auf den letzten Mann, da die Sieger keine Schonung kannten. 
Die gefangenen Offiziere verbluteten vor den Altären der Götter, 
und die Schädel der Getöteten hingen als Siegeszeichen an den 
Riesenbäumen der heiligen Haine. Die Adler, die Fahnen, das — tf 
Heiligtum und der Stolz römischer Heere, wurden der Spott dei 
Feinde, Gebrochen lag die Herrschaft Roms unter den Füßen dei 
Sieger, um in den freien Wäldern Deutschlands nie wieder auf- 
zuerstehen. 

Und doch, was römische Tapferkeit und Kriegszucht ver "■ 

mochte, lehrte den Siegern die Verteidigung von Aliso, Als dei 
Platz sich gegen die Uebermacht der Feinde nicht mehr halten ließ » 
führte der alte römische Hauptmann, der in vierzig Kriegsjahrei 
den Feinden der Römer auf den Schlachtfeldern aller Weltteili 
ins Auge gesehen hatte, seine Soldaten mit Weibern und Kindi 
das Schwert in der Hand, mitten durch die Deutschen nach de^^"^ 
Brücke des Rheines. Um so größer ist der Ruhm des Arminiusi^i^ ^ 
daß er Rom auf der Höhe seiner Macht, das erprobteste seinerr^:*^ 
Heere im freien Kampfe überwand und das Volk der Deutschec^^^"- 
vor dem Fluche gerettet hatte, seine edle Art unter der fremderi^^'* 
Herrschaft zu verderben. Der Untergang des Heeres, das ma^c:^ 
mit Recht für unbesiegbar gehalten hatte, rief in Rom ein Ent^ — J 



19. Die Empörung in Dlyrien und Germanien 243 

setzen hervor, wie es die Stadt seit den Tagen Hannibals nicht ge- 
sehen hatte. Der greise Kaiser erlag fast dem Schlage, der 
ganz Gallien den Siegern zu überlief em schien. Aber der Deutsche, 
in der wunderbaren Art dieses seltsamen Volkes, das den 
Feind mit Riesenstärke niederschlägt, wenn es einmal geeint 
zur Tat schreitet, freute sich in- der Wonne des Sieges seiner 
ungebundenen Freiheit und dachte nicht an böse Rache oder 
arge Vergeltung. Asprenas, der Neffe des Varus, der mit zwei 
Legionen in Obergermanien stand, erschien am Unterrheine und 
fand keinen Feind. Die Rückwirkung auf das römische Heer, 
dessen Vertrauen gebrochen war, konnte, wenn bei den Deutschen 
die Kampflust wieder erwachte, verderblich werden. So ging 
Tiberius, ohne den Triumph über Illyrien zu feiern, an den Rhein, 
und das Heer wurde durch neue Legionen aus Illyrien und 
Spanien wieder auf seine Stärke von acht Legionen gebracht, 
die die Deutschen wirksam hinter dem Rheine zurückhielten. 



i6* 



20. Die letzten Jahre 

Die furchtbaren Lücken, die der iliyrische Krieg und der 
Untergang der Legionen des Varus in das Heer gerissen hatte, 
zu füllen, sah Augustus kein Mittel als die zwangsweise Aus- 
hebung in Rom und Italien. Die freien Bürger hielten aa ihrem 
Ideal fest und mußten durch die strengsten Strafen gezwungen 
werden, dem Aufruf zu gehorchen. Auch so blieb es mehr die 
Hefe der Hauptstadt, die in das Heer eintrat, und auch sie wollte 
nicht genügen. Die Entlassungen, die jetzt nach den Kriegen 
doppelt geboten waren, stockten gänzlich, da der Krieg auch die 
Kassen völlig geleert hatte. Mit dem Stolze der Unbesiegbarkeit 
war auch die Freude am Dienste aus dem Heer gewichen. Nur die 
Ehrfurcht vor dem greisen Herrscher hielt den Gehorsam d^r 
Grenzheere in Germanien und Ulyrien noch aufrecht. In dem- 
selben Jahre entschloß sich der Kaiser, die Bestimmungen der 
Julischen Gesetze über das Eherecht der Stande zu verschärfen, 
da die Kinderscheu auch die letzte Ursache der Schwäche des 
Heeres war und das ehelose Leben nach wie vor die Erbkrank- 
heit der höheren Stände blieb. Im höchsten Alter war er auch 
empfindlich geworden gegen das allzufreie Wort, das bei der 
natürlichen Art der Römer im zusammenbrechenden Freistaat 
schamlos emporgewuchert war und mit seiner Frechheit auch 
das Leben des Reinsten besudelte. Auch hier sollte das Gesetz 
erzwingen, was die Sitte nicht achtete, als Augustus im Jahre 12 
mit den härtesten Strafen der namenlos im Dunkeln schleichenden 
Entwürdigung der Ehre anderer, die selbst vor der Majestät des 
'ITirones nicht zurückschrak, Einhalt gebieten wollte. 

Der Kaiser sah, daß die Kraft des Reiches zum Uebennaße 
angespannt war. Auch an der unteren Donau waren die Dacer 



JO. Die letzten Jjihrp ta^ 

eine stehende Gefahr geworden, und die Legionen, die in früheren 
Jahren bis in das Innere Siebenbürgens vorgedrungen waren, 
deckten kaum mehr die Grenze an der Mündung des Stromes. 
Von den Provinzen, die Drusus und Tiberius in der Hoch-Zeit 
des Principates erobert hatten, war Illyricum, mit Mühe behauptet, 
durch den verheerenden Krieg zur Wüste geworden. Die Sicher- 
heit Italiens gebot es, diese Länder dauernd im Gehorsam zu er- 
halten. So begannen unmittelbar nach der Befriedung gewaltige 
Straßenbauten, die die Lager der Legionen Dalmatiens, Bumum 
und Delminium, im Osten von Salonae mit den Waffenplätzen 
des Savetales Emona, Siscia, Servetium, Sirmium dauernd ver- 
banden, und auch die Häfen am adriatischen Meer wurden durch 
neugebrochene Straßen von Salonae, Narona, Lissus aus mit dem 
Tale der Morava und der Drina enger verknüpft. Eine ungeheure 
Friedensarbeit, bei der die Legionen lUyricums und die wider- 
strebenden Völker durch Jahre zusammenwirkten. Nichts als ein 
eiserner Zwang konnte diese Völker niederhalten. Augustus nahm 
den Gemeinden durchaus die Selbstverwaltung und stellte an 
ihre Spitze die Offiziere der Legionen und der Auxilia, die in 
ihren Grenzen die Standlager innehatten. Er verzichtete auf die 
unmittelbare Besteuerung und begnügte sich, in Illyricum wie 
in den gleich culturlosen Alpengebieten einen Zoll an den Grenzen 
der Provinzen und in den Marktorten des Innern zu erheben, 
der nur die Waren des Kaufmannes traf und die Raubgier der 
Steuerbeamten von den Hütten der Waldbauem fernhielt. Auch 
diesen Einrichtungen des großen Meisters der Staatskunst wird 
man die Bewunderung nicht versagen können. Sie sind völlig 
der Art der Völker, die beherrscht werden mußten, angepaßt 
und haben jede Erschütterung der Oberhoheit Roms femge- 
halten. Wenn doch wahre Cultur in diese Länder auch im Laufe 
der Jahrhunderte nicht hat einziehen wollen, so lag es in der 
Geistesart dieser Völker, denen Civilisation ein Greuel blieb. 

Auch am Rheine erkannte der Kaiser die notwendigen 
Grenzen römischen Einflusses. Die unmittelbare Herrschaft über 
Deutschland forderte weder die Sicherheit Italiens noch die 
Sicherheit des Reiches. Zu erobern waren diese Länder nur 



durch die Opfer, die der illyrische Krieg gefordert hatte. Das 
war der Besitz des Preises nicht wert. So beschloß der Kais«*, 
die Grenze des Reiches am Rheine zu ziehen. Nur die Namen 
der beiden Heeresbezirke am Strome, Germania superior und 
Germania inferior, erinnerten noch an den Traum der Unter- 
werfung Deutschlands, und der Altar in Cöln, an dem auch die 
überrheinischen Deutschen die Kaiserverehrung der Untertanen 
hätten wetteifernd üben sollen, blieb vereinsamt seit dem Tage, 
wo selbst der Sohn des Segestes nach dem Siege im Teutoburger- 
Walde die priesterliche Binde zerriß und ein Freier zu den 
Freien floh. 

Auch im Jahre lo stand Tiberius am Rheine, ein Hüter des 
Stromes, Selbst ihm hatte die Varusschlacht die Zuversicht ge- 
raubt. Ganz gegen seine Art hielt er in diesen Zeiten stets Kriegs- 
rat im Lager, um nicht durch leeren Hochmut gleich einem 
Varus die Erfahrung der anderen zu mißachten. Erst im Jahre 1 1 
überschritten Tiberius und Germanicus den Rhein, mehr, um 
sich auf der feindlich gewordenen Erde Deutschlands zu zeigen, 
als um zu schlagen. Dann erhielt Germanicus, der im Vorjahre 
mit Tiberius als Lohn für seine Taten in Illyricum das Consulat 
bekleidet hatte, den Oberbefehl über beide Rheinheere mit der 
höheren Amtsgewalt eines Proconsuls. Aber der gemessene Be- 
fehl des Kaisers an seinen hochstrebenden Enkel muß gelautet 
haben, sich jeder Kriegführung auf dem Boden Deutschlands 
zu enthalten. Denn bis zum Tode desAugustus ruhten die Waffen 
am Rheine. Nach diesen Winterstürmen, die die letzte Zeit seiner 
Herrschaft durchbraust hatten, war es dem greisen Kaiser noch 
beschieden, in sonniger Ruhe sein Alter zu beschließen. 

Doch gedachte er noch sein Haus zu bestellen, ehe den Müden 
der Tod abrief. Noch einmal zog er die Summe seiner Sorgen um 
das römische Volk, als er es einer neuen Schätzung unterwarf und 
in den letzter! Monaten seines Lebens erkannte, daß die Zahl der 
Bürger in zwanzig Jahren um 70000 gestiegen war. Er übertrug 
im Jahre 13 Tiberius die volle Mitherrschaft im ganzen Reiche und 
den Oberbefehl über alle Heere der Provinzen. Aber die Schwäre 
seines Hauses, seine Tochter Julia, zehrte noch in ihren Kindern 



. Die letzten Jahre 



247 



an seiner Ehre. Der Gatte ihrer Tochter Julia, Aemilius Paulus, 
hatte mit Plautius Rufus die Ermordung des Kaisers geplant, 
und diese Julia war, schuldig befunden, in die Verbannung ge- 
gangen. Augustus, der, stets zur Milde gegen die Seinen geneigt, 
jetzt mit der schwächlichen Zärtlichkeit des Alters an ihnen hing, 
ließ ihr doch wieder Gnade angedeihen, bis ihr schamloses Leben 
ihn zwang, sie für immer auf einer einsamen Insel dem Auge der 
Welt 211 entziehen. Nicht minder hart prüfte ihn das Geschick 
in dem letzten seiner Enkel, jenem Agrippa Postumus, der in 
sinnloser Rohheit zum Treiben eines gemeinen Sclaven entartete. 
Auch er mußte im Jahre 6 in die Verbannung weichen, die nach 
einem Beschlüsse des Senates unwiderruflich sein sollte. Und 
doch, in seinen letzten Tagen zwang Augustus sein Herz, den 
Elenden, nur von dem einzigen Freunde, den er noch besaß, 
Paulus Maximus, begleitet, aufzusuchen, um sein Auge . an dem 
Anblick des Enkels zu erfreuen. Er ahnte nicht, daß er damit 
das Todesurteil des Verkommenen geschrieben hatte. Doch wer 
vermöchte den Kaiser zu tadeln, daß er, nur ein Mensch, der 
unüberwindlichsten aller Mächte, dem Alter, gewichen ist? 

Bis zuletzt seine Herrscherpflichten erfüllend, hatte er am 
II. Mai des Jahres 14 die Schätzung mit dem feierlichen Opfer der 
Reinigung des neugebildeten römischen Volkes abgeschlossen. 
Dann fand er auf den Inseln und in den Städten des Golfes von 
Neapel, der die Klarheit der seinem Wesen so innig verwandten 
griechischen Natur atmete, Muße, sich mit müden Augen an 
dem ewig kindlichen Treiben der Bewohner zu freuen. Trotz 
seiner wachsenden Schwäche geleitete er noch Tiberius, der 
nach Ulyricum aufbrechen wollte, bis nach Benevent. Auf der 
Rückreise ergriff ihn in der einfachen Landstadt Nola die Hand 
des Todes, An seiner Seele ging im Augenblick des Scheidens 
das Spiel des Lebens mit seinen seltsamen Widersprüchen und 
xmwahrscheinlichen Lösungen wie ein heiterer Traum vorüber, 
in dem er, der größte Künstler des Lebens, den Beifall derer, die 
sein Sterbelager umstanden, gewonnen hatte. Er verschied in den 
Armen seiner Frau und fand noch im Sterben das letzte Glück der 
Staubgeborenen, das er immer ersehnt hatte, den sanften Tod. 



Ein großer Herrscher, einer der Wenigen, die den Namen 
eines Wohltäters der Untertanen verdienen, war für immer von 
seinem Volke geschieden. Unvergänglich bis in unsere Tage 
wirkt sein edler Geist in der Ewigkeit des großen Roms, dem 
sein ganzes Leben geweiht war. Alles hatte er dahin gegeben, 
um sein Volk zu erhöhen, in der Stunde der Entscheidung niemals 
schwankend, sein eigenes Glück, das Glück derer, die ihm teurer 
waren als das Leben, dem Wohle des Staates aufzuopfern. Ge- 
heimnisvoll wie die Natur an ihren Werken schafft, erscheint 
sein eigenes Wirken, blöden Augen ewig unverständlich. Immer 
der Bedingungen des Wirklichen sich bewußt, fand er, wie die 
Natur in ihren Gebilden, was an dem Baue des römischen Staates 
in der langen Dauer seiner Herrschaft lebenskräftig war, der 
Weiterentwicklung fähig, was abstarb und dem Tode verfiel. Nie 
hat er in dieses Leben gewaltsam eingegriffen, immer nur darauf 
bedacht, die natürlichen Kräfte walten zu lassen, frei von aller 
Ueherhebung das Gelingen wie das Verfehlen mit Geduld getragen. 
Darum ist seinem Werke auch eine Dauer beschieden gewesen, 
die selten ist in menschlichen Dingen, und seine Gedanken haben 
gewaltet durch die Jahrhunderte, um erst unterzugehen mit seinem 
eigenen Volke. Und jene, die als Fremde im Reiche der Römer 
standen, als sie auf dem untergehenden Rom ihre eigene Herr- 
schaft errichteten, haben ihr kümmerliches Reich aufgebaut mit 
den Gedanken, die der große Augustus in seiner Weisheit für 
geeignet hielt, diese Ewighörigen im Gehorsam zu halten. 

Livia hielt den Tod des Augustus geheim, bis Tiberius, durch 
Eilboten herbeigerufen, in Nola eintraf. Sein erstes war, die Herr- 
schaft über die Heere und die Provinzen mit fester Hand zu er- 
fassen. Es genügte der Befehl des Imperators, dem noch niemand 
den Gehorsam verweigert hatte. Auch den Senat berief er nach 
den Formen des Rechtes kraft seiner tribunicischen Gewalt, um in 
der ersten Sitzung über die Ehren des toten Princeps, die ihm bei 
seinem Leichenbegängnis gebührten, zu beraten. Er ließ es ge- 
schehen, daß die Consuln die Truppen der Hauptstadt, den Senat 
und das Volk in Eid und Pflicht nahmen für den neuen Herrscher. 
Der Wetteifer, ihm zu huldigen, er empfand es. war um so größer. 



249 

je mehr man den Wechsel der Herrschaft bedauerte. Denn dieser 
Claudier, er war gefürchtet, und man kannte seine harte Hand. 
Die Decurionen der Landstädte, viele die Getreuen seiner Heere, 
trugen die Leiche des toten Imperators im nächtlichen Zuge bis 
nach Bovillae. Hier empfingen sie die römischen Ritter, die sie in 
Rom in der Vorhalle des Palastes niedersetzten. Der Senat beriet 
unter Tiberius Vorsitz über die Ehren des Toten, in Beweisen der 
Ergebenheit wetteifernd. Der Fluch der Selbstherrschaft, die frei- 
willige Erniedrigung der Untertanen, brach in einer Weise hervor, 
daß Tiberius den Ehren, die nur dem Knechtsinn solche schienen, 
wehren mußte. Aber würdig war es, daß man ihn, den Sieger so 
vieler Kriege, durch die Triumphpforte auf das Marsfeld trug und 
mit den Ahnen des Julischen Hauses auch die Provinzen, die er 
dem Reiche neu gewonnen, im Abbilde im Zuge einherschritten. 
Vor der Leiche trug man das goldene Bildnis der Siegesgöttin, 
das der Kaiser in das Rathaus des Senates geweiht hatte, und das 
Klagelied sangen die Kinder der Vornehmsten, denen er oft ein 
zweiter Vater gewesen war. Die Liebespflicht, die Ueberreste aus 
der Asche zu heben, erfüllten an der göttlich geweihten Leiche 
die Priester des Staates, Dann wurde die Urne mit den Gebeinen 
in der schmucklosen Nische des Grabmales beigesetzt. 

Geschlossen war die Geschichte seines Lebens. So wurde denn 
auch an des Grabes Pforte nach seinem Willen die Inschrift ein- 
getragen, die er selbst als ein ewiges Gedächtnis seiner Taten ver- 
faßt hatte. Schlicht, in ihren einfachen Worten jedem verständ- 
lich, sollte sie zu jenen sprechen, die sich in der heiteren Um- 
gebung des Grabes des Lichtes der Sonne freuten. Unvergänglich 
wollte er nur sein in dem Gedächtnis seines Volkes einfacher 
Bürger, wie er einer von ihnen in seinem ganzen Leben gewesen 
war. Was er getan für das Wohl seiner Römer, wie er ihre Macht 
gemehrt, und die Ehren, deren sie ihn würdig erkannt, das las 
mit einfältigem Gemüt der gemeine Mann und empfand die Dank- 
barkeit des Kindes am Grabe seines Vaters. Die Abschrift, die 
die Galater in dem fernen Ancyra an dem Tempel des Augustus 
angeschrieben haben, noch ist sie uns den Spätgeborenen erhalten 
und verkündet die Wahrheit über sein Walten. Kein Gegenstand, 




25° 



I Witz daran zu üben oder mit eigenem Geiste zu glänzerq 
aber bestimmt, für alle Zeiten Ehrfurcht zu erwecken vor dem eic: 
fachen Römer und seiner stillen Größe. 

Der letzte Wille des Herrschers setzte Tiberius und Livia : 
Erben ein und bestimmte, daß die Frau gleich einer Tochter dj 
Namen Julia und Augusta führen sollte. Den Soldaten der Biig 
gertruppen, der Hauptstadt und der Provinzen war der dritte Tel 
ihres Jahressoldes als letztes Geschenk zugedacht und den Armen 
Roms eine Gabe von hundert Denaren auf den Kopf. Dem Testa- 
mente war jene Inschrift beigegeben, die an seinem Grabmal 
stehen sollte, sowie ein Ueberblick über die Heere des Reiches und 
das Vermögen des Staates. 

Später beschloß der Senat für ihn die göttlichen Ehren, die er 
in seinem Leben nie begehrt hatte, und als divus Augustus zog 
er in den Götterhimmel des römischen Volkes ein. Eine Priester- 
schaft der Sodales Augustales sollte den neuen Gott verehren, 
und Germanicus wurde als sein Priester bestellt, wie den höchstea 
Göttern des Staates ein besonderer Priester bestimmt war. Der 
Geburtstag des Gottes wurde mit Spielen begangen, daß die Menge 
der Hauptstadt seiner Güte nicht vergäße. 



TIBERIUS 



I. Der Antritt der Herrschaft 

^Augustus hatte über die Nachfolge in der Alleinherrschaft 
ichieden, als er Tiberius Claudius Nero an Sohnesstatt annahm. 
Auch das Vertrauen der Heere und des ganzen Reiches war dem 
Manne sicher, der sich vierzig Jahre im Dienste des Staates erprobt 
hatte. Kein Zweifel konnte ihn erfüllen, als ob sein Thron gefährdet 
sei. Und doch, nachdem ihm geworden war, was er verdiente, was 
er so heiß begehrte, fehlte Tiberius der Glaube an sich selbst. Er 
konnte die Jahre der Demütigung nicht austilgen aus seinem Ge- 
dächtnis. Die Erinnerung an alles, was er so ungerecht hatte er- 
dulden müssen, begleitete ihn auf den Thron, Die Liebe und das 
Zutrauen, die er nicht zu gewinnen wußte, er empfand sie auch 
für niemanden, nicht einmal für die, die ihm dem Blute nach am 
nächsten standen. Die Zurückhaltung, die er von Jugend auf geübt 
hatte, war zur finsteren Verschlossenheit geworden, die auch in 
seinem Wesen abstoßend hervortrat. Die gerade Haltung des Sol- 
daten erschien in der starren Unbeweglichkeit seiner Gestalt und 
seinen abweisenden Zügen als der Ausdruck kalter Überhebung. 
Die Langsamkeit seiner Rede, begleitet vom bedächtigen Spiele der 
Hände, verbarg kaum das Mißtrauen, mit dem er in den Mienen 
und Worten der anderen nach einer versteckten Absicht forschte. 
Sicher, daß die meisten, die ihn jetzt umschmeichelten, ihn einst 
verleumdet hatten und gehaßt, sah er niemanden, dem er sich hätte 
vertrauen können. Er kannte die Verantwortung und die Last der 
Selbstherrschaft und fand nur einen Weg, ihr zu genügen, die 
strengste Pflichterfüllung. Sie wurde ihm leicht, er war sie gewohnt. 
Aber ein anderes war es, wie er sein ganzes Leben getan, die 



4 



Pflicht im Dienste eines Höheren zu erfüllen, dessen unerreichbare 
Weisheit den Gehorsam ihm leicht gemacht hatte, als jetzt an der 
Spitze des Staates den Willen aller zu bestimmen. Geübt, blinden 
Gehorsam zu leisten und zu fordern, sah er sich gezwungen, eine 
Mehrheit des Senates, ob sie willig war oder widerstrebendj durch 
die Ueberredung des Wortes zu leiten, er, dem die Natur die Leich- 
tigkeit der Auffassung und der Rede gänzlich versagt hatte. So 
lange war er Diener gewesen, wenn auch der erste, er war zu alt 
geworden, jetzt als Herrscher die Spannkraft der Jugend und ihren 
frohen Wagemut zu empfinden. Der Gedanke drückte ihn nieder, 
daß man sein Tun immer an dem Manne messen würde, dessen 
Vorbild ihm unerreichbar bleiben mußte, der ihn nur deshalb er- 
wählt hatte, weil er keinen anderen besaß. Und doch, er wollte 
den Thron nicht als ein Geschenk besitzen, dessen ihn alle, die 
gleich ihm im Dienste des Großen gestanden hatten, nicht für 
würdig hielten. Er hätte sie erzwingen wollen, diese Anerkennung 
der Menschen, deren Urteil er zu verachten schien, während sie 
ihm doch allein das mangelnde Selbstvertrauen geben konnten. 
So war sein erstes Handeln als Herrscher unsicher und unklar wie 
sein Inneres und nur geeignet, ihn selbst und andere zu verwirren. 
Noch sah er und fand er eine Stütze an seiner Mutter, die alles 
getan hatte, ihn, ihren Liebling, zu erhöhen, und das innere 
Widerstreben des Augustus überwunden hatte. 

Dem Rate seiner Mutter folgend gab er den Befehl, den 
Sallustius Crispus unterzeichnete, als sei es der letzte Wille deä 
Augustus, den Julier Agrippa Postumus hinzurichten. So war es 
ihm möglich, später die Verantwortung für den ersten Verwandten- 
mord des Principates von sich abzuwälzen, ohne daß es ihm ge- 
lang, das Gräßliche der Tat zu mildern. Augustus hatte bis zuletzt 
daran festgehalten, daß der Principat keine dauernde Einrichtung 
sei, und sich die Gewalt noch vor seinem Tode erneuem lassen. 
Schon bei dem ersten Versuche, in der Weise des großen Künst- 
lers die Alleinherrschaft vor dem Senate als ein nach Inhalt und 
Dauer bedingtes Amt zu rechtfertigen, um die Notwendigkeit des 
Principates durch die allgemeine Zustimmung zu erhärten, rief 
Tiberius durch seine dunkeln und gewundenen Erklärungen eine 



J 



I. Der AnlTitt der Heiischaft 

solche Verwirrung hervor, daß die Anerkennung der Gewalt, die 
er bereits besaß, mit der peinlichsten Verstimmung endete. Nie- 
mand wußte mehr, ob es ihm Ernst sei mit der scheinbaren Ab- 
' lehnung der schweren Verantwortung seines Amtes. Einmal im 
Sattel, wurde es ihm leichter, die Art, wie er den Staat zu lenken 
gedachte, durch die Übung des Amtes zu zeigen. 
' Er entschloß sich, die Volkswahlen, auf die niemand mehrWert 

legte, am wenigsten das sogenannte Volk selbst, zu beseitigen und 
übertrug dem Senate das Recht, seine Mitglieder zu den Ämtern, 
die aus der Zeit des Freistaates stammten, durch eigene Wahl zu 
berufen. So trat die neue Staatsform, die die Gewalt zwischen dem 
Princeps und dem Senat teilte, deutlicher hervor, und der Senat 
begrüßte mit Freuden eine Änderung, die ihn von der Last der 
Bewerbung befreite. Den Einfluß auf die Wahlen des Senates übte 
'der Kaiser in der Weise, daß er außer der Empfehlung zu den 
Ämtern sich die Bezeichnung der Würdigsten vorbehielt, die als 
Candidati Caesari vom Senate gewählt werden mußten. Der Ernst, 
mit dem der Kaiser sich regelmäßig an den Beratungen des Senates 
' beteiligte, die Verhandlungen leitete und das Gewicht der Gegen- 
' stände, die er der Beschlußfassung des Senates unterwarf, waren 
nur geeignet, den Senat mit dem Pflichtgefühl zu erfüllen, das den 
Herrscher selbst beseelte. Die neue Herrschaft rief mehr, als man 
gehofft hatte, das Gefühl der Sicherheit des Bestehenden hervor, 
in dem Augenblick, wo der Staat einer festen Leitung bedurfte. 
Denn in den Heeren, die in lllyricum und Germanien standen, 
hatte der Regierungswechsel gefährliche Unruhen hervorgerufen. 
Was man seit Jahren in den eisernen Banden des Gehorsams stumm 
getragen hatte, solange der greise Kaiser und sein Ansehn in jedem 
Kerzen lebte, war unerträglich geworden, als mit dem Wechsel des 
Herrschers das Bewußtsein neuer Rechte erwachte. Hatte doch 
Augustus in der Not der letzten Kriege mit der Erhöhung des Sol- 
des auch die Bedingungen des Dienstes verschärft. Die Dienstzeit 
war verlängert worden über die gewohnte Zeit auf zwanzig Jahre, 
und die Entlohnung der Entlassenen erfolgte nicht im Gelde, das 
jedem den Genuß seiner letzten Jahre in der italischen Heimai 
sicherte, sondern der Dienst in einer neuen Form erwartete die 




