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Full text of "Inkunabeln der deutschen und niederländischen radierung, XXVI tafeln in heliogravüre"

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83-B 
12598 



INKUNABELN 
DER RADIERUNG 



GRAPHISCHE GESELLSCHAFT 



VIII. VERÖFFENTLICHUNG 



INKUNABELN 

DER DEUTSCHEN UND NIEDERLÄNDISCHEN 

RADIERUNG 



XXVI TAFELN IN HELIOGRAVÜRE 



HERAUSGEGEBEN 

VON 

GUSTAV PAULI 



IN BERLIN BEI BRUNO CASSIRER 



1908 



DIE HELIOGRAVÜREN SIND AUSGEFÜHRT 
VON GEORG BÜXENSTEIN & Co.; DER LICHT- 
DRUCK UND DIE ZINKÄTZUNG IN DER 
KUNSTANSTALT VON ALBERT FRISCH; 
DRUCK VON OTTO v. HOLTEN, IN BERLIN. 
PAPIER AUS DER PAPIERFABRIK VON 
GEBR. EBART SPECHTHAUSEN-BERLIN. 



TKEGETTY CENTER 
LIBRAR< 




GIOVANNI ANTONIO DA BRESCIA ZUGESCHRIEBEN. ANGEBLICHES BILDNIS DES GONSALVO DI CORDOVA 
PASSAVANT V p. 191 n. 109. KOPIE NACH DANIEL HOPFERS BILDNIS DES KUNZ VON DER ROSEN. B. 87. 



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in 2013 



http://archive.org/details/inkunabelnderdeuOOpaul 



ES gewährt überall ein besonderes Interesse, den Anfängen einer Kunst nach- 
zugehen. Gewöhnlich wird man dabei die Wahrnehmung machen, daß in der 
Frühzeit der stilgerechte Ausdruck am reinsten getroffen wird, allen unvermeidlichen 
Ungeschicklichkeiten der Anfänger zum Trotz. Wie könnte es auch anders sein, 
da eben die Schwierigkeiten, welche das Material dem Darsteller bereitet, ihn zur 
einfachsten und bequemsten Behandlung desselben nötigen. Von dieser allgemeinen 
Erfahrung scheint die Radierung eine Ausnahme zu machen; denn in ihren In- 
kunabeln spüren wir kaum etwas von jenem leichten abgekürzten Vortrage, den 
eben diese Technik erlaubt, und der den Reiz ihrer klassischen Werke ausmacht. 
Die Technik scheint vielmehr zunächst aus rein praktischen Rücksichten angewendet 
zu sein, um eine raschere Förderung der graphischen Arbeit, als sie der Kupfer- 
stich gewährt, zu ermöglichen. Dabei erweist sich die Kunst als durchaus ab- 
hängig vom Handwerk. Ebenso wie der Kupferstich in der Werkstatt des Gold- 
schmieds entstanden ist, so die Radierung in der des Waffenschmieds. 

Durch die grundlegende Untersuchung von Harzen (in Naumanns Archiv 1859, 
Seite 119) ist es ein für allemal erwiesen, daß schon vor der Mitte des 15. Jahr- 
hunderts Rezepte für die Eisenätzung bekannt waren, wie denn auch tatsächlich 
aus den letzten Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts eine Reihe von geätzten Waffen 
und Geräten in öffentlichen Sammlungen vorhanden ist. Seither sind die Aus- 
führungen Harzens durch S. R. Koehler nur erweitert worden, indem gleichzeitig 
der Versuch Thausings, die Erfindung der Ätzkunst Dürer zuzuweisen, erledigt 
wurde 1 ). Für ein spätes Vorkommen einer abdrucksfähigen Waffenätzung bietet 
ein von Passavant zuerst beschriebenes Blatt des Berliner Kupferstichkabinetts 
ein interessantes Beispiel. Es stellt mit seinen drei Söhnen den bekannten Augs- 
burger Waffenschmied Anton Beffenhauser dar, von dem eine Reihe prächtiger 
Rüstungen aus den Jahren 1582 bis 1592 im Dresdner Historischen Museum er- 
halten ist 2 ). Wie schon die im Spiegelsinne erscheinende Schrift ergibt, ist die 
Platte nicht für den Abdruck bestimmt, vielmehr eine Gedenktafel gewesen, von 



