Skip to main content

Full text of "Liberalismus, Socialismus und christliche Gesellschaftsordnung"

See other formats


0- 

'^_ 

O 

HAEL 

ru 

CO 

-n- 


htituüittt  huxüi  ti\t 


-rn 


„^tlmmien  aiiü  Maxm-Kaaä^' 


IK  'Banti. 


( . 


-My 


./l^h.,'^ 


<^\., 


/V 


a' 


i: 


pie  feciale  gtrage 

itUuäjtet  hnxä)  bie 


^ie 


fociafe  ^rage 

belcui^tet  Und)  bie 

^.Stimmen  au§  9Äaria=?aat^". 


3toetter  iSattb.     (^^eft  8  bt§  11.) 


^reifiurg  im  |Srci6gau. 

:^erber'|d)e    53erlag§i:)anblun3. 
Svoeigniebetlafinngen  in  2Bien,  Strasburg,  3Dtün(j^en  uub  ©t.  ßouiö,  30to. 


Mt  atec^te  DDrbe^Qlten. 


asu^brucferei  bcr  ^erber'fd^en  Sßerlagy^anblung  in  ^reifimg. 


3  n  Ij  a  l  t. 


8.-11.  §cft: 

i3iberali5niu§,  (5ociaIi§mu§  unb  d^rifllic!^e  ®e[enfd^aft§DibniiJU3. 

Jßon  §etnrtcf)  ^efd)  S.  J. 


©rfter  %i)t\l. 

I.  S)er  äiriftUd^e  ©taat§begnff. 
II.  S)a§  ^riöateigcntl^um  alö  jociale  ^nftttution. 
in.  iJreitüirtfd^aft  ober  SOßirtfc^aftöorbnung? 


Pie  foctafe  ^rage 

beleuchtet  burd^  bic 

„stimmen  aus  ?!}laria=Saac^". 


8.  fleft: 

t§,  ©Detail 

55on  ^cinrir^  ^^^cfd^  S.  J. 


3ttcttc  Qluflage 


5niit  5lpprol5ation  be§  l^od^to.  ^Qt)itelät)tcanat§  f^reiburg  unb  ber 
Drbengobern. 


^teißutg  im  |8tei$gau. 

^  e  r  b  e  r  '  f  d)  e   3]  c  r  I  a  c?  §  I)  a  n  b  I  u  n  g. 

1898. 

SiDeignieberlaffungen  in  töten,  Slratburg,  inünd)cn  unb  St.  €ouis,  2Jlo, 


2)a§  '3t(ä)t  ber  UeBcrfefeung  in  frembe  ©prad^en  loirb  üorBelialten. 


Su^brucferet  ber  ^erber'fd&en  SSerlaggfianbtung  in  ^reiburfl. 


©einem  fjo^tjcre^rten  Se^rcr 

P.  Ißcobor  pciper  S.  J. 

in  ©an!6arfeit  unb  Sreue  gett)ibmet 

nom  Üerfttfffr. 


^  0  r  ttJ  0  r  i. 


2)aö  33e[treBen,  einige  in  ben  „(Stimmen  au»  5[l]oria= 
2aaäi"  beröffcntlid^te  ^Ibljanblunoen  über  bie  ^rtöänge  ber 
liberalen,  fogen.  „f(affiid)en  Dlationalöfonomie",  fomie  über 
ben  altern  unb  neuern  (5DciaIi§mu§  unter  einem  einfjeitlidien 
©e[i(^t§punfte  sufammenäufaffen ,  ^ai  m\ä)  beranlaf^t,  nid^t 
blo^  bie  früf;ern  5(uf|ä^e  gönslid^  nmsuorbeiten  unb  burc^ 
mejentlidie  Srgänjungen  bebeutenb  ju  ermeitern,  fonbern  auc^ 
[latt  be§  bereit»  angefünbigten  engern  Sitel»  „2)ie  geiftigen 
2Ba[fen  ber  (Socialbemofratie"  eine  umfaffenbere  Sejeic^nung 
3u  motten.  S)amit  ift  aber  auc^  gugleid)  ber  ^md  ber  ©d^rift 
ein  anberer  geworben. 

(5§  ift  mieber^olt,  in§be[onbere  um  ben  jungem  5)litglie= 
bern  be»  fat^olifc^en  (5(eru§  ein  grünblicfie»  ©tubium  ber 
l'ocialen  f^rage  ju  ermöglit^cn,  ber  SBunjdb  geöuBcrt  morben, 
e§  möi^ten  au§  bem  ©ebiete  ber  5]3f)iIo)op()ie ,  ber  Suri§pru= 
benj,  ber  DJ^oral,  ber  Dlationalöfonomif  unb  ber  ©efc^icöte 
aüe  bicjenigen  Se^ren  unter  einem  einheitlichen  ©efic^tapunfte 
in  einem  einzigen  2Ber!e  äufammengefteHt  merben,  meldte  für 
ein  tiefere»  SßerflänbniB  ber  kämpfe  ber  ©egenmart  unent= 
betjrlic^  finb. 

S)iefe  9tufgabe  ift  febenfallg  eine  fc^mierige.  3n§befonbere 
mirb  bie  innere  5Ibrunbung  be»  überau»  üielfeitigen  Stoffe§ 
äu  einem  einheitlichen  Ö)u|  hierbei  nottjmenbigerroeife  manche» 
ju  tt)ünf(^en  übrig  laffen.     Mein  ber  prattifd;)e  SBert:^ 


VI  SSortDort. 

einer  berartigen  3wfommenfteIIung  ift  imberfennbar,  ba  ntc^t 
jebermann  über  eine  größere  Sibliotfje!  öerfügt,  nocl^  tüeniger 
ober  3eit  finben  tann,  um  felb[t  au§  ber  'i)öä)\i  reichhaltigen 
Siteratur  bie  nöt^ige  58ele^rung  ju  fc^öpfen.  3:ro|  aller  ft)[te= 
moti[d)en  Sebenfen  tjobe  ic^  barum  geglaubt,  toenigfteng  ben 
35eriuii)  einer  3u[animenftettung  wagen  ju  foUen. 

SOßenn  nun  auc^  bejüglid)  ber  organifd^en  ©tofföert^eilung 
unb  ber  ftreng  einl^eitlidien  ©lieberung  beg  ©ansen  jott)ie  ber 
Steile  im  2>er^ältni^  ^um  ©anjen  bei  borliegenber  ©d^irift 
mit  i^rem  befonbern  S^^d  nid&t  ber  [trenge  9)kB[tab  gelten 
fann,  ber  auf  ein  eigentlid)e§  Se^rbud)  ?lntt)enbung  finbet,  fo 
ergibt  fiel)  benno(^  eine  naturgemäße  5lu§mal}l  unb  @intl;eilung 
be§  ©toffe§  Qu§  ber  S3erüdfid)tigung  ber  lämpfenben  Parteien 
unb  ibrer  berf(^iebenen  ©teüung  ^um  ©treitobject. 

5luf  ber  einen  «Seite  flehen  bie  33ettreter  ber  diriftlid^en 
G)efellfd)aftaorbnung,  auf  ber  anbern  bie  5Inl)änger  be§  2ibe= 
rali§mu§  unb  be§  @ociali§mu§.  ©omeit  ba§  mirtf^aft= 
lid^e  2zhtn  in  ^rage  ftel)t,  lautet  bie  5|3arole  be§  2iberali§mu§ : 
greirairtfdbaft.  S)ie  SSorlämpfer  ber  d)riftlid)en  Srabitionen 
forbern  bagegen  eine  ben  {;eutigen  Sßerl)ältniffen  angepaßte, 
nad)  5J?aßgabe  ber  ®ered)tigfeit  unb  be§  gemeinfamen  2Bol)le§ 
gebunbene  2Birt|d}aft§orbnung,  2)ie  6ocialiften  enblid)  erbliden 
ba§  |)eil  in  ber  33efeitigung  ber  ö!onomif(j^eu  ©elbftönbigfeit 
ber  ^nbiöibuen,  in  gefetlfdiaftlidiem  @igentl)um  unb  gefeKfcbaft^ 
lieber  ^robuction. 

allein  bie  ©egenfä^liditeit  ätt)ifd)en  SiberaliSmu» ,  <5ocia= 
ligmuö  unb  ß^riftent^um  befcbränft  ficb  leineäinegS  auf  ba§ 
tt)irtfd)aftlid)e  ©ebiet.  3m  @egentl)eil  finbet  bie  geinbfi^aft  erft 
i^re  tiefere  ßrflärung  unb  Segrünbung  in  ber  grunbfä|lid)en 
aSerfctiieben^eit  ber  allgemeinen  ©efetlfd^aftSle^re  über= 
^aupt,  mie  fie  feiten§  ber  ftreitenben  ^Parteien  aufgefaßt  wirb. 

3n  le|ter  2inic  ift  e§  fogar  bie  93erfd)iebenl;eit  ber  2B  e  l  U 
anfd)auung,   bie  eine  unüberbrüdbare  ^luft  jmifcben  ben 


SSomort.  vii 

25ertretern  be§  (5l^riftent§um§  einerfeit»,  bem  bürgerlichen  unb 
fociülbemofratifc^en  Siberalismua  Qnberer]eit§  eröffnet  unb  ben 
legten  ©rflärungSgrunb  für  bie  liberale  unb  fociaIiftifd)e  ©e= 
fenfcf)Qft§IeI)re  barbietet. 

Somit  i[t  bie  Sia|)ofitiDn  ber  öorliegenben  Bä)x\\t  bon 
felbft  gegeben. 

3)er  crfte  S^eil  befianbelt  in  jtuci  |)eften  p^ilofo^l^ifd^ 
unb  ^iftorijc^  einige  |)auptpun!te  au§  ber  d)riftlid)en 
@efenfd^aft§Ie|re  mit  i^ren  mic^tigften  ^Folgerungen  für 
ba§  tt)irtfcf)aft(icf)e  ©ebiet. 

S;er  ämeite  Sl^eil  icirb  fic^  mit  ben  h)iifenfc^aft= 
Heiden  ©runblagen  beS  2iberaH§mu§  befdjäftigen. 

S)er  britte  S^eil  enblic^  !§at  bie  2ef)ren  unb  ^^orberungen 
bea  öltern  mie  neuern  ©ocialismua  ju  |)rüfen. 

^n  allen  brei  Steilen  mirb  ber  3i^iött^n''2"^'^"9  "^^^  f"^= 
jetnen  S^eorien  mit  ber  5U  ©runbe  liegenben  SBeltanfc^auung, 
foroeit  bie»  än)ecfentfpred)enb  erfd^eint,   fjerborge^oben  tüerben. 

Um  eine  bem  praftifc^en  Q^ecfe  entfpredjenbe  5(u§n)a^I  be§ 
in  ben  einzelnen  Steilen  ju  befjanbeinben  Stoffe^  ju  treffen, 
\üax  e»  nöt^ig,  borab  menigftenä  in  einer  allgemeinen  Ueber= 
fi(^t  ben  principieUen  Stanbpuntt  be§  ^leutigen  <SDciaIi§mu§ 
unb  fein  93erfjältni^  jum  2ibera(i§mu§  bereit»  im  SInfange 
ber  Sd^rift  ^ur  S)arfie[Iung  ju  bringen. 

5lm  gefle  be§  ^eil.  3Soter§  Sgnatius,  ben  31.  ^uli  1893. 

:Qnnnd)  )ßefd)  S.  J. 


2)ie  !ReuaufIage  bot  mir  tDiÜfommene  ©elegenl^eit ,  einige 
3ufä|e  äu  mad^en  unb  mand)e§  flarer  ju  faffen. 

Die  33ert£;eilung  be»  Stoffes  auf  einjelne,  nic§t  alläu  um= 
fangreid^e  öefte   ^atte   eine  S^^^IßQung   be§    „erften  S^eileS" 


nii  SJortoort. 

not^tDenbtg   gemaci^t,   bie  mandjz  Vin^ntxü%ü6)Mtm  mit   fi(^ 
führte.    Sc^  f)a6e  e§  barum  für  ämedmäBiger  gehalten,  in  ber 
jtüeiten  ^lufloge  'bzn  einzelnen  |)eften  einen   befonbern,   bem 
fpecieffen  Sn^alte  entfpre(J()enben  Sitel  ju  geben,  nämlic^: 
I.  ®er  d^riftlic^e  etaatSbegriff  (8.  öeft). 
II.  S)Q§  ^ribateigent^um  al§  jociale  3n[titution  (9.  ^eft). 
III.  grcitr)irt[i|)aft  ober  2Birt|(f)Qft»Drbnung  ?    (10.  unb 
11.  C)eft.) 

5lm  Se[te  be§  ^1.  (5tani§Iau§,   ben  13.  9tob.  1897. 

i^finrid)  J)eftl)  S.  J. 


3  n  I)  a  1 1* 


©eite 
SJortoort v 

pic  heutigen  5?cln6c  hex  ^)tifiii<!^en  ^efcffff^affsorbnuttg. 

1.  2)eT  moberne  ©ocialtSntuS  aU  ^Partei  unb   oI§  Söiffen- 

m^t 1 

2.  Ser  ©octaliSmuä  alö  ßiberaliömus  beö  öierten  ©tanbe§  12 

€r(}fs  fiapitcl. 
Scr  ^rtftltjfjc  SttttttSbegriff  im  aEocmciuen. 

1.  ®te  ©efeüfc^aft  al§  fjorberung  ber  mm\^üä)m  ?tatur    .  36 

2.  ®ie  Ser)xe  öom  Urfprung  be§  ©taate§  unb  ber  ftaQtIi(^en 
©euialt 50 

3.  Staat  unb  3(nbiöibuum 62 

4.  Staat  unb  ©efeltfd^aft     .         .  ....  76 

5.  Staat  unb  Siecfit 98 

^roritw  fiapitfl. 
2)tc  ftaatlii^c  Jleii^tSDrbnunfl. 

1.  Sie  ©eret^ttgleit  aU  ^ximilp  ber  Drbnung     ...  128 

2.  Sie  S^orberungen  ber   allgemeinen   ©ere($tigfeit        .  135 

3.  Sie   befonbere   ©erei^tigfeit  unb  i^re  fjorberungen    .  165 

4.  !Principieße(Sefi(^t§punIteäurJßeurll^eiIungfoctaIer  fragen  184 


Heberfii^t  über  bie  in  ber  er[len  5(uflQge  non  |)eft  9—11 
(S.  195 — 732)  oorfommenben  S^ertreifungen  auf  hü%  8.  §eft 
CB.  1 — 194)  mit  9lücf[id)t  auf  bie  borliegenbe  öeränberte 
jroeite  5(iiflage  biefe»  |)efte§. 

1.  atuflogc.  2.  Auflage. 

S.  208  Deriüieien  auf  S.    47  ff.,  fie^e  ©.     62  ff. 

405  36  ff.,  „      „      36.  44  ff.  51  ff. 

411    „    „   „   36  ff.,     „   „   50  ff. 
413    140.  169 128.  186  ff. 

429    120  ff.,  fättt  fort. 

430  „    ,,   „  120  ff.  159, 
437  „    „   „   47  f.  .54  ff.,  „  „  61.  70. 
442  „    „   „   49  ff.,  „  „  62  ff. 
450  „    „   „   40,  „  „  53  f. 
454  „    „   „  129  ff.,  „  „  128  f. 
505  „    „   .,  136  f.,  „  „  131. 

526  23.  104  f.,  „  „  97  ff.  100,  Stnm. 

540  „    „   „   56  ff.,  „  „  74  ff. 

548  „    „   „   77,  „  „  62  ff.  76  ff. 

546  143,  „  „  121  ff. 


Sie  Ijeutigcn  geiiibe  ber  i^riftüdjcn  @e|ell= 
fi^aftöorbmutg* 


1.  'pex  mobcvne  §octaft6ttttt6  afö  ^*avfet 

O 
1.  Oei5em,   lüeldier  fid)  mit  ber  mobernen  focianftifdjcn 

Literatur  beft^oftujt  Ijat,  irirb  bte  füfjne,  nid}t  feiten  I}öf)m)d)e 

3uber[i(^t  aufgefallen  fein,  mit  toelc^er  bort  bie  fociatiftifdjen 

Sefjren  al§  i)ödi\k,  foftbarfte  @rrungenfd)aften  be§  mcnfd^üd)en 

(Beifte§,  öla  ©ipfel=  unb  3ief|^itn^t  "flei^  biatjericjen  Sffiiffenfdjaft 

angepriefen,  ja  gerabeju  mit  bem  9iim6u§  einer  unanfedjtbaren, 

unfehlbaren  ©eiüifjfieit  umfleibet  tt)erben. 

„2Bir  Ijaben  feit  ber  5(uff}ebung  be§  ©Dcialiftengefe|e§  fef^r 

biel  bon  bem  ,^ampf  mit  geiftigen  Söaffen'  geijört,"   fd)reibt 

2ieb!ned)t,  „fo  biel,  bof?  ba§  2Bort  jum  ©potte  getoorben 

ift.     Sie  33ertreter  ber  befitjenben   unb   angeblid)   ,gebi(beten' 

klaffen  finb  e§  gcmefen,  roeldje  ben  ,^ampf  mit  geiftigen  2Baf= 

fen'  erfanben  unb  if;n  ber  Socialbemotratie,  ben  5lrbeitern,  an= 

boten  unb  aufbrängten.     SBo^Ian,   im  5}knbe  biefer  ^erreft 

mar  biefe  5trt  be§  Kampfes  bon  bornfjerein  nur  eine  9teben§= 

art;  unb  außerbem  liegt  e»  in  ber  9?atur  ber  Singe,  ha^  e§ 

gegen  ben  (SodaIi§mu§ ,   ber  eine  SBiffenfd^aft  ift,   ,geiflige 

2Baffen'   nidit   geben  fann  —  f)öd)ften§  bie   gefälfd}ten  5tac^= 

bilbungen  einer  gemiffenlofen  Sopfjiftif  unb  ükbuliftif . "  ^ 

'  „®ie  9bue  3eit"  1890/91,  9h.  18,  ©.  583.    „Srief  auö  Berlin" 
üon  S03il^.  2ieb!ne(%t. 

^i](^.  SiJ)eraIi§OTU§  2c.  I.  2.  Slufl.  1 


2        ®te  l)eiiti3en  iJeinbe  ber  (3^rt[tlt(i)en  ©efeüfd^aft^orbnung. 

^etr  2iebfned)t  trollte  lüot)!,  inbem  er  mit  unt)e[c^reiblic^er 
5)laiöetQt  au§  „ber  ytatm  ber  S)inge"  bie  ^Jlac^tloftgteit  gei= 
ftiger  SBaffen  gegenüber  bem  @DciaIi§nui§  a(§  einer  „2öi|fen= 
\ä)a\t"  fjerleitete,  ben  „unglüdlidien  5tböocQten  be§  5l'apitalia= 
mn§"  feinerfeit»  ein  Qbf(f)redenbe§  ^;)Jhi[terbei]piel  jener  gen)i[fen= 
lofen  Sop^iftif  unb  Stabulifli!  bor  5tngen  fü(}ren,  tceti^e  fie 
fürber^in  im  Kampfe  mit  ben  mi[fenfcE)QftIid)en  ©rö^en  be§ 
@DciaIi§mu§  ollen  ©rnfteg  ju  öermeiben  fjötten.  5inein  me^r 
no(^  qI§  bie  grobe  2Seriüed)§Iung  ber  obfoluten,  über  ade  5ln= 
fe(f)tung  erhabenen  SSa^r^eit  mit  einer  öon  irrtf)um§fä^igen 
9J?en)d)en  aufgebauten  SBiffenfc^aft  muf^  in  ben  SBorten  2ieb= 
fnec^tS  ba»  ftolje  ©elbftberauj^tfein  befremben,  meldieS  lebhaft 
an  jene  fouberäne  3Sera(|tung  erinnert,  mit  ber  bi§  gur  ©tunbe 
aud^  bie  SSertreter  ber  liberalen  Sßiffenfcbaft  auf  aKe§  nieber= 
bliden,  tt)a§  anber§  beult  al§  fie. 

Ob  nun  aber  biefe  fo  juberfid^tlid)  jur  ©d^au  getragene 
@id)ert)eit  fad)Iict)  begrünbet  ift,  ober  ob  bielmef)r  jene  felbft= 
gefällige  unb  tjerauaforbernbe  ©prac^e  bor  aüem  nur  bap 
bienen  foll,  bie  grensentofe  ^dtmadjt  einer  abfolut  unljaltbaren 
^ofition  äu  beden,  barüber  un§  gu  bergemiffern,  bürfte  bie  in 
biefer  ©djrift  gebotene  llritit  ber  focialiflifdben  Seljren  bieHeic^t 
geeignet  fein. 

2.  Man  mirb  unferem  33or^aben  gegenüber  geltenb  machen, 
ber  fieutige  @ociaIi§mu§  ftü^c  fid)  nidjt  fo  fe^r  auf  3;fjeorien, 
fonbern  fud)e  unb  finbe  feine  (Srflärung  namentlid)  in  ber  offen= 
funbigen  2;^atfa(^e  be§  allgemeinen  mirtfdiaftlidien  33erfane§. 

S)iefe  Sinmenbung  fann  einen  boppelten  ©inn  fjaben,  je 
nad)bem  man  ben  ©ociaIi§mu§  al»  Partei  ober  al§  2[öiffen= 
fd^aft  auffaßt. 

(5§  mor  in  ber  9teid)§tag§filjung  bom  31.  Tlai  1886,  mo 
ber  Ibgeorbnete  2Sinterer  unter  ben  C-)aupturfad)en  für  bie 
33erbreitung  ber  ©ocialbemofratie  bie  fortfd^reitenbe  „  5|3roIetari= 
firung"  be§  S3ol!e§  aufjaljUe.    „3a,  ha^  ift  bie  Oueüe,"  ant= 


1.  ®er  moberne  (Sodali§mu§  aU  !ßartet  unb  alä  SlSifjenfifiaft.    3 

lüortete  ber  5tbgeorbnete  Sebel,  „au§  ioeIc()er  ber  <5Dciati§= 
muö  [eine  9ial)rung  fc^iöpft.  ^oben  «Sie  ein  9}httel,  biefe 
Queue  ju  ber[to|)fen?  S^abm  ©ie  ein  ^D^ittel,  bie  ^roIetari= 
[irung  ber  yjJaffen  oufäuljalten?  3n  bie[em  Stalle  luetben  Sie 
ben  (2ocian§inii§  bemeiftern  !önnen."  3^£i[c^^o!)ne  luaren 
biefe  3Borte  S3ebel§  hjoljlbegrünbet.  S)er  (5ociaIi§mu§  qI§  poIi= 
tif^e  ^Partei  rairb  föefentlid)  geförbert  bur^  bie  luadjfenbe  ^er= 
arnumg,  butc^  jebe  ^Irt  Don  5lu§beutiing  ober  llnterbrücfiuig. 
(S§  roäre  ba^er  tliörid^t  unb  berfjQngniBüoü,  menn  man,  näd)ft 
ber  ©tär!ung  be§  @influffe§  ber  d)ri[llic^en  Üieligion,  bie  tüir!= 
famfte  Sefompfung  ber  Sociolbemofratie  auf  einem  anbern 
©ebiete  fud)en  moüte  qI§  auf  bem  S3oben  ber  |)raftif(^en 
©Dcialreform^.  @rft  wenn  bie  Urfodien  mirflid)  gercditer 
klagen  befeitigt  [inb,  bann  unb  bann  allein  mirb  bie  focia= 
liftifc^e  Agitation  ifjre  fiegreid;e  ^raft  berlieren.  «Sollte  [id) 
aber  unfere  f)eutige  ©efeüfd^aft  nid}t  beizeiten  ju  grünblicben 
unb  ben  Sebürfniffen  föa^rljaft  enifpred^enben  ü^eformen  öer= 
[te^en,  tueift  fie  mit  fjarter  3öf]ig^eit  jebeä  größere  0|)fer  für 
bie  mittlem  unb  untern  klaffen  ber  Seöölferung  ah ,  bann 
mirb  \l)x  ganj  gen3i^  aVi  ba§  Unr^eil,  all  bie  Dual  unb  S3or= 


'  ö.  ©(iiäffle  fpriifit  in  ber  ©d^rift  über  bie  „5tu§fid)t§Ioftg!eit 
ber  ©ocialbemofratie"  (Süb.  1885,  ©.  111)  feine  2lnfid)t  im  gleidjen 
Sinne  au§:  Sf^ic^t  öor  irgenb  toeldjen  25ctt)eiSgrünber.  umrben  bie 
fj-ül§rer  ber  ©ocialbemofratie  bie  ©egel  ftreidien.  „2[ßenn  fie  mit 
®ngel§änngen  iniberlegt  toären,  fo  toären  fie  \\o^  lange  nid)t  oug  ber 
Sßelt  gcfd)afft.  3<l  bebaure  boö  auc^  gar  nid)t.  ®ie  ©ocialbemo= 
fratie  mu^  fo  lange  bleiben,  fogar  toad^fen,  bi§  fie  bie  befte!^enbe  ®e= 
feEfdiaft  gestoungen  l^at,  auf  ber  ganjen  ßinie  bie  pofitiüe  ©ocialreform 
aud^  toirüid)  in  3lngriff  gu  nefjmen  unb  iiorbeI)aWo§  bur($jufü:^rcn, 
toaä  no6)  lange  nid^t  gefd)el)en  ift.  §at  fie  biefe  gefd^id^ttid)e  ©en= 
bung  erfüEt,  bann  n^irb  fie  felbft  betoirft  l^aben,  ba§  aud)  ha^  5pro= 
letariat  bie  ^ufunftötaube  auf  hzm  '^a^t  be§  ©ociaUftenftaateö  fi^en 
laffen  unb  mit  ben  greifbaren  S^rüdfiten  ber  unter  htm  Stngriffe  ber 
©ocialbemofratie  l^ertoorgetriebenen  9leform:poIitif  fid)  befreunben  toirb." 

1* 


4        Sie  l^eutigcn  fjeinbe  btx  cEinftlic^en  ©efeüfcfiaftäorbnung. 

batet  nid^t  erfpatt  blei&en,  föeldie  mit  bem  9Serfu(i)  einer  re= 
bolutionären  Unujeftaltung  ber  focialen  33erpltnif|e  notfjtoenbig 
berbunben  [inb.  9Jief)r  qI§  olle  focioliftifdien  S^eorien  unb 
2BQf)Ifiege  fürifiten  lüir  borum  ben  lä^menben  @influ§  be§  2ibe= 
raUamuS,  lücldier  einer  Umgeftaltung  ber  (Srtüer6§=  unb  (äigen= 
t^um§öer^ältni[je  im  diriftlirfien  Sinne  principiell  miberfte^t^. 
Solange  bie  leitenben  Greife  nid)t  erfennen,  ba^  bie  3eit  be§ 

*  lieber  bie  tu  liberalen  Greifen  nod)  immer  :^errf(f)enbe  35erl6ten= 
bung  äußert  fi(f)  ßnri  3entfd^  iu  feiner  ©c^rift  „Sßeber  6;Dmmumö= 
muö  mä)  ßapitatiömuö"  (ßeipäig  1893)  ©.  366  jum  S^eil  treffenb 
folgenberma^en:  „®er  fjreil^err  ö.  ©tumm  tjat  eö  offen  im  9fteid^§tage 
au§gefpro(f;en,  ba^  er  bie  Slrbetterfroge  aU  reiue  SJlacfjtfrage  auffaffe, 
unb  er  l)at  bie  3tegierung  aufgeforbert,  öon  i()rer  9Jlacf)t  rücffic^töIoS 
©ebraud^  3u  macf;en.  ©e^r  einflußreiche  ^reMümmen  ^ben  if)m  bei= 
gepf(id)tet,  unb  feine  ber  bürgertidfien  Parteien  ^at  biefer  2(uffoffung 
mit  yiaä)hxüd  toiberfprocEien.  ®a§  Reifet  alfo:  ®ie  So^narbeiter,  bie 
3ur  3eit  bie  fleinere  §älfte  ber  SBeübüerung  bitben  unb  öieüeidit  f(|on 
naä)  ge^n  Qabren  bie  größere  bilben  Uierben,  benen  fic^  möglii^eriüeife 
aud^  3übIrei(J;e  i^Ieinbürger,  Kleinbauern  unb  Unterbeamte  anfcfjtießen, 
biefe  ßoi^narbeiter  tooEen  unter  ben  biäl^erigen  SÖebingungen  nic^t 
me^r  iceiter  fdiaffen  unb  bienen,  unb  ber  ©taat  fott  fie  gunngen,  e§ 
äu  t^un.  ©ein  3toang§mittel  ift  fein  §eer.  S)iefe§  §eer  befielt  äur 
§ärfte  aug  ©ß^nen  ber  rebeltifcifKn  ßlaffe.  ®ie  ©ntfd^eibung  pngt 
alfo  baüon  ab,  ob  biefe  bereit  finb,  i^rem  @ibe  getreu  auf  ibre  9]äter 
unb  ajtütter  ju  fcfiießen,  toenn  e§  i^nen  befo^ten  toirb.  9lur  eine§ 
gibt  e§,  toaä  bem  ®ibe  Kraft  öerleil^t,  ba§  ift  ber  ©laube  an  ben 
lebenbigen,  pcrfönli(f)en  ®ott,  unb  gtoar  ein  ©laube,  ber  fid^  auf  leine 
©afuiftif  einläßt  unb  niöit  unterfuc^t,  ob  ein  @ib  oud^  bann  binbe, 
toenn  man  mit  Berufung  auf  i^n  ju  einer  §anblung  gegioungen  toirb, 
ber  nic^t  allein  bie  ®mpfinbung,  fonbern  anä)  baä  ©eioiffeu  lr)iber= 
ftrebt.  (?  ?  @ine  bem  ©eloiffen  luiberftrebenbe  ®ibe§pffi(f)t  toäre  benn 
bo($  eine  merfwiirbige  ©acfje!)  —  Itnb  auf  biefeä  bünnen  SDleffer§ 
©(^neibe  gebenft  man  bie  ©efeEf($aft§orbnung  unb  ben  ©taat  su 
bauen,  ein  ^al^r  naii)bem  ber  große  Sntrüftungöfturm  bie  ,2tuöliefe= 
rung  ber  ©djule  an  bie  Kirdje'  öerbütet  'ijat ,  möbrenb  boä)  ber  ein= 
föltigfte  ßir(f}englaube  aüein  jene  unbebingte  ®ibe§treue  fid)ern  fann, 
für  bie  eä  auf  freigciftigem  ©tanbpnnfte  gar  feine  3DWglic^feit  t)er= 
nünftiger  Segrünbung  gibt." 


1.  ®er  moberne  SocialiSmuS  aH  ^nrtci  unb  aU  2Cßiffenfä)aft.    5 

2iberan§mu§  enbgiltig  abgelaufen  i[t,  folange  )ein  berber6en= 
bringenber  ®ei[t  bte  Ütegierungen  f;emmt  itnb  bie  ©efetjgebung 
fie()errfd)t,  lüirb  bie  ©ocialbemofratie  i^re  Srium)3§e  feiern  unb 
mit  bered}tigtent  ^oijn  ben  (Segner  überfc^ütten ,  ber  ®ro^e§ 
boübracbt  ju  fjaben  g(aubt,  wenn  er  ba»  lobernbe  geuer  mit 
einigen  Sropfen  tRofenroaifer  befprengt. 

2)ie  ©ocialbemofratie  al§  ^artei  finbet  alfo  in  mancben 
bebauern§tt)ertf)en  2:^atfadjen  be§  rairtjd^aftlidien  2eben§  bie 
fröftigfte  6tü|e  unb  görberung. 

3.  SKber  auci^  al§  „SBiffenf d)af t"  min  ber  ©ociaIi§mu§ 
nur  ba§  getreue  5(bbilb  gegebener  t^atfä(i^Iid)er  23er()ä(tniffe 
fein,  ßr  beanipvud)t  für  fid)  ben  6f)ara!ter  einer  ftreng  §iftD= 
rifd)en  2Biffen[d)aft,  meiere  ben  23erlauf  ber  bi§()erigen  @nt= 
midlung  ber  gefeüfd)aftlid)en  Organismen  jur  objectiüen  ®ar= 
fteüung  unb  5um  rid)tigen  35erftänbniB  bringen  foll,  t)infid)tlid) 
ber  3^i^ii"ft  "iii^t  ^"f  ^^^B  tf)eoretifd)e  ©riinbe  £)in,  fonbern 
nur  infofern  5Infd)auungen  au§fprid)t  unb  gorberungen  auf= 
fteüt,  als  biefe  in  ben  gegenmürtigen  3iifiönben  bereits  t)Dr= 
gebilbet  unb  feimmeife  enthalten  finb. 

(£o  erflärt  5-53.  griebrid)  (SngelS  mit  grof3em  5'iac§= 
brud,  33larj  Jiabe  niemals  feine  communiftifd^en  ^orberungen 
auf  irgenb  meld)e  9cutjanraenbung  ber  9ticarbofd)en  äÖertl}tt)eorie 
gegrünbet,  fonbern  allein  auf  ben  notljmenbigen,  fid)  Dar  unfern 
5lugen  täglich  me^r  unb  meljr  öolljie^enben  3ufammenbru(ib  ber 
fapitaüftift^en  ^robuctionSmciie  ^  (äbenfomenig  bürfe  bie  natür= 
Iid)e  ®leid)5ered)tigung  aller  DJienfdien,  n)eld)e  für  bie  altern 
g-ormen  be§  6onnnuni§mua  unb  ©ocialiSmua  ben  pl}i(ofop^i= 
fdien  Stü|punft  bilbete,  al§  ttjeDretijdje  Unterlage  ber  prafti)d)en 
gorberungen  beS  moöernen  ©ociali§mu§  betrad;tet  merben  ^. 


1  Sfn  ber  a}orrebc  ju  DJlar^'  „6Ienb  ber  ^^iIofopf)te"  (Stuttg. 
1885)  ©.  X. 

2  g  n  g  e  U ,  §errn  ®ugen  Sü^ringg  Umtoäläung  ber  äßifjenj'cljaft 
(.3ürid^  1886)  ©.  91  ff. 


6        ®te  f)euttgen  f^einbe  ber  d^riftlid^en  ©efetff(f)aft§DTbnung. 

5In  einer  anbern  ©teüe  freilici)  unterftiieibet  ©ngel^  ätüifd^en 
beffen  Snijalt  unb  tljeoretifc^er  gorm:  „2)er  moberne  @d= 
ciaa§mu§  ift  feinem  Sn^alte  mä)  junäc^ft  bog  gtseugni^ 
ber  ^n]d)nuimg  einerfeit^  ber  in  ber  heutigen  @efell[d)aft  I;err= 
fcfienben  A(a[]engegenfä|e,  Qnberer)eit§  ber  in  ber  ^probuction 
I)err[d)enben  5(narc^ie.  5Iber  feiner  tfieorctifdjen  gorm  nac^ 
erfd)eint  er  anfängliciö  ala  eine  toeiter  getriebene,  angeblich  con= 
fequentere  g-ortfüf^rung  ber  bon  ben  großen  franjöfifdjen  9Iuf= 
üärern  be§  18.  ^a^r^unbertg  aufgefteHten  ©runbfö^e.  2Bie 
jebe  neue  Sfjeorie,  mußte  er  junad^ft  anfnüpfen  an  boS  bDr= 
gefunbene  ©ebanfenmaterial,  fo  feljr  aud)  feine  SBurjel  in  ben 
materiellen  ötonomifdien  Stjatfadien  tag."  ^  2Benn  biefe  2Borte 
irgenb  einen  «Sinn  traben  folten,  fo  betetjren  fie  un§  barüber, 
baB  ber  moberne  „tt)iffenf(^aftlid)e"  ©Dciaii§mu§  benn  bo^ 
nid)t  über  jene  ftrenge  Dbjectioität  berfügt,  beren  er  fici^  rüt)mt. 
6r  betrad)tet  bie  3;I)atfad)en  be»  lüirtfdjaftlic^en  Sebena  nid^t 
borurtfjeitgfrei,  fonbern  im  Sichte  eine§  ganj  befonber§  gearteten, 


1  @ngel§,  Sie  ©nttoidfung  beö  ©octaIi§mu§  öon  ber  Utopie 
äur  2ßiflenfc£)Qft  (4.  5aufl.,  SerÜn  1891)  ©.  7.  —  3ur  aiergleic^ung 
mögen  Qud)  einige  Sleufeerungen  Sieb fneäjtS  f)kx  angefüf)rt  loerben. 
3m  9ieic^5tage  bezeichnete  berfelbe  bie  2:i)atfa(I;en  be§  toirtläjoftlid^en 
ßebenö  alö  Ie^te§  ^unbament  be§  ©ocialiämuö:  „geigt  man  nn§,  ba^ 
bie  t()atiäd}licf)en  ^ßer^ältnifje  onberö  finb,  aU  nur  fie  fcf)ilbern,  bann 
ift  bie  ©ocialbemofratie  nid;tä ,  bann  finb  toir  bie  Sügner,  bie  93c= 
trüger,  aU  xodä)t  man  un§  I)inftellt"  (©tenograp^.  SBerid^t  1875/76, 
©.  1087,  ©p.  1).  Stuf  bem  ^Parteitage  ju  ^aüi  betonte  er  bagegen 
et)enfofeI)r  bie  „SBiffenfci^aft",  bie  n)iffenfcf)aftlid^e  Stuffaffung  unb  (5r= 
ftärung  ber  Sfiatfadjen  olä  ©runblage  ber  fociaIiftifd;en  23eftte6ungen : 
„Sie  äßifjcnfc^aft  ift  für  unä  ber  23oben,  auf  bem  mir  unüt)erminb= 
lidj  finb,  toie  eä  für  jenen  ütiefen  beä  3tltert()um§  bie  2)tutter  ©rbe 
iriar.  ®ic23iiffenfi|aft  ift  bie  SJJlutter  be§©ociarigmu§; 
inenn  mir  fie  Oerlaffen,  finb  tnir  öerloren.  2tuf  bem  23oben  ber 
SÖiffcnf c^aft  unb  ber  2öir!Hd)feit  finb  toir  unkfiegbar  unb 
loerben  alle  unfere  geinbe  überminben"  (^protofoü  beä  ^Parteitagen  3U 
§aüe  ©.  ISO  f.). 


1.  S)er  tnoberne  ©ocialtämuä  aU  '^axki  iinb  aU  Söifjenftf^aft.    7 

„borgefunbenen  ©ebanfenniotertalS".  ßeine§tT)eg§  begnügt  er 
\\ii)  bamit,  bie  f)i[tori)d)  gegebenen  93er^ältnif]e  fe[läu[lellen,  ha^ 
eine  f^actum  au§  beni  anbern  ^n  erklären,  —  er  will  öielme^r 
:^inab[leigen  unter  bie  an  ber  Oberfläcbe  [ic^  abföfenben  ge= 
fd)ici)tlid)en  ©eflaltungen,  um  bie  in  ber  Siefe  ber  ^iftorifdjen 
Semegung  roirfenben  Gräfte  ju  erforfc^en,  bie  ©efe^e  aufäu= 
fud)en,  nacb  benen  bie  großen  geienfc^aftlidjen  Organismen 
ent[te[)en,  [id)  entmideln  unb  untergefien. 

4.  ^urj,  ber  moberne  ®ocia(iömu§  i[t  feine  @efd)id)t§= 
befc^reibung  Don  [treng  objectibem  ©ebalte,  nid^t  bloße  ®ar= 
[tedung  I)i[türi|c^er  S^atfad^en  ,  fonbern  ©ef  d)i  c^  t§  auf= 
fajfung  unb  @eicbid)t§|3r)i(o[op^ie,  unb  jmar  eine 
^bilofop^ie  ganj  bejonberer  5(rt,  bie  jum  %l)di  ben  auf= 
!Iärerifd)en  ^been  ber  franäö[i[d)en  2)enfer  entnommen  i[t,  jum 
Stjeif  bef)err[dbt  tüirb  üon  bem  materia(i[ti|d)en  DJ^oni§mu§, 
namentlid}  aber  bon  ber  ßntroidlunggibee  be»  |)egelid)en  5pan= 
Iogi§mu§. 

©erabe  ber  ©ocinIi§mu§  fennt  unb  offenbart  am  beften  bie 
boHe  Tragweite  ber  atf)ei[ti)d)=materia(i[ti)d)en  2BeItan]d}auung 
für  bie  gefamte  5(uffaffung  unferer  öfonomifd}en,  focialen  unb 
po(itifd)en  33erf}ä(tmffe.  Söarum  anber»  ift  man  benn  —  trotj 
ader  33erfid)erungen ,  ha^  „Üteligion  ^ribatfad)e  fei"  —  fo 
rafl(o§  bemüht,  bie  gottlofen  l^et)ren  unb  ©runbfä^e  ber  mo= 
bernen  2Biffenfc^aft  unter  ba§  23oIf  ju  bringen,  raenn  nicbt 
beafjalb,  tüeil  bie  güt)rer  ber  Partei  bon  ber  Ueberjeugung 
burd)brungen  finb,  ha^  bie  gegenroärtigen  ÜJiißftänbe :  bie  fort= 
f(i^reitenbe  (Soncentration  be»  Sefi^eS,  bie  häufigen  S^rifen,  bie 
llnfid)er^eit  ber  materiellen  ©riftensbebingungen  für  einen  großen 
Streit  ber  53ebö(terung,  bie  oft  brüdenbe  unb  unroürbige  öage 
ber  inbuftrieüen  ober  Iänblid)en  5Irbeiter,  bom  ©tanbpunfte 
ber  materialiftifc^en  ®ef(^id)töOuff af f ung  aua  eine 
toefentlicb  anbere  ©eftatt  unb  g-orm  annehmen  al§  im  Sichte 
ber  (^riftlid^en  SQöeltanf^auung? 


8        ®ie  :^euttgen  S^einbe  ber  i^rtftlid^en  ©efeUfc^aftSorbnung. 

SBemi  in  ber  %l)üt,  tüte  ber  ©Dcialismu»  le^rt,  bie  ^euttgeti 
tüirtld^oftlid^en  2]er{)älttit[fe  bog  f(^tiIbIofe  (Srgedttt^  eitter  trttt 
utiübireiöbnrer  Dhturnotfjtüettbigfeit  ftd)  öoHäie^enben  (Sttttüid= 
lung  tüäreti,  ttjenn  tttcfit  (Sott,  ttic^t  ber  bertiüttfttge  uttb  freie 
'>)Jlm\d},  fottberti  allein  bos  tnecf>nni)cf)e  5trlieitötnitte(  bie  2öelt 
bef)errid)te,  tnenn  bie  tüec^felnbe  öfonotnifd^e  ©trtictur  ber  @e= 
[enfd)aft  bie  ©runbloge  wäre,  tnit  tneld^er  ber  ganje  Ueberbau 
ber  red)tlid)en  ttnb  po(iti)d)en  (Sinrid)tttngen ,  ber  reügiöfen, 
[ittUdien,  p[}ilD[op^ifd^en  9>or[telIting§tr)eife  einer  jeben  @pod)e 
[ic^  gün^Iid)  ttinbilbete  unb  beränberte,  bann  fürtt)a^r  ittü^te 
jebiDeber  33erfuc^  einer  focinlen  9teform  ebenfo  t^ergebenS  unb 
ntt§[id)t§lD§  fein,  tüie  Qnbererfeit§  jebe  ^Sefatitpfung  be§  ©o= 
ciali§inu§  tnit  ben  bi§f)erigen  religiöfen,  tnora(ifd}en,  pf^ilofop^i^ 
fd^en  9)iotit)en  ju  einem  löc^erlidien  5Ina(^roni§mu§  toürbe. 

Sft  über  bie  d)nftlid)e  ©efc^i^taQuffaffung  richtig,  finb  bie 
fjeutigen  Uebelftänbe  feine  naturgentöfje  Stufe  einer  tnit  üh= 
foluter  9iDt()tr)enbigfeit  boronfc^rcitettben  ©nttnidlung,  fütjren 
fic^  biefelben  bietmer^r  auf  ben  fd)uIbbQren  !)3iif3braud)  ber 
tnenfd)Iidjen  33ernunft  unb  grei(}eit  qI§  auf  i[}ren  f)auptiüd)= 
lic^ften  (Srunb  jurüd,  bann  bel}ä(t  ba§  2öort  „Sanabiles  fecit 
Deus  nationes"  aud)  für  unfere  fo  fefjr  umbüfterte  @egen= 
raart  feine  @e(tung,  unb  e§  bleibt  in  ber  9Jiad)t  ber  D^enfdten, 
lüenigften§  alltnäfilid)  bie  focialen  33erf)ü(tniffe  in  befriebigettber 
3Beife  um^ugeftalten.  2)ann  ift  aber  aud;  ha^  focialiftifdie 
<£t)ftent  leine  2Biffenfd)aft  nte^r,  fonbern  nii^t§  anbereö  ata 
ba§  !ranftjafte  (SrjeugniK  einer  irregeleiteten  5|3t)Qntafie  unb 
einer  burc^  fd)tt)ere  ^rrttjüiner  uinnad)teten  33ernunft. 

5.  53on  biefetn  Stanbpunfte  ou§  werben  tt^ir  fpüter  bie 
Sßiberlegung  be§  ©ociaIi§tnu§  in  Eingriff  nefjtnen.  yi\d)i  an 
bie  ^^olijei  appeütren  tnir,  nid}t  äutn  ^atnpfe  tnit  33ajonetten 
utib  Kanonen  rufen  lüir  auf,  fonbern  5U  einer  ruhigen,  ot^ 
jectiöen  Prüfung  ber  fociaIiftifd;en  2e[)ren.  äßir  werben  na(5= 
Weifen,  bajj  bie  geiftigen  öül;rer  ber  ©ocialbcmofratie  bie  tt)at= 


1.  S)er  moberne  ©ociaüömu§  aU  ^ßartei  unb  al§  Sötfjenfdiaft.    9 

fQ(^licf)en  9l?iBt)erf)Q[tni[j'e  im  fieutigen  2öirtf(i)af trieben  jum 
Sljeil  übertrieben,  jum  %l]cii  cjänjlid)  falfd)  beurtljeilt  I)Qbcn, 
inabeionbere  ober,  boB  bie  materiQlifli[(|)e  ^tuffoffung  be§  menidb= 
nd}en  2eben§,  be»  Staates,  ber  33oIfsirirtid)aft,  überreid)  an 
innern  SBiberfprüdien,  öor  ber  gejunben  nienfd)Iid)en  33ernunft 
nic^t  be[tel)en  fann. 

2Bir  be[treiten  nic^t,  bap  Qud)  ber  9kd)tt)ei§  ber  llnöer= 
einbarfeit  be§  [ogen.  „3uhinft§[taateö",  ber  communifliidien 
©ei'eül'd}aitÄc)rbniing,  mit  ben  5tn[ürberungen  jeber  ptjern  (5ul= 
tur,  mit  5'^eif)tnt,  Söürbe  unb  ©lud  be§  9)?en]'(^en,  eine  jel)r 
ttirtfame  unb  nameutlid)  für  populäre  3}ar[teIIung  [)öd)[t  ge= 
eignete  unb  frud)tbare  5{rt  ber  SBiberlegung  i[t.  @Ieid)tuDlj( 
mö(i^ten  toir  in  biefer  Schrift  ben  (Sc^merpunft  unjerer  33eraeia= 
fü()rung  in  eine  birecte  Sefümpfung  ber  focialiftiic^en  „SBiffen= 
fi^aft"  öerlegen  unb  nur  im  5tnid)IuB  an  bieje  bie  praftifdie 
Unmögtic^feit  einer  bauernb  auf  ßollectiüeigentfium  an  ben 
^robuctionSmitteln  gegrünbeten  ©efeUfdiaftSorbnung  barjulegen 
t)erfud)en. 

53kn  wirb  mit  9fed)t  in  ben  Se^ren,  meld)e  unter  bem 
^flamen  ber  „materioliftifc^en  ©efc^ic^taauffaffung"  ben  ^ern= 
pun!t  ber  fociaüftifcben  3SeItanf(^auung  bilben ,  ef)er  ein 
(Symptom  jener  fc^toeren  geiftigen  unb  fittlid)en  ßran!^eit 
unferer  3^^^  erbliden ,  oI§  eine  U  r  f  a  db  e  be§  Uebet§ ,  unb 
barum  bon  ber  Teilung  ber  ©eelen  öermöge  be§  2id)te§  unb 
ber  .Qraft  be§  ß^(}riftent^um§  me[)r  ermarten  aly  üon  einer 
hjiffenjdjafttidjen  353iberlegung  burc^i  anerfannte  @rfa(jrunga= 
t^atfac^en  unb  unanfechtbare  35ernunftgrünbe.  Otjue  Smeifel 
toürben  bie  focialiftifdien  l^efjren  nid)t  jenen  gewattigen  (Sin= 
brud  ^erborgerufen  tiaben,  wenn  nid)t  in  ben  pljern  fomol}! 
tüie  in  ben  niebern  klaffen  ha§i  cbriftlidie  S)enfen  unb 
Scben  fd)on  im  borau§  erfcbüttert  gemefen  unb  bie 
ungezügelte  2eibenfd)aft ,  ba§  rüdfid)t§Iofe  33ege^ren  [tatt  ber 
33ernunft,  be»  ©emiffen»,  ber  @Dtte»furc^t  jur  §errfc^aft  ge= 


10      ®ie  l^eutigen  {Jeinbe  ber  c^rtftlid^en  ©efeÜfifiaftSorbnung. 

langt  tüäre.  äBte  fe^r  aber  auä)  ba§  ?(nttc^riftentl}um  bem 
focialiftifdjen  B\)\im  bie  2ßege  bereitet  ^aben  mag,  fo  fö^t  e§ 
[id)  bennod)  nid)t  berfennen,  bo^  bie  fatali[tifd)e  S)octrin  be§ 
(5ociari§mu§  aud)  burc§  fid)  [elbft  eine  gemiffe  ^raft  be[i|t, 
bie  5[Roffen  mit  einer  5Irt  fanatifd^er  53egeifterung  ju  erfüaen. 
©arum  Ijalten  mir  e§  für  bie  fjcilige  ^ffid)t  berer,  meld)en  ba§ 
geiftige  unb  materieKe  2ßo§I  unfereS  geliebten  beutfdien  33olfe§ 
am  ^erjen  liegt,  nidjt  nur  ben  ri($tigen  2öegen  einer  gefunben 
©ocialreform  eifrigft  nad)äufor[d)en ,  fonbern  jugleid)  aud)  bie 
innere  ^alttofigfeit  ber  focialiflifcben  Se^ren  für  alle,  bie  fid^ 
ber  2öal)rt)eit  nic^t  abfidjtticb  öerfd)Ue|en  roDtten,  aufjubeden 
—  eine  ^flid)t,  melc^er  man  ^eute  fomol)!  auf  prote[tantifd)er 
mie  fatI)Dliid)er  Seite  mit  ebtem  @ifer  ju  genügen  fid)  beftrebt. 

6.  Snbeffen  'ba  tritt  fofort  ein  neuer  (äinmanb  un§  ent= 
gegen,  ein  ^ßebenten  gan^  eigentf}üm(i(^er  5trt,  burd^  melc^eS 
bie  neue  „2ßiffenfd)aft"  ade  i^re  ©egner  mit  einem  (54)tage 
munbtobt  madjen  möchte. 

^nftinctio  füt)It  ber  ©ociatiSmuS,  ba^  er  nödift  bem  (5^ri= 
ftent^um  feinen  gefäfjrtic^ern  ©egner  befi^t  al§  ben  „gefunben 
5}Zenfd)enl3erftanb".  Siefen  I)öd)ft  unbequemen  ©egner  unf(^äb= 
lid)  5U  mad)en,  ift  fein  eifrigfteS  53eftreben.  3)arum  belehren 
uns  j.  53.  ^aul  gifdier  imb  ber  i^m  grtebrid)  ®ngel§, 
mie  bie  ®efe|e  ber  Sogit  nid)t§  anbere»  feien  benn  bie  in  ba§ 
menfd)Iid)e  ^öemu^tfein  überfe^ten  @efe|e  ber  S3eroegung  ber 
mir!(id)en  2öelt.  ®ie  logifdie  2Beiterentn)idIung  ber  au»  ben 
öfonomifcben  33orgängen  ab§traf}irten  ©runbbegriffe  muß  bal}er 
ber  tf)at)äd)nd)en  ötonomifc^en  ©ntmidlung  ber  ©efellfdiaft  ent= 
fpred)cn.  3ft  bie§  ber  goü,  beden  fid)  bie  logifdie  unb  f)ifto= 
rifc^e  entroidlung  (tüie  5.  5ß.  in  maxf  „S^apital"),  fo  mirb 
bie  Üiid)tig!eit  ber  2)arfteIIung  unumftöf^Iic^.  Sal)er  bie  Un= 
angreifbarfeit  be§  ÜJ^arjfi^en  (Si}ftem§  ^ 


»  Sie  maxi\ä)t  2Öert^t^eorie  («Berlin  1889)  ©.  8. 


1.  ®er  uiüberne  Sociatiämuö  al§  Partei  unb  al§  2ßifjenfcf;aft.    H 

©ans  rect)t!  in  ber  Uebcrcinftimnumcj  iinjere§  2)en!enä  mit 
ber  objectiöen  äöirtlic^teit  be[tel)t  bie  logifc^e  SBa^r^eit,  unb 
infofern  barf  eine  auf  äBaljiijeit  berutjenbe  SarfteÜung  q(§ 
„unumftöf5lid)"  bejeidinet  raerben.  5(llein  iyi\d)n  luollte  Dffen= 
bar  t)a^  meufd)üd}e  Sßiffen  nid)t  blofj  mit  einer  menig  bebeut= 
jameu  Soutologie  bereidjern,  nid^t  etraa  bie  Unanfec^tbarteit 
ber  DJtari'fc^en  @ebantenreit)en  al§  eine  be§  53etüeife§  nid)t  be= 
bürftige  3:fjatfad)e  bet;aupten,  ©eine  5l6fid)t  ging  weiter,  inbem 
er  gerabe  qu§  ber  materialiflifc^en  ©efc^i^teauffaffung  ^erau» 
einen  ©runb  für  jene  angeblidje  „Unangreifbarteit"  Ijerjuleiten 
t)erfud)te. 

5lppeUirt  man  nämlic^  ben  focialiftifdjen  Seiiren  unb  iS-ox= 
berungen  gegenüber  an  bie  gefunbe  33ernunft,  fo  wirb  ftetS 
mit  §o^n  unb  (Spott  geantwortet,  'iiaii  eine  foldje  Berufung 
ber  „äßiffenfdiaft"  wiberfpredje,  t)a  ja  nid;t§  beftünbig,  fon= 
bern  aüeä,  Dteligion  unb  6ittüc^feit,  9iec^t  unb  Sß3al)rf}eit, 
in  fteter  33eränberung  begriffen  fei.  3)ie  beraltete  SBat^rljeit 
unb  ©ittenletire  ber  tieutigen,  i^rem  Untergänge  fdjueü  ent= 
gegeneitenben  (ipodie  ber  SBarenprobuction  unb  bürgerlid)en 
(Sefetlfe^aft  bilbe  barnm  für  bie  fommenbe  neue  ^dt,  it)re 
5tnfd)auungen  unb  6inrid)tungen  feineu  entfpredjenben  9[lkB= 
ftab  me(;r.  W\t  ber  göuälid)  umgeftalteten  öfonomifd)en  ©truc= 
lur  ber  jutünftigen  ©efeüfdjQftaorbnung  werbe  eine  neue 
SBa^rfjcit  unb  Sogif  erftef}en,  bie  at§  einzig  genaue»  5I6biIb 
ber  neuen  ^z\t  hm  allein  rid}tigen  ^JJia^ftab  für  bie  53eur= 
tl;ei(ung  ber  beränberten  33ert)ültniffe  im  einzelnen  ju  bilben 
geeignet  fei.  Samit  ift  nun  aUerbing»  jebem  ^eute  borge= 
brad)ten  (Sinwanbe  gegen  bie  focialiftifdjen  Se^ren  bie  ©pi^e 
abgebrod^en.  5JJan  tann  ja  ftet§  mit  triumptjirenbem ,  f{ep= 
tifc^em  Süd)eln  jeben  unbequemen  5tngreifer  auf  bie  „jutünf^ 
tige"  Sogit,  bie  neuen  S)entgefetje  ber  fommenben,  ötonomifd) 
unb  barum  and)  geiflig  ganj  unb  gar  umgeftalteten  föpoc^e 
berweifen. 


12      ®ie  l^euttgen  g^einbe  ber  (^tiftlid^en  ©efellfi^aftöorbnurtg. 

@ine§  nur  ^aben  @nge(§  unb  ^ifc^er  babei  ü6er[et}en,  bof^ 
nömlic^  ber  ®inioanb  nid)t  blo^  ben  ©egner  trifft,  fonbern 
aiiä)  bie  „2Biffenfd)aft"  be§  heutigen  (SociaüSmiiS  felbft  in 
leeren  ®un[t  ouflöft.  (Sttt  für  Un  ©egner  nur  bie  äufünftige, 
neue  Sogif,  fo  toirb  felbftberftänblid^  nid)t  minber  ber  @ocia= 
(iamu§  eben  biefe  neue  äöa^rt^eit,  biefe  neuen  2)enfgefe^e  ab= 
lüorten  muffen,  e^e  er  für  fein  ©i}ftem,  feine  S^eorien,  feine 
33eit)ei§fül)rungen  irgenb  welche  ©ettung  unb  ©laubmürbigfeit 
beanfprudjen  barf.  Wiü  er  aber  fjeute  fc^on  un§  beletjren,  fo 
mufi  er  folgerichtig  geftotten,  ba^  auä)  mx  unfererfeit§  ^eute 
fd}on  jene  fo  gepriefene  „äßiffenfc^aft"  etraaS  genauer  ju  ^jrüfen 
un§  unterfangen  —  um  fo  me^r,  ha  ber  fogen.  „n)iffenf(^aft= 
lic^e"  ©ocialismuä  abfolut  nic^t  über  neue  Sbeen  unb  äöaffen 
berfügt,  fonbern  lebiglid)  ein  buntfd)edige§  2)urd)einanber  bon 
Elementen  barfiellt,  meiere  eingeftanbenermaBen  ber  liberolen, 
„bürgerlid)en"  '^fjilofop^ie  unb  Oefonomie  fomie  altern  focia= 
tiftifdien  S^eorien  entletjnt  finb. 

2.  p«  ^ociaftötttttö  afö  ^ibevatismu^ 
6c$  mexUn  ^tanbeö. 

1.  ©er  \pan\\ä)t  ^^ilofop^  Safob  »almeSi  f)at  ein= 
mal  gefagt,  e§  gebe  geilen,  bie  nod^  berberblic^er  feien  al§ 
bie  9iebo(ution§5eiten.  Unb  in  ber  %{]at,  ha^  gröjjte  llnglüd 
für  ein  5ßoIt  ift  e§  nid)t,  unter  ben  Ummätäungen  unb  @m= 
pörungen  einer  ftürmifcben  3eit  feinen  materiellen  Sntereffen, 
feinem  SBo^Iftanbe  tiefe  SBunben  ge{d)lagen,  ein  po(itifd;e§ 
©t}ftem  ftürjen,  ha%  5ölut  feiner  ©ö^ne  auf  ben  ©d)lad)tfelbern 
fließen  ju  fe^en.  ®a§  größte  llnglüd  ift  e§,  „menn  bie  gei= 
ftige  unb  moraüfd)e  ©i-iftenj  ber  @efeafd)aft  an  itjrer  Bürzel 
angegriffen  wirb;   menn  mitten  in  ber  äBonne  be§  ^yrieben», 

1  »ermifc^te  ©d^riften.  UeBerfe^t  bon  S-  93orf($t.  III  (9te=^ 
gen^burg  1855),  44  ff. 


2.  Set  ©ociaIt§mu§  otö  StberoUSmuS  be§  oierten  StanbeS.    13 

bei  oKeii  materiellen  t^ortid^ritten ,  fogar  mitten  in  ber  (Snt= 
lüidlung  be§  öüent(id)en  G)lüde§  unb  äßofjiftanbea  ber  Station 
ber  religiöfe  ©tauben  untergraben  unb  öernid^tet,  bie  mDraIi= 
fc^en  Sbeen  Derfef)rt,  bie  @ei[ter  in  ben  finnlid^en  Vergnügen 
entnerbt,  ber  §oc^mut^  unb  ber  Sujuä  über  bie  OJk^en  ge= 
[teigert  merben;  menn  bei  aüem  biefem  bie  fociaten  unb  pu§= 
ticken  53anbe  gelodert  unb  oft  burdirijjen  merben;  menn  bie 
23erc^rung  be»  ^Jkmmon  bie  ö[fentlid)e  Söeitje  erfjalten  ^at; 
wenn  bie  idjänblid)[ten  2a[ter  aud)  it)re  5tpDt[}eo)e  buri^  bie 
©d^änbung  ber  fünfte  unb  bie  Snte^rung  ber  äBiffenfd^aft 
(}aben;  n3enn  bie  Selbi'tjud^t  bie  eteüe  ber  Sugenb  erje^t; 
tüenn  enbtid)  bie  ßteinti^feit ,  bie  g-eigfjeit,  bie  51rgli[t  unb 
bie  i5(^mei(^e(ei  an  bie  ©teile  ber  eblen  unb  gro^tjergigen  @e= 
füt)(e  getreten  [inb".  ^urj,  fd)Iimmer  ala  aüe  Üieöolutionen 
mirfen  bie  reDoIutionären  ^been,  jobalb  bieje  einmal 
in  baö  ©eroanb  ber  rutiigen,  falten  SBiiienfdjaft  gefleibet,  äu= 
gleich  al§  „öffentlidie  DJieinung"  be§  S^oIfeS  @ei[t  unb 
Seben  befjerrfc^en.  S;ann  roirb  bie  SteöDlution  au§  einer  acuten 
^ranf^eit  5um  c^ronifc^en  Uebel  ber  3^^^^  'td)nt  fid)  aua  5U 
einer  meiten ,  So^^^^unberte  umfpannenben  Oi  e  t)  0 1  u  t  i  0  n  §= 
^eriobe,  bie  ifjr  @nbe  erft  erreii^t,  loenn  enblid)  'ba^  töb= 
liebe  @ift,  bie  fd)Ieid)enbe  Äranftieit  bur(^  ein  Singreifen  {)öt)erer 
53?ä(^te  übermunben  ober  aber  bie  Dktion  al»  joId)e  Dom  iSd)au= 
pia^  ber  ®ejd)icbte  öerfdjraunben  i[t. 

2.  3n  biefem  53id)te  mirb  \\d)  ofjue  3iüeifel  bie  ©ntmidlung 
ber  europäifcben  Staaten  feit  ben  legten  öier  Sa[}rf;unbertcn 
bem  ©eifte  be§  §iftorifera  barfteüen  muffen. 

(S§  ift  ber  „SiberaliSmuS"  im  meiteften  (Sinne 
be§  SBortea,  mie  man  in  ben  @emäd)ern  ber  g-rau  öon 
Stael  ben  ^ampf  ber  ungebunbenen  ^^rei^eitölufl  gegen  jebe 
göttlidie  unb  ©ottea  Steüe  Dertretenbe  menfci^lidie  Stutorität 
eupt)emiftifcb  genannt,  melcber  jener  naijeju  öierl^unbertjäfirigen 
Siebolutionaperiobe  it)r  c^arafteriftift^e»  ©epräge  berlie^en  unb 


14      ®ie  ^^eutigen  g^einbe  ber  c^riftlii^en  ©ejeüic^aftsorbnung. 

bie  tief[te  GueUe  alt  i^re§  religiöfen,   politifdien  iinb  focialen 
@(enbe§  geroorben  i[t. 

äöir  [inb  feineStüegl  ber  5ln[icE)t,  ba^  j^eciell  ber  9te= 
formation  allein  bie  ganje  (5d)ulb  ber  bef(agen§tt3ertl)en  33er= 
irrungen,  it)e(d}e  man  unter  bem  ganj  generetlen  5knien  „2i6e= 
ratiSniu»"  jufammentaffen  mag,  jugefd^rieben  werben  bürfe. 
33ereit§  öor  bem  5tuftreten  ber  Steformatoren  f)atte  baa  2iet)= 
äugeln  mit  hm  2ef)ren  unb  Einrichtungen  be§  antifen  ^eiben= 
t^um»  begonnen.  Sa  otjue  bie  ^ierburc^  berairfte  ^u»(eerung 
be§  fird)tid)en  @ei[te§,  otjue  Otenaiffonce  unb  |)umani§mu§  unb 
bie  bur(^  fie  Ijerbeigefüfirte  ©ntfrembung  gegenüber  bem  d)ri[t= 
liefen  S)enfen  unb  i^anbetn  märe  2uttjer§  füf)ne§  Unternehmen 
D^ne  beträc^ttid)e  ö'Olgen  geblieben.  @teid)raDt}t  liegt  e§  un§ 
anbererfeit§  ferne,  be[treiten  ju  mollen,  ba^  ber  reformatorifdie 
5In[turm  gegen  bie  überlieferte  fir(^lid)e  5(utorität,  mcld}e  meljr 
alä  anberttjalbtaujenb  Saljre  im  ©tauben  ber  d)ri[tlid}en  Golfer 
für  bie  ^ödjfte,  Don  ©ott  angeorbnete  geiftige  unb  fittlic^e  ©6= 
matt  gegolten  Ijatte,  bei  ber  engen  33erbinbung  ber  2öi[fenfd)aft 
fomie  alter  ®e)etli(^aft§=  unb  Sebensfreife  mit  ber  d)ri[tli(^en 
^irc^e  eine  gerabeju  gemottige,  atit^  umfaffenbe  {ärfd)ütterung 
nottiiDenbig  jur  ?^oIge  traben  mußte,  ^eute  ift  biefe  2Baf)rf)eit 
fo  äiemlid)  unbeftritten.  Sn  feiner  „@efd)id)te  ber  preu^ifc^en 
^politit"  ^  fct)reibt  ber  ^proteftant  3ot)cinn  (Suftao  Sroijfen 


1  IIb,  100.  —  2te^nli($  urt^eileit  and)  bie  5]3roteftanten  Sßotf^ 
gang  ^ntengel,  §etnr.  Seo  u.  a.  33gl.  efienfaltä  Souig  JBIanc 
in  ber  6inlettung  feiner  ©efcf)id)te  ber  franäöfifrf^en  tReüoIution  (§ift.= 
polit.  23t.  23b.  IX),  unb  S^e^r  über  „bie  öuttoicflung  unb  ben  @in= 
flufe  ber  politischen  S^eorien"  S.  855.  —  lieber  ben  3uf^^"ii"fnt)ang 
ber  Üteformatiou  mit  ben  fpätern  Umtüätjungen  fcf^reibt  21 1  ä  o  g 
(ßirc^engefi^.  II  [8.  Stuft.,  3Katnä  1867],  542):  „Sie  folgen  ber 
Deformation  tourben  erft  xtä)t  fjanbgreifticö ,  aU  i^re  ^rinctpien  fid^ 
Don  bem  ©ebiete  ber  Dieligion  auf  bie  ^^olitif  übertrugen.  Slef^t 
augenfc^etnlicf;  djarafterifirt  fiel}  bie  franjöfifdie  9teDolution  aU  eine 
»eitere  föntiüidlung  unb  ^Jolge  ber  9teformation.    S)ie  erften  Organe 


2.  S)er  ©ocialiömuö  aU  ßibeTaIt§mu§  be§  bterteit  ©tanbe§.    15 

Über  jenen  ^Ibfall  bon  ber  fat^oli[cf)en  ^\xä)t  unb  bem  @tau= 
ben  imferer  ^ßater:  „S)ie  ©elrofjnl^citen ,  bie  DJIeinungen,  bie 
Crbnungen  in  ©taat  unb  gamilie,  ha^  gonje  Seben  ber  5JJen= 
fc^en,  unerme^Iidje  ©üter,  alle§  [tonb  in  biefem  f)ierarcf)ifciben 
@t)[tein,  ba§  nun  in  feinen  (^runblagen  bebte.  (S§  gab  ni(^t§, 
baa  nicbt  miterjd)üttert,  bia  in  fein  innerfle§  SBefen,  in 
bem  ©ebnnfen  feine»  Sofeina  getroffen  ttjurbe.  @o  begann 
ein  unabfefibarea  2Ber!.  ߧ  ^at  nie  eine  9ieöoIutiDn  gegeben, 
bie  tiefer  eingeffiütjlt ,  furdjtbarer  ä^^f^ört,  unerbittlidjer  ge= 
riditet  Ijötte." 

3.  2)er  ^roteftantiamua  Ijatte  baa  ^rincip  ber  inbi= 
öibuetlen  ©elbftfjilfe  auf  bem  ©ebiete  ber  religiöfen  (är= 
fenntni^  prociamirt.  2)er  5[l?enfcb  trot  autonom,  unbeljinbert 
burd)  eine  firdjlid^e  Se^rautoritüt,  bem  göttlid)en  Söorte  gegen= 
über.  Seber  mät)(te,  geftü^t  auf  ha?>  „testimonium  inter- 
num  Spiritus  Sancti",  unter  bem  öorgeblid)en  53eiftanbe  be§ 
|)eiligen  ®eifte§,  aus  ber  ^eiligen  (5d)rift,  maa  gerabe  feiner 
inbiöibueüen  ßinficbt  entfprad).  '^k  S^erfd)ieben^eit  be§  33e= 
tenntniffe§  mürbe  baburc^  jum  mefentlid)en  DJJertmal  bea  ^ro= 
tefianti§mu§,  meil  feine  blofj  menfd)Iidbe  51utorität  unbebingten 
©tauben  forbern  tonnte  unb  burfte. 


berfelben,  ßutf)er,  Ulridf)  o.  §utten ,  S^rans  ö.  ©icfingen,  SljomaS 
SJlünser,  tiatten  bereite  mit  einer  Umtoäläung  ber  beftel^enben  poIiti= 
fc^en  5}er^älttüfje  begonnen,  toelc^e  alöbann  burd)  bie  geunüttt)ättg 
auggeübte  ©insie^ung  ber  ßirc^engüter  unb  Söcularifation  feitenö  ber 
i^ürften  fortgefe^t  aurbe.  §atte  man  ^infidjtltd^  ber  fiirc^e  in  ber 
^Reformation  mit  ber  gejd)icf)tU(f)en  SSergangenf)eit  gebrochen,  toarum 
follte  man  bie  gefd^iditlicben  3}erpltnifje  bcö  ©taateä  ängftti(|er  re= 
Ipectiien,  jumal  bei  ber  ©laubenö=  unb  3ügeIIo]igfeit  ber  nad)foIgen= 
ben  Seiten?  Sind)  luaren  bie  ^been  ber  fran3öl"ifc^en  3a!obiuer  Don 
3^rei:^eit  unb  ©leid)^eit  f($Dn  beftimmt  genug  unter  3[ltünäerg  5tnfü^= 
rung  in  atlen  f^ormen  ausgeprägt,  unb  felbft  in  ber  SSerat^tung  unb 
bem  §afje  gegen  ba^  ßöuigtf)um  fanben  bie  frangöfifi^en  ßlubbiften 
bei  Suti^er  in  2Bort  unb  S^^at  ein  berebtes  äiorbilb." 


16      ®ie  l^eutigen  Steinte  ber  (iitiftlicfien  ©efeüfd^aftäorbnung. 

2(I§  mm  bennod)  bie  englif^e  ßpiffopalfirc^e,  ftatt  freie 
i^^orfc^ung  p  ertauben,  biefen  unkbingten  ©lauben  an  il}re 
39  5Irtt!e(  forberte,  er^ob  [ic^  jum  ©dju^e  be§  gefä^rbeten 
inbit)ibualifttfd)en  ^rincipä  eine  Iebl)afte  Dppofition,  bie  einer= 
feit§  äur  3fi^^Iüftung  ber  ©taatSfirc^e  in  i3er[d^iebene  ©ecten 
fül}rte,  anbererfcit§  bie  ^odjad^tung  oor  bem  ibealen  unb  über= 
natürlidKn  S"i)alte  be§  6l)ri[tent§uni§  immer  me^r  untergrub, 
^aju  tarn  ber  feit  ^aco  bon  33 er ul am  (1561 — 1626) 
ba§  |)^itofop^ifd)e  Renten  betjerrfdienbe  @mpiri§mu§,  bie 
au§fd)IieBtid)e  23er:§errlid)ung  ber  (ärfa^runggertenntni^. 

§atte  ber  8ibera(i§mu§  in  ®eut[cblanb  bornetjmtid)  gegen 
bie  !att)oIifdbe  llirdie  unb  bie  fird)tid;e  2et)rautorität  ge= 
fömpft,  fo  rid)tete  bo§  englifdie  greibenterttjum  nunmetjr  feine 
Eingriffe  namentlich  gegen  bie  ürc^lidie  SBiffenfc^oft  unb  ba§ 
6^riftentt)um  überl;aupt.  @mpirif(^e  ^tjilofoptjie  unb  freie 
gorf(^ung  auf  bem  ©ebiete  ber  d^riftiidjen  2e(;re  Ijatten  t)ier 
hm  53Dben  bereitet  für  jenen  beiitijdjen  9^aturati§mu§,  beffen 
SSortämpfer  |)erbert  üon  ©(jerburt)  (1561—1648),  2:in= 
bat  (1657—1733),  Sotanb  (1669—1722),  äBooIfton 
(1669—1731),  e^ubb  (1679—1747),  33otingbrD!e 
(1672—1751)  u.  f.  tu.  meift  unter  «eibeljaltung  be§  c^rift= 
lidben  9?amen§,  la  äumeilen  mit  großen  Sübfprüdjen  auf  bie 
Se^ren  unb  SBerbienfte  be§  ßtjriftentljumS,  bie)e§  bennoc^  ganj^ 
lic^  feines  übernatürlidjen  6t)arafter§,  feine§  pofitiüen  (Se^alteS 
entfleibeten  i. 

2öie  in  2)eutfd)(anb  bie  neue  S3emegung  ben  il^r  eigen= 
tl)ümlid;en  politifd)-  unb  focial^reDoIutionürcn  ßljarafter  in 
ben  unge^euertid)en  5lu§)d;reitungen  ber  äBiebertäufer  unb  be§ 
5Bauerntriege5  gleid)  anfangs  offenbarte,  fo  toarf  aud)  in  eng= 
lanb  bie  religiö[e  g^reibenterei   balb  it;re  Bd)üikn   auf   ha^ 


*  93gL  John  Lelmid,  D.  D.,  A  View  of  the  principal  Deistical 
Writers.     London  1754. 


2.  Ser  ©ocialiSmuS  ai§>  StberaliSmuS  be§  öierten  ©tanbe§.    17 

poHtifdieÖeöiet.  m'iUon  (1608—1674)  bert^eibigte  bie 
©ouberönitQt  be§  33o(fe§  unb  bie  SJeöoIution.  |)Dbbe§  (1588 
bi§  1679)  lefjrt,  ba^  ber  «Staat  au§  einem  b(o|en  33ertrage 
etitipringt.  c^arrington  (1611 — 1677)  unb  5IIgernon 
©tbne^  (1622—1683)  fämpfen  für  bie  republüamfc^e 
©taatsforni,  lüötjrenb  So^n  Socfe  (1632 — 1704)  bie  con= 
ftitutionelle  2;^eorie  bon  ber  2;f)eilung  ber  ge[e|ge6enben  unb 
bofl^ie^enben  ©eroalt  jroii'djen  93oIf  unb  ^önig  ju  bcgrünben 
berfud)t.  !Sd)on  1642  fjotte  @ng(anb  feine  erfte  Oicbolution, 
ber  balb  bie  größere,  fogenannte  „gtorreicfie"  S^ebolution  bon 
1688  folgte. 

4,  9ioc^  geroaüiger  roirften  bie  rebolutionären  Sbeen  feit 
bem  18,  Saf}rt)unbert  in  granfreid),  53on  bort  au§  berbrei= 
teten  fie  fii^  in  aüe  romanifd)en  Sünber  unb  übten  auf  beren 
innere  (Sntroidlung  ben  berberblidjften  Ginflup  au§. 

3in  2}]ittelpunfte  beä  retigiöfen  unb  politiid)en  9tabicali§= 
mu§  fte^t  l^ier  bor  allem  a^oltaire  (1694 — 1778).  3)urc^ 
feinen  33er!ef}r  mit  bem  djorafterlofen,  tieberlid)en  unb  ^errf(^= 
füd)tigen  Sorb  S3o(ingbro!e  ^atte  er  einen  roilben  §af5  gegen 
ha§)  (JI}riftentt)um  eingefogen,  beffen  reine  Se^re  feinen  fitten= 
lofen  2eben§roanbe(  auf§  fc^ürffte  berurttjeiüe.  ^n  ber  28bön= 
bigen  Encyclopedie  ou  Dictionnaire  raisonne  des  sciences, 
des  arts  et  des  metiersi  eröffneten  SSoItaire  unb  feine 
„p^iIofopf}ifd)en"  fyreunbe  einen  literarifd^en  ^ampf  gegen  bie 
religiöfen  unb  |)Dlitifd)en  Slrabitioncn  i§re§  2anbe§,  bei  bem 
man  in  ber  2;()at  nid)t  roei^,  ob  bie  2eid)tfertigfeit  ber  53e= 
roei§fü[}rung  ober  bie  33errud)ttjeit  ber  (Befinnung  met)r  unfere 
(Sntrüftung  unb  93erad)tung  berbient.  ®a§  einzige  Sanb, 
roeld)e§  jene  bertommenen  Siteraten  bereinigte,  bilbete,  ftatt 
jeber  gemeinfamen  Ueberseugung,  (cbiglic^  ber  in  aüer  i^erjen 
lobernbe  @otte§^a|.     33oItaire  roar   Seift,   b'5IIembert 


1  Paris  1751—1772. 


18      ®te  l^euttgen  f^etnbe  ber  c^rtftfid^en  ©efet(f(^aft§orbnung, 

©feptüer,  ©iberot  unb  Somardf  |aI6e  ^pant^eiften,  ^oU 
laä),  Samettrte  unb  |)elbettu§  5JtateriaIiften.  @ie  trafen 
aber,  tüie  fpäter  Gonborcet,  23  o  In  et)  u.  f.  h). ,  in  bem 
33e[treben  jufammen,  föa»  bisher  für  el^rlüürbig  galt,  in  ben 
^oti)  ju  jie^en  unb  befonberS  auf  jebe  SBeife  ben  dirifllii^en 
©lauben  unb  ba§  c^riftlid^e  ©ittengefe^  al§  läc^erlic^,  a6ge= 
fctimadt  unb  öernunftmibrig  bar^ufleüen  i. 

§atte  man  fid)  in  ßnglanb  ernft(id)er  bemüht,  ber  „5luf= 
üärung"  ben  Sf)arafter  einer  „©ef)eim(el)re"  ber  f}öf)ern  Stäube 
ju  geben,  „bamit  ber  ^öbel  ba§  @igentl}um  acf)te  unb  ben 
©efefien  gefiori^e",  fo  ergo^  ficf)  in  g^ranfreit^  ber  breite  ©trom 
be§  23erberbeng  um  fo  fc^neüer  burd)  alle  ©diic^ten  ber  S3e= 
bötterung.  Sie  Srüd)te  liefen  nid)t  (ange  auf  fic^  märten, 
namentlid)  na^bem  %  3.  Ütouffeau  (1712—1778)  neben 
ber  ^^aturreligion  bie  allgemeine  ®Ieid)l)eit  unb  bie  unbcräu^er= 
Ii(5e  ©DUberänität  be§  23Dlfe§  berfünbet  !^atte.  9JJit  blutigen 
3ügen  ^at  bie  gro^e  franjöfifdie  Siebolution  ba§  ^acit  be§ 
aufflörerifc^en  g-reibenfert()um§  in  bie  Stätter  ber  ®efd)id)te 
eingetragen. 

5.  5(ber  bie  franjöfifdie  Ütebolution  mar  nur  eine  neue 
(Stappe,  nid)t  ber  ©nbpuntt  ber  400iäljrigen  SteboIutionSperiobe. 
@ie  führte  bie  rebolutionären  Sbeen,  bie  fogen.  „®runbfä|e 
bon  1789"  ^  jum  ©iege,  ofine  ben  menfd)Iid)en  ®eift  ju  befrie= 
bigen,  ba§  berlorene  ©lud  ber  ^lenfd)t)eit  mieberjubringen. 


^  Dr.  ©ugen  Qäger,  Sie  franäöfifd^e  ^ieöülution  I  (Serlin 
1890),  189  ff.  Taine,  Les  origines  de  la  France  contemp.  (L'ancien 
r(5gime.    3«  (^dit.,  Paris  1876)  p.  266  s. 

2  Unter  btefeu  „©runbfä^ett  öon  1789"  öerftanb  man  3unä(^ft 
bie  fogen.  „5!Jlenf(^enre(I)te",  toeldie  bie  3Rcl)oIution  an  bie  ©pi^e  ber 
aSerfaffung  üon  1789  gefteöt  fiatte. 

2lrt.  1.  ®te  aJlenfrfien  luerben  frei  unb  gleich  an  Siedeten  geboren 
unb  bleiben  frei  unb  gleitfj. 

Strt.  2.  S)er  SwedC  jebeS  tjolitifc^cn  ©emeinwefenö  ift  bie  ®r= 
fialtung  ber  natürlichen  unb  unberäufeerlid)en  IRed^te  beä  aJienfc^en. 


2.  S)er  ©octaIt§imt§  al§  StBeraIi§mu§be§  tierten  ©tanbe§.    19 

^er  ©ocialtft  fyriebrid)  (5ngel§  fiot  bie  Snttäufd^ung, 
lüeld^e  ber  Üieöolution  folgte,  furj  unb  treffenb  gef(^ilöert:  „5:;ie 


Siefe  fReäite  ftnb  bie  iJretfieit,  boS  ®i9entr)um,  bie  ©ic^erl^eit  unb  ber 
Söiberflanb  gegen  ItnterbrüdEung. 

2lrt.  3.    ®Q§  ^rincip  aüer  Stutorität  ruf)t  in  ber  Dktion. 

Strt.  4.  S)ie  tyrei^eit  befielt  in  ber  DJiac^t,  aQe§  gu  t:Oun,  tcaä 
anbern  nic^t  jc^abet. 

Strt.  5.  S)Q§  ©efe^  barf  nur  §anblungen  verbieten,  bie  ber  ©e= 
ietli(f)aft  fcfiäblitfi  finb. 

2lrt.  6.  ®a§  ©efe^  ift  ber  3(uöbrucl  be§  allgemeinen  Sßitlen^. 
2Iße  SSürger  Ijaben  ba^  9te(f)t,  entineber  perfönüc^  ober  burcf)  (5tell= 
Dertreter  an  ber  Slbfaffung  ber  ©efe^e  t^eilguneljmen. 

2trt.  10.  Dtiemanb  barf  um  feiner  SDteinung  toiüen,  felbft  trenn 
fie  bie  Dieligion  betreffen  foßte,  beunrnf)igt  toerben,  au^er  tnenn  bie 
ßunbgebung  berfelben  bie  tiom  ©efe^  angeorbnete  9iu^e  gefä^rbet. 

§  11.  Sie  freie  9}U{tf)eitung  ber  ©ebanten  unb  2{nfic^ten  ift  eine§ 
ber  foftbarften  Steckte  be§  SJlenfd^en ;  jeber  Staatebürger  barf  bemna(^ 
frei  fprei^en,  fd^reiben  unb  brucfen;  nur  mu§  er  fic|  in  ben  üom  ©efe^ 
borgefe^enen  fyäHen  über  ben  SOlißbraud^  biefer  tJrei^eit  teranttoorten. 

Slrt.  15.  Sie  ©efeüjc^aft  ift  berechtigt,  tion  jebem  öffentli(|eu 
SBeamten  über  feine  33erttialtung  3ie(|enf(f)aft  ju  forbern. 

Slußer  biefen  „9Jlenf(ienred)ten"  fotüie  einigen  rabicalen  3^orbe= 
rungen  in  93e3ug  auf  bie  ©inri(f)tung  eine§  religionstofen  9}oI!5unter= 
ri(^t§,  bie  93erftaatli(^ung  ber  2lrmenpflege,  Trennung  ton  ßir(|e  unb 
©taat  jäbtte  man  3U  ben  „©runbfä^en  Oon  1789"  in§befonbere  aud^ 
bie  Se^ren  ber  1758  öon  Q neonat)  gegrünbeten  ^^t)fiotratenfc^uIe, 
toel(f)c  außerbem  burd;  5Dlercier  be  la  Diioiere,  Supont  be 
?temourä  unb  Surgot  nertreten  tüirb.  ®ie  ©mancipation  be§ 
tüirtfdiaftlid^en  2eben§  oon  bem  göttlidien  Sittengefe^e  unb  ber  ftaat= 
Itd^en  9ie($teorbnung,  bie  au§f(^Iie§Iid)e  §errfd)aft  einer  „natürlidien" 
Drbnung  unb  ber  ^Naturtriebe  be§  9)lenf(^en  auf  bem  ©ebiete  ber 
Söolfeffiirtfd^aft,  bie  rabicale  Sefeitigung  beö  S^eubaliämuS ,  ber  Sor= 
porationen  unb  3ünfte,  ber  ^rioilegien  unb  SDlonopote  toar  ber  ©runb= 
gebaute  be§  !pf)^fiofrati§mu§ ,  ber  fpdter  feiten§  ber  „flaffifc^en  3la= 
tionatötonomen"  21.  ©mitf),  IRicarbo,  5Dtaltt)uä,  Saft  tat, 
inebefonbere  aber  burc^  bie  mand)efterli(^e  Soctriu  toeiter  entttiicfelt 
ttiurbe  unb  t^atfä($Iid)  gur  unbefd^ränften  S^rei^eit  be§  Capitata  auf 
ßfonomifc^em  ©ebiete  führte. 


20      S)ie  l^euttgen  S^eiiibe  ber  äirifttidien  ©efeßft^aftSorbnung. 

großen  DJ^änner,  bie  in  ^^ranfreii^  bie  l?ö|)fe  für  bte  fommenbc 
üteöolution  flärten,  erfannten  feine  äußere  5(utorität  an,  welcher 
5h-t  [ie  auc^  fei.  Steligion,  Dkturanfdjauung ,  (Bcfeüfdiaft, 
©taatSorbnung,  atle§  ttjnrbe  ber  fc^onungSlofeflen  Ä'ritif  unter= 
roorfen;  alleS  foüte  fein  2)afein  bor  bem  9{id)terfluf)(e  ber  5Ber= 
nunft  reditfertigen  ober  auf»  Siafein  öeräidjten.  .  .  .  5l(§  nun 
bie  franäöfifd)e  Oteöolution  biefe  i^ernunftgefeüfc^aft  unb  biefen 
33ernunftflaQt  üermirflid^t  ^atte,  fteüten  fid)  bie  neuen  @inrid)= 
tungen  .  .  .  feine§tt)eg§  q(§  abfolut  öernünftige  ^eraua.  2)er 
33ernunft  ft  a  a  t  mar  bollftanbig  in  bie  23rüd)e  gegangen.  2)er 
9touffeaufd)e  ©efeUfdiaft^bertrog  §atte  feine  33ertt)irf(ic^ung  ge= 
funben  in  ber  ©d)reden§äeit ,  au§  ber  ba§  an  feiner  eigenen 
poütifc^en  S3efäf)igung  irre  geroorbene  53ürgerti)um  \\ä)  geflüi^tet 
fiatte,  juerfl  in  bie  Korruption  bea  Sirectorium§  unb  f(^Iiefe= 
lic^  unter  ben  (5d)u|  bes  napo(eonifd)en  2;e§poti§mu§.  Ser 
ber^ei^ene  eföige  ^yriebe  tüax  umgefdjiagen  in  einen  enblofen 
ßroberunggfrieg.  2)ie  33ernunft  g  e  f  e  U  f  d)  a  f  t  bjor  nid)t  beffer 
gefaf)ren.  S)er  @egenfa|  bon  x^xä)  unb  arm,  ftatt  fid^  aufju» 
löfen  im  allgemeinen  Sßofjlergel^en,  lüar  berfdjärft  loorben  burc^ 
bie  SBefeitigung  ber  it}n  Überbrüdenben  künftigen  unb  anbern 
5pribi(egien  unb  ber  if)n  milbernben  tird){i(^en  2BDl)(t()Qtigfeit§= 
anftalten.  Sie  je|t  jur  SBaljrtjeit  geworbene  ,g-reiljeit  be§ 
(Sigentf)um§  bon  fcubalen  tyeffeln'  fteüte  fid)  t;erau3  für  ben 
Kleinbürger  unb  llleinbauern  al§  bie  grei§eit,  bie§  bon  ber 
übermäßigen  ßoncurrenj  be§  @roßtapitaI§  unb  bea  ©ro^grunb-- 
befi^eS  erbrüdte  üeine  @tgentl)um  an  eben  biefe  großen  |)erren 
ju  berfaufen  unb  fo  für  ben  Kleinbürger  unb  Kleinbauern  fid^ 
ju  berraanbeln  in  bie  greitjeit  bom  (5igentl)um.  3Der  5tuf= 
fd^roung  ber  Snbuftrie  auf  fabitaüftifdber  ©runölage  erf}ob  5lr= 
nuit  unb  @(enb  ber  arbeitenben  Klaffen  ^u  einer  2ebenabebin= 
gung  ber  ©efeüfd^aft.  3)ie  bare  3oi}^""9  tDurbe  metjr  unb 
met)r,  nac^  6arll)le§  5tuäbrurf,  t)a^  einzige  53inbeglieb  ber 
©efeüfdiaft.    Sie  '^alji  ber  ^erbred)en  nat)m  ^n  bon  ^atjr  ju 


2.  S)er  @ocioli§muö  aU  ßtberaliömuö  be3  toierten  Stanbc§.    21 

Safjt.  .  .  .  ®er  |)anbet  enttüicfelte  fid)  mel)r  unb  meljr  ^ur 
5]3rellerei.  5)ie  ,53rüber(i(i)feit'  ber  rebolutionüren  S)ebife  öer= 
tDirt(id)te  [id)  in  ben  ©^ifonen  unb  bem  ^^ieib  be§  6oncurrenä= 
!ainpfe§.  5tn  bie  «Stelle  ber  geföaltfamen  Unterbrüdung  trat 
bie  Korruption,  an  bie  ©teüe  be§  S)egen§,  qI§  be§  erften  ge= 
fen|d)QftIid)en  9J?ad^tt)ebeIy,  ba§  ©elb.  .  .  .  ß'uräum,  bergUd)en 
mit  ben  prunftjaften  Sßer^ei^ungen  ber  5luf!tärer  ermiefen  [ic^ 
bie  burc^  ben  ,©ieg  ber  33ernunft'  Ijergefteüten  gejeüfdiaftliiiöen 
unb  poIiti[d)en  föinridjtnngen  q1§  bitter  enttoufc^enbe  3^i^ii^bilber. 
@§  feljtten  nur  nod)  bie  Seute,  bie  bie[e  @nttüu[d)ung  con[ta= 
tirten,  unb  biefe  fomen  mit  ber  Sßenbe  be§  Sal)rt)unbert§."  ^ 
3unä^[t  @aint  =  <Simon,  ^-ourier,  Stöbert  Omen, 
bie  ä^ertreter  be§  „utopi[d)en  @ocintiamu§",  mie  (Sngc(§  [ie 
nennt.  Sann  9ftobbertu§  a(§  |)auptrepräfentant  beä  mo= 
bernen  ©taatafocialiSmuS ,  unb  ^arl  5}iarj:,  ber  2:!)eore= 
tifer  be§  bemofratifd^en  ©DcianöUiuä,  ber  (jeutigen  „@ociaI= 
bemofratie". 

2öir  finben  in  ben  ©djriften  bie[er  neuen  3Sot!§&egIüder 
me^r  ober  minber  biefelben  „pruntfjaften  SSer^ei^ungen",  burd^ 
meiere  bie  franäö[ifd)en  ^tjilofopljen  be§  18.  ^aljrfjunbertS  ha§ 
SSoIf  bettjörten.  SiÖenn  e§  je  gelingen  fodte,  ben  gepriefenen 
„3u!unft5[taot"  irgenbwo  mir!(id)  ju  etabliren,  fo  lyürben 
otjue  3^öeifel  gar  batb  auc^  bie  burd)  ben  [iegreid)en  S)ur(^= 
brud^  be§  fociaIi[ti]d)en  ©ebanlenS  Ijergefteüten  gefeüfd)aftlic^en 
@inrid)tungen  [id)  ebenfaüg  oI§  „bitter  enttäufd^enbe  ^enbilber" 
ermeifen  müfjen. 

SebenfadS  bejeidjnet  ber  moberne  ©ociaU§mu§  htn  5Ib= 
fd)(u^  ber  400jü^rigen  Ütebolutionsperiobe,  meU  er  bie  benfbar 
testen  Gonfequenäen  ber  reDohitionären  ^been  be§  2ibcrali§= 
mu§  jie^t.     9JJit  it)m  enbet  jene  Sbeenioanberung ,   meldte  in 


*  @  n  g  e  I S ,  Sie  ©nttotdlung  be§  ©octaIi§mu§  k.  (4.  Sluff.,  SSerl. 
1891)  S.  7.  10.  11. 


22      ®if  l^eutigen  O^einbe  ber  äiriftlic^en  ©efeflft^aftSorbnung. 

(Suropa  me^r  krümmet  aufgetjäuft,  gemaltigere  Umiüöfäungen 
Ijeröorgerufen  ijat  aU  einft  bie  23ölferit)anberung;  imb  [ie  enbet 
mer!mürbigeriüei)e  lieber  in  bemfelben  Sanbe,  bort  bem  fie 
i^ren  ^luagong  genommen,  tt)enig[ten§  bie  erflen,  mächtigem 
Smpulfe  empfangen  Ijat  —  in  S)eutfd)(anb. 

6.  ^urd)  iizn  ©ieg  ber  „Sefjren  unb  ©runbfä^e  bon  1789", 
bie  &i§  äur  ©tunbe  ha^i  (Sbangelium  ber  Sourgeoifie  bilben, 
l)aik  ber  2iberali§mu§  alle  ©ebiete  be§  menfd)Iicften  S)en!en§ 
unb  ^anbe(n§,  ba§  religiöfe,  p{}iIofopf)ifd)e,  potitifd)e  unb  ö!o= 
nomifd}e,  für  fid)  erobert.  S)ie  inbibibuelle  S^ernunft  betrad)tete 
\\ä)  oI§  autonom  unter  jeber  9tüdfid)t.  grci  beftimmt  fie  ben 
3n'^a(t  i^re§  ©laubenS.  ©ie  orbnet  ben  innern  9??enfd)en  burd) 
felbfteigene  ©ittengefe^e,  ben  fategorifdjen  Sniperatib,  eine  un= 
abpngige  Moxal  oljne  SSe^ugnaljme  auf  ©ott.  2)a§  äußere 
iRed)t§ge6iet  mirb  enbgiltig  bem  „@taat§gefe^e",  b,  i.  bem 
outonomen  ©efamtmiüen,  untermorfen.  2)er  ©taat  I)ört  auf, 
als  SSermirf(id)ung  einer  bon  ©ott  geiüoHten,  fittlidien  Drb= 
nung  ju  gelten,  Sr  ift  burd)  unb  burd}  ein  bto^eS  9JJenfd)en= 
mer!,  o^ne  fittlidie  unb  religiöfe  2Beif)e,  o()ne  eine  anbere  ®runb= 
tage  feiner  5lutoritüt  al§  ben  freien  Söiüen  be§  33Dl!e§.  §ier 
aber  mar  ber  5)3unft  fdion  erreicht,  mo  bie  gepriefene  „Srei= 
^eit",  ber  Süeöolution  toftbarfte  &üht,  logifd)  unb  praftifd)  in 
it)r  ©egentfjeil  umfd)Iagen  mu^te. 

Sft  tta^  Snbibibuum  autonom  im  9teic^e  be§  2)enten§,  ber 
Üteligion,  ber  ©Ute,  gibt  e§  für  ben  ßinjefnen  fein  I)ö()ere§, 
göttlid)e§  @efe^,  bann  entbehrt  oud)  bie  ©efamt^eit,  ber  ©taat, 
jeber  ©diranfe,  bie  burd^  ptjere  ©emalten  if)m  etma  gebogen 
tDöre.  @r  ift  frei,  unabt)ängig,  aflmä(^tig  —  mächtig  menig= 
ften§  fo  meit,  al§  feine  Kanonen  reichen. 

53on  ber  abfohlten  g-rei[)eit  be§  3nbibibuum§  au§get}enb, 
enbigt  barum  ber  2iberali§mu§  mit  ber  5luffaugung  ber  mefent» 
lid^ften  9Jed)te  einer  jeben  freien  5|]erfönlid)feit  burd^  ben  ah= 
foIutiftifd)en  ©toat;   unb  jmar  teinesroeg»  b(o0  in  ber 


2.  S)er  6ociaIi§mii§  aU  ßiberaliöinuö  be§  öierten  ©tanbc^.    23 

S^eorie,  inbem  er  ber  ,/D]?ajc[tQt  bc§  StaQt§9e[e|e§"  gegenüber 
jebe  Berufung  auf  ein  (}öf)ercs,  aud)  bie  etoatÄgeinalt  binbenbe» 
^tä)t  öertüirft,  bie  ^f(id)t  einer  „unbebingten"  Unterroerfung 
unter  bie  ^JJacfitgebote  be§  mobernen  !StQatc§  öerfünbet,  fon= 
bern  ond)  praftifd)  burd)  brutale  Unterbrüdung  beffen ,  lüaä 
immer  feinem  „(^ortfdiritt"  unb  feinem  ^ßorttjeit  im  2Bege  ftanb. 

IJiur  auf  einem  einzigen  ©ebiete  unterließ  es  ber  2iberali§= 
mu»,  bie  abfolutiftifcften  Folgerungen  feiner  2el}ren  5U  äie^en, 
ber  „9]hjeftät"  be§  ftaatlidjen  (3efe|e§  feine  5tnerfennung  ju 
sollen,  ^pier  burfte  bie  ftaatlid}e  3tecöt§orbnung  nur  bie  QuBer= 
ften  Sinien  marfiren,  foröeit  bie  ©i'iftens  ber  ©efeüfcbaft',  bie 
gortbauer  ber  33efi|öerl)ältniffe,  eä  erfieifc^te.  3^arüber  I}inau§ 
aber  fodte  in  bem  Sereidie  öfonomifc^er  S^ätigteit  unb  tt)irt= 
f(^aftlid)en  ©treben»  alle»  ber  „9htur",  bem  Dhiturinftincte 
ber  Selbftüebe,  bem  natürlidien  (ärmerbStriebe  be§  50^enfd)en 
übertaffen  bleiben.  Man  erfanb  5U  biefem  ^mtdt  ein  neue» 
„ühturred)t",  fprod)  üon  ben  etüigen  „Dtaturgefe^en"  ber  tt)irt= 
fc^aftlidien  Crbnung,  um  jebe  unbequeme  ©inmifdjung  ber 
Staatsgemalt  aüfobalb  al»  „unnatürlid)"  branbmarten  ju  fönnen. 
@D  f(^uf  man  t^atföc^Iic^  einen  3uf^aii^  »^ei^  Unnatur,  tüeld^er 
in  fdmeibenbem  S3iberfprud)e  ^um  alten,  d^rifttidjen  5laturred)te 
fogar  ber  brutalften  @elbflfud)t  freie  58a^n  öerfcbaffte  unb  ben 
fapitaüftifdjen  (SgoiamuS  ungel)inbert  an  ber  Qual  unb  ben 
Seiben  feiner  Opfer  fid)  loeiben  lie^. 

SBürben  ^eute,  in  Ie|ter  Stunbe  nocb,  aUe  beffern  (SIe= 
mente  ber  ©efeüfdjaft  fid)  muttjig  unb  opferfreubig  um  ba§ 
33anner  ber  ^riftli(^en  Aird)e  unb  be§  d)rift(ic^en  ©taate§ 
fcbaren  jum  tjeißen,  aber  gan^  gemiß  fiegreid}en  Kampfe  gegen 
ben  2iberali§mua  —  bie  öertörperte  Dieüolution  auf  bem  @e= 
biete  be§  2)enfen§,  ber  9^e(igion,  ber  ^olitü,  ber  3}oIf§tüirt= 
fc^aft  — ,  eine  frieblid)e  Söfung  ber  bie  ^^dt  be^errfdjenben 
fociaten  fragen  märe  aud^  je|t  nocb  möglicb.  5tnbernfa[I§ 
aber  wirb  ber  Ärater  ber  3teüoIution  ficb  nid)t  e[}er   fd)ließen, 


24      ®ie  Ijeutigen  ^einbe  ber  ^riftli(f)en  ©efeCfd^aftgorbnung. 

qI§  6i§  burd)  bte  «Sociolbemofratie  bie  leMen,  abfolutiftifi^en 
gonfequenjen  be»  2iberali§mu§  Qud^  für  t)ü^  trirtfc^aftlidje  Seben 
in  ber  5praji§  gebogen  [inb  unb  [i(|  al§  ein  93erberben  ber 
menfd}Iid)en  ©ejetfidjaft  erfaljrunggmäf^ig  bemiefen  ^abcn. 

7.  ®§  i[t  bon  jet)er  ba§  Seftreben  ber  focioliftif^en  5Igita= 
toren  getoefen,  ben  toaljxtn  6f)arafter  ber  fociaüfli]d)en  Se= 
wegung  in  ^un!el  ju  ptten,  um  \\ä)  in  ben  klugen  ber  getoufc^ten 
9}?enge  ben  9?inibu§  eine§  er[el)nten  9tetter§  an^  foctaler  9lotö 
berfd)affen  5U  fönnen.  33or  ©eridjt  gefragt,  lüa»  benn  eigentlich 
ber  @ociQli§mu§  fei,  antwortete  ^roub^on:  „3ebe§  Seftreben 
nad)  23erbefferung  ber  gefeüfdiaftlidien  2?er^Qttniffe."  9Ui§  bem= 
felben  ©runbe  raar  man  auc^  unablöffig  bemül}t,  bie  (Segen^ 
fä|Iid)!eit  be§  ©ociaIi§mu§  gegen  bie  inbiöibualiftifdie  Unge= 
bunben^eit  ber  liberalen,  !apitaltftifdien  Spoc^e  Ijerborju^eben, 
mit  gtü^enben  färben  bie  glüdlic^e  3eit  ju  fc^ilbern,  in  tt}e(d)er 
burc^  eine  jielbemuBte  ©efomtleitung  bie  ^robuction  planmäßig 
geregelt  unb  jene  fd)recfltd)e  5Inard)ie  auf  mirtfdjaftUdöem  ®e= 
biete,  unter  ber  mir  oHe  feufjen,  befeitigt  merben  foll. 

5tber  man  bead)te  mo^f,  biefer  ©egenfat^  befielt  nur  ämifc^en 
bem  ö!onDmifd)en  2iberaliömu§  unb  ber  ©odotbemolratie, 
nid)t  5raifd)cu  8ociaIi§mu§  unb  2iberali§mu§  f(^Ied)tf)in.  @§  ift 
nid)t  einmal  in  biefer  23efc^ränfung  ein  eigentlich  principieller 
©egenfa^,  fonbern  nur  ein  ©egenfatj  ber  Folgerungen  unb  ^'0X= 
berungen,  bie  au§  genau  benfelben  ^rincipien  gebogen  merben, 
—  im  Sutereffe  einer  ^(affe,  ber  33ourgeoifie,  feiten§  be§  2ibe= 
rali§mu§,  im  ^ntereffe  be§  abfoluten  g-rei^eitS^  unb  @(ei(i^[)eit§= 
3uflanbe§  „aller"  feiten§  be§  bemotratifc^en  (£ociaIi§mu§. 

Sßenn  baljer  b.  ©c^äffle  in  feiner  „Guinteffenj  be§  ©0= 
cialismuä"  ben  «Sa^  auffteüte:  „^a§  A  unb  ß  be§  (5ocia= 
Ii§mu§  ift  bie  SBermanblung  ber  pribaten  ßoncurrenjfapitale 
in  einheitliches  ßoUectibtapital"  1,  fo  ^atte  er  bamit  allerbing§ 


Ouintejjcitä  ©.  12. 


2.  ®er  (SociatiSmuä  nt§  Siberali^muS  be§  üierten  8tanbe§.    25 

ba§  Q  be§  ©DcialiSniua  rii^tig  be5eidinet,  '^infic^tlii^  be§  A 
jebocl  in  bebauerüc^er  SBetfe  [id^  getäujcfit.  ®ie  ^yeinbfc^aft 
gtotfi^en  D!onomii"(f)em  2iberali§mu§  unb  mobetnem  @ociaIi§= 
mii§  erfd^öpft  nid^t  beffen  gangen  Segriff,  becft  fein  eigent= 
Ii(f)e§  unb  innerfteS  SBefen  feine§tt)eg§  auf.  9Bäre  ber  fogen. 
<Socia(i§inu§  nic^ta  anbete»  ala  ein  no(^  fo  fd^toffer  ^roteft 
gegen  ben  „^anipf  um»  2)afein"  im  ©inne  be»  öfonomifd^en 
8iberali§nui§,  n^öre  er  nur  ba§  33erlangen  nad^  einer  gerecEitern 
©eflaüung  be§  focialen  2eben§,  forberte  er  (ebiglid)  bie  f(^ürfere 
^Betonung  unb  praftifcfie  ©eltenbmacbung  ber  fociaten  ^f(icf)tcn 
unb  3iM'^"i"i^"^|^i"9^ '  begnügte  er  ficf)  mit  einer  noc^  fo  tief 
greifenben,  aber  immerijin  gefunben  unb  ouganifd^en  llmbilbung 
be§  gefamten  (Srmerb§(eben»  —  mir  mürben  öieüeidfit  bie  un= 
geftüme  unb  leibenfcbaftlid^e  ?(rt,  mit  ber  er  feinen  ^(änen  jum 
«Siege  üerl)elfen  miü,  tabeln  muffen  —  jeboc^  principieü  ganj 
unb  bot!  auf  feiten  eineä  fold^en  @DciaIi§mu§  ftef)en.  9tber 
nein,  nid^t»  bon  aUebem  ift  ber  moberne  (5ociaIi§mu§.  @enau 
fo  mie  ber  2ibera(i§mu§  gefjt  ber  ©ociaIi§mu§  entmeber  bon 
einer  falfd)en  5(na(Qfe  ber  nienfifiüd^en  9Jatur,  i^rer  ^nftincte 
unb  2:riebe  au§  ober  fe^t  bod^  menigfteny  in  feiner  @efdt)id)t§= 
pf)ifofop^ie  biefe  falfc^e  5lna(t)fe  borau§,  inbem  er  fein  ^ö^ere», 
(e^te§  3iet,  fein  IjöfiereS  ©efe^,  feine  ebfere  Lebensaufgabe 
fennt  a(§  ben  inbibibueüen  ®enu^,  bie  materieüe  5Befriebigung. 
Unb  menn  feine  praftifc^en  ^orberungen  fd^Iiei3li(^  nod^  be§= 
potifcber  erf(i)einen  al»  bie  Seiftungen  be§  „mobernen  <Staate§", 
menn  er  nid^t  nur  bie  Religion,  bie  ©rgieijung,  bie  @f)e,  bie 
2Biffenfd)aft,  fonbern  aud)  jebe  öfonomifdEie  ©elbftänbigfeit,  jebe 
freie  eefbftbeftimmung  ber  ^nbibibuen  unb  ber  5lffociationen  auf 
mirtfd)aft(idöem  ©ebiete,  jebea  corporatibe  5]^ittefglieb  jmifd^en 
bem  (Sinjelnen  unb  ber  ©efamtl)eit  in  ben  ^(bgrunb  be§  ah= 
fofutiftifc^en  «Staate^  ober  ber  abfoIutiftifd)en  „©efeflfcöaft"  ber= 
fenfen  mifl,  fo  gefd)ie^t  ba§  nid)t  fo  fef)r  eine§  ^rincip§  megen, 
fonbern  meil  er  ea  im  angeblichen  ^ntereffe  be§  bierten  8tanbe§ 

q3cfd&,  Sifieraltgntuä  ic.  I.   2.  Stufl.  .2 


26      ®ie  f)putigen  ^reinbe  ber  c^rifllidfjen  ©efeüfcE)aft§orbnung. 

für  bort^eilfiafter  ^ält,  bie  abfolutiflifd^en  (Jonfequenäen  be§  2i6e= 
rali§mua  gonj  imb  boH  — -  aurf)  für  ha^  öfonomifdie  ©ebiet  — 
gu  gießen.  Chatte  bie  liberale  iöourgeoifie  ben  ©tQat§Qb)oIuti§= 
iTiu§  ju  i^rem  eigenen  Df^u^en  §u  bernienben  toie  ju  befdiränfen 
berflanben  unb  bemgeniä^  bei  aUer  33erf)errnd)ung  ber  6taat§= 
omnipüteuä  ber  berei^tigten  ©inföirfung  be»  ©taatea  auf  ha§i 
(Sriüerbgleben  gegenüber  |ic^  ablel^nenb  ber^alten,  fo  nu|t  ber 
©ocialiSmu»  genau  eben  biefen  felben  5Ib|oIuti§mu§  gegen  bie 
iBourgeoifie  unb  jum  33ort^eiIe  be»  Proletariates  au»  ^. 

3ti)ifcf)en  2iberali§mu§  unb  ©ocialiSmuS  be= 
fle^t  alfo  im  ©runbe  genommen  !ein  mefentlii^er,  prin= 
cipieUerUnterfdiieb.  Ser  gan^e  ©egenfatj  smif  d^en  beiben 
füf}rt  fidö  auf  bie  33erf(^iebenl}eit  ber  praftifd^en  <Bä)\u^= 
folgern n gen  jurüd,  inbem  ber  ©ocialiSmuS  unter  ben  au§ 
ben  liberalen  ^rincipien  al§  Ie|te  ßonfequenä  fic^  ergebenben 
©taat§abfoIuti§mu§  and)  ba§  mirtl'cEiafttidie  Seben  unb  6treben 
ber  9J]enfd)en  ju  beugen  fi(|  beftrebt. 

2Bir  Jjalten  e§  gerabe  im  gegenmörtigen  51ugenblide  für 
eine  ©acfie  üon  pctifter  Sebeutung,  ba^  man  ficE)  immer  mieber 
auf  biefe§  n^afjre  SSerfjältnip  befinnt.  |)at  man  fid)  bod)  —  in 
einzelnen  göHen  n)enigften§  —  fo  meit  berirrt,  ha)^  man  ben 
officieHen  33ertretern  be§  2iberali§mu§  ben  Flamen  einer  „ftaat§= 
erljaltenben"  ^Partei  juertannte  unb  öon  biefen  Sobfeinben  ber 
diriftlic^en  ©efeüfi^aftSorbnung  fomie  be§  magren  3SoI!§n)o^Ie§, 
öon  ben  33erfed)tern  rebolutionärer  3been  (5d)u|  unb  ©tärfung 
ber  ftaatlidien  unb  gefeüfdiaftüdien  Orbnung  erroartete. 

2Bie  bitter  unb  fdiarf  aud)  bie  geinbfc^aft  ber  l^eutigen 
focialbemotratifdien  spartet  gegenüber  ben  liberalen  Parteien 
fic^  äuf5ern  mag,  ber  (5ociati§mu§  at§  ©l)flem  ift  ibentifc^ 
mit  bem  2i6eraU§mu§,  ift  nid)t§  anbere§  al§  ber  2iberali§mu§ 


1  SSgl.  2t.  m.  aSeife,  ©ocxale  gfrage  unb  toctale  Drbnmig  II 
(3.  Slufl.),  643  f. 


2.  ®er  ©octolt§inu§  al§  ßi6eralt§mu§  be§  öicrten  ©tonbc§.    27 

confequent  burcfigefül^rt,  ber  2i6erQlismu§,  tüie  er  fid)  barfteüt 
im  ©eifte  be§  ^roletarietö ,  fuq,  ber  2iberQli§mu§  be§ 
öierten  ©tonbeS.  2öer  barum  ben  (Sociaüatnua  er[Dlg= 
reid^  befämpfen  mü,  ber  ridite  feinen  Eingriff  gegen  ben  2i6e= 
rQli§mu§.  51id)t  in  fic^  feI6[t,  [onbern  nur  in  unb  mit  bem 
SibernliSmua  mirb  ber  <5ociaIiamu§  enbgiltig  ü6ern3unben. 

8.  llnfere  ^luffaffung  i[t  feine»tt)eg§  neu.  3}or  allem  mar 
e§  ber  l^oi^felige  W]ä)D\  bon  9}lainä,  SBill^elm  Immanuel 
b.  .^etteler,  me(d)er  ber[eI6en  mieber^oÜ  5(u§bru(i  berliefien 
^at.  2Bir  erinnern  nur  on  eine  mal)rf}a[t  flaffifd^e  ©teEe  in 
ber  ©ci^rift   „2)ie  5lrbeiterfrage  unb  ba§  ß^^ri[tent§um"  ^t 

„2öenn  e§  feinen  perfönlicfien  ©ott  gibt,  ober  wenn  e§ 
roa^r  i[t,  hü}i  bie  S^age  über  bie  ßriftenj  ®otte§  nod^  ein 
mi[fen)d)aft(id)e§  5|]rob(em  ift ;  n^enn  alfo  ber  ©tanbpunit  [ämt= 
lieber  europäifd^en  9fegierungen,  bie  auf  aüen  Setirtan^eln  ber 
§D(^id)u(en  unferer  gefamten  beutf(i)en  Sugenb  biefe  fyrage  a(§ 
^oflulat  ber  2öiffenfd}aft  in  S^^eifel  äie^^n  laffcn,  wenn  ber 
5]^iteriali§mu§  unb  ber  5]3ant[)ei§mu§  bered)tigt  finb;  menn 
aUe  jene,  bie  ba  bem  ^reigemeinbleriüefen  ^ulbigen,  menn  bie 
grof^e  liberale  Partei  redjt  l^at,  fo  ift  ha^  ganje  ^riöateigen= 
t^um§red^t  mit  allen  ©efe^en,  bie  ba§feI6e  reguliren,  lebiglic^ 
unb  auafd)Iie^Iic^  ganj  unb  gar  ^Uienfc^enroille  unb  mc^t§  al§ 
DJIenfc^enttjille ,  unb  id)  fe^e  nidit  ein,  meiere»  begrünbete  S3e= 
beuten  man  bann  ergeben  mill,  menn  bie  93taffe  ber  5)ienfc^en, 
bie  fein  ©igent^um  befi^en,  einmal  burd)  Dlkjorität  ben  S3e= 
fd)[uB  fa^t,  baß  bie  33efi|enben  i^nen  einen  Sfjcil  al§  5tnlei!^e 
überlaffen  foHen  -.  3n  biefem  g-aHe  fann  e§  nid)t  ausbleiben, 
ha]^  fie  fpäter  nod)  ttieiter  getreu  unb  ftatt  ber  51nleif)e  einen 
2;^ei(  a(»  (äigent^um  forbern.  2)a§  fann  fogar  ge)d)et)en,  ol^ne 
be§^a(b  hü§!  9laturgefe|  be§  (Sigent^um§re(i^te§  ju   beftreiten 

»  2.  Slufl.  (93kin5  1864)  ©.  74  ff. 

2  ßafjalle,  ben  ü.  ßetteler  im  Sluge  ijat,  forberte  äunädjft  nur 
einen  ©taatäcrebit  jur  ©rricQtung  bon  ■probucttögenoffenfd^aften. 

2* 


28      S)ie  heutigen  fjetnbe  ber  c^riftlid^en  ©ejeÜf(!^oftlorbnung. 

unb  infolge  einer  fo  beliebten  Seutung  beSfelben.  @§  pngt 
bann  alle§  öon  ber  ^JJaiorität  ob,  unb  [ie  f)üt  namentlich  auc^ 
über  bie  ^rage  ber  Erbfolge  be§  @igentt)um§ ,  b.  f).  borüber 
ju  entfc^eiben,  ob  unb  inioiefern  bQ§  9?aturgefe|  bie  5lner!en= 
nung  be§  (ärbrecf)te§  mit  fic^  bringt.  ®er  fogen.  moberne 
©taot  fte^t  grunbfä^Iic^  ganj  unb  gar  auf  biefem  ©tonbpuntt. 
Stöie  fann  man  glauben,  ba^  man  bie  ßonfequenjen  beSfelben 
be^üglid^  einer  UmgeftaÜung  be§  @igent§um§rec^te§  auftjalten 
fann?  Sie  gonje  Partei,  bie  je|t  bie  treffe  unb  alle  ©tänbe= 
t)erfammlungen  be§errjd)t,  bertünbigt  un§  ja  oljue  Unterlaß 
biefe§  l^eilbringenbe  ©runbgefe^  be§  neuen  ©taote§,  bafe  o^ne 
9tü(f[ic^t  auf  bie  SSergangen^eit,  oI;ne  9iüc!nd)t  auf  frühere 
a3erträge,  insbefonbere  unb  öor  aüem  o^ne  9{ü(ffid)t  auf  t)ü^, 
h)a§  ber  diriftlic^en  Äird^e  gebüfirt,  nur  mel^r  9tec^t  ift,  tüa§ 
bie  ©tänbeöerfammlung  per  maiora  entfdjeibet.  ©elbft  bie 
5[l?itmirtung  einer  föniglicben  ©emalt  unb  einer  @rften  Jlammer 
betrachtet  fie  al§  antiquirte  5tbnormität,  bie  ber  gDttfc^ritt 
balbmöglict)ft  über  ben  Raufen  merfen  mu^,  unb  fie  t)at  aiid) 
barin  boüfornmen  red)t,  ioenn  jene  ^rofefforen  red)t  Ijahtn,  bie 
Surften  unb  Hönige  bem  beutfd)cu  23Dlte  gu  2e^rern  gegeben 
fiaben.  2)ie  abfolut  not^menbige  ßonfequens  biefe»  gangen 
©t)ftem§  ift  eine  Kammer,  unb  tt)a§  biefe  eine  Hammer  be= 
ftimmt,  ift  ©efe^,  unb  föer  fic^  bogegen  auf  fein  ©emiffen, 
auf  feinen  ©tauben,  auf  I}ergebrad)te§  9ted}t,  auf  (5^riftu§ 
unb  (Sott  beruft,  ift  ^od)Oerrätt)er,  er  fünbigt  gegen  bie  9Jiaje= 
ftüt  be§  5i5oIföminen§.  SBarum  foü  benn  aber  um§  |)immel§ 
tt)iDen  biefe  Slbjorttat  auf  einmal  bor  bem  ©elbbeutel  ber 
reid)en  liberalen  ftet)en  bleiben?  äßenn  fie  ba§  9ied)t  ^at, 
uufer  ©eroiffen  nüt  t^ü^en  gu  treten,  unfern  ©tauben  ju  ber= 
t)ötjnen,  ®ott  unb  Gt^riftuö  ju  läuguen,  fo  tüäre  eg  bo(^  un= 
auSfpredfitid)  lüäjaliä) ,  bel^aupten  ju  tooüen,  "üa^  auf  einmal 
bor  bem  ©elbbeutel  ber  SJJitlionöre  biefe  neue  äöeltorbnung 
tüie  berjaubert  fcftftetjen  bleiben  mü^te.     5iein,  nein!   bafür 


2.  ®er  ©octaIt§tnu§  qI§  8itieroIt§mii§  be§  bierten  ©tanbe§.    29 

lüirb  ©Ott  Jörgen.  2)a§  tinrb  nimmer  ge[(f)ef)en.  Wix  muffen 
bie  ßonfcquen^en  unferer  ^^rincipien  bi§  juin  legten  Kröpfen 
au§trin!en,  mögen  Die  Slropfen  nod}  fo  bitter  fein.  235enn  biefe 
liberalen  5)^QJorttQten  mit  ber  (Souberönitöt  ifjrea  SBiüena  bie 
tanfenbjöOrige  (Bteüung  ber  ^irdde  mit  §ot)n  megbecretiren 
unb  unfer  d)rifllic^e§  ©etüiffen  in  allen  feinen  gafern  fränfen 
bürfen,  bann  tcerben  halh  onbere  5)laioritäten  nadjfommen, 
bie  ganj  unb  gar  auf  bemfelben  53oben  unb  mit  berfelben 
5)iajorität  nidjt  nur  5JJiüionen  aU  8ubfibien  für  bie  5(rbeiter= 
bereine,  fonbern  nod)  ganj  anbere  2)inge  forbern  roerben.  33om 
©tanbpunfte  ber  liberalen  Partei  unb  jener  SBiffenfc^aft ,  bie 
im  5hmen  ber  9tegierung  bon  fo  bieten  Sefirfanjetn  ge(ef;rt 
mirb,  ift  boljer,  tt)a§  bie  ©eredjtigteit  ber  bon  Saffaüe  bDr= 
gefd)(agenen  53h^regeln  angef;t,  \vioi)l  fid)er(id)  gar  fein  S3e= 
benfen  ju  erfjeben.  6ä  ift  bictmefir  nur  ein  uneublid)  befdbei= 
bener  Einfang  gan^  anberer  Singe,   bie  ha  fommen  muffen." 

5(ud)  b.  ©c^ äffte  trat  in  feiner  (gd^rift  „2)ie  ?tu§fic^t§= 
lofigfeit  ber  ©ocialbemofratie"  biefer  bon  ben  !att)oIifd)en  ©0= 
ciatpolitifern  ftetö  bertretenen  5tnfid)t  bei. 

„S)er  ©ociaIi§mu§  ift  in  ber  »Ouinteffenj'  nur  nad^  feinen 
lbirtfd}afttid}en  g-orberungen  unb  g-olgerungen  bead)tet  morben; 
bie  .Qtugt)eit  [?]  gebot  biefe  Öinfd}rdufung.  3n  ä'ßirflidjfeit 
ift  er  eine  ganje  $ßettanfd)auung,  mie  S^txx  53ebel  fagt:  5tttjei§= 
mu§  in  ber  Üietigion,  bcmo!ratifd)er  9tepublifani§mu§  im  «Staat, 
6onectiöi§mu§  (8taat§probuction)  in  ber  5BoIt§mirtfd)aft,  unb, 
barf  man  Ijinjufe^en,  maf^tofer  Optimismus  in  ber  (Sttjit, 
naturaliftifdjer  5J{aterioIi§mu§  in  ber  TMapl]\)\\t,  Soderung 
be»  ö'(iniilien=  unb  @t)ebanbe§  ober  baran  etrcifeiiöeS  im  C^aufe, 
©taat»er^iet)ung  in  ber  ^^übagogif,  allgemeine  ^tufflärerei  im 
Hnterrid}t.  S)a§  ©anje  Ijei^t  t^reif;eit  unb  ö)(eid)§eit  mit  5lc= 
centuiruug  ber  (entern."  ^ 


1  t).  ©(^äffle  Q.  0.  D.  ©.  3  f. 


30      ®ie  fjeuttgen  g^einbe  ber  ö^riftltd^en  ©efeüfd^aftgorbnung. 

Bürger  gejagt :  ©er  tnoberne  @Dciaü§mu§  ^  i[t  5ltf)ei§mu§ 
feiner  2öeItQnf(i)auung,  od)Io!ratif(^er,  proletorifdier  5lbfDluti§= 
mu§  feinen  politifd^en  unb  foctalen  ^^orberungen  nad).  @r  ift, 
lüie  gefagt,  ber  2iberali§mu§  be§  öierten  ©tonbeS.  S)er  Unter= 
fd^ieb  bea  3^amen§  beruf;t  lebigüd)  barauf,  bofe  ber  bürgerliche 
„2iberQli§mu§"  fic^  nad)  bem  inbibibuoliftifd^en  21  u§. 
gang§punfte,  ber  coHectibiftifdie  „(5Dcian§mu§"  aber  na(^ 
bem  aüfeitig  ab f o In tiftifdien  (Snbpunfte  ber  ganzen 
tfjeoretifd^en  unb  praftifc^en  Strfo^rt  benannt  ^at.  Srud)tlD§ 
unb  au§fid)t§Io§  finb  barum  aui^  alle  Semüljungen  ber  libe= 
raten  Parteien,  ben  ©ociati§muö  bon  \\6)  abjufdiüttetn. 

5Jkn  fü^rt  h)D^t  liberaterfeitö  mit  S^orliebe  bie  „llnmög= 
Iid)feit"  einer  focialiftifdien  ©efeüfdiaft^orbnung  in§  ^^elb.  5tber 
ber  «Socialift  fpottet  jener  „Unmögüdjfeit",  ba  ber  „anmä(^= 
tige"  Staat  tieute  f(|)on  bietet  möglid)  gemadit,  tt)o§  etjebem 
für  „unmöglich"  get;alten  tt)urbe.  9Jian  poc^t  ouf  ba§  |)eer 
unb  beffen  SiSciptin.  5tnein  wer  berechnet  bie  ^a'^l  ber  ©0= 
cialiften  im  |)eere?  Unb  bie  2)i§ciplin?  D^ne  Steligion,  ofjne 
fittlic^ea  ^flic^tgefü^t  ift  fie  ein  bloßer  3öuber,  über  ben  ber= 
jentgc  berfügt,  ber  Uniformen,  ©emel^re  befi|t,  bie  militörifci^e 
Tlü\\i  ertönen  unb  ßommanborufe  erfdiaüen  lo^t.  2öenn  enb= 
lid)  bie  atebolution  ouabrec^en  mürbe  fogar  in  einem  3eitpunfte, 
mo  bie  5lrmee  nic^t  einmal  jugleic^  einem  äußern  ^mht  gegen= 
überfielt,  —  ma§  tonnten  bie  compacten  §eere§maffen  im 
©trafjenfampf  gegen  2)t)namit  unb  Petroleum  nü^en? 

S)er  SocialiSmuS  mirb  fiegreid)  nur  im  geiftigen  ^ampf 
unb  "burä)  friebtidie  Steformarbeit  übermunben.  |)ier 
aber  ift  ber  2iberali§mu§  unföglici^  f(^mad()  unb  I)iIfIo§,  bie 


'  ©einem  focialen  S"^alte  naä)  ftintmt  ber  ©taatöfociaUemuö  im 
toejentlic^en  mit  ben  (SentvQlifatton§t)e[trebungen  ber  mobernen  SDcial= 
bemofratie  überetn;  t)oIttifd^  jebod^  toill  er  „conferöatiü"  fein  unb 
ftatt  bem  bemofratifdf^en  bem  cöfariftijd^en  2lt)fotuti§mu§  auf  n)irt= 
|(i^aftlic^em  ©efiiete  bie  2Bege  bereiten. 


2.  Ser  ©octaIt§mu§  qI§  SiBeraIt§tnu§  be§  öterten  ©tanbeä.    31 

confequente  Sfeform  xo'xtl  er  nicfit,  imb  ^um  geiftigen  ^ompf 
fehlen  if;m  bie  Sßnffen.  ^ie  liberale  ^ßourgeoifie  mag  alle§ 
gegen  bie  Sodaliften  einföenben  ober  unternehmen,  —  eine§ 
fte^t  i^r  nicfit  p  ©ebote:  nic^t  ein  einziges  5princip, 
feine  3bee  bermag  [ie  ber  «Socialbemofratie  gegenüberjus 
ftellen.  5D'Jan  maä)t  boc^  nur  ben  SSerfud)  unb  jielje  öon  ben 
fociatiftifc^en  Se^ren  afle§  ab,  ma»  nic^t  ben  Sfieorien  be§ 
liberaten  greibenfert^umS  entlefjnt  ift.  2)er  9te[t  rebucirt  ficf) 
auf  ben  einen  Sa|,  baf]  biefelben  Se^ren,  bie  früher  ber  33our= 
geoifie  gebient,  in  3u^unft  bem  ^Proletariat  gute  Sage  oer= 
fci^affen  foUen.  ®a§  ift  bie  maljre  Quinteffenj  be§ 
©ociaIi§mu§,  bie  einzige  „llnterf(5eibung§le^re",  mätjrenb 
im  übrigen  bie  boflenbetfte  Uebereinftimmung  I)errf(f}t. 

W\i  '^cä)t  berfiö^nt  barum  bie  ©ocialbemofratie  ba§  liberale 
53ürgertf}um,  menn  baSfelbe  in  feiner  heutigen  SebrängniB  fid^ 
plö^Iirf)  mieber  auf  ba»  „Diecbt",  ein  „©ittengefe^"  berufen  miü, 
t)a§>  e§  bislang  t^eoretifi^  unb  praftifd^  öerläugnet  !^at. 

„(£($aue  man  fic^  boc!b  um  in  ben  9{ei^en  berer,  meldie  aöe 
religiöfen  Sbeale  aufgegeben  tjaben,  ob  fie  mirflid)  beffere  9J?en= 
fcben,"  fagt  mit  Otec^t  ber  ©ocialift  «Stern i,  „ob  fie  tDir!= 
lic^  l^uman  gefinnt  finb  unb  ^umon  bflnbe(n  gegen  it)re  (5on= 
currenten,  gegen  i^re  5lrbeiter ;  ob  ni(i)t  i^re  ,'öumanität  groBen= 
t^eil§  oon  jener  Sorte  ift,  metcbe  |)einrid)  |)eine  bie  fatte 
Sugenb  unb  äa^Iung§fät}ige  ÜJIorat  nennt,  inbem  er  aufruft: 

©ie  efjen  gut,  fie  trtnfen  gut, 
©rfreun  fid^  iiixtä  3!JtauIluuifö9lüdEö, 
Unb  il^re  ©rofetnutl^  ift  fo  grofe 
211^  tote  baä  ßod)  ber  2trmenbüc^§. 

O  bafe  iä)  gro^e  ßafter  fä^', 
95erbrec^en,  blutig,  folofjal, 
3tur  bteje  fatte  Sugenb  niii^t 
Unb  äafjlungsfö^ige  9J^orat." 


1  §albe^  unb  ganaeS  greibenlertt)um  (2.  Stuft.,  ©tuttg.  1889)  ©.  17. 


32      S)ie  ^^eutigen  S^einbe  ber  c^riftlic^en  ©efeßfc^aftgorbnung. 

llnb  [oüte  ein  liberaler  (Staatsmann  berfcfiämt  unb  ]i)nä)= 
tern  meinen,  für  ben  Proletarier  fei  bie  Üteligion  bocf)  nii^t 
o^ne  Sebeutung,  bann  meift  i^n  berjelbe  ^Socialift  auf  bie 
33er6rec^en  §in,  lüeldie  gerabe  ber  Siberaliamua  an  bem  (5^ri[ten= 
tf}um  Derü6t  ^at: 

„3)ie  religiöfe  2Beftan[if)auung  ifl  föiffenfd^aftlic^  löngft 
übermunben,  barüber  [inb  mir  roof)!  aüe  einig!  5(u§  grobem 
unb  leiditem  (Seld)üt3  [inb  in  ben  testen  5af)r,^ef)nten  bie  ®e= 
fi^offe  geflogen  gegen  ba§  ^oüroerf  be§  ©upranaturaliamuS, 
bie  ünä)t,  unb  gegen  biefen  felbft.  ^difofop^ie,  5RaturtDiffen- 
f^aft,  @ef(f)id)te  unb  53i6e(!ritif  finb  a(§  mädjtige  5(nionä 
gegen  bie  ürc^liclen  S^ogmen  üorgerüdt  unb  ^aben  i^nen  ben 
guB  auf  ben  9laden  gefegt,  I}a6en  ba§  33anner  ber  33ernunft 
aufgepflanzt,  wo  ef^ebem  bie  Q^al^ne  be§  ®(auben§  roel^te.  (S§ 
ttjurbe  and)  mit  ben  (Srgebniffen  ber  freien  ^orfdiung  feine 
n}iffenid)aft(ic^e  ®ef)eimniBfrämerei  getrieben  lüie  e^ebem,  too 
bie  religiöfe  ©fepfi§  unb  öörefie  nur  (ateinifd)  rebete  unb 
fcbrieb,  bamit  ba§  33oIf  braußcn  nid)t§  baüon  l)erftef)en  foU. 
9iein,  in  Sücbern,  53rofd)üren  unb  g^itungSartifein  f)at  fi(^ 
eine  föafire  öod)fIut^  öon  guten,  mittelmäf^igen  unb  fd)[ed)ten 
aufftärerifdien  ^ubticationen  in  ofle  «Scbic^ten  ber  ©efeflfdiaft 
ergoffen,  unb  ebenfo  rourbe  in  5a^[rei(^en  3}orträgen  bie  t^adel 
ber  5(uf!(arung  gef(^tDungen,  lüefdie  baih  mi(be§  2id)t  au§= 
ftra()(te,  balb  greflrotfjen  Sd)ein  berbreitete."  ^ 

9,  <Bo  bleibt  bem  liberalen  53ürgertf)um  für  feine  poIi= 
tiid)e  unb  öfonomifdie  ^Jhc^tfteüung  fein  anberer  2itel  übrig 
al»  bie  nadte  Sfjatfac^e  feiner  ^errfc^aft.  5(ber  umfonft 
beftrebt  fid5  bie  33ourgeoifie,  auf  ®runb  biefea  Sitels  i^ren 
33orrang  ju  befjaupten,  —  fie,  bie  geftern  if}r  3etftörung§= 
wer!  öoüenbet  unb  ^eute  \\ä)  bemüht,  bie  ettjige  ^auer  be§ 
©ebüubea  ju  berfünben,  lüeldie»  fie  eiligft  auf  ben  Srümmern 


1  ©tern  a.  a.  O.  ©.  8. 


2.  S)er  ©octQli§tttu§  qI^  ßtl6erQltätnu§  be§  bierten  ©tanbe§.    33 

einer  burci^   bie   So^jvtjunberte   gert)ei£)ten  93ergan9enl)eit    auf= 

führte.     „SBer  feib  it}r  benn,"   lä^t  53alme§i  bie  fociali[ii= 

fd^en  5lpo[teI  bem  liberalen  Sürgertl)um  entgegenrufen,   „wer 

feib  i^r  benn,  bofe  il}r  e§  tüagt,  baS  Söort,  tt)elrf)e§  ber  ©d)öpfer 

ben  S3ogen  be§  93ieere§  anbefol;!,  an  mid)  (ben  ©ociaUgmus) 

gu  ridjten :  S)u  tüirft  nid^t  weiter  ge^ien  ?   (Suer  SBorrec^t  gegen 

mic^  beftetjt  barin,  ba^  il)r  geftern  antamt  unb  id}  (jeute  an= 

fomme.     (Sine   33ergangent}eit ,    weldK   mehrere   Söljrljunberte 

5ät)lte,   fonnte  end^  feine  33eriäl}rung  entgegenljalten ,  unb  \i)i 

foütet  glauben,  fie  gegen  mid)  anrufen  ju  fi)nnen,  itjr,  bie  it)r 

nur  einen  Sag  jätjü?    2)a  i(}r  mit  euern  Stjeorien  ben  S^er^ 

fud)  madjen  tonntet,  fo  werbet  iljr  mir  nid}t  im  SBege  ftetjen, 

mit  hm  meinigen   aud)   ben  3>erfud)   ju  mad)en;   ba  ifjr  bie 

©efellfdjaft  nad^  bem  ^lane,   ber  eud)   beijagte,   eingerichtet 

'i)aht,  fo  la^t  fie  mid)  meinerfeit§  auf  bie  Sßeife,  weldje  mir 

gefüüt,   wieber  aufbauen;   itjr  tratet   im  Dramen  ber  5}ienfd^= 

Jieit  auf,  in  it)rem  5^amen  trete  id)  auf;   wenn  il)r  bie  grei= 

^ett  berfünbigtet,  fo  üertünbige  aud^  id^  fie  auf  nid)t  weniger 

glänsenbe  SÖeife ;  wenn  i[)r  gegen  bie  Ungleii^t)eit  ber  ©tänbe 

logbonnertet,  fo  ift  e§  je^t  an  mir,  53Ii|e  gegen  fie  ju  fd^Ieu= 

bem;  wenn  if)r  alle§  33efte[)enbc  at§  ungeredtit  berbammtet,  fo 

berbamme  id^  mit  nid^t  weniger  9ted)t  ebenfadS  aüeS  53efter)enbe, 

D^ne  ein  einziges  eurer  SKerfe  babon  auSjunefimen.    "^ijx  l)abt 

ba§  ,9}Jenfd)en9efd)Iec^t'  jur  2:I)eiInaf)me  an  gewiffen  politifd^en 

9ted)ten  berufen,   bie  2Bo()Iurnen  aber   einer  fel)r  befc^rontten 

^nja^t  bon  ^^ribilegirten  geöffnet  unb  bann  in  ^odjtrabenber 

SBeife  ju  ber   @efellfd)aft  gefagt:   33egnüge  bidö   bamit  unb 

glaube  auf  unfer  SBort,  ha^  bu  eine  wirfüd)e  |)errfd)aft  au§= 

übeft.     5Ba§  mid)  betrifft,  fo  rufe  id^  in  ber  2;(jat  bie  gan^e 

5}ienfd)f)eit  sufammen,   nid)t  bamit  fie  an  trügerifdjen  (S,om= 

binationen  tt)eilnet)me,  wcld)e  Weber  il)ren  junger  fliüen,  nod^ 


aSermifc^tc  ©ciiriften  III,  69  ff. 

2** 


34      S)ie  heutigen  ^dnbi  ber  d^riftU(3^en  ©efellfi^aftgorbnung. 

i^ren  Surft  löfd^en,  noif)  t^re  Slö^e  bebecfen,  noc^  gar  i^rem 
©tDlje  fd^meid^eln  fönnen,  ha  bie  größte  5InäQ]^I  jebeä  9tec^te§ 
beraubt  bleibt;  td^,  id^  berufe  fie  jur  ®ütergemein)cbaft,  ju 
tt)irtücE)en  33ergnÜ9en,  ^um  ©enuß  eine§  ®Iücfe§,  it)el(i)e§  fie 
niemals  !annte,  jur  Dollftänbigen  unb  gänälid)en  Sefriebigung 
aller  ifjrer  ^Öebürfniffe ,  alter  i^rer  ^ieigungen  unb  aller  i^rer 
Saunen.  S)ie  grei^eit,  nield^e  il^r  |)rocIamirt  l^abt,  fc^ü|t  ben 
Firmen  nid)t  bor  ber  5tbpngig!eit  bon  bem  9teid)en,  ber  Siener 
mu|  bie  @e|e|e  feineg  iperrn  ertragen,  ber  33ettter  wirb  öor 
^älte  an  ber  Satire  jener  ^alüfte  jittern,  in  benen  bie  2Ser= 
fd^menbung  unb  bie  Suft  mit  fo  biet  llebermut^  ^errfd^en; 
lüa§  mid)  anbelangt,  fo  rufe  id^  eine  greitjeit  au§,  metdie  teinen 
Unterfd)ieb  äiüifd^en  ben  9feic^en  unb  5Irmen  butbet,  melcbe 
unter  ben  5!}Jenfd)en  feine  5lrt  bon  ©tiaberei  jugeben  wirb. 
(Sure  ®Ieid)^eit  ift  2üge,  bie  ftd)  mit  ber  fc^reienbften  Ungleid^= 
l^eit  berbinbet,  ttjeil  fie  bie  reidie  2öot;nung  be§  5}Md)tigen 
neben  ber  traurigen  §ütte  be§  dürftigen,  bie  gtäuäenbfte  ^rad^t 
neben  ben  tjäfslid^ften  Sumpen  befte^en  tä^t ;  tna§  mic^  angebt, 
fo  fenne  id^  biefe  mi^geftaltete  ®Ieid)f)eit  nid^t,  id)  tcerbe  nid^t 
bulben,  ba^  ein  bergolbeter  2Bagen,  bon  feurigen  Ütoffen  ge= 
äogen,  ha^  faum  in  ba§  Seben  getretene  ^inb,  ben  monfenben 
@rei§,  bem  feine  ITräfte  nid)t  met;r  geflatten,  bie  @efat;r  ju 
bermeiben,  im  ^ßorbeige^en  sermalmen  fann.  Sd)  rniH,  ba§ 
jebermann  feine  ^leibung,  2Bot)nung  unb  9iaf)rung  auf  gleid^e 
SBeife  'i)a'b^,  ha\i  e§  für  aUe  einen  gtcid)en  S^eil  am  93ergnügen 
gebe,  ^d^  mü  nid^t,  ha^  ber  ©d^eiji  ber  ungef;euern  5)iel)r= 
l^eit  ber  5J?enfd)en  fortan  bie  mollüftige  9tu^e  ber  fdbtnad^en 
^Jünberjaf)!  nö^re.  .  .  .  @o  berftet^e  id)  bie  ®Ieid)t)eit,  bie  grei= 
^eit,  bie  geredite  3Sertf)eiIung  ber  9ted)te  unter  alle,  bie  maljren 
Sntereffen  be§  ajJenfc^engefc^lediteS.  5llle§  übrige  ift  nur  2:äu= 
fd^ung  unb  8üge." 

3)a§  ift  bie  ©prad^e,   tneldje  ber  Sibcrali§mu§  bon  fjeute 
ju  bem  bon  geftern  füljrt,  unb  „biefe  ©prac^e  ift  ganj  natür= 


2.  ®er  ©DCtaIi§mu6  aU  StlberQli§mu§  be§  üierten  ©tanbeS.    35 

\\ä),  tüenn  man  einmal  bie  6runbfä|e  ber  ©ereditigfeit  auä 
bem  2lnge  beiiiert,  um  nur  bem  ^Jlufeen  feine  5lufmerfjamfeit 
5U  [($en!en,  ober  aud)  bem  einfadjen  SBertf)  ber  roljen  ©eroalt. 
©in  5(6grnnb  öffnet  ben  anbern,  unb  ba^er  fommt  bie  9Zot^= 
roenbigfeit,  bie  e  toi  gen  ©runbfä|e,  roetdje  ber  ®efenfd)aft 
jur  ©runblage  bienen  unb  oI)ne  wMit  bie  2BeIt  in  ba§  GfjaoS 
äurüdfaüen  mürbe,  underfel^rt  ju  beroafjren". 

10.  33i§f}er  mürbe  ba§  2Befen  be§  SociaIi§mu§  unb  feine 
33esief}ungen  jum  SiberoIiSmuS  nur  im  allgemeinen  ge!enn= 
jeic^net.     ®ie  einge^enbere  53ef)anblung  mirb  fpäter  folgen. 

3Bir  beginnen  junädjft  unfere  S^arflellung  mit  benjenigen 
Sfjefen  au»  ber  (^rifllidjen  ©efellfd&af tstel^re,  meldte 
für  ein  ridjtige»  unb  tiefere»  33erftänbnif5  ber  focialen  fragen 
unentbetjrlid)  finb. 


Der  4)nJ!Ud)e  ^tootsbcgtif  im  aUgcmcinen. 


1.  3}Dn  5^Qtur  qu§  i[t  e§  bem  932enf(f)en  eigent^ümlid),  in 
ber  ©efeÜld^aft  ju  leben.  „Senn  bo  i^m  in  ber  ^Bereinselung 
bie  äum  Seben  not^menbige  ^pflege  unb  gürforge  fe^It,  ebenfo 
auä)  bie  23irbnng  be§  ®ei[te§  unb  ®einüt|e§  nid^t  möglich  i[t, 
bearaegen  i)üt  bie  göttlic()e  2]orfeI}ung  e§  fo  georbnet,  ba^  er 
in  eine  menfd)Iid)e  ©emeinjc^aft,  bie  ()äu§Iic^e  foföo^I  n)ie  bie 
bürgerlit^e,  I)ineingeboren  würbe;  benn  nur  biefe  fonn  il;m 
boUen  ÖebenSbeborf  bieten."  ^  5)emgegenüber  bef^auptet 
bie  empiri[tifd)e  unb  rotionoliftifc^e  ^Ijiloiopfjie :  M^  9J^enfd)en 
finb  üon  9iatur  qu§  gleid^;  in  ber  ©efellfc^oft  ober  üerüert 
[ic^  biefe  ©leit^tjeit ;  alfo  i[t  bie  ©eieüfiijaft  nid)t  ein  2Berf 
ber  Diotur,   jonbern  bas  rein  ^iftorifrfie  ^robuct  menfd)IicE)er 


i  a}gt.  ©nc^flifa  Seo§  XIII.  „IteBer  bie  c^riftae^e  ©taat§Drb= 
nung."  Officieae  (.§erberf(f)e)  SIuägaBe,  1885,  ©.  8  f.  (9  f.) :  ,. . .  pro- 
visum  divinitus  est,  ut  (homo)  ad  coniunctionem  congregationem- 
que  hominuni  nasceretur  cum  domesticam  tum  etiam  civilem,  quae 
suppeditare  vitae  sufficlentiam  perfectam  sola  potest." 

-  aSgl.  Saparelli  b'SljegHo,  SSerfud)  eine§  auf  ©rfo^rung 
Begrünbeten  Staturrec^tä  (beutfct)  3tegen§b.  1845)  I,  121  ff.  —  ®et 
ßam^jf  gegen  bie  beftefienbe  ^Dolitifi^e  unb  feciale  Drbnung  berleitete 
inäbefonbere  §  o  b  b  e  ö  unb  9t  o  u  f  f  e  a  u  ju  ber  Jßefiauptung,  g^omilie 
unb  ©taat  feien  ntcf)t  burd)  eine  natürlid^e  9totf)U)cnbig!eit ,  fonbern 
burc^  einen  freien  ©ontract  eingefüf)rt  tüorben. 


1.  Sie  ©efellfd^aft  aU  ^^-otberung  ber  tnenf(^IicE)en  iJlatur.     37 

S)iefe  5lrgumentQtiDn  I}at  fDciQli[tifd)e  ©(firiflfteKer  mit  ba^u 
beranloBt,  bie  Dlot^toenbigfeit  einer  gortbauer  be§  ^taak§i  bei 
pfjerer  ijfonomifcfier  Snttüicflung  511  beftreiten  unb  jogor  ben 
tüeitern  33e[tanb  eine»  fe[len,  bauernben  §amiltenüerf)ältni[]e§ 
in  S^rage  ju  ftetien.  5Iüein  bie  ^altlofigfeit  jener  Slnnofime 
ergibt  [ic^  mit  aller  nur  iDÜnfc^enamert^en  ^(arfjeit,  meun  man 
bDrurt[)ei(§frei  bie  meni'd)Iici)e  9?atur,  mie  fie  in  2öirflid)feit  i[t, 
in§  5(uge  faj^t  1. 

2.  33etra(f)ten  tüir  ben  5J?en[cf)en  junädjft  in  feinem  pi)\)\\= 
fd)en  (Sein.  2;a§[elbe  nimmt  feinen  5tnfang  bon  ber  33erbin= 
bung  5tt)ifd)en  5^cann  unb  2Beib,  meli^e  i^ren  i^ouptjfDed  I;at 
in  ber  Fortpflanzung  unfere§  ©efc^Ied^tea.  Soll  hierbei  bie 
5ßernunft  unb  nic^t  bie  Seibenfdiaft  allein  ^errfdien,  foüen  bie 
lüit^tigften  ^ntereffen  ber  I1^enfd)t}eit  niii^t  gefätjrbet  merben, 
bann  muß  bie  33eäiel)ung  ber  (Satten  ju  einauber  ebenfo  mie 
bie  58ejie^ung  ber  ßinber  ju  ifiren  Altern  ben  ß^arafter  einer 
bauernben  moraIifd)en  ^Bereinigung ,   eine§  feftgegrünbeten  ge= 


'  Söir  begnügen  un§  an  btefer  ©tette  bamit,  b  ixe  et  bie  91ot:^= 
toenbigfeit  ber  ©efeHfc^aft  gu  enüeifen.  3}on  ber  angeblichen 
„natürlid^en  ®lniS)t)eit"  ber  2Jien|(^en  toirb  im  SSerloufe  biejer  Schritt 
ttieber^olt  bie  Ütebe  fein.  ®ie  Slertoerfüd^feit  ber  ©Ieic^:^eitslef)re  ergibt 
ji(^  übrigen^  f(^on  burd^  einen  bloßen  SBlid  auf  bie  5Ib^ängigteit 
unb  Sc^toäd^e  be§  ÜJlenfc^en  bei  feinem  Eintritt  in  bie  2BeIt,  auf  bie 
Unterfc^iebe  be§  ©efcE)Ie(i)teö  u.  f.  to.  „2ßäre  ber  SJtenfd^  gefc^Ie(f)t= 
Id§,  gäbe  e§  nic^t  $lDlonn  unb  Söeib,  bann  lönnte  man  träumen, 
ba^  bie  35ölfer  ber  Srbe  3U  ^yreil^eit  unb  ©leidibeit  berufen  feien", 
fagt  2Ö.  §.  atiebt  (Sie  fyamitie  [Stuttg.  1861]  ©.  3).  „^nbem 
aber  ©ott  ber  §err  SJtann  unb  SSeib  fc^uf,  ijat  er  bie  Ungleidibeit 
unb  bie  2lbf)ängig!eit  alä  eine  ©runbbebingung  atfer  menff^Iicfien  6nt= 
tüirflung  gefegt.  ®ä  ift  ber  öettoegenfte  ©ebanfe  be§  mobernen  3tabt= 
caliömuS,  bafe  ba^  Sßerbältnife  ber  Ungleid)beit  unb  5tbf)ängigfeit  auc^ 
5H)tfc^en  Söeib  unb  SJIann,  tote  es  bie  91atur  gegeben,  toie  eö  bie  Sitte 
Don  Stabrtaufenben  toeitergebtibet  unb  in  bie  ebernen  2afeln  aüer 
©efe^gebungen  eingef(i)rieben  ijat,  ein  Slu^ftufe  barbarifc^er  Sljrannei, 
ein  blo^eg  8iege§3ei(^en  ber  rollen  pb^fifi^lfn  ©etoalt  fei." 


38    Elftes  ßa^itel.   Ser  (firtftlid^e  Stnatäfiegriff  im  aögemetnen. 

feKfc^aftlic^en  Sßetpltniffe§  an  fic^  tragen.  9iur  fo  toirb  bie 
2Bürbe  be§  ^Jienfdjen  getra^rt.  S)er  ©atte  erfcEieint  nic^t  me^t 
al§  ein  fclo^eS  5Jiitte(  ber  2n[t,  fonbern  al§  treuer  ©efä^tte 
be§  2eben§  in  ^reub  unb  2eib.  9iur  fo  fann  üuä)  ba§  ^inb 
an  Seib  unb  ©eele  gebei^en,  föenn  e§  fid)er  in  ben  5trmen 
ber  DJ^utter  ru^t  unb  in  [einem  (SIternI}aufe  al§  einer  magren 
ipeimat  fortgefe|t  liebeboHe  |)il[e  unb  forgfältige  ©r^iel^ung 
finbet.  2Bie  foflten  9}Jann  unb  grau  mit  greube  unb  boder 
Eingabe  iljre  gan^e  ^raft  bem  beiberfeitigen  Sßo^Ie  unb  ber 
ßr^ieljung  i^rer  9ia(^!ommen  n^ibmen,  \vk  ju  ben  mannigfachen 
Opfern,  oljne  meld)e  !ein  .^inb  erjogen  mxh ,  fid)  berftefjen, 
wenn  bag  ganje  33erl)ältni^  Iebigli($  precör,  in  feinem  Se= 
ftanbe  n)ed)felnber  Saune  untermorfen  tt)äre? 

äBoHte  baljer  (Sott  bie  gortpflansung  be»  5}lenfd)engefd)Ied)te§ 
unb  feine  ß;räie!^ung  in  einer  ber  üernünftigen  D3^enfd)ennatur 
gejiemenben  SBeife  fid)ern,  fo  gab  e§  l^ierfür  feinen  anbern 
SBeg  al§  bie  bauernbe  ^Bereinigung  ber  (Satten  unb  ßinber  in 
ber  t)äu§Iid}en  (Sefellfd^aft,  in  ber  gamilie.  ®arnm  ift  benn 
aud^  bie  menfc^Iid)e  9Jatur  fo  eingeriditet,  ba^  bie  ebelfle  unb 
^öi^fte  5Dlad)t,  bie  ein  menfd)Iid)e§  ^erj  bemegt  —  bie  Siebe  — , 
äur  (Seele  ber  t^amilie  n)irb.  2ßo  ed)te  Siebe  unb  greunb= 
fdiaft  ba§  58anb  jmifdien  SSater  unb  5}hjtter  gefnüpft  ^at,  ta 
bleibt  bon  born^erein  jeber  @eban!e  an  eine  Trennung  au§= 
gefd)Ioffen,  unb  biefe  felbft  tbürbe  nur  a(§  berädjtlidier  S;reu= 
brud)  erfdieinen  fönnen  ^.  InbererfeitS  ift  bie  bauernbe,  n)ed)fel= 
fettige  Siebe  jmifdien  (SItern  unb  llinbern  nid)t»  meniger  al§ 
ein  5|3rDbuct  bloßer  SBifltür,  fonbern  etmaS  fo  fprid^roörtlid^ 
5lflgemeine§  unb  5Rotf)n)enbige§ ,   baf^  ein  jeber  o^ne  n)eitere§ 

1  ^-Jlbgefe^^en  öon  aüen  anbern  :pf)l)fiDlD9tfd^en  unb  moralifc^en 
©rüuben  fd)Ue§t  fdjon  efien  biefe  SrUiägung  and)  jebe  O^orm  ber  ^oIt)= 
gamie  au§.  „^ä)  fann  meine  5Perfönlicf)feit  ganj  unb  unget^eilt 
nur  einer  anbern  !PerfönIid^feit  barbringen,  nitfit  aber  einer  9Jlei)r= 
äa^I  öon  ^erfönlid^feiten"    (2ß.  §.  Stiehl  a.  a.  D.  ©.  143). 


1.  ®ie  ©efeüfd^aft  aU  i^orberung  ber  tnenfc^Iii^en  Slatur.     39 

ta?!  (Srflerben  biefer  Siebe  unb  ^ietät   qI§  tüibcrnatürlicE)  Be= 
jeic^net  unb  berroirft. 

(So  ift  alfo  bie  gamilie  aH  ein  bauernbe»  ©efell» 
jd)aftööerf)ältnif5  jtüiidjen  ©atte  unb  ©attin,  Altern 
unb  ^inbern  itjtem  !^w^d  unb  i^rer  mefentlidien  @inric|tung 
noc^  in  ber  bernün fügen  5RQt ur  be§  5}Unfc^en  be= 
grünbet^.     5Iu(f)   bie   jum  2öe[en   einer  jeben   ©efenfdiaft 


1  3Jlit  9ie(f)t  toirb  barum  bie  i^amitie  itirent  Ursprünge  nad)  al§ 
eine  „na türlxtfie"  ©efeüic^oft  kjeii^net.  „O^reie  ©efelljci)aften 
finb  joI(f;e,  beren  ©vric^tung  unb  ©cftaltung  tnnert}alb  ber  allgemeinen 
Üiec^tögrunbfä^e  com  freien  ©rmeffen  ber  DJlenfi^en  abfängt;  natür= 
Itc^e  bagegen  foI{^e,  bie  nic^t  bloß  if)rer  ©attung,  jonbern  auc^ 
i^rer  befonbern  21  rt  nad^  Don  bem  ©(fjöpfer  ber  9^atur  getooüt  finb 
unb  fid)  nolf)tt)enbtg  au§  ber  Dlatur  be§  3)teuf(f)en  ergeben.  ®ie  na= 
türlidien  ©efeüfcfjüften  ^oben  fc^on  üon  Statur  au§  einen  i:^nen  t)or= 
gezeichneten  ^totd  unb  eine  bementfpredienbe  ©inric^tung;  fie  finb  alfo 
in  33e3ug  auf  i^re  Sserfaffung  toenigftenö  3um  S^eil  bem  ^Belieben 
ber  5Dtenfd)en  entjogen.  —  Tlan  fann  aud^  not^luenbtgc  unb 
freie  ©e]eEi(i)aften  unterfcfieiben.  Siefe  ©int^eilung  fällt  mit  ber 
oorigen  jujammen  ober  aud)  nicf)t,  je  nacf)bem  man  baä  ,not^ttienbig' 
auffaßt.  Diennt  man  jebe  in  if)rem  23eftanbe  oon  menfc^lidier  Sßillfür 
unab{)ängige  ©efeüji^aft  notl^ttenbig ,  fo  ift  fie  Don  ber  Dorigen  Der= 
fc^ieben.  S)enn  bie  d^riftli(|e  äix6)t  ift  nad)  fat^olifd^er  Stuffaffung 
in  if)rem  Safein  Don  bem  2BiIIen  ber  3)teni(^en  unabt)ängig,  in  biefem 
©tnne  alfo  notl)toenbig.  Sro^bem  ift  fie  feine  natürliche  ©efellfd)aft, 
toeil  fie  nic^t  au§  ben  Steigungen  unb  Slnlagen  ber  Statur  ^erDor= 
fommt,  fonbem  auf  bem  freien  unb  burd)  übernatürlid^e  Offenbarung 
tunbget^anen  335illen  beö  Sc^öpferä  beruht.  —  Stennt  man  bagegen 
jene  ©efellfd^aft  not^toenbig,  bie  fi(^  i^rer  21  rt  nad)  notfitoenbig 
au§  ber  Statur  ergibt,  fo  föüt  biefe  ©intl^eilung  mit  ber  Dorigen 
3ufammen.  2öir  fagen:  i:^rer  21  rt  nac^.  S)ie  S^amilie  5.  35.  entfteljt 
in  jebem  concreten  (inbioibuellen)  pralle  burc^  eine  freie 
llebereiufunft  ätteier  *^erfonen,  unb  tro^bem  ift  fie  eine  i^rer  21  rt 
na(^  not^toenbige  ©efeEf(^aft,  toeil  bie  Statur  nic^t  nur  im  allgemeinen 
jur  9}erbinbung  ber  beiben  ©efd^led)ter  treibt,  fonbern  in  ber  SBeife, 
ba%  barau§  bie  f^amilie  al§  bauernbe  ©efellf(|aft  jiDifd^en  SJtann  unb 
grau  unb  i^^ren  ßinbern  ju  bem  Don  Statur  getooUten  !S^id  ent= 


40    ®rfte§  ßa))ttel.    ©er  c^riftlitfic  ©toatöBegriff  im  otlgememen. 

gel^örige  5Iutorität  lüirb  ^ier  'timä)  bie  3fjQtur  felb[t  gegeßen. 
©inb  nämlicö  23ater  unb  5J?utter  bie  Url^eber  ber  fyamilie,  fo 
gebührt  if;nen  ol^ne  3"'£iff'f  ^^e  Seitung  aller  in  bie  g-omilie 
eintretenben  ^erfonen.  ^m  übrigen  i[t  bie  ^rau  bem  Ü^knne 
imtertrorfen ,  nid)t  burd)  ©ercolt  unb  äußere  Unterbrücfung, 
fonbern  föeil  [ie  e§  i^rer  ^Rotur  nac^  gar  nid)t  anber§  fein 
!ann  unb  fein  mag. 

3.  @§  lüfit  fid)  nid)t  beftreiten,  bafe  für  bie  (Stobilität 
ber  @I)e,  tok  fie  bie  5ßcrnunft  qI§  25ertünbigerin  be§  göttlidjen 
@ittengefe{3e§  forbert,  in  ber  !at^Dlif(§en  luffaffung  am 
beften  geforgt  ift.  |)ier  erfdieint  ber  ©fjefdilufe  nid}t  blo^  qI§ 
ein  SSertrag  tt)ie  jeber  onbere  ßontract,  bie  ßf}e  nidit  qI§  ein 
innerlich  burc^  loedifelfeitige  2BiIIen»einigung  ober  äufeerlid)  burc^ 
(Staatagefel  unb  ri($terli(^e§  Urtf}eil  Iö§bare§  35erI}QltniJ3,  fon= 
bern  qI§  ein  fjeiliger,  unauflöalid^er,  allein  mit  bem  Sobe 
enbigenber  33unb,  lueldier  burc^  ben  facramentalen  ßtjarafter 
nod^  eine  befonbere ,  übernatürlid)e  SBei^e  empfängt  ^  Wan 
iann  jugeben,  ha^  bie  ^^ortbouer  ber  (S(je  für  ben  einen  ber 
©atten  ober  auä)  für  beibe  jumeilen  mit  hen  l^ärteften  Opfern 


fielet"  (aSictor  Sali) rein,  ^oxalpi)ilo]opi)n,  2.  %i)til,  2.  Slbtf)., 
1.  aSuc^,  §  2:  ®ic  berf(i}tebenen  Slrten  öon  ©ejetTfc^often ,  ©.  313). 
'  Tlan  öergletdie  l^ierju  bie  6nct)nifa  Arcanum  divinae  sa- 
pientiae  consilium,  De  matrimonio  christiano,  ü.  10.  fjebr.  1880.  — 
„S)ie  @^e  !ommt  aud)  öom  rein  iiaturre(^tlicf)en  ©eficfilöpunlte  lbe= 
trQ(f)tet  jtoQr  3U  ftanbe  buxä)  einen  freien  5öertrag  ber  Brautleute. 
Slüetn  inbem  biefe  einanber  frei  fii^  l^ingeBen,  fnüpft  ©ott  ba§ 
Sanb  ber  @|e.  ,®rei  finb  e§  baf)er,  burd)  beren  äöitlen  naä)  ber 
Setire  ©l^rifti  unb  ^auli  bie  @^e  ju  ftanbe  fommt:  ©ott,  ber 
Jülann  unb  ba§  Söeib;  toer  ficE)  öon  bem  SKenfc^en  fd;etbet,  mit 
bem  ©Ott  i^n  öerbunben  l)at,  ft^eibet  ficf)  jugleid)  üon  ©ott'  (®öl= 
Unger,  (S^riftentfjum  unb  ivird)e  ©.  462).  ®ie  ©djtiefeung  ber 
©^e  ftefit  alfo  bei  bem  freien  äBitten  be^  SDIenfc^en;  bie  31uflDfung 
ber  gefdiloffenen  ®t)e  ift  feiner  2ßiü!ür  entjogen"  (©taatöfejüon 
ber  ©Drre§=©efeafd)aft  Sb.  II,  Slrt.  „©^e"  »on  Dr.  ßreu^ioülb, 
©.  429). 