2E< Tiberius 

Kriegsmüden als Ansiedler unter dem rauhen Himmel ihrer Stand- 
orte. Und selbst diese Erlösung aus Gefahr und Zwaog war ihnea in 
den letzten Jahren nicht geworden, da die Notwendigkeit, die Heere 
in voller Zahl zu erhalten, die Entlassungen gänzlich stocken ließ. 
Das Elend dieses Söldnerheeres, in dem so viele erschöpften Leibes 
noch immer die Waffen tragen mußten und keine Erleichtening 
der Mühen des harten Dienstes kannten, es schrie zum Himmel 
Und der Geist der Auflehnung wurde genährt von jenen, die 
nach der Varusschlacht, als der Werberuf nur mehr unter die Fah- 
nen lockte, die ein besseres Los im Leben nicht zu hoffen hatten, 
die gelichteten Reihen des Heeres füllten. Die Trauer um den toten 
Kaiser ließ den Dienst schweigen und gab den Müßigen Zeit, ilu 
Elend zu beklagen. Die Neulinge wußten zu erzählen von dem herr- 
lichen Leben der Leibwache in Rom, die gefahrlos und glanzvoll. 
die Freuden der Hauptstadt genoß. War es nicht recht und billig,, 
daß ihnen, die täglich dem Feinde ins Auge sahen, Dienstzeit und' 
Lohn bemessen wurde wie den trägen Günstlingen der Kaiser 
Rom? Der neue Herrscher hatte sie in all den gefahrvollen Kriegen 
geführt, er wußte, daß sie nur forderten, was ihnen gebührte, wenn 
sie Entlassung und Entlohnung mit Gewalt erzwangen. Die Ver- 
einigung der drei Legionen Pannoniens in einem Sommerlager gab 
beim Anblick ihrer großen Zahl ihren Forderungen Macht und 
Nachdruck. Verhaßter noch als der Dienst war ihnen die Arbeit 
des Friedens bei Brücken- und Straßenbauten, zu denen sie ihre im-, 
erbittlichen Hauptleute gleich Fronvögten zwangen. Da brach die 
Empörung los bei einer Abteilung, die in Nauportus mit solchen, 
eines Soldaten unwürdigen Dingen sich plagte. Sie trieben den, 
Zeugmeister, der sie leitete, mit wildem Hohne nach dem Lager, 
das bereits in hellem Aufruhr stand. Von ihren Rädelsführern auf- 
gereizt, hatten die Empörer den Bruch des Gehorsams in sichtbareE 
Weise vollzogen. Eines Sinnes, eines Willens, wollten die Tausende; 
die Adler und Feldzeichen der drei Legionen an einem Platze, auf 
dem aus Rasenziegeln zu erbauenden Tribunal, vereint aufpflanzen, 
weü die gleiche Not sie alle zu einem Körper vereinigt hatte. Nur 
dem Widerstände ihres Legaten Blaesus, der sich lieber untei 
diesem Erdhügel begraben lassen wollte, als daß er in diese Aut 



' lösung aller Ordnung willigte, wichen endlich die Rasenden. Eine 
; Heeresgesandtschaft, an deren Spitze der Sohn des Blaesus stand, 
I der im Heere als Legionstribun diente, sollte die Forderung auf 

"Wiederherstellung der alten Dienstordnung, wie sie im Jahre des 
I rriedens vor Beginn der Eroberungskriege festgestellt worden war, 
; dem Kaiser nach Rom überbringen. Da waren es die Aufrührer 

von Nauportus, die sie erst lehrten, was sie vermochten. Schon 

begannen die Legionen die Umgebung des Lagers zu plündern, als 
' Blaesus, dem die Hauptleute und die wenigen Zuverlässigen noch 

gehorchten, die mit Beute Beladenen in den Kerker zu werfen 
'I befahl, Ihr Klagegeschrei entriß sie wieder den Ketten, und unter 
, die anderen sich mischend machten sie ihr Verbrechen zur gemein- 
I samen Schuld. Bald wurde ein gemeiner Soldat, den sie auf die 
I Rednerbühne des Blaesus hoben, ihr Feldherr und Führer, als er 

mit Lügenworten ihre Wut von neuem entflammte. Daß ihm ein 
I, Bruder, den er gar nicht besaß, von den Gladiatoren des Blaesus 

gemordet worden sei, war leicht widerlegt und rettete dem Le- 
' gaten das Leben. Aber um so wilder tobte der Aufruhr. Die 
I Tribunen und die Präfekten trieben sie aus dem Lager und plün- 
'.derten ihr Gepäck, Auch die Hauptleute mußten weichen, von 
\ denen der grausamste Peiniger ermordet wurde; die anderen bar- 
I gen sich in sicherem Versteck, bis auf einen, der ihr Führer wurde. 
; Während die einen das Leben eines Hauptmanns schonen, die 
' anderen opfern wollten, gerieten die in sinnloser Wut schwankende 
, achte und fünfzehnte Legion mit den Schwertern aneinander, bis 
; sie das Bitten und Flehen der neunten Legion trennte. 
I ' Ehe die Heeresgesandtschaft Rom noch erreichte, hatte Tiberius 
J auf die Nachricht von dem Aufruhr seinen jungen Sohn Drusus mit 
,! den besten Beratern unter dem Schutze zweier praetorischen Co- 
f horten und der unbedingt zuverlässigen germanischen Palastwache 
■ nach Pannonien entsendet. Das Heer empfing den Prinzen und 
f seine Begleiter mit verstocktem Trotze. Kaum hatten sie das Lager 
[betreten, so sahen sie, wie die Soldaten die Tore besetzten, die 
\ Zugänge zum Feldherrnzelte sicherten und dann in ordnungslosen 
j Haufen auf der Hauptstraße sich zusammenballten. Das Recht, 
I über die Forderungen des Heeres zu ehtscheiden, lag beim Senate, 




256 Tibcriiu 

und auf ihn verwies ein Schreiben des Kaisers, das Drusus, als er 
endlich Gehör fand, den bald trotzig schweigenden, bald in wildes 
Toben ausbrechenden Massen vorlas. Das Heer wiederholte durch 
seinen Wortführer die Forderung auf Wiederherstellung der alten 
Dienstordnung, Erhöhung des Soldes und Befreiung der Entlasse- 
nen von jedem Kriegsdienst, Durch keine Worte, keine leeren 
Versprechungen, die den Kaiser selbst nicht verpflichteten, woll- 
ten sie sich mehr täuschen lassen. Gerade jene alten Feldherm im 
Gefolge des Prinzen, unter denen sie einst gedient hatten, und die 
bis zuletzt Zeugen gewesen waren ihrer Verdienste und ihrer Lei- 
den, erregten ihren Haß, und nur die starke Schutzwache entriß 
Drusus ihren Händen, der, an jeder Hoffnung sie zu beruhigen 
verzweifelnd, in das Winterlager von Emona zurückkehrte. Da 
führten überirdische Mächte die Truppen zum Gehorsam zurück. 
Der Mond verfinsterte seine Scheibe, und als endlich unter dem 
Klange der Kriegshorner, die im Heere ertönten, um den Schrecken 
zu beschwören, sein Glanz wiederkehrte, war der Trotz gebrochen, 
da die Götter des Lichtes ihr frevelhaftes Tun so sichtbar verurteilt 
hatten. Sie begannen wieder zu hören auf die, welche ihr Vertrauen, 
noch besaßen. Zweifel erfaßte sie gegen die Urheber des Auf- 
ruhres, gegen die Zuverlässigkeit der eigenen Kameraden. Sie- 
räumten die gewaltsam besetzten Tore und Wachplätze, brachteiL 
die Fahnen an ihre gewohnten Standorte zurück. Als Drusus ant 
nächsten Morgen ins Lager zurückkehrte, standen sie schon imtet" 
dem Zwange des langgeübten Gehorsams und willigten darein^ 
die Entscheidung durch eine neue Gesandtschaft dem Kaiser an- 
heimzustellen. Einmal auf dem Wege, zu ihrer Dienstpflicht zu- 
rückzukehren, richteten sie ihren Zorn gegen die Rädelsführer, 
die jetzt in ihren Zelten oder vor dem Lager, wo sie hilflos umher- 
irrten, von den Centurionen und den Praetorianern niedergehauen 
wurden. Noch immer war der Unwille der Götter nicht besänftigt. 
Denn stürmische Herbstregen überschwemmten die Straßen und 
Zelte des Lagers und mahnten zur Heimkehr in die Winterlager, 
Zuerst brach die achte Legion auf, dann die fünfzehnte, und zu- 
letzt fügte sich auch die neunte, die am längsten die Rückkehr ■ 
der Heeresgesandtschaft aus Rom hatte abwarten wollen. 



So hatte Drusus seinen Auftrag erfüllt. Aber der Kaiser 
schrieb das Verdienst, den Aufruhr gebändigt zu haben, dem 
Gardepräfekten Aelius Seianus zu, der die Schutzwache befehligt 
hatte. Ein Ritter aus Volsinii in Etrurien, durch seine Mutter den 
vornehmsten Häusern verwandt, hatte er früh gelernt, durch 
Gunst bei Hofe emporzusteigen, als er in jungen Jahren dem auf- 
gehenden Gestirn des Gaius Caesar in den Orient gefolgt war. Als 
College seines Vaters Seius Strabo befehligte er in den letzten 
Zeiten des Augustus die Leibwache in Rom, noch ein Amt ohne 
jede Bedeutung unter einem Fürsten, der den Mord, der ihn be- 
drohte, stets entwaffnet hatte, ehe er zur Tat geworden war. Leich- 
ler war es, den neuen Herrscher, den das Mißtrauen gegen Alle 
und Jeden beherrschte, zu überzeugen, daß nur die persönliche 
Ergebenheit des nächsten seiner bewaffneten Diener sein Leben 
schütze. Er glich dem Kaiser, soweit das Unedle dem Edleren 
gleichen kann. Und diese Übereinstimmung ihrer Naturen über- 
brückte die Kluft, die den unnahbaren Herrscher von seinem stets 
willigen Diener trennte. Den Gehorsam des Soldaten, den der 
Kaiser liebte und forderte, Seian erfüllte ihn scheinbar blindlings 
und sah doch die Befehle mit durchdringendem Verstände voraus. 
I>er Kaiser, der den Helfer in seinem eigenen, rohen und tragen 
Sohne nicht fand, bediente sich in immer steigendem Maße der 
Pflichttreue und Arbeitskraft des Präfekten, der den dienerhaften 
Hochmut in der befehlenden Haltung des Offiziers geschickt ver- 
liarg. Immer mehr öffnete der Kaiser selbst seine innersten Ab- 
sichten dem glatten Heuchler. Solange Seian nichts begehrte als 
die Macht in des Kaisers Namen, war er wohl der Fluch des Hofes 
und der Alp des geängstigten Senates, aber noch keine Gefahr für 
die Entschließungen des Kaisers selbst. Aber der Elende diente 
dem Kaiser wie ein Spiegel, der die bitteren Bestimmungen und 
den gerechten Unwillen des Herrschers in dämonischer Verzerrung 
und doch mit der täuschenden Kraft der Wahrheit wiedergab. 
Seian ist der böse Engel des Kaisers geworden, der die nie heilende 
Wunde alter Kränkungen mit dem Gifte niederer Schmeichel- 
künste zu dauernder Krankheit werden ließ. Er steigerte die 
Vereinsamung des Kaisers, um allein sein Ohr zu haben, indem er 

Den.iioki. I. 17 



2 Eg Tiberius 

das Mißtrauen in ihm nährte, und die Verstellung, die Tiberus in 
Rhodus als eine Waffe des Schutzes erlernt hatte, sie sollte nur 
ihm allein weichen. Jammervoll in Wahrheit ist es zu sehen, wie 
der Kaiser, durch diesen Mann irregeleitet, wo er meinte nur nach 
eigenem Willen zu gebieten, zuletzt im hohen Alter, als er den 
Verderber endlich durchschaute, selbst die Kraft verlor zur Um- 
kehr auf die Bahn, die ihm die eigene edlere Natur vorgezeich- 
net hatte. 

Der Nachricht über die Auflehnung des Heeres in Pannonien 
war rasch die weit gefährlichere gefolgt, daß auch im Heere Nie- 
dergermaniens die gleichen Ursachen die unvermeidlichen Folgen 
gezeitigt hatten. Auch hier stand das Heer in einem Sommer- 
lager in der Nähe von Cöln vereinigt. Gaius Silius am Oberrheine, 
Aulus Caecina am Niederrheine befehligten die Legionen, und an 
der Spitze der Verteidigung des Grenzstromes stand Germanicus, 
der in Gallien die Schätzung abhielt. Die Legionen, die der Auf- 
ruhr ergriffen hatte, waren eben jene, die in lUyricum gesiegt 
hatten und an die Stelle des in der Varusschlacht vernichteten 
Heeres getreten waren. Wieder waren es die Neulinge im Dienste, 
jener Abschaum der Großstadt, die durch ihre gewohnte Frech- 
heit die anderen mit fortrissen. Zuerst waren es die Quälgeister 
eines unerbittlich harten Dienstes, die Hauptleute, welche dies 
Wucht des Prügelstockes, die sie den gemeinen Soldaten hatteiLj 
fühlen lassen, am eigenen Leibe erfuhren. Dann wurden die Be- 
wußtlosen und Sterbenden über den Lagerwall oder in den Rheii 
geschleudert. Nur Cassius Chaerea, der später durch die Ermor- 
dung Caligulas ein so ruhmreiches Andenken gewann, verteidigte»-:^ 
sein Leben mit dem Schwerte. Was die Soldaten noch für Diens* 
hielten, dessen Gewohnheit sie, als sie seiner ledig sein wollten^c3q 
doch nicht entsagen konnten, bestimmten sie nach eigenem Er 
messen. 

Germanicus, der den Sequanern und den nächst anwohnen 
den Stämmen der Belgica den Eid der Treue für Tiberius a1 
genommen hatte, eilte, als er die Nachricht erhielt von dem Aul 
stand, in das Lager bei Cöln, Die Demut, mit welcher die SoLÄ-J" 
daten den Kaisersohn unter Klagelauten empfingen, ihm den vorr^Mn 



■ -""^ 



Dienst gebeugten Rücken wiesen, seine Hand beim Kusse den 
Druck der zqhnlosen Kiefer fühlen ließen, war bestimmt ihn zu 
rühren. Langsam schlössen sich auf der Hauptstraße vor der 
Rednerbühne ihre Reihen, als die Fahnen aufzogen, und stumm 
hörten sie oder mit leisem Murren seine Mahnungen, dem Kaiser, 
der sie unter seiner Führung in so vielen Kriegen zum Ruhm ge- 
leitet hatte, nach dem Beispiele aller Untertanen den Gehorsam 
ZU' erweisen. , Doch als er ihre Empörung zu tadeln wagte, brach 
unter Rufen nach Abkürzung der Dienstzeit, Belohnung und Ent- 
lassung, unter Schmähung der Härte des Dienstes, den sie dreißig 
und mehr Jahre erduldet hatten, der Aufruhr los, der Germanicus 
zwang, durch gezückte Schwerter bedroht, von der Rednerbühne 
ZU' fliehen. Das edle Herz des Fürsten war bei dem Bewußtsein all 
dieses Elends wahrhaft gerührt. Er sah kein Mittel, der gerechten 
Empörung Herr zu werden, als in der Erfüllung der Forderungen. 
Noch suchte er den Schein des Ansehens zu retten, indem er vor- 
gab, auf den schriftlichen Befehl des Kaisers zu gewähren, was 
ihm abgezwungen wurde. Aber die Soldaten fühlten sich als die 
iierm und drangen auf sofortige Entlassung und Belohnung. Die 
Kassen des Staates, die Summen, die Germanicus und seine Be- 
gleiter aus Eigenem gespendet, führten sie wie ihre Beute unter 
dem Schutze der Fahnen in ihre Winterlager. 

Germanicus hatte seine Vollmacht überschritten und einen 
Beweis der Schwäche im Auge des Heeres gegeben, der ihn aller 
Macht beraubte. Wie ganz anders hielt ein alter Hauptmann, der 
im illyrischen Kriege Servetium glänzend verteidigt hatte, seine 
Scharen, die er im Lande der Friesen befehligte, im Zaume, als er 
die Meuterer, die Fahne und das Schwert in der Hand, zwang, ihm 
in das Winterlager zu folgen. Die Soldaten selbst empfanden, daß 
ihr Frevel strenge Sühne herausgefordert hatte. Es war die Angst 
des Gewissens, die die Legionen in CÖln, die erste und zwanzigste, 
beim Erscheinen einer Gesandtschaft de-s Senats wieder zu den 
Waffen greifen ließ, als gälte es, ihren Raub zu verteidigen. Nichts 
war der Auftrag der Senatoren, als dem Kaisersohn das Beileid des 
Senates über das Hinscheiden des Augustus auszusprechen. Die 
Veteranen drangen bei Nacht in den Palast des Germanicus, rissen 



den Feldherrn aus seinem Schlafgemach und zwangen ihn, ihnen 
die Fahne auszuliefern, die sie noch als Soldaten erscheinen ließ. 
Eine Handlung sinnlos gewordener Angst. Und die gleiche Ver- 
zweiflung, daß sie sich selbst außerhalb des noch so strengen 
Heeresrechtes gleich Verbrechern, die sie waren, gestellt hatten, 
trieb sie, den unglücklichen Führer der Senatoren, Munatius 
Plancus, als trüge er den Widerruf der erpreßten Schenkungen, 
durch das Lager zu jagen, bis ihn die heiligen Fahnen_, bei denen 
er Zuflucht gesucht, vor dem Tode retteten. Schon empfand das 
Heer tiefe Beschämung über sein eigenes Tun, Als Germanicüs am 
Morgen in das Lager kam, um Plancus zu befreien, hörten sie 
wie betäubt seine drohende Rede über die Schmach dieser Nacht. 
Da brach ihr Trotz völlig zusammen bei dem Anblick Agrip- 
pinas, die Germanicüs mit den Kindern und den Frauen ihres Ge- 
folges nach Trier sandte, um sie dem mörderischen Heere zu ent- 
ziehen. Wie, die Tochter des Agrippa, die Enkelin des Augustus, 
diese allverehrten Namen, suchte Schutz bei den elenden Knechten 
vor den treuesten und tapfersten Soldaten des Kaiserhauses ? Das 
war zuviel für die einfältigen Gemüter der ergrauten Söldner, die 
die Scham bereits niederdrückte. Mit Tränen und Bitten be- 
schworen sie Agrippina zu bleiben, eilten zu Germanicüs. Als Ger- 
manicüs jetzt im Lager den in voller Waffenrüstung vertammelten 
Legionen das Ungeheure ihres Verbrechens in erschütternder Rede 
vor Augen führte, bat das ganze Heer kniefällig, doch jede Ver- 
geltung zu nehmen, nur die Kaisertochter dürfe sie nicht verlassen. 
Und so geschah es. Das Heer wurde sein eigener Richter und 
verurteilte alle, durch seinen Zuruf die Schuldigen bezeichnend, 
zum Tode, in denen es noch vor wenigen Stunden die Verfechter 
seiner Rechte gesehen hatte. Hauptleute besaßen die Legionen 
nicht mehr nach dem Gemetzel am Anfange des Aufruhrs, Aber 
auch die, welche noch am Leben waren, sollten ihre Abteilungen 
nur mehr führen, wenn die Legionare sie anerkannten, und ebenso 
wurden die Neuemannten nach dem Willen des Heeres bestellt. 
In diesem Verfahren, das mehr als bedenklich war, äußert sich 
das Werben um die Gunst des Heeres, das seinem jungen Feld- 
herrn auch ohne die Zustimmung des Kaisers in den Krieg gegen 



die Deutschen folgen sollte. Wieder hatte Germanicus in einer 
Weise, die Tiberius nimmer billigen konnte, gegen den Geist römi- 
scher Heereszucht gehandelt. 

Die eigentlichen Urheber des Aufruhrs, jene Veteranen langer 
Dienstzeit, entfernte Germanicus unter dem Vorwand, daß ihr 
Dienst an der rätischen Grenze gefordert würde. Und die Ur- 
heberin dieser schmerzvollen Versöhnung zwischen dem Heere 
und seinem Feldherrn ging nun nach Trier, wo der nordische 
Winter minder rauh war. Auch in Vetera vollzog sich jetzt das 
Gericht an den Schuldigen. Wohl brach Germanicus mit Heer 
und Flotte auf, als gälte es ein Strafgericht zu vollziehen, aber 
bereits waren seine Boten an Caecina abgegangen, nach deren 
Weisung die Rädelsführer des Aufruhrs, wie in einer Verschwö- 
rung, in ihren Zelten überfallen und niedergemacht wurden, so 
daß der offene Mut, die Strenge der Heereszucht walten zu lassen, 
fehlte. Die Legionen Obergermaniens waren rasch beruhigt, als 
ihnen Germanicus alles anbot, was in dem niederrbeinischen Heere 
erst der Aufstand ihm abgezwungen hatte. 

Tiberius bestätigte die Handlungen seines Neffen, die zu 
widerrufen nicht mehr in seiner Macht stand, und gewährte auch 
den Legionen lUyricums dieselben Forderungen. Die Gefahr einer 
Erhebung der Heere war beschworen, aber nicht die Ursache be- 
seitigt, die sie notwendig hervorgerufen hatte, Tiberius ganzes 
, Bemühen ging in den folgenden Jahren seiner Regierung dahin, 
solange er die Herrschaft wirklich ausübte, den Söldnern Ge- 
rechtigkeit widerfahren zu lassen, so daß er schon im nächsten 
Jahre die Bestimmungen über die Dienstzeit wieder ins Leben 
rufen konnte, ohne auf Widerstand im Heere zu stoßen. 

Die selbstherrliche Art des Germanicus erfüllte den pflicht- 
treuen Kaiser mit schwerer Besorgnis, Hatte er doch den Ge- 
horsam, den er dem Imperator schuldete, vergessen. Wohl war 
der hochgemute Jüngling, das Abbild seines geliebten Drusus, der 
Liebe wert und durch Liebe sicher zu gewinnen. Aber Tiberius 
vermochte das Mißtrauen gegen den Erben, den ihm Augustus 
gesetzt hatte, nicht zu überwinden. Stärker noch wirkte auf ihn 
die Abneigung gegen Agrippina, der verhaßten Julia Tochter, die. 



L 



362 



frei von den Laslern ihrer Mutter, nur die Fehler ihres Vater» ] 
Agrippa, als Weib doppelt unerträglich, zeigte: die Hochfahrt und 
die unbezähmbare Herrschsucht. Buhlte sie nicht offen um die 
Gunst der gemeinen Soldaten, wenn sie ihr Bübchen, das sie nach 
dem Dictator Gaius genannt hatte, als Legionär in das Spielwerk 
der schweren Soldaten Stiefel kleidete, damit ihr Caligula der Ab- 
gott des Heeres werde I So hatte sie allein die Empörung mit ihrem 
göttlichen Blute der Julier gedämpft, der ihr Gemahl hilflos er- 
legen war. Dieser Neffe, ein Werkzeug ihres vermessenen Stre- 
bens, stand an der Spitze des stärksten Heeres, das in seiner Treue 
eben gewankt hatte. Und doch wollte der Kaiser den Neffen 
nicht kränken und erneuerte ihm den Oberbefehl am Rheine. 




2. Der Krieg gegen die Deutschen 



Germanicus empfand es, daß ein Söldnerheer eine Waffe ist, 
die im Frieden nur rostet. Die Legionen, er selbst hätten sich 
nicht mit dem Schimpfe der Empörung befleckt ohne diesen faulen 
Frieden an der deutschen Grenze. Nur im Blute der Feinde konnte 
der Feldherr seine Ehre reinigen, das Heer die Zucht von neuem 
beweisen. Wohl war es spät im Jahre, aber nicht zu spät, die sorg- 
losen Feinde die Schärfe des romischen Schwertes wieder einmal 
fühlen zu lassen. Germanicus führte das niederrheinische Heer 
über den Grenzstrom, 12000 Legionare, 26 Cohorten und 8 Alae 
der Auxilia, die in ihrer Treue nicht geschwankt hatten, da sie 
keinen Anspruch besaßen, weder auf Ehrengeschenke noch auf 
Belohnungen bei der Entlassung. Die Straßen in dem feindlichen 
Lande waren gänzlich verfallen, und die erste Sorge mußte sein, 
den von Tiberius bei seinem letzten Überschreiten des Rheines 
begonnenen Bohlenweg durch den caesischen Wald wiederherzu- 
stellen. So war der Weg eröffnet in das Land aer Marser, im Nor- 
den der Lippe, die keines Angriffs gewärtig von den ausgesandten 
leichten Truppen unter Caecinas Führung mitten in der trunkenen 
Freude einer Festnacht überfallen wurden. Ohne Gegenwehr wur- 
den sie niedergeschlagen, und das nach Beute und Mord lüsterne 
Heer ergoß sich nach den vier Richtungen des Himmels über das 
Gebiet des Stammes, alles mit Feuer und Schwert verwüstenjd, 
kein Alter noch Geschlecht verschonend. Da rief die Zerstörung 
des Biindesheiligtumes der umwohnenden Völker, Tanfana ge- 
nannt, die Bructerer, Tubanten, Usipeten unter die Waffen, die das 
zurückkehrende römische Heer in jhren Wäldern erwarteten. Ger- 
manicus, den Angriff voraussehend, rückte in der Ordnimg des 
geschlossenen Vierecks der Legionen durch das Waldland vor. 



^^p 264 Tib«riin 

^M Reiter und leichte Truppen eröffneten den Zug und deckten den 
^B Rücken, Der Ansturm der Deutschen richtete sich vor allem gegeo 
^Br die leichten Truppen der Nachhut. Sie wichen erst dem Angriff 
^H der zwanzigsten Legion, die Germanicus zur Unterstützung heran- 
^H führte. So gewannen die Römer das freie Feld jenseits der Wald- 
^H Schluchten und erreichten ungefährdet den Rhein. 
^M Niemand konnte zweifeln, daß Germanicus auf deutschem 

^M Boden nur den Eroberungskrieg einleitete und über dem brennen- 
^^ä den Wunsche, die Talen seines Vaters zu erneuern, der Mahnung 
^^1 des Augustus, das Reich auf seine gesicherten Grenzen zu be- 
^H schränken, gänzlich vergaß. Nicht eine Abmahnung, sondern eine 
^V Aufforderung, auf dem betretenen Wege weiter zu gehen, war es 
^H für den hochstrebenden Feldherrn, als Tiberius ihm für die lär- 
^H mende Schlächterei des Spätjahres die unverdiente Ehre eines 
^K* Triumphes vom Senate verleihen ließ. Aber der Sohn glich nicht 
^H dem Vater in der ruhigen Umsicht der Führung, und Tiberius 
" empfand nicht das freudige Wohlwollen, das Augustus einst ge- 
leitet hatte, als er während der Kriege seines Drusus die Vor- 
bereitungen und die Unterstützung des in Deutschland kämpfen- 
den Heeres in Gallien selbst überwachte. Auch die Feinde waren 
andere geworden in der Einigkeit ihres Volksgefühles und dem 
Bewußtsein des gewonnenen herrlichen Sieges, Immer schwebte 
über Germanicus die bange Sorge, daß der Kaiser seinen Arm 
lähmen konnte, und trieb ihn, durch rasche Schläge den Erfolg 
zu erzwingen, den nur ruhiges Handeln hätte gewinnen können. 
1511. Chr. Ini Frühjahre überschritt er selbst mit dem Heer Öbergerma — 

niens den Rhein bei Mainz, erneuerte die Befestigungen seines 
Vaters im Taunus und brach dann in das Land der Chatten ein. 
Die Hauptstadt Mattium ging in Flammen auf, und wieder würgten. 
die Römer Frauen, Greise und Kinder, ganz in der Art des illy- 
rischen Krieges, der Germanicus eine böse Schule geworden war, 
und der auch seine Söldner, die in diesen grausigen Schlachten 
mitgefochten hatten, gänzlich verwildert hatte. War denn das 
Vorbild seines edeln Vaters aus seinem Gedächtnis geschwunden, 
daß er nicht erkannte, so seien Deutsche nicht zu besiegen? Schon 
war der Heerbann der Cheruscer aufgebrochen, den Brüdern in 



l 



2. Der Krieg gegen die Deutschen 26< 

den Bergen Hessens Hilfe zu bringen, als Caecina sie aufhielt, der 
am Niederrhein das Zerstörungswerk erneuert hatte und die Marser 
in einer Feldschlacht besiegte. Da gewann Germanicus im Lande 
der Cheruscer einen Sieg, der durch das gesättigte Gefühl der 
Rache an dem Helden jüngling des Teutoburger Waldes sein Herz 
mit eitlem Triumph erfüllte. Segestes, den die Deutschen nach 
dem Siege in Ketten geschlagen hatten, focht später gezwungen 
gegen die Römer, um jetzt, wo seine edeln Freunde wieder auf 
deutscher Erde mit Mord und Brand wüteten, den elendesten Ver- 
rat zu begehen. In seiner Burg von den Cheruscern belagert, rief 
er die Römer herbei, um sich und sein ganzes Haus ihnen in die 
Hände zu liefern. Unter den Gefangenen, die die Legionare über 
den Rhein schleppten, war auch des Segestes edle Tochter Thus- 
nelda. Der Freudenruf über die Befreiung der heimatlichen Erde 
vom Joche der Fremden ließ sie alle Feindschaft der Sippe ver- 
gessen, und sie wurde das Weib des herrlichen Helden. Der eigene 
Vater war es, bei dem sie Arminias in sicherster Hut glaubte, der 
die Frau mit dem Kinde ihrer Liebe, das sie unter dem Herzen 
trug, dem Elend der Knechtschaft überlieferte. So hatte der 
Edelste der Deutschen den furchtbarsten Preis bezahlt für die Treue 
an seinem Volke, Liebe und Schmerz, Rache und Verzweiflung 
trieb ihn gleich einem Engel der Vergeltung durch die deutschen 
Gaue, Waffen und Männer zu fordern zum Kampfe gegen diese 
Feinde der Kinder und Frauen. Das Elend des einzigen Mannes 
rührte alle Herzen, und weit über die Grenzen seines Stammes 
hinaus strömten ihm die Scharen zu, einig, dem Manne zu helfen, 
der ihrer aller Retter war. Wer je zu den Römern geneigt hatte, 
wie sein Oheim Inguiomerus, er vergaß, warum er sich von den 
Seinen geschieden, und furchtbar empfanden die Römer, was der 
Deutsche war, wenn er Sühne forderte für zertretenes Recht. 