') S. R. Koehler. Etching. London, New York, Paris 1885, p. 11. — Derselbe: Ober die Erfindung der 
Ätzkunst, Zeitschr. f. d. Kunst. N. F. IX, p. 30. — Derselbe: A chronological Catalogue of the engravings dry- 
points and etchings of Albr. Durer. New York 1897. XXI. 

2 ) Vgl. Passavant IV, 297, 310. — Auf dem Abdruck kniet Beffenhauser rechts, hinter ihm seine drei 
Söhne. Über ihren Häuptern die von P. ungenau wiedergegebenen Inschriften: Anthonius beffenn / hauser • 
blattner — Anthony — Johannes — Anthony. Die beiden Anton sind durch Kreuze als verstorben bezeichnet. 
Weiter oben eine große Tafel mit der Inschrift: Anthon Peffenhauser haiss ich / Ain blattner ward ich / O Du 
hailige Drifaltigkat / Erbarm dich ober mich. 185 : 200 PI. Ein Abdruck einer ähnlich behandelten Ätzung mit 
dem Datum 1430, die Kreuzigung darstellend, bei Schreiber 2312 beschrieben. Doch darf leider auf dieses Blatt 
kein allzu großes Gewicht gelegt werden, da es unter dem dringenden Verdacht steht, eine Fälschung zu sein. 



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der nachträglich wenige Abzüge genommen sein mögen. Beachtenswert ist es nun, 
wie dieses Beispiel geätzter Wappenmalerei aus verhältnismäßig später Zeit in 
seiner Technik sich den frühen Ätzungen der Familie Hopfer nähert. 

Mit diesem Namen bezeichnen wir nunmehr die ältesten erhaltenen Dokumente 
der Radierung; denn, wenn wir auch nicht geradezu behaupten wollen, daß der 
Waffenmaler Daniel Hopfer die Radierung erfunden habe, so kann man doch 
so viel sagen, daß wir keinen Meister kennen, der früher als er die Ätzung in 
den Dienst der graphischen Kunst gestellt habe 1 ). Die Hopfer bedienten sich 
eiserner gehämmerter Platten, von denen noch eine stattliche Anzahl im Königl. 
Kupferstichkabinett zu Berlin erhalten ist. Wie schon Harzen mit Recht be- 
hauptet hat, dürfen wir als das früheste annähernd datierbare Beispiel der Ra- 
dierung Daniel Hopfers Bildnis des Kunz von der Rosen ansehen, des lustigen 
Rates Kaiser Maximilians (Tafel I). Das Blatt ist dadurch zeitlich bestimmt, daß 
es einem italienischen Stecher als Vorbild gedient hat, der unter diesen Zügen 
den spanischen Feldherrn Gonsalvo di Cordova darstellte (siehe den Lichtdruck 
auf Seite 11). Gonsalvo erfocht 1501 für die Venezianer einen Sieg über die 
Türken und kehrte 1507 wieder in seine spanische Heimat zurück. Sein Bildnis 
konnte nur sehr bald nach dem Türkensiege für die Venezianer von aktuellem 
Interesse sein. Daraus ergibt sich, daß Hopfers Radierung in den Jahren 1501 
bis 1507 im Abdruck vorgelegen haben muß; möglicherweise war sie sogar noch 
älteren Datums. Jedenfalls beweist uns dieses Blatt mit seiner fortgeschrittenen 
Technik, daß der Künstler schon vorher eine Reihe von Arbeiten derselben Art ge- 
schaffen haben muß. Eine derselben, der Schmerzensmann am Kreuzesstamme, den 
Tafel III zeigt, wird wohl noch im fünfzehnten Jahrhundert entstanden sein. Während 
hier lediglich Nadelarbeit angewendet worden ist, gibt es einige andere Radierungen 
von Daniel und Hieronymus Hopfer, in denen auch die Flächenätzung vorkommt, 
die uns schon deswegen als primitiver erscheint, weil sie der Technik der Waffen- 
malerei näher steht. Als Beispiel hierfür ist auf Tafel IV ein Hauptblatt des 
Hieronymus, das Bildnis Karls V. vom Jahre 1520, reproduziert 2 ). Die Art, wie 
hier der Hintergrund mit prächtigem Rankenwerk angefüllt ist, entspricht durch- 
aus der Behandlung reich dekorierten Metallgerätes. Man hat sich die Technik 
dabei so vorzustellen, daß auf die vom Ätzgrund befreite Fläche wieder mit einem 
säurebeständigen Mittel, vielleicht einer Wachslösung, die Ornamente und Buch- 
staben aufgemalt seien, die im Abdruck weiß erscheinen. Ausnahmsweise hat 
Daniel Hopfer eine Platte auch einer wiederholten, abgestuften Flächenätzung 
unterworfen, wodurch er dem Charakter der um einige Jahrhunderte jüngeren 
Aquatinta nahekommt. Außer den beiden auf Tafel II abgebildeten Proben sind 
uns indessen keine weiteren Beispiele dieser Technik bekannt geworden. Die 
Nadel ist auch hier ziemlich ausgiebig zu Hilfe genommen, verschwindet aber 
in ihrer Wirkung vor den tiefen Schattentönen der Flächen. 