1.  S)te  ©eft'ttfd)aft  al§  S^orbexung  ber  menfifjütfjen  Jlatur.     41 

derbunben  fein  mag.  2öo  aber  bie  Wögncf)feit  einer  bnuernben 
2;rennung  iinb  einer  Söfung  beS  6f)e6anbe§  gett)äf)rt  rairb,  ba 
ift  bie  Familie  unb  if)r  ©lücf  tnef)r  ober  meniger  menicf)Iid)er 
Unbeftänbigfeit  unb  ber  n)ed)ielnben  Segierbe  überantiuortet. 
93?an  bar[  ficf)  ni($t  tt)unbern,  tüenn  bort  bie  fd}(imm[ten  2eiben= 
fcE)a[ten  6a(b  aud)  t^eoretifdie  33ertretung  )'ud)en  unb  finben, 
föenn  [ie  bie  auf  5lutorität  unb  ^ietät  gegrünbete  Orbnung 
be§  gamitien(e6en§  untergraben,  bie  ^^enfd)f)eit  eine§  beträc^t= 
(id)en  3:t)ei(e§  i^rer  ](^ön[ten  unb  not(}iüenbig[ten  @üter  be= 
rauben,  bie  ^bee  ber  |)eimat  unb  be»  3.^ater(anbe§  üernic^ten, 
ben  (ebenbigen  Urquell  trabitioneüer  Sitte  jerftören  unb  ofine 
<B(i)m  bie  men[d)(id)e  SBürbe  mit  g-üßen  tretend  „^-öei  bem 
Sfjiere  berbinben  [id)  bie  @efcb(e(^t§inbiDibuen  gattungsmäßig 
unb  eben  barum  nur  öorübergeljenb ;  bei  bem  5!)?en[djen  ber= 
binben  [id)  bie  ^perfonen  für  bie  ganje  2eben§bauer",  fagt 
2Ö.  ^.  9iief)(2_  ,,2öenn  bafjer  moberne  ©ocialiften  @tnQt§= 
.^inberer5eugung§='i}lnftalten  an  bie  ©teüe  ber  f^amitie  fe|en 
moQen,  fo  ^ei^t  ba§  nici^t»  anbere»,  al§  bie  53eftiantät 
an  bie  ©tette  ber  ^kn)d)nd)!eit  fe^en.  Um  aber 
ben  53egriff  ber  gamitie  fogifd)  ]n  üernid)ten,  muß  5.  33.  ^eter 
2er DU r  bon  einem  (Srunbfatj  au^gefjen,  meld^er  f(^on  burd) 
bie  befannteften  pt)i)fiofogiid)en  Sbatfadien  miberlegt  mirb,  bon 
bem  ©runbfatj:  ,^k  ^Jhnj'ditjeit  ift  birtualiter  in  jebem  ein* 
seinen  9)?enid)en.  3)ie  ^enfdj^eit  ift  ber  ^'}hn\ä)  —  ber  Wm\^ 
bie  ^enfd)f)eit.'  2ßir  fagen  umgeMjrt:  '5)er  einjetne  9Jfen)c^ 
fann  nicf;t  einmal  für  ba§  bertleinerte  Silb  ber  5}?enfd)^eit 
egetten,  gefdimeige  baf?  er  jelbft  bie  93^enfd}fjeit  märe;  bie  ll?enfd)= 
^eit  ift  erft  im  53ilbe  repräfentirt  burc^  jmei  5}?enfd)en,  burc^ 
l^knn  unb  SBeib,  unb  mieberum  nid)t  burd)  5}?ann  unb  2öeib 


*  Cf.  Charles  de  Ribhe,   Les  familles  et  la  societe   en  France 
avant  la  Revolution  (Paris  1873)  p.  185  ss. 
2  21.  0.  C.  ®.  142. 


42    ®rfte§  ßa^jitel.   ®er  d^riftlid^e  ©taatSbegriff  im  allgemeinen. 

in  i^rer  SSereinjelung,  fonbern  in  if)rer  23erbinbung  burd)  bie 
(5^e  5ur  f^ a m i li e. "  i 

<BoU  aber  biefe  tRepräfentation  eine  bem  bernünftigen  ^en= 
fcfien  gejiemenbe  unb  für  bie  5}ienl(^^eit  fru(f)t=  unb  fegen§= 
rei(^e  fein,  fo  tt)irb  man  ba§  boüe  d^riflli(!)e  Sbecil  ber 
t^amilie  ^od)^aIten  unb  aüeS  aufbieten  muffen,  bemfelben 
fortbauernbe  pra!tif(^e  Geltung  ju  berfc^affen.  ©eflütjt  auf 
einge^enbe  ©tubien  über  bie  gamilie  in  ben  berfd)iebenen 
6uIturepo(^en  unb  bei  ben  bebeutenbern  35ölferfd)aften,  !ommt 
6.  ©.  ©eba§2  ju  bem  bemer!en§mertl)en  ©d)Iuffe,  „bafe, 
menn  eine  gro^e  (5)emeinfcf)aft  bon  ^lenfdien  ba§  ß^riftent^um 
berlaffen  ^at,  biefe  nid)t  ju  ben  p(f)ften  formen  be§  gamilien» 
lebenS,  tüie  tt3ir  e§  bei  ben  bordiriftnrfjen  33ö(fcrn  gefunben 
l^aben,  jurücüe^ren,  nod)  biel  meniger  bagegen  ein  g(üdn^ere§, 
gefunbere§  Familienleben  au§  fid)  felbft  beginnen  !önnen,  fon= 
bem  bielmefjr  bie  niebern  fyormen  ber  bDrd)rift(id)en  gamilie 
aufgreifen.  ®a§  Snbibibuum  al§  foId)e§  fann  ämeifeUoS  t>a§) 
Gfiriftent^um   quittiren  unb  boc^   im  ^äu§Iid)en  Seben  Siebe, 


1  ®arau§  folgt  aber  feineStoegS  für  jeben  einjelnen  S!Jlenfd)en 
bie  5ßflicf)t,  eine  @f)e  einjugelicn.  Sie  ®^e  ift  für  iia§  menfdiltd^e 
©efd)Ie(i)t  notl^itenbig  ju  feiner  ©r^altung  unb  aSeiiioütommnung  unb 
barum  ein  üjol^reä  9)tenf  d^f)  eitögef  e^.  Slber  fie  ift  fein  3n= 
biöibualgefe^,  ba  ber  ©injelne  feine  naturgemäße  33onfommen= 
fieit  erlangen,  feine  irbifi^e  3lufgabe  erfüllen  unb  fein  ettigeö  S^d 
erreidien  fann,  o'^ne  ©atte  ju  fein.  ®ie  3lepräfentation  ber  ÜJ}enfc^= 
f)eit  in  S^orm  ber  e^elirfien  SSerbinbung  gtocier  SJtenfc^en  öerfd^iebenen 
©ef(f)Ie(^te§  tt)irb  tlöatfö(|It(|  3u  jeber  S^it  öon  bem  »eitaug  größten 
Steife  ber  9)lenfc^en  boltäogen  merben.  SDarum  befielet  aud^  feine 
®efal)r  für  bie  i^-ortpflanäung  unfereS  ©efd)Ied^te§,  toenn  einselne  ^er= 
fönen  auä  l^öfjerem  SBeloeggrunbe,  namentlid^  um  ü^re  ganje  ßiebe  unb 
i:^re  ganje  ßraft  btm  S)ienfte  ber  SUtenfc^tjeit  auf  anbern  ©ebieten  ju 
lüibmen,  e§  öorgiei^en,  fic^  ber  ®i^e  3U  enthalten. 

2  Studies  of  Family  Life.  A  Contribution  to  Social  Science. 
®eutf(^  öon  $.  m.  Saumgarlen  («Paberborn  u.  Smünfter  1887), 
©.  230  f. 


1.  ®te  ©efetlfc^aft  olö  g^orberung  ber  menfcOIi(^en  3latm.     43 

Steinzeit  unb  Q^rieben  aufrecht  erhalten,  tti(f)t  bagegen  trifft 
bie§  bei  einer  ©emeinj^oft  Don  ^J^enfc^en  ^u;  unb  bie  fociate 
2Biffenfcf)aft  f)at  e§  eben  mit  ben  SJ^affen  unb  ni(i)t  mit  ben 
Snbibibuen  ^u  t()un." 

4.  2)ie  bem  5)^enjc^en  angeborene  @efeöig!eit  erfc()öpft  fidö 
jeboc^  feine§roeg§  in  jener  einen,  urfprünglid)[ten ,  natürlidien 
unb  not^menbigen  5(rt  ber  ©efeüfdiaft ,  föeti^e  mir  f^amilic 
nennen.  Stemmen  föir  an,  gmei  bi§  ba^in  fic6  böUig  frembe 
Europäer  begegnen  fid)  in  ber  Saf)ara.  ©ofort  fe^en  mir 
i^re  iBemü^ungen,  fic^  gegenfeitig  über  alle§  ju  unterrid)ten, 
ma§  itinen  in  ifjrer  gegenmärtigen  Sage  öon  9?u|en  fein  fann, 
unb  mie  fie  einer  ben  anbern  ju  unterftü^en  bereit  finb.  3."ßürbe 
ber  eine  bemerfen,  baß  ber  anbere  unrebüd^e  5l6fi(^ten  ^ege 
unb  nur  auf  fein  eigene»  2Bo^I  bebadit  fei,  fo  mürbe  er  i^n 
auflagen,  bie  (Sefe^e  ber  9T?enfd}^eit  oerad^tet  ju  fiaben  i.  Unb 
meld)e§  finb  biefe  ©efe^e?  ^eine  anbern  ata  bie  jeber  33er= 
nunft  unb  jebem  ©emiffen  eingeprägte  Srfenntnip  Don  ber 
^ot^menbigteit  unb  ^f(id)tgemä0tjeit  gegenfeitiger  |)i(fe(eiftung, 
einer  ^Bereinigung  ber  Gräfte,  burc^  metdie  allein  bie  DJienfdien 
tia^  aüen  gemeinfame  unb  bon  allen  anjuertennenbe  3^^^  bey 
8treben§,  it)r  Söo^I,  in  einer  ber  bernünftigen  ücatur  unb  bem 
un§  angeborenen  J^^erboütommnungstriebe  entfpred)enben  SBeife 
erreid)en  tonnen. 

2Bir  brauct)en  übrigen^  nidit  in  bie  (Samara  ^u  ge^en,  um 
mafjrjunefjmen ,  mie  bie  5htur  be§  D}^enfd)en  if;n  bon  felbft 
baju  fütjrt  unb  baju  füt^ren  muß,  über  bie  engen  ©renjen  be§ 
gamilienberbanbeS  !^inau§  5tnfc^Iu$  an  feine  9Jfitmenf(^en  ju 
füllen.  Cber  ift  ber  ©ebrauc^  ber  Sprache  auf  ha^  @Itern= 
^an^  befdiränft?  Unb  meift  bie  5htur  mid)  nid)t  fc^on  allein 
burc^  bie  ga^igfeit,  aud)  anbern  ^erfonen  al»  ben  gamilien= 
anget)örigen  m.eine  ^been  mitjuttieilen,  i^nen  meine  53ebürfniffe 


1  äigl.  Saparelli,  3kturvec^t  I,  126  f. 


44    6tfte§  ßapitel.   ®er  c^riftlid^e  ©taatSbegriff  im  oügemeinen. 

au§einQnberäufe|en,  mit  i^nen  mid)  ju  berot^en  unb  ^läne  511 
foffen,  —  tneift  fie  mid)  nic^t  burd)  alle»  biefe§  barauf  Ijin, 
ba^  id^  mic^  mit  onbern  in  eigenem  unb  frembem  Sntereffe 
ju  9emeinfd)aft(id)em  ^'^önbeln  üetbinben  foü?  Dtjue  bie  Sbeen= 
mittt)eihing  mürbe  ja  bie  förtenntnifs  auf  bem  niebrigften  5^iöeau 
äutüdgetjalten ,  gäbe  e»  leine  2Biffen[d}aft ;  benn  nur  mo  ber 
@ei[t  mit  bem  Öeifte  \\ä)  berührt  unb  bereinigt,  mo  bie  ge= 
monnene  SBol^r^eit  mit  ber  Ueberlieferung  fi^  fortpflanzt  unb 
neuer  §orjd)ung  jum  luSgangSpuntte  bient,  kmi  bie  äÖtffen= 
fdiaft  entftcl}en  unb  gebeifjen.  9Jkn  befeitige  bie  focialen  53e= 
gietiungen  ber  DJ^eufd^en  ju  einanber,  unb  mit  ber  äßiffenfdjoft 
mirb  Qud)  bie  llunft  ju  ©rabe  getrogen.  5hir  burd^  bie  35er= 
einigung  ber  ^nteüigenä  unb  ber  Straft  enblid^  fönnen  bie 
5J^enid)en  ber  2Se(t,  ber  üuBern  5btur  gegenüber  jene  Stellung 
erringen  unb  bemaf^ren,  bie  bes  ÜJJenfdKn  (äf}re  erforbert,  aber 
nid)t  minber  ein  unobmei§bare§  SebürfniB  feiner  DIatur  unb 
feine  bon  ©ott  gefe|te  33eftimmung  er()eifd)t. 

5.  SSon  ®Dtt  tommen  mir,  ju  ©ott  gefien  mir;  unfer 
geben  lann  batier  feine  anbere  53ebeutung  ^aben  oI§  bie,  burc^ 
ben  ^ienft  @otte§  eine  a3orbereitung  ju  fein  für  ben  33efi| 
@otte§  in  ber  (Smigteit.  Deo  servire  regnare  est!  Ser 
Sienft  @otte§  aber  ift  §errfd;aft,  nid)t  blof^  über  bie  ungeorb= 
neten  triebe  unferer  9?atur,  fonbern  ^errf  d)af  t  aud)  über 
bie  un§  umgebenbe  D^atur! 

§ätte  ©Ott  nid)t  auSbrüdlid)  bie  §ercfd)aft  über  bie  2Be(t 
bem  9Jknfd)en  juertannt,  ein  S3Iid  auf  beffen  natürlid)e  ?tu§= 
flattung  mürbe  genügen,  um  in  it}m  ben  irbifd)en  ^önig  ber 
©d)öpfung  ertennen  ^u  laffen.  geljen  mir  ah  imn  ber  un= 
erreid^ten  ^BoÜtommentjeit  feiner  organifdjen  gätjigtciten ,  ge= 
benfen  mir  nur  jener  munberboüen  3öubermadbt  ber  innern 
33orfte[[ung ,  ber  l'eben  fpenbenben  ^raft  unferer  8eele,  ber 
SBanberungcn  be§  ©eifteS  burd;  bo§  ganje,  mcite,  unermefe= 
lidje  9tcid)   ber  äßat)rt)eit,   beä  2Biüen§,   ber  in  freier  2öaI;I 


1.  3)te  ©efeIIf(|Qft  aU  i^orberung  ber  menfcf)It(f)en  DIatur.     45 

]'id)  felbft  beftinimt,  —  unb  leinen  51ugenbli(f  fann  e§  ^treifel^ 
fiaft  bleiben,  tnarum  bie  materielle  Belt  im  9J^enfd)en  gipfelt, 
IDQ»  ea  i[t ,  ba§  i^m  nic^t  nur  einen  33orrnng ,  fonbern  aud) 
bie  ^'^errfc^oft  über  biefe  @rbe  gercäfirleiftet. 

2!er  QÜe»  ©innlic^e,  atle»  Ülkterieüe  überragenbe  ©eift 
fteüt  ben  9]ien[d)en  auf  bie  oberfte  ©tufe  ber  Dhturroefen. 
3nbem  er  i^n  über  bie  Srfenntni^  ber  (Sinjelerfc^einung  ^inau§ 
befäf)igt,  bo§  allgemeine  (Sefe^  ber  5|3(}änDmene,  ben  Siifi^t^nifi^^ 
^ang  äroifc^en  Urfadje  unb  2Bir!ung  aufäuberfen,  eröffnet  er 
bie  l^iöglidjfeit,  bie  5btur  mit  i^ren  eigenen  Prüften  ju  be= 
möltigen ,  fie  ben  menfdjiidjen  ^tt^^^^fi^  bienftbar  ju  mad)en  i. 
„Süden  tüir  in  bie  9htur  ^inauS,"  fagt  2o|e,  „überall  !^at 
bie  me^rlofe,  [tiüe  ©eflalt  bes  53^enjd}en  ben  ßampf  mit  i^ren 
©cbredniffen  begonnen,  unglüdüi^  ntof)!  im  einzelnen,  aber 
bod^  fiegreid}  im  ganjen;  meit  überlegene  Gräfte  ber  Sbierl^eit 
!^at  feine  2ift  überraunben,  bie  einen  5U  mibermiüigcm  (5)ef)or= 
fam  gebänbigt,  bie  g-ät^igfeiten  anberer  ju  eigenem  5hi|en  ge= 
fleigert,  mandje  §u  Ijingebenber  5(n[jünglid)!cit  unb  3uneigung 
eräogen."  2^ie  ©efc^idjte  ber  fDrtid)reitenben  Ö"uttur  ift  bie 
©efc^icbte  ber  fi(|  befeftigenbcn  unb  ermeiternben  iperrfdiaft  be§ 
5Dienfd)en  über  bie  materielle  3Bett.  „5üid)  bie  ßuttur",  fd^reibt 
9^obert  bon  9iofti|  =  9iiened2^  „bie  Gultur  al§  ^ortfdjritt 
toie  al§  3i'[*önb  ift  ja  SBeltüberroinbung ,  Sffieltüerflärung, 
5(u§beönung  ber  §errfd}aft  be»  men)d)Iid)en  ©eiftee  über  bie 
ganje  ©(^öpfung  gemäp  bem  53efe[}(e:  ,Untermerfet  eud)  bie 
6rbe  unb  be^errfdjet  fie.'"  ^n  bem  g(eid)cn  Sinne  fd)reibt 
aud)  See  XIII.  in  einem  Hirtenbriefe,  ben  er  furj  öor  feiner 
(Srt)ebung   auf  ben   päpft{id)en  ©tu^t  erlief  ^i   „5)er  5)^enfd) 


1  ^Qi.  Stimann  ^e\ä)  S.  J.,  ®ie  großen  Söelträt^fel  (2.  5tufl., 
^veiburg  1892)  I,  31 ;   II,  425  ff. 

2  ®a§  ^Problem  ber  guUur  (fjreiburg  1883)  ©.  132. 

*  Hirtenbrief  oom  6.  fyebruar  1877.    S)eutfc^   üoti  Dr.  Stefen 
(ajlaitiä  1878)  8.  27  f. 


46    ®tfte§  ßa})itel.   ®er  (^riftü^e  ©taotgbegriff  im  atfgetneinen. 

erhielt  bon  ©ott  al»  feinen  5Int^ei(  in  ber  3^^^  ^i^fe  ®f^£f 
auf  tüelc^er  er  lebt  unb  al§  beren  |)err  er  eingefe|t  iüurbe. 
S)a§  2Bort,  h3eld)e§  am  9J?orgen  ber  @d)öpfung  erjdpll :  ,llnter= 
lüerfet  eud»  bie  (Srbe  unb  be^errfc^et  fie',  ift  niemals  tt)iber= 
rufen  morben.  .  .  .  33on  feinem  9?ec^te  nun  mac^t  biefer  ^önig 
aller  gefc^affenen  2)inge  ©ebraud^,  trenn  er  bie  |)ülle,  tüelc^e 
feine  58efi^tE)ümer  bebecft,  jerrei^t,  fid)  mit  bem,  mag  if)m  bor 
5Iugen  liegt  unb  tDa§  er  mit  |)änben  greift,  nid^t  jufrieben 
gibt,  fonbern  in  ba§  Snnerfte  ber  5?atur  einbringt,  bie  bort 
ru^enben  ©d^ä|e  frudjtbarer  Gräfte  fammel't  unb  fie  ju  feinem 
unb  feiner  5!Jiitmenfc^en  ©ebrauc^  unb  33ortöeiI  anmenbet. 
Sßie  f^ön  unb  majeftotift^  erfd)eint  ber  5[l?enfd^,  menn  er  bem 
Sli^e  jumintt  unb  i^n  unfd)äb(ic^  bor  feine  güße  nieberfaüen 
läfet,  menn  er  bcn  e(e!trifc^en  gunfen  ruft  unb  i^n  al»  SSoten 
feiner  Aufträge  f)inau§fd)idt  buri^  bie  5(bgrünbe  be§  Dcean», 
hinüber  über  fteite  5Berge§tetten  unb  unabfef)bare  Ebenen  entr 
lang !  3Bie  ^errlid)  jeigt  er  fid^ ,  menn  er  bem  2)ampf  ge= 
bietet,  if)m  tylügel  ju  leiten  unb  ifin  mit  53Ii|e§fd)neIIe  über 
SBaffer  unb  Sanb  5U  bringen!  ..."  S)ie  2BeIt  ift  für  'tim 
5Dieni(^en  ha.  Sm  ^ienfte  be§  93ienf(5en  fod  fie  ifjre  eigene 
Seftimmung  erreid)en.  <Bo  berlangt  e§  bie  göttliche  2Bett= 
orbnung. 

6.  S)er  3tDed  jener  -f)errf(^aft  be§  9J^enf($en  über  bie 
äußere  2Belt  ergibt  fid^  bon  felbft  au§  ber  33etrad^tung  ber 
3iele  unb  53ebürfniffe  be§  menf(^Iid)en  2eben§. 

2)ie  SBelt  foü  bor  ollem  unb  (cijttid)  un§  fjelfen,  ba§  fjöd)fte 
3iel  ju  erreidien.  Sine  Seiter  jum  -pimmel  Ijinauf  mirb  fie 
bemjenigen  fein,  ber  fie  red)t  5U  gebraud^en  berfte£)t,  ein  SBeg 
in  ben  5lbgrunb  emigen  33erberbenä  für  jeben,  ber  nid}t  ju 
entfagen,  ju  opfern  berfte^t,  mo  immer  ber  ©ebraud),  ber 
©enufe  burc^  ©otte»  ®efe|  berboten  ift.  O^ne  ben  ^ienft 
ber  9?atur  märe  aber  anä)  ba§  p^t)fifd^e  5)afein  unb  bie  5(u§= 
Prägung  unb  irbifdie  Sßotlenbung  be§  5)knfd)(id^en  in  ber  2BeIt 


1.  ®ie  ©efeßfd^öft  ol§  S^orberung  ber  ntcnfd^Iic^en  Statur.     47 

unmöglich,  ben  ©liebern  unfere§  @eid)Ie(f)te§  bie  2SorQU§fe|img 
unb  ©runblage  jebeä  ipljzxn  ©trebenS  benommen.  S)ie  @r= 
!^Qttung  unb  Entfaltung  feine§  2eben§,  bie  (Sntroidtung  feiner 
förpcrli(f)en  unb  geiftigen  g-äl}igfeiten  boKjieljt  fic^  für  ben 
Slteufd^en  nur  üermittelft  be§  S)ienfle§  jener  S)inge,  bie  i^n 
umgeben.  S;ic  2BeIt  ift  unfere  Söo^nung,  unfer  ©arten,  unfer 
5lrbeit§fe(b.  5lu§  ifjr  fönnen  unb  foüen  mx  unfer  Seben, 
unfere  931a d}t  ergänjen,  biejenigen  materiellen  ®inge  entnehmen, 
bereu  mir  jur  ^^ortfe^ung  unb  33onenbung  unfereS  2)afein§ 
benöt^igen.  SBenn  bof}er  ber  tiefere,  ibeale  ©runb  ber  |)err= 
f(i)aft  be§  53?enf(I)en  über  bie  2SeIt  in  feiner  @ottäI}nIi(^!eit, 
ber  Ie|te  3"^^^  i"  f^i^^^  überirbifdien  Seflimmung  gefudjt 
merben  mufj,  fo  t}at  boc^  biefelbe  |)errfd}aft  einen  f)öd}ft  reeüen 
näljern  S'^^^d,  ber  fid)  au§  hm  natürlidjen  Sebingungen  un= 
fere§  leibtidien  unb  geiftigen  ®afein§  l^ienieben  ergibt.  2)er 
^DKntfd)  finbet  fid)  burd^  feine  5Zatur  gesmungen,  über  bie  Srbe 
eine  beftänbige  unb  |3lanmä^ige  §errf(^aft  ju  üben,  meil  er  nur 
fo  bie  33efriebigung  feiner  irbifcften  53ebürfniffe  erlangen  fann. 
7.  ©aju  reitet  aber  bie  ^raft  be§  ifolirten  ^nbiöibuum§ 
unb  ber  ifoUrten  gamilie  nid^t  au§,  baju  bebarf  ber 
5J?enfc5  ber  ©efellf d^aft,  mie  er  ber  |)anb  bebarf  unb 
ber  ■  33ernunft ,  um  feinem  |)errfd)erred)te  über  bie  3[ßelt  jum 
©iege  ju  berl^elfen.  2Ba§  ber  ©injelne  nid)t  öermag,  ba»  ge= 
minnt  bie  bereinigte  ^raft.  Sßürbe  iebe§  Snbiöibuum  alle 
5Irt  bon  5Ir6eit  t^un  muffen,  meld)e  nötfjig  ift,  ifjm  eine  mür= 
bige  ©jiftenj  ju  fiebern,  löngft  märe  bie  5}ienfd)f}eit  im  @Ienb 
berfommen.  23on  einem  gortfc^ritt,  bon  materieller  unb  gei= 
ftiger  ßuttur  lönnte  feine  9iebe  fein,  ^nbcm  ber  5)Jenf^  feine 
gan^e  ^raft  in  beftimmter,  begrenzter  Stjätigfeit  concentrirt, 
eripljt  er  feine  2eiftung§füljig!eit  in  grof^artigfter  2Beife.  S)a§ 
mirb  aber  nur  gefd^el^en  in  ber  @efenf(^aft ,  mo  er  bie  5pro= 
bucte  feines  gleite»  umtaufc^en  fann  gegen  bie  SUiittel  ber  5ße= 
friebigung  feine»  53ebarf§. 


48    ®rfte§  ^aptter.    ®er  d^riftRt^e  ©tootäbegriff  int  atfgetnetnen. 

8.  2)er  SJtenjc^  i[t  olfo  |)err  ber  Söelt,  aber  nur  bitrcä^ 
bie  ©efeUlc^aft  unb  inmitten  ber  @  e)  eH f  d)  a  [t. 
5Ric^t  a(§  ob  it)m  bie  ©efeüfcbaft  ba»  9?edbt  ber  ^errfc^aft 
über  bie  2öett  unb  bie  Sefugnife,  aus  ben  ©ütern  ber  äußern 
5^atur  ©tidung  feiner  53ebitr[ni[]e  gu  fuc^en,  erft  öerlei^en 
müBte.  9?ein,  bieje»  D^ed^t  f}at  er  ala  5)?en)cb  öermöge  feiner 
9?atur,  bie  if)n  über  bie  S.'öett  ergebt  unb  jugleicb  ouf  bie  2BeIt 
anroeift.  5Iber  bie  Ütealifirung  ber  |)errf(^aft,  il^re  t^atfäci^= 
Ii(f)e  unb  fiegreicbe  ©eltenbmac^ung,  ba§  f^actum  ber  |)err= 
fcfiaft  öerbanft  er  jum  großen  %^ni  ber  ©efeüfdiaft.  ©eine 
Sntereffen  finb  atfo  mit  ber  ÖJefetlfdiaft  enge  berfnüpft.  ©ci^on 
barum  mirb  er  feinen  eigenen  25ortf)eiI  jmar  auf  Soften  ber 
?Ratur,  nid)t  aber  auf  l^often  ber  ©efeüfc^aft  erflreben.  @r 
wirb  nidbt  oergeffen,  baß  aud)  für  ade  anbern  Tlm)ä)tn,  genau 
fo  roie  für  i^n,  ba»  gefenf(^aft(id}e  Seben  eine  Quelle  be§ 
(5egen§,  nid)t  aber  be§  33erberben§  merben  fott,  unb  ha^  bei 
Söerfen,  voo  öiele  ^ufammen  luirfen  muffen,  jeber  Sinjelne  fid^ 
ben  p^ern  ^^JO^dm  ber  ©efamt^eit  unterjuorbnen  l^üt. 

9.  3ft  e§  nun  unbeftreitbar,  ha]]  bie  gefeöige  9?atur  ben 
5}^enfd)en  über  bie  (Brenjen  ber  gamilie  ^inau§  mit  anbern 
^erfonen  in  53erbinbung  bringen  föirb  unb  bringen  muB,  fo 
!ann  e§  ebenfomenig  beän}eifelt  merben,  baß  biefe  33erbinbung 
fid)  nid)t  mit  fporabifd)  auftretenben,  fur5en,  Jt)ed}felnben  53e= 
jie^ungen  begnügen,  fonbern  oft  bie  ^orm  einer  eigentlichen 
„©efedfcbaft"  im  firengen  «Sinne  be§  2.Borte§  annef)men  wirb. 
Unter  6efenf(|aft  berfte^en  mx  babei  eine  organifirte  ®e= 
meinfd)aft,  eine  bauernbe  ^Bereinigung  öon  ^erfonen,  bie 
burc^  gemeinfame  S^ätigfeit  einem  gemeinft^aftüc^en  ^kk  ju= 
juftreben  üerpfliditet  finb  unb  buri^  eine  rec^t(i($e  ©etoalt  jum 
@efe[Iid)afts,^iüede  Eingeleitet  merben.  2)ie  S^erbinbung  mel)rerer 
ober  bieler  ^erfonen  burc^  gegenfeitige  Siedete  unb  ^f(id)ten 
5U  einem  moraüfdjen  ©anjen,  ha^  «Streben  nad)  einem  ge= 
meinfamen  3ie(e  mit  öereinten  i?räften  unter  gemein= 


1.  Sie  ©eteüjciiQft  alö  i^orberung  ber  mcnj(f)Ii(^en  DJatur.     49 

[am  er  Sei  tun  g  —  bü§  [inb  bie  2Be[en»eIemente  jeberraafjren 
unb  eigentlichen  ©efenjd^aft  ^ 

2)ie  (Sefedl'cfiaft  in  biefem  ©inne  i[t  eben  bn§  lüirffamflc 
unb  nad}^altig[le  Wiikl,  beffen  ber  5)knj(^  fic^  fielen  gegeu= 
über  bebienen  fonn,  bie  er  mit  feiner  i[oIirten  ßraft  überhaupt 
nici^t  ober  nid}t  gleich  gut  erreidjen  fann.  <Bk  erfd^eint  nur 
qI§  bie  boKe  grud^t  unb  SBirfung  ber  gefeCligen  Einlage  ber= 
nünftiger  llJenid^ennatur ,  unb  barum  mu^  auc^  "bü^  9^ed)t 
bes  DJJeni'c^en  jur  toirflii^en  ^Bereinigung  mit  onbern  ju  einer 
(5}efen[(5Qft  aU  ein  natürlid^eä  Dtec^t  be^eic^net  unb  Qn= 
erfannt  merben.  3IIIerbing§  überläßt  bie  5htur  bem  Dernünf= 
tigen  unb  freien  (ärnieffen,  bie  5irt  unb  ^orm  jener  (BefeII= 
fd)aften  nö^er  ^u  beftimmen,  überläßt  e§  fogar  in  meiteftem 
Umfange  unferem  belieben,  jene»  ^O^ittel»  un§  jur  33erboüfomm= 
nung  bea  Seben»  ju  bebienen  ober  nid)t. 

5tur  eine  beftimmte  31  r  t  unb  gor  m  ber  @efeüf(i^aft  im 
eigent(i(^en  ©inne  be§  2Borte§  gibt  e§,  außer  ber  ^^amitie, 
roeldie  al»  foldie  in  ber  9latur  be§  5)?enfc^en  begrünbet  ift, 
au§  ber  9^atur  fii^  bon  felbft  ergibt,  barum  ben  Gljarattcr 
einer  bon  ©ott  gemollten  unb  notbiüenbigen  ©efeüfc^oft  an 
]\d)  trägt.  S)a§  ift  ber  ©taat.  Seine  9iDtf)U3enbigfeit  mer= 
ben  unfere  2(u§füt)rungen  über  Urf|3rung  unb  ^md  be§  Staate», 
über  bie  53ebeutung  ber  lRe(^t»orbnung  für  büa  gefe[Ifd)aft= 
lid)e  3uiötniTtenIeben  ber  9]?enfd)en,  über  bie  maditöoHe,  für 
ben  föaljren  g-ortfdiritt  unentbef)rlid)e  |)i(fe,  bie  ber  Staat  ju 
leiften  bermag  unb  (eiften  fotl,  unmibertegti^  bartljun. 


1  33gr.  Staatälejifon  ber  ©örre§=©efeüi(5aft  II  (^reiburg  1892), 
9trt.  „©efeüfd^aft"  Oon  58 ruber,  ©.  1199  ff.  —  Th.  Meyer  S.  J., 
Institutiones  iuris  naturalis  I,  n.  347  sqq.  —  ßatl^rein  a.  q.  C>. 
n,  309  ff. 


Spei^,  St£ieraa§mu§  jc.  I.    2.  Slufl. 


50    ^iftcö  ßa^jitel.    S)er  c^riftlicfic  ©taatöBegriff  im  atlgemetticn. 
2.  pie  <le^xc  vom  ftifprung  bc6  Staates  unb  bcir 

1.  ©tili,  aber  mäd}ttg  war  bn§  Wxxhn  be§  (5^ri[ientf}um§ 
im  ^erjen  be§  (Sinjelnen,  überlüölttöenb  bte  fd}öp[erifd)e  Wad)t 
ber  neuen  S'been  auf  bem  @ebiete  poUtifd)er  unb  jocialer  3n= 
[titutionen. 

3tt)ar  öerfügte  aud)  bie  antife,  in§be[onbere  bie  altCjeKes 
ni[d)e  5p^ito[o|}I)ie  über  einen  reid)en  unb  gebiegenen  ©ebalt. 
hinein  bie  Sßa^rfjeit  blieb  jum  Sl^eil  ber^üHt  burd)  ben  5fiebel 
be§  3rrt()umS,  ^um  2;l)eit  berjerrt  burdö  bie  SSabngebilbe  be§ 
.t)eibentf)um§.  (är[l  al§  bie  t)o[itit)e,  d)ri[tlid)e  Offenbarung, 
tt)ie  ein  Seuc^ttrjurm  aufgepflanzt,  bie  SBege  be§  3^orfd)er§  er= 
fjeUte,  mürbe  bie  ©pcculation  Dor  lüeitern  fcSbrnerjüdden  3rr= 
fal}rten  gefd)ütjt. 

grei  Don  jeber  ftoljen  ?(nma^ung  prüften  bie  d)rift{i(^en 
^■P^itofopljeu  mit  ©ruft  unb  (Beiüiffenl}aftig!eit  bie  überlieferte 
@eifte§arbeit  früherer  3al)rf)unberte  im  Siebte  ber  (^rifttic^en 
Offenbarung,  fd)ieben  ben  ^rrttjum  au§,  t)er!nüpften  bie  Seigren 
unb  ertoeiterten  ben  (Seban!enfd)a^  unb  f(f)ufen  fo  jene§  ftau= 
nenStuerttje  Sefirgebäube  ber  f^olaftifdien  ^tji(ofopl)ie ,  st)eld;e§ 
nur  ber  geringfd)ü|en  fann,  ber  al»  ^^rembling  i^m  gegen= 
überfielt,  ober  bem  bie  (Sinfic^t  fe^It,  e§  ju  begreifen. 

2.  3unüd)ft  trafen  diriftlic^e  unb  antife  ^^ilofopfjie  in  ber 
gemeinfamen  Ueberjeugung  sufammen,  ba^,  mie  bie  Orbnung 
ber  menfc^Iidien  3Serf)äItniffe  überljuupt  feine»tt)eg§  ber  to^ä)' 
feluben  Saune  unb  bem  freien  S3elieben  überlaffcn  fei,  fo  in§= 
befonbere  aud)  bie  5(b(eitung  be§  Staate^  unb  ber  ftaat= 
lidjen  Orbnung  au^  ber  freien  SÖlüfür  ber  ^nbibibuen 
al§  unüereinbar  mit  ber  33ernunft  berinorfen  trerben  muffe. 

^lato^  äufolge  entfielet  ber  ©taat  öermöge  be§  natür= 
lid^en   53ebürfniffe§   nad;   focialer   5lrbeit§tf)ei(ung.     5t  r  i  ft  o= 


1  Polit.  II,  369  sq. 


2.  ©ie  Se'^re  öom  Itifprung  bc§  Staate?  unb  ber  ftaatf.  ©etuatt.    51 

tele§i  bejeic^net  bcit  53len[(^en  alä  (poazi  TzoXiTtxhv  ^cbov 
unb  ftcüt  bert  ©a^  auf:  näoa  tJ)Xic,  (poaet  kaz'iv.  (Sbenfo 
lefjrt  ßicero^  in  5tnle^mmg  nn  bie  gried)ij($en  ^f)i(ofop^en, 
'h(\);>,  ber  Ie|te  ©runb  be§  ©tnate»  in  ber  focialen  ^lotur 
be§  9JJenfd)en  ju  fu(^en,  unb  'iia^  ber  gejc^id^tUcfje  SSoUjug  ber 
©taatengrünbung  al§  eine  bie  g^orberungen  bey  ükturtriefeeS 
reaüfirenbe  %i)ai  aufjufaffen  ]ei. 

52d(J^  !(nrer  unb  beftimmter  !e^rt  biefelbe  Stuffaffung  iDieber 
in  ben  Seigren  ber  diriftiid^en  ^^ilofopfjen.  S)er  ©taat  gilt 
i^nen  a(§  ein  unobtüeisboreS  ^poftulat  ber  menfd^ilidien  Dhtur 
unb  borum  jugleic^  q(§  ein  föefentlic^er  %\^z\{  ber  b  o  n  ©Ott 
geforberten   SBeltorbnung^. 

33erniöge  ber  33egrenätfjeit  feiner  inbibibueflen  ^ö^igfeiten 
unb  Gräfte  bon  DIatur  au§  einer  (Srgänäung  fä^ig  unb  6e= 
bürftig,  ift  ber  5Jienfd}  not{)n)enbig  barauf  angeiüiefen,  bei 
anbern  Sc^utj  unb  .^ilfe  ju  fudjeu,  nid)t  blofe  in  feiner  %\u 
genb,  fonbern  loäfjrenb  ber  ganzen  S)nuer  feine»  2eben§.  5Iu^er 
bem  natürlidjen  Srieb  nac^  @elbftcrf)altung  unb  ©eIbftberbDlI= 
fommnung,  neben  bem  ©efüf)!  ber  p^tjfifdien  unb  moralifd^en 
§ilf§bebürftig!eit  bilbet  bQ§  in  ber  ©emeinfamfeit  ber  gleid)en 
5^atur  begrünbete  gegenfeitige  SBo^Irooüen ,  bie  Humanität  in 
bea  Sorte»  befter,  unberfälfc^ter  Sebeutung  ein  fefte»,  etni= 
genbe§  S3anb.  „®a§  finb  jene  urfprünglidien ,  unfid)tbaren, 
ber  5}?enf(^ennatur  angeborenen  50kgnete,  bie  ben  SJ^enfd^n 
äum  9J?enfc^en,  ?5^ami(ien  ju  gamilien  f^mpatfiifd)  ^injie^en 
unb  fie  nid)t  nad)  einem  bon  9}?enfd)en  tt)infür(i(^  entmorfcnen, 
fonbern  nad)  bem  göttlid)en  ©d)ö]jfung§p(ane  untereinanber 
berbinben.    5tu§gel^enb  bon  ber  einfad)ften  natürlichen  33erbin= 

1  Polit.  c.  2. 

2  De  off.  ir,  21;  III,  5;  I,  4.  De  republica  I,  25.  39;  II,  1. 
Pro  Sestio  c.  42  etc.—  Jßgl.  ©ier!e,  ©enoffeufd^aftörecfjt  23b.  III: 
©taat§=  imb  6ovporatton§k^re  (iBerlin  1881)  ©.  13,  Slnm.  13. 

3  5.   Tlwm.  in  T.  Polit.  lect.   1. 

3* 


52    ®i;fte§  ßapttel.   ®er  dOriftlt^e  ©taatSfcegrtff  im  attgemcinen. 

bung  bon  Snbibibuen  in  ber  l^üuSlic^en  ©efeUfc^aft,  biefe  er* 
toeiternb  jum  Sßereine  tion  gominen  in  ber  (Bemeinbe,  bie 
©emeinben  beSfelben  ©tamme§  toieberum  in  bem  SSerbonb  einer 
Dhtion  äufornmenfaljenb,  jd^reitet  bie[e§  ge^eimnißöoHe  233ir!en 
ber  gefeüigen  Statur  fort  bi§  jur  boHenbeten  ©lieberung  be§ 
©taate§,  ober  tüie  bie  eilten  beffer  fagten,  be§  großen  bürger= 
lid^en  ,(SemeintDe[en§'  im  üteic^e  (respublica,  regnum)."  i 

5tu§  ben  Df^eigungen  unb  33ebürfniffen  ber  menfd)(i(f)en 
?RQtur  {)eran§gett)Qd)fen ,  nnter  bem  (Sinflu^  gemeinfamer  516= 
[lammung  unb  ^Nationalität,  be§  gefeHigen  SSerboHfümmnungS» 
triebeS,  mlä)zx  eine  über  bie  ©renken  ber  gomilie  f)inau§  er= 
heiterte  3u|'ammen(egung  ber  berfd^iebenen  Einlagen  unb  Gräfte, 
eine  in  größerem  Um!rei§  [id)  boHsiet^enbe  Strbeitst^eilung, 
!rüftigere  Unterp^ung  burd)  öffentlidie  51n[talten,  enbtic^  eine 
mädjtigere  Garantie  ber  gemein[amen  @id)er^eit  er^eif(i^te,  ent= 
ftanben,  erfc^eint  fomit  in  ber  Xf^at  ber  ©taat  in  le^ter  Sn= 
ftanj  al§  ein  2öerf  be§  UrljeberS  ber  9latur,  al§  föefentüdjer 
^Beftanbt^eil  be§  weltorbnenben  5)3Iane§  ber  ©ottTjeü. 

2)amit  füll  nid)t  be[tritten  werben,  ba^  im  ge](^id)t= 
Hdien  33iIbung§procc|  ber  ftaatlidien  ©efeüfd^oft,  bei  ber 
Stiftung  unb  Umformung  ber  einzelnen  ©taoten,  bie  freie, 
bemühte  menfd)nd}e  Sptigfeit  in  Ijerborragenber  äßeife  mit= 
juwirfen  berufen  fei,  unb  ba^  fie  tl}atfäc^(id)  ouc^  in  ben 
mannigfai^ften  g^ormen,  burd)  33ertrag  ober  Ufurpation,  auf 
re(!^tlid)em  2Bege  ober  burd^  ©emalt  mitgemirft  ^ahz.  9Nur 
ba§  eine  ift  surüdgemiefen:  al§  ob  e§  in  bem  belieben  ber 
5[lienfd)en  gelegen  I)abe,  ben  Staat  überfjaupt  ein^ufüf^ren  ober 
nid)t,  al§  ob  ber  Staat  au§  ber  boKtommen  frei  geraollten 
SSeenbigung  eine§  au^ergefeKfcdaftlic^en  9laturäuftanbe§  ^erbor» 


^  S^eobor  3)1  e^ er  S.  J.,  ©runbfä^c  bev  ©ittlid^feit  unb  be§ 
3fle(^t§  (^reiburg  1868)  ©.  256.  —  »gl.  bie  ©nc^ftila  ßcoä  XIII. 
„Diuturnuni  illud^  Dffic.  2lu§g.  1881,  ©.  10  (11).  —  Chr.  Än- 
toine  S.  J.,  Cours  d'Economie  sociale  (Paris  1896)  p.  28  ss. 


2.  Sie  Seigre  öom  Ursprung  be§  ©taateö  unb  bev  ftaatl.  ©etoalt.    53 

gegangen,  nicf)t  felb[t  ein  D^aturjuftanb  unb  burd)  bie  Waäjt 
ber  öernünftigen  ^Ratur  geforbert  unb  bermirfUcfit  [ei  1. 

3.  mk  bie  ftaatlic^e  ©efeüfdiatt  ber  ^rifllic^en  ^:|5^irofol)Ijie 
qI§  eine  öon  (Sott  für  bie  gegentt)ärtige  Orbnung^  gewollte, 

1  „SBetI  ber  DJhni'c^  t^^ättg  ift,  fdEireifct  er  fetner  S^l^ätigfeit  alleö 
ju;  unb  toeil  er  fiä)  feiner  S^reil^eit  beloufet  ift,  bergifet  er  feine  2tb= 
pngigfett.  ...  ^n  ber  gefeüfc^aftlii^en  Drbnung ,  too  er  fi(|  gegen= 
lüärttg  unb  mitlnirfenb  fü^It,  erjeugt  \iä)  fe^r  leidet  ber  SBal^n,  ba% 
er  eigentlich  ber  unmittelbare  Stfiöpfer  otteS  beffen  fei,  toag  bur(|  i^n 
gefd^ie^t;  er  ift  in  getoifjeiu  ©inne  bie  SQlaurerfelte,  bie  fic^  SSaumeifter 
3U  fein  büntt"  (Se  SO^aiftre,  2}erfuc^  über  Urfprung  unb  2Bac^§= 
tf)um  ber  )3oIitifc§en  ©onftitutionen.  Ueberf.  Dlaumburg  1822,  §  X). 
9Jlan  inu^  ben  llnterfd)ieb  jtoiftfjen  ber  l^iftorifc^en  6ntfte^ung§= 
form  be§  ©taateä,  feinem  natürlid^en  unb  ^jofittüen  9ie(^tä= 
grunbe  tooI)t  beachten ,  um  bie  S;f)eorien  mancher  ScfjriftfteÜer  ridjtig 
lüürbigen  ju  fönnen.  2Ba§  bie  allgemeine  imb  tieffte  Urfac^e  ber 
bürgerlichen  ©efeüff^aft  betrifft,  fo  fanben  ©uare3  (De  legibus  unb 
Defensio  fidei  catholicae  adversus  regem  Angliae)  unb  feine  2ln= 
i^änger  biefelbe  feine§tDeg§  in  ber  freien  SSidfür,  fonbem  in  ber  ge= 
fettigen  Dkturanlage  bf§  ISJlenfc^en.  [Jür  SBellarmin  unb  ©uarej 
^anbelte  eS  fic^  bei  StufftelTung  i^rer  33ertrag§t^eorie  überhaupt  gor 
ni(f)t  um  bie  :^iftorifd)e  @ntfter)ungsart  ber  Staaten ,  fonbern  (ebig= 
üü)  um  bie  red)ttirf)e  ©rflärung  be§  SJeftel^enben,  toie  immer 
e§  l^iftorifd^  geiüorben  fein  mod^te.  9M:^ere  5lu§fü^rungen  über  bie 
93ertrag§tl^eDrie  ber  ©d^olaftifer  unb  il^ren  ©egenfa^  3ur  0touffeau= 
fdjen  Se^re  fie^e  bei  Sa t^ rein  a.  a.  £).  II,  401  ff.  S)eäglei(^en 
%i).  met)tx  a.  0.  D.  @.  228  f. 

2  JSefannt  ift  bie  bon  einselnen  .ßtrd^enbätern  au§gefpro(^ene  Sln= 
fid)t,  bafe  ol^ne  ben  ©ünbenfatt  bie  Untcrorbnung  unter  eine  ftoatlid^e 
§errfc^aft  nid^t  in  berfelben  SÖeife  nötljig  getoefen  tuäre,  «Die  biefcä 
für  ben  Sufianb  ber  gefattenen  aJlenfc^ennatur  erforberlid^  ift.  33gl. 
©ierle  a.  a.  D.  ©.  125,  beffen  2lu§fü^rungen  jebod)  in  biefer  Srage 
3um  S^eit  einfeitig  finb,  jum  S^eit  auf  3QHBberftänbniffen  berul^en. 
S)er  1^1.  2:^0 mag  bon  Slquin  meint  (S.  theol.  1,  q.  96,  a.  4), 
ba'Q  auä)  im  parobiefifdien  Suft^nbe  eine  obrigfeitlic^e  ©ettjolt  not^= 
n)enbig  getoefen  toäre  im  Sntereffe  eine§  georbneten  ^S^iamminUbm^, 
beffen  33egriff  eben  eine  gemeinfame  Seitung  erforbere.  9catürlic^ 
roüxhi.  eine  folc^e  ©etoalt  bort  be§  ^toanqt^  nii^t  beburft,   fonbern 


54    ®rfteä  ßal)itel.   ©er  c^riftfii^e  StnatSbegriff  im  allgemeinen. 

bur(^  bie  DZaturanlage  be§  5}lenfd)en  ge[orberte  ßinrtd)tung 
galt,  [d  behaupteten  bie  diriftlic^en  Genfer  folgerii^tig  ein 
@Iei(|)e§  bon  ber  obrigfeitüci^en  ©etüolt  im  ©tante. 
S)enn  ebenfotoenig  mie  e§  einen  lebenben  Organismus  geben 
fann  o^ne  ©eete,  gibt  e§  einen  <5taat  o^ne  ©taatsgematt. 
5Ui(^  für  bie  [taatlidje  @e)eü|(^aft  i[t  irgenb  ein  Sräger  ber 
ftaatlidien  5tutorität  unentbefjrlidje»  SBefenSelement. 

©er  ®eban!e  war  nic^t  neu.  bereits  bie  geiftig  bebeutenbften 
unter  ben  griecbifdien  unb  römi[d)en  ^l}i(o[o|jf)en  juchten  barum 
ben  9ied)t§grunb  ber  @taat§gett)att  al§  foldien  in  ben  ^tx= 
nunftgefetjen  unb  leljnten  e§  a^,  bie  @taat§gemalt  al§  ein 
blojj  tt)ill!ürlid}e§  SBerf  ber  ob[iegenben  Wlaä)t  ober  be§  freien 
5ßertrag§fc^Iuife§  ju  betraci^ten.  ©o  entmidelte  5triftotele§i 
au§  ber  organifdien  9iatur  be§  @taate§  :^erau§  ben  Unter= 
fd)ieb  5mifd)en  §errfd^enben  unb  ^e^errfditen.  @r  bilbete  ben 
iBegrift  einer  jouüeränen  oberften  |)errfd;aft,  einer  x'jpta  apyj}, 
ber  um  fo  mert^öoder  mar,  ba  bie  ^flid)t  be»  iperrfd)er§, 
feine  Stellung  unb  ©emaÜ  nid)t  im  eigenen  ^ntereffe,  fon= 
bern  jum  äBof)Ie  ber  ©efamt^eit  ^u  öermenben,  in  bemfelben 
äum  Haren  5tugbrud  gebrad)t  mürbe.  5tud)  6  i  c  e  r  o  ^  iier= 
gleicht  ben  «Staat  einem  Crgani§mu§  unb  bo§  imperium 
mit  ber  Seele. 

@Ieid)5eitig  würbe  aber,  inSbefonbere  Don  ben  d)ri[tlid)en 
3)enfern,  mit  aller  nur  münfd)en§mert()en  SSeftimmttjeit  t}er= 
Uorge^oben,  bafj  bie  concrete,   ^iftorifd^e  ©eftattung  ber 

fid^  Quf  bie  blofec  Seitung  Befd^räntt  \)<x\it\\  (Dgl.  S  q  t  f)  r  e  i  n  o.  a.  O. 
II,  385).  —  Heber  ben  Urfprung  ber  ©taotggettialt  ügl.  bie  ©nctifUfa 
ßeo§  XIII.  .Diutiirmim  illud"  nom  29.  SuH  1881.  Dfftc.  5lu§g. 
©.  4  (5)  ff.  10  (11)  ff.  24  (25)  ff.  —  @nct)frifa  ^Hmuanum  gemis" 
(1884)  ©.  30  (31)  ff.  —  ®nct)!I.  Jmmortale  Dei"  (1885)  ©.  30  (31). 

1  Polit.  I,  c.  5;  III,  c.  6.  7.  10.  —  ©ierte  a.  a.  £).  @.  18  ff. 

2  Cf.  S.  August.,  De  civitate  Dei  XIV,  23;  Contra  lulian. 
Pelag.  IV,  12. 


2.  Sic  Se^ve  üom  Uriprung  beä  ©taateö  unb  ber  ftnatl.  ©einölt.    55 

i nbibtbu eilen  ©taat?gert)Q(tcn  jebe^mal  nur  biird)  bie  Son= 
curren5  freier  unb  natürlidjer  Urfac^en  ju  ftanbe  fommt. 

Sn  Dielen  güüen  toirb  anfänglich  bie  «Staatägetoalt  inner= 
1)016  eine§  33erbanbe»  öon  t^amilien  qI§  potriorcfialifi^e ,  in 
natürlicher  §ort&i(bung  unb  5lu§bef}nung  ber  f)äu§Iid)en  5(u= 
torität  be»  gamilienober^auptea  entftanben  fein.  §icr  genügte 
bann  eben  biefe  befonbere  ^iflorifdie  (äntfleJ^unglart ,  um  ber 
Staat^geloalt  eine  red}tlid^e  33afi§  ^u  geben.  Ober  man  mochte 
mit  23ellarmin  unb  Suarej  bie  unmittelbare  recQtlic^e  (lr!tü= 
rung  ber  be[tcl)enben  ©emalt,  mie  immer  fie  l^iftorifi^  ent= 
ftanben  mar,  t^eoretifd^  alfo  conftruiren,  baji  bie  Dbrig!citlid)e 
©eroalt  junüd^ft  bei  ber  ju  einer  moralijd^en  (äinfjeit  cDnfti= 
tuirten  @e]amtf)eit  be§  ^ßolfe»  al§  bem  öon  D^atur  au§  un= 
mittelbaren  unb  urfprüngtidien  Subject  ru^e  unb  bann  t)on 
biefem  burcb  eine  unroiberruflic^c  Uebertragung  auf  hm  9te= 
genten  —  ber  infolgebeffen  roirflic^  i^aupt,  nidjt  bloßer 
ÜJknbatar  bc§  !33Dlfe»  roirb  —  übergegangen  fei.  ^a  man 
modite  fogar  mit  5luguftinu§i,  in  bem  ^ßeroußtfein,  baß 
^iftorifd^  bie  9?eid)e  unb  bie  i^errfd^aft  in  benfelben  nur  ju 
oft  burc^  Unred)t  unb  ©eroalt  gegrünbet  unb  bermefirt  rour= 
ben,  ben  fünbfjaften  Urfprung  ber  meiften  ©taaten  bitter  be= 
ftagen;  immer,  unter  aUen  a?Drau§fe|ungen,  in  jeber  2efjr= 
meinung  ebenforoo^t  roie  in  bem  praftifdjen  ä5er^a(ten  ber 
©Triften  gegenüber  f}eibnifc^en,  atfjeiftifc^en,  abfolutiftifc^en  9Je= 
gierungen  gebad)te  man  flets  ber  DJfa^nung  be§  ijL  ^au(u§2 
an  bieüiömer:  „^ebermann  unterroerfe  fic^  ber  obrigfeitlii^en 
©eroalt;  benn  e»  gibt  feine  ©eroalt  au^er  Don  ©ott,  unb  bie, 
roe(d)e  befte^t,  ift  ücn  ©ott  t^erorbnet.  2Ber  bemnad)  fic^  ber 
obrigfeitlic^en  ©croalt  roiberfe^t,   ber  roiberfe^t  fid)   ber  5(n= 


1  De   civitate  Dei  XI,  1;    XIV,  28;    XV,  5.  17;    XVI,  3—4; 
XVII,  6;  XVIII,  2. 

-  mm.  13,  1.    %I.  %i).mzt)txa.a.Q.e.  213  ff. 


56    ®rfteö  ßapiteL    S)er  c^riftUc^e  Staatöbegriff  im  atfgemctncti. 

orbnung  @otte§,  imb  bie  \\d)  biefer  toiber[e|en,  sieben  [id)  bie 
SSerbammni^  ju." 

^iiemals  aber  galt  l^ier  bie  ©taatSgeroalt  al§  blo^eS  5pro= 
buct  men[(i)üd)er  SBillfür,  niemals  rvax  e§  bie  brutale  %i)ai= 
\a^t,  ba§  einfac()e,  t}i[tori)(i)e  Serben  unb  33e[tel)en  ber  ©etnalt 
an  unb  für  fid),  auf  tt)e(d)e§  fid)  il)re  Segitiniität  ftü|te.  6ine 
üon  ©Ott  geiüoKte  Orbnung  bitbete  bielmefir  bie  le^te  Unter= 
tage  aflcr  9Jed)te  unb  ^f(id)ten  be§  9iegenten.  @elb[t  bie  ^i[tD= 
rifc()e  S^atfadie,  föeldie  unmittelbar  ben  concreten  Sräger  ber 
©emalt  fc^uf,  mu^te  mit  ber  fittlidien  Orbnung  irgenbioie  ber= 
fnüpft  fein  unb  barum  lieber  in  le^ter  ^nftanj  auf  ©ott  al» 
ben  Urfjeber  ber  9iatur,  ben  @efe|geber  ber  lex  aeterna,  ben 
probibentieHen  2en!er  ber  5}Jen)d}^eit  fi(^  jurüdfüliren  laffen, 
um  einer  Stegierung  ben  Gljarafter  ber  Segitimität  ju  t)er= 
leiten  \ 


*  2lud^  für  ben  S^aü  ber  Ufur^^ation  betoa^rt  bu\e§  ^rtncip 
feine  ßraft.  S  l).  SfJl  e  l)  e  r  (a.  a.  O.  6.  232)  äußert  firf)  barüber  in 
feiner  flaren  unb  prägnanten  Sßeife  Une  folgt :  „@ine  unred^tniäfeige 
Jöergetoaltigung  bleibt  in  ©toigfeit  ein  Unrei^t  unb  fann  aU  foId)e 
Qud)  fein  9led)t  begrünben,  fie  mag  mit  ©rfolg  gefrönt  fein  ober  nid^t. 
©effenungead^tet  ift  eä  möglid^ ,  ba'^  auf  einer  ungereimten  S^atfatfje 
nad^träglidE)  eine  malere  ßegitimität  fid)  aufbaue,  nitf;t  toeif  bie  95er= 
anlaffung  eine  ungered^te  ift,  fonbern  toeil  möglit^erweife  bereu  tl^at= 
füd)Ii(f)e  äußern  f^olgen  burd^  g^it  U"^  llmftänbe  fic^  fo  enge  mit 
ben  l^öt^ften  ©octalätoecfen  oerfetten,  ba'^  fie  ot)nc  ©efäl^rbung 
ber  le^tern  fortan  f(j^Ie(§tl^in  babon  unsertrennlic^  finb  unb  bal^er 
mit  Slüdffidit  auf  biefen  Umftanb  eine  neue  natürlid^e  OletfitSbafiö 
btiben.  ®ö  fommt  Ijier  feineetoegS  blo^  bie  nadte  SJerjäfirung  naä) 
bmi  formellen  DJla^ftab  ber  3eitbauer  in  23etracOt.  .  .  .  Sa§  entfd^ei= 
beube  5Dloment  ift  oielme^r  ein  burrf^auö  naturrec^tlidjeö,  lueld^eS  ber 
SSernunft  unb  ber  göttlid^en  Drbnung  gemäfe  in  bem  oberften  S^^^ 
ber  öffenttid^en  9led^töorbnung  aud^  ben  9Jla§ftab  berfelben  erfennt. 
UnjlDeifelfjaft  mufe  bemnad)  eine  au§  urfptünglid)er  Ufurpation  ber= 
Vorgegangene  Dbrigfeit  bon  ber  Seitperiobc  an  aU  5U  Üied^t  beftel^enb, 
alä  legitim  angefefien  Joerben,  in  toeld;er  jebeä  anbere  cntgegenftel^enbe 


2.  Ssie  £el)re  nom  llrfpninQ  bc§  ©taates  unb  ber  ftaotf.  ©etoalt.    57 

4.  5ßei  Qtlen  93Dr5ügen  ber  fjellemfc^en ,  in§befonbere  ber 
Qri|tDteIifd)en  5]]{)i(Diü|.if)ie  —  in  mand)en  5pun!ten  blieb  [ie 
bod)  föeit  fjinter  ber  d)ri[t(td)cn  2e^re  jurüd.  2ßir  berüd[i(^= 
tigeu  fjierbei  nic^t  bie  f}öd}[t  bebenflidjen  Unter[trömiingen,  bon 
benen  bie  antue  ^(jitoiopfjie  feine»tt)eg§  frei  geblieben.  So 
liefen  g.  58.  bie  ©D|)I;i[ten  nnb  ©pitureer  ben  ©toat  au§  einem 
freien  5ßertrage  entfteljen ,  ben  bie  Win]ä)zn  blof?  jn  ifjrer 
(Sicherung  gefc^Ioffen.  2Bie  fie  überhaupt  gur  Unterfc^eibung 
öon  9te(^t  unb  Unrecht,  ©ut  unb  ^öa  feinen  anbern  5}k^= 
ftab  fannten  al§  ben  9tu|en  einer  ^anblung  unb  ba§  burc^ 
fie  bett3irfte  2öof)(erge^en  ^  fo  raar  aud)  inabefonbere  it)re  gonge 
<5taat§=  unb  9te^ta(e^re  burc^  unb  bur^  utilitariftifd^.    ^Idein 


O^etfit  offenbar  unmöglid)  gelüorbeu  ift."  ä!;gl.  aud)  bie  2lu^einanber= 
fe^ung  beö  preufetfcfien  SJünifterä  H.  SRabonit^  (©efammelte  gtl)rif= 
ten  IT  [Berlin  1853],  71  ff.). 

1  Stuf  eine  ausführlichere  S)arfteüung  biefer  SSerirrungen  tnüffen 
wir  l^ier  öergi^ten.  Einige  Slnbeutungen  finb  jebod^  um  fo  mel^r  am 
^la^e,  ba,  ttie  tx>ir  fpäter  feljen  n)erben,  bie  liberale  unb  focia= 
Iiftif(|e  @t:^tf  gerabe  biefen  9Ueberungen  ber  ]^eibnif(i)en 
5p{)iIof Opiate  i^re  ^been  unb  Stbeale  entnommen  l^at.  Striftipp 
aus  ©tjrene  unb  bie  nocf)  i^m  benannte  <Bä)uU  ber  ßtirenaiter  fanb 
in  ber  finnltd^en  Suft  be§  Stugenbliöö  ba§  p(|fte  ©ut  unb  bie  oberfte 
9ticf}ti(f;nur  beg  ^anbelnS.  Sie  Suft  bleibt  gut,  ifirer  felbft  toegen 
erftrebenSicert^ ,  auf  toeli^em  Sßege,  burc^  lüel^e  3[RitteI  unb  §anb= 
hingen  fie  aud^  immer  erreicht  toerben  mag.  SD  e  m  o  !  r  i  t  fiebt  bas 
bci(i)fte  ©ut  ätoar  nic^t  in  ber  Suft  be§  SlugenblidEä ,  aber  bod^  blofe 
in  bem  bauetnben  SBol^Ibefinben  be§  3nbiüibuum§.  2tu(^  für  ®pi= 
für  gilt  bie  groBtmöglicOe  2eben§Iuft  ciU  bö($fte§  ®ut.  S)ie  oberfte 
ber  ^lugenben  ift  i:^m  bie  ^^po^r^mg,  jene  ßlugbeit  unb  ®infid§t,  toeIcCie 
ben  SDtenfd^en  jur  richtigen  5Iusn3af)I  unter  ben  Perfc^iebenen  Süften 
anleiten  foK.  ^vx  ^ntereffe  be§  äJergnügenä  toirb  Spüur  fogar  5um 
„2l§ceten".  ®r  prebigt  ©ntfagung,  fotoeit  biefe  not:Otoenbig  fei,  um 
bem  2)lenf{3^eu  eine  längere  ®auer  be§  ©enuffc§  fid^erjufteHen.  SSgl. 
Diog.  Laertius  II,  8.  16:  IX,  45;  X,  128.  140.  150.  Sat^rein 
a.  a.  D.  I,  137  ff.  ©terf  e  a.  a.  O.  ©.  21.  3eHer,  ^^itofop^ie 
ber  ©rted^en  I  (3.  Sluff.),  748. 


58    @tfte§  ßapitel.    ®er  c^rtftlic^e  ©taatSBegriff  im  ntfgemetnen. 

ber  !Ia[[i[(3^en  ^[jilofop^ie  be§  5(Itert^um§  erlüädjft  qu§  biefen 
Seigren  bcr  ©D|)f)iften  unb  (Spüurecr  fein  SSortourf.  äöa§  tüir 
an  i^r  ju  tabeln  l^aben,  bQ§  i[t  ber  DJJangel  einer  ge= 
nügenben  Umgrenzung  ber  ftaatüd^en  9Jiad^t. 

Rotten  bie  gried}i[d^en  5p^ilofo|)^en  ricfitig  er!annt,  baf^  bcr 
<Btaat  in  le^ter  2inie  Qn\  bie  uernünftige  9iatur  be§  5}?enjd)en 
[id^  grünbet,  baB  tt)ir  gcrabe  öermöge  ber  23e[rf)rän!t^eit  bcr 
©inäeüröfte  bie  53e[riebigung  unferer  leiblichen  unb  geiftigen 
^ebürfniffe,  bie  Sebingungen  einer  l^öljcrn,  fortfci^reitenben, 
oHfeitigen  Entfaltung,  bie  Sicherung  ber  notfjWenbigen  ®runb= 
lagen  be§  S^ifi^nimenlebenS  nur  in  bem  innigen  3uffli"'»f"= 
'iäjhi^  innerfjafb  bcr  floatlidien  ©efenfdjaft  unb  in  gcgenfeitiger 
©rgäuäung  burd)  eine  gröf^ere  ^Inja!)!  ber  in  bemfetben  großen, 
focialen  33erbanbe  mit  un§  bereinigten  (Staatsbürger  finben 
fönnen,  fo  feljite  anberer[eit§  ben  93ertretern  ber  IjeKcnild^en 
unb  römi](^en  5]3f)ilofo|3l)ie  bie  (SrfeuntniB,  "iici^  eben  mit  bie= 
[en  natürlid)en  ©runblagen,  mit  biefcm  natürlid^en 
3föede  jugleid)  auc^  bie  ©renjen  ber  [taatlic^en  5[lia(^t 
in  i^rem  Ser^ältni^  gu  ^nbiüibuum  unb  6)e[ell[(^a[t  gegeben 
feien,  ©tatt  ba^er  in  ber  (^rganjung  unb  ^-örberung  ber 
3nbibibuen  unb  ber  niebern  ©efellf(^aft§freife  burd)  bie  Tlaäjt 
unb  bie  Söirffamfeit  be§  ©taateS  ben  uatürlidKU  ©taatSsmed  ju 
erfennen,  glaubte  man  bielmelir  umgete^rt,  ha^  ber  ©taat  alle 
Seben§ämede  be§  9Jienfd^en  fid^  boUftönbig  unterorbnen  unb 
bereu  Sßermirfüd^ung  burd^  bie  eigene,  ftaatlidie  S^ätigfeit  nid^t 
blo^  borbereiten,  mitljclfenb  ermögtidieu  unb  fd^ü^en,  fonbern 
aud^  unmittelbar  bolläie^en  bürfe.  ©o  mürbe  ber  antifc  ©tant 
fc^Iie^Iid)  au§  einem  Sefc^üt^er  be§  natürlicOcn  9ted)te§  jum 
geinbe  be§felben. 

2ßa§  nü^te  e§  bem  |)ellenen,  menn  man  ifju  im  (Begenfat^ 
äum  Heloten  aU  „gfreien"  |)rie§?  3m  SSer^ältnifj  äur  @e= 
famtl^eit,  in  feiner  53e5ief)ung  jum  ©taat  mar  aud)  ber  freie 
Hellene  nid}t  3>bed,  fonbern  nur  5)J?itte(  nnh  barum  im  ©runbe 


2.  Sie  ße^ve  Dom  Itrfprung  be§  ©taateS  unb  bcv  ftaatl.  ©eloalt.    59 

genommen  ein  bebauernStuett^ev  ©flabc,  ber  5Jla^  unb  '^Id 
feine§  gefamten  ©tre&enS  einzig  im  ©taate  ju  fudjen  Trotte, 
ber  an  greifjeit  unb  ^tec^tSfubjcctiöität,  an  perfönlidiem  SSertl), 
an  perfönlidier  33ebeutung  nur  gerabe  fo  biel  'bc\a'i^,  al§  er 
innerljalö  be§  [taat(i(f)en  ©anjen  jugelüiefen  erljiett  ober  hmä) 
eigene  ^ra[t  [id)  errang  i. 

5.  51m  mettc[len  gcfjt  in  biefer  |)in[icf)t  ^lato.  S)ie  @in= 
^eit  be§  Staates  i[t  fein  I)öd)[te§  ®ut;  af(e§,  waS  biefe  (Sin= 
r}cit  ftört,  ba§  größte  Hebel.  Sarum  finbet  ^(ato  fein  Sbeal 
im  communiftifcj^en  ©taate.  |)ier  toerben  bie  33ürger, 
„jeber  ju  bem  einen  @efcE)äfte,  mosu  er  geeignet  ift,  I)in= 
gebradjt,  bamit  fie,  jeglidier  be§  einen,  ifim  eigentl}ümlid)en, 
fid^  beflei^igenb ,  ni(^t  biete,  fonbern  ein§  trerben".  5Reben 
bem  58eruf§ämange  forbert  bie  ßintjeit  aber  aud)  bie  2ßeiber= 
unb  @ütergemeinfd)aft ,  „inbem,  wenn  feiner  metjr  bie  233orte 
,mein'  unb  ,nid)t  mein*  aussprechen  fann,  ba§  ©taatSganje 
genau  fo  unmittelbar  unb  ausfd^liefslid)  ba§  bem  Stieile  SSiber= 
fal;renbe  a(§  Suft  unb  Unluft  empfinbet,  tüie  ber  ^JJenfd)  bie 
33ern)unbung  be§  gingerS   at§  ©d^merj  om  Singer  fül}(t"  ^. 


1  2Bir  berüdftdjtigen  l^ier  äunöcfjft  nur  bie  gricd^ifdje  $f)tIofo:p!^ie. 
Sit  9tom  begnügte  man  fid),  jotoeit  bie  ^^ilofopljie  in  S^vage 
fommt,  mit  bem  Qfifotutiftifdjen  ©tantSfiegviff  ber  gxied;ifc^en  ©enfer. 
9lber  and)  bie  römifc^e  Suri§ptuben3  tarn  tro^  if)ter  Unterfc^etbnng 
3Unfd)en  ins  publicum  unb  privatum  nid;t  üiet  über  ben  9IbfoIuti§muö 
ber  griedjil'dien  5pf)ilofopt)ie  bina«^-  3"  öffentUd)=rec^tIid)er  §infid)t, 
aU  mas  romanus ,  Wax  ber  9lömer  bem  ©anjen ,  bem  populus  ro- 
manus,  abfolut  unterworfen,  ^nnerbolb  ber  )3rit)atred;tlid)cn  ©pbäre 
'iit\a%  jebod^  ber  römifd)e  paterfamilias  9ted;te,  bie,  im  ^rincip  menig= 
ftenS ,  aU  unantaftbar  galten.  @r  fonnte  3ted)t§öerbältni|fe  jum 
populus  eingeben  unb  trat  bemfelben  mit  eigener  IRec^töfubjectiintät 
gegenüber.  SJgl.  3  b  e  r  i  n  g ,  ©eift  be§  römifd^en  ^eä)t§  JI  (3.  Stuft. 
1873),  67  ff.    ©ierle  a.  a.  O.  ©.  45. 

2  Polit.  IV.  422.  423.  462.  ©ierfe  a.  a.  O.  ©.  15, 
9^ote  22. 


60    ©rfte§  ßopitel.   S)er  d^riftltd^e  ©taatsbegriff  im  attgemeincn. 

Offenbar  'i)atk  Poto  red^t,  inbem  er  bie  ©in^eit  aU 
2Befen§eIement  be§  ©taateS  beseic^nete.  5I6er  er  über= 
fa^,  bo^  bie  (Sinfjeit  eine  mannigfach  geartete  fein  !ann,  ba^ 
in§befonbere  ber  ftaatlid^e  Organismus  fid)  ni^t  mit  einer 
(Sin^eit  t^erträgt,  meldte  im  ©runbe  genommen  nur  jur  (Sinerlei= 
I^eit  füf)rt.  2)arum  mu^  e§  al§  ein  bead}ten§mertl)er  r^oxU 
fc^ritt  betrachtet  merben,  menn  5lriftoteIe§  jener  @inertei= 
^eit  be§  platonifd^en  ^beölftaatey  gegenüber  bie  organifci^e 
©inl^eit  be§  ©taate§  betont,  meiere  o^ne  Ungleic^artigleit 
ber  2:f)ei(e  ni(^t  gebadet  merben  !ann  i.  3)cr  33erg(eid)  ber 
ftaatlictjen  (Sefellfc^aft  mit  einem  „Organi§mu§"  ifl  treffenb 
unb  reid^  an  fruchtbaren  Slntnenbungen  auf  alle  focialen  2eben§= 
bejie^ungen.  5IÖDlIte  man  jeboc^  mit  5lriftoteIe§  unb  mandien 
neuern  ©d^riftftetlern  barau§  ben  ©djlu^  äiefjen,  ba^  im  33er= 
fjöltnifj  äum  ©taat  ha^  Snbibibuum  §mar  5pflid)ten,  aber  !eine 
eigentlichen  9tec^te  befi^e,  ebenfomenig  mie  oud^  bie  einzelnen 
^ör|)ert^eile  bem  ^ienfdien  gegenüber  reditlic^e  ?(nfprüd}e  get= 
tenb  machen  tonnen,  fo  mürbe  einer  fo(d)en  „^^iulanmenbung" 
ein  neuer  logifd^er  Sel^ter  ^u  ©runbe  liegen :  bie  SBermed)§Iung 
be§  moraIifd)en  mit  bem  pl}i)fif(^en  Organismus.  Sei 
le^terem  l]ai  ber  S^eil  feinen  3toed  aflein  im  (Sanjen,  bei 
erfterem  aud)  in  fid)  felbft. 

6.  SBon  jel^er  Tjat  nämlid}  ber  @taataabfoIuti§mu§ 
für  fein  53eftreben,  ba§  ganje  inbit3ibuefle  unb  fociale  Seben 
in  bie  @|.i()äre  ber  ftaatli(i)en  |)errf(f)af t ,  ber  ftaattidjen  3ni= 
tiatibe  unb  ©irection,  ju  äieljen,  mit  33orIiebe  \\6)  auf  5lri= 
ftoteleS  berufen.  '!Rai)  bem  ©tagiriten  ift  ber  Staat  feinem 
SBefen  nad)  früljer  al§  ber  5J^enfd;,  meit  ba»  ©anje  nDt^= 
Wenbig  bor  feinen  2:^eilen  gebadet  merben  muffe  2.     2)arum, 


^  Polit.  II,  c.  2.  5 ;  III,  c.  1. 15.  S)a§  ftaatlid^e  ©etneintoefen  toirb  bei 
2lnftoteIe§  aiicf)  mit  einer  ©timpl^onie  unb  bem  Dt!^t)t]^mu§  öerglic^en. 

^  Polit.  I,  c.  2 :  Kai  Tipurspov  dij  rrj  <puati  nö/.ig  ^  olxia. ,  y.at 
U/.aaroq  ijßwv  tu  yäp  oXov  TzpözEpov  ävay/.aiov  sTvac  zoü  pipouq  etc. 


2.  S)ie  ßel^re  Dom  Uxfprung  be§  ©taateö  itnb  ber  ftaatl.  ©ettialt.    61 

[o  f(|)Iie^t  man,  iamx  ber  8tQQt  mä)t  al§  D^Httel  gelten  für 
bie  ^votät  ber  Snbiöibuen,  fonbern  umgefe^rt,  e§  [inb,  toie 
bie  Steile  für  boa  ©anje,  -fo  anä)  bie  Snbibibuen  nur  für 
ben  (Staat  ba.  3^tn  gehören  fie  baf)er  mit  iljrem  gefamten 
inbiöibuellen  unb  focialen  Sebensinl^alte  an. 

äöäre  ber  5}ienf(|  fein  freie§,  [itt(i(^e§  äBefen,  f)ätte  er 
auf  biefer  2BeIt  feine  anbere,  Ijö^ere  58eftimmung  al§  bie, 
Sf^eil  be§  (Staates  ju  fein,  bann  allerbing§  gäbe  e§  für  itjn 
üiiä)  feinen  bom  (Staate  unabhängigen  'S^ütä.  ^er  (Staat 
fönnte  nict)t  a{§  DJ^ittel  jur  (^rreid}ung  ber  menfd)Ii(^en  S^i'^t 
angefe(}en  »erben,  ebenfotuenig  n^ie  ba§  ^au§  al§  50iittel  gilt 
für  bie  ^rotdt  eine»  S3Qufieine§.  5Iüein  ber  5Jien|^  t)üt  in 
©Ott  unb  in  fi(^  felbft  ein  l^öf)ere§  ^uL  Wxt  biefem  feinem 
:perfi)nlict)en  ^mä  föar  er  ni(f)t  blo^  ^iftorifd^,  fonbern  eben= 
faul  bem  ©ebanfen  nad)  bor  bem  Staate  ba.  23ermöge  biefer 
Ijö^ern  2eben§aufgabe,  auf  ©runb  feiner  finn(id)=bernünftigen, 
freien  nnb  fittlici^en  dlatm,  ift  aber  ber  9Jlenf(^  jngteid^  and)  al§ 
Snbibibuum,  in  feiner  Steüung  ju  ben  moterieüen  ©ütern  biefer 
2ößelt  fotoot)!  mie  für  feine  focialen  53e5iel}ungen  mit  9tecf)ten 
au§geftattet,  meldte  ber  <Btaat  nid^t  erft  ju  bertei^en  brandet, 
mit  9ted}ten,  an  meiere  feine  (Staatägeiüalt  i^re  §anb  legen 
barf,  beren  Sd)u|  unb  5ßerrt)irf(id)ung  bielmefjr  ju  ben  mefent= 
tidöften  5(ufgaben  be§  Staate»  ju  jä^Ien  ift.  2)enn  berfelbe 
©Ott,  in  beffen  ©ebot  bie  ftaattid)e  ^lutorität  itjre  Ie|te,  rec^t= 
(ic^e  ©runbtage  befitjt,  berfelbe  ©ott  tjat  jebem  9JZenfc^en  fein 
3iel  berlie^en  unb  mit  bem  3ie^  ba§  9ted^t  auf  ben  ©ebraud) 
ber  äur  Srreid^ung  besfelben  notfjtcenbigen  93littel. 

Sßenn  baljer  §tüeifeIaDfjne  ber  Staat  bon  feinen  5Inge^örigcn, 
a(§  „Sl^eilen"  be»  ftaatlic^en  „©anjen",  bie  Unterorbnung 
i^rer  inbibibueHen  ^ntereffen  unter  ba§  ©emeintüo^I  ju  ber= 
langen  bered)tigt  ift,  fo  finbet  biefe  gorberung  bod)  in  bem 
©efamtäiete  be§  menf^(id)en  2eben§  immer  mieber  eine  un= 
überfdjreitbare   ©renje.    |)ier  gilt  ha^  fd)öne  äBort  S)a^I= 


62    ®ffie§  ßa:|3ite(.   ®er  (^riftncfje  ©taatsBegriff  im  oügemcinen. 

mann§:  „S)er  feiner  !^ö()ern  58eftimmung  getreue  DJienfc^ 
bringt  bem  ©taate  jebeä  D|)fer,  nur  ni(^t  —  ba§  Opfer 
feiner  Ijö^ern  S3eftimmung." 

7.  3ut  (Sntfd)ulbigung  ber  alten  S)en!er  mag  ber  Um= 
ftanb  gereid)en,  bafs  iljnen  eine  bolüommen  Kare  5>orftenung 
t)on  bem  3iel  be§  9Jienfd)en  jenfeitä  be§  ©rafie?,  in  ber  (Sroig= 
feit ,  nod}  fehlte,  ©ie  atjnten  jum  S^eit  ein  fo(c^e§  !^k\. 
3Ibcr  ba§  33ilb  ber  $ßergänglid)!eit  in  biefer  Söelt,  ba§  9{ö(^e(n 
be§  2;obe§,  ba§  allentfialben  ertönte,  föfimte  unb  trübte  jene 
©rfenntnifs  lieber,  au§  ber  I}eute  aud}  ba§  ärmfle  50knfd)en= 
tinb  ben  reid^ften  Sroft  empfängt,  ©o  !am  e§,  ba^  fie  auc^ 
bie  5lufgaben  unb  3tt)ede  be§  irbifdien  2eben§  nidjt  rid)tig 
erfaßten  unb  bie  Unterorbnung  unter  bie  I}öd)ften  irbifc^en  @e= 
maikn  in  einer  abfoluten,  ma^=  unb  fd^ranlenlofen  ma(^en 
fonnten. 

SBir  werben  in  ber  golge  fe^en,  mie  bo§  6f)riflentf)um 
in  biefer  33eäief)ung  öoUftänbig  5[ßanbe(  gefdjaffen,  toie  ber 
©ebanfe,  ba^  ber  ©taat  fomo^t  bem  ^nbibibnum  al§  anä) 
ber  gamitie  unb  anbern  focialen  ©ebilben  gegenüber  feinem 
innerflen  2J3efen  unb  feinem  natürlidien  "^md^  gemäf3  nur  ben 
6[)ara!ter  einer  äußern  <Bä)u^=  unb  |)ilf§mad)t  für  \\d)  in 
5(nfprud)  nefimen  fönne,  in  ber  d)rifllid)en  ^pf^ilofopljie  eine 
flare  ^^affung  unb  tiefe  33egrünbung  gefunbcn  I;at. 

3.  ^taai  unb  ^nbiv'ibnnm. 

1.  DJian  Ijat  Ijeutjutage  bem  6f)riftentfjum  afle  nur  er= 
bcnflidje  ©d)mad)  an^utt^un  fid)  nid)t  gefd)cut.  DJian  Ijat  feine 
meUumbilbenbe  5fraft  beftritten,  im  angcblid)en  ^ntereffc  ber 
„Kultur"  mit  milbem,  blinbem  t^anati§mu§  bie  t^irci^e,  bie 
Segrünberin  ber  abenblänbifdjen  ßuttur,  bctömpft  —  eine§ 
f)at  man  nici^t  ju  beflreiten  gett)agt.  Unb  märe  biefeS  ©ine 
auc^  bie  einzige  Seiftung  be§  6f)riftentf)umä  ^um  Söofjle  ber 
5[)ienfc^t)eit  geblieben,   fie  allein  fönnte  unb  mü^te  genügen. 


3.  etaot  itnb  Snbiüibmim.  63 

um  bie  ü6ermenfd)Iid^c  ^raft  unjerer  I;eiligen  9teIigion  fognr 
bcni  blöbeften  3(uge  5U  entljüüen.  (S§  mar  ber  ©teg  be§ 
(S^ri[tent!§um§  über  ben  5lbfDluti§mu§  be§  I)eib= 
nifc^en  ©taateS. 

2)a§  6()riftent(jum  i[t  feinem  innerfieu  2Beien  nad),  hmäj 
\\ä)  felbft  ein  fefler  S)Qmm  gegen  obfolutiftifdje  ©elüfle  jeber 
3trt.  5)or  Quem  aber  bilben  brei  feiner  midjtigften  2ef)ren  bie 
unerfd)ütterlid)e  ©runblage,  bie  fiegveic^e  @d)uljiüel)r  ber  edjten, 
bürgerlid^en  t3'teil}eit.     2Bir  meinen 

tü^  überirbifdie  3iei  »^eS   9Jienfd)eu,   fobann 

bie  Se^re  bon  ber  t^ird)e  al§  einer  freien  unb  t)onfom= 
menen  (^efeIIfd)Qft  neben  bem  (Staate,  enblid) 

bie  ©taat  unb  Snbiuibuum  umfaffenbe  i5errfd)aft  be§ 
natürlidien  unb  geoffenbarten  ©ittengefe^e»  unb 
©otte§red)te§. 

2.  SDer  ©taat  oI§  @otte§orbnung  —  biefe§  eine  äöort 
umgab  ha§,  ©cepter  mit  bem  fjeljren  ©lanje  einer  Sßürbe, 
nad)  ber  ein  fel6ftl;errlic^er  ^eöpot  fid)  t)ergeben§  feijnt.  3)er 
Staat  al§  ©ottegorbnung  nur  für  biefe  2öelt  —  ba§  mar 
ha^  Soubermort,  meldjes  bie  Letten  ber  33ölfer  jerbrad^. 

S)er  «Staat  ifl  nid}t  ha^  Snbäiel  be§  9JJenfd)en,  unb  barum 
fann  auc^  ber  5Jknfd)t)eitöämert  nid)t  in  bem  Staaty^mede 
aufgeljen. 

5tl§  unflerblid^e§  SBefen  ragt  ber  2)fenfd)  mit  feinem  3tüede 
über  bie  ©renjen  be§  Staate^  unb  ber  ftaatlidien  5)Jad}t  rjin= 
au§.  (Sr  f;at  ein  !)öl}ere§  S^d  über  ber  ftaatlic^en  Sptjäre, 
eine  pfjere  53eftimmung,  bie  fid)  im  Seben  ber  ftaatlidien  ©c= 
feKfdiaft  nid)t  erfdpbfen  fann.  @§  ift  bie  33ermirflidning  jener 
allgemeinen,  fittüdjen  Orbnung,  bereu  ^rone  unb  Sdjlu^ftein 
ber  befeligenbe  5Befi|  ©otteS  im  3enfeit§  bilben  foU. 

3)a§  ift  bie  Seljre  be§  (5fjriftentf;um§.  äßer  biefe  maljx^ 
^eit  in  Slijsoxk  ober  ^ra^iS  berfennt,  ijat  ba§  9ted)t  bermirft, 
ben  djriftlidjen  5Zamen  ju  tragen. 


64    ®i;[te§  Kapitel.    ®ei-  if)rtftlTcf;e  ©taotöbegriff  im  atlgemeiiteit. 

33ermöge  jenes  jeine§  l^ö^ern  3i£^ߧ  gewinnt  nun  jeber 
einzelne  5)?en[(f)  qI§  Snbiuibuum  innerhalb  ber  [taQtüd)en 
©efeüfcdaft  einen  [elbflänbigen  SBertl),  [le^t  !ra[t  feiner 
lt)e[entlid)en  SebenSaufgobe  auf  bem  Soben  einer  3{ed;t§fpf)äre, 
bie  bem  ftaatticfien  ®efe|  unb  ber  [toatlitfien  SSerlei^ung  ni(i^t 
ent[tammt,  jonbern,  weil  bon  ©ott  gegrünbet,  für  jebe  blo^ 
irbifd)e  (Gewalt  unberle|li(f)  bleibt.  5üi§geftQttet  mit  unQntoft= 
baren  Urred^ten,  ober  aud)  gebunben  burd)  ein  @ittengefe|, 
bQ§  oKeS  ©treben  unb  §anbeln  bem  f;öcbften  S^tk  unter= 
orbnet,  tritt  ber  5Kenfd)  in  biefe  SBelt,  ©ott  unterworfen  in 
ollem,  ber  ftaatlidien  Dbrigfeit  um  be§  ©emiffeng  willen  unter= 
t^on,  foweit  beren  ^tutorität  in  ber  natürlicben  Drbnung, 
in  bem  ewigen  @efe|e  @otte§  begrünbet  ifl. 

9iid)t  umfonft  ^at  %^oma^  öon  5t quin  bie  St^it^  mit 
ber  ^3^ilDfDpt}ifd)en  53eleud)iung  gerabe  ber  Se^re  bom  legten 
3iele  be§  TOenfdien  begonnen.  S)er  ©nbäWed  ber  bernünftigen 
ßreatur  ift  ja  bie  ^ö(^fle  D^orm,  ber  einjig  entfdieibenbe  9}?o^= 
[tab  für  ^emeffung  be§  SBertljeS  ober  Unwert^eS  aller  unferer 
Seftrebungen,  gugleic^  bie  magna  charta  aller  ed)ten  bürger= 
üd)en  unb  inbibibueüen  ^^reitjeit.  Dljne  biefe§  3^^^  tbirb  natur= 
not^wenbig  ber  ©c^wadie  ^um  ©Haben  be§  ©törfern,  mit 
biefem  3^^^  füf)It  auc^  ber  ©flobe  fid)  frei.  O^ne  biefe§  3^^^ 
ift  ber  ©taat  alleS,  ba§  Snbibibuum  nicbtS;  mit  biefem  3iel 
wirb  ber  ©taat  jum  S)iener  ber  ©efamttjeit  feiner  ©lieber. 
„^a  bie  ©efeüfdiaft  nur  für  bie  ^t\t  befielt,  bie  5|]erfonen 
aber  für  bie  @wig!eit,  fo  leuditet  bon  felbfl  ein,  ba^  bie  C)rb= 
nung  be§  gefellfd^aftlidien  Seben§  abtjängig  bon  bem  testen 
3iele  ber  inbibibueHen  Si-iftenjen  unb  alfo  biefem  untergeorbnet 
ift."  2  S)a§  ift,  in  fd)Iicbter  (Sinfad^l^eit  au§gebrüdt,  ber  d)rift= 
Iid)e  ©ebanfe,  welcber  ben  5IbfDluti§mua  bea  ©taateS  gebrod^en 

1  S.  theol.  1,  2,  q.  1—98 ;  2,  2. 

~  t).  gjlot)  be  ©on§,  ®a§  'Stiäjt  aufeerf)atb  ber  9}oI!§a'6fttminung 
§  5.  —  %f,.  mti)tx  a.  a.  O.  ©.  122. 


3.  ©taat  unb  3fnbioibiium.  65 

f)at.  Sn  ^roft  bie|e§  @ebanfen§  bekannte  man  fid)  ju  bem 
©lauben,  „ba^  ba§  innere  Seben  ber  (Sinsehien  nnb  i^ver  reli= 
giö§=fittlid)en  53erbQnbe  feiner  n)eltlicf)en  5}?ac|t  untertüorfen 
unb  über  bie  ©pfiäre  ber  [taatli^en  ^ofeinaorbnung  erfjaben 
fei.  5)ninit  entfcölDonb  bie  aKumfaifenbe  33ebeutun9  be§  Staaten. 
2)er  9}ien[d)  ging  nid}t  meljr  im  33ürger,  bie  ©efeüj^nft  md)t 
me^r  im  ©toote  auf.  5^a§  gro^e  SBort,  bo^  man  ©ott  mel)r 
ge^or(^en  [oHe  al»  ben  51^enfc^en,  begann  feinen  ©iegealauf. 
3Sor  i^m  öerfanf  bie  Cmnipotenj  be»  [)eibnifd)en  ©taateg. 
S)ie  Sbee  ber  immanenten  ©c^ranfen  oder  ©taatägemalt  unb 
aller  Untert^anenpflic^t  (eu^tete  ouf.  S)a§  9ted)t  unb  bie 
5pflid)t  be§  Unge^orfam§  gegen  ftnatlic^en  ©emiffenSjmang  tDur= 
ben  berfünbigt  unb  mit  bem  Stute  ber  5Jkrtt)rer  befiegelt.''^ 

2ßa§  ben  f)öd)ften  3ioed  be§  ^JiJ^enfc^en  unb  ber  2)lenf(!^= 
^eit  betrifft  —  ßotte»  S;ienft  auf  biefer  (ärbe  unb  Erlangung 
be»  legten  ^^ele»  im  Senfeit§  — ,  fo  barf  ifjm  gegenüber  nie 
unb  ninnner  ber  Staat  ein  |)inberniß  merben.  ©eine  oberfte 
^flic^t  mie  fein  ()öd)fter  ^md  ift  e»  öielme^r,  innertjatb  feiner 
©p^äre  buri^  ©d)u|  unb  S^\l\t  lUx  ©eftaltung  ber  äußern 
©runbtage  mitjuroirfen,  auf  metd^er  ein  gebeitjüd^eö ,  Ijö^ere» 
©treben  be»  9J?enfc^en  fic^  entmideln  tonne. 

S;a§  mar  bie  erfte  ^^-ruf^t,  meiere  bie  (^rift(id)en  Senfer 
au^  ber  33erürffid)tigung  be§  emigen,  jenfeitigen  S^k^  fü^  i^ic 
genauere  @rfenntni^  be§  ftaatli(f)en  8eben§  unb  feiner  Sejiel^ung 
äum  Snbiöibuum  jogen. 

2)ie  2et)re  üon  bem  jenfeitigen  3^^^^  be§  ^J{enfd)en  ^at 
inbea  nid)t  blofe  ber  ©taatsgemnlt  gemiffe  unüberfteigbare 
©c^ranfen  gebogen,  ©ie  gab  überbie§  ber  ganzen  d^riftlid^en 
©taat§p()i(ofo|3f)ie  bie  i^r  eigentt}üm(ic^e  9iic^tung  unb  @efta(= 
tung,  inbem  fie  einerfeit»  bie  rürffi^t§(ofe  |)inopferung  be» 
(Sinjelnen  an  bie  ©efamtt^eit  im  ©inne  be»  5tbfoIuti»mu§  au§= 


1  ©terfe  a.  a.  D.  ©.  123. 


66    ©rfteS  Kapitel.    ®cr  d§tiftlt(^e  ©taatäbegriff  itn  attgemeinen. 

fd^to^,  anbererfeit»  bie  bom  9laturrec^te  geforberte  Unterorb= 
nung  be»  SnbibibueUen  unter  bQ§  ©emeiniome  jur  (Geltung 
brad)te. 

3.  gür  ba§  pf)i(ofo|)I}i[(^e  ©taat§red)t  i[t  !eine  grage  iüid^= 
ttger  al§  bie  gi^age,  in  toelt^em  Umfange  unb  in  roeldjem 
©inne  man  bei  ber  S3eurtf;eihmg  be§  93erl}ältnifje§  jtt)ifd)en 
©taat  unb  ^nbioibuum,  focialen  unb  inbiüibueHen  S^^'^^n, 
Don  bem  ^nbiüibuum  ober  bon  ber  ©efamtfjeit  au§5uge[)en  f)abe. 

2Bie  mir  faljen,  erblidte  ^lato  in  bem  ©ebanfen  ber 
(Sinfjeit,  ber  ©emeinfd^ a[t ,  ber  ftaatlicfien  @e|amtf}eit,  be§ 
„^ienfcEien  im  großen" ,  ben  |3^i(ofop!)ifc^en  5Iu§gang§pun!t 
be§  ©taot2re($te§.  ^lud)  für  5(riftote(e§  !am  t^a^  Snbi= 
bibuum  blo^  ol§  S^ei(  be»  ©anjen  in  53etra(^t,  inbem  er  ^u-- 
gleid^  ^erborl^ob,  bo^  ha^  ©anje  früher  gebac^t  merben  muffe 
mie  ber  S^eiL  lieferten  ©ebanfen  micberfjolten  fid)  in  ben 
abfolutiftifd^en  ©pftemen  ber  f|iätern  ^a^r^unberte  unb  in  ben 
Erörterungen  ber  flaatsfocialiftifd^en  S^eoretifer.  <Bo  fe^en 
gid)te,  9fobBertu§  unb  anbere  in  ben  Snbibibuen  nur 
bienenbe  Steile  be§  ©anjen.  9iad)  9?Dbbertu§  !ann  unb  barf 
ber  ©taat  feine  ?(ufgobe  nid^t  in  ber  „©(üdfeligteit  ber  @in= 
jelnen"  fudien,  biehne^r  foöen  bie  (Sinjelnen  jum  geiftigen,  fitt= 
liefen  unb  mirtfd)aft(i(^en  2Sof)I6efinben  be§  'Biaak^i  biencn  ^. 

Sie  d)rift(id)e  ^pofopfjie  bagegen  (efjrte  ttar  unb  beftimmt, 
bafe  ber  ©taatSjmed  nid)t  ha^  te^te  ^kl  be§  mcnfd)(id)en 
©trebenS  fei. 

Sa§  nDtf)menbigfte,  ()öd)fte  unb  mid)tigfte  Sntereffe  ber 
5}?cnf d)fjeit ,  ba§  aSfotute  (Snbäiel  aller  menfd)Ud)en  Seftre= 
bungen  unb  (Sinric^tungen  concentrirt  fid)  bietme^r  in  bem 
Snbibibuum.   9Jur  bie  ^nbibibuen  |aben  eiüige  2)auer,  nur  bie 


'  §.  ®ie|er,  Stall  OlobbertuS  II  (^ena  1888),  37.  64.  2;t)eopf|. 
^03 a!,  3^ob[)evtu§=SQSe^oto§  focialöfonom.  5tnfi(i)ten  (3ena  1882) 
©.  52  ff.  14.  202.  3ettfcf)nft  für  ©ociat=  unb  2Birtf(!^aft§gefd^id^te 
I,  1  (greiburg,  moi)X,  1893),  93. 


3.  Staat  unb  Sfnbiötbuinn.  67 

Snbiöibueu  lönnen  jene»  überirbi[(f)e  3iel  erreidien,  um  beffent= 
tüiHen  ©Ott  ni(i)t  nur  bie  3öe(t,  bie  9J?en[d^en  gefctjaffen,  fon= 
bern  auä)  inabefonbere  bie  [ociolen  Organismen,  ^^amilie  unb 
©toat,  5um  ®a[ein  cjctangen  ließ.  5I(Ie  Socicitjmede  orbnen 
\iä)  bemgemä^  in  tetjter  Sinie  bem  tjöd^ften,  inbibibueüen  S^id 
unter.  ®er  ^öt^fte  inbibibueüe  S^i^e*^  i[t  äUQleicf)  ber  oberfte, 
(e^e  Soctaljmecf  1. 

SDiefe  2BQ^rf)eit,  bie  ©emeingut  ber  fatfjoüjc^en,  lc^Dla= 
ftif(^en  ^^f}i{D|o|}tjie  jeber  !^t\t  gemejen,  §at  —  mie  luir  gern 
QUäuerfennen  bereit  [inb  —  ebenfalls  unter  ben  übrigen  33er= 
tretern  ber  (f)ri|'t{i(5en  SGßeltanjc^auung  jumeiten  einen  berebten 
5Iu§brud  gefunben. 

Heber  bo§  SBer^ältnife  ber  „(Sinäelperfönlid^!eit"  gu  hm 
„@efamtperiönli(|feiten"  f(^reibt  5.  33.  5l^ren§  in  feiner 
9ted)tap§ilDfüp^ie  2  folgenberma^en :  „S)ie  ©runbloge  aller  ©e= 
famt|3er)i)nlicf)teit  ift  gegeben  burd)  bie  (Sin5elperfön(id)feit,  beren 
9te(i)t  bafjer  auc^  ta^  @runb=  unb  Urrec^t  in  allen  gefeüfct)nft= 
(id)en  33erl)ä(tniffen  ift.  Senn  alle  ©efamtperfönüc^teiten  in 
ber  5Dienid}f)eit  finb  hoä)  nur  jeitlidje  äJertjältniffe  unb  n)erben, 
toenn  fie  auä)  für  biefe»  Öeben  anbauernb  finb,  mannigfach 
umgeftaltet.  2;ie  (Sinäelperföntiditeit  ift  aber  eine  emige  Ur= 
intibibualitüt,  bie  if)r  ©ein,  Seben  unb  Dtec^t  äui)öc^ft  au§ 
©Ott  fdjöpft  unb  in  biefem  ureigenen  9ied)te  ftetg  gead)tet  tüer= 
ben  tnu^.  .  .  .  2)a§  iRed)t  ber  inbiöibuellen  ^erfönlic^feit  Ijot 
bafier  feine  Cuelle  nid)t  in  ber  ^^-amilie,  in  ber  ©emeinbe  ober 
in  ber  Aktion,  felbft  nidjt  in  ber  ^Jknfdjfjeit,  fonbern  in  ©ott, 
unb  biefe  ^er)önlid)feit  tann  ba()er  öon  einer  gefenfd)aft(id)en 
^Bereinigung  mot)!  in  i^rem  Dtedjte  befd^ränft  ober  Dielme^r 
organifc^  beftimmt,   aber  nie  ööüig  reci)ttD§  gemad)t  merben. 


1  aSgl.  bie  enctiflifa  2  e  0  §  XIII.  „Sapientiae  cliristianae"  (1890). 
Ueber  bie  toiifitigften  ^fü(^ten  cf)riftli(|er  33ürger.  Offic.  (§evberfc^e) 
Sluög.  ©.  8  (9)  ff. 

2  Stügein.  %i)tx\,  Aap.  3,  §  2. 


68    ®rfte§  ^a^jitel.   S)er  c^riftlid^e  StaatStiegriff  im  aügemeinen. 

6ine  33er!ennung  be»  mbibibuell  =  per[önlid)en  9ted)te§  tDÜrbe 
aber  auä)  barin  liegen,  roenn  bie  inbiüibueüe  ^perfönlic^feit 
jtüar  in  einzelnen  §in[iä)ten  erholten,  aber  im  ^rincip  ber= 
nicktet  wirb.  Siefe  grunbjätjlidje  a3erni(f)tung  i[t  bie  golge 
aller  |)antfjeiftifd)en ,  fenfualiftifi^en  unb  materiali[tifcf)en  @l)= 
[teme.  .  .  .  SSiefe  ©t)[leme  füfjren  confequent  gu  ber  gänsUi^en 
Unterorbnung  unb  Eingabe  ber  (Sin§elnen  an  bie  ©efeüfdiaft, 
an  ben  ©taat,  ober  ju  einer  Uo^  materiellen  ^ggregation 
berfelben  nac^  gemeinfamen  abatracten  ^rincipien." 

4.  Söenn  ber  (i^ri[tli(^e  ^Ijüofopl;  in  ber  flaatlii^en  ®efea= 
]ä)a\t  mie  in  allen  irbii(f)en  ©ütern  unb  33er^ültni[fen  fc^Iie^= 
lic^  unb  le^tlidö  nur  ein  93Uttei  erblidt,  melc^eS  bem  ein= 
jelnen  SJtenfd^en  bienen  fofl,  fein  Ie^te§  3iel  unb  6nbe  ju 
erreichen,  »enn  er  in  biefem  ©inne  ben  Staat  jum  Wxtkl 
für  bie  ^nbiöibuen  maä^t,  bann  tt)irb  e§  iljm  leidet  fein, 
ba§  allgemeine  35er[jältni^  jroilc^en  bem  ftaatlic^en  @e= 
meinföof^Ie  unb  bem  menfi^üd^en  SnbibtbualmoI^Ie 
rid;tig  ju  er!ennen.  5(ud)  :^ier  beljölt  ber  ©a^  :  2)  e  r  ©  t  a  a  t 
ift  für  bie  ^Jienfc^en  'oa,  feine  bolle  Söaljrljeit  unb 
:prattiid}e  58ebeutung.  3)a§  ftaatlidie  ©emeiniüol;)!  ift  ntc^t 
D^ne  33e5ie^ung  jum  irbifdien  Snbiüibualmofjfe  ber  Bürger. 
(S§  bietet  üielmefir  bie  58afi§,  auf  mefc^er  ha^  äßo^t  ber  Sn= 
biöibuen  fid)  aufbaut ;  e§  ift  ba§  5Irfena(,  au»  bem  bie  ©taat§= 
glieber  bie  SBaffen  nehmen  fönnen  jum  erfolgreichen  9iingen 
für  if)re  ötonomifdie  (Sjiftenä,  für  if;re  aüfeitige  (Sntmidtung ; 
e§  ift  bie  Queue,  au§  ber  ifjnen  bie  ^raft  aufliefen  foö,  um 
mit  (Srfolg  unb  unter  ^tufbietung  audj  ber  eigenen  Gräfte  il^re 
erlaubten  irbifcben  SebenSsmede  ju  Dermirflid)en  unb  aflen  i^ren 
berechtigten,  mit  bem  2öo{)te  ber  Ü)cfamttjeit  unb  ber  gleid)= 
bered)tigten  5}^itbürger  in  Harmonie  bleibenben  Sntereffen  ^um 
Siege  ju  berfjetfen. 

9J?an  tonnte  entgegnen:  SBenn  man  ben  ©taat  nur  um 
ber  5priöatperfonen  miüen  ha  fein  lä^t,   menn  man  fagt,   er 


3.  ©taat  unb  ^nbiDtbimm.  69 

[ei  nur  ein  5)?ittel  für  bie  ^pribottDol^If a^rt ,  fo  tüirb  bamit 
logifd)  ber  33ec3ritf  be§  ©tQQte§  felbft  aufgelöft.  (5§  gebe  feine 
©efamtl^eit,  bie  oI§  ©anjeä  ein  eigenem  Seben  l^ötte.  S)er  gute 
Söiüe,  mit  loelcfiem  ^OiiHionen  i^r  5]8riöattt)D^I  ber  Söofilfa^rt 
if)re§  33aterlQnbe§  unterorbnen,  bie  Opferfreubigfeit ,  ttjelc^e 
Saufenbe  begeiflert,  für  bie  (S§re  unb  bie  5)?ad}t  be§  «Staates 
in  ben  %oh  ju  ge^en,  toöre  eitle  2;i^or!^eit  unb  (Scfiftärmerei : 
bie  |)D^eit  be»  (Staate^  rt)ürbe  in  bie  ©emeinnüfeigfeit  einer 
^Iffecuranäanftalt  umfc^Iagen.  @§  beftel)t  ein  organifd^e»  @e= 
famtleben  ber  3SöI!er,  weld^eS  nad^  ber  göttlicfien  SBeltorbnung 
eine  felbftänbige  33ebeutung  ^nt.  ©eine  SBol^Ifafjrt  ift  eben 
bie  öffentlid)e  2BoI)Ifa(;rt  im  eigentlichen  ©inne,  unb  inbem 
ber  (Staat  bafür  junädift  forgt,  forgt  er  mit  9ted)t  borauS 
für  feine  eigene  (Si'iftenj. 

3Sa§  ift  hierauf  ju  antworten? 

©emij],  ber  Staat  gi(t  auc^  un§  a(§  eine  moralifd^e  5per= 
fon;  er  I}at  ein  eigenes  Seben  unb  eigene  Stjätigfeit,  welt^e 
fic^  öon  bem  2eben  unb  ber  S^ätigteit  ber  ben  Staat  bilben= 
ben  ^ribatperfonen  unterft^eiben ;  er  f^at  auc^,  mie  jeber  anbere 
Organismus,  bie  natürlid;e  53eftimmung,  bafe  er  fic^  felbft  er= 
l^alte  unb  berbofifommne.  2öenn  ber  58aum  nid)t  fein  Seben 
erl^ält,  menn  er  ftd^  nid)t  entmidelt,  nid)t  fc^öblidie  @in= 
pffe  überlDinbet,  nid^t  blütjt,  fo  fann  er  auci^  feine  grüd)te 
bringen.  3l6er  er  ejiftirt,  mäd^ft,  blü^t  nid)t,  bamit  er  ei-iftire, 
mad)fe,  bluffe,  fonbern  bamit  er  grüdjte  bringe.  So  ift  aud^ 
ber  Staat  nid)t  ba,  um  ju  fein,  fid^  ju  entraideln  unb  feiner 
^raft  fid)  ju  erfreuen,  fonbern  bamit  er  grüd^te  bringe  für 
baS  2Bo^t  feiner  Sürger.  greilid)  forbern  mir  nid)t,  ba^  er 
unmittelbar  baS  ^riöatmo^I  aüer  einjefnen  Bürger  fefbft  ber= 
mirftidje.  5Mn,  baju  finb  ben  23ürgern  bie  eigenen,  perfön- 
lid^en  Gräfte  berlie^en.  (Sr  foH  ober  in  meiteftem  Umfange 
bie  focialen  33orbebingungen  beS  pribaten  StrebenS  fjerfteHen 
unb  erhalten.    ^aS  ift  feine  5tufgobe,  unb  infofern  fagen  mir 


70    ©r[te§  :$?opiteI.    S)er  (I)rtfllic|e  ©taatäbegriff  im  allgcmeineti. 

aüerbingS,  ha^  ber  ©toat  beflimmt  fei,  mit  feinen  (Sinri(5= 
tiingen  a(§  Wiikl  ju  bienen  für  bü§  SBol^I  aller  einzelnen, 
jum  (StaQtöganjen  ge^öreuben  5)?enfd)en.  folgerichtig  ergibt 
fi(i^  benn  auc^,  bo^  ßlenb  unb  ^Rotl)  in  ber  Seüölferung  ober 
in  ganzen  klaffen  berfe(6en  regelmäßig  ju  bem  ©ci^Iuffe  6e= 
red^tigen,  ber  Staat  Ijabe  feine  naturgemäßen  5lufgaben  ni(^t 
erfüllt,  mäfjrenb  umgete^rt  ein  n)irfn(i^  allgemeiner  Botjlftanb 
ber  23ürgerfcf)aft  auf  ein  bfüfjenbeS  unb  in  gefunber  SBeife 
tt)ir!fame§  ©taatsmefen  fdiließen  läßt. 

5,  2)ie  ii^urdjt,  a(§  ob  ber  ©taat  in  ber  c^riftlidien  Sluf= 
faffung,  burd^  Unterorbnung  ber  (Staat§ttjätig!eit  unter  ben 
Ijöctiften  menfc^Iictien  SnbiDibualämeil  unb  unter  bie  ^oftulate 
be§  oHgemeinen  ^ßoItämo^IeS,  feine  innere  organifdie  (Sinljeit  t)er= 
lieren  mürbe,  märe  berechtigt,  menn  ber  @a^,  'i)Q^  ber  ©taat  für 
ben  DJIenfc^en  ha  fei,  eine  abfolute  Unterorbnung  afler  ©ociaI= 
^mede  unter  bie  taufenbfacj^  berfd^icbenen  inbiöibuellen  ^mät 
ber  einzelnen  «Staatsbürger  bebeuten  foKte,  5IIIein  e§  Ijanbelt 
fi(f)  l^ierbei  nid)t  um  Sonberintereffen  einzelner  ^nbiöibuen. 
2Ba§  in  ^rage  fommt,  ift  junädjft  nur  ber  pdjfte  3nbit)ibual= 
jmed,  ber  aU  allgemeiner  DJJenfd;|eit§ämed  allen  ^nbioibuen 
gemeinfam  ift.  33on  einer  2)urd)bred]ung  ber  (Einljeit  be§  ftaat= 
Iid)en  ©trebeng  fann  barum  ^ier  um  fo  mcniger  bie  9tebe 
fein,  ba  überbieS  Don  bem  (^Ijriftentfjum  ftet§  bie  Sbentität 
be§  I)öd;ften  Socialjmedeg  mit  bem  Ijöc^ften  unb  allgemeinen 
^nbibibualjmede  ^erborge^oben  mürbe. 

2ßa§  aber  bie  übrigen,  bem  {)öd)flen  untergeorbneten  3n= 
bibibualämede  betrifft,  fo  brot;t  bie  S)urd)bred)ung  ber  @int)eit 
be§  ftaatlidjen  Strebend  biet  me!^r  bon  einer  anbern  Seite  — , 
gerabe  bon  benjenigen  nämlid),  meldje  fd^einbar  fo  fel^r  für 
bie  (5inf}eit  unb  9Jiad;t  be§  „Staates"  fid)  begciftern.  Ober 
maren  e§  im  Saufe  ber  ©efdiii^te  nidjt  ftet§  bie  abfolutiftifd^en 
©elüfte  eines  ^^eSpoten,  bie  33ertreter  ber  materiellen  ^ntcrcffen 
einer  l^errfdicnben  ^^taffe,  einer  phito!ratifd)cn  0(igard)ie,  bie 


3.  ©taat  unb  ^n^^i^i'^uwi"-  71 

in  eigenfüd^tiger  33erfol9ung  i^re§  irbifdien  ^^ribatbort^eil^ 
[irf)  ber  abatracten  „@taat§per|önltcf)!eit" ,  beä  ab§tvacten 
„(5taat§tüoI)Ie§"  5ur  Secfimg  if)rer  Snbibibualität,  ttjrer  inbi= 
iiibueüen  ^mdt  kbieut  ^aben?^ 

(Sin  berartiger  egoi[ti[d}er  9J?iBbraud)  ber  '(Slaat§mad)t 
tuurbe  burc^  bie  ^rincipien  ber  rf)ri[tlid)en  ©tQQt§Ief)re  ]d)Iedjter= 
bing§  unmögüd^  gemadit.  ^enn  toenn  e§  ma^x  i[t,  tiü^  jeber 
@taQt§5iüed  [id)  ftet§  bem  gemeinfamen  3ttiede  aller  ben  ©taat 
bitbenben  Snbitjibuen  unterorbnen  niü[[e,  [o  ergab  [idj  au§  einer 
füldjen  @r!enntniB  mit  2eid)tig!eit  ber  (Sa|,  ba[3  aud)  ba§ 
„©taat§tDO^("  niemal»  ju  bem  föa^ren  gemeinjamen  5ö5o()Ie 
aller  in  ©egenfal  treten  !önne.  @emi§  be[i|t  ber  „©taat" 
bie  (5elb[tünbig!eit  unb  ©infjeit  einer  „moralifdien  ^erfon" ; 
aber  al§  foId)e  i[t  er  nur  bie  ermeiterte  ^erfönlid)!eit  ber 
©taat§bürger,  bie  au§  ber  gefeHjdiaftUdjen  Organifation  I}er= 
aualüai^fenbe  (Sejamtperfon ,  bie  ala  „^erfon"  gebadite  (Be= 
famtf^eit  be§  [taattid)  orgonifirten  9}oIfe§,  —  fein  SBamp^r, 
ber  auf  bem  5kden  be§  53Dl!ea  [i|t,  um  bon  beffen  33hite  [id) 
ju  nähren,  ©benfo  fann  bie  mit  9ted)t  geforberte  Unterorb= 
nung  be§  ^riöatöort^eilä  unter  ba§  ©taatsraoljl,  bie  Opferung 
ber  inbiöibueüen  ^ntereffen  bi§  jur  fiodjljerjigen  Eingabe  be§ 
2eben§  im  3)ien[te  be»  3SaterIanbe§  feinen  anbern  bernünftigen 
<Sinn  ^aben,  al§  ba^  ber  irbi|d)e  ^orttjeit,  ba§  irbifdie  ^nter= 
effe  einzelner  ^nbibibuen  surüdfteljen  müfje  hinter  bem  gemein= 
famen  Sßo^Ie  aUer,  nieinal§  aber  fann  biefelbe  ba§  2öof}I  aller 
bem  jd)attenf)aften  ^§antom  eine§  „@taat§n)oI)Ie§"  opfern  mo(= 
len,  tt3el(i^e§  neben  unb  über  bem  ©emeinmo^Ie  ber 
gefamten  Staatsbürger  eine  fefbftänbige  ^iflenj  unb 
33ered)tigung  ^ätte^. 


1  »gl.  bie  ©nci^flila  „Diuturnum  illud"    (1881).    Offtc.  3lu§g. 
©.  16  (17). 

2  SalJareUt    (91aturred)t  I.  Sb. ,   2.  %t)til,   2lbf).  2,  ßap.  1, 
?lr.  722— 727)  bemerü  biegbeaüslic^  im  Slnfd^Iufe  on  ß.t).§ aller: 


72    ©tfteä  ^apttet.    ®er  c^riftlii^e  ©taatäbegrtff  im  aügemeinen. 

6,  Snbem  bie  (f)ri[tltc^e  ^^itofoptjie  burd)  i^re  8ef)re  bom 
35erl)Q(tni{;  be§  ©tQate§  jum  Snbibtbuum  öor  ber  Qb[Dluti[ti= 
fdjen  llebertreibung  be§  organifc^en  6^arafter§  be§  ©tooteS, 
bor  ber  boHfornnienen  |)inopferung  be§  3nbibibuum§  an  bie 
©efamt^eit  betüo^rt  blieb,  inbem  [ie  ^erbor^ob,  ba^  ber  53?enf(^ 
im  ©taate  nic^t  nur  a{§  „focioler  St'örpert^eil",  oI§  Sfjeil  be§ 
[taotlic^en  Drgani§mu§,  fonbern  auc^  qI§  ©elbftsmed  5tner= 
!ennung  unb  33erü(ftic5tigung  finben  niü[fe:  berfiel  [ie  feine§= 
lüegg  in  boä  ber  fDciaIi[tij(^=Drgoni[dKn  Sljeorie  entgegen[lef}enbe 
ßi'trem  be§  atomiftif d)en  SnbibibualigmuS. 

@§  mar  feine  5tuffaffung  be§  ©taQte§  „bom  ©tanbpun!t 
feiner  5(tome"  i  au§.  3)er  organifdie  ß^arafter  be§  ©taateg 
blieb  boUfommen  getoaljrt.  ^eine  „frei  roogenbe  ©efellfdiaft", 
bie  „äu^erli(iö  nur  burd^  ben  überibiegenben  S^bang  einer  me= 
cf)auif(f)en  ©toatSgetüalt  bor  bent  böüigen  Serfnllen  äufnmmen= 
gef^nttcn  tbirb"2,  foEte  gefc^offen  iberbcn.  ®er  «Staat  golt 
immer  nocf)  at§  focialer  „Körper"  — ,  nur  nid)t  aU  focia= 
liftifc^er  TOoIoi^,  ber  feine  eigenen  l^inber  berge^rt. 

Wan  braucht  bloB  für  einen  ^(ugenblic!  ba§  „9feid)  jener 
inbibibualiftifc^en  ^^rei^eit"  fid^  on^ufel^en,  tt)eld)e  9lobbertu§ 

„SBenn  man  alfo  jagt,  ba^  ba§  Sffio^t  be§  ^nbiötbuumS  bem  ©ociaI= 
IDO^I  ftd}  unterorbnen  mu^,  fo  fpridjt  man  Don  einem  ^nbiöibnum 
im  ©egenfa^  311  ben  übrigen.  Unb  e§  märe  am  tJnnenbftcn,  fogfeic^ 
^insupfiigen :  ®ag  ©ocialmo^t  mn^  fic^  nad^  bcm  SBorjIe  abmeffen, 
\vtl6)e§  für  bie  ©efamt^eit  ber  ^nbiüibuen  2So^I  ift,  um  bie  pIato= 
nifd^en  Uto^jien  getoiffer  ^ßolitifer  3U  öermeiben,  meldte  auä  i^rem 
Staate  ein  ^M  mad^en  unb  babei  firf)  nic^t  fc^euen,  bie  ajolfer  un= 
glücffic^  äu  mad^en,  toenn  fie  nur  i^r  ©taatämo^t  erreicfjen."  ®ie 
Ijrafttfd^e  JBebeutung  biefer  Se^re  liegt  auf  ber  §anb.  3.  S.  SöEe, 
bie  im  ^ntereffe  ber  blojien  SBereic^erung  einer  ©ruppe  öou  3nbu= 
ftricffcn  anbere  SSoIfötlaffen  belaften,  finb  bermerflicf).  gölte  bagegen, 
bie  tüirflid^  3ur  ©r^altung  einer  fflr  ba§  ©efarnttool)!  notljmenbigen 
maffe  unentbetirlicfj  finb,  erfc^eineu  ijkxnaä)  aU  bered^tigt,  fetbft  wenn 
fie  ber  übrigen  SSeboIferung  unmittelbar  Opfer  auferlegen  foEten. 
1  ßoaaf  a.  a.  £).  ©.  202.        2  g^^^  (g_  72. 


3.  ©toQt  unb  ^iibiüibuutn.  73 

)ü  treffenb  geseidjnet  ijat,  um  fofort  be»  grollen  Untcrfc^iebe» 
I)Q6f)aft  5U  inerben,  ber  ätüifc^eu  ntomi[tt]dKm  ^nbiDibiiaüS^ 
iniia  unb  (^ri[tli(^cr  2e§re  befielt. 

S^er  3nbiDibua(i§mu§  ift  nid)t§  q(§  eine  Qllijemeine  Ü^cgation. 
Seber  barf  I^ier  „feiner  6eiüi|"ien§tvei(jeit  unb  inbit)ibuQli[ti|d)en 
^orfc^ung,  feiner  eigenen  Tloxüi  unb  feinem  beliebigen  con= 
tractHt^en  Steckte,  enblicf)  feiner  unge^inberten  freien  @rtt)erba= 
t^dtigfeit  na^fjängen"  ^.  Snbem  bie  liberale  ^^i(ofop^ie  bie 
3ibee  einer  ab fo(uten,  fi^ranfenlofen  g-rei^eit  unb  Ü)Ieic5= 
Ijeit  Don  bem  „präf)iftorif(|en",  njiHfürlic^  erbic^teten  „9'?atur= 
juftanbe"  auf  bie  ftüat(i(^e  föefeüfd)aft  übertrug,  fonnte  i^r  in§= 
befonbere  ber  Staat  lebigfid)  al§  eine  materieHe  5(ggre= 
gation,  al§  eine  3^^!,  üU  eine  ©umme  freier  unb  gleid^er 
Gliome  erfd)cinen ,  o^ne  innern  organifdjen  .3iM"'ii'^"''''^"^}f^''Ö' 
einzig  burd)  l1iajorität§befd)Iüffe  unb  6ett)alt  bet)errfd)t. 

©ö  mar  eben  nid^t  ba§  ^nbibibuum,  mie  e§  ^eute  mirf= 
lid)  ejiftirt,  fonbern  mie  e§  angeblid)  in  bem  „5hturäuftanbe" 
gemefen  fein  foü,  ha^  ab§tract  gebaditc,  beffer  gefagt:  ba§ 
burc^  miüfürüd)e  Slbstraction  üerftümmelte  Snbit)ibuum, 
melc^e§  ein  9iouffeau  jum  2tu§gang§pun!te  feiner  ©taat§|)I)i(o= 
fopfjie  gemalzt  fiatte. 

5tnbera  bie  d)riftlid)e  5|3(ji(DfDpI}ie.  9lud)  fie  gef)t  bei  ber 
fpeculatiöcn  Srgrünbung  be§  ftaatlid)en  unb  gefeflfd;aft(i(^en 
2eben§  ^mar  in  le^ter  Snftauä  Don  bem  ^^nbiDibnum  au§, 
aber  öon  bem  Snbibibuum,  mie  e§  in  ber  2Bir!(id)feit  fid^ 
unfern  Slugen  barftcüt,  oou  bem  ganzen,  concreten,  ^iftorifc^en 
^nbiöibuum,  unter  5Iner!ennung  unb  Serüdfic^tigung  ber  in 
bie  inbiDibueüe  5^atur  bom  ©d}öpfer  gefenften  focialen 
Sebürfniffe  unb  triebe  unb  ber  auf  bem  3nbit)ibuum 
traft  gi)tt(id)en  9?ed)te§  ruf;enben  unb  um  ber  ©rreid^ung  be§ 
cmigen  S\^k?)  miüen  5U  erfüüenben  focialen   ^flid}ten. 


^  ßü^af  a.  a.  C   *&.  74. 
^e\ä),  Sibcrart§mu§  ii.  I.   2.  3lufl. 


74     ©rfteö  Jlapitel.   S)cr  cf)riftUc[)e  8taatö!6ccji-iff  im  aUgemctncu. 

2ßenn  \l]x  ba^er  audi  ber  «Staat  mit  9türf[ic^t  auf  baä  fjöd)fte 
imb  eiuige  3iet  be§  ÜJ^enfrfien  ala  bienenb8§  Witid  gift,  unb 
löcnn  [ie  anä:)  in  bem  ©emeintüofjle  ber  S3ürger  ©runb  unb 
3tt)e(f  be§  (5taote§  erblicft,  jo  wei^  [ie  ho6)  anberer[eit§  ni($t§ 
bon  abfohlt  freien  Snbibibuen.  5lf(e  inbiüibueüe  2Öin!ür 
tüirb  befd^ranft  burdj  ba§  ]^  ö  1}  e  r  e  9icd)t  ber  @efanitl}eit,  unb 
ade  rein  irbifd^en,  mit  bem  ©emeinmo^Ie  codibirenben 
^rioatintereffen  muffen  tjeopfert  merben. 

7.  <Bo  ift  alfo  für  ben  c^rifilic^en  S;en!er  ber  ©taat  mel)r 
aiö  eine  btofee  @rfinbung  ber  ^ot!^  ober  ber  ©efdjidlici^feit, 
me^r  a(§  ein  miafürlii^eS  SSertragStoerf,  eine  ^Ictiengejellfdiaft, 
ein  notfjiuenbigeg  llebel,  ein  mit  ber  geit  ü6erroinbbare§  @e= 
bred)en.  6r  [ie^t  in  \f)m  einen  notfjmenbigen,  oon  (Öott  ge= 
forberten  3uft«ni>,  ein  33ermögen,  eine  natürlid;e  5hi§ftattung 
ber  9}^enfd)f}eit,  meldje  bie  ©attung  jur  33oIIenbung  ju  führen 
beftimmt  tvax,  aber  au!^  eine  urfprüngtidie,  bon  @ott  gelnoKte 
Orbnung,  mit  einer  hüxä)  i^ren  Segriff,  iljr  Söefen,  if)ren 
3iüed  gcforberten  ©lieberungi,  fein  blo^eä  ^Jiebeneinanber 
unb  3)urd)einanber  freier  unb  gleid^er  ^ttominbioibuen. 

S)a§  Ijarnionifdie  Sueinanbcrgreifen  ber  einjelnen  33eftanb= 
tl;eile,  bie  ^ntere)fengemeinfd)aft,  ba§  Serau^tfein  ber  3u= 
fammengeljörigfeit,  bie  |)fIid)tmäBige  llnter=  unb  lleberorbnung, 
üü  biefc  33anbe  umfc^Iingen  bie  ©lieber  ber  ftaatlid^en  (Sefen= 
fd)aft.  „(S§  finb  luirflic^e  Sanbe,  infofern  fie  ben  ^KJenfc^en 
mit  feine§gleid]en  nad^  3Irt  organifd^er  ©ücberung  ju  (eben§= 
fälligen  I)öt)ern  Sin^eiten  berbinben,  worin  bie  {Sinjelinbioi^ 
buen  gemiffermaBen  at§  elementare  23eftanbt'^ei(e  jum  (Banken  \iä) 
berljaltcn;  aber  e§  finb  fitt(id)e  §3anbe,  infofern  fie  ber  per= 
fönlid)en  2Bürbe  be§  93ernunftn)efcn§  feinen  Eintrag  tf}un,  inbem 
fie  bie  inbibibuefle  grei^eit  nad)  einer  ©eite  fjin  ju  ©nnftcn 
ber  organifdjcn  @in^eit  jtüar  binben,  aber  ofjnc  fie  mxiild)  ju 


10 1^1  mann,  ^oüüt  ©.  1. 


3.  ©taat  iinb  ^nbinibumn.  75 

[diäbigen,  \a  biehnef^v  biefelbe  sum  (Sntgelt  für  ben  fd)ein= 
baren  ^bbritd)  mit  unt)ergleid)lic^  pfjcrn  Sntereffen  bcrcicfierrt. 
©0  tritt  bie  au§  ber  [ocialen  5Dhnfd)ennatiir  I}eniürgcl}enbe 
gefelljdjnttlic^e  SSerbinbung  gemiffetma^en  qI§  ein  analoge» 
(al§  ein  ö^nlidiea,  nicfit  gleidjea)  ©cöilbe  in  bic  9teit}e  ber 
natürtidien  Organismen  unb  i[t  ein  berebte»  3eugni^  für  bie 
(jcrrüdie  ©intjeit  im  göttüdien  ©d)öpfung§s  unb  Orbnung§= 
|)Iane.  51ber  fie  unterfc^eibet  fid^  öon  öden  orgonifdjen  Sßefen 
ber  ©innenlüelt  al§  fittlid^er  Organi?-mu§  unb  bilbet  al§ 
fo((^er  für  fid)  eine  eigene  Orbnung."  ^ 


1  %f).  9Jlet)er  S.  J.,  Sie  StrBctterfrage  (^^reibiirg  1891)  ©.44. 
^nä)  ö^ettng  {a.  a.  D.  I,  13)  warnt  üor  ber  Hebertretbung  bc5 
35ergleid^e§  mit  ben  Organiömen  ber  ^ftan3en=  unb  Si^tertoelt :  „S)tcfe 
^e^eic^nung  jOrgoniftf/  unb  ,naturH)üd)[ig'  ift  fjeutäutnge  eine  ^efu"  t>i= 
liebte,  aber  ni(^t  feiten  ift  fie  ein  prnnfenbeä  5XuöpngefiiüIb,  fjinter 
U)eld}em  fid^  eine  mectjantfclje  (!)  23e!^anbtung§n)eife  Devbirgt."  — 
2l^ren§  Ouvift.  ©nct)!(opäbie  ©.  55)  ^ebt  furj  unb  trcffenb  ba^ 
3]ergIeid^unQ§moTnent  gtoifd^en  ben  fittlicfjen  inib  :i3!^t)fif(f)en  Organiö= 
inen  fjeröor,  inbem  er  fdjreibt:  „Organifc^  nennen  toir  bie  in  ber 
©intjeit  cine§  ©anjen  .  .  .  gegebene  2öe(j^feI6eftimmung  aller  S^'^eile 
unb  $8erf)ältniffe."  ®ie  %xt  unb  SÖeife  fon^ie  ba§  SJlafe  biefer  2[öed)fct= 
beftiinmung  unb  2lb()ängiglfeit  beö  SfieileS  Don  htm  ©anjeu  ift  fef)r 
uerfdjieben  in  ben  |)^l)fifc§en  unb  fittlid^en  Organismen,  ^n  ben 
pl^l)fifc^en  Organismen  ift  allc§  bun^  bie  allgemeinen  ©efe^e  be§ 
91atmiaufe§  befttmmt,  in  ben  fitt tieften  bagegen  bilbet  bie  3ktur 
ber  vernünftigen  unb  freien  9}lenfd)enfeele  ein  alii  SSe^iel^ungen  mit= 
bebingenbeS  unb  geftaltenbeS  (Clement  (So^e,  SDlitrofogmoS  I,  200), 
nnb  berfelbe  ^Jlenfcf) ,  ber  fid)  I)ier  aU  ©lieb  unb  SBeftanbt()ctI  einem 
p^ern  ©anjen  eingefügt  finbet,  erfennt  fi(§  gugleid^  aU  ©elbftjtoecf, 
oI'3  3ielpunft  aße§  beffen,  toaS  bie  9]afur=  nnb  DJienfdjentDelt  an§= 
madit.  —  9lad^  bem  ©efagteu  Uiirb  eS  Wenig  befriebigen  tonnen, 
toenn  Siegel  üon  einem  boppefteu  „etljifcfien"  ©runbprincip  „beS 
focialen  @einfotten§"  rebet  unb  biefe  beiben  ^rinctpien  bann  alfo 
nä()er  beftimmt:  „®a§  «Socialer i ncip  ba§  ift  ber  ©a^,  ba^  bie 
©efedfc^aft  oberfier  Smed  fein  fofi,  bci§  Snbiüibuum  nur  bieneubeä 
50^itter  für  if)re  Smedfe,  Organ  be3  Jocialen  ÄörperS',  toie  ba<i  ©Heb 


76     ®rfte§  ßapttel.   35er  c^rifiüäie  ©toat§Bcgviff  im  allgemeinen. 

1.  ßbenfofeljr  lüie  bie  Se^re  bom  jenfeittgen  3^^^^  be& 
einjelnen  5JJenfd)en  iDiirbe  bie  qI§  felb[tänbigc  imb  boU^ 
foinmene  ©efcüfdjaft  neben  bem  Staate  beftc^enbe  ^ird^e 
eine  fe[te  (5d)u^h)e^r  ber  bürgerlid^en  gr  ei  [je  it. 

9ii(f)t  burd)  bie  ©nabe  eine§  [terblid)en  DJ^onnrc^en ,  öiet= 
nie^v  bon  bem  ewigen  .Könige  felbft,  bon  Sefn§  6:^ti[tu§, 
bem  eingeborenen  ©oljne  ©ottc§,  bept^t  bie  .Qirdie  i^ren  ?(nf= 
trag,  it)re  n)efentlid)e  ©eftaltung,  ifire  unberäufierlitJ^en  ^tä^k. 
(Sr,  ber  bon  [id)  fagen  fonnte:  „D3iir  i[t  olle  ©etcalt  gegeben 
im  i^immcl  nnb  auf  @rben",  berjelbe  @otte§[oI}n  Ijat  aud)  feine 
51pofte(  tjinauagefenbet  in  alle  Söelt,  ju  leljren  alle  Sßölfer. 

©Ott  ift  ber  §err  feiner  ©fjre.  Sßare  bie  ^ir(^e  nac^ 
göttUd)em  Sßillen  lebiglid)  ^lationanirdje,  fie  ^ötte  fein  9te(^t, 
über  bie  ©renken  ber  Station  [)inüu§äugel}cn,  unb  feinen  %n= 
ipxüd)  auf  ®et)ör  außerhalb  be§  ©taoteg,  für  ben  fie  gegrünbet 
tburbe.  9Zun  aber  fenbet  6()rifti  2BDrt  fie  in  alle  2Be(t,  ju 
aller  ßreatur.  3)ie  <Bpxad)tn  ber  Golfer,  bie  ©renken  ber 
Sünber  berlieren  bor  ber  diriftlidjcn  2Batjrt)eit  iljre  fd)eibenbe, 
trennenbe  5^'raft.  S)ie  cQirdie  burc^bridit  fie.  ©ie  fjat  ein  un= 
berüu^erlic^e§  9ted)t  auf  aüe  53ölfcr  traft  göttUd)en  5luf= 
trage§;  benn  aüe  foüen  ®ott  bienen,  feinen  9iamen  preifen 
unb  fo   5um  ipeile  gelangen.     93lögen   irbifc^e  ^JJäd^te  unter 


Drgan  be§  )3^t)ftfif)en."  „®aö  3  nbioibufilprincip  ha^  ift  ber 
<Ba^,  ha^  ba§  Snbiüibiium  —  jebcä  ^nbiüibuum  al§  ,gIet(fjUiertf)tg' 
jebem  anbern  geba(i)t  —  oberfter  !S\md  fein  foKe,  bie  gefeÜfdjaftUtfje 
öx-ganifation  bienenbeö  aJiittel  für  feine  BtoedEe"  (3eit)d^r.  für  ßite= 
ratur  nnb  ©ef(f)i(^te  ber  (Staatötoiffenfif^aften ,  öon  Dr.  ßuno  öon 
g^ranf  enftetn  [Setpätg  1893],  ©.  3).  5)a§  finb  ni(^t  bie  „©runb= 
^rincipicn  be§  focialen  ©einfoTlenS",  nidjt  „ba^i  f)üc^fte  et^tfc^e  ©ebot", 
fonbern  fe()r  nnet{)ifci)e  @jtreme,  fein  gocialprincip  ober  3iibiüi= 
bnutprincip ,  fonbern  ba§  f  o  c  i  a  1 1  ft  i  f  cf)  e  unb  ba§  i  n  b  i  o  t  b  u  a= 
nftif(!^c  ^princip. 


4.  Staat  unb  ©efeüfcfioft.  77 

bem  I)eud}Ienfd)en  Secfmantel  einer  erlogenen  greiljeit  unb  ?(uf= 
flärung  mit  ^oliti!  unb  t3erQd)t(id)en  Ü^önfett  ber  .^ird)e  ben 
2eben§nerb  burd)[d)neiben ,  ober  mögen  fie  mit  ber  33ontt)ud)t 
brutaler  Öjemalt  in  einem  Tim  bon  23Iut  [ie  er[tiden  moUen, 
bie  9t\xä)t  jeijt  ifjren  (Siegeslauf  unbefümmert  um  faiferlidic 
(Sbicte  unb  red)t§mibrige  ©taatögefe^e  fort,  bi§  eine  äBelt  er= 
obert  ifl  für  ben,  ber  fie  mit  all  ben  gted)ten  unb  ber  93dI(= 
gemalt  auggeftattet ,   mit  benen  ilju  ber  3?ater   gefanbt  Ijatte. 

f)ätte  bie  llirc^e  bie  unerfdjütterlidje  Ueberjeugung  nidit 
bemafjrt,  bo^  smar  auf  toeÜ(id)em  ©ebiete  bem  ^aifer  @e^or= 
fam  gefd)ulbet  merbe,  ba^  fie  aber  in  Erfüllung  ifjrer  gött= 
Ii(^en  5tufga6e  bom  ©taate  unab!)ängig  fei,  —  ha^  6^riflen= 
tf)um  märe  niemals  gur  ^errfd)aft  gelangt.  S)ie  Organe  be§ 
©taate§  Ratten  ja  6^riftu§  an§  ^^reuj  gefd)Iagen  unb  bie 
5(rena  mit  bem  Slute  ber  9J?artl)rer  getränft.  5^id}t  burd) 
bie  Wüä)i  be§  @taate§  ift  ba§  6f)riftentf)um  gegrünbet  morben, 
fonbern  burd^  bie  Seiben  unb  Opfer,  bie  e§  im  Kampfe  mit 
bem  Ijeibnifdjen  ®taat§abfoIuti§mu§  getragen  unb  gebradjt  Ijatte. 

2.  Ibgefeljen  bon  ber  gejd)id)tlid)en  SKjatiadie,  bafj  bie 
^ird}e  unabhängig  bom  «Staate,  ja  im  2Biberfbrud)e 
mit  ber  ©taatSgetnalt,  hoft  göttlid;en  9ied)te§,  gut  @£i= 
fteuä  gelangt  ift,  befunben  anä)  xijxi  innere  Organifation,  il)r 
^lüed,  ifjre  ÜJiittel  bie  i()r  ^ufteljenbe  Souberänität. 

Sie  ^ird)e  ift  ebenfogut  mie  ber  ©taat  eine  bonfom= 
mene  (SefeHfdjafti.  Sie  I}at  einen  ifjr  eigentf)ümlid)en, 
fetbftänbigen  3tüed  unb  befitjt  in  fid)  aUe  jene  DJcittcI,  bie  jur 


*  Mtbtx  bie  ßitdje  aU  üoftfommeue  ©efctlfi^aft ,  ifjr  Söerpltni^ 
junt  ©taatc,  i^ren  fegenSreidjeu  @tnffu&  auf  ba§  ftaatfid^e  Seben  ligl. 
encl^ffifa  Seo§  XIII.  Jmmortale  Dei"  (1885).  Offic.  (§crbcrfdje) 
SluSgabc  <B.  6  (7).  12  (13)  ff.  ©tut)!!.  „Praeclara  gratulationis" 
(1894)  ©.  24  (25)  f.  30  (31)  ff.  @nc^!I.  „Sapientiae  cliristianae" 
(1890)  ©.  12  (13)  f.  32  (33)  ff.  36  (37)  ff.  (Sbenfatlä  bie  mP 
tidjen  ©tf^veiben  an  bie  S3ifd)öfe  ^^reu^enS,  S3al;ern§  u.  f.  U). 


78     ®t[teö  ßapitel.    ®er  cf)riftlicf)c  ©taatskgtiff  im  aügemetnen. 

SrfüQung  il)rcr  tüefeutlicfKn  5(ufgaben  unentfiefirlid}  [inb.  ?(uf 
Unrein  ©efeietc  ift  bie  Slirc^e  barum  fouDerön.  SBäre  biefe 
(Souberänitüt  nur  'tia^  ^robuct  einer  jafjrl^unbertelangen  I)ifto= 
rtfc^en  ©nttüidlung,  fo  müfete  ber  Staat  biefelbe  I^eiite  al§  ju 
Sffedjt  beftcfienb  ancilennen  ^  5Iber  fie  ift  me^r  a{§  ein  ^ro= 
buct  ber  @ei"i^id)te.  58e|i|t  [ie  ja  bod)  iljre  tieffteu  g-iinba^ 
mente  in  bem  SBiüen  be§  fjödjften  [oclalen  ^önig§,  Sefu 
6l)ri[ti,  bem  ou^  ber  Staat  fid)  unterioerfen  nuiB.  9^id)t 
bie  iüeltlidjen  dürften  I)at  ber  göttlidje  Srlöfer  mit  ber  D?e= 
giernng  feiner  ^irc^e  betraut,  fonbern  5|3etru§  unb  bie  ?Ipo= 
[tel  nad^  bem  nnjtreibeutigen  SSorte  ber  ^eiligen  ©d}rift. 
(Sbenfo  erfjeüt  bie  Unabfjängigfcit  ber  l^irdie  bom  ©taate  t^eita 
au§  ber  Uniberfaütät  ber  firdjlidjen  Senbung  an  alle 
MlUx,  t^eila  ou§  bem  übernatürlichen  (5:^oraIter  il)re§ 
3ibede§  unb  ber  fpecifijd)  fird)Iid)en  W\tkL 

Som  ©tanbpunüe  ber  33ernun[t,  ber  Offenbarung,  ber 
@efd}id)te  an?,  wirb  baljer  jebe  Unterorbnung  ber  ^irc^e  unter 
bie  ftaat(id)e  @en.ialt  ober  gar  bie  Einfügung  ber  ühä)c  al§ 
eines  S^eifeS  in  beu  ftaattid)cn  CrganiSmua  mit  afler  @nt= 
fd^iebenfjcit  jurüdgeiuiefen  loerben  muffen.  2Bo  immer  ber 
Staat  gIeidjUioI)(  feine  materielle  9)?ad)t  jur  Knebelung  ber 
p^^fifd^   fd)mäd)ern   c^irdje  benu|en  mollte,   ^at   biefe  9tebö= 


'  ©anj  bcfonberö  gilt  ba^  für  bie  afienbtänbifi^en  Staaten.  9^ü(§ 
beoor  einer  ber  I)eutigen  abeiiblönbif(f)en  ©taaten  fieftaiib,  f\at  bie 
c^riftlid^e  ^ixä)t  aU  eine  tioüfommene,  in  iljrem  S3ereidf)e  fouüeräne 
©efellfdjaft  gelebt  unb  gettirft.  @elbft§erber  geftanb:  „Söenu  oüe 
(^riftlidjen  ßaifer=,  fiönigl=,  5ür[ten=  unb  Slitterflämme  if)re  S3er= 
bienfte  öoräeigen  foltten,  burc^  meiere  fie  eljeinQtä  ^ur  §errid)aft  ber 
äJöIfer  gelangten,  fo  barf  ber  ®reige!rönte  in  Üioni,  auf  ben  ©(I)ul= 
tern  unfriegerifcfier  !priefter  getragen ,  fie  alte  mit  bem  t)eiligen 
^reuge  fegnen  unb  fogen :  ,0^ne  mid)  ipäret  i^r  nicf)t  gelüorben, 
lüttä  il)r  feib'"  (3fbeen  5ur  ©efcf)ic[)te  bev  SDlenfc^eit  IV  [Stuttgart 
1828],  lOS). 


4.  (Staat  unb  ©efcüfd^aft.  79 

(ittiou  üon  obm  auf  bie  Stauer  ben  ©taot  mdjx  (jcf^äbigt 
nly  bie  Äird)e  i. 

3.  2Bie  bie  ^ird)e  auf  geiftüci^em  ©ebicte  botle  <SDUbe= 
ränität  iraft  göttlidjen  9^e(f)te§  beoni'pnic^t  unb  benufprudjen 
iuuf3,  [o  läßt  [ie  boc^  anbererfeitS  bie  ©oubevänität  beä  8taatc§ 
an^  toeltnd^em  (Bcbiete  unöerlürst  U'iUfizn'^. 


1  35on  ber  (^rtfilid;en  Stuffafjung  entfernt  ficf)  ^  inf  c^inS,  tuenn 
er  fagt  (Slögem.  Sarftetlung  bcr  Scri^äÜniffe  öon  ©taat  unb  ßirc^e, 
in  OJtarquarbf en§  i^^H'^^i"^  öeä  öffcntlidjen  Steditö  ber  (Se3cn= 
mart  I  [3^retbur(3  1887],  187  ff.):  ®as  2JiitteIaIter  „fannte  nur  eine 
über  bie  einjelnen  (Staaten  l^inauSgel^enbe  uniüerfelte  ßird^e,  welcfie 
fouberän  unb  unabl^ängig  öon  ber  ftaQtU(|en  ©etoalt  t:^re  JBerf)ä{t= 
ntffe  regelt.  S)af|er  trat  ii)X  Steigt  bem  ineltlidfjen  Stedjte  ber  eingelnen 
Staaten  felbftänbig  gegenüljer.  Wiaä)  ber  niobernen  Stuffaffung  aber 
ift  bie  (ßirdje  nic^t  fouuerän.  ^Jür  bie  Siegelung  ber  äußern  23er= 
Ijältniffe  be§  menid^li(^en  3u^^"nnenteben§  ift  ber  Staat  bie  K^ötfifle 
DJlad^t,  jebe  anbere  ift  t'^m  untcrtr}an.  Soioeit  eine  ober  mel^rere 
ßirci^en  al§  organifirte  ©emetnfc^aften  innerl^alb  be§  Staates  ftel^en, 
finb  fie  feiner  Souöeränität  unterworfen  unb  ne^^men  tf}m  gegenüber 
nur  bie  Stedung  oon  ßorporattonen  ein.  Saö  9te[I;t  ber  eiuäelnen 
d^trc^en  ift  ba^er  ba§  9tec!)t  üon  im  Staate  beftefjenbeu  Sor|)orattonen 
unb  bilbct  einen  2'^eil  be§  ftaatliöien  ober  ftaatlicf)  anerfannten  ©e= 
feüfcf;aftöre(5te§."  Silan  üergleiciie  ßubtoig  93enbij,  Mxä)t  unb 
ßird^enredjt  (2jriain3  1895)  S.  27  ff. 

-  So  f (greifet  3.  58.  5Pa:pft  ®elaftu§  an  ben  ßaifer  2Inaftaftu§: 
Quantum  ad  ordinem  publicae  (i.  e.  civilis)  disciplinae  cogno- 
scentes  imperium  tibi  superna  dispositione  collatum,  legibus  tuis 
ipsi  quoque  parent  religiosi  antistites.  —  @benfo  ©regor  ber 
©  r  0  B  e :  Quemadmodum  Poutifex  introspiciendi  in  palatium  po- 
testatem  non  habet,  ...  sie  nee  Imperator  etc.  —  SSgl.  ferner 
Decret.  Gregor.  1.  2,  tit.  28,  c.  7.  ^f)itlip§,  ^ird^enred^t  III, 
§  129.  §ergenröt^er,  ^atfiol.  ßtri^e  u.  d^riftt.  Staat  S.  373  ff. 
398  ff.  —  fflkn  f)at  mit  lüatjrem  SBienenfteiBe  bie  Secrete  ber  ^ä^jfte, 
me^r  noc^  bie  Sd)riften  ber  Sanoniften  burt^ftöbert,  um  nacfisuiüeifen, 
bü%  bie  {^riftlicle  ßir(f)e  fid]  eine  politifdje  Dberljoljeit  über  ben  Staat 
angemaßt  l^abe.  S)er  ©rfotg  cntf^jrad^  ben  JBemül^ungen  feineänjegö. 
3Jlan  fanb  eine  Dici^e  jum  3:t)eil  :^^perbotifd;er  2(u§brüde  unb  Jöilber, 


80     ©i'fteö  ßapitel.   3)er  (f)rtftliii}e  ©tüatäbegviff  im  aügeuteinen. 

@§  i[t  nid^t  bie  5Uifgabe  bet  ^irdje,  ben  «Staat  ^olitifd) 
all  bd)txx\ä)tn ,  neue  <5taatcn  in§  Se6en  gu  rufen,  beftef^enbc 
oufjur^eben.  Selbe  ©efeüfi^aftöformen  füf)ren  [id}  auf  gött= 
lidjc  ^Inorbniing  imnd,  bie  ^irdje  auf  bie  pofitibe,  d)rifllid)e 
Offenbarung,  ber  (Staat  auf  ba§  natürüdie  ®otte§red)t.  53eibe 
finb  in  i^rer  Sriftenj,  i^ren  5JJitte(n,  i^rcm  ^m^d  raefenttid} 
üerfdjiebene  ©efeflicEiaftSformen ,  unabl)ängig  Doneinanber,  eine 
jebe  in  if)rer  eigenen  <Bpijim  bollforninen  felbftänbig. 

^nbem  aber  bie  (^rift(id)e  ^irc^e  „mit  ifjrer  Se^re  unb 
©nobe  bie  |)errf(^er  unb  33öl!er  er(eud}tet,  i^re  fittUci^en  23e= 
griffe  reinigt,  ifjre  5tuffaffung  bon  bem  'S'id  be§  5[l?enf(^en= 
leben»  bertieft,  begrünbet  fie  aui^  eine  neue  9?ed}t§=  unb  ©taat§= 
orbnung  unb  ein  neue§  ^BerfjöÜniB  biefer  5U  ber  religiöfen 
Orbnung  unb  5Iutorität.  Siefe  beiben  SJJomente  bebingen  fic^ 
gcgenfeitig.  3n  bemfelbcn  Wa^z,  al§  bie  fitttic^  =  religiöfen 
©runbfö^e  bc§  (5f}riftent^um§  in  beni  Staat^redjte  jur  ©eltung 
tarnen,  gelangte  aud)  bie  ^futoritöt  ber  ^ird^e  in  biefem  ®c= 
biete  jur  ©eltung,  unb  mngefefirt  bilbete  ba§  d^rifttid)e 
(5taat§red)t  in  bemfetben  93?a^e  fid)  au§,  al§  bie  5tutoritüt 
ber  ^irci^e,  in§befonbere  be§  Oberf}aupte§  berfelben,  jur  5(n= 
er!ennung  gelangte,    tiefer  3ufammenfjang  jeigt  '{iä),  tüie  in 


bie  ebenfogut  Hon  jener  moralifcEien  Ober^ofjeit  ber  ßirdfie  unb  irjrcr 
inbirccten  ©eioalt  über  ba^  'S^\Ü\ä)i  öerftanben  luerben  fönnen.  @inc 
unmittelönr  potitiid}e  ^errfd^aft  l^at  bie  ßirdje  nur  beonfpruc^t ,  fo= 
»ücit  biefelbe  i^r  üolferredjtlii^  äuftanb.  SBol^I  aber  i)at  biefelbe  bie 
i^r  ül§  äixä)t.  3ufter)enbe  moralifcf^e  2:fieo!ratie  mit  aüer  ®ntf(^iebeu= 
beit  geltenb  gemacf^t ,  xvu  firf)  eine  foIcf)e  auä  ber  einfallen  ülfjatfacCje 
beä  übernatürlicfien  Si^feä  für  ben  9)lenff^en  unb  ber  göttlirfien  @tif= 
tung  ber  Mxäji.  für  jeben  logifd)  bentenben  ©eift  non  felbft  ergibt. 
—  Sßir  bemerfen  übrigens  auSbrücflid),  ba%  mir  feineöinegä  aüe  2lu§' 
fü^rungen  einzelner  ®anoniften  billigen  fönnen,  fofern  fie  tt\va§  Qn= 
bereö  fein  fotlen  aB  3}erfu(i)e  einer  me^r  ober  mtnber  gefcf;icften  3^or= 
inulirung  ber  inoraUfcf)eu  Sfieofratie  unb  if)rer  praftif(§en  6onfequen3eu 
für  boö  meülic^e  ©ebiet. 


4.  Staat  unb  ©efeUfcfiaft.  81 

ber  3(u§Bi(bung  be§  cfiriftlid^en  ©taot§rcd)te§,  fo  auä)  in  beffeti 
Üiüdbilbung.  Sn  bem  Wai^t,  a[§  bic  ©tellung  be§  ^np[t= 
tf)um§  in  ber  ©taatenorbnung  ($uro})Q§  erid)üttert  tourbe,  warb 
aud)  ba§  eiU'opät[(^e  ©taat§red)t  entdn'i[tnd)t"  ^.  ©ernbe 
iu  bicfer  lUDraüidjen  llnterorbnung  be»  ©toatc»  unter  bie 
^ird)e  beftetjt  bn»  fpeci[i|dje  DJJerfmal  einer  d)riftlid)en  Orb= 
nung  ber  [toatlidien  ©cfenft^aft.  „5)ie  ©efeüldiaft  i[t  djri[t= 
Ii(!^,  wenn  [ie  unter  ber  (mDraü[djen)  Sirectiüe  ber  ßirdjc  [teljt. 
©er  Staat  ifl  ^rifttid},  fofern  er  al§  ^robuct  ber  natür(id)en, 
menfc^Iidien  (Sntiüirflung  burdj  ben  ©influB  ber  d)ri[t(ic^en  9{e= 
(igion  unb  bie  Leitung  if}rer  ^tutorität  in  einer  ül)ernatür= 
ticken  2öei[e  gef)üben,  gefjeiligt  unb  gettjeitjt  rairb."  ^  Umgefe^rt 
berliert  ber  Staat  in  bemfelben  ^Dla^e  feinen  (^ri[ilid;en  (5^a= 
rafter,  al§  er  bie  ^irdie,  b.  i.  bie  übernatürüd;e,  ber  5,ikni(|= 
(jeit  geii'lige  Sntercffen  iüaf)rne|menbe ,  auf  ba§  endige  !^kl 
gerichtete  ©ei'eltfdjaft  unb  Slutorität  bei  feinen  (Befe^en  unb 
^anblungen  nid}t  mel^r  berüdfiditigt. 

4.  93lan  mag  in  ber  praftifd^cn  5Inerfennung  ber  ^ird;e 
al»  ber  gottbefteHten  |)üterin  be§  ®ittenge)e|e§ ,  al§  einer 
©öule  unb  ©runbfefte  ber  2Ba!^rf)cit  eine  33efd)ran!ung  ber 
ftaatlid;en  greil;eit  erbliden  iDoüen.  ^mmerljin  ift  e§  feine 
anbcre  iSefdjrönlung ,  a(§  wie  fie  jeber  anberc  DJIenfc^  burc§ 
ha^  ^riftlidje  Sittengefe^  erfährt,  —  eine  ©inbämnnmg  ber 
SBiüfür,  aber  feine  33efd)ränfung  ber  ©ouberänität ,  bie  nie 
unb  nimmer  ba§  Unfittüdic,  ba§  Hngered^te,  ba§  Hnd^riftli^e 
äu  i(}rcm  S"fjafte  ^aben  fann. 

ߧ  ift  eine  5ßefd)rQnfnng ,  tnie  fie  bur(^  ben  fittfic^en 
ßfjarafter  be§  Staate^  unb  bie  fittlid^e  5|3fad)t  feiner  Senfer 
geforbert  föirb.  Söitt  ber  ©taat  in  ber  Sliat  eine  fitttid^e 
^nftalt  freier  53knfc^en  fein,  bann  mujj  er  anä)  bie  ^BoIIgetualt 

1  ©taat§re$i{on  ber  ©örre§=©efeaj(i^aft  »b.  II  (fyveiburg  1892), 

%xt.  „e^rifiad^e  ©eieüii^aft"  oon  f.  S.  §affnet,   ©.  1242. 

"  ©taat§IeEtfon  ber  ©örre§=©efeüid)aft  a.  a.  O.  6.  1243. 

4** 


82     @rftc§  ^o^Dttel.   ®er  c^rifttic^e  ©taatöbegriff  im  allgemeinen. 

®otte§  über  ba§  9J?en[cf}en9e|'cf)(ec()t  Querfennen  unb  im  eigenen 
S3ereic^e  jur  ©eltung  fommen  loffen,  bann  mufj  er  bie  ber 
^ird;e  Don  @ott  berliefienen  3f{ec^te  unb  5}lQd;tbefugni[fe  ad)ten 
unb  feine  eigenen  @inrid)tungen  jo  treffen,  bo^  fie  ben  5Iuf= 
gaben  ber  tftirdie,  bem  Snf}Q-^te  ber  d}rift{id)en  ©(auben»^  unb 
©ittenleljre  jum  oKerminbeften  nidjt  iüiberf|)red}en  ^. 

@§  ifl  enblid)  eine  53c)djrän!ung,  oljue  föeldje  bie  @runb= 
lagen  ber  [taat(id)en  Orbnung  not^iüenbig  erfdiüttert  tt)erben. 
Ober  niu^  nidjt  eine  gegen  (^ott  rebellifdje  (5taat§gelüalt  mit 
^z6)t  fürdjten,  baf]  bie  ^Bürger  aud)  ber  flaatüc^en  Obrigteit 
ben  ©eljorfam  lünbigen?  3Sie  fann  Don  einem  ©efe^e  ober 
gar  bon  ber  „^Jkjeftät"  beö  ©efe^e»  ba  bie  9tebe  fein,  too  e§ 
fid)  um  5)Ji^ad)tung  ber  9fe(§te  @otte§  l^anbelt?  S)arf  über= 
[jaupt  ein  rein  menfd)Iid)e§  ©efe^  n^afjre  „53iaje[tät"  für  '\\ä) 
in  5(nfprua)  neljmen  —  iüa§  toir  burd)au§  nid}t  beftreiten 
lüoUen  — ,   fo  entletjut  e§  biefelbe  einzig  unb  allein  Don  ber 


*  9ltd^t  oljne  3fiitetef|e  ift  eine  bieSbesüglid^e  Sleufeerung  be§  „^^^iIo= 
jopfjen  bc§  Unbelou^ten".  3n  feiner  ©rfitift  „Heber  3teIic3ion  unb 
®f)rifteutf)um"  jagt  ®.  ü.  §  artmann:  „Sie  un§  geläufige  gorbe^ 
rung,  ben  5]>atriDti§mu§  üBer  bie  Sieligtofität ,  bie  ©taatögefe^e  i'iber 
bie  ßtrdiengefe^e  gu  ftellen,  beineift  auf§  beutlic^fte,  ba§  bie  (firiftltdfie 
©c^ä^ung  be§  Steefeit§  unb  3'e»f6't^  in  unferem  SSenjufetfetn  eine 
bivecte  Umfei^rung  erfal^i^en  !f)at,  bafe  toir  bie  lt)eltltd;e  3^ecfntä§ig!eit 
über  bie  ©orge  für  bie  eiuige  ©etigleit  ftcüen,  loaä  toieberum  nur 
mögücf)  ift  bei  eingeriffenem  Unglauben  an  bie  (i)riftlid;en  33ert)ei^nngen 
unb  Srol^ungeu  für  bie  @©ig!eit  ber  unfterblidien  ©eele  nacC)  2tb= 
ftreifung  beö  Seibeä,  fotoie  an  bie  23ir!famfeit  ber  bon  ber  ßircfje 
gefpenbeten  ©nabenmtttel.  ©otoeit  loir  noc^  nidjt  gerabeju  mit  ber 
^ircfie  unb  9ieIigion  gebro(i^en  Ijaben,  ift  fie  bod^  ba§  2lfd)enbröbel 
bei  un§  getoorben,  ba§  ben  beüorjugten  luettlit^en  ©djloefteru  nad)= 
ftellen  mufe.  .  .  .  äöir  tuunbern  un§,  Juie  man  bie  2lnf)ängli(f)fcit  an 
bie  bie  ^Religion  ret)räfentirenbe  ßird)e  über  bie  2(n^änglid}fcit  an 
ba§  trbifd)e  SSaterlanb  fe^en  fönne,  unb  eö  faßt  un§  gar  nid)t  ein, 
tüie  total  irreligiög  im  d^riftHc^en  ©inne  man  fein  mui3,  um 
fid^  barüber  gar  tüunbern  3U  lönnen!" 


4.  ©taat  unb  ©efeßfdjaft.  83 

göttlidjen  9)k|c[tat  luib  befi^t  [ic  baiiim  nud)  nur  |o  incit, 
al§  fein  Snfjalt  in  Ue6erein[timmung  bleibt  mit  bem  göttlichen 
5tatiii-red)te  unb  bcm  ^.iDfitiüen  ©efetje  ber  Oftenborung. 

Wk  ©ütt  unb  ber  <^ird)e,  fo  evfd)eint  ber  ©taat  nidjt 
minbcr  ben  eigenen  ©tnotSange^örigen  gegenüber  burd^  bie 
'^il\ä)t  ber  ©erec^tigfeit  nerbunben,  ber  d}ri[tlid}en  ^ird^e  in 
9(n§iibung  ifjrer  ©enbung  feine  i^inberniflc  gn  [e^en,  bicinierjr 
bie[elbe  m6)  Gräften  jn  fdjü|en  unb  §u  unterptjen. 

2)er  ©tGot  i[t  eben  !eine§tt)ega  jenes  obStracte  Sing,  jn 
bem  ifjn  bie  Soctrinüre  l|)ätcrer  3a!^rl)unberte  gemacht  ()aben. 
(Sr  gel)ört  ^n  ben  aüerrealften  S)ingen  unter  bem  DJJonbc,  be[tet)t 
üu^  biefen  beftimmten  ^robinjen,  ©emeinben,  gomilien,  nu§ 
biefcr  cüucreten  Cbrigtett,  biefen  befiimmtcn  33ürgern.  ©o  gut 
mie  ber  ©tont  bie  ganje  ^er[önlic^feit  feiner  33ürger  Qner= 
fennen  unb  jd)ütjen  mufj,  ebeniofeljr  muß  er  aud)  auf  ben 
d^riftlii^cn  (5t)araiter  jener  ^erfönüi^ieiten  9?üd[idbt  nehmen. 
(Sr  barf  in  feinen  33ürgern  nid)t  ben  DJienfcben  bon  bem  (Jfjri= 
flen  trennen.  3)er  Staat  !ann  nie  ju  feinen  bürgern  fpred^en : 
„^sc^  gemäbrieifte  eud)  eure  altgemeinen  5[)?enfcibenred^te  unb 
betrad)te  cud}  blof^  ol»  9}?cnfd)en.  2Ba§  it}r  aufserbem  feib, 
euer  ©taub,  euer  9iang,  eure  üteligion,  ba§  get)t  mid^  nid}t§ 
an,  ha^  ignorire  id)."  SBielmel^r  !önnen  bie  ^Bürger  bon  9ted)t» 
megen  mirtfamen  Sdju^  ifjrer  djriftlid^en  Uebergeugung  unb 
boüe  g-rcifieit  für  bie  Settjätigung  be§  firc^Iidjen  2eben§  ber= 
taugen. 

5.  2)ie  Seljre  bon  ber  ^ird^e  al§  einer  freien ,  unab= 
gängigen,  bofltonunencn  ©efetlfdjaft  neben  bcm  Staate  mürbe 
für  ba§  |)f}itofopt}iid)e  unb  praftifc^e  Staatared^t  bon  ganj  un= 
erme|Ii^er  ^Bebeutung.  Sa  mir  ftetjen  nidöt  an  ^u  befjaupten, 
baj?  an  bem  Sage,  an  melc^em  ba§  .^reuj  jum  erftenmot  auf 
ber  Stirn  be§  6äfar§  ergtänste  unb  bie  d)riftlii$e  ^'ird^e  in 
it^ren  göttlichen  9ted)ten  ^Inerfennung  gefunben  tjatte,  bie  grci= 
f;eit  ber  33ölfer  geboren  mürbe. 