Der gleichzeitige Angriff vom Rheine her und an der Küste 
des Meeres sollte den Widerstand der Deutschen brechen. Während 
Caecina mit vier Legionen das Land zwischen Rhein und Ems von 
neuem verheerte, brach die Reiterei unter Pedo in das Land der 
Friesen ein, Germanicus selbst lief mit der Flotte in die Mündung 
der Ems ein und gewann die Chaucen, deren Marschen keinen Schutz 



i 



366 Tiberiiu 

holen gegen den Feind, sich dem Heere anzuschließen. Aber ger^»., 
die grausame Kriegführung verfehlte ihren Zweck. Die Bructax^-l 
vernichteten ihre eigenen Siedlungen, die doch der Feind niecJer- 
gebrannt hätte, und es war den Römern eine Genugtuung, als sj'e 
unter rauchenden Trümmern den Adler der 19. Legion, die in der 
Varusschlacht untergegangen war, auffanden. So konnte man doch 
sagen, die Schmach sei gerächt. Verheerend drangen die Römer 
bis an die Quelle der Lippe vor und gelangten in die Nähe der 
Walstatt des Teutoburger Waldes. Mit Vorsicht betraten die Römer 
den dichten Wald, Wege bahnend, Brücken schlagend, immer auf 
den Spuren des unglücklichen Heeres, bis sie das letzte Lager de^^ 
Varus erreichten. Noch zeigte der Ort die Kennzeichen des Vet — 
nichtungskampfes, die Haufen bleichender Gebeine, die TrünuneK=^ 
der Waffen. Nicht die Erinnerung des Entsetzlichen zu er — 
neuern, hatte der Feldherr sein Heer an diese Statte der Vemich — ■ 
tung geführt, sondern um einer Pflicht genügend die Gebeine 

Toten der Erde zu übergeben. Er selbst legte an den Grabhügel^ . 

der die Toten umschloß, den ersten schützenden Rasenziegel, ob ■ 

wohl sein heiliges Amt als Augur ihm jede Berührung der unterirdi — - 
sehen Mächte verbot. Die Germanen waren dem Heere im Dunke =^i 
des Waldes gefolgt, und plötzlich brachen sie unter Arminius Füh — -■ 
rung auf die Abziehenden herein. Reiter und Fußvolk stand nich-^aC 
ihrem Angriff, erst die Legionen sicherten den Abzug. Wiede=^=r 
trennten sich die Legionen auf dem Rückmarsch nach dem Rhein — ^^■ 
Caecina mit 40 Cohorten sollte die langen Bohlenwege, die vo ■— »n 
der Lippe nach dem Rheine einst Domitius Ahenobarbus erbaiz: — «Jt 
hatte, wieder in Stand setzen. Die Arbeit war in dem versumpfte-^^sn 
Boden so schwierig, daß Caecina, als er zu einer Talebene gelangt» ^lie, 
die unter Wasser stand, beschloß, ein Lager zu schlagen. Währen^crr^d 
die einen schanzten, hielten die Wachen den Feind zurück. Doi=r:^^'b 
die Cheruscer durchbrachen die Posten, drangen zwischen dieLini^» -^^ 
der den Wall Aufwerfenden ein und verwandelten, mit ihren hoh^^ — en 
Gestalten die weitragenden Speere brauchend, den Nahkampf d — ^er 
schwergerüsteten, in den Boden einsinkenden Legionare in ein»- en 
Fernkampf, der sie den römischen Schwertern entzog, bis die Nac=^Ar 
die Kämpfer trennte. Die Deutschen leiteten die Wässer von d ^ea 



■^mJ 



Höhen in den Talkessel, wo das römische Lager stand, und er- 
schwerten noch die Mühe des Schanzens. Auch als der Wall ge- 
schlossen war, fanden die Soldaten nicht die Ruhe der Nacht. 
Schaurig klang von den Höhen und am Rande der Wälder der 
Siegesgesang der Deutschen, den die Berghänge mit donnerndem 
Hall zurütkwarfen, und ängstigte die Gemüter der Römer, denen 
der blutige Schatten des Varus den Weg zu weisen schien in das 
gleiche Verderben. Bangen Herzens erwog Caecina, der in vierzig 
Kriegsjahren so manchen Streit bestanden hatte, dieLage desHeeres. 
Dennoch mußte das gefahrvolle Tal durchmessen werden, und die 
Legionen traten, im Viereck geordnet, die Kranken und Verwundeten 
in ihrer Mitte mit sich führend, am nächsten Morgen den Mftrsch 
an. Als die Reihen, in dem schweren Sumpfboden feststeckend, 
ihre geschlossene Ordnung verwirrten, brachen die Deutschen, 
Arminius allen vorankämpfend, mit dem Rufe: hier ist Varus und 
' seine besiegten Legionen, auf den Heereszug herein, zerrissen die 
Linien und stürzten sich auf das schwere Gepäck. Die römische 
Reiterei, auf das Fußvolk zurückgeworfen, sprengte die Manipeln, 
selbst die Adler, deren Träger unbeweglich feststaken, gerieten in 
Gefahr. Caecina wurde im Kampfgedränge das Pferd unter dem 
Leibe getötet. Nur die Beutegier der Deutschen, die über der Lust 
am Plündern den Kampf vergaßen, ließ die Legionen bei Einbruch 
der Nacht festen Boden erreichen. Wieder mußte das Lager mit 
unsäglicher Mühe geschlagen werden, da das Gepäck verloren war. 
Auch die Zelte fehlten, und die Nahrung war mit Blut und Schlamm 

■ vermengt. Ein blinder Lärm, den ein scheues Pferd hervorrief, er- 
zeugte solchen Schreck, daß die Geängstigten, die das Lager schon 
in den Händen der Feinde glaubten, sinnlos durch die Tore ins 

i Freie drängten. Caecina warf sich selbst auf die Schwelle des Tores 
und hemmte mit seinem Leibe die Flucht. Endlich fanden die 

, Centurionen und Tribunen Gehör; die Legionen sammelten sich auf 
der Hauptstraße des Lagers vor dem Feldherrnzelte und fügten sich 
der Ermahnung des erfahrenen Führers, als sie sahen, daß er, mit 
ihnen zu sterben bereit, die Pferde der Offiziere an die tapfersten 
Kämpfer verteilen ließ. Das Heer stand am Morgen auf den Straßen 

■ des Lagers zur Schlacht schon geordnet, als die Deutschen, in ihrem 



268 Tiberiu» '■ 

Siegesgefühl Arminius Rat, den Feind erst wieder auf dem Marsche 
anzugreifen, mißachtend) gegen den Wall anstürmten. Wählend sie 
sich mühten, den Graben einzuwerfen, den Wall einzureißen, die 
Höhe des Dammes zu ersteigen, scheinbar ohne Gegenwehr zu 
finden, brachen unter dem Klange der Kriegshörner die Legioaen 
in geschlossener Ordnung aus den vier Toren des Lagers hervor, 
den Stürmenden in den Rücken fallend, um hier auf dem festen, 
freien Boden die ganze Uebermacht ihrer Bewaffnung und eisernen 
Schulung die in wilder Verwirrung zurückweichenden Deutschen 
fühlen zu lassen. Vergebens war alle Tapferkeit der Führer, von 
denen Inguiomerus erst nach schwerer Verwundung vom Kampf- 
platz wich. Die Deutschen, einmal gebrochen, vermochten sidi 
nicht mehr vor .dem Ansturm der Legionen zu sammeln und fielen, 
auseinanderfliehend, in Haufen unter den Streichen der rastlos ver- 
folgenden Römer. Die Sieger vergaßen Wunden, Not und Hunger 
über der Freude der gewonnenen Schlacht. Schon hatte man in 
Cöln das Heer verloren geglaubt, und nur Agrippinas Entschlossen- 
heit hinderte die feige Absicht, die Brücke über den Rhein abzu- 
brechen. Eine Mutter der Lager, empfing die hochgesinnte Frau 
das Heer des Caecina am Eingang der Brücke und verteilte mit 
eigenen Händen, was die Verwundeten und Entblößten an Kld- 
dern und Pflege bedurften. 

Nicht minder schwer hatte das Heer, das Germanicus führte, 
auf dem Rückwege gelitten. Um die Flotte zu entlasten, hatte Ger- 
manicus zwei Legionen unter Publius Vitellius befohlen, längs der 
iVIeeresküste den Schiffen zu folgen. Da brachte ein NordstQrm 
eine Spripgflut, die das flache Gestade mit dem Wogenschwall des 
Meeres überströmte. Bald waren Fußgänger und Reiter, Tragtiere 
und Wagen von den wirbelnden Wassern ergriffen und suchten 
mühsam ankämpfend den Weg oder trieben rettungslos auf der 
schäumenden Fläche. Gegen solche Gewalten versagten Mut und 
Verzweiflung, und ohne Leitung drängten die Legionen vorwärts, 
bis sie eine rettende Höhe gewannen. Da brachten sie die Nacht 
zu, ohne Nahrung und ohne Feuer, von den Fluten umlagert wie 
von einem feindlichen Heere. Am Morgen wich das Meer zurück, 
und schon zeigte sich die Flotte, die die Erschöpften an Bord nahm. 



J 



1. Der Kri^ ge^en die DeaUcben 269 

Die einzige Beute war der Bruder des Segestes, Sigimerus, gewesen, 
der sich mit seinem Sohne, dem Reiterführer Stertinius, ergab und 
Gnade fand, obwohl der Sohn an der Leiche des Varus gefrevelt 
hatte. Eindringlich waren die Lehren dieses ersten Feldzuges im 
Innern Deutschlands von der Uebermacht der Natur und der un- 
beugsamen Gewalt seiner Bewohner, 

Italien, Gallien und Hispanien wetteiferten durch das Angebot 
von Geld, Waffen und Pferden, die Verluste, die das Rheinheer er- 
litten hatte, zu ersetzen. Germanicus selbst beschenkte aus dem 
Reichtum seines Hauses das Heer und gewann sich die Herzen 
durch seine Leutseligkeit und die Ehrung der Tapferen und die mit- 
fühlende Unterstützung der Verwundeten. Wieder sprach Tiberius 
die Billigung alles dessen, was am Rheine geschah, aus, als er den 
Legaten Süius, Apronius, Caecina die Ehrenzeichen des Triumphes 
für ihre Taten in Deutschland verlieh, und grollte im Innern Agrip- 
pina, die mit männlicher Art den Pflichten eines Feldherrn oblag. 

Im nächsten Jahre wollte Germanicus den Kern des Wider- n 
Standes, das Land der Cherusker, ohne verlustreiche Kämpfe er- 
reichen und beschloß, das ganze Heer auf einer Flotte von tausend 
Segeln nach der Mündung der Ems zu führen. Während die Schiffe 
von neuer Bauart — mit flachen Kielen und doppelten Steuern am 
Stern und am Bug, um die Fahrtrichtung rascher wechseln zu 
können, dem Segel und Ruder gleichmäßig gehorchend, und mit 
Geschützen besetzt — sich an der Insel der Bataver sammelten, wo 
sie Soldaten, Vorräte und Heeresgerät an Bord nehmen sollten, 
gingen die Legionen am Ober- und Niederrhein über den Strom, 
Wieder verwüstete Silius das Land der Chatten und brachte als 
Beute Frau und Tochter ihres Fürsten heim. Germanicus sicherte 
das Land zwischen Ems und Rhein durch Straßen und Festungen, 
erbaute Aliso von neuem und andere Castelle zwischen Lippe und 
Rhein. Das Grab im Teutoburger Walde fand er zerstört. Auch 
die Liebe, die die Deutschen für den toten Drusus noch immer 
empfunden hatten, war unter der grausamen Hand des Sohnes aus- 
gelöscht, so daß sie den Altar vernichtet hatten, der den Ort, wo sein 
Geist geschieden war, bezeichnete. Ihn richtete Germanicus wieder 
auf, ohne den Ort der Varusschlacht abermals zu betreten. Dann 



270 TibeHus 

kehrte Germanicus zurück zu der Flotte, die zur Abfahrt bereit 
lag, und nach feierlichen Gebeten in das Meer hin aussteuernd, er- 
reichte er nach zwei Tagen ruhiger Fahrt die Mündung der Ems. 
Er überbrückte sie, die nun römisch geworden war, und rückte 
auf den neugebauten Bohlenwegen gegen den mittleren Lauf der 
Weser vor. 

Als die Römer an der Weser ihr Lager geschlagen hatten, er- 
schien Arminias am feindlichen Ufer und forderte seinen Bnidei 
Flavus, der als ein gemeiner Reitersmann im römischen Heere 
diente, zur Zwiesprache heraus. Seltsam war es zu hören und zu 
sehen, wie die Brüder über den trennenden Fluß, der eine mit den 
Wunden und Ehrenzeichen prahlte, die er im Dienste der Römer ge- 
wonnen, der andere ihm im schönsten Lateinisch den elenden Verrat 
in die Zähne schleuderte, bis sie endlich wutenbrannt nach Waffen 
und Pferden schrieen, um im tödlichen Kampfe das Gewicht ihrer 
Gründe zu erproben. Die Neuem zweifeln an der Lungenkraft 
dieser Recken, die sich doch über den Fluß weg nimmer hätten 
hören können; aber vernehmlich, zu unserem Kummer, ist nach 
Jahrtausenden die Art der Deutschen, mit Geistesfreiheit das 
Fremde zu ehren und darüber den eigenen, unendlich allem 
Fremden überlegenen Adel zu vergessen. 

Jenseits des Flusses standen die Deutschen bereit, den Römern 
den Uebergang zu wehren. Germanicus ließ die Reiterei an ver- 
schiedenen Stellen in den Furten übergehen, und mitten durch den 
brausenden Fluß lenkten die Bataver, ihre berühmte Reiterkunstzu 
zeigen, König Chariovalda an der Spitze, ihre Rosse. Sie waren ts, 
welche die Cheruscer erwarteten und in verstellter Flucht in ein 
Waldtal lockten, um sie dort niederzureiten. Die Bataver, geworfen, 
in einen Haufen sich zusammenballend, erwehrten sich der sie im 
Kreise umdrängenden Feinde, unter ihren Schwertern fallend oder 
von den Speeren aus der Ferne getroffen, Chariovalda wurde bei 
dem Versuche, mit seinem adeligen Gefolge durch die dichtesten 
Scharen der Cheruscer durchzubrechen, von seinem stürzendea 
Pferde gestochen, und mit ihm fielen seine Genossen. Die rörhi- 
schen Reiter, auf den Kampfplatz eilend, retteten die noch tapfer 
sich verteidigenden Bataver vor der Vernichtung. 



1, Der Krieg gegen die Deutichea 2'J t 

Nachdem Germanicus den Fluß mit dem Heere überschritten 
hatte, schlug er eine Brücke und sicherte den Uebergang durch Be- 
festigungen. Nicht die Ebene an der Weser, sondern den heiligen 
Hain desDonar hatten die Deutschen für die entscheidende Schlacht 
erwählt, um unter dem Schutze ihres Gottes zu kämpfen. Ein 
Ueberläufer verriet den Römern ihre Absicht, und die ausgesandten 
Späher des Germanicus sahen die Lagerfeuer, hörten im Walde das 
Klirren der Waffen und Wiehern der Rosse. In der Stille der 
Nacht sein Zelt verlassend, war Germanicus Zeuge, wie froh die 
Seinen dem Kampfe entgegensahen, und mit welcher Liebe sie voll 
Vertrauen seiner Führung folgten. Das Lager war in sicherer Hut, 
als der Feind im Morgengrauen vor den Wällen sich zeigte. Auch 
ein Traumgesicht stärkte seinen Mut, und so berief er am Morgen 
nach römischer Weise die Heeresversammlung, um die Seinen zu 
ermahnen, nur dem Stiche des Schwertes im Nahkampf zu ver- 
trauen und der ordnungslosen Kampfweise der Gegner auch im 
Wald geschlossen zu begegnen. Auf dem Hügelkranze, der sich 
im freien Felde, jenseits der Ebene am Flusse öffnete, standen die 
IVIassen der Deutschen am Rande des Waldes und auf den be- 
herrschenden Höhen der Heerbann der Cherusker. Das erste Treffen 
der Römer bildete der leichtbewaffnete Landsturm der Gallier und 
der Germanen der Rheingrenze. Von ihnen gedeckt folgten die 
dichten Schwärme der den nackten Leibern der Deutschen so 
gefährlichen Bogenschützen des Orientes. Dann vier Legionen und 
liinter ihnen in Mitte des Heeres der Feldherr mit den beiden prae- 
torischen Cohorten und den Geschwadern seiner Gardereiter. Ihm 
-folgten die vier anderen Legionen und hinter ihrem Walle die 
leichten Cohorten und die Reiterei, beide bereit, an den Flügeln zum 
ÜCampfe vorzudringen. In diesen tiefen, undurchdringlichen Massen 
sing das Heer zum Angriff vor unter dem Segen Juppiters, dessen 
.^dler, ein willkommenes Zeichen, vor dem heranrückenden Heere 
den Lüften dem Walde zustrebten. Während die Deutschen, die 
am freien Felde kämpften, unter dem Drucke des römischen Fuß- 
"^olkes in den Wald zurückwichen, wurden die, die den Wald ver- 
"^eidigten, von den Reitern und den leichten Cohorten gegen die 
^itte gedrängt. Schon waren auch die Cheruscer auf den Höhen 



von den Legionen zum Rückzug gezwungen worden, als Arminius, 
um die drohende Niederlage abzuwehren, sich auf die Reihe der 
Schützen warf, sie zersprengte, bis sich sein Anprall an deaLinien 
der Cohorten brach. Von Wunden bedeckt, mit Blut überströmt, 
dankte er wie Inguiomerus die Rettung denChaucen, die, auf der 
Seite der Römer kämpfend, den bedrohten Helden den Weg frei- 
gaben. Die fliehenden Deutschen wurden in die Weser gedrängt, 
uder zerstreuten sich auf den Pfaden des vertrauten Waldes. Trotz 
einer langen Verfolgung war der Sieg der Römer auf dem Felde 
Idisiaviso in keiner Weise entscheidend gewesen. Und das Sieges- 
zeichen der Römer war für die Deutschen nur eine Mahnung, auf 
einem neuen Walplatz ihren ungebrochenen Mut zu beweisen. 

Wieder hatten die Römer ihren Sieg durch Grausamkeit ge- 
schändet, besonders diese orientalischen Schützen, als sie die auf die 
Bäume flüchtenden Wilden ijnter Hohngelächter herunterschossen. 
Die Erbitterung über solche Gegner erfüllte jetzt die Deutschen mit 
Raserei. Wer nur eine Waffe schwingen konnte, eilte zum Kampfe 
herbei. Immer stärker wurde der Widerstand, auf den die Römer 
bei ihrem Vordringen gegen die Elbe stießen. Auch von jenen 
Stämmen, die jenseits des Flusses wohnten, müssen Tausende und 
Abertausende die Reihen der Freiheitskämpfer verstärkt haben. 
Denn an der äußersten Grenze der Cheruscer, da, wo ihr Land ein 
Grenzwall von den Sitzen der Angrivarier schied, trafen die Römer 
auf ein so mächtiges Heer, daß es ihnen für immer Halt gebot. In 
einer versumpften Niederung standen die Deutschen hinter einem 
Flußlauf, von dichten Wäldern und stehenden Gewässern gedeckt, 
einen Flügel an den Wall gelehnt. Das Fußvolk war im freien Feld 
zur Schlacht geordnet, die Reiter hinter den Bäumen verborgen. Ger- 
manicus ließ die Reiter in der Ebene angreifen, das Fußvolk in den. 
Wäldern und gegen den Damm vorgehen ; die Fußgänger der Deut- 
schen wichen in die Wälder zurück, aber ihre Reiter warfen sich den 
römischen entgegen und behaupteten die Ebene. Auch im Kampf 
den Wald und den Damm gewannen die Römer keinenBoden, bis der 
Pfeilhagel der Bogenschützen und dieGeschosse derWurfmaschinen 
die Verteidiger des Walles in den Wald zurückzuweichen zwangen^ 
Germanicus mit den praetorischen Cohorten erstieg als Erster diesi 



I. Der Krieg gegen die Deutschen 37i 

Grenzwehr und stieß im Walde auf denselben erbitterten Wider- 
stand. Den ganzen Tag währte das schonungslose Ringen, in dem 
auch die Deutschen keine Gnade mehr gaben. Da Arminiua durch 
seine Wunden behindert war, leitete Inguiomerus die Schlacht, auf 
seinem Streitroß die Reihen durchfliegend und die Seinen zum 
Kampfe anfeuernd. Auch die Deutschen fochten in dichten Reihen, 
durch das Dickicht des Waldes eingeengt, wehrten die mit dem 
Schwerte kämpfenden Legionare stetig mit den Spitzen der ge- 
schlossenen Speere ab. Die Mordlust, welche die Gegner festhielt, 
wich endlich dem Eintritt der Nacht. Die Römer schlugen ihr Lager 
auf dem heißumstrittenen Kampfplatz und errichteten ein Sieges- 
zeichen, das prahlend von der Unterwerfung aller Völker bis an die 
Elbe, die sie nicht gesehen hatten, sprach. Aber wieder kam die 
Nachricht, daß die Stämme im Rücken zum Abfall bereit seien. Der 
kurze nordische Sommer neigte sich zu Ende. Germanicus be- 
schloß schweren Herzens die Umkehr vor den unbesiegten Feinden, 
An der Ems teilte er sein Heer, die Mehrzahl der Legionen sollte 
die Flotte besteigen. In ruhiger Fahrt steuerte die Flotte ihrem 
Ziele, der Mündtmg des Rheines, zu, als an der Küste Frieslands 
ein Sturm die schwerbelasteten Schiffe erfaßte und auseinander- 
trieb. Die schweren Wellen brachen über Bord, alles mit sich fort- 
spülend, die Ruder zerbrachen und die ausgeworfenen Anker wurden 
fortgerissen. Hilflos wurden die Schiffe auf das weite Meer hinaus- 
getrieben, wo jedes Land dem Blick verschwand, oder strandeten 
auf den Watten und an den Inseln. Germanicus war mit seiner 
Triere, weit weggeführt vom Sturm, an die Küste der Chancen 
geworfen worden. Verzweifelnd starrte er auf die tobende See, die 
Heer und Flotte verschlungen hatte. Doch als das Unwetter nach- 
ließ, fand sich Schiff auf Schiff, wenn auch schwer beschädigt, in 
seiner Nähe ein. Und die wieder vereinigte Flotte durchsuchte die 
Inseln und Küsten nach den Schiffbrüchigen, So gelang es, die 
meisten zu retten, und die weithin verschlagen waren, selbst bis 
nach Britannien, kehrten wieder heim. Ungewohnt waren die 
Schrecken des Nordmeeres den Römern und hatten ihre Furcht über 
die Gefahr gesteigert. Und das Ansehen der Römer war über dem 
Schiffbruch ihrer stolzenFlotte indeutschenLanden nichtgewachsen. 



.i/4 



TiberiiH 



Noch im Spätjahr überschritten Silius den Oberrhein, Ger- 
tnanicus selbst den Niederrhein, um Chatten und Marser, die von 
der neuen Herrschaft noch nicht überzeugt waren, heimzusuchen. 
Wieder wehrten sich die Marser gegen die Uebermacht wie die 
Verzweifelten, und nur der Verrat des Fürsten Mallovendus Heß 
die Römer einen der Adler der Varusschlacht, der vergraben lag, 
finden, so daß, um ihren Ruhm voll zu machen, nur noch der 
dritte fehlte, der noch durch viele Jahre im Chaucenlande ' 
borgen blieb. 

Als die Berichte über den letzten Feldzug in Rom eintrafen, 
erkannte Tiberius, daß der stürmische Feldherr eine Gefahr für 
die Sicherheit des Heeres geworden war. Er enthob zuletzt Ger- 
manicus, da alle Vorstellungen, von dem Kriege abzulassen, die 
er in Briefen an ihn richtete, kein Gehör fanden, von dem Ober- 
befehl über das Rheinheer, Ungerecht wäre es, in diesem Schritte 
etwas anderes zu sehen als die wohlerwogene Überzeugung von 
der Gefahr eines solchen Eroberungskrieges. Denn niemand 
kannte die Natur des deutschen Landes, die Art seiner Bewohner 
besser als der Kaiser, Genug Blut war geflossen, um die Schande 
der Varusschlacht abzuwaschen. Auch die Deutschen hatten in 
diesem Kriege furchtbar gelitten, ihre Kraft war geschwächt, die 
Übermacht Roms in den elenden Hütten des Urwaldes von neuem 
erwiesen. Der Kaiser kannte die törichte Weise der Deutschen, 
in innerer Zwietracht sich selbst aufzureiben, und überließ sie 
ihrem Hader, der um so sicherer ausbrechen mußte, wenn 
sie ihre Tapferkeil an keinem fremden Gegner erproben konnten. 

Was hatte die letzte glorreiche Gegenwehr den Deutschen 
gebracht als innere Feindschaft? Inguiomerus ertrug es nicht, daß 
sein junger Neffe Arminius seine Taten verdunkelt hatte, imd floh 
zu Marbod, den Konig gegen sein eigenes Volk zu bewaffnen. Die 
Deutschen haßten diesen Fürsten, auch wenn sie ihm gehorchten, 
der nach römischer Art sie zu Knechten herabwürdigte. Als 
».Cht. Arminius gegen ihn ins Feld zog, fielen die Semnonen und Lango-- 
barden von ihm ab und folgten dem Befreier der Deutschen in deij 
Kampf. Aber von den Cheruscern focht Inguiomerus mit seinen 
Gefolgsleuten in den Reihen Marbods. Furchtbar war der Zu- 



1. Der Kri^ fT^Ed '^'^ Deutschen 

sammenstoß der beiden kriegsgeübten Scharen, die um den Ruhm 
der mächtigsten Heerkönige Deutschlands rajigen, und lange 
wogte der Kampf unentschieden, bis in beiden Heeren der rechte 
Flügel die Oberhand über den Gegner gewann. Doch gab Mar- 
bod zu erkennen, daß er sich nach Abbruch des Kampfes als der 
Schwächere fühlte. Denn er verlegte sein Lager, auf seine Sicher- 
heit bedacht, nach römischer Weise auf einen Hügel. So riß der 
Abfall immer stärkere Lücken in sein Heer und zwang ihn, nach 
Böhmen zurückzugehen. Vergeblich rief er die Hilfe seiner alten 
Freunde, der Römer, an. 