Während das umfangreiche Radierwerk Daniel Hopfers und seiner Söhne 
einen vorwiegend industriellen Charakter trägt, versteht es der seiner Werkstatt 
nahestehende Monogrammist C B, die neue Technik mit reicherer Phantasie 
zu beseelen. Der Qualität nach stehen seine oft launig und frisch entworfenen 
Blätter in der gesamten Produktion der Hopferschule am höchsten. (Tafel V.) 



') Ed. Eyßen (Dan. Hopfer von Kaufbeuren. Heidelberger Diss. 1904) weist darauf hin, daß in dem 
Adelsbriefe des Georg Hopfer vom 22. Dez. 1590 der Ahnherr Daniel Hopfer als Erfinder der „Kupferstecher- 
kunst" gerühmt wurde und vermutet hier eine Verwechslung mit der Radierung. — Der Verf. erwähnt als ein 
von Daniel Hopfer geätztes Waffenstück eine Tartsche in der Armeria zu Madrid. 

2 ) Von Daniel Hopfer ist diese Technik ferner angewendet auf den Blättern: B. 4, 5, 7, 19, 19a, 19b, 
19c, 20, 25, 27, 32, 37, 44, 77, 80, 88, 111, 117, 119, 120, 125, 128. Von Hieronymus Hopfer auf B. 22, 32, 
33, 58, 60, 76, 77. 



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Als vereinzelte Radierung eines andern Augsburger Meisters, der seinen Namen 
unter den Initialen M. W. verbirgt, ist auf Seite 10 die nach Nicoletto da Modena 
kopierte Viktoria reproduziert. Die Arbeit steht unter dem Einfluß Hans Burgkmairs. 

Möglicherweise sind es die Abdrücke der Augsburgischen Radierungen ge- 
wesen, welche die Anregung zu ähnlichen Arbeiten in anderen deutschen Kunst- 
städten verbreiteten. Das früheste Datum einer Radierung finden wir auf dem sehr 
seltenen Blatte des Urs Graf, das eine Dirne darstellt, die sich die Füße wäscht. Es 
ist auf das umständlichste mit dem reichverschnörkelten Monogramm des Meisters, 
dem Baseler Wappenstabe und dem Datum 1513 bezeichnet. Den einzigen uns 
bekannten Abdruck, den das Baseler Museum bewahrt, reproduzieren wir (Tafel VI). 
Darunter steht die Reproduktion des zweiten von Urs Graf radierten Blattes, 
Aristoteles und Phyllis, das sechs Jahre später entstanden ist. 