84     @rfte§  ßa^jitel.    Ser  cOriftlid^e  ©tacitöbeöriff  im  aügemeinen. 

2Bie  bie  hnxä)  ba§  G^riftentfjuiu  berinittelte  flarere,  be= 
[timmtere  ©rfaffung  be§  jenfeitigen  !^kk^  aU  allgemeinen 
5D^enfd)f}eit§äit)ecfe»  töeientlid)  bajit  betgetragen  t)atte,  ha^  rid^= 
tige  93er§ättnii3  bon  ^iaat^md  unb  Snbiüibiialätüecf,  ©taat§= 
ti)o!§I,  ©emeinmol;!  unb  ^inbiüibualtDof;!  feft^ufteüen ,  wie  [ie 
bem  inbluibueHen  Seben  ber  9J?enjd)en  jtüar  feine  boüftönbige, 
aber  bod)  eine  gerabe  in  i^rer  5}Mßigung  l)'6d)\t  tüertfiboüe 
Unabljüngigfeit  bom  Staate  aud;  für  bo»  biegfeitige  Seben 
unb  irbifc^e  «Streben  ge[id)ert  Ijatte,  —  [o  mu^te  anbererjeit» 
bie  Srlenntni^,  bafj  bie  [taatlid)en  Seäiet)ungen  nur  einen  Streit 
ber  [ociaten  33e5iefjungen  ber  9J?enfd)en  untereinanber  bQr= 
[teilen,  unb  nid}t  einmal  ben  lriid}tig[ten  Sfjeil,  neue§  2\ä)t 
über  bie  gesamte  ©efeüfdjaftSleljre  berbreiten. 

S)ie  [laatüdie  Orbnung  fonnte  nun  nid)t  me^r  al§  ba§ 
einzige  [ociale  53anb  ber9}ienjd)en  untereinanber 
gelten,  bie  Staatögeroalt  nic^t  a(§  bie  einjige  feciale  '^Slaä^t 
auf  ßrben,  weld^er  ber  Tlm']d)  ju  gef)ord)en  f;atte.  ®er  Staat 
mar  nid)t  mel)r  bte  Öefeflfdiaft  fdjled^tljin,  b.  I}.  alle  @efell= 
f(j^aft,  fonbern  nur  eine  ©efedfdiaftSform,  —  innertjalb  ber 
natürüdjen  ©efellfdjaftäformen  jmar  bie  Ijödifte,  aber  mit  biefen 
allen  in  mDraIifd)er  Unterorbnung  unter  bie  in  ber  d)riftlid)en 
t^irdie  berförperte,  übernatürüdje  ©efellfdjaft. 

5)ie  2Ba()r§eit,  bafj  ber  Staat  nid)t  ha^  ganje  gefeüige 
2eben  begrünbet,  fonbern  ba|  er  ebenfo,  mie  er  bie  mit  ber 
inbibibueüen  dlaim  gegebenen  S^tdi,  Gräfte  unb  gät)igfetten 
anerfennen,  fic^  entiotdeln  unb  bet^ättgen  laffen  mu^  unb  barum 
bie  inbibibueüe  Snitiatibe  unb  Scibfttfjötigfeit  nid)t  burd;  eine 
afie§  abforbirenbe  Staat§Ieitung  boüftäubig  berbrilngcn  barf, 
fo  aud)  bie  bon  ber  Statur  gegebenen  ober  burd)  freie§ 
Srmeffen  begrünbeten  gefeüigen  S3e5ieljungen  unb  focialen  ®e= 
ftaltungen  an  unb  für  fid)  adjten,  fräftig  fdjüj^en  unb 
eifrig  förbern  muf3,  —  biefe  burd;  bie  d)riftlid)e  2ef;re  in§ 
^eUfte  2\d}t  gerüdte   2Bal;rI)eit  würbe  ju  einem  ber   oberften 


4.  ©taat  unb  ©efeüfcfjaft.  85 

unb   bebeiitfamflen   Seitjä^e   ber   gefnmten   d)ri[tIidKn  ®e[en= 
fd;aft§Ie^re. 

6.  ®cr  «Staat  gilt  unter  ben  uatürlidjeu  (Sefenjd}ofteu  a(§ 
bie  pc^fle,  nu§  bem  men]c^lic()eu  (^enieiufd)Q[t§(cIicn  I;ert)or= 
ragenbe  (Sefenfc^aftafovm.  5(llein  er  ift  nid)t  bie  einjicje  natür= 
lic^e  @efeII)d)Qft§form.  S)a§  gefeßige  Seben  be§  9}?en[(^en  er= 
fd)öpft  [id)  nic^t  einmal  für  bie  natürlidje  Orbnung  in  bem 
[taatlidien  Seben.  hieben  unb  in  bem  ©taate  [tef}t  nl§  natür= 
Iid)e  (SefeUfc^oft  für  einen  engern  ^rei§  büu  ^erfonen  bie 
Sctmilie.  ©ie  ift  bie  innigfte  unb  jugleid)  bie  ur|prüng= 
l\ä)\k  @efellfd)aft.  ^^xt  ^tä)k  finb  ölter  unb  Ijeiliger  al§ 
oHe  9ied)te  be§  ©tnate».  Sft  j«  'i>od)  ber  ©taat  nic^tö  an= 
bereS  al§  eine  natürlicj^e  ^Bereinigung  mel)rerer  ober  bieler  t^a= 
milien  jum  !^mdt  be»  gemeiufamen  Söoljlea  bur(^  SJJittel,  ^u 
benen  bie  Gräfte  ber  einjelnen  t^^amilien  nid)t  au§reid)en.  ®er 
©toot  foH  biefe  Gräfte  ergiinjen,  i^re  23ett}ätigung  unter  Um= 
ftänben  befdiränien,  menn  ba»  ©emeintt)oI)l  bie§  mirfüc^  for= 
bert ;  aber  e§  fte^t  i()m  !eineämeg§  p,  bie  ^yamilie  ifjrer  natür= 
Iid)en  5(uf gaben  ju  berauben,  fie  in  ©rfüüung  berfetben  ju 
be^inbern.  „©ie  gamitie,  bie  ()äu§Ii(^e  ©efeüfdiaft ,  ift  eine 
tüQ^re  ©cfetlfdiaft  mit  allen  9^ed)ten  berfelben,  fo  Hein  immer= 
Ijin  biefe  ©efellfd^ift  fid)  barftellt;  fie  ift  älter  a(§  ieglid)e§ 
anbere  ©emeintoefen ,  unb  be§^a(b  befi^t  fie  unob^angig  Dom 
©taate  if;r  inneiDofjuenbe  53efugniffe  unb  ^flic^ten" ,  fagt 
Seo  XIII.  1  „3Bie  ber  (Staat,  fo  ift  and)  bie  ?^ami(ie  im 
eigent(id)en  Sinne  eine  ®efellfd)aft,  unb  e§  regiert  felbftünbigc 
©emalt  in  i^r,  nömlic^  bie  bäterlidie.  Snuer^alb  ber  Don 
i()rem  näc^ften  !ß\üiäi  beftimmten  ©renken  befi^t  bemgemä^ 
bie  gamitie  jum  menigften  bie  gteidjen  %hd)k  mie  ber  Staat, 
in  2öat}(  unb  5(nmenbung  jener  SJiittel,   bie  §u  i^rer  @r^al= 


^  ©ucJ)!Iifft    ,Rerum  novarum"    bom  15.  SJ^ai  1891.     Officieöe 
(§erberf(i)c)  Stuägabe  ©.  18  (19). 


86     ®tfte§  ßapitel.   SDer  c^viftlic^e  ©taatSBcgriff  im  aftgemctnen. 

timg  iinb  ifjrer  bered)tigten  freien  53en3cgun9  unerlöislid)  finb. 
Wix  fagen :  jitm  tnenigfteu  bie  gleid}en  9^edjte.  ®cnn  bn  bQ§ 
()äu§nc^e  3ufommenfeben  fotoo^I  ber  Sbee  al§  ber  <Sa(^e  na6) 
früfjer  i[t  qI§  bie  bürgerlidie  ®emeinfd)nft,  fo  fjaben  and)  feine 
Sftedjte  unb  feine  5pf(id)ten  ben  ä^ortiitt,  m'ü  [ie  ber  9ktur 
näfjcr  flehen,  S)q§  Seben  in  ber  ©taatSgemeinfdjttft  mu^  bcm 
SnbioiDunm  nnb  ber  gomilie  ju  einem  münfd)en§n)ert[)en  ®nte 
geniad)t  tüerben.  2Benn  nun  ober  ^nbiöibuum  unb  ^^omiüe, 
uQd}bcm  fie  im  SSerbnnbe  ber  ftaaüid^n  ©efeflfdjnft  finb,  feiten§ 
ber  (entern  nur  ©(^öbigung  finbcn  flatt  9iu|en,  nur  ä^erle^ung 
be§  ureigenen  9ied)t§  ftatt  ©(^u|e§,  fo  würbe  ber  ©tQat§Der= 
banb  e()er  qI§  ©egenftonb  ber  5I6neigung  unb  be§  |)Qffe§  er= 
fc^einen  benn  al§  ein  bege^ren§raerif}e§  @ut.  Sin  großer  unb 
gefüfjrlidjer  Srr(T}um  liegt  olfo  in  bem  5lnfinnen  cm  ben  Staat, 
ala  muffe  er  in  "ba^  innere  ber  gamitie,  be§  §Qufe§  einbringen. 
5{Üerbing§,  lüenn  fid)  eine  Familie  in  äu^erfler  3^otf}  unb 
in  fo  berämeifciter  Soge  befinbet,  ba^  fie  fid)  in  feiner  Steife 
f)elfen  fann,  fo  ift  e§  ber  Orbnung  entfpredienb,  ba^  ftaat(id)e 
^i(fe(eiftung  eintrete;  bie  t^amitien  finb  eben  Sfjeite  be§  ©taate§. 
Sbenfo  ^nt  bie  öffentlid)e  (Setüolt  einzugreifen,  trenn  innert)alb 
ber  I)äu§Ii(^en  5)^auern  erlieblic^e  53erle|ungen  be»  gegenfeitigen 
9ted)te§  gef(^cl;en:  Uebergriffe  in  ©c^ranfen  meifen  unb  bie 
Orbnung  Ijerfietlen,  f)ei^t  bann  offenbar  nicöt  ^efugniffe  ber 
f^amilie  unb  ber  Snbtöibuen  an  fid)  reifjen;  ber  (Staat  be= 
fepigt  in  biefem  g-alle  bie  Sefugniffe  ber  (äinsetnen,  er  jerftört 
fie  nid)t.  9(IIein  an  biefem  ^untte  mu^  er  ^att  mad)en,  über 
obige  ©renken  barf  er  nid^t  Ijinau§,  fonft  {)anbelt  er  bcm  natür» 
Iid)en  9led)te  entgegen.  Sie  bäterlid)e  ©eföatt  ift  bon  5?atur 
fo  befdjaffen,  ha)^  fie  nid)t  jcrftört,  aud)  nidjt  bom  Staate 
an  fic^  geäogen  tt)erben  !onn;  fie  meift  eine  gleich  e^rtoürbige 
,^*)erfunft  auf  mie  ba§  2tUn  be§  5}?enfd)en  fetbft.  ,Sie  l^inber 
finb',  um  mit  bem  1)1.  Sl^omaö  ju  fpred)cn,  ,gett)iffermaf5en 
ein  S^eil  be§  33ater§' ;  fie  finb  gteid)fam  eine  Entfaltung  feiner 


4.  ©taat  imb  ©eJeCfc^aft.  87 

^erfon.  5Iu(f)  treten  fie  in  bte  [taatticfie  ©ememfcfiaft,  tuenn 
man  im  eigentlid)en  (Sinne  reben  lüill,  nirfjt  felbftänbig,  nidjt 
ata  Snbiuibuen  ein,  fonbern  öermittelft  ber  gamiliengeniein= 
fd)aft,  in  mctdfier  fie  bQ§  Seien  empfangen  Ijnben.  5(n§  eben 
biefem  ©rnnbe,  meil  nämlid)  bie  Ivinber  ,bDn  ^Ratnv  einen 
Sl^eil  be§  SJoter»  bilben,  fteljen  fie',  naä)  ben  SBorten  be»  Ijei= 
ligen  Seigrer»,  ,nnter  ber  <Sorge  ber  Ottern,  c{)e  fie  ben  @e= 
braud)  be§  freien  2BiIIen§  tjciben'  i.  2)a§  focialiftifd^e  ©ijftem 
olfo,  lueti^e»  bie  e(terlid)e  Q^iirforge  beifeite  fe|t,  um  eine 
allgemeine  Staatsfürforge  cinjuf ül)ren ,  berfünbigt  fid)  an  ber 
natürlidien  @ere(|tig!eit  unb  jerrei^t  geloaltfam  bie  Sanbc  ber 
gamitie."  - 

7.  UebrigenS  ift  e§  nid^t  Uo^  ha^  @t)ftem  be§  focialiftifd)en 
3u!nnft§)taate§,  gegen  meldieS  fid^  biefer  i^ormurf  rid)let.  (Sr 
trifft  mit  boüer  Sßnc^t  nic^t  minber  bie  23erirrungen  be§  mo= 
bernen  (Staate§  auf  bem  Gebiete  be§  ©c^ultoefenä. 

@§  liegt  un§  ferne,  beftreiten  ju  wollen,  baß  ber  ©taat 
ein  beredötigtea  ^ntereffe  an  ber  23i(bung  be§  35ol!e§  unb  bes 
5ßolf»ben3ufUfein§,  namentlich  an  ber  Pflege  be§  5patriDti§mu» 
^abe.  2Bir  fönnen  un§  bafjer  audj  nid;t  5u  ber  5Infid)t  be= 
fenucn,  bafe  bem  <Btaak  gar  feine  '^hä^k  in  Sejng  auf  bie 
(Schüfe  jugeftanben  lüerDen  bürften.  5lber  bon  bem  beredjtigten 
(SinfhiB  be»  Staates  l)immelmeit  berfd)ieben  ift  bie  abfolutiftif^e 
53efd)Iagnar)me  ber  ©c^ule  burdj  ben  Staat,  ha^  ftaatnd)e 
S  d;  u  I  m  0  n  0 13  D I. 

Gin  5)o|3pe(te§  fjat  bie  Sd)ufe  ju  (eifien :  Unterricht  in  ber 
2Baf)r^eit  unb  Gräieljung  jur  Sugenb.  S;aB  beibe§  geleiftet 
merbe,  baran  fjot  ber  Staat  mit  9tiicffict)t  auf  ba§  (S)emein= 
mo^I  5iDeifetaü()ne  ein  Sntereffe.  3(ber  n3eber  ba»  eine  nocb 
t^a^  anbere  ift  er  felbft  für  ftd^  allein  ju  leiften  im  ftanbe,  unb 


»  S.  TJiom.,  S.  theo].  2,  2,  q.  10,  a.  12. 
2  gnc^ltüo  ,Rerum  iiovarum"  ©.  20  (21)  f. 


88     ®rfte§  .$?apitel.   ®et  djnftUcfie  Staatööegriff  im  aügemeinen. 

bantin  tüirb  bie  ©d^ule  nie  unb  tiimnier  für  beu  t)Drurtr}eiI§= 
freien  S3eurt[}ei{er  al§  blofje  ©taatganftalt  Qeften  fönnen. 

@eioi^  ift  ber  ©taot  eine  Sulturanftalt  im  eminenten  ©inne 
be§  2Borte§ :  einma(,  inbem  er  alle  naä)  aufjen  ^erbortretenben, 
ha^  feciale  3iif«nimenleben  ftövenben  ober  entmei()enben  Ue6cr= 
tretungen  be§  «Sittengefe^e» ,  gonj  befonber»  aber  alle  if)rer 
9iatur  nad^i  antifociaten  5tu§müc^fe  ber  ^Barbarei,  bie  33er= 
brecfien,  beftraft  nnb  öerfiinbert,  bie  äufjere  Crbnung  hmä) 
©efe^  unb  3ttiang§mittel  aufrcd)t  erijält ;  fobann  aud)  pofitib, 
infofern  er  bie  materiette  Kultur  in  ifjrer  ßntraidtung  fcfiü^t 
unb  förbert,  fomie  ben  jur  Söafjrung  ber  geiftigen  unb  fitt= 
Iid;en  (Uiltur  berufenen  gactoren  burc^  outjere  5IRitteI  feine 
fröftige  Unterftütjung  Ieit)t.  9iiemal§  aber  bermag  ber  «Staat 
bie  tiefften  ©runblagen  jeber  tüar^ren  unb  bor  altem  ber  (i)rift= 
lidien  ß^ultur  burd)  fid)  felbft  ju  legen  unb  ju  Ijüten.  ^ier 
ift  er  an  bie  5)^itmir!ung  einer  t)öf)ern  (Sulturanftalt ,  ber 
^'ixäjQ  (5t)rifti,  burd)  bie  9Zatur  ber  ©a^e  nnb  ha^  t)iftorifd)e 
9{ed)t  gcmiefen.  (Sr  nui^  anertennen,  ba^  bie  geoffenbarte 
SBa^rljeit,  toelc^e  bie  unbeftreitbare  Romane  ber  fird^Iidien 
Seljrgemalt  bilbet,  jugleid^  bie  bor  Srrt^nm  f(^ü^enbe  ^torm, 
ber  oberfle  Seitftern  aller  menfd)Iid)en  2i)iffenfc^aft ,  unb  bafj 
ein  SDiberfprud)  gmifdien  ed)tem  natürlichen  SBiffen  unb  über= 
natürtid)em  (Blauben  unbentbar  ift.  ©omeit  alfo  bie  ©dbule 
ben  Unterricht  in  ber  SBaf)r^eit  gu  leiften  ^ot,  unter= 
ftel)t  fie  bem  bon  (Sott,  bon  Sefu§  (S^riftuS  befteüten  S;ri= 
bunale  ber  2Bat)rI}eit.  ^nfofern  fie  aber  (Srjiel^ung  jur 
Sugcnb  erftrebt,  mirb  fie  ebenfalls  an  bie  ^xxä)t  gebunben 
fein.  2Bar  e§  ja  bod)  bie  ^irdie,  unb  nid)t  ber  «Staat,  meldie 
bom  oberften  |)errn  ber  äBett  ben  3Iuftrag  unb  bamit  ha^ 
unberäuf5ertid)e  9ied)t  erhielt,  bie  Sötfer  jur  Haltung  ber  gött= 
Iid)en  ©ebote  anjuleiten. 

S)e§g(eid)en  barf  ber  ©taat  nidjt  berfennen,  bafj  bie 
9?otur  bie  (SItern  im  ^inblid  auf  if^re  ^inber  mit  bem 


4.  ©taut  imb  (ScfeKjdfjatt.  89 

Üiedjt  imb  bei*  ^fnd)t  ber  ©väiel^ung  uiib  bal)er  niid)  bc§ 
llnterrid;te§,  ber  al»  integrirenben  53c[tanbtf)ei(  ber  (Sräiefjuutj 
fid^  barftedt,  ouSgeftottet  ijat.  ®ie  9latur  leitet  33ater  unb 
Ü.lhitter  nn,  für  bie  ^inber  gu  forgcn,  unb  bie  ^inber,  in 
i§rer  f)iif»&ebürfttg!eit  fid)  an  bie  @(tern  ju  tüenben.  3nncr= 
l}aI6  ber  [tootlidicu  Drbnung  bejeidjnet  [ie  aI]o  bie  natur= 
gemöfeen  (Srjief^er  ber  ^inber,  unb  [ie  fonn  nid^t  gugleid)  bem 
Staate  ba§  Stecht  gciijQf}ren,  bie  ^inber  ben  5(rmen  if^rer 
(SItern  ju  entreißen  unb  in  einer  äßeife  ju  er^ietjen,  lüetdje 
ben  bered)tigtcn  2öünfd;en  ber  (Altern  n3iber)prid)t.  Sie  5-a= 
uiilie  i[t  jiDar  bem  ©taate  untergeorbnet,  aber  [ie  geljt  nid^t 
in  i(;m  au[.  ^i)xt  natürlidjen  Otec^te  unb  ^flid)ten  bleiben. 
I^at  [ie  bie  nntürüdje  ^fti^t  unb  ha§>  natürlid)e  9Jed)t,  bie 
^inbcr  ju  erjiefjen,  [o  barf  ber  ©tant  [ie  nidjt  t)erbrängen, 
itjr  ba§  9Jed)t  nid)t  nehmen ,  eben[Diüenig  mie  er  ben  eiu= 
seinen  53ürger  [einer  natürtici^en  DJed^te  in  berauben  ober  an 
ber  (SrfüHung  [einer  natürlidien  ^f(i(^ten  ^u  üerfjinbern  be- 
fugt i[t. 

S)ie  0)runb[äl^e,  an  toeId)en  bie  d)ri[ttid}e  (5)e[en[d)a[t§-= 
Ief)re  in.i  §inblid  auf  ba§  @d)uili)e[en  unbebingt  [e[tfjalten  nui[3, 
[inb  atfo  furj  [olgenbe: 

31I§  (Sräiel}ung§bef)örbe  in  ber  uatürlidjeu  Crbnung  gelten 
beäügtic^  i^rer  ^inber  bie  (Stteru.  S)ie  @räief)ung§bef)örbe  ber 
5JJen[d)I)eit  in  übernatürlicher,  b.  f).  d)ri[t(idjer  Orbnuug  i[t 
bie  ,Qird)e  (5fjri[ti. 

SDa§  i[t  ein  uuättjeifel^aft  rid^tigeS  ^^riucip  unb  ber  notfj- 
iDcnbige  3tu5gang§pun!t  in  bie[er  ganzen  f^rage. 

2)ie  (Sräiefjung  in  ber  natürlichen  Orbnung  toirb  bon  ber 
ßräietjung  in  ber  c^ri[tUd)en  Drbnung  nidjt  au[ge^Dben,  [on= 
bern  bon  biefer  borau8ge)eljt  unb  in  f)armoni[d)er  Unterorbnung 
jum  fjöfjern  übernatürlidjen  ^iele  informirt.  6^ri[tlid)e  Altern 
f)aben  baljer  a(§  [oldje  bie  im  ©acramente  ber  ®je  bon  [eiten 
ber  l^irdje  übernommene  9:)Hf[ion,  ifjren  i^inbern  jugleid)  mit 


90     ©vftcä  ßaptter.    3)er  c^riflücfie  ©tautöbegriff  im  otf  gerne  inen. 

ber  natürtid^en  bte  (f)ti[t(i($e  ©räietjung  511  üermittcln,  Ic^tereä 
aber  al§  ^Jbnbatare  unb  Organe  ber  ßird)e. 

t^ür  bte  „öffentlid^e"  (Sd)ule  ergibt  [id^  I}ierau§  al§  not^= 
tt)cnbige§  SoroIIar  ber  @a|:  ©otoeit  bie  ©cE)uIe  ©r5iel)ung§= 
anftaft  ift,  unter[tel)t  ibre  3tt)e(fbe[timtnung  unb  Seitung  burc^= 
au§  ber  obeneriüäljnten  boppelten  @rjief}ung§bel)örbe  in  beui 
bezeichneten  33er^ältni^.  ©in  ftaatüdie»  Sd^ulmono^jol  mit 
3iöang§f(!)ule,  ferner  eine  ^ä.)\\k,  tüetdie  fid)  ber  üid^Iidjen 
2(nf[{d)t  entäief)t  ober  gar  ben  rettgiöfen  Unterricht  nic^t  ein= 
mal  äur  gebü^renben  ©ettnng  gelangen  lä^t,  entbebrt  bem= 
nac^  burd)au§  jeber  principiellen  Untertage.  3)er  ©taat  ^at 
bie  I)ier  bered)tigten  ^actoren  jn  nnterftü^en  nnb  gu  förbern 
ober  ju  ergänzen.  2tber  er  barf  nid;t  unter  93erfennnng 
fremben  9ied)teä  gegen  ben  Sßißen  ber  junöc^ft  33crpflid)teten 
unb  Sercd)tigten  beren  Functionen  an  [id)  äiefjen. 

|)ö^ere  miffenjcfiaftüc^e  unb  facf)lt)iffen[c^aftli(^e  Sd)ulen, 
tt)e(d)e  bie  formelle,  natürliche  unb  c^rifllic^e  @räie!)ung  t)Drau§= 
fe^en,  [inb  entmeber  i^rer  9?otur  unb  ^Beftimmung  nad)  fir^= 
nd;e  ?tn[tatten,  toie  5.  53.  t^eotogifctie  S^ocuttäten,  (5;{erical= 
femtnare  u.  bg(.,  ober  [ie  [inb  allgemein  roiffcnfdiafttici),  burger= 
l\ä),  oljne  birecte  ^Begiefiung  jur  Ütetigion.  Stn  erftern  i^aüt 
unterftel^en  [ie  [elb[ii3cr[tänb(id)  nur  ber  ^irc^e;  im  te|tern 
gade  unterfte^en  [ie,  menn  aucf)  nidjt  ber  birecten  firc^Iid^en 
Seitung,  [0  bod)  ber  Cberauffic^t  ber  ^ircfie  in  Sejug  auf 
Sefire  unb  moralifdien  (äinflufj  üu\  bie  [tubirenbe  ^ri[tücbe 
Sugcnb  ^   Ueberbie§  mürbe  aber  ber  ©taat  bie  ©renjen  [einer 

>  „Snbem  toir  öon  gan3cm  ^erjen  bie  intettectnetten  S^-ortfdjrittc 
toünfc^en,"  fagt^almeö  (SJerm.  S(^tiften  II  [ÜteQengb.  1856],  121), 
„Beeilen  ioir  iing,  tjcnäuäufügen,  ba^  biefe  in  bte  innicjfte  Jöerbinbung 
mit  ber  Floxal  unb  üleligion  treten  muffen.  (B§  ift  bicö  boS  ctnjige 
5}HttcI,  um  bie  nnijtüdteligen  S^olgen  gu  oermetben,  tueldjc  Ijcute  üBer 
jene  33ölfcr  fommcn,  bei  benen  ber  S-ürtf(i)rttt  be§  ©et[te§  t)Dn  bem 
ber  Smmorolttät  begleitet  ift,  M  benen  in  ben  ©tatiftifen  ber  ©ttten= 


4.  ©taot  itnb  ©efeüfcf;aft.  91 

ßompetens  itnbebingt  überjrfireitcn ,  tueun  er  irijenblöie  ein 
^JJonüpoI  be§  I^öljern  Untcn'id)tc§  für  iiä)  in  ^Infprud)  luifjine. 

S)Q§  [inb  Folgerungen,  bie  [id;  au^  ber  Söaljrljeit,  baß 
ber  ©taat  nid^t  bie  einzige  @efellfd)aft  i[t  unb  nid)t  allein 
für  ba§  2öd:^I  ber  9}hnfd)en  gu  fotgcn  I)at,  bafj  e§  nod) 
anbere  (^efeüidjaften  gibt,  bie  jur  (ärfüflung  if)rcr  ^\mäc  mit 
natürlidKU  unb  pofitiö  göttli(^eu  9ted)ten  ou»geftattet  [inb, 
ganj  bon  [elbft  ergeben. 

8.  5Iud)  für  ha?)  tt3irtfd)aft(i(^e  Seben  ber  Q^ölfer 
ift  bie  2öal)rf)eit,  ha^  bie  eine  ©efeüfdiaftaform,  bie  roir  ©taat 
nennen,  bur(^au§  nid)t  ba§  ganje  gefeHfdjaftlidje  Seben  ber 
53ürgcr  erfdiöpft,  gerabe  im  gegenlt) artigen  ^tugenbtirfe  lion 
[jöd^fter  23ebeutung. 

„53ei  iebem  ciöilifirten  SSoIfe",  fagt  S^reil^err  ti.  .f)ert= 
(ingi,  „ift  bie  Unterorbnung  ber  33ürger  unter  bie  (^cntral= 
gematt  jur  5(uf redjtcrtjattung  Don  <Sid;er[}cit  unb  3ied)t  n  i  d)  t 
bie  einzige  gorm  be»  @em einleben!.  Ueberaü  bilben 
fid)  üielmefjr  innerhalb  be§  ©taateS  Don  bemfelben  untcrfdjiebcne 
Sebenatreife.  ®enn  ber  ©taat  ift  feine  blofje  ©umme  g{eid)= 
mertfjiger  (Sin^eiten,  beren  einigenbe§  53anb  tebiglid)  in  ber 
ttntermerfung  unter  ha^  nämli(^e  Oberl^oupt  ober  in  ber  ^\u 
gei)örig!eit  ju  bem  g(eid}cn  politif^en  ^'6x\nx  beftönbe.  ^er 
9}Jenfc^  ift  erft  in  jm eit er  Sinie  Staatsbürger,  unb 
nur  für  einen  fleinen  S^eil,  für  bie  5ßeamten,  ftel^t  ba§  tög= 
tid^e  Seben  in  unmittelbarer  S3eäie^ung  jum  Staate  unb  feinen 

lofigfett  unb  be§  a}erbtec^en§  bie  ^pevfonen,  Utctcfje  eine  <Bä)üh  be= 
fudjten,  ireit  gal^lvetöier  finb  aU  bie,  icelcfie  feine  2trt  fon  Itntervidfit 
empfangen."  Sa§  d^rtftüÄje  :SbeaI  be§  öffentlichen  ©djufuiefenö  mifl 
feine  ntt6trQuiiii)e  ©djeibung  Don  Oteltgton  unb  2Biflenfc^aft,  fonbcrn 
forbevt  bie  lefienbige  innere  ^Bereinigung  unb  gegenfeitige  S)uvd^= 
bringung  naä)  Slnalogie  beS  Ue&ernütürlicfjcn  unb  Jlatürlic^en  int 
ßekn  be§  einäelnen  6{)riften. 

1  9laturvei£)t  unb  ©ocinlpolitif  (Äötn  1893)  ©.  .3.  S5gl.  aud) 
0.  §evtling,  3tuffäfee  unb  Oteben  (Sl-reiOurg  1884}  ©.  4B  ff. 


92     @tfte§  Kapitel.   ®ev  c^rtftlicfie  ©taatSbegriff  im  aßgemeÜKn. 

9(ufgQben.  S)ie  5)?e^rt)eit  6i(bet  [id}  qu§  ben  ^Bauern  itnb 
i^anbirerfern ,  ben  ^aufleuten  unb  I^nbuftdeUen,  hm  Unter= 
ne^mern  unb  5(rbeitern,  ben  ß'ünfttern,  ©elefjrten ,  @d)rift= 
[teHern  unb  tt)Q§  man  fonft  mä)  üon  5Irtcn  bcr  ^ejifiäftigung, 
be§  Berufs  unb  ber  Sebenafteüung  oufääljlen  mag.  @etnein= 
fame  ^ntereffen  fütjren  bie  ©in^elnen  ju  ©ruppen  sufammen 
ober  Ia[fen  fie  öon  jefbft  qI§  5ufammengef)örige  ©ruppen  inner= 
f;aI6  be§  ©taatagongen  erfd^eincn.  5Iu§  ben  gemeinfamen  Snter= 
effen  unb  ber  gleichartigen  Sefc^äftigung  erirädjft  eine  gleid^= 
artige  2e6en§h)eife,  eine  gemeinfame  Sitte,  eine  üBerein[timmenbe 
Ütidjtung  unb  garbe  be§  ®en!en§  unb  gü^IenS.  @§  i[t  ^lu 
näd}[t  ba§  SBirtfc^aftSleben  eine§  ^ßoIfeS,  toelc^eS  ööHig 
naturgemäß  eine  ]oId)e  (Slieberung  entfietjen  löfjt,  aber  and) 
3iüerfe  geiftiger  3lrt  fönnen  ben  9}?itte(pun!t  abgeben,  um 
ireldjen  iiä)  auf  @runb  freier  ^Vereinbarung  gröf5ere  ober  fleinere 
Streife  äufammenfinbcn.  .  .  .  2)en  Inbegriff  aller  biefer  Seben§= 
freife  im  Unterfd)iebe  öom  ©taate,  über  beffen  ©renje  einzelne 
berfelben  nid)t  feiten  hinausragen,  bejeidinet  bcr  Dfiame  ®efen= 
fd)aft  in  feiner  mobernen  5lu§prägung." 

®a§  ä'ßofjlerge^en  ber  Staatsbürger  befte^t  !eine§n)eg§  barin, 
baß  eine  ftaailid^e  S3e^örbe  fid)  in  alle§  unb  jebe§  mifdit,  e§ 
rt)irb  üielmefir  boräugStoeife  burd)  bie  georbnete  Selbftänbig= 
teit,  ^nitiatibe  unb  Selbftbetfiatigung  jener  engern  feciale n 
©ruppen  unb  Korporationen  bebingt,  bie  innerhalb 
be§  ©taatSganjen  jur  mirtfamen  SSertretung  unb  SSerfoIgung 
ber  eigenen  Sutereffen  \\ä)  bitben  ober  gebitbet  werben. 

Siefer  Sßatjrf^eit  ^otte  ba»  9)?ittc(alter  in  fegenSreid^er  äßeife 
praftifd}e  Geltung  gemährt.  Snbem  ba§  6^riftentf}um  einer= 
feits  bie  trennenben  5}^omente,  n)eld)e  ber  gefeüigen  33erbinbung 
entgegentreten  fönnen:  Selbftfudjt,  ^'Ieinlid)feit,  5[lhit^Iof{g!eit, 
Uutfjätigfeit,  fiegreic^  befömpfte,  anbererfeitS  burd)  bie  flärfere 
^Betonung  ber  bie  ÜJZenfd)en  einigenben  58anbe,  öor  allem  burd) 
bie  Sßerfünbigung  be§  (Sefc'geS  ber  Siebe,  ber  focialen  51nnä^erung 


4.  ©taat  unb  ©efeüfd)aft.  93 

bie  Bege  bahnte,  fanb  e§  5UöIcid)  in  bcr  d)arQ!tcriftij(f)en  @igen= 
t^üm(tcf)!eit  aller  germanijc^en  ^öikx,  tt)eld)e  Don  iel}er  unb 
übernH  ba§  ungeljinberte  5IffociatiDn§red)t  mit  \)dIU 
!omniener  ^lutonomie  qI§  ba§  erfle  greif)eit§re(^t 
aKer  freien  DJ^ünner  in  5(nfprud^  genommen  Ijatten,  einen  feften 
S:>a\i  unb   fräftige   Unterftü^ung  i.     ©o   ent[lanb,   burd)  bie 


1  ^öe^ft  Ibettübenb  ift  bie  5tx't  unb  Sßeife,  tote  matid^erorts  I)eut= 
äutage  biefer  uufentHcfje  «Beftanbtf)eil  ber  bürgerlidien 
gtetl^ett  mifead^tet  tüirb.  „®er  aSoriüanb  be§  niit^tgen  ScCju^eS  für 
bie  öffentlichen  i^ntereffen",  fagt  Seo  XIII.  (®nc^!I.  «Rerum  novarum" 
©.  70  [71]  ff.) ,  „batf  ben  Staat  auf  feine  Söeife  ju  ©(firitten  üev= 
leiten,  bie  trgenb  eine  Ungerec^tigfett  einfrfjlie^en.  ®enn  ftaatliö)e 
©efe^c  unb  5lnorbnungen  Befi|en  innern  ^üifprud;  auf  ©el^orfam  nur, 
infofern  fie  ber  aSernunft  unb  efien  be§t)alb  bent  etotgen  ©efe^e  ©otteä 
entfprcif)en.  5öir  fjaben  f)ter  bie  mannigfatf^en  ©enoffcnfcEiaften,  a3er= 
eine  unb  geiftti^en  Orben  im  Sluge,  toelcije  in  früljerer  !S^\t  auf  bem 
Soben  ber  ,Qircf}e  entfproffen  finb,  ©rünbungen  ber  ßirc^e  unb  ber 
frommen  ©efiunung  it)rer  ßinber.  Söie  Dtcl  Segen  fie  geBrQif)t  I)aBen, 
baüon  ift  bie  S^ergangenljeit  bis  auf  unfere  Sage  B^uge.  3)cr  fttttt(|e 
©fjaratter  tf)reö  3tt)edEe§  fagt  f(f)on  ber  Biofeen  Slcrnunft,  ba%  fie  ein 
natürliÄ;eä  unb  unbeftreitbareS  Uiä)i  beä  JöeftanbeS  ^aben.  ^nfouieit 
fie  aber  religiöfer  Dktur  finb,  fjüt  auöfcfilicfelicf)  bie  ßirctie  über  fie 
3U  Oerfügen.  S)ie  Dlegierungen  befi^en  fcinerlei  ülec^tc  über  fie  unb 
finb  auä)  nii^t  beöoümädjtigt,  ibre  ändere  Slermattung  an  fic^  ju 
sieben;  fie  finb  ibnen  im  ©egentf)eil  ben  Sribut  ber  2l(^tung  unb 
be§  ©(fiu^e§  fd^ulbig;  fie  ba^en  bie  ^Pffic^t,  für  biefelben  ctuäutreten, 
um  gegebenen  ^^afleS  ItnrecEit  öon  ibnen  ab^utoebren.  ßeiber  b^ben 
Sißir  inbeffen,  namentfid)  in  Ie|terer  3eit,  gi-iuä  anbere  S)inge  gefctieben 
feben.  2ln  Dielen  Orten  ift  bie  ftaatlicbe  Obrigfeit  gegen  jene  ®or= 
porationen  mit  ungerecbten  unb  Derle^enben  SJtaferegeln  Oorgegangen; 
fie  bat  bie  greibeit  berfelben  burcb  gebäffige  ©efe^eSbeftimmungen 
eingefcbränft,  b^t  ibnen  ©teüung  unb  9te(f;te  einer  juriftifcben  *Perfon 
entßogen,  ^at  fie  fibnöbe  ibres  93ermögen§  beraubt.  Stuf  ba§  S8er= 
tnögen  befafe  ober  niif)t  blofe  bie  ^ixä)t  unüeräufeerlicbe  9ieii)te,  fon= 
bem  and)  bie  ©tifter  unb  SSobltbäler,  lueM^e  ibre  Beiträge  für  jene 
frommen  S^ecEe  beftimmt  bitten,  unb  enblid)  biejenigen,  für  bereu 
S3efte§   bie  Stiftungen   gefdiaffen  tüaren.     ^i^1:)alh   tonnen  2Bir  imS 


94     ®i[tcö  -^aptter.   Ser  d^viftliifje  ©taatöbegriff  itit  ollgeineinen. 

fociale  %mUxa'\t  be§  ßt)ri[tentl^um§  beförbert,  jener  tüunber- 
bülIe  ^rei§  ber  teidf)  organifirten  imb  manntgfod)  tjccjtieberten 
beriif§genD)"fen)djaftIid)en  ^tilociaiionen,  tüeldje,  biird)  bic 
fliinbifd^e  Orgoniiation  gu  einer  IßijQxn  (5in§eit  berbunben,  bcm 
Biaak  feftc  <Bt^^  unb  innern  |)n(t  getüä^rten,  in  ber  ]taaU 
lidien  ©ejeüfc^aft  i£}ren  natürlidien  ^bfdjluf,  unb  ©ipfel  [ucä^ten 
unb  fünben.  „2)ur(^  [eine  Innung  mar  ber  ^anbrtierfer,  burd^ 
feine  @i(be  ber  .Kaufmann,  burd)  feine  ©emeinbe  ber  5Bauer, 
burd)  feine  gei[tli(|e  ßorporation  ber  @cift(id)e  in  ben  @efamt= 
!ör])er  eingefügt,  ^eber  befanb  fid)  an  feinem  ^la^e  unb 
biente  burd^  feine  53eruf§arbeit  junäc^ift  bem  engern  23er6anbe, 
bem  er  angeljörte,  unb  Ijierburd)  bem  @an3en."i  ^a§  $i>oI! 
tt)ar  in  ber  Sfjat  organifirt.  (S6en  biefe  beruf §genoffen= 
fd^oftlid^e  unb  ftänbifc^e  Organifation  aber  bitbete  bann  ^lu 
gleich  gcmiffermaBen  ha^  fefte  ßnod)engerüfte  für  ben  8taat. 

„§eute  bagegen  finb  n)ir  glugfanb,  nid)t  ©lieber  einc§  2eibe§ 

@§  liegt  ja  im  2Befen  ber  rein  med^anifd)  gefügten  53ureau= 
frdtie,  baf?  aUe»,  tt)a§  fie  fd)afft,  nid^t  organifdjer  5ktur  ift, 
fonbern  auf  rein  med)anifd)e  Ueber=  unb  llntcrorbnung  f)inau§= 
läuft,  bei  ber  bie  untergeorbneten  Sljeile  nur  burcö  S^^Q^fl 
an  ber  i^nen  roiütürlid^  angemiefenen  ©tefle  feftgefjalten  werben. 
2)iefe  rein  med}anif(5e  ©d) i d) tu ng  entfprid^t  burd)au§ 
ber  fociaten  ober  bielmefjr  unfocialen  Gntmidlung  unfcrer  3eit, 
bie  alle  gefellfd)aft(id^en  Organismen  auflöft  unb  bie  5}ienfc^en 
in  bic  beibcn  ©d^id^ten  ber  Firmen  unb  ber  9Jeid}en  äufammen-- 

nidjt  ent:^oItcn,  gegen  jene  ungereii)tcn  unb  üerberdlidjen  58erau6ungcu 
S3efcf)tuerbe  p,u  erl)eben.  hierbei  ift  inebeionbcrc  bieä  ein  betrn&cnbcr 
Umftanb,  bofe  ben  friebltc^en  unb  attfeitig  nü^Iicijen  SScretnigungen 
fatl^olijcficr  SJKänner  ber  ßvieg  er!(ärt  toirb  ju  gletd^er  Seit,  mo  öer= 
liinbet  \oixb ,  ba^  5>etetn§freil}eit  ein  attgcmeineg  gcie^Iicf^eS  ®ut  fei, 
unb  mo  ber  ©ebraucE)  biefer  f^reifjeit  reltgionefeinblidfjen  nnb  ftaotg= 
gefäf)rli(f)en  S^crbinbuiigen  im  tueiteften  Umfange  gcftnttet  wirb." 

»  ^arl  3cntfd^,   Sßeber   (Jommuniämu'3   iiocb   ,(?apitoU^mn§ 
(ßeipjig  1893)  ©.  362  f. 


4.  ©tmit  uiib  (ScfcUfc^aft.  95 

[d)tt)cmmt,  bereu  eine  bind)  bcu  C'^ungei-  (jesunuttjeii  mivb, 
ber  anbern  511  bienen."  ^  ®ie  91]cn[djen  [iub  baburd)  nid)t 
(j(üdlid)er,  fonbern  unfäglid)  eleuber  geiüorben  al§  gu  ber  3eit, 
JDO  bie  (Korporationen  eine  [tet§  fri[c()e  SebcnaqueKe  üon  2;f)Qtig= 
feit  nnb  geiftiger  ^tnregnntj,  bon  2Bo!)([tanb  unb  Greift  ber 
33iirger  föaren. 

5t£)er  anc^  bie  5)lad)t  be§  ©tooteS  i[t  innerlid)  gebrod)en. 
Ser  5l6fotuti§tnn§  glanttc  ju  gewinnen ,  al§  er  ber  liberalen 
53onrgcoi[ie  unb  bem  Kapital  bie  gefenfdjafttidie  Organifntion 
opferte.  5n(ein  mit  ber  ge]e[l[dKiftIid)en  Organifation  fd}iüanb 
bie  eigentUdöe  2eben§!raft  be§  [tantlidien  Organi§mu§^  ber  Don 
ienem  Stugenblide   an  immerfort  bnrd)  potitifd^e   unb  fociale 


>  .U.  Öentfd)  a.  a.  D.  ©.  364  f. 

-  ©e^r  bel^ersigenstoertl^  ift  in  biefer  Segie'^ung  ha§  ßob,  ireldjcS 
SÖelder  im  ©taatälejifon  üon  Slotted  unb  aöeldCer  I,  7'25  ben 
„Slffocintionen"  fpenbet:  „Sie  l^nbcn  für  bie  einzelnen,  felbft  für  bie 
ro^eften  SJlitgtieber  ber  untern  ©täube,  inbeni  fie  biefclben  ftetä  auf 
I)öf)cre,  allgemeinere  S^vtdt  unb  ©cfe^e  l^intoeifen,  eine  fiitbenbe,  biö= 
ciplintreube  unb  moralifif)  üerebclnbe  IJraft.  Sie  entaücfeln  Dor  ttlfem 
ba^  ]^ö()ere  ßebeuä^^riucip,  ben  ©emeingeift,  bie  Guelle  be§  §errIi(J)fteu 
unb  ©rö&ten.  ^Jlur  bei  gon3  toljen  a^ölfern  unb  bei  fold^en ,  »nclcf^e 
unter  beä^jotift^en  3iegierungeu  i^rer  Sluflöfung  enlgegengef)cn,  unb 
tu  bem  (Srobe,  aU  biefe  guftänbe  t)orf)errf(i|cn,  erfifieinen  in  ber  Siegel 
auct)  bie  S3ebürfnifje ,  bie  Slrieöe  ober  bie  fyreit)eit  für  foldjc  Jßereine 
befc^ränlt  ober  ertofdien.  ©in  ^auptd^arafter  be§  ©espotiämuö  ift 
—  meil  berfelbe  im  Sßiberfprutf)  mit  bem  aSefen  unb  Sebiuinife  ber 
SJieufdjennatur  unb  ber  menf^Iii^en  (SeieIIfd}aft  fielet  —  unt)ermeib= 
lid):  5üerni(f)tung.  ©er  ^a'^me  ®c§|)otiömu<j  aber,  welÄjer  oft  bei 
altcrnben  2]öliern  in  ber  iJorm  einer  fogeu.  ifjotiäeilic^en  ©ic^eruug 
ber  9legierung,  it)rcr  ©ateEiten,  be§  nügemeinen  finnüt^en  (Senuffeö 
unb  ber  trägen  3lu:^e,  öergiftenb  toirlt,  ift  meift  nod)  oerberblid)er 
üU  rot}e  ©raufamfeit  unb  ©etoalt.  ©0  bnrf  e§  benn  nid^t  befrem= 
ben,  ha^  foldjer  ®e§pDti§mu§  unb  feine  §anblanger  ganj  befouberö 
gegen  bie  freien  Slfjociationen,  gegen  biefcö  ßebenSprtncip  freier,  meufcfj= 
Itcljer  ßultur  unb  eineg  freien  unb  Iräftigeii  ^Jlationallebenö ,  fid)  er= 
eifern." 


96     ^x\kä  ßapitel.   S)er  d)riftli(^e  StaatöBegviff  im  allgemeinen. 

atebolutionen  in  feinem  2)a[ein  bebroI)t  rairb.  „3m  5nter= 
tfjum,  im  5}litte(alter  berüef  ber  gefen[ci)aft(id)e  SebenSproce^ 
in  fleinen  Greifen.  5^lo(^te  immcrijin  balb  (}icr  balb  bort  eine 
fleine  SteDolution  au§bred)en,  [ie  bebeutete  nur  ein  @ntn)idlung§= 
fieber  be§  einzelnen,  tteinen  ©emeinmefen»,  in  bem  fie  fic^  er= 
eignete;  fie  ttjirtte  tt)D(}(  Qud)  al§  2eben»n3ecter ,  unb  bie  üon 
ifjr  gef(f)Iagenen  SBunben  Rotten  ni(^t  me^r  ju  bebeuten  a(§ 
.t)nutri|e,  bie  ficE)  ein  fräftiger  ^nabe  beim  ©)3ie(cn  ober 
Surnen  f)oIt,  ber  2}Dltäförper  im  ganjen  aber  mürbe  babon 
gar  nicfit  berüf)rt.  9lacf)bem  ber  ©taot  alle  biefe  fleinen, 
felbftänbigen  Drganifationen  jcrftört  unb  fi(^  oHe  ©eelen  eine§ 
'ö-ünfjigmiflionenDDtfeö  unmittelbar  untertt}an  gemad)t  f)at,  finbet 
fidb  nun  baa  ^oli  in  jraei  DJkffen  getfjeilt,  bie  |)errfd)cnben  unb 
bie  33e^errf(f)ten,  bie  ficf)  in  Sübfeinbfdiaft  gegenüberftefjen. "  ^ 
Sebe  getoaUfame  ööjung  biefer  in  oller  ©dirofff^eit  be[tel}enben 
(Spannung  mn^  barum  aud^  Ijeute  nott)tt}cnbig  unmittelbar 
bie  ©i'iftens  be§  @taate§  in  ^^rage  fteUen;  fie  mürbe,  menn 
5mar  nid)t  mit  bem  Untergange  ber  d)rifttid^en  ßiöilifation, 
fo  bod)  gau;^  gemif]  in  bem  3ufammcnbrud)  ber  f)eutigen  ftaat= 
lidjen  ©efcllfc^aft  itjren  5tb}d)Iuf3  finben. 

9.  Snbeffen,  ber  2ibera{i§mu§  geljt  innner  met^r  feinem 
6nbe  entgegen.  S)ic  atomiftifdje,  inbiüibnaliftifdje  (yefe{Ifd}aftä= 
(el^re  Ijat  fid)  überlebt,  nad)bem  fie  prattifd;  ad  absurdum 
gefütjrt  mürbe.  3)ie  ®efal}r  beS  5lugenblide§  ift,  ba^  man 
bei  bem  focialen  3jBieberaufbau  focialiftifd^en  @i1ra= 
liaganjen  anficimfallc.  .galten  mir  bemgegenüber  an  ber  2Baf}r= 
()eit  ber  djriftlidjen  (S)efenfd)aft5le^re  feft,  bafj  mcber  ha^  in= 
biüibuelle  nodb  ba§  ©efcllfcftaftsleben  in  ben  grofjen  öffentli(j^= 
rcd)t(id)en  @emcinfd)aften  aufgefjen  barf;  fo  merben  mir  öor 
gefäl)rtid)en  unb  nerberblidjen  Srrmegen  bematjrt  bleiben.  Sft 
e§  ja   bod)   gerabe  mieberum  ber  (5ociaIi§mu§,   melc^er  jener 


1  Sientfd)   a.  a.  D.  ©.  367. 


4.  ©taat  unb  ©efeÜfifiQft.  97 

fitnbamentafen  2Ba^rl;eit  rtiiber|'prid)t,  fei  e§,  baj5  er  d^  bemo= 
tratifdjcr  @ociaIi§mua  bic  ben  ©taat  btibenben  23i'iri3er  ju 
einer  einjicjen  großen  2}3irtf(f)aft§genofjcni"c^aft  (aber  oud)  (Sr= 
5ie^un9a=  u.  f.  tu.  (Senoffenjcfiaft)  sujammenfaffcn  lüiü,  fei  e», 
boB  er  als  8taat§fociaIi§nuig  ber  „93Dlf§ttiirti'ci)aft  einen  me^r 
[laat§ir)irt]d}aftlid)en  ßljaratter"  i  jn  bericifjen  [id)  beftrebt. 
5IIIein  anf  biefem  SBege  mxh  ba»  bertorene  SSöIfenjlüd  nid)t 
tt>iebert3efunben.  ^er  8ociaIt§nui5  bietet  in  feiner  tyrrm  eine 
ßöfung  ber  [ocinlen  S'^oge,  fdjon  bc»fja(6  nidjt  — •  obgefetjen 
Don  aüem  anbern  — ,  raeil  er  c§  ju  feinem  rid)tigen  2>er=: 
f)ä(tni^  jmifc^en  Staat  nnb  SnbiDibuum ,  Staat  unb  ®efell= 
fc^aft  fornmen  läBt. 

S)er  Slffociation  gehört  bie  3ii^ii^Mt'  ^^^^  ^"cf;^  ^"^"^  ^'^^ 
cialiÄmUö. 


'  Sgr.  ßintge  SSriefe  öon  9lob6ertu§  an  3f-  3-,  mitgeti^eilt 
in  bei-  Seitfc^r.  für  bie  ge]'.  Staat§to.  35.  Qa^rg.  (1879),  ©.  231  ff. 
.^ojaf,  mobbertuö'  iocialöf.  2Infid)ten  (^eiia  1882)  ©.  336.  356. 
Stobbevtuö  eriDartet  atleä  §eil  f)eute  Oon  ber  „ftaattid^en  3nitia= 
tiüe",  JDät)renb  er  beut  3lfiociationätt)efen  SDlifetrauen  entgegen3U= 
bringen  jt^eint.  „5)te  fporabifi^e  ©ntflel^ung  Don  unten  auf  foU 
,naturniütf!figer'  fein ,  nnb  bie  (£ntfte{)ung  im  SBege  ber  Slffociation 
f(^mei(f)elt  htm  3'ibiDibuanömu§  nnfcrer  3eit-  S^^an  »ergibt  aber: 
einmal,  ba%  eine  Dialurtoüd^figfeit  biefer  2lrt  nur  auf  ben  untergeorb= 
neten  Stufen  ber  organifdien  223elt  öorfornrnt,  £rgani§men  üotltom^ 
mencr  2[rt  aber  immer  fertig  unb  mit  bem  ßopfe  suerft  auf 
bie  Sßelt  fommen ;  3ttetten§ ,  ba%  eö  gerabe  ber  pd^ften  Sßürbe  bes 
©taateö  entfpricfjt,  ber  formenbe  S3itbner  ber  focialen  S!Jla= 
t  e  r  i  e  3  u  fein  unb  eine  ,g  e  f  e  11  f  d)  a  f  1 1  i  cf;  e  S3  0  r  f  e  f)  u  n  g'  3U 
repröfentiren ,  mögen  bie  äeiticeiligen  Crgane  biefer  Sorfefjung  mit= 
unter  aui^  noc^  fo  blinb  fein"  (3uv  ©rflärung  unb  Slb^ilfe  ber  ^eu= 
tigen  ßrebitnot:^  be§  ©runbbefi^eS  <B.  370).  Söir  unfererfeit§  fürd^ten 
aßerbingä,  baB  ber  Staat,  trenn  er  mit  feinem  ßopfe  ^eute  immer 
juerft  üornn  tüiU,  oJjne  ber  Sntaicfinng  beä  SlffociationötoeicnS  bie 
gebüt)renbe  Sea(^tung  ju  fc^enfen ,  eben  biefen  feinen  ^opi  nn  ber 
focialen  fjrage  einrennen  möge. 

«Pefd^,  Sißerati§mu§.  I.  2.  Slufl.  5 


98     (Srftcö  flapttel.    S)ev  djrtftUdje  ©taatäbegriff  hu  aflgemeinen. 

1.  '^Jlan  \px\ä)t  bon  einer  ÜiedjtSorbnuug,  mld)c  ber 
©tciat  5U  bertüirflicfien  I)abe.  Unb  in  ber  2^nt,  ber  natur= 
gemüf3c  ^md  be§  9iedjte§  i[t  fein  onberer  al§  ber:  in  bie 
©ntiüidlung  ber  inbibibueHen  unb  focinlen  Scbensbe^ieljungen 
Orbnung  ju  bringen.  5H§  Sßermittler  ber  nilgemeinen  §ar= 
monie  foÜ  ber  «Staat  burc^  feine  ©efeljgebung  nid)t  etföa 
eine  fjorrfdienbe  lllaffe  in  i()rer  5)iaci)t[!enung  fdjirnien  ober 
6(013  bic  jeweilig  gegebenen  aJiac^tüer^ättniffe  gefe^Iicb  fe[t= 
legen,  fonbern  bielmeljr  eine  in  bem  Steigt  unb  in  ber  ®e= 
red}tig!eit  befdiloffene  Orbnung  be§  nienfd}(id)en  ^\u 
)  0  ni  ni  e  n  I  e  b  e  n  §  IjerfteUen  unb  bie  ^ergefteUte  lüirffam 
fd}ü|en. 

Sa»  i[t  bie  n)a^r^aft  fjolje,  ibeale  5tufgabe  beö  ©taate§, 
tt)ie  fie  bem  @ei[te  ber  d)riftlid)en  ^H;i(D[opIjcn  üorjdjmebte. 
ä>on  ber  ©eite  beö  9tecbte§  umfaBt  ba^er  ber  ©taat  innerf)a(b 
ber  natürüdien  Orbnung  bie  @efamt(}eit  ber  focialen  2ebens= 
be5ic()ungen  mit  magrer  |)err|djergeiua(t.  S3ir  fjebcn  bie§  au§= 
brüdlid)  fjeröor,  weil  oljne  bie[e  5(utorität  unb  moralifd^e  lleber= 
orbnung  bc§  ©taate§  über  alle  anbern  natürlidien  formen  unb 
{Sc[ta(tungen  be§  focialen  Gebens  eine  Sermirtüdjung  be§  9?ed)te» 
unbenfbar  märe. 

5Iber  jene  Ueberorbnung  barf  nid)t  jur  fd)ran!enIofen  Söiü= 
für  merben.  3)er  ©taot  ift  nid}t  bie  Quelle,  nic^t 
ber  §err  be§  9^ed)te§,  fonbern  nur  ber  ^"^üter  unb 
3}ermirflid;er  ber  burc^  ha%  S^aturredjt  in  großen  llm= 
riffen  t)orge§eid;neten  9ted)t§orbnung. 

(S§  mar  bie»  bie  b ritte  ©djutjme^r,  mit  meldjer  ha^ 
e^riftentTjum  bie  bürgerlidje  5reil;eit  umgüitete,  nidjt 
minber  mädjtig  mie  bie  Seigre  bom  jenfeitigen  3iele  be§  9}?en= 
fd)en  unb  oon  ber  ^irc^e  al§  einer  felbftänbigen,  t)üfIfommenen 
©cfeüfd^aft  neben  bem  Staate. 


5.  (Staat  itnb  3tecf)t.  99 

2.  ^6)on  bie  cbclften  inib  cr(eud)tet[ten  (Seiftcr  be§  |)eflenen= 
tf)um§,  ein  ©ohatea,  5p(ato,  5h-i[toteIe§ ,  5)emo[tl)ene§ ,  bie 
©toücr,  famen  bann  überein,  boß  ber  ^n^olt  oder  menf(3^= 
Iid}en  6atjungen  nic^t  ber  2BiII!ür  be§  5ÖDlfe§  ober  feiner 
Se^errfd)er  überanttüortct,  fonbern  ben  „ungefd)ric5enen,  ^oö)= 
tl)rünenben  @eiet;en"  ber  ©ottfjeit  ju  entnetjmen  fei:  o-c  r.ac, 
iazc  vöjxoc,  euprjiia  xat  ocopov  Ö^scov.  5?i(5t  meil  bo§  33ol! 
ben  Sn^olt  feiner  ©efe^e  tt)i(I,  gilt  er  ifjnen  a[§  „9?ed)t",  fon= 
bern  ti(\^  33dI!  foH  biefen  Snljalt  lüoQen,  tt)ei(  e§  if)n  oI§  ba§ 
„gfed)t"  erfannt  Ijoti. 

klarer  unb  (}eller  ober  erftraf)(te  biefe  8e^re  bon  einem 
„natürli{5^en  9^ed)te",  bQ§  q(§  ©otteSfat^ung  9?orm 
nnb  9Jk^  aller  53ienfd)enfal3ung  ju  fein  bernfen  ift,  nadjbem 
bie  unbeftimmten  unb  fd^manfenben  ^BorfteHungen  be§  |)eiben= 


'  ^tlbenbtanb,  ©ef(i)id)te  u.  ©Aftern  ber  9iecf}t§=  unb  @tQat§= 
p{)ilo)opliie,  aSb.  I:  „®aä  Ifajnfdje  mtertfjum"  (ßet^jjig  1860)  ©.29. 

—  aSgl.  ©terle  a.  a.D.  S8b.  III:  „Sie  ©taat§-- unb  Sorporation§= 
lel^re  be§  3Utert^unis  unb  be§  SJlittelalter^  unb  i^re  3tufna^me  in 
®euty^Ianb"  (^Berlin  1881)  ©.  8  ff.  —  S}9r.  ferner  1.  2,  Dig.  1.  3. 

—  Aristoteles,  Polit.  IV,  c.  4.  —  ©ierf  e  a.  a.  €.  ®.  9,  2Inm.  2. 
~  §irbenbranb  a.  a.  O.  ©.  89  ff.  122  ff.  196  ff.  303  ff.  509  ff. 

—  Slud^  (Eicero  folgt  biefer  5luffuffnng:  „Uebcr  ba§  ©efe^  finbe 
t!$  &ei  ben  toetfeften  SDtännern  bie  üfeereinftinnnenbe  2Infi(^t,  baefelbe 
fei  toeber  öon  ajten|d)en  erbacfit  no(^  bo§  ©rgefinife  eineä  35olfä= 
befcE)ruffe§ ,  fonbern  ettt)aä  ©toigeg,  fceftimmt,  bie  Sßelt  3U  regieren, 
aU  bie  2SeisI)ett§norm  felbft  int  ©ebieten  unb  Sierbieten.  ©onad)  fei, 
fagten  fie,  btefeö  erfte  unb  oberfte  ©efe^  ber  ä?ernunftioiIIe  be§  a(fe§ 
üernünftig  gebietenben  ober  oerbietenben  ©olteö ,  Oon  ireltfjem  mit 
JRecf)!  bn§  ©efe^  abgeleitet  totrb,  toti^t^  bie  ©ötter  bem  SJ^cnfc^en= 
gefd^IC(^te  gegeben  ^aben"  (De  leg.  II,  4).  §atte  SIriftoteleä  ättiifd^en 
S)emo!ratien ,  in  benen  bie  ©efe^e  unb  in  benen  bie  aSoIIebefci^Iüffe 
^en:fd)ten,  unterfdjteben ,  fo  ixoax ,  ba§  er  le^tern  feine  Slnerfennung 
ücrfagte  (Polit.  IV,  c.  4) ,  fo  bebt  aud)  ©icero  ausbrücflid)  !f)erOor, 
baf5  unabf)ängig  Oon  bem  göttlid}en  DIatnrgefeije  ben  23ef(|Iftffen  beö 
3}olfeö  eine  oerpfüc^tenbe  firaft  nic^t  jufomme  (De  leg.  1.  c). 

5* 


100    ®t[te§  ßa)3itet.   S)er  c^riftfid^e  ©taatsBegriff  im  attgemetnen. 

t§um§  über  &oü  unb  fein  $8etl^öltnt^  jur  2BeIt  enbgiltig 
burc^  boö  (5;(iriftent^um  unb  bie  c^riftlic^e  ©pecufotion  [iegreic^ 
übermunben  waren.  93or  bem  ®ei[le  be§  benfenben  üJknfc^en 
erl^ebt  [ic^  nun  ba§  ©ittengefe^  unb  al§  be[fen  SSeftanbt^eil 
ha^  natürlid}e  ü?ed}t  mit  übermöltigenber  93taje[tät  i)oä)  über 
bie  uie(^feIüoIIe  Söitifür  ber  ©terblid^en,  aüe  3>erl}ä(tni[ie,  afle 
Reiten  bef)err)d)enb.  ©erobe  ber  unttjanbelbore  ß^arofter  unb 
bie  «Staat  unb  Snbibibuum  jugleic^  berpflic^tenbe  .Qraft  be§ 
(Sittengefe|e§  mürbe  mit  befonberem  91ad)bru(f  betont  unb  burci^ 
bie  {^riftlidje  «Speculotion  nod)  met)r  ber  9J?ögIid)!eit  eine§  öer= 
nünftigen  3^^ei[ß^§  entrüdt,  mie  biea  in  ben  ©t))'temen  ber 
großen  alttjeUenifc^en  Genfer  bereite  gefc^e^en  mar  i. 


^  Sl^ering  l^at  einmal  mit  ^fted^t  barüfier  gcflagt,  ba'Q  unfere 
beutfi^e  SBiflenfc^aft  buxä)  etnfeitige  2lbf(J)Iie^ung  gegenüber  ber  S(|o= 
lafti!  mandjer  luertfjüDtlen  (Srrungcnfdjaft  be§  menfc^Iici^en  ©eifte§  t)er= 
luftig  gegangen  fei.  Qn  ber  S^at  umrbe  bei  einer  arn^  nur  ober= 
fläc^licf)en  ßenntni^  ber  ©d^olaftit  bie  l^äufige  SßertDcc^glnng  be§ 
„9taturre(^te§"  mit  bem  3iec^te  eine§  angeblid^en  „9ktur3uftanbeä" 
ober  mit  ben  ü)irt)($aftli(^en  „S'laturgefelen"  ber  flaffii($en  9hationaI= 
öfonomen  unutögüd)  fein.  2ßir  fönntcn  3um  Setoeiö  biefer  für 
jeben  mit  ber  c^riftlic^en  $I)iIofopf)ie  9}ertrauten  gerabeju  l)orrenben 
33ermengung  t)on  ßet)ren  unb  S^ftemen ,  bie  nidjt  im  minbeften  eine 
2}ertoanbtfd)aft  miteinanber  befi^en,  auf  mandie  3teufeerungen  SRob= 
bertu§'  unb  feiner  Slnl^ängcr  »erlüeifen.  ©anj  befonbcr^  aber  tritt 
biefe§  pc^ft  feltfame  ÜJlifenerftänbnife  immer  toieber  Don  neuem  bei 
5RationaIöfonomen  ber  tjiftorifdien  9lid)timg  3U  S^age.  9Jtan  lefe 
nur  3.  25.,  um  fid)  Itiieröon  3U  überseugen,  einen  Sluffa^  be§  im 
übrigen  fo  regfamen  unb  üerbienftüotlen  3orfd;erö  ßujo  Srentano 
über  „bie  S}Dl!§toirtf($aft  unb  i^rc  concreten  ©runbbebingungen"  in 
ber  3£itl^rift  für  ©ocial=  unb  JBirtfd^aft'ogefd^i^te  I.  1  (fjreiburg 
1893),  77  ff.,  namentlid^  ben  2tbfd)nitt  „Sie  SSorfteüung  üon  einem 
ibealen  Sflaturjuftanbe  ber  5Dhnfd^en"  B.  81  ff.  ®aä  „9kturred}t" 
ber  d)rifttid)en  ^^ilofopljie  ift  butc^auä  fein  Diatur3uftanb§red)t,  lieber 
ba§  fRe(^t  be§  parabiefifi^en  3ufta"be§  ber  9Jknfd;en,  Don  bem  bie 
SBibeI.beri(f)tet,  ober  ba§  ^e^t  be§  „golbenen  geitalterö"  im  6inne 
ber;Smcn,  nod)  ba§  „Ülec^t"  ber  3iouffeaufd)en  gtueifü^Ier;  —  e§  ift 


5.  ©taat  unb  ^lti)t.  101 

3,  ©Ott  i[t  ber  tneife  unb  (jeüicje  Otbner  be§  2(IIa,  Sebe§ 
'J)ing  iDirb  Don  if)m  geleitet,  cutfpredjenb  ber  eigenen  ^iatur: 
bie  öernunftlofe  ©cfiöpfung  burd)  plj^füdiidje  unb  d)emt)d)e 
©efe^e,  bur(|  bie  Drbnung  beS  Degetatiöen  Seben§  ober  ben 
Snftinct  mit  feinen  nQtürIid)en  Senbenjen  —  ber  bernünftige 
Wmiä)  hüxä)  ha?>,  föaa  i[)n  üon  allem  unterfc^eibet,  über  afleS 
ergebt,  burij^  feine  üernünftige  5^atur.  SSermöge  eine§ 
@ittengefe|e§,  fo  loie  e§  ber  freien  9iQtur  entfpric^t,  burd)  ein 
©efe|,  ba§,  feiner  25ernunft  eingeprägt,  im  ©eraiffen  beä  ii?en= 
fc^en  für  jeben  einzelnen  t^aü  fid)  melbet ,  öon  bem  auö)  bie 
im  5}?en)(^en  t)Dr[}anbenen  notürlidicn,  inftinctiüen  Stegungeu 
geteuft  unb  iljren  bered)tigten  3ielen  angepaßt  merbeu,  —  ber= 
möge  biefe§  erijabeneu,  reinen,  beglüdenben  @efe|e§  erfennt  ber 


üielntel^r  ba^  IRec^t,  tote  eö  fict)  unmittelbar  au§  ber  Vernünftigen 
SJtenfc^ennatur  ergibt,  ein  SBeftQnbtt)eil  beö  göttlid^en  ©ittengefc^e§, 
fein  ütec^t,  ba§  Oor  ben  ©a^itngen  beö  )3ofittben  IRed;te§  in  irgenb 
einem  urfprünglicOen ,  ibealen  Suftoni^e  beftanben  (a.  o.  O.  6.  84), 
jonbern  ha^  IRed^t,  beffen  5principien  bie  S[Uenf(^en  in  jebem  [)iftori= 
tdjen  3iiftanbe  in  t^ren  pofititien  ©efe^en  unb  in  i^ren  §QnbIungen 
3u  beoba^ten  l^aben,  fofern  fie  nur  in  einer  ber  SSernunft  ent)pre= 
(%enben  SÖeife  leben  motten,  ©benfonienig  f^at  ba§  „91aturrec^t"  ber 
äiriftlic^en  ^Ijtlofop^ie  mit  bem  „5Raturred)t"  ber  !taffifcf)en  9latiouaI= 
öfonomie  ju  tl^un.  ®te  ,,91atuvgefe|c  ber  SSoIfsairtfc^aft"  finb  feine 
i^orberungen  an  ben  fittlid)  freien  SJtenfc^en,  fie  ftü^en  fic^  nicEit  auf 
bie  SSernunft,  baö  ©etoiffen,  alö  bie  2]erfünbiger  ber  fittlicCien  2BeIt= 
orbnung,  fonbern  bringen  nur  bie  Scnbenjen  be§  natürlichen  Srieb= 
lebend  ber  SOtenfdien  gum  2(u§bru(I.  —  @§  liegt  un§  burd)au§  ferne, 
an3unel)men ,  baß  Srentano  au§  Stbfid^t  bie  angebeutete  S3egriffö= 
öertüirrung  getoottt  l^abe.  ®r  ift  l^ierbei  t)ietme:^r  baa  Opfer  feineg 
©l)ftem§  getoorben,  be§  eüotutioniftifc^en  ©ebonfenS,  meld^er  :^eute  faft 
alte  Stteige  bee  2öiffeng  bet)errfif)t :  atfeö  ift  retatiö.  ©in  9le(f)t  mit 
abfoluter  ©ettung,  feinem  U)efentli($cn  ^ntjalte  na(^,  für  atte  ^ßerioben 
ber  aJtenf(f):^ettägefcf)id;te,  —  felbft  bie  Jßorftettung  l^teröon  ift  für  bie 
moberne  SOßiffenfcfiaft  p  fc^toer.  Sarum  löirb  au§  iem  d^riftlic^en 
9taturrec^t  unoermertt  ein  DtaturguftanbSredit,  toeld)e§  man  bann  ebenfo 
al§  „init)iftorif(i)"  Dertoirft  toie  jenen  „Staturjnftanb"  felbft. 


102     ®rfte§  ßopitet.   Ser  (^rifttic^e  ©taatäbegriff  im  atfgemetnen. 

Tlmlä),  n3a§  bie  tüeltorbnenbe  33ernun[t  im  göttlichen  ©eifle, 
hü?)  emige,  tüeltorbnenbe  SBotten  ©ottes,  bie  „lex  aeterna", 
ööit  i^m  forbert,  bamit  er  fein  3^^^  etreid;e ,  unb  bie  @efell= 
[djaft  unb  Sni'iöibuum  unifpannenbe  Söeltorbnung  naä)  ©otte§ 
nieifem  ^piane  ifjre  5>ertt)ir!(i(|ung  finbe  i.  (Serabe  jene  „Orb= 
nung"  be§  inbibibueHen  unb  focialen  SebenS  moc^t  ben  Sn^olt 
be§  natürlidjen  6ittengefelje§  qu§  ^.  2Bo  immer  aber  bie  Orb= 
nung  burd)  Unorbnung,  burc^  „5Inarc!^te",  berbrängt  wirb 
—  beim  (Sinäeincn  mie  bei  ber  (Sefeüfd^aft  — ,  bilbet  bie 
Uebertretung  be§  göttlid)en  @ittenge[e^e§  bcn  legten  unb  tief= 
[ten  (Sr!Iärung§grunb. 

4.  Sie  5ßebeutung  ber  ©adle  erforbert  ein  ettüa§  tiefere§ 
(Einbringen  in  bie)e  Se^ren  ber  d;riftlid)en  ^^itofüpljie. 

@ö  finbet  \\ä)  im  DJJenfc^en,  b.  i,  in  feiner  oernünftigen 
5?atur,  eine  unberfennbare  ^unbgebung  be§  meltorbnenben 
23iflen§  @otte§,  ber  lex  aeterna.  ^D^iit  bemfclben  2id)te  ber 
Vernunft  nämlid),  mit  meldicm  mir  unterfc^eiben  jmifc^en  gut 
unb  böa,  erfcnnen  mir  aud),  ba^  ba§  SSöfe  ber  rid)tigen  Orb= 
nung  miberfpricbt  unb  bie  Erfüllung  unferer  bon  (Boit  gefegten 
2eben§aufgabe  mie  bie  ©rreid^ung  unfere§  Ie|ten  S^tk^  üer= 
{;inbert,  mäfjrenb  bie  SSermirtüdjung  be§  ©uten  bie  ^erfteUung 
unb  Semal^rung  ber  Orbnung  bebeutet,  unfer  irbifd}c§  Sßirfen 
unb  ©treben  ^u  einer  Erfüllung  unferer  pd)[tcn  5Iufgaben 
geftaltet,  unferem  Seben  feinen  moljren  SBertl}  unb  feine  eigent^ 
Iid)e  Sebeutung  im  4'^inblid  auf  ba§  ©nbäiel  berlei()t.  'J)a^ 
©Ott  bie  (Srftrebung  be§  3iele§,  für  tt)eld)e§  mir  in  ber  Söelt 
finb,  bon  uns  tl}atfäd)lic^  forbert,  bafj  er  bie  rechte  Orbnung 
crnft(id)  mifl,  barüber  tonn  ebenfomenig  ein  S^^fiff^  befief;en, 
mie  über  bie  33ered)tigung  ©otteö,  ben  5}?enfd)en  jur  3]ermirf= 
lid^ung  ber  Orbnung   unb   jur  ©rflrebung  feine§  ^kU^  ju 

'  %f).  mn)ex,  S)te  ©runbfö^e  ber  Sittltciifeit  unb  beö  9icd^t§ 
©.  24  ff.  118  ff. 

2  S.   'llwm.,  S.  tbeol.  2,  1,  q.  Ül,  a.  1.  2;  2,  2.  q.  57—81. 


5.  ©taot  nnb  9tci^t.  103 

nerpflic^)teii.  S^ie  23evminft  feI6[t  offenbart  im§  borum  olfo 
aud)  unfere  3$erpflid}tiüuj  äum  ©uten,  b.  I).  jur  3>errid]tunc3 
bcrjenigen  §anblungen,  iDcIc^e  lüir  f(nr  unb  beutlic^  qI§  nDtfj= 
luenbig  für  bie  Srreidiung  unfere»  ©nbjieicä  unb  für  bie  Drb= 
nung  unferc§  2e6en§  erfenuen,  wie  nnbererfeita  bie  ^f^id^^f 
QÜe§  5U  bernieiben,  tüa§  biefcm  3'^^^  unb  biefer  Orbnung 
offenbar  roiberftrebt. 

^rei  trefentlirfie  ^ßejic^ungen  gibt  e§  ober,  naä)  iDeldjen 
unjmeifeKjafte  t^orberungen  im  ^ntereffe  ber  (5rreid)ung  unfere§ 
3iele§  unb  ber  SSerloirüid^ung  ber  Orbnung  an  ben  menfd)= 
lid^en  Söillen  geftcüt  inerben.  S;er  ^J^enjd)  mu^  \\6)  in  ba§ 
redete,  bernunftgemüf^e  unb  barum  bon  bem  oner^ödjflen  @e= 
fe^geber  geforberte  ^erfjüItniB  fteüen  gu  @ott,  ju  fic^  felbft, 
§u  ben  5Jtitmenf  (^en.  33o[(5ie!)t  ber  5[l?enfd)  in  biefer  brei= 
fachen  §inficf|t,  lüa»  er  in  feiner  23ernunft  nl§  gut  unb  be§f)alb 
Quc^  a(§  bon  ©ott  geforbert  erfennt,  fo  ift  bomit  äugleidj  bie 
red)te  Orbnung  in  ben  SBe^ie^ungen  be§  5D^enfcben  jur  materiellen 
SBelt  t^atfäd^lid)  bermirÜidjt. 

'^a^  ^Berfjültnip  ^u  ©ott  nun  regelt  bie  S^eligion.  S)ie 
innere  Orbnung  be§  9}?enf(^en  burd^  Unterinerfung  ber  niebern 
Slriebe  unter  bie  ^errfd^aft  ber  33ernunft  bilbet  ba§  ©ebiet  be§ 
©ittlidien  ober  ber  Sittlid^feit  im  engften  Sinne.  S;a§  O^e^t 
enbtid}  orbnet  ben  9J?enfd)en  in  feinem  ©efeUfdjaf  trieben, 
b.  i.  in  feinen  53e5ief}ungen  gur  gefeflfdjaftlidien  (Sefamtfjeit 
unb  5U  ben  ?Tiitmenfd}en  innerljalb  ber  @efefifd)aft,  mobei  bann 
bie  ($riftlid)e  6f)arita§  ber  ©efefligteit  unb  bem  ©efeIIfdjQft5= 
leben  bie  ^ödifte  23oIIenbung  unb  eine  gan^  befonbere  über= 
natürlidie  2Beit)e  berleifjt. 

5,  Sie  9ted)t§orbnung  bilbet  fomit  nad)  c^riftlic^er 
9Iuffaffung  einen  tt)efentlid)en  53eftanbtl;eil  ber  fitt= 
üd^en  2ßelt orbnung.  „Ser  rid^tige  ßinblid  in  bie  fitt= 
Iid)e  SBeltorbnung",  fagt  Subttjig  53enbiji,  „ift  bie  23or= 

'  ^h6)i  unb  ßirii)enrecf;t  (ajlains  1895)  ©.  75  f. 


104     Srftcö  ßopitel.    3)er  c^rifttid^e  ©taatöbegriff  im  aögcmeinen. 

ou§[c|itng  einer  richtigen  ^tufcfiauung  Don  ber  5Red)t§ürbnung. 
2)enn  bie  9tecE)t§Drbnunt3  i[t  bie  [tttlidje  Crbnung  )e(bft,  nic^t 
jroat  nacf)  i^rer  gangen  5(u§be§nung,  fonbern  in  ber  befonbern 
Seäiel)ung  jur  ®ered}tig!eit.  SBalter  (Ü^aturrec^t  unb  ^olifi! 
im  £icE)te  ber  (Begenraort  §  60)  besei^net  baljer  mit  9fed)t 
,bic  über  bem  5}len]'d)en  [tc^enbe  [itt[icf)e  Sßeltorbnnng'  qI»  ben 
übjcctiüen,  auf^erljalb  be§  5[lienf(^en  liegenben  ©runb,  tüornuf 
bie  Öeredjtigfeit  lelbfi  berul}t,  üU  bie  auf^ere  ©runbloge  bcs 
9te!^t3  nnb  be§  i}?ed)töbegrine§.  2)ie  innere  ©runblage  be§= 
felben  i[t  ha§!  bem  5}ienici()en  angeborene  9ted^t§getü^l  unb  @e= 
lüiffen,  meld)e§  bie  Ueberein[timmung  ber  menfi^Iic^en  ^anb= 
hingen  nnb  S^erfjöltniffe  mit  ber  @ered)tigfeit  miÜ.  2;ie)e  beiben 
güf)ig!eiten ,  ,bie  Organe,  meldie  ©ott  bem  5l?enid)en  ber= 
liefjen  ()at,  um  biefc  unfidjtbare  Drbnung  ju  erfenncn  nnb 
mit  \t)x  in  2?erbinbung  ju  treten,  fie  finb  bie  ?tugen  be§ 
(Sei[le§,  'mtläjt  in  bie  bem  irbifd^en  5Iuge  unerreichbare  ü6er= 
[innlic^e  äöeü  f)inüberteud}ten.  S^a§  9ied)t  unb  bie  @cred)tig= 
feit  [inb  alj'o,  in  i[;ren  legten  ©rünben  aufgefaßt,  bie  ans  ben 
6igeni(^a[ten  ©ottea  fTie{3enben  ©ejetjc  ber  [itt(id)en  2BeItorb= 
nung,  bie  ficö  bem  ^Jlenfd^en  buri^  ba§  Crgan  be§  ©eroiffenS 
als  jolc^e,  aI)D  a(§  Sßiüe  ©ottes  unb  a(§  eine  über  bem 
9)^en)d)en  fteljenbe  Tlaä^t  antünbigen'." 

6.  Sffiie  munberbar  tieffinnig  unb  mie  mo^Ibegrünbet  cr= 
f(^eint  biefe  2ef)re  ber  d^rifllid^en  ^tjilofop^ie  bem  benfenben 
@ei[te!  2;ie  3^^iJrffü^rung  be§  natürlichen  ©ittengefe^e»  unb 
in  i^m  bea  natürtid^en  Dtedjte»  auf  @ott,  auf  ba§  „eföige 
©efe^"  be§  5tnerf}öd)ften,  ift  burc^au»  feine  bloB  „aprioriftifc^e 
©pielerei  fd)oIa[ti]c^er  Specutation".  2]ßie  überall,  fo  getjt 
auc^  ^ier  ha^  |}f}iIoiopr}ifd)e  teufen  öon  Sljatfadjen  au^, 
bie  niemanb  läugnen  fann,  in  unferem  galle  Don  ber  S;^at= 
fad)e,  baB  fi(^  ju  allen  o'-'i^'^^^  i^""^  f'^i  '^tl^"  Sölfern  eine 
©umme  u  um  anbei  bar  er  fittlid^er  unb  rec^tlidier 
^been  Dorgefunben  I;at.   8elbft  ber  in  materialiftifc^en  ^been 


5.  ©tcat  itnb  9iec^t.  105 

53efangene  wirb  ja  bod)  nidit  bcftveiten  bürfen,  ba^  3.  S. 
f(i)mQfjIicE)er  Unbanf  unb  SBerratr)  gegenüber  einem  treuen  ?}reunbe 
unb  2Bofj(tf)äter  fteta  unb  überatt  ol§  Bö)e  gegolten  t)at,  ha^ 
gro^nuittjigc  33etf)ätigung  ber  Sicfie  511  ben  9J}itmen[(i)en  unter 
feiner  5Bornu§|c^ung  ein  Safter  ju  lüerbcn  üermag.  (S6enfo= 
wenig  bürfte  man  in  5I6rebe  fteüen  fönnen,  baB  [icf)  eine  ge= 
tuiffe  ^Injaljl  eigentUd)er  9?ed)töiä|;e ,  bie  [id)  auf  ha§i  äuj^ere 
gefellfdjaftlii^e  3^M"'^i"i"f»^cben  be^ief^en,  bei  aüen  ä^ölfern  üor= 
finben,  wenn  and)  bie  einen  me^r  auf  biefen,  bie  anbcrn  mef}r 
auf  jenen  grö|ere§  ©etuid^t  legten.  S)arum  bejei(^neten  bie 
9tömer  ha^,  toa§  tt)ir  9laturred)t  nennen  mürben,  gerabcju 
a(y  ius  gentium,  unb  hü%  prätorifd)e  (Sbict,  aufgemad)fen  in 
ben  meiten  Sänberftreden  be§  römifd)en  9ieid^e§,  mar  feinem 
Snfjalte  nad;  menigften§  jum  %l)t\[  eine  grud)t  ber  5tb§trac= 
tion  unb  ber  3u[flnii"e"[icHung  jener  bei  ben  berfc^iebenften 
93ölferfd}aften  geltenbcn  ^teditöfülje  1. 

2;a3  Unmanbclbare  aber  tann  uiemai§  feinen  @runb  in 
bem  SBonbelbaren  ^aben.  yiid)t  in  ben  med)fe{nben  Sntereffen 
be§  Snbit)ibuum§  ober  ber  ®efamtf)eit,  nid)t  in  ben  manbe{= 
baren  cuItureHen  33erl^ültniffen ,  nid)t  in  bem  öeränberlidien 
unb  zufälligen  Sein  irgenb  einer  ßrcatur  bermag  barum  ber 
benfenbe  Seift  bie  eigent(id)en  unb  tiefften  SBurjeln,  ben  Ie|ten 
©runb^  jener  unmanbelbaren  fitttic^en  Sbeen  ju  finben,  fün= 


^  JBet  ben  ©d^olafttfeni  ift  „9tatui-rc(i)t"  unb  ^ius  gentium"  nicf)t 
ibentifc^.  2ßo  ber  1)1.  S^outaä  ba§  SBort  „ius"  tut  ©tnne  üon  „©efe^* 
antoenbet,  rechnet  er  bo§  ius  gentium  jum  condictum  humanuni,  jur 
adinventio  rationis  humanae,  b.  1^.  gum  :|)oftttüen  inenfc^üc^en  ©e= 
fe^e.  UeBcraE  abn,  too  S^^omaS  ntc^t  bie  @ntftef)uiU3ätDeife,  fonbern 
ben  3nf)Qlt  ber  ©a^ung  berüdtfiifitigt,  too  i^m  „ius"  (Diedjt)  glei(^= 
tebeutenb  ift  mit  ,iustum"  {ha5  (Sevedjte) ,  ää^It  er  anä)  baö  ius 
gentium,  b.  f).  bie  quo  gemeinfamev  3tecf)teüt)er3eugung  ber  33i3lfcr 
I)ert)orgegangenen  reij^tltdfjen  Slnfd^auungen  unb  ©a^ungen  jum  ius 
(iustum)  naturale.    S5gl.  barüber  (Satl^rein  a.  a.  Q.  I,  42-5  ff. 

^  Söir  fagen:  ben  legten  ©runb,  U)etl  ber  nä(|fte  objectiüe  ©runb 


106     ®vftei  ßa^jitel.   3)er  d^ttftlid^c  ©taatgbegriff  im  arfgemeinen. 

bern  allein  in  bem,  ber  einjig  uninanbelbar ,  oljne  äöed^fel, 
of^ne  ©(Rotten  ber  33eräubetung  i[t,  in  6)ott  unb  [einer  un= 
beränberlidjen  3Be)enl)eit. 

^nbetn  aber  bie  [tttlicf)en  einjrfiliefjnc^  ber  re(^tliii)en  Sbeen 
auf  G)otte§  2Be[cu  af§  ifiren  I}öd)[ten  unb  Ie|ten  Ursprung 
äurüdgefü^rt  n^erben,  erfciieineu  fie  gugleid)  al§  eine  gorberung 
be§  n(lf)eiltgen  ©otte»  an  ben  SSiUen  ber  öernünftigen  (Sreatur, 
a(§  untüanbelbore  ©otte§[a|ung,  bie  ben  freien  53ienfd^eu 
ni(^t  pljt}[il'(f)  gtüingt,  aber  mornlifc^  nöttjigt,  inbcm  fie  ben 
einzigen  2öeg  be§  innern  unb  äußern  33er^allen§  beäeidinet, 
auf  beni  ber  Tlm]6)  ju  feinem  Qi^Ie,  ju  ber  bon  xijm  mit 
9fiaturnot^ti3enbig!eit  evfel^nten,  aber  burd)  33ett;atigung  feiner 
i^rei^eit  ju  crflrebenben  ©lüdfetigfeit  gelangen  fann^.  „®a§ 
9?aturgefe|",  fagt  2co  XIII. '-,  „ift  gefd)rie5cn  unb  eingeprägt 
in  bem  ."perjen  eine»  jeben  93ienfd)eu ;  benn  e§  ift  nic^t§  anbereä 
al§  bie  menfc^ti^e  Vernunft  felbft,  bie  ba  gebietet,  ba§  ®utc 
äu  UoKbringen,  berbietenb  bie  böfe  Sfjat.  S)iefem  ©ebote 
unferer  33ernunft  fommt  aber  bie  53ebeutung  eine»  @efe|e§  nur 
barum  ju,  meil  e»  bie  ©ttmme  unb  ber  2)olmetfdj  einer  Ijöfjern 
JBernunft  ift,   ber  mir  unfern  ©eift  unb   unfere  grei[;eit  ju 

jener  Itnluanbelbarfett  beä  ©ittengefe^eS  in  ber  überaff  unb  immer 
fitf)  gleid)  bleibenben  vernünftigen  3laiuv  beö  SOlenfcfien  erblidt  U)er= 
ben  mu^. 

^  2lu§  bem  ©efagten  ergibt  fid;  Hon  felbft  ber  Unterfdfiieb  3lin= 
f($en  ben  ©enfgefe^en  unb  ben  ©pracfigefetjen  einer|eit§  unb  bem  ©itten= 
gefe|e,  bem  uatürli(f)eu  Üled^te  anbererfeitg.  ®ie  ©efe^e  ber  Sogif 
lüenben  fid)  an  bcu  93erftünb,  bie  fitt(icf)en  ©efe^e  on  ben  SÖiüen  be§ 
Stenfd^en.  ®ie  ©efe^e  ber  ®pra(|e  regeln  bie  fprac^Iid^e  iJorm,  ben 
2(u§brudE  unfereS  ®enfen§  unb  3^üI)IenS,  bie  bei  ben  üerfifiiebcncn 
S}öl!crn  t)evf(^ieben  finb  unb  and)  bei  bemfelben  SSoIfe  Uieci)feln  tonnen ; 
bie  ©ittengefc^e  aber  ba§  meni(f)li(^e  SÖoüen  in  fid;  felbft  unb  baö 
äußere  §anbeln  in  aügemein  gi(tigcr  Söcifc.  33gl.  b.  ^crtling, 
^'laturrecfit  unb  ©ociorporiti!  ©.  8. 

2  @ucl)mfa  „Ueber  bie  menfd)Iid)c  g?reif)eit"  (1888).  Officierie 
O^erberfdK)  SluSgabe  S.  16  (17)  f. 


5.  ©taat  imb  Slei^t.  107 

unteriüerfen  l^oBen.  S)enn  bn  ba»  ©efe^  ^ftidjten  auflegt  unb 
9te(i)te  berleirjt,  fo  ru!^t  feine  ganje  Sebcutung  auf  ber  Stutoritöt, 
bQ§  ift  nuf  einer  toal^ren  ©euiolt,  ^f(id)ten  ju  bcflimmen  unb 
9ted)tc  in  bejeidinen  unb  ebenfo  burd)  ©träfe  unb  2of}n  ben 
©eböten  i^re  ©anction  ju  geben.  ^q§  alle§  aber  fßnnte 
offenbar  bei  bem  9}lenfd)en  nidjt  ftattfinben,  föäre  er  ber 
f)öd)fte  ©efetjgeber,  ber  feinen  .^nnbtungen  ifjre  9tegel  bor= 
fd}rei6t.  2;arauy  folgt,  baf?  ba§  9taturgefc^  baS  endige 
®efe|  felbfl  ift,  eingeboren  ben  üernünftigen  2Befen,  ha^  fie 
f^inlenft  gu  bem  i^nen  beftimmten  ^kk  unb  entfpred;enben 
S:t}un;  e§  ift  bie§  eben  bie  eioige  33crnunft  be§  ©d)öpfer§  unb 
Ütegierer^  ber  ganzen  Söelt,  @otte§  felbft."  Sarum  ber= 
(nngte  benn  and)  ganj  richtig  bie  @Ioffe  jum  ©ad)fenfpiege( 
an  berfd;iebenen  (Stellen  bie  Unterorbnung  bc§  ftaatlidjen  ®e= 
fe|e§  unter  ba»  natürliche  9iec^t  al§  bie  allgemein  gütige 
@otte§fa|ung :  „@ott  ift  ber  5Infang  alle^  9{ed)ten§.  .  .  .  S)ie 
@ered)tig!eit  ift  ein  fteter  unb  eioiger  Sßill',  ber  'i)a  gibt  einem 
jeglidien  S^ing  fein  Sftedbt.  S)iefcr  Sßill'  ift  ©ott.  ...  ^a§ 
natürtidie  9ied)t  fjei^t  aud)  ©otte§  9tedbt,  barum,  ha^ 
©Ott  bie§  9ied)t  allen  Kreaturen  geben  ^at.  .  .  .  5)urd)  biefe§ 
D^ec^t  finb  gefunben  atle  anbern  9Jec^t.  .  .  .  ^illien  Sa^ungen 
unb  ©eiüofjuljeiten  fol  unb  mu^  ba§  natürlii^e  9ted)t  öorgejogen 
werben.  ...  @in  gcfe|t  Mg&jI  mag  tt)oI)t  ba§  anbere  aufl^eben, 
aber  fein  natürüd^  9ted}t  mag  e§  abtl)un." 

7.  ®ie  neuere  ©taatareditate^re,  fotoeit  fie  oon  ber  4"^ege^ 
fd)en  5|3t)i(Dfopt)ie  i^ren  5tu§gang  nimmt,  aber  aud)  jene  Su^iften 
ber  fogen.  ^iftorifd)cn  @d)ule,  bie  gerabe  nidit  ju  |)eget  fid^ 
betennen  möd^ten,  f}aben  biefe  5luffaffung  ber  djriftlic^en  ^^i(D= 
foptiie  leiber  öerlaffen.  «Sie  möchten  nur  bem  ftaattidjen  pofi= 
tioen  @efe|e  ben  (S^arafter  be§  9tcd^te§  ^uertennen,  jebe§  ob= 
jectioe  gfed)t  (ebiglid)  al§  ftaatlidie  (Sinridjtung  anfefjen.  S^nen 
äufolge  ift  Oted)t  nur,  ma§  ber  ©taat  a(§  ÜJec^t  anert'ennt, 
unb  füf;rt   \\ä)   alle§   9kd)t   tebigtid}   auf   bie   ^utoritöt  be§ 


108     ®rfte§  Äapttcl.   S)er  d^riftlid^e  ©toatöbegrijf  im  oagemeinen. 

fjerrfd^enben  ®emeinh)efen§  jurücf.  5lber  auf  tooS  —  ]o  fragen 
mir  — ,  Quf  mag  füljrt  [id^  benn  biefe  5(utoritQt  jurüd? 
@tü|^t  [ic^  biejelbe  lebiglid)  auf  bie  ^^^oüäeiinannfdiaften, 
auf  53at)onette  uub  Kanonen?  3ft  bie  pf}l)fifc(;e  Maä)t  unb 
.^raft,  eine  äufeere  (Srfüüung  unb  Seobad^tung  ber  ©taatö= 
gefe^e  materiell  in  erjiüingen,  ba§  einzige  ^unbament  ber 
ftaatüc^en  5Iutorität?  §at  man  mirflid)  ben  y}lutl),  bie[e  aüe 
Orbnung  auflöfenbe,  bie  ftaatlid}e  ^lutoritöt  ju  einem  precären 
„fjiftorifdden"  factum  begrabirenbe  3lnficf)t  ju  Vertreten?  Unb 
menn  man  bie  offenbar  rebohttionören  Gonfequenjen  ber  2e^re 
m(f)t  äu  üerfennen  unb  nic^t  ju  beftreiten  öermag,  follte  e§ 
bo  ni(i)t  nafje  liegen,  ou§  ber  5Ibfurbitöt  ber  praftifd^en  tJoI= 
gerungen  bie  innere  llniDaf)rf;eit  unb  33ertt)erflid)feit  ber  ©octrin 
felbft  äu  erfdjliefjen"?  3^ein,  bie  ©taat§gemalt  l)at  ein  n3ir!= 
Ii(^e§  unb  mal)re»  Siedet  barauf,  ®efe|e  p  geben  unb  ®e= 
fjorfam  ju  forbern.  ®iefe§  9tecf)t  aber  fonnte  bie  <Btaat§= 
gewalt  fid)  nid^t  felbft  geben.  Sonft  märe  il}r  S^ec^t  eben 
nur  nadte  3:()atfad)e  unb  eine  (ebigüc^  burd)  bie  pljtififc^e, 
aber  ftet§  manbelbare,  (Semalt  geftü|te  Ufurpotion. 

@s  gibt  alfo  ein  mir!Ud)e§  ^ed)t  bor  ber  @taot§gemaIt, 
ein  $Red)t,  auf  meldiem  ber  ©taat  unb  bie  ©taat§gemalt  fid) 
aufbauen,  o^ne  meld)e§  fie  bollftünbig  in  ber  Suft  fdimeben 
mürben.  Söenn  man  aber  einmal  anerfenncn  muf5,  bo^  bie 
5tutDrität  ber  ©taatSgemalt  ein  mal;rea  Üted)t  ift,  ba§ 
9tec^t,  bie  Untertl}anen  gu  berpfliditen  —  ein  '3itä)t,  me(d)e§ 
ber  ©taat  fic^  nid}t  felbft  gibt,  unb  auf  bem  bennoc^  alle 
@efe|gebung§=  unb  3ti^'^nG§6ßfnpip  "^^^  @taate§  berufet  — , 
bann  foüte  e§  bem  folgericbtig  benfenben  ©eifte  in  ber  2;^at 
nid)t  fdimer  faüen,  einjufcfjen,  ba|  ber  ©toat  nid^t  bie  Duette 
alleg  iRed)teö  fein  fann.  ä'Öie  tf)örid)t  ift  ba()er  bie  S3e= 
t)auptung,  ha^  nur  ber  Staat  9ied^t  fdjaffen  fönne,  meil  nur 
er  bie  pf)l)fifd)e  (Srämingbarfeit  ^u  öerteitjen  öermöge!  5IIö 
ob  bie  moralifd^e  ßr^mingbarfeit,  bie  moraüfd^e  SSerpflid^tung 


5.  ©taat  unb  ffitä)i.  109 

tnd)t  genügte,  um  eine  ^^orberung  an  ben  nien[cf)Ii(i)en  Söillen 
nl§  toofire  3fi e (^ t § forberung  erfd)einen  ju  (offen!  3)a§  be= 
ftätigcn  bodE»  aüe  5!)?enf(f)en ,  fo  oft  fie  über  bie  @ered)tig!eit 
ober  UngerecE)tig!ett  ftaatlid)er  @efe|e  ein  Urttjeil  fällen  unb 
ungered)tc  (Sefe^e  eben  qI§  fold^e,  qI§  redbtSiöibrige  5JhiB= 
nahmen  berurt^eilen.  Unföillfürlid)  btidt  babei  ber  ^enfd) 
auf  eine  p^ere  5^orm  —  auf  9ted)t5f orberungen,  nid)t 
blo^  auf  9Jedjt§tbeen  —  ^in,  bie  feiner  eigenen  ^ßernunft 
eingegraben  unb  beren  33erit)ir!üd)ung  er  al§  ^flid)t  ber 
@taat§gen)alt  erfennt  unb  barum  anä)  bon  ben  Orgonen  ber 
@taat§geit)aü  erroartct. 

SBotlten  bo^er  bie  Suriflen  ber  ()iftorif^en  ©c^ule  if)re 
@eban!enrei^en  einmal  forgföltig  prüfen,  fo  bürften  manci^e 
liieüeidjt  ju  ber  @r!cnntnif5  gelangen,  ba[5  fie  bon  born^erein 
unb  im  Saufe  i^rer  2)ebuctionen  tüieberfiolt  bie  Segriffe  „5Red)t" 
unb  „@efe^"  miteinanber  bermedifeln.  5hir  fo  iuenigften§  oer= 
mögen  mir  e§  ju  berftel}en,  baß  ^^änner  bon  Ipljer  geiftiger 
(Sinfid)t  unb  öon  beftem  SBiKen  bie  pf)i)fifd)e  @r5tüingbar= 
feit,  bie  o^ne  3ioetfeI  ein  tDefentIid)e§  5Ütribut  be§  t)ofitit)en 
®efe^e§  ift,  nun  aud)  al§  jum  SBefen  be§  ^eä)k^  f^Iec^t^in 
geprig  betraditen  möd^ten. 

3Iber,  fo  menbet  man  ein,  foll  e§  benn  jebem  Dttd^ter  frei= 
ftef;en,  bie  ©taat§gefe|e  ansumenben  ober  nid)t,  je  naä)  ben 
3Infd)auungen ,  bie  er  perfönlid)  über  ba§  fogen.  „natürlid^e 
9led)t"  pt  ?  ©ans  gemip  nid)t!  3^er  9tid)ter  t]ai  ba§  pofitioe 
®efe|  be§  <Staate§  ansumenben,  e§  fei  benn,  haii  e§  einlend)tenber= 
ma^en  gegen  allgemein  anerfannte  9?ormen  be§  natürlichen 
(5ittengefe|e§  berftö^t;  ba  mürbe  e»  fi^  bann  offenbar  nid^t 
um  „perfönli(^e  5lnfd)auungen"  I;anbeln,  fonbern  um  eine 
Ueberjeugung  ber  menfd)Ud)en  33ernunft  felbft.  ®er  9iid)ter 
mirb  jebod)  unter  Umftänben  in  feiner  officieüen  ©teKung  al§ 
9iid)ter  aui^  ein  (Sefe|  anmenben,  bem  er  feine  3ii[iiii^tttu"g 
berfagt.  2)enn  bie  <Si(i^er!^eit  unb  ©tönbigfeit  ber  9ied^tfprec^ung 


110    @vfte§  ßapttel.   ®cr  c^riftlid^e  ©taat§6egriff  im  atfgemeinen. 

i[t  fo  lüefentfid)  mit  beut  ©emeintüoljl  ber  flaatUc^en  ®eje(I= 
fc()aft  Der!nü|}[t,  bo^  bie[eI6e  nid)t  öon  bem  SSelieben  unb 
bem  rein  fubjectiöen  ßrmeffen  be§  einzelnen  9iid)ter§  abhängig 
gemad^t  toerben  barf.  S)Qbei  bleibt  ober  bie  ^f{id)t  ber  ge= 
fe^gebenben  ^actoren  be[te|en,  jebeS  ®e[e^  borerft  anä)  naä) 
ber  red)tnd)en  ©eite  ju  prüfen,  ©ie  Ijaben  burd)Qnö  feine 
Slancoermädjtigung  für  bie  @efe|gebung,  tüeil 
©Ott  fid)  nidjt  lüiberfprei^en,  nid)t  bie  53ürger  5ur  SSeobaditung 
eine§  [taotlid)en  ®efe|e§  berpflidjten  !ann,  beffen  3n£)Qlt  un= 
5tt)cifcU)aft  bem  natürlidien  5Red)te  julDiöer  ift. 

8.  ®ie  Seljre  ber  cbriftlidien  ^fjifofüpljie  öon  bem  nQtür= 
lid^en  3ied)te  n(§  einem  Seftanbtljeite  be§  notürlid^en  ©itten= 
gefe|e§  ift  offenbar  meit  entfernt,  ber  SBürbe  be§  ©toateä 
irgenblüie  jn  nolje  p  treten.  S^ietme^r  erfdjeint  bie  @taat§= 
geiüQtt  f)ier  mit  einer  biel  großem  9!}ind)t  ouSgeftottet ,  al§ 
tüenn  man  i^ren  Slnorbnungen  nur  be§l;alb  ben  6|ara!ter 
be§  3{ed)te§  äuerfennen  wollte,  loeit  biefelben  pofitiöeS  unb 
barum  pljt)fifd)  ersmingbareä  öJefe^  finb.  2Bel)e  bem 
©taote,  in  meldiem  bie  5}lefjr^eit  ober  aud)  nur  eine  fel)r 
gro^e  ^Injol)!  öon  ^Bürgern  ha^  Sefen  be§  ^^d)k§i  au§fd)Iie^=> 
lid)  in  feiner  ^tj^fifdien  ©rjiningbarteit  erbliden  unb  barauS 
für  ^\ä)  unter  Umftänben  bie  praftifc^en  ß^onfequenäen  äie^jen 
moüten ! 

2Bie  aber  'tia^  jeber  ftaatlid^en  ©efetjgebung  tiDrau§= 
geljenbe  unb  bon  berfelben  notfjföenbig  borau§äufeljenbe  Üied)t 
ber  Autorität,  b.  i.  bQ§  9ted}t,  ^u  berpflic^ten ,  al§  5lttribut 
ber  ©taat§gelbalt  ber  SBürbe  be§  «Staate^  nid^t  ju  naf}e  tritt, 
fo  liegt  ebenfaü»  in  ber  2Inerfennung  einer  natürtidjen  9^ed)t§= 
orbnung  bor  unb  über  ber  burd)  @taat§gefe|e  ju  bol(l= 
5ief)enben  Orbnung  be§  gefellfdjaftli d;en  2eben§  burd)au§  feine 
ungebü^rlidie  unb  bem  ©emeinmoljle  fd)äbl(id)e 
25efd)ränfung  be§  UmfangeS  ber  ftaatndj  =  Iegi§= 
(atiben  3:^ätigfeit.     Sm  ©cgenttjeife  wirb  erft  burd)  bie 


5.  ©tQQt  itnb  9hc[)t.  111 

richtige  Umgrenzung  biefer  3:^Qtig!eit  beren  fegen§reic^e  W\xU 
fonifeit  für  bn§  Boljl  be§  $ßoIfe§  garantirt.  3lIIerbing§  ber 
ab)Dlnti[tiicf)e  ©runbfa^,  baßberStaat  bie  Quelle 
oHeS  ÜtediteS  fei,  ift  bomit  geüi^tet  jum  ©lüde  ber 
58ölfer.  yi\d)t  ber  ©taatäraiüe  bilbet  ben  letUen  ®runb  be§ 
Üted)tCö  unb  barum  anä)  n\d)t  bie  (Staatäwillfür  bie  einjige 
©c^ranfe  ber  SegiSlation.  5Iöie  bie  5(utorität  be§  ®efetje§  fid) 
grünbet  auf  bie  g'O^berungen  ber  fittlidjen  2BeItorbnung ,  fo 
ift  ber  '^nljalt  be§  ®efe^e§  ju  meffen  nad)  ber  @ered^tig= 
feit,  ülS  beren  5Iufga6e  e§  gilt,  „bie  9,1knf($f)eit  in  i^rem 
gefeüfci^afttid^en  2)Qfein  @Dtte§  ^peiJigfeit  unb  äßeialjeit 
gemöf]  ju  orbnen  unb  in  biefer  Crbnung  ju  erfjdten"  ^. 

3n  feiner  einfadjen  unb  Haren  SBeife  fprid^t  ber  ^l  %i)o-- 
ma§  über  hm  3nI)aÜ  ber  pofitiöen  ftaatltd)en  ©efe^gebung 
unb  i^r  ^erfjQltni^  jum  natürli^en  9ted)te,  inbcm  er  fogt: 
„Sebe§  Don  'DJ^enfc^en  erlaffene  @efe|  Ijat  infott)eit  ben 
ßfjnrafter  eine§  ©efe^es  (einer  mirflid)  Derpflid)tenben 
Dlorm),  al§  c»  fid)  nu§  bem  natürlichen  ©efe^e  ableitet,  ©timnit 
e§  bagegen  irgenbtno  mit  bem  natürlidien  ©efe^e  nid)t  übercin, 
fo  ift  e§  ni(^t  me'^r  ©efe|,  fonbern  ©efe^e§üerM)rung.  3« 
beachten  ift  inbeffen,  baf?  etma§  in  boppelter  Sßeife  au§ 
bem  natürlidien  ©efe^e  abgeleitet  merben  fann:  äuerft  nad) 
5trt  ber  ©c^IuBfoIgerungen  üu^  ben  ©runbfä^en  unb  jmeitenS 
at§  näljere  Öeftimmungen  eine§  ^Jtügemeinen.  2)ie  erfte  3Beife 
erinnert  an  bie  5(rt,  nad)  n3eld)er  man  in  ben  tf)eoretifd)en 
2i3iffcnfd)aften  au§  ben  ^rämiffen  ^^ülgerungen  äiel)t;  bie 
jmeite  an  bie  5Irt,  lüie  in  ben  fünften  bie  oHgemeinen  i?or= 
ftefhmgen  burd)  ha§!  befonbere  Cbject,  auf  ir)eld)e§  man  fie 
onraenbet,  i()re  nä{)ere  53eftimmt^eit  finben,  iDie  alfo  5.  53.  ber 
3(rdöite!t  bie  allgemeine  33orfteIIung  be§  |)aufe§  ber  beftimmten 
iJorm  biefe§  ober  jene§  ^aufc§   accommobiren   muf].     ^em- 

'  Xi).  9)leljer,  ©vunbfä^e  ©.  99. 


112     @rfte§  Kapitel,   ©er  d^riftlid^e  ©taatSBegviff  im  allgemeinen. 

gemä^  wirb  nun  mand)e§  nad)  5Irt  ber  ©d)Iufef  olger un gen 
Qu§  ben  oberften  ^^rincipien  be§  natürlid)en  @efel^e§  ab= 
geleitet,  lüie  3.  33.  ha^,  ©ebot ;  ,Su  foUft  nic^t  tobten',  meld)e§ 
eine  gclgerung  qu§  bem  aUgemeinen  Oberfabe  ift,  nad)  bem 
man  niemonben  Ueblea  äufügen  borf.  5(nberea  leitet  fid)  ber= 
mittelft  näherer  53eftimmung  bon  5(tf gemeinem  t)er. 
<Bo  befagt  ha^  natürliche  ©efe^,  ba[3,  mcr  fel}(t,  ©träfe  leiben 
muffe;  baju  aber,  bo^  e§  gerabe  biefe  ober  jene  Strafe  fein 
foHe,  ge()ört  eine  naivere  Seftimmung.  ^n  ber  menfd}Itd)en  @e= 
fe|gebung  nun  finbet  man  Seftanbtfyeile  üon  beiberlei  5lrt."  ^ 
Ueber  ben  3nf}Qtt  unb  bie  üted)t§fraft  ber  menfc^Iidjen 
©efe^e  äußerte  fic^  Seo  XIII.  2  in  bem  Ütunbfdireiben  Liber- 
tas,  praestantissimura  naturae  bonum,  Dom  20.  Suni  1888 
folgenbermofsen :  „(Einige  biefer  menfc^Iic^en  ®efe|e  bejiel^en 
fid)  auf  baä,  ioa§  öon  SJotur  avS  gut  ober  bö§  ift,  unb  gc= 
bieten  ba§  eine,  öerbieten  tiü^  anbere,  jugleid)  mit  |)in5ufügung 
ber  entfpredjenben  «Sanction.  2)0(^  biefe  (^efe^e  traben  ifjren 
testen  @runb  feine§meg§  in  ber  menfd)lid)en  ©efeüf d^aft ,  ba 
biefe  nid)t  Urfprung  ift  ber  menfcblidien  5iatur,  baf;er  aud) 
nid)t  be§  ber  DIatur  entfprcd)enben  ©uten,  noc^  be§  \l)x  miber= 
fpredienben  58öfen ;  gut  unb  bö§  finb  Dielme^r  üor  ber  menf(^= 
(id^en  ©efeUfc^aft  unb  gelten  nur  üon  bem  Üiaturgefe^e  au§, 
ba§  ba^er  auf  tia^  ewige  (Befe|  ^inmeift.  2)ie  (Sebote  be§ 
9?aturgefetje§ ,  me(d)e  bie  menfd^Ii(|e  ©efe|gebung  in  fid)  auf= 
nimmt,  Ijaben  barum  nid)t  blofj  bie  S3ebcutung  eine§  menfd)= 
lid^en  ©efe|e§,  fonbern  empfangen  eine  biet  tjö^ere  unb  er= 
t)abenere  ©emalt,  meil  biefe  oom  5kturgefe|e  unb  bem  emigen 
©efetje  au»ge()t.  3n  '^ejug  auf  biefe  5trt  bon  ©efe^en  ift 
bieä  eben  bie  5Iufgabe  be§  bürgertidben  @efe|geber§,  auf  ©runb 
ber  ollgemeinen  Ote^t^orbnung  bie  ^Bürger  im  @et;orfame  ju 

»  S.   Thom.,  S.  theol.  2,  1,  q.  95,  a.  2. 

2  gncl)!afa  ,De  libertate  humana"  (1888).   Offtcieüe  (§erberfc^e) 
5Ku§gabe  ©.  18  (19)  f. 


5.  Staat  unb  9ie(!)t.  113 

crf)a(ten,  bie  53öfcn  unb  511  llebertretimgen  (geneigten  in  ©(^ranfen 
^u  galten,  baniit  fie  öom  33öfeu  äurüdfgefjalten  unb  jum  ©utcu 
LinGetvieben  werben  ober  tt)enigften§  ber  bürgerlidjen  ©efeUfdiaft 
feinen  @d)Qbcn  nod)  9tad)tf)eil  zufügen  fönnen.  — •  5Inbere 
(ÄJefe^e  ber  bürgerlichen  ©eraalt  gefjen  aber  nidit  unmittelbar 
unb  äunädjft  bon  bem  9laturred^t  au§,  fonbern  in  weiterer 
5-oIgerung  unb  ^Inwenbung,  unb  besiegen  [id)  auf  derfd)iebcne 
©egenftänbe,  für  we(d)e  bie  9Jatur  nur  im  atigemeinen  unb 
Dt}ne  nöf;ere  Sejie^ung  5}orfef)ung  getrau  ^at.  @o  gebietet  bie 
DJatur,  baf]  aüe  ^Bürger  mitmirten  jur  öffenttidien  9tu§e  unb 
SBo^tf afjrt ;  ma§  [ie  fjierf ür  ju  tljun  f)aben,  in  meldjer  S3eife, 
worauf  i^re  St^ätigteit  fid^  beäiefjt,  bie§  i[t  niiftt  bon  ber 
5?atur,  fonbern  burd&  menfc^Iii^e  2Bei§(}eit  beftimmt.  2)iefe 
mo^tbemeffene  unb  öon  ber  reditmofjigen  Obrigfeit  im  befon^ 
bem  borgefi^riebene  Sebenäorbnung  bilbet  'iia^  men[(^lid5c  ©efe^ 
Im  eigentlidjen  Sinne,  (5§  gebietet,  ba^  afle  S3ürger  ju  bem 
gemeinfamen  @tüat§ätt)ede  jujammenmirfen,  berbietet,  babon 
a5äun)eid)en;  inbem  e§  batjer  in  llebereinftimmung  ift  unb  fid) 
anfc^IieBt  an  bie  33orfc^riften  ber  5iatur,  füt^rt  e§  jum  fittlid) 
©Uten  unb  ^ält  ab  bon  bem,  maa  itjm  roiberftrebt.  |)ierauä 
erfjeöt,  bafj  bie  91orm  unb  9tege(  für  bie  g-rei{)eit  foibo^I  be§ 
(Sinsetnen  wie  ber  gefamten  menfdjlid)en  ®efeltfd)aft  burd)au§ 
auf  bem  eroigen  @efe|e  ®Dtte§  rul)t.  gür  bie  menfd}Ii(^e  @e= 
fenfd)aft  befte^t  barum  bie  f^rei^eit  nidit  barin,  'i)a^  jeber  tt)ut, 
maö  i^m  beliebt,  maS  bem  ©taatgroefen  bie  grö[5te  Unorbnung 
bringen,  e»  berroirren  unb  §u  @runbe  rid}ten  mürbe,  fonbern 
barin,  bafj  bie  ©taatagefetje  un§  förbern  in  23eobad)tung  ber 
@e6ote  be§  einigen  (Sefe^eS.  ®ie  f^reitieit  berer  aber,  metdje 
regieren,  5eftet)t  nid^t  barin,  baf5  fie  o § n e  (S r u n b  unb  na 6) 
SBillfür  befet)Ien  fönnen,  ma§  ebenfo  fdjäbltd)  möre  unb  bem 
@taat§mefen  jum  größten  33crberben  gereid^en  muffte;  ba§ 
roafjre  Söefen  ber  menfd)Iid)en  ©efe'^e  muß  bielmetjr  barin  be= 
ftel;en,   'ba^  \i)x  Urfprung   aus  bem   ewigen   ©efe^e 


114     ©tfteä  Kapitel.   S)er  (^riftltd^e  ©taats'begriff  im  ottgemeincn. 

tiax  erljeüt  uub  fie  nid^tS  berorbnen,  toa§  nicf)t 
in  biefem  qI§  bem  5Iu§gang§punfte  be§  gefamten 
9teci)te§  enthalten  i[t.  ^'6d)\i  tueife  fagt  borum  5(ugu= 
[ttnu§i:  ,®u  edennft  äugfeid),  mt  \ä)  glaube,  bafe  in  jenem 
;^eitli(f)en  (@efe|e)  oKe»  @erecf)tc  unb  (Sei'c|niQ[3ige  bem  ewigen 
(©efetie)  öon  ben  53?enid)en  entnommen  tüurbe,'  ©ollte  batum 
Hon  irgenb  einer  ©etüalt  eine  53e[linmning  getroffen  tnerben, 
entgegen  ben  (Srunbfä^en  ber  gefunben  S^ernunft  unb  bem 
©emeintüefen  fc^äblic^,  fo  I^ätte  [ie  nid^t  ©ejeiieafraft,  benn  fie 
toäre  bann  nid)t  Oiegel  ber  ©eredjtigteit  unb  iDÜrbe  bie  50'ien= 
fd^en  bem  Öute  entfremben,  luoju  bie  ®e[e!l](|aft  ha  i[t."  2 
9.  ^er  ©taot  er[d)ien  un§  nac^  hm  frütjern  5Iu§[ü{)rungen 
über  ben  Urfprung  ber  ftnatlidien  @efenfd)aft  qI§  ein  ^oftulat 
ber  men)d)(id)en  ÜZatur,  a(§  eine  ^orbcrung  ber  33ernun[t. 
2)Qrum  muffen  benn  au<S),  fo  f(f)IieHen  lüir,  au§  bem  nQtür= 
liefen  53ernunftrec^te  bie  oberflen  (Srunbfä^e  fid^  herleiten, 
tDeId)e  bie  5Iufgaben  be»  Staate^  unb  ber  ©taatSgemdt  be= 
ftinnnen.  2)er  (Staat,  ber  bie  i£)m  noturrec^ttid^  gefteüten  ^uf= 
gaben  ucrabfäumt  unb  bie  i^m  f)ier  gezogenen  ©renken  iiber= 
fc^reitet,  tritt  in  Sßiberfpvut^  mit  ber  gi)ttlid;en  unb  menfd)= 
(id}en  23ernunft,  t}erle|t  @otte§  @efe|  unb  öerlä^t  bamit  ben 
3f e(^t§boben ,  auf  bem  aüein  er  fid)er  beftel)cn  unb  glüdlii^ 
luirfen  !ann.  Wü  anbern  Borten:  ba§  Diaturred^t  regelt 
nid)t  nur  bie  gefellfdjaftlidjen  Sejiefiungen  ber  ben  ©taat  bit= 
benben  5Jknfd)en  untereinanber,  e§  5eid)uet  nidjt  nur  in  grofsen 
3ügen  unb  aögemeinen  Umriffen  ber  ftaatlidben  ©efe^gebung 
ifiren  Snl^alt  t)or,  —  e§  beftimmt  unb  begrenzt  nid)t  minber 
bie  9iid^tung  unb  ha?)  5}Jaf5  ber  gefamten  ftaat= 
nd)en  S^ätigfeit. 


1  Sßom  freien  3BilIen.    L  58uc^,  6.  ßap.,  Ta.  15. 

-  93gl.  ^ierju  anä)  @ncl)!Itta  „Sapientiae  cliristianae",  De  jjiae- 

cipuis  civiiim  christianorum  officiis  (1890).  Officieüe  (§ei"berfc^e) 
Slusgabe  ©.12  (13)  ff. 


5.  ©tOQt  iinb  5Rcd)t.  115 

„^ä)  tuünjc^te,"  jagt  23Q[tiQt,  „man  j'eüte  einen  ^rei§ 
iu§ ,  nid^t  nnr  non  f ünffjunbert ,  fonbern  bon  einer  TliU 
ion  grüne»  .  .  . ,  gU  ©unften  beffen ,  ber  eine  gute ,  ein= 
ad^c  unb  berfliinbige  '2)efinition  biefe»  einen  2SDrte§  ,8tQat' 
labe."  9]kn  fönnte  öielleic^t  ein  65Ieicf)e§  föünfdien  mit 
ße^ug  auf  bie  begriffüi^e  gefifleflnng  be§  <Staot§äföecfe§.  Sfl 
ü  bod^  mit  ber  SrfenntniB  be§  ^\üeät^ ,  ber  notljmenbigen 
i(ufga6en  be»  ©taateg  äugieid)  bejjen  inner[le§  Söefen  er= 
djiofi'en. 

^^ür  bie  d^riftücfie  ©ejenfcfiaftglel^re  mar  inbe§  ber  „'^taat^^ 
med"  ein  üerljältni^mä^ig  Ieid)te§  Problem,  gelöft  bereit»  burd) 
)ie  rid)tige  53eurtf)eilung  unb  ©rfenntni^  ber  ©runblogen  be» 
Staate»  in  ber  D^ienjc^ennotur,  jomie  feine»  33erl)ältniffe§  §um 
jnbibibuum  unb  ^ur  ©efetifdjaft. 

ß»  ift  nun  ni($t  unfere  5lbfi(^t,  an  biefer  ©teile  fdfion 
iefer  in  bie  Segrünbung  unb  33egrenäung  be»  ©taat§ätr)ede§ 
injuge^en.  S)a»  mirb  an  anberer  «Stelle  gefd)e^en,  mo  mir 
m»  mit  ben  Seigren  be»  frcimirtfi^aftlic^en  @t)ftem»  auaeinauber= 
^ufe^en  ^aben.  S;)kx  berül;ren  mir  ben  (Staat»5med  nur  im 
lü'gemeinen  unb  fomeit  e§  ber  3"fQ"''^£^^'J^iÖ  "^f^"  S)octrin 
aforbert. 

33ergegenmärtigen  mir  un§  in  ^ürje  bie  Srgebniffe  unferer 
)i5^erigen  Unterfui^ungen ,  unb  ol^ne  ©cömierigfeit  mirb  ber 
lon  Sott  gemotite  33eruf  unb  bie  naturred^tlici^e  5Iufgabe  be§ 
Staate»  unferem  ©eifte  fic^  barbieten. 

2Bir  bebienen  un»  '^u  biefer  O^ecapitulation  um  fo  lieber 
)er  SBorte  eine»  öerbienftboHen  ^lationalöfonomen ,  ber  bier 
m  mefentüdien  mit  5(^ren5,  ©ta^-I,  5Ro6ert  n.  9]?oI)I, 
J;t)eDbor  Uli  et)  er,  b.  ^ertling,  (Satt)  rein  ben  gleidien 
jrincipiellen  ©toubpunft  tfieilt,  al»  in  benfelben  fd)on  früfjer 
)er  beginn  eine»  erfreulid^en  ^oi^tfd) litte»  gerabe  ber  ötono= 
nifc^en  2Biifenf(^aft  jur  d^rijtti^en  ^tuffaffung  I)in  fid)  !uub= 
jegebcn  Iiattc. 


116     ®r[te§  ßa^jttel.   ®er  i^riftlt(i^e  ©taat^ficgriff  im  allgemeinen. 

„2)er@taat",  [agt  ^uHuS  ^aiti^i,  „ifl  ein  ur[prüng= 
lic^eS,  in  bem  inner[len  äßei'en  ber  DJ^enfd^cnnatur  tüurjelnbeS 
menfd){)eitlic^e§  ^nftitut,  ba§  fid)  mä)  be[limmten  geiftigcn 
2eben§t3efe^en  entfaltet,  allen  focialen  Sebenöfp^ären  unb  @Ie= 
menten  förbernb  unb  fd)ü|enb  nebenorbnet,  unb  waäi  ben 
immer  unb  überall  gleichen,  unberänberlidien  ^rincipien  be§ 
9fted^t§  unb  ber  @ered)tigfeit  unterftü^enb  unb  f}elfenb,  über= 
ipnd)enb  unb  beauffidjtigenb,  fc^irmenb  unb  ftärfenb  jur  <5eite 
[te^t.  ^raft  biefer  feiner  53iif[ion  i[t  ber  Staat  nid)t  etma§ 
(SonöentionelleS,  nichts  @emad)te§  ober  33eliebige§,  fonbern  ein 
urfprünglic^e§,  fortfi^rittfö^igeS,  [itt(id)e§  2Ber!  ber  bernünftigen 
DJ^enfc^ennotur.  @r  [te^t  nid)t  ba  al§  eine  3*üang§an[ta(t  für 
bie  ^tü^dt,  Slriebe  unb  ©trebungen  ber  TOenfd^en,  ober  al§ 
ein  |)emmf4iu^  für  bie  inbibibueüe  unb  feciale  grei^eit§= 
entmidlung,  fonbern  al§  eine  ^ilf§mad}t  für  bie  Entfaltung 
alle§  ^Vernünftigen,  für  bie  53ertüir!tid)ung  alle§  ®uten,  ©diönen, 
2öa{}ren,  9Ut^Iic§en,  nüeS  ec^t  5Jienfd)(i(^en.  @r  ift  feine  '?fli= 
gation  ber  ^rei^eit  ober  ber  Orbnung,  fonbern  gerabe  bie 
lebenbige  a}ianifeftation  unb  53erfö[)nung  be§  ^rincip§  ber 
i^rei^eit  unb  ber  Orbnung  .  .  .,  ber  progreffioen  unb  ber  con» 
ferbirenben  Elemente  be§  35ölfer(eben§  .  .  . ,  unb  ebenbe§^atb 
auc^  nid)t  etma»  33ergängUd)e§ ,  9)?omentane§ ,  fonbern  etmaS 
immer  S)nuernbe§,  eine  nie  ju  entbel^renbe ,  notfjmenbige  3n= 
ftitution  ber  5)knfd)[)eit  unb  aller  S^ölferentföidlung,  3)er  ©taat 
ift  fein  5)led)ani§mu§,  fonbern  ein  Drgani§mu§,  beffen  belebcn= 
beä  unb  befeelenbe§  Element  ha^  et^ifd^^bernünftige  9)ienfc^en= 


*  3n  feinem  $8u(^e:  S)ie  5RationaIöfonomif  aU  Sßiffenfdöoft, 
1.  %fjnl  bea  ©efamtluerieä:  Sfjeorie  unb  @efci)i(J)te  ber  9tattonaIö!o= 
nomi!  (Söten  1858),  ®.  265  f.  9Sgt.  üBerbie§  gur  oorliegenben  3^rage 
ben  ganzen  Slbfc^nitt  „Sie  35Dlföi;)irtf(^aft  unb  ber  Staat"  <B.  249  ff. 
—  S)a§  Stib  eine§  (Staates  nacEi  d)riftltcf)er  Stuf fafjung  l^at  ß  e  o  XIII. 
cnttoorfen  in  ber  @nci)flifa  „Immortale  Dei"  (1885).  Dfftc.  2lu§g. 
6.  6  (7)  ff. 


5.  ©taat  mib  9ied)t.  117 

tüefen  bilbet  imb  ber  [id)  nod)  ben  ©efe^cn  bet  [ittlicden  unb 
fociolen  SBeltorbninuj  bclucgt.  (Sr  abforbirt  ba§  ^nbibibiunn 
unb  bie  ©efeflfc^aft  nirf)t  bonftänbicj,  tüie  einft  511  ttn  Reiten 
be§  ^eibentl)um§  unb  gegentt)ärtig  in  ben  ibeologifdien  äi>ot)n= 
gebilben  ber  focialen  llto|3i[ten,  fonbern  er  i[t  uielniel^r  ein 
großer,  menfcf)(i(i)er  §ebel  jur  gteolifation  unferer  2eben§ätt)e(fe ; 
ein  Sßermittler  für  bie  (irbi[c^=)  menfd)Iic^e  unb  fociale  33e= 
ftimmung,  ba§  niäd)tig[te  Organ  ber  SBeltgefdiic^te,  bie  9>Dr= 
au§fe^ung  unb  ba§  g^unbament  allea  föaljren  t^ortfdiritte^, 
Quer  editen  eiöilifation,  Silbung,  müä)t  unb  Söofjlfofjrt." 

2Bq§  tnuB  baf)er  ol§  bie  nntürnd)e  ?(ufgabc  ber  ftaatlic^en 
®efeIIf($Qft  betrQd)tet  tnerben? 

10.  Sl^oniaS  bon  Iquin  erblidt  in  bem  irbijd)en 
2Bo^I  ben  ^md  be§  ©toate§i. 

Söenn  aber  bem  ©toate  al§  natürlicher  3icfpun!t  feine» 
@treben§  bie  ^citüdie  5Bof)Ifaf)rt  angen^iefen  tüirb,  fo  barf 
babei  ber  befonbere  6f)aro!ter  ber  ftaatlid)en  (Sefe(If(^aft  nid)t 
unberürffid)tigt  bleiben.  2)enn  aud;  ha?)  ^nbibibunm  i]at  fein 
anbere§  natürlid}e§  'S^d  al§  fein  eigene§  ©lud,  unb  bie  Sa= 
milie  finbet  i£)re  naturgemäße  5Iufgabe  in  ber  ©orge  für  bö§ 
aüfeitige  SBoIjtergefjen  it^rer  ©lieber. 

@§  entfielt  ba^jer  bie  S^ragc,  tt)eld)e  Folgerungen  fid}  für 
bie  93ertt}irfli(ibung  bea  irbifd)en  2BDl)(e§  ber  ^Bürger  au§  ber 
(Sigenart  ber  [taatUdKn  ©efeüfdjaft  ergeben? 

^nbem  ber  ©taat  a(a  t)öd)fte  natürlidie  @efeüfc^aft§form 
'üa^  äußere,   feciale  Seben  be§  SSoIfeS  ju  einer   organifdien, 

'  S.  Tliom.,  De  regim.  princip.  I,  c.  14.  —  Sieben  ttitr  in  foI= 
genbem  üon  ber  irbifd^en  SÖOi^Ifa^rt  aU  bem  '^xotd  be§  6taatcä,  \o 
fe^en  toir  natürlid^  beten  Unterorbnung  unter  ba§  jenfeitige  3iel  t)or= 
au§.  —  9}gl.  Costu-Eossetti  S.  J. ,  Philos.  moralis  (edit.  altera) 
p.  514 — 531.  tJ-erner  öon  bemfetben  35erfaffer:  ^lügenteine  (Brunb= 
lagen  ber  9lationaIöfonotnie  (3^rei6urg  1888)  ©.  7  ff.  —  ©f)riftIicE)= 
fociale  Sölätter  1884,  §eft  4,  ©.  107  ff. 


118     @rfte§  ,$?apitel.    S)er  t|rtftlid§e  ©taat§begriff  im  affgeuietnen. 

ober  morolifd^en  ©nl^eit  äufanimenfofet,  bejeii^net  bie  Don  i^m 
erstrebte  irbi[c!)e  2öo^[faf)rt  gtünr  ba§  BdI)!  aller  ben  ©taat 
bilbenben  Snbiöibiien  ober  (SefedfcfiQften ,  aüein  bte[e§  SBo^I 
!etne§tt)eg§  al§  blo^e  (Summe  ber  inbiDtbuellen  ober  jocialen 
©onbertntereffen,  bielmefjr  ent)pred)eub  ber  5htur  be§  ©taoteg 
aU  eine  ©in^eit  be§  S3)o^Ie§,  qI§  ein  unter  SluSgleic^ung  ber 
mannitjfad^  tüiberftreitenben  3utete[fen  cjefc^QffeneS  ©efamtmoljl. 

Siefcä  ©emeinmol)!  form  bol^er  nie  in  ©egenfa^  treten 
5um  äßofjte  ber  @e[amt^eit  ber  Snbibibuen,  ba  e§  eben  nidjtä 
nnbere§  i[t  aU  ha^  2Bo^I  ber  @e[amtf)eit  felbft.  Snnerfjalb 
be§felben  h)irb  jebea  einjelne  ^nbibibuum,  abgefe^en  öon  !^u= 
föEigfetten,  über  föelc^e  ber  «Staat  teine  Tladjt  ijQt,  feine 
tDefent(i(^en  irbijc^en  S^ede  erreici^en  tonnen.  Stber  eS  mu^ 
[id)  aüerbing§  juglei^  baju  berflel}en,  unter  Um[iänben  feine 
loeniger  ioefentlidien  Sntereffen  ben  ^ötjern  Sntereffen  bc§  ©an^en 
unterjuorbnen  unb  aud)  bei  ber  SSerfoIgung  not^roenbiger  unb 
bered)tigter  ^mdt  bie  gleiche  33ered)tigung  ber  übrigen  jur 
©eltung  fommen  ju  laffen  i. 

S)orau§,  bofe  ber  Staat  bo§  3SoI}l  ber  ©efamttjeit  feiner 
©lieber  al§  einer  ©in^eit  ju  bermirt(i(^en  ^at,  folgt  oud)  mit 
3^ott)tt)enbig!eit,  ha^  nidjt  jebe§  einzelne  ^nbiüibuum  nun  aüeS 


*  2öir  erinnern  l^ier  an  imfere  früf)ern  5lu§e{nanberfe^ungen  über 
i)a§  S5erpttiüfe  Don  ©taatöUiof)!  unb  ^nbiütbuaItt)of)L  ®a§  ©taatä= 
iüofjl  bccft  firf)  mit  bem  aügemeiiten  buvgerlid^en  SBol^I  in  ber  otien  au^= 
gefüfjrtcn  Sißeife.  —  SJlan  lann  aÜcrbingS  aud)  bie  .fiiräftigiuig  mib 
©tär!ung  be§  ©taateö  unb  ber  ftaatlitfien  Organifation  nid)!  mit  Un= 
re($t  aU  „©toatStoo^^i"  fieseic^nen.  Slßein  ba§  „©taat§tüoI)I"  in  bie= 
fem  engern  ©inne  orbnet  fid)  b^m  ©taatsiooi^l  im  treitern  ©inne, 
b.  i.  bem  „®emeinuiot)Ie"  ber  ben  ©toat  tilbenbcn  3nbiüibuen,  3^a= 
milien,  unter,  i[t  ein  9)cittel,  um  bie  ©idjerung  unb  Qrörberung  biefe§ 
(SemcinUio()te§  ju  bctuirfen,  aber  nidit  eigcntlid^cr,  Ic^ter  !i^\Vid  bt§ 
©taateS.  ©er  ©taat  ift  eben  fein  „©clbftjtoecf",  unb  barum  barf 
ba^  „©taal§lüoI)I"  im  engern  ©inne  niemols  in  ©egenfa^  treten  jum 
„©emeimwo^r  be§  ^olU^^". 


5.  8tQüt  unb  dM}{.  HQ 

Linb  jebea  dorn  ©taate  erroarten  unb  öerlangcu  bnrf,  maä  in 
'einen  perjönüc^en  33erf)ältniffen  gur  ©eiüinnung  bea  eigenen 
Prioatroo^ley  erforberüd)  [ein  mag.  5(u(i)  in  bem  beftgeorbnetcn 
Staataroefen  luirb  ber  @a|:  „@in  jebcr  ift  feines  ©lütfea 
Bc^mieb",  bie  üolle  Sebeutuncj  bewahren  muffen. 

11.  5(u§  bem  (Sefagten  ergeben  \\6)  sioei  mii^tige  ©efiddts^ 
)un!te  für  bie  nähere  5Beftimmung  beS  Staata^ioecfeg. 

iDcr  (Staat  I^at  5unäd}ft  bie  auf^ern  53ebingungen  eine§  ge= 
jei^tici^en  @emeinfcf)aft§(eben§  ju  bieten.  ©ebei^Iicf)  aber  tütrb 
)n»  ©emeinfdjaf taleben  nur  bann  fein,  menn  einerfeita  bem 
Snbioibuum  fomie  allen  bem  ©taate  bei=  ober  untergeorbneten 
Sefetlfd^aften  ©c^ufe  itjrer  natür(id)en  unb  ermorbenen  ütec^te, 
3uft  unb  9taum  ju  freier,  felbftönbiger  Entfaltung  i^rer  iQrüftc 
mb  i^re§  @treben§  nad)  ben  bered)tigten  inbiöibuellen  unb 
Dciaten  ^mdm  gemütjrt,  anbererfeita  baa  3iMa»^nie"&fftcO^'» 
)er  Derfd^iebenen  2eben§!reife  unb  i^rer  Seftrebungen  im  Ülal^men 
)ea  ©ansen  unb  mit  Unterorbnung  ber  unmefentlid&en  unb 
;ein  particulären  Sute^^effen  unter  bie  ^ntereffen  ber  @efamt= 
jeit  tnirffam  t)ermittelt  mirb^. 

©obann  foü  ber  Staat  in  5(u§übung  feiner  Stufgabe  a(a 
:iner  natürlid)en  §ilfamad)t  jur  g^örberung  be§  ®emeinmot)[ea 
)iejenigen  pofitiüen  Wittd  in  ben  ^ienfr  ber  ©efamtf)eit  fteHen, 
ue((^e  nid^t  burd)  bie  Gräfte  ber  (Sin^elnen  über  ber  fonftigeu 
jefcll]d0aftlid)en  Greife  ofjne  @d)nben  bea  gemeinfamen  SBo^IeS 
mb  3^ortfc^rittea  befdiafft  merben  fönnen. 

5)iefe  pofitiöe  g-ürforge  be§  Staate^  ift  eben  i()rem  Söefen 
md)  fein  bebormunbenbea ,  fonbern  ein  ergänjenbe»  SSirten. 
ck  foü  bie  Stjätigteit  ber  .©efellfd^aft  unb  ifjrer  einzelnen 
Siieber  meber  öerbrängen  nod)  abforbiren.  5lid)t  umfonft  finb 
a  'ODÖ)  ben  Snbiöibuen  unb  ben  niebern  ©efellfc^aftöformen 
f;re  Gräfte  unb  g^ii^igfeiten  Don  @ott  berlie^en  morben.    ^er 

1  D.  §ertling,  Stuf  jage  unb  üteben  B.  53. 


120     ®rfte§  ßatiitcl.    ®er  (^rtftlid^e  ©taatsbcgriff  im  allgemeinen. 

^ltn\ä)  Ijat  fobann  ba§  33er(Qngen,  biefe  feine  eigenen  Talente 
äur  ß)eltunt3  jn  bringen,  nnb  niemals  ttjirb  er,  mit  boöem 
9terf)t,  [ic^  einem  Softem  beugen,  tt)e{d)e§  i[)n  ber  gebü^renben 
©elbj'tänbigfeit  unb  ^nittatiöe  beraubt.  UeberbieS  Hegt  e§  auf 
ber  ."panb,  ba[3  für  eine  gefunbe  ©eftaltung  inäbefonbere  ber 
wirtfc^aftlic^en  $ßerf}ültniffe  jene  ?Ini|)annung  ber  geiftigen  unb 
för|)erü(f)en  Gräfte,  jene  ediärfung  ber  @infi(f)t,  loie  fie  gerabe 
mit  bem  felbftänbigen  «Schaffen  unb  ©trebcn  fid)  paart,  bur(f)= 
aus  nid)t  entbel^rt  merben  fann  ^    . 

@§  ift  borum  aud)  ein  nQtur=  unb  liernunftiüibrigeä  33e= 
ge'^ren,  menn  ber  ©ociatiSmuS  bem  Staate  ober  ber  al§  „®e= 
fellf(^aft"  bezeichneten  ©cmeinfdiaft  ber  93ürger  bie  (irjengung 


1  aSgl.  ^ü\i^  a.  a.  D.  <B.  255  f.:  „®cr  ©taat  realifirt  3unä(f)ft 
unb  ctgenttitf)  nur  bnä  SRec^t  (bie  3'led)tgorbnung) ,  aber  Ijiermit  er= 
möglid^t  er  äugteid)  (in  feiner  SGßeife)  bie  ©rftrebung  atler  onbern 
SebenSjtDerfe  ber  ©efeöft^aft  in  ben  berfd^iebenen  Sebenstreiien.  Ser 
(gtaat  ift  nic^t  berufen,  bie  S!Jienf(f)en  unb  bie  ©efeüfc^oft  in  ber  3}er= 
folgung  i^rer  !^'0)ede  fpecicü  ju  birigiren  ober  ficE)  bie  Stellung  einer 
religiöfen,  fünftlerifcfjen  ober  inbuflrielfen  Slntorität  3U  oinbiciren; 
er  'i)üt  aber  bie  DJiittet  unb  2öcge  3ur  iRcalifation  ber  gefettfd)aftlic5en 
©runbätüecfe  öorsubereiten,  bie  S3egrünbung,  Sici^erung  unb  ©rfialtung 
ber  öffentlii^en  unb  t)rtüaten  9le(|täorbnung  ju  betuirfen,  ba§ 
Drganif(i)e  ©anje  ber  auf  bie  ©rfüöung  aller  foctarcn  Slufgaben  fic^ 
begie^enbeu  Sted^täanftalten  unb  (Sinri(!)tnngen  gu  oermirflic^en ,  bie 
9Jli3 gltd) feit  eines  f{ttlicl^=tiernünfiigen  ©efetlfe^aftslebenä  nacf)  allen 
grunbiDefentIi(fien  Oiidjtungen  unb  ^xoidtn  auäuba^nen,  o{)ne  jebodj 
l^ierbei  ben  ©iuäelnen  an  bie  §anb  ju  nel^men  unb  tf)n  jur  ridjtigen 
Senu^ung  ber  burd^  ben  Dxed^täjuftanb  gegebenen  unb  üertoirflic^ten 
5Dftittel  ber  ©nllDtdCIung  unb  SSerooßfommnung  anjuleiten.  ^raft 
biefer  feiner  Sefttmmung  nnb  Slufgabe  toirb  ber  ©taat  angetniefen 
fein  .  .  . ,  bie  Sicherung  unb  S^eftigung  ber  focialen  ©efnmtorbnung 
ju  oottfül^ren  unb  fo  aud)  al§  §ebel  unb  S3ermittfung£iorgan  ber  ber= 
fd^iebenfien  menfc^lii^en  unb  gefeüfdiaftU^en  Seftimmungöfrcife ,  aU 
6entral=  unb  5FcitteIpunft  aller  Jöebingungen  für  ben  aßgemetnen 
iJortfd^vttt ,  für  bie  ßnttoicflung  nnb  iüeroodfommnung  be§  gefamten 
SJoIfSlebenö  fidj  tptig  unb  mirffam  ju  enoeifen." 


5.  «Staat  unb  ^Red^t.  121 

unb  33ert^eilung  ber  ©ac^güter  übertragen  totH.  S)er  Staat 
mag  [id)  an  ber  9}Dl!§rt)irtf($aft,  folueit  ba»  ©enieinmot}!  ha= 
burd)  nid^t  gejdjäbigt  tüirb,  betfjeiligen.  5(ber  eine  ©taat§= 
ober  ®eiet(i'(f)aft§tt)irtic^aft  im  Sinne  be§  8DciaIi§mu§,  eine 
nnmittelbare  Seitung  ber  ^robnction  unb  i^ert^eilung  ber  ^rD= 
bucte  hnxä)  bie  G'entralgematt  be§  Staates  h^w.  ber  ©efamt^ 
f)eit  ber  „©enoffen",  i[t  tneber  principicU  äu(ä][ig  noc^  irgcnbmo 
unb  irgenbtuann  burc^  bie  :^iftori[d)e  Sntinicfhmg  geforbert, 
tneil  fie  eben  für  ben  (Sinjelnen  roic  bie  ©efamt^eit  jeberjeit 
lierberblic^  unb  unerträglich^  märe. 

5lucf)  bei  ber  richtigen  Umgrenjung  ber  [taattid)en  9te(f)te 
unb  5Iufgaben  bleibt  ein  meite§  ©ebiet  übrig,  inncrfjalb  befjcn 
bie  Staat§gemalt  ifjrer  micfitigen  ^fiid)t ,  pofitiö  förbernb 
auf  baa  33Dlt»moI}I  einjumirfen,  genügen  !ann.  ©er  Staat 
mirb  babet  in  ber  3teget  an  bie  bor^anbenen  ©eftaltungen  äu= 
näd)ft  anfnüpfen  muffen,  bie  gegebenen  c^räfte  mcden,  an= 
regen  unb  förbern.  (Sr  mirb  3.  58.  im  ^ntereffe  ber  ©cfamt^ 
!^eit  ein  fic^ereS  Saufdimittel,  einen  aKgemeinen  2Ö3ertt)ma^ftab 
[jerfteüen,  ber  (Srric^tung  unb  Sinfü^rung  Don  2]erfe^r§mitteln, 
meld)e  unmittelbar  im  2;ienfte  be»  gemeinfamen  Söo^Ieg  aüer 
fielen,  feine  5Iufmer!fam!eit  mibmen,  bie  ^ntereffen  ber  natio= 
naien  2Birtf(fiaft  anbern  33öffern  unb  Staaten  gegenüber  ber= 
treten,  ben  ein^eimifd}en  5Iderbau  ober  eine  nod)  junge,  jum 
SSettbemerb  mit  bem  5Iu§{anbe  unfäf)ige  ^nbuftrie  bi§  ju 
i^rer  Srftarfung  burd()  3öQe  gegen  bie  erbrüdenbe  ßoncurrenä 
bon  außen  f(^ü^en.  (Sr  mirb  mirtfc^afttid)en  .Qrifen  nad)  ^räf= 
ten  bor^ubeugen  mtb  bie  t^atfäc^Iic^  entftanbenen  ^u  milbern 
fudjen  u.  f.  m.^ 

12.  Seo  Xni.  faßt  in  bem  Ü^unbfi^reibcn  Rerum  no- 
varum^  bie  berfd^iebenen  ^Jiomente  unb  Wükl  ber  flaatlidien 


'  Cf.  au:  Antoine  S.  J.,  Cours  d'Economie  sociale  (1896)  p.  74. 
2  Offic.  (§erberfc^e)  5Iu§gabe  <£.  46  (47). 
qSeid^,  2iberaa§ntu§.   I.  2.  Stuft.  6 


122    ©rfteg  ßapttel.   ®er  c^riftüd^e  ©taatöbeijriff  im  atlgemeinen. 

SIßot){faIjrt§|Drge  furj  sufammen,  inbem  erjagt:  „5!)ie  53ei{)ilfe 
qI)o,  ioe(rf)e  öom  Btaak  ju  erroarten  tüäre,  befleljt  äimäd)[t 
hl  allgemeinen  gefe|Iid)en  SSerorbnungen  unb  6inrid)tungen, 
bie  eine  gebei()Iidje  (äntroicflung  be§  Söofjlftanbe»  befi)rbern. 
.v)ier  liegt  bie  Stufgabe  einer  ein[id)tigen  9tegiernng,  bie  irat^re 
^\l\6)t  jeber  toeifen  Staatsleitung.  SBa»  aber  im  «Staate  bor 
oüem  ben  SBotjIjtanb  öerbürgt,  H^  t[t  Orbnung,  ^näji  unb 
©itte,  ein  mo^tgeorbneteS  ö^amilienleben,  5ld)tung  üor  9teUgion 
unb  äiedit,  mäßige  3(uf(agen  unb  gteidje  ä^erttjeilung  ber  Saften, 
53etriebfam!eit  in  ©etnerbe,  ^nbufttie  unb  |)anbel,  günftiger 
©tanb  be§  ?lder6aue§  unb  äf}n(i(^e§.  3e  umfiditiger  aUe  biefe 
|)ebel  benu|t  unb  gef^anb^abt  werben,  bcfio  gefilterter  i[t  bie 
2ßoI)I[at)rt  ber  ©lieber  be§  ©taate§.  |)ier  eröffnet  fid)  a(fo 
eine  meite  33a^n,  auf  metdier  ber  ©taat  für  ben  SZu^en  aller 
klaffen  ber  53eöö(ferung  unb  inSbefonbere  für  bie  Sage  ber 
5lrbeiter  tt;ätig  fein  foü ;  unb  ge§t  er  auf  biefer  93afjn  Doran, 
fo  ift  burd)au§  fein  3^orn)urf  möglid),  at§  ob  er  einen  Ueber= 
griff  beginge;  benn  nid)t§  ge^t  ben  ©taat  feinem  SBefcn  nad) 
näfjer  an  a(§  bie  5pfüd)t,  'Qa^  ©emeinmotjl  jn  beförbern,  unb 
je  n3ir!famer  unb  burdjgreifenber  er  e»  burc^  allgemeine  y)la^= 
noljmen  t§ut,  befto  n)eniger  braud)en  anbermeitige  93?ittct  jur 
53efferung  ber  5trbeiterber§üttniffe  aufgefudjt  ju  merben." 

Sn  allen  gäüen  aber,  fotDoI)t  in  ber  33ertretung  ber  natio= 
naien  3Birtfd)aft  bem  5(u»(anbe  gegenüber,  in  ber  ©infütjrung 
foiüie  5tbfd)affung  öon  Söüen  ober  ^Prämien,  in  ber  görberung 
mirtfi^aft(id}er  Unternel)mungen,  in  ber  .^erftenung  Don  53JitteIn, 
luet^e  bem  33er!eljre  bienen  u.  f.  \v.  —  ftet§  mu^  bie  ©taat§= 
geroalt  fid)  beroußt  bleiben,  baf?  fic  a(§  9^e|)räfentant  be» 
©anjen,  für  ©egenroart  unb  3»^u"ft/  "i^t  'i^  S)ienfte  einer 
einselnen  beborgugten  l^laffe  ju  ^anbeln  ^at. 

2Bir  bert)etjlen  un§  nid)t,  bafj  in  einer  3eit,  roo  bie 
©taat§re(^t§(etjre  bie  53efugniffe  ber  StaatageroaU  in  ungebü(}r= 
Iid)er  2Bei[e  auägebe^nt  l}at,  Seljren,  roie  mir  fie  borgctragen 


1.  S)ie  ©ercd^tigfeit  aU  ^rtncip  ber  CrbunnQ.  123 

f;a6en,  mancherorts  auf  Sßiberjprud^  [to|en  tüerben.  5I(Iein 
'iia^  fonnte  un§  nidjt  abljoüen,  ber  2öal)rl}eit  bie  6f)re  ju 
geben,  uin  fo  weniger,  tt)ei(  mir  überjeugt  finb,  bo^  eine  |)ei= 
hing  ber  focialen  Schaben  nnr  bann  mögüd)  ift,  menn  "ba^ 
©taatsleben  gan5  nnb  rüdfjaltlo»  auf  ber  fe[ten  ©runblage 
ber  fittlid^en  äßeltorbnung  ola  einer  ©Dtte§fa|nng  Don  nenem 
[lä)  anfbaut,  föenn  bie  ©efct^gebung  irie  bie  gefamte  [laatlid)e 
S^Qtigfeit  9te(i)t  unb  ©erec^tigfeit  föieberum  aU  \l)xt  5^orm 
unb  i^r  93iaB,  al§  ©eele  nnb  ©iegel  anerfennt. 


Die  ftttatUd)e  Ucd)t0orbnung. 


1.  SBenn  e§  ben  ab[oIuti[tifc^en  Seftrebungen  be§  ©Dciali§= 
mn§  gegenüber  nnerläBücf}  i[t,  für  bie  bürgerlidje  ^^reiljeit  ein= 
jutreten,  fo  bürfen  ttiir  anberer[eit§  niema(§  öergeffen,  ba^ 
e§  feinen  ©ocialiSmuS  geben  lüürbe,  ^ötte  nic^t  ber  2i6erQli§= 
mu§,  iüenig[ten§  für  ba»  tDiri|d)aft(i(i)e  ©ebiet,  eine  ganj  un= 
gebü;^r(id)e  g-reil)eit  für  fid)  in  5lnf|)rud)  genommen. 

„®ie  grei^eit,"  fagt  2eo  XIII. i,  „bie)e§  fo  borsüglic^e 
@ut,  melc^eS  bie  Dlatnr  un§  gegeben,  unb  bQ§  nur  ben  in= 
telligenten  2Sefen  ^ufommt,  bie  ben  ©ebraud^  ifj^e^  3Sernnnft 
f)Qben,  üerleifit  bem  ^Jknfc^en  eine  foldie  Söürbe,  baß  er,  feiner 
eigenen  @ntfc^eibung  folgenb,  t^err  ift  feiner  ^anblungen. 
5Iber  e§  fommt  fef]r  öiel  bnrauf  an,  mt  er  eben  biefe  feine 
SBürbe  anmenbet;   benn  bie  ^öetljätigung  ber  grei^eit  ift  tnie 


1  (£nct)!Iifa  ,De  libertate  humana"   (1888).    Dffic.  (.^erberfc|e) 
2tu§g.   ©.  6  (7)  f.    14  (15)  f. 

6* 


124  StteiteS  .Kapitel.    ®ie  ftaatlidie  3fie(|täorbnung. 

ber  fjßd)fien  @ütcr,  \o  oiitf)  ber  l^öd^ften  Uebel  5)?utter.  2Bol)I 
fte^t  e»  bei  bem  9)Zenjd)en,  ber  23ernunft  511  ge^ord^en,  bem 
^ittüä)  ©Uten  ju  folgen  unb  geroben  2ßege§  feinem  l)öd)ften 
3iele  nad)5uflreben.  S)0(^  ebenfo  fann  er  aud)  nad)  allen 
mögü(f)en  9tid)tungen  ^in  abirren,  inbem  er  Srugbitbern  öon 
©ütern  nadige^t,  bie  fittüdie  Orbnung  ftören  unb  freituiüig 
fid^  in§  33erberben  ftürjen.  ...  S)a  e§  fii^  alfo  mit  ber 
menfd)ti(^en  ^^reiljeit  berrjätt,  fo  mufete  i^r  ein  entfprec^enber 
Seiftanb  unb  <Bd)ü^  werben,  moburd)  alle  ifjre  2;f)ätig!eit  ju 
bem  ©Uten  ^in,  bon  bem  SÖöfen  ^inmeg  gewenbet  mürbe,  foHte 
nidjt  bieten  bie  SBiüen^freiljeit  ^um  ©(^aben  gereidien.  — ■  (S§ 
mar  barum  nottimenbig  ba»  ©efe^,  b.  ^.  eine  Otegel  für 
"öa^,  ma§  ju  t^un  unb  ju  meiben  ift,  gür  bie  bemuf5t= 
lofen  SBefen,  meiere  mit  9tot()menbigteit  fid)  betljätigen,  !ann 
e»  ein  fofd)e§  im  eigentlichen  ©inne  nid)t  geben,  ha  fie  in 
i^rer  gefamten  S;(;ätigfeit  bem  antriebe  ber  5^atur  folgen  unb 
bon  ficb  au§  in  feiner  anbern  2Beife  tljötig  fein  fönnen.  Sie 
freien  Sßefen  aber  ^aben  eben  barum,  meil  fie  fid)  ber  3^rei= 
^eit  erfreuen,  ba§  93ermögen,  ^n  ^anbeln,  nic^t  ju  ^anbeln,  fo 
ober  Qnber§  ju  ^anbeln,  ba  fie  mähten,  ma§  fie  motten,  iinh 
jenes  oben  ermähnte  Urttjeil  ber  Vernunft  borau§gegangen  ift. 
S)iefe§  Urtljeil  beftimmt  nid)t  bto^,  ma§  feiner  9iatur  nad) 
fitttid)  ift,  ma§  unfittlid^,  fonbern  aucb,  ma§  gut  ift  unb  gu 
bofibringen,  ma§  böfe  unb  ju  meiben;  e§  fd)reibt  eben  bie 
95evnunft  bem  ^Bitten  bor,  monadb  er  ftreben,  ma§  er  ber- 
meiben  foü,  .bamit  ber  ^J^enfc^  fein  tjödjfte»  'S'^d  erreichen  !ann, 
um  beffen  mitten  alle§  übrige  ju  gefc^e^en  ^at.  ®iefe  Orb= 
nung  ber  ^Bernunft  nun  nennen  mir  ©efe^.  —  2)er 
tieffie  ©runb,  in  bem  ba§  ©efe|  gemiffermalen  murjett  unb 
feine  D^otfimenbigfeit  Ijat,  liegt  barum  in  ber  2öitlen§freil;eit  be§ 
9}|enfd)en  felbft;  e§  folt  nämlid^  unfer  SBitte  mit  beK  maleren 
5ßernunft  im  ©inftange  bleiben.  9ii(^t§  ift  barum  fo  falft^ 
unb  berfe^rt,   al§  menn  einer  benfen  unb  behaupten  mollte, 


1.  S)ie  ©ered^tigfeit  aU  ^rincip  ber  Drbnung.  125 

m\l  ber  2)Jcnfc^  Don  Dktur  au§  frei  i[t,  \o  müfje  er  gcfe^Io» 
[ein ;  benn  bie§  l^ie^e  [o  Diel  ala  befjaupten,  e§  niüffe  bie  grei= 
l^eit  bernunftloa  fein  ^  (Serabe  bQ§  ©eijcnt^eil  ift  üielmefir 
ber  lyaU:  tüeil  ber  5Jienf(^  bon  Dktur  au»  frei  ift,  barum 
mu^  er  bem  ©efe^e  untergeben  fein.  Sn  fold^er  SBeife  leitet 
'ba^  ©efe^  ben  5J?enf(f)en  in  feinen  ^anbtungen,  wirb  e§  xijm 
burd^  3]er^eif5ung  üon  Soljn,  burd^  5(nbrof)ung  bon  ©trafen 
ein  eintrieb  jum  ©uten  unb  pit  Dom  33öfen  i^n  gurürf." 

2.  ©(^on  früher  fjoben  lüir  bargelegt,  tt)ie  bie  redete  Orb= 
nung  bc»  nienfc^Iid)en  Seben»,  unfere§  23er^ältuiffe§  ju  ©ott, 
ju  un§  felbft,  ju  ben  93iitmenfd)en  a(§  SnbiDibuen  unb  al§ 
gefeüfd^aftlid^e  ©efamt^eit  Dor  aüem  Dorgejeid^net  h)irb  burd) 
ba»  natürliche  ©itt engefe^,  bQ§  in  eine»  jeben  9Jienf(^en 
^er^  gefc^rieben  ift.  5Iber  ba§  göttlid)e  Dlaturgefet^  bebarf  in 
Dielfadier  |)infi(^t  ber  nähern  Seftimmung ,  unb  biefe  nöfiere 
53eftimmung  unb  5(ntDenbung  juglei^  mit  ber  irbifdien  eanction 
bietet,  fotoeit  bie  Drbnung  bea  gefe(lfd;aftlid}en 
3ufammenleben§  inmitten  be»  ©taate»  in  grage  fommt, 
tia^  menfc^Iidöe,  ftaatlic^e,  pofitiDe  ©efe|.  ^ierauS  er= 
gibt  fic^,  bafj  ofjne  3™^^!^!  f^^cb  ber  Staat  befugt  ift,  burd) 
feine  ©efe^e  bie  greitieit  ber  33ürger  ju  befdjränfen. 

5IIIein  nic^t  o^ne  ©runb  unb  naä)  SSiüfür  barf  biefe  53e= 
fd)rän!ung  fi(^  Doüjietjen.  ©eljört  boi^  bie  grei^eit  jur  natür= 
lidben  ^uöftattung  be§  53?enfc^en,  ift  fie  bod)  ein  J)o^e§  ©ut 
unb  ein  natürlic^ea  9ted)t,  raeldbe»  ber  ^J^enfd)  nid)t  Dom 
©toate  empfängt,  fonbern  logifdb  unb  rec^tlici^  Dor  bem  ©taate 
befi^t,   unb   ba§  barum   aud)   nur  fomeit  befc^ränft  merben 


^  „Stet  ift  ha^  SSernunfttoefen,  ba§  fti^  bem  ©efe^e  conformiven 
fann,  unb  eö  fann  bte§,  tijetl  bie  inteßectuelfe  ßraft  in  il^m  auf  ba^ 
^nteCegible  l^ingeorbnet  ift.  Sarin  liegt  feine  Sßürbe  unb  augleid^ 
bie  Sürgid^aft  feiner  Unöergängü(^feit"  (Dtto  2Cßinmann,  ©e= 
\ä)iä)k  be§  Sbealtärnuä  III  [1897],  §  123:  ®ie  ibealen  ^rincipien 
olö  feciale  Stnbegctoalten,  ©.  951). 


126  StDciteS  ßapitet.    Sie  ftaatüd^e  91cd^t§orbnung. 

barf,  wie  ber  naturrecfitlid^  be[timmte  bejonbere  ©taatapedf 
biefe  Sefdiränfung  forbert. 

S)a§  [inb  bie  beiben  für  bie  ri(i)tige  53eurtf)et(ung  unb  5Bc= 
meffung  einer  Sefd^ränfung  ber  bürgcrlidjen  greif)eit  iunerfjalb 
ber  [taatli(^en  ©efellfi^aft  entfdieibenbcn  ÖriinbiQ|e: 

®r[ten§:  S)ie  greiijeit  ber  Sürger  im  Staate  fann  feine 
abfolute  greif)eit  fein. 

3tt)eiten§:  ®ie  Sejc^ränfung  ber  g^reitieit  boU« 
jie^t  fid)  ni(^t  nac^  SBilÜür;  fie  barf  nur  fo  itieit 
gefien,  al§  ber  ©taatSjtoecf,  b.  i.  ba§  ©emeintoo^I  be§  3SoI!e§, 
eine  Sefdiranfung  ber  greificit  unbebingt  erforbert^. 

S)a  Ca  nun  gerabe  bie  5(ufgabe  ber  @erecf)tig!eit  ift,  ba§ 
gefellid)aftlid)e  Seben  in  ber  red)ten  SBeife  ju  orbnen,  b.  ^.  ba§ 
33erI)äItniB  bea  einzelnen  sum  ©anjen  unb  ju  ben  mit  i^m 
in  ber  Öefeüfdiaft  lebenben  ^erfonen,  ber  33ernunft  unb  bem 
SßiUen  @otte§  gemäß,  ju  regeln,  fo  wirb  man  bie  ®ere(f)tig!eit 
f(i^Ie(i)t^in  a(§  ba§  ^rincit)  ber  Orbnung  be§  freien  menfd^= 
Iiä)en  f)anbeln§  innerhalb  ber  ©efeEfc^aft  bejeidinen  bürfen.  ©ie 
beftimmt  unb  bemißt  genau,  meldje  53efd}rän!ungen  bie  grei= 
l^eit  nac§  ÜJkßgabe  be§  Btaat^totd^^i  fidj  gefallen  laffen  mu^. 
gugleic^  ber^inbert  fie  bie  (Srrid}tung  ungebüf)rli(^er  ©diranfen. 
2BeiI  niimlid)  bie  g-rei^eit  felbft  ein  9?ed)t  be§  DJ^enfdjen  ift,  fo 
mirb  bie  ©erec^tigfeit  eine  Sefc^ränfung  ber  grei^eit  nur  fo 
meit  bulben  tonnen,  al»  tjö^ere,  allgemeinere,  ältere  O^ed^te  ju 
i^r  in  Sottifion  treten.  50^it  anbern  Sßorten:  bie  33 e= 
fc^ränfung  ber  f^rei^eit  regelt  fid)  nad^  bem  5prin= 
cxp  ber  Siec^taconifion. 