Wieder liegt durch lange Jahre das Schweigen des Urwaldes k. 
über der Geschichte der Deutschen, Da drang zu den Römern 
die Kunde, Arminius, der Held sei gefallen. Herrisch sei er ge- 
worden im Gefühle seiner Größe und seiner Taten. Die Freiheit 
seiner Cheruscer hätte er unterdrückt in dem Streben nach dauern- 
der Macht. In Wahrheit starb er ein Opfer des Hasses und Neides 
seiner eigenen Sippe, die den überragenden Mann nicht mehr er- 
trug und sein edles Leben in gemeinem Meuchelmorde auslöschte. 
Aber ewig lebte er in den Gesängen der Deutschen, die im freien 
Walde das Lob ertönen ließen des herrlichen Mannes und seines 
unsterblichen Ruhmes, bis es auch das Herz eines römischen 
Mannes rührte, der an Adel des Geistes dem Jüngling glich auf 
Walhallas Throne. 

Die gleiche Gerechtigkeit, wie sie Tiberius, wenn ihn auch das 
Bewußtsein seines Mißtrauens zaghaft machte, gegen Germanicus 
an den Tag legte, zeigte er in der Art, seine Herrschaft auszu- 
üben. Und doch lag seine Hand schwer auf dem Senat. Zwischen 
dem Herrscher und seinen Räten wollte der Argwohn nicht wei- 
chen. Gedachte man ihn zu ehren oder war es eine Kränkung, 
daß der Senat sich in Ergebenheit gegen seine Mutter Livia über- 
bot? Als sei er nichts als ihr Geschöpf, sann ihm der Senat -an, 
er sollte sich den Sohn der Julia nennen, und sie sollte Mutter 
des Vaterlandes heißen und ihre Adoption durch die Gründung 
eines Altares gefeiert werden, ein Lictor sie begleiten. Tiberius 
wehrte allen diesen Dingen, die tatsächlich mehr waren als bloße 
£hreD. Die alte Frau, die sich Augustus immer gefügt hatte, unter 



2^6 Tiberius 

dem Sohne, den sie erhöht halte, begehrte sie eine Mitherrächai^ 
deren Ausdruck eben diese Ehren waren, und die Tiberius 
nimmer gewähren wollte. Deshalb hatte er sich nicht empoP- 
gedient zur Macht, tim jetzt auf dem Throne dem zu verfallen, 
was er sein ganzes Leben verabscheut hatte, der Weiberherr- 
schaft. Er ertrug die Mutter aus gewohntem Gehorsam des Sohnes, 
unterdrückte seine Verstimmung, obwohl sie darin hervortrat, 
daß er den Ehrennamen Augustus, den ihm der erste Träger 
dieses Namens mißgönnt hatte, ablehnte, außer im Verkehre mit 
den Fürsten des Auslandes, Eine neue Kluft tat sich vor ihm auf^ 
und niemand war eifriger, sie zu vertiefen, als Seianus, dem jeder 
Zwiespalt im Kaiserhause eine Stufe war zur schrankenlosen 
Macht. 

Im ersten Jahre seiner Regierung starb die verhaßte Julia i 
Regium an der sicilischen Enge, wo ihr des Vaters Milde zuletzt 
den Wohnsitz angewiesen hatte. Auf Tiberius Befehl, der keine 
Kränkung vergaß, starb ihr Buhle Sempronius Gracchus, der sie. 
der erste, als Gattin des Agrippa verführt hatte und später die 
Briefe Julias an ihren Vater voll Schmähungen über Tiberius 
schrieb. Wer sollte nicht damals schon vor dem Kaiser Graueo- 
empfinden, der unversöhnlich altes Unrecht in seinem Herzen auf- 
nährte? Und doch nur Gerechtigkeit war sein Streben. Als der 
Senat sinnlose Anklagen häufte wegen der Verletzung des neuen 
Gottes Augustus, schrieb Tiberius den Consuln, Augustus sei nicht 
deshalb ein Gott geworden, um seine Untertanen zu verderben, 
und sprach ein Wort von ewiger Bedeutung, den Göttern ; 
anheimgestellt, diejenigen zu bestrafen, die an ihnen frevelten. 
Nicht minder geistreich traf sein Spott über das Treiben mit der- 
Göttlichkeit des Herrschers, die Augustus in seiner Weise sich 
gefallen ließ, wenn es den Menschen nun einmal so gefiel, die 
Tarraconenser : als sie ihm berichteten, daß auf dem Altar des- 
göttlichen Augustus ein Palmzweig aufgesprossen sei, erwiderte, 
er ihnen, man sieht, wie eifrig ihr opfert. 

Gleich die ersten Vergehen der Beamten ließ er in seinem' 
Beisein durch den Senat bestrafen und erhöhte die Würde des C 
riclltes, so oft er dem Urteil der Praetoren an einem bescheideaea 



2. Der Krieg gegen die Deutschen 277 

Platze anwohnte. Und hilfreich erwies er sich den Senatoren, die 
ohne Schuld verarmt waren, sobald der Senat, wie billig, die Be- 
rechtigung der Bitte geprüft hatte. Er fügte sich dem Einspruch 
eines Tribunen, als er die Zügellosigkeit der Mimen, die so hoch 
in der Gunst der Menge standen, einschränken wollte. Es ist 
gänzliche Mißdeutung, die Ehrlichkeit seines Handelns zu be- 
zweifein. Schon damals trat ein Grundsatz hervor, der, zuerst von 
dem Wohlwollen gegen die Untertanen eingegeben, später zum 
krankhaften Eigensinn wurde, bewährte Statthalter in ihrem Amte 
zu belassen. So verstand Tiberius das Wohl des Staates ohne 
Gunst der Person, ohne die Gnade, die in den Augen der Hof- 
leute das wahre öl der Salbung des Herrschers ist. Gerade weil 
er Soldat war vom Scheitel bis zur Zehe, wollte er der Bürger 
sein, wie es Augustus gewesen war. 

Und einem solchen Mann glaubte ein törichter Hochgeborener, 
Scribonius Libo, schon im dritten Jahre der Herrschaft nach dem 
Leben trachten zu können. Denn sein Urgroßvater war Pompeius 
der Große gewesen und seine Tante die zweite Frau des Augustus. 
Deshalb prophezeiten ihm die Winkelpropheten aus den untrüg- 
lichen Sternen die Alleinherrschaft, Tiberius ließ den Sinnlosen 
überwachen, verlieh ihm die Ämter, die seiner hohen Herkunft 
entsprachen, und zog sogar den nahen Verwandten, wie immer 
zu Tisch, ohne durch eine Miene sein Wissen um so freundliche 
Pläne zu verraten. Wer kann es sagen, ob er ihn mit Absicht in 
seinem Treiben bestärkte? Gewiß ist es, daß Libo zuletzt, um 
seinen Mut zu stärken, Geister beschwor. Dies brachte ihn auf 
die Anklagebank vor den Senat. Es war die Kläglichkeit seiner 
Verteidigung, die ihm zum Verderben wurde. Voll Schuldbewußt- 
sein bettelte er besonders bei den Frauen seines hochgeborenen 
Kreises um Hilfe, und als wäre er sterbenskrank, ließ er sich auf 
einer Bahre in das Gericht tragen, um durch klägliche Mienen 
den Kaiser zu rühren. So ließ Tiberius dem Rechte seinen Lauf. 
Die Beweise waren von einer erdrückenden Lächerlichkeit. Hatte 
er doch von seinen Geistern auch wissen wollen, ob er einmal die 
appische Straße von Korn bis Brundisium würde mit Silber 
pflastern, können. Aber er ließ nicht von seinem Leugnen, und 



2j8 Tiberms 

seine Sklaven, auf die Folter gespannt, mußten die Schuld ihrei 
Herrn bezeugen. Eine zweite Verhandlung forderte die Form da 
Rechtes. Soldaten überwachten sein Haus, er sah sich gerichtö 
und erstach sich aus Angst vor dem Tode im Dunkeln. In seinen! 
starren Rechtsgefühl hatte der Kaiser wohl das Bekenntnis det 
Schuld, aber nicht den Tod des Elenden gewollt. Es ist erst dej 
Senat, welcher der sinnlosen Mordgeschichte eine Bedeutung gab 
mit seinen Beschlüssen, das Andenken des Verbrechers in jede; 
i,Chr. Weise zu ächten und den Todestag Libos, die Iden des Septena 
bers, zu einem Festtag des geretteten Staates zu erheben. 

Wer dem Kaiser als eigentlich schuldig galt, zeigten die feier* 
liehen Strafen an den Sterndeutern. Hier liegt der Kern seines 
Verhaltens. Er hatte in Rhodos an die Wahrheit der trügerischen 
Kunst glauben gelernt; und halte sie diesem Libo falsch prophe- 
zeit, wer wußte, wenn sie die Wahrheit verkünden würde? So ist 
sein Schicksalsglaube nicht die heitere Gewißheit eines Augustus, 
sondern unwürdige Befangenheit. Das Abstruse war es, das ihn 
auch sonst anzog, nicht das reine Wissen, das den Geist befreit, 
und je sirmlosere Fragen die Gelehrten an seinem Hofe spitzfindig 
erörterten, desto mehr erfreute ihn ihr Streit, um leere Worte. 

So grundlos war die Angst vor einer plötzlichen Wendung des 
Geschickes denn doch nicht, und der Kaiser hatte recht, wenn et 
seine Lage einem Manne verglich, der einen Wolf am Ohre fest- 
hält. Hatte doch der Sklave Clemens, um die Zeit als Augustus 
starb, geplant, seinen Herrn, jenen Agrippa Postumus, aus Pla- 
nasia zu entführen, um ihn am Rheine zum Kaiser auszurufen, und 
nur die rasche Hinrichtung des Juliers hatte das Gelingen ver- 
hindert. Jetzt trat Clemens selbst in Italien als Agrippa Postumus 
auf. Die wunderbare Rettung des letzten Juliers wurde bald der 
allgemeine Glaube. Schon feierte ganz Ostia diesen herrlichen 
Erben des Thrones, als Sallustius Crispus auf Tiberius Befehl den 
Kerl greifen ließ und gebunden in den Kaiserpalast brachte, wo 
er noch die Laune fand, den Herrscher frech zu verhöhnen. 

Trotz solcher Störungen sehen wir den Kaiser unermüdlich 
tätig in der Erfüllung der unbequemsten Pflicht, den Sitzungen 
des Senates regelmäßig anzuwohnen, um mitzuwirken bei B&- 



2, Der Krieg g^"< '^i^ DeaCscheo 

ratungen, die sich nicht immer durch das Gewicht des Inhaltes 
auszeichneten. Er ertrug den Widerspruch, selbst wenn er ganz 
ungerechtfertigt war, und auch Zurechtweisungen von den hohen 
Räten. Aber es erregte wieder Anstoß, als er dem Hortensiuj; 
Hortalus, der als Nachkomme des berühmten Redners schon ein- 
mal von Augustus mit einer Million beschenkt, jetzt wieder als 
Bettler vor dem Senate stand, aus Eigenem jede Unterstützung 
verweigerte, ohne die Mildtätigkeit des Senates zu hindern. Daß 
er nun nichts bekam, war doch nur gerecht und billig. 

Germanicus hielt am 26. Mai des Jahres 17 den Siegeszug 
über die Völker Deutschlands, und Segestes als Ehrengast der 
Römer sah unbewegten Auges die Schande seiner Tochter und 
seines Enkels, Tiberius erhöhte den Glanz des Triumphes durch 
eine Liberalitas für die Hausarmen der Plebs urbana von 75 De- 
naren. Seine freundliche Gesinnung gab er dem grollenden Neffen 
zu erkennen, als er ihm die Neuordnung der Verhältnisse des 
Orientes als Oberstatthalter der Provinzen jenseits des aegaeischen 
Meeres übertrug. Zugleich sollte er im folgenden Jahre das Con- 
sulat in der ehrenvollsten Form als College des Kaisers verwalten. 
Genau so hatte auch Augustus immer gehandelt, als Tiberius 
selbst noch Thronfolger war, Tiberius wollte seinem großen Vor- 
bild nachleben, aber vermochte nicht in edler Weise sein Miß- 
trauen zu überwinden. Die Statthalterschaft Syriens, mit dem 
geheimen Auftrage, Germanicus zu überwachen, erhielt Gnaeus 
Piso, des Kaisers Günstling und durch seine Gemahlin Plancina 
der Günstling der Augusta, Doch hatte Tiberius bereits bestimmt, 
daß der durch Alter und Torheil hilflose Archelaos sein König- 
reich Cappadocien verlieren sollte. Sanfte Briefe Livias beriefen 
ihn nach Rom, wo des Kaisers Rachsucht ihn mit einer Anklage 
vor dem Senate in den Tod trieb. Denn Tiberius hatte es nicht 
vergessen können, daß er in der Schreckenszeit von Rhodos unter 
jenen gewesen war, die ihn gehöhnt. 



jrermanicus im Osten 

Wie sollte Tiberius noch fähig sein, in Gennanicus das Wesen 
seines Bruders Drusus wiederzuerkennen? Und doch glich der 
Sohn dem Vater auch in dem Bewußtsein, der einzigen Stellung 
im Staate durch seine Gesinnung würdig zu sein. Er verstand den 
grundlosen Argwohn des Oheims nicht und verletzte ihn, ohne 
es zu ahnen. Was ihn bewegte, als er mit dem bedeutungsvoUen 
Auftrag nach dem Osten zog, waren die Schwingen eines Gemütes, 
das mit der hohen Spannung des Dichters dem Schauplatz einer 
r. großen Vergangenheit zustrebte. Einzig würdig erschien es ihm, 
das Consulat, das ihn dem Kaiser gleichstellte, an dem Orte an- 
zutreten, wo das wunderbare Walten des Geschickes in seinei 
Hause offenbar geworden war, in jenem Actium, das seinen Groß — 
vater erhöhte und den Vater seiner Mutter in tiefe Nacht begrub— 
Dann sah er Athen, die Heimat der größten Dichter, betrat Les— 
bos und, an der Küste Asiens dife Fahrt fortsetzend, erreichte er 
Perinth, die Hauptstadt Thrakiens, Eyzanz und die sagenberühmte 
Einfahrt in den Pontus. Überall übte er mit Ernst sein Amt, 
schlichtete den nie ruhenden Streit der Eitelkeit griechischer Ge- 
meinden, richtete das von den Beamten gebeugte Recht wieder 
auf. Von Samothrake, der Stätte uralter Mysterien, durch widrige 
Winde ferngehalten, besuchte er Ilion, wo die Ahnherrin seines 
Hauses den göttlichen Aeneas geboren hatte. Dann kehrte er 
nach Asien zurück und landete in Kolophon, um das Orakel des 
Apollo zu befragen, der den Helden seiner Phantasie einst ihre 
Größe verkündet hatte, sein Gemüt mit trüben Ahnungen be- 
schwerend. Um so peinlicher war es ihm, als er bei seinem Ein- 
treffen in Syrien sah, wie Jener Piso, den das Vertrauen des Ti- 
berius zu seinem Helfer bestellt hatte, diesen Auftrag verstand. 



Piso war seinen Spuren gefolgt und vergalt den Athenern die Huld 
des Germanicus mit wilden Schmähungen über ihre alte und neue 
Treulosigkeit gegen Rom. Dann erreichte er in Rhodos Germa- 
nicus, der sein maßloses Auftreten in Athen, von dem er Kenntnis 
hatte, mit der Hoheit des Fürsten übersah. Als gälte es zu be- 
weisen, daß es in seiner Macht lag, Übles zu tun, eilte Piso trotz 
des stürmischen Meeres voraus nach Syrien. Die Legionen des 
Ostens suchte er dem Germanicus zu entfremden, indem er, der 
Vater des gemeinen Soldaten, Geschenke verteilte. Unwürdige 
beförderte und verdiente Offiziere beseitigte, weil'sie der in dem 
Heere des Ostens unaustilgbaren Zuchtlosigkeit mit Härte ent- 
gegengetreten waren. So hatte Tiberius seinen Auftrag nicht ver- 
standen, das war die Ausgeburt des weiblichen Hasses, der Pisos 
Weib und Agrippina verfeindet hatte. Auch jetzt noch halte Ger- 
manicus für das gemeine Treiben seines Legaten nur Verachtung, 
Höhere Pflichten riefen ihn nach Armenien. Die Ordnung, die 
Gaius Caesar dem Lande gegeben hatte, war von kurzer Dauer 
gewesen. Nach dem Tode jenes Artavasdes, den Augustus zuletzt 
als König des Landes eingesetzt hatte, war Armenien, durch Jahre 
ohne Herrn, der Schauplatz der einander befehdenden Parteien 
römisch und parthisch Gesinnter. Zuletzt hatte hier der Parther 
Vonones, der Sohn des Phraates, geboten. In Rom erzogen, dann 
durch Augustus Hilfe König der Parther, war er vor einem Gegen- 
könig Artabanus nach Armenien geflohen und hatte sich dieses 
Reiches bemächtigt. Auch von diesem Throne durch die Parther 
gestürzt, lebte er unter römischem Schutz in Antiochia. Tiberius 
hatte seine Bitte, ihn wieder auf den Thron Armeniens zu setzen, 
abgewiesen, vielmehr aus der Schatzkammer seines Hauses einen 
Sprossen des Antonius hervorgeholt, Polemos Sohn Zeno. Der 
junge Mann besaß auch die Gunst von Vornehmen und Geringen 
in Armenien, da er nach Landessitte zu jagen und zu tafeln ver- 
stand, und was sie sonst für fürstlich hielten. So schmückte ihn 
Germanicus in der Hauptstadt Artaxata unter ungeheurem Zu- 
lauf mit dem Diademe, und Artaxias nannte sich der neue König 
nach seiner Stadt. Auch Cappadocien bedurfte seiner sorgenden 
Hand, da es nach dem Willen des Kaisers eine Provinz geworden 



283 



war. Der Legat Veranius sollte die neue Ordnung einleiten, die 
Germanicus den Untertanen durch Ermäßigung der Steuern er- 
leichterte. Ebenso war Commagene ein Distrikt Syriens geworden. 
Gerade diese selbstherrlichen Fürsten am Euphrat hinderten einet 
festen Zustand in Armenien, da sie, für ihre Untertanen eine Last„_ z 
doch den Schutz der Grenze nicht verbürgten. 

So leicht und sicher hatte Germanicus die Wirren des Osten^^ 
schlichten können, weil der Name des Kaisersohnes, der in sc^h 
vielen Kriegen den Lorbeer des Siegers gewonnen hatte, ein- -^ 
Macht war, Artabanus beeilte sichj die Freundschaft der Romp — j 
zu suchen, und erbat nur, daß Vonones aus Syrien verwiese :m 
werde. Sein Wunsch wurde erfüllt, und der Staatsgefangene gii»^^ 
nachPompeiopoIis inCilicien, wo er später bei einem FluchtversucrJi 
ums Leben kam. Wieder beging Germanicus den Fehler, daß er, u:mnt 
im Orient sein Wirken überall kund zu tun, gegen die Vorschri -ft 
Münzen mit seinem Bildnis schlug, die die Einsetzung der Ann«;- 
niers feierten, Piso fühlte sich im Rechte, den selbstherrliche^Ti 
Kaisersohn an die Schranken seines Auftrages zu erinnern. Nur 
tat er es in einer Weise, dife die Grenzen seines eigenen Auftrages 
erst recht überschritt. Hatte er doch seine Unbotmäßigkei't so 
weit getrieben, daß er dem Befehle der Germanicus, Legionen aus 
Syrien nach Armenien zu führen, nicht nachkam. Diesmal orsX 
'ihm Germanicus bei einem Zusammentreffen in Cyrrus, dem Lager 
der zehnten Legion, mit Schärfe entgegen, ohne seine freche A-»- 
maßung demütigen zu können. Sprach Germanicus Recht, so 
zeigte Piso in seiner Miene Mißbilligung des Urteiles, oder er 
höhnte wieder über die glanzvollen Geschenke, durch die c3er 
König der Nabataeer seine Ehrfurcht für Germanicus und Agi^^p- 
pina bekundete, weil er selbst und seine Plancina verkürzt worc3e" 
waren. Germanicus in seinem hohen Sinne sah, obwohl sfc ^Ä* 
Freunde ilin aufreizten, den Trotz auf seines Dieners Stirne nic^^!!* 
sah er doch auch nicht das Stirnrunzeln seines Oheims, Denn 
konnte er glauben, daß die Vorschrift des Augustus, kein Sen^t^ ^ ^ 
r. dürfe ohne Erlaubnis des Princeps Ägypten betreten, sich -^u* 
ihn erstreckte? Und tat er nicht, was seines Amtes war, als 
um die Not zu lindern, in Alexandria die St>eicher des Sta^»-t 



zu öffnen befahl, oder konnte er das heiße Nilland, das zu seheo 
sein wißbegieriger Geist begehrte, anders als in der leichten Tracht 
des Griechen, frei von der Würde seiner hohen Stellung, bereisen? 
Von Canopus ging die Fahrt den Nil aufwärts, bis nach Syene, 
der Grenze Ägyptens, und überall sah Germanicus die Wunder 
der Vorzeit, lauschte den Erzählungen, in denen sich das unver- 
standene Altertum Ägyptens mit den verklungenen Sagen der 
Griechen zur Lösung der Sphynx herrlicher Bauten verband. Er 
hatte sich selbst vergessen über all dem Geschauten und stand 
nach seiner Rückkehr vor dem neuen Rätsel, daß sein kaiserlicher 
Oheim mit leisem Tadel und ernster Strafrede sein Tun schalt. 
Aber es waren nicht nur Worte, die ihn kränkten. Als er wiedelr 
in Syrien eintraf, sah er mit Empörung, daß Piso alle seine An- 
ordnungen umgestürzt hatte. Vor der gerechten Entrüstung des 
Germanicus wollte Piso aus Syrien weichen; da ließ ihn die Er- 
krankung des Fürsten wieder zögern. Erst als Germanicus genas 
imd ihn mit seiner Ungnade des Amtes enthob, verließ er die 
Provinz. 

Doch sank Germanicus bald wieder auf das Krankenlager, 
von dem er sich nicht wieder erheben sollte. Er starb in der 
Blüte des Mannesalters, zu Großem berufen, des Höchsten fähig, 
beweint von den Seinen, betrauert von den Provinzen, die zu- 
letzt der Schauplatz seines Wirkens waren. Zu furchtbar war 
der Schlag für Agrippina, für die Freunde, von denen die Be- 
jahrten in dem Sohne auch den Vater geliebt, wie er die Jüngeren 
selbst seinen Herzen gewonnen hatte. Die schleichende Krank- 
heit, der er erlegen war, schien ihnen allen das Werk Plancinas, 
die dem edeln Fürsten durch heimliches Gift das Leben geraubt 
; hätte. Das Gebaren des Weibes und ihres Gatten Piso bewies 
auch einea Haß, der zu allem fähig war. Hatte doch Piso die Opfer 
in Antiochia, die die Heilung des Kranken von den Göttern er- 
flehten, mit Gewalt gestört. In dem Sterbegemach fand man jene 
Tafeln voll Verwünschungen und anderen gleich wirksamen Zau- 
ber, der das Leben des Verhaßten den Göttern der Unterwelt 
weihte. Als dann die Nachricht von dem Tode des Germanicus 
das Paar in Kos erreichte, kannte ihr Jubel weder Scham noch 



2S4 Tiberius 

Maß. Sie füllten die Tempel mit Dankesopfern, und Plancina, die 
für ihre Schwester das Trauergewand trug, legte triumphierend äa 
Freudenkleid an. Die Freunde des Germanicus bestellten aus ihrer 
Mitte den Sentius Saturninus zum Verwalter des Ostens, Die an- 
deren rüsteten sich, in Rom die Anklage wegen Giftmordes gegen 
Piso und Plancina zu erheben. Ihnen zuvorzukommen, gedachte 
Pisos Sohn nach Italien zu eilen, um den Gerüchten, die den Vater 
belasteten, entgegenzutreten. Piso ließ es nicht zu und brach selbst 
auf, um von der Provinz Syrien wieder Besitz zu nehmen, die nach 
des Kaisers Auftrag sein war. Er rechtfertigte sein Tun in einejH 
Schreiben an den Kaiser, und Rom sah das seltsame Schauspiel, 
daß die Abneigung, die das Kaiserhaus spaltete, in seinen Dienern 
als ein Bürgerkrieg ausbrach. Domitius Celer, der Vertraute Pisos, 
landete in Laodikeia, um die sechste Legion für den Statthalter 
des Kaisers unter die Waffen zu rufen, Piso selbst erschien .is 
Cilicien, sammelte Überlauf er, Troßknechte unter seinen Fahoec,. 
bemächtigte sich einer Abteilung, die die Legionen Syriens zu er- 
gäben bestimmt war, und forderte die Fürsten des Landes auf, 
ihn zu unterstützen. Diesem zusammengewürfelten Haufen gab 
er den Namen einer Legion und machte das feste Celenderis zu 
seinem Waffenplatz. So brach Sentius Saturninus, der den Ab- 
fall der sechsten Legion verhindert hatte, mit Heeresmacht auf, 
den Gewalttätigen mit Gewalt wieder zu verjagen. Piso nahm die 
Schlacht vor seiner Feste an, immer in der Hoffnung, daß die 
Legionen Syriens zu ihm übertreten würden. Als aber dieCilicier 
den Rücken wandten und die Legionare ihre KriegshÖrner ertönen 
ließen, mit Sturmleitern bewehrt gegen die Mauern herankamen, 
da war sein Trotz gebrochen. Alles, was er erreichen konnte, war 
freies Geleite, um nach Italien zurückzukehren. 

Was ihn hier erwartete, verriet die Stimmung der Haupt- 
stadt. Als die erste Nachricht von dem Tode des Germanicus ein- 
traf, legte ganz Rom das Trauerkleid an, und der Gerichtsstill- 
stand trat von selbst ein. Es war der stille Kummer wahren Lei- 
dens, der die ganze Stadt erfaßt hatte. Da kam die täuschende 
Kunde, daß der Teure genesen sei, und für kurze Zeit herrschte 
die begeisterte Freude, die einer um so verzweifelteren Trauer 



wich. TJberius ließ das Volk gewähren und hemmte auch die 
Ehrenbeschlüsse für den Toten nicht, obwohl auch sie der Aus- 
druck waren des allgemeinen Empfindens, daß mit Germanicus 
die" einzige Hoffnung des Staates begraben sei. Die Salier sollten 
in ihrem Liede seinen Namen nennen, sein Standbild bei den 
Circusspielen aufziehen, seine Priestertümer sollte nur ein Julier 
bekleiden. Ehrenbogen am Rheine und im Amanusgebirge ver- 
kündeten den Ruhm seiner Taten. Ein Grabmal wurde ihm er- 
richtet in Antiochia, und ein Sitz göttlicher Verehrung in Epi- 
daphnae, dem Orte seines Sterbens, Zahllos waren im ganzen 
Reiche seine Statuen und die Stätten seiner Verehrung. Auch die 
Ritterschaft sollte ihn feiern, die eines ihrer Geschwader nach ihm 
benannte, und den Dichter und Redner pries ein Ehrenschild in 
dem Saale der palatinischen Bibliothek. AUes hatte getrauert, nur 
Tiberius und Livia nicht. Das Bewußtsein, daß sie nicht frei von 
Sbhuld waren, machte sie verstummen, und das Unbehagen, was 
die unvermeidlichen Verhandlungen des Senates über das Tun 
Pisos und Plancinas enthüllen mußten. 