Den hiermit bezeichneten Anfängen der Radierung von mehr technischem als 
künstlerischem Interesse folgt nun alsbald die Reihe der sechs Dürerischen Eisen- 
ätzungen, in denen die höchste auf diesem Wege erreichbare Ausdrucksform gefunden 
wird. Freilich nicht mit einem Schlage. Dürer hat erst allmählich die ihm ungewohnte 
Technik bemeistert. Zunächst konnte er sich von den Gepflogenheiten der subtileren 
Grabstichelarbeit nicht befreien. Ein Beispiel dafür bietet uns das viel- 
umstrittene Studienblatt, das uns eine der prächtigsten Aktzeichnungen Dürers er- 
halten hat (Tafel VII). Eben die Sorgsamkeit der Nadelarbeit mit ihren gedrängten 
Strichlagen und vielfachen Kreuzschraffierungen, die dieses Blatt von den übrigen 
Radierungen Dürers unterscheidet, veranlaßt mich, im Gegensatz zu S. R. Koehler, 
das Blatt nicht an das Ende, sondern an den Anfang seiner Radierversuche zu 
stellen. Zeitlich ihm am nächsten und in der Unvollkommenheit seiner Technik 
ihm vergleichbar ist der Schmerzensmann B. 22 vom Jahre 1515 (Tafel XI 1 ). An- 
gesichts der verschiedenen Ätzflecke und der mageren Art der Zeichnung möchten 
wir hiernach die schwankenden Versuche eines Prüfenden vermuten. Alsbald 
aber weiß Dürer sich zurechtzufinden. In seiner Radierung des Ölberges hat 
er den Eindruck einer großartig erschauten Nachtszene erreicht (Tafel VIII). 
Ihr reihen sich der Frauenraub und das Blatt des Engels an, der mit dem Schweiß- 
tuch der Veronika durch den nächtlichen Himmel stürmt (Tafel VII, IX). Die 
völlige Freiheit in der sicheren Beherrschung der technischen Mittel hat Dürer 
indessen erst etwas später in dem berühmten Blatt der Kanone erlangt (Tafel X). 
Hier ist in der Tat in einem leider vereinzelt gebliebenen Beispiel der klassische 
Ausdruck für die Eisenradierung gefunden. Die Striche sind kühn, breit und 
lang gezogen, das Detail ist vereinfacht, und die Gesamtwirkung kommt der einer 
meisterlichen Rohrfederzeichnung nahe. Leider nur scheint Dürer sich mit der 
endgültigen Lösung des technischen Problems begnügt zu haben, ohne sie weiter 
nutzbar zu machen. Seiner auf die äußerste Gewissenhaftigkeit der Arbeit ge- 
richteten Natur entsprach die mühsamere Grabstichelarbeit doch wohl besser. 

Dagegen wurde die von dem Meister verlassene Radierung eine Zeitlang eifrig 
weiter gepflegt von dem begabtesten seiner Schüler, Hans Sebald Beham. Nicht 
weniger als achtzehn Blätter sind uns von seiner Hand erhalten. Die ältesten, 
der schreibende Hieronymus (Tafel XII) und die nach Marc Anton kopierte Frauen- 
gestalt (ebenda) tragen das Datum 1519. Es folgen im nächsten Jahre: Maria mit 
dem Apfel, der stehende Hieronymus, die Nemesis, der Fähnrich, der Lands- 
knecht, der Sackpfeifer, der wandernde Bauer und die beiden Blättchen der Marien- 
legende. Im weiteren Verlauf der zwanziger Jahre kamen die Radierungen von 
Cimon und Pero, Regulus, der Greis und die beiden Diener sowie Mucius Scaevola 



*) Das Blatt kommt in drei Zuständen vor: I. Vor den Überarbeitungen. II. Die Riemen der Geißel 
sind nachgezogen. III. Auch das Gewand und die Rute sind, von fremder Hand, mit dem Stichel bearbeitet. 