(Sa  !ann  bafier  feinem  3^2ifel  unterliegen,  ba$  für  bie 
rid)tige  5ßeurtt)eitung  focialcr  33er(}Qltniffc  unb  fociafer  Silagen 
eine  genaue  ßenntnifj  ber  gorberungen  ber  @ered)tig= 
feit  unentbe'^rli(|  ift. 


'  Cf.  CJtr.  Antoine,  Cours  crp]conoinie  sociale  p.  80  ss. 


1.  S)ie  ©ercd^ttsfeit  als  5Priucip  bcr  Orbnung.  127 

3.  ©er  ©taat  mu^  bie  ©ered^tigfcit  tt)at)ren.  ©iefcn  ©a^ 
in  feiner  allgemeinen  Raffung  »irb  aUerbingS  niemanb  be= 
[treiten  moüen.  bringt  man  ober  tiefer  in  bie  33ebeutung 
be§feI6cn  ein,  beftimmt  man  genauer,  tt)a§  bie  ©taatagemalt 
in  5üi§übung  jene§  ^rincip§  ju  leiften  ^at,  fo  gen)at}rt  nmn 
alabülb,  ba|  bie  93ieinungen  meit  au§einanbergef)en. 

^lad)  d)rifllid)er  5tuffaffung  fott  ber  (Staat  nid)t  nur 
„9(ad)ttt)üc^terbienfte"  leiften  —  um  jenen  ^tuabruct  ju  ge= 
braud)en,  beffen  gerbinanb  Soff  alle  jur  furzen  6^ara!teri= 
firung  ber  ftaatSrec^tlic^en  ?lnfd)auungen  be§  2iberali§mu§  fid) 
bebiente.  @r  füll  feine  btof^e  5tffecuranägefeIIfd)aft  für  bie 
tljatfädilid)  gegebenen  33ermögen§=  unb  9ted)töDcr[)ä[tniffe  fein, 
nic^t  aüein  bie  ermorbenen  9ted)te,  ben  ermorbenen  23efitj  fdiü^en 
unb  fc^irmen.  ©eine  f)ei(igfte  ^f(id)t  bielmefjr  ift  eg,  bie  gan^e 
©erec^tigfeit,  in  ifirem  t) ollen  Umfange,  innert}alb  ber 
Sphäre  be§  äußern,  gefetlfc^aftlid^en  2e6en§  ju  bermirflidjen. 
Sßerfäumt  ber  Staat  biefe  feine  mefcntlid^fte  5lufgabe,  bann 
unb  nur  bann  treten  jene  furd}tbaren  unb  gefäl)rlid)en  3udungeu 
bcr  ©efedfdiaft  ein,  iüeldie  man  „5?Iaffen!ämpfe"  ju  nennen 
pflegt.  S)er  ^laffenfampf  ift  barum  ber  d}uiftlid)cn  @efell= 
f(^aft§Ie!^re  äufolge  ebenfomenig  eine  Ijiftorifdje  9ZotI}menbig!eit, 
mie  bie  Ungered;tig!eit  in  irgenb  einem  ^^i^punft  mit  ber  gc= 
fd)id)tlic^en  (Snttnidtung  unabmeisbar  berbunben  fein  mu^. 

4.  2Bir  braudien  nur  furj  bie  gorberungen  ber  focialen 
©ered^tigfeit  un§  üor  klugen  ju  füljren,  um  fofort  ifjre  ge= 
maltige,  tief  einfdineibenbe  Sebeutung  für  aUe  2eben§freife,  für 
Snbibibnum,  gamilie  unb  Staat  ^u  erfennen. 

Sie  ®ered)tigteit  tjerlangt  ifjrem  innerften  Söefen  nad),  baf? 
„jebem  ha§i  Seine"  äugetfjeilt  tüerbe,  ber  ®efenf(^aft  baa 
S^rige,  bem  ©in^elmenfc^en  ba§ ,  ma»  ifim  gebührt.  Seit 
Ulpian  ift  i(}re  23egripbeftimmung  ftationär  geblieben:  lu- 
stitia  est  perpetua  et  constans  voluntas  ius  suum  uni- 
cuique  tribuendi  —    „©erec^tigteit   ift  ber  be^arrlid^e   unb 


128  3tocite§  Kapitel.    Sie  ftaatlic^e  Sted^tSorbnung. 

entfd)iebene  ^Biöe,  einem  jeben  fein  SRec^t  ^u  geben  unb  511 
(afjen"  \ 

"^an  unterjc^eibet  nun  eine  generelle  unb  eine  particutate 
@ered)tiglfeit.  Slod)  i[t,  6e)Dnber§  in  ber  weitem  3£i^^egung 
bie)er  Segriife,  bie  Terminologie  nidit  bei  oüen  ^futoren  biefelbe. 

9tn gemein  nennen  mir  biejenige  2Irt  ber  ©erec^tigfeit, 
meldte  entroeber  ba§  33crpItniB  ber  (Sinjelnen  5ur  ©efamtfjeit 
a(ä  fold^er  ober  umgeMjrt  ba§  33er^Qltni^  ber  (Bejamtfjeit  al§ 
l'olc^er  5U  t)tn  ßinjelnen  regelt  2.  gur  allgemeinen  @ere(5tig= 
!eit  gefiört  einmal  bie  iustitia  legalis,  fo  genannt,  meil  e§ 
bie  mefent(id)fte  5(ufgabe  ber  ®efe|gebung  i[t,  bie  Ütegelung 
be§  (SinselwiüenS  jum  aügemeinen  33e[ten  ju  öonsiefjen;  fobann 
bie  iustitia  distribtitiva ,  mel(^e  bie  geregte  3ut^eilung  ber 
gemeini'amen  Saften  unb  SBo^ItCjoten  bon  fetten  ber  ©efamtfjeit 
an  bie  ßinjelnen  orbnet.  (Snbli^  bie  ©trafgeredjtigfeit,  iustitia 
vindicaUva,  meld)e  jumeilen  m^  al§  S^eit  ber  biStributiöen 
@ered)tig!eit  aufgefaßt  mirb. 

Sefonbere  @ered)tigfett,  iustitia  particularis ,  nennen 
mir  biejenige  5trt  ber  ®ered)tig!eit,  meld)e  bie  priöatrec^tüdjen 
33erfjö(tniffe  ber  ^nbiöibuen  untereinanber  ober  jum  ©taate 
3U  regeln  berufen  ift.  '^\\6)  ber  Staat  l)a[  biefe  priöatred)t= 
lic^e  @pt)äre  feiner  93ürger  ^u  achten,  mie  er  anbererfeit§  al§ 
3Sermögen§fubject  (gi§cu§)  innerhalb  berfelben  Sräger  bon 
^tec^ten  unb  ^flid)ten  fein  fann. 


'  S.  Tliom. ,  S.  theol.  2,  2,  q.  58,  a.  1  (i.  c.  a.) :  Iustitia  est 
babitus,  secundum  quem  aliquis  constanti  et  perpetua  voluntate 
ius  suum  unicuique  tribuit. 

^  3tnbere  Slutoren  ^iefien  e§  öor,  bie  iustitia  legalis,  distributiva 
unb  commutativa  al§  2Irten  ber  ©erecf)tigfett  überfjaupt  nebeneinanber 
ju  fteüen.  Sabei  regelt  bie  legale  ©eredjtigfeit  bie  SBejiefiinigen  ber 
Unterorbnung  ber  Sürger  unter  ba§  ©anse,  bie  biötributiüe  ©e= 
rec[)tig!eit  bie  S5e3te:^ungen  ber  Ueberorbnung  ber  SSorgefe^ten 
über  bie  Untertl^anen ,  bie  commutatiüe  ©eretfjttgfeit  bie  Segiel^ungen 
ber  einonber  coorbinirten  33ürger  unter  ficf). 


1.  S)ie  ©ercd^ttgfeit  aU  ^rincip  ber  Orbnung.  129 

5.  2)ie  allgemeine  ©er ed)tigf ei t  orbnet  alfo  5iniäd)[t 
bie  Sesief^imgen  be»  ©in§ einen  ju  ber  [taatlidjen  ©e= 
nieinfdiaft,  in  ber  er  lebt,  ©ie  [id)ert  ben  @e[enfd^Qft§= 
üorftänben  unb  bem  ©efelje  ben  ©efjorfnm  ber  Untergebenen 
nnb  orbnet  bie  porticulären  ©onberintereffen  ber  Snbiüibnen 
unb  ber  niebern  fociolen  S^erbänbe  bem  ©efamttDoI}!  ber  gongen 
©efeüfdiQft  unter  nad)  ben  '^orberungen  bea  natürlid)en  9tcd)te». 

Sdu  bei'onberer  33ebeutung  für  ha?!  gefeüidjaftlidie  2e6en 
i[t  fobonn  [taatU^erfeit§  bie  ©erec^tigteit  in  ber  23er= 
tljeilnng  ber  öfientlidjen  ©üter  unb  ^a\kn  je  nad)  ber  2öürbig= 
feit  unb  2ei[lung§fäljig!eit  ber  einzelnen  ©ejenjdjaftaglieber. 
©ie  i[t  t)ör^err[d)enb  eine  5p[Iid)t  ber  SSorgefe^ten  im  Staate, 
toeldie  feinen  ©taat§bürgcr  über  ©ebü^r  beöDr^ugen  ober  un= 
gebütjrlid^  mit  2ei[tungen  für  bie  ©cfamttjeit  belaften  bürfen  ^. 

S)ie  3]ern3irflid)ung  ber  9ted)taorbnung  bringt  ea  enblid) 
mit  fid&,  ba^  ber  ©toat  auf  ber  ganjen  Sinie  bea  gefenfd}aft= 
lid^en  8eben§  bie  red^tamibrigen  5lcnfeerungen  ber  Brutalität 
unb  ber  ©elbflfud^t  ftrafen  muB-  <Bo  ergibt  fid)  Don  felbft 
al§  britte  5trt  ber  allgemeinen  ©ered)tigfeit  bie  iustitia  vin- 
dicativa,  bermöge  beren  ber  33orgefetjte  gefjalten  ift,  eine  ber 
©(^utb  entfpred)enbe  ©träfe  für  bie  berbred}erifd)e  ©törung 
ber  Ütec^taorbnung  511  berfjüngen. 

S)ie  befonbere  ©ered)tigf  eit  luirb  in  ber  Oteget  g(eid)= 
bebeutenb  mit  ber  iustitia  conimutaüva  gebraud^t.  S^iefclbe 
I)at  biejen  i^ren  5Zamen  junäc^ft  Don  ber  ©ered^tigfeit  im  5lau[d)= 
berfe^re,  toenbet  jebod),  in  einem  meitern  ©inne  ala  stricta 
iustitia  gefaxt,  bie  allgemeine  ^^orberung  ber  ©ereditigfeit,  baa 
suum  cuique,  auf  bie  gcfamte,  burc^  natür(i($e  ober  ern}orbene 
9ted)te  gebilbete,  ^prioatred^tsfpljäre  einer  p(}l}fiid)cn  ober  mo- 
ralif(^en  ^perfon  an.  Snjofern  fie  bie  Unöerle^Uc^fcit  biefer 
9tec^t§fppre  garantirt,  bilbet  fie  offenbar  einen  I^erborragenben 


'  S.   TJiom.,  S.  theol.  2,  2,  q.  60,  a.  3;  q.  61. 

6 


130  3>i5eiteö  ßapitel.    Sic  ftaatlic^e  9led^täorbnung. 

@egen[tanb  ber  [taat(id)en  @e[et^get)ung.  ©erabe  aud)  bie  actuett 
]o  bebeutjamen  gorberungen  naä)  5Ir6eiter]cf)u^,  geftfeljung  eine§ 
geredeten  Sol^neS,  nnd)  ©infü^rung  [trengerer  2Budjerge]e|e,  naä) 
einem  ioir!]amern  (5d)u|  be§  6rlt)erf)§(e5en§  u.  f.  tu.  [tü|en 
]\ä)  birect  ober  inbirect  nuf  boä  ^rincip  ber  nu§gleidjenben 
®ered)tig!eit  im  meitern  @inne  be§  SBorte§. 

6.  2ßenn  man  bie  ®ered)tig!eit  ba»  gunboment  ber  ©taaten 
nennen  barf,  fo  (egt  jebe  tie[ergefjenbe  ^ßertüirrung  nnb  5Iu[= 
regung  be§  jocialen  2eben§  bie  a>ernuitf}ung  nolje,  ba^  eben 
jene»  gi^^^oment  in  irgenb  einer  3öei)e  ©droben  gelitten  ^ot. 
(Sin  berftönbiger  5J3oIiti!er  föirb  barum  aud)  Ijeutäntage 
bor  allem  nnb  mit  größtem  ©rnfte  bie  mid)tige  ^rage  fid) 
borlegen  muffen,  ob  nid^t  etwa  ber  ©taat  bi§f)er  feine  natür= 
Iid)e  5hifgabe  nnb  5]3fli(^t  berabfänmt  I^abe,  nnb  ob  ni(^t  ba§ 
ftaatlic^e  nnb  gefeüfc^aftlii^e  Seben  in  Söiberfprud)  jn  ben 
gorbernngen  ber  @ered)tig!eit  getreten  fei^. 

^er  ©taat  fott  ba§  3te(^t  bermirtüdien  auf  ber  ganzen 
Sinie  be§  focialen  93er!er)r§  unb  barum  aud)  für  ba§  9teid) 
ber  öfonomifdjcn  SBe^ieljungen.  '^a  gernbe  ^ier  borjugSmeife, 
meil  nirgenbS  me^r  bie  ©etbflliebe ,  bie  ©igenfndit  eine  5Iuf= 
löfung  ber  gefeflfd^aftlii^en  3iM''^i"i"^"f}'^riÖß  bemirfen,  ben  ganzen 
Sau  ber  ©efeüfdiaft  er|d)üttern  unb  jum  Sßanfen  bringen  fann. 
|)at  ber  l^eutige  ©taat  biefe  feine  Slufgabe  erfüllt?    S)q§ 

'  ©erabe  biefelben  2'^eoretüer,  toeli^e  bie  2lufga6en  be§  ©taate§ 
in  maBlofer  SBeije  auSbeljnen  mödjten,  überfeinen  nid^t  feiten  bie 
9Jtänget,  bie  fitf)  bie  ©taaten  auf  bem  ifjuen  naturrecOttid^  3U9eU)ie= 
fenen  ®el)iete  ju  Sc^ulben  fommen  laffen.  ©o  t)at  man  bie  1^01^1= 
flingenbe  ^Ijrafe  öon  ber  „^öertoir f lidjung  ber  fittlidien 
:J>bee"  aU  be§  eigentlichen  3>üfcEe§  ber  Staaten  erfunben.  ©an3  mit 
9le(f)t  fagt  bieSbeäügüd^  ßarl  :$>entfd§:  „SQJenn  einer  menfii)UcOen 
33eranftaltung  Slufgaben  gcftetft  toerben,  bie  tüiber  ü^rc  5JJatur  finb, 
fo  erfüllt  fie  nid)t  nur  biefe  nicf)t,  fonbern  nerfe^ft  meiften§  aucf)  folc^e, 
bie  if)r  toirflidf)  oMiegen"  (2CÖeber  ßapitaliöntuä  nocf;  6ommiiniömu§ 
©.  373). 


1.  S)ie  ©eredjtigleit  qI§  ^Princip  bn  €rbnung.  131 

ift  alfo  bie  totc^tigfte  unb  bie  er[te  ijrage,  bie  ber  ©ocinlpolitifer 
äu  beanttüorten  Ijai. 

@§  kruf}!  büljcr  auf  einer  merftüürbigcn  33er!ennung  iiidjt 
bloB  ber  inen]d)Iid)en  3laiüx,  fonbern  sugleid)  au^  ber  ganjen, 
furrfjtboren  Siefe  ber  f)eutigen  fociolen  fragen,  lüenu  einselne 
@d)ri[t[teller  in  bem  33e[treben,  ben  ßinflufj  einer  Dielfad)  nn= 
d)ri[llid)cn  @tant§getr)alt  jn  beid)rQn!en,  QU§]d)Iief^Iid)  Don  ber 
ftörfern  33etDnung  ber  Siebe  ober  allein  bon  ber  .Qirdie  unb 
ber  prioaten  ^nttiatibe  bie  5^enge[taltung  be§  [ociolen  Sebeng 
erwarten  ju  muffen  geglaubt  ^aben. 

5ntit  großem  llnredjt  jtüar  mürbe  biefen  9}?ännern  ber  95or= 
iriurf  „mand)c[terlid)er"  @e[innung  gemacht.  @ine  joldie  5fn= 
flage  gefjt  über  ha^  9J?a[3  erlaubter  .Qritif  treit  I)inau§  unb 
Seigt,  tt)ie  tüenig  bie  5(nflägcr  baa  Sßefen  beg  91fand)e[tert;^umö 
einer[eit§  unb  bie  Intentionen  jener  «Socialpolitifer  anberer= 
feits  berftanben  l^aben.  9^id)t  auf  bie  natürli(^en  triebe,  nic^t 
auf  hm  9^aturin[iinct  ber  (Eigenliebe,  sollen  jene  DJ^änner  bie 
@efe^e  ber  53oI!§tt)irtfd^aft  aufbauen.  3!^r  3rrt^um  befielet 
bielme()r  gerabe  umgefe^rt  in  einer  aEju  ibealen  5luffaffung 
be»  inenfd)(id)en  unb  focialen  SebenS,  tueli^e  fie  t^ergeffen  ließ, 
baß  bie  Siebe  äföar  bie  S^oüenbung  be§  ©efe|e§,  bie  Königin 
unter  ben  Sugenben,  ba§  (Snbjiel  aller  ©ebote,  bie  f(^ön[te 
53Iüt^e  unb  ^^rudjt  be§  focialen  SebenS  ift,  ober  in  ber  gegen= 
lüärtigen  Crbnung,  bei  bem  fjartnädigen  Kampfe  ^ttiifd^en  gut 
unb  bö§  im  gefallenen  5!}?enfd)en,  bei  ber  elementaren  9J^a(^t 
ber  ©igenfu^t  feine»meg§  al§  ©runblage  be»  ©efellf(^aft§baue§ 
ausreidien  fann. 

©eiüiB  f)at  bie  93?enfd)f)eit  bie  Ijeilige  ^pfü^t,  nad)  ben 
^öd)ften  Sbealen  ju  ringen,  ^e  me^r  fie  ftc§  benfelben  nähert, 
um  fo  beffer  werben  ft(^  unsmeifelfjaft  bie  focialen  $Ber(}ä(tniffe 
geftatten.  3e  me^r  fie  fid)  babon  entfernt,  um  fo  ftärfer 
treten  bie  ©egenfä^e  auf,  um  fo  Ijeftiger  jetgen  fic^  bie  focialen 
.^rifen.     Sarum  ift  aud)  bie  freie,   unbel^inberte  SÖ3ir!fam!eit 


132  3W"te§  ßa^ttel.    S)te  ftaatlid^e  3ted^t§orbnung. 

ber  ^irc^e  öon  einer  gerabeäu  eminenten  iöebentung  für  bQ§ 
fociale  2Bol)(.  ^t)x:  (Sinflu^  erftredt  [id^  focjar  auf  ba§  |)er5, 
ha§i  @ett)i|fen,  bie  innere  33erboniommnung  be§  'iDienfdjen,  bie 
hmä)  fein  poIitijc^e§  @efe^  geregelt  merben  fönnen.  @in  öon 
ben  ©runbfQ|en  ber  d)ri[i(id)en  .^irc^e  innerlid)  geleiteter  Sürger 
rairb  ganj  geroi^  ben  gorberungen  ber  ©ere^tigteit  ebenforaol^I 
genügen,  mz  ben  ^flid)ten  ber  Siebe  in  feiner  innern  ©efinnung 
unb  in  bem  äußern  23erfe§r§Ieben  ^.  5(ber  nid^t  alle  S3ürger 
netjmen  htn  ®eift  be§  6^ri[tentf)um§  in  fid^  auf,  unb  bie  ©elbft= 
judjt,  lüeldje  foldje  Seute  betjerrfc^t,  roirb  fid)  nid)t  auf  eine  3}er= 
te^ung  ber  Siebe  be)d)ränfen,  fonbern  oft  gerabe  ba§,  lt)a§ 
bem  5?äd)ften  gebüfjrt,  ni(^t  leiften  ober  laffcn  n)oüen.  |)ier 
mup  ber  ©taat  mit  feiner  ©efe^gebung  bie  ©eredbtigteit  er= 
ättjingen.     Sie  äußern  ^flid)ten  ber  ©ered^tigfeit  finb  ja  un= 


'  (Eö  gibt  alfo  ouc^  natf)  unferer  Sluffaffung  ein  bo:p))eIte§ 
$ßanb  imjerer  gefeßfcfiaftUiiien  23eftimmung :  ©erec^tigfett  unb 
Siebe,  lieber  bie  3totf)ttienbtgfeit  ber  Siebe  für  ba§  gefeüf(^aft= 
lid^e  ßeben  äußert  ficf)  ber  til.  %t)oma§  in  ber  Summa  contra  gentiles 
(ed.  Uccellii  [Romae  1878]  lib.  3 ,  cap.  130) :  Non  sufficit  pacem 
et  concordiam  inter  liomines  per  iustitiae  praecepta  conservari, 
nisi  ulterhis  inter  eos  fundetur  dilectio.  Per  iustitiam  sufficienter 
hominibus  providetur,  ut  unus  alteri  non  inferat  impedimentum, 
non  autem  ad  hoc,  quod  uni  ab  aliis  inferatur  auxilium  in  bis, 
quibus  iudiget,  quia  forte  aliquis  indiget  auxilio  alterius  in  bis, 
in  quibus  nullus  ei  tenetur  per  iustitiae  debitum;  aut,  si  forte 
aliquis  ei  tenetur,  non  reddit.  Oportuit  igitur  ad  hoc,  quod  se 
invicem  bomines  adiuvarent,  etiam  praeceptum  mutuae  dilectionis 
superinduci,  per  quam  unus  alii  auxilium  ferat  etiam  in  bis,  in 
quibus  ei  non  tenetur  secundum  iustitiae  debitum.  —  ^n  äf)nlic|er 
Sßeife  jagt  ^apft  ßeo  Xlll.  in  feiner  (Snct)fUfa  Jnscrutabili"  üom 
21.  Stprit  1878:  Cläre  innofescit  ac  liquet,  civilis  bumauitatis 
rationem  solidis  fundamentis  destitui,  nisi  aeternis  principiis  veri- 
tatis  et  immutabilibus  recti  iustique  legibus  innitatur,  ac  nisi  bo- 
minum  voluntates  inter  se  sincera  dilectio  devinciat,  officiorumque 
inter  eos  vices  ac  rationes  suaviter  moderetur. 


1.  S)ie  ©ered^tigfett  al§  ^prtncip  ber  Drbuung.  133 

abhängig  bon  ber  Öefinnung  beffen,  lüel(^er  [ie  ju  erfüllen 
i)at  ©ie  luerben  normirt  burd)  il)r  Object,  unb  bie[e§  Dbject 
i[t  ha?>  Dtei^t  ber  oubern  al§  ^nbiöibiien  unb  al§  ©efamtljeit  i. 
35on  ,*[")eiben  unb  Ungläubigen,  bon  2öud)erern  jeber  5lrt  fonn 
unb  mu[5  bat}er  bur(^  ba§  @e[et^  bie  ^Beobachtung  ber  ®e= 
red^tigfeit  eüentueü  mit  ^niam^  geforbert  lüerben.  Whq  bann 
ber  6l;ri[t  bie  2Ber!e  ber  ©crec^tigfeit  jugteid)  au»  bem  33en)eg= 
grunbe  ber  5Jüd)fteuIiebe  üerridjten,  mag  er  jogar  in  mal}rl)aft 
d)ri[llid)er  ©efinnung,  5.  23.  aU  5lrbeitgeber,  über  ba§  TU^ 
ber  ftrcngen  @ered)tig!eit  ^inau§,  im  Sntereffe  feiner  Unter= 
gebenen  fid)  neue,  große  Opfer  ouferlegen  —  'i>a^  23en)U^tfein, 
at§  ebler  5Jknfd}enfreunb ,  al»  jünger  3efu  ßljrifli  ge^anbelt 
ju  ^aben,  mirb,  abgefetjen  bon  bem  übernatürtid}en  2ol)n,  fdjon 
t)ienieben  fein  ^erj  erweitern  unb  mit  g-reube  erfüllen.  Stber 
man  uerlüei^gle  hoä)  niemals  ba§  Sbeal  mit  ber  SBirftid^teit. 
©olange  bie  ftaatlidje  ©efetjgebung  nid)t  im  ©eifte  ber  ®e= 
red^tigteit  angelegt  ift,  tnirb  burd)  bie  Siebe  ebler  Unternefjmer 
für  ba§  2Bol^I  ber  ganjen  ©efcüfd^aft  feine§föeg§  in  au§= 
reid)enber  SBeife  geforgt  merben  tonnen.  3n  einem  mand)efter= 
lieben  «Staate,  in  einer  ©efeüfdiaft,  bie  \\ä),  foroeit  ba§  öffent= 
lidje  2eben  in  ^Betrac^t  fommt,  faft  böKig  bom  6^riftentl}um 
emancipirt  ^at,  mirb  auc^  bie  bis  jum  f)eroi§mu§  gefteigerte 
d)riftlid)e  Siebe  nur  bereinjelt  ju  l^elfen  im  ftanbe  fein,  ^^llle 
iljre  23emül)ungen  finb  mie  ein  2:ropfen  auf  Ijei^em  ©lein, 
aber  leine  —  Söfung  ber  focialen  ^xai^t.  2Ber  bal^er  au§ 
ber  Ijoljen  Sebeutung  ber  Siebe  für  ba§  gefeUfdiaftlic^e  Seben 
ben  ©(^luf5  äieljen  raoHte,  man  bürfe  bie  @efe|e  ber  liberalen 
äBirtfdiaft,  beffer  gefagt:  bie  ©efetilofigleit  beS  5)Jknd)eftertl;um§, 
unbel)inbert  fortbefte^en  laffen,  ber  n)ürbe  bie  ebelfte  Sugenb, 
jiüar  unbelDuf3t,  aber  t()atfad)Iid),  in  ben  S)ienft  ber  (egalifirten 
?lu§beutung  unb  be§  plutolratifdien  (Sigennu^eS  ftellen. 

1  »gl.  Deftetr.  3Jlonotg|d)iift  für  ©etea|(i)attä=2Öi?teni(ijaft  1880, 
©.  330  ff. 


134  3toeite§  ßa^jitef.    ®ie  ftaatlid^e  9le(|t§orbnun9. 

@in  S3Iidf  auf  bie  l^eutigen  5ßet^ältm[fe  genügt  übrigens,  um 
fofort  erfennen  ju  lofjen,  ba§  ni(!)t  bie  $ßerle|ung  ber  Siebe 
allein  bie  fociale  ^roge  gefcfiaffen  f)at.  S)q§  Hebel  [{|t  tiefer. 
6§  i[t  ein  ^nmpf  um  unb  gegen  bie  ©eredfjtigfeit, 
um  ha^  gunbament  ni(f)t  bto^  ber  9teic^e,  [onbern  ber  gansen 
menfd)[icben  ©efellfcfjaft,  ber  unfcre  3eit  beniegt.  ßein  SBunber 
barum,  menn  biefer  ^ampf  mit  größter  Erbitterung  gefüfjrt  mirb. 
S)a§  @erec5tig!eit§gefüt)I  i[t  bem  üJlenfcben  angeboren  unb  mit 
[einem  gesamten  S)en!en  unb  SBoIIen  [o  innig  bermoben,  baf3 
ba§  ganje  innere  \\ä)  megen  erlittener  Ungereditigfeit  aufbäumt, 
©erabe  unj'er  beutj(f)e§  33oIf  aber  befitit  ein  befonberS  [tar!  ün^= 
geprägtes  @ered)tig!eit§gefüt)I.  2Sieneid)t  möd)te  hierin  ni(i)t  ber 
lefUe  ©runb  erblicft  merben  tonnen,  me§()alb  in  S)eut]rf)Ianb 
bie  focialen  kämpfe  ber  ©egenmart  mit  größerer  (Erbitterung 
geführt  merben  al»  in  irgenb  einem  anbern  Sanbe  ber  Sßelt. 

3[t  aber  bie  2^erle|;ung  ber  fociaten  ®ered)tig!cit  ber  f)aupt= 
fäd^Iidbfte  (Srunb  ber  ge]cü]d)aft(i(j^cn  ^Zottjlage,  bann  mirb  bie 
Söfung  ber  fociolen  3^rage  nur  üon  ber  erneuten  33eriDir!ü($ung 
ber  focialen  ®ered)tig!eit  erfjofft  merben  bürfen, 

Sine  33emer!ung  möge  nod^  an  biefer  ©teile  geftattet  fein, 
äßenn  auc^  bie  bon  uua  mit  attem  5tad)bruc!  befämpfte  ?(n= 
fidjt,  )xitl&)t  eine  Söfung  ber  focialen  S^rage  non  bem  ©efet; 
ber  Siebe  allein  ermartet,  fdieinbar  feljr  fdiarf  bie  umge[tal= 
tenbe  ,Qraft  be§  6t}riftentf}uma  betont,  mirb  fie  bennod)  ber 
mirflidien  S3ebeutung  beafelben  nid)t  ganj  unb  boH  gered)t. 
2Bie  bie  ^ird}e  e§  nid^t  billigen  barf,  ba^  ber  ©injelne  bie 
@ered)tig!eit  berieft,  fo  tann  fie  ebenfomenig  fd^meigen  jur 
^ii{5ad)tung  ober  25ernad)läffigung  ber  focialen  @ere(^tig!eit 
burd)  ben  ©taat.  ^m  @egentl;eil  galt  e§  in  allen  32^^^"  ^^^ 
eine  iljrcr  fdjönften  5Iufgaben,  gerabe  bie  ?DM(^tigen  ber  Erbe 
über  bereu  ^flid^ten  ber  ©efamtljeit  be§  SSolfe»  gegenüber  gu 
beleliren  unb  bie  ©taatSlenfer  jur  Söafjrung  ber  @ered)tig= 
teil  in  Öefe^gebung  unb  ^ermaltung  einbringlid^  ju  ermahnen. 


2.  ®te  i?orberungen  ber  attgemeiiien  ©eref^tigfeit.         135 

2.  |>ie  gfoibcntngen  bev  att^cmeincn  ^erej^ttrjfteif. 

1.  S)a  ber  ©taot  !eine§tt)eg§  bn§  ganje  ©ittengefe^  ju 
üerlülr!Iid)en  f;Qt,  bielmef^r  [ic^  feiner  nntürlidien  Seftimmung 
unb  33cfä^igiing  naä)  auf  bte  3]ertt)ir!ü(i)ung  be§  9fie(^te§  6e= 
fd)ränfen  mu^,  fo  toerben  an  biefer  ©teile  ntc^t  alle  fittlidjen 
^flid^ten  be§  5D'?enfd)en  ben  (Segenftanb  ber  Unterfurfmng  UU 
ben  !cnnen.  W\x  bürfen  in  unferer  S^rage  bte  fittlid)en  5(n= 
forberungen,  tüeld}e  bie  innere  SBelt  be§  iD^enfdien,  fein  3?er= 
I}ältni^  äinn  legten  fönb^iel,  ju  ben  innern  S3egierben  unb 
(Semütf)§bert)egungen,  jur  menfd}lid)en  @ebrec^Iid)!eit  unb  2BanbeI= 
barfeit,  orbnen  foüen,  ou^er  S3etrad)t  laffen.  @§  beanfprud)t 
für  ben  ^tugcnblid  nur  jener  3:(}ei(  be§  @ittengefe^e§  unfere 
?tufiner!famfeit,  föeld^r  ben  ^Otenfd^en  nac^  feinen  äuf^ern, 
gefelligen  ^ejieljungen  in§  5{uge  faf^t,  if}n  in  ba§  rid)tige 
23erfjä(tni^  ju  ben  übrigen  ÜJienfdjen  unb  jur  ©emeinfdiaft 
fe|en  foü.  @d)Iie^(id)  fianbelt  e§  fid)  and)  hierbei  nur  um 
jenes  33anb  unferer  gefeHfdjaftndien  53eftimnumg,  beffen  ©d)u^ 
unb  (Srl^altung  ben  iüe)entlid)ften  S3eftanbtt;eil  be§  ©taatSsmedeS 
bitbet,  um  9te(|t  unb  ©erec^tigfeiti. 

@ntfpred)enb  ben  53ebürfniffen  unb  gorberungen  ber  gegen= 
bärtigen  ^dt  neljmen  fditiefjlid)   biejenigen  @efi($t§pun!te  ber 


*  Cicero,  De  of'ficiis  I,  7:  lustitia  ea  ratio  est,  qua  societas 
hominum  inter  ipsos  et  vitae  communitas  continetur.  S3gl.  auä) 
S.  Thom.,  S.  theol.  2,  2,  q.  58,  a.  2  in  corp.  —  „5Rtd^t  jebe  §anb= 
lung,  Jüelc^e  bog  ©ittengefe^  Dorfd^reil)!,"  fagt  3^reif)err  D. /p e r t= 
liug  (Stuffä^e  unb  Sieben  ©.  84  f.),  „!ann  ©egenftanb  einer  re(^t= 
H  dj  e  n  9iorm  toerben.  @§  bebarf  baju  ...  be§  f  o  c  t  a  I  e  n  6  {)  a= 
Taft  er  §  ber  §anblung,  lueld^er  ben  ^onbelnben  in  ßontact  mit 
ben  SOtttmenfc^en  bringt,  unb  e§  mu^  bie  §anblung  toeiteri^in 
mit  einem  notl^toenbigen  9)lenf(i)^eit§3n)ecle  im  3iifan^wen= 
I)Qnge  fte^cn,  fei  eß,  bafe  fie  [törenb  in  feine  Slealifation  eingreift 
unb  baf)er  reprimirt  toerben  mu^,  fei  eä,  bafe  fie  um  eben  biefer 
Siealifation  miüen  geforbert  ift." 


136  3tü"teö  Kapitel.    ®ie  ftaatlid^e  ^led^tSorbnung. 

@ered)tig!eit,  tüdä)t  \\ä)  auf  baa  materielle,  tt)irtf(i)aft= 
Hc^e  (Streben  fiesiel^en,  imfere  befonbere  5tufmer!fam!eit  in 
9(nfpru(^. 

^Beginnen  tDtr  mit  ben  §o^berungen  ber  allgemeinen  @e= 
redjtigfeit. 

2.  ®ie  allgemeine  ©erei^tigfeit  orbnet  ba§  SSerljältnife 
be§  Sinjelnen  jur  @efamtf}eit  aU  foMjer,  unb  um= 
gefeiert  ber  ÖJefamtfjeit  jn  ben  einselnen  ©Hebern. 

^üx  ba§  n)irtfd)aftli(f)e  ©ebiet  fommcn  bnbei  borne^mlic!^ 
in  33etracf)t  bie  iustitia  legalis  unb  bie  iustitia  distributiva. 

©rftere,  bie  iustitia  legalis^  forbert  bie  Unterorbnung  be§ 
priöaten  3nterefje§  unter  bie  Snterefjen  ber  ®e[amt(}eit  für 
ade  gäHe,  in  tt)eld)en  ein  irbifdieS  Sntereffe  einjelner  33ürger 
mit  bem  2Bot)fe  aller  coüibirt.  Sie  unjmeifelfjafte  5pflid)t  einer 
berartigen  Unterorbnung  i[t  i^rer  5latur  nad)  eine  öffent(i(^= 
red)tnd)e  ^flii^t,  menn  [ie  anä)  ^priüaten  obliegt  unb  5um 
grof^en  STI^eile  auf  priüatrec^tlic^cm  ©ebiete  jur  ©eltung  fommt. 

5(ber  ni(|t  minber  f^ängt  bie  gebeifjlic^e  (äntmidlung  aller 
focialen  unb  ingbefonbere  ber  tt)irtid)aftlid)en  2SerI;äItniffe  eine§ 
2SoIfe§  ah  öon  ber  treuen  Sßaljrung  ber  iustitia  distributiva. 
S)ie[e  öertljeilenbe  (^ereditigfeit  Derlongt  nämlid)  ein  S)o^peIte§ : 
einmal,  ba^  bie  gemeinfamen  ßaften  ben  Gräften  ber  Sinjelnen 
ent[|)red)enb  bert^eilt  merben;  fobann,  ba^  bie  (5taat§U)o^I= 
t(;aten  in  einer  bem  23erbien[te  unb  ben  33ebürfni[fen  ent* 
]|)red)enben  SBeife  jur  SSert^eitung  gelangen. 

3,  SBenben  mir  äunödjft  unfere  5tufmer!famfeit  ber  iustitia 
legalis  ju. 

3n  ber  (^riftlid^en  5luffa[fung  gilt  ber  (Staat  a(§  eine 
5JJad)t,  bie  if^rer  Uniüerfalität  megen  fic^  über  bie  engern  Greife 
jebe§  rein  particulären  3Sortl)eiI§  erf;eben  fann  unb  foll  unb 
barum  berufen  ift,  bie  Einfügung  unb  Unterorbnung  jebeS 
Sonberintereffe»  naä)  9}ta^gabe  ber  gorberungen  bei  ®efamt= 
moI)Ie§  ju  boüäie^eu.    53ei  mög(id)fter  Schonung  ber  bereditigten 


2.  ®ie  fjotberungen  ber  allgemeinen  ©ered^ttgfcü.        137 

grei^eit  unb  5üttononiie  foll  bie  etaatSgcwalt  butd^  @e[e|= 
gebung  unb  ^^erftialtung  tüiberftrebenbe  öfonomifcfie  ^ntereffen 
Qu§äug(ei(i)en  fud^en,  ferner  bie  föirtfc^aftlidien  9ted)t§ber^Qlt= 
niffe  in  einer  SBeife  orbnen,  bafi  ber  gemeinfd)öbli(f)e 
(igoiamu»  jurüdgebrängt,  ein  übermäd)tigeö  ^eröortreten 
Don  @insel=  ober  öon  c^Ioffenintereffen  auf  Soften  ber  @e]amt= 
fieit  öerl)tnbert  lüerbe. 

5tüerbing§  i[t  bie  |}fIicf)tgemQ^e  ?(ufgobe  be§  (Staate^,  auf 
ber  ganjen  Sinie  be§  tt)irt](|aftHc^en  2eben§  bie  ^leußerungen 
red^tatoibriger  ©elbflfud^t  ju  befämpfen,  fo  riefenmä^ig  gro^ 
unb  geiuaüig,  ba^  |)rQ!tifd)  föo^I  niemof»  ba§  3^^^  öollftänbig 
unb  in  gefunber,  fegeusreidier  2öeife  erreicht  merben  !ann, 
wenn  bie  ©taatSgetüalt  nic^t  bobei  aud^  jene  Gräfte  jur  @el= 
tung  fommen  lä^t,  tüelc^e  eine  ftönbifc^  orgonifirte  ®efeü= 
fi^aft  in  \\i)  birgt  ^. 

S)ie  corporntibe  ©onflituirung  be»  <gtanbe§,  fofern  bie 
Korporation  burdb  ©efe^  befäfjigt  ift,  einen  genügenben  @in= 
flu^  auf  ha^  2Birtfd^aft§Ieben  geltenb  §u  madien,  bringt  5U= 
näc^ft  bie  inbiüibueüen  53e[trebungen  ber  5(ngef)örigen  beS 
©tanbe§,  if)r  inbiDibuelleS  2Bo!^I  in  richtigen  6inf(ang  mit 
bem  ©efamtrao^t  be§  ©taubes. 

Sie  tt)id)tige  unb  öerantiüortungSooKe  5Iufgabe  be»  ©taate» 
unb  ber  ©taat§geraalt  bleibt  ea  bann  noc^,  at§  uniberfate, 
alle  ©täube  jur  tjöfjern  Gin^eit  be»  5SoIfe§  berbinbenbe  9J^ad)t 
bie  Sntereffen  ber  berfd^iebenen  ©ruppen  miteinanber  in  Quu 
flang  ju  bringen  nad^  DJioBgabe  bea  ©efamtiooljleä  ber 
'yiatiou. 

^k  großen  SSor^üge  einer  berufsftönbifdien  Organifation 
ber  ©efeüfd^aft  liegen  ju  Sage. 

Sn  einer  aufgelöften  ©efeüfi^aft  bermog  ba§  Kapital,  toenn 
nid^t  a\it^  gegenüber  ben  fc^roädiern  ßoncurrenten  unb  ben 


1  Dr.  g^r.  §i^e,  ßa^ital  unb  5lrBeü  («ßaberb.  1880)  ©.  388  ff. 


138  Stoeiteö  l?apitcl.    Sie  [taatlidje  Otedjtöorbiiunö. 

proletattfcl^eu  ^Irkitern,  [o  bod)  öiel  mef;r,  al§  ha^  SBo^I  be§ 
5ßülfe§  berträgt.  S)urd)  nid)t§  toirb  ber  mächtigere  lla|3itali[t 
gel^inbert,  in  tüilbem  6:oncunenä!ampfe  bie  fd^ituäc^iern  WiU 
beirerber  511  bernicf)ten.  S[l  06er  ber  ©tanb  corporatib  or= 
ganifirt,  bann  tonn,  n^enn  bie  Orgonifation  unb  iljre  2öirf= 
fam!eit  eine  gute,  äioedmöBige,  föirüic^  geredete  i[t,  5(r6eit  unb 
©rwerb  allen  ©tanbeSgenofjen  gefidjert  föerben. 

@6en[o  berniögen  bie  organifirten  5(rbeiter  fid)  beffere,  ber 
@erec^tig!eit  entfpred)enbe  2(rbeita6ebingungen  ju  erringen,  woäu 
bie  ifolirten  5lr6eiter  abfolut  unfät}ig  bleiben^. 

5)(ud}  für  bie  ^ntereffen  ber  ßonfumenten  i[t  in  einer 
flänbifd)  organifirten  ®efeüfd)aft  beffer  geforgt  al§  in  ber  auf= 
gelöften  (Sefenfd)aft.  ß-in  geregelter  SBettbeföerb  bermag  burd) 
(Sräietung  ftätig  fortfd)reitenber  ©otibität  unb  ©d)önl)eit  ber 
^robucte  ba§  ganje  ©emerbe  bauernb  in  bie  §ö^e  ju  bringen 
unb  barum  mittelbar  ben  luatjren,  materiellen  gortfdiritt  ber 
ganjen  (SefeKfc^aft  gu  förbern.  S)ie  regellofe  Soncurrenä  aber 
fd)äbigt  auf  bie  ^auer  bie  ©efamt^eit  ebenfofe^r,  mie  fie  bie 
tt)irtfd)aftlicbe  ©i'iflenj  ber  ©tanbeSgenoffen  jebcn  5tugenblid 
in  g-rage  fteüt.  ®er  fiegreidje  Soncurrent,  ber  feine  Wii= 
bemerber  glüd(icf)  au§  bem  ^^-elbe  gefc^Iagen,  beljerrfdit  f(^ne^= 
lid)  ben  5}kr!t  unb  beftinunt  bie  greife.  ®a§  confumirenbc 
5|3ublifum  ^at  bann  aüein  bie  Soften  be§  Kampfes  unb  beä 
©iege§  p  tragen. 

9}?an  f ann  barum  oI}ne  3^e^f^i  <S  t  ö  d  I  beiflimmen,  menn 
er  in  feiner  ©d)rift  „Sa§  6f]riftentl)um  unb  bie  großen  g-ragen 
ber  ©egentoart"  sunädöft  im  |)inbtid  auf  bie  gcmerbüdien 
^örperfd^aften  fngt:  „Sßer  für  eine  neue  corporatibe  (5;onfti= 
tuirung  ber  gcn)erblid)en  ©tönbe  plaibirt,  ber  bertangt  bamit, 
principiell   genommen,   nid)t§   anbereS,   al§  bafe  bie  natür= 

*  ©erabe  barin  liegt  eine  getöaltige  ^ugtraft  ber  I)eutigen  ©ocioI= 
betnofratie,  ha'Q  jie  öon  ben  inbuftrieüen  Slrbeitevn  al§  Sßertreterin 
i^reö  Gtaubeä   aufgefaßt  wirb. 


2.  ®ie  3forbctimgen  ber  affgemeiiien  ©crecf)tißfeit.         139 

Iid)e,  gcfellldjaftlidöe  Orbnung  tüieberljergefteUt  tuerbe, 
'ta^  bie  a}iec^ani[inmg  unb  ?ltoinifiriitig  ber  gefen[d)QftIid)en 
©tänbe,  tüie  fie  in  ber  nbfoluten  ©eiDerbefreifjeit  jum  5tu§= 
brurf  !omnit,  auffjöre  unb  bie  natürfidie,  orgonifd^e  Silbung 
be§  geieüfdiaftlidjen  Körpers  lieber  ^iü^  gi^eife;  bn^  ber 
corporatioe  Srieb,  ber  in  ber  ^iatur  ber  menfdE)(id)en  @efen= 
[d)aft  unb  ber  Stönbe,  in  bie  [ie  [ic^  gliebert,  angelegt  i[t, 
nid)t  länger  nietjr  getDoUfain  jurüdgebrüngt,  fonbern  bop  if^m 
öielme{)r  mieberum  bie  Sdjn  frei  gemacht  tüerbe,  um  [i(^  ju 
6etf)ätigen  unb  it)ir!)am  ju  ertDeijen.  Unb  all  bie»  toieberum 
beä^alb,  lueil  nur  unter  ber  53ebingung,  ba^  bie  natürlid^e 
gcfellfci^aftlid)e  Orbnung  in  '\olä)tx  SBeife  reftaurirt  toirb,  bie 
®efenfd)aft  roieber  in  ben  ^lu^  einer  gefunben 
(Sntttjidtung  eintreten  fann,  unb  biefeS  gefunbe  geiefl= 
fd^aftlic^e  Ceben  felbft  lüieberum  bie  unerlöBlic^e  ^öebingung 
unb  3Sorau§fe|ung  einer  gebeifjlidien  SBoIjIfaf^rt  alter 
©lieber  ber  ©efcüfd^aft  i[t."  1 

4.  S)ie  iiistitia  distrlhuüva,  al§  jlüeiter  5ße[tanbt^ei(  ber 
adgemeinen  ©erec^tigfeit ,  orbnet  bie  3}ert^eilung  ber 
Saften  unb  2Bof;(t^aten  im  «Staate.  6ie  ift  eine  ^f(id)t 
ber  <Staat§geroaIt  unb  forbert,  ball  bie  Saften  ben  .Gräften 
ber  Bürger,  bie  2I3of)(t^nten  i^rem  iBerbienft  unb  ben  33ebürf= 
niffen  entfpred;enb  sugetfjeitt  merben. 

33Dn  tjödjfter  Sebeutung  für  ba§  93o{!»ttiDl}I  ift  bor  allem 
bie  2Batjrung  ber  ©erec^tigfeit  im  ©teuermefen. 

S)er  genereQe  9{ed^t§grunb  ber  (5teueröerpf(id)tung  ift,  um 
«Stal^U  3(u§brucf  ju  gcbraud^en,  „fd)(e(^ttjin  bie  Untertfjan= 
fcöaft.  2öie  fold^er  ©etbaufmonb  im  SBefen  unb  '^votd  be§ 
©taate§  mit  ^iot^menbigfeit  liegt,  fo  muffen  i^n  awö)  feine 
©lieber  aufbringen.    S)ie  D^ation  gibt  al§  ©anje»  bie  W\M 


1  aSgl.  Sncl^flifa    „Humauum  genus"   (1884)    ©.  40  (41)  f. 
&nicl)!n!a  „Reriim  novarum"   (1891)  ©.  68  (69)  ff. 


140  3f5cite§  .Kapitel    ®te  ftaatlid^e  9tec^t§orbnimg. 

für  i^rcn  SSenif  aU  ©tnot,  unb  jeber  Sinjetne  mu^  geben, 
weil  er  ©lieb  ber  ^lation  i[t"  i.  Tlan  Ijat  biefe  mit  ber  oben 
batgekgten  organifdien  5Iuffaffung  Don  llr|prung  unb  5lBe[en 
be§  Staates  jujammen^ängenbe  33egrünbung  ber  ©teuerpflic^t 
ni(i)t  gerabe  fe^r  paffenb  „Opferttjcorie"  genannt.  S^r 
gegenüber  fte^t  bie  jogen.  „®  enuf5t^eDrie" ,  welche  bie 
©teuer  al§  eine  ©egenleiftung  für  ben  ^itgemip  ber  ©üter 
auffaßt,  bie  au§  ber  ©taatyberbinbung  für  bie  einzelnen  33ürger 
ober  ©onbermirtfdjaften  erraod^fen. 

®ie  ^luffaffung  einer  5(bgabc  al§  ©egenteifiung  für  einen 
flaatlic^crfeita  gemährten  33DrtI)eit  tjat  iljre  53eredjtigung  jur 
23egrünbung  ber  fogen.  @ebüt;ren.  Ueberaü,  n)0  eine  ©taat§= 
t^ötigfeit  nid)t  fo  fet}r  bem  5hi|en  ber  ®efaintl)eit  in  glei(^er 
2Beife  bient,  fonbern  etnäelnen  ^riöaten  einen  ganj  befonbern 
5^utjen  bor  anbern  gen)öfirt,  ober  mo  bieje  ©taatattjätigteit 
burd^  ben  SBiüen  ober  bie  ©d)ulb  (Sinsetner  befonber»  beran= 
la^t  tt)irb,  ift  eine  @ebü(;r  al§  Entgelt  ber  befonbern  DJ?üI)e= 
raaltung  unb  al§  erfa|  ber  l^often  julaffig.  Sie  ©ebü^ren 
bürfen  um  fo  p^er  fein,  je  mel^r  ber  ^ribatbortfjeil  be§  ein= 
seinen  58ürger§  burc^  jene  ©taat§t()ötig!eit  geförbert  mirb. 
©ie  werben  um  fo  niebriger  fein,  je  nieljr  bie  (Se[amtf}eit  felbft 
ein  Sntereffe  an  bem  3SoIIäug  ber  ftaatlidien  2:I}Qtig!eit  (;at. 
S)arum  forbert  ha§>  öffent(id)e  @efunbl)eit§= ,  ba§  Unterrid)t§= 
unb  Suftismefen  bie  niebrigften  ©ebüljrenfä^e,  möörenb  ^öljere 
©ebüljren  bon  ber  bo(faibirtfd)aft(id)en  SSermaltung  je  nac^  ber 
Seiftungöföljigteit  ber  ^ntereffenten  bejogen  merben  bürfen. 

SnSbefonbere  mirb  bei  ber  SBertfjeilung  ber  (5;ommunaI= 
abgaben  bie  23erüdfi(^tigung  bon  Seiftung  unb  ©egenteiflung, 
bon  Saft  unb  S^ort^eil  eine  bered}tigte  tRoHe  fpielen  tonnen, 
gür  ©emeinbeeinrici^tungen ,   meiere  auSfc^Iie^Iid)  im  Sntereffe 

1  9te(i)t§|5t)tIoyDpr)ie  11,  2,  §  121.  —  LelimkiM,  Tlieol.  moralis 
I,  11.982.  —  §eIferidE),  Slügemetne  (&teuerlef)re  (in  ©(i)ön6erg§ 
§onbt)ud)  ber  polit.  Oefonomie  III  [2.  3lufl.],  137  ff.). 


2.  Sie  fjorberungen  ber  atigemeinen  ©ercc^tigfeit.         141 

einselner  ^Bürger  ober  ber  be[i|enben  klaffe  getroffen  finb, 
j.  53.  foflfiare  ftöbtifc^e  ^Sobeeintid^tungen ,  (ui-uriöfe  Stnlogen 
u.  bgl.,  tnelc^e  ben  niebern  «Stänben  gar  nid)t  ober  !aum  p 
gute  fommen  fönnen,  f;aben  gered&tertöeife  nur  bie  ^ntereffenten 
aufsufommen.  5(ef)nlid}e  SßorQUöfe^ungen  werben  äuiüeiten  aiid) 
in  ben  gröpern,  ftaatli(^en  Sßerfjöltniffen  fi(^  t>ern3irflidöen. 
Somit  ift  ober  feine§lt)eg§  ber  Seweia  erbrci(i)t,  bau  aügemein 
in  ber  ©teuer,  roeldje  jur  ^öefriebigung  ber  flaat(id)en  Se= 
bürfniffe  üon  ben  Untert^anen  ju  entrid^ten  ift,  auöfdjüefelic^ 
ober  aud)  nur  Dorsug^rocife  eine  bloBe  ©egenleiftung  für  ftaat= 
l\ä)c  Seiftungen  erblidt  tüerben  bürfte. 

(5§  ttjürbe  eine  foI(^e  5(uffaffung  ber  ©teuer  itjre  prin= 
cipielle  6tü|e  lebiglid)  in  ber  gänjlic^  un(;altbaren  atomiftifd^en 
Se^re  bom  Urfprung  unb  Sßefen  beS  Staate^  fud)en  fönnen, 
a(§  löäre  ber  «Staat  nur  eine  auf  Sßiüfür  beru^enbe,  burd^ 
freien  33ertrag  gegrünbete  ©efeüfdjoft,  ber  Staatsbürger  nid)t 
ein  burcE)  t)öt}cre  fittlid)e  ^-Pfli(^ten  an  t)tn  Staat  gebunbener 
Untertf)an,  fonbern  lebigüd;  ein  ben  perfönli^en  ^ortljetl 
fudienber,  burd)  feine  53anbe  folibarifc^er  23erpflic^tung  mit 
ber  ©efamt(}eit  berbunbener  Gontrafient. 

5.  Ser  Staat  ba rf  jebod^  bieSteuerpfIid)t  ber 
58  ü  r  g  e  r  n  i  c^  t  m  i  1 1  f  ü  r  I  i  d)  i  n  51  n  f  p  r  u  c^  n  e  f)  m  e  n.  S)a= 
mit  eine  beftimmte  (Sinjelfteuer  ben  gorberungen  ber  @ere(^= 
tigfeit  entfpred)e,  muf]  fie  notl^menbig,  allgemein,  gleichmäßig 
üertfjeilt  fein. 

S)ie  @ered)tigfeit  berfangt  erften§,  ha^  bie  Steuern  mxh 
l\ä)  not^menbig,  b.  ^.  hinä)  ben  ^öeruf  bes  Staates  unb 
feine  bernunftgemägen  53ebürfniffe  geforbert  merben.  5fnbern= 
fan§  ift  bie  (Steuer  ungeredjt,  ein  unbefugter  (Singriff  in  bie 
5ßribatred)tafppre  ber  einzelnen  53ürger  mit  allen  reditlic^en 
Sofgen  unb  ^^flit^ten,  meldie  fid)  auc^  fonft  an  bie  red)t§= 
mibrige  Qjermögenäfc^abigung  für  bie  Sd^ulbigen  ju  fnüpfen 
pflegen. 


142  3tocite§  ßopitel.    S)ie  [iaatltc^e  ^Red^tSorbnung. 

2)te  ©teuer  mu^  stüeitenS  oH  gerne  in  fein,  b.  f).  alle 
öfonomifd^  felbftänbigen  ©taatöongel^örigen,  fofern  biefelben 
burcb  bte  ©teuerleifiung  nid^t  in  i^rer  ©ilftenj  bebrofit  ober, 
fei  e§  auf  ©runb  eine§  loofifermorbenen  f)iftonf(f)en  9{ec^te§, 
fei  e§  äur  ©ompenfation  anbemeitiger,  bem  Staate  über  bie 
©renken  ber  ^\l\ä)t  t;inau§  geteifteter  ®ienfte,  mit  9tec^t  gan^ 
ober  t^eiltneife  befreit  finb,  muffen  jur  3^Wung  ber  ©teuer= 
abgaben  (jerange^Dgen  merben.  2öo  ber  tteine  WitkU  unb 
So^narbeiterftanb  burrf)  inbirecte  ©teuern  bereits  unüerpttni^= 
möfjig  ftar!  belaftet  ift,  fann  bie  Steuerfreiheit  be§  „@jiftenä= 
minimumS"  gelüiB  mä)t  al§  eine  S^urcfibrec^ung  be§  5princip§ 
ber  3tIIgemeintjeit  gelten.  Hbfolute  ©teuerfreitjeit  jebod)  bürfte 
roof)l  nur  bie  aud)  p  minimalen  Seiftungen  unfähige  5Irmut 
beanfprucfien  tonnen. 

(Snbüc^  foü  aud)  bie  ©teuer  gleid;mäj3ig  üertt}eilt  unb 
erlauben  werben.  9)ZDnte§quieu  I^at  einmal  gefogt:  „3ur 
Seftimmung  feiner  ^a&]z  mirb  meljr  2Bei§l}eit  unb  I?lug6eit 
erforbert  al§  jur  S3eftimmung  be§  SljeilS,  ben  man  ber  5?a= 
tion  nimmt,  unb  be§  2;§eil§,  ben  man  iljr  lä^t."  ^  S)o§  bleibt 
nid^t  nur  mafjr,  menn  man  bie  Söirhmgen  ber  ©teuern  in 
ö!onomifd)er  l^'^fic^t  in§  5luge  fafet,  fonbern  audi  unter  ber 
alleinigen  9Jüdfid)t  ber  ©ercd^tigfcit. 

@ered)t  märe  jebenfaKs  ein  ©teuerft}ftem  nid}t,  meldte» 
oljue  9tücffid)t  auf  bie  inbibibuelle  23crmögen§lage,  auf  bie 
üerfd)iebene  ©teuerlraft,  jebem  ©toat§angel)örigcn  ben  numc= 
rifd)  gleichen  ^Betrag  abnel^men  mollte.  Semgegenüber 
bcljielte  5J?irabeau§  SBort  feine  ©eltung :  ^'opffteuern  foHe  man 
ben  ^ferben,  nid^t  aber  ben  93?enfcE)en  auflegen. 

9iein,  nid)t  bie  rein  numerifd^e  (Sleid)l)eit,  fonbern  eine  ber 
2eiftung§fä[}igfeit  entfpred)enbe  Selaftung  entfpric^t  einjig  unb 
allein  ber  iustitia  distributiva ,  meldje  ba§  gemeinfame  ^o^ 


'  De  Fesprit  des  lois  1.  13,  cb,  2. 


2.  Sie  tJürberungen  ber  otlijentemen  ©eredjtigfeit.         143 

[tiilat  jeber  ©erei^tUjIeit,  ba§  „suum  cuique",  aud)  auf  'ba^ 
©teuevmefen  übertratjt:  Gebern  bie  Saft,  bie  er  nad)  feinen 
iubiöibuellen  SBer^üItniffen ,  nad)  feiner  w  i  r  t  f  c^  a  f  1 1  i  (^  e  n 
2eiflunc3§fäf)igfeit  gu  tragen  im  flanbe  ift,  tüie  nmgeM)rt 
ein  jetjüt^er  feinerfeit§  al§  StaatsMirger  öerpflic^tet  ift,  im 
SSerl^ältniB  äu  feiner  rairtfc^aftlidien  ^raft  ju  ben  Saften  beä 
©taatea  beiäutragen. 

6.  2)ie  genauere  Sefpred^ung  be»  ^rincip»  ber  @Ieid)= 
mäßigfeit  in  ber  33ert^eilung  ber  ©teuerlaft  er^eifc^t  ein  (5in= 
gef;en  auf  bie  miditigfte  Unterfd;eibung  ber  (Steuern. 

'^Jlan  t^eilt  bie  Steuern  in  birecte  unb  inbirecte  ein. 

3u  ben  birecten  ©teuern  »erben  in  ber  5praj:i5  all= 
gemein  bie  @infommen=,  ^Iaffen=,  ®runb=,  @ebäube=,  @eiDerbe= 
fteuern  gered)net. 

'inbirecte  Steuern  nennt  man  bagegen  namentlid)  bie 
t)erfd)iebenen  5Irten  üon  5^er6raud^§fteuern ,  feien  ea  innere, 
b.  ().  beim  intünbifdien  ^robucenten  erljobene  93erbraud}§fteuern 
auf  <SaIä,  Sabaf,  S^idix,  föetränfe  u.  f.  w.,  ober  bie  in  5IRo= 
nopolform  erl^obenen  5ßer6raud)§fteuern,  ober  enblid)  (Sinfu^r= 
äöQe,  tt}eld)e  naä)  ^Ibfidjt  be»  @efe|geber§  bie  au§(änbifrfjen 
'^robucenten  betaftcn  foüen. 

2;ie  2;^eDrie  Derbinbet  mit  bem  ücamen  birecte  besio.  in= 
birecte  Steuer  ntdjt  immer  benfelben  Segriff. 

3m  ^Infd^IuB  an  9t  au  nennt  51  b.  SB  agner  „birecte" 
Steuern  fold^e,  bei  benen  bie  gorberung  ber  Steuerjatitung 
fic^  unmittelbar  an  biejenigen  ^erfonen  riditet,  meldie  ber 
@efe|geber  belüften  tt)ifl.  §ier  ift  ber  Steuerjal^tenbe  ^iig^ki^ 
ber  53e(aftete  ober  ber  Steuertröger.  SBerben  bagegen  Steuern 
üon  '^erfonen  geforbert,  bie  fie  nac^  ber  2(bfid)t  ber  Staata= 
geiüalt  nic^t  felbft  tragen,  fonbern  auf  ben  eigentlidjen  Steuer= 
tröger  „übermalten"  follen,  bann  fpriij^t  man  bon  mittelbar 
erhobenen  ober  inbirecten  Steuern.  S3ei  ben  33erbraud)öfteuern 
ä-  53.  fjanbelt  e»  fid)  um  eine  33efteuerung  bon  SBaren,  mobei 


144  Sttieiteö  ßa:|3itel.    Sie  ftaatlid^e  ^led^tSorbnung. 

e§  offenbar  U\ä)tn  i[t,  bie  ©teuer  bom  ^^robucenten  ober  3Ser= 
fäufcr,  al§  Don  ben  jafilreidien  ©injenäufern  511  erficben.  (Skid)= 
roo^I  muffen  bie  Käufer  bie  ©teuer  tragen,  inbem  i^nen  ber 
5prei§  ber  SSare  um  bie  ©teuer  erljö^t  trirb. 

^ier  ift  alfo  bie  birecte  ober  inbirecte  33etaftung  be§  eigent= 
liefen  ©teuerjafjlera  ber  (Sintl^eitungagrunb  gemefen. 

^nbeffen  aud}  ba§  abminiftratiö=tec^ntfd)e  3?erfa()ren  ber 
^Veranlagung  ber  ©teuer  bietet  einen  bon  naml^aften  5^ationoI= 
öfonomen,  irie  ^^teumann,  neuerbingS  Oon  51b.  Sßagner  u.  a., 
anerfanntcn  @int|cilung§grunb.  ^eninad)  fjei^en  „birecte" 
©teuern  fold^e,  meMje  nad^  einigermaßen  fcflfteljenben  %^at= 
fadien  be§  @rtt)er6§,  be§  33ermögen§,  be§  (SinfommenS  u.  f.  fö., 
bal^er  borneljmlirf)  nad)  ^ataflern  beranlagt  merben  fönnen; 
„inbirecte"  bagegen  folc^e,  bie  bon  sufäHigen  Sljatfadjen  unb 
|)anblungen  abfjängen  unb  ba()er  nad)  2;arifen  beranlagt  unb 
erhoben  merben.  Sie  inbirecten  ©teuern  treffen  nic^t  im  bor= 
au§  beftimmte  einzelne  ^erfonen,  fonbern  jeben  ^Beliebigen  bann, 
aber  aud)  nur  bann,  menn  er  beftimmte  5tu§gabcn  mac^t,  5.  53. 
eine  Söare  tauft,  auf  toeli^e  iia^i  @efe|  eine  ©teuer  gelegt  l^at  1. 

7.  SCßelc^e  51  rt  ber  S3efteuerung  ift  nun  am  beften  ge= 
eignet,  eine  ber  mirtfd}aft{id)en  2eiftung§füt)igfeit  ber  (Sinjelnen 
entfprec^enbe  ^etaftung  {}crbei3ufü()ren  ? 

b.  ©djüffte  bejeidinet  bie  birecte  @in!ommenfteucr 
„allein  unb  allgemein  angemenbet"  al§  „ba§  boIt§mirtfd)aft= 
lidje  Sbeal".     ©ie  ftört   nirgenbmo  ba§  eigentliche  (5rmerb§= 


'  95gt.  21  b.  Söogner,  ^^"lansnnffenfd^aft  II  (2.  Sluft.,  ßeipaig 
1890),  237  ff.  -  Stcmpelgcfätlc,  ©ertdjtSfoften  founc  fonftige  Sajen 
unb  ©ebü'^rcn  Serben  suuieilen  3U  ben  inbirecten  «Steuern  gercci^net, 
l^iiuftger  jeboc^  neben  bie  birecten  unb  inbirecten  ©teuern  unter  ben 
91amen  „©ebü^ren"  geftettt.  —  §  off  mann  (ße^rc  bon  ben  ©teuern 
[SBerlin  1840]  ©.  71)  nennt  bie  ©teuern  auf  ben  33efi^  birecte,  ouf 
§anb(uugen  inbirecte.  —  SSgl.  nud)  b.  ©d) äffte,  ®ic  ©runbfä^e 
ber  ©teuerpolitif  (Tübingen  1880)  ©.  58  ff.  75  ff. 


2.  S)ie  Sforbcrungen  ber  attgemeinen  ©ered^tigfett.         145 

leben  unb  i[t  i^ver  Ütatur  naä)  am  beften  ju  einer  gleid)  QUa= 
t^eKenben  33e(Q[tiing  beS  äJoIfe^  geeicjnet.  S)enn  „toenn  aud) 
bie  2(rt  unb  bie  ipölje  be§  ßintomnien»  nldjt  allein  ben  9)laf5= 
[tob  ber  trirtfdjaftlidien  SeiftungäfQfjigfeit  barftellen,  bielmefjr 
tiubere  bie  le^tere  beeinfluffenbe  5)lomente  baneben  berüdfid^tigt 
lüerben  muffen,  [0  finb  fie  bod)  mit  9led)t  a(§  ber  midjtigfte 
unb  l^raftifd)  am  einfad)[ten  anjumenbenbe  5Jb^[tab  bafür 
gegenmörtig  anjuerfennen"  ^. 

2)as  ^rincip  ber  (SIeid)mä^ig!eit  forbert  batjer  eine  foId)c 
23ertf)eilung  ber  Steuern  auf  bie  Pflichtigen,  hafi  biefelben  nod) 
bem  33erf)ältniffe  i^rer,  im  reinen  ©infommen  fid)  barflellenben, 
feraeiligen  ©teuerfraft  betaftet  roerben. 

S^er  ©erec^tigfeit  burc^Qu§  entfpred^enb  ift  e§,  menn  bei 
ber  Semeffung  ber  Steuern  nid}t  b(oB  bie  ^ö^e,  fonbern 
ebenfo  auc^  bie  5lrt  bc§  @in!ommen§  berüdfid^tigt  luirb. 

©0  Derträgt  5.  S.  boa  böüig  arbeit§Iofe  (Sinfommen,  ber 
®Iüd§geiDinn,  b.  i.  ber  ^yniib  ober  ©pielgett^inn,  eine  ]'tär!ere 
^efleuerung  mie  ba»  (Sinfommen,  ha^  fid)  al§  „ermorbene»", 
b.  i.  erarbeitete»,  barftedt^.  2!ie  5{rbeit  i[l  ber  naturgemäße, 
regelmäßige  2öeg  jum  53efi^,  §ug(ei($  ber  beftbegrünbete  Sitet 
be§  ßigent[)um§,  bie  innigfte  3>ertnüpfung  ber  ©ai^e  mit  ber 
^erfon.  3*üar  trerben  innerl)alb  einer  auf  ßigent^um  ge= 
grünbeten  @efeüfdjaft§orbnung  immerfjin  gälte  eintreten  tonnen, 
bie  aud)  einen  arbeit§(ofen  ©riüerb  al»  geredjtfertigt  erfd^einen 
laffen.    ^lüein  man  loirb  es  oI§  billig  unb  geredet  anerkennen 


'  2t b.  2Bagner  in  6(^önberg§  §anbbu(^  ber  ^jolit.  Defo= 
nomie  III  (2.  2luf(.),  296.  —  3"  jenen  „anbern,  bie  ßeiftun9äfä^ig= 
feit"  beeinträrf^tigenben  5Dlomenten  ge()ören  3.  f8.  große  ßinberja^I, 
9}erpfti(^timg  jum  Unterhalt  armer  Slertoanbten,  ßrauf^eit,  UngIü(I§= 
läüe  u.  bgl.  S)iefelben  getoä^ren  älüeifelgol^ne  einen  2tnfpru^  auf 
©teuerermä^igung. 

^  3}g(.  Dr.  $Rob.  ÜJtet)er,  2)te  5principien  ber  geredeten  93efteue= 
rung  (Sertin  1884)  ©.  353  ff. 

5peid^,  8t6cratt§mug.  I.  2.  Stuft.  7 


146  3tocitc§  ßa^itel.    ®ie  ftaatUd)e  5Re(J)t§orbnung. 

muffen,  bo^  bann  ber  normole,  naturgemäße  (Srtoerb  butd) 
?Ir6eit  innerI)Qlb  be§  @teuerft)ftem§  boc^  öor  bem  Qu|erDrbent= 
üä)m  (Srtrerfte  beuorsugt  ttjirb. 

®a§feI6e  ^rincip  Mjali  feine  ©eltung  ebenfalls  für  einen 
Srtt3erb,  ber  ^\dax  nii^t  böüig  arbeitsloa  ficf)  üoüsiefit,  beffen 
|)öf)e  aber  in  gar  feinem  35erf)Qltniffe  fte^t  ju  ber  geteifteten 
9(rbeit,  öielmefir  auf  eine  glücflic^e  (^onjunctur,  auf  allgemeine 
Urfadien  unb  3>erljältniffe  fid)  jurüdfüfirt.  ^ierfjin  gel^ört  ber 
(Jonjuncturengelüinn  übert^aupt,  gan^  befonberS  aber  ber  <Bpt= 
cuIationSgeföinn  an  ber  33örfe. 

5tnber§  berl}ält  e§  fid)  jebod)  mit  ben  Srbfi^aften.  SSorab 
!ann  bic  ©rbfc^aft  innerfialb  ber  näc^ften  5Bern:)anbtfd)aft§= 
grabe  überljaupt  nicbt  nad)  5Irt  eineö  arbeitÄfofen  ®(üd§= 
getüinnea  beljanbelt  werben,  unb  fe^(t  !)ier,  abgefef)en  bon  ben 
@rbfd)aft§gebü[)ren  für  Urfunben  u.  bg(. ,  jeber  iRed)t§grunb 
für  eine  befonbere  6rbfd)oft§fteuer.  S)ie  näcfiften  (Srben  finb, 
lüie  ft.  ©(Raffte  mit  9?e(^t  betont,  „nac^  ben  @runbberl}ält= 
niffen  ber  jetzigen  ©efeüfdjaftsorbnung  lebiglid)  bie  t^ortfe|er 
ber  5perfönlid)!eit  unb  ber  @efd)öfte  ber  Altern  unb  ©ropeltern. 
^s^re  ©rbtijeite  finb  nid)t  neue  25ermögen§äugänge ,  fonbern 
©plitter  eines  fc^on  gebilbet  geiüefencn,  bem  gamiliensinede 
burd)  alle  (Generationen  gemibmeten  33ermögen§"  i.  5lber  anä) 
bie  ©rbfdiaft  aufjerlialb  ber  nilc^ften  9]eriDanbtfd)aft§grabe  !ann 
nid}t  genau  fo  mie  ber  ©(üdägeluinn  betradjtet  unb  befjanbclt 
merben.  „Sie  iuriftifd)e  5Iuffaffung,  lueldje  ben  (Srben  über= 
^aupt  al§  gortfe^ung  ber  ^perfon  be§  (5rbfaffer§  anfieljt,  I;at 
and)  in  mirtfdiaftlic^er  S^e^ieljung  ifire  58ercd}tigung.  Ser  @rbe 
überninnnt  einen  ©ütercompleg,  beffen  53eftimmung  ala  ß'apital 
bereits  böüig  ausgeprägt  ift.  .  .  .  Sarum  fann  für  bie  S3e= 
fteuerung  ber  (Srbfdjaft  niemals  bie  33efteuerung  beS  @in!om= 
mens  hzn  93ergIeid^ungSmaf5ftab  bilben.    2)aS  Sinfommen  beS 


ö.  ©d)ätfle,  ®ie  ©runbfä^e  ber  ©teuetpoliti!  @.  510. 


2.  Sie  gorberungen  ber  attgcmctncu  ©ered^tiglett.         147 

@rben  toirb  nur  inu  ben  Ertrag  ber  ßrbfd^aft  bergrö^ert. 
5)iefer  Srtrag  aber  unterliegt  (in  gufunft)  tuie  jebes  anbere 
(Sintommen  ber  33c[teuerung."  ^ 

(Sine  bejonbere  (Srbi'd^aftSfteuer  bei  eintritt  ber  (Srbfc^nft 
feiten§  eine»  entfernten  33ertDQnbten  ober  gremben  tüirb  bal^er 
allein  al»  anticipirte  ^}Ze(jrbela[tung  be§  Srtrage»  einer  foldien 
ßrbic^aft  im  33erf)äItniB  §u  fonftigem,  burc^  Arbeit  „ertt3or= 
benen"  (Sinfomnien  ficb  geltenb  niad)en  fönnen.  ®ie  barf, 
loie  9tob.  53^ei)er  »erlangt,  f}ö elften»  jo  biet  betrogen,  oI§  ba§ 
„nic^t  eriüorbene"  ßinloinmen  gegenüber  bem  „erworbenen" 
ftürter  befteuert  werben  joK,  gleidjfani  bie  fapitalifirte  "^Mjx^ 
belaftung  be»  in  Sutunft  au»  bem  ererbten  Vermögen  ju 
äicijenben  6in!ommen§  barfteüen.  (Sine  ^Ibftufung  ber  Grb= 
[teuer  nod^  SBeriüaubtidjaftsgraben  erfdjeint  fiierbei  ber  ©ere(^= 
tigfeit  angemeffen. 

(Snblicb  braud)t  faum  erwäfjut  ju  werben,  boß  temunera= 
torifc^e  Segate  an  bie  2;iener]'d)aft ,  ba§  (^efinbe  unb  Beamte 
be§  @rblaf]er§,  wetdje  geiüifjermo^en  als  nai^träglidje  ^e{Dl}= 
nung  für  geleiftete  S;ienfte  erfdieinen,  bißigertoeife  befjanbelt 
werben  muffen  wie  jebe»  anbere  hmö;  5Irbeit  erworbene  6in= 
fommen. 

ßbenfofer^r  wie  bie  p:^ere  23efieuevung  be§  „nidjt  erwor= 
benen",  meljr  ober  minber  arbeit§Iofen  @in!ommen§,  entfpridjt 
bie  9:)ieljrbe(aftung  be§  fogen.  funbirten  (Sintommen» 
ber  ©eredjtigfeit. 

S)a§  ni(^t  funbirte  (Sinfommen  ifl  ba§  @in!ommen  ou§ 
ber  SSetptigung  ber  perfönlidien  5Irbeit§!raft ;  ba§  funbirte 
bagegen  ade»  6in!ommen,  welcbe§  mit  3ulji(fenat)me  bes  eigenen 


1  3lob.  Tlt^tx  a.  Q.  £).  ©.  357.  —  ü.  ©c^öffle,  Sie  ©runb= 
fä^e  ber  Steuerpotitil  <B.  471  ff.  —  S)ie  bort  aSagner  unb  Um)jfen= 
haä)  dertretene  5tnfi(^t,  toelc^e  bie  grbfteuer  aUi  2tuöf(u&  eiiie§  ftaat= 
lid^en  5Dciterbre(|te§  auffafet ,  ift  unffeuftiiaftlidj  unliegvünbet  luib 
praftifd^  fe'^r  beben!Ii(|. 


148  3toeite§  ^a^Dttel.    ®ie  ftaatlid^e  3fle(|t§orbnung. 

58efi|e§  erjielt  tüirb,  |o  boS  9ftentenein!ominen  au§  ^at)ital= 
6e[t|,  Qu§  $ßerpQcf)tung  bon  ©runbftiicfen,  Don  §anbel§=  ober 
©elüerbebetrieben ,  ferner  (Siniommeit  au§  bem  @el&[lbetrteb 
bon  2anbtüirt)'d)Qft,  ^^anbel  ober  ©eloerbe  mit  eigenem  S3e[i|. 
Söä^renb  'i)a§,  @in!ommen  au§  ber  ^kbettsfraft  bon  bieten 
3ufQÜig!eiten  abfängt,  mit  ber  (Sefimbl^eit  unb  ben  ar6eit§= 
fähigen  ^üf)xtn  abnimmt  ober  gar  aufprt,  erfrent  fid)  ba§ 
©infommen  au§  bem  5ßefi|  einer  großem  seitlichen  2)auer= 
(jaftigfeit.  S)a§  @in!ommen  ber  5lrbeit  fjot  ba^er  bie  3Iufgabe, 
ni(^t  bIo[5  ben  gegenwärtigen  53ebürfniffen  ju  bienen,  fonbern 
mu|  aud)  für  bie  S^'it  ber  5{r6eit§unföf)igfeit  unb  be§  ?tlter§ 
bie  not^tüenbigen  ©ubfiftenjmittel  fid^erfteüen.  ®iefe  unb  ätin= 
üä)t  gtüd[id)ten  laffen  aber  offenbar  ba§  iöf)rUd)e  @in!ommen 
an^  ber  5lrbeit  al§  weniger  Ieiflung§faf)ig  für  (Steuer^aiilung 
er[d()einen  mie  ba§  funbirte  ßinfommen. 

8.  5(bgefe()en  bon  einer  93erücfftd)tigung  ber  berfd)iebenen 
5(rt  be§  @infommen§  in  einzelnen  befonbern  ^^-ällen,  entfd)eibet 
für§  allgemeine  über  bie  §ö^e  ber  ©teuer  natürtid^i  bie  §öf;e 
be§  (5in!ommen§. 

|)ier6ei  fommen  jtoei  @t)fteme  in  Setrod^t:  ba§  ©t)ftem 
ber  progreffiben  unb  ba§  ©l)ftem  ber  proportionalen 
^efleuerung. 

2e|tere§  glaubt  bie  burd)  bie  (Sere^tigfeit  geforberte  „gteid)= 
mäßige"  Sefteuerung  nur  bann  gemafjrt,  wenn  ein  jeber  bie 
gleiche  Quote  feine§  @infommen§  al§  ©teuer  gu  jatjlen  1:)ah^. 
53ei  ber  progreffiben  ©infommenfteuer  bagegen  fteigt  ba§  ju 
entrid)tenbc  ©teuerprocent  mit  ber  ^öf)e  be§  (5infommen§  ^ 

©ans  rid)tig  f)at  ©l).  23obin  bemerft,  bie  ©nt[d)eibung 
in  ber  S^rage  nac^  proportionaler  ober  progreffiber  23efteuerung 
l^önge  tcefentlid)  bon  ber  Sntfdieibung  ber  anbern  ^^rage  ah: 


^  ©0,  Jüenn  3.  23.  ba^  erfte  Soufenb  mit  P/o/  baö  älneite  mit  2%, 
bn§  britte  mit  3%   burdj  btc  ©teuer  in  Slniprurf)  genommen  Juüvbe. 


2.  S)te  S^orberungen  ber  attgemcinen  ©eredjttQicit.         149 

tüeld^er  5trt  bon  ©erec^tigfeit  bie  allgemeine  @teuer|)f(id)t  untev= 
liege.  3ft  bie  ©teuer  Uo\]  eine  33crgeltung  ber  öffentlidien 
5(ufn)enbungen,  bie  im  ^ntereffe  ber  23ürger  gefd^e^en,  nur  ein 
^(equiüalent  für  bie  ge[ell){f)aftlid)en  33ort^eiIe,  bie  ber  Sürger 
al§  fo(d)er  geniest,  bann  mufj  ein  jeber  bie  öffentIicE)en  Waffen 
in  bemfelben  55er|ä(tni[fe  mit  feinen  5l6ga6cn  fpeifen,  in  rotU 
d)em  bie  öffentlid^en  5lu§ga6en  ifjm  ^um  33orti)ei[e  gereichen, 
b.  i.  alfo  (arit(;metifd))  proportional  ju  feinem  SSermögen. 
SBenn  mon  aber  bie  <SteuerpfIid)t  nic^t  auf  bie  iustitia  com- 
mutativa  jurüdfüfirt,  fonbern  auf  bie  legale  unb  biStributine 
©ered^tigfeit ,  auf  bie  perfönüdje  ^flidit  bc§  33ürger§,  feinen 
Gräften  entfpredjenb  für  bie  Seftreitung  ber  öffentlichen  5Iu§= 
gaben  beijutragen,  bann  mup  ein  jeber  eben  naä)  bem  DJ^a^e 
feiner  mirtfd^afttidjen  SeiflungSfä^igfeit  «Steuern  entrid)ten  1. 

3ur  red)tlid)en  53egrünbung  ber  ^U-ogreffion  bient  bie 
unbeftreitbare  S^atfad)e,  ,M^  bie  ,n3irtf^aftlid)e  2eiflung§= 
fa^ig!eit'  in  flärterem  ^er^ältnif}  al§  ba§  ßinfommen  fteigt, 
inbem  mit  ber  3}ergröf5erung  be»  le^tern  ba»  ,freie'  @infom= 
mcn,  felbft  neben  befferer  Sebürfni|befriebigung ,  .  .  .  eine 
immer  grii^ere  Quote  be§  (SinfommenS  auSmaii^t"  2.  '^r\o 
nid)t  etma  ber  Hmftanb,  ba^  ber  9}finionär  ben  pfjern  5|3ro= 
ccntfa^  ber  ©infommenfteuer  faum  fo  „fü^It"  mie  ber  2:og= 
löfjuer  ben  geringern,  redjtfertigt  bie  ^rogreffion,  fonbern  bie 
I)öt}ere  2eiftung§f ü^igfeit,  ha  ber  ^J^iüionär,  bei  „ftanbe§= 
gemäßem"  Seben  unb  fogar  reid)üd)er  33efriebigung  aUer  feiner 
bernunftgemä^en  53ebürfniffe ,  aud)  tljatfäd^Iid)  ben  relatib 
großem  ©teuerbetrag  leidster  für  ben  <Btüat  erübrigen  fann 
als  ber  arme  Sofjuarbeiter  ober  |)anbmer!er  ben  geringern 
33etrag  s. 


*  SSgl.  Bei  dir.  Antoine,    Cours  d'Economie  sociale   p.  122  s. 
^  2t b.  2öagner  bei  ©(^önberg  a.  a.  D.  ©.  300. 
^  91eumann,  ®te  progreffitie  ©tnfomtnenfteuer  (ßetpäig  1874) 
©.  142.  —  §Rob.  3Jte^er  (a.  a.  O.  ©.  332)  tottt  bie  ?(Tgumentation 


150  3toeite§  ^apittl.    S)ie  ftaotlid^e  ?Red^t§orbnung. 

S)ie  5progre[t'ibfteuer  Utü'nit  olfo  eine  berfdiiebene  ^e[leue= 
rung  ber  6in!ommen  je  naä)  i^rer  (Srö^e.  5lIIerbing§  mag 
e§  firmer  fein,  einen  feften  5D^af)ftaB  für  bie  ^rogreffion  ber 
@teuerfä|e  p  finben;  bie(mel)r  toirb  fie,  wie  ^tenmann  ^er= 
borfjebt,  „nac^  bem  Umfange  menf(^Ii(i)er  ^roft  ftet§  mill!ür= 
üä)  bleiben;  fie  mirb  ober  tro|  biefer  SBiüfür  unter  ben  25Dr= 
au§fe^ungen  erljebli^er  ©teuerlaft  unb  Bebeutenber  33ermögen§= 
unterfd)iebe  immer  nod)  ben  -Borjug  l^aben  bor  ber  ni(i)t  iriiö» 
fürüc^en  fc^reienben  Ungerecfitigfeit  ber  proportionalen  ©teuer"  i. 

S)ie  ^rogreffion  ^at  felbftberftänblid^  if}re  ©renje  unb  barf 
feine  aHju  f^roffe  fein.  2)ie  53ef;auptung  aber,  hü^  jebe  ^ro= 
greffion  notljmenbig  ju  bem  ungereimten  (Srgebniffe  einer 
lOOprocentigen  ©teuer  fütjren  muffe  unb  fomit  fdjlie^tidj  ba§ 
gan^e  @in!ommen  abforbiren  mürbe,  mirb  Ijeute  mo^I  bon 
niemanben  mefjr  ernft  genommen  2. 

9^euntaiin§  ttid^t  gelten  laffen.  SiefetBe  fül^re  ju  ber  ?R  a  u  fi^en  9?ein= 
ein!ommen§t^eoTte  prüd,  rechtfertige  aBer  tiidjt  bie  eigentliche  5pro= 
greifiüfteuer.  @r  ftü|t  bie  Sßerectitigung  ber  ^Drogreffiüen  Jßefteuerung 
in  anberer  S^orm  auf  ba§  ^rincip  ber  Dpfergleid^^eit :  „Solange  man 
fpcctett  bie  Bei  ber  tec^nifd^en  ©infommenfteuer  gelüö^nlid)  in  Setrai^t 
fommenben  Ouoten  öon  5 — 10%  inä  Sluge  fa^t,  toirb  man  fict)  faum 
ein  Beftimmte§  Urttjeil  barüBer  Bitben  fönnen,  oB  ba§  öou  einer  foIcEien 
©teuer  Bei  öerfifiiebenen  ®intommen§grö^en  rjeröorgerufene  Opfer 
gleicC;  ober  ungleicf}  gro&  ift.  dagegen  fann  bie  ©ntfd;eibung  m($t 
ätoeifel^aft  fein,  foBalb  man  an  größere  Sinfommen^aBäüge,  3.  S5. 
'/2— \3  ^e^  ©intommenä,  benit.  Ser  2Jlann,  ber  öon  1200  ©ulben 
®in!ommen  auf  800  ober  600  Befdfiränlt  wirb,  mu§  feine  Sebi'irfniffe 
gegen  btn  frül)ern  3u[ta"b  mef)r  einf(i)räu!cn  a(ä  berjenige,  ber  oon 
2400  ßntben  auf  1600  ober  1200  rebucirt  n)irb.  .  .  .  Sfnfofern  nun 
ber  ©difu^  gere^tfertigt  ift,  bafe  auc^  bie  Sßirfung  einer  geringern 
©cEimälerung  beä  ©infommenä  neri^ältnifemä^ig  biefelBe  Bleibe,  lä&t 
fic^  Behaupten,  ba§  baö  ^rincip  ber  Dpfergteidj^eit  bie  progreffilpe 
33efteuerung  lierlange." 

'  iUeumann  a.  a.  D.  8.  149. 

^  2ln  Steüc  ber  ^Progreffiofteuer  tuirb  otelfac^  bie  ©egreffion 
empfo^^ten;   ba^j  3)egreffilifteuerfl)ftem   Befte()t   barin,    bafe  man  einen 


2.  S)te  iJorberungcn  ber  oügemeincn  ©ered^tigfett.         151 

9.  Sn  legtet  ^t\t-  ift  bie  ^yrage  toiebcrum  biclfcni)  t3cntilirt 
tnorben,  ob  neben  ber  @in!ommen[teuer  noc§  eine  93ermögen§= 
[teuer  bom  ©tanbpunfte  ber  ©ered^ttgfeit  ^uloffig  fei. 

S§  begreift  ficf),  baß  bie  befifienben  klaffen  nid)t  oljne  $8e= 
benfen  511  einer  foldjcn  Steuer  fic^  üerftefjen  tonnen.  9?ainent= 
lid^  bie  ^onbeI=  unb  geföerbetreibenben  ^perfonen  fd^euen  mit 
9tü(ffi(^t  auf  ben  ^rebit  bie  t'^unbgebung  if}re§  tüetfifelnben 
Sermögenöftonbe»  nod)  met)r  tüie  bie  ju  einer  bernünftigen  unb 
tüirtfonien  ßinfoinmenfteuer  tnefentlic^  geijörenbe  S)eclQratiDn§= 
pflid^t  l^infid^tlid^  be§  jöf^rlid^en  ©eibinncS  1. 


feften  ©teuerfa^  annimmt  nnb  biefen  für  bie  fleinern  ©in!ommen§= 
großen  ermäßigt.  S)ie  ©renje ,  toon  ber  abtoärtg  ber  ©teuerfufe 
niebriger  irirb,  Bilbet  ein  relatiu  mäßiger  ©tntommenSbetrag,  fo  ha% 
Qlfo  nod)  bie  grofee  DJtaffe  ber  ©leuerträger  bem  gletcfien  Steuerfufe 
unterliegt.  Ser  9ied§t§grunb  für  biefe  Srleic^terung  ber  fleinern  ©in= 
lommen  ift  berfelbe,  toel(^er  für  bie  ßoQftänbige  ^Befreiung  ber  Un» 
tiermögenben  f:pri(f)t.  „5JluB  man  biefe  aU  unfäl^ig,  üfceri^aupt  eine 
birecte  Steuer  3U  tragen,  Begeitfinen,  fo  mufe  man  oud^  confequent  bie 
i^nen  im  ginfommen  naä)  olienfiin  aunäcEift  Stel^enben  für  relatiü 
minber  Ieiftung§fä(iig  erftären  aU  bie  3}ermögliifiern"  (öelferid^ 
in  @($önberg§  öanböuc^  III.  148  f.).  —  gur  S^rage  ber  ^ro= 
greffiöfteuer  Dgl.  aud^  2t b.  Sißagner,  lyinansrciffenfd^aft ,  II.  S^cil 
(2.  2tuf(.,  Seipäig  1890),  ©.  428  ff.  —  ltebrigen§  iuürbe  felfift  aud^ 
eine  ftörfere  ^rogreffion  bort  gerei^tfertigt  erfdjeinen,  lüo  für  bie 
2ßaf)Ien  ba§  STciffaffenft)ftem  Befte:^t.  ®a§  ber  ÜtcicEie  mel^r  «Steuern 
be3a:^It  Um  ber  3trme ,  ift  nocf)  fein  „^Berbienft",  fonbern  lebiglid^ 
$ffic^t.  ©in  „Serbienft"  läge  nur  bann  üor,  wenn  er  über  ba§  }3flit^t= 
mäßige  Cuantum  :^inau§  fid^  mel)r  belüften  liefee.  ®rft  für  eine 
fold^e  3[}tel^rbelaftung  fönnte  t)ieüeidf)t  ben  befi^enben  ©tönben  al§ 
foltfjen  bonn  aucFi  ein  größerer  Sinffufe  auf  ba^  )3oIitifd^e  Seben  ge= 
toäl^rt  tterben. 

^  fjür  bie  S>ermögen§fteuer  gilt  naä)  ben  ^teformgefcfeen  in  ^Preußen 
ftatt  ber  nrfprüngfit^  geforberten  obligatorifd^en  JöermögenSanseige 
bie  facultatioe.  Soc^  ift  ben  SSeranlagungöbcfiörben  tDenigften§  bie 
ÜJlöglid^feit  gegeben,  eöentuelf  einen  SrudE  jur  ©rinittefung  ber  2öaf)r= 
I)eit  üben  ju  fönnen. 


152  3weite§  l?Qpttet.    Sie  ftaatüc^e  DtecfitSorbnung. 

^(eicf)lcof)I  bürfte  bie  dJl  i  q  ii  e  I  ]d}e  (Steuerteform  für 
^^reu^en,  mit  ifjrer  S^ermögenSpeucr  bon  V2  P^o  Wiüt,  dorn 
<StQnb|3iinfte  ber  ©erei^tigfeit  einer  5Infed)tung  nid)t  unter« 
liegen.  5{6ge[ef)en  bobon ,  baß  Ijierburd)  ba§  funbirte  @in= 
fümmen,  bie  5Bermögenanu|ung,  flärfer  Ijerangeäogen  lüirb  ata 
ta^  nici^t  funbirte,  barf  bie  neue  „ßrgänjung^fteuer"  aud^  in= 
fofern  5(ner!ennung  finben,  al§  bciburd)  "üa^  bebeutfame  ^rin= 
cip  in  bie  (Sefe^gebung  eingefüfjrt  föurbe,  bo^  ber  Sjefil  al§ 
fotd^cr  fteuerpflid^tig  fei.  „2)a§  S>erinögen  ift",  toie  Dr.  3a= 
firofö  f)erüorI)e6t  1,  „ba§  breitefte  Cbject,  met^ea  einer  ©teuer 
fid)  barbieten  tann.  @d)Dn  qu§  biefem  (Srunbe  barf  bie  8teuer= 
berfaffung  großer  ©taoten  biefeS  Object  auf  bie  S)auer  ni(^t 
au^er  ac^t  taffen.  5tu§  bemfelben  ©runbe  ift  ein  Ueberblid 
über  bie  ©ruppirung  unb  5ßertf)ei(ung  ber  33erniögen  nii^t  nur 
im  Sntereffe  ber  [taatltd)en  g-inanjen,  fonbern  im  S"tereffe 
unferer  gefamten  3Birtf^aft§püIitif  münf(5^en§mert{),  ja  gerobeju 
unerlößlid).  ^eine  Steuer  ift  ferner  fo  geeignet,  ben  33ef{^en= 
ben  tiü?>  @efüt)(  für  if}re  ^^f^id^ten  Dor  5lugen  ju  tjalten,  mlä)t 
i^nen  ber  Sefi|  auferlegt,  al§  gerabe  eine  ©teuer,  bie  ba§ 
^^efi|t|um  q[§  foI(^e§  gum  ©teuerobject  inä^Ü."  2)aäu  fommt, 
bap  eine  berartige  SermögenSfteuer  Cbjecte  unb  ^erfonen  trifft, 
bie  fünft  nid^t  in  gebüt)renber  2Beife  jur  SDedung  ber  gemein= 
famen  Saften  herangezogen  mürben. 

2Si(bpar!§,  Suftgärten,  ©runbfiüde  in  ber  9?a§e  großer 
©tcibte,  meld;e  ber  @igentt}ümcr  unbebaut  liegen  lü^t,  um  fie 
im  red)tcn  5(ugenblid  mit  um  fo  größerem  (Seminn  ju  öer= 
taufen,  merfen  fein  fleuerbarea  (Sinfommen  ah.  5lber  ertraglo» 
finb  fie  nid^t.  2)enn  aud)  ber  ©enuf^,  ben  ^arfanlagen  u.  bgl. 
bem  33efi^er  gemätjren,  barf  a(§  ein  Ertrag  bejeidinet  merben, 
nod)  me^r  aber  bie  jäfirlid^e  Söerttjfteigerung  bei  bracfjliegenben 
©peculattonägrunbftüden  2.    5luc()  ber  reid^fte  33anquier  enbüd^ 

'  3n§.  33raun§  .©ocialpolit.  gentralblatt"  II,  3lx.  15,  ©.  175. 
2  (Bbh.  £.  173  ff. 


2.  S)ie  S^orberungen  ber  aKgemcinen  ©etedjttgleit.         153 

fonn  in  bem  einen  ober  anbern  Safere  „oI)ne  ©infommen"  fein, 
^ennod;  irürbe  e§  bem  nügemeinen  9ied)t§c3e[üf)I  gar  n)enig 
entfpred^en,  wenn  ein  ^Jüdionör,  ber  burc^  unglüdlid^e  6on= 
ftedationen  sufäüig  o^ne  ^infommen  geblieben,  ber  ^aupt[ad)e 
nad)  fteuerfrei  tt)äre. 

10.  2)ie  bisherige  ^inanäproi'iS  leitete  nur  ben  geringern 
S^eil  ber  ©teuereinüinfte  unmittelbar  an^  bem  5)3tiLiateinfom= 
men  ber  steuerpflichtigen  ah.  Statt  be[fen  fudite  man  burd) 
erfünftelte  (Sl}[teme  mittelbar,  auf  Umlüegen,  ha^  ©infommen 
5u  belaften. 

33Dr  altem  bienten  baju  bie  fogen.  ©rtrag§fteuern.  3Sä^= 
renb  bie  ^infommenfteuer  ben  (Srtrag  erft  bann  befteuert,  menn 
er  fid)  auf  bie  an  bem  ©rtrag  tfjeiineljmenben  ^erfonen  üer= 
tf)eilt  |at,  belaftet  bie  ©rtragefteuer  biejenige  ^perfon,  bie  augen= 
büdlid)  'i)a^  ertrag§fä^ige  Cbject  innel^at.  2)ie  auSfc^Iie^lidÖe 
^erüdfic^tigung  be§  Objecte§  unb  feiner  @rtrag§fä^ig!eit  fe^t 
bie  (ärtragSfteuern  in  SQßiberfprui^  mit  ben  gorberungen  ber 
53iüig!eit.  2)enn  offenbar  mirb  bie  2eifiung§fäl)igfeit  einer 
^erfon  jur  Steuerjaljlung  attein  burd)  ben  toirflidien  ßrtrag 
beftimmt  unb  überbie§  burc^  ben  wirÜic^en  ©rtrag  nur  fo  toeit, 
mie  biefer  al§  Üteinertrag  bei  ber  ^erfon  berbleibt,  ntd)t  aber 
ä.  53.  in  ber  ©eftalt  t)Dn  ginfen  an  bie  (Gläubiger  abge= 
treten  werben  mu^.  ^an  nennt  bie  @rtrag§fteuern  aud) 
Objecto  ober  Ü^ealfleuern ,  weit  biefelben  fid)  unmittelbar  an 
ein  Object  anf c^^IieBen ,  im  (SJcgenfat^e  jur  @in!ommenfteuer, 
bie  al§  ^erfDnaI=  ober  ©ubiectfteuer  be^eid^net  mirb,  info= 
fern  fie  ben  perfönlidien  33erp(tniffen ,  ber  perfönlidien  2ei= 
ftung§fafjig!eit  beö  Steuerjal^IerS  9ted}nung  trägt.  3)ie  ^aupt= 
arten  ber  (SrtragSfleuer  aber  finb  einnml  bie  ©runbfteuer, 
fobann  bie  ©ebäubefteuer  be§  @igentljümer§ ,  enblii^  bie  6)e= 
merbefteuer. 

3]on  ber  5[)i  i  q  u  e  I  fd)en  Steuerreform  finb  bie  ©runb=, 
@eböube=  unb  ©eraerbefteuern  al§  Staatsfteuern  „au^er  C^e^ung 


154  3tt5eite§  ^apM.    ®ie  ftaatlid^e  0led^t§orbnung. 

gefeljt"  ^  unb  bie[e  bom  (Staate  frei gela [jenen  ©teuerquellen 
ben  ßommunen  übertüiefen  Sorben.  9lf(ein  bie  bom  @efe^= 
geber  Ijierbei  berfotgte  5I6[id)t,  eine  bie  ^ntereffengegenfäle 
au§g[ei^enbe  gerechtere  Sert^eitung  ber  ©teuerlaft  ju  beirirten, 
toirb  ni(f)t  erreid)t  föerben,  folange  nid)t  äugleid)  burd)  eine 
geeignete  9fieform  be§  contmunalen  Söofjlred^teg  bie  33eböt!erung 
in  ben  ©taub  gefegt  ift,  [id)  ju  fd^üljen  gegen  bie  Snterefjen= 
politi!  ber  [ocialen  ©d)id)ten,  in-beren  §änben  \\ä)  Ijeute  bie 
communale  33ern)altung  borjugSföeife  befinbet.  Ober  iner  lüäre 
naib  genug,  an^unefjnien ,  bo^  bie  je^t  in  ben  communalen 
SSertretungen  rcgierenben  @rD^grunbbe[t|er  unb  g^abrifanten 
bie  Saften  ber  communolen  SSertcaltung  borjugStüeife  gu  tragen 
bereit  fein  werben?  Tlan  tjai  einer  geeigneten  Sdeform  be§ 
5ffiaf)Ired)t§  gegenüber  geltenb  ju  madjen  berfud)t,  bafj  ebentuett 
bie  niebern  klaffen  ber  33ebölterung  einen  ungebü^rlid^en  ®in= 

*  Sie  unentgeltltd^e  SöeggaBe  ber  ©tunbfieuer  mirb  übrigens  in§= 
befonbeve  öon  nationalöfonomifdOer  ©eite  fet)r  beanftanbet.  3tboIf 
2ißagner  fd^reibt  (in  ©(f)önberg§  §anbbnd)  III,  248  f.):  „®ie 
gelegentlich  neuerbingS  gefotbette  öößige  ^Beseitigung  ber  ©runbfteuer, 
felbft  lüenn  atöbonn  bie  betvetfcnben  6teuer^f(idjtigen  bnri^  birecte 
^Perfonalfteuern  angemeffen  getroffen  lüerben,  1)at  bod)  Uiie  bei  allen 
lange  beftel^enben  SJealfteuern  bie  mi^IicCje  3^olge,  einigermaßen  toie 
ein  ©efc^enl  an  ben  ©runbbefi^er  anf  Soften  ber  SSoIfggemeinfd^aft 
3U  Unrfen,  unb  ^wax  toie  ein  ©efd)en!  niä)t  nur  im  ©teuerbetragc, 
fonbern  im  ^Betrage  ber  fapitalifirten  ©teuer."  (9}gl.  aud^  ^aftrolu 
a.  0.  ö.  9h-.  41,  ©.  485  ff.)  ©ine  lange,  burcf)  ©enerationen  f)in= 
burdj  beftebenbe  ©runbfteuer  toirft  nämlid)  nid}t  meljr  al§  ©teuer, 
fonbern  toie  eine  3fleattaft.  SSeim  ßauf  unb  äJerfauf  toirb  borum  bie 
©runbfteuer  bon  ber  diente  abgerechnet,  infolgebeffen  finft  ber  äöertl^ 
be§  ©ute§,  ber  burd)  bie  fapitaUfirte  3tente  bargeftelfft  ift.  aJlan  tauft 
ein  ©ut,  ba§  nid^t  200  9iente,  fonbern  3.  58.  nur  174  liefert  unb 
bementfpredjenb  toeniger  toertl)  ift,  atö  toenn  eö  bie  nolffe  Oiente  öon 
200  abtoerfen  toürbe.  Wü  ber  23efeitigung  ber  ©runbfteuer  ober 
fteigt  bie  3lente  toieber  ouf  200,  mit  i^r  ber  2Bert]^  be§  ©uteö  in 
entfprec^enbem  SJtaße.  ®ie  ®ifferen3  be§  frübern  unb  nunmebrtgen 
SCßertt}e§  ift  bann  ein  ©efd)en!  an  ben  gegentoärtigen  ©igentbümer. 


2.  S)ie  tJorberungen  ber  aKgemeinen  ©erec^tigfeit.         155 

f(uB  gelüinnen  fönnteu.  (Sa  liegt  un§  geföip  ferne,  ben  5In= 
ipriid)  auf  großem  ©influB,  iüel(!)en  ber  ©tQnbe§unter[(f)ieb 
mit  9tcd)t  bcgrünbet,  berfennen  511  tüotlen.  5(nbereri'ett§  barf 
akr  aucf)  ni(^t  ü6er)ef;en  tcerben,  büß,  tt)Q§  geiftige  gä^igfeit 
iinb  53i(bintg  betrifft,  bie  2)iftan§  5tt3ifd)en  ben  fjöfjern  unb 
niebern  @d)id)ten  ^eute  errjeblid)  geringer  geworben  ift,  qI5  fie 
in  früfjern  Reiten  tt)ar.  2Säf)renb  bnrc^  bie  allgemeine  @d)ul= 
bitbung  ha?)  geiftige  Diiöeau  ber  geringern  Seute  fid)  bebeutenb 
erl^ö^t  ^at,  ift  e§  für  bie  ^ö^ern  klaffen  ba»feI6e  geblieben, 
toenn  nid^t  fogar  eine  tfieiimeife  ©rniebrignng  ftattgefunben 
^oben  foHte.  Sie  33orentf)aItung  be§  beredjtigten  Ginfluffe» 
au^  ber  mittlem  unb  niebern  Stänbe  in  Staat  unb  ©emeinbe 
!ann  barum  unmöglid)  auf  bie  gebei^Iid^e  @nttt)id(ung  unferer 
^Ber^äftniffe  einen  günftigen  ©influfj  ausüben. 

11.  SBiel  umftrittcn  ift  bie  S^rage  nad)  ber  Seredjtigung 
ber  inbirecten  ©teuern,  5Iufroanb§fteuern,  5ßerbraud)ö= 
fteuern,  3ööe  u.  bgl. 

SBa»  bie  ^uläffigfeit  ber  8d)u^äöüe  betrifft  jur  Sßaljrung 
ber  tüirtfd)aftüd)en  Griftenj  eine»  ganzen  @tanbe§,  foiüie  jur 
Unterftü^ung  einer  noc^  fc^föaclen  Snbuftrie  bi§  gu  itjrer  6on= 
currenjfä^igfeit  mit  bem  ^tustanbe,  fo  ift  oben,  au§fü[jrlid) 
barüber  geljanbett  föorben. 

3ölle  unb  Stuftagen  auf  ungefunbe  3Baren ,  fc^Ied)ten 
Kaffee,  fd)äblid)e  ©etränte  u.  f.  \ü.  werben  ebenfall»  !aum  ju 
beanftanben  fein.  SBelt^en  Sinflufj  ber  SoHtarif  auf  bie  £cben§= 
gett)o^nl)eiten  eine§  2SoIfe§  ausüben  !ann,  jeigte  fi(^  5.  ^.  in 
ber  3eit  be§  Soüfriege»  jwifd^en  gnglanb  unb  granfreid^. 
Gnglanb  beantwortete  bie  franjöfifdien  ©c^ulsöüe  GoIbertS 
mit  einem  ^of)en  30^  öuf  franäöfifdie  ^robucte,  namentlich 
fran§öfi[d)e  Beine.  3u  gleicher  3eit  fd)lDB  eS  mit  ^Portugal 
einen  93ertrag,  ber  ßnglanb  für  :|3ortugiefif(^e  SBeine  öffnete. 
2)er  franäöfifd)e  Glaret  unb  <Sect,  öon  bem  ©Ijafefpcare 
fo  l)öufig  rebet,  üerf^manb  feitbem  immer  meljr  in  (Snglanb, 


156  Stoeiteä  Kapitel.    ®ie  \iaattiä)i  3(tec^t§orbnutig. 

unb  man  gettiöl;nte  [ic^  boron,  ^oxt  unb  @^errl)  p  Irinfen. 
5!J?e^r  qI§  ba§  feuchte  ^üma  \mx  ber  SoHtorif  bie  Urfac^e 
bie[er  @elüö()niing.  ©o  lüürbe  man  auä)  ^eute  burcl  ^luflogen 
ben  üerbetWid^en  unb  fd^Iedjten  @d)nap§  berbrängen  unb  bo§ 
SSoIf  meljr  an  gute»  Sier  getrötjuen  fönnen. 

@en)t^  entfprec^en  aud)  bie  2ui-u§[leuern,  fofern  man 
unter  2ueu§  nid)t  gerabe  5.  33.  bie  Sulaffung  bon  Sic^t  unb 
Suft  in  bie  Bo^nungen  ber[tef)t,  bem  9?ed)t§gefü:^r  be§  25Dl!e§. 

äßenn  biefe  ober  äfjnlic^e  5(bga6en  eine  ©rleidjterung  ber 
birecten  ©teuern  für  ben  !(einen  Tlann  herbeiführen  fönnten, 
fo  märe  bie§  gemiß  ntd)t  bon  ber  §anb  ju  meifen.  3fl  e§ 
ja  boc^  un6eftreitbar ,  baf3  birecte  Steuern  ben  fteinen  2ßirt= 
fdiaften  gegenüber  befonber§  ^art  auftreten  unb  in  ifjren  3=01= 
gen  für  biefelben  leidjt  berberblid)  merben  fönnen.  ?I6er  bie 
inbirecte  Steuer  birgt  in  fid^  bie  anbere  gro^e  @efaf;r,  "oa^ 
unter  bem  SSormanbe,  ben  ©teuerbrud  gu  berminbern,  fcö(ie^= 
\\ä)  eine  burd)au§  bermerflic^e  @teuerunglei(^l;eit  berurfadjt  unb 
bie  „misera  contribuens  plebs"  unberl^ältni^mä^ig  belaftet 
mirb  1.  ©egen  biefe  llngered)tig!eit,  nic^t  gegen  bie  inbirecten 
Steuern  fd^Iec^ifiin  rid^ten  fid)  unfere  5(u§fü^rungen. 


1  ajlan  begnügt  fic^  üielfaif),  jur  SSegünbung  unb  Dtedjtfertigung 
einer  inbirecten  Steuer  l^erüoräufjeben,  ba%  ber  ©teuer^al^Ier  btefelbc 
faurn  „fiU)Ie",  ba  bie  go^fung  in  ben  fleinften  Oiaten  fic^  öoKsielie 
unb  fi(i)  tnnerfjalfi  eine§  3af)i"e§  auf  3aI)Ireicf)e  ©elegenf)eiten  Oertl)eilc. 
©etoi§  verlangt  e§  bie  poIitifcf)e  ßlugfjeit,  ba%  man  ben  ®ruc£  ber 
5tf)ga6en  erleichtere,  fie  n^eniger  Jü^ibax"  madje.  3tllein  fotoett  bie 
©erecfjttgfeit  in  ^yrage  fommt,  cntfc^eibet  nid;t  ba§  md)x  ober  minber 
brücEenbe  „©efüf)I",  bog  bie  3lbgabe  l^erüorrufen  fann,  fonbern  einsig 
ber  Umftanb,  ob  eine  berartige  ©teuer  fic^  ber  retatitjen  Setftung§= 
fäf)igfeit  ber  ©teuerga^Ier  anpaffe,  ob  nid}t  ba§  ©efamtftjftem  ber  in= 
birecten  ©teuern  fcfiUefeücf)  eine  relatiü  ftärfere  ^erbeiaie^ung  ber 
ärmern  klaffen  jur  5tuf6ringung  ber  gemeinfamen  Saften  beloirfe. 
2tui|  nD(§  in  anberer  §infic^t  ftefjen  ber  inbirecten  ©teuer  loid^tige 
23ebenlen  entgegen,    ©inmol,  Joeil  fie  oft  eine  üiel  ftärtere  Säelaftung 


2.  S)ie  fyorbevungen  bn  alfgemeinen  ©erec^ügfeit.         157 

Cber  tüiberfprid^t  e§  mdjt  offentinr  ber  biÄtriButiöen  ®e= 
rei^tigteit,  tuenn  bie  untern  33ülf§t(a[jcn  burd)  ein  CDniplicivte§ 
©t)[tem  bon  inbirecten  «Steuern  unb  ^Ibgoben  I)eute  nod)  in 
mand)cn  Staaten  über  @ebüf)r  betaftet  [inb  ?  ßbenfo  ungered)t 
i[t  bie  unber^ültnißmö^ig  gro^e  53efteuerung  ber  fteinen  unb 
mittlem  ©runbeigenttjünier,  tt)ä§renb  'tia^  mobile  .Kapital  einer 
auffaUenben  Sdionung  fid^  erfreut.  9Jlon  mod^te  —  um  nur 
ein  ^eifpiet  an^ufüf^ren  —  53linionen  Waxl  an  ber  53ör[e  um= 
fetten  unb  bejaljlt  nid)t5  ober  meniger  babei,  al§  »er  ein  !(eine§ 
Bauerngut  !auft.     Cf;ne  S^^eifel  forbern  btefe  unb  ä^nlid^e 

be§  fleinen  SOtanneä  l^erteifül^rt ,  oI§  ber  ©efe^geber  intenbirte.  <&o= 
bann,  tocti  bie  Stbfdjaffung  einer  einmal  eingeführten  inbirecten  Steuer 
bie  Selaftung  nii$t  fo  leicht  öon  ben  (Scf)ultern  beö  üeinen  93lanne§ 
lüieber  toegsune^^men  im  ftanbe  ift.  ®en  größten  93ort^eiI  i^at  in  ber 
SRegel  nid^t  ber  ©taat,  fonbern  ba§  .Kapital  oon  ben  inbirecten  (Steuern. 
^tbt  33eränberung  lüirb  i^ier  üon  bem  ©goiömuä  benu^t,  bie  ®in= 
füi)rung  fotoof;!  tüte  noc^  me^r  bie  S5efeitigung  ber  Slbgabe.  5le:^men 
lotr  an,  eine  ©teuer  toürbe  auf  ben  Söetn  gelegt  im  ^Betrage  üon  V2 
ober  V4  Pfennig  per  Siter.  3m  Setailoerfaufe  red^net  man  nii^t  mit 
fo  fteinen  Beträgen,  fonbern  bie  ©r^b^ung  beä  ^reifes  ttirb  für  ben 
Siter  gleich  auf  5  ober  10  ^Pfennig  fid)  belaufen,  alfo  ba§  3f^n=  biö 
Swaujigfac^e  ber  bnxä)  bie  Steuer  belotrftcn  (Srl^ö^ung  betragen.  Sott 
biefe  Steuer  fpäter  befeitigt  loerben,  b.  fj.  V2  ober  V*  ^Pfennig  per 
Siter,  bann  tüirb  im  ®etattDer!auf  eine  §erabfe^ung  bey  $reife§  boi$ 
ni(f)t  ftattfinben,  toeil  eä  eben  '/^  ober  V2  Pfennig  nic^t  gibt,  unb 
me^r  üom  biö^erigen  greife  abjulaffen  fällt  bem  SJerfäufer  nti^t  ein. 
©er  Staat  begießt  bann  üietteidjt  2}Hüionen  toeniger,  aber  ba^  5]oIf 
3at)It  ebenfoüiel  inte  frül^er,  ja  no($  me:^r,  ba  ber  Stu^fatt  an  inbirecten 
Steuern  oietteitf^t  je^t  burd^  birecte  Steuern  gebedt  toerben  foll.  — 
9hir  »renn  bie  inbirecte  Steuer  fef)r  ijoä)  xoax ,  bann  wirb  bie  JSefei= 
tigung  berfelben  eine  §erabfe^ung  be§  ^reifeö  jur  S^olge  l^aben,  loeil 
nun  bie  ßoncurreuä  mithilft.  SJor  einigen  Salären  beftanb  in  §effen 
eine  Sonfumfteuer  auf  Söetn,  ju  7  Pfennig  per  Siter.  2tt§  fpäter  bie 
Steuer  abgefiafft  tourbe,  öerlor  ber  Staat  §unberttaufenbe,  toä^ienb 
ber  ^rei§  beä  2ßeine§  im  Setailoerfaufe  berfelbe  blieb.  2Ser  bntte 
ben  SSort^eit  üon  ber  5lbf^affung  ber  Steuer?  5Riemanb  anber§  al§ 
bas>  Kapital. 


158  S>^eite^  Kapitel.    ®ie  ftaatltd^e  9iecE)t§orbnung. 

Uebelpnbe,  ido  [ie  beftetjen,  fd)Ieunige  51bljiife.  S)ie  ©teuer= 
reform  bilbet  oUent^oIben  neben  ben  Oteformen  anf  agrarifdieni, 
getüerbli(i)ein ,  inbuftrießem  ©ebiete  einen  [jeröorragenben  53e= 
ftQnbtt)eiI  ber  focialen  S^rage.  Söenn  ein  alter  ^sl^ilofopl;  [ogte, 
bo^  in  ben  [taotUdien  @inrid)tnngen  bie  Ungerec^tigfeit  tüie 
in  Sapibarfcfirift  erfc^etnt,  ollen  [iditbor  unb  barum  berfüfirertfci^ 
ober  jur  (Empörung  reijenb,  fo  gilt  bie§  nid)t  am  tt)enigften 
üon  ben  g^ormen  ber  [taatlic^en  SSefteuerung. 

12.  3)er  anbere  S^eil  ber  bert^eilenben  @ered)tigfeit  for= 
bert,  ba^  bie  ©taatStoofiltl^Qten  je  nad)  Sebürfni^ 
unb  25erbienft  gleidimäf^ig  bertf)ei(t  werben. 

3u  ben  ©taQtStüoIjtt^aten  redjnen  mx  äunöd^ft  bie  öffent= 
lid^en  9Iemter,  fotoofil  ttjegen  be§  großen  @influf[e§  q(§  quc^ 
megen  ber  bamit  berbunbenen  ßinfünfte.  S)ie  5}?inionen  bon 
©teuern  merben  bon  allen  @taat§angef)örigen  gesaljlt.  ®arum 
barf  aud)  ber  c^riftli^e  ©laube  !ein  ^inberniB  ber  ^(nfledimg 
fein.  2)ie  ^utüdfeiumg  ber  .^otljolifen  in  biefer  |)infid)t,  i^re 
5lu§fc^ne|ung  bon  ben  pfjern  unb  eintröglidien  5temtern  unb 
bie  baburd)  auf  bie  ©auer  betoirfte  33ermDgen§berfd)ie= 
b  u  n  g  ju  Ungunften  ber  !at(joIifd)en  Sebölferung  ifl  eine  Dffen= 
!unbige  23erle|ung  ber  iustitia  distributiva. 

ßbenfo  forbert  bie  bertf^eilenbe  (Sered^tigfeit ,  bafe  nidjt 
nur  bem  |)anbel§[tanbe  unb  ber  ©ro^inbuflrie  i^re  §anbel§= 
unb  @ett)erbe!ammern  gefe^Iid^  gelüöfjrt,  fonbern  anä)  bem 
^anbtDerter=  unb  5lrbeiterftanbe,  ebenfo  ber  Sanbmirtfdjaft  ein 
entf)3rec^enbe§  Organ  jur  3>ertretung  ber  gemeinfamen 
Sntereffen  ju  t^eil  werbe,  ^ahcn  bie  ^aufleute  in  bem  |)anbel§= 
red)te  einen  @rfa^  gefunben  für  ifjr  alte§  ©tanbe^reci^t, 
fo  forbern  nic^t  minber  bie  eigentfjümlicfien  33ebürfniffe  ber 
lönblid^en  S3eböl!erung ,  be§  5(rbeitcr=  unb  ^aubn^erferftonbeS 
Ijeutjutage  ein  befonbere§  5lgrarred}t,  ^anbtüerfer=  unb  9(r= 
beiterrec^t,  bamit  jebem  ©taube  in  feiner  fpecififdjen  5Irt  ba§ 
itjm  ©ebü^renbc  merbe. 


2.  Sie  ^Jorbcvungcn  ber  allgemeinen  ©ered^tigfeit.         159 

5Iuf  ©riinb  ber  bistributiüeu  ©ered^tigfeit  forbert  2eo  XIII.  ^, 
hü^  ber  (Staat  ferner  in§be[onbere  bem  ?(rbeiter[tanbe  einen 
fräftigen  unb  tüirffamen  Ü{ec()t§fd)U^  5U  t^eil  h)er= 
ben  laffe:  „@§  i[t  überbieS  bie  n)id)tige  3BaljrI)eit  öor  5Iugen 
gn  bef}alten,  bafj  ber  ©taat  für  atte  ba  ift,  in  gfeidjer  2öeife 
für  bie  9ciebern  föie  für  bie  ^o^en.  ®ie  5Irbeiter  finb  bom 
naturre(i)tnd)en  ©tanbpunÜe  nid)t  minber  ^Bürger  tuie  bie  5ße= 
[it^enben,  b.  'i).  fie  finb  lüaljre  2()ei(e  be§  ©taate»,  bie  am 
Seben  ber  an§  ber  ®efamtf)eit  ber  g^amilien  gebilbeten  ©tQat§= 
gemeinfdjaft  t^eitne^men,  unb  fie  bifben  jubem,  n)a§  fe()r  in» 
@etoid)t  fäUt,  in  jeber  ©tabt  bei  tüeitem  bie  größere  ^a^l  ber 
(SinltiD^ner.  Söenn  e§  alfo  unsulüffig  ift,  nur  für  einen  S^eil 
ber  ©taataangeprigen  ju  forgen,  ben  anbern  aber  ju  üer= 
nad^Iäffigen ,  fo  mu^  ber  @taat  bur(^  öffentlid)e  5Ka&regeIn 
fid)  in  gebüfjrenber  3Beife  bea  ©diuljeS  ber  5trbeiter  an= 
nehmen.  Söenn  bie§  nid^t  gefd)ie^t,  fo  berieft  er  bie  Sorbe= 
rung  ber  ©ereditigfcit ,  tneldje  jebem  ba§  ©eine  ju  geben  be= 
fie^lt.  9iicbtig  bemerft  in  biefer  |)infid)t  ber  ^I.  2:f}oina§: 
,2öie  ber  2;f}ei(  unb  ba§  ©anje  gettifferma^en  baSfetbe  finb, 
fo  gehört  "ba^,  toa§  bem  ©anjen  geprt,  aud)  geföiffermajjen 
bem  2;f)eite  nn.'^  Unter  ben  bieten  unb  mid)tigen  ^fUd)ten 
a(fo,  bie  ein  für  baö  SBo'^I  feiner  Untertljanen  beforgter  prft 
5U  erfüllen  fjat,  ift  e§  eine  ber  erften,  ^ai^  er  alten  klaffen 
feiner  Untert^anen  benfelben  ©cöu|  angebeifjen  Io[fe,  in  ftrenger 
Sßafjrung  jener  @ered)ttgteit ,  bie  man  bie  ,bertfjeilenbe' 
genannt  f}at."  ^urj  md)i}zi^  fjetf^t  e§  bann  meiter:  „Sßenn 
aber  übert)au|)t  alle  9te(^te  ber  ©taatsangel^örigen  forgfättig 
bead)tet  merben  muffen  unb  bie  öffentlidje  ©emalt  barüber  ju 
madien  f)at,  baf,  jebem  ha^  ©eine  bleibe  unb  t)aii  aik  3Ser= 
le^ung  ber  (Sered)tigfeit  obgetüe^rt  merbe   ober  ©träfe  finbe, 

1  ©nc^üifa  „Rerum  novarum^     Dffic.  SluSg.  ©.  46  (47)  f. 

2  S.  Tliom.,  S.  theol.  2,  2,  q.  61,  a.  1  ad  2. 
^  ®ncl)fUfn  flRerum  novavum"  ©.  52  (53). 


160  Stoette^  Kapitel.    ®ie  ftaatUc^e  Üied^tSorbnung. 

fo  mu^  bod)  ber  ©taat  Beim  9led)t§ic^ii|e  511  (Sunften  ber 
^tibaten  eine  befonbere  gürforge  für  bie  niebere,  un= 
bermöglid^e  ^(offe  fid)  angelegen  fein  laffen.  2)ie  2[Bo^If}nben= 
ben  finb  nämüdo  nic^t  in  bem  5!Jia^e  auf  ben  öffentlidien 
(5d)u|  angettjiefen,  fie  Ijahm  bie  |)ilfe  e^er  jur  §anb ;  bagegen 
!§ängen  bie  Sefi^Iofen,  of^ne  eigenen  Soben  unter  ben  t^ü^en, 
faft  gang  bon  ber  ^protection  be§  ©taate§  ab.  ®ie  5Irbeiter 
atfo,  bie  ja  jumeift  bie  Sefi^Iofen  bilben,  muffen  bom  ©taat 
in  befonbere  Ob^ut  genommen  merben." 

13,  SBic  reidyfjaltig  auc^  bie  @efid)t§|)unfte  finb,  tüeld^e 
bie  bert^eilenbe  ©ered)tig!eit  für  bie  fociate  unb  bDnömirt= 
fd)Qft(id)e  53etrac^tung  eröffnet,  fo  märe  e§  bennod)  anbererfeit§ 
berf e§It,  moKte  man  bieS5ermögen§bertl^eiIung  unmittel= 
bar  im  boIf§mirtfd)aftnd)en  ©inne  ber  bistributiben  @e= 
red)tig!eit  unterfteüen. 

g§  ift  ber  berbienfibolle  ^rofeffor  ©uftab  ©dimoüer, 
bem  mir  biefer^alb  miberfpredien  muffen.  Um  ein  unparteiifc()e§ 
Urtljeit  ju  ermöglidien,  unterbreiten  mir  bem  Sefer  bie  bie§= 
bezüglichen  5(u§füt)rungen  be»  berüf)mten  ^Rationalöfonomen. 

„W^t  feinen  23ebürfniffen  bient  ber  5Jienfd)  nur  fid),  mit 
feiner  5lrbeit,  feinen  Sugenben,  feinen  Seiftungen  bient  er  ber 
©efamt^eit;  unb  nur  barauf  fommt  e§  in  bem  Urttieil  über 
baS  ©erectjte  an,  meld^e§  fie  mert^et."i  „©erec^t"  ift 
alfo  nur  ba»jenige  Urtljeit,  meld)e§  ben  SBertlt)  einer  Seiflung 
naä)  i^rer  Söe^ietjung  jur  ©efamtl^eit  unb  in  biefem  ©inne 
nad)  itjrem  „^erbienfte"  mi^t.  „|)anbe(t  eS  fid)  um  bie  großen 
focialen  ©emeinfc^aften  unb  um  ha^  ©ered)te  in  i^nen,  fo 
mirb  immer  meljr  ober  meniger  ber  33erfu(^  gemad^t  merben, 
bie  berfd)iebenen  ßigenfdbaften  unb  Seiftungen  ber  9}?enfd)en 
in  i^rem  (Sefomtergebniffe  unb  in  i^rem  3wfoi"n^£"^)onge  mit 


»  ©c^moUer,  3ur  <BodaU  unb  ©eloerbepolittf  ber  ©egemcart 
(Seipäifl  1890)  ©.  230. 


2.  2)te  3forbcrmtgen  bev  allgemeinen  ©ered^ttgfeit.         161 

ben  3we(fen  ber  ©emeinfcfiaft  311  mögen.  ...  Sn  ber  [ittlid)en 
2Bertf)fcf)ä^ung ,  Don  ber  ha^  Urtfjei(  über  ba§  ©ered^tc  aua= 
geljt ,  empfangen  bie  3:^Qtigfeitcn  ber  ^injelnen  i^ren  2Bertf) 
nad)  bem  Innern  ^md  be»  ©onjen.  2)ie  tüatjxt  G)ere(^tigfeit, 
l'agt  3i^)cring,  ift  bie  aüen  bürgern  gleich  äumägenbe  5(bme)= 
fung  ber  ^^olgen  gegen  bie  Sf^aten  noc^  bem  5)JnBe  be§  2Bert^e§ 
ber  le^tern  für  bie  ©efeüfcfjQft."  ^ 

5(ud)  bie  tr)irtfd)Qft(id)e  S^ätigfeit  fönte  bemna^,  menn  wir 
©demolier  ricfitig  berfiefjen,  für  ba§  „9ied}t"  nur  nl»  ein  ber 
@efnmtf;eit  geleifteter  2)ien[t  in  23etrad)t.  ^^-ür  bie  „5öe(o^= 
nung"  biefe§  „23erbienfleä"  l)üi  bie  ©efeHfc^aft  bei  35ert[jei(ung 
ber  @üter  gemö^  ber  bi»tributiöen  ©ered^tigfeit  Sorge  ju 
trogen.  2)Je^r  ober  minber,  birect  ober  inbirect,  [teilt  fi(^ 
fomit  bie  33ert§ci(ung  ber  ©üter  f(^Ied)ti}in  qI§  ft  a  a  1 1  i  (^  e 
g-unction  bar !  ^  Gegenüber  ber  liberalen  5ßertf)eilung  burd) 
5(ngebot  unb  D^adjfrage  mirb  l^ier  ber  6taat§fociaIi§mu»  pro= 
ctamirt,  werben  üolfärairtfdjaftlic^e  ^nftitutionen  öerlangt, 
burd)  tt)e{(^e  bie  ©üter  allein  nad)  D^iapgabe  be§  33erbienfte§ 
um  bie  ©efamt^eit  fid)  t}ert[jeilen.  2)ie  ©mitljfd^e  Cefonomif 
fennt  feine  anbere  bie  ©üterbertr^eitung  befjerrfd}enbe  ©ered^= 
tigfeit  al§  bie  t^i^eifieit  ber  5?ertrüge,  o^ne  9^ürffid)t  auf  ba§ 
materielle  ©emeinluoljl  ber  ©efeflfdjaft.  ©dimoller  gufolge  ift 
lebiglid)  biejenige  ©üteröert^eilung  „gered)t",  meli^e  nad)  bem 
33erbienfte  um  bie  ©efamtljeit  ben  51ntl}eil  an  ben  ©ütern  be= 
mi^t.  g-ür  bie  !(affifd)e  Oefonomie  mar  ba§  Snbiöibuum 
alle§,  bie  ©efamtljeit  nid)t§.  4'^ier  rairb  umgefe^rt  bie  mirt= 
jc^aftlidie  S^ötigfeit,  infofern  fie  6(0^  öon  ben  (äinjelnen  jur 
Sefriebigung  i^rer  pribaten  53ebürfniffe  gefi^ie^t,  ber  *£p^äre 
be»  „üie^ta"  boüftönbig  entrüdt. 


'  ©demolier  a.  a.  D. 

-  ®ie  biätriButioe  ©ere(|tigteit  ift  eben  eine  3^imction  ber  Staat§= 
gewalt,  toirb  üon  biefer  niif;t  nur  gefc^ü^t,  Jonbern  geübt. 


162  3toette§  ßapitcl.    Sie  ftaatlic^e  9iec^t§Drbnung. 

2öir  trürben  e§  lebfioft  fiebauern,  trenn  (gdjmotter  toirflid) 
biefen  ©tanbpunft  einnefinien  füllte.  (S§  tt^üre  bie  Erneuerung 
be§  alten  Strtf)um§:  W\t  bem  «Staate  fangt  erft  ba§  9ted)t 
an.  gr  gilt  al§  Gueüe  al(e§  9ted)tc§  —  aucft  be§  33ermögen§= 
rechtes,  llnb  boc^,  tt3a§  !önnte  benn  fe(6flberftünb(ii^er  fein 
al»  bie  ©jiftens  eine§  natürlicfien,  in  fi(f)  begrünbeten  prioaten 
9te(f)te§  ber  (Sinjelnen  bor  febem  Staate,  bor  ber  ©efeHfi^aft? 
(Smpfängt  benn  etma  ber  9J?enf(5  erft  bur(^  tim  Staat  ober 
lüegen  ber  S)ienfie,  bie  er  ber  ©efamtfieit  leiftet,  ba§  „^tä)i" 
auf  fein  2e6en,  feinen  guten  9?amen,  ha^  9te(^t,  ^u  arbeiten, 
bie  3^rüd)te  feiner  51rbeit  ju  geniefjen,  burct)  bie  5trbeit  S3e= 
friebigung  feiner  eigenen  23ebürfniffe  ju  erftreben?  S)a§  attcS 
befa|  ber  '^m)ö)  bereit§  bor  bem  Staate,  unb  biefeS  $ßer£)öItniB 
tüirb  aud)  nid)t  baburd)  befeitigt,  bap  bie  pribatmirtfc^aftlidie 
Sfjätigfeit  bea  23ürger§  fecunbör  ebenfalls  ben  ^md  unb  bie 
33ebeutung  eine»  ber  ©efamtfieit  geleifteten  3)ienfte§  im  Staate 
ertjält. 

23ieIIeid)t  aber,  ha^  für  Sd^moüer  noc^  ein  anbere§  9}li^= 
berftänbniB  ben  5InIaB  bot,  bie  g-unctionen  ber  biatributiben 
(Sered^tigfeit  über  ©ebütjr  auSjube^nen.  Sene§  DJJiBberftänbni^ 
tritt  flar  ju  2:age,  too  Sc^moüer  bon  bem  3Serfjä(tni^  ber 
auataufd^enben  @ered)tig!eit  (iustitia  commutativa)  gur  ber= 
t^eilenben  ©ered)tig!eit  (iustitia  distributiva)  fprid)t:  „3)ie 
@ered)tigfeit  be§  (äinjelberfefjrS  ift  bie  fogen.  au§taufd)enbe.  .  .  . 
Siefe  au§taufd)enbe  ©erec^tigfeit  fteljt  aber  nidbt  in  eigentlit^em 
(Segenfa^  jur  bertfjeitenben ,  fie  ift  nur  eine  i^rer  Unterarten, 
bie  ni(^t  bie  ganse  ©efellfdjaft  unb  aUe  i^re  ^tütäc,  fonbern 
nur  einen  %^z\[  berfelben  unb  einen  befonbern  ^ixttd  im  5Iuge 
^at."  1  S)a§  ift  unrichtig.  Sie  au§taufd)enbe  ©erec^tigteit  ift 
feine  Unterart  ber  bert^eitenben  @ered)tig!eit,  fonbern  ber  @e= 
redjtigfeit  überijaupt,   fo  ^wax,   ha]]  bie  ®ered)tigfeit  im  all= 


'  ©(^m oller  a.  a.  D.  ©.  239. 


2.  S)ie  Sotbmuigcn  ber  atigemeinen  ©ered^tigteit.         163 

gemein[ten,  generifdjen  ©inne  [ic^  in  bie  nebenetnanber  ftef)en= 
ben  Unterarten  ber  iustitia  legalis,  vindicativa,  distribu- 
tiva  unb  commutativa  fc^eibet.  2Ba§  ©demolier  qI§  2Be[en 
fpeciell  ber  bertfjeilenben  ©erec^tigfett  beseidinet,  boä  suum 
ciiique  —  bnf3  jebem  bQ§  ©einige  jn  tfjeit  werbe  — ,  i[t  bo§ 
gemeinfame  Söejen  QÜer  Slrten  ber  ©eredjtigfeit,  an  bein  [omit 
in  i^rer  2Seife  auä)  bie  iustitia  distributiva  participirt. 

5)ie  33ernjed)»Iung  ber  biätributiöen  @ered)tig!eit  mit  ber 
(Serec^tigfeit  fi^Ied^t^in  er!(ärt  ebenfalls  mit  Seic^tigfeit  bie 
nnbern  9."Ri$berftänbni[je ,  benen  un]ere§  (5rad)ten§  ©c^motter 
jnm  Opfer  gefallen  ift, 

3unüd)ft  ift  bie  2Baf}rung  ber  iustitia  distributiva  in 
ber  %^ai  bie  5(mt§pf{id)t  ber  33Drfte§er  einer  ©efamtl)eit,  unb 
ivoai  mu^  biefe  bi§tribntiüe  ©erec^tigfeit  getnal^rt  lüerben  ge= 
rabe  bei  ben  3iitf}ei(ungen ,  bie  unmittelbar  bon  jenen  33or= 
ftel^ern  —  in  unferem  g-aHe  bon  ber  ©taatSgeroalt  —  ju 
boHsiefjen  finb,  Söirb  foniit  bie  „53ermögen§bert^eilung"  ein= 
fad)I)in  unter  ben  ©eftd)t§pun!t  ber  bi§tributiben  @ered)tig!eit 
geftellt,  fo  nimmt  ba§  äöort  „53ert^eilung"  plö^Iid)  einen 
actiben  ©inn  an.  ®er  ©taat  f}at  bann  nic^t  blo^  burd) 
feine  9ted)täDrbnung  mittelbar  „ba§  ©idjbert^eilen  be§  33er= 
mögen»",  ba§  „33ertfjei(tfein"  ju  beeinfhiffen  unb  nad)  ber 
Diorm  ber  ©eredjtigfeit  §u   regeln  i,   fonbern  bie  33ertl)eihing 


*  §ierbei  tottb  ber  ©taot  in  !raf t  ber  b  i  §  t  r  i  b  u  t  i  0  e  n  ©ercd^= 
tigfeit  benjenigen,  bie  für  baä  ©emetnmo^I  non  großer  Scbeutung 
finb  (ä-  S.  bem  Slrbeiterftanbe),  einen  befonber§  Unrffamen  3te(f)t§= 
fc^u|  gewätjren  muffen,  nad)  befter  5IRöglid)!eit  bafür  ©orge  tragen, 
ba%  bem  Slrbeiter  ber  gered)te  Sol^n  nidjt  üerfürst  toerbe.  SIßein  ber 
Slrbeiter  empfängt  fjierbei  ben  ßo'^n  ni(|t  etma  öon  bem  ©taatc  unb 
für  5)ienfte,  bie  er  bem  ©taate  geleiftet  tjat,  fonbern  für  bie  im 
„®ienfte"  beö  ßofjnl^errn  geleiftete  StrBeit.  S)ie  „9}erbienfte"  be§  2Ir= 
beiterö  aU  foId)en  um  bie  ©efamtl^eit  aBer  luerben  klotjnt  bnxä)  ben 
t)efonber§  forgfamen  Ote^itöfc^u^ ,  ber  il)m  aud)  in  SSesug  auf  2Df)n= 
forberung  u.  f.  W.  ju  ti)i'ü  lüirb. 


164  3weite§  ^a^itel.    ®ie  ftaatliöie  3le(|t§orbnung. 

felbfl  immittelbor,  actib  ju  Doli  sieben.  ®ie  logifdie  unb 
red)tüd)e  i>Drau§le|ung  einer  berartigen  birecten  93ert[)eilung 
be§  93ermögen§  biird^  ben  Staat  aber  tüäre  offenbar  ©taat§= 
eigent^um  an  allen  materieüen  (Sütern  unb  Se[i|gegenpnben. 
S;enn  öert^eiten  fann  unb  barf  ber  ©taat  nur  ha^,  ma»  ifjm 
gef)ört ! 

14.  (S§  ift  alfo  bei  ©dimoller  ber  ©taat§fociansnm§  ni(i)t 
etwa  ba§  logifdie  ©rgebni^  einer  ftreng  roiffenfcbaftlic^en  2)e= 
buction,  fonbern  eine  unbettjiefene  23Drau§fe^ung,  toeldie  jenen 
f)D(f)begabten  3^orfd}er  bon  born^erein  irreleitet  unb  iljn  leiber 
l)inbcrt,  fic^  ju  einem  principieü  böüig  geflärten  ©tanbpunfte 
empüräufd)it)ingen. 

Se|t  berfte^t  c§  \\ä)  auä)  leidet,  wie  ©i^moller  baju  Um, 
lebiglid)  ba§  33erbienft  um  bie  ©efamtfjeit  bem  „Urttjeü  über 
ba§  @ered)te"  gu  ©runbe  gu  legen,  ^anbett  e§  fid)  um  53er= 
t^eitung  öffentUdier  23o^(t§aten  burd)  ben  ©taat,  fo  bilbet 
aüerbingS  neben  bem  SebürfniB  ba§  „25erbienft  um  bie  @e= 
fomtfjeit"  einen  ©runb,  ber  Ijierbei  bon  ber  iustitia  distribu- 
tiva  berüdfid^tigt  werben  mu|.  Iber  bie  ^eto^nung  be§  33er= 
bienfte§  um  bie  ©efamtfieit  ift  nur  ein  Sf^eil  „be§  ©erec^ten 
in  ben  großen  fociolen  (V)emein)d)aften",  feine§meg§  ber  ganjc 
Sntjalt  ber  fociaten  @ered)tigfcit,  welche  ber  ©taat  t[}ei(§  un= 
mittelbar  t|eil§  burc^  feine  ©efetjgebung  mittelbar  ju  berioirfs 
lidben  ^ot.  @»  ift  bie  fd)öne,  erhabene,  gro^e  5lufgabe  be§ 
«Staates,  bafür  Sorge  ju  tragen,  bajj  gang  unb  bot! 
„jebem  ba§  ©einige",  b.  f).  ba§  i^m  @ebü{}renbe  ju  t^eil  unb 
belaffen  werbe,  mag  biefe§  ©ebüfirenbe  nun  auf  einem  33er= 
bienfte  um  bie  ©efamt^eit  ober  auf  einem  fonftigen,  fei  e» 
natürlid^en,  fei  e§  erworbenen,  Stec^tSanfpruc^  berufen. 

llebrigen§  wirb  Sdimoöer  fic^  bod)  wo^I  töufc^en,  wenn 
er  fid)  für  bie  S^eorie  bon  ber  „geredeten"  ©üterbert^eilung 
burd)  ben  Staat,  nad)  93iaBgabe  „be§  93erbienfte»  um  bie  @e= 
famtljeit",  auf  9(riftoteIeö  berufen  ju  fönnen  glaubt.   Sm  Sinne 


3,  S)ie  iiefonbere  ©ercd^ttgfeit  unb  i:^re  S^orbcrungcn.      165 

be§  ©tagiriten  i[t  bie  2öaf)rung  ber  iiistitia  distributiva 
feine  bie  gefnmte  ©üterüertfjeilung  beljerrfd^enbe  Function 
ber  <StnQt§geit)aIt.  (Sie  legt  Dielmef;r  ben  @taat§(en!eni  nur 
bie  ^flid)t  auf,  bie  genieinfamen  ©üter  unb  Saften  uaä) 
eine»  jeben  Sßerbienft  unb  23ebürfni|5  ju  öert|eilen. 

gür  bie  Orbnung  be§  gefenfcf)aft(i(^en  SebenS  bon  ^öci^fter 
Sebeutung  ift  nid)t  minbev  bie  2BaI)rung  ber  befonbern 
@ered)tig!eit.  3^re  gorbcrungcn  tuoKen  n3ir,  äunüc^ft  in  großen 
Umriffen  föenigften»,  nunniefjr  feftjuftetlen  un§  bemüf;en. 

3.  pie  befonbexe  ^ercrßügßcU  unb  i^re  ^otbcrungen. 

1.  2Bäf)renb  bie  biätri&utiue  ®erecE)tig!eit  eine  5]3flid)t 
ber  33orgefe^ten  q(§  fold^er  hqw.  ber  2:räger  ber  (Staatggemalt 
beäeirfinet,  infofern  biefelben  gemeinfame  Soften  unb  @üter  nod) 
2eiftung§fä^ig!eit,  ^ßebürfnif^  unb  33erbienft  ju  bert^eitcn  I;aben, 
ttinfjrenb  anbererfeit»  bie  legale  ©ereditigteit  ba§  Seneljmen 
be§  ©insetnen  unb  fein  unmittelbares  SSerl^öItni^  gegenüber 
bem  allgemeinen  2BotjIe  ber  ©efamt^eit  orbnet,  ift  e§  bie  5Iuf= 
gäbe  ber  befonbern  @ered)tig!eit,  üorne^mlid^  unfer  unmittel= 
bare§  33err;ättniB  in  ben  anbern  ^nbibibuen  unter  bem 
@efid^t§punfte  ber  @ered)tig!eit  5U  regeln  ^. 

^er  9hme  commuMicu  iustitia,  S a u f c^  gered^tigfeit, 
foU ,  mie  bereit»  früljer  angebeutet  mürbe ,  feineSmegS  ben 
Saufc^üerfe^r,  ^auf  unb  33er!auf,  al§  auafd)Iie|Iici^e»,  fonbcrn 
nur  al§  borneI)m(ic^e§  ©ebiet  biefer  ®eredjtig!eit  ^erbortjeben. 
(Srunbgebanfe,  innerfter  ^ern  ber  „befonbern"  @ered)tigfeit  ift 
oielme^r  ganj   allgemein  bie  SßorfteHung   t3on  einer  unberle^= 


1  S.  Thom. ,  S.  theol.  2,  2 ,  q.  58,  a.  7  ad  1 :  Iustitia  legctlis 
sufficienter  quidem  ordinat  hominem  in  iis,  quae  sunt  ad  alterum, 
quantum  ad  commune  bonum ,  iminediate ;  quantum  autem  ad 
bonum  unius  singularis  personae,  mediate.  Et  ideo  oportet  esse 
aliquam  particularem  iustitiam  ,  quae  immediate  ordinat  hominem 
ad  bonum  alterius  singularis  personae. 


166  3tt3eite§  ßo^itel.    Sie  ftaatlid^e  Diec^t§oi-bnimg. 

liefen  inbiöibuetten  gie(i)t§[|3pre  be§  5!Jien[(^en.  Wan  mag 
tl)n  al§  ^erfon  ober  nl§  ben  |)eri-n  eines  großem  ober  ge= 
ringern  3;^d(e§  bev  ^hturgüter  betracf)ten,  überaß  erfdietnt  er 
al§  Sräger  einer  ©efamtfjeit  bon  natürlidien  ober  erioorbenen 
9ted)ten,  beren  jebeS  einzelne  bem  5D]itinenf(|en  nnb  bem  «Staate 
l^eilig  [ein  foll,  tüeld^e  niemanb  tütüüirlid)  beriefen  !ann,  oljne 
\iä)  in  äöiberfprud)  ju  fe|en  mit  ben  g^orberungen  ber  ett)i= 
fc^en  Drbnung. 

W\t  9iücf[id)t  auf  bie  iustitia  commutativa  erlüäc^ft  für 
ben  ©taat  unb  bie  ©taatSgetoalt  eine  boppelte  3SerpfIid)tung. 

3unQd)[t  mu^  ber  ©taat  vok  jebe  ^priöatperfon  jene 
inbiüibueHe  ütec^tSfppre  ber  einjclnen  53ürger,  S^amiHen,  ßor» 
iporationen  anerfennen,  einem  jeben  geben  unb  laffen,  tt3a§  il^m 
fraft  natürlichen  ober  erworbenen  Üte(^te§  gebüljrt  i. 

©obann  entfielet  für  ben  ©taot  au§  feinem  naturgemnfsen 
3n)ede  bie  ^flidit  be§  Üte(^t§fd)u^e§  unb  ber  23ertt)ir!Iidjung 
jener  befonbern  ®ered)tig!eit  in  ben  gefenfd}aftlid)en  ^öejicljungen 
ber  Staatsbürger  ju  einanber. 

2.  2[Ba§  inSbefonbere  bie  @igentl)um§uerljältniffe 
nnb  ba§  @rtt)  er  blieben  betrifft,  fo  ift  e§  bie  5ütfgabe  ber 
ftoatlidien  ©efetjgebung ,  bie  33ermögen§fpt)ürc  be§  ©iuäetnen 
gegen  jeben  unbered)tigten  Eingriff,  fei  e§  burd)  S)icbftal)t, 
glaub  u.  f.  tu.,  fei  e§  burd)  Seftimmung  jur  ©elbftfd)äbigung 
in  ben  mannigfadien  ^^^ormen  ber  ^rjeugung  unb  Ausbeutung 
öon  Srrtfjum,  ^yurd^t,  burd)  betrug,  ©rpreffung  u.  f.  xo.,  in 
lüirtfamer  2Beife  ju  tt)a!)ren. 

5]amentUd)  aud)  foH  ber  ©taat  ein  mäd)tiger  ©d)irmUügt 
be§  gcrecbtcn  33ertrag§Der!ef)reS  fein,  ^ienmnb  ift  hierbei 
befugt,  grunbloS,  titeUoS  baS  Sßermögen  eines  anbern  ju  t)er= 
minbern.    Sine   grunbtofe,   ber  ®ered)ttg!eit  tt)iberfpred)enbe 

»  S)te  93cx-Ie^i»ig  fremben  3k(^teS  buvc^  2}ern)artung  ober  ©efe^= 
gebung  fatin  jogar  für  bie  Srager  ber  ©taat§gelüalt  ober  bie  gefe^= 
gebenben  ^-actoven  eigentlidEie  3teftitution§t)faÄ)ten  wa^  fid)  3ie()en. 


3.  2!ie  befonbere  ©evedfitiglett  unb  if)re  fj^-orberungen.      167 

5}iinberung  läge  ober  bor,  lüenn  in  ben  33etträgcn,  in  bencn 
ber  eine  S^cil  eine  Seiflung  üoüäie^t,  nm  bafür  eine  ®egen= 
Iei[lnng  ju  erf}alten,  Seiftnng  unb  IRücfleiftung  wertend)  l3er= 
fd^ieben  tpären.  Seber  ber  2}ertragf(i)Iie|enben  enrartet  unb 
forbert  ein  berartige»  5lequiöQlent.  5(uf  biefen  Srfo^  öerjiditet 
er  unter  normalen  23er^ältnifyen  ebenjotrenig ,  nl§  ein  folc^er 
(Sontract  ber  5Zatur  unb  ber  5(b[icf)t  ber  33ertrag[rf)IieBenben 
naä)  eine  ©c^enfung  [ein  [oII.  2öürbe  ober  bie  5Zot^  ben 
5)ienid^en  jn^ingen,  auf  [ein  Siecht  35eräic^t  ju  leiften,  [o  mu^ 
ber  ©taot  für  if)n  eintreten,  ä'ßenn  ein  33er!^ungernber  mir 
ein  ^önigreid)  für  ein  ©tüd  33rob  geben  „toodte",  [o  barf 
ic^  bennoc^  feine  augenblidticfie  9iot^  nid^t  gu  meiner  53ereic^e= 
rung  mifjbraucfien ;  nnb  menn  ba»  eingebet  öon  „|)änben" 
noc^  [o  umfangreich  märe,  ber  geredete  2o!^n  müßte  gteid^mo^I 
fid^  nac^  bem  2öertf;e  be»  ©eleifleten  beftimmen  unb  jugleic^ 
feine  ^J^inimalgrenje  in  bem  2eben§unter[)alte  be§  5Irbeitera 
finben.  Sie  ßi'iflen^  tion  „|)ungerlöf}nen"  ift  ftet§  ein  5Be= 
mei§,  ba^  ber  ©taat  feine  fjeiligfte  ^flic^t,  ein  |)ort  unb  33e= 
f(^ü^er  be§  9te(^te§  ju  fein,  nic^t  erfüllt  I;at. 

9J?er!roürbigermeife  ^aben  aber  bie  SSorfämpfer  be§  „mo= 
berneu"  @taat§gebonfen§  —  im  2Biberf|)rud^e  mit  ber  bi§= 
tributiben  ©ered^tigfeit ,  metcf^e  borne^mlid^  bie  mirtfdjaftlid^ 
©d^madöen ,  itjrem  gröBern  SBebürfniß  entfpred^enb ,  f(^irmen 
foü  —  ben  ftaat(i(^en  „?Red}t§fd)u|"  auf  mirtfdiaftlic^em  @e= 
biete  in  ben  befonbern  ^ienft  ber  befi|enben  klaffen  ju  ftellen 
gemußt.  S)a»  ermorbenc  ßigent^um  einerfeit»,  bie  ^xz'u 
l)eit  be§  @rmerbe§  unb  53ertrag§berM)re§  anbererfeita :  ba§ 
[oüten  bie  beiben  ©ebiete  [ein,  auf  meli^en  ber  ©taat  aüein  feine» 
[d)ü|ienben  ^mte§  malten  burfte.  Sie  golge  mar,  baß  unfer 
93er!ef}r§(eben  aHmäljIid)  bon  betrug,  5{u§beutung,  ©djminbel 
burd^feud)t  unb  iuabefonbere  bie  mittlem  unb  niebern  ©tänbe 
bem  (Sigennu^  unb  ber  5lu§beutung  burc^  be§  ^a|3itali§mu§ 
Uebermud^t  unb  Uebermutf;  na^esu  fd)u^(o§  preisgegeben  mürben. 


168  SttJ^iteö  ßapitel.    Sie  ftaatli(^e  ÜiecfitSürbnung. 

®a§  inanc^efterlic^e  „9^aturgefe^"  öüu  ^(ngebot  unb  9lad^= 
frage ,  bie  freie  Goncurretiä  al§  9teguIator  ber  23ermö9en§= 
üertfieilung  fteüten  bQ§  ganje  feciale  Seöen  immer  mefir  auf 
bie  '^Jlad)t  ftatt  auf  bie  ©ereditigfeit.  @egen  brutale  (5ün= 
currenj  gibt  e§  ^eute  fein  anbere§  5j^ittel  al§  eine  Ueber= 
bietung  buri^  nod)  größere  33rutantät,  unb  gegen  ben  Unter» 
(o^n  !eine  anbere  |)ilfe  mie  ben  @trife.  S;arf  man  e§  bem 
5(rbeiterftanbe  berargen ,  menn  er  tjierbei  ba§  ^rincip  ber 
„(5elbfl()i(fe",  meld^e§  man  fo  fefjr  itjm  angepriefen,  gegen 
bellen  23erfünbiger  antoenbet?  2)er  5trbeiter  öerlangte  ftaat= 
lid)en  ©^u|  öor  ber  fapita(ifli)rf)en  5(u§beutiing.  Umfonft! 
%k  33ertrag§=  unb  33erfef)r§frei^eit  foHte  nid)t  öerle|t  merben. 
33on  niemanben  bef)inbert,  bürfe  ja  ber  Arbeiter  ba§  5Jiinber= 
angebet  be§  5lrbeit§f)errn  auäfcblagen,  Unb  biefen  bei^enben 
|)üljn  magte  man  bem  Arbeiter  iu§  Stngefic^t  ^u  fd}teubern, 
auc§  menn  er  bon  jener  erhabenen  „grei^eit"  feinen  @ebrau(^ 
machen  tonnte,  meil  ber  |)unger  unb  bie  9?ott)  ber  Peinigen 
if;n  jmangen,  um  jeben  ^rei§  in  bie  5{rbeit  ju  treten !  2ief 
berieft,  in  feinem  ®erecbtigfeit§gefü^t  getränft,  erfpäfjt  er  nun 
eine  (Gelegenheit,  um  bie  berütjmte  „Selbfttjilfe"  aud)  einmal 
äu  feinem  eigenen  23ort(jeiI  rüd[id)t§tD§  ^u  bermert^en.  5(uf 
biefe  2Beife  ift  ba§  ä^erljättni^  ^mifdien  Strbeiter  unb  5trbeit= 
geber  eine  einfache  5Jfad)tfrage,  ein  beftünbiger  ^riegs^uftanb 
gemorbcn,  mobei  ber  eine  %l}^\l  ben  anberu  argtiftig  belauert, 
um  i(}n  nad)  Gräften  ju  fcbäbigen. 

5lud)  ber  SIrbeiter  ift  5}Mifcb,  f)at  ein  ^erj,  f)at  ©inn 
unb  35erftänbnif)  für  bie  ®ered)tigfeit.  ®afür  tonnen  jene 
gabritt)erren ,  bie  au§  (äf^rgefüf}!  unb  perfönlid)er  ©en)iffen= 
^aftigfeit,  inmitten  ber  liberalen  2Birtfc^aft,  bie  @ere(^tig= 
feit  äum  oberften  ©efe^e  it}rea  |)anbe(n§  gemacht,  ein  bDn= 
tt)id)tige§  ^euQ'^ii?  ablegen.  9Zid)t§  fieigert  bie  „2eiftung§= 
fät)igfeit",  beffer  gefagt,  bie  ÖeiftungSroiQigfeit  be§  'Meiter§ 
me^r  at§  eine  gcrecbte  33ef)anblung  unb  2öl)nung. 


3.  Sie  befonbere  ©ereäitigfeit  unb  iijxe  S^orbcrungen.       169 

3.  Wü  bcni  föefagtcn  i[t  jebod)  feineStüegS  bie  ganje  51(uf= 
gäbe  be§  ©taateS  er]rf)ö|3ft,  tceldje  bem[eI6en  au§  feiner  ^flid)t 
ber  93ertt)irflicf)ung  auagleidienber  (Beve(i)tigfeit  im  gefe(Ii(f)aft= 
lidEien  Seben  ertriidjft.  5iid)t  blof,  foü  er  bie  reblid)  er= 
toor denen  3.H'rmögen§re(^te  burd)  ^^'^ii'^ii^fM'iing  jebe§  un= 
befugten  Eingriffes  in  bie  inbiöibuelle  9fied)t§fpf)Qre  „fdiütjen", 
nid)t  nur  bie  @ercd)tig!eit  im  5ßertrag§lier!e^re  tra^ren  — , 
überbiea  ift  er  ber  .*püter  jenes  natürlidien,  perfönUd)en  D^ec^teS 
eines  jeben  feiner  ^Inge^örigen,  beffen  $ßerit)irf(id)ung  ben  5JJitte(= 
punft  inSbefonbere  ber  öfonomifdien  ©efefegebung,  einen  ^aupt= 
äwed  ber  ganzen  ftaatlidjen  53oI!sit)irtfd)nft§forge  bilben  mu^. 
äBir  meinen  boS  „^tä)t  ber  ©riftenj"  ober  boS  „9ted)t  auf 
ei'iftenä"!. 

S)a§  9?ed^t  ber  ©i'ifteuä  ift  ein  natürlid)e§,  mit  ber 
5]3erf öntid^feit  be§  5J?enfd^en,  bor  jeber  S)aän3ifd)enhmft 
ber  ftaatlidien  ©efe^gebung,  berbunbeneS  9^ed)t  unb  borum 
Dom  ©taate  anjuertennen ,  ju  fd)ü|en,  in  einer  bem  ^mäz 
unb  ber  9Jk(^t  be§  ©taateS  entfpred)enben  SBeife  ju  ber= 
wirflic^en. 

S)er  Sn^olt  biefeS  9led^te§  ber  ©jifteng,  feine  gorberungen 
finb  t^eilS  negatibe,  tljeilS  Ijofitibe.  @§  berbietet  jebe 
unmittelbare  33er(etuing  bon  2thm,  ©efunbfjeit  unb  focialer 
G^re  beS  9Jäd)ften,  aber  aud^  jebe  mittelbare  ©d^äbigung  feiner 
^erfönlic^feit.  Unter  biefem  ©eftd^tspunfte  aufgefaf^t,  finbet 
ha?,  ^tä)t  ber  (Si'iften^,  mie  ^rofeffor  b.  ^ertling  in  über= 
jeugenber  2Beife  au§füt}rt  ^,  bei  ber  @ntmid(ung  ber  moberncn 
2öirtfd)aft§ber^ä(tniffe  eine  ganj  neue  53ebeutung  unb  2Bid^= 
tigfeit.    „®a§  9tec^t  be§  5Irbeiter§  auf  Seben  unb  ©efunbfieit 


1  Uefcer  bie  falf($e  Stuffaffung  biefe§  Dted^teg  tigl.  „©timmen  auä 
9Jtaria=SaacE)"  XLIII  (1892) ,  405  ff. ,  ober  and)  unfere  fpätere  3tt)= 
tianblung  über  bie  dttern  foctaltfttfi^en  ©tjfteme. 

2  Jögl.  ti.  §ertling,  9^Qturred)t  unb  6octarpoIttif  (ßötn  1893) 
©.  43  ff. 

5Pefd^,:Sißerari§mui.  I.  2.  StufT.  8 


170  3toette§  ^apiUL    S)te  ftaatlid^e  9fiec|t§orbnung. 

ift  gefäf)rbet  hmä)  bie  SejdEjäfttgung  mit  giftigen  ober  fonft 
gefunb()eit§raibrigen  ©toffen  in  [tauberfüüter  ober  überhaupt 
öerunreinigter  Suft,  e§  ift  gefäl}rbet  burd)  ben  Umgang  mit 
ÜJkfc^inen  bon  ungefjeurer  ^raft  unb  ©dinedigfeit,  jumal  bie 
monotone  23efc^äftigung ,  meldje  bie  golge  ber  buri^gefütjrten 
Strbeitöt^eitung  ift,  unöermeiblid)  bie  ^tufmerffonifeit  abftumpft. 
'Biä)  felbft  überinffen,  förnpft  ber  5tr6eiter  einen  bergeblic^en 
^ampf  gegen  biefe  ©efal^ren  unb  fcf)äbigenben  (Sinmirfungen, 
bie  \\ä)  jubem  ni(^t  fofort  in  i^rer  gangen  Sragmeite  erfennen 
laffen.  .  .  .  ®arum  ift  e§  bie  ^flii^t  be§  ©taateS,  burd)  51  r= 
beiterf c^u^gefe^e  für  ba§  (eib(id)e  2Bof)I  ber  Strbeiter, 
in§befonbere  auii^  ber  ^-rauen  unb  ^inber,  in  mirffamer  Sßeife 
einzutreten.  @§  ^anbett  fic^  alfo  bei  ber  5(rbeiterfd)U^gefe|= 
gebung  nid)t  blo^  um  bie  5Set()ätigung  f)umaner  ?(bfid)ten, 
fonbern  um  5tnfprü^e,  bie  im  notürlic^en  Dieci^te  begrünbet 
finb.  (Sine  öoüenbete  5lrbeiterf(^u|gefe^gebung  bebeutet  eine 
boüftonbige,  bi§  in  i^re  ßonfequensen  entroidelte  5lnerfennung 
be§  3ie(^tea  ber  (äriftens  unb  be§  bamit  im  engften  gufaminen» 
^ange  ftetjenben  9ted)te§  ber  gamilie."  ^ 

2Ba§  mit  9f{üdfid)t  auf  bie  au§  ber  befonbern  33efd}affen= 
fieit  eine§  ^etriebe§  ^eröorgefienben  ®efaf;ren  für  2thtn  unb 
@efunbf)eit  ber  5Irbeiter  gilt,  ba»  finbet  nid)t  minber  feine 
5tnn)enbung  auf  bie  5tu§be^nung  ber  SlrbeitSjeit.  2Benn  ballet 
2.  b.  ^ammerftein  gemöp  ber  (Snctiflifa  „Rerum  nova- 
rum"  für  bie  berfd)iebenen  53etriebe  je  nad^  i^rer  Eigenart 
bie  „geftfe^ung  eine§  9iormaIarbeit§toge§,  froft  beffen  nur  eine 
beftimmte  ^Inja^I  bon  ©tunben  täglid)  gearbeitet  werben  borf "  ^, 
mit  5lacbbrud  forbert,  fo  fommt  er  bamit  nid)t  nur  bem  ougen= 
blidlid)  bringenbften  33erlangen  ber  ^(rbeitermett  entgegen,  fon= 

*  ö.  §e  rtling  a.  a.  £).  ©.  44  f. 

2  ß.  t).  §ammerftein  S.  J.,  5lrbetterfQtec^iömu§  (^öln  1892) 
©.  67.  —  Sögt,  au^  %f).  %xau'b,  Äürsere  %xMt§itit  (Seipäig  1893). 
3tn  ben  „®üan9eIif(i)=foctaIen  S^itfragen",  2.  fReil^e,  8.  §eft. 


3.  S)tc  befonbere  ©ered^tigleit  unb  i^xe  fjorberungen.      171 

bern  beseicj^net  juglei^  eine  Südfe  in  ber  Öefe^gebung  moberner 
ßulturftaaten ,  lüeldie  im  Snteref[e  be§  natürlichen  (?Eij'ten5= 
red)te§,  alä  tt)irtjd}aftli(f)e  93orbebingung  für  bie  inteüectueHe 
unb  [ittlidje  |)ebung  be§  5lrbeiter[lQnbe§  unb  für  ein  gefunbe» 
gomilienfeben,  f^on  löngft  ^ätte  auagefüllt  toerben  muffen. 