Denn wie ein Rachegeist war Agrippina, die Aschenume n 
ihres toten Gemahls an ihr Herz pressend, in Brundisium ge- 
landet. Nichts hatte ihre winterliche Reise auf dem Meere zu 
hemmen vermocht. Nur in Corcyra hatte sie Halt gemacht, in 
dem Jammer, der ihr stolzes Herz zerriß, nach Fassung ringend, 
Germanicus kannte seine Frau, die der höchste Schmerz des 
Weibes, der auch ihr erster war, mit so wahnsinniger Gewalt 
erschütterte. Noch auf dem Totenbette hatte er sie beschworen, 
ihren Stolz zu demütigen um der Kleinen willen, die mit ihr 
s^in Sterbelager umstanden, nicht das Verderben über die Un- 
sthiddigen heraufzubeschwören, indem sie durch ihre maßlose 
Erregung den Argwohn des Kaisers noch steigerte. Mehr noch 
als der Schmerz um den Geliebten peinigte sie die Verzweiflung, 
daß sie, die mit dem Manne geboten, in das Nichts einer 
achtungslosen Duldung ihres jammervollen Daseins geschleudert 
war. Sie war ihr nicht gegeben, die hohe Weisheit, durch Leiden 
zü' lernen. Nur der eine Gedanke erfüllte sie, Rache zu" nehmen 
an den Elenden, die ihr den Teuersten geraubt hatten durch 



286 Tiberim 

gemeinen Meuchelmord, Ihr war es feste Überzeugung, daß der 
herrliche Mann nicht anders hatte sterben können als durch die 
Tücke seiner Feinde. Und doch, Piso und plancina, waren nur das 
Werkzeug gewesen. Die wahren Mörder waren ihr Tiberius und 
Livia. Selbst ihren Kindersegen, den Stolz und das Glück der Mut- 
ter, hatten sie ihr geneidet an jenem Tage, wo ihr Germanicus die 
Kinder, diese einzig wahren Julier, auf seinem Siegeswagen in die 
Stadt geführt hatte. Auch die Gefahren, welche den Kindern von 
den herzlosen Großeltern drohten, erschienen vor ihrem Geiste 
und mehrten noch mit der Angst der Mutter ihre Verzweiflung. 
Als die Schiffe, die Agrippina und ihr Gefolge trugen, unter 
dem langsamen Ruderschlag der Trauer in den Hafen von Brun- 
disium einfuhren, füllten das Ufer dichtgedrängte Mengen, die 
wahrer Anteil oder leere Neugier aus Rom und den Nachbar- 
städten des Ortes der Landung herbeigeführt hatten. Zwei prac- 
torische Cohorten, wie es dem Range des toten Prinzen geziemte, 
erwarteten auf Befehl des Kaisers mit ungeschmückten Fahn«i 
die sterblichen Überreste des Imperators. Auf den Schultern 
der Tribunen und Centurionen wurde die Urne mit seiner Asche, 
überall in den Landstädten mit den Zeichen der Öffentlichen 
Trauer empfangen, in feierlichem Geleite nach Rom gebracht. 
Drusus, des Tiberius Sohn, Claudius, des Germanicus Bruder, 
und die Kinder, die den Eltern nicht nach dem Osten gefolgt 
waren, erwarteten den Trauerzug in Tarracina, An den Toren 
Roms harrten die Consuln, der Senat und unübersehbare Massen 
des römischen Volkes des Toten, um zu ehren, was ihnen teuer 
war. Nur Tiberius und Livia gaben kein Zeichen, daß sie die 
allgemeine Trauer teilten, und es konnte sie nicht entschuldigen, 
daß die Mutter Antonia Krankheit und tiefer Kummer in ihrem 
Palaste festhielt. Auch der Leichenfeier fehlte die hohe Weihe, 
mit der die Vornehmsten Roms sonst zu Grabe geleitet wurden. 
Hatte Tiberius gedacht, die ihm lästige Teilnahme einzuschränken, 
sie brach mit unwiderstehlicher Gewalt hervor beim Anblick 
der trostlosen Witwe und der hilflosen Waisen. Seltsam er- 
schien dem Volke die Mahnung des Kaisers, das Unglück, das dea 
Staat getroffen hatte, mit Fassung zu tragen. 



' j. Gemiamcul im Osten 2S7 

So gleichgültig hatte das Haus der Julier noch nie seine 
großen Totenj wenn sie zur letzten Ruhe auf dem Marsfelde ein- 
gingen, scheiden sehen. Da erschienen Piso und Plancina in 
Rom, Zuversicht zur Schau tragend, als gälte es eine festliche 
Heimkehr. Hatte doch Tiberius den Sohn des Piso, der dem 
Vater nach Rom vorangeeilt war, mit allen Zeichen seiner Gnade 
empfangen. Auch Piso war von Drusus, den er in Dalmatien, 
wo er weilte, aufgesucht hatte, mit der Täuschung entlassen 

' worden, daß ihm in Rom keine Gefahr drohe. Es lag in des 
Kaisers Macht, die Untersuchung über Pisos Amtsvergehen in 
eigene Hand zu nehmen. Aber dies hätte dem Gerüchte, das 
ihn selbst als schuldig bezeichnete, neue Nahrung gegeben. Da 
war es die Ergebenheit Seians, die den Kaiser aus seiner schwie- 
rigen Lage befreite. Er verstand es, Piso das gefährliche Beweis- 
mittel der schriftlichen Aufträge zu entreißen, unter der Vor- 
spiegelung, daß ihm die Gnade sicher sei. So verband den 
Kaiser mit seinem Diener nicht mehr das Vertrauen, sondern 
die gemeinsame Schuld, eine furchtbare Waffe in der Hand des 
Günstlings, Jetzt konnte der Kaiser der Gerechtigkeit freien Lauf 
lassen. 

Als Piso von deta Freunden des Germanicus vor das Gericht 
des Senates geladen wurde, erschien Tiberius, um in kühler 

' Erwägung des Rechtsfalles den Richtern Unparteilichkeit, un- 
beschadet der hohen Person seines Neffen, zu empfehlen. Die 
Anklage wegen Giftmordes war nicht zu erweisen und brach in 
sich selbst zusammen. Aber die Verletzung der Amtspflichten 
war um so offenkundiger. Am ersten Tage des Gerichtes ließ 
Pisa alle Beweise seiner Schuld über sich ergehen und trotzte 
auch der Wut des Volkes, das seine Standbilder niederriß, um 
sie auf der Verbrecherstiege des Tiberufers zu zerschlagen. Auf 
Befehl des Kaisers wurden diese Ehrenzeichen wahren Verdienstes 
wieder aufgerichtet, und Piso kehrte am Abend unter dem Schutze 
der Praetorianer in sein Haus zurück. Auch am zweiten Tage 
wollte er den Richtern, die ihn bereits mit Drohungen und 
Schmähungen überhäuften, stehen, immer noch Hilfe vom Kaiser 
erwartend. Aber Tiberius sah teilnahmslos auf die Bedrängnis 



288 TiberiuB 

seines Dieoers, dem er das einzige Mittel der Verteidigung ent- 
wunden hatte. Für sich hatte Piso kein Erbarmen mehr zu 
hoffen; so richtete er in der Nacht nach dem Gerichte eine 
letzte Bitte an den Kaiser, in der er alle Schuld auf sich nahm, 
um seinen Sohn zu retten, der, ihm gehorchend, sein Mitschul- 
diger geworden war, und gab sich dann selbst den Tod. Die Liebe 
zu seinen Kindern war es gewesen, die ihn gehindert hatte, 
seine Rechtfertigung vor dem Senate auch nur zu versuchen. 

Jetzt war es Tiberius ein Leichtes, Gnade walten zu lassea 
für die Söhne, die keine Schuld traf, und auch Plancina, die 
wahre Schuldige, dankte die Rettung ihrer Freundschaft mit der 
alten Mutter des Kaisers. Dennoch wurde das Possenspiel eines, 
solchen Gerichtes noch zwei Tage fortgesetzt. Der Senat erwog 
die härtesten Maßregeln gegen das Andenken des Piso, gegen 
seine Söhne, gegen Plancina unter den lärmenden Reden der An- 
kläger. Der Kaiser schlug alle diese edeln Anträge zurück durch 
seinen Einspruch, sich auf die Milde berufend, die Augustus in 
solchen Fällen bewiesen hatte. Die Ankläger, Vitellius, Veraniu* 
und Servaeus, wurden mit Priestertümem ausgezeichnet, ebenso 
wurde Fulcinius, dem römischen Ritter, das Recht verliehen, 
sich um senatorische Aemter zu bewerben. Er war als Ersteh 
zur Anklage bereit gewesen, nur um den Freunden des Germa- 
nicus zuvorzukommen und sich dem Kaiser gefällig zu erweisen. 
Furchtbar erscheint dieses Gericht vor allem durch die innere 
Unwahrheit des Verfahrens und die hilflose Ohnmacht des Be- 
klagten und seiner Richter. Zur Willenlosigkeit war der Senat 
herabgewürdigt, und der Kaiser beklagte sich noch, daß diese 
Menschen immer zur Knechtschaft bereit seien. 




So hatte der Tod Tiberius von dem auf gezwungenen Erben des 
Thrones befreit. Sein eigenes Geschlecht und nicht diese Julier 
würden ihm dereinst nachfolgen. Gerade in diesen Tagen der 
Trauer war ihm eine neue Hoffnung erwach'ien in den beiden 
Knaben, die, nach dem Tode eines älteren Enkels, Livilla seinem 
Sohne Drusus geboren hatte. Diesen Drusus gedachte damals noch 
der Kaiser zum würdigen Erben des Thrones heranzubilden. Das 
erste Consulat seines Principates war dem Drusus geworden, der 
sich besser als Germanicus im Aufstande der illyrischen Legionen 
bewährt hatte. Dieses Illyrien, wo Tiberius selbst seine höchsten 
Verdienste um den Staat erworben hatte, war denn auch in den 
nächsten Jahren der Schauplatz des erfolgreichen Wirkens des 
Sohnes. Während die Deutschen für den Ruhm ihrer Fürsten sich 
zerfleischten, hatte er am Grenzstrome Wache gehalten. Und ihm 
war es gelungen, ihre Zwietracht noch zu steigern, ganz nach dem 
Grundsatz seines Vaters, die Feinde zu spalten, um über sie zu 
herrschen. Der stolze Marbod, der so lange Jahre unbesiegt 
zwischen Freund und Feind gestanden hatte, flehte als elender 
Flüchtling bei Drusus um Gnade, verurteilt als Staatsgefangener 
in Ravenna ein hohes Alter ehrlos zu vertrauern. Daß er auch zu 
besiegen sei, hatten die Deutschen in der Schlacht gegen Arminius 
erkannt. Als der Fürst der Gotonen, Catualda, der einst vor Marbod 
hatte fliehen müssen, mit bewaffneter Hand in Böhmen einbrach, 
stürzte das Reich der Sueben, das so vielen Stürmen gestanden 
hatte, in nichts zusammen, und Marbod floh zu den Römern, Aber 
auch Catualda wurde bald von Vibilius und den Hermunduren seiner 
Herrschaft beraubt und teilte das Los des Marbod, ein Schützling 



200 riberiUB ^^^H 

der Römer auf römischer Erde zu leben. Die Gefolgsleute oSuR 
Könige siedelten die Römer jenseits der Donau unter den Mauern 
der Grenzfeste Carnuntum an, damit sie an der March eine Grenz— 
wehr bildeten, und gaben ihnen den Quaden Vannius zum Fürsten. 
Gerade in den Tagen, wo sich hinter der Aschenurne des Germa- 
nicus das Grabmal der Julier schloß, hielt Drusus den Siegeseinzug 
über die besiegten Germanen, Mit hoher Genugtuung pries der 
Kaiser die Verdienste des Sohnes im Senate. Wie früher Germa- 
nicuSj 50 bekleidete jetzt Drusus mit Tiberius im Jahre 21 das 
Consulat. Tiberius verließ Rom und beobachtete von Campanien 
aus, wie sich der Sohn in der Leitung des Staates bewährte. Auch 
er hatte bei allen Irrungen, die das Herrscherhaus betrafen, wie 
Augustus, nichts im Auge als das Wohl des Staates, um gleich 
ihm die Schwäche menschlichen Urteils zu erfahren. 

Das Vorbild des Vaters hätte dem Sohne wohl eine Lehre sein 
können. Noch im Jahre 17 hatte Tiberius seine Einsicht und sein 
Wohlwollen für die Untertanen bewiesen, als zwölf der schönsten 
Städte Asiens durch ein Erdbeben zerstört wurden. Im Auftrage 
des Kaisers bereiste ein Praetorier das Land, um Hilfe zu bringen, 
und den so schwer betroffenen Gemeinden wurden die Steuern auf 
fünf Jahre erlassen. Freigebig gegen den Staat, verschmähte 
Tiberius die erzwungene Bereicherung aus den Vermächtnissen, 
Nur wenn die Freundschaft des Toten ihm außer Zweifel stand, 
nahm er das Erbe an. Auch die Plebs urbana erfuhr im Jahre 20 
seine Unterstützung, als der Preis des Getreides drückend wurde. 
Das Bestreben, bei gerichtlichen Klagen die Schwere der Schuld 
durch die so leicht verletzte Majestät des Kaiserhauses zu steigern,, 
drängte er zurück und verbat sich, sein menschliches Handeln ein., 
göttliches zu nennen. 

Die Ruhe in den Provinzen war in diesen Jahren tücht ohne 
Erschütterungen geblieben. Die Schulzstaaten an der Grenze des 
Reiches, die Augustus noch hatte bestehen lassen, widerstrebten 
dem Geiste geordneter Verwaltung, wie er Tiberius vorschwebte. 
Wie er im Osten den König der Cappadocer beseitigt hatte, so 
vollzog sich auch im Reiche der Thraker die Umbildung in eine 
römische Provinz. Töricht genug hatten die Fürsten aus dem Hause 



t. brnanl 



29( 



OCT Odrysen das drohende Schicksal durch ihren Familienstreit noch 
beschleunigt. Nach dem Tode des Rhoemethalces hatteAugustus das 
Reich geteilt, demBruder des letztenKÖnigs Rhascuporis wurden die 
Stämme der Berge, dem Sohne Cotys, der, milderen Sitten zugetan, 
sich als Grieche und Dichter fühlte, der Osten des Landes und seine 
griechischen Städte zugewiesen. Als sei mit dem Tode des Augustus 
dieOberhoheitRoms erloschen, ließRhascuporis seinen räuberischen 
Stämmen freie Hand, in ganzen Heerscharen ihre friedliebenden 
Nachbarn heimzusuchen. Tiberius erteilte dem Primipilar, der an ign.Chr, 
der unteren Donau die Grenz Verteidigung leitete^ den Auftrag, 
die Thraker zum Frieden zu mahnen, Cotys gehorchte und entließ 
seine Mannschaften, die den Räubern wehrten. Aber mit solcher 
Sanftmut war er den Thrakern nur verächtlich geworden; Rhas- 
cuporis scheute sich nicht mehr, seinen Neffen bei einem Ver- 
söhnungsmahle in Ketten zu legen und seiner Klagen über ge- 
brochenes Gastrecht zu lachen. Er schrieb an den Kaiser, er hätte 
aus Notwehr gehandelt, ohne seine Rüstungen, als gälten sie den 
Bastarnern und Scythen, einzustellen. Da gab Tiberius den Legionen 
Moesiens den Befehl, dem Namen Roms Achtung zu schaffen. Als 
Antwort ließ Rhascuporis den Cotys, der, wie er sagte, ihm nach 
dem Leben getrachtet hätte, ermorden. Ehe die römischen Truppen 
in Thrakien noch eingetroffen waren, starb der Legat, der sie be- 
fehligte, und an seine Stelle trat Pomponius Flaccus. Da er dem 
thrakischen Königshause seit langem befreundet war, gelang es ihm, 
Rhascuporis an sich zu locken. In derGewalt desRömers mußteRhas- 
cuporis die Reise nach Rom antreten, zuerst unter ehrenvollem 
Geleite, bald als Gefangener. Cotys Frau, jene Tochter der Pytho- 
doris, wurde seine Anklägerin vordem Senate. Schuldig befunden, 
seiner Würde beraubt, ging er nach Alexandria in die Verbannung 
und starb, eines Fluchtversuches beschuldigt. Die Söhne erbten 
in Thrakien das Reich ihrer Väter. Nur erhielten die unmün- 
digen Kinder des Cotys im Jahre 19 den Praetorier Trebellenus 
Rufus zum Vormund. 

Wie immer bei freien Völkern, wurde auch in Thrakien die 
römische Verwaltung, die der Willkür Einhalt gebot, als ein Fluch 
empfunden. Der Sohn ctes Rhascuporis, Rhoemetalces, war außer 



m. 



■ 2g2 TlbeHua 

W Stande, der Weisung des Trebellenus Ruf us gemäß, seineUntertanen 
LChr.zu zwingen, die Schutzbefohlenen des Praetoriers in Frieden leben 
k XU lassen. Die Coelaleten, Odrysen, Dier gerieten in Bewegung. 
I Einmal auf dem Kriegspfad, dehnten sie ihre Raubzüge bis nach 
I Macedonien aus und belagerten mit einem ganzen Heere Philippo- 
W polis. Doch stellte der Legat Moesiens.PubliusVellaeus, dieOrdnung 
I rasch wieder her. Seine leichten Truppen vertrieben die Plünderer; 
r ei- selbst sprengte mit denLegionen dieBelagerung vonPhilippopoHs. 

Das Blut, das die Barbaren vergossen hatten, kühlte ihren Mut. 
Schon im Jahre 17 hatte in Africa ein kühner Parteigänger 

Tacfarinas einen Aufstand erregt, der aus kleinen Anfangen all- 
I mählich zu einer ernsten Gefahr wurde. Im römischen Lager zum 
I Soldaten gebildet, war er dem Dienste entlaufen, um sich als Räuber 
I einen Namen zu schaffen. Die kriegerische Zucht seiner Scharen 
I ließ ihn zum Führer des Wüstenstammes der Musulamier empor- 
I steigen, und er gewann ihre maurischen Nachbarn, die unter 
I Mazippas Fahne ins Feld zogen, zu Bundesgenossen. Schon waren 
I ihre Haufen zu einem Kriegsheer geworden. Die Numidier des 

Tacfarinas, nach romischer Art geschult und gegliedert, fochten als 
I Fußvolk, Mazzipas Mauren als Leichtbewaffnete und Reiter. Auch 

L das Volk der Cinthier schloß sich ihnen an. Da rückte der Pro- 
I consul Af ricas mit seiner Legion und den Auxilia gegen die Auf- 
I ständischen heran und schlug sie so entschieden, daß es einem Siege 
I glich. Nach vielen Jahrhunderten schmückten die Ehrenzeichen 
r eines Triumphes wieder einen Nachkommen des großen CamÜlus. 
(.Chr. Aber drei Jahre später stand Tacfarinas wieder mit einem 

Heere im Felde, stark genug, eine römische Cohorte am Pagyda- 

flusse zu schlagen. Der Proconsul Apronius ließ die Flüchtlinge 
I die Strenge des römischen Kriegsrechtes fühlen und erreichte, 

I , daß eine Abteilung Veteranen bei Thala die Räuber im tapferen 
I Kampfe zurückwies. Aber Tacfarinas plünderte nach wie vor die 

I Provinz, jeden ernsten Kampf vermeidend. Wieder gelang es dem 

Sohne des Statthalters, die mit Beute beladenen Räuber an der 
I Meeresküste zu fassen und zum Rückzug in die Wüste zu zwingen. 

I Doch im nächsten Jahre erschien Tacfarinas abermals auf dem 
I Plane und begann sein altes Spiel. Es erschien notwendig, ei 



Feldherrn von bewälirtem Ruf e nach Africa zu senden. Des Kaisers 
Wahl fiel auf jenen Blaesus, der der illyrischen Meuterei getrotzt 
hatte. Mehr noch empfahl ihn dem Kaiser der höchste Vorzug, ein 
Oheim Seians zu sein. 

Das Heer Africas wurde durch die neunte Legion aus Pannonien 
verstärkt, um mit den Räubern ein Ende zu machen. DennTacfarinas 
trieb Spott mit dem Feinde, als er Gesandte an Tiberius schickte, 
um für die Seinen Sitze in der römischen Provinz zu begehren, 
sonst drohe ein Vernichtungskrieg. Gefährlich war in diesem 
Wüstenkriege nur der Führer; so sollten alle, die ihn verließen, 
Gnade finden. Wohl lichtete diese Lockung des Tacfarinas Scharen. 
Aber der Krieg hatte schon lange das Wesen eines Freiheitskampfes 
angenommen, ufid an der ganzen langgedehnten Wüstengrenze im 
Süden der Provinz sahen sich die Römer den Feinden gegenüber. 
Von Leptis an der großen Syrte und dem Lande der Gararaanten 
reichte der Kriegsschauplatz bis tief nach Numidien und die Um- 
gebung der Hauptstadt Cirta. Blaesus teilte sein Heer, der Legat 
Cornelius Scipio kämpfte gegen die Garamanten. Blaesus Sohn 
deckte Numidien. Der Statthalter ging mit der Hauptmacht gegen 
den Herd der Erhebung, die Sitze der Musulamier im Auresgebirge, 
vor, um Tacfarinas durch lange, befestigte Linien einzuschließen. 
Aber der rastlose Gegner tauchte bald im Rücken, bald in den 
Flanken der ihn bekämpfenden Abteilungen auf und erwies sich 
den Römern, die seiner Kampfesweise sich anbequemen mußten, ge- 
wachsen. Streifabteilungen unter der Führung bewährter Primi- 
pilare suchten ihn vergeblich, von drei Seiten vorrückend, ein- 
zuengen. Der Winter kam heran, und noch immer standen die 
Römer in ihren Speerlagern. Im Frühjahr gelang es Blaesus, wenn 
nicht Tacfarinas, so doch seinen Bruder zu fangen, und auch der 
unerreichbare Feind verschwand, immer wieder in seinen Lager- 
plätzen aufgescheucht, vor den Augen der Verfolger in der un- 
zugänglichen Wüste. Blaesus entschloß sich, gesiegt zu haben, 
und das Heer krönte ihn mit dem Imperatornamen. Auch der 
Kaiser gewährte ihm diese höchste Siegesehre, da er nach dem 
Staatsrecht des Principates gleich dem Kaiser als Feldherr des 
Senates selbständig an der Spitze seines Heeres gesiegt hatte. 



k 



2^4 iinenni 

Auch in Gallien hatte im Jahre 21 die schwere Schuldenlast 
der Gemeinden einen Aufstand hervorgerufen. Die Führer waren 
der Treverer Julius Florus und der Aeduer Julius Sacrovir. Sie 
nahmen es auf sich, die Stämme der Belgica und der Lugdunensis 
zu überzeugen, daß das einzige Mittel, den Steuern, den Schulden 
und den harten Befehlen der Statthalter zu entgehen, in einer Er- 
hebung gegen die römischen Zwingherrn läge. Die gemeinsame 
Not machte Vornehme und Geringe gelehrig, und bald war ganz 
Gallien von dem Geiste der Empörung ergriffen. Da brach der 
Aufstand bei den Andecaven und Turonen vor der Zeit aus. Acilius 
Aviola, der Statthalter der Lugdunensis, rückte mit der Cohorte, 
die in Lugudunum Polizeidienst tat, und Legionaren aus Nieder- 
germanien ins Feld und schlug die Wehrlosen nieder. Auch die 
Verschwörer hatten mit dem Landsturm ihrer Gaue in der Schlacht 
auf Seite ihrer Herrn gezwungenen Kriegsdienst getan. Das not- 
wendige Ende ihres törichten Unterfangens vor Augen, ließen die 
Häupter des Bundes in ihrer Verzweiflung über die drängenden 
Schulden von ihren Plänen nicht ab, Florus versuchte ein aus 
Treveren gebildetes Reiterregiment für die Sache der Freiheit zu 
gewinnen, und als dies mißlang, warf er sich mit seinem Gefolge 
verkommener Gesellen in die Wälder der Ardennen. Soldaten des 
Rheinheeres zersprengten seine ungeordneten Haufen, und er selbst 
fiel in sein Schwert, als ihm jeder Ausweg abgeschnitten war. 

Einen noch unseligeren Verlauf nahm der Freiheitskampf der 
Aeduer. Die Studenten der hohen Schule zu Augustodunum hatten 
für Sacrovir die Waffen ergriffen, und um diese begeisterte Schar 
sammelte sich ein Heer, dem es außer an der Zahl der Streiter an 
allem fehlte. Vierzigtausend Mann sollen es gewesen sein, die 
meisten mit Waidmessern, Eberspießen und anderem harmlosen 
Jagdgeräte ihrer adeligen Herrn, die sie auf die Schlachtbank 
führten, ausgerüstet. Gegen diese schreckhaften Scharen rückten 
die Legionen, die unter Germanicus die Deutschen bekämpft hatten, 
mit all dem Kriegsgerät ernster Schlachten heran. Am zwölften 
Meilensteine vor Augustodunum hatte Sacrovir, auf einem glänzen* 
den Streitrosse mit den Großtaten der Gallier prahlend, sein Heer 
zur Schlacht geordnet. Die überhaupt Rüstungen trugen, kaum der 



4- Dnnni 



295 



fünfte Teil, standen in den ersten Linien, die anderen füllten nur 
mit ihren wehrlosen Leibern den Raum. Die Legionen brannten 
vor Mut, ihre Kraft an diesen Knechten zu zeigen, und stünnten 
beim Anblick der Feinde im Wetteifer, noch mit ihrem Schanzzeug 
und Maueräxten beladen, vorwärts. So stachen und hieben sie denn 
die, die kaum Widerstand leisteten, mit Schwertern und Lanzen, mit 
Beilen und Äxten nieder. Die edeln Häupter dieser wahnwitzigen 
Erhebung töteten sich im Landhause des Sacrovir und fanden in 
den Flammen des zusammenbrechenden Gebäudes ein Grab. Daß 
der römische Feldherr, statt die Ohnmächtigen zur Ergebung auf- 
zufordern, seine Truppen noch zu diesem sinnlosen Gemetzel an- 
gefeuert hat, ist von allem das Jammervollste. 

Und doch war es eine Großtat Roms: der Senat beschloß für 
den Kaiser, der über diese Unruhen ganz geschwiegen hatte, die 
feierlichen Dankesopfer ernster Siege und erntete die verdiente 
Zurecht Weisung. 

Der Geist der inneren Verwaltung hatte sich in diesen Jahren 
nicht geändert. Der Kaiser war bemüht, dem Senat seinen Einfluß 
zu wahren und griff oft mäßigend ein, wo eine knechtische Unter- 
ordnung hervortrat. So hatte der Senat einen elenden Schacher, 
Clutorius Priscus, der, für ein Trauergedicht auf den Tod des Ger- 
manicus vomKaiser beschenkt, gleich ein zweites aufVorrat verfaßte, 
als Drusus erkrankte, sofort des Todes schuldig erkannt und das 
Urteil unmittelbar vollstrecken lassen. Damit war dem Kaiser die 
Gnade abgeschnitten worden, und in Zukunft sollte kein Urteil vor 
dem zehnten Tage Rechtskraft erhalten. Der Kaiser mäßigte auch 
sonst die vom Senat über ungetreue Beamte verhängten Strafen in 
der milden Weise, die Augustus geübt hatte, verhinderte eine Neu- 
belebung der Gesetze gegen Aufwand, da sie nur eine Quelle bös- 
artiger Verdächtigung und Verfolgung seien. Er ließ den Senat 
entscheiden, was seines Amtes war, wie die Frage über das Asyl- 
recht der Städte Asiens, als der Mißbrauch mit diesen Freistätten 
die Verbrecher dem verdienten Gericht entzog. 