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hinzu. Es folgen aus der späteren Zeit nur noch das Weib mit der Harfe sowie 
die 1540 datierte Dame mit dem Narren (Tafel XI — XIV). Anfänglich hatte 
Beham, dem Vorgang Dürers folgend, richtigerweise für seine Ätzungen ein 
größeres Format als für seine Stiche gewählt. Am glücklichsten war er wie ge- 
wöhnlich auch hier in den Szenen aus dem Volksleben. Bald aber verführte ihn 
seine außerordentliche Gewandtheit dazu, ein überzierliches Format auch hier zu 
wählen, wo es im Konflikte mit der breit wirkenden Technik zur Undeutlichkeit 
führen mußte. Nur der letzten Radierung, dem vereinzelten Blatte von 1540, sind 
wieder etwas größere Dimensionen gegeben. 

Besser als Sebald wußte Barthel Beham in den Geist der neuen Technik 
einzudringen, wie wir seiner leider vereinzelt gebliebenen Radierung eines vom 
Tode in der Badstube überraschten Weibes entnehmen (Tafel XII). 

Die Nürnberger Drucke mögen auch Heinrich Aldegrever veranlaßt haben, 
sich im Jahre 1528 in der Eisenätzung zu versuchen; doch ließ er es bei den drei 
auf Tafel XVIII reproduzierten Beispielen bewenden. 

Eine Sonderstellung nahm in der Inkunabelzeit der Radierung Altdorfer ein. 
Eben die spielende Leichtigkeit der Nadelführung mußte seinem Temperament be- 
sonders zusagen. In der Tat blieb es denn auch ihm vorbehalten, trotz Dürer, 
der Eisenradierung neue Reize abzugewinnen. Namentlich in seinen Landschaften, 
denen Max J. Friedländer die dritte Veröffentlichung der Graphischen Gesellschaft 
gewidmet hat, kommen seine Vorzüge zur Geltung. Im übrigen hat Altdorfer 
diese Technik im wesentlichen auf kunstgewerbliche Entwürfe beschränkt, auf seine 
Folge der Prunkpokale, neben denen vereinzelt die beiden Radierungen der 1519 
zerstörten Regensburger Synagoge stehen und das Blatt des Landsknechtes, von 
dem wir den einzigen uns erreichbaren Abdruck aus der Sammlung Lanna ab- 
bilden (Tafel XIX, XX). Die technischen Unvollkommenheiten eben dieses Blattes 
lassen uns vermuten, daß es zu den allerfrühesten Radierversuchen seines Meisters 
gehört. 

Daß auch Binck sich der Radierung bedient habe, erscheint bei der Viel- 
seitigkeit dieses weniger originalen als unternehmungslustigen Meisters beinahe als 
selbstverständlich. Er verarbeitet dabei die verschiedenartigsten Einflüsse. Der 
Landsknecht, B. 78, verrät unverkennbar die Nürnberger Dürerschule, und zwar 
in dem Maße, daß man ihn dem Sebald Beham hat zuschreiben wollen. Die 
Landschaftsradierungen führen uns in die Nähe Altdorfers, ja, man möchte ver- 
muten, daß bei ihnen Zeichnungen des Altdorferkreises — vielleicht von Wolf 
Huber — als Vorbilder gedient haben. Dann wieder weisen Radierungen, wie 
der nackte bekränzte Mann oder das Satyrweibchen, nach Italien in die Schule 
Marc Antons. Das letztgenannte Blättchen verdient dadurch besondere Beachtung, 
daß es auf Kupfer radiert ist, wie aus der ebenmäßigen Feinheit der Strichlagen 
zur Genüge hervorgeht 1 ). Diese Technik, die in Deutschland damals noch nicht 
bekannt war, dürfte Binck in den Niederlanden kennen gelernt haben, wo er be- 
kanntlich des öfteren, unter anderem im Jahre 1529, weilte. (Tafel XIV— XVII.) 