S^ie  ^erfönlic^feit  be§  ^Jlenfd^en  ift  mit  bem  leibücfien 
^afein  nid)t  abgefdjloffen.  6ine  bie  gan^e  5|3erfönlid)!eit  be§ 
5lrbeiter»  umfoffenbe  @d)ufegefe|gebung  mirb  barum  enblic^ 
nid)t  um[}in  fönnen,  anä)  für  bie  Söo^rung  be§  geiftigen  unb 
fittlid^en  2BD^(e§  ber  5Irbeiter  geeignete  Ü^bRnafimen  anju» 
orbnen.  58e|c^rän!ung  ber  .Qinberarbeit,  ©(i^u|  ber  @onntag§= 
ru^e,  33efeitigung  befonberer  fittlic^er  (Befahren,  n)eld)e  qu§  ber 
ßinrid^tung  ber  5trbeit»räume ,  qu§  bem  3ufanimenarbeiten 
öon  '^er)onen  beibertei  @ef(^(ec^te§  fic^  ergeben  u.  bgl. ,  mu^ 
ber  gtaat  erjttiingen,  föenn  bie  (5elbft)ud)t  ber  Unternel^mcr 
ju  bergeffen  fc^eint,  boB  ber  Arbeiter  für  ben  2o^n  ^voax  ben 
®ienft  feiner  |)Qnb,  nid)t  aber  ha^  §ei(  feiner  @eele  ber= 
faufen  fonn  i. 

4.  3^ie  5IufgQben  be§  Staates  gegenüber  ber  93oI!§tt}irt= 
fdiaft  geminnen  neue»  2id)t  unb  eine  nod)  umfaffenbere  58e= 
beutung,  wenn  n)ir  bem  pofitiben  ^nöalte  be§  9ted)tea  auf 
(Sjiftens  unfere  5(ufmerffamfeit  f^enfen  moHen. 

3^er  D3?enfd;  l-)üt  ata  förperüd^-geiftigeS  SBefen,  baju  al§ 
ein  Söefen,  tt)elc^e§  in  beiben  Sfieilen  feiner  Dktur  entiDid= 
lungafü^ig  ift,  Sebürfniffe  für  Seib  unb  ©eele,  beren  Sefrie= 
bigung  gugleid)  um  feiner  fitt(id;en  5Iufgaben,  feiner  l^öljern 
seitlichen  unb  eroigen  ^eftimmung  millen  ^flid)t  für  if)n  ift. 
3um  Qtütd  biefer  53efriebigung  ift  ber  5DK'nfd)  an  bie  natür= 
Iid)en  ©üter  geroiefen,  »elc^e  i^n  umgeben  unb  bie  i^m  nad^ 
@otte§  3BiIIen  unb  nad^  @otte§  2ßort  bienen  foüen. 


^  9SgI.  bie  i(f)öne  Stelle  ber  ©ncljüifo  „Rerum  novarum".  Dfftc. 
(§erberf^e)  Stu^g.  ©.  28  (29)  ff. 


172  Stoeiteö  ßapitel.     ®te  ftaatltd^e  9fie(f|tiorbnung. 

Söunberbor  tief  [innig  ijat  ber  |I.  2:§omQ§  bon  5t  quin 
bie  §err)(^aft  beä  5[)Jen[d}en  über  bie  9Jatur  p^iloi'opfjif^  be= 
grünbet.  S)ie  unfreie,  unperfönü^e,  bem  ^Jlenfc^en  an  33oli= 
fommen^eit  nocfifte^enbe  Söett  erreid^t  i§re  eigene  ^^oecfbeftim» 
tnung  ^htn  boburc^,  bnp  fie  bem  ©^enfc^en  bient.  ^Bon  i^m 
unb  in .  if;n  umgebilbet ,  getüifferma^en  öergeiftigt  burc^  ben 
©ienft  be»  5)ienfcöen,  lobt  unb  öer^errlid^t  fie  erft  ©ott,  i^ren 
pf^ften  Urheber  unb  |)errn.  —  ©otte§  2öei§]^eit  berlongt  fD= 
bann  jene  Unterorbnung  unter  ben  D^^enfd^en,  n3eil  'ta^i  9hebrige 
allentfjalben  bem  ^'^ö^ern  bienen  mu^,  ber  5Jienf(^  aber  ala 
©otteS  ©benbilb  t^eilnel^men  foU  an  be§  ^tüer^cbften  ^err= 
fc^aft  über  bie  Singe  biefer  SBelt.  S)arum  gerabe  ^abe  ©ott 
bei  ©rfc^affung  be§  ,^önig§  ber  2BeIt  unmittelbar  mit  ber  ©ott= 
öl^nlic^teit  sug(eid)  fein  |)errfc^aftarec^t  über  bie  unöernünftige 
ßreatur  bertünbigt:  Saffet  un§  ben  5JZenfc^en  mad^en  naä) 
unferem  33ilbe  unb  ©leii^niffe,  bamit  er  fierrfd^e  über  bie  gifd^e 
be§  9JJeere§  u.  f.  m.  ^  Sni  erften  Sfjeile  ber  Summa  füt^rt 
ber  l^eitige  Seigrer  biefelben  au»  @otte§  SBeieJieit  unb  33orfe^ung 
entlehnten  ©rünbe  noc^mala  an,  au^erbem  aber  meift  er  fiin 
auf  bie  im  9)iifro!o§mu§  I;errfc5enbe  Unterorbnung.  2Bie  ^ier 
ber  ©eift  über  alle§  anbere  ^errfd)t,  jo  fotl  ber  ^Jienfc^  aud^ 
über  9Jkterie,  begetatibe§  unb  ttjierifd^e»  Seben  au^er  il)m 
^errfd^en  2. 

S)er  5Jienfd^  barf  unb  muß  alfo  bie  Singe  biefer  Söelt 
gebrau(i)en  jum  !^toid  feiner  Sr^altung  unb  (Sutwidflung. 

93kn  beat^te  mol^t:  a)  2BeiI  e§  fid)  um  ein  ber  menfd^= 
liefen  5iatur  fo(genbe§  9tecbt  tjanbett,  finbet  fid)  baSfelbe  überall, 
tt}o  bie  menfd^lic^e  Dktur  borfianben.  @§  ift  bal^er  ein  9ted)t, 
metcfiea  allen  9JJenfd)en  in  gteidjer  Seife  juftefjt  unb  unter 
feiner  Seblngung  bem  DJJenfd^en  abfidjtlid^  entzogen  ober  bauernb 


'  S.  Tliom.,  S.  theol.  2,  2,  q.  64,  a.  1;  q.  66,  a.  1. 
2  Ibid.  q.  96,  a.  1.  2. 


3.  S)ie  befonbere  ©ered^ttgMt  unb  tl)ve  ^rorberungen.      173 

bedümmert  tüerben  barf.  „Seber  ^at  ein  nntürlit^e»  3ted)t, 
ben  2eben§unter!^aU  ju  finben",  föie  ^Qp[t  Seo  XIII.  in 
ber  (inct)!(itQ  „Rerum  novarum"  fagt.  3)a§  bleibt  aud) 
toa^r  für  ben  5Jien]d)en,  ber  inmitten  ber  [toottidKn  @efe(I= 
fd)aft  lebt;  ja  für  i(jn  um  fo  mefjr,  lüeit  bic  ©efeüfc^aft  feine 
(5d)iüQd)e  nid)t  bermetjren,  fonbern  nad;  DJ^ögUdjfeit  befeitigen, 
ber  $ßertüirflic^ung  feiner  natürlid^en  33efugniffe  unb  ^mdi 
bie  3Sege  ebnen  füll. 

b)  SBenn  and)  ha§>  9ted)t,  au§  ben  ©ütern  ber  2BeIt  ju 
entnehmen,  n)a§  man  für  ein  menfc^enmürbige»  2)afein  bebarf, 
ein  urf|)rüngU(^e§ ,  mit  ber  Dktur  gegebenes  unb  barum  für 
aUe  9JJenfd)en  g leid) es  ^id)i  ift,  fo  borf  boSfelbe  bennod^ 
nicbt  al§  ein  ^Qd]t  auf  gieid)en  Sefi|,  auf  gleidien  5lntfjei( 
an  ben  ©rbengütern  betroc^tet  werben.  S)te  mit  ber  concreten 
DJJenfc^ennatur  gegebene  93er)d)iebenl}eit  ber  2eiftung§fä^ig!eit 
bielme^r  roirb  bem  Ijöljn  ^Veranlagten  bie  reditlii^e  9JJögIid)feit 
geraü^ren,  öon  feiner  gröf5ern  ®efd}idli(t)!eit,  feinem  großem 
gleite  jum  eigenen  5ßeften  ©ebraudb  ju  madien.  5Inbererfeit§ 
ift  audb  bie  33erfd)iebenl}eit  be§  Sefi|e§  unobmeiSbareS  iöebürf= 
ni^  einer  mo^Igeglieberten  unb  georbneten  ©efeüfdiaft,  mie  tuir 
fpöter  fe^en  toerben. 

c)  2;ie  urfpcüngnd)e  Sefugni^  be§  ^JJenfd^en,  ou§  bem 
allgemeinen  ®ütert)orrat[)e  für  fid)  unb  feine  gamilie  be§  2eben§ 
Unterl;a(t  ju  geminnen,  mirb  näf)er  beftimmt  burd)  ba§  ®e= 
fe|  ber  5trbeit.  @§  fjanbelt  fid;  bei  biefem  ©efe^e  nid)t 
um  eine  9iecbt§pflidbt ,  bie  ber  ©taat  erjmingen  Bnnte.  2)ie 
^flid)t  jur  ^{rbeit  ift  eine  fittlidje  ^flidjt,  n^elc^e  öon  @ott 
bem  DJJenfd^en  auferlegt  tüurbe,  bie  ebenfo  allgemein  gilt  mie 
ba§  gleidjjeitig  bertünbete  ©efet;  be§  Sobe§.  ®er  ÜJJenfcb  foü 
arbeiten  aUe  Sage  feine§  2eben§,  mü^eboH,  im  ©(^roei^e  feine§ 
5Ingefid}te§,  bi§  er  in  ben  ©taub  jurüdfeljrt,  bon  bem  er  ge= 
nommen  ift.  2)a§  @efe^  ber  5trbeit,  mie  e§  bon  ©ott  ber= 
fünbigt  tourbe,   empfängt  feine  f^orm,   feinen  5lu§brud  bon 


berjenigcn  5lrt  ber  5ir6eit,  föelc^e  bie  tüi(i^ttg[tc,  |)rimQrfte  ift 
unb  ben  Sn^olt  ber  meiften  5J?en[d)enIe6en  bilbet.  @§  i[l  ber 
^ampf  be§  ^J^enfdjen  mit  ber  ^iotur,  [ein  ©ieg  über  bie 
^inberniffe  ber  materiellen  SIuBenmelt,  fein  3f{ingen  um  jene 
g-rüc^te,  meldie  ber  S3Dben  fpenbet.  Somit  foÜen  felbftt)er= 
[tänblidö  ni(i)t  alle  5}^enfd)en  jum  Slrferbau  üerpflidjtet  werben, 
ebenfott^enig  föie  bie  ^lügemeintieit  be§  ®e[e^e§  ber  3trbeit  bon 
allen  ein  gleid^e§  Quantum  bon  5Jr6eit  forbert.  3)o§  ^inb, 
ber  @rei§,  ba§  SBeib  fönnen  nid)t  ba§fel&e  leiften,  traS  ber 
9}iann  in  ber  33oÜ!raft  be§  2eben§  ju  teiften  im  [taube  i[t. 
Slber  e§  gibt  fein  ur[prünglid)e§  9ted)t  au[  mü^eIo[en 
Srmerb.  3m  5(n[d)(u[5  an  eine  gegebene  ge[e^Iid)e  @igentf)um§= 
orbnung,  unb  ^mar  in  ^ra[t  einer  ganj  natürlidien  @nttt}id= 
lung  unb  5lu§bilbung  be§  [tabiten  (Sigentl)um§,  mirb  gtoar  ein 
ßrwerb  auc^  o!)ne  eigene,  per[önlid)e  SJiüIjetnaltung  be§  (Jr= 
toerbenben  in  manchen  S-öden  red)tnd)  äutü[[ig  [ein.  5IIIein 
Ijierbei  bilben  ben  unmittelbaren  (Srmerbagrunb  ermorbene  9ted)te, 
j.  S.  bo§  (5igent§um§red)t  eine§  Donators  ober  @rb(a[[er§, 
ober  [onftige  bom  ^cäjk  anerfannte  3;I)at[ad)en,  g.  S.  ®Iüif§= 
föHe  u.  bgl.  2)a§  ur[prünglid)e ,  unmittelbar  mit  ber  9?atur 
be§  50^en[d)en  berbunbene  9ied)t  au[  ©i'iftenj  jebod)  i[t  lebigtid^ 
ein  ^t&)t,  burd)  5trbeit  [einen  Hntertjolt  ju  getoinneni. 

5.   S)a§   9ted)t  au[  @i'i[tenä  bermeift  ben   932en[d)en  nur 
im  allgemeinen  an  bie  ©(^öt^e  ber  Statur  ^um  S^tä  ber  Se= 


1  ®a§  Siedjt  auf  ©giftenj,  tüie  e§  burdf)  bie  fittfidCie  5Pf(ic|t  ber 
Slrbeit  nä^er  beterminirt  erfdjetnt,  fann  auc^  aU  Sleilt  jur  3trbett 
beäetd^net  iüerben.  ®ä  fc^ü^t  benjenigen,  toel(|er  gut  ©etninnung  fetner 
©jifteuämittel  arbeiten  toill,  gegen  unbefugte  93ef)inbenmg  ober  93e= 
raubung  ber  S^rüdjte  ber  Slrbeit.  SUht  bem  „&vecf)te  auf  SIrbeit",  fo 
tote  £oui§  23Ianc  eö  üerftanb,  Ijat  jebocf)  ba§  Siedet  jur  Slrbeit  nid^tö 
3U  tbun.  ®a§  „3led)t  auf  2lrbeit"  im  focialiftifdjen  6inne  befagt 
uämlid^  einen  3lnfprudj  gegenüber  bem  ©taate,  öermöge  beffen  biefer 
felbft  äur  ^ßefc^äftigung  ber  ^Irbeitslofen  birect  üerpftic^tet  toäre. 


3.  ®ie  iiefonberc  ©erei^ttgfeit  unb  i^re  S^orberungen.      175 

friebigung  feiner  5Sebürfnif[e.  @§  i[t  ein  ^  e r  f  ö n  li  c^  e § 
tRed^t,  tt}e(rf)e§  jeber  5J?en[(f)  Don  feiner  ©eburt  an  befi|t,  o^ne 
einer  accefforifdien  Sfjatfadje  ju  beffen  (Srraerb  ^u  bebürfen. 
5I6er  foc^Iid^  erfdieint  boSfelbe  inbcterminirt.  5(nen  Ü]Jenfd)en 
gett)Q^rt  e§  ein  @e6rau(f)§re($t  an  ben  DJatnrgütern  f(^(ed)tfjin, 
ober  feinem  tt)eifl  e§  nmnittelbar  eine  bingüc^e  ^errfd)aft  über 
irgenb  eine  beflimmte  inbiöibneHe  <Baä)t  gu.  Um  QUa  bem 
perfönlid)en  Diedjte  ein  bing(ic5e§  jn  mad)en,  bebarf  ea  be§ 
2;Q5n)ifc^entreten3  concreter,  menfdiüdier  ^anblungen,  burd^ 
föelc^e  ber  Sefi^  bejtt).  ba§  @igent§um  an  einer  Bü(i)t  er= 
roorben  tt)irb. 

Sinem  auffaHenben  ^O^if^üerftänbniß  ift  ^rofeffor  3ulin§ 
Sßolf  babur^  jum  Opfer  gefaüen,  ba^  er  h^n  perfön= 
lid^en  ß^arafter  be»  9{ed)te§  auf  ^iften^  nidjt  ridjtig  er= 
fo^t,  in  bemfelben  öielme^r  nur  eine  5lnn)eifung  auf  bie  ur= 
fprün glichen  ©üter  nnb  Gräfte  ber  (ärbe  erbüdt.  „2Biü 
man  bie  gelehrten  ^Ableitungen  be§  9iec^tea  auf  Griftenj  al§ 
einea  9?aturrec^te»  einen  ?lugenblid  ernft  nef^men,"  fd)reibt 
er,  „fo  bürften,  mie  man  mei^,  beren  jraei  ju  unterfdjeiben 
fein:  einmal  jene  2ode§  unb  gourier§,  meiere  beibe  Don 
einem  urfprünglidien  Üted)te  be§  9Jhnfc^en  an  bie  5[Rutter  @rbe, 
Courier  etn)a§  betaiüirter  öon  einem  Stecht,  ju  jagen,  ju  fifdjen, 
t^rüd}te  ju  pflüden  unb  ha^  IMcfj  ju  meiben,  fpred)en ;  fobann 
jene  im  ©tile  gic^te§,  monai^  niemanb  auf  ber  Srbe  min= 
bern  9fed)te§  fei  al§  ber  anbere,  jeber  genau  ha^  g(eid)e  9tec()t 
^)ab^,  5U  leben,  mie  ber  näd)fle.  S)ie  2^ei(ung  muß  ba^er 
äuüörberfl  fo  gemad)t  merbcn,  ha)^  alle  babei  befte^en  fönnen. 
Sn  mie  ^o^em  ©rabe  aber  ber  §intt)ei§  auf  bie  urfprüng* 
Iid)en  Gräfte  ber  ^^iatur  unb  beren  Ueberantmortung  an 
ben  5[IJenfc^en  bie  driftenj  beSfelben  in  unfern  Gulturflaaten 
fidierfteüt,  ge^t  au§  ber  einfachen  DJiitt^eilung  einiger  ^iff^^"» 
bie  mir  9ia|el§  5{nt()rDpogeograp^ie  (©.  264  f.)  entnehmen, 
fieröor.     @§  finb  bie  folgenben: 


176  3toette§  ^apikl.    S)ie  ftaatlid^e  SRed^täorbnung. 

®te  QuQbratmeile  2onbe§  bermog  Wm]ä:)m  p  ernähren : 
bei  ^ägetöölfern  ber  Steppengebiete  .  .  .  0,1 — 0,5 
bei  S-ifc^erööIfern  an  lüften  unb  g(ü[fen  bi§  100 
in  Sönbern  europaifdier  ©roBinbuflrie ...  15  000 
„Wan  fiet)t  nun,  tt)ie  föeit  man  mit  ber  5tuft^eilung  ber 
urfprünglicfjen  ^röfte  ber  9?atur  an  bie  93?eni(f)en  !ommt, 
bie  ^eute  bie  ©rbfugel  ben^o^nen.  ®a§  ,91aturre(^t'  auf  Qiu 
[teu5,  bie  ,5J?utter  @rbe'  fiebert  bem  5Jtenic^en  bie  ß^iftenj  für 
—  feien  mir  liberal  —  eine  SBoc^e  im  3of)r.  '^a^i  ,^Qä)t' 
auf  ©i'iftenj  .  .  .  ift  alfo  nic^t  5?aturrec^t,  fonbern  6ultur= 
pfli^t,  ^f(i(i)t  bornel^mtiti^  ber  d^riftlid^en  ©ulturgemeinfd^aft. 
5paulu§  mahnte  bie  .^orint^er:  ,<&d  biene  euer  UeberpuB  it)rem 
^.l^angel.'  ^a§  9?edf)t  auf  (Sriftenj,  bie  !nappe  2eben§fi(i)erung 
ber  5^id^t§t)ermögenben  barf  böüig  eine  9ied)t§frage  niifit  fein, 
fonbern  nur  eine  @mpfinbung§f rage,  eine  grage  ber  au§ 
ber  (Smpfinbung  gefd^öpften  ^f(id)t  inmitten  einer  ©efeUfci^aft, 
bie  in  i^rem  ©iegel  al§  bie  ,£)auptfumma  aller  ©ebote'  .  .  . 
ba§  S3e!emitni^  berbebingungSlofen  5Mc^ftenIiebe  trägt."  ^ 
@§  mag  bie  UnfenntniB  mit  ben  Sefjren  unb  ®eifteaeräeug= 
niffen  ber  fd)o(aflifd^en  ^pfjilofopfjie  unb  ^^loxal,  ber  Umftanb, 
baB  Söolf  nur  Socfe,  gourier  unb  gid)te  al§  Sßertreter  be§ 
gtec§te§  auf  %iflen3  fennt,  aUerbingS  in  gemiffem  ©inne  bie 
eigentf)ümlid)e  5(uffoffung  jene§  urfprünglidien  9ted)te§  unb 
feine  2>ermed)§tung  mit  einem  '^tä)k  auf  bie  urfprünglidjen 
Gräfte  ber  9latur  erflärcn  unb  berfetben  jur  @ntfd)ulbigung 
bienen.  ^lüein  ber  2öiffenfd)aft  ermäd)ft  megen  ber  ®üter,  bie 
in  t^^rage  fte^en,  bie  ernfte  ^flic^t,  berartigen  9J^iBbeutungen 
mit  afler  @ntfd)ieben!^eit  entgegenzutreten. 

S:)a§  9tec^t   auf  %iftenä  mifl  ^eute  niemanben  me^r  bie 
Sifd)errutl)e  in  bie  |)anb  brüden  ober  ifjm  ein   ©ebiet  jur 


1  Dr.   3.  2öoIf,   ©octaliämug  unb   fapitaliftifc^e  ©efettfc^attö^ 
orbnung  (Stuttgart  1892)  ©.  614  f. 


3.  ®te  Befonbere  ©erec^ttgfeit  unb  i^rc  f^orberungen.      177 

Sagb,  5iir  23ie()H)eibe  antDeij'en.  6»  ijanhdt  ]\ä)  überhaupt 
babei  nid)t  um  ein  9ted;t  mit  einem  beftimmten  binglid)en  3n= 
f)nlte  in  irgenb  einer  g-orm,  [onbern  um  bQ§  perfönlic^e,  mit 
ber  men)d)Iid)cn  Üiatur  uri'prüngüd)  gegebene  Dicd}t ,  n)elc^e§ 
büt^er  für  alle  6ulturöer(]ä(tnifje  feine  ©eltung  bcmafjrt,  um 
ha^  9ted^t,  burd)  5Irbeit  ben  gebütirenben  Sebeuaunter^olt  ju 
finben.  I^urj,  „im  ©tite  gid)te§"  ju  reben:  „S^ie  2;I}ei(ung", 
b.  i.  bie  33ertf)eiiung  äunädjft  be§  Slotionatprobucteä ,  „mu^ 
üuä)  {)eute  fo  gemacf)t  töerben,  boß  oHe  babei  befleißen  fönnen." 
Slaran  aber  gerabe  möd)te  ber  liberale  l?QpitaIi§mu§  fic^  öorbei 
mad)en.  Um  biefen  ^reia  flimmt  er  fogar  ba»  Sieb  ber  „be= 
bingungalofen  Siebe"  an,  ift  großmütfiigft  bereit,  einige  2;au= 
fenbe  at»  Sllmofen  ju  fpenben,  um  feiner  „©ulturpflid)t"  ju 
genügen  unb  bie  D^iiHionen  ungeflörter  auff}äufen  ju  fönnen. 
6.  S^ie  Dernunftgemaj^e  5tuöübung  be§  D^ec^te»  auf  ßriftenj 
füf)rt  fd)on  bei  53eginn  ber  ßultur  notfjnDenbig  jum  ^ribat= 
eigent^um  1.  2;a§  @igentf}um  ift  febod)  fein  ©elbftämcrf.  @§ 
füll  nid)t  ba§  aüen  ^Jienfdicn  gemeinfame  9ted}t  auf  ©i'iftenä  t)er= 
eiteln,  nid)t  bie  urfprüng(id)e  33eftimnuing  ber  DZaturgüter,  ben 
Sebürfniffen  afler  DJienfdien  p  bleuen,  iHuforifd^  madjen.  Seine 
5(ufgabe  unb  feine  53ered^tigung  befielt  allein  barin,  ha^  e§ 
ein  öon  ber  33ernunft  unb  bem  natürlichen  9ted)te,  im  Sntereffe 
ber  ©inäelnen,  ber  Hamiden,  ber  gefamten  focialen  Orbnung 
geforberte»  DJiittel  fei,  um  in  frieblic^er  unb  ätüedentfpred)enber 
2Beife  bie  ©üter  biefer  2öelt  ben  53ebürfniffen  ber  93ienfd)t)eit 
bienftbar  ju  madien.  Sin  gefeüfd;aftlid)er  3"[^a"^  ober,  in 
luetc^em  ha§>  ^riöoteigent^um  jum  |)inberniB  ber  allgemeinen 
33erfDrgung  gemorben,  wo  gange  .klaffen  ber  Sebötferung  o^ne 
eigene  ec^ulb  bauernb  bem  @(enb  unb  ber  Diot^  überantroortet 


»  S.  Tliom.,  S.  theol.  2,  2,  q.  66,  a.  2.  —  23).  @.  ö.  ßetteler, 
Sie  Strbeiterirage  unb  baö  6^rtftentl)um  (33lain3  1864)  ©.  69  ff.  — 
Jßictor  ßolt)  S.  J.,  ßonferenäen  (Söien  1891)  ©,  49  ff. 


178  3tüette§  ßa^jitel.    S)ie  ftaatlt^e  0ie(J)t§orbnung. 

bleiben,  mu^  borum  bom  (i)ri[ilid)en  unb  bernünftigen  ©tQnb= 
punfte  QU§  mit  aller  (Snt)d)iebenfjeit  al»  unfittlid),  ungeredit, 
bem  eröigen,  toeltorbnenben  9tegierung§p(Qne  @Dtte§  tt)iber= 
fpred^enb  berurtfjeilt  iDerben.  @o  Ijahm  bereit»  in  ben  erften 
Sat)rl)unberten  be§  6tjri[tenttjum§  bie  fjeiligen  53äter  gelef)rt, 
fo  bertünbete  e§  bie  c^riftlid^e  ^-Pt;iIofopf;ie  bea  53iitte(alter§, 
unb  genau  benfelben  DJJa^ftab  legt  and)  Ijeute  nod)  bie  d)ri[t= 
Iid)e  ©Dcialit)i[feni(^aft  an,  wenn  [ie  bie  33ert)ü{tni|fe  ber  @egen= 
tbort  einer  ^riti!  untersie^t. 

g-reili(^  pa\\m  berartige  Sluffaffungen  wenig  in  ben  Sbeen= 
!rei§  unserer  !^dt  Unb  boc^  enttjalten  fie  nur  ben  Sluöbrud 
ber  einfodien,  unbe[treitbaren  unb  für  ba§  gebeit)Ii(^e  S^= 
fanimenleben  ber  5Jienfd^en  fo  bebeutfanien  äBaf)rt)eit,  ba^  bie 
©üter  biefer  äßelt  jur  S^erforgung  ber  9Jienfd)^eit, 
n  i  c^  t  ä  u  r  e  y  c  I  u  f  i  ö  e  n  33  e  f  r  i  e  b  i  g  u  n  g  e  g  o  i  ft  i  f  dj  e  r 
Sntereffen  ©inj einer  bon  (Sott  berliet)en  finb. 

7.  5{u§  bem  33er[jältni&  be»  (Sigentt)um§red}teö  jum  9te(^t 
auf  ©i'iftens  ergibt  fic^  a(a  mic^tige  ^^olgerung  bie  Unter= 
orbnung  be§  inbibibuellen  (Sigentl;um§  unter  ha^ 
allgemeine  @i'iftenäred)t  ber  ÜJUnfc^en. 

3)iefe  Unterorbnung  [inbet  junäc^ft  itjren  prägnanteften 
5tu§brud  in  bem  befanntcn  ©a^e:  „^n  ber  äuBerften  Diotf} 
i[l  atte§  gemein."  „2Birb  bie  ^Jiottilage  fo  augenfd)einlic^  unb 
brangenb,  ha^^  e§  offenbar  ift,  ber  gegenmortigen  Tiott)  muffe 
mit  ben  borlicgenben  Singen  gefteuert  merben,  bann  barf 
einer,  erlaubtermeife ,  au§  frembem  ©ute  tiü^  9iottjiüenbige 
ttetjmen,  offen  ober  gel^eim,  unb  e§  l;at  ein  folc^cä  33orget;en 
nic^t  bie  5ktur  be§  ®iebftafjl§  ober  be§  9taube§."  ^  2ßer  in 
ber  äu^erften  3loti)  ha^  i^ut  bea  DZüc^flen  gebraud)t,  um  fein 
gefütjrbete»  Seben  ^n  erhalten,  ift  fein  S)ieb,  fein  ütöuber,  fon= 
bem  befinbet  fid^  in  ber  5lu§übung  eines  Ütec^te»,  be§  primär= 


1  S.  Thom.  1.  c.  q.  66,  a.  7. 


3.  ®te  Befonbere  ©ered^tigfeit  unb  il^re  S^orberungen.      179 

ften,  nQtürfl({)en  9ied)te§,  feine»  Died}te§  auf  @j:i[tenä.  2ßie 
ber  eine  ba§  ©ut  gebroud^en  fann  ala  (Sigentf)ümer ,  fo  borf 
ber  nnbere  e§  \\d}  aneignen  qI§  DJKnijd),  toeil  e§  für  i[)n  je|t 
bQ§  einzige  ^J^ittel  ift,  fein  2e6en  ju  erhalten.  S)aa  erroorbene 
9ted)t  be§  @igent^um§  mu^  olfo  ^ier  bem  angeborenen  Otec^te 
ber  @elbfterf}altung  tt3eid)en. 

8.  Mein  nur  bie  öuperfte  9Zot^  gibt  bem  |)ungernben 
ein  ^tdjt  auf  eine  concrete,  borliegenbe  Badjt,  roäbrenb 
ba§  ©jiften^rei^t  ben  DJ^enfdjen  im  allgemeinen  auf  bie 
©üter  ber  Srbe  anireift,  ofjne  eine  binglidie  |)errfd)aft  über 
irgenb  einen  concreten  ©egenftanb  unmittelbar  ju  gemäbren. 
©(eicbmol)!  mirb  e§  in  einem  ftaatlidjen  ©emeinmefen  ftet§  ^er= 
fönen  geben,  meldje  burd)  Unglüdöfäüe,  ^ranft;eit,  33ebräng= 
niB  jegüdjer  5Irt  jum  felbftünbigen  ßrmerb  bea  notfitüenbigen 
Unterl)alte§  gang  ober  ttjeilmeife  unfäl)ig  finb.  Boü  f^ier  ge= 
tuartet  merben,  bi§  etma  bie  öu^erfte  dlotlj  ben  5)?angel  einer 
objectiüen  23eftimmt^eit  be§  9^ed)te»  auf  (äi'iftenj  löfen  mirb? 
Unb  roenn  nid)t,  mem  liegt  bie  ^pfüdjt  ob,  für  foldie  5Irme, 
<Bd)tüa6)t,  9Zott)(eibenbe  ju  forgen,  fie  gerabe  öor  bem  ©(enb, 
ber  äuBerften  5lott)Iage  ju  bemafiren? 

2)er  englifdie  5htionaIötonom  5l3kItf)Ua  unb  bie  benfen 
toic  er,  finb  um  eine  5(ntroort  nic^t  berlegen.  gür  biete  Mzn= 
\d)m  —  fo  berlongt  e§  bie  2;t)eorie  —  ift  bei  bem  großen 
©aftmafil  ber  Dlatur  fein  ßoubert  gebedt. 

9lid)t  fo  ba§  6f)riftentfjum.  2)er  c^riftlid)e  2(rme  fül^tt 
fidb  nic^t  ganj  berlaffen  unb  berfto^en,  tüeil  er  meiB,  ba^  ©ott 
and)  für  i^n  ben  Sifd)  gebedt,  ba|3  ber  9ffeid)e  berpfüc^tet  ift, 
fogar  burd)  eine  tjö^ere  ^^fIic^t  a(§  bie  ^ftid)t  ber  (Serec^tig- 
!eit,  berpflid)tet  burd)  ba§  oberfte  ©efeti,  it)eld)e§  bie  53e5ief)ungen 
be§  DJJenfd)en  jum  5)Md)ften  regelt,  burd)  ha^i  ^auptgebot  ber 
Siebe,  ber|)flid)tet  bei  feiner  Seele  ©eligfeit,  il)m  mitäut^eilen 
bon  feinem  Ueberftuffe.  2Bir  nennen  e§  eine  ^flic^t  ber  9iäc^= 
ftenüebe,  toeil,  abgefetjen  bon  bem  fJaUe  ber  öu^erften  dloti). 


180  3»Dette§  ^apM.    Sie  ftoatlid^e  »led^tSorbnung. 

bem  einselnen  5Irmen  gegenüber  eine  red)tli(^c  33erpf(i(i)tung  eine§ 
bestimmten  9{ei(!öen  jur  5l(mD[enfpenbe  nid;t  befielt.  ®er  @igen= 
tpmer  foll  üon  feinem  Iteberfluß  geben.  S)ie  5(rt  ber  23er= 
t^eilung  aber  i[t  feinem  Grmeffen  Qn^eimgefteüt.  „äBeil  eS 
Diele  gibt,  bie  D^otf)  leiben,  unb  man  quo  berfelben  <Sad)e 
nic^t  QÜen  gu  i^ilfe  fommen  fonn,  fo  bleibt  bie  Sßert^eilung 
ber  i^m  jugef^örigen  ®inge  bem  Urtfjeite  eine§  jeben  überlaffen, 
bafj  er  bermittelft  jener  ben  5btf)Ieibenben  I)elfe."  i 

5lnber§  bereit  fid)  bie  ©ad)e,  fofern  man  nid)t  ba§  $8er= 
l^ültni^  be§  einjetnen  6igent()ümer§  jum  einzelnen  5Zot{)Ieiben= 
ben,  fonbern  jur  (Sefomttjcit  in§  5(uge  fa^t. 

fö§  tuürbe  eine  5luf(öfung  ber  ganzen  focialen  Drbnung 
bebenten,  raenn  bie  ©elbftfjilfe  be§  Firmen,  föie  fie  bie  extrema 
necessitas,  bie  äußerfte  Dbt^tage,  bem  ^ilföbebürftigen  ge= 
ftattet,  fid)  gemifferma^en  ju  einer  allgemeinen  unb  bauernben 
Sfjatfadie  inmitten  ber  ©efeüfdjaft  f}erau§bilben  foüte.  2)a§ 
mufj  bie  ©taatSgetüalt  unbebingt  t)erf)inbern. 

Ueberbie§  i)at  ber  Staat  bermöge  feiner  mefentlidien  5(uf= 
gäbe,  tüie  jebeg  anbere  ^^d)t,  fo  and)  ha?i  natürlidie  9Jed)t  ouf 
©jiftenä  SU  fd)ü|en.  ߧ  ift  barum  eine  ^flid)t  unb  ein  ^tä)t  be§ 
Staate»,  feinerfeita  bie  objectiöe  Unbeftimmtfjeit  be§  natürlid^en 
@3:iftenäred)te§  im  Sntereffe  ber  ern3erb§unfä§igen  5trmut,  unb 
um  fie  unb  \\d)  bor  ber  äuf5erften  5iot^  ju  betnaliren,  burd)  bie 
pofitibe  ©efe^gebung  ju  löfen.  .^ur^,  bie  fubfibiäre  33e= 
red)tigung  unb  9?ot^menbigfeit  einer  ftaatnd)en  5(rmenftener, 
h)D  immer  bie  freie  d)rift(id)e  2icbe§tt)ätigteit  für  bie  obföal^ 
tenben  33ebürfniffe  nid)t  au§reid)t,  bürfte  bom  ©tanbpunfte 
be§  51aturred)te§  au§  tüolji  faum  besmeifelt  werben  fönnen. 
3n  bem  gleidben  ©inne  fcbreibt  ^rei^err  b.  ^ertling:  „2Bo 
ber  ©eift  be§  6f}riftentf}ums  in  ganjer  ©törte  Tjerrfdjt,  ha  ift 
aüerbing§  für  ftaatlidje  5trmenpflcge  fein  9taum  unb  lein  Se= 


1  S.  Thom.  1.  c. 


3.  ®ie  {icfoiibcre  ©ered^tigfett  unb  ir)re  fyofberungcn.      181 

bürfniB.    @D  toax  e»  in  ber  alt(i^riftlid)en  Qt'ü,  wo  bie  Sjiü= 
fönen  an  bie  31rmen  bert(}eilten,  rva^  [ie  bon  ben  reichen  ®e= 
meinbeg(iebern    er()alten    tjotten;    fo    in   ben    mittelalterlici^en 
(stcibten,    mo  großartige  tStiftungen  bon  33ürgern  bie  5}iittel 
jum  Unterl^alt  ber  Sßebürftigen  boten.     5(6er  man   barf  nid)t 
öergeffen,  bap  e§  [icö  ^ier  [tct§  nm  nerfjältnij^niäpig  fteine  unb 
feftgefc^Iofjene  ©emeinmefen  l^anbelte.    2öo  beren  g-ür)'orge  ber 
5Zntur  ber  @a$e  nac^  nici^t  meljr  ^inreid)te,   \üt)  e§  um  fo 
fc^Iimmer  au§,  unb  ju  ben  ^eroi)(^en  53emeiien  tt}ätiger  5^äd}[ten= 
liebe,  föelc^e  immer  mieber  oon  ßinjelnen  ober  bon  6orpora= 
tionen  geleiftet  würben,  bilbete  bie  lüeite  ^Verbreitung  be»  @Ienbe§ 
ben  büftern  i^intergrunb.  .  .  .  Söenn  ba^er  ber  moberne  ©taat 
bie  5(rmenpflege  in  ben  l^reia  feiner  Stjotigfeit  miteinbejogen 
f)at,  fo  fjat  man  bie§  nid)t  al§  Ufurpation  eine§  fremben  (Se= 
biete!  ^u  tobeln,  fonbern  al§  bie  unentbeljrlid^e  (ärgänsung  ber 
d)rift(i(^en   6^arita§  ju   begrüßen.  .  .  .    9Jur  muß  man  [id) 
^üten,  bie  ©renje  ^tüifc^en  2iebe§bflic^ten  unb  9ted)t§pflid)ten 
ju  bertüifc^en.     Sie  Ie|tern   aüein  unterliegen  ber  ftaatlid)en 
Siegelung.     2)ie  Sruberliebe  jur  ©runblage  ftaatli(^er  5)bB= 
nat)men  madien,  fjeifet,  bie  ^ompetenj  ber  ©taatSgemalt  über= 
fd)reiten   unb   jugteid^   bie  53ruberliebe  in   i§rem  2eben§nerö 
angreifen."  ^ 

9.  S^ie  2öer!e  ber  greigebig!eit  unb  ber  6f)arita§  bifben 
inbe§  ebenfomenig  eine  Söfung  ber  focialen  grage  mie  ba§, 
maS  bie  ftaatlic^e  5lrmenpflege  jum  ^Beften  ber  Dtottjteibenben 
tl)un  !ann.  „2ßir  banfen  für  eure  Siebe,  für  euer  33ettel= 
almofen  unb  eure  ^arm^er^igfeit.  9öir  moUen  @eredötig= 
!eit,  bie  ganje,  tjolle  @ered)tigfeit  unb  nur  fie;  bann 
werben  wir  un§  felbft  r)elfen."  S^aS  ift  ber  @runbfa|  ber 
igocialbemofraten,  ber  aud)  auf  beutfd)em  ^Boben  in  Sanfenben 
tjon  Söenbungen  au§gefprod)en  mirb. 


ö.  Wertung,  9laturre(3^t  unb  ©ocialpoliti!  8.  53. 


182  Sttieiteg  ßapitel.    ®ie  ftaatltd^e  9fie$t§otbniing. 

Tlan  mag  [ic^  entrüften  über  bie  Brutale  ^orm  foI(f)er 
5(u§fprü(J)e,  man  mag  bie  ^ur5fid)tig!eit  beflagen,  bie  e§  für 
möglict)  ^ält,  allein  burd)  ®ered)tigfeit  ba§  ©lücf  ber  @e= 
fetlfdjaft  gu  boüenben.  @ine§  jeboc^  fann  nid)t  beftritten  föer» 
ben :  ©erec^t  barf  nur  eine  foldie  @efeIIfd)a[t§Drbnung  genannt 
werben,  in  tt)e(d)er  ba§  9te(^t  auf  ©iiften^,  b.  ^.  ba§  ^tä)i, 
burc^  reblidie  5Ir6eit  ben  entfpredienben  Unterl^alt  ^u  er= 
merben,  nicftt  burd)  bie  focialen  Snftitutionen  ober  burd)  ben 
5[IJangeI  geeigneter  Snftitutionen  in  g^rage  gefteüt  mirb.  S)a§ 
ift  unferea  @rad}ten§  bie  bitterfte  unb  überbie§  eine  nur  ju 
tool^l  begrünbete  5ln!Iage  gegen  bie  liberale  äBirtfd)aft§epDd)e, 
ba^  in  it)r  ein  großer  Stjeil  ber  S3et)ölterung  ber  gefid)ertcn 
ßjiftenäbcbingungen  ofjne  eigene  <Sd)uIb  unb  trotj  müfjeöollen 
unb  rebüdjen  9tingen§  beraubt  lourbe  unb  beraubt  blieb.  2)en 
2Beg  ^u  ben  ©ütern  biefer  (Srbe  für  ben  recbtfdjaffenen  5lr= 
beiter,  mag  er  53auer,  ^anbmerter  ober  SnbuftrieHer  fein, 
mieber  ju  öffnen  unb  offen  ju  galten,  ben  öerfdjiebenen  @tän= 
ben  gefid)erte  (Sjiftenäbebingungen  ju  geroäljren,  ba§ 
9te(^t  auf  ßjiftenä  burci^  eine  fluge,  geredete  2Birtf(^aft§poIiti! 
bon  neuem  ^ur  Geltung  ju  bringen,  ha^  ift  bie  grope  5Iuf= 
gäbe,  bie  ^eute  bem  Staate  bermöge  feines  natürlid;en  3tt)ede§ 
unb  auf  ©runb  ber  gegebenen  3]erljä(tniffe  zugefallen  ift. 

10.  @in  l^erborragenber  unb  berbienftboHer  protefiantifdjer 
©Dciafpolitifer  au»  ber  OtobbertuSfd^en  ©dmle  äußerte  fid) 
un§  gegenüber  bor  einigen  Sö^jten  über  bie  gegenmärtige  Sage, 
inbem  er  fagte:  „(Sin  3^ifiönb  ber  S)inge,  in  meldjem  alle§ 
bon  ber  5ktur  gelieferte,  bon  ber  5)ienfd)en!raft  aufgel^äufte 
5lneigenbare  bon  einzelnen  Snbibibuen  in  ^ribateigenttjum  ber= 
toanbelt  unb  biefe§  gefamte  l^apital  bann  auä)  nod^  burd^ 
fociale  Snftitutionen  lünftüd)  probuctib  erljalten  tüirb,  ift  nur 
nod)  für  fe^r  turje  ^dt  Ijaltbar.  3)urd)  eine  !^dt  bon  dampfen 
tt)irb  man  jur  (Snt)d}eibung  5n)ifd)en  jföei  ^principicn  gefteüt 
loerben:  S)a§  eine  befielt  in  ber  51ufred^tl;altung  be§  5pribat= 


3.  S)ie  befonbere  (Beretf)tigfett  unb  t^re  g^orbetuttgcn.      183 

eigentfjumS  an  einem  großen  Sljeil  be§  eben  gonj  allgemein 
al§  jRapital  ^Bejeicfineten  bei  boüftänbiger  5luf^e6ung  feiner 
5probuctiöität ,  ]o  bajs  nur  noc^  bie  5(r6eit  ^.irobuctiö  bleibt. 
®iefe  Üteform,  föeld)e  bQ§  ^ribQteigentf)um  principieü  im  grofeen 
unb  ganzen  befteljcn  laiit,  i[t  ben!barermei)e  ofjne  bie  energifd)e 
5!Jiittt)ir!ung  ber  fot^olifd^en  llitd)e  nici^t  auafü^rbar.  Sollte 
biefe  Steform  ni(f)t  gelingen,  fo  mirb  bie  3ii^i^"ft  ^^r  grie(^i= 
fd)en  ^irdie  gehören,  meldte  mit  bem  fogen.  nQtiDna(=f(atiij(^en, 
b.  f).  communiftifci^en  unb  in  ber  Wix  unb  S^bruga  no(| 
beftetjenben  @igentt}um§|)rincip  bie  SBelt  regeneriren  will," 

2öir  unferer[eit§  tljeilen  bieje  ?ln[id)t  nid)t;  inabefonbere 
glauben  h)ir  nic^t,  ba|  bie  (jeutigen  ßulturöölfer  bauernb 
mieberum  auf  ba§  ^^iiDeau  be§  6ommuni§mu§  Ijinabfinfen  toer= 
ben.  (Sbenfomenig  ermarten  mir  bon  einer  gän^lidien  ober 
tfjeilroeifen  2)urd)fü[jrung  be§  Staatafociali^muS  irgenb  weldje 
Sefferung  unferer  33erl)ältniffe  ^ 

2Baa  mir  unter  fodaler  9ieform  berfteljen,  ba§  I)ält  bie 
5)Utte  ämifdjen  @ociaüömu§  unb  SnbiDibuali§mu»  unb  fteljt 
in  fdiroffem  (S5egenfa|e  ju  beiben.  2Beber  ber  liberale  Defo= 
nomi§mu§  nod^  ber  ©ocioIi§mu§  öerfügen  über  ben  rid}tigen 
23egriff  ber  5SoI!§mirtfd)af t  a(§  einer  realen  (Sinljeit 
unter  bem  @e[id)tö|)unfte  ber  aKgemeinen  Sßofilfaljrt  al§  be§ 
praftifc^en  3iele§  unb  3mede§  eineS  ftaatlici^  berbunbenen  33Dl!e§. 
S)ie  3^Dlf§mirtfd)aft  gilt  un§  alfo  meber  im  ©inne  ber  flaffi= 
fd)en  Defonomif  al§  eine  blo^e  Summe  bon  ifolirten 
?pribatmirtfd)aften,  meld)e  nur  burcb  ben  Saufd^berfe^r 


1  hiermit  toollen  toir  jeboc^  teiiieäinegg  fieftveiten,  ba%  bei  einer 
Tid)ti9en  93iii(f)ung  üon  öfientlid^em  unb  ^ßriüatbefi^  ber  offentlicfje 
58efi^  in  mannigfacf)er  §tufi(f)t  günftig  auf  bie  ^Regelung  beä  priüaten 
$8efi^e§  etnautoirfen  im  ftanbe  tft.  ^m  ©egentf)eit  toünjc^en  toir  eine 
berartige  93Ufcf)ung  um  be§  befagten  35ortE)eiI§  toiüen,  ebenfo  toie  oon 
unä  bie  ri(f)tige  $ntifcf)ung  tion  ©ro6=,  5!JlitteI=  unb  ßleinbefi^  oB  ein 
3iel  ber  focialen  Üteform  anerfannt  toirb. 


184  3weite§  ßa^itet.    Sie  ftaatlicfie  9le(i)t§orbnung. 

miteinnnber  in  5öer6iribung  treten,  im  übrigen  aber  DöHig  un= 
be^inbert  i^rem  5prit)atbDrt^eiIe  bienen  !önnen,  —  nod)  öer= 
mögen  föir  mit  ben  ©ocialiflen  jeber  ©cftattirnng  in  ber  33o(f§= 
n)irtjct)Qft  eine  große  Snbibibnaltüirtfc^aft  be§  ©taate§ 
ju  erfennen,  wobei  ba§  2^oIf  in  feiner  Totalität  ai^  „®e[ell= 
fd)aft"  ober  ber  ^tftorifd)  überlieferte  ©taot  qI§  mirtf(i^aftenbe§ 
©ubject  gebadet  tüirb  unb  bie  33ert()ei(ung  ber  (Süter  ficb  un= 
mittelbar  burd}  ben  6taat  ober  bie  „@efe(If(^aft"  bo[Ijief}t. 
93ielme£)r  galten  föir  bafür,  baf?  bie  „5>oIf§n)irtfd)nft"  riditig 
berftanben  nid)ta  onbereä  ift  al§  eine  Orbnung  aller  2Birt= 
fc^aften  ober  ba§  nad)  DJia^gabe  ber  gorberungen  ber  @e= 
red^tigfeit  unb  be§  ©emeintool^teS  georbnete  tütrt= 
f(^aftttd)e  Seben  eine§  ftaatlic^  geeinten  S^oIfeS. 

S)a^  bie  |)erfte(Iung  einer  fold)en  Crbnung  Sefdiräntungen 
ber  greifjeit  erforbert  unb  mand)e  Opfer  auferlegt,  mirb  nid^t 
bejtneifelt  toerben  fönnen.  2Iber  e§  finb  ©diranten  unb  Opfer, 
bie  ben  33ö(fern  jum  Segen  gereidien,  meil  biefelben  nid}t  üh= 
foIutifti)d)er  äCnüfür,  fonbern  bem  bürgerlid)en  (Scmeinrootile 
nac^  Otec^t  unb  ®ered)tigfcit  bienen  foüen. 

fociakx  '^xa^en. 

2)ie  borauggel^enben  Unterfud^ungen  über  einzelne  miditigere 
2Ba^r[)eiten  ber  d)rift(id)en  @efe(Ifd}aft§Ie[)re  fe|en  un§  in  ben 
@tanb,  berfd^iebene  @runbfä|e  aufäufteflen,  meldje  ein  tieferes 
2]erftänbniB  be§  fociaten  Seben»  ermögüdjen  unb  eben  barum 
bei  allen  Seftrebungen  jur  Söfung  fociater  fragen  gebü[;renb 
bead)tet  merbcn  muffen.  S)iefe  DJki'imen  entfjalten  ntd^t§  ^ReueS, 
fteüen  fid)  bielmc^r  al§  furjgcfafite  (Srgebniffe  ber  bisherigen 
au§füt)r(id)ern  Erörterungen  unb  53emeiäfül)rungcn  bar. 

1.  ®er  ©taat,  ala  fpecififd)e  @efelIfd)aftäform,  ift  fein 
jufäüigeS,  rein  Ijiftorifd^eS  ^probuct,  fonbern  eine  unabtoeiSbare 


4.  ^rincipiefle  ®efi(|t§pimtte  51«  S5eurtf)cituTig  jocialet  Strogen.    185 

gorberung  ber  tiertüinftigen  ^?enfd}ennatur  unb  barum  jugleic^ 
ein  tüefentücfier,  bauernber  Sej'ionbtfjeil  ber  Don  @ott  geiüollten 
2BeItorbnung, 

2.  S)ie  (gtaatSgetüatt  i[t  2Be)'en»eIement  ber  flaatlid^en 
©efeüfd^aft,  wie  biefe  eine  Don  ber  33ernunft  geforberte  (iin= 
rid)tung.  Snnerfja(6  ber  ©renjen  i^rer  (Sonipetens  6e[ibt  bic 
©taatSgeraalt  raafjre  ^Uitorität,  b.  i.  ba§  9ted)t,  ju  öerpfüdjten. 
S^re  ^tnorbnungen  erfdieinen  mittelbar  üI§  51u§flui5  be§  JDeIt= 
orbnenben  unb  gefetigebenben  götttidjen  äBillen?,  insofern  biefer 
ber  •Staatggeiüolt  für  ben  5ßerei^  i^rer  3^De(f§]pt)Qre  3üito= 
rität  Derlei^t. 

3.  ®er  53lenfd)  ^at  aber  nod)  einen  Jjötjern  ^wtd,  al§ 
©lieb  be§  ©taotea  ju  fein.  S)urd^  biefen  feinen  Ijö^ern  ^votd 
unb  fein  Ie|te§  S^l  beiüofjrt  hü^  Snbiöibuum  felbftänbigen 
Söert^  inmitten  ber  ftaQt(id)en  @efellfd)aft,  erfdieint  jeber  @in= 
seine  a(»  ©ubject  bon  9ied)ten,  lüeld^e  ber  ©tnot  if)m  nid)t 
t)erlie!^en  f)Qt  unb  bie  er  if)m  nid)t  entjieJjen  fnnn.  3m  ^in= 
blid  auf  jenen  t)öd}ften  ^imd  ■ —  ©otte»  Sienft  fiienieben 
unb  ©ottc»  ^e[i|  im  3enfeit§  —  gilt  ber  ©taat,  lüie  alte 
irbifc^en  ©üter,  (Sinricbtungen  unb  93er^ä(tniffe,  nur  aU  Wllittd 
3um  Skit. 

4.  (S§  fann  bafier  meber  ber  S()atfac^e  nod)  bem  ^tä)k 
naä)  ein  ^oftulat  magren  33ölferglüde§  geben,  melc^eg  hm 
9Jknf(^en  bem  3)ienfte  ©otteS,  bea  atler^öc^ften  ©efet;geber§ 
unb  aümeiien  2BeIten(enfer§,  ent^iefjen  unb  i{;n  um  eine§  an= 
geblii^en  58oIf§=  ober  Staat^intereffeS  tuiüen  ^um  58eräid)t  auf 
feine  eroige  ^eftimmung  Derpflid^tcn  bürfte.  Sie  roafiren  unb 
berechtigten  (Socialsroecfe  roerben  niemo(§  in  SÖiberfprud^  treten 
äum  ^Dc^ften  unb  legten  ^to^dz  ber  ben  ©taat  bilbenben  3n= 
bioibuen.  ^m  ©egent^eit  ift  e§  bie  fc^önfte  unb  fjöi^fle  5tuf= 
gäbe  be§  @taate§ ,  burd^  aUeS ,  roa§  er  im  33ereid)e  feiner 
9ted)tä=  unb  3.s3irtung§fp^üre  ^u  leiften  ^at,  ha^i  (Streben  ber 
S3ürger  nac^  itjrem  (Sub^iele  5U  erleidjtern  unb  ^u  förbern. 


186  3toeite§  J^apttel.    Sie  fttiatlidöe  9ie(^t§orbnung. 

5.  ®er  ©taat  i[t  ni(^t  bie  ©efeü[c^aft  fd)led)t§in,  fonbern 
nur  eine  ©efellfdiaft^forni.  5(ii^er  ben  [taatlidien  gibt  e§  für 
ben  5!J?en)c^en  noc^  onbere  fociale  Sonbe.  S)a§  gefellfdiaftliclie 
Seben  ber  ^Bürger  föirb  nii^t  mit  bem  [taot(id)en  Seben  erfc^öpft. 

6.  S>or  ber  f)ö(^[l  berberblid)en  Uutermerfung  ber  „@efell= 
fd)Qft"  j(§(e^tf)in  unter  bie  [taatlid^e  ßentralgemalt  unb  öor 
ber  (Einfügung  be§  ganzen  ©efeüfd^aftsIebenS  in  bie  befonbere 
®efenfd)a[t§art ,  weldie  tt)ir  a(§  „[taatüdje  ©efeüfc^aft"  be= 
jeiÄnen,  —  öor  biefen  bie  g-reif)eit  Dernidjtenben  5ßet)Quptungen 
unb  ^eftrebungen  bleiben  bie  cbri[t(id)en  33ölfer  \djon  allein  burdö 
bie  2ef)re  don  ber  ^ird)e  q(§  einer  freien,  unabf)ängigen,  t)oU= 
tommenen  ©efeüfc^aft  neben  bem  ©taate  auf§  wirffamfte  gefdiütU. 

7.  @benfa(I§  für  bie  gamilie  nimmt  ba§  6^riftent£)um 
unb  bie  d)riftü($e  ^f)i(ofopI}ie  mit  allem  9fJod)brud  bie  gebül)= 
renbe  ©elbflönbigfeit  in  5Infprud).  S)ie  gamilie  mor  bor  bem 
(Staate  ba,  au§gerüflet  mit  einem  natürlichen  ^tüedt  unb  natür» 
fielen  9ted)ten.  SBenn  fie  aud)  a(§  Seftanbt^eil  bem  (Staate  ein» 
gefügt  unb  untergeorbnet  ift,  fo  fann  bod)  niemal»  ber  (Staat§= 
gematt  auf  irgenb  einen  Sitel  I)in  bie  5Befugni^  erroadjfen,  bie 
gamitie  t[}rer  natürlidien  23eftimmung  unb  ifjrer  natürlid^en 
9ied)te,  namentlid)  im  ^inblid  auf  bie  ßrjieljung  unb  ben 
Unterridit  ber  Hinber,  gan^  ober  tt)ei(roeife  ju  berauben. 

8.  Sa§  SebnrfniB  ber  5JJenfd)en  naä)  gegenfeitiger  |)i(fe 
unb  Unterftü^ung  unb  ber  hierauf  berutjenbc  natürlicbe  3:rieb 
ju  gegenfeitiger  33eretnigung  bewirft,  baf?  innerhalb  be§  Staates 
fic§  SSereinigungen  unb  23erufögenoffenfd)aften  bilben,  mlä)z 
bie  SSerfoIgung  bered)tigter,  inSbefonbere  aucb  mirtfcbaftlicber 
Sntereffen  jum  !^mdt  Ijaben.  @§  ftetjt  bem  Staate  teine§= 
megS  5u,  berartige,  bem  Söo^Ie  ber  S3ett}ei(igten  pd)ft  nü^Iid)e 
unb  bem  ©emeinmo^Ie  ni(!bt  raiberftrebenbe  ©efeflfcbaften  ju 
unterbrürfen  ober  5u  bet)inbern.  dr  foll  biefelben  Die(mel;r 
nacb  befter  ^raft  förbern  burd)  ©eiuä^rung  Don  6orporation§= 
red)ten,  ^nertennung  il^rer  innern  ^^utonomie  u.  bgl. 


4.  ^principtelle  (Sefic^t§pimfte  jur  Seurtfieilung  focialcT  t^ragcn.    187 

9.  ©er  ©taat  i[t  ni(^t  bie  DueUe  unb  barum  oud)  nid)t 
ber  nbfolute  |)err  aKc»  9üe(i)te§,  fonbern  nur  ber  2Serrair!lid)er 
unb  §üter  ber  il)m  buri^  bo»  9^Qturred)t  in  großen  3ügen 
DDrgeäeid)neten  9te(^t§orbnung. 

10.  2)ie  9?e(f)t§orbnnng  bilbet  einen  föefentlici^en  53ej'tQnb= 
t^eil  ber  [ittlii^en  aBeltorbnung.  S£)re  Shifgabe  i[t  bie  33er= 
tt)ir!(id)ung  ber  @ered)tig!eit ,  burc^  meldie  bie  5}2en[d){}eit  in 
i{)rem  gefenfc^Q[tIid}en  ®afein  ©otteS  |)ei(igfeit  unb  2Bei»f)eit 
gemöB  georbnet  unb  in  biefer  Orbnung  erfjalten  lüirb.  Ueber 
bie  ©renken  be§  tRedjte»  ^inouS  bie  [ittüd^e  Söeltorbnung  pofitid 
unb  birect  ju  öertt3irf(id)en,  i[t  ber  Staat  Weber  berufen  nocb 
befäl}igt.  9?ur  fomeit  bie  [ogen.  öffentlidie  5}?ora(  in  ^rage 
lommt,  f)at  ber  ©taat  einzugreifen,  inbem  er  öffentlidie  5terger= 
niffe  berfjinbert  unb  beftraft. 

11.  ©efe^e,  )x)dä)z  ber  fittticlen  SBeltorbnung  unb  fpeciell 
bem  natürüd)en  Üiec^te  roiber[pred)en,  fjaben  leine  Üte(^t§!raft, 
weil  bie  tierpf(id)tenbe  ^raft  be§  ®efe|e§  [id)  le^tlid)  ou»  bem 
9taturred)te  ableitet,  ha§i  3^aturred)t  aber  ju  ni($t§  t)er|:)flid)ten 
!ann,  ttia§  ben  ©a^ungen  ber  lex  aeterna  unb  bemgemä^ 
feinen  eigenen  g-orberungen  miberfpridit  i. 

12.  S)er  Staat  gibt  fic^  ni(|t  felbft  feinen  ^\VQä  unb 
!ann  barum  oud)  feine§tt)eg§  nod)  Setieben  ben  Umfang  feiner 
33efugniffe  beftimmen.  ®er  ^md  be§  ©taate§  ift  t)ie(me^r 
burd)  ba§  natürlidje  Otec^t,  mie  e§  fid^  in  ber  menfd)Iid)en  3Ser= 
nunft  un^meibeutig  offenbart,  !Iar  unb  genou  beftimmt.  'iRad) 
biefem  3tfede  bemi^t  \\d)  bie  9ted)tmäBigteit  ober  Unred)tmä^ig= 
feit  ber  gefamten  ©taatstl}ätigfeit. 

13.  ®er  Staat  ift  t^iernac^  jur  ©rgönäung  ber  natürlichen 
Sdimäd^e,  |)ilf§bebürftig!eit,  ^ßerboKfornrnnungSfä^igfeit  feiner 


1  „®ie  ^eibni feiert  ?PfiilDfo)3'^en  fpred^en  mit  SiJlai^iabeü :  ©^ 
ift  Q,txtä)t,  tt)a§  nur  äum  gtoede  fü^rt;  bie  c^rift liefen:  yiux  ba§ 
©ered^te  fü^rt  gum  ^^md"  (ögl,  Baxl  SUlarlo,  6t)ftem  ber  33}elt= 
ötonomie  III  [Tübingen  1885],  56). 


188  3t»cite§  ßo^itcl.    S)ie  flaatlid^e  9iecf)t§orbnung. 

53eftanbt()ei{e  befttmmt,  nit^t  jur  93erbrängung  ber  inbibibuetlen 
ober  focialen  S^ätigfeit  ber  Bürger,  md)t  jiir  23eiDrgung  beffen, 
lüa»  ber  einzelne  5)ien|(i)  ober  bie  natürlidKn  unb  freien 
focialen  3}erbQnbe  burd^  eigene  ^roft  p  leiften  bermögen.  2Bo 
bie  ^raft  ber  Snbiöibuen  nnb  il}rer  ^iffociationen  aufijört, 
beginnt  erft  bie  ©pfiöre  ber  ftaatlid)en  Stjotigfeit. 

14.  ÜJZit  gted^t  tt)irb  aU  3n)ed  be§  8tQQte§  bQ§  irbifc^e 
2BdI)I  ber  S3ürger  6eäeid)net,  2)iefe§  SBof)!  mn^  babei  ober 
qI§  ©eforntraof)!  oufgefafjt  föerben,  qI§  ein  Inbegriff  äußerer 
58ebingungen  unb  (Sinrid^tungen ,  burc^  beren  58enu|ung  bie 
^Bürger  feIbftt()Qtig  unb  mit  (Srfolg  if)r  5|3rioattt)ol)t  Dermir!» 
Iid)en  fönnen.  Unter  bem  <Bä^n^  be§  @taate§  unb  mit  |)ilfe 
ber  öffentlid)en  ä>erQnftQ(tungen  bleibt  ein  jeber  feines  eigenen 
(B(ü(fe§  ©(^mieb. 

15.  2)ie  2:f)ätigfett  be§  Staate»  unterfd)eibet  fid;  ba^er 
n^efentlic^  bon  ber  3;f)ätigfeit  ber  g^amilie.  S3eibe  @efe[Ifd)aft§= 
formen  finb  33eftanbt[)eile  ber  allgemeinen  natürlid)en  ©ocia(= 
orbnung;  beibe  f)aben  bie  föntmidhnig  unb  ^ßerboüfommnung 
be»  ^DJenfd^en ,  junadjft  in  feinem  (Srbenieben ,  jum  ^mzdt. 
5Iber  biefe»  3^el  erftreben  fie  in  berfd)iebener  2Beife,  in  ber* 
fd)iebenem  Umfange  unb  ©rabe.  S)ie  gamilie  ift  an  erfter 
©teile  unb  bor  bem  Staate  berufen,  bie  mefentlidien  ©üter 
ber  menfd)Iid)en  ©i'iftenj  unb  ©Dolution  if)ren  ©liebern  ju  ber» 
mittein  nad)  bem  93kBe  if)rer  ^raft.  3)er  <Btaat  foH  nod^ 
bariiber  fjinau§,  unter  23enu|ung  ber  ©efamtfraft  be§  53otte», 
reichlichere  93^ittel  jur  i^erfügung  ftellen  unb  ben  SSeg  ju  einer 
flö^ern  ©ntroidlung  ebnen.  2)ie  gamilie  h}enbet  i^re  Witkl 
unmittelbar  auf  bie  einzelnen  ©lieber  an  unb  fucbt  biefelben 
für  ben  ©ebraud)  jener  Wittd  ju  biöponiren,  ber  Staat  ha^ 
gegen  beroirft  nicf)t  unmittelbar  feiner|eit§  bie  actuelle  (Snt= 
tt)idlung  be§  einzelnen  33ürger§  unb  feiner  irbifd)en  ©jiftenj, 
fonbern  bietet  unb  ertjiilt  für  alle  nur  bie  93^öglid^!eit  einer 
fortfd)reitenben  ©bolution,  inbem  er  ©inrici^tungen  fdjafft  ober 


4.  ^^rincipielle  ©eftc^töpunfte  jur  S8eurtI)eUiuig  focioler  ^rragcn.    189 

förbert,  but(f)  beren  58cnutjung  bie  Bürger  i^re  perfönlid^eu 
^latutonlagen  unb  if)i-  tt3irtfcf)aftli(3^e§  ©ein  löeiter  enttrirfeln 
unb  berboütommnen  fönnen. 

16.  3.kr[tef)t  man  unter  ^politif  ober  ©tQatSthigljeit  im 
allgemeinen  bie  2Biffen]'d)aft,  be^m.  ben  ©ebroucö  ber  riditigen 
^JJittel,  burc^  meldte  ber  8tQat§5me(f  (©emeintüolji  be§  33D(!e§) 
fo  UDÜftönbig  al§  möglich  in  ber  2BirfIic^!eit  erreicht  wirb, 
bann  ift  e»  5{ufgabe  ber  ftaatlic^en  Söirtjdiaftgpoütif  in§= 
befonbere,  bie  nad)  ben  jemeUigen  33ebürfni[len  unb  23er(}ält= 
niffen  erforberlicEien  Tlxttd  ju  erfennen  bejtt).  anjumenben, 
burdö  tt)eld)e  bie  ollgemcine,  materielle  2Bo^(fa!)rt  be§  33oIfe§ 
erreicht,  bewaljrt,  geförbert  merben  fann.  ®ie  concreten  ?(uf= 
gaben  ber  [taatlidjen  2Birt]d)aft§|3oIitif  öerönbern  [id)  bafjer 
je  nad)  ben  I}i[tDrif(^en  33ebingungen.  Unberänbert  jeboi^  bleibt 
ifire  9{id)tung  auf  ba§  (Semeinmo^I ,  if^re  33egren5ung  burd} 
ba§  natürliche  9ie(^t  unb  ben  <Staat§ämed. 

17.  5)a  ber  ©toat  nid)t  feiner  felbft,  fonbern  nur  feine§ 
3tDede»,  b.  f).  be§  ©emeinirof^Iea  ber  53ürger  megen  ba  ift, 
fo  barf  niemals  ba§  ©efamtmo^t  be§  33Dtfe§  einem  angeblichen 
(Staat§mDl)Ie  geD).ifert  merben.  „2Beber  ba§  Snbibibuum,  noi^ 
bie  t^^amilie,  nod^  bie  engere  3^ami(iengru|)pirung  in  ber  ©emeinbe 
ift  bem  ©taate  aU  bloßeS  ^Waterial  jur  5?erfügung  gefteflt, 
um  bermittelft  beSfelben  unb  auf  Soften  biefer  organifd^en  53e= 
ftanbtf)eite  feine  uniberfale  ©rö^e  unb  9Jkd)t  al§  eine  felbfl= 
jmedlic^e  C'^errlidileit  bi§  in§  Hnenblit^e  ju  erp^en.  S)er  Staat 
f)at  ben  natürlichen  23eruf,  feine  focialen  23cftanbt^eile  auf  bem 
SBege  öffentlid)er  Crbnung  ^u  l^otenjiren,  beren  inneres,  meient= 
i\ä)t^  ^ntereffe  ju  fd^ütjen  unb  ju  förbern;  aber  letzteres  in 
fid)  felbft  ju  abforbiren,  ift  er  meber  berufen  no(^  befugt."  ^ 

18.  SBeil  bie  ftaattii^en  5(ufgaben  nid)t  o^ne  5(ufmanb 
it)irtf(^aft(i(^er  9}iittel  erfüllt  »erben  !önnen,  fo  ift  eine  §inQn5= 

^  %i).  3Rt^s)^x,  Sie  ©tunbfä^e  ber  ©ittltäifctt  unb  be§  9fied§t§ 
©.  126. 


190  SöJeite^  Kapitel,    ©ie  ftaotIi(|e  3ie(|t§otbnung. 

löirt[(^aft  be§  ©taoteS  jur  georbneten  |)er6ei[diaffimg  unb  33et= 
tnenbung  jener  Wütd  notfiiüenbig  unb  berechtigt.  2Bie  aber 
bie  gonje  poIitifd)e  Orbnung  ber  bürgertieften  Drbnung  bienen 
muB,  inbem  fie  feinen  ^ö^ern  Qtio^d  f)ai  a(§  'üa^  333d1^I  ber 
©efamt^eit  Quer  bie  ftQQtlidje  ©efeHfcftaft  bilbenben  ©lieber, 
fo  befi^t  aucf)  bie  [taatlidie  g^inansmirtfcftaft  unb  ginanspotiti! 
i^re  p^ere,  regeinbe  unb  befd}rön!enbe  ^Rörm  in  bem  bürger= 
Iid)en  ©emeinttjol^te.  ®ie  33oIt§tt)irtid)oft  i[t  olfo  nidjt  etroa 
f(ftted^tt)in  für  bie  58e[riebigung  ber  33ebürfniffe  be§  ©tQat§= 
f)au§^alte§  bo;  bielmefir  n^erben  biefe  53ebürfni[fe  nur  befrie= 
bigt,  bomit  ber  ©toat  feinen  ^fliditen  unb  5lufga6en  bem 
35oI!e  unb  fpeciell  aucft  ber  SSoItSmirtfcftaft  gegenüber  gebüJ)= 
renb  entfpre(ften  tonne,  ©ine  Sefnftung  be§  33otfe§  über  bie 
(Srenjen  be§  bem  ©taatgäWede  entfpredienben  33ebürfniffe§  ift 
baljer  red)tti(ft  unjutäffig;  no(ft  met)r  ober  liegt  jebe  milltür^ 
Iid)e  33erbrängung  ber  213oI!§n3irtfd)aft  burd)  bie  (StQat§tt)irt= 
fd)aft  Qu^er^alb  ber  im  natürlichen  9ted)te  begrünbeten  ftQat= 
Iid)en  5}?a(fttfpl)äre. 

19.  S)ie  ^reit)eit  ber  Sürger  im  ©taate  tann  feine  a^= 
folute  fein,  meit  fonft  jebe  focinle  Orbnung  fid)  notljmenbig 
auftöfen  mü^te.  Slnbererfeit»  fte^t  e5  ber  @taat§gemalt  feine§= 
meg§  ^u,  in  beliebiger  SBeife  bie  greitjeit  ju  befdiränfen.  Sft 
ja  bod)  bie  3^rei[;eit  felbft  ein  l)Df)e§  @ut  unb  ein  natürlid)e§ 
iRe(ftt,  n)el(fte§  nur  fo  weit  geopfert  merben  muB,  al§  bie  not^= 
menbigen  "Stü^dt  be§  ftaotlidien  2eben§  biefe§  Opfer  unbebingt 
öertangen.  —  ®a§  ^rincip,  nad)  meldjem  fid)  bie  53efd)ränfung 
ber  grei^eit  unb  bie  33emeffung  ber  Opfer  in  ber  9tcd)t§au§= 
Übung  regelt,  ift  ha^  ^rincip  ber  3ftcd)t§cDnifion.  ®q§  niebere, 
inbibibueHe,  jüngere  9ted)t  muf5  bem  Ijö^ern,  allgemeinen,  altern 
9ied)te  meieren. 

20,  2)ie  grud)t  ber  noci^  ben  f^orberungen  ber  @ered)tig= 
feit  fid)  öDÜjiefjenben  Sefcftränfung  ber  greifjeit  ift  bie  ftaat= 
lidje  unb  gefeüfd)aftti(fte  Orbnung.     S)amit  biefe§  fdpne  unb 


4.  ^Principiette  ©efidfitöpunüe  jur  SBeurtl^eilung  focialer  f^rageii.    191 

notf^tnenbige  3iel  erreid^t  werbe,  baju  i[t  aber  erforberlid), 
haii  bie  @erecf)tigfeit  in  i^rem  üollcn  Umfange  öerlüir!(id)t 
lüerbe :  bie  iustitia  legalis,  distributiva,  stricta  ober  com- 
mutativa. 

21.  2;ie  legale  ©erec^tigfeit  forbert  bon  feiten  ber  33ürger 
©el^orfam  gegenüber  gerechten  ©taat^gefe^en,  SSereittriüigfeit, 
für  bie  ©efamtf)eit  ^fIid)tmäBige  Opfer  ju  bringen,  überfjaupt 
ba§  priöate  ^ntereffe  bem  öffentü^en  ^ntereffe  unb  bem  aü= 
gemeinen  SBo^Ie  unteräuorbnen.  9Jhn  barf  affo  nid)t  auf 
Soften  ber  ©efamtljeit  bie  eigenen  ^ntereffen  pflegen,  mu^ 
bielmel^r  bei  allem  feinem  ©treben  aiid)  bie  9tec^te  unb  Snter= 
effen  ber  anbern  jur  ©eltung  fommen  laffen.  ^pflic^t  ber 
©taat§gett)alt  ift  e»,  nad)brüc!Iid)  für  bie  Baljrung  ber  legalen 
@ere(^tigfeit  einzutreten. 

22.  S)ie  bi^tributiöe  ober  bertfjeitenbe  @ere(^tigfeit  öer= 
ppid^tet  bie  8en!er  ber  Staaten,  bie  gemeinfamen  Saften  ben 
Gräften  ber  Sinjetnen  entfpred^enb  unb  bie  (Staatgföo^It^otcn 
bem  5ßerbienfte  unb  Sebürfniffe  gemäß  ju  öert^eilen.  —  Sn»= 
befonbere  bei  Semeffung  ber  «Steuertaft,  wetdie  bie  ©injelnen 
äu  tragen  l^aben,  mu$  bie  biStributiöe  @ered)tig!eit  geraabrt 
tüerben.  3)a§  in  erfter  Sinie  entfd)eibenbe  ^rincip  ber  «Steuer^ 
t)ert^ei(ung  ift  nic^t  bie  33erge(tung  ber  öom  ©taate  empfangenen 
SöotjÜ^aten,  fonbern  bie  5pflid)t  be§  Staatsbürgers  al§  fotd^en, 
nad)  DJkßgabe  feiner  materiellen  2eiftung§föf)igfeit  jur  Seftrei= 
tung  ber  gemeinfamen  Saften  beijutragen.  —  23ei  ber  9]er= 
t^eihing  ber  (£taat§tt)ot)Itf)aten ,  inSbefonbere  ma§  9te^t§fd^u| 
unb  pofitiöe  götberung  betrifft,  forbert  bie  biStributioe  ®e= 
rei^tigfeit  eine  größere  Sorgfalt  im  ^ntereffe  ber  fd)roä($ern 
Seftanbt^eile  ber  ftaatlic^en  ©efeüfcbaft  ^.  —  Unbegrünbet  unb 


^  ®er  üerbienftDoIte  ^pifaner  Socialpolitifev  ^rof.  Dr.  Sonioto 
üert^eibigt  in  ber  „Rivista  Internazionale  di  Scienze  Sociali",  Rom. 
1897  (Cgl.  au^  „©etmania"  XXVII.  3af)rg.,  91r.  242  öom  21.  €c= 
tober  1897),  ben  aßerbingä  leicht  mifeüerftänblic^en  Sluäbrud  „Demo- 


192  3weitf§  Kapitel.    Sie  ftaatlid^e  3fted^töorbnung. 

in  öerberblic^en  ßonfequenjen  geleitenb  lüäre  e§  jeboc^,  toenn 
man  bie  biätributiüe  ©erec^tigfeit  gum  ^rincip  ber  33ertt)etlung 
ber  9tei(^t^ümer  (im  bolfaiüirtid^aftlidien  ©inne  be§  SöorteS) 
machen  raonte.  S!ie  bi^tributiöe  (Sered^tigfeit  bertfjeilt  bie  ge= 
nteiniamen  ©üter  be§  floatüdien  2eben§.  ^ene  ©üter  aber, 
lüeldie  im  t)oI!§tt)irticfjQft(id)en  ^roce^  ber  ©üteröertljeihmg  ben 
33ürgern  jufommen,  finb  5|3riöatgüter.  ©ie  toerben  ben  5öür= 
gern  ^u  tl^eil  bermöge  priöaten  Üf e(i)t§titel§ ,  feine§tt)eg§  in 
erfter  Sinie  megen  eine§  öffentltd^en  23crbien[te§  um  bie  @e= 
famt^eit,  fonbern  al§  gruci^t  ber  5trbeit  ober  qI§  (Begenleiftimg 
für  ein  anbere§  @ut  ober  unter  liberalem  9te(f)t§titel.  2öer 
bie  biötributiöe  ®ere(^tig!eit  jum  ^rincip  ber  ©üteröert^eilung 
madien  moHte,  fönnte  \\d)  ber  abfurben  (Aonfequenä  einer  öd(I= 
ftänbigen  53erbrängung  ber  23oIf§tt)irt[d)aft  burc^  bie  ©taat§= 
mirtfdiaft  nid)t  entsie^en. 

crazia  cristiana",  beffen  fid§  bie  !at^oItfd)=fociaIe  33ett)egung  in  Sta= 
lien  Ibebient,  tiibetn  er  ^ntiüx^tbi,  bofe  „©emolratie"  in  bem  bort 
üblii^en  ©inne  bur($au§  nii^t  eine  beftimmte,  auf  inbiöibualiftifdiem 
^Princip  lbenil)enbe  StaalSform  —  bie  Üiepublif  —  bebeuten  foHe, 
Jonbern  bie  für  alte  ©taatSformen  notliiuenbige  §inlenfung  be§  ge= 
jamtcn  ©taatälebenä  auf  ha^  2ßoI)t  bei  SJoIfeö.  ©o  Derftanben  ift 
„Semofratie"  ni(f)t§  anbereS  aU  „jene  innergefeüf(f)aftlicfie  Drbnung 
ber  Singe ,  tüonadf)  atle  focialen,  re(^tlid)en  unb  öfonoinifctien  Gräfte 
in  i!^rer  öoKen  :^ierarcf)ifd)en  ©ntfaltuug,  jebe  nnc^  i^rem  SSer^ältnife, 
auf  hd^  ©  enteintDo'^I  "unb  ba{)er  üotäügUf^  auf  ha^  25>  o  f)  t= 
erget)en  ber  untern  klaffen  Einarbeiten".  S)a  nun  bie  untern 
klaffen  ben  größten  Si^eil  be§  aSoIlfeö  auömac^en  unb  gerabe  t)eut3u= 
tage  fid^  in  Slot^  befinben,  fo  loirb  bie  ©orge  für  ba§  ©emeiniüo^I 
in  concreto  gang  befonberö  gu  einer  ©orge  für  ha^  SBo^I  ber  be= 
bürftigen  ,$?laffen.  3n  biefem  Sinne  ift  bie  „Semofratic"  eine  iyor= 
berung  ber  ©ere(f)tigfeit  unb  barum  aucE)  bei  6()riftentl)uin§.  ©ie 
öerfpri(i)t  —  fo  tjofft  Soniolo  —  „ein  ©c^ritt  üorUiärtö  ju  fein  auf 
ber  SBol^n  ber  t^eoretifcEien  unb  praftifd^en  (Erneuerung  ber  ©efeüfc^aft 
burd)  bie  ßird^e  —  tl^eoretifd)  ift  fie  eine  logifc^e  ®onfequenä  ber 
ä)riftIicE)en  ©ere^tigteit  unb  Siebe ,  prafttfd^  eine  StuSbel^nung  ber 
2Sot}ltEaten  ctiriftüdier  ßuUur  auf  bie  niebern  .klaffen". 


4.  ?Prtnct^)tetfe  ©eft(]^t§punfte  3ur  SSeurtl^eilung  foctaler  iJragen.    193 

23.  2)ie  ftrtcte,  comtnutotibc  ober  auSgleidienbe  @ere(i^ttg= 

feit  orbnet  bie  Sejie^imgen  ber  5IRenf(i)en  untereinanber,  in- 
fofern biefelben  al§  ^nbioibuen  unb  ni(f)t  aU  ©lieber  ber  @e= 
fenf(!^Qft  in  Setrod^t  fommen.  ©ie  ftricte  ©erecfitigfeit  üerbietet 
jeben  unbefugten  Eingriff  in  bie  nu§  notürlidjen  ober  ertt3or= 
benen  9ted)ten  gebilbete  Sfec^töfp^äre  ber  :p^t)fi|d^en  ober  mora= 
lifc^en  ^erfonen,  qu§  benen  bie  [taotlid^e  ©efellfci^ait  befielet. 
gür  ben  ganzen  ^ereic^  be§  2Quf(^öerfet}re§  forbert  bie  au§= 
gleic^enbe  ©eredbtigfeit  SBert^gleid^fjeit  5n3tf(iöen  2eiftung  unb 
©egenleiftung  (5lequioaIen5princip). 

24.  !^ux  inbiöibueüen  9te(f)t§fp^äre  eine§  jeben  Bürger» 
gel^ört  inabefonbere  ha^  Steigt  auf  Gjiftenj,  b.  ^.  ba»  9tecf)t, 
in  feiner  leiblichen,  geiftigen  unb  fittlid^en  (Sjiftens  öor  S(f)Qbi= 
gung  feiten»  onberer  beiüoljrt  ju  bleiben  unb  burc^  Peinige 
^Jtrbeit  feinen  gebü^renben  2eben§unterf}alt  erwerben  ^u  fönnen. 
SBenn  in  einer  ftantüc^en  (BefeClfc^aft  biefe§  9te(^t  nidjt  etwa 
äufäüig,  öereinjelt  unb  borübergel^enb,  fonbern  bauernb  für 
einen  großen  S^eil  ber  ^Bürger  ober  ganje  .^(affen  tlntfad^Iid^ 
nic^t  jur  ©eltung  fommt,  fo  ift  ha^  ein  fid)ereä  ^Mjtn,  boB 
bie  ftaatlic^e  ©efeüfdiaft  itjren  h)efentlid)ften  Stufgoben  ni(^t 
genügt  ^at.  3lber  quc^  bie  bloße  Unfic^erfjeit  ber  @jiftenä= 
bebingungen  einer  großen  3(näQ()(  bon  ©taatabürgern  ift  burd^= 
ge^enb»  ^robuct  unb  (5t)mptom  fd)tüerer  focialer  unb  föirtfd)Qft§= 
politifc^er  Errungen,  eine  ftete  ©efat^r  für  23oIf  unb  ©taat. 

25.  33on  ber  Siebe  allein  bie  Orbnung  bea  focialen  2eben§ 
ju  erwarten,  loäre  öerfe^It.  ^Inbererfeit»  ift  ed^te  Df^ädiften' 
liebe,  wie  baa  ß^riftent^um  fie  öertünbet,  unentbe^rlidb  für 
ba§  ®Iüd  ber  35öl!er,  gwar  nid^t  al§  „t^unbament  ber  @efell= 
fc!^aft",  wo^t  aber  al§  bie  auc^  im  beftgeorbneten  Staate  not^= 
wenbige  (Srgäuäung  ber  @ered)tigteit  unb  al§  Slbfd^Iuß  unb 
SßoIIenbung  aüer  focialen  33eäief)ungen.  —  2!ie  Siebe  gewährt 
ben  engern  natürlidjen  unb  freien  3}erbünben  größere  Se[ti9= 
feit  unb  2Birffamfeit.   <Bk  milbert  unb  überbrüdt  aUe  <5tanbe§= 

^e]ä).  StberaUimuS.  I.  2.  Stuft.  9 


194  3toeite§  ßapitel.    S)te  ftaatlic^e  Oled^tgorbnuttg. 

unb  ^'fafjenunterfi^iebe ,  [teüt  eine  moralifd^e  ®Iei(^^eit  l^cr, 
roenn  bie  focialen  unb  materieüen  5Ib[iänbe  auä)  nod)  fo  gro^ 
[ein  mögen.  3n  ber  2ie6e  c^riftltt^er  Srüberlid)!eit  [teigt  ber 
Öo^e  äum  5^iebrigen  ^inob  unb  fü^It  \\d)  ber  5Irme  gum 
9ieid)en  emporgejogen.  S)ie  ed)te  Siebe  i[t  ja  bie  grud^t  einer 
in  (J)ri[tli(f)er  Se^re  unb  @e[innung  begrünbeten,  aufrichtigen 
|)0(^Q(f)tung  ber  9}ienf(^en=  unb  6^ri[tenn)ürbe,  beren  33oübe[i^ 
üuä)  bem  ärmften  ^inbe  genjö^rt  ift.  —  Sie  Siebe  ergönjt 
enb(id)  bie  33ertl)eitung  ber  ©üter.  SBegen  ber  UnboHfommen* 
^eit  aller  men|(i^IicE)en  (Sinrid)tungen  irirb,  idh\i  bei  geredeter 
©efloltung  be§  mirtj'diaftlic^en  unb  focialen  Seben§,  nidit  alle 
Strmut  unb  5Zot[)  böllig  befeitigt  werben  tonnen.  2;a  ift  e§ 
in  erfter  Sinie  bie  ?lufgabe  freier  diriftlidjer  Siebe§t^ätigteit, 
gu  öer^inbern,  ba^  ein  Sfjeil  ber  9[lienfd)en  ber  jur  ßrfüüung 
i^rer  irbifc^en  ^tufgoben  nDtfjtt3enbigen  W\ttd  beraubt  bleibe. 
Üteic^t  bie  priöate  Siebegt^titigfeit  nidit  au§,  bann  ift  ba§  (Sin= 
treten  ber  i)ffent(id)en  5lrmenpflege  notfimenbig  unb  eben  barum 
bered)tigt.  2öef)e  aber  bem  93oIfe,  bei  bem  bie  "^floÜ)  fo  bauernb 
gro^  unb  allgemein  unb  anbererfeit»  bie  Siebe  fo  fdjttjod)  ift, 
boB  bie  fubfibiär  berufene  ^ilfe  ber  (Semeinbe  unb  be§  @taate§ 
bie  2öer!e  unb  ba§  Sßirfen  freier  d)riftlid)er  Siebe§t^ätig{eit 
abforbirt.  (Sin  foId)e§  53oI!  fte^t  ofjue  Stt^eifel  im  ^^it^en 
be§  3BerfaK§i. 

5)ie  bofle  Sebeutung  biefer  @runbfü|e  unb  Folgerungen 
ber  d^riftlid^en  @efeüfc^aft§(e^re  tt)irb  im  SSerlaufe  unferer  n^ei» 
tern  llnterfu(^ungen  flarer  p  Sage  treten. 


^  Cf.  Charles  Perin,  Premiers  Principes  d'Economie  politique 
(Paris  1895)  p.  340  ss. 


^ie  feciale  ^rage 

beleud^tet  buT(|  bie 

„Stimmen  au§  Max\a=2aa^'\ 


9.  j^eft: 

ut  ifji1|tlitl)E  iffelliaftMitonö. 

@  r  ft  e  r    ^  ^  e  i  l. 

II.  ^aö^ntJafetgettf^ttm  afö  fociafcSnllittttiott. 

SOUt  Slpprobation  beä  l^oc^io.  §errn  ©rsbifd^ofö  üon  3^ret6urg. 


^reißtttrg  im  ^teisgau. 

§  e  r  b  e  r  ^  f  d)  e    33  e  r  I  a  ö  §  I)  q  n  b  t  u  n  g. 

1900. 

Steeignieberfaffungen  in  SBien,  ©trofefiurg,  3Jlünd^en  unb  ©t.  ßoui§,  ÜJio. 


Imprimatur. 
Friburgi  Brisgomae,  die  25.  Mali  1900. 

4:  Thomas,  Archiepps. 


S)a§  9ted)t  ha  Ueberfe^ung  in  frembe  <Spracf)en  wiib  üorbe^olten. 


SBuc^brudferei  bcr  ^erbcD'fd^en  a)crlagl'^anblung  in  guiburg. 


3  n  I)  tt  1 1. 


Dritt«  fittpittL 
Sol  jpiiijotclgcnt^um  ßI8  fociolc  ^nftitutiflu. 

©ette 

1.  30ßa§  l^eifet:  ^Priüatetgentl^um? 196 

2.  2Bie   enlftanb   baä   ^rioateigentl^um  ?    Segal=   unb   S>er= 
traßöt^eorie 204 

3.  S>er   Urfprung   be§   @igent^um§   i\a^    ber  bartoiniftifd^: 
focialiftift^en  ©DoIutionSt^eorie 213 

4.  S)ie   ©ntftel^ung  unb  93egiftnbung  beä  ^riöatetgentl^utng 

nacf)  ber  toifjenfd^aftlid^en  ©tiolution^tl^eorie    .        .  258 

5.  Slögemetne  Sintoenbungen  gegen  ba^  ^prtüateigent^um     .  296 

6.  ©inaenbungen  gegen  bte  naturrcd^tlii^e  SSegrünbung  be§ 
©runbeigent^umä  309 

7.  ®ie  grtoerbung  be§  ©igcntl^umS 354 

8.  «Pflid^ten  unb  ©d^ranfen  bc§  (Sigcnt^um§        ...  390 


Das  Jünoatetgcnlljttm  ttls  fonale  3n|iUuttott. 


2Benn  eine  tüo^Ibegrünbete  «Staatele^re  für  bie  rid)tige 
Snifd^eibung  in  ben  fragen  be§  focialen  2eben§  oly  unerIäB= 
lid)  erid)eint,  fo  tüirb  nicE)t  mtnber  eineg  jeben  Stellung  gegen= 
über  ben  praftifc^en  ^Problemen  bur^  bie  Stuffaffung  be= 
einflu^t,  rddä)t  fein  ©eift  oon  ber  Ijeute  fo  Ijein  umfttittenen 
(Einrichtung  be§  ^ribüteigentf}um§  fid)  gebilbet  Ijüt. 

2)ie  einen  erbliden  in  bem  ^^riüateigentfium  bie  Cuelle 
oller  unferer  focialen  ÜJ^i^ftanbe  unb  erfjoffen  öon  einer  befferen 
3utunft  —  fomeit  roenigftenS  bie  ^^rDbuction§mitteI  in  ^^rage 
fletjen  —  beffen  gön^lic^e  53efeitigung. 

3)ie  anbern  nennen  bo»  ^riDateigentl;um  ein  unöerle|= 
boreS  9tec^t,  @ie  forbern  im  5kmen  be§  ^Drtfd)ritte§  für  ben 
ßigent^ümer  unbebingte  ^-reifieit.  2)er  Sadjeninelt  gegenüber, 
bie  er  fein  eigen  nennt,  fofl  er  fouöerän,  abfohiter  |)errfd)er  fein. 

2Bieber  anbere  betracbten  bie  ^nftitution  be§  ^riüateigen» 
tf)um§  al§  untrennbar  öerbunben  mit  jeber  Ijöl)ern  ^'ultur 
unb  al§  einen  uncntbet)rlid}en  ©runbpfeiler  jebea  n3o^Igeorb= 
neten  ftaatlid^en  (Sefenf(^aft§(eben§.  5Iber  fie  fennen  ©diranfen 
für  ben  (Srroerb  unb  ©ebraud^  bes  @igent()um§,  fie  begrenzen 
bie  äBiütür  be§  inbioibueüen  (äigentl^ümer» ,  inbem  fie  beffen 
33erfügung§frei()eit  regeln  nad^  ben  f^orberungen  ber  ®ered)tig= 
feit  unb  be§  gemeinen  2Bo^Ie§. 

®ie  folgenbe  5lbi)anblung  n^irb  bem  Sefer  bie  Sßa^I 
äwifd^en   biefen   üerfc^iebenen  Sluffaffungen  erleichtern  !önnen. 

5Pef(^,  ßiberalismuS  k.  IL   2.  Stuft.  10 


196    drittes  ßapitel.  ®a§  ^Pritiatetgcnt^um  al§  fociale  ^nftitution. 

1.  |5a6  ^eif^t:  "^ritiaf etgcnf ßum ? 

1.  Unter  ^riöateigerttljiim  Dei-[te()t  man  ba§  9te(f)t  einer 
^erfon,  über  eine  !örperU(^e  'Büä)i  al»  über  etroaS  i^r  (S5e= 
Ijörigea  auf  jebe  erlaubte  SBeife  üerfügen  ^u  bürfen^. 

©ie  einjelnen  23eftanbtt)eile  biefer  53egriff§be[timmung  for» 
bern  eine  näf;ere  (5rflärung. 

a)  3)q§  ^priöatei gentium  ift  ein  9te(^t,  b.  f).  ein 
mDra(if(f)e§  unb  untier(e^(id)e§  können  einer  ^erjon.  SBenn 
man  jagt:  jemanb  l^abz  hü§i  9ted)t,  über  feine  ^ahi  ju 
bisponiren,  fo  bebeutet  bie§  5unöd)ft,  bafe  er  öerfügen  !ann. 
5(ber  ni(!^t  jebe§  können  ift  ein  ^tä)t.  Ober  ^at  etwa  ber 
Stänber,  ber  einen  9Jeifenben  in  feine  (Seroalt  befam,  eben 
^ierburc^  aud^  baS  Üted^t,  i^n  ober  feine  S^abt  jurüctju^alten? 
^eine§n)eg§,  bie  bloß  p(}^fif(^e  ©eroalt  ift  nod)  fein  Siedet. 
5Inbererfeit§  !ann  jemanb  burd)  irgenb  roelc^e  33erf)ältniffe 
borau  Der()inbert  roerben,  |)t}l)fifd)  5.  53.  auf  fein  ©runbftüd 
einjuroirfen,  bennod)  aber  ba§  9fed)t  ju  biefer  ©inroirfung 
nnjroeife(^aft  befi^en.  @§  fann  alfo  ein  9ted)t  befielen  o^ne 
pt}l)lifd)c  (Seroalt,  roie  eine  pl)t)fifd)e  ©eroalt  otjne  Sfiec^t^.  S)a§ 
9ied)t  ift  alfo  feinem  SBejen  nac^  ein  moraIifd)e§  llönnen, 
eine  öefugni^,  bie  fid)  in  legtet  Sinie  auf  bie  9Zotf)roenbig!eit 
ber  fittlid^en  Orbnung  ftü|t,   biefer   fittlidien  Orbnung   fici^ 


'  ®a§  ift  „Ißribatetgent^um"  itn  f  ubjectttien  ©tnne.  ^m  ob= 
jectiüen  ©inne  öerfte^^t  man  unter  „(Stgentl^um"  bie  ©  a  cf)  e 
felbft,  fiber  iüel($e  jemanb  lote  über  bie  feinige  in  jeber  erlaubten 
9Beife  üerfügen  fann.  —  @.  ©c^iffini  S.  J.  befinirt  baö  ©igentlium: 
,Ius  proprietatis  reale  perfecte  disponendi  de  re  aliqua,  nisi  aliunde 
prohibeatur."  Cf.  Disputationes  philosophiae  moralis  II  (Augustae 
Taurinorum  1891),  126. 

2  Sllois  SapareUi  S.  J. ,  93erfuc^  eineä  auf  (Srfol^rung  16e= 
grünbeten  Dlaturrec^tä.  5tuö  bem  Qtalienifc^en  überfe^t  Don  Dr.  3^ri= 
bolin  ©cf)bttl  unb  Dr.  ßart  Slinecf er.  I  (Dlegcnöburg  1845), 
mx.  342,  ©.  138. 


1.   2Ba§  fieifet  ^nOüteigentf)um  ?  197 

einfüt3t  unb  in  feiner  ?Iu§übung  hnxä)  'i)a<ci  ©ittengefe^  bebingt 
tuirb.  @ben  bornm  unb  nur  barum  erfreut  fid)  benn  auc^ 
tci^  9ted)t  be»  6f}arafter§  tüa^rer  Unüerle^Iici^feit.  ^lÜe  anbern 
^3Jenfd)en  finb  burd)  ba§  @ittengefe|  gebunben,  im  ©eroiffen 
ticrpf(id)tct,  un§  nid)t  bei  5tu§übung  unferer  afJed)te  ^u  ftören, 
unb  ttjir  feibft  finb  befugt,  frembe  Eingriffe  nb5UtDet}ren.  S)ie 
pDfitiD=9efe|(i(^e  Inerfennung  eine§  natürlichen  9ied)te§  feitenä 
be§  Staate»  fdjafft  nii^t  erft  biefey  Ote(^t  unb  feine  n!0= 
ralif(^e  ßräiüingbarfeit ,  garantirt  aber  bie  ben  33ebürfniffen 
ber  gefeüfd)aftüd}en  Orbnung  entfpred^enbe  p|t)fif($e  @räit)ing= 
barfeit  beSfelben.  —  9Jkn  unterfdieibet  nun  perfönlic^e  * 
unb  binglii^e  9ied)te.  5)ie  erftern  geiüäf^ren  bem  5ßerc(^= 
tigten  i()rem  unmittelbaren  Sn^citte  nad)  einen  5tnfprud)  gegen 
anbere  ^erfonen,  bie  letztem  eine  |)errfd)aft  über  !ör|)erlid)e 
(5ad)en. 

b)  S)a§  (äigentbuniöredjt  ift  ein  binglic^eS  9tcd)t.  — 
2)ie  53efugniB,  meld)e  feinen  Snf;a(t  au§mad)t,  ift  bie  |)err= 
fd()aft§befugnif}  über  eine  <Baä)t.  2Benn  jemanb  einem  anbern 
t)erfpro(^en  !)at,  if)m  einen  beftimmten  5lder  ju  fdienfen,  fo 
befi^t  ber  53efd)enfte  auf  ©runb  ]ene§  SSerfprec^enS  ^mar  ein 
ins  ad  rem,  bie  red)tlid)  begrünbete  Hoffnung,  jenen  3tder 
ju  ert)alten.  Stllein  e§  ftetjt  it}m  üorab  noi^  !ein  bing(id)e§ 
9?ed)t  an  bem  5(der  feibft  ju,  fonbern  (ebigüc^  ein  perfön= 
Iid)e§  gorberung§red)t  gegenüber  bem  ^ßerfprec^enben.  5lnber§ 
beim  @igentt)um§red)te.  2)iefe§  gcmätjrt  unmittelbar,  burd) 
fid)  feibft,  eine  ^errfd)aft§befugni|  über  bie  förperlicbe  <Büä)^, 
ein  ius  in  re, 

c)  ^a§  @igentl)um§re(^t  ift  ferner  ha^  Dolüommenfte 
bingltc^e    9Serfügung§red)t  einer  ^erfon  über  eine 

^  „5)3erfönlic^e"  IRed^te  fann  man  aucf)  bie  unmittelbar  an  bie 
eigene  ^erfon  fid^  anfnüpfenben  Stecfitc  nennen,  jo  3.  SB.  ba§  3te(^t 
auf  Qijxt  unb  guten  91amen,  ba§  Siecht  auf  ®3;iftenä  u.  bgl. 

10* 


198     ®ritteö  Kapitel.  ®q§  ^PriDatetgent^um  oI§  jociale  Stnftilution. 

<Baä)t^.  ®enn  feinem  wefentlid^en  Snf)alt  xiaä)  be[tef)t  ba§ 
(5igent^um§re(!^t  borin,  ba^  eine  <Baä)t  jemanb  fd)Ied)t^in  qI§ 
bie  „[einige"  ge!)ört,  fo  jroar,  bafe  er  an  unb  für  fid^ 
jeben  onbern  öon  berfelben  au§fd)He^en  fann.  @ine  natürliche 
i^^olge  biefer  äJerbinbung  ber  @ad)e  mit  einer  ^erfon  ift  c§ 
bann,  baß  ber  (Sigentijümer  über  bie  <Baä)t  aU  bie  „feinige" 
öerfügt^.    SDer  23ormunb,  meld^er  ba§  SSermögen  be§  ^Dlün' 


^  S)a§  r  ö  m  i  f  c^  e  ^iec^t  unterfcfietbet  f  ü  n  f  Sitten  binglid^er 
SRe^te :  dominium ,  servitus ,  pignus ,  ius  hereditarium ,  possessio 
iuridica. 

^  Cf.  Moh'na,  De  iustitia  et  iure.     Tract.  2,  disp.  3,  n.  5. 

„Primo  quidem,  quoniam  recte  dicimus,  quia  Petrus  est  do- 
minus huius  rei ,  habet  facultatem  perfecte  de  illa  disponendi : 
e  contrario  vero  non  recte  dicimus,  quia  habet  facultatem  perfecte 
disponendi  de  hac  re,  est  dominus  illius,  sicut  etiam  non  recte 
dicimus ,  quia  habet  facultatem  videndi ,  est  homo :  ergo  facultas 
seu  ius  perfecte  disponendi  est  effectus  dominii ,  non  secus  ac  fa- 
cultas videndi  est  effectus  hominis. 

Secundo ,  quia  ,esse  suum',  seu  ,proprium'  alicuius  videtur 
correlativum  domini :  dominus  enim  est,  qui  habet  aliquid  ,suum' 
simpliciter.  .  .  . 

Tertio ,  potest  quis  conferre  procuratori  suo,  aut  amico  in 
bonum  amici  ius  tum  ad  utendum  re  sua  omnibus  modis,  quibus 
ipse  uti  potest,  tum  etiam  ad  illam  alienandum  et  consuraendum, 
retento  sibi  dominio  interim ,  dum  rem  non  consumit  vel  alienat. 
Ergo  ius  ad  utendum  re  aliqua  et  ad  illam  alienandum  et  con- 
sumendum,  distinctum  quid  est  a  dominio,  quod  in  eo  praecise  est 
positum ,  quod  res  sit  sua  simpliciter.  Confirmatur ,  quoniam  ius 
ad  utendum  re  aliqua,  et  ius  ad  eam  alienandum  sunt  iura  distincta, 
potestque  unus  idem  habere  multa  iura  circa  unam  et  eandem 
rem  pro  diversitate  obiectorum,  ad  quae  sunt  ea  iura.  Sed  ratio 
dominii  circa  unam  rem  est  unica  et  simpUcissima.  Ergo  ratio 
iuris  ad  perfecte  utendum  et  disponendum  de  re  aliqua  diversa  est 
a  ratione  dominii. 

Quarto,  eo  ipso  quod  res  aliqua  simpliciter  est  alicuius,  illeque 
proinde  est  dominus  illius,  ex  natura  rei  habet  hie  plenura  et 
integrum  ius  circa  illam,   nisi  forte  res  illa  devincta  ad  eum  ac- 


1.  2öa§  Reifet  «Prttateigentl^um  ?  199 

be(§  befi^t  unb  bertoaltet,  i[t  nic^t  Sigent^ümer,  totil  er  bn» 
Sßermögen  aU  ein  frembeS  be[i|t.  2Ber  ha^  9te(^t  be§  "^k^- 
braucE)§  an  einem  ©tunbftücfe  l^at,  6e[i|t  'oa^  ßJrunbftücf  unb 
bi§ponirt  über  bie  5]3robuctiD!räfte  be^  ^oben§.  5I5er  er 
befi^t  ben  tiefer  nic^t  )d)(ed)t()in  n(§  ben  feinigen  unb  öerfügt 
Weber  über  bie  ©ubflanj  nod)  über  ben  SBert^  be»felben.  S)er 
(5igentf)ümer  bogegen  be[i|t  ba§  ius  perfede  dlsponendi  de 
re,  erfreut  \\ä)  ber  umfaffenbften  3Serfügung§befugniffe  unb 
barf  QUö  ber  i^m  gehörigen  8acE)e  in  jeber  |3^i5nfc^  unb  mo= 
ralifcb  möglid^en  2öei]e  Dhi^en  unb  grü(^te  äie^en,  ben  ®egen= 
ftanb  nad)  ^Belieben  Deränbern,  beräuBern,  bermenben,  fotüeit 
fretnbe  unb  ^öfjere  Steckte  nic^t  berieft  merben  ^. 


cederet  iure  aliquo  in  re.  .  .  .  Sed  (ut  ex  emphyteutico  contractu 
est  manifestum)  potest  is  abdicare  a  se  totum  ius  ea  utendi,  et 
fruendi ,  eamque  administrandi ,  et  conferre  illud  alteri ,  retenta 
proprietate,  hoc  est  retinendo  rem  iilam  esse  suam  simpliciter,  ut 
autea  erat,  quod  iuris  interpretes  appellant  dominium  directum. 
Ergo  dominium  et  iura  ad  utmdum  et  disponendum  de  re,  quae 
subiatis  impedimentis  ex  natura  rei  dominium  consequuntur ,  di- 
stincta  inter  se  sunt."     Cf.  Schiffi)n  1.  c.  p.  126. 

'  S)ie  Dte($te  be§  Sigent£)ümer§  »erben  üon  ben  ^uriften   in  ber 
bieget  auf  bxet  klaffen  äurücf gefüf)rt : 

a)  ius  excludendi,  b.  ^.  ha§)  Oie(i)t,  anbern  jebc  ©intoirlung,  toeldje 
ben  6tgentf)ümer  im  SSefi^  unb  ©ebrauc^  feiner  ead^e  ftören 
!önnte,  ju  unterfagen; 

b)  ius  utendi,  fruendi,  b.  ^.  baö  9ie(J)t,  bie  Sai^e  3U  gebrauchen 
unb  S^rüc^te  barau§  ju  gießen; 

c)  ius  disponendi,  b.  f).  ba§  fRed^t,  btc  Ba<^i  untäugeftalten,  gu 
öeräufeern  u.  f.  tt).  („SispofitionSbefugnife"  im  engern,  iuTifti= 
fc^en  ©inne). 

SDlan  tjüt  ba§  @igentl)um  aud)  bcfc^rieben  als  ins  utendi  et  abufendi. 
SCßürbe  f)ierbe:  ^abuti"  im  Sinne  bon  „mißbrauchen"  öerftanben,  fo 
enthielte  bie  Sefinition  einen  2ßiberfpru(f) ,  ba  e§  ein  ^ti^t  jum 
5üitBbraud^  nic^t  geben  fann.  ^nbeffen  bebeutet  „abuti"  fpra(^Iic(} 
aud^,  unb  3ttar  in  erfter  ßinie,  fo  oiel  tute  „aufbraud^en".  3n 
bie  fem   ©inne  fte^t  bai   ius  abutendi,   fotoeit  pi^ere  !Re(|te  nt(|t 


200    S^ritteö  .^apitcl.  ®a§  5PritatetgentI)um  al§  fociale  Snftitution. 

2.  Um  bo§  richtige  3]er[tänbmp  [pöterer  5tu§fü£)rungen 
ju  ermöglichen,  muffen  mir  bie  mi^tigften  Sinti)eiluugen 
be§  5ßriöateigentl)um§  roenigften»  !urj  ermätinen. 

a)  53?an  unterfd)eibet  junäc^fl  ein  Obereigentljum  unb 
Unter  ei  gentium  unb  jmor  in  boppeltem  ©inne. 

©Ott  allein  öerfügt  über  ein  urfprünglid)e§ ,  Döüig 
unabhängiges  unb  unberäufeerlid)e§  öigent^um§rec^t 
an  allen  S^ingen.  3^^^^  bt\\^t  auä)  ber  ÜJIenfd^  ein  ma()rea 
@igentf}um§rec^t  im  3>ert)ä(tni^  ^u  ben  übrigen  ^Dienf^en. 
%btx  im  33erf)ältniB  ju  (Sott  erfi^eint  baSfelbe  al§  abgeleitete? 
unb  bau ernb  ab §öngige§  9iecbt,  ber  ^iUn'iä)  felbft  ala 
®Dtte§  Sel}cn§träger  unb  33ermaiter^.  — 

©obann  fpridit  man  don  einem  birecten  ÖigentTjum 
unb  einem  D^u|eigent^um  —  au(^  „Ober=  unb  Unter= 
eigentf)um"  genannt.  2)iefer  Unterfd)ieb  gibt  jeboc^  ni^t  öer= 
fcbtebene  Wirten,  fonbern  nur  üerfc^icbene  Seftanbtljeile  be§  @igen= 
t^umerec^te»  an.  ®§  ift  feine  divisio  inter  partes  subiedivas, 
bielmefjr  eine  di\^sio  inter  partes  integrales.  „5öeftanb= 
tfjeile"  ,  aber  nid)t  „Wirten"  be§  |)auie§  finb  5.  53.  ba§ 
gunbament,  bie  Söänbe,  \)Ci%  2)a($.  8d  geprt  auc^  jum 
öoüen  ©igentfjum  fomof)!  ba»  dominium  directum  wie  \>a?) 
dominium  utile.  „2)irecteö  (äigenttjum"  iiei^t  nun 
\i(!A  9ied)t,  blo^  über  bie  ©ubftanj  ber  ©ac^e  ^u  Derfügen, 
burd)  23eräuf;erung,  Q^^flörung,  (^ntminbung  (rei  vindicatio). 
^yiüw   nennt   ba§felbe   barum    aud)    dominium   nudum   ober 


berieft  löetben,  bem  @igenl^ümer  of)ne  3tt'eifel  3U,  unb  nur  in  biefem 
©inne  (beö  SSerbraud^ene)  ift  eä  in  ber  Definition  beö  ©igentl^uuig 
ju  öerftel^en.  Cf.  Johannes  XXII.  Cap.  ad  Conditorem.  III.  De  ver- 
hör, signific.  Extravag.  tit.  XIV. 

*  S39I.  äJictor  So  t^  rein  S.  J.,  2)]orQlp^iIofop^ie.  ®ine  nnffen= 
jcE)QftU(f)e  Sarlegung  ber  fittlid^en,  einfd^IiefeHä)  ber  redfitlid^en  ©rb= 
nung.  3toeiter  33Qnb:  SSefonbere  SDlorQlp^iIo)opf)ie  (greiburg  1891) 
©.  245.    3.  2lufl.,  1899,  ©.  308. 


1.  2Baö  f)ti^t  ^riDateigentljum?  201 

nuda  proprietas,  um  feine  Trennung  Don  ben  ^yrüdjten  ber 
©ac^e  anjubeiiten.  ®(eic[)tüof}(  i[t  ein  berartigea  @i9entf)um 
nid)t  frud)t=  unb  bebeutung§lD§ ,  roeil  ber  @igentf)ümer  ben 
2Bertf)  ber  Bad)^  be^errf(f)t  unb  biefelbe  tieräu^ern  !ann. 
S)Q§  „9Zu|eigentfjum"  i[t  ba§  ^^dit,  bie  Bad)t  ju  be= 
nu^en  ober  ^^rüc^te  barouS  ju  ^ietjcn.  5)hn  unterfdieibet 
fjierbei  alfo  mieberum  baa  58enu|ung§red;t  (usus ,  3.  33.  qh 
einem  §aui'e)  unb  ha?)  9iufenie^ung§=  ober  9^ieBBroud)§re(5t 
(usus  fructus,  j.  33.  an  einem  5(cfer).  S^aS  33enu^ung§red)t 
befugt  nur  jum  ©ebraui^,  nidit  jur  ^-rndjlgietjung.  ^a§  ?iie|» 
braud)§red)t  bagegen  befugt  jur  ^■rud)t5ie[}ung  in  jeber  ^orm, 
folange  nur  bie  Subftanj  ber  Ba6)t  erhalten  bleibt  ^  Sa  fo= 
toolji  ber  58enu|er  lüie  ber  9?u^nieBer  bie  ©ubftang  ber  <Baä)t 
erhalten  muffen,  !ann  bon  einem  usus  ober  usus  fructus 
Singen  gegenüber,  meldte  burd)  ben  erften  ©cbraudb  öerbrauc^t 
merben  (quae  piimo  usu  consumuntur),  feine  Dtebe  fein.  — 

b)  @ine  fernere  Unterfdieibung  ift  bie  jicifd^en  inbibi= 
buellem  ßigent^um  unb  ©emeineigentbum. 

„3ted)t5fubject",  b.  i.  ©ubject  einer  moralifdjen  Sefugni^, 
!ann  nur  ein  bernünftige»  SBefen,  eine  „^erfon"  fein.  9iun 
aber  unterfd}eibet  man  ätt}ifd)en  „pf)Qfifd)er"  unb  „moralifdjer" 
^erfon.  (Srftere  ift  ein  einjefner,  inbibibueder  5}len)d),  tDäf)^ 
renb  ber  3(u§brud  „moraIifd)e",  „juriftijcbe"  ober  „mpftifdbe" 
5|5erfon  inSbefonbere  eine  ©efamtfieit  mef)rerer  untereinanber 
gefeüfi^aftlid)  öerbunbener  ^erfonen ,  bie  al§  (Sin^eit  gebac^t 
löerben,  bebeutet.  ^nbiüibuelleS  @igentf)um,  inbiöi= 
buefleä  ^ribateigentljum  ift  bcmnad)  ein  foId}e§,  ba§  einem 
einjelnen  5)lenf(^en,  einem  menfd)li(^en  Snbioibuum  geprt. 
@  e  m  e  i  n  e  i  g  e  n  t  f)  u  m  ,  ©efamteigentfjum ,  gefeüfd)aftlic!bea 
@igentf)um  bagegen  ift  ein  fold)e§,  ba§  einer  @emeinfd)aft, 
einer  ©efeüfcbaft  non  ^erfonen  gef)ört,  fo  jmar,  baß  bie  @e= 


^  Cf.  Schiffini  1.  c.  p.  130  sqq. 


202    Stitteö  ßapttel.  ®a§  ^ßrtoateigentl^um  aH  jociole  Snftitutton. 

famt^eit  ber  gefeülc^aftlid)  öerbunbenen  ^erfonen  a(§  ©iibject 
be§  (Sigent^um§red)te§  gilt. 

Jöermöge  be§  inbioibueüen  (5igent()um§  tücrben  öon  ber 
|)err[d)Qft  über  bie  ©oi^e  alle  anbern  ^ev[onen  nuSgefd^Ioffen, 
iinb  ber  inbiüibueüe  5]3rit)ateigent^ünier  i[t  ber  einjige  §err 
be§  Cbiecte§,  Sßermöge  be§  @emeineigentt)um§  tüerben  alle 
nid)t  äur  ©emeinfc^aft  gefiörigen  ^perfonen  dorn  ©ebroudb 
ber  <Baä)z  Qu§ge|d)(offen ,  nii^t  aber  bie  @e[eüfdbQft§gUeber, 
bie  ^ufammen,  ala  (Sin^eit  gebacbt,  ben  „§errn"  ber  ©acbe 
barfteüen  iinb  ben  ©ebrau^  ber  Sac^e  gemeinfcboftlidb  regeln. 
3.  33Dn  ber  foeben  beI}QnbeIten  pofitiöen  ©emeinfcbaft, 
bem  gefetlfcbaftlit^en  Sigcntfjnm,  unter|dbeibet  \\d)  raefentlid^ 
bie  negatiüe  ® emeinfdboft. 

©teüt  bie  9}hitter  einen  ^orb  boü  5Iep[eI  auf  ben  Sifcb, 
bamit  bie  ^inber  baüon  nehmen,  jo  wirb  e§  niemanben  ein= 
fallen,  bie  ^inber  im  33er^äItniB  ju  jenen  SIepfeln  al§ 
ein  einziges  9Jec^t§fiibject,  al§  eine  moralifdie  ^erfon  [id^ 
öorsufteüen ,  mit  ber  recbtlid^en  f^-olge,  baß  bie  f (einen  „^iit= 
eigentijümer"  nunmehr  nur  noct)  „gefamter  ^anb"  über  bie 
!o[lbaren  ^yvüi^te  öerfügen  bürfen.  S)ie  comraunio,  bie  l^ier 
bc[te^t,  ift  Qu[  feiten  ber  .^inber  (ebigtid)  eine  ©emeinfamfeit 
ober  ®(eid;äeitigteit  ber  S3efugniB,  b.  §.  iebe§  i)üt,  mt  ba§ 
anbere,  bie  (Jrlaubni^,  au§  bem  ^orb  ju  ne^imen.  5luf  feiten 
ber  2Iepfel  ift  e»  eine  geiüiffe  ©emeinfamteit  ber  58eftimmung, 
b.  ^.  bie  DJiutter  ^at  bie  3IepfeI  für  „i^re  ßinber"  ^ingefteüt, 
o^ne  bem  ^eter  gerabe  biefen  5(pfel  unb  bem  ^poul  jenen 
Gipfel  anjuiöcifen.  ©ie  felbfl  bofljiefjt  bie  Streuung  nic^t, 
fonbern  überlöBt  ba§  ben  ^inbern. 

Sn  äbnlid)er  SBeife^  öertjäÜ  e§  fid)  mit  ber  fogen.  ne= 
gotioen  ©emeinfcbaft.    äßä^renb  bei  bem  gefeüfdjaftlid^en  (S)c= 


'  ©elbftüerftänbli(^   barf  ber  JBergleic^   lüd^t   urgivt  toerben;   c§ 
finb  aucf)  33erfcf)iebenl^£iten  öorl^anben. 


1.   93)a§  ijd^t  <13riöQteigentf)um  ?  203 

famteigentf)iini,  ber  pofitiDen  @ütergeineini(^Qft,  ein  iDirf(id)e§ 
©igeutljumärec^t  vorliegt,  )o  ^wax,  ba^  bie  ©cfamtöeit  ber  be= 
re(^tigten  ^erfonen,  aU  @inf)eit  gebockt,  ©ubject  eine»  actuellen 
lÄigentf)iim§red)te§  i[t  imb  borum  auä)  nur  aU  ©eiamt^cit 
über  bie  gemeinmnien  Sadjen  öerfügt,  beäeid}net  bie  negatibe 
©emeinfc^aft  lebiglid^  ben  3ii[lanb  be§  Ungetfieiltfein§  be§  Ob= 
|ecte§  unb  läugnet  ba§  33e[te^en  eine§  octuetten  (Sigent^um§= 
rc(i^te§,  fei  e§  ber  ©efomt^eit,  fei  ey  ber  einzelnen  ^perfonen. 
2Ba»  l^ier  „gemeinfd)Qftiic^"  ift,  bQ§  ift  lebiglid)  bie  S3eflim= 
mung  ber  S)inge  für  niedrere  ober  biele,  anbererfeit§  bQ§  gted^t 
jener  meljreren  ober  bielen,  qu§  bem  oügemeinen  3}orrQt^  ju 
f(^öpfen.  ©ie  finb  boju  befugt,  nid)t  in  ßraft  eine§  einzigen, 
ber  (Ä}efamtf)eit  al§  foldier  sufte^enben  binglid)en  9fed)tea, 
fonbern  jeber  einzelne  bermöge  feine§  i£)ni  ^uftefienben  |)erfön:= 
liefen  Üted^tcs. 

5)Jan  fann  bofier  auä)  bie  ganjc  53ebeutung  be§  5tu§= 
brucfe§  „negatibe  ©emeinfci^aft"  mit  ©c^iffini^  auf  fofgenbe 
groei  fünfte  jurüdfüijren : 

@rften§:  2)ie  53c5eid)nung  gibt  junädift  on,  bo^  nod^ 
niemanb  ba§  betreffenbe  @ut  ober  bie  betreffenben  @üter  fid) 
angeeignet  l^at,  biefelben  bielme^r  borber^anb  res  nullius  finb, 

3iDeiten§:  ^o^  jebcr  au§  ben  mehreren  ober  bielen 
^erfonen  burc^  ^efi^ergreifung  ober  üerniöge  eine§  anbern 
gerechten  2itel§  bie  ©ütcr  fid)  aneignen  fönne. 

@o  beftet)t  fomit  bie  negatibe  ©emeinfc^aft ,  furj  gefagt, 
in  ber  g'ü^^ö^eit  ober  ber  ^öefugni^ ,  @igent[)um  an  ©ad^en 
5U  ermerben,  bie  al§  res  nullius  gelten.  @ie  ift  !ein  actueOeö, 
rao^t  aber  ein  potentielle»  Sigent^um,  lüäl^renb  ba§  (Sigent^um 
an  ben  in  pofitiber  (Semeinfc^aft  befeffenen  (Bütern  ein  tDirf= 
Ii(^e§,  actuelleS  ®gentt)um  barfteüt.  §ierau§  folgt  bann 
noc^    ein   £)öd}ft   midjtiger   Unterfc^ieb.     S)ie   ©ac^e   nämlit^, 


*  Disputationes  philosophiae  moralis  II,  132. 

10  = 


204    2)rittc§  ßapitel.  ®a§  ^riüateigent^uni  aU  fociale  ^fnftitutton. 

bie  bem  pofitiben  ©emeineigent^um  niedrerer  iintertüorfen  i[t, 
tonn  o^ne  (äinmiHigung  ber  anbern  nid)t  (Sigentl)um  etneä 
einzelnen  roerben.  ^anbclt  e§  \i6)  bagegen  um  negotiö  ge= 
mein|atne  ©üter,  fo  bebarf  e§  einer  berartigen  @irttt)it(igung 
feineötregä.  — 

Sie  tiefere  Segrünbung  be§  ^ier  in  ^ür^e  entoidelten 
(Sigentl)umö6egriffe§  ergibt  \\ä)  au^  ben  folgenben  (Srörte= 
rungen.  33Drer[t  jebocf)  tt)irb  bie  Prüfung  ber  tt)i(i)tig[ten 
5ln[ic^ten  über  ben  Urfprung  be»  ^riöateigenttjumä  una  be= 
fd^äftigen  muffen. 

1.  3)ie  'iciuffoffungen  über  htn  Uriprung  be§  ^riöateigen= 
tf)ums  qI§  einer  focialen  Snftitution  ge()en   roeit  auaeinanbev. 

Sie   2  e  g  a  1 1  ^  e  D  r  i  e. 

|)obbe§,  ber  2el)rer  i?önig  ^axU  II.  bon  (Snglanb,  fledte 
in  feinem  33uc^e  De  cive  bie  Se^aiiptung  auf,  bon  5ktur 
au§  ge!)öre  allm  alle§.  ^eber  f)abt  baljer  bie  53efugmp, 
noc^  Seüeben  bie  materiellen  Singe  in  Sefi|  ^a  nef)men,  ben 
anbern  ju  entroinben,  fic  ju  öerraenben,  wie  immer  er  rooüe. 
Sanier  fei  ber  ^ampf  afler  gegen  alle  ber  urfprüng(id)fte  3"= 
ftanb  be§  5!)^enfc^engefd)Ied)te§.  5Iu§  gurc^t,  unb  um  fid)  in 
biefem  allgemeinen  ^ampf  ju  fcf)ü^en ,  fachten  bie  ^^icnfd^en 
©enoffen  auf,  mit  benen  fie  fi(§  jur  gemeinfamen  2Bef)r  ber= 
banöen.  ©o  entftanb  ber  «Staat.  Ser  ftaattidjen  ©emalt  aber 
lag  e§  ob,  burc^  p  o  f  i  t  i  o  e  ®eie|e  hü^i  ^  r  i  0  a  t  e  i  g  e  n  t  fj  u  m 
ju  f{!^affen  unb  baa  gefdiaffene  ju  fd)ü^en. 

öine  ä[)nli(^e  2ef)re  trugen  ^.  ^.  Ütouffeau,  Senttjam, 
9)^Dnte§quieu,   Mouillier   unb   anbere   bor  ^     ©ie   lüurbe   bie 

*  Cf.  S.  Schiffini  S.  J. ,  Disputationes  philosopbiae  moralis 
II,  148  sqq.  154  sqq. 


2.  Söieentftoub  b.  *Priöateigent^um?  ße9Ql=  ii. SBerttagStl^eorie.     205 

2^corie  ber  franjö[t)d)cn  DteliDlution.  So  jagte  ül^irobeau  in 
ber  con[tituirenben  JBevfnmmlung :  „S)a§  (äigenttjum  i[t  er= 
morben  in  ^raft  ber  @efe|e;  bn§  ®efe|  allein  begrünbet  ba§= 
felbe."  ®e§gteidben  befannte  2;rDnc^et,  einer  ber  SSetfafjer  be§ 
Code  Napoleon:  „9tur  ben  @efe|en  berbanft  ha^  6igentf;um 
feine  (Sgiftenä  unb  feine  33ere(^tigung."  Sn  feiner  ©rflärung 
ber  93?enfc^enrec^te  befinirte  9Jobe§|)ierre  ba§  (Sigentfjum  al§ 
„bas  9te(f)t  eine§  jeben  53ürger§,  jenen  Sfieil  ber  iäütn  §u 
genief^en,  tuelc^er  i^m  bur(|  ba§  @efe^  garantirt  ift". 

^üä)  f)eute  nod^  n)irb  biefe  fogen.  Segalt^eorie,  roeldie  bie 
53ered)tigung  be§  ^riDateigent[)um§  lebiglid^  au§ 
bem  pofitiüen  ftaatlidien  ©efe^e  herleiten  tdiU, 
öon  Dielen  berfod^ten.  <Bo  muffen  junädift  aüe  confequenten 
3tec^tapüfitiöiften  i^r  anpngen.  2;enn  lüenn  e§  überf^aupt 
fein  9ted)t  aufier  bem  pofitiben  ©taatsgefe^e  gibt,  bann  fann 
aucf)  bie  (Sigentl)um§inftitution  eine  anbere  Segrünbung  nic^t 
für  fid)  in  5(ufprud)  nefimen. 

3n  ®eutfd)Ianb  mnrbe  unb  mirb  bie  ßegaltljeorte  bertreten 
inabefonbere  öon  S.  S^.  gid)te,  5f .  Srenbelenburg,  5(.  Söagner  ^ 
unb  51.  ©amter-.  — 

S:ie  Segalt^eorie  ift  unhaltbar  ou§  folgenben  (Srünben^: 

6rften§:  (S§  ge^en  i§re  SBertreter  bon  ber  irrtl}üm= 
Iid)en  33orau§f e^ung  au§,  ba^  e§  ein  natürlichem  Stecht 
nid)i  gebe.  2Ber  bae  einmal  angenommen  f)at,  bem  bleibt 
aüerbinga  ^ur  „reditüc^en"  33egrünbung  be§  ^riüateigenttjuma 
tebiglic^  ba§  pofitiöe  ©efe^  übrig,  ^tüein  bie  ^ejugnaf^me 
auf  ein  blo^  ^iftorifd)e§,  pofitiüeS  9ted)t  nü|t  gar  toenig,  tüeil 

'  Sögt.  Slttgemetne  ober  t^cotetifd^e  93oIf§tt)trtf($aft§Ie]^re.  ©rfter 
%i)nl.  ©runblegung  (ßeipätg  unb  §eibelberg  1879)  @.  518  ff. 

^  Sa§  Sigent^um  in  feiner  focialen  JBebeutung  {^ma  1879) 
©.  309  ff. 

2  Sgl.  ©Qt^rein,  2noraIpf)iIofopf)ie  II,  222  ff.  3.  51ufr. 
©.  285.  287  f. 


206     ®ntte§  ßapitel.  ®a§  ^priöateigcntl^um  aU  foctale  SfnfJitution. 

iebe§  [toQtlic^e  ©eje^  nur  bann  ©eltung  für  ]\i)  in  ln= 
fprud^  nehmen  fann,  trenn  e§  eine  naturred)tlic^e,  bem  po\U 
tioen  9?e(^te  borauSge^enbe  33erpflicötung  gibt,  bem  menfc^= 
li^en,  pofttiöen  ®e|'e|e  ©e^orfam  §u  leiften.  O^ne  biefe  natur= 
re(^t(id^e  3}erpflic^tung ,  ju  ge^orc^en ,  i[t  ba§  poi'itiue  ®e|e| 
nur  eine  t^ntiQ(^{ic^e  gorberung  ber  ©emalt.  33(DBe  ©eraatt 
aber  roirb  üuä)  mieberum  burc^  ©eroalt  „rec^tmö^ig"  über= 
tüunben.  ^rincipieU  bermöcbten  baf)er  bon  itirem  ©tanbpunfte 
au§  bie  5Inpnger  ber  Segalt^eorie  nic^t§  bagegen  einjuraenben, 
tt)enn  bereinft  etroa  eine  fociaIi[tifct)e  5)kjorität  in  ber  2anbe§= 
öertretung  ba§  ^riüateigent^um  „ge)e^(id)"  ebenfo  tt)egbecre= 
tiren  föoüte,  roie  e§  „gei'e^Iid)"  eingeführt  rourbe^. 


'  Slbolf  Söogner  meint  freiließ,  eine  ©arantte  für  bie  Souer 
be§  *PriV)ateigentf)umä  „liege  in  ber  fittltdfien  unb  intetTectueHen,  fpeciett 
in  ber  ittrtfifiaftndien  93ilbung  beö  SBoIfeö,  in  ber  fittltd^en  3uc|t  unb 
©eI6ftbel^errf(^ung  alter  öfonomifdien  ßlaffen  unb  in  einer  richtig 
organifirten ,  tüchtig  fungirenben  SSoIföüertretung  neben  einer  guten 
9tegierung.  .  .  .  ®inc  aubere  ©arantte  alten  üted^teö  unb  mitt)in  au(§ 
be§  @tgent^um§red^teö  qI§  in  ber  fittlic^en  S^^^  """^  i"  ber  Silbung 
beö  SSoIfeä  unb  in  ber  tnöglitiift  äiüecfmäfeigen  Drganifation  ber 
gefe^gebenben  ©etoalt  gibt  eä  nic^t.  ÜJtögli(^  bleibt  ein  ÜJtifebraui^ 
biefer  ©ewalt  freilicE)  immer;  aber  baran  änbert  aud)  bie  ,S5e= 
grünbung'  beä  6igentl)umg  auf  irgenb  eine  anbere  3trt  al§  burcb  bie 
ßegatt^eorie  ni^t§"  (©runblegung  <B.  566  f.).  Sßitt  2öagner  bie 
ßegaltbeorie  öertbeibigen ,  fo  berliert  er  principieü  über^upt  ba^ 
9te(i)t,  bie  ?lb)c^affung  be§  ®igentbum§  unbebingt  einen  „SOtiBbraiicb" 
3U  nennen.  ®enn  menn  ber  Staat  bas  @igentbum  erft  fcbafft,  wenn 
biefe§  feinen  anbern  3fted)t§grunb  b^t  üU  baä  pofittöe  ©cfe^,  fo 
itiiberfpritt)t  bie  3lbftf)affung  be§  Sigentl^umä  loeber  ber  fittli(^en 
3uc§t  no(f(  ber  SBilbung  be§  95oI!e§.  ^m  ©egentbeil  fann  ber  ©taat 
für  biefe§  neue  ©efe^  ganj  benfetben  ©cborfam  forbern  inie  für  baS 
erfte  ©eü^,  toelcbes  ba^  Sigentbum  begrünbete.  —  2lnc^  bie  „3tt)edE= 
mäfeigfeit"  loürbe  feine  ©arantie  bieten  fönnen ;  benn  bie  2tnfid§ten 
über  „Stoedmäßigfeit"  finb  febr  getbeilt  unb  bem  2Bee|fel  unter= 
iDorfen.  Ueberbieö  „ift  eö  boc^  ettoaS  anbereö,  ob  btt§  93olf  ber 
9legierung  blo^  fageu  fann :   ®u  b^inbelft  uujuiecfmäfeig ,  ober  aber : 


2.  2öie  entftanb  b.  ^riüoteigentl^uin?  Segat»  ii.  SSertraggf^corie.     207 

3tt)eiten§:  9?iif)t  irenig  beirrte  innnd)e  9?ertreter  bei 
2egaItf)eorie  tro^I  bcr  Umftnnb,  boß  fie  jal)en,  tüie  für  ben 
einzelnen  93ienid}en  concrete§  (Sigentfium  (ebiglid)  'buxö) 
^Vermittlung  pofitiDer  Stjatfac^en,  5.  23.  burc^  (i^rbf^oft,  i^er= 
trag,  Sdjentung  u.  bgl. ,  erroorben  lüirb.  ^ierauS  fd)(offen 
fie  fälfd)Ii(^,  baj^  niic^  bie  (äigent^uniöinftitiition  einer 
pofititien,  rein  t)iftDrifc^en  Cueüe  entflamme. 

hinein  mit  einer  n[)nlid)en  ©(^(ußfolgerung  unb  5Dieinung 
!önnten  toir  in  taufenb  anbern  33ert)ültniffen  bie  unfinnigflen 
SBiberfprüc^e  aufred)t^alten^  ©o  märe  3.  S,  bie  Unmünbig= 
feit  ber  .^inber  rüdfic&tlii^  be§  9}ater§  eine  blo^  pofitibe  ©in» 
rid^tung.  Senn  otjne  eine  folc^e  ift  bie  ^t\t ,  in  tneli^er  fie 
auffiört,  nic^t  genau  unb  ^ö(^ften§  ber  öuBerflen  ©renje  naä) 
beflimmt.  ^ofitioe  (Sinridbtung  märe  bie  Sprad)e,  benn  o^ne 
eine  menigflens  ftiüfdjmeigenbe  Uebereinfunft  brüdt  ber  ©d)all 
!eine  3ibeen  au»  u.  f.  m.  (S§  ift  alfo ,  mie  jebermann  fie^t, 
ein  23erftoB  gegen  bie  ®efe|e  ber  Sogü,  menn  man  aua  bem 
Umftanbe,  ha^  eine  ßinriÄtung  o^ne  ^linjutreten  pofitioen 
menfdjiicben  Eingreifen»  feine  concrete  ©eftalt  geminnen  fann, 
ben  @(^luB  jieljt,  jene  @inrid)tung  beruhe  ganj  unb  gar  auf 
bem  pofitiDen  Söiüen  be§  93?enfd)en.  DJian  unterf($eibe  öielmef)r 
auc^  in  unferer  ^rage  ba§  5tb§tracte  bon  bem  ßoncreten,  ba» 
SnbiöibueHe  Dom  ^^tügemeinen,  bo§  5^otf)menbige  öon  bem 
3ufänigen.  ©0  fann  ba§  ^riDatcigentf)um  im  allgemeinen, 
ala  gefeüfc^aftli^e  ^nflitution,  ganj  mo^l  etroaS  5^ot^roenbige§, 
unb  benno(i^  gugleid^  feine  concrete  ©eftaltung,  biefe  ober  jene 
tyorm  ber  @igentt)um§orbnung,  in§befonbere  ber  Srrocrb  unb 
33erluft  be»  (äigent^unia  an  einer  einzelnen  ©ac^e  feiten»  einer 


S)u  nerle^eft  mein  guteä  3ie(^t,  bu  überfd^reiteft  beine  ©etüalt,  unb 
fo(gIi(f)  f)aft  bu  fein  üled}t,  ©efiorforn  ju  Derlangen".    Sgl.  ©atljrein, 
a)loraIpf)Uoiop{)ie  II,  225  f.    3.  2lufl.  ©.  288. 
1  Soparelli  a.  q.  Q.  I,  3lx.  404. 


208    ®ritte§  Kapitel.  S)o§  ^riöateigctit^um  aU  fociale  Snftitution. 

befttmmten  ^aion,  etmaS  3ufäQ^öe^»  93eränber(i(^e§,  bie  2öir= 
fung  concreter  Umfläube,  fiiftürifd^er  S()at)'ad)en  fein. 

2)rittenä:  @§  tüiberfprid^t  gerabesii  ber  33ernunft, 
hai^  hmä)  ein  obrigfeitlic^eS  ©efe^  ba§  Sigenttjum  juerft  ge= 
fdj äffen  toorbeu  fei. 

2)enn  „ber  ^Dknfd^  ift  älter  nlä  ber  Staat,  unb  er  befap 
bo§  9ted)t  auf  (ärfialtung  feine§  törperlic^en  Safeina,  e^e  e§ 
einen  @taat  gegeben"  i.  51I§  bie  erften  5J^enfd)en  auf  ber  @rbe 
erfc^ienen,  bie  erften  Familien  begrünbet  tourben,  tüar  ber 
„©taat"  nid)t  bereits  fertig  ba.  5)ie  einzelnen  5Jienfd)en  unb 
bie  gamiüen  aber,  mlä)t  t^atfäd^lid^  bor  bem  Staate  ej-iftirten 
unb  logifd;  ^  ftet§  öor  bem  Staate  gebadet  werben  muffen, 
befa^en  fc^on  öon  ®Dtte§  ©naben  ba§  3^edjt,  (Sigent^um  ju 
erroerben.  5(bgefe{)en  Don  jeber  flaatlid)en  ©etüäljrung,  ergibt 
fic^  ja  bereits  au§  bem  ütec^te  ber  Selbfterl;altung,  ber  3}er= 
boUfcmmnung  unb  Sicherung  be§  förperlic^ien  Safein§,  nament= 
tic^  ouS  ben  Si^^den  ber  ^^-amitie,  irie  mir  fpöter  nac^raeifen 
merben,  bie  9lott)roenbig!eit  unb  S3ered)tigung  beS  ^rißateigen= 
tf)um§.  ©benfomenig  mie  nun  ber  Staat  bem  5]ienfd)en  feinen 
2eben§äiDed  unb  feine  8eben§berecbtigung,  feine  inbitjibueüe  unb 


'  Encycl.  „Rerum  novarum".  Officielle  §erberfi^e  Stiiätjafie. 
©.  14  (15). 

2  203enn  lüir  fagen,  ber  einjelne  gel^e  auc^  „logtfd)"  bem  Staate 
öoraug,  fo  foH  bamtt  nur  belfiauptet  werben,  man  fönne  fic^  bie  @nt= 
fle^ung,,  ba§  SGÖevben  eineö  ©toateä  nic^t  benfen ,  o'^ne  öorl^er  x^a= 
milien  unb  Qnbiüibuen  gebacf)t  gu  ^aben.  —  Qniofern  ic^  ben  5Dienfc()en 
aU  buvcE)  feine  Statur  für  bie  ©efenfd)aft  fceflimmt  benfe,  getjt  ha§ 
©anje  bem  Steile  öorauö.  ©o  l^at  outf;  ber  2JlaIer  in  erfter  Sinie 
bie  Slbfi^t,  ba§  ©anjc  be§  S3ilbe§  ju  malen,  ^n  ber  3lu§= 
fübrung  fommen  jeboc^  jucrft  bie  'S.ijeiU  unb  bann  ba^  ©onge. 
Hein  3D1enfc^  ift  ftc^  eoüftänbig  felbft  genügenb,  üielmebr  auf  bie 
©eicßfcfiaft  angeiuiefen ,  joQ  i^r  alö  S^eil  angel)ören.  ^njofern  ift 
benn  auc^  in  ber  Slbfit^t  ber  3latur  bie  ©efeüfdjaft  früfjer  toie  ber 
einäelne  SDtenfd). 


2.  2ßicentftünbb.  ^rtDateiäent^um?  ßegül=  u.  Söertrugst^eorie.     209- 

focia(e  5^atur  t)er(ei[}t,  eknfoinenig  tann  er  al§  OueHe  ber= 
jenigen  Öted)te  gelten,  bie  mit  jenem  Sebenöäroecfe,  mit  jener 
inbiDibuellen  unb  focialen  9iatur  öerfnüpft  unb  öon  felb[t  ge= 
geben  finb.  — 

^)lün  fönnte  dieüeic^t  fagen:  3)ie  ©üter  biefer  @rbe  finb 
jur  (Sr^Qltung  aller  DJIenjdben  be[timmt.  ©ie  gepren  aI[o 
ber  „D^ienfci^^eit".  9iun  ober  erjci^eint  ber  ©taat  al§  ber 
officielle  5>ertreicr  ber  9??en[(^f)eit.  511)0  i[t  ea  feine  5tufgabe, 
bie  33ert§ei(ung  ber  ©üter  öorsunefjmen,  ha^  ^riöateigent^nm 
5U  begrünben. 

2Bir  entgegnen:  ©er  5lu§bru(f  „9J^enfc^!^eit"  !ann  al§ 
©oIIectiDbegriff  ober  qI§  ©attung&begriff  t)er[tQnben 
lüerben.  ^ft  nun  aber  ber  ©taot  ber  officielle  SSertreter  ber 
menfcf)üd)en  ©attung?  ^at  er  bie  53efugniß,  bQ§  ju  gerao^ren 
ober  äu  tjerfagen,  über  ha^  ju  oerfügen,  n)Q§  bem  ?D^enfd)en  qI§ 
9)2en)c^en  jutommt,  infofern  berfelbe  jur  menfc^Iic^en  ©attung 
geprt?  Sa§  fei  ferne  öon  un§!  fonft  fönnte  un§  anä)  eine§ 
Sagea  red)tagiltig  befo()Ien  lüerben,  auf  allen  tjieren  ^u  fricc^en. 
SE)er  DJknfc^  ala  ÜXcenfc^,  aU  ©lieb  ber  ©attung,  ^at  aber 
fd&on  'öü^  Stecht,  (äigent^um  felbftänbtg  ju  ertoerben,  D()ne  baß 
er  jur  ©rlangung  beafelben  ber  33ertretung  bes  Staate^  bebürfte. 
—  t^aßt  man  jeboc^  ben  5lu5bruc!  „9Jlenfcf)^cit"  coUectib 
auf,  berfte^t  man  barunter  ade  9Jien)d)en  a{§  (äin^eit,  al» 
ein  einjigea  Ü^ec^tafubject,  fo  wäre  junöd^ft  ju  bereifen,  ©ott 
fiabe  bie  2BeIt  aUen  9]ienfd)en  ^ufammen  ala  GoQectiDeigen» 
t^um  übertragen.  @cf)tt3erlic^  bürfte  biefer  33eiDei§  gelingen; 
allein  felbft  wenn  er  gelänge,  fo  inäre  bamit  tüenig  gel^olfen. 
Sft  e§  ja  bod)  niemals  ein  einziger  Staat  gemefen,  ber  bie 
ganje  5[llenfcl)I)eit  umfaßte.  Wü  welci^em  Üiec^te  bürfte  alfo 
ber  einzelne  ©taat  fid^  al§  „officiellen  33ertreter  ber  ganzen 
5}ienfc^§eit"  aufipielen,  mit  toeldjem  9ted)te  bie  anbern  Staaten 
bon  feinen  ©ütern ,  öon  feinem  Territorium  au§fd)Iie^en  ? 
DJlüßte  nid^t  in  jener  SSorauSfe^ung  bie  gan^e  93ienfd)^eit  al§ 


210     ®ntte§  fiapttel.  ®a§  ^riüateigentfiutn  aU  fociale  3nftitution. 

fold^e  bie  SSert^eidtng  üorne^men ,  bamit  biejelbe  reditSgiUig 
jei?  Unb  tüäre  mieberum  nid)t  bie  9Jienfd)f)eit  jeben  5Iugen= 
Uid  6ered)tigt ,  bn§  Sigent{)um ,  ba§  ber  einjelne  ©taat  ge= 
f(i)affen,  ju  bcfeitigen,  eine  neue  @int^eilung  ber  Sterritorien 
u,  f.  tt).  äu  üoüäieI)en?  — 

23ierten§:  5)ie  Segalt^eorie  tu  iberfpridit  enbücf)  aud) 
bem  natürlidien  föered)tigfeit§gefüf)Ie.  Ober  toer  lüollte 
erfl  auf  ein  2)ecret  ber  Obrigfeit,  auf  ein  ©tnot^gefel  ^in 
"ba?)  föigent^um  an  einer  ©totue,  an  einem  ©emälbe  bem= 
jenigen  jufpreaien,  tnel^er  jene  ©tatue,  jene§  ©emölbe  üer= 
fertigt  I)at?  Ofine  an  irgenb  t^^ld)^  pofitiöe  ©efe^gebung  ju 
benfen,  füüt  ber  nien)'d)(id)e  (Seift  fc^on  öorI)er  fein  Urtl)eil 
über  bie  9te(^tli(^feit  be§  @igentf)um§,  unb  jeber  efirbore  ^lenfd) 
tDÜrbe  e§  al§  eine  9ted)t§iier(e^ung  empfinben  unb  öerurtf)eilen, 
raoHte  ba§  pofitiüe  ftaatlidie  ©efe^  ben  erarbeiteten  2o()n  be§ 
5lrbeiter§  nic^t  al§  beffen  ^rioateigent^um  anerfennen  ^.  5IIfo 
bor  jebem  ©taat§gefetje  Ijat  bie  @ered)tigfeit  im  ©eifle  unb 
©etüiffen  ba§  ^rit)üteigent()um  bereits  unter  ifiren  ©c^u^  ge= 
nommen. 

2.  (Sine  anbere  irrt()ümlid)e  5Iuffaffung  über  ben  Urfprung 
be§  5prioateigentf)um§  enthält 

bie   S>ertrag§t^eDrie. 

©ie)elbe  würbe  namentlid)  Don  ^ugo  ©rotius  ^  unb  (Sa= 
muel  ^ufenborf^  entraidelt.  St)r  äufolgc  ift  ba§  (Sigentfjum 
burc^  einen  ftiflf(itt)eigenben  ober  auSbrüdliiten  Sßertrag  ur= 
fprüng(id)  eingefüf}rt  morben  unb  fjat  in  jenem  93ertrage  feinen 
eigent(id)en  9tcd)t§grunb. 

5tucö   biefe  3;()eorie   ift   unf}altbar. 


*  Cf.  Card,  de  Lugo,  De  iustitia  et  iure  d.  6,  n.  4. 

*  De  iure  belli  et  pacis  II,  c.  2,  §  2,  n.  5. 
^  lus  naturae  et  gentium  1.  4,  c.  14. 


2.  2Bie  entftonb  b.  ^riüateigentfium?  ßegQl=  ii.  SJertragStl^eone.     211 

3nnäd)[t  fel)lt  jebcr  pDfitiöc  5tn^aU§pim!t,  jeber  l}i[torii(§e 
9iad)mei§  für  bie  2f)atiäd)IicI)feit  jeuea  33ertrQ9e§.  — 

g-erner  märe  ein  fold^er  33ertrQg  nur  bann  mirflicf)  notf;= 
tüenbig  geiüefen ,  menn  iirjprünglid)  eine  pofitiöe  ®üter= 
gemeinfc^aft  beftanben  fjötte,  mie  [ie  in  ber  %i]at  C^ugo 
©rotiuS  annimmt.  5lüein  Don  einer  pofitiben  @üter= 
gemeinid^oft  ber  gefornten  53kni(i)f)eit  an  ber  ganzen  @rbe 
roeiB  bie  ©efcöicfite  nicl)t§.  ßbcnforaenig  lü^t  fid)  bie  pofitibe 
©emeinjc^aft  burd)  33ernunftfd)lüi"le  beraeifen.  ^(u§  ber  natür= 
litten  33e[timmung  aüer  irbifi^en  ©üter,  ben  ^ebürfniffen  ber 
„Ü1Jen)d^f)eit"  ju  bienen,  folgt  nur,  ta^  jeber  ?3knfc^  ba» 
Üted^t  [}aben  mu|,  ßigent^um  ju  erraerben,  nid)t  aber,  baß 
bie  ^}ienfd)t)eit  urfprünglic^  ein  actueHeS  ßollectiöeigenttjum 
an  ber  ßrbe  ge(}abt  f}abe.  — 

^pufenborf  na^m  ^luar  nur  eine  urfprüng(id)e  nega= 
tiüe  (^ütergemeinfd)aft  an.  S)a  aber  Don  5iatur  aua  nie= 
manb  ein  beftimmte»  Object  angeroiefen  erhalte,  fo  glaubte  er, 
ha^  aud)  niemanb  etroaa  a(§  fein  au§fd)lie^Ii(^e§  ©igentfjum 
be^anbeln  fonnc  ofjue  bie  ßintoilligung,  bejrü.  ben  äjer^idjt 
ber  übrigen  ^OJenjdjen  auf  tbm  jene§  Object.  S)ay  mürbe 
rid)tig  fein ,  toenn  jene»  urfprünglid^e  $Red)t  bea  9J?enfd)cn 
gegenüber  ben  materiellen  ©ütern  ein  binglid}e§  9ted}t  mare. 
5IHein  baa  Stedit,  iDe(d)e§  ber  9Jienfd)  bon  9iatur  au§  ^at, 
ift  fein  binglid)e§,  uon  ber  9latur  unmittelbar  berIie()eneo  unb 
bom  5)?enfdjen  unmittelbar  ermorbene§  5Red)t  an  irgenb  einer 
concreten  einzelnen  Büä:)e,  ober  an  ber  ©efamtljeit  afler  ©oc|en. 
$Bie(me^r  erfd)eint  e§  al§  eine  lebiglid)  perföntic^e  5ßefugni|, 
aua  bem  atigemeinen  unb  negatib  gemeinfamen  ©üterfdjafee 
fid}  anzueignen,  ju  erm erben,  meffen  er  jur  ©rtjaüung  unb 
93eröolIfommnung  fcinea  2eben§  bebarf. 

5)a§  (äinjetbing  fann  feiner  9?ütur  nad)  nii^t  jugleid)  ben 
58ebürfniffen  aüer  bienen.  2)arum  ift  aud^  bie  5Inna^nie  n)iber= 
finnig,  bie  Dhtur  Ijobe  allen  93icnic^en  äugleid)  auf  jebe  ein= 


212    ®ritte§  ßapitet.  ®a§  iptitiatetgentfium  alä  foctale  ^uftitution. 

gelne  «Sorfie  ein  unbebnujte§  Miä)t  gegeben.  ^Ibi'olut  i[l  nur 
ba§  9ted)t  ouf  bie  not^ioenbigen  (Srf)altung§niittel  im  atl= 
gemeinen,  I)l)pot[)etii^  aber  ba§  9Jed)t  auf  (ärmerb  ber  ein= 
jelnen  concreten  @üter.  @§  be[tef)t  näiulid)  —  abge[el)en  Dom 
goKe  ber  äußerften  dhti)  —  allein  unter  ber  5)orau§)eijung, 
bQ$  jene  ©üter  nod)  nicbt  bon  jemanb  red^tmä^ig  in  33e[i^ 
genommen  [inb.  ®arum  bebarf  e§  auc^  bei  ber  33e[i|na^me 
einer  „^errenlofen"  ©ad)e  burc^ouS  nid)t  einer  ginraiüigung 
ber  anbern  5Jienfd)en,  meil  bia  jum  2(ugenb(i(fe  ber  336^^= 
na!§me  niemanb  an  biefer  einzelnen  beftimmten  ©adie  ein  er= 
tt)Drbene§  9te(^t  geltenb  machen  !ann. 

^ad)  ber  bon  un§  befirittenen  Se^re  fönnte  enblirf)  ha^ 
^ribateigentfium  an  irgenb  einer  ©ad^e  nur  unter  ber  23orou§= 
[e|ung  redjt^giüig  begrünbet  luerben,  boB  alle  5!}?en|d)en  33er= 
jictlt  leiften  auf  ha^  5Inre(^t,  melcbeS  i^nen  öon  5^atur  au§ 
an  ber  betreffcnben  einzelnen  Baä)t  guftel^t.  9?un  i[t  aber  bie 
(Srfünung  einer  fo(cben  53ebingung  abfolut  unmi)g(id).  ©tetS 
merben  neue  9]kni"d)en  geboren.  5Ziemanb  aber  fällt  e§  ein, 
biefe  um  Sriaubnife  ju  fragen,  baa  biafjerige  (Sigentt)um  anä) 
fürberf)in  befi|en  ju  bürfen.  üJkn  jage  nicbt:  bie  fpätern 
®cfd}Iedbter  feien  ala  „9?ed)t§nad)fo(ger"  ber  früfjern  üxi  beren 
3Seräid}t  gebunben.  (S§  ^anbelt  fid)  ^ier  eben  gar  nid)t  um 
bie  3^acbfoIge  in  ein  frembe§  9tecbt,  um  eine  mir!üd)e  9te^ta= 
na(^foIge,  fonbern  um  ein  9te(^t,  ha^  mit  ber  menfd)üd)en 
5^atur  berbunben  ift,  barum  überall  fic^  finbet,  mo  bie  menfd)= 
lid^e  9iatur  öor^anben,  um  ein  9ted)t,  ba§  mit  jebem  ^enfd^en 
bon  neuem  geboren  mirb.  |)at  bal^er  bie  urfprünglidie  (Sin- 
roeifung  be§  5)^enfcbengefd)(ed)te§  in  ben  Sefi|  biefer  ßrbe  in 
ber  2;^at  ben  ©inn  unb  bie  58ebeutung,  ba^  jebem  einzelnen 
9}^enf(^en  ein  mirtlidier  Diec^töaniprud)  be^üglid)  jeber  einzelnen 
<Baä)t  aufteilt ,  ein  9ted)t§anfprud) ,  ber  nur  burd^  23eräic^t= 
leiftung  behoben  mirb,  fo  bermag  man  fid)  auc^  ber  ©d)(uB= 
folgerung   nic^t   ju    entäieljen,   ha^   burd)   ben  2Biüen  jebeS 


3.  Urfpr.  b.  @tgentl)umö  nac^  b.  barn).=foc.  @t)oIutton§t^eorie.     213 

neugeborenen  5}?enfd)en  bie  ^^ottbauer  be§  ur[t)rünglic^en  $8er= 
traget  beftritten  werben  !ann.  — 

6§  war  bofjer  ein  tprid)te§  Unternehmen,  wenn  man 
öermittefft  ber  33ertrag§t^eorie  bem  ^prlüateigentfjiim  eine  foübere 
©runblage  ju  geben  üerfud^te.  Sin  Sjertrag,  Don  beffen  %i= 
[tenj  \\ä)  niemanb  überzeugen  fann,  Don  bem  jebe  ©pur  feljlt, 
ein  33ertrog,  ben  unfere  33ernunft  al§  böüig  überflüffig  be= 
jeici^net,  ein  23ertrag,  ber,  felbfl  wenn  er  be[tanben  f)ütte,  öon 
ben  gleid)bered)tigten  Diadifommen  ber  Urmenjdien  mieber  um= 
geftoßen  werben  !onn,  —  ein  fol^er  SSertrag  bietet  in  ber 
3;[)at  nur  eine  anwerft  fdjwactie  Unterlage  für  ha^  befteljenbe 
^ribateigentljum,  ober  üielme^r  er  fielt t  beffen  S3ere(^ti= 
gung  unb  ^^ortbauer  jeben  5tugenblidt  wieber  in 
^rage.  S)ie  In^änger  ber  23ertrag§t^eorie  fjaben  ba§  wo^l 
fetbft  gefüllt  unb  barum  fd)(ie^(i(^  bie  3ii[tiinniunS  ä«  i>f»i 
uralten  (Jontracte  al§  eine  burd)  bie  Söettorbnung  geforberte 
natürliche  ©ociaIpfIi(^t  ^ingefteüt.  2Benn  aber  bie  2BeIt= 
orbnung  ober  Dietmefjr  bie  gefeüfc^aftlidje  Orbnung  bie  5ln= 
erfennung  be§  ^^riüateigcntt)um§  forbert,  fo  ift  ber  angeblidje 
93ertrag  erft  rec^t  al§  überflüffig  unb  gänäliii^  bebeutung§Io§ 
erwiefen  ^.  — 

3.  ^ex  ^xfpxmt^  &e$  ^igenfßumö  uac$  ber  barwinifüfe^- 
fociatißf(^eit  ^votuüon^iffeoxu. 

1,  5}?an  I)at  nid)t  mit  Unred)t  eine  neuseitlidie  @rrungen= 
fd)aft  barin  erblidt,  baf^  bie  wiffenfd)aftlid)e  Unterfuc^ung  fid) 
mit  befonberer  ©orgfatt  ber  ©rfenntniß  be§  2B erbend  ber 
S)inge  jugewonbt.     5tUein  e§  ift  ju  befürchten,   ba^  bie  ein= 


1  Sögt.  S)ie  fociale  g^rage  beleucEitet  bur(|  bie  „(Stimmen  aug 
aJtana=ßaac^"  I.  93b.,  1.  §eft :  S^eobor  30^1  e^ er  S.  J.,  ®ie 
^Irbeiterfroge  unb  bie  ci^nftltd)=et{)if(f)en  ©ociQl|5nnct)3ien  (3.  Slufl., 
S-reiburg  1895)  ©.  101. 


2 14    2)titte§  ßapttel.  Sa§  «Priöatetgettt^unt  al§  Sociale  önftitutton. 

fettige  Ueftertreibung  biefeS  ©treben§,  bie  nic^t  feiten  jur  ^rei§= 
gäbe  ber  ri(^tigen  (SrfenntniB  be§  (Sein§  geführt,  größeren 
«Schaben  anrichtete,  q(§  bQ§  genetif(^e  Jßerflefjen  5>ort^eU  ^u 
bieten  öermodite.  ©o  bef(^äftigt  nmn  fid)  in  ber  mobernen 
^^ilofop^ie  !aum  mel^r  mit  bem  5Iuffu{^en  ber  2Bat)r^eit, 
fonbern  augfd^IieBIid^  ober  mcnigftens  uortütegenb  mit  ber  @e= 
ftf)id)te  ber  pt)i(ofop()ifc^en  ©tifteme.  S)ie  ^uriöpruben^  iDirb 
bet)errfd)t  öon  bem  ^ofitibiömu§  be»  9ted^te§,  bie  ^iotional^ 
öfonomie  jum  3;^eil  bon  einem  einfeitigen  §iftoti§mug.  Sn 
ber  9lQturrt)iffenfc^Qft  fpielte  ber  SE)artt)ini§mu§  feine  9loIIe, 
unb  ber  tt3iffenfd)aft(idbe  @ociaIi§mu§  ^offt  noc^  immer  ha§> 
^eit  Don  ber  „naturnDt(}tt3enbigen  (Sntmidtung"  be§  ©ociaI= 
förper».  (Sr  glaubt  fo  rec^t  auf  ber  |)ö^e  ber  heutigen 
2öiffenfd)aft  ju  fte^en,  toenn  er  [läj  §u  bem  (gn|e  berfteigt,  ha^ 
mii)i^  abfotut  unb  bauernb,  alle§  nur  retatiö  unb  tranfitorifc^ 
fei.  SnSbefonbere  erfc^eint  if)m  ba§  ^Pribateigentljum 
lebiglid)  al§  eine  {}iftorifd)e  Etappe,  eine  „^iftorifd^e  J?  ate= 
gorie"  (Soffaüe),  eine  (äntroidlunggftufe ,  bie  getoorben  ift, 
um  im  Saufe  ber  3^it  bor  ben  neuen  ©eftoltungen  ber  fort^ 
fdireitenben  ©ntroidlung  ju  berf^minbcn.  — 

@§  I)at  ben  begeifterten  9tn[jängern  be§  (Jntmid(ung§= 
geban!en§  nicbt  genügt,  bie  Soolution  bea  ^J^enfd)engefd)Ied)te§ 
öom  gefd)id)tlic^en  (Stanbpun!te  au§  ju  ergrünben.  5[Ran  ging 
weiter  unb  erfanb  bie  fogen.  „prä|iflorifd)e"  2Biffenfd^aft  i. 
Dt)ne  Sebenfen  roirb  jugeftanben,  ha^  auf  ber  Urgefd^icbte  ber 
9Jlenfd)I}eit,  ben  erften  Seiten  ber  35ölferbilbung,  ein  ©d)Ieier 


*  9Jlänner  iuie  SuBbocf,  S^t^Ior,  IDlorgan,  ü.  ^etltoalb,  Si^pert  u.  o. 
gel^ören  ^iev:^er.  Jögl.  ö.  §eIItDaIb  =  S5ör,  Set  oorfsefiJiicöttid^e 
mm]ä).  2.  2lut(.,  Setpäig  1880.  —  A\  ü.  ©d) er 3 er,  ®tc  ?(nfänge 
men|c^Iicf)er  ^nbuftrie.  Serlin  1883.  —  91.  ^oU),  2)er  UJlcnfc^  üor 
ber  3eit  ber  rnttaüi.  Seipsig  1880.  —  SSgl.  quc^  2ß.  ©dEineiber, 
S)te  91aturt)öl!er  (^aberborn  1885)  ©.  413  ff.,  tto  ber  extreme  @üo= 
lutioniämug  feine  äßiberlegung  ftnbet. 


3.  Urjpr.  b.  gtgent^umS  naä)  b.  bariri.=joc.  ®DoIution§tI^eorie.     215 

lagere,  ben  bie  gelet^rte  5ürfd)ung  f)ie  unb  bo  etroaS  ^u  lüften, 
nic^t  aber  ^u  entfernen  öermöge.  ^oc^  tüQ§  fc^abet'S?  ^e 
bic^ter  ber  ©d^teier,  um  [o  fü^ner  bie  prat^iftorifc^e  2öiffen= 
fc^oft,  um  fo  freier  bie  Sa^n  für  boa  fröt)Iid^e  (Spiel  einer 
üppigen  ^(jantofie,  SBo^Ian,  matten  wir  einen  Spaziergang 
burcö  bie  lieblichen  5luen  jene»  weiten  ^or]c^ung§gebiete§  in 
^Begleitung  eine»  33ertreter§  be§  ejtremen  (äöolutionismuä  i. 
Söir  raerben  bann  bieöeic^t  bie  ^iftorifc^e  SBiffenfc^aft  beglücf^ 
wünfc^cn  fönnen,  boB  fie  fid)  „feit  bem  5Infang  ber  fedi^iger 
^af)re"  bem  „Sinfluffe  ber  fünf  ^öüd^er  93bfi5"  ju  entjiefien 
Derftanb "-.  @in  ganj  neue»  unb  glonäenb  ^eüe»  Sic^t  Per= 
breitet  fid^  ja  feit  jener  !^di  über  ben  Urfprung  ber  gamitie 
unb  in  23erbinbung  bamit  be§  @igent^um§.  — 

2.  2)Q§  cultur^iftorifd^e  Sdiema,  meld^eS  5.  58.  griebric^ 
ßngeU  im  5(nfc^(uB  an  Seroi»  illorgan  auffteüt,  lößt  ben 
OJ^enfc^en  burd)  bie  ^eriobe  ber  Söilb^eit  unb  bann  ber 
33a  r  bar  ei  ju  berjenigen  ber  ©iöitifation  gelangen,  tt)D= 
bei  bie  2öilbi)eit  unb  Barbarei  mieberum  in  je  eine  llnter=, 
l"lJitte(=  unb  Cberftufe  verfallen.  Snner^atb  biefe§  tRa^men§ 
entroideln  fic^  ^^amilie,  Staat,  @igent[}um. 