Obwohl Drusus die Hoffnungen des Kaisers durch sein schlaffes, 
dem rohen Genüsse ergebenes Leben enttäuschte, verlieh er ihm 
doch im Jahre 22 die tribunicische Gewalt, wie er sie selbst' als 



k. 



iCt6 Tlherii» 

Mitherrscher von Augustus erhalten hatte, in der Erwartung, das 
Bewußtsein der Pflichten in ihm zu stärken. Immer länger weilte 
der Kaiser, der in den ersten Jahren die Bannmeile Roms nicht 
verlassen hatte, in Campanien, und in demselben Maße wurde ihm 
die Unterstützung Seians unentbehrlich. Dem Rate seines Günst- 
lings folgend, hatte er die ganze Leibwache aus den Landstadtea 
Latiums, wohin sie Augustus ins Quartier gelegt hatte, um alle 
Soldatenherrschaft von der Hauptstadt fernzuhalten, in einem 
Lager vor dem viminalischen Tore vereinigt. Im Jahre 23 war def 
Bau des Lagers vollendet; eine glänzende Parade vor dem ver- 
sammelten Senate sollte Rom zeigen, daß es auch in der Abwesen- 
heit des Kaisers unter einem eisernen Zwang stand. Wie konnte 
es anders sein, als daß der Befehlshaber dieser iochx) Leibwächter 
der einflußreichste Mann in Rom wurde? 

Noch stand Seian im Schatten des Kaisers, Aber schon erhob 
sich sein erstes Standbild auf den Wunsch des Kaisers, weil er 
durch seine Umsicht bei dem Brande des Pompeiustheaters die be- 
drohten Prachtbauten des Marsfeldes gerettet hatte. Seit langem 
war der einzige Weg, im Staate und im Heere zu den Ehren und 
.Ämtern zu gelangen, die Empfehlung des Günstlings. Wurde doch 
der Kaiser nicht müde, vor dem Senate und im Gespräche diese 
wahre Stütze seiner Herrschaft zu preisen. 

Mochten die anderen sich alle fügen, des Kaisers Sohn ertrug 
nur mit äußerstem Widerwillen diesen Präfekten, der ihm überall 
im Wege stand und selbst ihm mit seiner hochmütigen Überlegen- 
heit Trotz bot. So geschah es, daß Drusus einmal, seines Zorne» 
nicht mehr mächtig, bei einem Wortwechsel Seian mit der Faust 
in das frech entgegengehaltene Gesicht schlug, Wohl war 
herausfordernd, dieses kalte, abweisende Antlitz mit dem zur Seit« 
gerichteten, halb verschleierten Blick. Und teuflische Bosheit lebte 
im Herzen dieses Mannes, Rache mußte ihm werden an diesem 
Prinzen, und er sah sie in einer Gestalt, daß der bloße Gedanke 
ihn entzückte. War nicht Livilla, des Drusus Frau und des Ger- 
manicus Schwester, die schönste und adeligste der Römerinnen? 
War sie nicht die Erbin des Thrones, wenn dieser Drusus erst 
seinen letzten Weg gegangen war? Und den Kaiser, Wachs i 



4. Drusus 2Q7 

seinen geschickten Händen^ wollte er biegen und bilden nach 
seinem Willen, indem er auf seinem Argwohn und Mißtrauen 
spielte. Er gewann Livilla, und als sie ihre Ehre verloren, hatte 
sie nichts mehr zu versagen. Ihr Leibarzt Eudemus reichte dem 
Drusus das schleichende Gift. Seian verstieß seine Frau Apicata, 
die Mutter seiner Kinder, die ihn wahrhaft geliebt haben muß, 
da sie ihre Schande trug, um seine Verbrechen wußte, und doch 
schwieg. So hatte er seiner Buhlin gezeigt, daß er bereit sei, mit 
ihr den Thron zu teilen. Livilla, die jetzt durch den Allmächtigen 
herrschte und inmier zu herrschen hoffte, sah noch in dem 
Schmachvollsten, das Weib ihres Dieners zu werden, die Krone 
der Ehre. Von dieser Stünde an hatte Seian nichts mehr im 
Sinne, als alle aus dem Wege zu räumen, über deren Leichen er 
dem Throne zuschreiten wollte. Jetzt galt es Haß und Feindschaft 
im Kaiserhause zu nähren und Tiberius von allen Banden los- 
zureißen, die ihn noch an dem menschlichen Dasein festhielten. 
Schritt für Schritt erreichte er dieses Ziel und weidete sich noch 
an den Leiden, die er über seinen Kaiser und Wohltäter häufte. 
Der ganze Staat der Römer erkrankte und lag, von diesem Dämon 
besessen, wie im Fieber. 



5- Seians Herrschaft 

Tiberiüs hatte während des langsamen Hinsterbens seines 
Suhnes in ruhiger Tätigkeit seine Fassung bewahrt. Dachte er 
doch, Drusus erliege den Ausschweifungen, denen er sich seit 
seiner Jugend ergeben hatte. Ja er gewann es über sich, im 
Senate zu erscheinen, ehe noch die Leiche seines einzigen Kindes 
den Flammen übergeben war. Vor den Wehklagen und Tränen 
der Versammlung entrang sich auch seiner Brust das Geständnis 
des Schmerzes, der ihn erfüllte. Doch nach seinen Worten durfte 
er sich dem natürlichen Empfinden nicht beugen. Denn er fand 
einen höheren Trost in der Sorge um den Staat. So wandten sich 
seine Blicke den berechtigten Erben des Thrones zu. Auf seiD 
Geheiß führten die Consuln die Söhne des Germanicus, Nero und 
Drusus, in den Senat, und von seinem Throne empfahl er diese 
letzte Hoffnung des julischen Hauses dem Wohlwollen seiner Be- 
ratei'. Nero hatte er bereits im Jahre 20 mit dem Männerkleide 
die Berechtigung gewährt, sich 5 Jahre vor der gesetzlichen Zeit 
um die Ämter des Staates zu bewerben, und hatte ihn durch die 
Ehe mit seiner Enkelin Julia in sein Haus aufgenommen. Auch 
Drusus war in diesen Jahren zum Jüngling herangereift. 

Das zehnte Jahr seines Principates ging zu Ende, und es war 
dem Herrscher wahrer Ernst, wenn er davon sprach, der Bürde 
seines Amtes müde zu sein. Denn wieder zwang ihn das Schicksal, 
für die ungeliebten Nachkommen den Thron zu bewahren, und un- 
erfreulicher als je erhob die innere Zwietracht im Herrscherhause 
ihr Haupt. Die drei Frauen, die seinem Thron zunächst standen, 
bekämpften sich, von der Parteien Gunst getragen, in bitterer 
Feindschaft, und ihre Herrschsucht erschwerte ihm die PflichteiL 
Seine Mutter Livia wurde nicht müde, ihren Einfluß für ihre Gunst- 



5- Seians Hemchqfl zog 

linge geltend zu machen, trotz aller Zurückweisung, sodaß der Kai- 
ser einmal verzweifelt ausrief, er wolle ihre Forderung gewähren, 
aber hinzufügen, seine Mutter hätte es ihm abgezwungen. Agrippina 
glaubte nun durch ihre Söhne wieder zur Macht zu gelangen, und 
sie war es, die die Senatoren dazu vermochte, bei dem Gelübde für 
das Wohl des Kaisers am Anfang des Jahres 24 auch die Namen 
seiner Erben zu nennen. Wie hätte der Kaiser den Senat nicht 
warnen sollen, in den Jünglingen keine Hoffnungen zu erwecken, 
die über das Maß ihrer Stellung im Staate hinausreichten? Neben 
den Sprossen Agrippinas begehrte Livilla um so leidenschaftlicher 
ihren Vorrang zu behaupten und drängte Seian, durch die Ehe an 
ihre Seite zu treten. In diesem schwülen Ringen des Hasses und' 
Hochmutes der Weiber suchte Seian zwei Jahre nach Drusus Tode 
eine Entscheidung zu erzwingen, als er es wagte, in einem Gesuche 
an Tiberius die Hand Livillas zu erbitten. Die Antwort des Kaisers, 
voll Weisheit und Wohlwollen für den Freund, warnte Seian, die 
Gefahren seiner viel beneideten Stellung als ersten Ratgebers nicht 
durch eine solche Ehe zu steigern, ohne ihm jede Hoffnung auf 
Erfüllung auch dieses Wunsches zu verschließen. 

Dennoch war Seian in die Schranken des Untertanen zurück- 
gewiesen und ging jetzt den Weg, der seit langem vorbereitet war, 
die Söhne des Germanicus durch die Torheit Agrippinas zu verder- 
ben. Schon seit Drusus Tode waren seine Freunde amHofeLivias 
und am Gegenhofe Agrippinas tätig, durch Verleumden, Hinter- 
bringen, absichtlich falsche Ratschläge Mißtrauen und Überhebung 
zu steigern. Diesem Zwecke konnte auch die Anklage des Gaius 
Silius dienen, der als Statthalter Obergermaniens in dem Kriege 
gegen die Deutschen gedient und den Sacrovir besiegt hatte. Denn 
da er des Unterschleif es zweifellos schuldig war, so traf die Ver- 
urteilung vor dem Gerichte des Senates in seiner mitschuldigen 
Frau Sosia Galla eine vertraute Freundin der Agrippina. Auch in 
anderen Fällen, wo die Vergehen der Beamten ihre Strafe fanden, 
ist nur Gerechtigkeit geübt worden, wie gegen Suillius, der früher 
ein Quästor des Germanicus gewesen war. Als Richter der Be- 
stechlichkeit überwiesen, ging er nach Amorgos in die Verbannung; 
nur zum Unheil des Staates wurde er unter Claudius wiederherge- 



joo iibetius 

stellt. Denn noch wachte Tiberius personlich über das Wohl 
des Staates, und sein Urteil war durch keinen Einfluß des Gunst 
lings zu bestechen. 

Da ihm in dem Sohne der Mitherrscher gestorben war, 
verließ er in diesen Jahren Rom nie und erschien immer bei den 
Verhandlungen des Senates, sobald er zu Gericht saß oder Fraget 
der Venvaltung entschied, wie über die Errichtung eines TempeU, 
den die dankbare Provinz Asien dem Kaiser und seiner Muttei 
erbauen wollte. Wenn der Kaiser auch diesen Wunsch der Unter 
tanen gewährte, so wahrte er wieder in herrlichen Worten das 
einzige Streben, das ihn erfüllte, der erste Diener des Staates zu 
sein, der kein anderes Andenken begehrte, als das Bewußtsein gft 
rechten Handelns. 

Schwierig ist es, bei dieser Gesinnung des Kaisers über dei 
Prozeß des Geschichtsschreibers CremutiusCordus zu urteilen. Daß 
die Anklage mit Vorwissen des Kaisers erhoben wurde, ist gewiü 
Denn es sind Clienten des Seian, die ihn vor das Gericht des 
Senates forderten. Das Lob des Cassius und Brutus, die er dii 
letzten Römer nannte, soll ihm zum Verderben geworden sein. Seim 
stolze Verteidigung machte seine Verurteilung um so sicherer, i 
er den offenen Unwillen des Kaisers erregte. Er entzog sich den 
Gerichte, indem er sein Leben durch Hunger endete. Aber seine 
Schriften wurden von den Aedilen als staatsgefährlich verbrannL' 
Und doch kann sich das Urteil nicht beruhigen bei den unver* 
gänglich schönen Worten des Tacitus zum Schutze der Gedankea 
freiheit. Denn es ist ewig wahr, daß, wer den Geist zu tötei 
sucht, seine Macht nur steigert, sich selbst zur dauernden Schande 
Man kann nur vermuten, daß die seit 70 Jahren begründet^ 
Staatsform in jenen Schriften ernster angegriffen wurde, als dem 
Kaiser erträglich erschien. 

In diesen Jahren wurden die Unruhen, die seit den e 
Zeiten der Regierung des Kaisers den Frieden in Africa tm( 
Thrakien gestört hatten, dauernd beendet. 
r. Als nach den Siegen des Blaesus die neunte Legion Afria 

verließ, wuchs dem Tacfarinas mit dem Schwinden der römlscheii 
Übermacht der Mut zu neuen Einfällen in das Gebiet der Provinz. 



$. SeiBtis Herrscbaft iq! 

Wieder fand er Hilfe bei den Garamanten, deren leichte Reiter- 
scharen, wo sie die Grenze überschritten, durch ihr plötzliches Er- 
scheinen den Schrecken ganzer Heere verbreiteten. Seine alten 
Freunde, die Musulamier, gerieten in Bewegung, und aus derProvinz 
strömten alle unter seine Fahnen, denen das Räuberleben lieb ge- 
worden war. Auch in Mauretanien, wo nach dem Tode des Juba 
der junge Ptolemaeus herrschte, vertauschten viele den unbequemen 
Gehorsam mit der Freiheit der Wüste.. Unter dem alten Rufe der 
Abschüttelung der römischen Herrschaft erschien ein Heer, von 
Tacfarinas geführt, unter den Mauern von Thubursicum in Numi- 
dien. Doch der Proconsul Dolabella befreite die Stadt von ihren 
Bedrängern und erstickte den Aufstand der Musulamier, als er ihre 
Stammeshäupter mit dem Beile hingerichtet hatte. Tacfarinas, von 
den römischen Streifscharen eingeengt, mußte nach Mauretanien 
zurückweichen. Hier, in der Nähe des zerstörten Castells Auzia, 
ereilte ihn das Geschick. In seinen Lagerplätzen überraschend an- 
gegriffen, wurde er zum Kampfe gezwungen, ehe die Numidier ihre 
flüchtigen Pferde noch besteigen konnten. So fielen sie zwischen 
ihren Zelten unter den Streichen der von allen Seiten eindringen- 
den römischen Reiter und Fußgänger. Tacfarinas, der die Seinen 
der Übermacht erliegen, den Sohn gefangen sah, warf sich mit 
den Leibwächtern in das Kampfgedränge und fand den Tod, den 
er suchte. Mit dem Falle des Führers erlosch der Aufstand, und 
auch die Garamanten bequemten sich, Gesandte nach Rom zu 
schicken, um Genugtuung zu geben. Doch erhielt Dolabella, der 
den Krieg im zehnten Jahre wirklich beendet hatte, die Ehren- 
zeichen des Triumphes nicht, da Tiberius dem Oheim seines 
Seian den Ruhm seiner Siege nicht schmälern wollte. 

Um dieselbe Zeit hatte die Härte römischer Verwaltung die 
Eergstämme Thrakiens unter die Waffen getrieben. Um dieTapferen 
zu entmannen, wurde ihre Jugend zu Tausenden und Abertausenden 
in ferne Provinzen geführt, wo die Alen und Cohorten der Thraker 
die Reihen der Heere füllten, Ihre Bitten um Schonung waren ver- 
geblich verhallt, und sie sahen keine Wahl mehr, als auf dem Boden 
der Heimat mit dem Schwert in der Hand zu sterben. Unter dem 
Schutze ihrer Bergfesten, wohin sie ihre Frauen und Greise ge- 



L 



30ä 



tftieriu« 



flüchtet hatten, erwarteten sie den Angriff der Römer. Der Statt- 
halter Poppaeus Sabinus hatte die Legionen in Moesien aufgeboten, 
und auch Rhoemeialces führte ihm die thrakischen Stämme zu, die 
die sichere Beute auf die Seite der Römer lockte. 

Die Thraker erwarteten die Römer vor ihren Verschanzungen 
und forderten sie mit wildem Geschrei zum Nahkampf heraus. Aber 
die Geschosse der Bogenschützen zwangen sie bald zum Rückzug, 
Unter dem Schutze des römischen Lagers begannen die Thraker 
des Rhoemetalces das Gebiet der Feinde weit und breit zu ver- 
heeren und die Beute auf ihren Sammelplätzen zusammenzutreiben. 
Durch einen doppelten Angriff auf das Lager der Römer und ihre 
räuberischen Volksgenossen nahmen die Thraker Vergeltung, als 
sie die weinschweren Plünderer im Schlafe niederhieben. Aber trotz 
der gesättigten Rache vermochten sie die allmähliche Einschließung 
durch die römischen Werke, die ihnen das Wasser und die Weide- 
plätze abschnitten, nicht zu verhindern. Nur ein einziger Quell war' 
noch im Besitze der Verteidiger, sodaß Bewaffnete wie Wehrlose 
in dem Mauerringe unter den Qualen des Durstes dahinstarben,. 
während die Angreifer, von der Höhe des BeJagerungsdammes Ge- 
schosse in die dicht gedrängten Massen schleudernd, das Entsetzen 
des hoffnungslosen Widerstandes steigerten. Da streckten die Altenj- 
durch die Erfahrung früherer Kämpfe belehrt, mit ihren Frauen und 
Kindern die Waffen. Andere folgten dem Beispiel des Tarsas und 
fielen in das eigene Schwert. Doch Turesis und die Jüngsten, die 
ihm folgten, hofften noch immer, daß das Schwert den Tapferea 
einen Weg ins Freie öffnen müsse. Aber die Römer wußten um 
ihre Absicht, und die im Dunkeln dasTal niederstürmenden ThrakeC 
füllten wohl mit Baumstämmen, Hürden, zuletzt mit ihren Leichea 
die Tiefe des Grabens, ohne, im wilden Nahkampf von Wurflanzen 
und Schleudersteinen getroffen, die Höhe des Walles ersteigen zu 
können. Doch das Klagegeschrei der Weiber, das in ihrem Rücken 
ertönte, ließ sie nicht weichen, und die Nacht entzog ihren Blicken 
die stets wachsende Zahl der Sterbenden und Stürzenden. Ers^ 
beim Grauen des Morgens suchten sie von neuem Schutz in dei* 
Burg, wo sie endlich die Gnade der Sieger anflehten. Der Eintritt 
des Winters machte dem Krieg ein Ende. Die Lehre der Ohnmacht 



5. Seians' Hetrachatt 



30.1 



tat ihre Wirkung, bis ein neues Geschlecht herangewachsen war. 
Wieder hatte PoppaeusSabinus seine erprobte Tüchtigkeit bewährt 
und erhielt die ruhmlosen Ehrenzeichen des Triumphes, als Be- 16 d. Chr. 
Zwinger der Thraker. 

Um diese Zeit reifte in Tiberius der folgenschwere Entschluß, 
Rom für immer zu verlassen. Wie hatte ihm auch der Senat, das 
Volk und sein eigenes Haus die pflichttreue Sorge dieser Jahre 
gelohnt! Vor allem diese Frauen am Hofe, sie machten ihm das 
Leben zur Hölle. Agrippina, durch Seians Freunde, die ihr Ver- 
trauen gewonnen hatten, noch aufgereizt, drängte den Kaiser, 
ihr einen Gemahl zu geben, nur ein Werkzeug ihrer Herrschsucht 
mehr, belästigte ihn immer mit ihren Forderungen, bis er sie mit 
den Worten zurückwies, wenn du nicht herrschest, Töchterchen, so 
glaubst du, es geschehe dir Unrecht; und zuletzt blieb er für alle 
ihre Bitten und Klagen stumm. Und doch mußte er die Gegenwart 
der Haßerfüllten ertragen, die sich einmal so weit vergaß, daß sie 
bei der Hoftafel die Speisen verschmähte und den Apfel, den ihr 
der Kaiser reichte, unberührt ließ, als fürchtete sie, von ihm ver- 
giftet zu werden. Empört sagte der Kaiser zu seiner Mutter bei 
diesem Anblick, man könne ihn nicht tadeln, wenn er gegen diese 
Frau Härteres beschließe. Und daneben Livilla, die die gleichen 
Eheschmerzen plagten, und dann die Mutter, die mit ihren vier- 
undachtzig Jahren am liebsten die Feuerwehr selbst kommandiert 
hätte. In dieser unerträglichen Spannung seines Gemütes hörte der 
Kaiser um so williger auf alles, was ihm Seian durch seine Späher 
hinterbrachte. Grauenhaft war es, daß des Nero junge Gemahlin 
ahnungslos die innersten Gedanken ihres Gatten der Mutter unä 
damit Seian anvertraute. Und doch waren seine Worte kein Ver- 
brechen, wenn er über die Abneigung des Kaisers klagte, von seinem 
eigenen Hoffen spracTi. Die einzige, die über ihre Urenkel hätte 
wachen können, Livia, war in ihrem Hasse gegen Agrippina nichf 
minder blind als der Kaiser, Der Senat und das Volk, die ihre 
Erbitterung gegen Seian, den Zerstörer des Kaiserhauses, nicht zu 
äußern wagten, ergriffen um so offener Partei für die bedrohtet) 
Prinzen und ihre Mutter Agrippina. Die unterdrückte öffentliche 
IVleinung rächte sich an dem Kaiser in Schmähreden, die seinen 



Charakter besudelten^ deren Urheber nicht zu greifen waren. Der 
Kaiser, gewohnt die üble Nachrede zu verachten, verlor doch alle 
Fassung, als bei einer Verhandlung im Senate durch den Übereifer 
seiner Anhänger erst klar wurde, wessen ihn die Lästerzungen zu 
beschuldigen wagten. 

Selbst der Wandel, den die unbarmherzige Hand des Alters 
der Erscheinung des Leidgeprüften aufgedrückt hatte, wurde das 
Gelächter der Menge. War doch seine hohe Gestall durch 
Last der Jahre gebeugt, seine edeln Züge entstellte ein wider- 
wärtiger Ausschlag, und der innere Gram seines stolzen Gemütes, 
den er nicht äußern wollte, sprach nur mehr aus dem kalten 
Lächeln des Hohnes über die Niedertracht der Menschen, Er fühlte, 
daß er ein Gegenstand des Absehens geworden war, und der Ge- 
danke beherrschte ihn, das Antlitz der Menschen zu meiden, die 
ihn so ungerecht mißachteten. Nur dem einen Manne mochte er 
noch vertrauen, der die Seele seines Elends war. Und Seian, unent- 
behrlicher als je, bestärkte ihn in seiner Absicht, Rom zu verlassen. 
Da ereignete sich auf der Reise in Campanien ein Zufall, der das 
Vertrauen des Kaisers zu diesem, dem einzigen Freund, den er noch 
besaß, zu einem felsenfesten machte. In einer Grotte bei Fundt 
nahm Tiberius mit seinem Gefolge das Mahl ein, als Steine, die 
sich von der Decke lösten, jeden nur an seine Rettung denken 
ließen. Seian allein war es, der den Kaiser vor den stürzenden 
Trümmern mit dem eigenen Leibe deckte. Da war also das Zeichen, 
das Tiberius in seinem dunkeln Schicksalsglauben entscheidend er- 
scheinen mußte. Den Händen dieses Mannes, der in seiner Treue 
nicht wanken konnte, durfte er getrost das Schicksal Roms an- 
vertrauen, für sich selbst den letzten Trost, die Einsamkeit, er- 
wählend. Er fand sie auf jenem herrlichen Eiland, das auch 
Augustus in seinem Alter erfreut hatte. Capreae, die Felsinsel, so 
unnahbar wie der Herrscher, da nur zwei flache Uferplätze die 
Landung kleiner Boote gestatteten, mit den kühlenden Winden des 
Sommers und dem linden Anhauch des Meeres in Winterzeit, sollte 
sein Sitz werden. Hier erfreute ihn der stete Anblick des in klarer 
Schönheit glänzenden Golfes, dessen Ufer immer heiter grünten, da 
auch der Flammenberg des Vesuvius, von Wald und Wei; 



5- Seiani Henscbafl xqc 

kleidet, in ewige Ruhe gebettet schien. Wenige nur sollten ihn 
begleiten, wie Cocceius Nerva, der Kenner des Rechtes, der Ritter 
Curtius Atticus und eine Schar gebildeter Griechen, um die Weile 
zu verkürzen. 

Was der Kaiser über sich in Wahrheit verhängte, war, wie in 
den Tagen seiner Flucht nachRhodus, dieSelbstverbannung. Aber, 
er konnte nicht ahnen, daß sein klarer Blick jetzt umnachtet werden 
wurde von dem giftigen Schleier, den Seian um ihn verbreiten 
wollte. Hatte doch der Ruchlose einen neuen Weg gefunden, die 
Söhne des Germanicus zu verderben. Während Nero, den älteren 
Bruder, von edler Art und der Liebling der Mutter, jetzt der 
Anhang des allmächtigen Praefekten floh, als hätte ihn die Pest 
befallen, erhob Seian Drusus durch seine Gunst, da ihm das wilde 
Gemüt des Jünglings die Gewißheit bot, ihn später um so sicherer 
zu vernichten. Ehe der Kaiser noch Rom verließ, hatte es Seian 
erreicht, das erste Opfer im Kaiserhause zu fällen. Es war die ver- 
trauteste Freundin Agrippinas, Claudia Pulchra, einst des Vanis 
Gemahlin und Livias Nichte. Gerade die Art, wie Agrippina, um 
sie zu schützen, den Kaiser frech ins Gesicht geschmäht hatte, 
wurde dem törichten, alten Weibe zum Verderben. Denn ihre späte 
Buhlschaft, der Grund ihrer Anklage, hätte der Kaiser ihr ver- 
ziehen, ohne die seltsamen Zauberkünste gegen sein eigenes Leben, 
die man ihr auch zum Vorwurf gemacht hatte. 

Des Kaisers weise Fürsorge trat gerade in diesen Tagen wieder 
hervor, als die Bürgerschaft Roms von schwerem Unheil betroffen 
wurde. Die Fechterspiele, der höchste Reiz der schaulustigen 
Hauptstadt, waren unter Tiberius Herrschaft aus Rom verbannt, da 
er, der den Schlachtentod ehrte, keinen Gefallen empfand an dem 
Vergießen feilen Blutes. Was in Rom nicht zu sehen war, fand 
man in Fidenae, wo ein Unternehmer in einem hölzernen Amphi- 
theater mit seinen gemieteten Banden die Tausende, die dahin 
strömten, ergötzte. Um so furchtbarer war das Unheil, als der 
Bau in sich zusammenbrach, die Zuschauer unter seinen Trümmern 
begrabend. Die Verstümmelten und Sterbenden, die man hervor- 
holte, erfüllten mit ihrem Elend ganz Rom, das das gemeinsame 
Leid werktätig zu lindern suchte. Strenge Vorschriften ergingen 



L 



I 



io6 Tiber iu« 

gegen gewissenlose Ausbeuter und über die Sicherheit solchi 
Bauten. Noch war dieses Leid unvergessen, als ein verheerender 
Brand den Stadtteil auf dem Caelius in Asche legte. Aus den 
Kassen des Staates, die des Kaisers weise Sparsamkeit gefüllt 
hatte, wurde jetzt ohne Ansehen der Person allen, die das Un^ 
glück betroffen hatte, reiche Hilfe. Nur ein Standbild des Kaisers 
sei in dem Palaste eines Juniers von den Flammen unversehrt ge- 
blieben, der Berg sollte nun nach dem Gnadensp ender Augustus 
heißen. Dieser wundersüchtige Glaube lehrt doch wenigstens 
die Empfindung des Volkes für den gerechten Herrscher. 

Um so quaivoller ist es zu sehen, wie der Kaiser in der Ein- 
samkeit Capreaes das Opfer seines eigenen Wahnes wurde. Schon 
wurden Nero und Agrippina in ihren Palästen von Soldaten über- 
wacht und dachten in ihrer steten Todesangst an Flucht vor nahen- 
den Mördern. So wachte Seian über die Sicherheit des Kaisers, und 
immer herrlicher erwies es sich, was er ihm zu danken hatte. Einer 
der Wenigen, die keine Furcht daran hinderte, seine Freundschaft 
für das gefallene Haus des Germanicus zu zeigen, war der römische 
Ritter Titius Sabinus. Helfer des Seian schlichen sich in sein Ver- 
trauen und belauschten seine Gespräche mit falschen Freunden, 
wenn er sein Leid über die Verfolgung des edeln Hauses klagte, 
indem sie sich zwischen der Decke des Zimmers und dem Dache 
verbargen. So waren sie im Besitze des staatsgefährlichen Geheim- 
nissesj und Briefe Seians mit den Zeugnissen der Edeln überzeugten 
den Kaiser von der drohenden Gefahr, An dem heiligsten Tage 
r. des Jahres, dem i. Januar, belehrte ein Schreiben des Kaisers auch 
den Senat über das furchtbare Verbrechen. Die Verurteilung des 
Angeklagten war das Werk eines Augenblickes. Man faßte ihn aa 
der Kehle, schleppte ihn zum Tode, seine letzten Flüche gegen Seian 
erstickend. Es ist schon Umnachtung des Geistes, wenn der Kaiser 
dem Senat für den Mord dankte, der sein von Angst und Sorge 
erfülltes Leben gerettet habe. So wäre der Senat bereit gewesen, 
auf den Rat seines angesehensten Mitgliedes, des Asinius Gallus, 
durch seine Frau Vipsania der Oheim der Söhne des Germanicus, 
das ganze Haus des Germanicus auszurotten, um den Kaiser von 
jeder Sorge zu befreien. Seian trat dem entgegen; er m)Utef 



5. S.i. 



307 



I s, 

L 



daß in dem kranken Gemüte des Kaisers das Gräßliche lang- 
sam reife. 