Der Erste, der unseres Wissens in den Niederlanden die Radierung an- 
gewendet hat, war Lukas van Leyden. Freilich müssen wir die beiden recht 
geschickten Eisenradierungen, Christus am Ölberg und Kreuztragung, die Bartsch 
unter Nr. 66 und 67 anführt, streichen, da sie sowohl in ihrer Technik wie auch 
im übrigen als sklavische Kopien nach den entsprechenden Kupferstichen der 
runden Passion aus dem Werke des Lukas herausfallen. Von ihnen abgesehen, 
weisen die übrigen radierten Blätter, die man mit Sicherheit dem Meister zu- 



') Ich muß hier meine früher geäußerte Ansicht verbessern und W. von Seidlitz recht geben, der zuerst 
dieses Blatt dem Binck zugeschrieben hatte. 



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schreiben darf, eine kombinierte Technik auf, in der die Ätzung in mehr oder 
minder weitgehendem Maße durch Grabstichelarbeit ergänzt worden ist. Die 
schönste Wirkung ist hierdurch in dem prächtigen Bildnis des Kaisers Maximilian 
erreicht, das in jeder Hinsicht zu den Hauptwerken seines Meisters zählt. Allem 
Anschein nach hat sich indessen Lukas van Leyden nur vorübergehend im 
Jahre 1520 mit der Ätzung befaßt, da seinem Talent der Kupferstich besser ent- 
sprach. (Tafel XXI, XXII.) 

In weiter gehendem Maße wurde die Ätzung von dem jüngeren Landsmann 
des Lukas, dem sogenannten Meister mit dem Krebs, gepflegt. In allen Blättern 
seiner Hand, die mir bekannt geworden sind, hat er Ätzung angewendet, zumeist 
in Verbindung mit Grabstichelarbeit, in einigen Fällen, z. B. in der hier re- 
produzierten Gefangennahme Christi und in der Enthauptung Johannis des Täufers, 
aber auch die reine Radierung. (Tafel XXIII — XXV.) 

Ein vereinzeltes Beispiel einer mühsamen, an der Grabsticheltechnik ge- 
schulten niederländischen Radierung bringen wir in der weiblichen Aktfigur auf 
Tafel XXVI. Der Meister des Blattes scheint dem Alaert Claesz nahe zu stehen. 

Eine anziehendere Erscheinung ist der temperamentvolle und erfindungs- 
reiche Dirk Vellen, der erst unlängst durch Gustav Glück eingehend gewürdigt 
und uns in neuem Lichte geschildert ist. Nach dem Charakter seiner graphischen 
Arbeiten möchte man annehmen, daß ihm die Radiertechnik besonders gut 
gelegen haben müsse. In der Tat hat denn auch Glück die Ansicht geäußert, daß 
die meisten seiner Drucke eine Kombination von Grabsticheltechnik und Ätzung 
darstellten. Bei genauer Prüfung ergibt es sich indessen, daß verhältnismäßig 
nur wenige seiner Arbeiten, und zwar die von uns reproduzierten Blätter der 
Jahre 1523 und 1525, der Schlafende, der Trommler sowie der trinkende Lands- 
knecht, reine Radierungen sind (Tafel XXVI), während einige wenige andere 
Platten, z. B. der Goldschmied und der Bacchus, eine kombinierte Technik auf- 
weisen. Seine übrigen Drucke sind dagegen reine Grabstichelarbeiten, bei denen 
freilich das Instrument ungewöhnlich kraus und zart gehandhabt ist. 