3n  ben  „tualburfprünglic^en"  33ert)ältnifjen  ber  unterflen 
Stufe  ber  Söilb^eit  tierrfcbte  im  ©efd^lecfttsleben  abfofute  ^rD= 
miacuität.  ©ann  folgte  bie  ^lut  Süerroanbtf  d^af  t»= 
f  amilie,  ®e)c^Ied)t3üer!e^r  smifc^en  Srübern  unb  Sd^roeftern, 
(Soufinen  unb  33ettern,  aber  nid^t  meör  jroifd^en  Aftern  unb 
^inbern.  3)ie  @efd)id^te  freilid^  raeiß  ni(^t§  baDon;  allein 
5J?organ  glaubt   au§   bem   öerioanbtfc^aftlid^en  Softem,    mie 


^  ©erabc  il^re  ejtremfte  ^Jorm  läfet  bie  ber  ^errfd^enben  eDo= 
lutioniftifc^en  Si^eorie  überhaupt  eigent^ümliti^en  geiler  am  ftarften 
^eroortreten. 

2  griebri(§  engels,  3)er  Urfprung  ber  fjamilie,  be§  5ßtit)Qt= 
eigent^uins;  unb  beö  Staate^  (7.  Stufl. ,  ©tuttgart  1898)  ©.  xi. 
1  ff.  9  ff. 


216    ©rittet  ßapitel.  ®q§  ^riöatetgenti^um  qI§  fociole  ^nftitutioii. 

e§  auf  ^amai  unb  in  ^oIi)ne[ien  fic^  finben  fofl,  auf  eine 
ehemalige  @Ei[tenä  jener  ^amilienfotm  fc^Iie^en  ju  bürfen. 

Sn  ber  jtüeiten  gorm  ber  S^amilie  bleibt  ber  ®e[(i)Iecbt§= 
ber!ef)r  ber  @ef(|tt)i[ter  nu§gefd)Io[fen.  (5§  i[t  bie  ®ruppen= 
ef)e  (f)atT)Qi)d) :  ^unalua  =  ®eno[je),  njobei  bie  «Scömeftevn 
äroar  gemeinfame  ^Jiänner  unb  bie  trüber  gemeinfame  grauen 
^aben,  aber  sraifcben  trübem  unb  ©ä}tüe[tern  feine  S3Iut= 
bermifc^ung  [tattfinbet.  gür  bie  Si'tftens  biefer  g-amilienform 
beruft  fid)  5[)Zorgan  auf  bie  Organifation  ber  3}erir)anbtfct)aft, 
wie  fie  in  5lmerifa  fid)  gefunben.  ?Iuf  ^oicai  foü  bie  ^unQlua= 
familie  fid)  fogar  birett  nad}meifen  (offen.  @nget§  glaubt  aucb 
in  bem  fogen.  ius  primae  noctis  eine  Erinnerung  nn  bie 
@ruppenet)e  u.  f.  tv.  finben  ju  tonnen, 

2Böt)renb  ber  ^eriobc  ber  SBilb^eit,  ai%  ^^roniiScuitüt, 
581ut§öertt)anbten=  unb  (Sruppenfamitie  t)errf(^ten,  galt  ba§ 
gjJutterrecbt,    ba§    TOatriard)ati.     5M)    ber   Butter 


*  ®ngel§  (Urf^jrung  ber  S^amttie  u.  f.  to.  @.  xi  f.)  batirt 
„bie  ©efd)id)te  ber  g^amilie"  üom  ©rftfieinen  ßon  S3a(f)ofen§ 
„9}hitterre(^t",  al\o  Don  1861:  „§ier  fteCt  ber  Jßerfafier  (Sai^ofen) 
bie  folgenben  SJel^auptungen  auf:  1.  baß  bie  3[Renf(f)en  im  Stnfange 
in  f($ranfenIoyem  ©ejcöleditäoerfe'^r  gelebt,  ben  er,  mit  einem  fdiiefen 
Sluöbrucf,  üU  §etQriämuö  bejeidfinet;  2.  ba^  ein  foli^er  ffierfe^r  jebe 
fict)ere  a5aterfcf)aft  ouSfä^Iiefet,  bafe  baf)er  bie  Slbftammung  nur  in  ber 
toeibüdjen  ßinie  —  naä)  SDlutterrec^t  —  gered^net  merben  fonnte,  unb 
ba^  bieä  urfprünglid)  bei  oEen  S3ölfern  be§  Sütertfjum^  ber  S^att 
war;  3.  ba§  infolge  l^ierüon  ben  iJrauen,  aU  ben  9Jlüttcrn,  ben  einjig 
fidler  befannten  ©Itern  ber  jungem  ©eueration,  ein  f)o^er  ©rab  öon 
2t(i)tung  unb  Slnfel^en  gejotlt  tturbe,  ber  fi($  nod^  SJad^ofenS  3}ot= 
[tettung  ju  einer  üoßftänbtgen  SDöeibcr^errjdjaft  (©t)naifofrQtie)  ftei» 
gerte;  4.  ba^  ber  Uebergong  jur  ©injelebe,  tno  bie  O^rau  einem  9}lnnn 
auefcf)IiefeUd)  geprte ,  eine  SJerle^nng  eines  uralten  9teIigtDn§gebot§ 
in  fic^  f(^Io6  (b.  1^.  tf)atfä(!^Iid^  eine  SSerle^ung  beS  altl)erfömmli(i)en 
2tnved)t§  ber  übrigen  9Jiänner  auf  biefelbe  3^rau) ,  eine  93erte^ung, 
bie  gcbüfet  ober  beren  5)u{bung  erfauft  merben  mu^te  bnrd)  eine 
geitlic^  befc^ränfte  ^rei§gcbung  ber  Srau." 


3.  Urfpr.  b.  ©tgent^^umö  nad)  b.  btuto.=joc.  ©üotutionöll^eone.     217 

regelte  [icö  bie  ^Ibftammiuig ,  benn  ber  33ater  war  ungeiüiB. 
2)ie  ^ifutter  [tanb  ba^er  oud;  a(§  l'aupt  ber  gamiüe  üor, 
eben[o  bem  @e[d)Ied)te,  ber  gens;  biefe  tüar  ein  größerer 
^rei§  bon  ^öliit^üertüanbten  it)et6Iic!)er  Sinie.  5(ii§  jenen  mQtri= 
ord^olen  ®e|d)Ierf)tern  fe^t  \\ä)  bie  Urgeien|d)Qft  äufaminen. 
3nnig  öerbunben  mit  bem  ge]d)(ed)t(id!en  6Dmmuni§mu§  mar 
ber  Sommuni§mu§  auf  mirtfäiaftlic^em  ©ebtete 
innevl)al6  ber  ^ya^ii^ie  ""i^  ^£§  ®el'd){ed)te§.  ^ie  2Birt= 
läja^t  mar  §au§mirtfd)att.  2)ie  communiftifcfte  §au5mirt= 
fd^aft  unb  bie  Üßeiberr^errjc^oft  im  |)au[e  [inb  nacS  ©ngel§ 
ibentifc^. 

2öar  bie  @ruppenel}e  bie  (^ara!teri[tijd)e  gamilienform  in 
ber  ^eriobe  ber  23i(bl)eit,  fo  i[t  bie  f^nba§mifc^e  ober 
^paarungäfamilie  ber  ^Barbarei  eigent^ümtic^.  ©ie  be= 
ginnt  jd)on  an  ber  (^renje  ^mifdien  Sßilb^eit  unb  33arborei 
ober  auf  ber  Unterftufe  ber  33arbarei.  2)er  ÜJJann  fauft  ober 
raubt  fein  2Beib.  2)ie  SSerbinbung  bauert ,  folange  e»  bem 
^aarc  gefällt.  @in  neue»  Clement  mürbe  burd)  bie  ^aarung§= 
e^e  in  bie  gamiUe  eingefütirt.  DZeben  bie  leibliche  5}iutter 
^atte  fie  ben  beglaubigten  leiblidien  SSater  gefteflt,  ber  nun 
aud)  a(§  (Sigentf)ümer  ber  3Irbeit§mitteI ,  ber  gerben  unb 
fpöter  ber  ©flauen  gatt.  3n  bem  5ßerl}ültni§,  mie  bie  9teid^= 
t^ümer  fic^  met)rten,  mucb§  bie  Waäjt  be§  33ater§  in  ber 
gamilie  unb  beffen  3SerIangen,  bie  eigenen  Äinber  nid)t  in 
bie  ®en§  ber  93^utter  gelangen  ju  (äffen,  fie  bielmefir  mit 
ifirer  5Irbeit5fraft  ^n  fid)  fiinüberäujieljen ,  aber  bemgemä^ 
aud)  bie  l^ergebrodite  Erbfolge  ^u  önbern.  '>Raä)  ^Jtutterrei^t, 
alfo  folange  bie  5lbftammung  nur  in  meiblic^er  Sinie  ge= 
redinet  mürbe,  unb  nad)  bem  urfprüngtid^en  Srbgebrauc^  in 
ber  ®en§,  erbten  anfänglid)  bie  ©entiloermanbten  Don  i^ren 
berftorbenen  ©entilgenoffen.  5)aö  33ermögen  mußte  in  ber  @en§ 
bleiben.  2)ie  ^inber  beS  berftorbenen  9Jianne§  aber  getjörten 
nid)t  feiner  @en§  an,   fonbern  ber  i^rer  eigenen  5}Jutter;   fie 


218     S)ritte§  Kapitel.  ®a§  ^ßrtöatetgentfium  qI§  foctale  ^nftitution. 

erbten  anfangt  mit  ben  übrigen  ^Iut§öerroanbten  ber  ^[llutter, 
IpQter  bietteic^t  in  erfter  Sinie,  bon  biefer;  aber  bon  i^rem 
aSnter  tonnten  [ie  nicbt  erben,  tneit  fie  nid^t  §u  feiner  @en§ 
getjörten,  fein  33ermögen  aber  biefer  bleiben  muBte.  S)a§  ot(e§ 
rourbe  je^t  anber§. 

S)er  Urnfturj  be§  2Jiutterre(i^t§  aber  roar  gleid)bebeutenb 
mit  ber  meltgefd)i(f)tlid)en  ^iieberlage  be§  raeib» 
H(f)en  ®ef(f)lecbte§.  ^er  ^Jlann  ergriff  ba§  ©teuer  im 
§aufe,  bie  grau  n^urbe  entmürbigt,  getnecbtet,  ©flaöin  feiner 
8ufl  unb  bloßes  Sßerfjeug  ber  ^inbererjeugung.  Sie  erfte 
Söirtung  ber  nun  begrünbeten  lüeinfjerrfc^aft  ber  Wdnmx 
jeigt  fic^  in  ber  jetjt  auftaud)enben  S^^ifc^enform:  ber  paixu 
ard^alifc^en  f^amilie.  SöaS  fie  l^auptfäd)Ii(^  bejeic^net, 
ift  ni(ftt  fo  fe^r  bie  Sßielroeiberei ,  alö  öielme^r  bie  Drgani= 
fation  einer  ^Inja^I  freier  unb  unfreier  ^ßerfonen  ju  einer 
gamilie  unter  ber  böterlic^en  ©emalt  be§  gamilien^aupteg. 
Sn  ber  femitif(^en  gamilie  lebt  bie§  gamilienljaupt  in  33iel= 
meiberei,  bie  Unfreien  lijahtn  Beib  unb  llinber,  unb  ber 
3n)e(f  ber  ganzen  Organifotion  ift  bie  SBartung  bon  gerben 
auf  einem  abgegrensten  ©ebiet.  So§  SBefentlic^e  ift  bie  @in= 
berteibung  bon  Unfreien  in  bie  gamilie  unb  bie  bäterlid)e  ®e= 
tüalt]  boüenbeter  Sl^puS  biefer  gamitienform  ift  bie  römift^e 
gamilie.  9I(§  wirtfdjaftlidöe  eintieit  erfcbeint  auf  biefer  Stufe 
nic^t  bie  ßinjelfamilie  im  mobernen  ©inne,  fonbern  bie  „C)au§= 
genoffenfdiaft",  bie  ou§  mehreren  (Generationen,  bejm.  ßinjel^ 
familien  beftefjt.  S)ie  patriard)alifd)e  ^;)au§genoffcnf(ibaft  mit 
gemeinfamem  ©runbbefitj  unb  gemeinfamer  Bebauung  ^at  bei 
ben  6utturbö(!ern  unb  mandjen  anbern  33öltern  ber  alten 
Sßelt  eine  mid^tige  UebergangSroHe  gefpielt  ätüifc^en  ber  mutter= 
rec^tlidjen  unb  ber  fpätern  ßinjclfomilie.  5(ud)  mar  fie  bie 
Uebergang§ftufe,  au§  ber  fid)  bie  Sorf=  ober  5)kr!gemeinbe 
mit  (Siuäelbebauung  unb  erft  periobifc^er,  bann  enbgiltiger 
'Jluft^eilung  bon  5tder=  unb  SBiefenlanb  entn)idelt  i)at. 


3.  \Xx\pt.  b.  (äigcnt^um^  nac^  b.  batui.=foc.  ©öolution^f^eorie.    219 

^ie  monogame  t^nmilie  enblici^  ent[ief|t  au§  ber 
^narunqSfamilie,  im  ©renjjeitolter  jtüifci^en  ber  mittlem  unb 
obern  ©tufe  ber  SSatborei;  \l)x  befinitiber  ©ieg  i[t  eine» 
ber  ^enn^eid^en  ber  beginnenben  ©ibilifatton.  @ie  i[t  ge= 
grünbet  auf  bie  §err[cf)aft  be§  9Jlanne§,  mit  bem  au§brücf= 
liefen  'Swtd  ber  ©rjeugung  bon  ^inbern  mit  unbeftrittener 
53aterfcE)oft;  unb  bie[e  93ater[döaft  föirb  erforbert,  njeil  jene 
^inber  bereinft  a(§  2eibe§erben  in  ba§  biiterlii^e  SBermögen 
eintreten  foHen.  Sie  unterf(^eibet  \\d)  bon  ber  ^aarungse^e 
burd^  meit  gröf^ere  ^efligteit  be§  ©(jebanbe»,  ba§  nun  ni(|t 
met)r  nac^  beiber[eitigem  ©efallen  tö§bar  i[t.  @§  ift  je^t  in 
ber  9tegel  nur  nod^  ber  ^anw,  ber  e5  Iö[en  unb  feine  ^rau 
berftofjen  !ann.  3^ür  ben  5}?ann  beftefjt  ba§  9ied)t  ber  ef)e= 
lid^en  Untreue  unb  mirb  mit  fteigenber  gefenfrf)aftlid)er  @nt= 
midftung  immer  mel)r  ausgeübt,  ^ie  untreue  ^rau  bagegen 
inirb  ftrenger  beftraft,  at§  je  borfier,  2)ie  9)?onogamie  ift 
bie  erfte  gamilienform,  bie  ni(^t  auf  natür(id)e,  fonbern  auf 
öfonomifd^e  Söebingungen  gegrünbet  luar,  nämli^  auf  ben 
©ieg  be§  ^ribateigentf)um§  überbau  urfprünglic()e 
naturn)üc5f ige  ©emeineigentljum.  5[RDnDgamie  unb 
©runbeigent^um  bilben  nac^  @ngel§  mie  nad)  ^^ourier  bie 
.•pauptfennseid^en  ber  Sibilifation;  unb  aud)  barin  flimmt 
®nge(§  Courier  bei,  ba^  er  fie  einen  ^rieg  be§  9iei(^en  gegen 
ben  5trmen  nennt.  — 

3.  gaffen  mir  fpecielt  bie  mirtfdiaftlidie  @ntmirf= 
(ung  unb  bie  @igent^um§bilbung  nac^  ber  5luffaffung 
ber  barminiftifd)=fociaIiftifd)en  S^eorie  etma§  genauer  in§  3Iuge, 
fo  berne^men  mir,  ba^  unfere  Ural^nen  in  ben  tropifdien  unb 
fubtropifcben  SBälbern  —  ber  äöiege  be§  5J?enfdbengefc^te(i^te§  — 
auf  Säumen  gelebt,  bon  f5^iid}ten,  ^^lüffen,  SSuräeln  fid}  genarrt 
unb  bie  reid)(ic^  bemeffene  freie  ^zit  jur  5Iu§bi(bung  arti!u= 
lirter  Saute  —  ber  «Sprad^e  —  bermenbet  ^aben.  ^aum  nod) 
erfjob   \\d)   bama(§   ber   5DZenfd)  über   ba§    ^öi^ft    entmidctte 

spefd^,  2i6erali§mu§  jc.  II.  2.  3luf(.  11 


220    Svitteä  .Küptlcl.  S:ü3  ^priöateigentldum  aU  jociale  Snftitution. 

S^ier.  33on  einer  probuctiüen  Sptigleit  in§5efonbere  ioar 
feine  IRebe.  Unfere  53DrfaI;ren  occupirten  in  ber  ändern,  fie 
umgebenben  5^atur,  n3n§  immer  fie  Srand()bare§  jur  Sefrie» 
bigung  i^rer  ^ebürfniffe  fanben;  genau  fo,  tt3ie  bie  S^fiierc 
e§  l^eute  no(5  machen.  5Iömä[)(i($  trat  bann  bie  „©ifferenäirung" 
ein.  ©er  TOenfi^  fing  an,  bon  ber  53eftie  fid^  ju  unterfd)eiben. 
Söä^renb  bie  S^iermelt  in  iljrer  Sebürfnifebefriebigung  leine 
(Sntnjicftung  ju  pljerer  5lrt  erlebte,  njarb  ber  glücEIidiere  SBruber 
nad^  unb  nac^  auS  einem  ©flauen  ber  Dfiatur  jum  |)errn 
berfelben. 

2Bir  fönnen  f)ierbei  mehrere  gerieben  unterf(f)eiben. 

Snnerl^alb  ber  ölteften  2Birtfrf)aft§ftufc  burd)ftreiften  nnfere 
?t^nen  ala  Säger  bie  SBälber  ober  fuc^ten  al§^ifd[)er  am 
Ufer  ber  ^ylüffe,  an  ber  ^üfte  be§  9}Zeere§  i^re  fpärlid^e 
9ia^rung.  ^ribateigentfjum  gab  e§  feine§,  aufeer  an 
ben  ©enufemitteln,  bie  ben  augenblidflidien  Sebarf  ftiUen 
füllten,  mo^t  awä)  an  ben  ro^cn  SBerfgeugen,  an  ^eule 
unb  ©peer,  ^ernac^  an  Sogen  unb  ^feil.  S)a  3agb  unb  5iftä^= 
fang  feine  bauernb  fiebern  ^lal^rungSqueüen  bieten,  fo  fam  auf 
biefer  Stufe,  melc^er  l^eutc  no(^  bie  3(uftralier  unb  ^oIt}nefier 
angefiören,  bie  5)knfd)enfrefferei  ni(^t  feiten  in  53rauc^. 

3u§befonbere  ber  öftüdie  kontinent  befafe  ja^Ireidje  jur 
3ä^mung  tauglid;e  Siliere,  ^ein  Söunber  alfo,  nienn  gerabc 
bort,  in  ben  ©ra§ebenen  be§  ßup^rat  unb  2;igri§,  be§  Oju§ 
unb  So^ötteS,  bc§  S)on  unb  S)niepr  bie  erfte  ^erbenbilbung 
ftattfanb.  DJiit  ber  3ö^ii^ung  be§  Sie^cä  aber  beginnt  bie  9iotf;« 
roenbigfeit,  immer  neue  SBeibepIä^e  aufjufudien,  ha^)  5^omaben= 
leben  ber  |)irtenöölfer.  (Sin  ßigent^um  an  ©runb  unb  5öoben 
fonnte  fjierbei  noc&  nic^t  jur  (Sntfte^ung  gelangen.  9Zur  be= 
meglid)e  S)inge,  inSbefonbere  bie  |) erben,  bilbeten  ben  bor= 
nel^mlid^ften  ©egenftanb  be§  ^riüateigent^um§  auf  biefer  ©tufe. 

S)ie  Sebeuabebingungen  be§  |)irtenboIfe§  finb  jebenfaHä 
befferc  al§  bie  be§  Söger»  unb  ^^ifc^eröolfeS.     6ine  9tüdfe^r 


3.  Urfpr.  b.  ©igent^umS  nac^  b.  barto.'foc.  ©DoIutionSt^eovte.     221 

aua  ben  gra§tragenben  ©tromebenen  in  bie  alten  SBalbgefiiete 
wax  be»^aI6  auSgefc^foffen.  5l6er  bie  58eböl!erung  bermefjrtc 
[ic^.  Sie  freien  Stiften  reid^ten  balb  nid^t  mel^r  au§  für 
attc.  Wilan  50g  nac^  5Rorben  unb  Sßeften,  unb  ha  ber  weniger 
günftige  ^ohzn  eine  auSreici^enbe  ^ial^rung  für  bie  |)erben 
ni(^t  gelDö^rte,  fo  fc^ritt  man  jum  ©etreibebau.  5tu§  bem 
gutterbebürfnil  be»  33ie^e§  entftanb  fomit  urfprüngtid;  bie 
^robuctton  öon  9?atureräcugniffen  burd)  menfd^Iidje  5Ir6eit. 
Söeil  au^er  bem  §Ieifd^  ber  2;^iere  nun  auc^  ba§  S3rob  jur 
93erfügung  flanb,  öer[c()iüanb  naä)  unb  nad^  bie  5!Jienid&en= 
frefferei.  2)ie  5?omoben  unb  |)irten  finb  fe^|afte  2Ider= 
baut) öl! er  geworben. 

S)a»  lüar  ber  ^^itpunft,  bon  bem  an  ba§  @i gentium 
an  ©runb  unb  53 oben  fii^  aümö^Iid^  entmidelte.  33orab 
na^m  ber  ganje  ©tamm  o(§  folc^er  ein  ©ebiet  für  fid^  in  58eft^. 
5(u§  bem  6  0  n  e  c  t  i  b  eigentf)um  be»  ©tamme»,  ber  @en§,  ber 
|)au§gemeinfc^aft  aber  bilbete  ficb  aUmöl^Iid)  ba§  ^ribot= 
eigentljum  ber  einzelnen  t^amilien  unb  ^erfonen  am  5Ider. 

4.  SBürbe  bie  ©id)erl;eit,  mit  föderier  biefe  fogen.  „feften" 
©rgebnifje  ber  präfjiftorifc^en  SBiffenjd^aft  borgctragen  werben, 
einen  53eweia  für  if;re  3uöerläf[ig!eit  bilben,  fo  wöre  jeber 
33erfud)  einer  Prüfung  berfelben  unerträglid^e  5Inma|ung. 
2ßer  aber  ein  wenig  fritifc^  Veranlagt  ift  unb  bei  jeber  Se= 
I)auptung  nac^  bem  ©runbe  unb  ^eweife  ju  fragen  gewohnt 
ifl,  ber  wirb  wol^I  aud)  bor  ber  prö^iftorifcben  SBiffenfci^aft 
nidbt  ol^ne  weitere»  bie  8egel  ftreid)en  wollen. 

Ueberbüdt  man  bie  ©ejdjidbte  ber  DJknjc^fjeit ,  fo  fpringt 
D^ne  3tüeifel  fofort  bie  S^atfac^e  einer  auffteigenben  @nt= 
widlung  in  bie  Singen.  DZic^t  iebe§  einjetne  93o(!  t;at  (jötjcre 
Sulturftufen  erftiegen.  5Dknc^e»  ift  fogar  jurüdgefunfen  unb 
im  @lenb  bertommen.  Slber  im  allgemeinen  jetgt  fidb  ein 
ftctiger  gortfdiritt,  beffen  Sröger  halh  biefe  balb  jene  9Jation 
ift.    ©0  weit  ftimmen  wir  axi^  mit  ber  prä^iflorifd^en  (5bo= 

11* 


222    ®ritte§  ßapitel.  S)aä  ^rtöateigentl^um  aU  fociale  Qnftitutiott. 

tutionSt^eorie  überein.  2öq§  un§  bon  ber[eI6en  trennt,  ba§ 
finb  fülgenbe  5pun!te: 

Einmal:  ber  eigenartige  3tu§gang§]3un!t,  ben  [ie  ber 
@nttt)i(f(ung  geben  möd^te; 

f obonn :bie  föinfürUdje  SSeroUgemeinerung  i^re§ 
(Snttt}i(ftung§[c^ema§.  — 

®ie  @boIution§t^eorie  rüfjint  [ic^,  frei  bon  oflen  „meto« 
plj^fifd^en  23orau§)e|ungen"  bie  ©ntmidlung  ber  SJienfii^^eit 
allein  auf  ®runb  ber  pofitiben  unb  ejacten  2öiffenj(^aften 
feftgefteüt  ju  traben.  5(ber  too  finb  benn  bie  |)Dfitiben 
5In^alt§punfte  für  jene  Seljre?  2ßo  finb  bie  Urtunben,  au§ 
benen  bie  gefeierten  Sßertreter  be§  abfoluten  @bDlutioni§mu§ 
gef(i^öpft  l^aben?  S)en  birecten,  fiiftorift^en  D^adilDeiö  für 
i^re  ^eljauptungen  ju  liefern,  —  barauf  muffen  fie  bon  born= 
tjerein  berjiditen.  ©o  gefte!)t  ?^riebrid)  (Sngela:  „33Dn  aÜen 
33ölfern,  bie  innerhalb  ber  gefc!^id)tli(i^en  ^eriobe  betannt  gc= 
föorben,  geprte  fein  ein^igeä  me^r  biefem  Uräuftanb  an.  @o 
lange  Safjttaufenbe  er  aud)  gebauert  Ijaben  mag,  fo  wenig 
tonnen  lotr  i^n  au§  birecten  ^ßUQniffen  belüeifen;  aber  bie 
5lbftammung  be»  SJienfcben  au§  bem  2;^ierreic^ 
einmal  jugegeben,  wirb  bie  5tnna^me  biefe§  lieber» 
gange§  unumgänglicb."  ^  ^Hfo  bto^  um  eine  (5d)lu|3foIgerung 
au§  einer  ^l)potl)efe  tjanbelt  e§  fid),  —  au§  einer  |)t)potf;efe,  bie 
^eute  bereits  bon  ben  bebeutenbften  ^'Jaturforfd^ern  berlaffen  ift ! 
S)a  bie  SSertreter  ber  prä^iftorifc^en  (Sbolution  i[)rerfeit§  für 
jene  „$8orau§fe|ung"  einen  neuen  23ett)ei§  nicbt  liefern,  biel= 
mel^r  fi(ä^  lebiglicd  auf  barftiniflifd^e  SfJaturforfti^er  berufen, 
fo  ber^icbten  auc^  mir  auf  eine  SBiberlegung  ber  §^potf)efe. 
2Ber  eine  foldje  it)ünfd)t,  finbet  biefetbe  bei  5af;Ireid)en  anti= 
barminiftifcä^en  5^aturforfcbern  unb  ^p^ilofop^en ''^. 

*  ©ngets  a.  a.  O.  ©.  2. 

2  9391.3.  «8.  Siltn.  «Pefcl,  ®te  großen  SQielträtfifer  IT  (2.  Sluff., 
fjreiburg  1892),  216  ff. 


3.  Urfpr.  b.  ©igentl^uml  nad^  b.  barto.'foc.  ©botutionStl^eoric.    223 

^oä)  fe()en  toir  im§  einmal  bie  onbern  „inbirecten" 
S3ch)ei[c,  mit  benen  bie  tirä^iftorifc^e  2Biffenfd^Qft  \i)xt  Snt= 
tüidtungStljeorie  511  begrünben  berfudit,  ettt)a§  genauer  an. 

S)er  ertremen  (SboIutionS^^pot^efe  jufolge  ^at  ber  oben 
gejd&ilberte  58iIbung§^roce^  bei  ben  berfd)iebenen  9taffen  unb 
33öl!ern  nid^t  überall  ju  bemfelben  (Srabe  ber  (Sntwicflung  ge= 
fü^rt.  ©in  %^^\l  ber  ^ölUx  fommt  in  ben  Sa^ttaujenben 
feiner  ©efci^ic^te  ni(^t  über  bie  niebrigften  ©rabe  ber  tt)irt= 
jd)aftlic^en  ©Eiftenj  I;inau§.  @ie  bleiben  „9?aturbö(f er". 
?(nbere  fteigen  allmäf)lid)  bon  ©tufe  5U  «Stufe  au§  einem  ber 
t^ierifd^en  Sebürfni^befriebigung  gleictien  3iiftanbe  empor,  bi§ 
fie  jene  §ö^e  ber  materiellen  ^robuction  unb  be§  feinern 
©enupleben»  erreicht  I;aben,  auf  melc^er  mir  bie  l^cutigcn 
SuIturböÜer  erblicfen.  2BoIIen  mir  alfo  bie  niebrigern  (Snt= 
mi(flung§ftufen  fennen  lernen,  fo  braucEien  mir  nur  bie  ^eute 
noä)  jum  2:^ei(  bor^anbenen  „9laturbölfer"  untereinanber  unb 
mit  ben  ßulturböüern  ju  bergleidien.  ©§  ift  fomit  bie  fogen. 
bergleic^enbe  ®ef(^i(i)t§met]^obc,  meldte  angeblid^  bie 
Semeife  bafür  liefert,  ba^  bie  5}^enfd^[)eit  auS  einem  urfprüng^ 
(ic^  t^ierdtjnlic^en  3^i[^onbe,  au§  ber  2Bi(b^eit  unb  ^Barbarei, 
fid^  jur  ßibiüfation  emporgerungen  tjobt. 

W\x  merben  l^ier  gar  nic^t  babei  bermeiten,  mie  bie  S8er= 
treter  ber  abfoluten  @botution§t^eorie,  um  „9laturbölfer"  auf» 
jutreiben,  fic^  berge6en§  abmühen,  einem  2:f;eil  ber  heutigen 
Semol^ner  ©übafien§,  Oftafrifa§  unb  5(uftralien§  ^albt^ierifd^e 
SBilb^eit  anjubid^ten.  ©ele^rte  ^orfc^ungen  ^  ^aben  jene  Ieid)t= 
fertigen  Sel^auptungen  längft  fction  in§  redjte  Sid^t  ge= 
ftellt.   2Bir  möd^ten  aber  menigftens  erfaljren,  mo^er  benn  bie 


1  »gl.  3.  83.  ^ef(^el,  SSöIferfunbe  (2.  StufL,  ßeipäig  1875) 
©.  137ff.  — aSgl.  e.  »Qumftorf,  ®te  »olfämirtid^aft  nat^  2Kenfd§en= 
raffen,  SJoÜäftämmen  unb  SSöIfern  (in  §ilbebranb§  ^al^rbüd^ern 
V,  81  ff.).  —  S^.  2öai^,  ?{nt^ropologie  ber  91aturDöIfer.  6  X^eile. 
ßeipjig  1859—1872. 


224    drittes  ßapitel.  SDa§  «ßriöateigentl^um  aU  fociale  Sfnftttution. 

ßbolutioniften  bernommen  l^oben,  boB  bie  5IuftrQ(neger ,  bic 
5polt)ne[ier  u.  f.  it).  tüirfüdie  „9?aturböl!er"  [inb,  ba&  t^at= 
[äd^Iic^  i^re  33er^ältni[fe  ben  iDo^ren  unb  allgemeinen  Ur= 
juftanb  ber  9Jienfd^^eit  barfteüen?  5tuf  biefe  ^^rage  ttiirb 
bie  ebolutioniftifd^e  23iffeni'(i^Q[t  vooljl  öon  neuem  i^r  ©prü(|= 
lein  jagen:  „S)ie  5tb[lammung  be§  93len[d)en  au§  bem  St)ier= 
reidö  einmal  zugegeben,  wirb  bie  3Inna!^me  biefeS  UebergangeS" 
Don  ben  niebern  ©tufen  ber  Shturbölfer  ju  ben  ^ö^ern  ber 
ßulturbölfer  unumgänglich  i.  5lun,  'öü?/  ift  bie  2ogi!  „miffen» 
jc^aftüc^er"  33oItigeur§.  Sirecte  3eugni[fe  für  eine  millfürli^e 
„^nna^me"  befi^t  man  nic^t,  unb  bie  inbirecten  Seföcife 
[tü^en  fidö  h)ieberum  auf  eine  „5(nnar)me",  auf  eine  gönslid^ 
unermiefene,  mifjenfc^afKid)  abfolut  un£)altbare  „§t)pot!^efe". 
5(ber  legen  lüir  ber  bergleid^enben  50^et§obe  nicbt  aUsuföenig 
©emic^t  bei?  |)at  bocb  ^reeman  in  feinem  33ucf)e  Com- 
parative  Politics  bie  @rfinbung  biefer  5[Retf)obe  al§  ein  fo 
bebeutenbe§  (Srgebni^  gepriefen,  ba^  fie  Jiinreid^e,  um  unfer 
Sa^r^unbert  einen  ber  großen  SBenbepunfte  in  ber  ©efdiid^te 
ber  5}^enfc^^eit  ju  nennen.  O^ne  Stt'ßifel  berbanft  bie  2öiffen= 
fc^aft,  fpecieU  bie  ©praij^forfdiung,  ber  comparatiben  9JJetf)obe 
gar  mand^e  @r!enntni|,  bie  auf  anberem  SSege  nic^t  ju  er= 
langen  geföefen  märe,  <Bo  Ijai  man  bermittelft  23ergleicöung  bie 
23ermanbtf(^aft  ber  berfc^iebenen  33ö(!erftämme  f eftgefteHt :  „3)ie 
Sautf^mbole,  melci^e  gegebene  ©egenftänbe  begeid^nen , "  fagt 
©tardfe^,  „finb  faft  ganj  miüfürlid^  geroä()Ü  morben,  unb  e§ 
ift  bo^er  unma^rfcfieinlid),  ba^  jemals  jmei  berfd)iebene  93öl!er 
ba§felbe  ©Qmbol  für  benfelben  ©egenftanb  gebilbet  ^aben.  2Bo 


*  S3gl.  3.  33.  ßubtoig  S^eHj,  ®nttoicf[ung§gefd^icf)te  beö  ®tgen= 
tl)um§.  @rfter  %i)dl:  Ser  ®influfe  bev  9'latuv  auf  bie  ©ntwicfhmg 
be§  gigent^umö  (Seipjig  1883)  ©.  10  ff.  %nä)  Vierter  %i)nl,  erfte 
§älfte  (1896)  ©.  3  f. 

*  ®te  :primitioe  fjamilte  in  tl^rer  ©ntftel^ung  unb  ©nttoicflung 
(ßeipäig  1888)  ©.  2. 


3.  Utfpr.  b.  ©tgentl^utnS  nac^  b.  barUL^foc,  ©öotutionStl^eovie.     225 

halber  eine  [oId)c  Uebereinftinimung  [tattfinbet,  barf  man  mit 
foft  untrüglicher  ©ic^er^eit  [djüe^en,  ba^  entmeber  bQ§  eine 
93oI!  ba§  Söort  üon  bem  anbern  erborgt,  ober  bo^  e§  beiben 
öon  ein  unb  bemfelben  ©tammbolf  überfomnien  ift.  ^yort« 
geje^te  5tnalr)[e  !ann  fomit  ben  SSortöorrat^  eine»  folctien 
(5tammboIfe§  fe[l[lellen.  S)urc^  ben  SBortöorrat^  lernt  man 
aber,  meldte  33or[teIIungen  bem  93oI!e  jugänglid^  finb,  b.  ^. 
man  lernt  [einen  6u(tur5uftanb  fennen."  ©anj  rii^tig!  §ier 
^at  bie  93erglei(ftung  erfaßbare  Cbjecte,  :§ier  gefjt  bie  Seroei§= 
fü^rung  bon  [ii^erer  ©runblage  au§ !  ^  £'eine§tDeg§  aber  ift 
ba§  ©leic^e  ber  ^aU  ha ,  xoq  bie  barn)ini[tif(§=[ociaIi[tif(^e 
Sbohitionst^eorie  un»  mit  ben  Uräu[iänben  ber  gongen  5Ken)'d)= 
^eit,  fpecieü  mit  ber  Urenttt)icf[ung  ber  gamilie,  beäio.  be§ 
(5igent^um§,  befannt  machen  toiK.  2)a  fi^Iie^t  man  !üt)n  öon 
ben  S^er^ältniffen  bea  einen  ober  anbern  ober  auc^  metjrerer 
für  bie  gor)döung  erreichbarer  ©tamme  auf  bie  Uröer^ältniffe 
be§  2Renf(^engefc^(ec^te§,  obmo^I  für  einen  folc^en  3nbu!tion§= 
fc!^Iup  jebeS  ouäreic^enbe  t^unbament  fe^It,  unb  bie  33 er» 
f  Griebenfett  ber  Sutturentmidlung  ber  93ölfer  unb  «Stämme 
eine  fjiftorifc^  eoibente  S^atfac^e  ift.  2Säre  bie  (Sntmicfhing 
eine  „naturnot^menbige",  felbft  bann  bürfte  man  nur  fc^IieBen, 
ba^  unter  benfelben  53ebingungen  bie  gleichen  (Srfdieinungen 
äu  Soge  getreten  fein  muffen.  2Ber  bemeift  un§  aber,  ha)^ 
ber  eine  ©tamm  in  ber  Urjeit  unter  ben  gleichen  äußern  SSer= 
^ältniffen  gelebt  ^a^t  mie  ber  anbere  unb  mie  bie  heutigen 
fogen.  Sfiaturtiötfer  ?  '^aiu  fommt  bann  noc^,  ba^  bie  5(n= 
na^me  einer  „naturnotfiroenbigen"  ©ntmidlung  burc^  taufenb 
S^atfadien  ber  ©efc^icJ^te  miberlegt,  bie  gefc^ic^tlii^e  mie  p^i(o= 
fop^ifc^e  Unmöglid^feit  eine§  eint)eitlicf)en  @ntmi(ftung§= 
fd^emaS  fonnenflar  ermiefen  ift.    2)a§  gibt  ai\6^  ©tarcfe^  in= 

^  SGßie  jebo(|    auc|   :^ier  33orfic^t   geboten,   barüber   ogl.   j.  S9. 
©utbcriet,  2IpoIogetif  I  (2.  2lufr.,  aJlünfter  1895),  47  f. 
2  31.  Q.  D.  6.  5. 


226    ®titte§  flo^jitel.  Sa§  !Prit)ateigentl)um  aU  feciale  3fnftitution. 

fofern  ju,  q(§  er  „nur  fe^r  bebingtermeife"  ber  ^(nnofjine  6ei= 
))f(i(|ten  tüiö,  bie  ^InfanQgjuftünbe  feien  bei  allen  ©tünimeu 
fo-  5temli(^  gleichartig  gett)e[en,  unb  bie  ©ntmidlung  Ijabe  att= 
gemein  bie  nämlichen  ^auptp^afen  burcbgema(§t.  S[t  aber 
bie  ©leicl) artigfeit  ber  (Sntroicflung  unb  i^rer  |)auptp^afen 
gelüugnet,  bann  f^ringt  ber  l;ö(^[t  |3roblematifd)e  6l)arafter 
einer  Schlußfolgerung  au»  ben  ^nfiänben  ber  ^rofefen  u.  f.  lü. 
auf  bie  Urgefcliid^te  ber  ^])?enfd}f)eit  fofort  in  bie  klugen. 

Itnbeftritten  ift  bie  Sljatfadie  einer  progreffibeu  (5ultur= 
entmicflung  inner^olb  ber  SJtenfcb^eit;  getüiB  ift  ferner,  boß 
nid^t  ade  33ölfer  unb  ©tömnie  biefe  (Snttüicflung  in  glei(^em 
5}Jaße  unb  in  gleicher  2Beife  mitgeniacfit  ^aben.  DJkncbe  blieben 
äurüd,  mandje  fielen  öon  einer  ^ö^ern  ©tufe  toieber  tjerab, 
wie  bie§  fic^  au§  ben  ^iftorifc^  controHirbaren  S^atfad^en  ber 
33ölfergef(f)icl)te  in  öielen  fallen  erttieifen  läßt,  ßinselne  ?lu=» 
toren,  ju  benen  aud)  ©tarde  geljört,  mad)en  fid)  ba§  billige 
33ergnügen,  bie  S)egrabation§t^eorte,  meldte  getuiffe  @r= 
f(|einungen  im  2eben  ber  fogen.  „5^aturböl!er"  auf  Entartung 
jurüdfüljrt  unb  ben  3^'[^i'^'5  ^^r  Sßilbljeit  al»  33eriüilberung 
auffaßt,  gänälid)  ju  mißbeuten.  2)ie  5lnl)änger  biefer  S^eorie 
glauben  bur^au§  nic^t,  baß  5lbam  im  5|3arabiefe  eleftrifdje 
33eleud)tung  unb  {ya^rrab  jur  33erfügung  gehabt  tjaht;  ber 
au§  bem  ^arabiefe  33erftoßene,  toie  feine  5hd)lommen,  fanben 
feine  fertige  Sultur  bor,  fonbern  mußten  fie  erft  fc^affen,  ttjenn 
anä)  ber  ©eift  fie  bereits  loeit  über  ba§  S^ier  erf)ob  unb 
if}nen  eben  bie  gäljigfeit  jur  progreffiüen  ßulturentmidlung 
Derlie^.  SBo  „t^ierifc^e  äßilbljeit"  fi^  angeblid)  finben 
follte,  ba  hjöre  fie  Entartung,  unb  eg  liegt  bi§  jur  ©tunbc 
fein  einziger  lüiffenfc^aftlidier  Seineia  bafür  bor,  baß  bie  @nt= 
midlung  ber  5)?enfc^^eit  bon  fold)en  „t§ierä^nlid)en"  3uPöni>en 
i^ren  Einfang  genommen  f)aU. 

5.  2)ie  barminiftifc&4ocialifii]d)e  Urgefcf)ici^te  ^at  übrigens 
bereits   baS   ©diidfal   einer   großen  3alyi   unferer    mobernen 


3.  \\x]px.  b.  ©igetitliumS  nad)  b.  barUL^foc.  @iioIutton§tl^eorie.    227 

S^eorien  getfieilt.  5(uf  bie  urfprünglic^e  53cgei[terung  il^rer  5In= 
I)änger  folgte  nur  ju  balb  bie  (Srnüc^terung,  ^'^eute  Demerfen 
faft  alle,  lüelc^e  qI§  Kenner  berUrfamilie  gelten,  obgefetjen 
bon  ßof)Ier,  bie  9J^orgon=@ngeI§|(|e  2e|re  bon  bet  urfprünglidien 
^romi§cuität,  bon  ber  (Brubpenelje  u.  f.  \v.  So  Söeftermar!, 
2)argun,  ^ilbebranb,  ©rofje,  2;uv!tjeim,  Gunotö,  ©tarde  u.  ö. 
^uä)  ba§  „5}tuttene(i)t"  i[t  ein  aufgegebener  Soften  ^   nnb 


'  959I.  6ntiDidEtun9§9ey(^i(i)te  be§  ©igentt)um§  üon  2  u  b  to  i  9 
lyeliE.  Söierter  2;t)eil,  crfte  §älfte.  ®er  ginflufe  öon  ©toat  itnb 
ütet^t  auf  bie  ©nttüidfdtng  be§  ®igent^um§  (Seipaig  1896)  ©.  94, 
iro  e§  f)t\^t:  „©ie  öornefimlii^  Don  Söacliofen  unb  SJlorgan  auf 
©runb  öereinjelter,  toenngrei»^  3af)treid)er  ©rfcfieiuungen  geäußerte 
5lnfi(^t  ton  einer  ißeriobe  be§  33]ittterre(|t§ ,  ber  eine  g^it  tegeUofen 
§etäriömu§  öorangcgangen  fei  (Sa doofen,  ®a§  SPtutterredEit  [Stutt- 
gart 1861]  ©.  xviii) ,  tütrb  üon  ben  mciften  nta^gebenben  neuern 
SdjviftfteHern  ööüig  aufgegeben,  unb  inöbefonbere  bie  5trt,  in  ber 
23a(^ofen  jur  Unterftü^ung  feiner  Stnfi^auung  m^tl)ifci;e  (Srää^Inngen 
benu^t,  alä  lütUf ürlid),  untüif f enf ($af tlid)  unb  bi^te= 
rifdier  Qnfpiration  cntfpringenb  bejeitiinet.  3la^  Sernl^öft 
(®^e  unb  (Srbrei^t  in  ber  gried^ifd^en  §eroenjeit,  3eitid)i^-  f-  öergl. 
9iedE)tött)tffenf(fjaft  XI,  338.  339)  War  bie  Uvfamilie  Weber  t)aterred)tlic^ 
no(i)  mutterreif)t(i(!ö;  fie  beftanb  au§  3Dlann,  fyrau  unb  ßinbern,  in 
einem  §au§f)alt  Dereinigt.  93gl.  §cinri(|  ©ruft  3  legt  er,  Sie 
9laturtt)iffenf(^aft  unb  bie  foäialbemofratifd^e  Sl^eorie  (Stuttgart  1893) 
©.  43  f.  —  Wcstermarl-,  The  history  of  human  marriage  (London 
1891)  p.  55flf.  117  ff.  538.  —  %\xi)  0t.  §ilbebranb  (9ted)t  unb 
Sitte  auf  ben  öerfd)tcbenen  ßulturftufen.  Sena  1896)  beftreitet,  ba^ 
bie  5prDmi§cuität  unb  bie  §errf(|aft  be§  SDlutterrecJiteö  ber  2tu§9angä= 
punft  ber  fami(ienre($ttid)en  ©ntwicttung  getoefen  fei,  unb  ba^  man 
auö  ber  SSeftimmung  ber  Jßertoanbtfd^aft  nad;  ber  2Jtutter  bei  primi- 
tioen  93oIfern  bie  (gjiflenä  mutterred)tli(|er  3uftänbe  folgern  biirfe. 
S)ie  2forfd)ungen  gunotoö  (S)ie  SJertoanbtfd^aftäorganifation  ber 
Sluftralneger.  Stuttgart  1894)  unb  ©roffeö  (®ie  S^ormen  ber  %(X' 
milie  unb  bie  g-ormen  ber  Sßirtfdiaft.  f^teiburg  1896)  fiabcn,  toie 
aud)  ?ftad)faf)I  (3a^rb.  f.  9btionaIöf.  u.  Statift.  3.  fjolge.  «8b.  XIX 
1900,  S.  21)  anerfennt,  flargefteüt ,  ha'ii  gerabe  bei  ben  je^t  am 
niebrigften  ftel)enben  a}öiferfd^aften,  ben  Stuftrafnegern,  bie  bater« 

11** 


228    S)rttte§  ßa^jttcl.  ©aä  ^ribatetgentfium  al§  focialc  Sfnftitution. 

nid^t  beffer  fte^t  e§  mit  benijenigen  Steile  ber  S^eorie,   ber 
ble  urfprüngli^e  SBirtfd^aft  be^anbelt. 

Ober  tt)o  tüören  benn  bie  SeiDei[e  bofür,  bo^  alle  unfere 
mobernen  ßulturböüer  er^ebem  f^if(f)er=  ober  ^ösetöölfer  ge= 
toefen?  2ßo  finbet  man  bie  3f"9ni[fe  für  eine  „^asbperiobe" 
ber  oltorientolifd^en ,  ber  Qltf(a][ifd)en ,  ber  germanifdien ,  ber 
feltifd^en  SSöÜer?  ©erobe  bie  älteften  ®efd)ic^t§ben!mQler  geigen 
un§  überall  S3ölfer,  bie  auf  einem  befonbern  Slerritorium 
tool^nen  unb  irenigften§  aud)  3Iderbau  treiben.  2)aneben  finbet 
fid^  bei  i^nen  ntd)t  minber  monciberlei  ?lrbeit  geroerbüi^er  5trt, 
ebenfo  Soufd)  unb  ^ouf.  ®er  Ijiftorifdie  @ntn)idlung§gang 
meiB  md)t§  baüon,  boß  bei  jebem  33oIfe  unb  bei  ber  ganzen 
5Jienfd)^eit  ber  Steige  na^  auf  eine  „SSorftufe"  ber  ^agb  unb 
be§  gif(i^fange§  eine  „^eriobe"  ber  SSieljjud^t  im  9tomoben= 
leben,  bann  be§  5l(lerbaue§,  hierauf  be§  ©emerbeS,  enbli(^ 
be§  |)anbela  not^ttjenbig  fommen  muffe  ober  gefommen  wäre. 
S)ie  ©efc^idite  fennt  im  @egentl)eil  in  ber  9tegel  nur  einen 
me^r  ober  minber  gleichzeitigen  (SntmidlungSgang  auf  bem 
©efamtgebiete  ber  öerfdiiebenen  probuctiüen  3:^ätig!eiten  be§ 
gangen  mirtfdiaftlid^en  8eben§  eine§  aSoHeS.  S)ie  a3ert)oII= 
fommnung  auf  bem  einen  ©ebiete  giel^t  immer  balb  eine  aSer« 
Uofltommnung  auf  bem  anbern  ©ebiete  nad)  fic^.  S)abei  ift 
freilid^  nid^t  auSgefc^Ioffen,  ba^  9?atur  ober  Sage  be§  SanbeS, 
bie  nationale  5lu§flattung  unb  @efd)ic^te  feiner  33ett)o^ner 
biefe§  ober  jene§  2Sott  ju  einer  befonbern  ?trt  mirtfc^aftlid^er 
3:^ätig!eit  borjugSmeife  berufen  unb  beföfjigen.  5lber  gerabe 
biefe  aSefonber^eit  einzelner  SSöIfer  burc^brid)t  tt)ieberum  bon 
neuem  bie  ^iot^menbigfeit  unb  5IIIgemein^eit  be§  für 


xt(S)tliä)t  ©injelfamilie  l^errfd^t,  bafe  bie  (£^e  bei  il^nen  rcgelmö^ig 
monogt)n  ift,  bafe  ferner  bie  SD'lutterfippe,  too  fie  ^ter  üorfommt,  nid^t 
eine  SebenSgemeinfcEiaft ,  fonbern  nur  eine  5ft  a  tn  e  n  §  gemeinf(|aft  ift, 
bereu  ))raftif(|e  Sebeutung  aöein  barln  beftet)t,  ba%  fie  bie  ©ipp« 
genoffen  in  ber  SCßal^I  ber  ©atten  befc^ränlt. 


E.  Utfpr.  b.  ©igent^umä  nQd§  b.  bQrtti.=foc.  ®öoIutton§t;^eoTte.    229 

alle  Söl!er  gleich  angenommenen  @nttt)icf{ung§]'i$ema§.  Ueber= 
bie»  finben  fic^  bort,  too  öorjugatDeiie  eine  beflimmte  5kt 
öfonomiic^er  Sfjätigfeit  in  ben  53orbergrunb  tritt,  bennod)  su= 
glei(^  auc^  bie  anbern  ^(rten  in  irgenb  einer  entjprec^enben 
Sßeife.  „(So  l^aben  Don  ben  ^Ipnisiern  an  bi§  auf  boS 
moberne  (Snglanb  ^erab  bie  ,^anbel5bölfer'  gleidiseitig  eine 
Tjerborragenbe  (Stellung  im  ©etüerbebetrieb  unb,  [omeit  e§  bie 
Dhtur  be§  Soben§  gej'tQttete,  aud)  im  5(derbau  unter  ben 
übrigen  33ölfern  eingenommen;  bie  itolienifd^en  ,^anbe(§[tübte' 
waren  tro^  be»  reid)lid)  lof^nenben  S^^ildien^anbela  bUi^enbe 
©etoerbftäbte  unb  in  bem  5(cferbau6etrieb  auf  i§ren  Territorien 
hm  anbern  (Staaten  föeit  öorau§."  ^  — 

3^erner  abgefe^en  babon,  ha^  jenes  @nth)icflung§fd^ema  ^ 
QU^  ber  ©efc^ic^te  unben^eiabar  i[t,  ben  ge]c^id)t(id^en  'S^nQ,= 
niffen  birect  toiberftreitet,  —  ein  flüdjtiger  53Iicf  auf  bie  ^eu= 
tigen  fogen.    „Dkturbölfer"    genügt,   um  fofort  bie  innere 


*  ßnie§,  S)ie  )3oIitifcf)e  öefonomie  (neue  Stuft.,  Sraunfcf^toeig 
1883)  ©.  366. 

2  SJlögen  brei,  öier,  fünf  ober  nni)v  Stufen  angenommen,  mögen 
bie  S3ölfer  bemgemäß  nad^einanber  aU  fyif(f)er=,  3äger=,  2[cfer£)au=, 
3fnbuftrie=,  §Qnbet§oö(fer  ober  mag  in  onberer  Sßeife  tl)r  Sluffteigen 
gu  l^ö^erer  Suttur  begeiiiinet  toerben,  bas  oerfifilägt  toenig.  ®er  ge= 
meinfame  ^n't^um  atler  biefer  ©tnt^eilungen  befte:^t,  tote  ßorl  Änteä 
(a.  Q.  D.  ©.  364  ff.)  l^erOor^ebt,  barin,  ba^  man  ijkx  mit  einem 
Sd^ema,  toelc^eg  ber  abötracte  S^erftanb  erfonnen  :^at,  bie  toirfUc^e 
©efcf)tcf)te  ber  9}ölfer  meffeu  loifl.  3^if(f;erei,  3agb,  3tcEerbou  u.  f.  m. 
finb  3;t)pen ,  Strten  ber  toirtfdjaftlic^en  Sl^ätigfett  t)on  oerf(|iebener 
SSoüfommenl^eit.  ßetnestoeg§  aber  toerben  baburd)  ^ßerioben,  l^tftorift^e 
©tufen  einer  t^atfäd^tid^en ,  no(^  toeniger  einer  not^toenbigen  @nt= 
toidtung  ber  SSöIfer  bargeftettt.  —  Ser  .^ortourf  trifft  mä)  iS-xitbxi^ 
ßift,  ber  in  bem  „^Rationalen  (St)flem  ber  politifd^en  Cefonomie"  (2tu^= 
gobe  S.  §äuffer  [©tnttgart^Sübingen  1851]  <B.  14  ff.)  fünf  notf)' 
loenbige  @ntß)icflungöftufen  be§  menfdind^en  2Q3irtic^aft§Ieben§  unler= 
f(|eibet:  ben  toilben  3uftanb,  bie  ^irtenftufe,  bie  Slgriculturftufe,  bie 
2tgricuItur=aJ^anufacturftufe,  bie  5lgrtcuItur=$D]anufactur'§anbeI^ftufe. 


230    S)rttte§  Kapitel.  S)a§  ^riöateigent^um  a\§  fociale  Snftttution. 

U n lü Q ^ r  j ^ e i n li (i^ ! e i t  eine§  f  o  gearteten  ^^ortf (!^reiten§  jur 
Ijöfiern  (Sultur  barjutfiun,  tüoki  jebe  Elution  fuccejfit)  ou§ 
einem  Si|^}f^'=  o^^^  Sägerbolfe  ein  3^omQbenüol!,  bann  ein 
5lderbQubolf  u.  [.  fö.  not^roenbig  geworben  wäre.  Sie  ^eu= 
tigen  „^loturböHer"  befinben  [id)  ongeblid)  auf  einer  ©tufe, 
welche  auc^  für  bie  mobernen  ßuUurböIfer  einft  ber  not!^= 
menbige  S)urd)gang  jur  Gitiilifation ,  eine  tt3ir!(id^e  6ntroid= 
Iung§p^afe  in  alten  3eiten  gelcejen  ift.  Snbeffen  trägt  benn 
ber  3uftanb  j.  S.  ber  ^nbianer  5tmerifa§  irgenb  ettt)a§  an  fic^, 
was  xijm  ben  6§ara!ter  einer  Snttt)id(ung§p[)aje  Derlei^en 
!önnte?  9lein,  ba§  finb,  wie  ^nie§  mit  Sftedit  I)erüorl;ebt, 
leine  „Sägerbölfer",  ober  beffer  gefagt,  Säger^orben,  bie  etwa 
in  auffteigenber  ©ntwidlung  fid)  befänben.  ©ie  wollen  Säger 
fein  unb  bleiben,  auf  feine  tjö§ere  „5i3orflufe"  ber  mobernen 
ßultur  übergeljen.  „Söäljrenb  au§nal;m§weife  bie  einen  !aum 
burd)  garten  3>^ö"9  ""^  ^^otl)  jum  bertja^ten  ^Iderbau 
fiJ^reiten  unb  fogar  tro|  2el)re  unb  33orbiIbern  bod)  auf  ber 
,'^ö^ern  6ntwidlung§flufe'  mel^r  unb  me^r  fid)tlid)  bertiimmern, 
träumen  fic§  bie  onbern  nac!^  iBerluft  i^rer  SaQ^i^ebiere  lieber 
gleid)  ju  Sobe."  ^  — 

Sticht  nur  ()iitorif(^  unbegrünbet,  ni(^t  blo^  innerlii^  un* 
waljr)d)einlid),  e§  ift  enblid)  fogar  gerabeju  pljl)fifd)  unmög= 
lic^,  ba^  aüe  SSöIfer  bie  „SSorftufe"  be§  3-ifc^er=  unb  Säger=, 
5Zomaben=  unb  |)irtenleben§  Ijaben  burc^taufen  muffen,  el)e  fie 
auf  eine  t^ö^ere  ©ulturftufe  gelangten.  gifd)er=  unb  Säger* 
bölfer  fönnen  boci^  nur  an  fif(^rei(i^en  ©ewöffern  unb  nic^t  in 
wilbarmen  ©egenben  ej-iftiren.  ^^ür  weite  ©ebiete  ber  anä) 
frütjcr  bewoljnten  @rboberfIäd)e  wären  alfo  ^•ifd)er=  unb  3äger= 
bötfer  fd)ted)terbing§  bem  §ungertobe  überliefert  gewefen.  2Bo 
aber  bie  gifd}erei  auSgiebige  23eute  ertjoffcn  läfet,  betreibt  man 
fie  r^eute  wie  efjebem.    Unb  wo  bie  3agb  lo^nt,  wirb  e§  nie= 


»  ßnieS  a.  0.  D.  ©.  364. 


3.  Urfpr.  b.  ©tgentl^umS  naä)  b.  barUi.=yoc.  ©DoIutionStl^eorie.     231 

mala  an  ^Jimroben  fefilen.  Wü  anbern  SBorten:  SBiö  man 
bte  ö!ononii|(^e  @nttüidf(ung  ber  33ö(!er  barfteHen,  fo  barf  mon 
nid)t  oon  ben  natürli(i^en  95erfcf)ieben^eiten  ber  2:erritorien 
obötraljiren,  tt)o  jene  ©tömme,  fei  e§  bon  ber  grauen  33orjeit 
I;er  ober  nac^  einer  Ginmanberung,  gewoijnt.  ^e  waä)  ber 
58efd)affen!^eit  be§  2:erritorium§  änbert  [id)  bie  2Birtf(^a[t§= 
gejc^ici^te  ber  Sßölfer.  (Sine  5(nffa[fung  aI[o,  bie  ha^  gleid)e 
(£tu[enfd)ema  ber  iDfonomifdjen  ßntraidlung  für  alle  JBöIfer 
5ur  Inmenbung  bringt,  fe^t  Untt)af)re§  unb  Unmöglid)e§  al§ 
inafir  unb  tnirflii^  borauS,  näniU($  entmeber  bie  attgemeine 
@[eid)rjeit  ber  territorialen  23erf)ältniffe  auf  ber  ganzen  be= 
iDoljnten  @rbe,  ober  aber  bie  Unabl}ängig!eit  ber  lüirtfdjaft^ 
litten  (Sntmidlung  ber  33ölfer  bon  i^ren  natürlidjen,  terri= 
toriolen  ©runblagen.  5)?ögen  bal^er  immerl^in  einzelne  5BöI!er 
bie  berfd^iebenen  „@ntroid(ung§ftabien"  biellei(|t  ber  9ieif)e  nad) 
burd)(aufen  fjaben,  juerft  Säger=  unb  Sifc()f^=/  bann  ein  4^irten=, 
(jierauf  ein  5WerbauboI!,  fdjIiefjUc^  ein  (Setoerbe»  unb  f)anbel§= 
bolf  geiüefen  fein.  51ber  allgemeine,  für  alle  33ö(!er  gel= 
tenbe  ober  gar  not^menbige  ©tufen  ber  ©ntmidlung  finb 
es  nidjt,  meil  eben  ni(^t  aüe  SSöifer  bie  gleid)e  ©ntmidfung 
Ijaben  fonnten.  äBie  mandie  «Stämme  bie  l}öd}ften,  tt)pifd;en 
©tufen  niemals  erreidjt  fiaben,  fo  fetjlt  bei  anbern  jeber  pofi= 
tibe,  Ijiftorifdie  51nljatt§pun!t,  auf  ben  geftü^t  man  beljaupten 
fönnte,  fie  feien  e£)ebem  5lomaben,  gifc^er  ober  Söger  gemefen. 

Samit  ift  aber  anä)  fd)on  bie  33ef}ouptung  Ijinfüflig ,  ba^ 
überall  unb  notljmenbig  au§  bem  urfprünglic^en  3uftanb 
ber  6igentl^um§Iofigfeit  nur  ganj  aEmö^Iid)  ein  ^ribat= 
eigentljum  an  bemeglidjen  fingen,  fiierauf  junödjft  ein  (SoI= 
lectibeigentljum  amSanbe  unb  enblic^  erft  ba§  5]3 r i b a t= 
eigent^um  ber  einzelnen  ^erfon  an  (Srunb  unb  93 oben  fid) 
enttDidelt  l)aht.  — 

6.  gür  bie  ^nna^ime  eine§  urfprünglii^en  alU 
gemeinen   ßoHectibeigentt}um§   am   Soben    traten 


232    ®ntte§  Stapittl  S)a§  ^riöateigent^um  aU  fociatc  ^nftitutton. 

!eine§tDeg§  nur  focialbemofratifc^e  ober  barminiftifd^e  @elef)rte 
ein.  ®.  C)anffen  ^  l^otte  ben  ©puren  be§  S)Qnen  Dluffen  fol» 
genb  \\ä)  bereite  für  bie  5tnnal)me  eine§  urfprünglidjen  @e[amt= 
eigent^um»  am  ©runb  unb  S3oben  bei  ben  germanifdien  SSöIfern 
entfd^ieben,  5(ud)  ^ajtfiauien  trat  biefer  Slnfii^t  naä)  [einer  ru[= 
[ifc^en  9tei|e  (1843)  mit  Dtütffid^t  auf  bie  ©laben  bei.  g{of(|er 
fprac^  bon  einem  „attgemeinen  focialen  ^rincip",  bon  bem 
5Igrarcommuni§mu§  al§  einer  ßulturftufe  ämifdjen  5bmaben= 
tl^um  unb  fefler  5In[ieb(ung  mit  ^pribateigent^um.  @benfall§ 
®.  be  2abelet)e2,  2etDi§  TloxQün,  beffen  2el)ren  Angela  unb 
Sebel  pDpuIarifirten,  ferner  SBioHet,  93laine,  ^ofjler,  |)erbert 
Spencer,  ^tnx\)  ©eorge,  ^er|!a,  glürfdieim  u.  q.  fochten  für 
biefelbe  5(nfici^t  3.  9Za(^  |).  53runner*  I)at  „bie  bergfeic^enbe 
9te(^t§n)if|enfd)aft  .  .  .  ba§  genoffenft^aftlic^e  ©runbeigent^um 
als  eine  urge)'c^ic^t(i(^e  ^nflitution  bon  oügemeiner  Sßerbreitung 
bargefteflt".    5tIIein  ganj  rid)tig  d;ara!terifirt  g^elij  9tad^fa^I^ 


1  2ln[icf)ten  über  ba§  Stgrartoefcn  ber  SJotäeit.    1835/37. 

*  De  la  propri^te  et  de  ses  formes  primitives.  3uetft  5|3ari§ 
1874.  4.  Sluff.  bajelbft  1891.  ®eutf(^  öon  Ä.  Sudler  unter  bem 
Sitel:  S)o§  Ureigentfium.    ßeipäig  1879. 

*  9SgI.  SSictor  Satl^retn,  Sie  jociale  Srage  beTeuc^tet  burd^ 
bie  „©ttminen  qu§  a3]aria=Saa(^"  I.  Sb.,  5.  §eft:  ®aä  ^Prtöatgrunb« 
eigent^um  unb  feine  ©egner.    f^reiburg  1892.    3.  Sluff.  1896. 

*  S)eutf($e  3ie(i)tägef(^i(^te  I  (ßeipäig  1887),  63  f. 

^  3af)rb.  f.  Dlationalöf.  unb  ©tatift.  3.  ^olge.  »b.  XIX,  §ft.  1, 
©.2  f.  ©peciett  leibet  mä)  giaf^faf)!  (a.  a.  D.  ©.  11  f.)  bie  16i§ 
je^t  noi5  l^errfcEienbe  S^eorie  Don  ber  (Sntfte'^ung  be§  ©runbeigen» 
tfium§  an  unricfitiger  2tntoenbung  ber  öergteic^enben  lület^obe:  „Um 
jur  ©onftatirung  allgemein  giftiger  fogen.  .©ntroidEIungSgefe^e'  ober 
einer  ,geje^mäfetgen  ©nttoidEtung'  ju  gelangen,  »erben  Sicfultate,  loeld^e 
bie  ©efd^id^te  eine§  einjelnen  93ülfe§  bietet,  öorfc^nell  ouf  ein 
onbere§  übertragen,  ^m  lDefentIi(|en  finb  eö  Ouetten  bon 
breterlei  Strt,  bie  unä  für  bie  9luff)etlung  urgefcf)ic^tlic^er  Probleme 
äu  ©ebote  ftel^en :  cinmol  ^tefie  früljerer  3uftänbe  unb  ©inrict)tungen, 
bie  fici^  bis  in  bie  fpätere  3"t  hinein  crbaTten  l^aben ;  fobann  fd^rift= 


3.  Urf:pr.  b.  (Sigentl^untS  nad^  b.  borto.=foc.  @boIution§tljeorie.    233 

bie  ©efa^ren  unb  bie  Uttäuberlaffigfeit  jener  ^rä^iftorifdjen 
gorfc^ung,  toelcde  „in  ben  Diebel  ^ineintaud^t,  ber  bie  ^Infänge 

lid^e  2Iuf3eic^nungen  au§  ber  ^-ibex  öon  23eoBac^tern,  bie  Jöölfern  üon 
]^ö[)erer  ßutturftufe  angepren;  enblic^  bie  S}erf)öltnifje ,  luie  fie  no(^ 
bei  ben  Dkturbölfern  ber  ^f^täeit  Befielen,  ©in  fo  f)eterogene§ 
Quellenmaterial  erforbert  aber  bie  forgfältigfte  unb  üorftditigfte  Se= 
l^anblung.  ©einer  Dktur  nac^  ift  e§  öielbeutig,  unb  be)onber§  ift  man 
geneigt,  au§  ben  Duetlen  ber  erften  unb  äiueiten  ©ruppe  a  H  3  u  ö  i  e  I 
l^erQugjuIefen,  |ott>ie  fie  mit  (Setoalt|am!eit  unb  aäJillfür 
mit  ben  oft  nur  auf  lüäenl^of t en  unb  unjutierläffigen  58e= 
obai^tungen  beru:^enben  9tefultaten  ber  ett)nograp^tfd^en  5orfcf)ung 
in  Uebereinftimmung  ju  bringen,  ©erabe  an  folc^en  3^ef)Iern 
franft  bieSl^eorie  öon  bereut fte^ung  beö©runbeigen= 
t]^um§  in  bieten  tl^rer  Sl^eile.  ©inen  SSeleg  bafür  bieten  3.  23. 
bie  Srierfil)en  ©eböferfci)aften,  bie  §anffen  mit  Hnred;t  al§  SRefte  ber 
älteften  Slgrarterfaffung  auffaßte."  Sie  ©el^öferfcf^aften  finb 
ngrarififie  ©enoffenfc^aften  mit  ©efamteigent^um  am  gan3en  SSoben« 
beft^  unb,  auf  ©runb  üon  93erIofung,  mit  abttec^felnber  5Ru^ung  ber 
ßänbereien.  Sefonberä  on  ber  3)^ofet,  aber  au(|  fonft  im  6üben  unb 
2Beften  S)eutfd^Ianb§,  fanben  ftd^  foM}e  ©cpferfd^aften  üor.  Sampred^t 
(S)eutfc^e§  Sßirtfd^aftgleben  1 ,  451  f.)  toieä  nad^ ,  ba^  bie  ©e^öfer= 
fd^aften  erft  im  fpätern  SJlittelalter  entftanbene  grunbf)errlid[)e 
9leubilbungen  feien,  toa§  bann  §anffen  auc§  3ugeftanb.  (33gl. 
§anbto.  ber  ©taatäto.  III,  728  f.)  „Sfn  neuerer  3eit  fjat  5mei|en 
burd^  ba§  ©tubium  ber  ©emarfung§f arten  ber  Slgrargefd^id^te 
einen  neuen  Guellenfrei^  erfd;Ioffen,  —  ein  metl^obifdf)er  gortfd^ritt 
erften  9lange§.  Oft  freilidE)  ift  ber  ©rfinber  biefeö  genialen  2}erfabrenö 
in  ber  SJertoert^ung  ber  Clueücn  biefer  Slrt  3U  toeit  gegangen, 
inbem  er  au§  ii^nen  alljuDiel  l^erauälefen  3U  bürfen  glaubte,  unb 
mit  gutem  ©runbe  f)at  ßnapp  bagegen  ©infprud^  eri^oben,  inbem 
er  bemerfte :  ,§alten  tcir  bie  OueHenfreife  abgefonbert !  ©emartung§= 
!arten  jeigen  beutlic^  bie  Sage  ber  StedEer,  aber  bie  ßage  ber  2Jlenf(|» 
l^eit  gel^t  au§  anbern  Urfunben  l^eröor.'  (ßnapp,  ©iebelung  unb 
Slgraricefen  nac^  2t.  aJlei^en ,  in :  ©runb^errfd^aft  unb  ^Rittergut 
[Seip3ig  1897]  ©.  112.  SSgl.  ©.  ö.  Setom,  §ift.  3eitfc|r.  LXXVIII, 
471  ff.)  (£benfo  bürfen  toir  oud^  l^ier ,  too  c§  ftc^  um  bie  ßöfung 
be§  5ßrobtem§  ber  6ntftef)ung  unb  ber  ätteften  ©efd^id^te  be§  ©runb= 
eigent^umS   l^anbelt,   ouSrufen:   Ratten   toir    bie   öuettenfreife    ab« 


234    drittes  Kapitel.  S)a§  ^rbateigentl^um  aU  focialc  ^nftitutioti. 

be§  metifdillc^ert  6ulturle6en§  Bebedt ,  um  in  bem  ungemifjen 
©ämmerlid^te  einer  trüben  Ueberl'teferung  bie  fd^manfenben 
Hmriffe  ber  ölteften  3n[tituttonen  in  Staat,  9te(|t,  ©efeüf^aft 
unb  2Birt[{^a[t  [icf)  abjeid^nen  ju  fefien".  Dt)ne  bon  einem 
öfonomijclen  SntroidlungSfdiema  \\ä)  öoreinne^men  unb  ju  un= 
begrünbeten  Sßeraögemeinerungen  fic^  t^erleiten  ju  lafjen,  fängt 
er[l  in  neuefter  3^^^  ^ie  Soi^ftijung  an,  mit  größerer  33or[ic^t 
bie  5)3robIeme  ber  Urgefdjidjte  ifirer  Söfung  entgegenjufü^ren. 

2)ie  ©efi^idjte  ber  5Jlen[(^I}eit  beginnt  im  Orient.  2Bir 
be[i|en  äuberläii'ige  Seric^te  über  bie  älteften  S^ftanbe  bei  ben 
3§raeUten,  5(egt)ptern,  5(fjr)riern,  ^abl)Ioniern.  9^irgenb§  eine 
©pur  öon  tf)ieräf)nlid)em  Urjuftonbe;  nirgenb»  ein  5tn!^oIt§» 
puntt,  ha^  jene  33ö{fer  juerft  mit  ber  Sagb  [ic^  befdjäftigt, 
bann  a(§  5bmaben  fierumjogen,  bi§  [ie  enb(id)  5um  fe^fjaften 
5(derbaubo(te  geworben  unb  bie  pfjern  ©tufen  ber  Gultur 
emporgeftiegen.  5Iber  aud^  nirgenb§  ein  53emei»  bafür,  ta^i 
bor  bem  ^riöateigent^um  an  ©runb  unb  53oben  ober  an  ben 
SBertjeugen  ber  ^robuction  urjprünglic^  unb  überall 
ein  ge[elli'c^aft(i^e§  dollectiöeigent^um  beflanben,  an^  beffen 
5luf(öfung  er[t  ha^  ^riöoteigentrjum  [ic!^  gebilbet  fiätte.  Sm 
©egentt)ei(  erjä^It  bie  33ibel  bereits  Don  ^ain,  ba^  er  5Ider=: 
bou  getrieben,  eben[o  öon  5Roe^ 

3meitou[enb  ^otjre  Dor  61}ri[tu§  !au[t  5Ibraf)am  um  ben 
^rei§  bon  400  ©etet  ©tlber§  bon  @pt)ron,  bem  ©o^ne  ©eor», 
eine  5lderflur  al§  ©rabftätte^.   2)er  ^atriard;  ^aloh  ermirbt 

gejonbert!  §üten  toir  ijn§  Oor  itnb  ereilt  igt  er  unb  übereilter 
5lnit)enbinig  ber  t)erglei(|enben  SDlet^obe!  5>or  altem  aber 
ntüffen  tüir  unfer  Slugenmerf  barauf  rid^ten,  bofe  loir  nic^t  bem  5Pro= 
bleme  felbfi  eine  allju  allgemeine  imb  aitögebel^nte  3^af jung 
geben.  Senn  in  Söat^rl^eit  äerfaüt  ba§  attgemeine  Problem  ber  @nt= 
ftel^ung  be§  ©runbetgentl^ums,  tocnn  anber§  man  ju  fidjern  9fle|ullaten 
gelangen  toitl,  in  eine  Unjaf)!  üon  ©injelproblemen:  e§  gilt  be= 
fonberS  für  jebe  !Raffe,  für  jebeg  SSoIf  bie  ricf)tige  ßöfimg  ju  finben." 
»  1  5mof.  4,  2;  9,  20  «  g^j).  23,  15  ff. 


3.  Ulfpr.  b.  ©igent^ums  nod^  b.  baitei.=foc.  ©öoIutionötfieoTif.    235 

fäuflid^  in  ber  dUt)z  ber  ©tabt  ©alem  um  ^unbevt  Sommer 
ein  ^^elb ,  mo  er  [eine  ^ük  auffc^üig  i.  ®tiüa  fünfljiinbert 
^a^re  fpäter  mirb  biefer  5lc!er  ber  ererbte  iöefit^  ber  9tad^» 
fommeu  ^Q!ob§  genannt  2. 

lieber  5(egi)pten  berietet  bie  53ibet,  ha^  jur  ^t\t 
Sofepf)»  bie  ?Iec3^pter  in  ber  ^ungerSnotl)  i()rea  priüateu 
@runbeigentf}um§  [id)  entäußerten  unb  hin  33oben,  ber  bi§ 
batjin  ben  einzelnen  at§  freie»  ©igen  get}ört  ^atte,  nunmetjr 
öon  ^t)arao  al§  Se^en  jur  ^Bebauung  erl)ielten^.  S;ie  be= 
beutenbften  5leg^pto(ogen ,  mie  Tix.  ^\xä),  @b.  ^Jce^er,  5)k= 
[pero,  Senormant  u.  a. ,  ftimmen  ferner  barin  überein,  baß 
um  baa  Sa^r  3000  üor  ßf)ri[tu§  in  5(egl)pten  ^riüatgrunb= 
eigentfjum  im  meiteften  Umfange  beftanben  ^aht. 

3.Ba§  5(fft)rien  unb  53abl)(onien  betrifft,  fo  betoeifen 
bie  burd^  ©eorge  ©mitf;,  Cppert,  Saijce,  Reifer,  ©traß= 
maier  u.  a.  mitgett^eilten  5ßerträge,  beren  Originale  im  53ri» 
tif d)en  5)^ufeum,  im  Cabinet  des  Medailles  ju  ^ari§  unb 
im  berliner  ^Jlufeum  fic^  befinben,  für  bie  älteften  3^iten 
beiber  33ölfer  ben  33eftanb  be§  ^riüateigentljunia,  fo  jn^ar, 
baß  überfiaupt  gar  feine  ©pur,  gar  fein  pofitiüer  5(nl;alt§« 
punft  für  bie  ^Innaljme  eine§  nod)  frül}ern  6oIIectiöbefi|e§  an 
©runb  unb  Soben  bor^anben  ift, 

(Sbenfotüenig  erfreut  fid)  bie  S3ef)auptung  ?(.  ü.  $ai't= 
I)aufen§,  bem  @mi(e  be  Saüeteije  beipf(id)tet ,  ber  Ijiftorifdien 
^ereci^tigung  unb  Segrünbung:  ber  tjeutige  ruffifc^e  Tl'xi 
fei  ber  „Ueberreft  eine§  ,altf lobif d^en'  5tgrarcom= 
muniSmuö".  2)er  ruffifd^e  „^iir"  ift  eine  grunbbefi^enbe 
©emcinbe.  6»  unterliegt  nun  Ijeutjutage  nac!^  grünblid)en 
(^orfdjungen,   inSbefonbere    '^of).   b.    ^eußlera*,    feinem 


1  1  mo].  33,  19.  2  c^o|    24,  32.  »  j  gj^py  47^  ig  ff. 

*  3ur  ©efd^id^te  unb  firiti!  beä  bäuerlichen  ©emeinbebefiljcä  in 
ÜlufelQub.  4  58be.  D^iga  unb  St.  ^Petersburg  1876—1887.  —  ^ferner 
Stob-   0.  ßeu^Ier,    S)ev    Wix ,   Slrtifel   im   ^anbloörterbud)    ber 


236    Sritteö  ^Qpitet.  2)aä  ^ßriöateigentl^um  aliS  feciale  ^nftitution. 

3tüeifel,  ba^  ber  ®emeinbe6e[{|  be§  W\t  erfl  im  17.  So^t« 
l^unbert  ent[tanb.  2!ie  sum  Wix  getjörigen  SSouern  tooren 
Seibeigene,  ©ie  mußten  ben  SSoben  i^re§  ®ut§^enn  Befteflen. 
S)atieben  erhielt  ber  W\x,  gegen  befonbere  5lbgQben  an  ben 
f)errn,  bon  biefem  ©tunbftücfe  ü6ettt)ie[en,  tt^elc^e  bon  ber  ®e= 
ineinbe  befeffen,  unter  bie  einzelnen  niännlicf)en  ©lieber  ber 
©emeinbe  ^eriobi[(Jö  jum  Einbau  auf  eigene  9te(^nung  ber= 
t^eilt  tourben.  5I(§  nun  im  ^aljxz  1861  bie  Seibeigenf(^oft 
anö)  für  9iu^(anb  befeitigt  mürbe,  blieb  jener  bi§  ba^in  im 
ßoHectibbefi^  be§  W\x  befinblic^e  Soben  biefem  nunmeljr  al§ 
freies  (gigent^um.  2)ie  ©emeinbe  aber  warb  bem  ©taate  gegen» 
über  folibarifd^  fiaftbnr  für  alle  öffentIi($=re(^tU(i^en  3fi^fun9en 
unb  Seiftungen  ber  ©emeinbeglieber,  wie  [ie  öorbem  für  bie 
grunbf)errlicf)en  5lbgaben  folibarifc^  haftbar  gemefen  ^  Sn  ber 
3eit  bor  bem  17.  ^a^r^unbert  finb  in  Otu^Ianb  nur  freie 
Säuern  unb  mirflidjc  ©Haben  befannt^.  „^ie  5ßauern  aber, 
fomeit    fie  nid^t   auf  eigenen  ©teilen   fa^en,   erfc^einen   al§ 


©toatStoiffenfc^aften  IV  (Qena  1892),  1185  ff.  —  ©fienbafelBft  Slug. 
Smei^en,  Slttifel  „^elbgemeinfc^aft"  III  (3ena  1892),  370  ff.  — 
(Sbenfotoenig  tote  ber  ruffif(f)e  Wix  füf)it  fi(|  ein  in  ©ro^  =  iPoIeu 
öortommenber  ©emeinbebefi^  auf  bie  ftaöifd^e  SSoräeit  unb  urfprüng» 
licEieS  6:olIecttöeigentf)um  junicf.  ^m  ©egent^eile  entftammt  biefc 
6inrtcf)tung  nad^toeiSbar  ber  fpätern  3eit.  ®er  S3oben  geprte  einem 
©runbf)errn ,  beffen  ßeibetgene  bie  ©emetnbeglieber  toaren.  ®a  bie 
©emeinbe  atö  ©efatnttiett  i^rem  §errn  für  bie  Stbgaben  Ijaftbar  toar, 
fo  üert^eilte  fie  ben  SBoben  unter  bie  einjelnen  ©lieber  nai^  ber  !S(x'iil 
be§  3ii9öic'^6^»  über  toel($e§  jeber  Verfügte,  ©ö  toar  alfo  me^^r  eine 
Saftenüert^eilung  je  na^  ber  £eiftungöfäf)igfeit  ber  ©emeinbeglieber. 
Iteberbieg  tourbe  nic^t  ba§  6ot(ecttüeigcntl)um  ber  ©emeinbe,  fonbern  baS 
5Prit)ateigent:^um  be§  ©runb^errn  öert^eilt.  Sßgl.  SOtei^en  o.  a.  O. 
©.  372.  —  5Reuerbtng§  ©tmII§otoitf(§,  g^elbgemeinf(iiaft  in  9lufe= 
lonb.    Sfena  1898. 

^  Cf.  M.  F.  le  Play,  La  röforme  sociale  en  France  III  (Tours 
1874),  449  sqq. 

2  Smeifeen  a.  a.  ß.  ©.  371. 


3.  Urfpr.  b.  ©tgentl^umS  nad^  b.  barto.'foc.  ®üolutton3tl^eorie.     237 

^öd^ter  auf  ben  |)öfen  be§  Omaren,  ber  S^'n^t  ober  beS 
mer§."  1 

Steuer  als  ber  rujfifcle  W\x  —  ber  6oflectiübe[i|  ber 
©emeinbe  —  i[t  ber  gamilienBefi^  bei  tm  ©übf toben,  in 
«Serbien,  Kroatien  unb  DJiontenegro,  baS  ©emeineigent^um  ber 
t^amiUengenoffenft^aften  („©abrugQ")2,  toelc^e  511= 
raeilen  mehrere  ©enerationen  umfaßten.  S)ie  SSortf^eile  einer 
gemeinfamen  Bewältigung  ber  9latur  bei  ben  erften  3fiobungs= 
arbeiten,  ber  größere  ©diuf;  Dor  h)i(ben  Spieren  unb  bor 
t^einben  mag  5U  biefen  t^amilicngenoffenl'c^often  ben  5tnla| 
geboten  l^aben.  Sennoc^  ^ebt  ö.  ^eu^Ier  ^erbor,  ba^  bie 
23ebeutung  ber  „©abruga"  als  flaöifcber  ober  toenigftenS  als 
füb|Iat)i[(!^er  nationaler  (Sigent^ümlic^feit  bielfac^  überfcbä|t 
toerbe.  „@S  i[t  biefe  burcbauS  nic^t  bie  einzige  3lrt  beS  25ei= 
fammenlebenS  bei  biejen  8Söl!ern;  benn  feit  alters  befielen 
Ijier  aucb  ©insetfamilien  (Snofofd^tina),  erft  fürälic^  bon  95.  S3o= 
gifd^itjc^  n)i[fenid)aft(idb  burdiforfcbt.  (5S  fetzten  nod)  Unter» 
fuc^ungen  barüber,  ob  baS  5Intt)ad)[en  ber  Snotofdjtina,  biefeS 
(Smbrl)oS  ber  ©abruga,  ober  baS  be[tänbige  5(uSeinanber= 
fallen  ber  ^^^amilie,  fott)ie  ber  @o^n  heiratet  2c.,  baS  ®e* 
njöljnlic^fle  ift  bejtö.  toar  .  .  .;  immerhin  ift  eS  erliefen, 
baß  bie  (Sinselfamilie  nii^t  als  ^luSnafjme  gelten  fann  unb 
feit  alters  befielt."  3 

S)ie  Gelten  in  Stianb  lebten  bis  inS  7.  Sa^r^unbert 
unferer  S^i^^^c^^u^S  i"  |)irtentt)irtf(^aften  bon  fe  16  ^a= 
milien  böüig  communiftif(^  Sufammen,  5ns  jcbodb  bie  ^lane 
wegen  ber  waci^fenben  2Sol!Smenge  jur  feften  ?lnfiebelung 
f(^reiten  mußten,  fo  geft^al;  bieS  nicfit  etwa  in  Dörfern,  fon= 


>  gjtei^en  a.  a.  D.  6.  370. 

2  @6b.  @.  1186.  —  „©abruga"  ift  bie  namentlid^  in  ©erbien 
üorfommenbe  iJamiliengenDffenfd^aft  mit  ©etneineigentfium  alter  fja= 
milienglieber  am  Samilienbefi^. 

*  §anbtoörterl&ud^  ber  ©taatötoiffenfc^aften.   2t.  q.  D.  ©.  1186. 


238    S)ntte§  ßat)itel.  ®a§  ^riöateigentl^um  aU  feciale  ^nftttution. 

bern  in  ©injel^öfen,  ben  fogen.  Säte»,  tüeld^e  bie  SBirt« 
f(iÖaft§=  unb  SJBol^ngebäube  nebft  ben  bnju  geprigen  Sänbereien 
umfaßten.  S)a§  inbibibuefle  ^priöateigentljum  an  ©runb  unb 
S3obcn  entftet)t  ^ier  aI[o  fogleid)  unb  unmittelbar  mit  bcm 
Uebergang  bon  ber  2Beibett)irt|c^aft  jum  fe[ten  5Inbau.  2Benn 
jenen  3;ate^,  bie  qI§  gei'd}Io[jene ,  burc!^  |)eden  ober  ©röben 
begrenzte  ©injetbeplungen  fic^  barfteüen,  übevbie§  no(i^  ge= 
mein[ome§  Sonb  juftanb,  fo  lag  e§  meift  in  ben  entferntem 
©ebirgen  unb  Sümpfen  i. 

SJiond^e  ^^orfc^er  [inb  ber  5(nficf)t,  auc^  bei  ben  alten 
©ermanen  fei  ba§  6oIIectibeigent()um  lange  ^nt  bie  au§= 
fd^Iie^Iic^e  gorm  be§  Sobenbefi^eS  gemefen.  S)tefe  5luffaffung 
bebarf  jeboi^  einer  gemiffen  5öefd)rän!ung  unb  (Srflärung. 
Öin  eigentli(^e§  ^ribateigent()um  an  ber  @rbe  wirb  fid^  Bei 
SSanberböüern,  b.  1^,  jur  !^dt  ber  SSanberungen,  ol^ne 
3n)eife(  nid^t  au§bilben  fönnen.  Solange  alfo  bie  germani= 
fc^en  33ö(ter  nod^  !eine  feften  2ÖDl§nfi^e  gewonnen,  folange 
fic  in  raf(^em  Söed^fel  ifjren  Stanbort  beränberten,  gab  e§ 
toeber  ein  bauernbe§  ©runbeigentljum  be§  @tamme§  noc^  ber 
©tannngenoffcn.  Surcl)  gemeinfc^aftüd^en  ^ampf  bon  ber 
ganzen  33öl!erfd^aft  erobert,  gemiffcrmo^en  bie  ^^rudit  gemein« 
famer  5Inftrengung ,  unb  immerfort  gegen  t^-einbe  ju  ber= 
tf;eibigen,  blieb  tta^  2anb  ungetljeilt.  ©o  f($ilbcrt  nod)  ßäfar 
bie  2)eutf(^en  al§  SBeibenomaben.  2)ie  33orne^men  fud)ten 
fogar  anfangt  im  Sntereffc  ber  ^rieg§bereitfd)aft  mit  ofler 
^raft  ein  iHnföffigmerben  ber  2Soll§maffe  ^u  berljinbern.  |)öd^= 
ften§  mürben,   mie  bie§  aud}  bei  anbern  SBeibenomaben  ge= 

'  Serattige  gemeinfd^aftlid^  Befeffene  aSiefengrünbe  ober  fpäter 
cultiüirte  Deblänbereien  tourben  bann  meift  in  eine  !Reif)e  einjelner 
(Stüdte  äerlegt,  beren  S3efi^  regelmäfeig,  3um  S^eit  jäl^rlid^  »ed^fclte 
(„9lunbalnyt)[tem"  ober  „3fiunttgf^ftem").  S3gl.  ajtei^en  a.  a.  £>. 
©.  372.  931atne,  ©omme  unb  ©eeboi^m  l^aben  fi(^  um  bie  ®rforfd^ung 
be§  91unrigft)ftemö  bemU()t. 


3.  Uvipr.  b.  ©igenttjumö  naä)  b.  bartü.=foc.  ®DoIutton§tl§eorie.     239 

fcfia^,  öereinselt  5tecfer  befteHt;  unb  ätüor  tüoren  e§  nad^ 
6äfar§  53erid)t  bie  Surften,  toeld^e  'ba^  fßoü  ^ur  Ue6ernaf)me 
\oi6)tx  5Irbeiten  stüangen,  ebenfo  tüie  jum  93erlQffen  bea  5ßoben§, 
tüenn  ein  neue§  ©ebiet  jum  2öol^nfi^e  gett)ä^It  mürbe  i.  5111ein 
auf  bie  ©Quer  fonben  bie  an  3^^^)^  ttJQci^ienben  Stämme  bei 
bem  ^bmobenkben  ni(tt  genügenbe  unb  [id^ere  9^Qf)rung. 
9J?Qn  fd^ritt,  jum  2;f}eil  Don  ber  3^ot^  gejlüungen,  jur  feften 
5In[iebe(ung ,  bie  [ic^  im  5tnf(^Iu^  an  bie  alte  militäri)dje 
Organijation  ber  «Stämme  unb  i§re  (5intf;ei(ung  in  „^unbert= 
fdiaften"  öon^og. 

2)a§  S)orf  bilbet  junäc^ft,  Dom  Eintritt  ber  ©e^^aftigteit 
an,  ba»  borneljmlid^fte  Gentrum  be§  2Birt]d^aft§betriebe»  ^.  Sn 
unmittelbarer  9tä^e  be§[e(bcn  befinbet  [id^  ha?)  5IcEerIanb,  weiter 
^inau»  bie  2BeibepIo^e,  meldte  aflmä^Iic^  in  ben  großen  2öalb= 
beftonb  ber  S)orfmar!  \\ä)  berlaufen  ^.  2Ba§  bie  (Sigent[}um§= 
öerf)äüni|je  unter  ben  beutfc^en  2)orfgeno[]en  betrifft,  fo  finb 
hierüber  bie  5Infic^ten  ber  ^^^orfdier  getl^eilt.  ^ajt^aufen, 
9tofd^er  unb  anbere  nehmen  für  bie  erfte  3eit  ber  5lnfiebelung 
nid)t  blo^  (Semeineigent^um  an  ®runb  unb  35oben  an, 
fonbern  überbie»  eine  periobifd^e  9ieut)ert^eilung  be§ 
2anbe§.  ^n  biefer  5luffaffung  roirb  jebem  gamiticnbater  ou» 
ber  gelbgemeinfd^aft   ein   gleiche»   5lcferIo§    jum   jeitmeiligen 


1  Caesar,  De  bello  C4allico  IV,  1 ;  VI,  22.  „Slrferbou  betreiben 
fie  tüc^t.  Sfi^re  5Ra^rung  befielet  äumeift  in  9JliId§,  ßäfe  unb  Ö^leifc^. 
i^einer  t)at  ein  beftimmteä  SDtafe  Sldferlanb  ober  eigenen  ©runbbefiij, 
fonbern  bie  Dbrigfeit  unb  bie  g^ürften  tceifen  immer  auf  ein  ^a\)V 
ben  ©tämmen  unb  ben  ©ippfc^aften,  bie  unter  fid^  äufammengefommen 
finb,  Slderlanb  on,  foüiel  unb  mo  e§  i^nen  gul  bünit,  unb  jtoingcn 
fie,  ba^  ^a^x  banai|  Qnbergü3oI)in  überjufiebetn." 

2  ®.  S.  ö.  SDlaurer,  ©ef(^iä)te  ber  ©orfDerfaffxmg  in  ©eutfd;» 
lanb  I  (erlangen  1866),  1.  40.  68.  —  2t.  Söagner,  Sel^rbuc^  ber 
polit.  Cefonomie  I  (ßeipjig  1886),  13. 

äßarlSamprec^t,  S)eutf(|e§  Söirifd^aft^Ieben  im  imitteratter 
I  (ßeipjig  1886),  13. 


240    33rittcS  Äapitel.  Sag  ^ßriöateigentiium  aB  fociale  Stnftitution. 

33e[{^  unb  jur  53enu|ung  übertüiefen.  ÜZeben  biefem  ber 
(äinäelnu^ung  unb  einer  gefonberten  53ett)irti(3^aftung  ^in= 
gegebenen  Steile  ber  3)Drfmar!  blieb  bie  eigentUd^e  5111= 
menbe^  nic^t  nur  im  ©emeineigent^um ,  fonbern  au6)  un= 
getljeilt  in  gemeinfamem  53e[t|  unb  @enu|.  @ie  beftanb  au» 
Söeibe  unb  SBalb,  ^Iu$  unb  <See,  enblici)  qui^  au»  ben 
innerl^alb  ber  get^eilten  DJlar!  üegenben  ^^etbern,  welche  un= 
angebaut  gelaffen  n)urben.  5tnfänglicö  fanb  ein  jä^rlic^er 
2ißed)fel  ber  5{cfer(ofe  [tatt.  Seber  S)orfgenoffe  l^atte  babei 
ätt)ar  ben  5lnfpru^  auf  gi^t^ei^w^Ö  ßine§  gleichen,  aber  nic^t 
eines  beftimmten  5l(ferIo[e§,  Salb  ^ier  balb  bort  tonnte  i^m 
fein  i^elb  angeroiefen  werben.  S)er  häufige  SBec^fel  ber  58e= 
fi|er  jeboci^  öertrug  fid^  wenig  mit  ben  Stnforberungen  einer 
t)ö^ern  2onbcuItur.  3e  mefjr  ba^er  bic  3Birtfc^aft§tt)ätig!eit 
an  33oII!ommen^eit  gunimmt,  ie  ftörfer  bie  i)erfönli(f)e  SIrbeit 
bei  ^efteüung  ber  nieder  in  ben  S^orbergrunb  tritt  unb  mit 
bem  2öad()§t()um  ber  Sebötterung  an  53ebeutung  gewinnt,  um 
fo  not^wenbiger  wirb  bie  bauernbe  9k|ung  unb  ber  bauernbe 
58efi^  am  5tcferIofe.  @§  mürbe  ba^er  ber  C^of  mä)  unb  nad^ 
ju  einem  fetbftänbigen  Söirtfc^aftacentrum  innerfjalb  ber  freien 
5)orfgemeinbe  unb  neben  ben  ^offtätten  ber  übrigen  TlaxU 
genoffen.  2)ie  5Irbeit  brüctt  bem  üon  je^t  an  bauernb  bon 
berfelben  Familie  befeffenen  unb  bemirtf^afteten  5(cfer  ben 
Stempel  ber  ^nbiöibualität  feine§  53ebauer§  auf,  uermäd^ft 
immer  mel^r  mit  beffen  C>ofe,  bi§  bie  Sßerbinbung  auc^  rec^t= 
tid^  al§  eine  unlösbare  anertannt  ift.  „5)ie  bem  ©runb  unb 
58oben  feft  unb  unberbrüc^lid)  eingezeichnete  «Sonbernu^ung 
ber  einjetnen  ^JJarfgenoffen  (jatte  gefiegt."^  SBö^renb  an 
Söiefe,   2BaIb  unb  2Beg  nod^  für  lange  B^it  ^ö§  @emein= 


*  Slttmenbe  ober  2l£(manbe,  fo  genannt,  toeil  fie  al§  ©emeintnarf 
atten  SJlanncn  gefiörte,  in  aßgemeinem  ©igentl^um  ftanb. 
«  ßamprecf^t  a.  a.  D.  ®.  285. 


ö.  Urfpr.  b.  eii}entr)umö  na6)  b.  bariü.^üc.  ßüoIutionStl^eoric.    241 

eigent^um  fortbeftefjen   follte,    \üax  'ba?>  3IdferIo§  i  511m  (Srbe 
ober  (Sigen  gcirorben. 

3)a§  alleä  Hingt  fe^r  plaufibel.  5Iber  ba§  Bid^tigfte 
fcf}It:  eine  genügenbe  Ijiftorijc^e  Unterlage.  5Iu§  bem  Um= 
[tanbe,  baB  öieüeic^t  in  Snbien,  ßfjina  ober  5Imerifa  [id^  53ei= 
fpiele  öfjnlic^cr  5(grarDcrfa[fung  mit  periobi)c^en  5tu»Iofungen 
be§  ©emeinbeplea  aufraeifen  laffen,  folgt  nD(^  feine§n3eg§,  bo^ 
ein  gleiches  bei  ben  (Sermanen  [tattgefunben  !^at.  5tod)  weniger 
fann  man  [ic^  auf  bie  ©emeinbeöerfaffung  be»  ru)[if(^en  Wix 
als  ein  5tnaIogon  berufen.  5)enn  e§  ftanb,  mie  oben  au§= 
geführt,  ba§  bem  5)?ir  geprige  Sanb  uri'prüngfid)  im  ©igen» 
tfium  eine»  einjelnen  ©runb^errn,  bem  bie  (äemeinbe  ata  folc^e 
für  alle  5Ibgaben  haftbar  mar.  S^arum  lag  e§  fjier  benn  aut^ 
im  ^ntereffe  ber  ©emeinbe,  eine  33ert^eilung  biefe»  SSoben§ 
je  nad}  ber  tred^felnben  Seiftungäfü^igteit  ber  einjclnen  gtt= 
milien  t)on  3^^^  ju  3?^^  borjune^men.  Sntfrfieibenb  aber  ift, 
ha^  bie  äfteflen  bcutfd^en  9^e(^t»queIIen,  bie  fogen.  33oIf»rec^te, 
inabefonbere  bie  lex  Salica,  feinen  5(nl)alt»pun!t  bieten  für 
bie  5Innaf)me,  iia^  jmifcl^en  bem  5?omabent^um  unb  ber 
feften  ©iebelung  mit  ^riüateigent^um  am  33Dben  bie  periobijd^e 
9?euöert^eilung  be§  Sanbe»  eine  befonbere  Stufe  ber  ßnttüicf» 
(ung  öom  ©efamteigent^um  jum  ^riöateigentfjum  gebilbet  i)ahi. 
„^ie  35oIf§gefe|e  bejeidinen  bie  5(nfiebclungen  al»  oon  @e= 
f d^Ie^tagenoffen ,  bon  consanguineis ,  cognationibus ,  fara- 
mannis,  begrünbet  unb  bemo^nt.  <5ie  benennen  biefe  S3e= 
n^o^ner  auc^  commarcani  ober  \äcini,  laffen  erfennen,  ba^ 
beim  erbtofen  5lbfterben  eine»  ber  ©enoffen  fein  @ut  ber  @e= 
noffenfcbaft  anheimfällt,  fpre(i)en  i^nen  ha^  9iec^t  ju,  bop  o^ne 
i^re  (SinmiHigung  feiner  ber  ©enoffen  fein  (Sut  gonj  ober 
tljeilmeife  einem  auswärtigen  3utDanbernben  überlaffen  barf. 


1  aSon  biefftn  feinem  Itrfprung  foff  ba5  ©igen  ben  IJiattten  „Slllob* 
(ein  Sog  ober  Sosgut)  bel^aüen  I)aben. 


242    ®ritte§  Äopiter.  S)a§  ^riöatetgent^um  aU  fociale  ^iiftitution. 

S)ie  ©enoffen  6c[i|en  ebenfafl§  gemeinfame  SSölber  unb  SSeiben, 
unb  e§  gibt  5l(f erfditäge ,  in  lüclc^en  mehrere  ober  aQe  ber= 
felben  mit  ©runbpcfen  betfjeiligt  [inb.  Iber  ba^  ein  t)ou 
bem  einjetnen  9lact)bar  befteötel  ©runbpc!  nic^t  in  [einem 
[e[ten  unb  bauernben  ^e[i|e  [le§e,  [onbetn  gelegentlid)  tüieber 
abgetreten  merben  müfje  ober  in  beftimmten  ^erioben  neu  t)er= 
Io[t  werbe ,  baöon  [priest  !eine§  ber  ©efe^e.  5Uid)  bei  ben 
njenigen  borouf  gebeuteten  Stellen  lex  Salica  27,  15,  17, 
23  unb  74  Extrav,  i[t  bie[e  5luffQffung  o^ne  3^^i^n9  "i^ibt 
möglicb  unb  gegenüber  ber  fonftigen  33el)anblung  be§  ®runb= 
eigentf)um§  unb  feiner  23eräu^erlicf)feit  unjuläi'fig."  ^ 

2Bir  tüerben  alfo  annefjmen  muffen,  ba^  bie  (Sermonen 
toie  fie  nod)  ®efd)(ed^tern  im  |)eere  georbnet  maren,  jtüar  an^ 
gefd)(e(^termeife  in  ben  @ouen  firf)  anfiebelten,  boS  Sanb  ge= 
meinfom  in  53efi^  nahmen ,  biefe§  bann  aber  a(§ba(b ,  fei  e§ 
burc^  ba§  2o§  ober  auf  anbere  SBeife,  jum  großen  S^eil 
unter  bie  gamilien  bert^eilten.  ^ebenfalls  befte^t  jur  3^1* 
ber  33on§red^te  bei  ben  beutfd)en  ©tämmen  unüerfennbar  ein 
f(ar  ausgeprägtes  föigentrjumSredit  ber  f^amilien  am  |)ofe  mit 
bem  baju  gehörigen  51derlanbe,  ber  fogen.  |)offtötte2.  ®a= 
neben  finbet  fid)  bonn  nod)  ba§  ©efamteigent^um  ber  ^axh 
genoffenfdiaft  am  ©emeinbetanbe  ber  ©emorfung,  bem  gegen= 
über  bie  einjelnen  nur  ein  5?u^ung§red^t  befi^en  !onnten  ^.  — 


1  2Jlet^en  a.  a.  D.  ©.  377. 

2  Sßgl.  Sfnaina  =  @ternegg,  S)eittf($e  Sißtvtycöaftägefd^idjtc  16t§ 
3um  ©cfilufe  ber  ^arolttigcrperiobe  (Seipjig  1879)  ©.  92  ff.  100.  — 
2ßax^,  aSerfaffung  be§  beutfe^en  35oI!e§  (3.  2Xuf{.)  ©.  124. 

^  x^nx  bie  3Inna^:ne,  bofe  bei  ben  alten  ©ermatten  bie  i^elb= 
gemeinfcfiaft  im  tueiteften  Umfange,  fogar  mit  periobifc^er  5Reu= 
öertl)cifung  beä  2lclerlanbe§ ,  beftanbcn,  beruft  man  ftcf)  öielfac^  auf 
Tacitus,  Germania  p.  26.  Snbeffen  bieten,  toie  3Jlei^en  (a.  a.  D. 
©.  878)  ^eroor^ebt,  bie  wenigen  Sßorte  be3  SacituS  nur  eine  ßon« 
jectur  „ouS  einer  faum  üerftönblic^en  Seäart  unb  enthalten  im  beften 
fjalte  eine  burd^auä  nnbeftimmte  5!lnbeutung".   —  Sargun    (Ur= 


3.  Uvf^:ir.  b.  ©igentl^umS  nad^  b.  barto.=foc.  ©üoIutionStl^eonc.    243 

7.  Ueber  ben  (SonimuniSmuS  älterer  @efenfc^aft§ftufen 
i[t  in  neuerer  ^nt  fo  biel  gefc^rieben,  aber  aud)  fo  biet  pt;an= 
tafirt  tüorben,  boB  e§  ntd^t  feiten  fc^lrer  Serben  nmg,  ätt)ifc^en 
SÖQ^r^eit  unb  ^ici^tung  auf  biefem  ©ebiete  riditig  ju  untet= 

ft)riing  unb  @ntUitcEhnig§gefdötd^te  be§  @igentl^um§",  in  ber  Seitfi^i^ift 
für  »erglel(f)enbe  IRed^tStoiffenfc^aft  1884  V,  1  ff.)  nimmt  an,  ha^  auf 
ben  ätteften  ß^ulturftufen  bereite  inbioibuetfe^  ©runbeigentl)um  Bc= 
ftanben  tjobt,  unb  bafe  ba§  üermeintlic^e  ®efamteigentf)um  in  ben 
Slnfängen  ber  ©ntairffung  me'Eir  eine  %xt  Bon  ©ebietSl^oI^eit  ge= 
toefen  fei.  2Iu(§  §aIBan  =  95IumenftodE  (Sntfte'^ung  be^  beutf($en 
3tmmobi(iareigent^um§.  99b.  I:  ©runbfagen  [3nn§16rurf  1894],  <B.  4 
u.  f.  ID.)  fennt  nur  eine  S3oben!0of)eit  be§  93otfe§  neben  bem  ^x\= 
biötbualeigen;  übrigens  beftreitet  er  bie  9JlögIi(^!eit,  qu§  ben  Oueöen 
über  ben  6:^Qra!ter  beä  S3obenre(f)te§  in  ber  Urjeü  eine  böüig  fitfiere 
ßenntni^  ju  gewinnen.  $Iß.  Slöitti(|  (3)ie  ©runbberrfe^oft  in  5Jlorb= 
toeftbcutfdirQnb  [ßeip^ig  1896] ,  Slnlage  VI :  Heber  ben  ltrf)3rung  ber 
©ro6grunbl)errf(f)Qft,  ©.  104)  glaubt  annehmen  ju  bürfen,  bafe  läjon 
in  ber  Hrjeit  in  3)eutf$ranb  bie  ©runbberrf($aft  entftanben  fei.  ®ie 
freien  Seutfd^en  feien  Meine  ©runb^^erren  getoefen,  für  toel($e  bie 
unfreien  SBauern  bo§  fjelb  befteöten.  iltiinüä)  ift  bie  Sluffaffung 
afiidiarb  §ilbebranb§  bejüglid)  ber  altgermanifd}en  ©tönbe=  unb 
3Igrartierfaffung  (9fte$t  unb  ©itte  auf  ben  öerfcfiiebenen  JtiirtfcE)aft= 
ti$en  ßulturftufen.  ^sex\a  1896).  ©anj  attgemein  beftreitet  §ilbe= 
branb  bie  §frrf(fiaft  be§  communiftif c^en  ^ßrincipS  im  SInfange 
ber  öfonomifd^en  ^ntmictfung.  3lber  auä)  öon  einem  priüaten  ®runb= 
eigent^um  fönne  ba  feine  9tebe  fein,  fonbern  Iebigli(5  Don  einem 
3lec^t  ber  (gtamme§genoffen  auf  ba§:  ©ebiet,  öon  einem  9le(f)te,  35oben 
in  93efi^  5U  nefimen  unb  ^rücfite  barau§  ju  sieben.  DJlan  mag  ben 
©rflörungen  unb  tiofitiüen  S)arlegmigen  .^ilbebranbg  in  Dielen  StüdEen 
bie  3uftiotmung  üerfagen,  jebenfaܧ  ^ai  feine  (Sd)rift  gur  erneuten 
Prüfung  ber  l^errfdfienben ,  bem  ltrcommuni§mu§  günftigen  Sfieorie 
ongeregt.  —  2ßa§  fd^Iiefetic^  3nama  =  ©tcrnegg  (®eutf(|e  3Birt= 
f(^aft§gef(iii(i^te  I,  96  f.)  unb  fünftel  be§  ©oulangeä  (Hist.  des 
institutions  de  l'ancienne  France.  Tome  IV.  Paris  1889)  betrifft,  fo 
begnügen  biefe  fic^  bamit,  ba§  ©efamteigentbum  bei  ben  S^ronfen 
für  bie  3fit  nad)  ber  Sfneafion  ©atlien§  3U  läugnen.  (S3gl.  ijelij 
3fiad^fof)I,  3a^rb.  f.  ^Rationalof.  u.  ©tatift.  3.  g^otge.  23b.  XIX, 
§eft  1,  ©.  12  ff.) 

^i\ä),  SiberaU§inu§  u.   II.  2.  Stufl.  12 


244    3)ritteä  ßapttel.  ®a§  ^rtöateigentfium  aU  jociale  ^nftitution. 

f(f)eiben.  Um  fo  tüof)It^uenber  berührt  e»,  tüetm  namhafte 
©ele^rte  biefen  ©egenftonb  otjne  95oreingenommen^eit  unb  mit 
ber  erforberlidien  fcientifi)(f)en  5Iu§rüftung  in  Eingriff  nel^men. 
@§  i[t  ba^er  ni(f)t  bloß  bie  Srgönjung  be§  5U  befianbelnben 
@toJte§,  meiere  töir  erftreben,  fonbern  me^r  noc^  bie  5(6[ic^t, 
an  einem  concreten  5öeif|)iele  §11  jeigen,  wie  weit  man  bom 
lt)i[fenj(f)nftlic^en  ©tanbpunfte  au§  ber  (SnttDidlungSlel^re  ent= 
gegenfommen  !ann,  —  inbem  mir  f)ier  33e5ug  nefimen  ouf 
9lobert  ^öf)Imann§  „©efd^ic^te  be§  antuen  (Kommunismus 
unb  ©ocialiSmuS". 

^öi^IniQnn  befd^ränft  im  er[ten  S9u(^c  be§  genannten  9Berfe§  feine 
Untexiucf)Uiigen  auf  §ella§.  „2Benn  felbft  bei  ben  ©ermanen  tro^  ber 
unfcfiä^barcn  $8eri(f)te  einc§  Säfar  unb  Sacituö",  fagt  er^,  „über  ba§ 
§aupt=  unb  ©runbproblem  ber  älteften  Stgraröerfaffung,  über  bie  i^rage 
na^  ber  ©ntftel^ung  unb  Sluöbilbung  beä  ^riüüteigent^umä  an  ©runb 
unb  SSoben,  ein  f  icfiereö  ©rgebni^  an§  ben  Ouetlen  nid^t  3U  getninnen 
i[t  unb  üielfac^  ©(^lüffe  nai^  ber  2tnaIogie  primitioer  ©efe[Ifc^aft§= 
juftänbe  überhaupt  bie  ftreng  ^iftorifcfie  23etoeiöfü^rung  erfc^en  muffen, 
lüie  biel  mef)r  ift  bie  äufeerfte  SSorfic^t  ba  geboten ,  too  bie  gefd^ic^t= 
liiS)t  lleberlieferung  eine  fo  ungleich  jüngere  ift."  SDlan  fann  bie  33cr» 
mut^nng  ttiagen ,  ba§  bie  §  e  11  e  n  e  n  juerft  nomabifierenb  in  if)re 
fpätern  2öol^nfi|e  gefommcn  finb,  t^re  erften  @inri{^tungen  in  ber 
neuen  §eimat  ben  Sebürfniffen  einc§  SCßanberöoIfe^  entfprecfjenb  ge= 
troffen  unb  fid^  nur  atlmöl^Iit^  3U  bauernber  ©ieblung  entfd^Ioffen 
ftaben.  Srifft  biefe  S3orau§fe|ung  3U ,  bann  lä^t  fi(f)  au§  bem  an= 
genommenen  nomabifirenben  2Sirtfc^aftöfl}ftem  auc^  auf  getoiffe  ©runb= 
formen  ber  ®igent^umä=  unb  ©efeflfc^aftgorbnung  jurücffifjUe^en.  3u= 
näcfift  mußten  begrenzte  Sßeibereüiere  gebilbet  unb  bemgemäB  oui^ 
bie  gerben  getbeilt  loerben.  Senn  ber  SSoben  lonnte  nur  eine  be» 
ftimmte  3ö^I  SJiel^  ernätjren  unb  aüju  grofee  §erben  ge'^en  nt$t  ju» 
fammen.  SBei  bem  ge](f)loffenen  iJamilienleben  ber  §irtenoötfer  ift 
anjune^men ,  ha^  bie  SÖeibereüierc  nad)  O^amilien  unb  ©ippen  t)cr= 
ttietit  würben,  fo  ätoar,  ba§  je  ein  5Heüier  at§  gemeinfameö  ©igentl^um 
be§  ©efd)Ie(5t§0eTbanbe§  galt,   ober  eä   galt,   U)enn  bie  SCÖeibercbiere 


'  ®ef(i)t(!^te    beö    antifen    ßommuniSmuö    unb    ©ojioIiiSmuS    I 
(ÜJlünd^en  1893),  3  ff. 


3.  Urfpv.  b.  Sigent^umS  nod^  b.  barto.»foc.  @DoIution§t^eorie.    245 

nBttec^yelnb  üon  ücrfd^iebenen  ©efc^Ied^t§t)erbänben  in  Söenu^ung  ge= 
nommen  tourben,  ber  ©tanim  aU  ©igent^ümer  beä  ganjen  ©tamine§= 
gebietet.  Sie  D^atur  biefeö  2Sirtfcf)a|t§i^ftem§  liefe  ein  bouevnbeg 
©igentl^um  be§  (Sinjelnen  am  ©runb  unb  Sßoben  inäjt  ju.  „(Sd)on 
Wegen  beä  unöermeiblii|en  aBec^felS  ber  ©ominer=  unb  SOöintertoeibe, 
meiere  bie  ©efamtl^eit  nötljigt,  bie  öerfcfiiebenen  ©trecfen  bc§  ©ebieteg 
in  feftcr,  ber  3fQl^re§3cit  angepaßter  Drbnnng  ju  be3ie:^en,  unb  loegen 
ber  ganjen  5trt  unb  SBeife  ber  23obenbe[teünng ,  wie  fie  eine  mitbe, 
bie  gefamte  anbaufähige  gflädfie  im  Sßec^fel  ton  ©aat  unb  Söeibe 
burd^jiebenbe  fyelbgraölpirtji^aft  mit  ficf)  brachte,  fonnte  man  biefe§ 
iSt)ftem  nic^t  burc^  ba^  Selieben  ber  ^nbiüibualmirtfc^aft  unb  ba§ 
toiHfürlid^e  Umfid^greifen  be§  ^rit)ateigent()um§  burdibrec^en  lafjen. 
®a3u  fommcn  bie  öufeern  Sd)n)ierig!eiten ,  mit  benen  ba§  33otf  auf 
bicfer  ßulturftufe  ju  fämpfen  l^atte.  ©egenüber  ben  ©efa'^rcn,  bie 
^ier  Don  ber  S^latur  für  bie  foftbarfte  §abe,  ben  Söiefiftanb,  unb  üon 
feinbli(^er  ©etoalt  für  ©jiftens  unb  Sfreibeit  bro^t,  tonnen  §irten= 
üblfer  bie  8i(^er]^eit  i^reä  Safein§  nur  in  ber  Sßereinigung  ber  ©in= 
seinen  ju  einer  ftreng  organiftrten  ©emeinfcf;aft  finben,  bie  fid^  bei 
ber  ©efc^Ioffen^eit  bes  ijQmitienlebenö  unb  bem  patriaic^atifd)en  3u= 
jc^nitt  be^  ganjen  S)afeinö  überljaupt  in  ber  9tegel  mit  einer  mcl^r 
ober  minber  communtftif(f)en  Sßirtfäiaft  öerbinbet.  ©emeinfame  95er= 
tf)eibigung,  gemeinfame  SBefabrung  ber  ©ommer=  unb  SÖinteriüeiben, 
meift  audfi  communiftifd^er  ®rlüerb  für  bie  ©enoffenfd^aft ,  commu=: 
niftifc^e  ßeitung  burc^  baö  ©ef(^Iec§tgober^aupt  ober  ben  ©tammeö= 
Ijäuptling  finb  bie  (i^arafteriftif(i)en  ^ÜQt  ber  ©ntwirflungSftufe ,  auf 
ber  toir  un§  mit  l^o^er  2öa:^rfc|einlid)!eit  auc^  bie  ätteften  Hellenen 
ju  beuten  baben.  @ine  gettiffe  communiftifc^e  Drganifation  ,  lüenig« 
ftenä  ba§  ^rincip  beö  ©efamteigentt)umö  am  ©runb  unb  Soben,  U)ürbe 
baber  auc^  für  §eCaö  alö  ber  2tuigang§punft  ber  focialen  @nttt)icf= 
lung  anjunebmen  fein,  luenn  auc§  bei  bem  Slnreij,  mit  bem  i^kt 
Soben  unb  ßlima  jum  bauernben  Stnbau  locfte,  unb  bei  ben  £(|toierig= 
feiten,  welcfie  bem  SRaumbebürfnife  einer  nomabifirenben  Sßirtfc^aft 
bie  orograpbifc^e  3ei-"ftücEeInng  bc§  Sanbeö  unb  bie  geringe  2tu§bebnung 
feiner  Sbenen  entgegenfteßte,  biefer  primitioe  guftanb  rafcf)er  übcr= 
luunben  inuibe  a(§  anberatto.  S^reilit^  muffen  toir  unä  bei  aüebem  ftet§ 
betoufet  bleiben,  ha%  e§  f\ä)  eben  biev  nur  um  Söa^rf  i5einlid^fcitö= 
ergebniffe  l^anbeln  fann,  ba^  bie  SSorouäfe^nng,  auf  ber  bie  ent= 
toidelte  ?lnfic£)t  berul^t,  eine  mef)r  ober  minber  'i}\)poti)tti'\ä)e  ift. 
Stüerbingä  ergibt  eine  5öerglei(f)ung  be§  ©ried^ifd^en  mit  ben  übrigen 

12* 


246     ®ritte§  ßapitel.  ®a§  ^riüttteigent^um  al§  foctate  ^nftitution. 

inbogermoniii^en  Sprachen,  ba^  fid^  unter  ben  urjeitlid^en  ^u§brüdfen, 
tüeld^e  ®igent^utn,  ^ati,  9iei(i)tlE)um  u.  f.  U).  Bejetd^nen,  feiner  beftnbet, 
tueld^er  fic|  auf  ©runb  unb  Soben  bejöge.  Stüein,  it)a§  für  bie  tnbo= 
germanifcfie  Urjett  gilt,  brau(i)t  ja  ni(|t  not^loenbig  aud)  auf  bie 
^eüenif(f)en  ©inaanberer  in  bie  33aIfan^aI6infet  suäutreffen,  unb  bie 
3[RögIi(f)f eit,  ba^  bie  biö^erige  ©prac^forft^ung  unb  Urgef(|i(^te 
eine  atläutange  g^ortbauer  nomabifd^er  ober  l^albnomabifc^er  3uftänbe 
5ei  ben  cinjelnen  inbogermanifc[}en  a^ölfern  angenommen  ^at ,  ift 
toenigftenä  nic^t  o^ne  toeitereg  abguletjuen." '  %U  fieser  jeboi^  gilt 
5pöl)lmann2,  baß  bei  ben  §etlenen  ber  Uebergang  jur  Dollen  ©efe= 
^aftigleit  in  genoffenfc^aftlic^er  Süßeife  erfolgt  fei,  unb  bafe  bie  enb= 
giltige  Sefiebelung  be§  Sobenä  nidjt  Sa(^e  beS  ©injelnen  getuefen, 
fonbern  ber  alö  ©emeinfc^aften  für  alle  ßebenää»uecEe  befte^enben  a}er= 
bänbe,  ber  ^Jamilien  unb  6ippen.  „®iefer  urfprünglid^e  3ufttinwen= 
l)ang  3lDii(^en  ©efdilec^töDerbanb  unb  bäuerlicher  3lnfieblungagemeinbe 
ift  bei  ben  oerfc^iebenften  inbogermanifd^cn  SJölfern  noc^  beutlid^  er= 
fennbor,  unb  loaö  insbefonbere  bie  ältefte  griec^ifc^e  ®orfgemeinbe  be= 
trifft,  fo  ^t  f(^on  2lriftoteleö  eine  urfprünglid^e  ^öerlDanbtfc^aft  ber 
©emeinbegenoffen  angenommen,  inbeni  er  fic^  u.  a.  mit  9le(^t  auf  bie 
me^rfac^  borlommenbe  23eäetd^nung  berfelben  alä  ijioyulay.—q,  (DJtil(^= 
öettern)  beruft  ^  Selir  treffenb  l^at  ferner  Slriftoteleö  im  §inblicf 
auf  btefe  urfprünglid^e  ^bentität  oon  ©emeinbe  unb  ©efc§lec^t§genoffen= 
f(|aft  ben  ©a^  aufgefletlt,  ba^  bie  SJerfaffung  ber  ©emeinbe  fid)  an= 
fänglic^  mit  berjenigen  ber  ©efd^led^tägenoffenfc^aft  gebedt  ^aben  muffe, 
bci'^  bie  ganje  ©emeinbeorganifation  urfprünglic^  eine  rein  patriar= 
c^alifdje  mar.  §aben  fi(^  bod^  au(^  bie  ütec^tsformen  bei  l^etlenifd^en 
Staate^  oon  Einfang  an  fo  enge  an  bie  ber  ijamilie  angeleljnt,  bo!^ 
ber  ©ippenüerbanb,  ttenn  au(^  fpäter  in  ber  ©eftatt  eineö  lünftlidl^en 
©t)ftcm§  fingirtcr  ©efd^led^tsüetterfdiaft ,  fid^  biä  tief  in  bie  gef(^id^t= 
lic^e  3«it  t)inein  alä  ein  toefentlic^er  ö«ftor  ber  politifc^en  Drbnung 
be^uptete."  Später  luurbe  bann  immer  me^r  bie  auf  ber  ©efdf)led^ter= 
oerfaffung  beru^enbe  Organifation  unb  ©int^eilung  be§  SJolleä  burd^ 
ba§  territoriale  ^rincip  burd^brocE)en.  äöie  aber  bie  ©efc^led^tö= 
genoffenfd^aft  als  bäuerlidbcr  Slnfieblunggüerbanb  urfprünglid^  bie 
Trägerin  ber  toirtfd^aftlidjen  unb  focialen  Organifation  beö  fefe^aft 
getDorbenen  SJolfeS  aar,  fo  ging  auc^  üon  i^r  bie  23eftimmung  über 


»  ^ö^lmann  a,  a.  D.  ©.  0  f.  ^  ^5^,.  (g_  7  |. 

3  5lriftoteleö,  ^olitif  I,  2,  7.  1252b. 


3.  Urfpr.  b.  ©igentl^umä  naä)  b.  barH).=foc.  ©ootutionSti^eorie.    247 

bie  2lrt  ber  Slnfieblung  unb  bie  SSertJ^eitung  öon  ©runö  imb  Jßoben 
aus.  „©rl^eblid^e  3iüeifef  ergeben  fid^  nun  aber  freilii^  fofort,  luenn 
toir  toeiter  fragen,  tote  unb  in  toelc^em  ©rabe  bie  ©ebunbenl^eit  beö 
©injelnen  burd)  biefe  ein^eitUiiie,  Don  bem  ©efül^Ie  innigfter  ßebenä= 
gemeinfc^oft  burd^brungene  ©enoffenfd^aft  in  ber  @igent:^umä= 
orbnung  sunt  SluöbrndE  gefommen  ift.  §at  bie  Slgrargetneinbe  on 
ben  gemeinu)irtf(f)aftlic^en  ßebengformen  ber  altern  2öirtfä)aft§ftufe 
fo  ftrenge  feftge^aUen,  ba^  fie  bie  aU  ©efamteigent^um  occupirte 
glur  aucO  ferner  v\oä)  aU  folc^e  be^anbelte?  §at  fie  ni(i)t  nur  an 
SÖßeibe,  2BaIb  unb  Oeblanb  bieä  genoffenftfiaftlid^e  ©efamteigent^um 
behauptet,  fonbern  aud)  am  SuUurboben  unb  bal^er  bem  ©injelnen 
nur  ein  öorüberge^enbeS  —  periobifd^  neu  geregelte^  —  9tu^ung§red^t 
getoäfirt,  au§  bem  fic^  erft  aHmä^Iid^  mit  ben  ftetgenben  Slnforberungen 
an  bie  ;5ntenfität  be§  3lnbaueö  unb  bim  äune^menben  (Streben  na^ 
inbioibueüer  ®rn)erb§felbftänbig!eit  baä  ©onbereigent^um  berau§= 
gebilbet  f)at  ?  2Bir  tonnen  biefe  S^rage  bocf)  nidjt  o^ne  iceitereö  mit 
ber  3uöerfi(^t  bejal)en,  loie  man  e§  nad^  einer  tceit  oerbreiteten  2tn= 
fid^t  über  bie  gefc^id^tli^e  ©ntwicflung  ber  SßirtfdfiaftSformen  tl^un 
mü&te.  ©0  jal^Ireid^  bie  communiftifc^en  3üge  fein  mögen,  bie  man 
in  bem  Slgrarred^te  ber  üerjcEiiebenften  Siölfer  nad^gewiefen  |at,  fo 
genügen  fie  bod;  noc^  ntd)t,  um  aud^  für  Sitten  ööHiger  ®efe= 
l^aftigteit  bie  Set)auptung  ju  red^tfertigen,  bafe  ,ber  ©oüectiDbefi^ 
üon  ©runb  unb  Soben  alä  eine  urgefd&id^ttidje  ©rfd^einung  Don  all= 
gemeiner  ©eltung  angefei^en  Serben  fönne'',  ober  —  tote  ein  an= 
berer  SJertreter  berfelben  &tic|tung  fid^  au^brüdEt-  —  ba^  toir  barin 
eine  .notl^toenbige  @nttoicftungöp:^afe  ber  ©efeßfdjaft  unb  eine  Strt 
üon  UniDerfalgefe^  erblicten  muffen,  toel^e§  in  ber  S3etoegung  ber 
®runbetgentl)umöformen  toaltet'.  ©iefeö  ,®efe^'  fann  al§  ertoiefen  nur 
infofern  anerfannt  toerben,  al§  mon  bobei  bie  erften  Slnfänge  toirt= 
fc^aftlid)er  ©uttoidElung  überhaupt  —  o^ne  Ülurffic^t  auf  bie  erreidE)te 
©tätigfeit  beö  Söol^nenS  —  ober  nur  einen  2 1^  e  i  I  be§  ©runb  unb 
5Soben§  im  Sluge  i^at.  2Benn  man  bemfelben  jebod^  eine  allgemeine 
©iltigfeit  aud^  für  bie  Seiten  OoUer  @efeC)aftigfeit  jufc^reibt  unb  3u= 
gleid^  für  biefeä  fortgefc^rittenere  ©tabium  o^ne  toeitereä  bie  iJort= 
bauer  be§  6oItectioeigentl^um§  auc§  am  !PfIugIanb   annimmt,  fo 


*  Maine,  Lectures  on  the  early  history  of  Institutions  p.  1. 
2  Lavelei/e,    De    la    propriäte    et    de    ses    formes    primitives 
(1891)  p.  2. 


248    ©titteä  ßopilel.  S)o§  ^riöateigentl^um  aU  Sociale  Snftitution. 

Berul^t  bog  tt)of)l  auf  einer  ju  frül^cn  9}etaögemetncrung,  teie  ft«  fi(% 
ja  6ei  ber  cinfettigen  Slntoenbung  be§  bergleiil^enben  S3erfaf)rcnö  letdEit 
einftettt.  2öir  üerfennen  ben  unfc^äparen  SBertt)  ber  üergleici^cnben 
101etr)Dbe  Ieineött)eg§.  ®a§  Sierfa^^ren,  tDeI(5c§  auf  ftreng  inbuctiüem 
SÖege  bte  unbefannten  3"pni5e  eine§  SSoIfeg  buxä)  ^M\ä)lü\\t  auä 
ben  befannten  Jßerpltniffen  Don  ßanbern  mit  öertuanbter  S3et)ölferung 
3U  erbeüen  fuc^t,  ftef)t  bon  öorn^erein  tüeit  über  ber  in  ber  2l[tcr= 
tl^um^lüifienfc^aft  ja  noc^  immer  üerbreiteten  2lrt  ber  ©ebuction  au§ 
üagen  allgemeinen  SSorftettungen ,  bei  benen  mau  bie  reote  2lnfd)au= 
ung  met)r  ober  minber  toermi^t ,  fomie  aucf)  über  jener  äufeerlidf^en 
9}erwert^ung  ber  geftfiriebenen  OueHen,  beren  le|te§  ©rgebnife  auf  ben 
<B(X^  {)inau§!ommt :  quod  non  est  in  fontibus ,  non  est  in  mundo. 
2Bir  finb  autf)  burdjauä  ni($t  ber  Slnfid^t,  bafe  ettoa  bie  Urfpr  üng= 
Itd^fett  beö  prioaten  @runbeigent|um§  bei  ben  antifen  3}ölfern 
irgenbtüie  ertoeiSbar  unb  bal^er  jeber  SJerfudf),  bie  Slnfic^t  öon  ber 
fefunbären  @nt[tel)ung  beSfelben  auö  ber  oEgemeiuen  toirtfc^aftlic^en 
Sulturgef (lichte  gu  begrünben,  überflüffig  fei.  3Iüein  toenn  toir  unS  bie 
aSerfd^iebcnartigfeit  ber  ©rfd^einungen  öergegeninärtigen,  bie  für  einen 
fold^eu  SBerfuc^  ju  ©ebote  [teilen:  bie  germanifdje  5elbgemeinf($aft, 
bie  Slgraroerfaffung  ber  inbifc^en  ®orfgemeinbe,  ben  ©emeinbecom= 
muniämuä  ber  Dftflaoen  (ben  ruffif(?^en  SQlir),  ben  i5amiIiencommuni§= 
mu§  ber  fübflaüifd^en  §au§gemeinfc^aft  unb  ben  6tammcommuniömu§ 
ber  feltif(f)=irifcf)en  ßlanüerfaffung  —  fo  toirb  man  fic^  iDobl  faum 
ber  §offnung  Ijingeben,  qu^  ber  grüüe  biefer  eigenartigen  focialen 
©ebilbe  eine  bei  allen  inbogermanifc§en  Slölfern  nat^  iljrer  Se§baft= 
toerbung  gleicEimä^ig  auftretenbe  Urform  ber  ©igentbumöorbnung  er= 
fc^Iie^en  ju  fönnen.  Siefe  ^Dlannigfaltigfeit  ber  ©ntlDidClung  geftattet 
für  SSöIfer,  bei  benen  bie  ©puren  ber  urfprünglic^en  2tgraroerfaffung 
fo  fel^r  öermifd^t  finb  toie  bei  ben  §etlenen,  bo($  gar  ju  öerft^iebene 
9tnnaf)men !  Sie  Sßergleii^ung  lä§t  un§  :^ier  einerfeitä  im  ©unfein 
barüber,  mit  tnelcfier  3^orm  ber  coüectioen  Sobenbenu^ung  biefe  SJolfer 
etma  begonnen  l^aben  mögen,  mit  bem  ©efamteigentl)um  beö  3^a= 
milten=  ober  be§  SippenöerbanbeS ;  anbererfeitö  f(^Iiefet  fic  bie  9Jiöglic[3= 
feit  feincäiDcg§  au§,  ba^  aucf)  t)m  fd^on  öon  bem  SJ^omcnt  an,  »üo  bie 
perfönlic^en  ©ef(^Ied^töDerbänbe  gu  bingli(i)en  DvtSgemeinben  tourben, 
bie  einjelnen  ^amilienbäupter  ein  bauernbeä  unb  erbli(J)e§  58efi^= 
red^t  an  einjelnen  ©tücfen  bes  Slcferbobenä  jugetoiefen  befamen.  3öa§ 
j.  aS.  bie  ©ermanen  betrifft,  bei  benen  toir  ben  ^rocefe  ber  ©e6baft= 
toerbung  nod^  einigermaßen  üerfolgen  fönnen,  fo  begegnen  toir  ^ttiax 


2.  Urfpr.  b.  (£t9entl)um§  naä)  b.  barto.^foc.  @üoliitiongtl)eorie.    249 

Qud^  l^ier  bem  ogravifc^en  ©offectibeigentl^um,  in  bcn  befannten  ©tf|il= 
berungen  ©äfarä,  aber  bieje  ©d^itberungen  bestellen  fic^  auf  3"ftänbe, 
bie  öon  einer  feften  Sefieblung  beä  ßanbe§  noc^  lueit  entfernt  »raren. 
SOßenige  ©enerotionen  ]päkx,  aU  ba§  S}oIf  ju  größerer  ©efe^afttgfeit 
gefommen,  in  ber  S^it  beä  Sacituä,  treten  unö  S3er:^ältniffe  entgegen, 
bie  ganj  nnöerfennbar  anf  ba§  93orf)anbenfein  beftiinmter  unb  bauernber 
S3e[i|red)te  ber  einjelnen  g^amilien  {jinmeifen  \  2ÖBä^renb  fid)  bei  bem 
flaoifd^en  ©emeinbecommuniäinnS  ber  ßanbantl^eil  aüer  ©emeinbe= 
glieber  burc^  periobifcle  91euauftlöeilung  immer  toieber  ber  toed^felnben 
ß  0  p  f  laifl  cntfprei^enb  öeränbert,  um  bü§  ?Princip  ber  gleichen  toirt= 
f($aftli(j^en  ®ayeinöbere(f)tigung  aller  aufred^täuerljalten ,  toäl^renb 
l^ter  bemgemä^  ber  2lntt)eil  be^  Derftorbenen  ©eno|jen  an  bie  ©emeinbe 
jurüdfällt,  jeber  gur  ©emeinbe  neugeborene  ßnabe  aber  ben  Sfieiler 
meiert  unb  gleichen  Stnt^eil  am  üorI)anbenen  ßiegenf(^aftöDermögen 
forbert,  finbet  fic§  bei  ber  germanifd^en  S^elbgemeinfd^aft  öon  aüebem 
feine  <Bpnx ,  Weber  öon  einer  periobiftfjen  Slenberung  ber  3^^^  ""b 
©röfee  ber  §ufen  no(j^  auc^  öon  einem  auf  alte  3^ac^geborenen  in 
glei(f)em  9Jla§e  öererbtid^en  Stnrec^t  am  gefamten  Slcferlanb,  toie 
cö  bem  ^rincip  be§  ßommunigmuö  atlein  entfprod^en  l^ätte.  S3on 
einem  (Sommuniämuö  im  ©inne  ber  flaötfd)en  Slgraröerfaffung  ift 
alfo  l^ier  feine  IRebe."-  91ad)  toelc^em  Spflufter  folten  toir  uns  nun, 
fo  fragt  ^öt)tmann,  ba§  ättefte  S^italter  ber  nationalen  SSJirtf(i)aftä= 
enttoiölung  öorftetlen,  nad)  germanifd^em  ober  flaöifdiem  ?  ^ßötilmann 
glaubt:  nad)  germanifdiem  93iufter.  ®od)  fügt  er  bei*:  „(£o  toaf)r* 
fdieinlic^  e§  ift,  bafe  fd)on  bie  ältefte  t)el(enifc^e  2lgrargemeinbe,  ba, 
ioo  bie  SSorauSfe^ungen  bafür  gegeben  tnaren,  ben  ein« 
jelncn  ©enoffen  ober  gamilienl^äupteTn  ein  getoiffeö  9Jlafe  inbiöibueKer 
©elbftänbigfeit  cinröumte,  fo  bleibt  boi^  anä)  1)kx  mieberum  bie 
offene  Sfrage,  ob  eben  jene  SBebingungen  überall  öon  Stnfang  an  öor^ 
l^anben  Ujaren.  ©ö  ift  fel)r  mol)l  möglid^,  bafe  ba,  too  uod)  feine  ältere 
23eöölferung  ha^  SSerf  ber  Sanbeöcultur  in  3tngriff  genommen ,  too 
ber  ^ellenifdie  2lnfiebler  ben  ungebro^enen  ßräften  einer  n)ilben  91atur 
entgegentrat,  jener  2;rieb  be§  S3olföd)arafter§  (nad)  inbiöibueEer  ©elb» 
ftänbigfeit)  burd)  baß  aSebürfni^  be§  gemeinfamen  Kampfes  gegen  bie 
feinblid^en  9J1äc^te  ber  Uncultur  paral^firt  ftiurbe  unb  balier  auc^  ba§ 
gemeinU)irtfd^aftlid)c  5|3rincip  fid)  ftrenger  gcltenb  ju  madjen  öermo(^tc 


»  SOgl.  Germ.  c.  20. 

2  ipöl)lmanu  a.  a.  D.  ©.  9ff.  *  ©.  13  f. 


250    drittes  ßapitel.  ®o§  ^riöateigent!)um  al§  fociale  ^nftttution. 

oI§  anbcrtoärt§.  §tcr,  too  bie  ßtaft  be§  ^tnjelnen  toeit  toemger  Bc» 
beutete,  mag  onfänglicf)  ni(5t  nur  ba§  ©efcfiäft  be§  ?Roben§  unb  ber 
©ntfumpfung,  ber  fünftlic^en  Sntitiäfferung  unb  SBetoäfjerung,  fonbern 
bieHeid^t  quc^  be§  (Säen§  unb  (£vnten§,  genteinfame  <S>aä)i  ber  2lgrar= 
genoffenfd^öft  getnefen  fein  ,  mag  ber  ^tuäelue  feinerlet  feften  S5Dben= 
Befi^  aufeer  ber  Sßo'^nftötte  gefiabt  liafien.  —  ®a  e§  fi(^  bemna$  '^ter 
immer  nur  um  S3)a]ötfd^etnlt(^!eit§ergefiniffe  unb  um 
ßofungen  tion  relatiöer  ©tittgteit  l^anbetn  fann,  fo  erfd^etnt  e§  bon 
t)ornt)erein  überaus  Bebenfütf) ,  toenn  9Jlommfen  au§  ber  bloßen 
Sbentität  toon  ©eftfiledjtSgenofjenjc^aft  unb  ©emetnbe  mit  ©ictier^^eit 
fc^Iiefeen  ju  bürfen  glaubt,  bafe  bie  beCfenifcfie,  toie  bie  italifdic  S)Drf= 
marf  über  all  in  äüefter  Seit  ,gtei(^fam  aU  §auämarf',  b.  I).  naä) 
einem  ©l)ftem  ftrengfter  O^elbgemeinfc^aft,  Betoirtic^aftet  trurbe,  aU 
beren  toefentlidie  güge  er®emeinfamfeit  be§$Beji^e§,  ge= 
meinyameSeftellung  be§5tcferlanbeä  unbSBertBeilung 
be§  gemeinfam  erzeugten  @rtroge§  unter  bie  einseinen  bcm 
©efc^Iet^te  angel^brigen  §äufer  annimmt  ^  93eüor  toir  einen  fo  t)5I= 
ligen  6ommuniämu§  im  ©runbbefi^  unb  2Irbeit§ertrag  unb  ^nqUiä) 
bie  Stügemeinlieit  biefer  @inriä)tung  al§  Sl^atfa^e  l^inne^men 
fönnten,  müßten  un§  bod^  noc^  ganj  anbere  5ln;^alt§pun!te  ju  ©ebotc 
ftel^en,  tüie  fie  ja  [Olommfen  felbft  toenigften§  für  bie  altrömif(|e  S)orf= 
gemeinbe  au§  ber  römif^en  S^ed^tSgefd^icfite  gu  getoinnen  öerfuc^t  l^at." 
®ie  ©ebunbenBeit  be§  pribaten  ®igent:^um§,  bie  Scfd^ränlung  ber 
SSerfügunggfreil^eit  be§  ©injelnen,  namentli(5  über  @rb=  unb  (&tamm= 
guter,  loie  fie  ba§  ältere  griecfiifd^e  IRed)t  auftoeift,  ift  !eine§tDeg§  ein 
S3eh)et§  für  einen  urfprüngttäien  agrarifcE)en  ©emeinbecommuni§mu§ 
unb  fü^^rt  fi($  burd^au§  ni(i)t  notblnenbig  auf  ba§  ©efamteigentbum 
ber  Bippi  jurüd.  Ueberl^au^Jt  gefien  bie  öermögen§recf)tli(fien  2ßir= 
fungen  ber  Söertoanbtfc^aft  im  gried^iftfien  JRed^te  au§  ben  ^tä)t§= 
öerbältniffen  be§  §aufe§ ,  nid^t  au§  ber  95erfaffung  be§  ©ef(i)le$t§= 
bcrbanbe§  '^eroor^.  ^uä>  ha§  angeblt(f)e  3ufiii""iun9^=  unb  D'lä^evreäit 
ber  ©emeinbegenoffen  bei  93eräu|erungen  betoeift,  mie  ^ö:^Imann  be» 
tont,  nid^tg  für  bie  früfiere  ©jiftenj  be5  (Sotfectitobefi|e§  an  ©runb 
unb  Soben^  „®enn  ioenn  ba§  5Rec^t  ben  ©emetnbegenoffen  bie  58e= 
fugnife  einräumte,  bie  Sluätieferung  einer  §ufe  an  einen  if)nen  un= 
tüiHfommenen  ^yremben  3U  öerl^inbcrn,   fo  toürbe  fii^  ba^  bei  bem 


»  91.  ©.  P,  36.  182.  2  $p5{,ij„ann  (,d.  £).  (g.  15. 

»  aSgt.  Laveleye  1.  c.  p.  381. 


3.  Urfpr.  b.  SigentfjumS  nac^  b.  barlü.'foc.  ©üoIution§tf)eotie.     251 

ganjen  ß^araftet  beö  ©emeinbeöerbanbeä  jur  ©enüge  qu§  ®efid^t§= 
punften  erflären,  bie  Don  bem  2igvarre(^te  gäuäUd)  unabt)ängig  finb."  ' 

a}tan  l^Qt  aud)  üerfud^t,  aü§,  ber  Si^ilberung,  icelc^e  §omer  Don 
bem  patrinrc^aliicfjen  §auöf)Qlte  am  §ofe  beö  ^Priamuö  enttoorfen,  auf 
einen  uriprünglid^en  ©ommuniömuö  äu  |cf)Iiefeen.  Ser  §of  be§  ^riamuS 
erfc^eint  o^ne  Sloeifet  aU  ein  2tbbilb  ber  fogen.  §ouägemein= 
fd^aften,  b.  1^.  ber  „Sßereinigungen  üon  Slbfömmüngen  be^felben 
©tammoaterö,  Don  23Iut^öertoanbten  äloeiten  biö  brüten  ©rabeä,  toeld^e 
in  bemfelben  ©e^öfte  tDof)nen,  ©runb  iinb  ä^oben  gemeinfc^aftltc^  be= 
jt^en  unb  oon  bem  ©rtrag  gemeinfamer  Slrbeit  gemeinsam  leben."  " 
Slllein  ift  bamit  betoiejen,  bafe  bie  §auögemeinid}aft  ^ier  mit  9bt:^= 
Uienbigfeit  al§  ein  primitiüeö  3»fiitiü  angefel^en  toerben  mufe  ? 
@§  gibt  eine  boppelte  9]föglicf)feit,  um  bie  ©jiftenj  ber  §auggemein= 
f(f)aft  3U  erftären.  «Sie  f  a  n  n  baburd)  entftanben  fein,  bafe  bie  2icfer= 
lofe  bei  ber  urfprünglit^en  5iuft^eilung  beg  ßanbeö  nid^t  unter  bie 
Ginjelnen,  fonbern  an  bie  in  ^auägemeinfc^aften  äufammentebenben 
2famtlien  üert^eilt  tourben.  Stnbererfeiti  fonnte  aud^  jebem  ein» 
jelnen  ©enoffen  eine  untT) eilbare  §ufe  als  Slnf^eil  an  ber  ge= 
meinen  O^elbpur  jugetoieien  »erben,  |o  baß  bei  toaci^ienber  58eöölferung 
fc^Iiefetid)  mehrere  Familien  äufammen  eine  §ute  beioirtfdinfteten,  — 
loie  eä  3.  58.  in  ©parta  infolge  ber  UnOeräuBerIid)feit  unb  Unt^eilbar= 
feit  be§  xXijpog  gefc^ol^  *. 

S)er  ©inblid,  tteld^en  ba§  :^omerifd;e  ©poö  in  feiner  ©efamtl^eit 
in  bo§  Seben  ber  Station  getoä^rt,  fü^rt  ^ö^tmann  *  3U  bem  ©c^Iufje, 
bafe  fc^on  in  ber  ©ntfte^ung^seit  beä  ©poö  ber  bleibenbe  perfönlid;e 
33efi^  in  njeitem  Umfange  auö  bem  gemeinfom  benu^ten  ßanbe  auä= 
gefc^ieben  fein  mu^te.  „®ie  aügemeine  SSerbreitung  ber  eblen,  Don 
Sefc^affenl^eit  unb  ©üte  ber  perfönlid^en  3lrbeit  in  fjoi^em  ©rabe  ü^= 
gängigen  Kulturen,  be§  2jßeinbaueö  unb  ber  SBaumgudit,  ift  ein  untrüg= 
Iii^e§  ©^mpton  ber  uralten  ©  n  t  n)  i  cf  l  u  n  g  b  e  0  ^  r  i  0  a  t  e  i  g  e  n= 
t^um§  am  ©runb  unb  Soben,o]^ne  melc^eö  biefe  .inbioibuellen' 
Kulturen  nid)t  gebeil)en  lönnen.  Slber  aurf)  ber  Slcferbau  toar  fid)er= 
lic^  im  großen  unb  ganjen  ben  felbgemeinfdjaftlidjen  tJormen  ent= 
toac^fen.  ®ie  Stnfprüc^e  einer  toac^fenben  33ebölferung  an  bie  ^ntenfität 
bes  Slnbaueä,  an  bie  ^probuctioitftt  ber  Strbeitsleiftung  loaren  offenbar 


»  ^ö^lmann  0.  a.  D.  ©.  16.  ^  g^t,_  g,  is. 

3  Polybius  XII,  6.  —  ^ö^lmann  a.  a.  O.  ©.  18. 
*  dhb.  ©.  45  f. 

12** 


252     S)ritte§  ßapitel.  SaS  5Prbateigetitf)um  al§  foctale  Sfnflitution. 

f(i)on  3U  ijo'iit,  ber  Stieb  naä)  inbiüibuettem  ©rtoerb  unb  felbfiänbigev 
SBelDegung  ju  fe^r  enttoidelt ,  qIö  ba%  —  in  ben  fortgefc^tittenern 
Öanbfifiaften  rcenigften§  —  eine  gemeintuirtfi^aftlitfje  Drganifation  beu 
StdferBauel  bem  SBebürfnife  ber  S^^t  norf)  ju  genügen  üetmodit  !^ätte. 
^n  ber  %i)at  ge^^ört  natf)  ber  Slnfc^auung  ber  O  b  t)  f  j  e  e  toenigftenS 
ju  ben  erften  Helen  men[cf)tic^er  5tnfieblung  bie  SiuStl^eilung  ber 
iJIuren,  unb  gtoar  unöer fennbar  3u  inbiDibuellem  ®igen= 
t^um."» 

Sat)elet)e  ^  beruft  f\ä)  jum  9iQ(^toei§  einer  üerf|ältnifemä§ig  langen 
S^ortbauer  ber  3^etbgemein|c()oft  in  ber  !^eüenifcf)en  SBelt  auf  bie  c  o  nt= 
tnuniftifd^e  SSerfaffung  ber  Sipar  if  cf)  en  Sfnfeln*,  bie  um 
ba§  ^ai]x  580  ö.  S^r.  burc^  ^eUenifcfie  Siuötoanberer  au§  ßnibog  unb 
at^oboä  in  ^efi^  genommen  tourben.  Slllein  ber  Sommunilmu§  ber 
8i|)arer  touräelte  feine§U)eg§  in  ä^nlic^en  3u[iönben  toie  in  if)rer  ur= 
fprünglidien  §eimat.  ®ort  toar  bie  Kultur  fc^on  üiel  gu  toeit  fort= 
gefc^ritten  ,  alä  ba'Q  man  für  ba§  fec^^te  ^al^r^unbert  bie  ^Jortbauer 
ber  O^elbgemeinfc^aft  üorauäfe^en  tonnte.  „Qn  ber  Sl^at",  fagt  ^öt)(= 
mann*,  „bebürfen  bie  gi'flänbe  auf  ben  ßi:t)aren  feiner  Sfnfnüpfung 
an  bie  beö  3)lutterlanbe§.  ©ie  erftären  fitf)  öoUfommen  au§  ber  be= 
fonbern  Situation,  in  ber  ficf)  bie  ^nfulaner  befanben.  9)Utten  im 
frieblofen,  öon  ben  ©rbfeinben  ber  §eüenen,  Don  @truöfem  unb  pu= 
nifcf;en  ©emiten,  bel^errfc^ten  3!Jleere,  auf  einem  ber  gefä^rbetften  2lufeen= 
po^Un  ber  ^^eüenifcfjen  Sffielt,  fortlcäljrenb  üon  ßataftrop^en  bebrol^t, 
tüie  fie  3.  S.  im  SDlittelalter  felbft  bag  toeitentlegene  Qslanb  öon 
afrifanifi^en  ^Piraten  erlitt,  l^atte  bie  Seöölferung  öon  ßipara  il^re 
ganje  @jiften3  auf  ben  l?am|3f  geftellt.  ^a  eä  f))ri(|t  aUe^  bafür, 
ba&  bie  ^eüenen  fic^  biefer  unfein,  bie  al§  Söarten  auf  'ijo'tjtx  ©ee 
ba§  toeitefte  ©efid)töfelb  bel^errfcf)ten ,  Oon  Oorn^erein  in  ber  2lbficf)t 
bemäcf;tigten,  um  oon  l^ier  auä  gegen  ®tru§fer  unb  ßartl^ager  ßa= 
ptxei  3u  treiben,  bie  ja  bamalö  auf  beiben  ©eiten  aU  ein  c^rlid^e§ 
©eloerbc  golt  unb  für  tnelc^e  bie  ßiparen  fo  üor3üglic^  geeignet 
toaren.  §aben  wir  l^ier  aber  eine  Slrt  ßorfarenburg  »or  un§,  fo 
tritt  bie  Iiparifcl)e  Jöerfaffnng  au§  bem  9tal)men  ber  allgemeinen 
ffiolföenttoicflung  DoHfommen  ^eran§.  ©ie  erfc^eint  aU  ein  ebenfo 
fingulöreä  *p^änomen   inie  3.  S5.  jener  tDeftinbifcf)e  iJIibuftier= 


»  Od.  VI,  10.  —  ^bbftnann  a.  a.  D.  ©.  45  f. 

*  L.  c.  p.  371  sqq.  *  Diodor  V,  9. 

*  31.  a.  O.  ©.  49. 


3.  Itrfpr.  b.  eige«tf)um§  mä)  b.  barn).=foc.  ®ooIutton§tt)eorie.    253 

ftaat ',  in  tnelrfjem  fic^  ja  aucf)  auf  ©runbloge  ber  Piraterie  eine 
jlreng  milttarifc^e  Drgaiüjation  mit  coinmiuiiftifcf}en  ©itirii^tungen 
üerbanb."  ^ 

©elbftüerftänblic^  tourbe  aud)  bie  ftaatlicf)  ovganifirtc  SSürger« 
Ipeifung  ®parta§  unb  ßreta§  aU  Ueberreft  einer  primitiüen 
agrarijc^en  ©emeinfcfiatt  in  Slnjprud)  genommen^.  ®enn  toie  l^ätte 
man  bie  Srücf)te  beö  ßanbe§  gemeinfc^aftlid^  üerje^ren  fönnen,  loemt 
man  nicf)t  uriprünglid)  ba§  Sanb  al§  gemeini'ame  ©tnäl^rerin  atler 
betracfitete  ?  „5Dlan  mxb  nun  aüerbingö",  fagt  5ßö^Imann  *,  „bie 
SDtög lief; feit  einer  ftreng  gemeintoirtfd^aftlid^en  Surrf^gangäp^aje 
ber  ^eUenifc()en  Jöoltöentinidlung  nicf)t  öon  üornl^erein  in  Stbrebe 
fteüen  fönnen.  Slüein  mit  blofeen  9JlögIi(^feiten  ift  f)ier  nid)t  gebient. 
SJielmel^r  mufe  ber  Dlad^ineig  erbradjt  toerben,  ba%  ba^  ©l^ffitien» 
inftitut  (gemeinfc^aftlii^e  öffentlid)e  93lat)l3eitcn)  feinen  anbern  Ur= 
fprung  gehabt  baben  fann  ,  nur  f  o  in  feiner  ©ntfieljung  öerflänblic^ 
toirb.    3ft  nun   biefer  9lücffd)IuB   auf  bie  iJelbgemeinfc^aft   toirflic^ 


*  „gübuftier"  biegen  bie  fübnen  Seeräuber  in  ben  tceftinbifd^en 
©elDäffern  (gweite  §älfte  beä  17.  Qabrl^unbertä),  bie  au§  ben  (&tier= 
Jägern  öon  ©.  Domingo  f)ert)orgegangen  loaren. 

-  ©injelne  (Sc^riftfteller  (3.  58.  VioUet,  Laveleye  1.  c.  p.  372) 
l^aben  auf  bie  Eingabe  ber  neup^t^agoreifdicn  unb  neuplatonifc^en 
ßiteratur  bingeteiefen,  ha'^  auf  ^pi^tbagorae'  ©e^ei^  600  ober  2000  ^^er= 
fönen  bie  ©ütergemeiufd)aft  acceptirtcn,  unb  au§  biefer  ^iftorifcb  ganj 
unbeglaubigten  fjabel  SfÜidEfd^lüffe  auf  Spuren  be§  6ommuniö= 
muö  matten  3U  fönnen  geglaubt,  inbem  fie  öorauSfe^ten ,  ba§  jener 
älngabe  oieüeid^t  eine  alte  mifeüerftanbene  Ueberlieferung  über  bie  ®nt= 
ftebung  einjelner  fübitalifd^er  ©emeinben  ju  ©runbe  liege.  9}gl.  ^öb(= 
mann  a.  a.  O.  S.  53.  So'S  ift  in  ber  Sbat  fdjon  mebr  eine  Unffen= 
f($aftlic^e  „Schöpfung"  communiftifd)er  ©puren!  —  Söenn  2triftoteIe§ 
über  Sarent  berid^tet,  bafe  bort  bie  IReic^en  ibre  ©üter  mit  ben  Slrmen 
„gemein  machten",  inbem  fie  biefe  an  ber  9lu^nie§ung  tbeilnebmen 
lie&en  (^olitif  [ed.  Susemihl]  VII,  5,  5.  1320  b.),  fo  fann  ha%  nic^t 
al§  Ueberreft  einer  gemeinu)irtf(^aftltd)en  ©igentbumsorbnung,  fon= 
bern  nur  al§  Seioeiö  für  „bie  Sßirffamfeit  eine§  au§gebilbeten  focialen 
©inneg"  gelten,  „ber  fi(|  beinufet  ift,  baß  ha?:,  ^ßritateigentbum  nid)t 
auäfcbüeBlid^  bem  Sfnbioibuum,  fonbern  aud^  bem  ^ntereffe  ber  ©e= 
feltfc^aft  äu  bienen  ^ai"  (^öl^fmann  a.  a.  D.  ©.  54  ff.). 

«  S3gl.  ^öf)Imann  a.  a.  ©.  58ff.  *  ©bb.  ©.  60. 


254    drittes  ßa^)ttel.  ®q§  ^Priüateigent^um  al§  foctale  ^nftttution. 

ein  fo  ätotngenber?"  ^ö:^Imann  üernetnt  ba§  burij^auS:  „SOIan  mu^ 
fid)  eben,  um  bie  ^nftituttonen  «Spartak  unb  ßretoä  gefdjic^tlicf)  ju 
berftel^en,  in  toeit  t)ö£)erem  aJtafee,  da  eä  getoö^nlid^  gefcf)iel)t,  bie 
ßeben^bebingungen  unb  ©onfequenjen  be§  ,!rie= 
gerifc^en  ©efen|c^aft§tt)pu§'  öergegentüärtigen ,  tvie  fie 
neuerbingS  .  . .  t)on  Herbert  ©pencer '  analtjfirt  tüorben  finb.  .  .  .  ®a§ 
Sebürfnil,  über  bie  ganje  ßraft  jebe§  ©injeluen  jeben  StugenblicE  ber= 
fügen  gu  fönnen,  fü^rt  ^ier  mit  innerer  9iot:^lDenbig!eit  ju  bem  @r= 
gebnife,  bafe  bie  [treng  mililärijc^e  Orbnung,  baä  ,©t)ftem  ber  ^flegi: 
mentation',  \iä)  \mit  über  ba§  §eern)efen  l^inauö  Verbreitete  unb  aüe 
©eiten  beö  bürgerlicf)en  Sebenä  bem  ftüatlicfien  3tt)ang  unb  ber  ftaat= 
Ii(^en  2lufficf)t  untertoarf.  .  .  .  ®er  ©taatsfocialiämuä  ift  ha§ 
naturgemäße  Sorrelat  be§  triegerif(^en®ejenj'cE)aftö= 
tt)puö."^  §ierauö  erllären  fid)  alle  jene  Sl^atjac^en  ber  fpartanif(i)= 
!reti|d)en  ©efd^ii^te,  o^ne  bafe  man  biefelben  irgenbmie  auf  bie  ©up= 
pofition  eineä  Slgrarcommuniämuä  ber  Urjeit  jurüdfü^ren  müßte. 
„Sie  Sorm,  in  ber  fidj  biefe  jocialiftift^e  Stuögeftaltung  ber  ©efett^ 
fc^aft  tioüäog,  toar  einfadi  baburc^  gegeben,  baß  man  aud)  im  fji^ieben 
mögUd)[t  bie  Drbnungen  be§  f^elblagerö  feft()ielt.  Unb  ber  fpred^enbfte 
a3ett)ei§  bafür  ift  eben  ba§  ©^ffitieninftitut,  bie  gemeinfame  ©peifung 
ber  ganjen  SSürgerfc^aft ,  oI§  beren  ^\md  bie  Srabition  ba^er  mit 
3ted)t  bie  ©r^b^ung  ber  30larfd)bereitid)aft  unb  ©d)Iagfertigfeit  be= 
3eic^net^  Sie  Sßaffenbrüberfi^aften,  bie  im  gelbe  äufammenlagerten 
unb  in  ber  ©(|Iad)t  ^ufammenftanben ,  beftel^en  al§  2;ifd)genoffen= 
fc^aften  aud^  im  Q^rieben  fort*,  inobei  ber  militärifdie  ®^ara!ter  ber 
Jöerbinbung  fo  ftreng  feftgebalten  toirb,  baß  al§  5tuffii^töbe^örbe  über 
fie  bie  ^oIemard)en  fungiren  unb  bie  ©enoffen  äum  gemeinfamen 
lüla^Ie  fi($  betoaffnet  öerfammeln.  ?tngefic^tä  biefer  2f)atfad)en  erfd)eint 
bie  Slbleitung  beä  fpartanif(^=Irettfd)en  ©i)ffitienU)efen§  auä  poIitifdj= 
militäriid)en  SDIotiüen  aU  bie  ungeäinungenfte  unb  natürü(i^fte  (&x= 
Ilärung§tüeife  ^  2ßenigften§  finb  n)ir,  um  ba§  ^nfütut  gefd)id)tftd) 
gu  üerfte^en,  in  feiner  Söeife  genötbigt,  noc^  irgenbn)eld)e  anbere  (£nt» 
ftel^ungSgrünbe  l^eranjuäiel^en,  fo  baß  für  eine  2ln!nüpfung  an  toxxU 


5Principien  ber  ©ociologic.   S).  21.  III,  669  ff. 

^ö^rmann  a.  a.  ö.  ©,  60  ff. 

Plutarch,  Apophthegm.  Lac.  p.  226  c. 

95gl.  Dionysius  v.  Hai.  II,  23. 

aSgl.  audi  Flato,  Leg.  I,  633  a.  I,  625  e,  unb  Herodot  I,  65. 


3.  Urfpr.  b.  ®igentf)utn'3  micf)  b.  barUi.=foc.  @üoIution§t^eorie.    255 

f  d^ Q f  t li (^ e  Jöerpltnifi'e  jeber  2ln]^alt§pun!t  fe!)It.  DIeBen  ben  Stfd)-- 
genojjenfc^aften  !aiin  anä)  einmal  bie  ^Jelbgetneinjclaft  beftanben 
f)Qben,  toie  bas  SBeifpiel  be§  bonft^en  ßtpara  betoeift;  allein  biefelben 
brand^en  teineStnegä  immer  unb  überall  in  einem  urfäc^ litten 
3ufammen^ang  mit  ber  ^elbgemeinfc^aft  3U  fielen.  Sft  eö  bod^  an= 
gefi(^t§  ber  ganzen  Stellung  ,  toelc^e  bie  gemeinfame  Sßürgerfpeifung 
im  Drganiömuö  be§  borifd^en  ßriegerftaateS  einnimmt ,  felbft  für 
Sipara  feine^nieg^  toal)rfd)einlic^ ,  ba^  bie  bortigen  @t)ffitien  au§= 
f  c^  I  i  e  fe  I  i  (^  eine  Sßirfung  ber  Srelbgemeinfcfjaft  maren.  Sie  fönnen 
ancf)  l^ier  fel^r  wo^^l ,  wie  bie  liparijd^e  ^yelbgemeinfc{}aft  felbft ,  3u= 
gteid^  atä  5lu§flu6  ber  friegerif(^cn  Drganifation  ber  ©emeinbe  be= 
trac[)tet  toerben.  —  ^a,  tocnn  bie  ©l)ffitien  in  ber  ©eftalt,  in  ber 
fie  un§  auf  Sipara  unb  ßreta  fotoie  in  Sparta  entgegentreten ,  eine 
allgemein  borifc^e  ober  gar  alt:^ellenifcf)e  ©inrid^tung  überf)aupt 
getoefen  lüären  —  mie  man  feit  Dtfrieb  3Dflüüer  üielfad^  angenommen 
t)at  — ,  bann  mürbe  man  allerbingä  berecf^tigt,  ja  genöt^igt  fein,  3u= 
mal  für  bie  2anbf(^aften ,  bie  fid)  nic^t  in  ber  3ttiang§Iage  ber  ge= 
nannten  ©emeinben  befanben,  ein  ©nifte^ungSmotit)  allgemeinerer  5lrt 
jur  ®rflärung  ]^eran3U3te{)en,  tüic  e§  eben  bie  loirtfc^aftlicf^en  S3er- 
bältniffe  barbieten  mürben.  2lIIein  ift  für  jene  3tnnal)me  auct)  nur 
ber  S (Ratten  eines  SöetoeifeS  erbracf)t?" 