Aber die Freundschaft Seians für den Kaiser, das war es, was 
der Senat zu feiern berufen wurde. Unter Augustus hatte einst der 
Altar des Friedens die Höhe des Glückes im Kaiserhause und im 
Reiche so tief wie wahr gefeiert. Und neben ihm erhoben sich die 
Standbilder des Augustus und des Agrippa. Noch sind uns die 
edeln Züge des Augustus erhalten in der Nachbildung, die Livia 
in ihrem Landhause als teuerste Erinnerung an den Geliebten auf- 
bewahrte. So wurde denn jetzt der Freundschaft des Tiberius und 
seines Seian ein Altar errichtet, und neben ihm die Standbilder des 
Kaisers und seines Freundes, der so mit dem widrigen Hochmut 
des Emporkömmlings den Jammer verkündete, den er über das 
Haus der Julier und das Reich gebracht hatte. 

Denn ganz Rom lag zitternd zu seinen Füßen. Wenn er die ' 
Stadt verließ, um mit Tiberius, auf Capreae oder inCampanien, zu- 
sammenzutreffen, so folgten ihm Bittsteller aus allen Ständen, die 
teils an der Küste des Golfes seiner Rückkehr harrten oder den 
Landsitz seines Aufenthaltes umdrängten, nur um sein gnadenvolles 
Antlitz zu schauen, bis selbst diese Wonne ihnen verwehrt wurde. 

Da starb im Anfange des Jahres 29 die Kaiserin Livia, und mit 
ihr sank die letzte Schranke, die Seian noch gehindert hatte, die 
Prinzen, die seinem Streben nach dem Throne im Wege standen, 
wegzuräumen. Denn die Scheu vor der Mutter war in Tiberius 
unüberwindlich gewesen, so wenig er noch Liebe empfand für die 
alte Frau, die er selbst in ihrer letzten Krankheit nicht mehr ge- 
sehen hatte. Was er lange brütend erwogen, wurde jetzt kund, als 
er in einem Schreiben an den Senat über Agrippina und Nero voll 
Bitterkeit und Härte Klage führte. Noch konnte der Senat nicht 
an das Äußerste glauben. Niemand fand sich, der eine Anklage 
gegen die Schuldlosen erheben wollte. Das Volk umlagerte, die 
Bildnisse Agrippinas und Neros vor sich hertragend, die Curie mit 
dem Rufe; die Briefe seien gefälscht, der Kaiser könne den Unter- 
gang seines Hauses nicht wollen. So tobte der Aufruhr in den 
Straßen Roms und richtete sich selbst gegen Seian, den der Senat 
als den Schuldigen bezeichnet hätte. Aber der Kaiser ließ über 



3o8 Tiberini 

seinen Willen keinen Zweifel mehr. Was er beschlossen hattet 
mußte geschehen. Agrippina und Nero wurden des Hochverrates 
schuldig befunden und gingen nach Pandataria und Pontia in die 
Verbannung, Um so leichler wurde es Seian, auch Drusus zu ver- 
derben. Besaß er doch den trefflichsten Zeugen für den wilden 
Trotz des Prinzen in dessen Frau Aemilia Lepida, die, wie so viele, 
seine Gunst genoß. Drusus wurde verurteilt, und damit er ja nicht 
entkomme, in einem unterirdischen Kerker des Kaiserpalastes zu 
Rom festgehalten. Agrippina und ihre Söhne erduldeten, in ihrem 
Gefängnis von rohen Soldaten überwacht, die niedersten Mißhand- 
lungen, und ihre verzweifelten Verwünschungen imd Jammerrufe 
wurden sorgfältig aufgezeichnet, um dem Kaiser auf Capreae zum 
Beweise zu dienen, wie gerecht er gerichtet hätte. 

Denn Tiberius wurde auf der Insel seiner Verbannung, wie 
einst auf Rhodos, von der qualvollen Angst um sein Leben be- 
herrscht und sann in seiner Einsamkeit darauf, altes Unrecht, das 
er erlitten hatte, zu vergelten. Die Härte und Zurückhaltung seiner 
Natur wurden in diesem Wahne zur Grausamkeit und Tücke. Denn 
niedrig war es, daß er Asinius Gallus, der nach Augustus Willen 
vor mehr als einem Menschenalter die Geliebte seiner Jugend ge- 
heiratet hatte, nach Capreae beschied und ihn in der Stunde, wo 
sie in freundlichem Gespräche zu Tische saßen, in Rom als Hoch- 
verräter verurteilen ließ. Aber nicht der Tod, sondern die stete 
Todesangst war seine Strafe. Im Hause der Consuln sollte er fortan 
leben, mit dem Scheine der Gnade, und doch der Freiheit beraubt. 
Und Fufius Geminus, dem er als Günstling der Mutter im Jahre 
ihres Todes das Consulat verliehen hatte, wurde jetzt für diese 
Gnade beschuldigt, das Ansehen des Kaisers verletzt zu haben, bis er 
dem Hohne eines solchen Gerichtes durch freiwilligen Tod sich ent- 
zog. Seine FrauMutiliaPrisca, und ihre Töchter, deren Einfluß bei 
Li via allmächtig gewesen, büßten ihreMacht, die denKaiser einst be- 
lästigt hatte, mit dem Tode, Gewiß ist es, daß Seian den Kaiser auch 
hierin bestimmte, in Asinius Gallus einen Mann beseitigte, der dem 
Kaiserhause zunächst stand, undMutiliaPrisca aus derWelt schaffte, 
weil sie amHofeLivias auch seinen Plänen gedient hatte. Dadurch 
gewaim er nur beim Kaiser, der diesen Getreuen beim Abschied 



5- Seians Hemcluft 



309 



unter Tränen an seine Brust schloß, und in den Briefen an den 
Senat seinen Seian immer wieder mit Lob überhäufte. 

Um diese einzige Stütze seiner Macht sich noch fester zu ver- 
binden, verlobte er Seian mit Livillas Tochter Julia, die Neros Frau 
gewesen war. Es war auch das Todesurteil des Prinzen, dem seine 
Peiniger keine Wahl mehr ließen als die Folter oder Erdrosselung, 
so daß er sich selbst den Tod gab. Agrippina wollte dem geliebten 
Kinde in den Tod folgen und weigerte sich, die Nahrung anzu- 
nehmen, die man ihr endlich mit gräßlichen Mißhandlungen auf- 
zwang. Aber Seian, er war Herrscher im Reiche und Tiberius der 
bloße Verwalter seiner kleinen Insel. Die Verehrung des Günst- 
lings wurde zur Vergötterung, die Feier seines Geburtstages ein 
Staatsfest, seinen Statuen, die überall neben denen des Kaisers 
standen, wurde geopfert, und selbst die Legionen des Westens 
trugen sein Bildnis an ihren Fahnen und nannten ihn unter den 
Schutzgöttern des Heeres. So erreichte er es auch, daß Tiberius, 
wie einst mit seinen Söhnen Germanicus und Drusus, im Jahre 31 
mit seinem Seian das Consulat bekleidete und ihm für das ganze 
Reich das proconsularische Imperium verlieh. 

Auf der schwindelndenHöhe angelangt, verlorSeian das sichere 
Gleichgewicht seiner kühnen Verstellung, die er durch so viele Jahre 
mit äußerster Geschicklichkeit geübt hatte. War doch Tiberius in 
gänzliche Mißachtung gesunken, und nur dem neuen Herrscher war '. 
die Stadt Rom und das ganze Reich bereit zu huldigen. Seian ver- 
riet in seinem öffentlichen Auf treten das Selbstbewußtsein in einer 
Weise, daß endlich das Mißtrauen des Kaisers erwachte. Er er- 
kannte, daß die schrankenlose Macht des Freundes gegen ihn selbst 
sich wenden könnte. Die Besatzung Roms war völlig in der Hand 
des Gardepräf ekten, und sie gebot nicht nur über das Leben der 
Untertanen, sondern auch über das Leben des Kaisers. Aber der 
Versuch, den Günstling zu stürzen, mußte seinen Widerstand her- 
vorrufen, und diesem fühlte selbst der Kaiser sich nicht mehr 
gewachsen. Keinen anderen Weg gab es, als den übermächtigen 
Diener durch eine Verschwörung zu beseitigen. In der Kunst der 
Verstellung erwies sich der Kaiser als Meister, Er lockerte ganz 
allmählich das Band der Freundschaft. Nicht mehr die unbedingte 



L 



k 



jio nDenns 

Zustimmung fand das Tun seines Dieners, in das gewohnte Lob 
mischte sich leichter Tadel ; der Kaiser gab sich bald für krank und 
sterbend, bald wieder als gesund und bereit, nach Rom zurückzu- 
kehren. Die Freundschaf tsversicherungen begannen zu fehlen, und 
zuletzt verbat sich Tiberius den Besuch seines Beraters. Doch 
wußte er ihn auch wieder zu begütigen; neue Ehren wurden auf 
ihn und auf sein Haus gehäuft. Der Kaiser erreichte es, daß der 
Senat und das Volk in Rom an der Allmacht Seians zu zweifeln be- 
gann, während der Bedrohte über die wahren Absichten des Kaisers 
im Unklaren, die Sicherheit des Entschlusses und Handelns verlor. 
Noch fehlte ihm der letzte Beweis der Gnade, der ihn tat- 
sächlich zum- Mitherrscher gemacht hätte, die tribunicische Gewalt. 
Sie war ihm seit langem. zugesichert, und immer noch zögerte der 
Kaiser, sein Wort zu erfüllen. Aber gerade diese Hoffnung war es, 
durch die Tiberius Seian hinhielt, ihn verhinderte, durch offene 
Empörung die Entscheidung über die Macht zu erzwingen. End- 
lich sollte auch dieser Zweifel sich lösen. 

I Seian hegte die bestimmte Erwartung, daß die Verleihung der 
tribunicischen Gewalt in der nächsten Sitzung des Senates erfolgen 
werde. Wirklich erschien eines Morgens der Tribun der Garde, 
Naevius Macro, bei Seian und eröffnete dem Hocherfreuten, daß der 
Senat nur zu dem Zwecke berufen sei, um das kaiserliche Hand- 
schreiben entgegenzunehmen, das die Erfüllung seines Wunsches 
brächte. Im stolzen Bewußtsein seiner neuen Erhöhung betrat 
Seian den Senat, umdrängt von Schmeichlern, die dem Mitherrscher 
ihre Glückwünsche darbrachten. Das Opfer war in das Netz ge- 
gangen, aus dem es nicht mehr entweichen konnte. Denn Naevius 
Macro hatte am Abend vorher alle Vorbereitungen zu dem Staats- 
streich getroffen. Er hatte den Vorsitzenden Consul, Memmius 
Regulus, über die wahre Absicht des Kaisers belehrt und den Prae- 
fekten der soldatisch geschulten Feuerwehr, Graecinius Laco, ins 
Vertrauen gezogen. Kaum hatte Seian die Curie betreten, als die 
Feuerwehr auf dem Forum aufzog und Naevius Macro, nachdem er 
das Schreiben des Kaisers dem Consul übergeben hatte, die Prae- 
torianer, die das Gefolge des Seian bildeten, in ihr Lager zurück- 
führte. Hier versammelte er die ganze Leibwache und eröffnete 



5. ScisM Herracbaft 



ihr, daß er auf Anordnung des Kaisers den Befehl über die Truppen 
der Hauptstadt übernommen hätte, da Seian, jetzt Mitherrscher, 
von seinem Amte zurückgetreten sei. Eine hohe Geldspende 
überzeugte die Soldaten von der Wahrheit seiner Worte. 

Inzwischen war die Entscheidung im Senate gefallen. Der Con- 
sul verlas das Schreiben des Kaisers von endloser Länge. Immer 
wieder wurde Seian mit leichtem Tadel genannt, bis der Schluß, 
zwei der vertrautesten Freunde Seians hinzurichten, ihn selbst in 
Gewahrsam zu nehmen, befahl. Sein Todesurteil auszusprechen, 
hatte der Kaiser nicht gewagt, da er Unruhen befürchtete und so- 
gar befohlen hatte, im äußersten Falle den elenden Drusus aus dem 
Kerker hervorzuholen, damit das Volk von Rom sich um den Sohn 
des geliebten Germanicus schare. Ja, in Capreae lagen Schiffe 
bereit, um Tiberius im Falle des Mißlingens nach dem Orient zu 
flüchten. Aber im Senate entlud sich der Haß gegen den gestürzten 
Günstling mit unwiderstehlicher Gewalt. Schon während des Ver- 
lesens des Schreibens hatten die Senatoren die Sitze in Seians Nähe 
geräumt. Jetzt, als das Urteil erflossen war, umringten ihn die 
Praetoren und Tribunen, um sein Entweichen zu verhindern. Aber 
Seian, der immer auf die Erfüllung seines Hoffens gewartet hatte, 
war durch das unfaßbare Urteil mit Betäubung geschlagen, sodaß 
er den herrischen Befehl des Consuls, heranzutreten, mit den Worten 
erwiderte: bin denn ich gemeint? bis ihn endlich Laco zwang, sich 
von seinem Sitze zu erheben. Der ganze Senat brach mit wilden 
Schmähungen auf ihn ein, und am lautesten tobten, die ihn am 
niedrigsten umschmeichelt hatten. Regulus genügte dieZustimmung 
eines Senators, um Seian nach dem Urteil des Kaisers selbst in 
Begleitung Lacos und aller Beamten ins Gefängnis abzuführen. Auf 
seinem Leidensweg zerriß man sein Gewand, schlug ihm ins Ge- 
sicht, und er sah, wie die wütenden Volks häuf en seine Standbilder 
niederrissen, in den Kot schleiften und in Trümmer schlugen. So 
erreichte er den Kerker. Noch an demselben Tage trat der Senat, 
da niemand sich für denGerichteten erhob, im Tempel der Eintracht 
zusammen, Seian das Todesurteil zu sprechen. Seine Leiche lag 
drei Tage auf der Verbrecherstiege am Tiber, der Schändung preis- 
gegeben, bis sie in dem Flusse ihr Grab fand. In der Stadt herrschte 



3 1 2 Tibeiioi 

der Aufruhr, Das Volk erschlug die, die, auf Seians Gunst ver- 
trauend, gefrevelt hatten. Die Garde, erbittert, daß die Feuer- 
wächter treuer befunden wurden als sie selbst, wütete mit Brand 
und Raub in der Stadt, obwohl alle Beamten auf Tiberius Befehl 
über die Ruhe wachen sollten. 

Der Todestag Seians wurde zum Festtag erhoben und sollte 
mit feierlichen Opfern aller Priester des Staates und aller Beamten 
begangen werden. Den getreuen Helfern des Kaisers, Macro und 
Laco, wurden die Standesabzeichen der Senatoren verliehen, als ob 
sie die Praetur und die Quaestur bekleidet hätten, Ehren, die die 
Geehrten selbst nicht anzunehmen wagten. Denn der Kaiser wies 
alles zurück, wodurch der geängstigte Senat seine Ergebenheit be- 
weisen wollte, verbot der Gesandtschaft der drei Stände Capreae 
zu betreten und gestattete nicht einmal dem Consul Regulus, vor 
ihm zu erscheinen, Vergeltung wollte er haben an allen, die Seians 
Anhänger gewesen waren, und wer hatte sich in den langen Jahren, 
die der Günstling mit schrankenlosem Einfluß geboten hatte, dieses 
Verbrechens nicht schuldig gemacht? Seine Verwandten waren die 
nächsten, die die Rache des Kaisers traf. Aber das Schwert wandte 
sich gegen ihn selbst. Denn als Seians Frau Apicata die Leichen 
ihrer schuldlosen, gemordeten Kinder auf der Verbrecherstiege 
liegen sah, offenbarte sie dem Kaiser in einer Zuschrift, wer seinen 
eigenen Sohn gemordet hatte, und gab sich selbst den Tod. 

Dieser letzte Schlag traf den Kaiser so unerwartet wie ver- 
nichtend. Schon wußte er durch die Aussagen der Angeklagten, 
daß Seian ihm Freundschaft nur geheuchelt hatte. Er erkannte, 
wie er, arglistig getäuscht, Unrecht auf Unrecht rettungslos auf sein 
Haus gehäuft hatte. Ein Gegenstand des Hohnes war er für den 
Kreis der Vertrauten des Buben gewesen, der sich in niederer Weise 
für den Zwang der Ergebenheit gerächt hatte durch gemeine Ver- 
spottung selbst seiner körperlichen Gebrechen. In solchen Händen 
war er lange Jahre ein Spielzeug, er, der selbstsichere, pflichttreue 
Herrscher. Und seine Freundschaf t für. den Verderber war so wahr- 
haft gewesen 1 Der letzte Tropfen der Liebe wurde in seinem ge- 
quälten Herzen zur bitteren Galle. Und jetzt erfuhr er durch 
Apicatas Geständnis noch das Äußerste, den Mörder seines Kindes 



5. Seians Herrscluift 



313 



hatte er an seiner Brust gehegt. Da brach das langerschütterte 
Gleichgewicht seines Geistes zusammen. Keines Gedankens war er 
mehr fähig, als Rache zu nehmen im Wahnwitz seiner Verzweif- 
lung. Er verschloß sich in seinem Palaste auf Capreae und sandte 
nur seine Mordbefehle nach Rom an den Senat, und nicht minder 
wütete sein eigenes Gericht auf der einsamen Insel. 

Was jetzt geschah, ist das nackte Entsetzen und läßt das Herz 
zurückschaudern vor dem Zustande eines Staates, wo solche Dinge 
möglich waren. Über der hohen Gesellschaft Roms schwebte der 
Schrecken. Die angsterfüllten Senatoren waren nur mehr von dem 
einen Gedanken beherrscht, das Rasen des wahnsinnigen Tyrannen 
von sich selbst abzulenken. Die Gerichtssitzungen des Senates mit 
1 der feierlichen Würde römischer Art und römischer Rede erhöhten 
durch den Ernst der Verhandlungen den dauernden Schrecken. 
Um das Urteil über Livilla und ihre Mitschuldigen zu fällen, wurden 

I' 44 Reden gewechselt, immer von neuem das Entsetzliche aufwüh- 
lend, und glücklich waren zu preisen, die der freigewählte Tod 
dem Henker entzog. Das Jahr, das Seians Verbrechen enthüllt 
hatte, ging unter der stets steigenden Zahl der Opfer seiner Schuld 
zu Ende. Wohl empfand Tiberius, daß Gerechtigkei t und Pflicht- 
ihn in solchen Zeiten wieder an die Spitze des Staates beriefen. Er 
näherte sich auch Rom, gelangte bis zu den Gärten am Tiber. Aber 
der Anblick der Stadt, um derentwillen er alles erduldete, trieb 
ihn zurück in die Einsamkeit von Capreae. An den Bekenntnissen 
Neubeschuldigter und der Erinnerung vergangener Kränkung 
nährte er seine unstillbare Rachsucht. Der fassungslose Senat 
überbot sich in Beschlüssen, die nur der Ausdruck der Verzweif- 
lung waren. Zwanzig Senatoren sollten den Kaiser mit dem 
Schwerte bewaffnet beschützen, sobald er die Curie betrat, als 
ob ihm noch an seinem Leben gelegen war. Die Leibwächter 
sollten bei ihrer Entlassung die Vorrechte römischer Ritter er- 
halten. Auch das erregte nur den Zorn des Kaisers als ein Ein- 
griff in seine Feldhermrechte. Die dem Kaiser so töricht zu 
huldigen gemeint hatten, verfielen erst recht der Strafe. 

LDenn der Sinn des Kaisers war noch immer auf Gerechtigkeit 
gerichtet, und er litt selbst jammervoll, wie es der Eingang eines 



seiner Schreiben an den Senat offenbarte mit den Worten: „Was 
ich euch schreiben soll, versammelte Väter, oder wie ich es 
schreiben soll, oder was ich überhaupt nicht schreiben soll in dieser 
schweren Zeit, mögen die Götter und Göttinnen mich elender 
zugrunde richten, als ich mich täglich zugrunde gehen fühle, 
wenn ich es weiß." So häuften sich Anklagen auf Anklagen vor 
dem Senate. Bald waren es Anhänger des Seian, die als Opfer 
fielen, dann wieder seine Gegner, und die eben Ankläger gewesen, 
waren später die Beschuldigten. Selten nur rettete das freie Wort 
r. der Selbstverteidigung den Unschuldigen. Aber noch zu langsam 
arbeiteten die Gerichte. So erging im dritten Jahre nach Seians 
Sturz der Befehl, alle, die in den Kerkern schmachteten, ohne 
Unterschied des Alters und Geschlechtes hinzurichten. Wehe, wer 
die Toten, die in Haufen am Tiberufer lagen, zu beklagen wagte! 
Er bewirkte nur sein eigenes Verderben. 

Auch Drusus und Agrippina die Freiheit wiederzugeben, war 
der Kaiser nicht mehr fähig. Dann wäre ihr unsagbares Elend 
offenkundig geworden. So mußten auch sie sterben. Drusus, durch 
seine Peiniger dem Wahnsinn nahegebracht, fristete, dem Hunger- 
tode preisgegeben, noch durch Tage sein Leben mit den Kräutern, 
die die Kissen seines Lagers füllten. Agrippina, deren Leib von 
ihren Folterknechten verstümmelt worden war, schied nach dem 
Tode des Drusus freiwillig dahin. Und der Kaiser schilderte noch 
in einem Schreiben an den Senat die Qualen ihrer letzten Stunden, 
triumphierend, daß er Gerechtigkeit an den Verbrechern geübt 
hätte. Eine grauenhafte Selbstzerstörung, die ihn wie das Gespenst 
seines besseren Selbst erscheinen ließ. Auch Capreae war der 
Schauplatz gleicher Greuel. Bei ihrem steten Anblick beschloß 
Cocceius Nerva, der dem Kaiser auf der Insel als Berater in allen 
Fragen des Rechtes gedient hatte, zu sterben. Der Kaiser wich 
nicht von dem Lager des Getreuen. Durch keine Fragen, keine 
Bitten vermochte er ihm, der in vielen Tagen langsam dem Hunger 
erlag, eine Antwort abzuzwingen, warum er ihn mit dem entsetz- 
lichen Vorwurf belaste, daß er das Leben in seiner Nähe nicht 
mehr ertragen könne. 



6. Die letzten Jahre 

Das Rasen des Kaisers wich allmählich einer Erstarrung, in 
der der Gedanke der ungestillten Rache nur mehr selten auftauchte. 
Doch auch in diesen seinen letzten Jahren hat Tiberius, gleichgültig 
gegen Gegenwart und Zukunft, wann immer die Lage des Staates 
sein ernstes Eingreifen erforderte, mit voller Klarheit und Sicherheit 
gehandelt. So war es gerade in dem Jahre der gräßlichsten Morde, 
daß der Kaiser eine schwere Erschütterung des Geldmarktes durch 
die Errichtung einer Staatsbank mit seltener Einsicht bekämpfte. 
Die Bank gewährte ein zinsloses Darlehen auf drei Jahre, wenn 
der Schuldner für das Doppelte mit seinem Grundbesitz haftete. 
So trat gegenüber dem Steigen des Zinsfußes und der Entwertung 
der Güter eine Beruhigung ein, die auch die Sicherheit privater 
Darlehen wieder hob. 

Zwei Jahre später zeigte Tiberius seinen ungetrübten Blick js n. Chr. 
auch in der Behandlung der Verhältnisse des Ostens, Der Parther- 
kÖnig Artabanus, voll Selbstgefühl durch glückliche innere und 
äußere Kriege, hatte seine Hand auch auf Armenien gelegt, wo 
er nach dem Tode des Artaxias seinen eigenen Sohn Arsaces 
auf den Thron des Landes erhoben hatte. Schmähende Briefe an 
den greisen Kaiser, den er mißachtete, mit der Forderung, jene 
Schätze, die einst Vonones aus dem parthischen Reiche entführt 
hatte, auszuliefern, und seine Drohung, seine Herrschaft wie die 
Achaemeniden bis an das aegaeische Meer auszudehnen, zeigten 
die leere Anmaßung des Barbaren, Herrschaftsfähige Glieder des 
Arsacidenhauses standen ihm nicht im Wege, ^ er sie alle ge- 
mordet hatte. So wandten sich die parthischen Großen, die seiner 
grausamen Willkür abgeneigt waren, nach Rom, um sich einen 



L 






Prinzen, Phraates, der als Geisel aus der Zeit des Augustus in der 
Fremde lebte, zum König zu erbitten. Phraates ging, von Tiberius 
ausgestattet, nach Syrien und starb über dem Versuche, der Parther 
Sitte und Art, die er nie gekannt hatte, zu lernen. Aber es gab 
in Rom noch einen anderen Prinzen parthischer Herkunft, Tiridates. 
Er trat nun an seine Stelle, und für den Thron Armeniens wurde 
der iberische Fürst Miihridates ausersehen, der sich auf des Kaisers 
Geheiß mit seinem Bruder Pharasmanes, dem König der Iberer, 
versöhnte. 

Um diese Herrscher von Roms Gnaden einzusetzen, übertrug 
Tiberius demVitellius die Statthalterschaft Syriens. Dieser hoch- 
begabte Mann verstand es, je nach der Stimmung des Hofes, dem 
er diente, durch seine Tugenden oder seine Laster zu glänzen. 
Jetzt, unter Tiberius, war er das Muster des umsichtigen Verwalters, 
Zuerst brachen die Iberer, nachdem Arsaces von seinem Hofe er- 
mordet worden war, aus ihren Sitzen im Norden Armeniens übel 
die Grenzen und nahmen im ersten Ansturm die Hauptstadt Arta- 
xata. Da erhob sich Artabanus zum Gegenschlage und sandte- 
seinen Sohn Orodes mit parthischen Scharen gegen den Feind, 
während seine Werber bei den Sarraaten im Norden des Caucasui 
Helfer gewinnen sollten. Aber auch die Iberer riefen die Albaner 
zu ihrer Unterstützung ins Land, und ihnen folgten Stämme der Sar- 
malen, deren König sie durch Geschenke gewonnen hatten. Dem 
Zuzug jener Sarmaten, auf die die Parther gehofft hatten, verlegtea 
die Iberer den Weg. So war Orodes dem Feinde nicht gewachsen 
und gezwungen, nur auf seine Verteidigung bedacht zu sein. Aber 
der Stolz der Parther ertrug nicht lange die Herausforderung der 
Gegner. Nach ihrem Willen nahm Orodes die Feldschlacht 
die Übermacht an. Den leichtbeweglichen Schwärmen der Parth< 
und ihren weittreffenden Bogen begegneten die Sarmaten im ge- 
schlossenen Ansturm, die weitragenden Lanzen und die Schwerter, 
brauchend. Das Fußvolk der Iberer und Albaner mischte sich, 
zwischen die andrängenden und zurückweiciienden Reiterhaufen, 
bemüht, die Parther von ihren Rossen zu stechen. Die Könige 
Orodes und Pharasmanes kämpften mit ihren Leibwächtern, die 
Streiter anfeuernd, allen voran und fochten zuletzt in erbittertem 



, Die letzten Jahre 



317 



Zweikampf. Orodes, durch den Helm verwundetj wurde vom 
Kampfplatz getragen. Das wurde den Parthem das Zeichen zur 
Flucht. 