Während somit in Deutschland in den drei ersten Jahrzehnten des 16. Jahr- 
hunderts fast ausschließlich die Eisenradierung gepflegt wurde, in den Nieder- 
landen ebenso ausschließlich die Radierung auf Kupfer — gewöhnlich in Verbindung 
mit Grabstichelarbeit — kam auch in Italien die neue Technik bei Marc Anton 
und seiner Schule in Aufnahme. Freilich zunächst nur in geringem Maße. Auch 
würde eine Zusammenstellung der italienischen Radierungen dieser Frühzeit, die 
zu allermeist eine kombinierte Technik auf der Kupferplatte aufweisen, über den 
Rahmen unserer Zusammenstellung hinausgehen. Sie würde angemessener im 
Zusammenhange mit späteren italienischen Radierungen zu behandeln sein. 



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ÜBERSICHT DER TAFELN 

MIT ANGABE DER SAMMLUNGEN, DENEN DIE REPRODUZIERTEN DRUCKE 

ENTSTAMMEN. 



I. DANIEL HOPFER. B. 87, I. Bildnis des Kunz 

von der Rosen BERLIN. 

II. DERSELBE. B. 16, II. Schweißtuch Christi WIEN, Albertina. 

B. 90, I. Zwei Hochfüllungen BERLIN. 

III. DERSELBE. Eyßen 29. Christus als Schmerzensmann MÜNCHEN. 

IV. HIERONYMUS HOPFER. B. 58, I. Kaiser Karl V. BERLIN. 

V. MONOGRAMMIST C B. B. 2. Die Befreiung des 

Gefangenen BERLIN. 

Nagler. Monogr. I Nr. 2295. David BERLIN. 

B. 4. Fries mit spielenden Kindern BERLIN. 

VI. URS GRAF. His 7. Aristoteles und Phyllis BASEL. 

His 8. Dirne, sich die Füße waschend BASEL. 

VII. ALBRECHT DÜRER. B. 70. Studienblatt BERLIN. 

B. 26. Engel mit dem 

Schweißtuch BERLIN. 

VIII. DERSELBE. B. 19. Christus am Ölberg DRESDEN, K. K. 

IX. DERSELBE. B. 72. Frauenraub BERLIN. 

X. DERSELBE. B. 99. Die Kanone BERLIN. 

XL DERSELBE. B. 22. Christus als Schmerzensmann BERLIN. 

H. S. BEHAM. Pauli 65. Hieronymus BERLIN. 

Pauli 205. Fähnrich KOBURG. 

XII. DERSELBE. Pauli 63. Hieronymus KOBURG. 

Pauli 142. Nemesis BERLIN. 
Pauli 148. Weibliche Gestalt (nach 

Marc Anton) KOBURG. 

BARTHEL BEHAM. B. (unter H. S. Beham) 147 WIEN, Hofbibl. 



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XIII. H. S. BEHAM. 



Pauli 22. Joachim empfängt 
die Verheißung der Geburt 
Mariae 

Pauli 23. Joachim und Anna 

an der goldnen Pforte 

Pauli 75. Regulus 

Pauli 76. Cimon und Pero 

Pauli 85. Mucius Scaevola 

Pauli 149. Dame und Narr 

Pauli 192. Marktbauer 

Pauli 208. Harfenspielerin 

Pauli 209. Herr und zwei 
Diener 



BREMEN. 

BREMEN. 

BERLIN. 

WIEN, Hofbibl. 

BERLIN. 

BERLIN. 

BREMEN. 

BREMEN. 

BERLIN. 



XIV. DERSELBE. Pauli 20. Madonna BERLIN. 

Pauli 77. Cimon und Pero BERLIN. 

Pauli 197. Sackpfeifer BERLIN. 

Pauli 206. Landsknecht BERLIN. 

JAKOB BINCK. Merlo Nachtr. 7. Lucretia DRESDEN, Slg.Fr.Aug.il. 



XV. DERSELBE. B. 78. Landsknecht 

Unbeschrieben. Landschaft. 120:93 PI. 