Sd)liefelicf)  toeift  ^ij^lmann  aucC)  bie  Sd^Iüffe,  toelcfje  manche 
iyorfcf)er  auö  ber  ©igenart  ber  fpartanifc^=fretifc()en  ^Igrarüerfaffung 
auf  ein  communiftifc^eä  2lgrartt)efen  ber  3Sor3eit  machten,  al§  un= 
begrünbet  3urücf '.  ®§  ift  inSbefonbere  eine ,  burd^  bie  un§  3U  ©e= 
böte  fte^enben  tbatfärfjlicf)en  2lnl^alt§puntte  -  nidjt  geredjtfertigte,  Dor= 
fdf)neüe  Sefjauptung  ,  ba^  bie  fpartanifcf)en  i^teren  (.^offtelten)  ficf) 
nad£|  ben  rectitlic^en  JBeftimmungen,  iceld^e  für  fie  gelten,  aU  ®taat§= 
leiten  crmeifen^  3fn  ber  mobernen  3tuffaffung  beS  fpartanifäien 
ßönigtbum§  aU  eine§  oberften  Stegulatorö  be§  2öirtfcf)aftäleben§  er= 
blicft  ^pöl^Imann *  lebiglid)  „eine  gfortfe^nng  ber  antifen  Segen ben= 
bilbung  über  ben  focialen  3[llufterftaat  Sparta.  2lud^  ba^j  ]§at  jene 
3tuffaffung  mit  ber  antiten  Segenbe  gemein,  ba'Q  fie  biefelben  308^ 
meldte  ba^  tjon  ber  focialen  2;:^eorie  gefd^affene  Silb  eine§  ibealen 
Staate^  3eigt,  in  ba^  Seben  2lltfparta§  l^ineinträgt.  Senn  betou^t 
ober  unbettu^t  :^at  l^ier  ganj  unöertennbar  ber  platonifd^e  ©e= 


1  «Pbl^tmann  a.  a.  O.  6.  78  ff.  2  g^jj,,  @_  ßS  f. 

ä  gbb.  S.  93.  ■•  (&bb.  S.  99. 


256    3)tttte§  Kapitel.  S)a§  ^riüatetgentfium  olä  fodale  3fnftitutton. 

je^eSftaat  öorgejc^toeBt,  ein  ©taat,  hex  in  ber  S^at  auf  bem  ^rin= 
dpi  löeru^t,  ba%  jeber  feiner  Sürger,  ber  am  oaterlänbififien  SBoben 
einen  Stntl^eit  erl^alten,  benfelben  aU  etttiaS  ber  ®efamt{)eit  ®eprige§ 
3U  betvad)ten  I)abe".  — 

8.  t^affen  tüir  bie  grgebniffe  unferer  S)arlegung  in  irenigen 
©Q|en  sufammen: 

(Sr[ten§:  ^ie  Unteridjeibung  jtrifc^en  ^^ijc^er^,  Säger^ 
|)irten=,  5IcferbQU=,  3nbu[trie=  unb  i^anbelSöölfern  mag  tmmer= 
^in  geeignet  fein,  bie  berfd)iebenartige  fpecififd^e  3Soüfommen= 
^eit  be§  tüirt|d)Q[tIic§en  i^ebenS  jum  5Iu§brurf  ju  bringen 
unb  nac^  ber  5Irt  ber  ^probuctiongöer^ältniffe  eine  geiüiffe  5(6= 
ftufung  ber  öfonomifc^en  (Sniraidlungagrobe  barfteüen.  5IIIein 
bie  5tnnQ^me,  bop  jene  Unterfd)eibungen  in  bem  ©inne  ^ifio= 
rif(i)e  2Birt)d^aft§[tufen  be^eic^nen,  baß  ade  33ölfer  biefelben 
(Snttt)icflung§[tabien  mit  9Zot§iüenbigfeit  burd)laufen  mußten, 
fonn  Weber  au»  birecten  3eugii[jen  nod^  burd)  bie  öergteic^enbe 
®efc^id)t§met§obe  no6)  hnxä)  irgenb  lüeli^e  Sernunftfdilüffe  er= 
n)iefen  tt)erben. 

3tt)eiten§:  bereits  bie  ölteflen  ge[(^i(^tüc^en  5kd)= 
richten  weifen  auf  fefte  51nfiebelung  unb  5(derbau  ber  in  ber 
Url^eimat  be§  DJ?enfü^engefd)Ied)te§  jurüdgebliebenen  Sßötfer  f)in, 
ebenfo  wie  fie  jeigen,  ba^  nic^t  nur  an  beweglidien  2)ingen, 
fonbcrn  auä)  am  ©runb  unb  33üben  in  ber  grauen  23oräeit 
5priöateigentf)uni  beftanben  ^aU.  @§  ift  alfo  Dom  f)iftorif(i^en 
©tanbpun!t  au?)  un^uläffig,  ha^  ßoHectiöeigent^um  al§  eine 
@igent^um§form  ju  bejeic^nen,  bie  bei  allen  33ö(!ern  eine 
not^wenbige  unb  lange  3fit  bauernbe  2)urd)gang§[tufe  jum 
inbiöibuellen  ^priüateigentljum  gebilbet  1:)aU. 

drittens:  2Ba§  bie  ©tttmme  betrifft,  welche  bie  Ur= 
^eimat  unfere»  @efd)Iec^te§  öerließen  ober  in  fpätern  3eitc" 
bur(^  33ölfermanberungen  jum  ?Iuffu(^en  neuer  SBo^nfi^e  ge= 
ätDungen  rourben,  fo  bürfte  meift  bie  erfte  Dccupation  be» 
5infiebe(ung§gebiete§  burd^  'btn  ganjen  ©tamm  a(§  fol(!^en  er= 


3.  Urfpr.  b.  ®tgcntliutn§  naä)  b.  banti.=foc.  ©ODlulionetl^eorte.     257 

folgt  fein.  Sn  einzelnen  fallen  mag  and)  bie  f^elbgemein= 
fci^oft  nod)  längere  ^t\t  naä)  ber  5(nfiebetung,  mitunter  biel= 
leicht  fogar  mit  periobifc^er  9?euöert^eilung  be§  SanbeS,  fDrt= 
beftanben  fjaben  ^.  5iIIein  bei  einzelnen  ^iomabenflämmen  jeigt 
fidö  auä)  ba§  ^riöateigent[)um  (ber  Snbiöibuen  ober  ^yamilien) 
lofort  unb  unmittelbar,  ol^ne  Saämifd^entreten  eine§  @tamme§= 
eigentf)um§,  fobalb  ber  Uebergang  bon  ber  SBeibeiüirtfd^aft 
5um  feften  5(cferbau  fic^  tjoüjiefjt.  5Inbererfeit§  aber  löfte  fid) 
ba§  ßoUectiöeigent^um  —  mo  e§  beftonb  —  berl)ältnißmä^ig 
rafc^  in  einen  3ii[if^"^  'i^it  ^ribateigentfjum,  menigften§  an 
ber  |)Dffiätte,  ouf. 

23ierten§:  2öo  immer  jeboc^  bos  ©emeineigent^um  ben 
6^ara!ter  einer  bauernben  (äinrid^tung  annahm  (j.  33.  im 
inbifdien  „günfftromlonbe",  im  ^anbf^ab),  ba  föurbc  eine 
pöere  Sulturftufe  nic^t  erreid^t.  ^icfe  Sfiati'ac^e,  melci^c  öon 
ben  Süolutioniflen  nic^t  beftritten  mirb,  legt  nun  offenbar  ben 
<Bä)luTi  nafje,  ba^  gerabe  in  bem  SoHectiüeigent^um  ein 
^inberni^  ber  naturgemö^en  (Snttüicflung  ju  ^öfjerer  Kultur 
erblicft  merben  mu$.  — 

2)a§  fü^rt  un§  jur  rid^tigen  5(uffaffung  bom  Urfprung 
be§  ^ribateigent^umS  ^. 


>  3lojd^er  (®#em  ber  »omtoirtfc^aft  II,  231)  I)ält  frciltd^», 
toie  bereite  gefagt,  bie  periobifd^e  Dleuüertfieilung  be§  SanbeS  für  ein 
allgemetneg  ^rtncip  ber  foctalen  (SrittoidEIung ,  für  eine  befonbere 
Sulturftufe  jwifc^en  htm  Jlomabentl^um  unb  ber  feften  Slnfiebelung 
mit  ^riüateigent^um. 

2  Stnbere  gut  Segrünbung  be§  ^ribatetgentf)um§  aufgeftettte  tl^eils 
irrige  t^eil§  unsulänglid^e  S^eorten  fönnen  mir  ^ier  füglid^  über» 
gefien,  ba  fie  äum  %t)dl  burc^  bie  Sßiberlegung  ber  Segal=,  Jöertragö- 
unb  @DoIution§t^eorte  mitgetroffen  toerben ,  jum  %i}til,  tote  bie  2t  r= 
beit§t:^eorie  (ßodEe),  fpäter  berüdEfi(f)ttgt  toerben,  jum  S^^eil  enblic^ 
QUdö  D^ne  SSiberlegung  fofort  aU  l^infällig  fid)  ertoeifen.  ©o  ^t  man 
3.  93.  ba§  ^Priöateigentl^um  allein  au§  ber  5ßerfönlic[)feit  be§  3[Renf(§en 
„natürlid^"   ju  erllären   Derfud^t   (^Jicfite,   Stat)!,   SSIuntfc^ü).    S)ie 


258    S)rttte§  Kapitel.  S)q§  ^riöateigent^um  aU  fociale  Sinftitution. 
4.  pic  f  ntfic^ung  unb  ^cgrunbung  bes  "^rbafcigenf^tttttö 

1.  SÖenn  9iobbertu§  Dom  «Staate  jagt:  „9tic^t  bie 
©(i)öp[ung,  fonbern  bie  ©efc^ic^te  t)at  i^n  gejc^affen"  i,  fo 
!ann  man  mit  bem  gleichen  9tedöte  unb  ber  gleichen  53e= 
fd^ränfung  ba§felbe  an6)  öon  bem  f)eutigen  ^riDateigent^um 
behaupten. 

2)oß  A  jenes  ®runb[tücf  itnb  B  bie[e§  ®runb[tüc!  aly 
fein  ©igen  befi^t,  ha^  ber  eine  über  gro^e  9tei(i^tf)ümer  t)er= 
fügt,  ber  anbere  nur  über  wenige  S)inge,  —  ba§  unb  ü^n= 
Iici)e§  ift  o^ne  3ttJeifeI  "ii^t  unmittelbare^  ^prübuct  ber  51atur, 
fonbern  fü^rt  ficb  auf  |3ofitiöe  3;^atfad)en  äurürf. 

5Iber  nidjt  blo^  bie  33erhTÜpfung  beflimmter  (Sinjelbinge 
mit  beftimmten  einzelnen  ^erfonen  ift  ba§  (Srgebni^  pofitiöer 
S^atfac^en,  —  aud^  ber  befonbere  ßljaratter  ber  @igentf)um§= 
orbnung,  bie  befonbere  ©eftaltung  unb  gorm,  meldie  ba§ 
(Sigent^um§red)t  bei  ben  berfd^iebenen  33öt!ern  unb  in  'tun 
fid)  folgenben  ©pod^en  ber  ©efi^icbtc  in  ber  ®efe|gebung  unb 
im  2thtn  erljält,  —  ift  ^robuct  Ijiftorifd^er  ©ntraidlung.   ^ie 


mtnläjüäjt  5PerfönIid^!eit  bebürfe  311  if)rer  iDirtf(|aftn(|en  33etptigung 
einer  §errfd^aft  über  ©ac^güter.  3tf)er  mit  biefem  imöoüftänbigen 
mtb  ungenauen  SBetreife  läfet  fid^  bie  ®igent!öum§inftitution  nicf)t  gc= 
nügenb  ftü^en.  —  ®ie  Dccu:t3ation§tf)eorie,  toeldie  ba§  !prit)at= 
eigenttjum  auf  ben  Söiüenäact  beffen,  ber  bie  ©a(f;e  äuer[t  in  SBefi^ 
na^nt,  äuvücffü^rt,  t)ertoe(f)]'elt  ben  ©igenf^umSetluerb  mit  ber  @igen= 
tt)um§inftitntion.  —  Sie  i)eute  beliebte  ©rtlärung  be§  föigent^umö 
au§  ber  IReöitäenttoidEIung  unb  au§  feiner  Sloedtnäfeiö^^it  (f)iftorifrf)= 
5fonomif(f)eS:^eDrte)  trifft  tl^eiltüeife  mit  ber  im  folgenben  be= 
l^anbelten  tt)iffenf(^aftlid)en  @üoIution§tf)eorie  äufammen,  ift  aber 
5urüdEäuiDeifen ,  fotoeit  fie  fic^  auf  ben  tciffenfc^aftlid)  unhaltbaren 
^3ofitiöiftif(%en  ©tanbpunft  beS  §iftoriömu3  unb  UtiUtariömuS  fteüt. 
*  ©riefe  unb  focialpolit.  Stuffä^e,  l^erauögegeben  bon  Dr.  91. 9Ji  e  ^  e  r 
II,  519. 


4.  35a8  !prtüateic3entf)mn  naä)  b.  lüifjenfd^.  ©öoIutionStl^eorie.    259 

römi[(^=re(?^tli(i^e  ßigent^umsorbnung  Befi^t  offenbar  ein  Qnberc§ 
©epräge  rvk  bie  beitt|d}=red)tlid)c,  unb  bie  ©igent^umSorbnung 
ber  3"^unft  iüirb  oljne  3^fiffl  M)  in  nmnd^en  5|3unften  bon 
ber  (Sigent()um§Drbnung  ber  gegenwärtigen  (Jpodje  nnterfd^eiben. 
t^ierin  geftef)en  toir  ber  ©efc^ic^te  einen  fe^r  bebeutenben  @in= 
flufj  auf  bie  51u§geftaltung  ber  ßigent^umaber^ältniffe  5U. 

^06)  met)r!  5(u^  boS  ^riüateigentfjum  qI§  feciale  Sn= 
ftitution  ifl  in  tüeitem  Umfange  ^iftorifi^  geworben,  obraof)! 
wir  nid}t  an  eine  böüig  eigent^umSlofe  Urjeit  ju  glauben 
Vermögen.  Siaß  inabefonbere  bie  5(u§bi(bung  be»  ^riüat== 
eigentf)um§  am  ©runb  unb  ^ßoben  ni(f)t  überall  gleid^  fd^ncK 
fic^  öolläogen,  bielme^r  oft  al»  gruc^t  einer  längern  unb 
bcrfc^iebenartigen  (Sntwidlung  erfc^eint,  trirb  bon  un§  burd)au§ 
nic^t  in  5Ibrebe  geftellt.  2So  immer  inSbefonbere  ein  mirflid^ 
auSreic^enber  5Beiüei§  für  urfprüngtic^e§  (SoKectibeigent^um  be§ 
Stammes  u.  f.  w.  am  Soben  erbrad}t  wirb,  erfennen  wir 
ba§felbe  ol^nc  jcbeä  S3eben!en  an. 

5iIIein  wir  beftreiten,  baß  ba§  ^riöateigent(}um,  wie  feiner 
gorm  unb  ©eftaltung,  fo  oud)  feiner  ©riftenj  unb  feinem 
wefentlid^en  ^n^alte  nad^,  lebiglid^  wilüürlidien  unb  rein 
^iftorifd}en  Itrfad^en  jusufdireiben  fei.  (5ine  @inrid)tung,  bie 
fid^  auf  ber  ganjen  SÖelt,  bei  allen  33ö{!ern  finbet,  bie  burd^ 
feinen  2Bed)fe(  ber  Seiten  unb  ber  5Infd)auungen  bauernb  er= 
fc^üttert  äu  werben  üermag,  bie  überall  bei  §unef)menber  ßultur 
tiefere  SBurjefn  fdilägt,  —  eine  berartige,  bauernbe  unb  aU^^ 
gemeine  ^nflitution  fann  nic^t  in  ber  SBillfür  be§  DJJenfd^en, 
in  ber  äufäüig  obfiegenben  (Sewalt  ober  §abfudjt  einjelner 
ober  bieler  ifiren  ©runb  befifeen,  nic^t  (ebiglid)  unb  aüein  in 
ber  bloßen  I}iflorifd}en  ßntwidtung  i^re  genügenbe  @rf(ärung 
finben.  2Bir  werben  bielme^r  i^ren  tiefften  (Srunb  in  bem 
äu  fudien  ^aben,  tüQ§>  unter  ben  bcrfcEiiebenften  33erf)öttniffen 
unb  in  bem  SBanbel  ber  Seiten  not^wenbig  ift,  einzig  unb 
allein  S)auer  bcfi^t  unb   immer  unberänbert  wir!t.    2)a§  ift 


260    S)ntte§  Kapitel.  S)a§  ^Priöatetgent^um  aU  focialc  ^uftitution. 

ober  nic^t§  anbetet  al§  bie  bernünf  tige  ^ienfc^ennotur. 
66en  barum  nennen  mir  bie  bon  un»  bertretene  Se^re: 
raif jenf(^a[tnd)e  @öDlutionÄtf)eorie.  2)enn  „äßiifenfdiaft" 
i[l  bie  fictiere  (Srlenntni^  ober  (SrÜärung  ber  (Sri'cEieinungen 
unb  SDinge  qu§  ifirem  ©runbe.  8ie  operirt  nid)t  mit  Srautnen 
unb  tt)ill!ürlict)en  S)eutungen,  jonbern  mit  ermiefenen  %^aU 
fad^en;  fie  forfc^t  überbie§  nad)  ben  Urjndjen  unb 
(Srünben  ber  t^atfäcblic^en  (Srfcbeinungen  unb  ru^t  erft  in 
ber  (SrfenntniB  be§  legten  unb  I;ö duften  ®runbe§. 

5Dte  33ebürfni[je  unb  Sriebe  ber  menfc^Iit^en,  inbibibueüen 
unb  focialen  9lütur,  bie  ©rforberniffe  unb  53ebingungen  einer 
nuffteigenben  (5ulturenttt)icf(ung ,  bie  oüeS  biefe§  erfennenbe, 
beurt^eilenbe,  abwägenbe  3]ernunft,  —  ba§  finb  in  ber  %^at 
©rünbe,  meldie  e§  erflärcn,  ha^  ba§  ^ribateigent^um  ben 
ßljaratter  einer  [ociolen  @inri(!^tung  annafjm  unb  annef)men 
mu^te,  ba§  [inb  bie  t^unbamente  ber  (5igentf)um§in[titution, 
me(d}e  biefelbe  qI§  eine  naturrec()tltd)e,  b.  i).  im  33er= 
nunftredite  begrünbete,  @inridt)tung  erfi^einen  laffen.  2)enn 
alle  jene  Elemente  füljren  [id)  f^Iie^lid^  auf  ben  äBiüen  beffen 
jurüd,  ber  bie  bernünf  tige  53^enf^ennatur  gefd^affen  l)at,  mit 
ifiren  leibüd^en  unb  geiftigen,  inbibibueüen  unb  jocinlen  33e= 
bürfniffen  unb  5lnlagen,  mit  ber  gä^igteit  unb  bem  SBerlangen 
nadb  cultureüer  (Sntmidtung.  @§  i[t  ber  bentenbe  ®ei[t  in 
un§,  ber  in  bem  Urheber  ber  menfd)Iid)en  51atur  anä)  ben 
ljöd;[ten  @e[e|geber  ber  menfc^^eitlidjen  ßbolution  unb  in  i^r 
unb  mit  i^r  ber  ©igent^umsinftitution  erfennt  unb  bere^rt  ^ 


'  SSgl.  iJranä  SÖalter,  ®a§  ©tgentf^um  imd^  ber  Se^re  beä 
1)1.  Zijomai  Don  Slquin  unb  beä  Sociali§mu§.  ©etrönte  $reiöf(f)rift 
(^reiburg  1895)  ©.  9:  „Qä  ift  md)t  ber  6toat,  jücf)t  ber  5öertrag 
ber  auö  bem  S^aturäuftanbe  jur  bürgerli(f)en  ©efell)d)aft  3ufammen= 
getretenen  lülenfd^en ,  ber  ba^  (iigent^um  jc^afft,  jonbern  ber  SBitte 
be§  I)b(|[ten  ©efe^geberg."  —  ©attirein  (ÜJtoraIpt)iIofop]^ie 
II,  223)  nennt   bie   öon   uns   Vertretene  3;f)corte   bie   5fDnomifd)= 


4.  ®q8  5prit)ateigentl)um  nad^  b.  toiffenfd^.  ®t)oIutton§tl^eone.    261 

2)iefe  moralifcfie  öerecCitigung  unb  ^iot^toenbigfeit  be§ 
^^^riüateigent^um§  für  ben  53ienfd^en  unb  ba§  menfd^lidje  ©efeü^ 
fd^aftSleben  genauer  ju  erweifen,  föirb  unfere  nö(|[lc  5tufga6e. 
©rünbet  fi(^  bie  (5igent^um§inftitution  in  ber  %f)üt  le^tlic^  auf 
bie  üernünftige  5JZenfd^ennotur,  bann  ift  fie  feine  bloße  „(Stoppe 
ber  ^iftorifdien  (Sbolution",  feine  öorübergel^enbe  (5nttt)iifhing§= 
pfjofe  in  ber  ©efd)i(^te  ber  33ölfer.  ©ic  föirb  bielniefir  i^rem 
lüefentlidjen  ^nfjalte  nad)  bleiben,  folange  e§  ßulturbölfer 
gibt  unb  folange  ber  9]ienfd)  feiner  bernünftigen  'Tiatur  gemä| 
o(§  bernünftige§  2Befen  ^onbelt. 

2.  8eo  XIII.  fteüt  in  ber  @nct)f(ifa  Rerum  novarum 
über  bie  ?lrbeitecfroge  ben  ©afe  auf:  Possidere  res  pri- 
vatim ut  suas,  ius  est  homini  a  natura  datum  —  „®a§ 
Ütedbt  5um  23ef{^e  pribaten  @igent^um§  ^at  ber  Wtn\6)  öon 
ber  Dhtur  erljalten."  ^ 

O^nc  ©d)toiertg!eit  föirb  man  fidb  öon  ber  äöal^r^eit 
biefer  Se^auptung  überjeugen  tonnen,  trenn  man  fornoöl 
bie    5^atur    be§    Dl^enfd^en    aU    aud)    bie    natürlichen    Söe= 


noturred^tltd^e;  [te  fieJ)t  „ba§  5Prit)ateigcnt!^um  tüenigftenS  auf 
()Df)ern  (Sulturftufen  unb  innei1)atb  getolffer  ©renjen  qI§  not^toenbig 
an  für  bie  erforbcrlic^e  SntttndEIung  foiüo:^!  ber  einjelnen  ^nbiüibuen 
unb  iJatnilten  aU  ber  ganjen  ©efetlfc^aft  uub  barum  aud) ,  unter 
33orau§fe^ung  ber  SOlenftfien ,  tüie  fie  nun  einmal  finb ,  aU  eine 
notl^toenbige  35  ernunf  t§orbnung".  —  ®iefe  Sl^eorte  unter» 
fc^eibet  ftrf)  alfo  toefcntlicf)  üon  ber  „rein  ötonomifcficn  S^eorte", 
uicl(f)e  ba§  ?prit)atetgent!^um  nid^t  al§  notl^tDcnbig,  fonbern  161  ofe 
aU  nü|Itdj  unb  3tüedEmäfeig,  uub  jtüar  lebiglic^  aU  für  bie  al&= 
fepare  3ufunft  nü^Iid)  Ijtnftellt.  2t.  ti.  (Sd}äffle,  ber  übrigen^ 
feine  Stnfidjteu  oft  änbert,  fann  al§  ein  33ertreter  le^terer  S^eorie 
gelten. 

»  DfficietTe  (^crberfd^e)  2Iu§gabe  ©.  10  (bejit).  <B.  11).  —  S)ie 
ße^re  ber  großen  S^eologen  über  @igentt)um§red;t  turj  äufammen= 
geftefft  finbct  fic^  bei  ^itje,  .Kapital  unb  5trbeit  («ßaberborn  1880) 
®.  133  ff. 


262    ®titte§  Äapitel.  ©a§  ^riöoteigentl^um  aU  fociale  ^nftitution. 

bingimgen,  ben  notürlid^en  ^md  be»  ge)en]d^Qft(id)en  SebenS 
in§  5Iuge  fn^t^. 

®ie  naturrecJ^tlic^c  5ßegtünbung  be§  ^ribateigent^um»  er= 
gibt  fid^ 

@r[ten§:  qu§  ben  @e[e|en  ber  menfd^ liefen  DZatur, 
wie  fie  logijd^  unb  factifd^  bor  jeber  [taatlid^en  ober  ©tomme§= 
gemeinjc^af t ,  alfo  nuc^  Dov  jebem  iiofitiöen  ®emeineigen= 
t^um  beflefit  unb  beftonb.  golgt  aber  qu§  ben  ©efe^en  ber 
inenjd)nd&en  9iatur  bie  23ered)tigung  be§  ^riDoteigentl^umS,  fo 
tüürbe  bie  bauernbe  (Sinfüfjrung  be§  gefedfc^aftlici^en  6onectiD= 
eigent^um§  aU  naturraibrig  fid)  barfleüen,  unb  gmar  um 
fo  me^r,  je  tt)eniger  boSfelbe  geeignet  i[t,  ben  ^tnfprüc^en, 
bem  Sriebe,  betn  35erlQngen  ber  9latur  5U  genügen.  Sorcuä 
t).  ©tein  ^at  im  -Spinblid  auf  bie  ©ried^en,  Stalifer  unb  ®er= 
manen  bie  ^öemerfung  gemacht ^i  „3n  itinen  lebt  ein  n)unber= 
barer  Srieb,  beffen  SBefen  e§  ift,  ^a^  i^nen  niemolS  unb  auf 
feinem  ©ebiete  if}re§  Men§  ha%  genügt  t)at,  tt)a§  fie  l^atten. 
©tar!  finb  fie  in  ber  33ert^eibigung  beffen,  tt)a§  fie  be= 
fi^en;  aber  raft(o§  flreben  fie  weiter,  Unbefanntem  ent= 
gegen,  ©olange  fie  eine  (Befdbit^te  ^aben,  ift  eS,  al§  ob  bie 
(ärbe  fie  ni^t  ru^en  liefje,  bi§  fie  fie  ganj  befi|en  unb  ge= 
niefeen.  5Uic^  anbere  58ölter  ^aben  gro^e  SBeÜjüge  unb  @r= 
oberungen  oufsumeifen.  5iber  jenen  toar  @ine§  gemein.  Sei 
i^nen  genügte  e»  nictit,  ba^  ber  ganje  33oIt§ftamm  ein  2anb 
gett)ann.  <Sie  moüten  bon  bem  ©eraonnenen  für  jeben 
©ins einen  einen  feften  ifjm  gehörigen  ^ntt;eil.  ®er 
ßinjelne  mit  feiner  ^raft  unb  feinem  ^efi^e  föar  ba§  3'^^ 
be§  ©anjen."  @§  mag  ha?>  Streben  nad)  inbiöibuetler 
@rtt3erb§felbftänbigteit  bei  ben  genannten  33ö(terf (^af ten 


*  Ucber  @tgent:^um  unb  übernotürlid^e  Offenbarung  bgl.  i5  r  a  n  3 
Söalter.  ®a§  gtgent^um  (gfreiburg  1895)  ©.  29  f. 

-  3)te  brei  fragen  beö  ©runbbeft^el  unb  feiner  Su-fu^ift  (@tutt= 
gart  1881)  ©.  41. 


4.  ®a«  !prit)atei9entl)uin  nad^  b.  tüijfenfd^.  ®t)oIuttonätl)eoric.    263 

in  6e[onbet§  fd^arfer  5tu§prQgung  erfcä^einen,  im  übrigen  aber 
ift  e§  innerfjalb  ber  redeten  ©c^ranfen  ein  ©emeingut  ber 
menfci^Iicben  Diatiir  bon  Anfang  an  gemefen  imb  l^at  balb 
[dbneüer,  balb  in  langfamer  (Snttüidlung  bay  ^rioateigent^um 
ju  einer  bauernben  @inric!^tung  be§  ge[ell[c^aft(i(^en  Sebenä 
gemacbt. 

'^er  9}ien[d)  ernennt  \\d)  ber  materiellen  295ett  gegenüber 
bnrd)  ®otte§  2Öort  unb  bie  i^m  Derlierjenen  ßigenfdöaften  unb 
Gräfte  ol§  .^errn  ber  (Srbe.  ?l[(e§  in  i^m  unb  um  i^n  brängt 
jur  9teüli[irung  biefer  §err)df)aft;  öor  aöem 

a)  ber  2 rieb  unb  bie  ^füdEit  ber  ©elb[terf;al= 
tung.  Um  fein  Seben  §u  erl^aUen,  bebarf  jeber  SJienfd)  ber 
äußern  @üter.  S[t  nun  bie  @e(b[ter^altung  eine  natürlicbe 
^flic^t  für  ben  9)^enfd)en,  wie  niemanb  beftreiten  fanu,  fo 
ftef}t  ebenfo  unäföeifelfjaft  jebem  ÜJIenfdjen  ein  natürlid)e§  Dtec^t 
auf  @r^a(tung§mittel  ju.  ^enn  mo^u  ber  ^}?enfd^  eine  ^\{\ä)t 
fjat,  baju  ^at  er  aud^  ein  9tedbt.  '^k  ^flic^t  unb  ba§  iRed^t 
ber  ©elbfter^aÜung  fd^tie^t  barum  aud)  bie  ^flid^t  unb  bo§ 
9ied)t,  bie  notfilüenbigen  ©rf^altungsmittel  5U  ermerben,  ju 
befi^en,  ju  bermenben,  in  ficb  ein.  ®iefe  ©r^altungSmittet 
aber  finb  äum  großen  Sf^eil  bon  einer  folgen  natürlichen 
SBefd^affentjett,  ha^  fie  nur  einem  allein  unb  jmar  au§fc^Iie§Iid) 
bienen  tonnen.  <Boii  für  bie  ßr^attung  be§  DJ^enf^en  in  einer 
bernünftigen  Sßeife  gcforgt  werben,  fo  mu^  er  alfo  audj  ba§ 
äted^t  fjoben,  anbere  bon  bem  (Sebraud)  jener  S)inge  an^' 
5ufd^(ie|en,  roe(d)e  i^rer  5iatur  nad}  nur  einem  allein  bienen 
tonnen.  ^a§  9tec^t,  anbere  bon  ber  <Sac^e  au§äufd)(ie^en, 
niad^t  aber,  wie  oben  au§einanbergefe|t  mürbe,  gerabe  ba§ 
2Befen,  bie  ratio  formalis,  be§  ^ribateigent^umS  aw^. 
@a  folgt  fomit  unläugbar  aus  ber  DIatur  be»  9)?enfd^en 
unb  ber  9latur  ber  materiellen  2)inge  jugleid^  für  ben 
5J?enfd^en  '^a^  9ted()t,  ^ribateigent^um  ju  ermerben  unb  ju 
befi^en. 


264    S5ritte§  ßapitel.  S)a§  «PfiDateigent^um  aU  fociale  Sfnftitutton. 

%htx  —  fo  tüenbet  man  ein  —  jugegeben  anä),  ha^  au5 
ber  ^flici^t  unb  bem  3te(^t,  ju  leben,  ein  @igent^um§re(^t  on 
jenen  2)ingen  folgt,  bie  if}rer  notürlid^en  S3e)c^rän!t^eit  megen 
blo^  einem  allein  bienen  fönnen,  mürbe  jenem  9ted}t  unb 
jener  ^pflid^t  ni(t)t  öoüftänbig  genügt,  menn  ber  einjehie  5[)?en[cö 
\\ä)  jebe§mal  nur  gerabe  fo  biet  aneignen  bürfte,  aU  er  im 
^ugenblicfe  benötf)igte?  2Bo  aber  finb  bie  ©rünbe  bafür,  ha^ 
ber  Tltn\ä)  5ßorrät^e  bon  ©ütern  aufhäuft,  öon  benfelben 
bauernb  aUe  anbern  au§f(^Iie^t,  ja  fogar  ficb  ba^u  berfteigt, 
ben  ©runb  unb  ißoben  in  5)3ribateigent()um  ju  bermonbeln? 
tiefem  ßinmanbe  fommt  2eo  XIII.  jubor,  inbem  er 
b)  au§  ber  S3orau§f id)t  unb  bem  25orbebacf)t,  al§ 
natürlid()en  5ittributen  bc§  bernünftigen  5}?enfc^en,  bie 
5iotf)menbig!eit  unb  ^Berechtigung  bouernben  ^ribateigent^um§, 
fpecieti  auc^  am  ©runb  unb  Soben,  T^erleitet: 

„@§  tritt,  Uiie  in  anbem  S)tngen,  fo  aud^  l^ierin  ein  toefenttid^er 
Unterfc^teb  ätoifdjcn  SOtenftf)  unb  %i)ux  t)eröot.  S)q§  Sfiier  befttmmt 
fiiä^  nic^t  felbft,  fonbern  toirb  burc^  ben  boppelten  Snfttnct  feiner 
S^iatur  geleitet.  Serfelbe  befc|ü^t  feine  93ermDgen,  er  förbert  bie  ®nt« 
ipidffimg  ber  .Gräfte,  er  erregt  unb  beftimmt  beren  58etl)ätigung.  3n= 
bem  ber  eine  3rnftinct  ba§  Sfjier  jur  ®elbfterl}altung  treibt,  befttmmt 
eS  ber  onbcre  jur  S^ortpftanjung  be§  ©efd^tedEitS.  gür  beibe§  aber 
tft  e§  auf  ben  engen  23eretd§  beöjenigen,  icaö  il^tn  gegenwärtig  ift, 
angeluiefen,  eine  ©renje,  über  loetd^e  e§  nicC)t  l^inougfommt ,  wetl  e§ 
nur  burd^  ha^  finnlid^e  9]ermögen  unb  burc§  ©inseleinbrüdte  be]^errf(|t 
luirb.  —  2öeit  baüon  öerfd^teben  ift  bie  Dktur  beä  SlJlenfc^en.  3fn 
tl^m  ftnbet  fid^  etnerfeit§  boS  2öefen  beö  Stl^iereö  in  feiner  ©anjl^eit 
unb  aSoQfominenbeit,  unb  fo  befitjl  er  toie  biefeä  bog  Sßermögen  finn= 
liefen  ©enuffeg,  aber  feine  Statur  9ef)t  ni($t  in  einer  tbierifd^en  auf, 
mag  man  fidEi  le^tere  noi^  fo  ocröolltommnet  beuten;  er  erl^ebt  fid^ 
bod^  über  bie  t^ierifdf}e  Seite  feiner  fetbft  unb  mad^t  biefe  fid^  bienft= 
bar.  2Ba§  ben  SDtenfd^en  abelt  unb  if)n  3U  ber  tf)m  eigenen  SGßürbe 
erl^ebt,  ba§  ift  ber  Vernünftige  ©eift ;  biefer  Verleibt  i^m  feinen  6ba= 
rafter  aU  9Jlenfc^  unb  trennt  i!()n  feiner  ganzen  Sßefenbeit  nac^  vom 
S^biere.  Sben  lueil  er  aber  mit  33ernunft  auggeftattet  ift,  finb  tbm  bie 
irbifd^en  ©üter  nic^t  3um   btofeen  ©ebrauc^e  anbeimgegeben  luie  bem 


4.  S)aö  5PriüateiscutI)um  mä)  b.  toiffenf(|.  eüolutioitst^corie.    265 

%l)iin,  fonbern  er  t)at  ^lerfönlidjeä  SSefi^red^t,  SSefi^vecfit  ni(^t  Blofe 
auf  Singe,  bte  Beim  ©ebrauc^e  üerjel^rt  toerben,  fonbern  audf)  auf 
foIcf)e,  toclc^c  nac^  bcm  ©ebrau($e  befleißen  bleiben. 

Sine  tiefere  ^Betrachtung  ber  Dlatur  be§  9Jtenf(f)en  Ielf)rt  biefeS 
ganj  ftar.  —  S)a  ber  aJtenfd^  mit  feinem  ®en!en  unjätjüge  ©egen= 
ftänbe  umfaßt ,  anä  ben  gegentoärtigen  bie  3nfünftigen  erfd^Iie^t  unb 
§crr  feiner  §anblungen  ift,  fo  bcftimmt  er  unter  bem  etoigeu  ©efe^e 
unb  unter  ber  aütüeifen  Jöorfe^ung  ©otteS  fic^  felbft  nadt)  freiem  ©r^ 
meffen;  eö  liegt  barum  in  feiner  3D1ac^t,  unter  ben  2;ingen  bie  SBa^I 
ju  treffen,  bie  er  3U  feinem  eigenen  2Bof)fe  ni(i)t  allein  für  bie  ©egcn» 
tcart,  fonbern  aud)  für  bie  gufunft  qI'j  bie  erfpriefelicfiften  eracf)tet. 
§ieraus  folgt,  bafe  e§  9ied)te  auf  f erfönlicEien  Sobenbefi^  geben  mu^ ; 
eg  muffen  üled^te  eriüorben  toerben  fönnen  nici)t  blo^  auf  ©igentl^um 
an  ©rjeugniffen  beä  S3obenö,  fonbern  aucf)  auf  ®igent^um  am  SSoben 
fclbft.  SGßaö  bem  3Jlenfc§en  nämlic^  fixere  2tuöficf)t  auf  fünftigen 
Sfortbeftanb  feine§  Unterl)altcö  üerleii^t,  ba§  ift  nur  ber  SBoben  mit 
feiner  ^^ProbuctionSfraft.  Sfmmer  unterliegt  ber  9)ienf(ä)  33ebürfniffen, 
fte  toedifeln  nur  i^re  ©eftatt;  finb  bie  f)eutigen  befriebigt,  fo  ftetten 
morgen  anbere  if)re  Stnforberungen.  Sie  9latur  mufe  bem  2Jienfd^en 
bemgemäfe  eine  bleibenbe,  unüerfieglic^e  OueÜe  jur  23efriebigung  biefer 
Sebürfniffe  angetoiefen  f)aben,  unb  eine  foI(f)e  Oueüe  ift  nur  ber 
SSoben  mit  ben  ©oben,  bie  er  unaufhörlich  fpenbet."  ^ 

SBöfirenb  bQ§  2:I)ier  mit  bem  ©enufe  gegenmörttger  ©üter 
iid)  begnügen  mup,  bemi^t  ber  9}hn[c^  bie  3ii^unft,  beren 
i^orberungen  unb  Sebürfniffe.  (Sr  mei^,  baB  er  feiner|ett§ 
auf  5u!iinftige  Sebürfnifje  9tü(f[{(i)t  nehmen  fann.  Sa  er 
erfennt  in  biefer  §Qf)igfeit  einen  Ijo^en  ^ßorjng  feiner  ber» 
nünftigen  9iatur,  eine  5leuperung  ber  menfi^^Iidien  SBürbe. 
(Sben  bie  bernünftige  ^atur  offenbart  e§  \i)m  ferner  al§  eine 
{^orberung  ber  5?(ugf)eit,  bafe  er  bon  jener  ^ü^igfeit, 
foraeit  er  !ann,  ©ebraud)  mü(^e,  fein  53efte^en  nad)  ÜJiögüd)« 
feit  ntd^t  im  ungetüiffen  laffe.  2)arum  fü^It  ber  Tlm'iä)  \\ä) 
mächtig  bur(!^  feine  bernünftige  5^atur  gerabeju  angetrieben, 
feine  3utunft  fi^er  ju  fteüen.    2öie  aber  foüte  er  bie§  beffer 


>  ©nc^üifa  über  bie  Slrbeiterfroge  (Officieße  Stu^gabe,  S^reiburg, 
Berber,  1891)  ©.  12  f.  beäto.  ©.  13  f. 


266    S)iitte§  ßat)itel.  ®a§  5prit)ateigent^um  aU  foctole  Stnftüution. 

löimen  qI§  boburci^,  bo^  er  einen  SSötrot^  bon  ©ütetn  bouernb 
mit  3tu§fc()Iu^  anbetet  be[i|t?  tüie  beffet  üU  getobe  bur(| 
flabilea  @igentt)um  am  ©tunb  unb  ©oben?  ^aum  bebarf 
e§  voof)l  eine»  Semeifeä,  bo^  bie  23etnun[t,  bie  ßlug^ett  ben 
9)Zenfc^en  antreiben  muß,  nun  auci)  in  bet  Sliat  für  bie 
3u!unft  in  gebat^tet  SBeife  ^^ürfotge  ju  tteffen. 

23Ii(fen  mit  nur  §in  auf  ben  2Bed)fe(  be§  @Iü(fe§,  bem 
bet  ÜJ^enfii)  in  feinet  <Bd)\oää)t  untetliegt.  ^tan!(;eit,  <Bä)\d= 
fatafd^löge  mannigfac^et  5ttt  fönnen  i^n  treffen,  i|n  nieber= 
beugen  unb  ben  augenblidlii^en  @tmetb  bet  @t^altung§mittel 
fe{)r  erfdiroeten,  bieüeid^t  unmöglich  mad)en.  2Sa§  mürbe  au§ 
il}m,  menn  er  ni(|)t  bauernbe§  (äigent^um  an  2)ingen 
ermerben  fönnte,  bie  in  ber  S^it  '^^^  '^oii)  i^n  am  Seben 
erf)ielten?  20ßa§  mürbe  au§  it)m,  menn  niemanb  fid)  biefeä 
3fted)te§  erfreute,  niemanb  über  einen  SSotratf)  bon  ©ütern 
berfügen  bürfte,  au»  beren  Ueberflufj  er  ben  not^Ieibenben 
S3rübern  ^ilfe  ju  gemötiren  bermöc^te?  ^ 

33Iiden  mir  I)in  auf  bie  2Be(t,  bie  @rbe,  bie  una  als 
^eimftütte  angemiefen.  9Jkn  mag  bie  5^atur  !arg  ober  frei= 
gebig  nennen,  jebenfans  mec^felt  ber  9ietd)tl}um  i^rer  ^robucte 
gar  feljr,  ift  bielfac^en  3u[öüigteiten  untermorfen.  ©ie  bietet 
nid^t  äu  feber  3eit  unb  an  jebem  Orte  jene  f^ülle  bon  ©ütern 
bar,  beren  mir  jur  ©rfjaüung  unb  5ßerboflfommnung  unfere§ 
Sebena  bebürfen.  3n§befonbere  bebarf  ber  ©runb  unb  SSoben 
ber  fort  gefegten  unb  ^öd)[t  forgfältigen  Kultur,  menn 
anber§  er  bie  gur  bauernben  ßrt)altung,  ©ic^etung,  S5et= 
boütommnung  be§  2eben§  not^menbigen  ©ütet  r)etbDtbtingen 
foK.  2öet  abet  moüte  afle  jene  9J^üt)cn,  jenen  fjo^en  unb  boc^ 
fo  unetlö0lid)en   ®tab   bon  ©otgfaft   auf  bie   Pflege  eine§ 

1  ®er  ©iutoanb,  baß  ein  SSorrat!^  im  ge jelUc^af tlid^en 
©tgentl^um  [te{)enber  ©üter  genüge,  toirb  fpäter  nod^  auöbrüdlid^  burdf) 
Surüdtweifung  beä  ®efeEfc|aftöeigent:^um§  im  ©inne  be§  ©ommuniä» 
mu^  unb  (Sociaüömuö  erlebigt. 


4.  2)aö  ^rit)ateigeiitl)um  m^  b.  toincufd^.  ®üoIutioii§tf)eorie.    267 

5lc!er§  bermenben,  bon  bem  er  tüeiß,  bo^  berfelbe  in  hitäer 
3ett  bieüeirf)t  ifjm  genommen  merben  bürfte?  5iein,  o^ne 
[tabile»  (Sigentfjitm  an  ^kunb  unb  53oben  tüirb  ber  ^en[(§ 
bem  Soben  nic^t  bie  äur  (Sultibirung  imb  Sßerbefferung  bc§= 
[elben  not^menbige  (Sorgfalt  unb  5RüI)e  angebei^en  Ia[[en. 
O^ne  befonbere  ©orgfalt  unb  9)iü^e  aber  liefert  ber  tiefer 
!aum  ba§  für  bie  ©egenmart  3^otliit)enbige ,  gefrfjtüeige  benn 
jene  Ueberfd)ü[fe  über  ben  gegenmärtigen  53ebarf,  meldie 
gegen  5u!ünftige  fyälle  ber  5^otf)  ©idierfjeit  ju  gewähren  im 
ftanbe  finb. 

2)a§  Sigentr^um  an  einem  bauernben  ©üterborratf) ,  iny= 
befonbere  ba»  ©igent^um  am  @runb  unb  33oben  ala  einer 
beftonbig  fließenben  ©üterquelle,  ift  barum  ben  natürlichen 
unb  berechtigten  2Bünfd)en  unb  trieben  ber  bernünftigen 
5J?enfd)ennatur  burdiau»  entfprecfienb,  — bie  naturgemäße 
unb  befte  3^orm,  in  meld)er  ber  men[d)Ii(^e  ß-rljaltung^trieb 
unb  Sßerbolüommnungatrieb  [ic^  ©eltung  berfc^afft.  5)a  nun 
bon  feiten  ber  materiellen  SDinge  einer  bauernben  51neignung 
berfelben  nid)t§  im  Sßege  ftefjt,  mirb  alfo  ber  DD^enfd)  in  bem 
53eftreben,  burc^  bauernben  @igentf)um  fein  irbifd)e§  ©ofein 
ju  fid)ern  unb  ju  berboflfommnen,  fo  lange  in  ber  5(u§übung 
einer  uuätüeifeKjaft  natürlichen  9iec^t§befugniB  fic^  befinben, 
ala  er  baburc^  fein  frembe»  'ifttä)t  berte|t. 

2)a§  gilt  aucf)  in§befonbere,  ttjie  gefagt,  mit  9?üdfi($t  auf 
ben  ©runb  unb  Soben,  |)at  ber  5JJenfc^  ein  9?ecf)t,  bie 
t^rüci^te  be§  S3aume§  für  fici^  allein  ju  ermerben,  fo  fle(;t  \i)m 
nidbt  minber  bie  Sefugniß  ju,  hm  Saum  ftc^  anjueignen,  ber 
bie  t^rüctite  trägt.  2)enn  finb  \f)m  bie  t^^rü^te  unentbe^rlici),  bann 
ift  e§  nid)t  minber  ber  Saum,  ben  er  pflegen,  befdineiben,  be= 
gießen,  gegen  bie  -^äüe  unb  gegen  bie  Sefd^öbigungen  burc^  milbe 
St^iere  fd)ü|en  muB,  fofern  beffen  (^rjeugniffe  in  3"^"nft  fein 
Seben  erhalten  foüen.  Sfl  aber  ber  Saum  unentbe^rlid^,  bann 
ebenfalls  ba§  ©tücf  8anbe§,  in  metd^em  ber  Saum  SBurjeln 

^tiä),  SiberaCtgmuS  zc.  II.  2.  Stufl.  13 


268    ®rttte§  Kapitel.  ®a§  ^riöateigcntfium  aU  foctalc  ^nftttution. 

geld^Iagcn  ^at,  auf  bem  er  empotblü^t  unb  gebeizt.  ®ie|e§ 
Sonb  mu^  bebaut,  Don  ©teinen  befreit,  gebüngt  hjerben, 
tücnn  id)  \md)  nicEit  ber  ©efaljr  au§[e^en  tüiü,  ba^  lä)  be§ 
33aume§  unb  bamit  feiner  t$rüd)te  berluftig  tüerbe. 

@D  fü^rt  alfo  not^toenbig  ba§  ©treben  m6)  ©id^erung 
feiner  ^i'iftens  ben  '^ytm\ä)tn  jur  ?Ineignung  nic^t  blo^  ber 
grüc^te  ber  @rbe,  fonbern  auä)  be§  ©runb  unb  5ßoben§  felbft. 
SBoüte  i^m  femanb  biefe§  Sfiedit  beflreiten,  fo  rvaxe  bie§  gleich« 
bebeutenb  mit  ber  33er!ennung  ber  natürlid)en  33efugni^  be§ 
5J?enfc^en,  für  feine  @rf}altung,  für  feine  ©ntmicflung  in  einer 
ber  95ernunft  entfprec^enben  2Öeife  ju  forgen. 

c)  .»pat  aber  ber  5)lenfd)  fc^on  al§  ©njelraefen  gum 
3tt)ec!  ber  ©rljaltung  unb  gorberung  ^  be§  2eben§  ba§  ^^ä)t, 
bauernbeS  ^^riöateigent^um  ün  ben  grücfiten  ber  @rbe  unb 
an  biefer  felbft  5U  ertüerben,  fo  fteüt  fid)  jenes  9led)t  nod) 
beut(i(i^er  bar,  wenn  toir  ben  5}ienf(^en  in  feiner  Sejie^ung 
jur  S^amilie  betrad)ten.  SSerne^men  n)ir,  mie  fieo  XIII.  au§ 
ber  natürlichen  Siebe  ber  Altern  ju  i^ren  ^inbern 
einen  58en)ei§  für  ba§  ^riöateigent^um  herleitet. 

„3n  SSejug  auf  bte  2öaf)l  beö  Se'benSftanbeg  ift  cö  ber  S^reil^eit 
eines  jeben  an^^etmgegeben ,  enttoeber  ben  ^at^  be§  gbttlic^en  §errn 
jum  ent^altfamen  ßeben  ju  Befolgen  ober  in  bte  ®^e  31:  treten,  ßein 
ntenfd)ücf)e§  ©efe^  fann  bem  5Dtenfcf)en  ha^  natürliche  unb  ur|prüng= 
ü(^e  '3itä)t  auf  bie  ®^e  entäiefjen;  feinet  fann  ben  §aupt3U)ecf  biefer 
burdf)  ©otteö  fieiüge  5tutorität  feit  ber  grf(^affuug  eingefütirten  @in= 
ricf)tnng  irgenbloie  einfrf)ränfen.  ,SGßad^fet  unb  me'^ret  euc^.'  3[ftit 
biefen  Sßorten  toar  bte  gamilie  gegrünbet.  ®ie  Familie,  bic  puä= 
lid)e  ©efeüfcfiaft ,  ift  eine  tDaI)re  ©efetlfcfiaft  uttt  aüen  9ie(f)ten  ber« 
fclben,  fo  Hein  imtner^in  biefe  ©efeafcC)aft  ftcE)  barflcöt;  fte  ift  älter 
aU  iegli(f)eö  anbere  ©etneintnefen,  unb  bcö^atb  beft^t  fie  unabpngig 
üom  ©taate  t^r  innetoo^nenbe  ffiefugniffe  unb  ^Pflicfiten.  2Benn  nun 
jebem  SOlenfc^en  als  ©inseltoefen  bie  9tatur  ba^  9fie^t,  ®igentf)um  ju 


1  9}gl.  §erberf(^e   2luögabe   ber   ©ncljfllfa    „Rerum   novarum" 
©.  15,  „conservanda"  unb  „perficienda  vita". 


4.  S)a§  ^riöateigent^um  nad^  b.  toiffenfc^.  ©üolutionstl^eoric.     269 

erluerfcen  unb  ju  befi^en,  öerliel^en  !^at,  fo  tnufe  ftcf;  blefeö  9led^t  aud^ 
im  93tenf(|en,  infofern  er  ^aupt  einer  S^amilie  ift,  finben ;  ja  bagfelbe 
befi^t  im  3familienl^au))te  nodf)  met)r  Energie,  toeit  ber  2Jtenfc^  jic^ 
im  pu§Ud)en  Greife  gteicfjfam  auäbe^nt.  ©in  bringenbeä  ©efe^  ber 
9iatur  Derlangt,  bafe  ber  ^Jamilienüater  ben  ßinbern  ben  ßebenöunter» 
I)alt  unb  attel  3löt^ige  Derfd^affe  unb  bie  Statur  leitet  il^n  an, 
aucf)  für  bie  3"!^""!^  i^ie  ßinber  ju  üerforgen,  fie  m5glidf)ft  fic^er= 
3ufteIIen  gegen  irbifd^e  233ed£)felfätle ,  fie  in  ftanb  3u  fe^en,  fid^  felbft 
oor  ©lenb  ju  fd^ü^en;  er  ift  eö  ja,  ber  in  ben  ßinbern  fortlebt  unb 
fi{§  gleid^fam  in  il)nen  toiebert)oIt.  Sßie  foll  er  aber  jenen  ^ßflidfjten 
gegen  bie  ßtnber  na^fommen  fönnen,  toenn  er  t^nen  nid^t  einen  Sefi^, 
loelc^er  frud^tet,  alö  @rbe  ^interlaffen  barf  ?" » 

W\t  anbern  Sßorten :  @§  ift  ftrentje  unb  ^eilige  ^flici^t  be§ 
Sßatera,  für  bie  (Sqie^ung  feiner  ^inber  «Sorge  ju  tragen. 
Ue6erbie§  rnirb  er  bon  ber  9?atur  angetrieben,  ha^  er  nod^ 
ein  übrige»  für  bie  ^inber  t{)un  möchte,  inbem  er  beren  3«= 
fünft  burd)  |)interIoffung  einer  ©rbfc^oft  gegen  bie  2Sed^feI= 
füQe  beS  2eben§  fi^er  fteüt.  3>on  einer  ^flic^t  eine§  feben 
2Sater§,  feinen  ^inbern  ein  @rbe  ober  gar  fpecieü  ^Bobenbefi^ 
erblid)  ju  überlaffen,  ift  ba  burd^ou§  feine  9tebe.  2eo  XIII, 
fpricf)t  in  biefer  |)infic^t  nur  öon  bem  natürlicfien  SSerlangen  ^ 
ber  (Altern,  melc^eS  ebenfo  ö  e  r  n  ü  n  f  t  i  g  unb  b  e  r  e  c^  t  i  g  t  ift 
mie  ber  SSßunfd^  be§  ^injelnienfc^en ,  nid}t  nur  für  bie  blof^e 
augenblicflic^e  Sr^oltung,  fonbern  für  bie  görberung,  2SerüoII= 
fommnung,  möglic^fte  «Sicherung  bca  2eben§  burc^  bauernbeS 
(5igentf)um  bie  fadjlid^en  23ebingungen  ju  erujerben.  ©tef)t  ber 
Erfüllung  beS  elterlid^en  3öunfdöe§  fein  frembe»  Üiec|t  im 


1  Encycl.  ^Reruiii   novarum"   (Officielle   SluSgabe)  p.  18    (19). 

*  Ibid.  p.  19 :  „Sanctissima  naturae  lex  est,  ut  victu  omnique 
cultu  paterfamilias  tueatur ,  quos  ipse  procreavit :  idemque  illuc 
a  natura  deducüur,  ut  velit  liberis  suis ,  quippe  qui  pateruam 
referunt  et  quodam  modo  producunt  personara,  acquirere  et  parare, 
unde  se  boneste  possint  in  ancipiti  vitae  cursu  a  misera  fortuna 
defendere.  Id  vero  efficere  non  alia  ratione  potest,  nisi  fructuosarum 
possessioue  rerum,  quas  ad  liberos  hereditate  transmittat." 

1.3* 


270    drittes  ßn^Jttel  Sa§  ^nt)Qtetgentf)um  aU  feciale  SfnftUution. 

SBege,  [o  wirb  alfo  aü6)  öer  ßrtüerB  bon  ^riboteigentl^um 
für  bie  ^inber  ala  ber  9latur  imb  ben  natürlid^en  S3efug= 
niffen  ber  (SItern  entfpred^ienb  onerfannt  tüerben  muffen. 

d)  Sn  ber  5ßorQU§fe|ung ,  bo^  ber  93lenfc^  überhaupt 
ßigentl^um  an  ben  materiellen  2)ingen  erwerben  borf,  finbet 
bie  (Sered;tig!eit  be§  5]3riöQteigent^um§  eine  neue  Seftätigung 
in  bem  natürlidjen  Utä)tt  be§  50^enf(^en  nn  ber  gruii^t 
feiner  Slrbeit. 

Sßenn  ber  Wtnlä)  fein  @igent[jum§red)t  an  ben  grüd)ten 
feiner  5Irbeit  l^ätte,  fo  würbe  man  i^m  biefelben  gegen  feinen 
Sßillen  entjie^en  fönnen,  oljne  fid)  einer  Ungeredjtigteit  fc^ulbig 
§u  madien.  Unb  bod)  fagt  nnfere  33ernunft  un§  !(ar  unb 
beutüd^,  ba^  eine  berartige  (äntjiefjung  erflenS  eine  33ergemalti= 
gung  feiner  ^perfon  unb  zweitens  einen  9tQub  an  bem  bc= 
beuten  mürbe,  ma§  er  mit  9^ed)t  a(§  ha^  „©einige"  betradjtet.  — 
9'?ef)men  mir  an,  ein  9}^enfd(),  ber  in  niemanbeS  Sienft  fielet, 
l^abe  einen  l^errenlofen  ©egcnftanb,  3.  23.  einen  5ßaum  be§ 
UrwalbeS,  in  23efi^  genommen  unb  au^  beffen  §oIä  für  fid) 
einen  ^feit  gcfdmi^t.  S)a  tarne  aber  ein  anberer  unb  nöl^me 
it)m  ben  5]3feil  ah.  (Srtennt  nid^t  jeber  auf  ben  erften  S3Iid, 
ba^  bem  58erfertiger  be§  5)3fei(e§  baburcb  ein  Unred)t  jugefügt 
mürbe?  - —  Unb  worin  befielt  benn  jene  Ungerec^tigfeit  ?  — 
3unäd;ft  in  einer  perfönlidjen  ©ewaltt^at  gegenüber 
ber  natürlid^en  ^^-reifjcit  unb  ber  inbibibueüen  @rwerb§felb= 
ftönbigfeit  be§  5}lenfd)en.  2)enn  wie  \ä)  ntemanb  otjne  9tecOt§= 
titel  zwingen  !ann,  feine  Gräfte  gegen  feinen  ^TOiHen  im  2)ienfte 
eines  anbern  ^u  berwenben,  fo  würbe  audb  ein  na^folgenber 
3wang  —  weldier  burd}  wißfürlidie  ©ntsietjung  ber  gerechten 
grud)t  ober  burd^  SSereitcIung  be§  bered)tigten  3roede§  meiner 
o^ne  95erte|ung  fremben  9le(ibte§  boUjogenen  5trbeit  mic^  in 
bie  Sage  berfetjt,  gegen  meinen  Wiüm  für  einen  anbern  ober 
ganj  jwedloS  gearbeitet  ju  ^aben  —  offenbar  ber  ®cred)tig!eit 
in»  ®efid)t  fd)tagen.    ©obonn  wöre  eS   ein   @ad)enraub 


4.  ®a8  ?Prit)Qteigentf)um  nad^  b.  lüiffenfc^.  ®t)oIutionStl^eone.    271 

an  bem,  tüa§  ber  Wen\6i  mit  9tei^t  aU  bo»  ©einige  be= 
trachten  barf.  Seber  5)Zen)c!^  i[t  öon  51atur  aii§  §err  feiner 
Gräfte  unb  t^äl^igfeiten,  b.  1^,  er  fonn  biefelben  al§  bie  feinigen, 
für  \\ä),  ju  feinem  eigenen  SBort^eil  bern^enben,  ©teljt  er  alfo 
nid^t  in  einem  ®ienftberl}ä(tniffe ,  burd)  meld^eS  er  fid^  oer= 
pflid)tet  f)at,  für  einen  nnbern  ju  arbeiten,  fo  mirb  er  anci) 
a(f  ber  natürliche  |)err  ber  ^^rüd^te  feiner  5Irbeit  gelten  muffen. 
„3ene§,  ioa§  \äi  t^ue,  ifl  ganj  in  meinen  ^önben;  benn  e» 
ift  ein  2;f)eil  bon  mir,  meil  e§  eine  SBirtung  öon  mir  ift  unb 
bie  2Bir!ung  ein  S;^eil  ber  Urfac^e.  5)ie  2Bir!ung  ift  ja  in 
ber  Urfac^e  enthalten,  ge^t  au§  i^r  fjerdor,  ^öngt  bon  itjx  ab. 
2Ber  alfo  ^infpruc^  mad^en  mürbe  auf  bie  ^yrüd^te  meiner  5In» 
ftrengung ,  mürbe  mir  'iia^  DJ^einige  rauben ,  unb  mürbe  e§ 
rauben,  oljne  ba§  minbefte  Stecht  boja  ju^aben."^  |)at  bal)er 
ber  5J?enfd^  on  einem  (Segenftanbe ,  auf  ben  niemonb  ein 
t|ö^ere§  unb  ältere»  9ted)t  geltenb  mad^en  fann,  umgeftaltenbe 
ober  befruc!^tenbe  5trbeit  bottjogen,  fo  forbert  bie  ©ered^tigfeit, 
bafe  i^m  nunmehr  ber  ©egenftanb  fetbft  al§  ©igent^um  geljöre, 
meil  er  nur  fo  im  bauernben  5öefi|e  unb  ©enuffe  ber  äßirtung 
unb  grud^t  feiner  5lrbeit  bleiben  fann. 

5lu§  biefem  urfprünglic^en  natürtidE)en  9led^te  be§  53knfd^en 
auf  bie  ^robucte  ber  Arbeit,  bie  nic^t  in  frembem  ©ienfte 
berriditet  mürbe,  entnimmt  Seo  XIII.  einen  tloren  unb  über= 
jeugenben  Semei§  für  bie  ©ere^tigfeit  be§  @igentf)um§  fpecieU 
am  (Srunb  unb  Soben. 

„Sie  @rbc  fpenbet  ätoar",  l)n%t  e§  in  ber  ®nct)IIifa  Rerum  no- 
varum-,  „in  großer  S^üüe  alte§,  ttaS  gut  ©rftaltung  nnb  i^örberung 
be§  irbif(|en  SajeinS  nötl^tg  ift;  afier  fie  fann  e§  ni($t  auö  fic^ 
fpenben,  b.  f).  nic^t  ol^ne  Bearbeitung  unb  ^Pflege  burä)  ben  5Dienfc5en. 
Qnbem  ber  SRenfd)  an  bie  Urfiartna(i)ung  bee  23oben§  förperlid^en 
Steife  unb  geiftige  ©orge  fe|t,  maä)t  er  fic^  ebenbaburdf;  ben  culti» 
inrten  Sl^eit  ju  eigen ;  e§  toirb  bcmfelBen  fojufagen  ber  ©tempel  be§ 


1  Saparetli  a.  a.  £).  I,  167.  «  @    15  (iß  f.). 


272    2)ritte3  ßapitel.  S)a^  ^ßriöateigentl^um  al§  fociale  Sfnftitution. 

aSeavBeiterS  aufgebrüdt.  @§  cntfprid^t  alfo  burd^au§  ber  ©ered^tigfeit, 
baf;  btefer  2f)eU  beä  95oben§  |etn  eigen  ^ei  unb  fein  9ted^t  barauf 
unt)erle|lid^  bleibe. 

Sie  S3etoei§fraft  be§  ©efagten  ift  fo  einleud^tenb,  ba'Q  e§  nur  3}er= 
üjunberung  ertoedfen  !ann ,  bie  entgegengefe^ten  Sf)eorien  öortragen 
äu  Igoren,  S^eorien,  bie  übrigen^  nicf)t  neu  finb,  fonbern  bie  f(f)on 
ba§  5lltertl^um  abgett)ie)en  unb  ioiberlegt  ^at.  SÖlon  behauptet  nämlidf), 
eigentlid;e§  Sobeneigent^uni  fei  gegen  bie  ©erecfjtigfeit,  unb  nur  bie 
3fiu|nie6ung  beö  S3oben§  ober  ber  21^ eile  be^felben  !önne  ben  ßinselnen 
auflegen;  bie  ©c^oüe  be§  §errn,  tr)el(|e  feine  Einlagen  unb  Saulid^= 
feiten  trägt,  fei  ni(f)t  fein  eigen,  unb  ber  StdEer,  ben  ber  ßanbtoirt  aU 
ben  feinen  bearbeitet,  gehöre  nid}t  il^in.  Man  toiü  nic^t  fe^^en,  bafe 
bie§  ebenfoüiel  f)ei§t  toie  einen  Staub  auöfüt)ren  an  bim,  niaS  legitim 
ertoorben  föurbe.  3fene§  früi^er  teufte  ©rbreid)  Ijat  bod^  burd^  ben 
Steife  beö  erften  SebauerS  unb  burd}  feine  funbige  Sel^anblung  bie 
©eftalt  DöHig  üeränbert;  e§  ift  auö  SÖilbnife  frucf;tbareä  5tcEerfeIb, 
auö  ticrtorener  Debe  ein  ergiebiger  JBoben  getoorben.  2ßa^  bem 
5Soben  biefe  neue  ^Jorm  üerliel^en,  ba^  ift  berart  mit  i()m  felbft 
eins,  bafe  e§  grofeentf)eiI§  unmöglid^  Don  i^m  ju  trennen  ift.  Unb 
e§  foH  lein  SBiberfpruil  gegen  alle  ©erec^tigfeit  fein ,  jenen  S3oben 
mit  ber  SSel^auptung ,  ba%  ©tgent^um  nicf)t  beftel^en  bürfe,  feinem 
58efi^er  ju  entgie^en  unb  baSjentge  anbern  ju  überontluorten,  toaS 
ber  SSebauer  im  Sd^loeifee  feine§  5lngefid;tel  gefcfjaffen  bat?  9tein, 
tt)ie  bie  3Q5ir!ung  il^rer  Itrfai^e  folgt,  fo  folgt  bie  iJrucf^t  ber  9tr= 
beit  als  rec^tmäfeigeä  ©igentl^um  bemjenigen,  ber  bie  2lrbeit  oolf= 
jogen  ^at." 

2)amit  ift  nun  nid^t  gefagt,  jeber  6efi|e  bon  5^atur  au» 
bie  (Garantie,  bafe  er  burd^  feine  ?Irbeit  t^atfäd)Iid)  ein  un= 
f)en}e9lirf)e§  ^ßermögen  ertnerben  toerbe.  5lber  föenn  e§  il;m 
gelingt,  o!^ne  3SerIe|ung  älterer  ober  ^öl^erer  ^iä)k  ein  foI(^e§ 
ju  gerainnen,  fo  tüürbe  e§  bem  natürlichen  Stedite  raiberffired^en 
unb  geraifferma^en  eine  33ergeraaltigung  feiner  freien  ^erfönli(]ö= 
feit  einfc^Iie^en,  raoüte  man  it)n  be§  redjtmä^ig  ©rraorbenen 
berauben.  (Btvoa^  anbere§  l^at  ber  ^o^ft  nid;t  behaupten 
raoüen,  raie  feine  SBorte  f(ar  unb  beutlid^  bejeugen:  „Qua  ex 
re  rursus  efficitur,  privatas  possessione.s  plane  esse 
seciindum  imturam."     „-^ierauS   ergibt   fid),   ha'ji  priöater 


4.  S)a§  ^Priöateigenll^um  nac^  b.  toifjenfd^.  @üoIution§tl^eorie.    273 

58efi^  (nad)  bem  3u[oinnien^nng :  pribote»  ßigent^um)  boII= 
[tänbtg  noturgemä^  i[t"  \  ber  ^ktur  entfprid^t. 

Unb  toer  bürfte  bie  2Baf)rf)eit  bie[er  Se^auptung  be[treiten 
fönnen?  5Iuf  meiere  anbere  2Bei|e  fußte  beim  aud)  ber  erfte 
Sebauer  be§  33oben§,  ber  burd)  longiö^rige,  müfifame  3(rbeit 
ben  5tder  er[t  redit  ertragsfäl^ig  gemacht  f)at,  [id)  bauernb  ber 
grüd^te  feines  @c^tt3ei|e»  erfreuen  fönnen,  wenn  i6m  nid)t  ber 
QU§fd)nef3(id)e,  bauernbe,  bererbbare  33efi|  be§  5Irfer»  —  dfo 
ba§,  tt)a§  man  nic^t  blo^  ber  ^^orm,  fonbern  aud)  bem  ^nfjalte 
naä)  al§  ^riüatetgentljum  ftet§  beseid^net  l)at  —  ^ugefid^ert 
wäre?  ^ie  Soge  be§  5päd)ter»  unterfc^eibet  \\ä)  tüefentlic^  bon 
ber  Sage  be§  erflen  58ebauer».  3}er  ^äd)ter  ^aljlt  ben  ^ad)t= 
5in§  für  ha§i  Stecht  ber  33enu^ung  eine§  fremben  @runbftücfe§. 
?lber  er  tritt  niäii  in  ein  perfönlid)e§  ^ienftberljältni^  5um 
(5igentf)ümer.  Sarunt  bleibt  i^m  ba§  9?e(^t  auf  ba§  ^robuct 
ber  Slrbeiten,  bie  er  auf  ba»  ©runbftüd  bermenbet.  3^m 
geprt  bie  (Srnte,  unb  für  Sßerbefferungen,  5(uftt)enbungen  bon 
einem  bie  ^adjtjeit  überbauernben  2Bertf)e  ermäd^ft  iljm  ge= 
re($terlT)eife  ein  Srfa^anfpruc^  bem  @igent()ümer  gegenüber. 
5Inber§  ber  erfte  55ebauer.  @r  fte!^t  einem  ^errenlofen  @runb= 
prfe  gegenüber,  auf  loeldieS  noc^  niemonb  5(rbeit  bermenbet. 
SZiemanb  braucht  er  barum  aud^  einen  ^ad^t^in»  ju  ^d)kn, 
tt)ie  anbererfeit»  niemanb  ba  ift,  ber  i^m  (Srfa^  leiftete  für 
feine  ^Of^üf^en  unb  beren  ©rgebniffe.  9iur  bo§  @igent^um 
an  bem  bearbeiteten  53oben  fid)ert  bem  erften  S3ebauer  auf  bie 
Sauer  bie  grüdfite  feiner  ganjen  5lrbeit,  ber  Urbarmadjung, 
SefteHung  u.  f.  ra. 

9}}an  beadite  übrigen»  (jierbei,  ba^  al§  „gru^t"  ber  Sfrbeit 
nid)t  blo^  bie  Srnte  ju  gelten  ^at,  ba^  bielme^r  eben  bie  33er= 
befferung  be§  ^obenS  fetbft  unb  bie  bem  5tder  bur(^  ©ultur 
berlie^enen  6igenfd)aften  u.  f.  m.  ba§  unmittelbarfte  ^probuct 


■•  Encycl.  „Rerum  novarum"  p.  15. 


274    ®ritteö  ,f?a^itel.  ®aä  ^pviüateigentlfjum  alö  feciale  Önftitutioii. 

ber  5trbeit  barfteüen.  „§at  ber  Tltnlä)" ,  [agt  S^Q^aveUi^ 
,M^  3ie^t  ouf  feine  eigenen  2öer!e,  \o  bel)nt  ba§  (Sigentfjum 
an  biefen  auf  natürlidiem  SBege  feine  9te{f)te  auf  ben  ©runb 
unb  S3oben  au§;  benn  bie  Stecfer  bebürfen  öon  Statur  au§ 
einer  beftänbigen  6u(tur,  um  ba§  menfd^Iidje  ®efc^Ie(i)t  in 
bem  ^iif^finöe  natürli^er  ^ortpflanäung  getjörig  p  berforgen. 
^ene,  bie  mit  5!)?irabeau  behaupten,  ba^  ,im  5lugenblide,  n)o 
ber  ^enfd)  bie  grüd)te  gefammelt  !^at,  (Srunb  unb  35oben 
naturgemäß  jum  gemeinfctaftlidien  Sefi|e  äurücfte()ren',  muffen 
entmeber  borau§fe|en,  boß  ber  urbar  gemachte  Jöoben,  bie 
^Brunnen,  Söafferleitungen  unb  bgl.  in  ber  natürti(i)en  Drb= 
nung  bem  menfdjlidien  @efd}Iec()te  bei  feiner  93erme{)rung  nic^t 
notfjmenbig  feien,  ober  ta^  e§  feine  SBerfe  be§  9}ienfd)en  feien, 
ober  tiü^  ber  9J?enf(^  fie  bei  ber  (Srnte  mit  fortnefimen  fönne, 
ober  baß  anberc  ein  3te(^t  auf  bie  2Berfe  be§  erften  33ebauer§ 
befäßen.  ®te  erften  brei  S3el)auptungen  finb  burd}  bie  2:^at= 
fad^en  Wiberlegt,  bie  Ie|tere  burd)  ba§  Oted)t  natürüdier  Un= 
abfiängigfeit,  bermöge  toetdier  urfprünglid)  feber  nur  für  fic^ 
arbeitet.  5Itfo  ift  ber  Srraerb  bon  ©runbbefi^  bem  ^^enfd^eu 
natürlich  unb  entfpringt  au§  ben  not^menbigen  ©efe^en  feiner 
9iatur  im  5(b§tracten  betrai^tet,  mt  au^  benfelben  bie  9'?ot^= 
toenbigfeit  ber  menfc^Ud)en  ©efeüfd^aft  entfpringt."   — 

3.  2)a§  9^ec^t  be§  S3tenfd)en  auf  pribaten  ®igentt)um§= 
erioerb  ergibt  fi^  inbeffen  nid)t  blof?  au§  ber  23etrad)tung  ber 
natürlidien  Steckte  bea  9Jtenfd)en  al§  eine»  (5inje(ir)efen§  unb 
feiner  engern  53ejief)ung  jur  gamitie,  fonbern  e§  offenbart  fid) 
bie  @igentI}um§inftitution  ebenfo  flar  unb  unmiberlegüii^ : 

3ir)eiten§:  als  eine  allgemeine  gefellfc^af tli(^e 
9iot^tt)enbig!eit. 

Orbnung,  greit)eit,  f^riebe,  materiefler  unb  geiftiger  gort» 
fcbritt  bilben  bie  natürlidien  !^kk  unb  5(ufgaben  be§  gefeH» 


2  21.  a.  D.  I,  3lx.  407. 


4.  ®a§  ^ribateigentl^itm  nad)  b.  tt)iffeiifc^.  @üoIution§tt)eovie.     275 

fd)aftlid)en  2eben§  [(^ledjt^in.  Sn  überjeugenber  SBeije  legt 
nun  ber  I)(.  Sl^omoS  bon  51  quin  bar,  mie  ofine  bie  3n= 
[titution  be§  ^ribateigentf)um§  jene  gefeUji^aftnc^en  %ifgaben 
nid^t  erfüllt  tüerbcn  fönnen:  ^ebermonn  i[t  ine()r  beforgt  in 
53eäug  auf  bie  33ertüQltung  be[fen,  lT)a§  il}m  allein  ge{)ört, 
al§  ma§  ollen  ober  bieten  gemeinfam  ift.  —  2)ie  nienfd)tid)en 
5tngelegent)eiten  trerben  in  größerer  Orbnung  bet}anbelt,  wenn 
bem  (äinjelnen  bie  perföntidie  Obforgc  für  fein  ©ut  obtiegt. 
—  ^ierburd)  h)irb  enblid)  ein  frieb(i(§e§  5ßerl)ättni^  unter  ben 
^JJienfc^en  getoatjrt,  inbem  ein  jcber  mit  feiner  ©ac^e  aufrieben 
ift.  UtngeMjrt  fielet  man,  'ba^^  unter  jenen,  bie  gemeinfdjaftlid) 
unb   ungetljeilt  elma§  befitjen,   tjäufiger  ©treit  entfletjt  ^ 


'  S.  Thom.  2,  2,  q.  66,  a.  2  (corpus  artic.) :  „Respondeo  di- 
cendum,  quod  circa  rem  exteriorem  duo  competunt  homini,  quorum 
unum  est  potestas  procurandi  et  dispensandi,  et  quantum  ad  hoc 
licitum  est,  quod  liomo  propria  possideat.  Et  est  etiam  neces- 
sariuin  ad  humanam  vitam  propter  tria :  Primo  quidem,  quia  magis 
solUcitus  est  unusquisque  ad  procurandum  aliquid,  quod  sibi  soli 
competit,  quam  id,  quod  est  commune  omnium  vel  multorum:  quia 
unusquisque  laborem  fugiens,  relinquit  alteri  id,  quod  pertinet  ad 
commune,  sicut  accidit  in  multitudine  ministrorum.  Alio  modo, 
quia  ordinatius  res  humanae  tractantur,  si  singulis  immineat 
propria  cura  alicuius  rei  procurandae :  esset  autem  confusio ,  si 
quilibet  indistincte  quaelibet  procuraret.  Tertio,  quia  per  hoc 
magis  pacifcus  Status  hominum  conservatur,  dum  unusquisque  re 
sua  contentus  est.  Unde  videmus  quod  inter  eos,  qui  commuuiter 
et  ex  indiviso  aliquid  possident,  frequentius  iurgia  oriuntur."  — 
S)cr  ^L  3:{}oma§  l^at  bie  ©igent^utnSfrage  „nur  ganj  nebenbei  auf:: 
geiuorten  ba,  too  im  (Sl)fteme  bev  fpecietten  9)loral  bie  ??rage  auf 
3laub  unb  ©iebftaf)!  fomtnt.  3Dlnn  öermifet  üotäüglid)  ein  ®oppeIte§, 
einmal  bie  überaus  toiäitige  Unterfd^eibung  ättifctjen  ben  ©egenftänben 
bei  unmittelbaren  ©ebrauä)§  unb  ben  SJlitteln  ber  JDiTtfc&aftlicfien 
^robuction,  unb  fobann  bie  gefd^itfjtUd^e  ®rgänjung  ber  gang  ah^= 
tract  gehaltenen  Setraditung.  ®ie  le^tere  geigt,  ba^  jenen  betben 
imterfc^iebenen  ©ruppen  üon  ©ütern  gegenüber  ber  (Sigentt)nm§begriff 
[\ä)  öerjc^ieben   entU)idfeIt  Ijat"  {x>.  §ertHng,  ^ux  ^eantlüovtung 

1?)  ** 


276    S)rttte§  ßapttel.  ®ü§  ^riöateigentfium  aU  foctafe  Snftttutiort. 

2öir  fönnen  bie[e  ©rünbe  unter  einem  bo^Dpelten  ©e[ic^t§= 
pun!te  äufammenfnffen : 

S)te  @igentf)um§in[titution  enthält  tt)i(^tige,  ja  gernbeju 
unentBe^rlic^e  ^ßorouSfelungen  be§  materiellen  unb  geiftigen 
3ortfd)ritte»  in  ber  ©efeüfdjaft. 

Dl^ne  ba§  ^ßriüateigent^um  lüäre  e§  fobann  um  bie  gefeH» 
fd^aftlid)e  Orbnung,  ben  ^rieben  im  ©toate,  ge[d)e()en. 

beginnen  mir  bamit,  bie  9lot§menbigfeit  be§  5pribateigen= 
tf)uma  für  bie  geiftige  unb  nmterieüe  ßultur  nad^äumeifen. 

a)  ®er  geiftige  unb  fittli(f)e  t?oi^tfd^ritt  eine§ 
58D(fe§  finbet  ^yörberung  burd^  bie  ^nftitution  be§  5priDat= 
eigent^um§. 

2ßir  fönnten  un§  f^ierfür  aUcin  fcEion  auf  bie  I)iftorifd^e 
S^atfoc^e  berufen,  baß  jene  ^iationen,  bei  benen  bie  geiftige 
unb  fittüdie  Sultur  geblüht,  bie  irgenb  eine  ^ö^ere  ©tufe  ber 
ßiöilifation  erreid^t  ^aben,  ba§  ^t(i)t  be§  ^J^enfd^en,  bemeg» 
lid^eS  unb  unbemegli(i^e§  @igentf)um  ju  ermerben,  anerfonnt 
unb  ba§  ermorbene  (äigent^um  burc^  ©efe^  gefiltert  I)aben. 
Umgete^rt  lefjrt  bie  ©efdtiidite,  baß  bei  33ölferf(^aften ,  bie 
ein  D^lomabenleben  führten  unb  barum  nicf)t  §u  bauernben 
6igent^um§einric^tungen  an  ben  ^robuctiünamitteln  gelangen 
tonnten,  bie  geiftige  ßultur  ftet§  auf  einem  niebrigen  9iiöeau 
öerblieb. 

5(ber  D^ne  ©c^mierig!eit  löf^t  fid)  auc^  birect  ber  innere  3u= 
fammenfjang  jmifdjen  ßiüilifation  unb  Sigent^um  nac^meifen. 

2)ie  red)tlic^e  SDiöglid^feit ,  Sigentf^um  ju  ermerben  unb 
tia?,  ermorbene  ju  befi^en,  regt  ju  aüen  jenen  SLugenben  an, 
D^ne  mdd^ie  bie  ßiöilifation  nii^t  beftetjen  fann. 


ber  ©öttinger  S^ubtläutnSrcbe  [SJlünfter  unb  ^ßaberborn  1887]  ©.  16). 
—  Slud^  fel^It  bei  Sl^omog  eine  Definition  be§  ©igentl^umSred^teS. 
»gl.  fjrans  SBoIter,  S)aS  eigentfium  (Sveiburg  1895)  ©.  6  nebft 
3Inmer!ung. 


4.  ®q3  ^PriDateigent^um  naä)  b.  Juiftenfd^.  @üotution§t^eorie.     277 

23ermöcje  ber  5tu§[i(i)t  auf  (Sigentt)um§ertt)erb  fü^It,  föie 
mir  faf)en,  ber  9)ienf(i^  fici^  möcEitig  jur  5trbeit  angetrieben. 
2)ie  5Irbeit  aber  i[t  äugleid)  W\tiä  unb  <Bä)U^  be§  [ittlic^en 
2ebena.  Sie  i[t  ein  n)ir!|ame§  ^J^ittel  jur  2;ugenb,  »eil  fie 
bie  @e{bftbel)err[c^ung  unb  Selbftüberioinbung  im  5}^enfci^en 
gro^juäiefjen  im  [tanbe  i[t.  ©ie  i[t  ein  fefter  (5(^u|  ber 
Sugenb,  lueit  fie  öon  ben  ©elegenfieiten  entfernt,  bie  bem 
fittüc^en  Seben  ©efa^ren  bereiten.  SBie  bie  Srägfjeit  ba§  5t(fer= 
felb  bem  Unfraute  preisgibt,  fo  öpet  fie  auä)  ha^  |)erä  bea 
5!)?enf(^en  jeglid^em  Safter.  5(n  bie  5lrbeit  ift  barum  nid^t 
nur  ber  mirtfc^aftlic^e  5tuffc^tt)ung ,  fonbern  ebenfofefjr  aud) 
ber  fittlic^e  gortfdiritt  ber  SSöIfer  ge!nü^3ft. 

Sie  ©parfamfeit  fobann,  ju  welcher  bie  @igentf)nm§= 
inftitution  anregt,  meil  fie  bie  ^rüc^te  be§  ©paren§  bem 
9Jknfd)en  fiebert,  ift  ni^t  minber  ein  n)id)tiger  Factor  für 
bie  fittüdje  (5nth)id(ung.  Saufenb  (Gelegenheiten  ber  (5dbft= 
überminbung  unb  bamit  ber  ©elbftbef)errf(^ung  fc^minben, 
toenn  ber  DJienfc^  nur  über  fo  biet  berfügt,  a(a  er  gerabe 
für  ben  5lugenblid  bebarf. 

SDaS  @igentt)um,  rid)tig  berftanben  unb  ben  5(bfidjten  ©otteä 
gemäfe  bermenbet,  ftärtt  ferner  bie  focialen  23anbe,  meldte 
bie  DJ^enfi^en  miteinanber  berfnüpfen.  S)er  IReic^e  fann  unb 
foü  bon  feinem  Ueberfluffe  ben  5Zotf}leibenben  mittf;eilen,  fann 
Siebe  erweifen  unb  banfbare  ©efinnungen  im  |)erjen  ber  Firmen 
luacbrufen.  @§  ift  ein  unferer  (jeutigen  focial  jerftüfteten  SBelt 
frembartiger  unb  barum  bod)  nic^t  weniger  magrer  (Siebanfe, 
boB  gerabe  ba§  SßerpItniB  be§  „5h-beitgeber§"  jum  „5(rbeit= 
nefjmer"  eine  Cueüe  ber  innigften  unb  ebelften  ^Be^ie^ungen 
tüerben  !ann^.  Sn  einer  communiftifcben  (Sefeüf^aft  aber 
fe^It  jeglid^eä  g^unbament  für  irgenb   meiere  freunbfd)aftlici^e 


'  aSgt.  Sirbeitertoof)!.   ©rfter  :3a^rgQn9,  1.  §cft  (3.  5luft.,  ßöln 
1881),  ©.  41  ff. 


278    S)ritte§  Äopüel.  3)a§  ^riöateigentl^um  oI§  fociale  ^nftitution. 

ober  gar  familiäre  Sesie^ungen,  tüeil  ba§  5Init  eine§  Stuffel^er^ 
niemals  einen  öäterlic^en  S^arafter  anjunefimen  im  ftanbe  ift. 
3]iel  bitterer  unb  ge[ä[;r(idKr  föirft  anbererfeit§  ber  5leib 
ätüifc^en  ®Ieid^[tefjenben.  ^eute  beneibet  ber  5ir6eiter  bielfad^ 
feinen  |)errn.  Iber  er  mu^  bod)  aner!ennen,  ba^  ber  ?{rbeit= 
geber  fein  33robl^err  ift,  burd^  feinen  33efi|,  feine  feciale  (5tel= 
lung  fic^  mirflid)  über  itjn  ert)ebt.  ^yöüt  ta^  5]3rioateigentl}um 
on  ben  5probuction§mitte(n  ^inmeg,  bann  fef)tt  für  jebe  ber= 
artige  Ueberorbnung  bie  fad^Iidie  Unterlage.  Unb  ba  nun  ein= 
mal  t)oä)  eine  Ueber=  unb  Unterorbnung  unentbel;rlid)  bleibt, 
fo  werben  5Reib  unb  9)ii}3gunft  in  Diel  I}öf;erem  ©rabe,  in 
biel  weiterem  Umfange  bie  ^erjen  ber  QJienfc^en  öergiften  unb 
alle  eblern  9tegungen  in  itjnen  erftiden. 

^eineSmegS  gering  gu  fd^ä^en  ift  fobann  jene»  (Befühl  ber 
fyreil^eit,  ber  Unabfiüngigfeit  unb  <SeIbftad)tung, 
welches  ber  (Sigent()um§befi^  fowo£){  mie  bo§  9ted)t,  bie  Wog,- 
Iid)!eit,  burd;  eigene  ßraft  fid)  eine  beffere  fociale  ©teHung 
erringen  ju  fönnen,  bein  DJ?enfd;en  ju  ber(ei{)en  |)f(egt.  2)ie 
oüfeitige  3lbl^ängig!eit  bon  bera  äBiden  ber  „©efamtljeit"  ba= 
gegen,  b.  l).  tljatfädjlic^  Don  bem  SBiQen  beffen,  ben  bie  @e= 
famt^eit  bem  Sinselnen  aU  Häuptling  Dorgcfe^t,  eine  5Ib= 
pngigfeit,  bie  bi§  in  ba§  §eiligt^um  ber  gamilie  einbringt, 
^giftensmittel  unb  f^rei^eitSgebraud)  unter  feber  9tüdfid)t  um= 
fa^t,  Derioanbelt  ben  freien  DJJann  in  einen  ©flaDen  ober 
Seibeigenen. 

^unft  unb  SBiffenfd^aft  enblid^  gebeit)en  allein  bort, 
tüo  i()nen  bie  nötf^ige  5Inregung  Don  au^en  geboten  wirb. 
§ot  ber  ^ünftler  nur  bie  5lu§fid;t  auf  benfelben  2of;n  toie 
ber  |)anbarbeiter ,  bann  wirb  er  !aum  jenen  großen  glei^ 
auf  feine  5Iuöbitbung  Dermenben,  bie  i^n  erft  ju  tüchtigen 
Seiftungen  befäl^igt.  5J^an  mu^,  if)m  alfo  meljr  bieten,  al§ 
gerabe  ju  feinem  Unterl;a(te  notl^ioenbig  ift,  mit  anbern 
Sßorten,   man  mu^  i(}m  geftattcn,   @igentf)um  5U  erwerben 


4.  S)aS  ^riöateigentljum  mä)  b.  iDiffen^d^.  ©öolutionstfieorie.    279 

unb  5U  befilen.  So^u  fonimt,  bafj  e§  ber  QVOBen  ^Jhfje  an 
ber  ri($tigen  aöertfjjdjäbung  ber  ^un[t  unb  2Si[jenjd)aft  fe^It. 
^anm  bürfte  botum  in  einer  comniuni[tifc^en  ®eieafd)nft  burd) 
We:^rI)eit§k[d)Iu^  für  bie  Seböuer  biefer  ]^ö(}crn,  9ei[tit3en 
(Sulturgebiete  eine  beborjugte  ©teflung  gejdjaffen  loerben^ 
S33o  l^ingegen  bQ§  5pribateigentl)um  befleljt.  wirb  flet»  unter 
ber  großen  9}^enge  ber  33e[i^enben  ber  eine  ober  onbere 
5[I^Qcena»  \\ä)  finben,  ber  33er[tänbni^  unb  5D]itte(  belitjt,  um 
tm  tüd)tigen  unb  [trebfornen  ^ünpier  burd^  rei^(id)e  ©penben, 
SefteHung  größerer  ßunftmerfe  u.  bgl.  ju  ermuntern. 

b)  ^loä)  beutüd^er  erljeüt  bie  gejellidjafilidie  Ülotlraenbig^ 
feit  be§  @igent^um§,  tt)enn  iüir  feine  ^öejieljungen  jum 
materiellen  ^^ortfd^ritt  in§  5luge  faffen^. 

S^er  materiede  g^ortfc^ritt  Ijängt  ob :  einmal  bon  ber  @nt= 
tüidlung  unb  33erüolI!Dmmnung  ber  probuctibcn  5irbeit ;  fobann 
bon  ber  ©r^altung  unb  33erbefferung  ber  ^robuctionSmittel. 
—  93lan  ne^me  tia^  ^ribateigentf)um  meg,  unb  biefe  bciben 
SebenSqueflen  ber  materiellen  ßultur  werben  alabalb  berfiegen. 

a.  S)a|  bie  p  r  o  b  u  c  t  i  b  e  51  r  b  e  i  t  für  bie  (ärr^attung  ber 
©efeüfd^aft  unentbehrlich  fei,  wirb  bon  niemanb  beftritten, 
ebenfomenig  wie  ber  innere  Suf^^^^^en^ang  jmifdjen  ber  @nt= 
ibidlung  ber  probuctiöen  5Irbeit  unb  ber  $Berbefferung  ber 
materiellen  Sebenäbebingungen  ber  33öl!er  bon  irgenb  jemanb 


»  3n  ber  %1)at  femtt  ber  'heutige  (£octQli§mu§  in  feinen  3ufimft§= 
Bitbern  !eine  ©ele^rten  unb  ßünftler  öon  ^profejfion.  Slüe  foüen  fid) 
D^ne  2tu§na]^me  an  ber  materiellen  Sprobuction  ber  ©üter  tjet^eiligen. 
^ernaä)  fönnen  fie  btd^tcn  unb  muficiren,  Joic  ja  auä)  l^eutjutage 
jemanb  ben  Sag  über  Sd^ufter  fein  unb  am  2lbenb  gum  Zani  auf= 
fptelen  fann.  Oh  bei  biefem  (St)fteme  ein  ©ante  ober  ein  SSeet^ooen 
bie  SBelt  erfreuen  fönntc,  ttsirb  mancher  fieätoeifeln. 

2  aSgl.  fjranä  ©d^auB,  ®ie  @igent]^umöIet)Te  naif)  SfjomaS 
ßon  Stquin  unb  bem  mobernen  ©ocialiämu^  (^reiBurg  1898)  ©.  269  ff. 
283  ff.  286  ff.  298  ff. 


280    ®titte§  ßapttel.  ®a§  ^Prbatetgent^utn  aU  fociate  ^fnftitutton. 

gelöugnet  tcerben  !ann.  9Iu[  feiten  be§  5Irbeitenben  aber  finb 
e§  namentUd)  ätoei  Umflänbe,  bon  benert  bie  ^^robuctibität 
l'einer  5lrbeit§Iei[lung  roefentüc^  abfjängt.  Einmal,  ha^  er  in 
bem  Serufe  t§ätig  i[t,  in  tneld^cm  feine  ]3erfönlid)en  g-ä^igfeiten 
unb  Einlagen  bie  ^robuctiüfte  33ern3enbung  finben  fönnen; 
fobann  mu^  bie  53^öglid)feit  ber  ^robuctibften  S^errtenbung 
tl)at\'dä)l\d)  reolifirt,  bie  üorljanbene  perfönlidie  öefö^igung 
luirüid)  auägenu^t  tüerben. 

@ern  Wirb  öon  un§  §ugeftanben,  ba^  aud)  in  einer  auf 
^riüoteigentfjum  gegrünbeten  ©efellfdiaftaorbnung  nicfit  jebe 
natürli(i^e  Stniage  jur  öoüen  Entfaltung  tommt.  f^für  ben 
5)?enfd^en  wirfen  ba  bie  äußern  3Ser()äItniffe,  in  benen  er  ge= 
boren  unb  erjogen  tüurbe,  äljnlic^  wie  ©türm  unb  groft  auf 
bie  Slütljen  ber  53äume.  Wanä)t  fd)öne  Wxtijt  Wirb  huxä) 
ben  groft  öernic^tet  unb  Dom  ©türme  abgett)c£)t.  5Iber  wa» 
übrig  bleibt,  gebeizt  unb  n)äd)ft  erft  red)t  jur  boHen  gruc^t 
r}eran.  @o  tnirb  auä)  nic^t  jeber  93^enfc^  alle  feine  natür= 
liefen  Einlagen  Doli  üerwert^en  tonnen.  SDiejenigcn  i5ä(}ig= 
feiten  unb  Gräfte  aber,  beren  er  ^u  feinem  gortfommen  be= 
barf,  finben  gerabe  in  ber  Umgebung,  in  bem  beflimmten 
^J^amilienfreifc,  ferner  bei  reichlicher,  frütj^eitiger  unb  bauernber 
Hebung  u.  f.  w.  nicbt  immer,  aber  hoä)  mit  einer  gemiffen 
9iegelmä^igfeit,  bie  günftigften  Sebingungen  iljrer  Entmidlung. 
Sft  bann  "oa^  ^inb  ^erangemad)fen,  fo  öffnet  fid)  ifjm  in  hm 
weitaus  meiften  trauen  eine  noc^  immerhin  siemlid^  große 
5Serfd)iebenl}eit  ber  Berufe,  jwifcben  benen  eine  freie  2öa§I 
nac^  ber  perfönlidien  5^eigung  mög{i(^  ift.  ©erabe  bie  %n= 
lagen,  welche  für  ben  ertorenen  Seruf  erforberlicb  finb,  t)at 
in  ber  Siegel  ber  bisl^erige  ßebenälauf  jur  beöorjugten  fönt= 
widlung  gebradit.  2)a^er  bie  9?eigung  ju  jenem  53erufe,  ober 
wenigften§  bie  Srtenntni^,  ba^  bort  bie  t^otfüd)tid)  bor= 
^anbenen  unb  jur  58enü^ung  fertigen  Gräfte  i(jre  :probuctiüfte 
unb  barum  bort^eilfjoftefte  Sßerwenbung  finben  werben. 


4.  S)a§  ^rttiateigcnt^um  mä)  b.  totflenfcE).  ©Dotutionötfieorie.    281 

@e^en  wir  nun  einmal  ben  t^atl,  bo»  ge[en)d)aftlic§e 
ßigent^um  l^abe  ba§  ^riboteigentl^iim  berbrängt;  e§  gäbe 
infolgebeffen  feine  ^Ia[fen=  unb  ©tanbeSunterfc^iebe  me^r; 
bie  93knfc^en  mären  in  focialer  unb  öfonomifcEier  58eäiel)ung 
alle  gleid^.  «Sinb  [ie  e§  ober  bavum  and)  in  natürlicher 
^in[ici^t?  äöürbc  baburd^  bie  urfprüngUcf)e  natürlicCie  25er= 
anlagung  auf  ein  gleici^eS  5Itüeau  gebrad^t?  ©an^  geraijj 
nid)t.  Snnner  luerben  bie  53Jenfc§en  mit  fel^r  berf^iebener 
natürlicher  5(u§[tattung  in  biefe  SBelt  treten.  W\ti  aber  bie 
communiftifd^e  ©efeafcljaft  bem  ^^rincip,  baB  bie  feciale  ©teic^- 
f)eit  mit  ber  öfonomifd^en  @(eid)I)eit  nott^nienbig  berbunben  fei, 
boüfornmen  getreu  bleiben,  fo  wirb  fie  alle  (Slieber  ber  ®e= 
feüfcfiaft  in  gleicher  Sßeife  erjie^en  unb  auabilben  muffen. 
2)enn  bei  berfci)iebener  5Iu§bi(bung  lüäre  ea  gar  balb  um  bie 
feciale  (Bleic^l^eit  gef(f)e^en  ^.  äöa§  föürbe  bie  golge  jener 
gleid^en  5lu§bilbung  fein?  Offenbar  ber  materielle  Untergang 
ber  (Sefeüfd^aft.  S;enn  bie  meiftcn  ^Berufe  erforbern  not^= 
tüenbig  eine  ganj  fpeciefle,  oft  langjährige  51u§bilbung  unb 
SBorbereitung.  Opfert  aber  aud)  bie  communiftifc^e  ©efellfdiaft, 
bon  ber  5iotf)  ge5tt)ungen,  mit  9lüdfic^t  auf  bie  6räiel)ung 
i^r  grunblegenbe§  ^rincip,  lä^t  fie  bei  einem  beftimmten  2eben§= 


*  ®er  heutige  (&ociaü§mu§  öetfprid^t  tüi)n ,  in  ber  commu= 
niftifd^en  ©efe(Ifc^aft§orbnung  toerbe  bie  ©rgiel^ung  unb  ted^nifdfie  5lu§= 
bilbung  jeben  3U  allen  fjunctionen  unb  ©etoerben  befähigen.  ®a  toirb 
aljo  !ein  Server  mefjt  ber  DJlutter  fagen  muffen,  i^r  <Bo^x\.  \)aht  ätoar 
ein  gutes  §er3,  ober  toentg  Sßerftanb.  ®ie  Su^unft^ius^n'^  t^nnt  ^^"^ 
UntDerfalgenieö.  ®aä  ^rincip  ber  Sluöbilbung:  non  multa,  sed 
multum  ]^at  !eine  ©eltung  mel^r.  Sfeber  lernt  alle§,  jeber  fann  alle§. 
©0  berlangt  t'i  bie  fociate  ®Ietd^f)eit.  S)em  können  entfpri(^t  bann 
natürüt^  auc^  ha^  2lr6eiten.  ^eber  loirb  in  ben  toerfcfjiebenften 
Srand^en  befd^äftigt.  S)eg  3Jlorgen§  fegt  er  bie  ßatrinen ,  be§  91ad§= 
mittags  bocirt  er  bie  materialiftifd^e  2öeltanf(|auung ,  beibeS  felbft« 
toerftänblid^  aufS  öorsügltd^fte.  Jögl.  6  a  1 1^  r  e  i  n  ,  ©ocialtStnuö 
(6.  2lup.,  Sreiburg  1892)  ©.  160  ff.  (7.  Slufl.,  1898)  ©.  205  ff. 


282    S)ritte§  Äapitel.  ®q§  «pribatetgenttjum  aU  fociale  3("ftttution. 

alter  eine  berfd)iebenc  SSorBilbiing  ^Iq^  oteifen  tro^  ber 
iinöerfennfearen  ©efaljten  für  bie  fociale  ®(eid}l}eit,  jo  ent= 
[ie^en  neue  ©cfitrierigteiten.  SDie  meiften  ber  comnnuiiftifcf^en 
Zöglinge  tjaben  bie  nötfjigen  Einlagen  für  gar  niandje  53e= 
[(^öftigungen.  2Ber  nun  mirb  barüber  entfdieiben ,  föelci^e 
biefer  ^^äi)ig!eiten  eine  fpecielle  5Iu§bi(bung  finben  foüen?  ®a 
ein  größerer  materieller  33ortl}eiI,  man  mag  tljun,  wo»  man 
mü,  für  ben  ©injelnen  nirgenb§  in  5(u§fid)t  fte^t,  fo  tcerben 
gonj  unjtüeifel^aft  bie  meiften  nad^  ben  etjrenUoHern  unb 
leidstem  Sefc^äftigungen  greifen  inoüen.  5Iud)  babei  tonnte 
bie  ®efeüfd)aft  nid)t  beftetjen.  @ie  bebarf  ber  getjörigen  Se= 
fe^ung  aller  ^Berufe,  tuäljrenb  bie  UeberfüIIung  einzelner  33e= 
rufe  gteid^bebeutenb  ift  mit  unnü|er  unb  berberblic^er  93er= 
geubung  probuctiöer  9}Jenfd)enfraft.  53Jan  mirb  fid^  alfo 
fd^Iie^Iid)  boja  berfie^en,  Sern f §510 ang  einjuf uferen ,  ben 
einen  jur  5tu§6itbung  für  biefe,  ben  anbern  jur  SSorbereitung 
auf  jene  33ef(^äftigung  nötl^igcn  muffen.  Sßof;!  bemertt,  nid)t 
bie  9Jiad)t,  tt)eld)e  freute  bie  ererbten  ©tanbegberf^ältniffe  über 
ben  3!)?enfd)en  ausüben,  unb  an  bie  er  bon  Sugenb  auf  ge= 
lüö^nt  ift,  —  nidjt  ber  morolifdje  S^^^^ng  be§  eigenen  3nter= 
effe§,  bie  |)offnung,  feine  llräfte  in  irgenb  einer  23efd^äf= 
tigung§art  am  frudjtbarften  bertnenben  ju  tonnen,  —  nein, 
ein  3ibang  ganj  anberer  5Irt  ift  e§,  ein  S'^'^ttQ»  Ö^Ö^"  ^^^ 
ba§  ^nnerfte  fid)  aufbäumt,  ein  3^«"g»  öon  Wenfdjen  geübt, 
bie  fid)  bie  ©ematt  anmaßen,  einen  fo  mid^tigen  unb  lt)efent= 
Ii(i^en  Seftanbt^eil  ber  menfc^Iidien  grei^eit,  h3ie  bie  S3eruf§= 
föal}!  e§  ift,  ben  ©tiebern  ber  (Sefeüfdiaft  rauben  gu  moßen. 
äöürbe  lüenigftenS  ha§)  '^hml  ber  probuctibftcn  S3er= 
tüenbung  ber  t)erfönü(§en  ^Jäljigteiten  aller  ©lieber  ber  ©e= 
feüfdiaft  burd^  jenen  S^^öng  erreid)t!  5fiid)t§  meniger  al§ 
ba§.  W\t  ber  ^^rei^eit  ber  53eruf»n)a:^I  ift  bem  5Irbeiter  bie 
©(!^affen§freubig!eit  genommen.  @r  ift  eine  me^r  ober 
minber   gefnidte  ©i'iftenj,     Sie  ^[Riüionen,   trelci^e  mit  ben 


4.  ®o§  5ßriöatetgcnt^um  mä)  b.  miffenfcf).  ®oorution§t^eorie.    283 

niebrigen  me^aniid^en  35eni(f)tungen  Ma\ki  [inb,  lüerben  bie 
Ueberäeuguntj  nic^t  Io§  loerben,  baf?  man  ifineu  unredit  getljan, 
boB  i^re  nQtürIid)en  Einlagen  [ie  für  einen  Ieid)tern  unb  et}ren= 
tjolletn  5Seruf  befähigt  nnb  bered)tigt  Ijätten. 

5)aäu  fommt  bann  nod^,  tiü^  mä)  33efeitigung  be§  ^ribat= 
eigent^uma  bie  tüidfanifte  Sriebfeber  fe^It,  tDeId)e  ben  ^enjd)en 
baäit  bringt,  mit  ber  t)öd)[lmöglicöen  ?tn[pannung  feiner  Gräfte 
innerhalb  bea  Serufe§  t^atig  ju  fein.  ®er  SSerboIHomm^ 
nun g» trieb,  ba§  ©treben,  feine  öfonomifcbe  Sage,  feine 
feciale  Stellung  ju  öerbeffern,  finbet  feine  5Befriebigung  mti)x. 
(Sine  23erbelferung  ber  Sage  be§  ßinjelnen  ift  nur  in  ber  3Sor= 
auSfeljung  einer  35erbefferung  ber  ©efamtlage  ber  ganjen  (S)C= 
fellfc^aft  mögli($.  SSarum  atfo  foH  er  in  befonberer  SBeife 
fi(^  anftrengen,  tüarum  burd)  tljatfräftigen  unb  au§bauernben 
gleiB  bor  anbern  fid)  auSjeidinen?  3n  ber  2:§at,  tt)ie  bie 
5J?enfc^en  in  ifjrer  übertoiegenben  5}te^r^eit  finb,  regt  nid;t§ 
mel)r  ju  gefteigerten  5Inflrengungen  an,  a(§  tia^  @igen= 
intereffe,  bie  Hoffnung  auf  grl}öl)ung  ber  äußern  materiedcu 
unb  focialen  Sebenabebingungen.  3n  Säubern,  in  weldjen  fogar 
ba§  5|5rit3oteigent^um  noc^  anerfannt,  aber  bie  allgemeine 
Dted)t§ficber^eit  eine  geringe  ift,  ober  tt)o  ein  brüdenbe§  (Sc^ulb= 
ober  ©teuerf^ftem  bem  SBolfe  bie  grudit  feiner  5trbeit  immer 
n)ieber  raubt,  erlahmt  erfa^rungagemäfj  bie  Stjatfraft  unb 
@d)affen§freubig!eit.  Wan  nefime  aber  erft  einmal  gönsUd) 
ba§  gigent^um  au§  ber  menf^Ii(|eu  ©efeüfc^aft  ^inföeg,  - 
unb  bie  tüunberbaren  Sovtfd)ritte,  weldie  Ijeute  bie  menfd)Ii(^e 
^^trbcit  in  aUen  ^tüeigen  be§  ©eroerbefleifeeS  unaufhörlich  er= 
ringt,  werben  ifjr  (Snbe  erreidien,  bie  fruc^tbarften  ©egenben 
balb  nur  mel^r  ®inöben  fein^  — 


»  Heber  ben  öiel  gepriefenen  ruUifiljen  „3Jlti"  urtf)eUen  ßenncr 
bei-  ruffifd^cn  Söer^ältnifte  fef)r  abfäEiß:  „®er  xujnf(|e  ©emetnbe» 
üerbanb  mit  feinem  ©emeinbebefi^  ift   ein  i^nftitnt,   ba§  nid^t  nur 


284     ®rttte§  ^aljitcl.  ®a§  ^riDateigentl^um  aU  foctate  :Snftitution. 

@ttt)a§  naiö  ift  bie  3inna^me,  e§  tt)üvbe  fic^  in  ber  com= 
muni[tifc|en  ©efeUfc^oft  eine  QU§reid^enbe  ?(näa^I  bon  5Irbeitern 
[inben,  bie  lebiglid)  au§  ©emeinfinn,  an^  Siebe  gur  ®e= 
fenfi^Qft  ober  jum  3tuf)m  aöe  jene  yPäil^m  auf  [i(^  nehmen, 
tt)elc£)e  für  ben  t^ortf(f)ritt  ber  materiellen  Kultur  unentbehrlich 
finb.  ^'iic^t  einmal  biel  möcfitigere  ^mpulfe  reid)en  für  fid) 
aflein  bei  ben  9)?enfc§en,  mie  biefe  ber  größten  3^^^  "Qc^ 
t^atfäcf)Iic^  finb,  o^ne  |)inäutritt  eine§  perfönüdien  bauernben 
@rn)erb§intereffea  au§,  um  ba§  Sßerlangen  nac^  5Jiu^e  ju 
überiüinben  unb  fie  jur  Ueberna^me  ber  fd^meren,  bauernben 
5Irbeiten  be§  böuerlidien  unb  gettjerblidien  2e6en§  ju  be= 
fiimmen.  Ser  Sanbbau  unb  bie  2Ber!ftatte  gewinnen  crft 
bann  ben  t)öc^ften  Steij,  iDenn  bem  5Irbeitenben  ber  au§f(i)(ie^= 
li^c  33efi^  an  bem  ©egenftanbe  unb  (Srgebni^  feiner  5trbeit 
gefiebert  bleibt,  menn  ber  fleißige  5(cfer§mann  ober  2öert= 
meifter  mit  ber  Heberjeugung  bie  5lugen  frf)Iie^en  fann,  bo^ 
ber  ^rei§  feiner  5Jiü^en,  bie  f^ruc^t  feine»  ©(f)mei^e§  jenen 
ju  gute  !ommt,  metdie  feine  eigene  ^ßerfon  in  ber  ©efetlfdjaft 


leinen  SCßol^Iftonb  ouffornmcn  läfet,  fonbern  auc^  mit  betn  Sin» 
toad^fen  ber  JBeböüerung  not^toenbig  jutn  IRuin  ber  23auern  unb 
ber  ganjen  ©emeinbe  fü'^Ten  nui^,  unb  gtoor  umrben  bie  95erl^ältntfje 
lüol^l  aucE)  ni($t  günfttger  liegen ,  menn  bie  aSeoöIferung  nicEit  ol^ne 
jcben  Uebergang  qu§  ber  Seibeigenfc^aft  in  ben  Sefi^  unbefcf)vän!ter 
fjreil^eit  gelangt  unb  bamit  ber  Söerteilberung  preisgegeben  »orben 
tüäre.  3t"  anbern  Sänbern  bermag  bei  einer  iDittjdiaftlid^en 
ßrifiö  tüenigftenä  ein  2:!^eil  ber  bäuerli(f)en  Seüölferung  SBiberflanb 
ju  leiften ,  loäl^renb  ber  S3efi|  be§  anbern  %^ixk^ ,  toenn  aud^  ju 
l^erabgeje^ten,  ber  ©nttoert^ung  be§  ©runb  unb  Sobenä  entfpre(|enben 
^ßreifen,  neue  6igentf)ümer  finben  fann,  bei  benen  ber  e^emalö  jelb= 
ftänbige  29auer  aU  ^ä(f)ter  ober  al§  ^nec^t  ein  Unterfommen  er:^ält. 
3tn  aiufetanb  mufe  bie  gan^e  böuerltc^e  Seöötferung  allmäbüc^  jum 
Proletariat  b^i'^bfinten ,  obgleid)  befanntlic^  gerate  ber  (Semeinbe= 
öerbanb  nai)  ber  2In[i(^t  feiner  Stnbänger  ba§  Gntfteben  jeglichen 
Proletariates  öer^inbern  müfete"  (21.  Söeftlänber,  9tufelanb  üor 
einem  9flegime=2ßed^fet  [Stuttgart  1894]  @.  28  f.). 


4.  S)a§  ^riöateigentfium  naS)  b.  töiijenld^.  goolution§t^eorte.     285 

fortsufe^en  berufen  finb.  0(}ne  biefe  5tii§[i(i^t  trerben  [ie  tro| 
ber  '^^eitfi^e  bca  ßommuniftenfiQUptnngä  nur  gerabe  fo  biet 
arbeiten,  al§  not^raenbig  ift,  um  i^re  ougenblidlidien  33e= 
bürfniffe  ju  beden.  Ober  glaubt  man  etma,  "ba^  jener  t^ätige 
3Betteifer,  ber  ^eute  Unternehmer  unb  5(rbeiter  anfpornt, 
mit  5(ufbietung  aller  ^raft  immer  beffere  (Sräeugniffe  ju  pro= 
buciren,  burc^  "üa^  Sob  bca  5(uffe(;er§,  burc^  eine  gute  9bte 
ober  fonftige  (5d}ü(erou§5ei(^nungen  allgemein  unb  in  feiner 
ganzen  ©türfe  mirb  ermatten  merben  fönnen?  2Beit  entfernt! 
2)ie  93?enfd^en  werben  in  i^rer  großen  ^Jhffe  forg(o§  unb 
träge  werben  mie  bie  @!(aöen  be»  5Utertf}ums  unb  mie  jene 
23ölfer,  bei  benen  niemanb  bie  ©id^er^eit  ^at,  bap  iöm  bie 
S-rud)t  feiner  ^(rbeit  berbleibe. 

Sß)enben  mir  unfere  5(ufmer!fam!eit  nunmehr  ber  jlDeiten 
öebingung  bea  materiellen  üDi^tf'i)i^itte§  jn. 

ß.  ®ie  materielle  Kultur  ift  mefentUc^  abhängig  bon  ber 
Srfjaltung  unb  33erbonfommnung  ber  ^robuction§= 
ober  ^IrbeitSmittel,  ber  Oio^ftoffe,  SSerfseuge,  91hfd)inen, 
gabriten  u.  f.  m. 

5lud^  ber  reid^fte  f^obrifant  mirb  fid^  balb  mirtfd)aftlid) 
ruinirt  tjaben  o^ne  fparfame  23ermertf)ung  ber  ^rbeit§= 
mittel.  2Ba5  ifjn  aber  baju  antreibt,  mit  ben  5lrbeit»mitteln 
f)au§l}ä(terifc^  um^ugeljen,  ha?>  ift  thtn  jene  gemaltige  9]hd)t 
be§  gigenintereffe»,  ber  Srieb  ber  mirtfd^aftlid^en  @elbfterf)at= 
tung,  bie  öoffnung  be§  roirtf(^oftIid)en  Smporfteigen».  5Ille 
biefe  Srieblrüfte  treten  au^er  ^ienft,  fobalb  bie  5lrbeit§mitte( 
bcm  (Sinsetnen  entzogen  unb  ber  ©efeüfc^aft  überantwortet 
finb.  „©efamtgut  —  berbammt  @ut" ,  fagt  ba§  beutfc^e 
©prid^mort.  @ine  23a^r^eit,  bie  fd)on  5IriftoteIe»  erfonnte: 
Amabile  bonum,  cuique  autem  proprium.  S)a§  @emein= 
fame  mirb  leidit  bernac^Iäffigt,  ba§  Eigene  bagegen  eifrigft 
beforgt.  2Ba§  allen  geljört,  gehört  eben  baburd^  niemanb 
met)r.    deiner  f)üt  ein  perfönlidje»,  befonbere»  Sntereffe  baran. 


286    S)ritte§  ßapttel.  S)qS  ^rtöateigentl^um  als  fociale  Snftitution. 

S)ie  blutigfle  Sljrannei  jeI6[t  märe  botum  auf  bie  Sauer 
ni(i^t  im  [taube,  einer  aüöemeiuen  <5d)Ieubertt)irtf(^aft  unb 
bamit  bem  9tuin  ber  ©ejeüfc^aft  öorsubeugeu. 

S)er  tt)irt[(!^aftn(^e  gortfd}ritt  ferner  lüirb  mitbebingt  burd) 
einen  gcorbneten  g^ortfdiritt  ber  ^robuction,  biefer  jum  S^eil 
burd)  bie  |)er[tellung  neuer  unb  beröntüommneter  ^robuction§= 
merfäeuge.  Sie  @infüf)rung  üerbefferter  ^^robuctionS» 
mittel  aber  bebeutet  5unäd)ft  eine  nic^t  geringe  a3ermet)rung 
ber  Arbeit.  „@in  SSoIf,  melc^eä  öornjärtä  fommen  unb  feinen 
nationalen  gieid)t^um  burd)  5Mage  don  SBerfftätten,  gabrüen, 
^Sergmerten,  ©trafen,  Kanälen,  (gifcnba^nen  k.  bermc^ren 
min,  muf3  fjart  arbeiten  unb  fid;  mandie  ^ntbet^rungen  auf= 
erlegen,  ebenfo  mie  ettva  ein  5tnfiebler  im  fernen  SGBeflen 
fi^toer  arbeiten  unb  mand)e§  entbeljren  mu^,  menn  er  nidjt 
nur  feine  laufenben  5trbeiten  beforgen,  fonbern  überbieg  etma 
eine  ©tra^e  'ümä)  ben  SBalb  anlegen  miß,  bie  feine  ^arm 
mit  ber  näd)ften  Infieblung  öerbinben  fofl."  ^  ^n  einer  ®e= 
feflfdjaft  mit  ^ribateigent^um  an  ben  ^robuction§mitte(n  nun 
tüirb  bie  Uebernatjme  biefe§  pu§  bon  ^frbeit,  meld)e§  mit 
ber  neuen  ßinfüfjrung  berbefferter  5Ubeit§=  unb  a^erW)r§mitteI 
berbuuben  ift,  menig  ©d^raierigteiten  finben.  Ser  Unterneljmer 
ift  feine§  ©eminneö  fieser,  menn  e§  itjm  gelingt,  mit  §ilfe 
berbotltommneter  ^robuction§mer!seuge  neue  ©enuBgütcr  ju 
f($affen  ober  bie  alten,  befanntcn  (Senufjgüter  billiger  unb 
beffer  ^ersufleUen.  Sie  5Irbeiter  anbererfeitS ,  bie  genöt(;igt 
finb,  (Srmerb  ju  fuci^en,  merben  bie  ©etegen^eit,  i^re  ?lrbeit§= 
fräfte  IoI)nenb  ^u  bermertljen,  o^ne  3ögern  ergreifen.  2öie 
aber  fteüt  fi(|  bie  Baä)z  in  ber  communiftifdien  ©efellfd^aft? 
„Sm  6ociatftaate,   in  tüclc^em  bie  gefamte  ©üterprobuctiou 


>  ©d^önberg,  §anbbud^  bev  ^jolit.  Defonomie  I  (2.  Sluft., 
Sübingen  1885),  259.  (Stuffa^  üon  ßleintt)ä(£)ter  über  bie  öolfs^ 
toirtfcfiattlici^e  ^robuction  im  aUgetnettien.) 


4.  Sa§  ^PriHatcigcntl^um  nü(S)  b.  toiffenfd^.  ©öoIutionStl^eorie.    287 

eine  gemeinforne  imb  eine  einljeitlidö  geregelte  n)äre,  müjjte 
[e(b[tber[tänbli(^  ba§  iä§rlid)e  5Irbeit§pen[um  be§  93oIfe§  bon 
ber  Stegierung  feftge[e|t  unb  unter  bie  58ürger  bert^eilt  lucrben. 
2Benn  nun  bie  Dtcgierung  bofelbft  bie  .^erfteHung  irgenb  meldier 
neuer  unb  DoHfornnienerer  ^robuction^onlagen  a(§  tt)ünf(^en§- 
lüertl)  erfennen  mürbe  unb  bemgemä^  ba»  nationale  5Irbeit§= 
pcnfum  Dcrgröf^crn  lüollte,  unb  wenn  ba§  55oI!  —  meil  e§ 
bie  33ortI}ei(e  ber  geplonten  SInlagen  nicf)t  jofort  5U  ermeffen 
üermog  —  bie  ^erfteüung  ber[eiben  al§  überpffig  anfeilen 
unb  [id^  weigern  würbe,  jene  t)erme^rte  5(rbeit§Iaft  auf  fi(^ 
5U  nel^men,  fo  tjntte  bie  9Jegierung  gar  fein  5DiitteI  in  ber 
§anb,  itjren  SBiUen  gegenüber  bem  ber  9}kjorität  ber  53e= 
Döifcrung  burc^5u[e|en,  unb  ber  ?^ortfd}ritt  nm^te  unterbleiben. 
W\i  einem  SBorte,  im  ©ocialfiaate  wäre  ein  wirtjd)afttid)cr 
S^ortfd^ritt  immer  nur  bann  möglirf),  wenn  bie  5Jkjorititt  ber 
53ebölferung  [id;  für  benfelben  ent)döeiben  würbe,  unb  ba»  i[t 
befanntlii^  ein  fe^r  langwieriger  2öeg."  ^ 

^ür  jeben,  ber  ru^ig  unb  üoruutljeifsfrei  ade  btefe  ber= 
fi^iebenen  ©rünbe  erwogen  f;at,  fteüt  fid)  fomit  bie  Snftitution 
be§  5priöateigent^um§  al§  ber  gerabeju  unerfe^lic^e  |)ebel  be§ 
3^ortfdbritta  ber  ^robuction  bar.  2)a»  Ütedjt,  (Sigentfjum  ju 
erwerben,  bie  ©ewifjf^eit,  bie  ^rüd)te  ber  eigenen  5(n[trengung 
5u  genießen,  ha^  perfönlidie  ^ntereffe  am  ©rfolge  ber  5lrbeit 
finb  in  ber  S^at  ber  macfetigfle  ©porn,  um  bie  inten[tt)[te  9ln= 
Ipannung  ber  inbibibueden  5Irbeit§!raft,  ein  rafttofea  ©treben 
nac^  3^erbe[ferungen  in  ber  ^robuction,  einen  umfiditigen 
Söetteifer  fjinfid^tlid^  ber  bortfjeitfjafteften  ©eftaUung  unb  ber 
(Sräielung  gröfjtmöglidjer  2'öirtfc^aftlid)feit  im  ted^nifdjen  ^xo= 
buctionSprocefje  ju  erzeugen. 

c)  ®er  p^anta[tif($e,  utopiftifcbe  ^Ijaratter  aücr  ganj  ober 
f)alb   communiftifd^en  ©l}[teme   tritt  nodb   beutUd^er  ju  Sage, 


'  ßleiiilüä&ter  0.  a.  O.  ©.  260. 


288    ®ittte§  ßapitel.  ®aä  *PriDateigent^um  aU  fociale  ^fnftitutton. 

toenn  tüir  ben  unläugbaren  3uiai"i"fn^an3  JiDift^en  ber  gefell' 
fd)aftli(^en  Orbnung,  bem  ^rieben  bev  9}Jenfd)en  untereinanber 
unb  ber  Sn[titution  be§  ^pribateigentt^umS   ins  5(uge  fajfen. 

O^ne  bie  (Sigent^umSeinrid^tung  t[t  ein  frieb(id^e§ 
unb  georbneteS  3uiatnmenleben  ber  5D]enfc^en  auf 
bie  2)auer  gerabe^u  unmi)glid&. 

9lef)men  n^ir  an,  bo»  ^riöQteigentf)unt  fei  kfeitigt.  5In 
feine  ©teUe  tritt  bann  ber  6ommuni»mua  in  feinen  ber= 
fc^iebenen  formen  i.  (Sr  ift  entmeber  negatioer  ober  pofitiber 
(JommuniSmua.  „^egatiber",  fofern  ber  ©ebrauc^  unb - 
bie  Sßerranltung  aüer  ©üter  ber  SBiütür  eine»  jeben  offen  fte^t, 
fein  6eftimmte§  unb  bouernbe»  @igentf)um§fubject  borljanben 
ift.  „^ofitiber" ,  nienn  irgenb  ein  ©emeiniüefen  a(§  ©ubject 
be§  gigent^umS  an  aüen  ©ütern  gilt.  3)er  pofitibe  Som= 
nuini§mu§  tt}ei(t  fic^  fobann  in  ben  gonjen  ober  falben  6om= 
muni§mu§.  Srfterer  entgielt  aüe  ©üter  o|ne  5lu§na§me  bem 
inbibibueKen  ^ribateigent^um ,  (e|terer  nur  einen  Sfjeil  ber= 
felben,  bie  ^ßrobuctibgüter  (@runb  unb  ^ßoben,  SBertjeuge, 
gabrifen  u.  f.  m.),  tt)äl)renb  er  bie  fogen.  (Senu^güter  (9Zq^= 
rung,  ^Icibung)  im  ^ribQteigent()um  beläßt. 

(Selben  mir  bon  aüen  33eri(^iebenf)eiten  unb  Sefonber^eiten 
ob,  fo  bleiben  bie  beiben  2;t)pen  übrig: 

33erneinung  febe»,  oud)  be§  gefeüfdioftlii^en  6igent^um§,  — 
ba§,  mna  mir  negatiben  (5ommuni§mu§  nannten ;  ober 

(SoQectibeigenttjum  in  irgenb  einer  gorm  unb  irgenb  einem 
Umfange,  jebenfaQa  Goöectibeigentfjum  an  ben  ^robuctionS= 
mittein. 

a.  Si«  Söf'ß  i^e^  negatiben  ©ütergemeinf c^af t 
nun  mürbe  otjne  S^^^f^f  ^i^  2Belt  in  unauf[)örlid)em  ©treit 
unb  3roift  fi^  berjeljrcn.  Um  fo  bitterer  aber  unb  ber^ecrenber 
mü^te  ber  ^ampf  um§  2)afein   fid)   geftalten,   je  bid^ter  bie 


'  ajgl.  6  a  t  f)  r  e  i  n ,  ©ocialiSmuS  ©.  1  ff. 


4.  $üS  ^Priötttcigent^um  und)  b.  unffcnfdj.  (?t)oIutioii§tl^corie.    289 

Sebölferung ,  ie  lüeniger  ja^Ireic^  bie  ©üter,  btc  jur  Occiu 
pation  \\ä)  batböten.  ä5on  einer  georbneten  ^probuction  lönnte 
bort  feine  9tebe  fein.  2)enn  teer  in  aller  S3elt  roollte  no(^ 
ben  tiefer  befteüen  ober  SBerfseuge  berfertigen,  toenn  iebermann 
l"id)  ber  grüdite  nnb  ber  2öerfäenge  bemädjtigcn  bürfte?  2Bie 
bie  ^unbe  um  ben  ^nocEien,  fo  löürben  bie  9Jien[c^en  um  bie 
®üter  [treiten.  Sie  Brutalität  bef)errfd}te  bie  2Be(t  unb  bie 
)3l)^[if(^e  5]?ad)t,  toü^renb  ber  (5d)tt)ad}e  [id;  red)tIo§  unb  fd)u|= 
Io§  bem  fölenb  preisgegeben  fä^e^. 

ß.  Ser  pofitibc  (Kommunismus  erfennt  bie  Un= 
möglidjfeit  ber  negotiöen  @ütergemeinfd}aft  an.  (Sr  fielet  ein, 
baß  bie  überaus  mannigfaltigen  33efd)oftigungen  beS  mirtfcöaft= 
lidjen  SebenS  einer  gen3iffen  Orbnung  fic^  einfügen  muffen, 
trenn  für  ade  58ebürfniffe  ber  5)?enf(^en  geforgt  merben  fotl. 
SDiefe  Orbnung  glaubt  er  jebod)  nur  in  ber  Söeife  IjerfteHen 
ju  fönncn,  bafj  bon  einer  ©entralfteHe  auS  bie  gefamte  ^io= 
buction  geleitet  unb  bie  33ertl)ei(ung  ber  5|3robucte  üoOäogen 
mürbe.  5((Iein,  mag  auä)  jugegebeu  toerben  bürfen,  ba^  auf 
biefe  SBeife  eine  gemiffe  Orbnung  ber  probuctiöen  Sljätigfeiten 
äu  eräielen  toäre,  fo  liegt  eS  bodj  anbererfeits  auf  ber  ^anb, 
ba^  bie  5lrt  unb  SBeife  biefer  Orbnung  in  fc^neibenbem  @egen= 
fa^e  äu  ben  bered)tigteu  5Infprüc^en  ber  menfc^Iidien  5^atur 
fte^t  unb  barum  nottimenbig  ju  einer  nie  berfiegenben  Oueüc 
ber  Uuäufriebenl^eit  unb  beS   3tt?ifteS   merbeu   mü^te.     (Sine 


*  Lessius,  De  iustitia  et  iure,  lib.  II,  c.  5,  dub.  2:  „Si  man- 
sissent  (res)  coramunes,  mundus  arderet  perpetuis  contentionibus 
et  bellis :  quia  plerumque  plures  concurrerent  ad  eandem  rem 
occupandam ,  qui  se  mutuo  conareutiir  impedire :  et  potentiores 
plerumque  omnia  raperent.  Nee  meum  et  tuum  (quae  dicuntur 
esse  potissima  causa  dissensionum)  tunc  minus  fuissent,  quam 
modo:  quisque  enim  conatus  fuisset  rem  communem,  dum  eä 
utendum  esset,  facere  suam ;  sicque  assiduo  rixae  et  pugnae  inter 
homines  exstitissent." 


290    S)tittc§  ßa:pitel.  S)a§  ?Priöoteigent:^itm  al§  fociale  S^nftitution. 

„Orbnung"  ber  ^tobuction  in  biefem  ©inne  tüürbe,  ah' 
gelegen  bon  ber  ropiben  Sßerringetung  be§  5j3robuction§ertrage§, 
an  welchem  ber  (Sinjelne  ein  unmittelOarea  (Sigenintereffe  nid)t 
i]at,  in  !üräe[ter  3eit  ^ie  öoüiommene  ^luflöfung  ber  fo= 
cialen  Orbnung  nad)  [ic^  jiefjen.  ^q»  ift  leidit  ju  begreifen. 
Wan  hxauä)t  nur  an  bie  tief  in  ber  menid)Iid)en  9iatur  be= 
grünbete  Siebe  jur  <SeI6[länbig!eit  unb  an  ba§  33erlangen  naä) 
©erec^tigfeit  ju  benfen. 

Sie  öfonomifi^e  ©elbftänbig!eit  ift  ein  toefentlici^er 
Seftanbtfjeil  ber  menfd)(id)en  f^^reifjeit.  2Baa  madjt  ben  33e= 
wo^nern  be§  engli)d)en  Söort^oufe  i^r  2eben  fo  fc^toer?  Sßarum 
rooKen  biele  ben  bitterften  DJJangel,  ba§  größte  (älenb  lieber 
ertragen,  al§  in  biefe§  „wo^l  organifirte"  5trbeit§f)au§  ein= 
treten?  (S§  ift  bie  Siebe  jur  grei^eit,  jur  ©elbftänbigfeit, 
auf  bie  ber  DJienfd^  ofjne  fortgelegten,  garten  3tt^ang  niemals 
beräid^tet.  S)arum  wirb  aud^  ber  ®ociaIi§mu§,  ber  üon  aßen 
@efetlfd)aft§gtiebern  o^ne  5Iu§na^me  ben  SSer^id^t  auf  ba§ 
Sigent^um  an  ben  ^robuctionsmitteln  unb  bamit  ben  33eräid}t 
auf  bie  öfonomifc^e  ©elbftänbigfeit  forbert,  fi(^  Ijarten,  äußern 
3tt)angeö  bebienen  muffen,  um  feine  ^(äne  burc^fü^ren  unb 
bie  burd)gefül)rten  bauernb  behaupten  ju  tonnen.  Söer  ^eute 
feine  ^robuctibgüter  fein  eigen  nennen  fann,  magburd)  bie9'iDtr;= 
wenbigfeit  ju  leben  nid)t  feiten  in  bittere  3tt5ang§Iagen  fommen. 
5Iber  biefer  3>üang  ber  öufeern  23er^ältniffe  ift  bod^  ein  ganj 
anberer  S^^^^G  ^i^  ^ß^"»  ^*-'"  ^«nfd^en  über  'Tllzn\ä)m  aua= 
üben.  (SS  ift  me^r  5lot^rt)enbig!eit  Qt§  ^^ong,  ein  93hi[fen, 
bem  man  fid^  bieüeid^t  mit  äßiberftreben  beugt,  roelc^e»  aber 
bo§  58emu^tfein  unb  ha^  ©efü^t  ber  perföntid^en  greifjeit  un» 
berülirt  lä^t.  %\xä)  ber  ärmfte  gabritarbeiter  fü^tt  fi(|  ^eute 
ai§)  freier  9J?ann,  ber  bei  aller  pfli(^tgemäf5en  S^rfurc^t  bod) 
at§  ßontra^ent  feinem  |)errn  gegenüberfte^t.  (Sr  ^at  menigftenä 
ba§  9ted)t  unb,  menn  auc^  bieüeic^t  in  geringem  Umfange, 
bie  tt}atiäd)(ic^e  ÜJiögüd^feit ,  [eine  ©teüe,  feine  33efc^äftigung 


4.  S)a§  ?priüateigent]^UTn  nad^  b.  toiffentd^.  ©üoIutionStl^eoric.     291 

ju  önbern.  5ine§  biefeS  entbeijrt  ber  5lrbeiter  im  commu» 
niftifd)en  ©taate.  (Sr  i[t  ©flaue  ber®efamtf)eit,  f)i(flo§ 
bem  Söiüen  ber  DJ^ajoritöt  überantroortet,  baju  im  Qlltä9lid)en 
2ihm  öon  ber  2Bin!ür^errfc()aft  feiner  unmittelbaren  33or= 
gefegten  üotlftänbig  abl}ängig.  grei(td)  [tef)t  i^m  ber  üiecurä 
an  bie  l^ö^ern  Beamten  offen.  5lber  mirb  er  bort  ^^ilfe  ober 
aucb  nur  ©fauben  finben?  Unb  wenn  nic^t,  foUte  e§  i^m 
möglich  fein,  megen  jeber  Sefcdmerbe  an  bie  ganje  ©efeüfc^aft 
ju  appeüiren? 

9tein,  um  irgenbmie  erträglid)  ju  fein,  fe|t  bie  coüectiöe 
^robuction  al§  loefentlidK  unb  unter  atten  3;er^ö(tniffen  un= 
erlüf3lid)e  Sebingung  tabeüofe  55orfte(jer  Dorau§,  bie  perfönlid^ 
jeber  @elbftfud)t  uuäugänglicb,  boü  2Beig§eit  unb  ^JM^igung, 
oI)ne  irgenb  meldie  ^arteilid)feit,  mit  bem  f)eroifd}ften  Opfer= 
finn  bem  ©emeinraefen  fic^  mibmen  —  aüe§  ä5orau§fe|ungen, 
bie  t)ereint  !aum  je  in  meitern  Greifen  bauernbe  33ern)ir!= 
Iid)ung  finben  bürften.  Unb  bod),  of)ne  biefe  93ermirflid)ung 
im  roeiteften  Umfang  fann  unb  mufe  ber  (Jommuniamu§  ju 
einer  SBiütür^errfc^aft  unb  33eamtenti)rannei  fül)ren,  roie  fie 
bie  ©efdjic^te  nod^  niemoI§  gefe^en  l}at,  unb  im  33erg{eic^ 
mit  ber  bie  berüd)tigtften  orientalifdien  Despotien  ala  ein 
©Iborabo  ber  grei^eit  erfdjienen.  Soll  ferner  ber  comnuu 
niftifci^e  ©taat  nid}t  ^u  einem  ^erb  emig  gärenber  Un= 
^ufriebentieit  merben,  fo  müpten  bie  ©enoffen  aUe  äufammen 
ma^ie  (Sngel  fein,  im  ©eifte  be§  ©e!^orfam§  gegen  bie  ^e= 
amtenmelt  aufrieben,  gebulbig,  ofine  ^(age  unb  mit  opfer= 
ftarfer  Siebe  ^ur  ©emeinfci^aft  alle  5lrbeiten  übernetjmen,  meldte 
man  it)nen  jumeift,  unb  ebenfo  gebulbig  bie  gruc^t  i^re§ 
©c^roei^ea,  'oa?,  ^probuct  if;rer  öänbe,  ben  „boHen  51rbeit»= 
ertrag"  in  ben  3;afd)en  be§  ©taate§,  ber  ©efellfc^aft  Der» 
fc^minben  fe^en. 

2Bie  öfonomifd^e  ©elbftänbigfeit ,  fo  forbert  ber  yjltn\6) 
für  fic^  audö  ©ered^tigteit.   D^ne  ©ered)tig!eit  befielt  feine 

^t\äj,  Siberaligmug.  IL  2,  3XufI.  14 


292    ®nttc§  ßapitel.  S)a§  5priöateigentf)um  aU  feciale  ^nftitution. 

©ejeüfdiaft.  ®cr  <SDciaIi§mu§  ober  i[t  bermöcje  feines  2Befen§ 
geälüungen,  ber  ©ereditigfeit  in§  ^Ingefic^t  ju  fd)Iagen. 

5Jii(^t   iebe§    communiftifdje   2el}rfpftem    beru()t   auf    bem 

„^rincip"   ber  ®Ieid)fjeit  aller  9}?enid)en.     S)ie   altern  fran= 

jöfifc^en  ©ocialiften  bebienten   fid)   aüerbingS   begfelben,   nm 

bie  (5)ered)tig!eit  ber  communiflifd^en  (SefeUfdiaftSorbnung  baräu= 

t^un.     2)er  neuere  @ocia(i§mu§  bagegen  fieljt  in  ber  @(eid)= 

l^eit  nur  ha^  „^id"  ber  I)iftorifc^en  Süolution,   bon  ber   er 

alles  ertüartet  unb   mit  ber   er   alleS  beiueift.     ^arin   aber 

ftinunen  ade  überein,  ^a^  bie  „äufünftige"  communiftifd)e  ®e= 

feüfd)aft   auf  bem   „^rincip"    ber   ®kid)fieit   gegrünbet   fein 

muffe  unb  o(}ne  biefe  (S(eid}§eit  jum  Unbing  tcerbe.    5Run  ift 

eS  aber,  h)enn  auc^  nid)t  p^l}fifc(),  fo  boc^  moratifd)  fd^Ied^ter» 

bingS  unmöglid),  ba^  in  ber  menft^tid^en  ^efeüfc^aft  bie  Saften 

unb  2Bo^ttl)aten  gteid)  üerttieilt  Werben,  ^eber  berartige  ä^er= 

fucb  müBte  in  für^efter  ^z\t  f(i^eitern,   »eil  nun  einmal  ber 

notürlidien   93erfd)iebenf)eit   ber   Gräfte   unb   g^ö^igfetten   beS 

ilörperS  unb  be§  @eifte§  eine  gleiche  $ßertt)eilung  ber  Saften 

fd)nurftrad§  äutriberläuft.  Sterben  aber  bie  Saften  nid)t  g(ei(^ 

üert^ellt,  fo  fönnen  audj  bie  SBol^It^aten  unmöglid^  gleid)  ber= 

tt^eilt  werben,     ^wax  üerl^eifeen  bie   communiftifdien  @i)fteme 

eine   berartige   gteidie   23ertl)ei(ung   ber   2Bol}(tt)aten.     5lt(ein 

gerabe  ^ierburci^  betöeifen  fie  mieberum  öon  neuem  i^re  ^h= 

furbitüt,  inbem  fie  eine  gereditere  @efeflfd)aft§orbnung  an  bie 

©teile  ber  auf  ßigenttjum  gegrünbeten  fe|en  lüotlen,   jugleicb 

jeboc^  ber  ©erec^tigfeit  in  einer  SBeife  in»   (S)efid)t  fdilagen, 

toic  bie  elenbefte  6igentt)um§Drbnung  e§  !aum  fdilimmer  t^un 

!ann.     9Iuc^  hü^  fd)led)tefte  So^nfl^flem  läfet  boc^   roenigftenS 

in  irgenb  einer  SBeife  bem  begabtem  unb  tüd)tigern  51rbeiter 

ba§  9led)t  unb  bie  5}iögUc^!eit,  ein  feiner  Ijö^ern  33efä^igung 

unb  5trbeitSleiftung  ent|pred)enbe§  f}öl)ere§  (Entgelt  ju  geioinnen. 

2n  ber  confeguent  burd^gefüljrten  communiftifdjen  ©efeüfc^aft 

bagegen  üerlü^t  ber  5trbeiter  ben  öffentlichen  ^i^^^lltifd) »   o§"^ 


4.  S)aö  ^Pviöatetgent^um  naä)  b.  loifjenfd^.  ©öoluttonötl^eone.     293 

ba^  feiner  „5Irbeit  \i)x  Ertrag"  ju  t^eil  gelüorben.  Sßeiter 
nid)t§  fommt  if}m  511  über  bo§  ^inau§,  tüa§  bie  53eamten  jur 
S8e[trcitinuj  feiner  „bernunftgemü^en  33ebürfniffe"  gnäbigft  i()m 
gen)äl)ren,  S)enn  würbe  i^m  me^r  gegeben,  fo  fönnte  er  \a 
Ueberfd)üffe  bilben  unb  für  \\ä)  betüal^ren.  S)a§  ^riöotlopital 
lüäre  bamit  wieberljergeftent ,  bie  ^iaffen=  unb  ©tanbe§unter= 
f(i^iebe  bon  neuem  eingefüfjrt,  pribate  ^ienftberpltniffe  tonnten 
begrünbet  werben  u.  f.  h).  2BiII  ber  ©omnnmiamuS  oI§ 
foId)er  fortbc[te(;en,  fo  mu^  er  olfo  not^toenbig  ieben  über  bie 
jur  23eftreitung  ber  ^ebürfniffe  erforberlid^en  @üter  f)inQU§= 
reic^cnben  '^JZe^rertrag  ober  9Jle|rraertl^  bem  ^2lrbeiter  rauben 
unb  ber  @efaint()eit  juweifen.  W\t  anbern  2Borten:  für  ben 
ßommuniämuä  fann  gar  fein  ^rincip  be§  9ted)te§ 
ober  ber  33inig!eit  bie  SSert^eilung  ber  ^probucte  be= 
I)errfd)en.  5?idjt§  anbere§  entfc^eibet  l^ierbei  al§  ba§  „53ebürfnip" 
bc§  einzelnen.  „Sebem  nad)  feinen  S3ebürfniffen",  b.  I).  mi)l 
bor  aüem  nad)  ber  (Srö^e  feine§  5Jlagena !  2BeId)er  5lbgrunb 
bon  6(^nmcö  unb  @rniebrigung  —  abgefefjen  bon  fd)reienbfter 
9{ed)t3ber(e^ung  —  liegt  ferner  allein  in  bem  Umftanbe,  ha^ 
frcmbe  ^erfonen ,  33eamte  be§  ©taate§,  fic^  ein  Urti)ei(  bQr= 
über  erlauben  bürfen,  meldte  „33ebürfntffe"  ein  jeber  I)at,  ein 
jeber  befriebigen  barf !  ^ 

Sft  e§  nii^t  wafjrfjaftig  bie  boUenbete  2Bieberf)erfteIIung 
ber  ©flaberei  im  großen  'Stile,  mit  unau§roeid)barer  5fJotf)= 
menbigteit  für  einen  beftimmten  |)errn,  bie  „©efellfdjaft",  fein 
gonjeä  öeben  lang  arbeiten  ju  muffen,  nur  für  biefen  einen 
^errn  arbeiten  5U  !önnen,  genau  nad)  3^^^  ^'"^  ^^"t  ^^^  ^^= 
fd)äftigung  immer  ba§  arbeiten  p  muffen,  ma§  btefer  eine 
|)err  befieljlt,  —  Sag  für  Sog  arbeiten  ju  muffen  ol^ne  9lu§= 


*  95on  einer  aSebürfnipcfriebigung  „nad)  aSelieben"  fann  jo 
felbflüerflänblic^  niä)t  bie  Otebe  fein,  toeil  fonft  jeber  fo  öiel  an  fic^ 
reißen  toürbe,  aU  er  nur  Befommen  fönnte. 

14* 


294    ©rittet  ßapitel.  ®a§  ^ribatcigentfium  als  joctale  ^nftitution. 

fic^t  auf  ben  „boHen  (ärtrog  ber  ^Irbeit" ,  —  of)ne  5Iu§[id^t 
auf  einen  geredjten ,  ber  5kbett§(eiftung  entfprec^enben  So^n, 
aüein  gegen  eine  ©uppenfarte  unb  einen  5reipla|  am  üü= 
gemeinen  ©taatStrog  ?  ^  — 

S)ritten§.  (Sine  53eflätigung  unferer  SenDeife  au§  ber 
inbiDibueüen  unb  focialen  5^atur  be§  D^?enf(i)en,  jugteicf)  einen 
befonbern  5öeroei§  für  bie  Dlot^iüenbigfeit  unb  bie  Sere(i)ti= 
gung  be§  ^riöateigent^umg  bilbet,  n^ie  bereits  angebeutet 
tüurbe,  bie  Ue berein [timmung  be§  ganzen  91ienid)en= 
gefd)Ie(^te§  in  5tnerfennung  ber  Sigent^umainftitutioni. 
Sft  e§  bod)  offenbar,  ha^  eine  (Sinric^itung,  bie  immer,  überall, 
in  aüen  @pocf)en  unb  bon  allen  2>ö(fern  al§  ber  9tatur  ent= 
fpred)cnb  anertannt  mürbe,  nid)t  im  2öiberfpru(^e  mit  ber 
9Zatur  flehen  fann.  ©onfl  göbe  e§  für  ben  5D?enfc^en  über» 
^aupt  feine  9}Wg(i(^!eit  ber  SrfenntniB  be»  33ernünftigen, 
Dlaturgemäßen,  @ered)ten.  S)iefe  nac^  3^i^^rt  unb  3}ölfern 
angemeine  5lner!ennung  mirb  nur  bon  p^antafieüoüen  25er= 
fed)tern  .ber  ©boIutionSibee  beftritten ,  mä^renb  gerabe  bie 
fjiftorifd^e  SBiffenfdiaft  fie  boüauf  beftätigt. 

D3kn  fann  [ic^  bemgegenüber  nid)t  auf  ba§  angebliche 
ober  mirflic^e  „urfprünglic^e"  ©ollectibeigent^um  einzelner  ober 
ber  meiften  53ö(fcr  berufen.  S^enn  junäc^ft  ift  ba§  „Ur= 
fprünglic^e"  feineSmegg  immer  'ba^  „9iatürlic§e".  ^n  2Bin= 
beln  eingemidelt  ju  fein,  ift  bem  5D?enfd)en  „urfprüng(id)", 
ober  nici^t  gerabe  fe^r  „notürlici^".  „5^a§,  ioa§  ein  Söefen 
bei  feinem  erften  Sntftefjen  ^at,  bitbet  ben  urfprüngfic^en 
3uftanb;  mag  i^m  aber  bermöge  feiner  naturgemäfjen  unb 
bollfommenen  ©ntmidfung  jufommt,  bilbet  ben  natürli(!^en 
3uftanb."2  ©arum  barf  man  ferner  aud)  nidjt  bo§  „9Zatür= 
Iid)e"  au§  einem  3uftQnbe  erfennen  mollen,  melc^er  bie  natur= 


'  Schiffini  1.  c.  p.  141  sq. 

■  %apaxtin  a.  a.  £).  I,  408. 


4.  ®Q§  ^priöateigentl^um  nadf)  b.  Unfjenfd).  ©öolutiongtl^eorte.     295 

gemäße  ^ßl)t  ber  (Sntloicflung  nod)  nid)t  borftedt  ober  bon 
berfelben  tpieber  f;era6geiunfcn  ift.  ßublicf)  äeigen  fid)  logar 
bei  ben  am  tiefften  ftel^cnben  3}öIferf(^Qften  genügenbe  ©puren 
unb  5(nfänge  be§  (Sigcntl)um§.  Solange  [ie  aU  ^Jomaben 
leben,  gefjören  ben  einzelnen  ^^amilien  ober  ^nbiuibuen  tt)enig= 
[ten§  bie  ^e^t^-  Sagbroerf^euge  unb  bie  |)erben.  ^aum  aber 
l)aben  [ie  fic^  bouernb  niebergelaffen ,  fo  entraicfelt  fid^  aud^ 
jel^r  bülb  'i)ü^  ^rioateigent^um  am  ©runb  unb  53Dben.  — 

3um  @d)lui[e  nod)  eine  furje  5ßemerfung.  2Ber  unferer 
^Berociafü^rung  mit  3(ufmerffam!eit  gefolgt  ift,  ber  trirb  fid) 
ber  Uebcrjeugung  !oum  berfdiliefjen  fönncn,  ba^  bie  @igen= 
tf}um§inftitution  nid)t  blofe  bem  natürlid)en  9f{ed)te  gemäf? 
ift  {secundum  legem  naturae),  fonbern  in  gemiffem  ©inne 
al§  eine  $ßorfc^rift  be§  natürlidjen  gied)te§  {de  lege 
naturae)  begeidinet  tt)erben  mu|.  ^ 

2)amit  fott  nun  aüerbingS  nid)t  gefagt  fein,  jeber  ein= 
3 eine  ^^enfd^  ^aht  bie  ^flid^t,  Sigentfjum  ju  erwerben,  fo= 
meit  nid)t  bie  ©elbfterfjaltung  in  unmittelbarer  grage  ftetjt. 
33ielmel)r  Ijanbelt  e§  fid)  um  eine  generifdie  9lotf)mfnbigfeit, 
um  eine  9lot^menbig!eit  für  bie  5Jienfd)en  unb  bie  menf(^lid)e 
©efeüfdiaft  im  allgemeinen,  öf^nlic^  tt)ie  e§  au(^  für  bie 
93Jenfd)cn  not[)n)enbig  ift,  bafe  @§en  gefd)Ioffen  tüerben,  Db= 
h)o^(  nic^t  jebem  einjelnen  ^nbibibuum  bie  5|3flicj()t  obliegt, 
ba§  et)elid)e  Seben  für  \\^  ju  toö^Ien.  ^ 


'  31.  Saft  dein  S.  J.  (Le  Socialisme  et  Ie  Droit  de  Propriete 
[Bruxelles  1896]  p.  511  ss.)  fafet  bie  jiatutrecf}tlic0e  SBearünbiing  ber 
@igentI)innätnftitution  unter  bem  breifai^en  ©eftd^t§)junfte  sufammen: 
3)er  SDflenfiJ)  ift  ein  t) e r f  ö n li cE) e § ,  ein  ber  3} e r  d o  11 ! o tn m n u n g 
fät)tge§,  ein  fociate§  2Bejen. 

2  Schiffini  1.  c.  p.  146:  „Hoc  porro  accipi  debet  consimili 
plane  ratione  ac  asseruimus  agentes  de  naturali  hominis  sociabili- 
tate.  Quemadmodum  enim  lex  naturae,  etsi  non  praecipit  siiigulis 
hominibus,  ut  sint  membra  societatis  perfectae  sive  civitatis,  prae- 


296    ®ntte§  Kapitel.  ®q§  ^riüateigentl^um  aU  fociole  önftitution. 

5.  jÄffgcmcinc  ginwcnbungcn  gegen  btt$  ^rbateigcttfßuitt. 

1.  ^ie  53ered)tigung  be§  ^tit)ateigent|um§  i[t  roieberljolt 
auf  ba§  leb^aftefte  beftritten  morben.  ©ogar  auf  bie  Sljeologie 
unb  bie  ^eiligen  Sßäter  ^at  man  \\ä)  berufeu,  um  bar^uttjun, 
bafe  bie  f§igentf)um§iuftitution  ettoa»  5[Ri|bräud)(ic^e§  uub  ein 
Unglüc!  für  bie  DJknfd}[)eit  fei. 

Tlan6)z  Sfjeologen  fefiren,  im  ^parabiefe  mürbe  baa  falte 
DJ^ein  unb  S)ein  feine  ©eltung  gefiabt  I}aben.  Sie  betrachten 
fomit  bie  5ef)(er  unb  <Sd)mäd)en  bcr  menfct)Iid)en  5Zatur  im 
gefallenen  Suft^"'^  öI§  9tcd)t§grunb  be§  @igent^um§.  5?un 
aber  fönnen  "toä)  ^^efiler  nicE)t  Slcc^tSgrunb  fein,  am  aEer= 
menigften  ©runb  eineä  natürlidien  9ted}te§. 

2)ieier  ^inmanb  berufit  offenbar  auf  einem  5[llijiberftünbniB. 
3ene  Sfjeologen  6etrad)ten  bie  ^e£)(er  unb  ©(^mäd)en  ber 
menfd)(id)en  9iatur  jmar  al§  @runb,  marum  bie  @igen= 
t§um§inftitution  notljmenbig  fei,  !eine§meg§  aber  al§3fied)t§= 
grunb  berfelben.  (S§  fann  ganj  mo^I  gef(5ef)en,  baJ3  etma§ 
unter  gcmiffen  33orau§fe|ungen  ala  notf)menbige§  Mittel 
jur  (Srfiaftung  ber  natür(id)en  O  r  b  n  u  n  g  fid)  barfteüt, 
ma§  unter  anbern  2>0rau§fe|ungen  bieüeic^t  nid)t  not^menbig 
gemefen  märe,  ©o  jeigen  benn  anä)  jene  2:l)eD[Dgen,  ba^ 
für  bie  5}?enfd)en,  mie  fie  ^eute  t^otfädind)  finb,  bie 
@igentf)um§inftitutiDn  für  bie  rid)tige  ßntroidtung  be§  inbit)i= 
buellen   unb   focialen  2eben§   uncntbeljrlic^   ift,    mäfjrenb   fie 


cipit  tarnen  universe  et  in  genere,  ut  diversae  familiae  sufficienter 
multiplicatae  in  unam  vel  plures  societates  civiles  congregentur : 
sie  etiam  non  exigit  quidem,  ut  singuli  homines  vero  aliquo  do- 
minio  proprietatis  actu  fruantur  individuali  aut  collectivo,  exigit 
tarnen,  ut  in  praesenti  statu  humani  generis,  et  in  tanta  hominum 
multitudine,  prout  nunc  existunt,  non  sit  illa  bonorum  communitas, 
quam  communistae  et  socialistae  proponunt,  sed  dominia  reruni 
uno  vel  altero  modo  sint  divisa  in  proprietates  diversas,  easque 
etiam  privatas  et  individuales." 


5.  SlCgemeine  ©inrcenbungcn  gegen  ha§  ^riüateigenti^uin.      297 

annel^men,  ba^  bor  bem  ©ünbenfaHe  bie  Sfjeilung  ber  ©üter 
ni(^t  erforberUt^  gert)efen  wäre  ^  — 

©injelne  ber  ^eiligen  SSäter,  [o  tüenbet  man  ferner  ein, 
j'd)einen  ha^  ^riöateigent^um  lebiglid)  auf  ungerec()te  ©etüdt 
äurücfsufüfjren.  ©o  fd^reibt  ber  {)(.  5ImbrD[iu»  (1. 1  de  offic. 
c.    28):   Natura    omnibus    in    commune   profudit  .  .  ., 


*  9iobfieTtu§  =  3fagc^ott)  (ügl.  3itr  SSeteuc^tung  ber  fociaten 
i^roge  [Serlin  1875]  ©.  222) ,  ber  im  ©sgenfa^e  äur  (^riftli^en 
5Pf)iIo!op:öte  ätoifd^en  mtx\]ä)liä)n  ^latur  imb  ^ßrtDatetgentfjum  an  ben 
^robuctionSmitteln  feinen  not^tcenbigen  Sufftoxmen^ang  anerfennt, 
nielmel^r  in  bem  ©runb=  unb  .ßopitQlcigent^um  nur  eine  öorüBer: 
gel^enbe,  rein  Ijiftorif^e  ^^ofe  ber  inirtfi^afttii^en  ©ntloidlung  er= 
IilidEt,  —  felbft  ütobBertug  fpri(f)t  Don  einer  toenigfteng  relatiöen 
Slot^luenbigfeit  beä  @igent()um§,  b.  f).  Don  einer  Dlotljtoenbigfeit  „für 
bie  f)eutige  Seit".  „3*  glaube  niäjt,"  fagt  er,  „ha^  ber  freie  SBitle 
ber  ©efetlfc^aft  :^eute  ftar!  genug  ift,  um  auc^  ben  S^^flng  jur  Slrbeit, 
ben  jene  3tnftitution  (©runb=  unb  ßapitaleigent^um)  oufeerbem  no(^ 
übt,  f(f)on  unnötl)ig  ju  mad^cn.  .  .  .  ^^  glaube  ni(^t,  ba%  bie  ©efeü= 
fd^aft  il)ren  9Beg  biixä)  bie  Sßüfte  fc^on  beenbigt  l)ot,  ba%  i^ve  fitt= 
lid^e  firaft  fcE)on  gro^  genug  ift,  um  baä  gelobte  Sanb  ber  ©rlöfung 
Don  ©runb=  unb  ßapitaleigentfjum  burd)  freie  Slrbeit  erwerben  unb 
bef)aupten  ju  fönnen."  —  2tu(§  tnir  glauben  mit  manchen  ber  :^ei= 
ligen  ^irc^euDäter  nicfit  an  eine  nbfolute  Dlot^aenbigfeit  beö 
^riDateigentl')um§.  S'oc^  ift  ba§  getobte  Sanb ,  in  itielc^em  ba§  falte 
SJlein  unb  ©ein  feine  ^iotte  fpielte,  tDO  bie  Strbeit  fetbft  nur  Suft 
unb  fjreube  bot,  Don  aEen  Sornen  frei,  —  nacf)  ber  (|rifttic^en  Sef)re 
ein  bnrd^  bie  ©rbfi^ulb  längft  Dertoreneö  ^arabie^,  n)äl)renb  9tDb= 
bertuä  ba§felbe  erft  in  ber  3u'^unft  fud^t.  3lnn ,  bie  menfd)(ii^e 
9^atur  ttiirb  fid^  nicfit  änbern,  toeld^e  2Bege  auc^  immer  bie  f)iftorif($e 
®ntttncf(ung  einfdfilagen  mag.  DJlit  alten  if)ren  SSorjügen,  aber  au(i) 
mit  aüen  ^^toä^m  be§  gefatfenen  Sufti^n^sö  ti^ii'^  f^^  bleiben,  toie 
fie  tjeute  ift,  —  erlöfungSbebürftig,  ber  ©rlöfung  tt^eil^aftig  in  Sejug 
auf  ©($ulb  unb  Strafe,  ober  bcä  ©iabemä  ber  urfprünglicf)en  ®e= 
rec^tigfeit  tnie  beä  ^ßarabiefeä  für  immer  Derluftig.  —  Cf.  ScJüffini 
1.  c.  p.  173  sqq.  —  ®ie  @igentt)umöinftitution  ift  alfo  de  iure  naturae 
hjjpotlietico,  b.  i).  ba§  3taturre(^t  forbert  fie  in  ber  3}orauöf  e^ung 
beä  gegenwärtigen,  gefallenen  3ul"tß»'^£^  ^^^  3Jtenf^en. 


298    ®titteä  ßapitel.  S)a§  ^ßrtöateigentl^um  aU  fociale  ^nftttutioti. 

usurpatio^  vero  fecit  privatum.  Unb  ber  ()I.  SafiliuS  fagt 
(Homil.  in  Luc.  12,  18):  Si  quis  loco  in  theatro  ad 
spectaculum  occupato  deinde  ingredientes  arceat,  id 
sui  ipsius  proprium  ratus,  quod  ad  omnium  communem 
usum  proponitur,  tales  eiusmodi  quoque  divites  sunt. 
Nam  communia  praeoccupantes  ea  ob  praeoccupationem 
sibi  assumunt. 

%\t  lieiligen  33ütcr  fämpften  in  i()rer  '^zxi  gegen  ba» 
abfohlte  Sigent^um  unb  ben  ^artJ^ergigen  9teid)t^um. 
Siefem  gegenüber  l^oben  [ie  l^eröor,  ba^  bie  ©üter  nid^t  gut 
©r^aüung  einzelner,  fonbern  oüer  5)?en)dKn  beftimmt  unb  in 
biefem  ©inne  üon  31atur  allen  gemeinfam  feien.  9lur  burcE) 
ein  pofitiDeä,  menid)Ii(f)e§  factum  tarnen  bie  ®üter  in  ben 
^efit;  be§  einzelnen,  unb  biefe»  factum  ne^me  geraifferma^en 
ben  6()ara!ter  einer  ©eroaüt^at,  eine»  Ütaubeö  an,  wenn 
bie  9feid)en  in  ma|(ofer  ^abfudjt  ade»  an  fid)  riffen  unb  ber 
auf  bem  (äigent^um  ruf)enben  5pf[id)ten  öergäßen.  — 

93ian  ^at  ebenfalls  bem  ^I.  Sboma»  öon  ^Iquin  bie 
5(nfid)t  5ugeid)rieben ,  ba»  ^riDateigent^um  öerbanfe  aud)  al§ 
gefeafd)aftlic^e  ^nflitution  feinen  Urfprung  lebiglic^  bem 
menfd)ü(^en  pofitiben  Üted^te.  2)a§  ift  unrichtig.  3>üar 
leljrt  St)üma§  -,  baß  bie  distinctio  possessionum  secundum 
humanum  condictum  fei,  quod  pertinet  ad  ius  positivum, 
ut  supra  dictum  est  (q.  57,  a.  2  et  3).  2ßenn  er  bann 
q.  57  1.  c.  fie  bem  ius  gentium  5ut()ei(t,  fo  ifi  i^m  biefe§ 
ius  gentium  nacö  ber  einen  (Scfläriing  aüerbings  nic^t 
gleid)bebeutenb  mit  ius  naturae,  aud)  nic^t  bie  not^roenbige 
Folgerung  eines  (5a|e§  au§  bem  ius  naturae,  fonbern  eine 


1  2)aä  2JÖort  iisurpatio,  befjen  ficE)  ber  T)L  Stmbrüliuö  bebient, 
toirb  übrigens  in  ber  lateinii'dien  ©pradie  auä)  öon  ber  legitimen 
OcculDation  gebraudit.  SSgt.  ©atrjrein,  aJloralpbiMo^J^ie  H,  4.  23uc^, 
§  5  (3.  2lutl.),  312  ff. 

2  2,  2,  q.  66,  a.  2  ad  1. 


5.  Slffgemetne  ©intcenbungen  gegen  bog  ^riöoteigent^um.      299 

burd^  bie  menfd^Iic^e  grcifjeit  ^injutretenbe  recS^tlid&e  5Se[lim= 
mung.  S)ie  fonftigen  (jpöter  bon  un§  angefüfirtcn)  ^euBc= 
rungen  be§  I}L  SJ)oma§  laffen  aber  feinen  SttJeifel  barüber 
be[te()en,  bo^  ber  englifrfie  Seljrer  bie  distinctio  possessionum 
ber  53er|3flicötung  naä)  —  be^üglic^  be§  großen  ©onjen 
ber  93?enfd^I}eit  —  qI§  im  ^ioturredjt  begrünbet  auffoBt  unb 
nur  ber  5Iu§fü^rung  na^  pofitiöen  9ie(i)te§  fein  läßt.  — 
Sincr  anbern  Srüärung  zufolge  berftel^t  ber  f)I,  %i)oma^  unter 
ius  naturale  allein  bie  unmittelbar  eöibenten  ©runbiä^e  be§ 
9?ed)t§,  n)ü[)renb  er  ius  gentium  bieSc^Iu^foIgerungcn 
nennt,  welche  [icf)  mit  ^^Dttjmenbigfeit  qu§  jenen  oberften 
(Srunbfä^en  ergeben  unb  ba^er  auc^  tfiatföd^Iid)  na^e^u  all= 
gemein  bei  allen  23öl!ern  5Iner!ennung  genießen,  ©o  rechnet 
ber  1^1.  2:f)oma§  j.  33.  ben  @a^:  „S)u  foUft  bie  Sßerträge 
J)alten" ,  ober:  „®u  foüft  nid)t  ftef)Ien" ,  jum  ius  gentium, 
obmol)!  niemanb  jroeifelt,  boB  biefe  (5ö|e  jum  ius  naturale 
im  heutigen  unb  im  ariftotelifcfeen  ©innc  ju  rechnen  [inb. 
3)er  englifdie  2ef)rer  beftreitet  aI[o  ni6t,  fonbern  be[)au|3tet 
fogor  bie  naturrec^tlic^e  33egrünbung  be§  @igent^um§,  inbem 
er  baSfelbe  bem  ius  gentium  5utt}eilt  ^. 