Als ArtabanuSj diesen Schimpf zu rächen, selbst mit einem 
Heere in Armenien erschien, versammelte Vitellius die Legionen 
Syriens am Ufer des Euphrat, bereit in Mesopotamien einzudringen. 
Das Nahen der römischen Helfer bestimmte Sinnaces, der schon 
früher mit dem Kaiser unterhandelt hatte, seinen Vater Abdagaeses 
und andere Große, denen der mörderische König verhaßt war, zur 
Erhebung, die immer weiter um sich griff und Artabanus zur 
Flucht aus seinem Reiche in die Steppen Turans zwang. Leicht 
wurde es jetzt Tiridates, in Mesopotamien festen Fuß zu fassen. 
Die griechischen Landesteile mit der Hauptstadt Seleukeia am 
Tigris schlössen sich dem ihren Sitten durch römische Bildung ge- 
neigten Herrscher an und frohlockten über die Wiederherstellung 
ihrer städtischen Freiheit, die Artabanus unterdrückt hatte. Die 
Erwartung, daß die Satrapen des iranischen Hochlandes freiwillig 
zur Huldigung eintreffen würden, ließ Tiridates am Tigris zögern. 
Endlich nahm er, ohne die oberen Landschaften des Parthischen 
Reiches betreten zu haben, in Ctesiphon das Diadem der Arsaciden 
aus den Händen des Surena entgegen. Aber der wankelmütige 
Sinn der parthischen Großen offenbarte sich bald, als der neue 
Herrscher ganz unter dem Einfluß des Abdagaeses und der anderen 
Freunde stand. Die Mächtigsten der Satrapen, Phraates und Hiero, 
sahen wieder in Artabanus ihren rechtmäßigen König und führten 
den Flüchtling, der in den Schluchten Hyrcaniens einsam sein Leben 
mit dem Bogen gefristet hatte, in sein Reich zurück. Sein rasches 
Erscheinen lähmte seine Gegner und gewann ihm neue Freunde. 
Schon näherte er sich mit Heeresmacht Seleukeia, als der ratlose 
Tiridates, ohne einen Kampf zu versuchen, nach Mesopotamien 
zurückwich, nur um den Abfall um sich zu verbreiten. Bald war 
er ein Flüchtling, der auf römischem Boden Schutz suchte. Ais 
Artabanus siegreich am Euphrat erschien, trat ihm Vitellius ent- 
gegen und zwang ihn, die Oberhoheit Roms durch die Verehrung 

L des Kaiserbildnisses und der Fahnen des Heeres anzuerkennen. 

■ Tiberius war um diese Zeit bereits gestorben, und so hatte er noch 



] I g Tiberius 

im Tode einen letzten Triumph über den Feind gewonnen, der 
allein der römischen Weltherrschaft dauernd widerstrebte. 

Noch in seinem letzten Jahre bewies der Kaiser seine Einsicht 
bei dem Brande, der den Stadtteil am Aventin verwüstete. Hundert 
Millionen Sesterzen hat der Kaiser aufgewendet, um den Besitzern 
den Schaden zu ersetzen. Die Abschätzung des Schadens übertrug 
er den vornehmsten Männern des Staates, deren Frauen Enkelkinder 
des Augustus waren. Die unmittelbare Sorge rief noch seine alte 
Tatkraft wach. Aber die dringendste der Pflichten, die Frage nach 
der Nachfolge auf dem Throne zu entscheiden, war der Mann, dem 
alles im Leben nur zum Fluche geworden war, außerstande. Wohl 
hatte er kurze Zeit nach dem Sturze Seians daran gedacht, dem 
ältesten dieser Vornehmen, die durch ihre Frauen dem Kaiserhause 
verwandt waren, Domitius Ahenobarbus, die Nachfolge zuzuwen- 
den, da er selbst ein Enkel der Octavia war. Aber der pflichttreue 
Herrscher gewann es nicht über sich, diesem ruchlosen Menschen 
das Schicksal des Reiches anzuvertrauen. Brach doch noch zuletzt 
in einem jener Prozesse, für die die beleidigte Majestät des Kaisers 
nur der Deckmantel war, seine ganze Gemeinheit wieder hervor. 

So entschied sich Tiberius seit langem, seine beiden Enkel 
Gaius, den Sohn des Germanicus, und Tiberius, den Sohn seines 
Drusus, am Hofe in Capreae erziehen zu lassen. Alles andere gab 
er dem Schicksal anheim, gegen das sein eigener Wille so ohn- 
mächtig gewesen war. Wie sehr sich seine Gedanken in einem im- 
überwindlichen Kreise bewegten, zeigt am deutlichsten die immer 
wieder hervortretende Absicht, seine Selbstverbannung zu sprengen 
und nach Rom zurückzukehren, ohne daß er imstande war, seinen 
Wunsch zu erfüllen. Nur der Schatten seines eigenen Wesens, hat 
er diese letzten Jahre das Dasein noch erduldet, sich bewußt, daß 
das einzige Empfinden, das sein Erscheinen hervorrief, das Grauen 
war vor dem blutbefleckten Tyrannen. Endlich erlöste auch ihn 
auf einer Reise in Campanien der Tod von der schwersten Last, 
dem Leben. Im Gefühle seiner sinkenden Kräfte strebte er, sein 
Capreae noch zu erreichen. Da befiel ihn auf seinem Landsitz auf 
dem Cap Misenum eine Schwäche, die ihn angesichts der Insel 
zur Ruhe zwang. Er erkannte an dem Blicke seines Arztes, was 



b. Die Ie»t«a Jahre 



319 



er selbst voraussah. Noch einmal raffte er sich auf und befahl die 
Tafel zu rüsten. Länger als sonst verweilte er und zwang die 
anderen zum Gespräche. Dann ruhte er auf seinem Bette in tiefen 
Gedanken, den Siegelring vom Finger ziehend, als wollte er dieses 
Zeichen seines Willens fremden Händen anvertrauen. Langsam i 
nahte dem Einsamen der Tod. 

Nur mit Mitleid kann man von diesem Manne scheiden, dessen ' 
Leben eine einzige Kette der schwersten Prüfungen war. Er selbst ^ 
war es, der nach dem Zwange seiner düsteren Natur das Licht 
und die Freude von sich scheuchte, auch wo sie ihm entgegen- 
traten. Es gebrach ihm an dem hohen Sinne, der den Menschen 
erhebt und zum Herrn seines Schicksales macht. Immer stand er 
unter dem Banne der Forderungen, die von außen an ihn heran- 
kamen, sodaß seine Pflichttreue selbst eine erzwungene ist und 
nicht, aus der Freiheit seiner Entschließungen stammend, die 
einfache Betätigung seines Wesens. Gebunden wie er sich fühlte, 
war er au'ch nicht fähig, die Persönlichkeit der Menschen walten 
zu lassen, und ihre unvermeidlichen Fehler und Gebrechen wurden 
ihm zur Qual. So war es ihm unmöglich, zu gewähren und zu 
vertrauen, wi, ihm nicht seine eigene Art, wie in dem täuschenden 
Bilde Seians, entgegenzutreten schien. Wo er Trug und Arglist 
sah, ist er es in Wahrheit, der die Wolke des Übelwollens erzeugt, 
die sein Urteil trübt. Langsam und stetig wuchs diese Verdunke- 
lung seines klaren Verstandes, bis sie ihn vom Irrtum zum Ver- 
brechen führte. Wie maßlos auch andere an ihm gesündigt 
hatten, das selbstgeschaffene Leiden zerstörte ihn und ließ ihn 
im Kampfe gegen die zwingende Gewalt der Verhältnisse immer 
erliegen. Und doch, das Ringen seines unbeugsamen Charakters 
gegen die Übermacht der Schmerzen bleibt gewaltig und er- 
schütternd. 



\ 



NAMENVERZEICHNIS 



Abdagaeses, Parther 317. 

Acilius Aviola 294 

Addo, Parther 22g. 

Aelius Gallus 182 f. 

Aerailia Lcpida 308; 

Marcus Aemilius Lepidus 237. 

Faullus Aemilius Lepidus 66. 191. 

Aemiliiis Paulus 247, 

Marcus Vipsanius Agrippa 95—99. 
107 - I09.I23--I29. 145.152 bis 
155- 158- 165- i67f- i?»''- i87f- 

I92f. 196. 19g. 201. 205f. 208f. 

Agrippa Postumus 20g. 224. 229. 247. 
252. 278. 

Agrippina, die Ältere aöof. 268. 282 
bis 286. 299. 303. 305—309. 314. 

Alexander- Helios, Sohn der Cleopa- 
tra 135- MÖf. 

Alexander, Sohn des Herodes 206. 

Amyntas, König von Galalien. 117. 
i33f- i53f- 185- 

Antigonus, König der Juden 116. 

Antiochus, König vonCommagene 121. 

Antistius 134. 

Gaius Antistius Vetus 178. 

Antonia, dieÄltere, Tochter des Marcus 
Antonius 207. 

Antonia, die Jüngere, Tochter des Mar- 
cus Antonius 207. 210. 286, 

Gaius Antonius 38. 74!. 

Julius Antonius, Sohn des Marcus An- 
tonius 225. 

Lucius Antonius 35. 38. 90 -99. 107. 

Marcus Antonius 18— 73. 81 — 117. 

121 f. 132 — 142. 148—161. 206. 
280. 

Anlyllus, Sohn des Marcus Antonius 

161. 
Apicata, Frau Seians 297. 312. 
Apolluphanes 125. 
Lucius Apronius 269. 292. 



Archelaus, König von Cappadoden 

IQ3. 279. 
Archelaus, Sohn des Herodes 206. 234, 
Arminius, 240 — 243.265 — 268. 270. 

272, 274f. 
Ariobarzanes, König v.Cappadocicn 78. 
Ariobarzanes,KönigvonAnnemeo228. 
Lucius Arruntius 155. 
Arsaces, König von Armenien 3i5f. 
Arsinoe 103. 
Artabanus, König der Parther 281t 

3'5— 317- 
Artavasdes, König von Armenien 137!. 

148. 158. 222. 281. 
Artaxes, König von Armenien 194. 
Artaxias,KönigvonArnienien 281.3 15. 
Asander, König im ßospurus 205. 
Gaius Asinius Gallus 306. 308. 
Gaius Asinius Pollio 28. 47. 60. 66. 

96—99. logf. 
Lucius Nonius Asprenas 243. 
Alia, Muller des Augustus 37. 
Augustus, heißt Gaius Octavius ZQf. 

36—38; Caesar 38 — 168; dann 

Augustus 169 — 250. 

Balo, Daesitiate 236—238. 

Bato, Pannonier 335 — 237. 

Quintus Junius Blaesus 254^ 293. 
300 f. 

Marcus Junius Brutus 17 — 22. 29. 
3>- 34f- 43- 54- 74—86. 

Caecilius Bassus 28, 

Aulus Caecina Severus 235?. 258. 
261. 263 — 267. 269, 

Caesar 13—20. 102. 143. 

Caesarion, Sohn Cleopatras 148. 161. 

Gaius Julius Caesar, genannt Cali- 
gula 262. 3(8. 

Lucius Cal pur ni US Piso, Caesars Schwie- 
gervater 27. 29. 48. 



Namen verielch ni' 



321 



Gnaeus Calpumius Piso 187. 
Gaius Calvisius Sabinus 119 f. 
Marcus Furius Camillus 292. 
Publius Canidius Crassus 136. 151. 
Tiberius Cannutius 40. 99. 
Carfulenus 5a. 
Publius Caiisius 178. 
Gaius Cassius 16. 29. 31. 34, 42. 

54- 74—85. 
Cassius Chaerea 258. 
Cassius Parmensis 134. 
Catualda, Gotone 289. 
Chariovalda, König der Bataver 270. 
Marcus Tullius Cicero 22. 25, 27. 

44- 53- 55- 61. 67. 
Cicero, der Sohn 74 f. 
Claudia Pulchra 239. 305. 
Appius Claudius 225. 
Claudius Bithynicus 99. 
Tiberius Claudius Nero, der Vater des 

Kaisers Tiberius 114. 
Tiberius Claudius Nero Germaiücus 

286. 
Clemens 378. 
Cleopatra, Königin von Ägypten 7 7.92, 

102. 104. 155. 142. 148 — 161. 

165. 
Cieopatra-Selene, Tochter der Oeo- 

patra 135. 165. 206. 
Clutorius Priscus 295. 
Marcus Cocceius Nerva 305. 314. 
Cornelius Baibus 208. 
Cornelius Cinna 22. 
Gaius Cornelius Gallus 159. iSi. 
Cornelius Scipio 225. 
Publius Cornelius Lentulus Scipio 293. 
Lucius Comificius 120. ijöf. 
Quintus Comificius 71. 
Cotys, König von Thrakien ao6. 291. 
Marcus Ucinius Crassus 179. 
Creniutius Cordus 300. 
Curüus Atticus 305. 

Dapyz, getischer Fürst 180. 
Dareus, Sohn der Phaniaces, König von 
Pontus 117. 



Lucius Deddius Saxa 82. I04f. 
DecimuB Junius Brutus Albinus 18 

bis 24. 28—31. 35. 39. 46. 51. 

53- 55f- 59*"- 
Deldo, König der Bastamer 180. 
Quintus Dellius io2. 148. 153 t. 
Deraochares 120. 125. 
Publius Cornelius Dolabella 22. 24. 

27- 32- 34- 75—77- 
Publius Cornelius Dolabella 301. 
Gnaeus Domitius Ahenobarbus 8r. 85. 

94f. 100. io7f. 133- 139- '49f- 

'51- 153. 
Lucius Domitius Ahenobarbus 207. 

232. 230. 266. 

Giiaeus Domitius Ahenobarbus 227. 

318. 

Gnaeus Domitius Calvinus 85. 

Domitius Gel er 284. 

NeroCIaudiusDrusus, Sohn der Livia 
203.207.210,213 — 219.264.269. 

Drusus Julius Caesar, Sohn des Ti- 
berius 255f. 286. 289. 295f. 

Drusus Julius Caesar, Sohn des Ger- 
manicus 298. 305. 308. 311. 314. 

Dynamis, Königin des Bosporus 205. 

Egnatuleius 42. 
Erato 222. 
Eudemus 297. 

Faberius 33. 

Fannius Caepio 1S9, 

Lucius Mardus Figulus 77. 

Flavius Gallus 139. 

Flavus, Bruder des Anoinius 240. 270. 

Gaius Fonteiua Capito 135. 

Quintus Futius Calenus 47. 49. 87. 

93. roo. 
Gaius Fußus Geminus 308. 
Fulcinius Trio 288. 
Fulvia, Frau des Macrus Antonius 68. 

90 — 99. 106. 109. 
Gaius Fumius g5t. 133. 

Gaius Julius Caesar 200. 20S. 221. 
223f. 226—229. 



12 2 NameiT 

Gellius Poplicola 155. 
Germanicns Julius Caesar 207. 22Q. 

236-238. 246.258-^74. 279-285. 
Glaphyra, Tochter des Archdaus von 

Cappadoden 206. 
Graednius Laco 310. 312. 

Herennius, Miirder Ciceros 67. 
Herodes, König der Juden 117. 184. 

igjf. 207. 234. 
Herophilus 3 1 . 

Hiero, Satrap der Parther 317. 
Aulus Hirlius ig. 22. 48, 50—54. 
Quintus Horatius Flaccus 176. 200. 

219. 
Marcus Hortensius Hortalus 279. 
Quintus Hortensius Hortalus 28. 74. 

Inguiomerus 265. 2Ö8. 272 — 274. 
Isidorus 227. 

Juba, König von Mauretanien 206. 327. 
Julia, Mutter des Marcus Antonius 68. 

106. 
Julia, Tochter des Auguslus 114. i86f. 

192. 207. sogf. 221. 224f. 276. 
Julia, Enkelin des Augustus 246. 
Julia, Enkelin des Tiberius 298, 309. 
Julius Florus 294. 
Julius Sacrovir 294, 

Kandake, Königin der Äthiopen 184 f. 

Titus L.abienus io4(. 115. 
Laehus 71. 

Gnaeus Cornelius Lentulus 222. 
Marois Ämilius Lepidus2a — 25. 27. 

47- 55- 59- Ö5- 69. 72. 90. g^l. 

107. 123^ — 130. 2o8. 
Quintus Ligaiiiis 18. 
Li via Drusilla, Frau des Augustus 1 1 4. 

192. Z07. 221. 227. 234. 247f. 

250. 252. 275. 279. 285. 298. 300. 

303- 307- 
Livia Julia, genannt Livilla, Tochter 

desDrusus 289.296 f. 299.303.313. 
Marcus Lollius 185. 204. 227f. 
Lucius Julius Caesar, Oheim des 

Marcus Antonius 27. 66. 



Lucius Julius Caesar, Enkel des 

Augustus 200. 223 — ^225. 228. 
Quintus Lucrclius VespiUo 196 f. 



Gaius Mi 



106. logf. 158. 1 



19. 



Malchus, König der Nabataeer iiö- 
Mallovendus 274. 
Manius 93. 96. 110. 
Marbod 217. 231. 274. 289. 
Claudia Marcella, Tochter der Octavta 

187. 

Gaius Claudius Marcellus, Gemahl 

Oclavias 109. 
Marcus Claudius Marcellus, Sohn 

Octavias 1 13. i86f. 
Marcius Crispus 28. 
Lucius Mardus Philippus 48. 167. 
Mazippa 292- 

Publius Memmius Regulus 310. 
Menekrates i igf. 
Menodonis 108. 114. 118 — 120. 
Marcus Valerius Messalla Corvinns 

126. 
L. Minudus Basilus 18. 
Mithridates, König von CommageDe 

194. 
Mithridates, König von Armenien 3 16. 
Monaeses, Parther i36f. 
Ludus Munatius Plancus 19. 25. 28. 

47. 58f. 97—99. 107. 150. 167, 

169. 191. 
Lucius Munatius Plancus 260. 
Antonius Musa 187. 
Mutilia Prisca 308. 

Naevius Sertorius Macro 310. 312. 

Gaius Nasidius 153, 

Lucius Nasidius 134. 

Nero Julius Caesar, Sohn des G»- 

manicus 298. 303. 305!. 309. 
Nicolaus von Damascus 184. 
Gaius Norbanus Flaccus 81 f. 

Obodas, König der Nabataeer 182. 
Oclavia, Schwester des Augustus 109. 

117. I2lf. 142. 206f. 218. 



NamenverMichnU 123 ^H 


Oppius Statianus 137. 


Titus Quinctius Crispinus Sulpi- 


Or»Mies, König der Parther lojf. 136. 


cianus 225. 


Orodes, parthischer Prinz 316. 


Publius Sulpicius Quirinius 185. 




227. 233. 


Pacorus, parthischei Prinz, 105. I16. 




GaiusVibiusPansaig, 22.47f.5i.54. 


Rhascus, thrakischer Fürst 82. 


Papias 125. 


Ebascuporis, thrakischer Fürst 82. 


Paullus Fabius Maximus 247, 


Rhascuporis, König der Odrysen 212, 


Quintus Pedins 63 f. 66. 


Rhascuporis, König der Odrysen 291. 


Pedo 265. 


Rhoemetalces, König der Odrysen 2 1 2. 


Gaius Petroniua 184. 


Rhoemetalces, König der Odrysen 236. 


Pharasmanes, König der Iberer 316. 


Rhoemetalces, König der Odrysen 291. 


Phamaces, K«nig im Bospuras 205. 


Roles, getischer Fürst 180. 


Philade! phus, König von Paphlagonien 




I53. 


Gaius Sallustius Crispus 252. 278. 


Phraataces, König der Parther 228. 


Quintus Salvidienus Rufus 73. ^^^H 


Phraates, König der Parlher 136. 138. 


^^^H 


163. 194- 


Marcus Aeniilius Scauius 134. ^^^^^| 


Phraates, König der Parther 316. 


Scribonia, Frau des Augustus 106. ^^^^^| 


Phraates, parthischer Satrap 317, 


^H 


Pharanapates 115. 


Ludus Scribonius Ltbo, Schwieger- ^^^^^1 


Pinarius Scarpua 158t. 


vater des Sextus Pompeius loö. ^^^^^| 


Pinnes, König der Breucer 235. 237. 


,34. ^^H 


Lucius Calpumius Piso Frugi 212. 


Sciibonius. Bosporaner 206. ]|^^^^l 


Gnaeus Calpumius Piso 279—284. 


Marcus Scribonius Libo Drusus ^^^^H 


287—288. 


277. 


Munatia Ptancina 279. 281 — 284. 


Segestes 240. 26g. 279. 


187 f. 


Lucius Aelius Seianus 257. 276. 


Marcus Plautias SUvanus 235. 237. 


287. 296-312. 


Plennius 124. 12g. 


Seins Strabo 257. 


Polemo, König 117. 193. 206, 


Sembronius Gracchus 276. 


Poleraokrateia, Königin derThraker7 9. 


Gaius Sentius Saluroinus 196. 230. 


Scstus Pompeius 70. 71 — 73. 94. 


Gnaeus Sentius Satuminus 284. 


106. T08. 111 — 114. 118 — 134- 


Quintus Serwaeus 288. 


Lucius Pomponius Flaccus 291. 


Servilius Casra 20. 


Pontius Aquila 18. 54. 


Servilius Isauricus 27. 


Popilius Laenas 67. 


Titus Sextius 70. 


Gaius Poppaeus Sabinus 302/. 


Marcus Junius Silanus 51. 


Gaius ProcuJeius 160. 


Gaius Silius Aulus Caecina Largus 


Ptoiemaeus, Sohn der Cleopatra 148. 


258. 269. 274. 299. 




Publius Silius 303. 


Pythodorus 206. 


Sinnaces, Parther 317. 


Pythodoris, Enkelin des Marcus An- 


Sosia Galla 299. 


tonius 206. 


Gaius Sosius 121. I49f. 153?. 




StaiusMurcus 28. 77. 81.85.94. "2- 


Publius Quinctilius Varus 239—242 


Titus Statilius Taurus i24f. 146. 153. 


Quintius 66. 


167. 178. 201. 



3^4 



Namenverzeichiib 



Publius Suillius Rufus 299. 
Servius Sulpidus 27. 32. 48!. 
Servius Sulpidus Galba 18. 51!. 
Syllaeus, Nabataeer 182. 184. 

Tadiarinas 292 f. 301. 

Tarcondimotus 194. 

Tarsas 302. 

Marcus Terentius Varro 68. 

Aulus Terentius Varro Murena 

186. 189t. 
Minudus Thermus 134. 
Thrasyllus 228. 
Thusnelda 265. 279. 
Tiberius Claudius Nero, der Kaiser 

178. 186. 190. 194. 201. 203 f. 

208 — 212. 218 — 222, 227 — 231. 

234—238- 243. 246—250. 251 

bis 319. 
Tiberius Julius Caesar, Enkel des 

Kaisers Tiberius 318. 
Tigranes, König von Armenien 194. 
Tigranes, KOnig von Armenien 222, 
Ludus Tillius Cimber 20. 78. 82. 
Tiridates, König der Parther 163. 
TiridateSy König der Parther 316. 
Marcus Titius 133 f. 150. 
Titius Sabinus 306. 
Titus Trebellenus Rufus 291 f. 



Gaius Trebonius 18. 20. 74 — 76. 
Tryphaena, Tochter der Pythodoris 

206. 291. 
Turesis 302. 

Marcus Valerius Messalla Mes- 

saiiinus 236. 
Vannius, Quade 2Q0. 
Ludus Varius Cotyla 49. 
Publius Vatinius 28. 74. 143 
Publius Vellaeus 292. 
Ventidius 71. 
Publius Ventidius Bassus 50. 58. 96. 

97. 115. 121. 
Quintus Veranius 282. 288. 
Vibilius, König der Hermunduren 

289. 
Marcus Vinidus 186. 230. 
Vipsania, Tochter des Marcus Agrippa 

207. 209. 306. 

Vipsania, Polla, Schwester des Marcus 

Agrippa 168. 220. 
Ludus Vitellius 316. 
PubUus Vitellius 268. 288. 
Vologaeses, Thraker 212. 
Vonones, König der Parther 2 8 1 f . 3 1 5 . 

Zeno, Sohn der Pythodoris, König 

von Armenien 282. 
Zyraxes, getischer Fürst 181. 



Druck voa C. G. 'Naumann, G. m. b. H., Letpxif. 



I. Jalier. 



I. 2. 

Graius Jolios Caesar — Aarelia. 



3. 
Caesar, 

100 — 44 V. Chr. 



8. 
Gaius Marcellus, 
f 40 V. Chr. 



4. . 5- 

Julia — Atius Baibus. 

6. 7. 

Atia — Gaius Octavius. 



9. 
Octavia, 

f IG V. Chr. 



10. 
Marcus Antonios. 
f 30 V. Chr. 



13- 14. 

Marcus Marcellus, Marcella, 

verm. mit Julia verm. mit Marcus 

(I,i8),42— 23 v.Chr. Agrippa (I. 19). 



^S- 



Antonia d. Ältere, 

geb. 39 V. Chr., verm. mit 

16. Lucius Domitius Aheno- 

barbus f 25 n. Chr. 



20. 



Agrippina, — 
Tochter des Ger- 
manicus (11, 17). 



Gnaeus Domitius Ahenobarbus, 
j- 40 n. Chr. 



21. 

Domitia Lepida, 
j 54 n. Chr. 



Poppaea Sabina. — 



27. 
Nero, 

37—68 n. Chr. 

adoptiert 

von Claudius. 



Octavia, 

Tochter des 

Claudius (II, 20). 



Anl 
mit 

36 



( 

20 Y. 

' a 



IL Claudier. 




I. 

Tiberius Claudius 
Nero. 


2. 

— Livia Drusilla, — 
58 V. Chr. bis 29 n. Chr. 


Augustus (I, 12). 


3. 
Vipsania, 

Tochter des Agrippa 

(1, 19), t 20 n.Chr. 




4. 
Tiberius, 

42 V. Chr. bis 37 n. Chr., 

adoptiert von Augustus 

(I, 12), 3 n.Chr. 




D 


7. 
rusus — Livilla, Tochter 


Agrippina, — 


t23 


n. Chr. des Drusus (II, 9). 


Enkelin d. Augustus 1 5 
(I, 25). V 


12. 
Julia, f 43 n. 
Chr., verm. 19- 


13- 14. 
Tiberius, Nero, 

—37 n. Chr. 6—29 n. Chr. 


15. i 

Drusus, Calij 

7—33 n. Chr. 12—41 


m. Nero, Sohne 


verm. m. Julia, 


• 


des Germani- 


Enkelin des 




cus(I[, 14). 




Tiberius (II, 1 2). 





Zu Domaszewski. I. 



igere, verm. 
. Sohne der 

► 5)» 

39 n. Chr. 



II. 
Scribonia. 



i8. 

Julia, 

39 V. Chr. bis 

14 n. Chr. 



12. 
Augustus — Livia Drusilia, 
63v.Chr.bis 
1411. Chr. 

19. 
Marcus Vipsanius Agrippa, 
65 — 12 V. Chr. 



I)hr., 



23. 

Julia, 

19 V. Chr. bis 
29. n. Chr. 



24. 25. 26. 

Lucius Caesar, Agrippina, Agrippa Postumus, 

1 7 V. Chr. b. 2 n. Chr. verm. mit 1 2 v. Chr. b. 1 4 n. Chr., 

adoptiert von Germanicus adoptiert von 

Augustus, 1 7 V. Chr. (II, 8), f 33 n. Chr. Tiberius, 4 n. Chr. 



5. 
usus, 

} V. Chr. 



6. 
Antonia die Jüngere 

(1. 17). 



nicus, 

n. Chr. adopt. 
, 4), 4 n. Chr. 



9. 
Livilla, 

14 V. Chr. b. 3 1 n. Chr., verm. m. 

Drusus, Sohn d. Tiberius (II, 7). 



IG. 

Claudius, — 
IG v..Chr. bis 
54 n.Chr. 



II. 

Valeria Messah'na, 
f 47 n. Chr. 



17. 

A-grippina, 

—59 n.Chr., 
7erm. mit 

Gnaeus 
ditius (I, 20). 



18. 

Drusilla, 

19 — 38 n. Chr., 

verm. 

mit Aemilius 

Lepidus 



19. 
Julia, 

18 — 42 n.Chr. 



2G. 

Octavia, 
f 62 n. Chr., 

verm. mit 
Nero (I, 27). 



21. 
Britanniens, 
42 — 5/ n. Chr.