XVI. DERSELBE. B. 97. Landschaft 

P. 140. Landschaft 



BERLIN. 

DRESDEN, Slg. Fr.Aug.II. 

BERLIN. 
BREMEN. 



XVII. DERSELBE. Unbeschrieben. Männlicher Akt 

(nach Marc Anton). 125:172 PI. BREMEN. 

Aumüller(unter H.S.Beham) 131. 
Satyrweibchen (nach Marc Anton) BREMEN. 

XVIII. HEINRICH ALDEGREVER. B. 100. Orpheus BERLIN. 

B. 176. Fahnenträger BREMEN. 
B. 187. Studienkopf BREMEN. 

UNBEKANNTER MEISTER. Unbeschrieben. 

Der Ritter auf der Tugendleiter. 88:47 PI. MÜNCHEN. 

XIX. ALBRECHT ALTDORFER. B. 63. Inneres 

der Synagoge zu Regensburg BERLIN. 
B. 64. Vorhalle der Synagoge BERLIN. 

XX. DERSELBE. Ottley, Notices 1. Landsknecht PRAG, Slg. v. Lanna. 
Unbeschrieben. Pokal. 160: 116 Blattgr. KARLSRUHE. 

XXI. LUCAS VAN LEYDEN. B. 172. Maximilian I. BERLIN. 



XXII. DERSELBE. 



B. 12. Ermordung Abels PARIS. 

B. 29. David im Gebet BERLIN. 

B. 125. Heilige Katharina BERLIN. 

B. 150. Narr und Mädchen BERLIN. 



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XXIII. MEISTER MIT DEM KREBS. B. S.Gefangen- 
nahme Christi STUTTGART. 
B.20. Madonna BERLIN. 



XXIV. DERSELBE. P. 28. Enthauptung Johannis d.T. DRESDEN, K. K. 

XXV. DERSELBE. P. 29. Christus am Kreuz BERLIN. 

XXVI. ANONYMER NIEDERLÄNDISCHER 

MEISTER. Unbeschrieben. Flora. 69:41 PI. DRESDEN, Slg. Fr. Aug. II. 

DIRK VELLERT. B. 14. Goldschmied BREMEN. 

B. 15. Schlafender Mann BREMEN. 

B. 16. Trinkender Landsknecht BREMEN. 

B. 17. Trommler und Knabe BREMEN. 




MONOGRAMMIST M.W. P. III. p. 287. 1. GEFLÜGELTE VIKTORIA. 
(NACH NICOLETTO DA MODENA. GALICHON 67). BERLIN. 



10 




B.87.I 



DANIEL HOPFER 



DANIEL HOPFER 




Eyssen 29 



DANIEL HOPFER 




HIERONYMUS HOPFER 



MONOGRAMMIST CB 



VRS GRAF 



iL 




B.19 



ALB RECHT DÜRER 




ALBRECHT DÜRER 



X 




XI 




HANS SEBALD BEHAM 



XII 




Pauli 



HANS SEBALD BEHAM 



XII! 




Pauli 149 



HANS SEBALD BEHAM 



XIV 




Paul. 77 



HANS SEBALD BEHAM 




IAKOB BINCK 



HANS SEBALD BEHAM 



B.78 




Unbeschrieben 



IAKOB BINCK 



XVI 




B.97 




P 140 



IAKOB BINCK 




I AKOB Bl NCK 



XVIII 




UNBEKANNTER MEISTER 




HEINRICH ALDEGREVER 



XX 




Ottley, Notices I 




ALBRECHT ALT DORFER 



XXI 




B 172 



LUCAS VAN LEYDEN 



\ 



c 



XXII 





XXIII 




XXIV 




P. 28 



MEISTER MIT DEM KREBS 



DIRK VELLERT 



UNBEKANNTER MEISTER 



DIRK VELLERT 




DIRK VELLERT 



GETTY RESEARCH INSTITUTE 



3 3125 01392 0604