1  S8gr.  S.  Th.  1,  2,  q.  95,  a.  2.  —  ©benfatt§  bie  übrigen 
Sd^olafttfer  ()abcn  bte  91  o  t  :^  m  e  n  b  x  g  f  e  i  t  oDer  eine  ber  9totf)nienbig= 
feit  gleic^tommenbe  2lngemeffenf)eit  be§  5priüatetgentf)um§  anerfonnt, 
toenn  fie  auc£)  über  bie  31  rt  unb  2öeifc  be§  SßoIIjngg  ber  9?er= 
t^^eilung  üerfc^iebener  SJleinung  uiaren.  So  glauben  g.  58.  SDloIina 
(De  iustitia  et  iure  I,  tract.  1,  disp.  4,  n.  8)  unb  ©uareg  (De 
legibus  lib.  2,  c.  14,  n.  13;  c.  17  sqq.)  of|ne  ®Q3toifd}entreten  beö 
Jjofitiöen  9te(f)te§  ober  eine§  S>ertrQgeö  bie  urfprünglii^e  9}ertr)eitung 
ber  ©üter  niäit  erllären  ju  tonnen.  ©Icit^geitig  geben  fie  ober  gu, 
bQ§  bie  meni(f)Ii(^e  Slatur  unb  baljer  'ba^j  natürliche  3iecf)t  irgenb  eine 
aSertbeilung  forbere.  ©ie  beftritten  alfo  feineötnegS  bie  natur= 
re(i)tlt(i)e  SBegrünbung  ber  ®igent;^uin§inftitutton.  {Gi.  L.  Mo- 
lina, De  iustitia  et  iure  I,  tract.  2,  disp.  20.  —  Fr.  Suarez,  De 
opere   sex    dierum  1.  5,    c.  7,   n.  17).     Cf.  Lehmkuhl,   Theologia 

14** 


300    S)titte§  ßapitel.  S)a§  ^riöQtetgentf)um  als  fociale  ^nftitution. 

5(uc5  5)?  a  £  ^J^  n  u  r  e  n  6  r  e  d)  e  r  1  gibt  ju ,  ba^  in  bev 
33eurt^ei(um3  ber  bie§6eäüglic^en  Seigre  be§  5Iquinaten  „bie 
fat^olifc^en  S^orfd^er  ber  äöa^r^eit  bebeutenb  nä^er  gefommen 
finb,  a(§  if)re  ebangelifc^en  (Segner.  2)enn  t^atfäd^Iid)  finben 
fi(^  ©teilen,  an  benen  Sf^oma^  ba§  (Sigentf)um§re^t,  n)enn 
oudö  ni(^t  bem  ,9iaturrec£)te*  im  eigentHdien  ©inne  be§  SBorte§, 
]o  immer(}in  nod)  bem  ,natürlid)en  9ted)te'  unterfteHt.  2öir 
f)Qben  .  .  .  gefe^en,  ba^  er  bie|e§  ,nQtürIid)e  9ted}t'  in  jmei 
Stjeile  ä^rlegt,  Don  benen  einer  bie  an  fic^  natürlichen,  ber 
anbere  bie  um  gemiffer  folgen  toiüen  natürlichen  9ie(^t§ber= 
{)ö(tniffe  umfaßt  2:  jenen  nennt  er  ba§  ,9]aturrecbt'  im  engern 
Sinne,  biefen  ba§  33ö(ferred)t ;  jene»  i[t  allen  lebenben  SBefen, 
biefeS  nur  aßen  ^JJenfc^en  gemeinsam;  jenes  beruht  auf  ben 
angeborenen,  me^r  in[tinctiben  trieben,  biefe§  i[t  ein  (5r= 
jeugni^  ber  allgemeinen  men[d}Ud)en  33ernunft ;  beibe  ^ufammen 
fteljen  aber  a(a  ,natürlid)e§  ütec^t'  in  bem  ©inne,  mie  5Irifto«= 
tele§3  tia^  SBort  gebrandet  ^atte,  bem  t)ofitit)en  ®e[e|e§red)te 
gegenüber,  ^lut  biefem  »natürlichen  9ted)te'  ru^t  nun  nad) 
2;^Dma§  aud)  ha^  ©igentljum.  Sa§  ,9laturre(^t'  im  engern 
©inne  freilid^  ^at  nid)t§  bamit  ^u  tl)un;  benn  an  fic^  liegt 
!ein  ©runb  bor,  marum  5.  53.  ein  5lder  biefem  unb  nid)t 
einem  anbern  get)ören  füllte:  ,an  fid)  gefjören  alle  Singe 
gemeinfam',  mie  er  an  einer  anbern  ©teile*  fagt.  5lber 
um  geiüxffer  folgen  tüiüen  .  .  .   ift  e§  boc^  ,natürlid/,  ha^ 


moralis  I,  n.  906.  9SgI.  ©ati^vein,  3D'loraIpr)ilDfopf)ie  I.  %i)i'd, 
8.  ^uä),  §  2  (3.  StufL),  479  ff.;  IL  %i)äl,  1.  Slbt^.,  4.  Sud^,  §  5 
(3.  2lufl.),  315  ff. 

1  Sfjomaä  üon  2Iquino§  ©tellung  3um  äßittfcfiaftäleben  feiner 
Seit  (ßeipätg  1898)  ©.  113.  117.  —  »gl.  anä)  granä  ©d^aub, 
Sie  @igentf)umöW)re  naä)  Stomas  öon  Slqutn  unb  ber  moberne 
©odaIt§mu§  (OfreiBurg  1898)  ©.  259  ff. 

2  S.  Th.  2,  2,  q.  57,  a.  3  c. 

3  Sögt.  Com.  in  Eth.  V,  lect.  12  b. 

*  Sögt.  De  sortibus  c.  2.     S.  Th.  2,  2,  q.  66,  a.  2  ad  2. 


5.  5lQ9emetne  ©intoenbungen  gegen  ba§  ^riüatetgentl^um.      301 

bei*  5(dfcr  einen  be[tinimten  33e[i|er  (}ak;  unb  barum  gehört 
ba§  (Sigentf)uni§red)t  5U  jenem  sroeiten  21)eile  be§  ,nQtürIi^en 
9{edöte§',  bem  ,5Böl{erre(i)te'.  3)em  entipri(^t  burd)QUa  jene  .  .  . 
^Infc^auung ,  ha^  ha^  ^rioatetgentljum  eine  Stgänjung  ju 
bem  ,5?aturred)t'  im  engern  Sinne  be§  Söorte§  i[t,  weil  [a 
'i)a^  ,93ölferred)t'  gerabe  bQ§  eigentlid^e  ,3Sernunftrec3^t'  i[t." 
S)ie  ©teüe,  anf  meiere  5[Ranrenbre($er  hierbei  Sejug  nimmt 
(Com.  in  Eth.  V,  lect.  12b),  lautet:  „5«aturrec^t  i[t  bQ§= 
jenige,  moäu  bie  Üiatur  ben  9J?enfc^en  hinneigt.  9?un  !ann 
man  aber  eine  boppelte  Statur  im  5[Renfc§en  unterjd^eiben,  eine 
animalifcf)e,  meiere  i[}m  mit  ben  Spieren  gemeinfam  ifi,  unb 
eine  menfi^Iic^e,  meldie  if)m  a(§  9Jienfd)en  eigen  i[t,  b.  'i). 
infofern  er  mit  feiner  33ernunft  (Sd)änblid)e§  unb  (S^rbare» 
unter[d)eibet.  ®ie  ^uriften  aber  nennen  5laturred)t  nur  ba§, 
ma»  fid)  au§  ber  3^eigung  ber  dlatux  ergibt,  bie  bem  ^knj(^en 
mit  ben  Spieren  gemeinfam  ift,  mie  bie  SSerbinbung  öon  93knn 
unb  Sßeib,  bie  (Sr^ie^ung  ber  .^inber  u.  a.  dasjenige  9ted)t 
aber,  ba§  au§  ber  eigentlid)  menfi^Iidien  9?atur  folgt,  infomeit 
ber  D}^enfc^  öernünftig  ift,  nennen  bie  ^utiften  ius  gentium, 
meil  e§  bei  aüm  3Sö(fern  in  ©ebraud)  ift,  loie  3.  $8.  ba^ 
man  33erträge  I}alten  muffe  u.  f.  tu." 

@§  ift  fomit  erfid)tli^,  toie  irrig  bie  33e:^au|3tung  mar, 
Stomas  l^abe  an  einen  urfprünglid^en  ßommuniSmug  geglaubt 
ober  biefen,  nic^t  aber  ba§  ^ribateigentr^um,  al§  eine  natürliche 
Snftitution  anerfannt  1. 


1  Sie  falf($e  Deutung,  toelcfie  «ßrof.  3(Ibett  9ttt|($t  ber  ße^re 
beä  f)I.  Sfjomaä  gab  (S^eftrebe  jur  freier  be§  ISOjäfirigen  ScfteljenS 
ber  Hniüerfität  ©ottingen.  1887)  luurbe  surüdfgetriiefcn  bitrc^  ^rof. 
D.  .'pcrtling  (3ur  SSeanttoortung  ber  ©ßttinger  ^it^^ilcumsrebe. 
[DJlünfter  unb  ^aberborn  1887]  ®.  9  ff.  »gl.  aiiä)  ^ertling, 
kleine  ©d^riften  jur  SntQt\ä)iä)ti  unb  5poUtif  [iJretburg  1897] 
©.  135  ff.).  ebenfarfS  ßut^arbt,  ©ottf(§icI,  2Benbt  finben 
bei  Sljomae  5ln!Iänge   an  ben  ßommuniöniuä.    Slnbere  ^Proteftanten 


302    ®rttte§  ^apittl  ®a§  ^rtöateigentl^um  aU  foctale  3fnftttution. 

2.  ©e^r  gerne  tüeifen  focialifttfcöe  ©c^riftfteHer  ober  5IgitQ= 
toten  ju  @iin[ten  be§  Kommunismus  auf  ba§  53eifpiel  ber 
erflen  (S^riften  unb  ber  ^löfter  ^in. 

|)eute  unterliegt  e§  nun  naä)  bem  3eu9"iffe  ber  beften 
5lutoren  feinem  Smeifel  me^r  i,  „bafe  e§  bei  ben  er[ten  6t)ri[len 
feinen  eigentlici^en  Kommunismus  gab.  3Iuc^  in  ber 
©emeinbe  bon  ^erufolem  fonn  5U  feiner  3eit  t3on  einem  tt)irf= 
lid^en  Kommunismus  bie  5Rebe  fein,  fonbern  nur  bon  einer 
f)oä)  entmicfelten  ^Armenpflege  (Organifation  ber  SSer= 
t^eifung),  bie  fo  fefir  bem  ^beole  einer  folc^en  entfprad),  bo^ 
feiner  5}?QngeI  litt  unb  jeber  Üteic^e  feinen  53efi|  gleic^fam  alS 
Kigent^um  oller  be^anbelte.  So^  biefer  guftanb  fid)  tf)QtfQd)ric& 
mie  eine  ©ütergemeinfc^oft  ausnahm,  tjatk  feinen  ©runb  in 
mehreren  Umftönben:  1.  mar  bie  Doüenbete  33ruberlicbe,  mit 
ber  \\ä)  QÖe  ©lieber  ber  ©emeinbe,  arme  unb  reid)e,  gegen= 
feitig  umfaßten,  ber  ©runb  für  bie  großartige  greigebigfeit. 
5Ipg.  4,  32  leitet  gerabeju  bie  ©d^ilberung  ber  ^rmcn|)flege 
ein  mit  ber  S3emerfung,  baß  alle  ,ein  |)er3  unb  eine  <2eele' 
gemefen  feien;  2.  lebten  biefe  K^riften  in  engfter  SSerbinbung 
miteinanbcr  in  einem  faft  familien^aften  3«fommenI)ange, 
ttiorauS  fid)  bon  felbft  ergab,  baß  t^atföcblic^  unb  maS  bie 
SBermenbung  anging,   feiner  me^r  feinen  SBefi^  als  eigentlic!^ 


bagegcn,  tote  f).  ^Ritter,  §.  Sonden,  3ff)eTtng,  2tfr)Ie^, 
ßt^jpert,  unb  bann,  tote  toir  fal)en,  9Jiaj  9JIq  urertbreifier, 
jpred^en  ben  Slqutnaten  ton  ber  3ln!Iagc  coinmuniftiydEier  Slenben3en 
frei.  —  939I.  nod}  au§  ber  fotfjoltfdien  Stterotur:  ?yran3  aßalter, 
®Q§  (Sigenltium  naä)  ber  Sefire  be§  1)1.  S;f)onia§  nnb  be§  (SocialtömuS 
(S^reiburg  1895).  —  S^rans  ©djaub,  Sie  ®igentf}um§re^re  nodö 
Stomas  üon  ?lquin  unb  bem  mobernen  SocioIiSmuS  (Q^retburg  1898). 
1  35gr.  Dr.  ©eorg  31  biet,  ©ef(f)tcf)te  be§  ©03tQlt§mu§  itnb 
-^OTnmuni§tnu§.  Seip3tg  1899.  (g^ranfenfteinfd^cS  §anb=  ttnb  ßei^r= 
hnä)  ber  StaatStoiffenfdjQft.  1.  3lbt().,  a3b.  III,  ®.  69  ff.  —  gingel^enb 
bef)anbelt  biefe  ^rage  aud)  Sin  Ringer,  ©efd)ic^te  ber  ürd^ltdien 
5trmenpfregc.    2.  Sluff.     1.  3lufr.  (1868)  6.  15  f. 


5.  Slttgememe  ©intoenbungen  gegen  ba§  ^rtöateigentl^uin.      303 

per|önli(^e§    Sigcnt^um    ju    betrad^ten    fd)ien.     S)orum    I)ebt 

?Ipg.  2,  44  auc^  ^erbor:  ,Qne  tüoren  beifornmen  unb  fjatten 

(bc§[)alb)  aUea  gemcinfc^oftlid)' ;  3.  mu^  bie  .^irc^e  bon  ^etu= 

falem   eine   ungeroöfinlicf)    gro^c  ^(nja^I   bon   Irmen   ge^äf)It 

l^aben.    '^pauIuS  [ieljt  fic^  toiebcrljolt  beranlaBt,  in  feinen  ®e= 

meinben  Soüecten   für   fie   abl^nlten   ju  laffen   (1    .^or.   16, 

1.  3.    2  .^or.  8;   9,  1.    Wöm.  15,    26).     ^q  in  bem  33er= 

trage,   ben   bie  (5äuIen=5IpofteI   auf  bem   fogen.  (Soncil   bon 

Serufalem  mit  ^aulu§  über  bie  S^eilung  ber  SJ^iffion« arbeit 

fc^Ioffen,    bet)ielten   [ie   fici)   bor,    baB  ber  ^eibenapoftel  jum 

3eid)en  feine?  fortbauernben  3ufömmen{)ange§  mit  ber  jübifc^en 

93Jutteriird)e  ber  Firmen  bon  ^erufatem   ftet§  gebenten  raerbe 

(@a(.  2,  10).    S)ie  3lrmen|)flege  muß  alfo  eine  [länbige  unb 

fdimere  ©orge  für  bie  Seiter  biefer  ©emeinbe  geioefen  fein.  — 

^afjt  man  ane§  jufammen,  bann  erklären  ficb  bie  communiflifc^ 

üingenben  Senbungen  ber  ?tpDfteIgef(^id)te.   ^afe  biefe  in  ber 

Söat  nid}t§  anbere§   fagen   tüotlten,    al§  baß   in  boüenbetem 

'iDlaße  bie  ?trmenpflege  geübt  worben  fei,    gef)t  au§  ber  23e= 

mcrtung  41,  34   ^erbor:    Neque   enim    quisquam    egens 

erat  inter  illos,   tt)a§   al§   ha%  (SrgebniB  ber  bermeintlicben 

©ütergemeinfc^aft  Ijingefteüt  mirb.   S)iefe  Söorte  entl^alten  aber 

eine  fel}r  beftimmte  5lnfpielung  auf  5  Tlo].  15,  4:  Et  om- 

nino   indigens    et   mendicus    non    erit   inter   vos.     S)ie 

bort   gegebene  altteftamentlii^e  33orfd)rift  über  bie  tr)erftl)ätige 

5Md)ftenIiebe   gipfelt   in   biefem   ©a^e.     Sie   5Ipoftelgefcöid)te 

vo'iti   burd)   ^Ineignung   jener   Borte   jeigen,    t)a\^   unter  ben 

(S^riften   bie   boüfommene    ßrfüüung    jener   altteftamentlicben 

3?orfc^rift   erreicht   morben   fei,    I)at   fomit  ebenfomenig  (5Dm= 

muni§mu§  im  ?Iuge,  mie  ^J^ofe«.     gerner  lüfet  fid)  qu§  eben 

ber  ?Ipofte(gefc^id)te  geigen,  bafe  t^atfäc^licö  einzelne  unb  gerabe 

^erborragenbe  ©lieber  ber  ©emcinbe  ^ribateigentl^um  f)atten. 

12,  12  tt)irb  ba§  C^au§  ber  5}kria,  ber  5Jiutter  be§  SoIjanneS 

5Diarcu§,  erwäl^nt.     (S§  war  in  diriftüdiem  33efi|;  bcnn  ^ier 


304    S)ritte§  ^apM.  S)a§  5Prit)Qteigentf|unt  aU  focide  Snftttutton. 

roaren  bie  ©laubigen  lüäljrenb  ber  a^erfolgung  äum  ©ebete 
üerfammelt ,  mib  ^ier^in  lenüe  5|3etrii§  nod)  ber  Befreiung 
fofort  feinen  ©diritt   aU  511   einem   fidlem  3uPii<^t§D^te."  1 

9?euere  ©ocialiflen  geben  ju,  bnfe  in  ber  erflen  djriftlidjen 
©emeinbe  jioar  !ein  @e)amteigent!)uni  an  bcn  eigentlichen  ^ro= 
buction§mitteIn  beftanben  'i^abt,  tt)D^(  aber  ein  6ommuni§mu§ 
be§  ©enießenS  unb  ©ebraucfteng,  namentlid)  im  ^in= 
blicf  auf  bie  Lebensmittel  2.  5l[Iein  ebenfomenig  mie  bie 
©emeinbe  al§  9tedjt§)ubject  ber  5)3robuction§mitteI  erfcbeint, 
mar  fte  9ted)t§fubject  be§  (Sigent^umS  an  ben  ©enu^mitteln. 
@in  SSergleic^  ber  l^ierljin  gehörigen  Sejte^  bemeift  bi§  gur 
ßbibenj,  ^ü'^  afie§  ?J?ittf)eiIen  auf  bie  ^^f(id)t  ber  d)riftlid)en 
5^äd}ftenliebe  jurüdgefütjrt  mirb.  Man  foü  mittljeilen,  aber 
„ein  jeglid)er,  mie  er  e§  beftimmt  ^at  in  feinem  ^erjen, 
nid)t  in  Sraurigfeit  ober  3tüang;  benn  einen  fröpd)en  ©eber 
^at  ©Ott  lieb."*  — 

Unb  nun  ber  „ß'ommuniämuS"  ber  ßtöfter!  @r 
berufit  äunöd)ft  für  jeben  einjelnen  auf  einem  freien  @nt= 
fd)IuB,  auf  bem  freien,  au§  ^öl^erem  S3emeggrunbe  gemoüten 
Opfer  ber  perfönlid^en  ©elbftänbig!eit  unb  be§  23eft|e§.  @r 
fe|t  ferner  eine  fortgefe|te  ©elbfibe^mingung,  eine 
5öe(jerrfd)ung  aller  natür(id)en  Sriebe  unb  9ieigungen,  einen 
nie  erfterbenben  Opfergeift,  eine  l^olje  fittlid)e  Ä'raft  jur  (Snt= 
fagung  tJorauS,  bon  ber  bie  gro^e  DJ? äffe  ber  ÜJ^enfc^en  feine 
5l^nung  fjat.     S)ie  gan^e  2BeIt,  ein  ganjeS  23oIf  läf^t  fid^ 

'  Kölner  ßorrefponbenä  für  bie  geifll.  $räfibe§.  herausgegeben 
bon  Dr.  ^.  Dberbörffer.    6.  afaljrg.  (1893)  ©.  163  f. 

2  aSgl.  Sernftein  unb  ^autSf^,  ®efd()id^te  beö  ©octaliöinu^ 
I,  26  f. 

3  möm.  12,  10;  13,  20.  1  ßor.  6,  1  ff.;  7,  30;  11,  20.  2  ßor. 
8,  3;  9,  7.  1  Stjeff.  4,  6.  9  ff.;  2  Sfieff.  3,  8.  10.  12.  ©pf).  4, 
28.  32.    1  Sim.  6,  17  f. 

*  Sögt.  ?l.  Sötnterftein,  ®te  ä^riftlid^e  Sef^re  Dom  grbengut 
main^  1898)  ©.  116  ff.  136  ff. 


5.  Stilgemeine  ©intDenbungen  gegen  bü§  ^rtöateigentl^um.      305 

nun  einmal  mä)t  in  eine  religiöfe  @eno[]enfd)aft  umroanbeln. 
©old^e  eelbfilofigfeit,  tt)ie  ber  Crbenö[tanb  [ie  bürauSi'e^t, 
wirb  üielme^r  [tet§  unb  überall  nur  in  einem  !I einem 
^"reife,  bei  einer  üerl^ältnißmäßig  geringen  ^fnja^l  öon 
^Uenfc^en  [id)  finben,  benen  ©ott  bie  außerorbentüdie  ©nobe 
be§  58er ufe§  ju  biefem  ©tonbe  berliefien.  ^ 

3.  3n  ber  3?orau»fe^ung,  ba^  @igentf}um,  namentlid)  am 
©runb  unb  Soben,  befteljt,  tnirb  not^wenbig  eine  große  Un= 
gleic^^eit  in  33eäug  auf  bie  materielle  Sage  unter  ben  DJ^eufdien 
entfielen.  2)a§  aber  miberfpridit  ber  natürlichen  @Ieid)= 
^eit  ber  5)ien)d)en. 

@§  i[t  ein  alter,  oft  miberlegter  ^rrt^um,  bem  biefe  @in= 
roenbung  entftammt. 

2Benn  icb  öom  „^lenfdien"  im  allgemeinen  unb  abStract 
rebe,  Dom  D3ienid)en  al§  einem  nur  mit  hm  5um  Segriffe 
„5J?enf(^"  mefentücben  ßigenfdjaften  begabten  SBefen,  Dom 
93knfcöen  al§  einem  SBefen  aua  ©eift  unb  Körper  ^ufammen^ 
gefegt,  fo  finb  aUerbing»  bie  ilfenfc^en  untereinanber  gleii^, 
n)eil  bei  allen  fid^  bie  abatracte  „^iJenfc^tjeit" ,  'ba^  5)Jen)d)= 
fein,  ba§  SBefen  be§  SD^nfd^en  borfinbet.  5(ber  —  reo  ift 
biefer  DJienfd)  im  ?lb§tracten?  ^  Sßetracbtet  man  bie  5}ienfd)en, 
mt  fie  mirfücb  eiiftiren,  im  concreten,  in  if)rer  ^nbiüibuali= 
firung,  öerglei(^t  man  Stiter  mit  5IIter,  latente  mit  2;alenten, 
^örperflörfe  mit  ^örperftärfe,  fo  jeigen  fie  ade  eine  bebeutenbe 


1  Cf.  Card,  de  Lugo,  De  iustitia  et  iure  d.  6,  n.  1.  Slai^bem 
Sugo  bie  feciale  Dlot^tnenbigfeit  beä  ^priöateigenttjumö  bargelegt,  |äf)rt 
er  fort:  „Cum  tarnen  hoc  stat,  quod  in  aliqua  bonorum  congre- 
gatione  utile  sit  ad  pacem ,  nihil  proprium  habere  singulos ,  ubi 
nimirum  2^^'opter  singuloruin  perfectionem  et  animoruni  concordiam 
haec  omnia  inconvenientia  facile  vitantur,  deputatis  aliquibus,  qui 
res  communes  administrent  et  singulis  necessaria  provideant,  prout 
fit  in  coetihus  religiosis.  In  tanta  vero  hominum  multitudine  modus 
ille  vivendi  utilis  non  esset,  quia  perfectio  apud^awcos  reperitur." 

2  TaparelU  1.  c.  u.  355. 


306    ®rttte§  RapiUl.  ®a§  «priootetgcnt^nm  al§  fociale  3fnftitution. 

Unglei(iö^eit.  „Unb,  ti)Q§  voo^i  ju  bemerfen  ifi,  eine  Ungleidö= 
l^eit,  bie  bon  ber  ^Qtur  fommt ;  benn  bie  ^iotur  ift  es,  tüelc^e 
bie  Snbibibuen  bilbet  wie  bie  ©ottungen.  So,  um  nod^  beut= 
lieber  ju  fptec^en,  bie  5RQtur  bilbet  bie  ^nbiöibuen,  ber  TOenfd^ 
entnimmt  qu§  ifinen  bie  ©attung.  Ser  (gc^IuB  i[l  alfo  ganj 
Tti^tig,  ha^  aüe  menfcblic^en  Snbibibuen  unter  fid)  bon  9iQtur 
au§  ungleich  finb,  infofern  mir  auf  bie  ^nbibibnolität 
9tüc![icöt  nef)men,  mie  fie  in  Setrac^t  ber  ©ottung  bon 
5Ratur  qu§  gfeic^  finb."  S)ie  UngIei(f)I)eit  im  58e[i^e  entj'pric^t 
fomit  ber  natürlidjen,  inbibibuellen  Ungleic^fieit 
ber  5!)tenjc^en,  @e^r  treffenb  bemerft  Qud)  SiberatDre^: 
„®a§  @igent^um  (fpecieE  am  ©runb  unb  SSobcn)  bringt 
Unglei(^f)eit  unter  bie  5!Renf(^en  in  berfelben  5Irt,  mie  [ie  ba§ 
©emerbe,  ber  ipanbel  unb  jebe  mit  @in[id)t  unb  Energie  an= 
gemenbete  (Sntfaltung  ber  5t{)Qtigteit  mit  [icb  bringt.  SOßer 
me[)r  arbeitet,  mer  finbiger  i[t,  mer  \\ä)  beffer  ju  Reifen  roei^, 
gerainnt  me[}r.  Unb  mef)r  geminnenb,  !ann  er,  menn  er  mäßig, 
e()rlic^,  berftänbig  ift,  met)r  Srfparungen  macben  unb  fic^  ein 
Sßermögen  bilben,  bQ§  jur  QueQe  neuer  5Reid)tI)ümer  mirb  .  .  . 
2[Ba§  merben  mir  aI[o  t^un?  Sterben  mir  qu§  Siebe  jur 
©Ieid^f)eit  bie  (Srfparnife,  ben  (Sifer,  bie  9J^äBig!eit,  bie  @itten= 
reinbeit  Qb)d)atfen?  —  ^a§  (5igentpmlic^[te  i[t,  bafj  bie  SScr= 
t^eibiger  ber  ©leic^fieit  gleicbjeitig  bie  ^^rei^eit  greifen.  Unb 
fie  begreifen  nii^t,  bofe  fyrei^eit  unb  ©Ieid)be4t  ficb 
gegen feitig  befämpfen.  3^"^^  lebenbe  Söefen  tonnten 
liöi  nid^t  Qudb  nur  einen  Sag  gleid)  erholten,  "^^xt  f)anb= 
lungen  mürben,  eben  meil  fie  frei  finb,  berfd}ieben  fein 
unb  mürben  ju  33erfd)iebenbeitcn  in  ben  barau§  folgenben 
SBirfungen,  fei  e§  auf  bem  ©ebiete  ber  5JioraI,  bc§  $Red)te§ 
ober  ber  2Birtfd)oft  fübren." 


1   ©runbfä^c    ber    9}oIfött)trtfd^aft    (beutfd^    3nn§brucf    1891) 
©.  186  f. 


6.  Slüaemcine  ©intoenbungen  gegen  baö  5ßrtüotetgentt)um.      307 

Ütebet  man  Don  ber  „Ungleicfi^eit",  tüeldöe  biircf)  ba^  ©igen» 
t()um  beroirft  roerbe,  fo  |at  man  enbli(^  bielfac^  einen  3u[tanb 
üor  5Iugen,  wo  rie[engtoBe  SSermögen  ber  na^eju  bollftänbigen 
Entblößung  gegenüber[tel)en.  (Siner  ber  artigen  Ungleid)l}eit, 
bie  au§  gefeüfc^aftlic^en  DJ^i^berljältniffen  Ijerrü^rt,  woüen  mir 
nic^t  \)a^  Söort  reben.  „S)a§  trifft  aber  nici^t  bie  Unglet(!^= 
Ijeit  al§  folctie.  Siefe  i[t  nid)t  bloß  fein  Uebelftanb,  fon= 
bern  eine  SBo^Ü^at  für  bie  ©efeüfcEiaft.  Söären  nidit  bie 
einen  reid)er  an  seitlii^en  ©ütern  unb  ba()cr  in  it)rer  griJBei^n 
Unbef)i(flici)!eit  unb  güüe  öon  33ebürfniffen  meJir  auf  bie 
S^ienfte  öieler  angemiefen,  bie  anbern  ärmer  an  irbijc^em  33e= 
fit^e  unb  glücflid)er  mit  förperlidjer  unb  meift  auä)  mit  geiftiger 
^raft  au§geftattet,  fo  lüöre  ein  focialeö  Seben  unb  eine  roaljre 
Einheit  unter  ben  DJienfcfien  fdjtüer  benf bar ;  biefe  ^ilfsbebürf= 
tigfeit  aber,  ber  aüe  unterliegen,  unb  gerabe  bie  ©roßten  unb 
5Reid)ften  am  meiften,  mal)nt  fie,  ha^  fie  tro|  afler  üuf^erlid^en 
Unterfd^iebe  n3efentUd)  gleich,  bafe  fie  aüe  aufeinanber  an= 
geroiefen,  ha^  fie  afle  öerpflidjtet  finb,  fid^  gegenfeitig  jum 
DZu|en  be§  ©anjen  bie  §änbe  5U  reidjen.  S)aa  ift  ba§  ^rincip 
ber  ©olibarität,  auf  tt)elciöe§  bie  ©efeüfc^aft  öon  ©ott 
gebaut  ift.  Seber  ift  jebem  öerbunben,  unb  bie  @efamtl;eit 
fetbft  muß  einfielen  für  alle  iljre  ©lieber."  ^ 

4.  ülennen  wir  bie  Snftitution  be§  ^ribateigentl)um§  eine 
fociale  D^otliitienbigfeit,  bann  bejeldinet  bie  ©ocialbemofratie 
baafelbe  als  bie  ©r  unb  quelle  aller  focialen  Uebel. 
©eis,  33erf(^tüenbung ,  9leib,  ^abfuc^t,  Ueppigfeit,  5Iu§= 
beutung,  5^iebfla^l  —  aüeä  muffe  aufl)ören,  wenn  einmal 
tiü^  5pribateigentl)um  befeitigt  märe. 

«Sollte  man  mirflic^  baran  smeifeln  fönnen,  ha^  anä)  o^ne 
ba§  5j3rit3ateigentl}um  bie  5lnlöffe  ^um  $Berbred^en  nod^  in  ^ülle 

1  P.  9t.  ajl.  SCßeife  0.  Pr.,  ©octale  Sroge  unb  fociale  Drbnung 
ober  Snftitutionen  ber  ©eieüfiiiaftölefire  II  (3.  Stufl.,  Sreiburg 
1896),  618. 


308    ®ritte§  ßapitel.  ®a§  5Priöatetgentf)um  al§  foctale  SfnftUution. 

unb  S^üHe  übrig  bleiben  lüerben?  ©elb[l  (Beij,  W\h,  ^abfudit 
tDÜrben  ganj  getüi^  mit  ber  5(uf^ebung  be§  ^riboteigent^umS 
nid^t  nu§  ber  Söelt  f(f)tDinben.  2Ber  DIeigung  ju  biefen  Saftern 
l)at  unb  fie  nic^t  bon  innen  ijerau§  betämpft,  ber  n)irb  i^nen  oud) 
unter  ber  |)erric^aft  be§  6omniuni§mUö  frö^nen  tonnen.  ®r  wirb 
geilen  an  ber  53e[riebigung  feiner  Sebürfniffe  unb  ba§  fo  (Sr= 
geiäte  im  füllen  anhäufen.  (Sr  volxh  au§  bem  @emeinbebefi|e  fic^ 
anzueignen  fudben,  foöiel  er  bermog,  unb  menn  er  e§  nic^t  ber= 
merttien  tann,  fo  fann  er  e§  hoä)  befi^en.  ®a§  ift  jo  gerabe  bie 
?Jiatur  be§  ©eijeg,  "Da^  er  nid^t  an  ber  33ertt)ert^ung  ber  (Süter, 
fonbern  an  bem  Sefi|e  berfelben  feine  g^reube  tjat.  @§  ttjerben 
alfo  bie  2Serbred)en  nii^t  auffiören,  nid)t  einmal  bie  @igent^um§= 
berbred}en  unb  um  fo  menigcr  bie  53erbred)en  anberer  5lrt. 

•^aS  @igentf)um  mag  ferner  aüerbingS  ben  5(ntaf5  bieten 
ju  bieten  23erbreiten  unb  Saftern;  aber  ber  @runb  Ijierbon 
liegt  nidit  im  (Sigent^um,  fonbern  in  ben  Seibenfcljaften  ber 
menfd)(id)en  9iatur.  ®ar  mandje  in  fid)  gute  ßinrii^tung 
föirb  burd)  bie  ©dbutb  ber  5!}?enfd)en  berborben.  Bo  ber^ält 
e§  fid)  benn  aud)  mit  bem  ^ribateigent^um.  3n  fid)  felbft, 
at§  9ted)t,  ift  ba§  (Sigent^um  etroaS  fe^r  @ute§  für  ben 
5J?enfd)en  unb  für  bie  (Befeüfdjaft  unentbel^rlid).  2tber  ber 
freie  ^enfd)  fann  bon  bem  in  ficb  mo^tt^ätigen  Oiedjte  einen 
Übeln  ©ebraud^  mad^en,  berart,  bafe  gluc^  ftatt  ©egen  an 
bie  ®igent§um§inftitution  fid)  anfc^IieBt.  2)a§  ift  gerabe  unfere 
heutige  Sage.  (S§  fehlte  lange  "^nt  unb  e§  fef)(t  otjne  3tbeifel 
(}eute  noc^  eine  au§rei(^enbe  gefe|{id)e  ©d)u|mauer  gegen  ben 
TOi^braud)  be§  (äigentf)um»  unb  ber  in  ifjm  liegenben 
'^laäjt.  (äbenfotüenig  aber,  mz  man  einen  brauten  tobt 
fc^Iögt,  um  itm  ju  beilen,  ebenioroenig  mirb  man  bie  @igen= 
ttiumSinftitution  befeitigen  bürfen,  mo  btofj  eine  bem  ®e= 
meinmol)Ie  entfpred^enbe  6igentf)um§orbnung  fef)It.  ^ 


Cf.  Theodor  Meyer  S.  J.,  Institutiones  iuris  naturalis  I,  n.  475. 


6.  ©intocnb.  geg.  b.  naturred^tl.  SSegrünbung  b.  ©runbeigentf).    309 

6.  ^nwenbungcn  gegen  btc  natnxxet^ftx^c  ^cgtrunbitug 
bcö  ^i'ttttbetflcttffjttwö. 

1.  9ti(J^t  bQ§  ^ribatelgent^um  an  ben  ^tobuctionSmitteln 
f(i)Ie(f)tl)in,  fonbern  fpecieü  boä  ^ßriöoteigentl^um  am  ®runb 
unb  33 oben  i[t  bem  ametifani]d)en  ©Dcialreformer  |)enr9 
©eorge^  äufolge  bie  eigentlidie  Urfadje  bev  fortfdjreitenbcn 
ßioncentration  be§  Se[i|e»  eincr)eit§  unb  ber  [tet»  loac^jenbeu 


'  §enrt)  ©eorge  betra(^tete  bie  foctale  Srrage  nic^t  aU  ^xo= 
biictioit6= ,  fonbern  aU  33cvt^eiIung§protiIcm ,  fo  gtoar ,  ba^  feine  fo= 
ctaliftifcf)e  ©tunbrententljeorie  in  bem  <Sn^e  gipfelte :  „S)ie  aümäl)Ii($e 
5lbf(f)affung  be§  ^riüatgrunbeigcntfiumS  tnufe  burcC)  ©rpropriotion 
beste,  ©onfiöcation  ber  ©runbrenten  errei($t  toerben."  ©urd^  biefeö 
^rincip  meinte  ©eorge  im  ftanbe  gu  fein,  boS  fociale  ©lenb  qu§  ber 
SBett  äu  fd}Qffen,  unb  barin  nnterf(|ieb  er  ficf)  öon  ben  Sljeorettferu 
ber  ©ocialbemofralie  ber  Sitten  SBelt.  §enrt)  ©eorge,  ber  nur  ein 
Sllter  ton  58  Satiren  erreid^t  l^at  (er  toar  am  2.  «September  1839 
3U  5p:^ilabelpl^ia  geboren  unb  ftorb  am  30.  Dctober  1897) ,  :^atte 
einen  fe^r  betoegten  ßebenälauf.  ©r  begann  al^  Suc^brudEer,  icurbe 
bann  ©olbgräber  in  Kalifornien ,  arbeitete  alö  6e^er  in  einigen 
3eitunggofficinen  öon  6an  fjranciöco,  reifte  naä)  ^nbien  unb  fÄjrieb 
fdEllieBlid)  für  bie  „©an  iJranciSco  Simes"  onont)me  Stvtifel,  bie  ein 
geü)ifie§  Sluffel^en  erregten,  ßaum  toar  feine  Slutorfdiaft  be!annt  ge= 
loorbeit,  aU  xi)n  anä)  fd^on  ber  ©igentljümer  be§  S5latte§  gum  3te= 
bacteur  unb  balb  barauf  jum  ©befiebacteur  biefer  ^^itiuiQ  mad^te. 
®oc^  fd)on  im  ^atjxt  1867  gab  er  biefe  Stellung  auf,  um  nüd)= 
einanber  ben  „§erQlb"  unb  bie  „©oening  ^ßoft"  ju  rebigiren.  ^n= 
3totfdien  toar  er  ©aäinfpector  unb  S5ibliot]^el§uorftanb  in  3^ranci§co, 
bereifte  ©roßbritannien ,  too  er  al§  ein  „üerbä($tigeä  Qnbiütbuum" 
eine  3fitIong  unter  poligeilidier  Sßetoac^ung  ftanb ,  ftubirte  bie  2lr= 
beiteroerijältniffe  l^üben  unb  brüben  unb  grünbete  fdiliei^Iid;  im 
Saljre  1887  in  3teto  3)orl,  too  er  fid)  niebertiefe ,  bie  2Bod)enfdnift 
„Stanbarb",  in  ber  er  guerft  feine  eigentljümlidjen  focialpolitifi^en 
S^eorien  nieberlegte.  2lm  meiften  Sluffeljen  erregten  unb  mad}ten  it}n 
in  toeitetn  Greifen  befannt  feine  beiben  Söerle  „fjorifd^ritt  unb 
Slrmut"  unb  „Sociale  ^Probleme",  öon  benen  ba^  erfte  in  beutfd^er 
Ueberfe^ung  fünf  unb  haä  ätteite  brei  2luflagen  erlebte. 


310    ®titte§  ßa^jüel.  ®a§  ^ribateigent^um  al§  foctale  StiftUutton. 

Sßerarmung  Qnberetfeit§.  ^ein  Söunber  bo^er,  tüenu  bie  @n= 
qllxia  2eo§  XIII.,  über  bie  5ltbeiter[rage  bei  |)enr^  ©eorge 
tüenig  33eifQn  erntete,  ^n  einem  „Offenen  53riefe  an  @e.  ^t\l\^= 
!eit  ^Qpft  8eo  XIII.  i  üerjui^te  er  bie  bon  bem  OberI)QUpte 
ber  ^ird)e  ju  ©unften  be§  ^riöQteigentI)um§  borgebrodjten 
naturrec^tlic^en  @rünbe  ju  entfröften. 

„<Siefagen,"  rebet  (Seorge  ben  ^eiligen  33Qter  an:  „,ba§, 
tt)a§  mit  ret^tmöBigem  Sigentfjum  gefauft  mnrbe, 
i[t  redfitmäfeigeS  (5igentf|um' 2.  ^auf  unb  5ßer!auf 
allein  !ann  aber  fein  @igent^nm§re(|)t  geben,  fonbern  baSfelbe 
nur  übertragen.  (Sigentljum,  ba§  in  [id)  felbft  feine  moralifdie 
^ered)tigung  t)at,  fann  eine  JDW)e  baburd),  bafe  e§  oon  bem  SSer= 
fäufer  an  ben  Käufer  übergebt,  nod)  lange  nic()t  betommen.''^ 

@i,  mie  mirb  ber  ^ap[t  bantbar  fein  muffen  für  bie  fo 
mertfjbolle  S3ele:^rung,  ba^  ttier  5,  53.  öon  einem  2)iebe  ge= 
fto^Icne  <Sad)en  fauft,  fein  (Sigent[)um  an  benfelben  ermirbt! 
2öei^  la  bod)  ber  ^apft  offenbar  nidjt,  lüa§  alle  9}JoraIiften 
unb  Suriften  ü&ereinfiimmenb  lefiren,  bafj  beim  beribatiöen 
(Srmerb  nur  baSjenige  ermorben  merben  fann,  maS  ber  Ueber= 
tragenbe  factifc^  unb  red)tlid^  befa^.  Nemo  dat,  quod  non 
habet.  Unbefannt  finb  8eo  XIII.  ferner  bie  ©runbfätje  unb 
Seflimmungen  be§  canonifdjen  9{ed)te§  über  bie  bona  fides, 
ben  guten  ©louben  be§  53efi|er§,  —  ©runbfä|e,  bie  an 
(Strenge  alle  anbern  (Sefe^gebungen  übertreffen.  2Bie  fönnte 
er  fonjl  flipp  unb  flar  beljaupten:  „Sa§,  h)a§  mit  red)t= 
mäßigem  (Sigenttjum  gefauft  mürbe,  ift  red)tmüBige§  @igen= 
t^um"?  S^aU  id)  nur  felbft  nidjt  bü§  ®elb  geftoljlen,  mit 
bem  id)  eine  geflofjlene  ©ai^e  faufe,  fo  ermerbe  id)  „red)t= 
mü^ige§"  (äigentljum  an  bem  getauften  Objcct. 


*  3ur  ©rlöfung   au§  focialer  S^iotl^  (The  condition   of  labour), 
beutf(|  öon  93.  ©ulenftein.    a9erlin  1893. 

2  SSgl.  @nct)flifa  Rerum  novarum  (^erberfc^e  SluSgabe)  ©.  10  (11). 
"  Offener  23tief  ©.  22. 


6.  (Sintoenb.  geg.  b.  naturvetfitl.  SBegrünbung  b.  ©runbeigentl).     311 

S)ie  ©Qd^e  i[t  jofort  flar,  wenn  tt)ir  bie  bon  (SeorQe  an= 
gefod^tene  ©tefle  in  if)rem  Siif^ninienfiQnge  betrachten.  S)er 
^ap[t  beflagt  bie  fd^iüeren  Uebelftänbe  ber  heutigen  3eit.  51ber 
er  weift  bQ§  ij)eihnitte(  jurüd,  welches  bie  ©ocialiftcn  in  einer 
©emeinfd)aft  ber  (^üter  gefunben  ^n  Traben  it)ät)nen.  %U  er[len 
©runb  gegen  bie  focialiftifdjen  ^(äne  fü^rt  Seo  XIII.  an,  ha'^ 
boburd^  gerabe  bie  arbeitenben  klaffen  feI6[t  fd)iDer  gef(i)äbigt 
lüürben.  jDie§  begrünbet  nun  ber  ^ap[t  in  folgenber  2Bei]e: 
„SSor  atlem  liegt  flar  auf  ber  ipanb,  hQ\i  bie  5l6fi4)t,  weldie 
ben  5lr6eiter  bei  ber  Ueberna^me  feiner  5}iüt)e  leitet,  feine 
anbere  al§  bie  ift,  baß  er  burd)  ben  So^n  ^u  irgenb  einem 
perfönlic^en  (Sigent^um  gelange.  Snbem  er  Gräfte  unb  g-Ieiß 
einem  anbern  k\l)t,  tüiU  er  für  feinen  eigenen  5öebarf  'tiü?i 
5Zöt!^ige  erringen ;  unb  er  erwirbt  fid)  ein  tt)al)re§  unb  eigent= 
Ii(^e§  9ted)t  nid)t  blof,  ouf  bie  3a'^^i^ng  be§  Sol^neS,  fonbern 
auä)  auf  freie  S^erwenbung  be§felben.  ©efe^t,  er  Ijabe  burd) 
@infd)rünfung  ©rfparniffe  gemadit  unb  fie  ber  ©ici^erung  f)alber 
5um  5(n!auf  eine§  ©runbftüdeg  berwenbet,  fo  ift  bo§  ®rnnb= 
flüd  eben  ber  it)m  gehörige  5trbeit§Io()n,  nur  in  anberer  gorm ; 
e§  bleibt  in  feiner  ©eroalt  unb  35erfügung,  nid)t  minber  qI§ 
ber  erworbene  8oI)n.  5lber  gerabe  Ijierin  befteljt  offenbar  ba§ 
©igent^umSrec^t  an  beweglii^em  wie  unbeweglidjem  53efi|e. 
2Benn  atfo  bie  «Sociatiften  bn^in  ftreben,  allen  (Sonberbefi| 
in  (Semeingut  umjuwanbeln,  fo  ift  flar,  wie  fie  baburc^  bie 
Sage  ber  arbeitenben  l^laffen  nur  ungünftiger  mad^en.  ©ie 
entstehen  benfelben  ja  mit  bem  (Sigentl)um§red)te  bie  93oC(= 
mac^t,  i^ren  erworbenen  8o^n  nad^  @utbün!en  anjutegen;  fie 
rauben  i^nen  eben  baburd;  5Iu§fid^t  unb  gäfjigteit,  i|r  !Ieine§ 
33ermögen  ju  üergrö^ern  unb  ficb  burd)  glei^  ju  einer  beffern 
©teüung  emporjuringen."  3)er  ^apft  bebucirt  alfo  ^ier 
!eine§weg§,  wie  ©eorge  annimmt,  au§  ber  bloßen  2;t)atfad^e 
be§  c^aufe§  bie  ©erecbtigteit  be§  5prit)ateigent()um§  am  @runb 
unb  Soben   f4llec^tt)in ,   fonbern  biefe  öorau§gefe|t,    be= 


312    SvitteS  ßapitel.  3)a§  «priöateigent^um  al§  fociale  afnftitutton. 

geidjnet  er  e§  qI§  ein  üted^t  be§  5Irbeiter§,  feinen  So^n  gut 
fäuflic^en  (ärmerbung  eines  ©runbftüdeS  ju  bertoenben.  ®ie 
S3ett)ei§füf)rung  für  bie  @ered)tig!eit  be§  ^ßnöateigentr^nrnS 
im  allgemeinen  unb  beS  @igentf;um§  am  ®runb  unb  S3oben 
im  6e[onbern  mirb  bom  ^opfte  an  anberer  ©teUe  ent= 
micfelt. 

Sod)  für  ©eorge  mar  e§  bereits  eine  ausgemachte  <Büä)Q, 
ba^  am  ©runb  unb  Soeben  ein  gered)tea  ^riöateigent^um 
unmöglid^  fei  unb  barum  auc^  burd^  ^auf  nic^t  ermorben 
werben  fönne.  ^n  biefem  SSorurttjeile  befangen  glaubte  er 
fogar,  ber  (SJebanfengang  be§  pö|3fllid;en  Stunbfd^reibenS  mürbe 
ben  (Sigent()um§ermerb  am  ©flaben  nid^t  minber  ju  red^t^ 
fertigen  im  ftanbe  fein,  al§  ben  (SigenttjumSermerb  am  Soben: 
„Um  bieS  ju  erproben,"  fagt  ©eorge,  „braucht  man  nur  in 
S^rer  SemeiSfübrung  ba§  Sffiort  ,2anb'  bur^  ba§  Söort 
,8!laöe'  ju  erfe^en.  S)iefelbe  mürbe  alsbann  folgenbermafeen 
lauten:  ,'^ox  allem  liegt  nämlicb  !(ar  auf  ber  .^anb,  bafj 
bie  5lbfid)t,  meldbe  ben  Arbeiter  bei  ber  Ueberna^me  feiner 
5Jiü§e  leitet,  feine  anbere  ift  als  bie,  ba^  er  burdö  ben  So^n 
ju  irgenb  einem  perfönlidien  ©igentt)um  gelange;  inbem  er 
Gräfte  unb  ^yleiß  einem  anbern  lei^t,  miU  er  für  feinen  eigenen 
5ßebarf  baS  9lötl}ige  erringen,  unb  er  crmirbt  fid)  ein  mal^reS 
unb  eigentlidjeS  9iec^t  nid}t  nur  auf  bie  Söe^a^lung,  fonbern 
aud)  auf  bie  freie  33ermenbung  berfelben.  ©cfe^t,  er  liabe  burdb 
6infd)rän!ung  ©rfparniffe  gemad)t  unb  fie  ber  @id)er|eit  t}alber 
jum  einlaufe  eines  , ©flauen'  berroenbet,  fo  ift  ber  ,@flabe' 
eben  ber  iljm  gel)örige  5lrbcitSlD^n ,  nur  ii^  anberer  gorm; 
er  bleibt  in  feiner  ©emalt  unb  Sßerfügung  uid)t  minber  als 
ber  ermorbene  So^n."  ^ 

2Beld)e  9laibetät !  5lBürbe  ber  ©runb  unb  iöoben  ebenfD= 
menig  im  ^ribateigent^um  ftel^en  fönnen  mie  ber  ©flabe, 


^  Offener  Srief  ©.  22. 


6.  eimoenb.  geg.  b.  natuvred^tl.  Säegrünbung  b.  ©runbetgent^.    313 

fo  f)ätte  bie  3:rQöe[tie,  bie  ©eoröe  mit  bcu  SBorten  ber  (Sn= 
ct)Ma  öorninimt,  einigen  ©inn  unb  53er[lanb.  9iun  aber  ift 
ea  bodö  einleuc^tenb ,  ba^  ber  ©flabe  ein  Tlzn^ö)  ift,  unb 
bnj3  ber  9}?enf(^  aU  fold^er  nicfit  ©egenftanb  eineä  bing= 
ticken  9ie(^tes  fein  !ann,  föcfd^eä  einer  @ad}e  getjcnüber 
ganä  tt)o^I  äuläffig  erjd^eint.  ©eorge  bagegcn  [teilt  ©ftnberei 
unb  ©runbeigent^um  auf  biefetbe  ©tufe.  @ä  finb  if)in 
nur  ä^ei  berjdjieöene  gormen  einer  unb  berfetben  „Ütäuberei", 
3tt)illing§niaBregeIn ,  burd)  tt}eld)e  ber  berberbte  menfdjlid^e 
©c^arffinn  e»  bem  'Starten  ober  bem  <Sd)tauen  ermöglicht, 
(Sotte§  ©ebote  jur  5(rbeit  ju  umgeben,  inbem  er  anbere  5tt)ingt, 
für  if}n  ju  arbeiten.  „5]?adjt  e§  einen  Unterf(^ieb,  ob  id)  nur 
ba§  8anb,  ouf  welcbem  ein  anberer  Wm]^  leben  mui^,  ober 
ob  id)  ben  ^DfJenf d)en  felbft  a(§  @igentt)um  befi^e?  53in  id) 
nicibt  ebenfort)D^l  fein  |)err  in  bem  einen  toie  in  bem  anbern 
gaü?  ^ann  id)  i^n  nic^t  gmingen,  für  mid)  ju  arbeiten? 
^ann  id)  nid^t  fo  diel  bon  feinen  ?Irbeit§früc^ten  nefjmen, 
mie  feine  S^ätigfeit  erlaubt?  ^aht  id)  nid)t  9Jk(^t  über 
Seben  unb  Sob?  ^enn  einem  illenft^en  ben  (Srunb  unb 
S3obcn  entstehen,  l^eißt  i^n  ebenfo  fieser  tobten,  a(§  wenn  i^m 
'aa^  5B(ut  burd)  5Iber(af5  ober  bie  Suft  burd)  einen  ©trid  um 
ben  §al§  entjogen  mürbe."  ^  3n  2öirt(id)feit  mad)t  e§  affer= 
bingS  einen  fe^r  großen  Unterfcbieb,  ob  id)  nur  ba§  8anb 
befi|e  ober  ben  5[llenfd)en  felbft  al§  mein  (Sigent^um  betradjten 
!ann.  S«  bem  le^tern  "^-alk  loirb  bie  ^^erfon  für  mid)  jur 
©ad^e,  bie  boüftänbig  meinem  33e(ieben  an()eimgegeben  ift.  ^m 
erftern  ^yaüe  ftei)t  ber  9J?enfcb,  ber  auf  meinem  23oben  ar= 
beitet,  mir  ai§  ßontra^ent,  al§  freie»  2Sefen,  nicbt  nur  feiner 
5latur  nad),  fonbern  auc^  factifd)  unb  praftifd)  frei  gegenüber, 
©olange  nid)t  ein  einjelner  alle§  8anb  allein  befi^t,  folange 
in  ber  @efellfd)aft  nid)t   ieber,   ber  feinen  St)eil  be§  23oben§ 


'  Otfener  Säricf  ©.  23. 


314    ®ritteö  ßapitel,  S)a§  «Ptiöateigcnt^um  al§  joctale  Sfnftitution. 

fein  eigen  nennt,  Sanbarbeiter  gu  raerben  broncfit,  bleibt  bie 
9)Jö9lic^!eit,  hen  iperrn  311  tpec^feln,  auf  biefem  ober  jenem 
5|3robuctiDn§gebiete  t^ätig  p  fein,  eine  offene.  ^6)  tonn  alfo 
niemanben  „jiningen",  für  mid)  jn  arbeiten,  ©benfomenig 
befi^e  ic^  öermöge  be»  (SrunbeigentfjumS  53k(^t  über  Seben 
unb  Sob.  2)enn  in  einer  tt)o§I  organifirten  unb  burd)  geredjte 
©efe^e  be^errfc^ten  @efellfd)aft  tDirb  e§  bem  (Srunbeigentl)ümer 
Weber  erlaubt  fein,  über  bie  33ertt)enbiing  be§  53Dbeng  unb 
bie  für  ben  53ebarf  ber  @efelIfd)oft§glieber  notljmenbigen  ^ro= 
bucte  ganj  nad)  33elieben  ju  öerfügen,  no(^  einen  ^rei§  ju 
forbern,  n)e(d)er  bem  2öertf)e  ber  (Srjeugniffe  nidjt  entiprid)t, 
nod)  enö(id)  bem  auf  feinem  ^oben  befd)öftigten  ^^Irbeiter  hm 
geredeten  Sofjn  Dorjuentfiolten.  — 

2.  2)a§  päpftlic^e  9tunbfd)reiben  behauptet:  „®er  Ur= 
fprung  be§  ^rii3ateigentt)um§  am  ©runb  unb  53Dben  fei 
bie  menfdjtii^e  2)ernunft."  demgegenüber  erfeunt  ©eorge 
an,  t>a^  ^Bernunft  unb  $Borbebad)t  Attribute  be§  SJ'icnfdien 
finb,  bie  il}n  über  bo§  Sfjier  erljeben,  il}m  ben  ©tempel  ber 
®ottäfin(id)teit  üuförüden.  (Sr  beftreitet  auc^  nid^t,  ha^  biefe 
(^aU  ber  33ernunft  ju  ber  ^Jiotl)tt)enbigfeit  eine§  9tec^te§  auf 
^ril)ateigentt)um  on  allem  fül}rt,  mo§  burd^  33ernunft  unb 
33orbebai^t  fomot}!,  al§  maa  burd)  p^i)fifd}e  5lrbeit  gef (Raffen 
mürbe:  „®a§  9ied)t  auf  ^-prtDateigcntljum  befielt  unbeftreitbar 
an  aQen  S)ingen,  für  mcldje  menfd)Ii(^e  33ernunft  unb 
SBorbebad)t  geforgt  fiaben.  ?tber  e§  fann  nid^t  für  ©(emente 
gelten,  me(d)e  mir  ber  3}ernunft  unb  bem  S>orbebad)t  ©otteS 
öerban!en."  ^ 

§ötte  ©eorge  bamit  nur  fagen  moHen,  ba^  ber  5}?enfc^ 
(Sott  gegenüber  nid)t  a(§  (Sigent^ümer,  fonbern  ül§>  ein  Der= 
antmortlidier  SSermalter  gelte,  fo  läge  fein  5lnla^  bor,  i^m 
äu  tt)iberfpred)en.    9Iber  aud)  bem  9J?enfd}en  gegenüber  lößt 


1  offener  Srief  ©.  25. 


6.  Siiiuicitb.  gcij.  b.  iuUiuied)tI.  Jöcgriinbung  b.  ©runbeigcnl'^.     315 

ber  oinerifaui[(I)e  5lgrQrcommuni[l  ein  5]ßriöQteigent^um  am 
©ruitb  unb  5ßoben  nid)t  ju.  gür  iljn  ift  ba§  @igcnt()imi 
fein  fociaIc§  3n[tttut  jur  ätegeluug  be§  SSerfjQltnifjea  ber 
SDfienfc^en  jur  inaterieHen  2öe(t  innerhalb  be§  gefeüfc^oftüd^en 
Seben§  unb  23crM)r§,  fonbern  9iaub  an  einer  @ottc§= 
gäbe,  bic  für  alle  unb  nic()t  für  einige  lüenige  befliunnt 
mar.  „Um  bie§  näfjer  ju  erläutern,  moKen  mir  annefjmen, 
eine  ©efeUfd^aft  manbere  burd)  bie  SBüfte,  ungefaljr  fo,  mic 
bie  Israeliten  au§  3leg^pten  famen.  S)iejenigen  üon  ifjuen, 
meiere  bie  33orfi(f)t  Ratten,  fid)  mit  trügen  boH  äöaffer  ju 
berfe^en,  mürben  ein  recf)tmä^ige§  6igent^um§redjt  an  bem  fo 
mitgefü^rten  Söaffer  ^aben,  unb  inmitten  ber  mafferlofen  Söüfte 
fönnten  bie  dürftigen,  meld}e  bie§  berfäumt  Ijätten,  moljt 
2öaffer  bon  ben  anbern  al§  eine  ©eföHigfeit ,  aber  nid)t  al§> 
ein  ^cd)t  bertangen.  Dbgleid)  ba§  Sßaffer  an  ficb  ber  23or= 
fefjung  ©Dtte§  ju  banten  ift,  fo  ift  ba§  ^ßorfjanbenfein  be§ 
233affer§  in  ben  trügen  unb  in  jener  ©egenb  nur  buri^  bie 
53orforge  einiger  9)?enfc^en,  bie  e»  mitbrad}ten,  möglid)  ge= 
mefen:  barum  ^aben  biefc  ein  au§f(^(ie|tid)e§  9^cd)t  borauf. 
—  5Iber  nefimen  mir  an,  anbere  feien  in  ber  5lbfid)t  borau§= 
geeilt,  bie  OueHen  ber  Oafen  al§  @igentf)um  in  Sefitj  gu 
nehmen,  unb  fte  mürben  iljre  fpater  nad)tonnnenben  (Sefäljrten 
nur  gegen  53eäaI)Iung  bon  bem  SBaffer  trinten  laffen.  könnte 
biefe  5trt  33orbeba($t  ein  (^igent^umsredjt  geben 'r'  SöoHten 
mir  bo§f)aft  fein,  fo  mürben  mir  bie  ©efinnungSgenoffcu 
@eorge§  bitten,  un§  ben  mefentli(^en  Unterfc^ieb  auäugeben, 
meld)er  ^mifcben  ber  „5Irbeit"  be§  „33Drau§Iaufen§"  in  ber 
Söüfie  unb  be§  3Baffertragen§  beftefjt.  ^lllein  mir  mödjten 
bie  ^ointe  ber  33emei§fü[}rung  nid}t  berfd^ieben.  9?od)  ©eorge 
ift  ba§  2ßaffer  in  ber  Quelle  eine  freie  ©otteägabe  für 
aüe  9}knfd)en.  Sobalb  aber  jemanb  ba§fetbe  feinem  natür= 
ticken  Seplter  entnimmt  unb  in  bie  Sßüfte  trägt,  getjt  e§  in 
ha^  rechtmäßige  ©gentljum  be§  (Sinäelnen  über,  meil  ber  @in= 

!}}efc§,  ßi6erari§muä  2C.  II.  2.  Slufl,  15 


316    2)ritte§  ßapitel.  S)aö  ^riöateigentl^um  aU  fociale  Stnftitution. 

äelnc  bQ§  2Bajfer  hmä)  OrtSöeränberung  bort  loieber  „pxo= 
bucirt".  3n  ber  SOßüfte  i[t  bo§  bort^in  überführte  SBaffer 
!einc  blo^e  (SotteSgabe,  fonberii  „^probuct  menf(i^nd^er 
5lrbeit".  5JJan  tüirb  nun  !^umau  genug  fein,  nic^t  bon 
un§  äu  berlangen,  ba^  tüir  jeben  Strunf  SBofferä  üorerft  in 
bie  (Samara  trogen,  um  it)n  als  unfer  (äigent^um  genießen 
5U  tonnen.  SBenn  wir  (Seorge  redjt  berfte^en,  genügt  e§ 
üielmel^r  fc§on,  bü§  Söoffer  überhaupt  au§  ber  QueÜe  ge- 
fd)öpft  äu  ^aben,  um  fc^on  ü(§  „^robucent"  be§[elben 
äu  gelten. 

S)oc^   mos  foü  ber  ganje  3SergIei(i^?    Söelc^en  ©ebonten 

brücft  er  au§?    S)ie  probuctiöe  5lrbeit  be§  5D^en[(i^en  bilbet 

nac^  ©eorge  ben  einzigen  9Jcdjtagrunb  be§  (5igent^um§,  mobei 

„probuctiö"  im  roeiteften  ©inne   genommen  mirb,   bie  bto|e 

OrtSöeronberung  mit  einfc^Iie^enb.   ®a^er  gibt  e§  benn  oud^ 

fein   Sigentl^um,    au^er   an   bem   ^probucte   men|cb= 

lidier  5trbeit.     Sa§  i[t  bie  ©runbibee,    auf   meld^er  aKe 

anbern  5lu§füt)rungen  berufien,  ber  leitenbe  ©ebante,  auf  ben 

©eorge  immer  töieber  jurürffommt.    ©eorge  felbft  formulirt 

biefen  ©ebanten  in  folgenber  Söeife:  „"Sie  al§  (Sinäelmefen  mit 

inbiöibueüen  SBünfd^en  unb  t^ätiigfeiten  erfcbaffenen  ^JJenfd^en 

finb   perföntic^   bere^tigt,   i^re  Talente  auSjunü^en  unb  fid) 

be§  ganjen  (Srtrage§  if)rer  Sptigfeit  ju  erfreuen.    @§  ergibt 

fidb   fomit  ein  (Sigent^um§redjt  auf   foI(^e  2)inge,   bie  burci^ 

Slrbeit  erjeugt  mürben;  ein  Sfie^t,  ba§  feine  ©iltigteit  m^ 

ben  5Jiaturgefe|en  ableitet  unb  metd)e§  älter  ift  a(§  bie  ©efe^e 

ber  9JJenfd^en;  ein  @igent^um§rec^t,  mel(^e§  ber  Sefi^er  über= 

tragen  mag;  i^m  bie§  Oied)t  aber  nehmen,  'ba^  ift  —  2)ieb= 

ftaf)I."     33i§  ^ier^in  ftimmen  mir  mit  ©eorge  überein.    5tber 

er    gel)t    meiter,    inbem    er    bel^auptet:    „SDiefea    Siecht    auf 

(5igentt)um,   meld^eS  bon  bem   9fiecbte  be§  ^nbibibuumä  auf 

feine   ^^erfon   ftammt,   ift   ba§    einjige   boögiltige   @igen= 

t^umärec^t;  e§  gilt  für  alle  bnrd)  Slrbeit  erjeugten  ©üter,  e§ 


6.  ©inlDetib.  geg.  b.  naturred^tt.  SScgrünbung  b.  ©vunbeigenf^.     317 

fann  aber  nici^t  ebenso  füx  Elemente  gelten,  tt)el(|e  @ott  er= 
f(f)Q[fen  ^at."i 

®eorge§  3IuffQ|]ung  ift  eine  offenbar  irrt^ümlic^e,  toie  [ie 
aud^  bie  2Bürbe  unb  ^crr[(3()aft§gett)alt  be§  5}lenfcf)en  über  bie 
materielle  2öelt  ni(i)t  in  ifjrer  ganzen  Siefe  unb  ^{u§be!^nung 
erfaßt,  ©einer  S^efe  fteHen  mir  eine  anbere  gegenüber:  S)ie 
(Srscugung  burd^  menfd^üci^e  5trbeit  ift  fd^on  barum  niii^t 
bcr  einjige  9ted^t§grunb  be§  @igent()uinä,  föeil  biefer  9ted^t§= 
grunb  felbft  lieber  notfjtnenbig  einen  anbern  unb  f)öl)ern 
9tec^t§grunb  borau§fe^t. 

a)  5tac^  einem  allgemein  aner!annten  pt}iIofoi3^ifc^en  (Srunb= 
fa|e  ge^t  bo§  ©ein  bem  ^anbeln  boraua.  2öenn  ba'^er  be= 
reit§  au§  bem  ©ein  be§  93^enf^en  ein  genereller  tRe(!^t§grunb 
be§  ^rit)ateigentf)um§  folgt,  fo  mirb  biefer  9ie(^tsgrunb  ol^ne 
3n3eife(  jebem  anbern  9led()t§grunbe  öorauSge^en  muffen,  ber 
fid^  an  ha^  §anbeln  be§  5J?enfc^en  anfc^Iie^t.  9?un  aber  be= 
!unbet  in  ber  3;f)at  fdion  ba§  ©ein  be»  5D?enfc^en,  feine  ^er= 
fönlic^feit,  fein  ©elbftbemu^tfein,  feine  grei(;eit,  bie  afle»  be= 
^errfc^enbe  äBeltfteHung,  bie  ©ott  i^m  fid)erte,  al§  er  i^n  in 
ben  Sefi|  biefer  @rbe  einlT)ie§  unb  jugleid)  'btn  2)ingen  (5igen= 
fc^aften  berlie!^,  mie  fie  ben  menfd^Iid^en  Sebürfniffen  ent= 
fpre^en,  ferner  bie  natürlid&e  ^fiotljtoenbigfeit  unb  ^fIicE)t,  t)er= 
möge  bereu  ber  9)^enfc^  fid^  ber  äupern  ©üter  bebienen  mup, 
um  feine  ^ifienj  ju  erhalten,  feine  gäf^igfeiten  ju  cutmidetn, 
fein  3i^f  S^i  erreichen,  —  all  biel  betunbet  ^ur  ©enüge  ba§ 
jeber  probuctiben  S^tigfeit  borauSge^eube  3tec()t  be§  Königs 
ber  ©c^öpfung,  an^  bem  ©üterborrat^e  ber  ßrbe  fic^  anäu= 
eignen,  weffen  er  bebarf.  5J?ag  bal^er  immerhin  ba§  „Sfted^t  be§ 
9J?enfc^en  auf  feine  ^erfon",  bon  bem  (Seorge  rebet,  b.  I).  ba§ 
ütec^t  auf  bie  gäfjigfeiten  unb  bie  3^rüd)te  i^rer  ^Bettjätigung, 
in  ber  S^at   einen   allgemeinen   ab§tracten  9te(!^t§grunb  pr 

'  Offener  Srief  6.  2  f. 

15* 


318    S)ritte§  ßapitel.  Saö  ^viDateigentl^um  qI§  feciale  3nflitution. 

23et3rünbimg  ber  5iott)iüenbig!eit  be§  ^riboteigent^umS  nl§ 
Siiftitution  bilben.  ^eine§tDeg§  aber  ift  e§  ber  le^te  inib 
tieffte  9{ed)t§grunb.  2)er  ^enfc^  Ijai  aU  mtn]ä)  bQ§  Stecht, 
'^^ribatdgentfjum  51t  erwerben,  el}e  er  e§  qI§  ^robucent 
für  \\ä)  in  5Infprud^  nehmen  !ann. 

b)  |)ätte  er  nämlid)  bie[e  23efu9ni^  nicfit  a(§  5Dkn[c5,  fo 
mürbe  er  fie  ouc^  nid^t  qI§  ^robucent  {)aben.  SBarum?  ^enrl) 
©eorge  roar  Derftänbig  genng,  einjugefte^en,  tta^  ha,  wo  ber 
@e(tenbnia(f)ung  be§  au§  ber  ^robuction  [;ergeleiteten  9ie(^te§ 
ein  ältere§  Stedit  an  ber  concreten  ©injelfad^e  gegenüberftef)t, 
bie  5trbeit  nicf)t  9fie(|t§=  unb  (£rit)er6§titel  fein  fann.  5tnbern= 
fan§  tüäre  jeber  S)iebfla^I  ein  ©rmerbstitel,  ba  ber  SDieb  eine 
beireglidie  <Bad)i  au§  frembem  ©eiüa^rfam  entfernt,  foniit 
lüenigftenS  „^robucent"  einer  „OrtSberänberung"  ber  ©ad^e 
ift.  2BeiI  nun  afle  S)inge  im  ßigentfiunie  @Dtte§  ftet;en,  |o 
mürbe  ber  5}?cnfc^  fein  materielle§  ®ut  a[§  „iyru(^t  feiner 
^^trbeit"  ermerben  bürfen,  menn  e§  nic^t  ber  Don  ®ott  ge= 
iDüöte  3*0^0!  ber  (Se[({)ö|)fe  luäre,  bem  9Jtenfd}en  ju  bienen, 
toenn  ber  9J?en|d)  nic^t  bie  ^errfd^aft  ber  Sßelt,  üennöge 
biefer  §errfd)aft  aber  bon  @ott  felbft  bo§  9ted)t,  [ic^  ber 
fto[fIid)en  ©üter  für  feine  Qmdt  ju  bebienen,  unb  fomit  ha^) 
3?ec^t  jur  33efi|ergreifung  im  borauS  erljolten  fjütte, 
@§  fann  alfo  and)  be§^alb  ha^  9ted;t  auf  bie  ^^rüc^te  ber 
53et^ätigung  perfönlidier  Prüfte  nid)t  ber  einzige  unb  le^tc 
9?ed)t§grunb  be§  5prii)ateigentf)um§  fein,  raeil  er,  um  ©eltung 
5u  fjabcn,  einen  onbern,  (}ö^ern,  bem  göttlichen  Sßiüen,  bem 
perfönlici^en  3)afein  be§  9JJenfc^en,  ber  menfc^li^en  ©riftenj 
unb  5iatur  entnommenen,  not^menbig  i)orau»fe|t. 

Unfere  ©ebuction  berfennt  übrigens  bie  allgemeine  ^flid^t 
äur  5lr6eit  feine§lt)eg§.  %Vi6)  ber  tieffte  unb  Ie|te  Oted)t§= 
grunb  bc§  ^riDateigentI)um§  fditie^t  ja  bie  ^iotl^menbigfeit  ber 
^.Jtrbeit  nid)t  aua.  ^nx  actuellen  ®eltenbmad)ung  be§  C)err= 
fd)aft§ved)tcö  unb  barum  5ur  erften  53egrünbung  eine»  bing= 


6.  ©intuenb.  geg.  b.  naturrecfitt.  SSegriinbimg  b.  ©runbetgctitl^.    319 

i'\ä)tn  9^ec^te§  an  einer  concrcten  @Q(i6e  ift  immer  5Irbeit, 
menig[ten§  bie  2Ir6eit  ber  SBep^ergrcifung ,  erforberli^.  5l6er 
bie  blofee,  nadte  %'i)ai\aä)t  ber  5Irbeit  für  [id}  aüein  ge= 
nommcn  fd^afft  nid)t  boS  (Sigentl)um,  [onbern  bie  5.(rbeit,  in= 
fofcrn  [ie  ber  äßeg  ober  bo§  DJIittel  i[t  jur  5(uaü0ung  eine§ 
p er jö nützen  9ted)te»:  fei  e§  ber  allgemeinen  |)errf(i^aft§= 
befugnifj  be§  5)Zenfd;en  über  bie  51u^entt)clt,  fei  e§  ber  ^err= 
fdiaftsbefugni^  über  bie  eigenen  gäl)ig!eiten ,  beren  5Icte 
unb  ^rüc^te. 

c)  ©eorge  erfennt  ein  (äigent()umyre(^t  an  allen  burd) 
5(rbeit  erjeugten  ©ütern  an.  @r  beflreitet  e§  besüglid) 
ber  Urpoffe,  bie  ©ott  erfd)offen  I}at,  ber  Staturgaben,  bie 
ütjne  menf(i^U(^e  5lrbcit  erzeugt  lüurben.  Um  nid)t  fofort  in 
aBiberfprüdie  fic^  ju  berftriden,  erweitert  er  jebod)  ben  33egriff 
ber  „probuctiöen"  5lrbeit,  fo  jtüar,  bafj  er  auä)  bie  blofje 
33efii3ergreifung  in  bemfelben  einfd)lie|t.  „Benn  jemanb  einen 
g^ifcb  im  Dccan  fängt,  bann  I}at  er  ein  @igent()um§recbt  am 
gifd^e."!  Söenn  jemanb  2Baffer  an  ber  CueHe  fd)öpft,  fo 
ermirbt  er  ein  @igent^um§red)t  an  bem  SÖaffer.  2©arum? 
Söeil  bo§  äßaffer  fidj  je^t  burii^  menf^Iid^e  ?(rbeit  in  bem 
©efü^e  befinbet,  —  meil  ber  53?enf(f)  eine  DrtSUeränberung 
mit  i^m  Dorgenommen  I^at^,  5IIIein  biefe  Sriüeiterung  be§ 
33egrip  ber  „probuctiöen"  5lrbeit  nü^t  §errn  ©eorgc  fel^r 
lüenig,  beiüeift  üielmeljr  gerabe  bie  Unljaltbarleit  feiner  5Iuf= 
fteUungen.  58(eibt  e§  ja  bod)  offenbar,  ba^  in  ben  genannten 
gälten  ber  Mzniä)  lebiglid)  bie  OrtSüeränberung  r)erbor= 
gebrad)t  I)at,  mäl)renb  ba§  @igentt)um  fid^  gerabe  auf  bie 
©ubftans  be§  ^^-ifd^eS,  be§  2Baffer§  erftredt,  mld)t  ber 
5J?enfd^  nid^t  „erjeugt"  tjat.  §ätten  mir  bemnad)  at§  5)Jenfd)en 
nid^t  ein  9teci^t,  „^lotur gaben"  un§  onsueignen,  fo  mürbe 
bon   einem  (Sigentl)um  überl^aupt   feine  9tebe   fein   fönnen. 


'  Offener  Srief  ©.  3.  ^  gf,t,.  g.  26. 


320    Stitteä  ßapttel.  ®a§  5pttöatet3ent:^um  aU  focialc  Snftttution. 

©eorge  [jatte  bie  ^raft  biefer  (Sintüenbung  roo^I  erfannt. 
^nx  [uc^te  er  [i(|  in  einer  SBeife  berfelben  ju  entjie^en,  bie 
feinem  ©d;Qrf[inn  ni(i^t  gerobe  jur  @|re  gereici^t.  SSerne^men 
mx  \i)n  felb[t:  „(5§  mag  ber  5JJü^e  mertö  fein,  jene  Sente 
äu  iDiberlegen,  toelc^e  ha  fagen,  menn  ^ribateigenti^um  am 
ßrbboben  nngerec^t  fei,  bann  fei  aud;  ^riöateigent^um  an 
ben  5Irbeit§probucten  ungeredjt,  h)eil  ber  Urfloff  jn  allen 
(Sr^eugniffen  ebenfalls  au§  bem  (Srbboben  !omme.  @§  tt)irb 
\\ä)  inbeffen  bei  nö^erer  58etrad)tung  jeigen,  ba^  afle  menfd)= 
Iid)e  ^probuction  bem  SBaffertragen  analog  ift.  3nbem  ber 
5Kenfd)  (Setreibe  fät,  9}?etaIIe  f(^mi(jt,  Käufer  baut,  «Stoffe 
mebt  ober  irgcnb  eine  ^jrobuctiue  2;I}ätigfeit  ausübt,  t^ut  er 
bod)  im  ©runbe  meiter  nichts  al§  ben  Ort  unb  bie  ^orm 
fdjon  Uor^anbener  Stoffe  beränbern.  5n§  ^robucent  ift  ber 
53?enfd}  nur  Umformer,  nid^t  «Sdjöpfer.  ©ott  aüein  erfc^afft. 
®a  nun  aber  bie  Umformung,  au§  todä)tx  bie  ^Probuction 
be5  5Jcenf(^en  eigent(id)  befteljt,  bem  ©toffe  anl^aftet,  folongc 
bie  gorm  bauert,  fo  öerfc^miljt  ba§  Siedet  auf  5prit)ateigen= 
tf)um  bie  gorm  mit  bem  ©toff  unb  gibt  fomit  audj  ein 
@igentf}um§red)t  an  bem  9Zaturftoff,  in  meldjem  fii^  bie  \no= 
buctiüc  5lrbeit  berlörpctt  Ijat."  ^ 

©ans  rid)tig.  5Iber  ha^  gilt  bod^  offenbar  in  ber  ä5or= 
au&fe^ung,  ha^  ber  DJienfd^  am  5latur ft o f f e ,  an  einer 
?Ratur=  ober  @otte§gabe,  bie  er  nid)t  felbft  erjeugt  ^at,  über= 
t)aupt  @igent()um  ermerben  fann,  —  eine  35orau§fe^ung,  toeldie 
ber  Sef;re,  ba^  ©igentfjum  nur  an  bem  bom  9}ienfd)en  @r= 
zeugten  red^tlid)  äulüffig  fei,  f(i^nurftrarf§  äumiberläuft. 
90ian  barf  anneljuien,  ba^  ©eorge  bie  (5nct}!Iifa  Rerum  no- 
varum  mit  5Iufmerffamfeit  gelefcn  Ijatte.  Um  fo  me^r  aber 
mu^  e§  ba  auffallen,  wie  i^m  entgef)en  fonnte,  ha^  Seo  XIII. 
fic^  eines  ä^nlic^en  ©ebanfengangeS  mie  er  bebient,   um  mit 


'  Offener  S3vief  ©.  26. 


6.  ©intoenb.  geg.  b.  iiatitrrcd^tl.  JBegrünbuug  b.  ©vunbeigent^.    321 

überjeugenber  ^roft  gerabe  ba»  ^riüQtgrunbeigentfjum 
ju  betoeifen,  tt)eld)e§  ©eorge  befanipft:  „^nbeni  ber  ?OJeufd) 
an  bie  Urbarmachung  be»  33oben§  förperlid^en  glei^  unb 
gei[tige  @orge  fe^t,"  ^ei^t  e§  in  ber  ^nct)Ma^,  „mad)t  er 
\\ä)  eben  baburd)  ben  cnitiüirten  S^eil  ju  eigen;  e§  tt)irb 
bemfelben  [oäufagen  ber  ©tempel  be§  Searbeiterä  aufgebrüdft. 
(5ä  entfpric^t  oljo  burd^au»  ber  @ered^tig!eit,  bo^  bie[er  S^eil 
be§  ^öoben»  fein  eigen  fei  unb  fein  Üted^t  barauf  unüerle^Ut^ 
bleibe."  Unb  furj  nad^^er  fagt  ber  ^at)ft:  „3ene§  früher 
raufte  ©rbreic^  f^at  hoä)  hnxä)  ben  fjlei^  be§  erflen  33ebauer§ 
unb  burd)  feine  funbige  Ser^anblung  bie  ©eftalt  döüig  ber= 
änbert;  e§  ift  ou§  Sßilbni^  fruchtbares  5Icferfelb,  au§  öer= 
lorener  Oebe  ein  ergiebiger  Soben  geraorben.  SBaS  bem 
JBoben  biefe  neue  gorm  berliel^en,  bQ§  ift  berart  mit  itjm 
felbft  eine»,  'ba^  e»  gro^ent^eilS  unmögüi^  öon  i^m  5U 
trennen  ift.  Unb  e§  foH  !ein  Söiberfpruc^  gegen  ade  ®e= 
rec^tigfeit  fein,  ienen  $oben  mit  ber  Se^auptung,  baf3  (Sigen= 
t^um  nid^t  beftefien  bürfe,  feinem  Sofiaer  ju  entjieljen  unb 
baSjenige  anbern  ju  überantraorten ,  raa§  ber  Sebnucr  im 
©c^roeiBe  feines  ^IngefidötcS  gefi^affen  I)at?  9iein;  raie  bie 
i'Öirtung  if)rer  Urfac^e  folgt,  fo  folgt  bie  grud)t  ber  3(rbeit 
als  red)tmäf3ige§  @igentl)um  bemjenigen,  ber  bie  5Irbeit  boU= 
jogen  l^at."  Solange  alfo  nic^t  beftritten  raerben  fann,  bo^ 
bie  Gultiuirung  unb  Sobenöerbcffcrung  „^robuct"  ber 
3trbeit,  Dom  9)ienfd()en  erjeugt  ift,  rairb  e§  ebenfalls  un= 
möglich  fein,  blo^  bie  grüd)te  ber  ^obenöerbefferung  bem 
^Jienfd^en  äu^ufprecben.  DJian  mu^  öielmef)r  biefe  felbft 
i()m  äufprecibcn  unb  fomit  aud^  baS  ®i gentium  am  @runb 
unb  33oben  principiell  anertennen.  Sft  baS  \a  bod;  eine  6on= 
fequenj  beS  ©afeeS,  ben  ©eorge  aufftellt,  raenn  er  fagt:  „Sa 
bie  Umformung,   auS   raeld)er  bie  ^robuction  beS  9Jienfd)en 


1  DfficielTe  2lu§gabe  6.  14  (15)  unb  16  (17). 


322     ®rittc§  ßo^itel.  ®a§  ^rtöateigent^um  aU  foctale  Sfnftttution. 

eigentlid)  be[tel^t,  bem  ©toffe  anhaftet,  lolange  bie  gorm 
bauert,  fo  öetfc^milät  ba§  9te(i)t  auf  ^ribateigent^um  bie 
gorm  mitbem  ©toff  unb  gibt  fomit  auci^  ein  @igent^um§= 
xtä)t  an  bem  9tatur[to[[,  in  rteldiem  [ic^  bie  probuctiöe  5lrBeit 
berförpert  ^ot."  ^  SBeit  bie  ßultibirung  bem  58 oben  an= 
haftet,  fo  berfdimilät  ba§  Üte^t  auf  ^pribateigent^um  bie 
„f^orm"  mit  bem  „©toffe"  unb  gibt  fomit  aurf)  ein  (5igcn= 
tf)um§re(i^t  an  bem  S3oben,  in  meldiem  fid)  bie  probuctibe 
5Irbeit  berförpert  I)at. 

S)od^  ©eorge  berfudit  fid}  bon  neuem  biefer  @(^IufefDtge= 
rung  ju  entjieljen,  inbem  er  einen  Unterf(j^ieb  mac^t  ^mifdien 
bem  übturftoffe,  melc^er  in  ben  menfdilic^en  ^robucten  ent= 
!^alten  ift,  unb  bem  @rbboben:  „Söenn  auä)  ber  SDiJenfc^  ben 
(Stoff  Qu^  ber  3.^orrat^§!ammer  ber  'iRahix  nehmen  unb  beffen 
Ort  ober  ^orm  je  nad)  2Bunfc§  berönbern  !ann,  fo  flrebt 
ber  ©toff  bon  bem  9)?oment  an,  ba  er  genommen  mirb,  ben= 
nod)  mieber  surüd  nad)  ber  2Sorrat^§!ammer.  ^olj  berfault, 
Sifen  berroftet,  ©tein  bermittert,  mäljrenb  bon  ben  bergäng= 
lid^ern  ^robuctcn  einige  \\ä)  nur  ein  paai  'Tftonak,  anbere 
nur  ein  paar  Sage  Italien  unb  mieber  anbere  fofort  beim 
33erbraud}  ber)d)minben.  Obg(eid) ,  fomeit  mir  fe§en ,  ber 
©toff  emig  ift  unb  bie  lt\-aft  für  immer  befielt,  obgleid)  mir 
anä)  ba»  lleinfte  im  ©onnenftral^l  fc^mebenbe  5ltom  meber 
bernid)tcn  nod)  erfi^affen  fönnen,  fo  berfdiminbet  bennod}  fDrt= 
ma^reub  alle§  bemegcnbc  ober  bcrbinbenbe  53Jcnf(^enmer!  in 
ben  uuauf§örlid)en  Ummätäungen  ber  3^atur.  5tIfo  bie  3(n= 
erlennung  eine§  6igentl)um§red)tey  an  bem  Urftoff,  mefdier 
in  menfc^Iidien  ^rbeit§probucten  berförpcrt  ift,  bebeutet  nie 
meljr  a(§  ^eitmeiligen  33efitj,  fie  beeiuträdjtigt  nie  ben  für 
olle  beftimmten  SSorratf).  .  .  .  2)a^er  ftimmen  mir  S^nen  gerne 
bei,   menn  ©ie  fagen:   Sie  menft^Iidie  33ernunft   gibt   bem 


Offener  5övief  ©.  26. 


6.  Stntoenb.  geg.  b.  notuvred)tI.  SJegrünbiing  b.  ©runbeigentf).     323 

©tnjelnen  ein  9ted^t,  nid)t  nur  jofort  ju  berbtaudienbe  Singe, 
[onbern  aud)  bie  für  langtüäljrenbe  unb  jutünftige  23enu^ung 
6e[timmten  ©iiter  bauernb  ju  befi^en.  <Bk  l^aben  redit,  fü= 
fern  ©ie  foM^e  ©üter,  wie  ©ebäube,  tceldie  bei  3nftanb= 
(;altung  9J^enfd;enüIter  Überbauern  fönnen,  ebenfo  einbegreifen 
njie  5ia^rung§mittel  ober  Srenn(;oIä,  loeldie  fofort  öerjetjrt 
luerben.  5lber  menn  ©ie  baraua  folgern,  bof;  ber  SJienfc^ 
ein  ^riöQteigent^umSrec^t  an  titn  feit  ©lüigfeit  üorfjanbenen 
unb  etoig  iüä()renben  Dhturelementen ,  auf  loeld^e  aüe  an= 
geiüiefen  finb,  I;aben  fönne,  bann  finb  ©ie  entfdjieben  im 
Unred)t.  2)er  2)ienfd)  mag  mol)!  ein  5|3rioateigentfjum»red)t 
an  ben  burc^  feine  5(rbeit  erzeugten  grüd)ten  be§  (Srb= 
bübenä  fjaben,  ha  biefe  mit  ber  S^'ü  ibre  bon  ber  5Jrbeit 
empfangene  gorm  berlieren  unb  in  bie  93orratf;§!ammer  ber 
5catur  jurüdfinfen,  tüo^er  fie  famen,  unb  »eil  ein  (Sigen= 
t^umgrec^t  an  fold^en  ©ütern  anbere  nic^t  fc^äbigt;  aber  er 
barf  bie  @rbe  felbft  fo  nid^t  eignen;  benn  fie  ift  ha^  gro^e 
Sagerl^au»,  au§  föeldjem  nid)t  nur  fortroäfjrenb  ber  ^rDbuc= 
tion§floff,  ol;ne  tüeld^en  bie  ilhnfc^en  nid^t»  anfertigen  fönnen, 
fonbern  au^  i^r  eigenes  förpertic^e»  Safein  entnommen  mirb."  ^ 
©eorge  l^at  eine  Söa^r^eit  bon  größter  Sragmeitc  an= 
gebeutet,  menn  er  fagt,  ber  5)Jenfd)  bürfe  ben  @rbboben  nic^t 
fo  eignen  mie  eine  ©ad^e,  bie  burd)  htn  erften  ©ebraud}  äer= 
ftört  toirb,  5.  33.  ba§  ©tüd  ^ßrob,  meld)e§  ber  DJJenfd^  ber= 
äeljrt.  3n  ber  Stfjat  ift  ja,  mie  2eo  XIII.  betont,  bie  Srbe 
bie  „bleibenbe,  unberfieglidie  Duelle"  '^,  aua  meld)er  aße  fc^öpfen 
muffen.  5lber  e§  war  nid^t  f^ön,  ha^  ©eorge  biefe  für  bie  ©ociaI= 
reform  unb  3Sirtf(i^aft§po(itif  fo  miditige  Söa^rf^eit  benutz,  um 
bie  Slöpe  5U  berbeden,  bie  er  fidj  unftreitig  gegeben  ^attc. 
©eine  ^öe^auptung  ging  nämlicb  bal;in,  ber  5)knfd)  fönne  nur 


'  Offener  «Brief  ©.  26  f. 

"  ©nc^tUfa  Rerum  uovarum  ©.  14  (15). 

15** 


324    ®titte§  ßajjitcl.  ®o§  ^priöatcigentftum  aU  fociole  3fnftitutton. 

an  bem  bon  i^m  Srseugtcn  ein  ^riboteigent^um  eriüetben. 
Unb  Qt§  man  i^n  batauf  aufmerfjam  mad)te,  ba^  mit  biefer 
Seigre  jebe§  Sigent^um  im  2Biberfpruc^e  ftef^e,  weil  ber 
©toff,  bie  ©ufiftanj  aUer  fogen.  ^robucte  Statur  gäbe, 
Don  ©Ott,  ober  nidit  bon  bem  5)?enf(f)en  erzeugt  fei,  ha  m\ä)t 
er  au§.  @t  fogt:  „.^ol^  betfault,  ®i[en  berroflet,  ©tein  ber= 
tüittert."  Sene  ©ubftans,  jener  ^Jtoturftoff  bleibt  nicfet  lange 
im  Sigent^um,  mäljrenb  ber  ßrbboben,  feiner  5?atur  nad^,  bem 
(5igent|um§red}te  feine  beftimmten  S^itö^ettjen  jie^t.  5Iber 
ba§  ift  eine  ganj  anbere  f^^rage  al§  bie  umftrittene.  Ober 
fann  ni(f)t  bie  Sauer  be§  (Sigent^um§  bermöge  ber  ^Ratur 
be§  6igentf)um§objecte§  eine  begrenjte  fein  unb  bennoc^  an 
biefem  ©egenflanbe  tt)a()re§  @igentl)um  beftefjen?  ©eorge  ber= 
weci^ielt  9t  e  c^  t  unb  Sauer  be§  ©igentljum»  miteinanber. 
Sarum  ift  feine  Sett)ei§fü{)rung  fjinfällig.  Selbft  inenn  bie 
golbenen  <S(f)ä|e  unferer  5JtiIIionäre  in  „ba§  gro^e  SagerfjauS 
ber  9tatur"  surüdffe^rten,  tt)a§  mürbe  barau§  folgen?  Offenbar 
nur  bic§  eine:  baß  fein  ©igentfjum  emig  bauert,  aber 
nid)t,  ba^  fein  Sigent^um  an  bem  Staturftoff  ju  Stecht  be= 
fielen  fönne. 

3.  @eDrge§  Eingriffe  gegen  bie  päpftliii^e  Sncpftifa  f)aben 
bisher  menig  Erfolg  gefjabt.  SßieKeidit  ift  ein  anbere§  33e= 
beuten  bon  größerer  SSebeutung:  „'^l)xt  eigene  ?Iu§fage,  ba^ 
ber  @runb  unb  SSoben  bie  unerfdiöpflidie  SSorratfiSfammer  fei, 
meiere  ©ott  bem  5}Jenfd)en  fd)ulbet,  mufe  ein  unbequemes  58e= 
beuten  bei  @m.  |)eilig!eit  bejüglid)  feiner  5Ineignung  al?> 
^ribateigent^um  f^erborgerufen  ^aben.  Senn  al§  ob  «Sie  fici^ 
felbft  berutjigen  moHten,  beljaupten  @ie  ferner,  ba^  ba§  ©igen« 
tf)um§rec^t  einjetner  bie  '3itä)tt  anberer  nici^t 
fc^äbige.  ©ie  fagen:  bie  Srbe  l)öre  nid^t  auf,  bie  33ebürf= 
niffe  atler  ju  befriebigen,  auö)  tütnn  biefelbe  unter  ^ribat= 
eigentpmer  bert^eilt  fei ,  ttieil  biejenigen,  toeld^e  feinen  33oben 
befi^en,  burd^  ben  SBerfauf  i^rer  Arbeit  5Bobenprobucte  al» 


6.  ©inttienb.  geg.  b.  natuvvecf)tl.  Söegrünbung  b.  ©vunbeigentl).     325 

3a^Iung  empfangen,  eingenommen,  jemanb  [teilte  6m.  ^^t\üq= 
feit  al§  9lic^ter  ber  Word  bie  folgenbe  ®emifjen§[rage :  ,"^6) 
bin  einer  bon  mefireren  Sritbern,  roelci^en  nn[er  3}ater  ein 
Canbgut  fjinterlaffen  fiot,  baS  ju  unferem  SebenSunterljalt  aii^' 
reicht.  2)a  er  fein  ©tücf  babon  für  irgenb  einen  bon  un§ 
6efonber§  beftimmt  fjai  unb  un§  bie  S^eilung  an^eimftellte, 
fo  no^m  \ä)  aU  51eltefter  bQ§  ganje  Sanbgut  in  S3efi|,  Seboci^ 
l^obe  ic^  baburd^  meinen  58rübern  i^ren  2eben§unter()Qlt  nic^t 
entjogen ;  benn  id^  Ijaht  biefelben  auf  meinem  Sonbe  für  mic^ 
arbeiten  laffen,  unb  \^  jaulte  i^nen  aus  ben  ^probucten  einen 
ebenfo  ^ol^en  So^n,  mie  icf)  i^n  fremben  5frbeitern  !^Qtte  jafjicn 
muffen,  ^ann  alfo  mein  ©eroiffen  nic^t  böüig  beruhigt  fein? 
—  2öa§  mürben  ©ie  antmorten?  2Bürben  <&ic  i^m  nici^t 
fagen,  ba^  er  eine  Sobfünbe  begangen  t)aU,  unb  ba^  feine 
©ntfd^ulbigung  fein  2Serbred)eu  bergrö^ere?  Sßürben  ©ie  if)n 
nid^t  feinen  S3rübern  (Srfo^  leiften  loffen  unb  ifjm  S3u^e  auf= 
erlegen?"! 

C^ne  3i^eifff  mürbe  ber  ^apft  gan^  in  bemfelben  (Sinne 
entfd^ieiben.  Unb  ber  ©runb  ber  Sntfc^eibung  liegt  auf  ber 
|)onb.  SBenn  nömlid^  ber  fj^amitienbater  qI§  ©rblaffer  auä) 
feine  3Sert^eiIung  be§  5Sermögen§  unter  feine  t^inber  bor= 
genommen,  b.  ^.  bem  A  nic^t  biefe§  unb  bem  B  nic^t  jene§ 
inbibibueUe  33ermögen§flü(f  jugemiefen  l]üt,  fo  ^aben  bodö  bie 
^inber,  fobalb  i^nen  bie  ©rbfd^aft  beferirt  ift,  im  5tugenblirfe 
be§  SobeS  be§  (ärblaffer§,  ein  9ftecE)t  auf  eine  beftimmte 
unb  smar  gleid^e  Cuote  biefer  beftimmten,  concreten  @rb» 
maffe  bereits  ermorben.  stimmt  ber  2(eltefte  bie  ganje 
(Jrbfd^aft  al§  ßigent^um  für  fic^  in  5lnfprud^,  fo  beraubt 
er  feine  ©efd^mifter  i^re§  mo|Iermorbenen  9{ec()te§,  mac^t  fid^ 
be§f)alb  einer  ©ünbe  fd^ulbig  unb  fabet  bie  9teftitution§pfIic|t 
fid^   auf.    9!un  ift   e§   aber   etma§   burd)au§   SSerfc^iebene§, 

»  Offener  JBrief  ©.  28  f. 


326     3)titte§  ÄQt)iteI.  S)a§  ^rtöateigent^um  aU  feciale  ^nftitution. 

wenn  ein  t^omilienöater  [einen  ^inbern  eine  ßrbfc^aft  f)inter= 
iü^t,  unb  tt)enn  ®ott  ber  ^^zn  bem  5[)hnjc^en  ba§  9tec^t  über= 
trägt,  ou§  bcn  ©ütern  bie[er  Srbe  feinen  2e6en§unter^a(t  burd^ 
?trbeit  ju  entnel^men.  5)er  Unterfc^ieb  lä^t  [ic^  auf  imi 
5pun!te  äurüdfü^ren. 

a)  S)ie  allgemeine  (Sintoeifung  be§  93tenj(^en9efc^le(j^te§  in 
ben  Se[i|  ber  @rbe  überträgt  bem  einjelnen  5}?enfc§en  meber 
ein  birectea  5tnred^t  auf  irgenb  eine  inbitiibuelle  Baä^t 
noä)  einen  3led^töOnf|3ru(i^  auf  eine  beftimmte  Quote  ber 
9iaturgaben.  «Sie  bilbet  ben  oberften  9tec^t§grunb  be§ 
5pribateigent|um§  in  abstracto,  aber  nid^t  beffen  9ied()t§= 
t  i  t  e  I  in  concreto.  W\t  anbern  Söorten :  bermöge  jener  ®in= 
meifung  befi|t  ber  Tltn\ä)  baa  9tec^t,  (äigent^um  ju  er= 
m erben,  aber  nid)t  ein  ern)orbene§  (Sigent^um§red)t  an 
irgenb  einer  beftimmten  einzelnen  Badjt  ober  Quote,  nod) 
eine  ^tnmartfc^aft  auf  ein  beftimmte§  Qb ject,  eine  be= 
ftimmte  Quote.  ®er  |)eiüge  33ater  ^at  biefer  SBa^rl^eit  in 
ftarer,  faum  mifjberftänblidier  SBeife  5tu§bruc!  berlie^en,  föenn 
er  fagt:  „S)a^  ®ott  ber  §err  bie  ©rbe  bem  ganjen  5!}?enfc^en= 
gefd)(e^t  jur  5lu|nieBung  übergeben  Ijat,  bie§  fte^t  nii^t  bem 
©onberbefi^e  entgegen.  Senn  ®ott  I;at  bie  @rbe  nic^t  in 
bem  ©inne  ber  ®efamtt)eit  überlaffen,  al§  foHten  aUe 
oljue  Unterfctiieb  ^^nxm  über  biefelbe  fein,  fonbern  infofern, 
al§  er  felbft  feinem  SiJienfd^en  einen  befonbern  SL^eil  ber= 
felben  jum  33efi|e  angeföiefen,  bielme^r  bem  ^^lei^e  ber 
DJ^enfcben  unb  ben  bon  ben  SSöIfern  ju  treffenben  6inrid^= 
tun  gen  bie  ?tbgren5ung  unb  33ertl)eitung  be§  5]8ribatbefi^e§ 
antjeimgegeben  l^at.''^  @§  ift  alfo  in§befonbere  ber  ^U\^  beS 
DJienfc^en,  feine  5Irbeit  -—  e§  finb  bie  gefe^Iic^en  ©inrii^tungen 
ber  Sßölfer,  meldte  ben  nod^i  ju  boHsie'^enben  Srwerb  be§ 
eigent^um§  an  irgenb  welchen  inbibibueHen  Singen  beftimmen 


®ncl;!UIa  Rerum  novarum  6.  14  (15). 


6.  ©imüenb.  geij.  b.  naturicrfjtL  Segrünbung  b.  ©runbeigentl).     327 

unb  regeln  füllen.  5lnber§  im  ^oHe  ber  eröffneten  (Srbfc^aft. 
3)en  ^inbern  be§  grblaffer»  ftel}t  nicfit  Uo^  ta^  9fted)t  ju, 
irgenb  ettt)a§  ju  ertcerben.  ©ie  berfügen  bielmel^r  über  ein 
bereits  erworbene»  9ied}t  auf  einen  quantitatib,  menn  quc^ 
\\\6)t  in  individuo  beftimmten  S^eil,  auf  eine  Quote  biefer 
concreten  Srbmaffe.  ^ie  Srbeinfe^ung  ober  bo§  Snteftat= 
erbrecht  ift  baffer  für  fie  fein  ab§tracter  9teci)t§  g  r  u  n  b ,  fon= 
bern  ein  concreter  9te(i)t§  t  i  t  e  I ,  ber  ifjnen  eine  re(f)t(id)e  ^err= 
fd^aft  geiDäl^rt  über  bie  Srbmaffe,  je  nad^  il}rem  5(ntf;eil  an 
berfelben.     S)aäu  tommt 

b)  ein  tüefentli($er  Hnterfd^ieb  äiüif(|en  ber  @Ieic^bere(^= 
tigung  ber  jur  (Srbf(f)aft  bea  SSoter§  berufenen  Äinber  unb 
ber  @Ieid)bere($tigung  ber  53ienfc^en,  au§  ber  aügemeinen  93or= 
rat^§!ammer  ber  9latur  ©ütcr  5U  erwerben.  ,/i((§  gleiche 
©efd)öpfe  be§  ^Idmäd^tigen  gleid)bered^tigt ,  unter  feiner  3}Dr= 
fe^ung  i^r  Seben  au§äu(eben  unb  i^re  ^ebürfniffe  ju  befrie= 
bigen"  —  fogt  @eorge  ^  — ,  „finb  bie  5[)lenf(^en  alfo  aud^ 
g(eic^bered)tigt  bei  ber  9iu^nie^ung  an  ©runb  unb  S3oben." 
Söürbe  i^enri)  ©eorge  jene  „©leid^be red) tigung  bei  ber  9Zu^» 
nie^ung  an  (SJrunb  unb  33oben"  ebenfo  berftanben  l^aben,  tt)ie 
bie  @Ieid)!^eit  ber  5Jienfd)en  berftanben  Werben  mufj  —  alä 
eine  abstracte,  ber  fpecififd)  gleidjeu  9ktur  folgenbc,  aber 
i^rem  concret  fid)  geftaltenben  Suijalte  nad)  ebenfo  berf^iebene 
53ered)tigung ,  wie  aud^  bie  inbibibuelle  5Ratur  ber  9JJenfd^en 
in  Dielgeftaltiger  $8erf(^iebenf)eit  erfc^eint,  —  wat^rl^aftig,  feine 
äßorte  wären  ber  2BeiSf}eit  boU  gewefen.  ßr  ^ätte  bann  aber 
unmijglidf)  noc^  bie  ^araüete  jwifc^en  bem  ßrbred^t  ber  ^inber 
unb  bein  9ted)te  be§  ^Jienfc^en,  bie  (Srbengüter  ju  genießen, 
aufrecht  galten  fönnen.  Ober  bürften  wir  benn  annehmen,  e§ 
fei  i^m  berborgen  geblieben,  bafj  bie  jur  (^rbfd^aft  berufenen 
ßinber  uic^t   blop  ein   gleid^eä  Üted)t,   fonbern  überbieä   ein 


Offener  23vief  ©.  2. 


328     ®ritte§  ßopitel.  2)a§  ißnöateigent^um  al§  fociale  g(nftttutton. 

9te(i)t  auf  ha^  (BU\ä)t,  auf  ben  gleichen  5lntl^ei(  i^r 
eigen  nennen?  S)Dd^  nein,  er  ^at  biefen  Umftanb  feine§n)eg§ 
überfeinen.  @§  lö^t  il)n  bielme^r  bie  ^Innal^me,  ©ott  l^abc 
jebem  ^üJenfc^en  in  gleicher  SBeife  ba§  giec^t  berliel^en,  (Sigen= 
t^um  ju  erföerben,  unbefriebigt.  @r  motzte  gerabe  behaupten, 
bon  9iatur  qu§,  bermöge  be§  göttlichen  äBiUcnS,  al§  ^inb 
®Dtte§  befi^e  aud)  jeber  bo§  gjed^t  auf  einen  „gleichen 
5tntl)eir'i  an  bem  ©enufe  bon  ©rbengütern:  eine  ^t^aup» 
tung,  bie  er  merfwürbigermeife  allerbing§  nur  auf  ben  ©runb 
unb  Soben  ju  begießen  fd^eint.  S)arum  föill  er  mit  ben  öltern 
unb  neuern  33obenbefi|reformern  ha^  Sanb  „nationalifiren", 
b.  f).  in  ta§>  ©efamteigent^um  bc§  @taate§  überfüfjren.  2Iuf 
biefe  Söeife  ^offt  er  ba§  9ted^t  atler  am  ©runb  unb  23oben 
fidlem  ju  fönnen,  mä^renb  er  gleid()äeitig  ber  Q^ortbauer  be§ 
5pribatbeft|e§  am  2anbe,  unb  smar  be§  nad^  ©rö^e  unb  llm= 
fong  berf{f)icbenen  ^ribatbefi|e§,  au§  meljrfad^en  ©rünben  fein 
^inberni^  in  ben  Sffieg  legen  will. 

5lflein  e§  möchte  un§  fc^einen,  al§  ob  ©eorge  mit  ber 
S3ef)auptung ,  bo^  oße  9}?enfcf)en  al§  gleid^e  ©efc^ö^jfe  auä) 
böüig  gleidibered^tigt  bei  ber  tt)irtlid)en  91u|nie^ung  an  ©runb 
unb  33oben  feien,  feiner  eigenen  Se^re  miberfprecbe.  6r  for= 
bert,  tü^  „alten  9Jtenf(iben  ber  gleicine  5(nt[;eil  an  ben 
33ortt)eiIen  ber  ^flaturfcbä^e  unfereS  göttlid^en  SSater§  gefiebert 
merbe"  ^.  S)a  berfte^en  mx  e§  benn  burd)üu§  nid)t  me^r, 
mie  er  ba§  boc^  für  aUe  5JJenf(^en  „gleid)e  ?tnrecbt"  auf  ben 
©runb  unb  33oben  be§  Sßaterlanbc§"  ^  bef darauf en  fann. 
©eorge  fannte  bietteidbt  ba§  gürftent^um  2ippe=2)etmoIb.  S)a§ 
„3SaterIanb"  ber  2ippe=^etmoIber  ift  fe^r  eng,  unb  menn  mir 
borau§fe|en,  ba§  bort  ober  in  ber  freien  ^onfeftabt  Hamburg 
alte  einen  gleichen  ^Int^eil  am  ©runb  unb  Soben  be§  Sßoter« 


»  Offener  »rief  6.  4.  ^  @(,5^ 

»  efeb.  ©.  6. 


6.  ©tntocnb.  qeg.  b.  noturred^tl.  Segrünbung  b.  ©rutibeigentl}.     329 

lanbe»  beanfprud^en  bürfen,  fo  loirb  ber  Slntl^eil  iebe§  6in= 
seinen  jebenfaUS  biel  ftetner  auffallen  al§  ber  5(nt]^eil  ber 
!öett)o^ner  eine§  großem  SanbeS  mit  njeniger  bid^ter  58et)öt= 
ferung.  9iun,  tt)D  bleibt  benn  ba  jene  (SleicS^^eit,  bon  ber 
©eorge  rebet,  tt)el(^e  er  be§f)alb  forbert,  lüeil  mir  9)ienf(i^en 
alle  gleich  geliebte  ^inber  be§[elben  göttlid)en  SSaterS  finb? 
2Bo  bleibt  bie  ©leid^l^eit,  föenn  biefer  ^immlifd^e  23ater  einem 
2;^eil  feiner  .Qinber  nur  einen  5Int^eiI  an  2ippe=2)etmoIb, 
ben  anbern  bagegen  biel  größere  2i)alb=  unb  Sanbgebiete  in 
örafiüen  ober  in  5lfrifa  ongemiefen  l^at?  2öie  ftimmt  "ba^i 
mit  ber  fo  beftimmt  borgetragenen  Seigre,  bo§  „aüen  5!)^enf(i^en" 
—  alfo  an6)  ben  2ippe=2)etmDlbern  —  „ber  gleiche  5Intl}eiI 
an  ben  35ortf)eiIen  ber  ^Raturfc^öle  unfere§  göttlid^en  95ater§ 
gcfi(|ert"  »erben  muffe?  ferner  mit  feiner  33e^ouptung,  ba§ 
bei  ber  25ert^eilung  be§  (SrbbobenS  geltenbe  ^rincip  fei  „ba§ 
gleii^e  ttjie  in  bem  i^-aü,  mo  ein  menfc^Ii^er  Sßater  fein 
ßigent^um  ju  glei(!^en  Sf^eilen  einer  ^Injal)!  ^inber  hinter» 
löfet"?! 

|)enrQ  (Seorge  mar  freilief)  bcrftönbig  genug,  einjufe^en, 
baB  ein  ®efamteigentt}um  ber  ganjen  9JJenfc^f)eit  am  @runb 
unb  33oben  t^eoretifdf)  unb  pra!tif(^  ber  5tbfurbitäten  boü  ift. 
2)arum  gerabe  fe|te  er  an  bie  ©teile  ber  5)knfc^§eit  bie  ein= 
seine  DZation,  ben  ©tamm,  ben  ©taat.  SlHein  e§  burfte  i^m 
boc^  nid)t  berborgen  bleiben,  ha^  er  babei  feinen  eigenen 
©runbfä^en  miberfpraiiö.  2)enn  menn  ber  Sinjelne  gegenüber 
ber  5[)^enfc^^eit  —  b.  i.  ber  ©efamttjeit  ber  gleid^beret^tigten 
i?inber  be§felben  ^immlifc^en  Sßater§  —  baburti^  ein  Unred^t 
begebt,  'na^  er  einen  S^eil  be§  2anbe§  al§  ^pribateigent^um 
ertüirbt,  bann  werben  ganj  in  berfelben  Seife  aud^  ber 
©taat,  bie  ^^iation  fi^  berfel^Ien,  fofern  fie  ein  beftimmteS 
Territorium  mit  5tu§fd^Iu^  anberer  ^Kationen  al§  i^r  eigen  be= 


Offener  Stief  ©.  4. 


330    ®ritte§  ßa)3ttel.  ®a§  ^riöateigent^um  aU  fociole  Sfnftitution. 

trachten  1.  5IIfo  entraeber  ©efomteigent^um  ber  gonsen  2)Jenjd^= 
f)eit  an  ber  gangen  @rbe  —  ober  5]ßnbateigent^um  ber  ein= 
feinen  ^JZenfcfjen  an  ben  2:^eilen  be§  S3oben§!  gür  bQ§ 
(^DÜectiöeigent^um  einer  5Zation  an  ifjrem  Territorium  mit 
5Iu§fc[)Iu^  anberer  Aktionen  fe^tt  jebe  principicüe  Unter= 
tage.  — 

4.  §enrQ  ©eorge  jie^t  aber  in  bem  ^riüQtgrunbeigentfmm 
nirf)t  bloB  eine  33erle|ung  ber  ©leic^berec^tigung  ber  3Jienfc!^en, 
fonbern  überbieS  eine  bödige  2lu§f(%ne^ung  ber  5Ric^tetgen= 
t^ümer  bom  gemeinsamen  (Srbe.  S)ie  gegentl^eilige  ^Bel^auptung 
[teilt  ^ap[t  2eo  XIII.  auf:  „3Bie  immer  unter  bie  einzelnen  ber» 
t^eitt,  {)ört  ber  Srbboben  nid^t  auf,  ber  ©efamt^eit  jubienen; 
benn  es  gibt  feinen  Wtn]ä)m,  ber  nid)t  bon  feinem  (Srträgni^ 
lebte.  2ßer  o^ne  Sefi|  ift,  ber  ^at  bafür  bie  5(r6eit,  unb 
man  !ann  fagen:  Stüe  ^Rafjrungaquetlen  gelten  äule^t  §urü(f 
entmeber  auf  bie  ^Bearbeitung  be§  S3oben§  ober  auf  3Irbeit 
in  irgenb  einem  anbern  ®rn)erb§jmeige,  beffen  Sol^n  nur  bon 
ber  S^ruc^t  ber  Grbe  fommt  unb  mit  ber  t^rud)t  ber  Srbe 
bertauf(^t  föirb."  ^  S)a§  DJiipe^agen  an  biefen  äBorten  f^eint 
bei  ^^errn  ©eorge  nic^t  gering  gewefen  ju   fein.     2)ie§  geigt 

^  Cf.  B.  J.  Holaind  S.  J. ,  Ownership  aud  Natural  Right 
(Baltimore  and  New  York  1877)  p.  87  f. :  "Either  land  belongs  to 
the  whole  species,  er  it  does  not ;  if  the  fonner  be  true,  then  we 
can  have  no  exclusive  ownership :  exclusive  ownership  of  a  nation 
makes  the  wrong  national  instead  of  indivkluaJ ;  that  's  all.  If  it 
does  not  belong  to  the  whole  race  collectively ,  then  any  one 
not  debarred  by  preexisting  rights,  can  appropriate.  There  is  no 
foundation  whatever  for  the  exclusive  ownership  of  a  nation,  as 
separated  either  from  the  coUective  ownership  of  the  race,  er  the 
individual  ownership  of  the  Citizen.  If  one  has  not  the  right  to 
appropriate  land,  how  many  will  it  take  to  make  a  full-fledged 
right?  Would  not  their  collective  ownerslüp  look  very  much  like 
an  addition  of  zeroes?" 

*  ©nc^ftüa  Rerum  novarum  6.  14  (15). 


6.  ©iniöcnb.  geg.  b.  iiatimcd)tl.  Segrünbung  b.  ©runbcigentl).     331 

bic  ettoa§  unbebad^tfnme  5lrt  imb  2Beife,  tuie  er  feine  @nt» 
gegnung  formulirte:  „eingenommen,  @tt).  -'peiligfeit  mären 
al§  meltlic^er  gürft  ber  S3ef)errf(f)er  eine§  regenIo[en  ßanbe§ 
mie  5(egl)pten,  in  bem  e§  mebcr  Quellen  nod)  33äd)e  gibt 
unb  biia  bon  einem  [o  munberbaren  g-Iuffe  mie  ber  Tai  mit 
äBaffer  berjorgt  mürbe,  eingenommen,  <5ie  fjötten  eine  5tn= 
jafil  S^rer  Untert^anen  au§ge[anbt,  bay  Öanb  nnjubauen, 
unb  i^nen  2Bo^IergeI}en  münjcEienb,  nocf)  befonberS  gere(f)te§ 
.•panbeln  gegeneinanber  anempfo'^Ien.  Salb  aber  mürbe  man 
Sinnen  mitt^eilen,  ba^  einige  ein  @igent^um§recf)t  nn  ben 
glu^  geltenb  gemad)t  Ijätten,  ben  anbern  ieben  Sropfen  Söaffer 
borentfialtenb,  ben  fie  i^nen  ni(f)t  abfauften,  fo  bafj  bie  g(u)V 
eigent^ümer  auf  biefe  SBeife  o^ne  ?trbeit  reid)  gemorben  feien, 
mät)renb  bie  anbern  trD|  !f)arter  eirbcit  burd)  bie  erjmungene 
^olje  3ö^)f"Ji9  füi:  SBaffer  fo  berarmt  feien,  ba^  fie  !aum 
noc^  i^r  Seben  friften  fönnten.  SBürben  ©ie  nidjt  auf  ha^ 
pd)fte  entrüftet  fein?  eingenommen,  bie  ^-lußeisent^ümer 
mürben  ^t}nen  alöbann  bie  folgenbe  (Sntfdbulbigung  jufenben: 
jäBie  immer  unter  bie  etnäelnen  bert^eilt,  fjört  ber  giu|  nid)t 
auf,  ber  ©efamt^eit  ju  bienen;  benn  tia  ift  fein  Würfliger, 
ber  nic^t  bon  bem  glufimaffer  trinlt.  diejenigen,  meiere  fein 
glu^maffer  befi^en,  ^aben  bafür  bie  3lrbeit,  um  e§  ju  er= 
langen,  fo  ba^  man  fagen  fann :  eiUeS  SSaffer  mirb  entmeber 
bem  eigenen  g-fu^  entnommen  ober  au§  ber  eirbeit  in  irgenb 
einem  anbern  (Srmerbäjmeige,  meld)c  entmeber  mit  Söaffer  ober 
mit  etma§  anberem  befallt  mirb,  momtt  man  SBaffer  ein= 
taufc^en  fann.'  SBürbe  bie  ©ntrüftung  gm.  ^eiligfeit  nad)= 
laffen?  5}]üJ3te  biefelbe  nic^t  nod)  ftärfer  merben  raegen  ber 
58eleibigung  ^ijxn  Suteüigenj,  me(d)e  in  biefer  @nt)d)ulbigung 
liegt?  2ä)  braud^e  (5m.  ^eiligfeit  nicbt  noc^  ou§fü()rIi(^er 
barjut^un,  ba^  einem  ?[Renfcben  gegenüber  jmifdien  ber  ah= 
fohlten  33ermeigerung  ber  (Sotte§gaben  unb  ber  äBeigerung, 
i§m  biefe  ©aben  anber§  al§  burci^  ^auf  ^u  überlaffen,   blo^ 


332    ®ritte§  ßapttel.  ©aö  ^riüatcigentfiutn  oB  foctole  Snftttution. 

ein  Unterfc^ieb ,  loie  ätoifc^en  bem  9täuber,  ber  [ein  Opfer 
fterben  lä^t,  unb  bem  JRöuber,  mlä)ix  für  bQ§  feinige  Sfe= 
gelb  öerlangt,  befielt."  ^  Sie  ^emeiäfü^rung  @eorge§  ift  cou= 
lont.  ©c^abe  nnr,  bap  fie  aU  öerfe^It  bejeidinet  tüerben  mu^. 
©ie  leibet: 

a)  an  einer  falfcf)en  ^luffoffung  ber  erften  i8efi^= 
ergreifnng,  ber  5trt  itjreä  SSoIIjugS,  ber  SDauer  i^rer  2Bir= 
fung.  SBenn  man  ©eorge  glauben  bürfte,  fo  lüören  e§  nur 
einige  menige  ^erfonen,  tt)eld)e,  ben  anbern  öorauSeilenb, 
bie  gange  (5rbe  für  fic^  in  33efi^  normen  unb  allen 
übrigen  ba§  9la(^fe;^en  lieBen.  Sa  et  beliebte  biefe  feine 
^uffaffung  zuweilen  in  rec^t  braftifd^er  SBeife  jum  5Iu§bru(f 
äu  bringen:  „51I§  ^ain  unb  5I6eI  bie  einzigen  SJienfc^en  auf 
(Srben  waren,  ftanb  e»  i^nen  frei,  burd)  ein  He6erein!ommen 
bie  @rbe  unter  fi(^  ju  tt)eilen."2  2Bir  wollen  nid)t  einmal 
baran  erinnern,  'oa'^  ^ain  unb  5tbel  niemals  oüein  auf  ber 
Sßelt  gemefen.  (S§  genügt  un§,  ju  conftotiren,  tia^  ©eorge 
eine  Occupation  ber  gangen  6rbe  burc^  gtüei  9!}ienf(^en  für 
mögli(i^  ^ält.  S)a§  ftimmt  überein  mit  ber  5luffaffung,  toelt^e 
bereits  früher  bon  i^m  probucirten  Seifpielen  ju  ©runbe  liegt: 
„SQai  ber  juerft  erf^ienene  ©oft  baS  9ted)t,  bie  ^öefeljung  aller 
©tü^le  ju  üerljinbern  unb  ju  fürbern,  ha^  niemanb  an 
bem  Mü^k  tl)eil^abe,  ber  fid^  nid)t  auf  bie  bon  i^m  bor= 
gefc^riebenen  ^öebingungen  einlaffen  wiU?  |)at  ber  erftc,  ber 
am  S^ore  beä  2;l)eater»  eine  (äintrittSfarte  borweift  unb  guerfl 
I)ineinge^t,  baS  Stecht,  al§  ber  3uetflge!ommene  bie  Sljüre 
ju  fd^liefeen  unb  allein  ber  ^Borftellung  beiäumofjnen?"  ^  §ier 
finb  e§  nic^t  einmal  glüei,  ^ier  ift  e»  nur  einer,  ber  M^ 
©ange  für  fic^  in  ?lnfpruc^  niunnt.     ßat^rein*  §at  fc^on 

»  Offener  Srief  ©.  29  f.  ^  gjjjj,  @.  4  ^ 

'  Progress  and  Poverty  p.  247  f. 

*  §ett  5  be§  I.  Sanbe§  ber  „©ocialen  gfroge"  (fjreiburg  1892). 
3.  5tufl.  1896. 


G.  ®imucnb.  geg.  b.  natutrcd^tt.  Scgtünbung  b.  ©runbeigentf).     333 

barauf  aufmer!fam  gemacht,  ba^  6ereit§  Gicero  ^  unb  2;l)oma§ 
Don  ^Iqutn  -  folciie  (Sintüenbungen  longft  loiberlegt  ^aben.  2öer 
äuerft  im  Sfjeater  erfc^dnt,  l^ot  nic^t  bie  ^ßefugni^,  olle  onbern 
au§5u[(3ö(ie^en.  ^6er  i^m  [te^t  ha^  ^^tä)i  5U,  \\6)  einen  ^la^ 
äu  iDQ^Ien  unb  üon  biefem  feinem  ^latje  jeben  ju  ejchibircn. 
©0  berlölt  e§  [ic^  anä)  mit  ber  5öe[i|ergtei[ung  biefer  (Srbe. 
SQßer  5uer[t  fommt,  fann  fici^  eine  ©teUc  für  feinen  SBol^nort 
mö^Ien.  @r  barf  fein  '^tlh  umhegen,  fein  S^an%  bauen  unb 
beibe»  fein  eigen  nennen.  5)ie  ©päterfommenben  mögen  fein 
58eifpie(  nac^a^men.  5(ber  fie  l^aben  !ein  9ted)t,  ben  S^tx\U 
gefommenen  feine»  @igent^um§  mieber  ju  berauben.  @§ 
l^aben  in  ber  S^at  aud^  nid)t  etwa  ein  ober  jmei  ^erfonen, 
fonbern  53^enf(^en  in  unbered^enbarer  3^^^  2anb= 
eigentfjum  ermerben  fönnen.  2iegt  \a  fogar  ^eute  nod)  ber 
3eitpunft  feljr  ferne,  mo  bie  hjeiten  ©treclen  5(frifa§,  3(fien§, 
5luftralien§  böHig  aufgetl^eilt  fein  merben. 

S)ie  Quelle  be§  3rrtl)um§,  bem  ©eorge  jum  Cpfer  ge= 
fallen,  ift  unfere§  ©rad^ten»  bie  falf^e  33orau§fe^ung,  ala  ob 
burd)  bie  rein  innere  2:[)otfad)e  eine»  bloßen  2Binen§acteS 
ober  burd^  beffen  münblic^e  2>cr!ünbigung  bie  Dccupation 
fic^  Don5ief)en  !önne,  2)arum  nimmt  er  an,  5{bel  unb  ^ain 
Ratten  bie  ganje  (Srbe  unter  fic^  tt)ei(en  unb  jebem  neuen  5tn= 
fömmUng  bie  33ebingungen  tiorfdjreiben  bürfen,  unter  meieren 
i|m  ber  ©enuß  ber  23obenfrü(^te  jugeftauben  trerben  foQte. 
2ßäre  biefe  33orau§fet;ung  rid)tig,  fo  ftaube  nid)t§  im  SIßege, 
auc^  ben  ÜJ^onb  in  53efi|  ju  nefjiuen,  unb  ben  Ferren  5tmty= 
ridjtern  ttJürben  fd^on  längft  Oted)t§ftreitigfeiten  jur  Sntfc^eibung 
borgetegen  l^aben,  tner  unter  mehreren  ^erfonen  juerft  ben 
animus  possidendi  bejüglid^  ber  lunarifc^en  ©efilbe  getjobt. 
Sod)  ßjeorgea  5Innaf;me  ift  eine  irrige.  3tt)ei  9)?omente  ge= 
I)ören   jum  Sefilermerb.     Adipiscimur   possessionem   cor- 

»  De  finibus  c.  20.  *  S.  th.  2,  2,  q.  66,   a.  2  ad  2. 


334    Stitteö  ßapitel.  ®a§  «Pciüatetgent^um  aU  feciale  ^nftitution. 

pore  et  miimo.  @§  genügt  nid)t  ber  blo^e  Söillc.  '^n  bem= 
[elben  mu|  ba§  äiiB erlief)  erfennbare  3>erfjältni^  ber  t^at= 
[äc^Iid^en  Snne^abung  fiinjutreten ,  ber  animus  pos- 
sidendi  ntu^  in  ben  äußern  3Serpltnif|en  irgenbtoie  berförpert 
fein.  2)Qrum  voai  e§  p^t)[i)'(^  unmöglid},  ba|  ?(6e(  unb  .^ain 
bie  ganje  (Srbe  unter  [id)  t^eitten,  meit  eben  nur  ein  S^eil 
ber  @rbe  bie  @inrt)ir!ung  berfetben  auf  fic^  geftattete,  nur  ein 
Stieil  für  fie  erreidjbar  loar. 

2Bic  über  bie  91  rt  unb  äßeife  ber  Occupation,  fo 
tQufd)t  fid^  ©eorge  ferner  f)infid)tlid)  ber  2)  au  er  be§  au§ 
berfelben  ermac^fenen  9te(^te§,  2Öer  ®eorge§  ©d)i(berungen 
lieft,  iDirb  ücranla^t  äu  gtnuben,  biefelben  ^erfonen,  lüetdje 
bie  erfte  Sefi^ergreifung  üoUäogen,  fä|en  Ijeute  nod)  auf  itjrer 
©djolle,  bi§  an  bie  3öl}ne  bemapet,  um  il^ren  „Staub"  gegen 
bie  „nöd)ftgebornen  DJ^enfc^en"  ju  befjaupten.  ^lüein  ba§  ent= 
fpric^t  benn  boc^  nid^t  ber  2ßir!ti(i^feit.  @§  fommt  ber  2;ob 
für  jeben  unb  mit  i|m  bie  ßonfi§cotion  aller  biSl^er  befeffenen 
@üter.  ^ie  „nädjftgebornen  9J^enfd)en",  fofcrn  fie  2eibe§erben 
finb  über  bielleid)t  im  2;eftament  a\^  (ärben  eingefetjt  h3urben, 
treten  an  bie  ©teile  be§  @rblaffer§,  beffen  (Sigentt)um§re(^t 
mit  bem  Sebcn  jugleid)  erlDfd)en  ift.  S)er  Sled)t§titet  aber, 
auf  ©runb  beffen  bie  folgenbe  ©cneration  '^a^  ßigenttjum  cr= 
tt)irbt,  ift  md)t  metjr  bie  Dccupation,  fonbern  i^r  eigenes  (5rb= 
rec^t.  hinfällig  ift  barum  ©eorgea  ^ebcnten,  iDenn  er  fagt: 
„^er  seittidje  58orrang  ber  33efitjergreifung  foü  einen  au§= 
fd^tiefi(id)en,  eiuigen  9te(^t§tite(  auf  bie  (Srboberflädje  geben, 
auf  ber  nad)  ber  natürlichen  Orbnung  unsäljügc  @efd)Ied)ter 
einanber  folgen  follen?  §atte  benn  bie  borberfte  (Generation 
ein  beffere»  9ied)t  auf  biefc  Erbe  al§  lüir?  ober  bie  5}^enf(i()en 
t)or   tjunbert  Sflf)ven?   ober   Don   taufenb   3a{}ren   jubor?"  ^ 

1  Cf.  Progress  and  Poverty  p.  247.  fö  o  t  f)  r  e  i  n  o.  a.  D. 
S.  66. 


6.  ©inlüenb.  geg.  b.  noturred^tl.  23egrünbuiig  b.  ©vunbeigenti).     335 

darüber  burfte  ©eorge  Jid)  Beruhigen!  @r  t}atte  baS  gleidje 
ateci^t ,  (Sigent^um  511  ei;it3er6en ,  folange  er  lebte ,  tnie  jene. 
5lber  oud^  an  feiner  3:^üre  flopfte  ber  Sob  an.  Diid)t  für 
„etüig"  bermoc^te  er  bie  lonnnenben  @efc^(ed)ter  Don  bem 
,"panfc  au§äufd)Iie^en,  in  bem  er  tooljnte.  5Inbere  Generationen 
erfrenen  fic^  be§felben,  nad)bem  feine  (SigenifjuniSredile  er= 
(ofd^en  finb.  — 

ßa  möchte  una  fobann  fdieinen,  al§  ob  \\(^ 
b)  eine  gänslid)  folfdie  5Iuffaifung  über  ba§  SSerfjältni^ 
ber  ®runbbcfi|er  ju  ben  übrigen  ©liebern  ber  ©efcflfcbaft 
fotüie  über  ba§  äöefen  ber  arbeitst  ^eiligen  ©efell^ 
fd)a[t  bei  ©eorge  geltenb  \r\aä)k.  Sn  einei^  arbeit§t|ei(igen 
©efeöfd^aft  !önnen  unb  werben  nid)t  aüe  ^Bürger  mit  ber  5Be= 
ftellnng  be§  ^der§  fid^  befdjäftigen.  S)ie  einen  treiben  biefe§, 
bie  anbern  jencS  ©ef^äft.  <Sinb  bie  ©enjerbSleute  abf)ängig 
Don  bem  53auernftanbe ,  ber  if^nen  bie  5la^rung  be»  2eibc§ 
fpenbet,  fo  ift  ber  Sauer  abl)ängig  Don  ber  ^nbufirie,  bem 
Ä^anbmert,  bem  §anbet,  oI;ne  meldie  biele  feiner  Sebürfniffe 
feine  Sefriebigung  finben  mürben.  3Ber  (Selb  in  ber  2;afd)e 
^at,  ber  ift  bem  @runbeigent(}ümer  gegenüber  weber  ©üaöe 
nod^  Sributör.  §at  ber  Sauer  mc(}r  l^orn  probucirt,  al§ 
er  felbft  tserjefiren  !ann,  fo  ift  er  Don  ben  übrigen  bürgern 
fo  abijängig,  ha^  er  ofine  ben  SiifP^u^^)  ^f^'  ßonfumenten 
nid^t  einmal  feine  5probuction§foften  bcden  fönnte.  Sßir  geben 
allerbinga  gerne  ju,  ba^,  mer  ©runb  unb  Soben  aU  (Sigen= 
t^um  befi^t,  in  gemiffem  ©inne  einer  beffern  Sage  fi($  erfreut 
at§  berjenige,  ber  folc^en  (äigentl)ume§  bar  ift.  Slüein  bie 
Siebe,  meiere  ©ott  für  alte  ^^Ihnfi^en  cmpfinbet,  ^at  ja  aud) 
itjn  nid)t  abgebalten,  bem  einen  biefe,  bem  anbern  jene  gäf)ig= 
feiten  unb  ©elegenl^eiten  ju  berleifjen,  fo  t)a^  faum  ein  9}ienfd) 
bem  anbern  in  feiner  natürlidien  5Iu§ftattung  gteicb  ift,  in 
einer  gteicb  guten  Sage  fid)  befinbet.  3ebenfaII§  entfpricibt  e§ 
gar  menig  ben  objectiöen  Serpltuiffen,  lueun  bie  bon  ©eorge 


336    ®ritte§  ßa^Jttel.  S)a§  ^riüatetgentl^um  qI§  fociate  Qnftttution. 

getüä^Iten  Seijpiele  bie  ©runbbe[i|er  immer  al§  Seute  6e= 
äeid)nen,  bie  anbern  üoraiiSgeeilt,  um  einen  „5Iu|" ,  eine 
„Duette",  n)el(i)e  6e[tänbig  fliegt,  für  [ic^  ju  occupiren.  @i|t 
benn  5.  33.  unfer  heutiger  Souernftanb  ba,  ben  ^ror^n  in 
ber  |)Qnb,  um  au§  bem  t^oB  ber  ^iatur  bemienigen  einen 
labenben  Srun!  ju  fpenben,  ber  bie  „(Brunbrente"  jQ^It? 
®ie  D^atur  bleibt  larg,  unb  i()re  probuctiben  Gräfte  muffen 
in  ber  Siegel  erft  mit  bem  ©c^mei^  be§  2anbmanne§  befruchtet 
toerben.  „®ie  (Srbe  ift  bie  5}iutter,  bie  5Irbeit  ber  Später", 
fagte  5|3ettt),  unb  er  |at  rec^t  gehabt  mit  biefem  Sßort.  bitter» 
bing§  beabfiditigt  ©eorge  nur  mit  ben  bon  i§m  gemä^Iten 
53eifpiden  mögli^ft  prägnant  bie  Sßol^r^eit  f;erüoräu£)cben,  ba^ 
im  ^reia  ber  ^robucte  oud)  eine  „ütente"  für  bie  natürlid^c 
5ru(!^tbnr!eit  be§  Soben§  entgolten  fei,  eine  Üiente,  bie  mit 
äunef)menber  2)i(^tigteit  ber  Sebölterung  fteigt,  inbem  ber 
5prei§  ber  ^robucte  unb  bamit  auä)  ber  ^rei§  be§  5Joben§ 
fic^  er^öfit.  jDennod)  leiben  feine  5öeifpiele  on  einer  fo  ftarten 
Uebertreibung,  ba^  man  berfud)t  märe  äu  glauben,  er  f)ätte 
feine  Seigren  in  ben  «Sternen  gelefen,  ni(^t  au§  ber  Seoba^= 
tung  be§  menfcf)Ii(i)en  2eben§  gefd^öpft.  Wan  blide  nur  auf 
bie  2BeIt,  mie  fie  in  2i3irnid)teit  ift,  mau  gef)e  nad)  2)eutfd)(anb, 
naä)  Italien,  unb  man  mirb  eifennen,  ba^  I)ier  mie  bort 
gerabe  ber  5öauer,  ber  nod)  auf  „eigener"  ©ci^otte  fi^t,  t)iel= 
fad)  sum  Sributär  be»  mobilen  .Kapitals  gemorben  ift.  S)er 
3iu§,  ben  ber  ©runbetgentpmer  bem  Kapital  ju  jatilen  l^ot, 
ift  oft  größer  aU  bie  Stente,  bie  ber  Sanbmann  für  bie 
gruc^tbarfeit  feines  ?Ider§  bejiel^t.  §ierouf  möd^ten  mir 
bie  5Iufmerffam!eit  aüer  9teformer  teufen,  biefen  ^unft 
itjrem  ©tubium  empfehlen.  Sann  mirb  man  nidit  mefjr  bie 
tapitaliftifdien  5Jiittionäre  barbenb  an  ber  %^üxt  ber  Saueru= 
()ütte  ftel^en  fel)en,  um  einen  Srun!  2ßaffer§  bittenb,  etma§ 
Äorn  unb  SBeijen  erfletjenb,  i^ren  J^unger  ju  ftitteu,  mä^renb 
fie   gleich jeitig   tl^ränenbeu  5tuge§   ben  „Svibut"   nieberlegen, 


6.  ©inujenb.  geg.  b.  naturted^tl.  S3egrünbung  b.  ©vunbeigent!^.     337 

lueld^en   ber   räuberifd^c   Sauer   i^nen    auferlegt   f^at.    9Jhn 

tüirb  bielme^r  erfennen,   ba^   ber  fapitali[tifc^e  Liberalismus 

ber  geinb  bes  2Bo^I[tanbe§  ber  i^ölfer  ift,  er,  ber  burc^  bie 

usura  vorax  [id^  mäflet,  ber  bem  33auern  fein  5lderfelb  ent= 

lüinbet,  bie  ^^einiftätte  raubt,  auf  ber  bie  Altern  fofeen  unb  bic 

^inber  il;re  Dkfirung  in  S^ren  finben  füllten.   ?Dkn  wirb  ein» 

feigen,  baB  nid)t  ba§  (Srunbeigent^uni,  fonbern  ber  ll^ißbrauci^ 

bc»  Sigentfjumä   fc^ulb   ift   an  ben   gemeinfd)äblidjen   53oben= 

fpeculationen  unb  an  fo  dieleni,  maS  ben  9iuin  ber  23ölfer  be= 

fd^Ieunigt.     2)iefer  SOJiBbraud^   öerfc^ulbete  bie  93eröbung  ber 

einft  fruchtbaren  Gampagna,  bie  ^ntüölterung  unb  Sntneröung 

Italien»,  tt)el(^e  hm  ©oten  unb  SSanbalen  bie  Söege  bal^nte,  bo§ 

römifcfie  S3ritannien   an  bie  93eref}rer  Obina  unb  S^or»  au§= 

lieferte.  DZic^t  ha^  (Sigentl}um  mar  fc^ulb  baran,  'üa^  in  ben  e^e= 

bcm  reidien  unb  bebölferten  ^^^rDDinsen  be§  OftenS  bie  gelicbteten 

9teil)en  ber  Segionen  bon  bem  ^rummfäbel  ber  mo^ammebani= 

fi^en  Sorben  bernic^tet  mürben,  hü^  auf  bem  ^eiligen  @rabe 

fomie  auf  ber  ©op^ienfird)e  ba§  ^reuj  ^erabgeftopen  unb  ber 

^albmonb   aufgepflanzt  mürbe.     dl\ä)t  baS  ßigent^um  über» 

meift   in  (gc^ottlanb   frudjtbare  gelber   milben  Spieren   jum 

5tufent§alt,  bermanbelt  fie  in  Sirlanb  in  Söeiben  für  ha^  35ie£|, 

lä^t  in  (Snglanb,  in  5luftralien  baä  2anb  hxaä)  liegen.   5lid^t 

iiü^  Gigent^um  barf  man  auflagen  megen  aller  biefer  be= 

flagensmertlien ,  für  ha^  ©cmeinmolil  ber  33ölfer  bcrl)ängniB= 

boKen  S^atfac^en,   —   bie   @igentl)ümer   finb   bie  S(^ul= 

bigen;  —  jene  |)abfuc()t,  meiere  nac^  bem  SBort  beS  ^rop^eten 

bie  SRenfd^en  antreibt,  g-elb  an  ö^lb  gu  reifjen,  al§  ob  fie  allein 

auf  ber  6rbe  molinten,  —  jene  unjureic^enbe,  ben  Dieditcn  ber 

©efamt^eit  nid^t  entfprec^enbe  Sigent^uniaorbnung,  bie  mancher» 

ort»  aua  bem  ^ribateigentl)um  am  Sanbe  ein  pribates  9}?onopol 

für  menige  gefc^affen,  —  ber  Siberaliamuä   mit  feiner  grei= 

mirtfd^aft,  —  ha^  finb  bie  ^Jeinbe,  meldte  mit  bem  ©dlimeifie, 

bem  Slute  be§  Sßolfeä  i^re  beboten  ^partifane  fo  lange  nö^ren 


338     S)Titteö  ßa^jüel.  S)a§  ^nt)ateigentf)um  aU  fociale  Stiftituttott. 

fonnten,  bi§  bic  9^Qtionen  enbüd)  fid)  ermannten,  um  bie 
brücfenben  Letten  ju  jerrei^en.  %uä)  ©eorge  fjot  bie  @lgen= 
t^iimginfütution  mit  ber  ßigenttjumsorbnung  t)ertt)ed)[elt,  ba§ 
(Sigentt}um  beS^alb  bermorfen,  meil  er  bon  ber  irrigen  23orau§= 
fe^ung  ausging,  e§  gebe  nur  ein  einjigeä  ©gentium,  —  ba§ 
abfolutc,  —  nur  eine  einzige  (5igentI)um§orbnung ,  bie  bem 
(Sigcnttjiimer  bie  [c^ranfenloS  freie  33enu|ung  feiner  @üter  über= 
Iä|t.  ©Dtüeit  er  ein  (Sigent^um  anerfennt,  an  ben  i5^w<^ten 
ber  5trbeit,  nennt  er  ja  bie[e§  Stecht  ein  „unbefd^rönÜeS, 
ausgenommen  foldie  ^üKe,  in  meieren  bie  ^flidjt  ber  <SeIbft= 
er^attung  alle  onbern  9ffec^te  auffjebt"  i.  — 

5.  S)ie  übrigen  (Sinmenbungen,  meldie  ©eorge  gegen  bic 
S3emeiSfü^rung  ber  päpfllid^en  (£ncl)!Iifa  mad)t,  bieten  menig 
5^eueS  unb  [inb  in  bem  bi§f)er  ®e[agteu  jur  (Genüge  tüiber=' 
legt.  ©0  5.  53.  bermirft  ©eorge  bie  33ef)auptung  be§  ^ap[te§, 
„ba^  bie  auf  ben  Soben  bermenbete  ?Irbeit  ein  @igent^um§= 
red)t  an  t)a§i  Sanb  fetbft  gäbe"  ^. 

S)er  @inn  ber  SBorte  be»  |)ei(igen  SSaterS  ift  bereits  früher 
bon  uns  bargelegt  morben.  Seo  XIII.  fagt  nid)t,  bie  5lrbeit 
als  bloße  S()atfad)e  gemä^re  ein  @igent^umSred)t  am 
SSoben.  3)amit  überhaupt  eine  S^atfadie  3ted^tStiteI  beS  con= 
treten  @rn}erbeS  fein  fönne,  mu^  fie  auf  einen  9ted^t§grunb 
fic^  jurüdfüfjren  laffen,  ber  gonj  aftgemein  bie  Sefugni^  beS 
@igentf}umSertrerbeS  entl}ölt.  9hir  infofern  unb  fomeit  bie 
concrete  (5inäelt{}atfad)c  fid)  unter  biefen  allgemeinen  unb  aM^ 
tracten  9tecbtSgrunb  fubfumirt,  mirb  fie  für  ben  inbibibuellen 
gall  jum  red)tlid)en  ©rmerbStitel.  5ttlgemeiner  9ted)tSgrunb 
nun  für  ben  Srmerb  beS  @igentt)umS  an  ben  materiellen 
Singen  ift  aud^  baS  ®igentl}um§red}t,  mld)t^  ber  DJJenfd^  an 
feinen  2:t)ätig!eiten  unb  bereu  f^i^üc^ten  I^at.  5lber  eS  ift  uid)t 
ber  letjte,  aflgemeinfte  unb  I}öd}fte  9Jed)tSgrunb,    fe^t  bielme^r 

'  Offener  Jöiicf  S.  4.  "  (Sbb.  S.  31. 


6.  ©imuenb.  Qcg.  b.  naturrecfjtl.  Segrünbiing  b.  ©ruubeigeiit^.     339 

feinerfeit§  bie  Gintüeifung  be§  5}?enf(!^en  in  bicfe  2Be(t  unb 
ba»  öon  ©Ott  Derlle^ene  9ted^t,  bie  (Srbe  [ic^  bien[t6nr  ju 
niadjen,  qI§  l^ö^crn  ütedjtstjninb  not^itienbig  öoraii».  —  6ben= 
foiüenig  behauptet  ber  ^apft,  bap  jebe  auf  bcn  23Dben  ber= 
roenbete  5trbeit  ßigent^uni^rerfit  an  bem[et6en  berlei^e.  6r= 
fennt  bo^  ber  ^eilige  5öater  ba§  SofjnDer^äUni^,  bei  welchem 
ber  im  ®ien[te  eine§  anbern  [tetjenbe  5Irbeiter  fein  ©igent^um 
am  ^robuct  eriüirbt,  aU  ju  Siedet  beftef^enb  an.  3n  ber 
anbern  $ßorau§i"e|ung  n)ürbe  ü6erbie§  bie  5tr6eit  jum  93er= 
berben  ber  51rbeit  werben,  ba  jeber  beliebige  frembe»  (Sigen= 
t^uni  rauben  !i)nnte,  inbeni  er  baa)elbe  blo^  5um  ©egcnftanb 
feiner  5(rbcit  ju  machen  6rou(j^te.  Söobon  ber  ^ap[t  rebet, 
ba§  i[t  bem  un^tüeibeutigcn  2ßort(aute  nac^  —  tt)ie  auä)  ©eorge 
annimmt^  —  lebiglid^  ber  urfprün gliche  Grioerb  be§ 
@igent!)um§  an  einem  <Btüd  2anb,  ha^i  bisher  nod)  niemanb 
gehört  f)at.  §ier  aber  i[t  in  ber  %l)at  bie  5lrbeit  äfec^tStitel 
be§  @igent(}um§ertt)erbe§.  5(nbcrn[aII§  tDÜrbe  ber  erfte  Se= 
bauer  be§  5(cfer§  bie  grud)t  feiner  5lrbeit  nic^t  fein  eigen 
nennen  fönnen.  5)enn  raa§  ift  bie  grudjt  ber  5lrbeit? 
S)er  Sßeiäen,  ber  au\  bem  urbar  gemad)ten  g-elbe  müd^ft? 
O^ne  3n32ifel;  aber  ha^  ift  bie  mittelbare  grud^t.  Ser  un= 
mittelbare  Effect  ber  cultiüirenben  Strbeit,  if)re  unmittel= 
bare  „^-rud^t"  ift  bie  Sobenöerbefferung  fetbft,  ber 
berbefferte  33oben.  3*^^^^  ^i^b  ber  53oben  ebenfottjenig  feiner 
©ubftanj  nad)  non  bem  DJienfc^en  erjeu^t  mie  ber  9iod,  ben 
ber  ©dineiber  anfertigt.  ?lber  bie  ^Jorm  be§  cultibirten 
53oben§  ^at  er  burd)  menfditidjc  9Irbeit  erl^alten,  unb  biefe 
^orm  fann  infofern  Dom  Sanbe  nic^t  getrennt  n^erben,  al§  fie 
für  fid^  aQein  fein  ©cgenftanb  be§  @igent^um§  ju  fein  bermog. 
2)ie  33erlegen^eit ,  in  meldier  ©eorge  fi^  biefer  5trgu= 
mentation   gegenüber  befanb,    öeranta^te  itju,    no^   mehrere 

1  Offener  SJuef  ©.  31. 
^t]ä),  SibcraligmuS  it.  U.  2.  Slufl.  16 


340    S)Titte§  ßa^Jttel.  S)a§  ^riDoteigenf^um  aU  feciale  Sinftitutton. 

(^intüenbungen   aneinanber   ju   reiben,   o^ne   bo^   jebDc^   bie 
@(^tt)ä(^e  ber  einzelnen  fiierburii^  üöertounben  tüerben  fönnte: 

1)  @e[e|t,  bie  5Ir6eit  recf)tfertigc  auc^  ben  urfprüng= 
Ii(^en  @rtDerb  be§  @igent^um§  am  ©runb  unb  Soben,  fo 
tüürbe  [ic  bo(^  nic^t  ba§  ^riöateigent^um  am  2anbe,  „tt)ie 
c§  (}eute  befielt",  ju  red)tfertigen  im  ftnnbe  fein  ^  5tber 
öom  fjeutigen  @igentf)um  unb  ben  einjelnen  l^eutigen  (Sigen^- 
t^ümern  rebet  ja  ber  5|3ap[l  äunüd)[t  nicfit.  @r  entmidelt  bie 
naturrec^tlici^e  ©runblage  be§  ^ribateigentl^umS  im  alU 
gemeinen.  Söill  jemanb  bie  9te(f)t§titel  ber  inbibibueßen 
^riöateigent^ümer  bon  ^eute  prüfen,  fo  mirb  Seo  XIII.  i^n 
nic^t  ^inbern,  biejenigen  ju  bertrerfen,  bie  „in  ©emalt  unb 
23etrug  i^ren  Ursprung  l^aben"  2. 

2)  ÖJeorge  fragt:  meun  bie  geleiftete  ^Irbeit  ein  (Sigcn= 
tfjum§reci)t  an  ©runb  unb  ^öoben  gebe,  mo  bann  bie  (Srensen 
biefea  (Sigentl)um§re(f)te§  feien,  ob  j.  53,  biefeS  @igent^um§= 
red}t  feine  Geltung  bema^re,  fobalb  e§  \\ä)  ^erauSfteHe ,  ta^ 
ber  33oben  reiche  Wmtn  entljalte  u.  bgl.  ^  ?(ber  maS  foH 
biefe§  53ebenfen?  —  (S§  genügt,  baß  bie  naturrei^tlid^e  58e= 
trac^tung  mit  ^tot^menbigfeit  jur  9(nna!)me  eine§  (Sigen= 
t!§um§  an  ber  ©rboberfläc^e  fül)rt.  5tlle  weitem  t^ragen 
fönnen  ben  |)Dfitib=red)tIi(^en  ^eftimmungen  überlaffen  bleiben. 
®a§  römifcftc  9^ed)t  läfjt  "iia^  ©igent^um  an  ©runb  unb  Soben 
bi§  in  bie  ungemeffene  2:iefe  unb  |)ö^e  geljen.  2)ie  in  bem 
SSoben  befinblid^en  ^Rineralien  gelten  i^m  a(§  58eftanbt^ei(e 
be§  @runbfiüc!e§,  bemgemö^  a(§  ber  2)i§pofition  be§  @runb= 
eigentt)ümer§  unterfleüt.  ^a§  beutf(f)e  ^tä)t  bagegen  befianbclt 
bie  5J?ineraIien  u.  bgl.  a(a  %aturfd)ä|e  unb  nimmt  an,  ba^ 
fie  ^errento§  finb,  folange  feine  Occupation  burd)  ^Bergbau 
ftattgefunben  ^at.    5)a§  9fied)t  ber  Occupation  mar  jebod^  in 

»  Offener  Srtef  6.  31.  2  g^^,.  @.  31. 

3  ebb.  6.  32. 


6.  ©inioenb.  geg.  b.  naturied^tl.  Jöegrünbung  b.  ®runbeigent^.    341 

bell  ä(tern  3^'^^!^  •■^ijf  "^i^  (Sigentpmer  öer  @rboberfIüc^e  be= 
jd^ränft.  5Iuf  ^riüütgrunbftüiteii  fonuten  bie  ^-Priüaten,  üü\ 
bei  (Semeinbemar!  bie  5Jkrfgeno[jeu,  auf  ^errenlojein  ^obeu 
ein  jeber  bauen,  ©püter  na^m  ber  ©taat  ha^  Oiedjt  ber 
OccupQtion  ala  Sergregal  für  [id^  in  5(n[pru(l^.  Sn  ber 
neuern  3^^^  ^\^  ^'^^  Sergregal  loieberum  aufgeljoben,  ber 
53ergbau  aber  im  öffentürf)en  ^ntereffe  burd^  befonbere  ^or= 
jc^riften  bej'c^ränft.  @»  fönnen  alfo,  raie  biefe»  53eijpiel  jeigt, 
bie  ^(nfic^ten  unb  ^tuffoffungen  über  „bie  ©renken  be§  6igen= 
t()um§rec^te§"  fogar  innerhalb  beafeiben  2anbe§  lüec^i'eln,  ol^ne 
'Oü^  bie  Seredjtigung  be»  ^riüatgrunbeigent^um»  irgeubiuie 
baburc^  in  i^roge  ge[tellt  würbe.  — 

3)  ©eringen  Sinbrucf  mac^t  e§,  roenn  ©eorge  fobann  in 
folgenber  SBeij'e  argumentirt:  „®ie  auf  ©runb  unb  S3oben 
öerroenbete  5lrbeit  ergibt  nur  ein  @igentl)um»rec^t  an  bie 
grüc^te  be»  gleite»,  aber  nic^t  an  ben  33üben  jelbft,  ebenjo 
Xök  bie  5lrbeit  auf  bem  Ocean  ein  Ütec^t  auf  ben  S3efi^  be§ 
(yi)c^e§,  aber  fein  6igentbum»rec^t  an  ben  Ocean."^  3n 
ü^nlit^er  Üöeife  ^atte  er  bereit!  bie  geiftreic^e  23emer!ung  ge= 
mad)t,  tuenn  jemanb  betreibe  baut,  „fo  erwirbt  er  baburdj 
ein  (5igent[;umare(^t  an  "ba^  (betreibe,  ha^  er  erntet;  aber  er 
fann  fein  gleid^e»  @igentf)umarec^t  an  bie  Sonne  geltenb 
machen,  bie  e§  jum  Dteifen  brad)te,  noc^  an  htn  33oben,  auf 
lüeld^em  e§  geiüad^fen  ift"  ■^.  2öat)r^aft  fuperb!  ©eit  loann 
lüirb  benn  bie  ©onne  üün  bem  DJhnfc^en  bebaut  raie  ber 
steter?  Seit  mann  erpit  ba§  9Jieer  eine  neue  gorm  burd^ 
ben  3^if(^fang,  mie  ber  SBoben,  meld)en  ber  5Renfdö  cuItiDirte? 
2)ie  ©onne  jc^mebt  ju  f)od)  über  un».  Sa  ift  ein  mirflid^er 
58efi^  unb  barum  auc^  ein  @igent{)um  für  ben  ^Jtenfd^en  un= 
mögUd^.  2öir  mürben  un§  \a  woiji  anä)  bie  Ringer  öer= 
brennen,  menu  mir  biefen  gemaltigen  geuerförper  5U  occupiren 

'  Offener  SBrief  ©.  32.  ^  g^t,.  g.  3, 

lö* 


342    S)Tttte§  ßat)itel.  S)a§  ^rit)atetgentf)um  als  fociale  Siiftitutton. 

öerfuc^ten.  2)aS  9J?eer  ober  in  Sefi^  ju  nehmen,  l^ot  feine 
^ebeutung.  S^er  fyifc^fang  insbejünbere  föürbe  burd)  5Ip= 
propriotion  be§  9^kere§  um  nid^t§  eintröglidjer  werben  ^ 
n^öljrenb  bog  53ebür[niB  einer  intenfiüen  Kultur  be§  33oben§  [id; 
ftetS  mit  bem  ^priüateigent^um  an  bemfelben  üerbunben  Ijat. 
4)  (So  erregt  ©eorgea  ©ntrüftung,  ha^  ber  58Dbeneigen= 
ti;ümer  bie  SBertljfteigerung,  meiere  am  Soben  infolge 
Don  Sebölferung§äunal^me  unb  burc^  33erbefferungen  feiten§ 
be»  ©taatea  ober  ber  ©emeinbe,  öffentlidie  6inrid)tungen  u.  bgl. 
entfte^t,  o^ne  meitereä  ein[treic^t.  2Bir  begnügen  un§,  bem= 
gegenüber  baran  ju  erinnern,  ba^  meber  bie  33ebö(ferung§= 
5una^me  auf  eine  Slrbeit  be§  @taate§  ober  ber  (Semeinbe  fic^ 
jurüdfüfjrt,  noi^  bie  ^ierburi^  uamentlid)  in  ben  ©tobten 
bemirtte  Steigerung  be§  ®runbtt)ert§e§  im  tuatiren  ©inne  bes 
2Borte§  a(§  „^robuct"  ber  53ebölferung§äuna^me  bejeicbnet 
toerben  tonn,  ©ie  ift  eine  ^olge  ber  größern  Sic^tigfeit 
ber  53ebölferung,  trie  [ie  aud)  a(a  eine  ^^olge,  aber  nid)t  al» 
^robuct,  ber  burd^  ©taat  ober  ©emeinbe  bemirtten  93er= 
befferungen  [id)  barfteüt.  ®eorge§  eigene  Stieorie  aber  ge= 
mä^rt  jenmnb  ßigent^uniarec^t  nur  am  eigentlidien  unb  un= 
mittelbaren  ^probucte,  an  bem  bon  i^m  „ßräeugten".  W\t 
meldiem  Siechte  fpridjt  er  alfo  bem  ©taate  ober  ber  ©emeinbe 
ba§  ^igentfjum  an  2ßertt)[teigerungen,  an  neuen  SBert^en  ju, 
metciöe  burc^aus  nii^t  ^robuct  ber  ftaattid^en,  ber  gemeinb= 
Iid)en  ?lrbeit  finb?  Unb  miH  er  etma  ferner  mirllid^  ben  ©a| 
auffteHen:  ''Mi^,  ma§  infolge  meiner  |)anblung  an  a>or= 
t^eit  einem  anbern  erh3öc^ft,  fäüt  in  mein  6igentt)um?  S)a 
tt)ürbe  eines  Sage§  aud^  eine  amerifanifdie  ^riöatgefeüfd^aft, 
meld)e  in  ber  9löt;e  unfcrer  Käufer  einen  i3ffentlic^en  ^rad)t5ou 
aufführt,  5.  S.  ein  ©tationSgebäube,  bie  ^ierburd)  bemirfte 
Sßert^fteigerung   ber    ©runbftüde   mit   bemfelbcn   Steinte   für 

'  Jßgl.  m  9f{üf  (^er,  (Svunblagen  ber  5)kttonalö!onoinie  I,  §  87. 


6.  ©intoenb.  geg.  b.  naturrec^tl.  Segrünbung  b.  ©runbeigent^.    343 

fid)  in  5tnfprud)  nel}inen  föinien,  tüie  ©eorge  berarticje,  burc^ 
[taatüdje  ober  gemetnblid^e  5trbctt  mittelbar  betnirfte  Wünil)^ 
erl^öl^iingen  bcm  ©taate  juäutljeilcn  bereit  tuar.  — 

6,  5Iber  (SJeorge  i[t  nodj  nid)t  fertig.  @r  öerneint  bie 
33e^auptung  be§  ^Qp[te§,  „bafe  ba§  ^riöQteigentfjum  an 
©runb  unb  Soben  Don  ber  öffentlid^en  9]i einung  gut= 
gel^eiBen  tüerbe,  haVi  (t?i  jur  Stufje  unb  5 um  gerieben  bei= 
getragen  f)abe  unb  'i)a^  e»  burd;  ein  gi)ttnc^e§  ©ebot 
getjeiligt  fei."  ^ 

5Ilfo  5unäd)ft  fott  ba§  ^rinatgrunbeigentl}um  nid)t  burd^ 
bie  öffentüd)e  DJkinung  gutgefjeifjen  fein:  „iSelbft  mcnn  e§ 
ma^r  märe,  baj^  bie  öffentüdie  53?cinung  ba§  ^riöateigentljum 
an  ©runb  unb  23oben  anerkenne,  fo  märe  bamit  ebenfomenig 
feine  @ered)tig!eit  ermiefen,  a(§  bie  einft  uniüerfeüe  5(nerfcnnung 
ber  ©ftaberei  biefelbe  ju  einer  gered)ten  (Sinrid^tung  madbte."^ 
5tflerbing§,  mürbe  ba§  ^riüateigentljum  an  ©runb  unb  ^^oben 
nur  einer  einselnen  ^^eriobe,  ber  einen  ober  anbern  (Spodje 
angel;ören  mie  bie  Sflaüerei,  fo  fjätte  ber  ©inmanb  ß)eorge§ 
feine  Berechtigung.  5IIIein  2eo  XIII.  beruft  fid^  auf  bie 
öffentlidie  ü)?einung  nid^t  einer  @pod}e,  fonbern  aller  3^itc'i 
unb  aller  5>ö(fer,  bie  an  ber  auffleigenben  ßntmidlung 
ber  (Jibiüfation  unb  Kultur  5{nt[)ei(  genommen.  SBenn  aber 
(George  bemgegenüber  auf  ben  angcblid)  „urfprünglid^en"  6om= 
muni§mu§  aller  ''Mikx  fjinmeift,  mcnn  er  bom  (äigenttjum 
bel)auptet:  „(5§  fam  in  bicfe  moberne  2i3clt  burd)  Sf)re  2Sor= 
fahren,  bie  iRömer,  bereu  ßiöiUfation  e§  corrumpirte  unb 
bereu  9teid)  e§  jerftörte"  ^  —  fo  nimmt  er  bamit  einen  freute 
miffenfd)aft(idb  bereite  übermunbencn  ©tanbpuntt  ein. 

Unter  ben  bieten  ©rünben  ju  ©unften  be§  ^rioateigen= 
tf)um§  füljrt  2eo  XIII.  aud)  ben  an,  ba^  bie  9:i?enfd)|eit 
„burd)  i(}re  praftifc&e  ^(nertennung  ja()rtjunberte(ang  ba§  @igen= 

'  Offener  Svief  ©.  35.  2  (&bb.  ^  gbb.  6.  3G. 


344    Sritteö  ßapitel.  ®aö  ^ßrioateigent^um  alö  fociole  3tnftitution. 

t|um§red)t  fDjufagen  gel^eiügt  ^obe  a(§  einen  5lu§f(u^  ber 
SBeÜorbnung  unb  ül§  eine  ©rnnbbebingung  be§  frieb= 
H  d)  e  n  3  "  [ ^  m  m  e n l  e  b  e  n  §"  i.  S)iefe  53emer!ung  ticktet  [i<^ 
jiiiiäc^ft  nur  gegen  bie  im  boöen  ©inne  be§  Söorteä  com= 
niuniftijc^en  unb  focialiftifd^en  (5t)fteme.  S^nen  gegenüber 
ober  i[t  ber  angeführte  SetoeiSgrunb  öon  burt^fdilagenber 
^raft.  S)er  '^ap\i  mü.  babei  nic^t  in  5lbrebe  [teilen,  ba^  man 
irgenb  roetdje  ©t)[teme  auSbenfen  tonnte,  in  lüeldien,  wenigftenS 
fd)einbar,  äl)ul\ä)  für  Drbnung  unb  ^rieben  geforgt  wäre,  tt)ie 
in  einer  auf  5prioateigentl)um  begrünbeten  ©efeüfcbaft.  2Ba§ 
er  behauptet,  i[t  lebiglic^  bie  offenfunbige  2;|atfad)e,  bie 
5}knfd)^eit  ^aht  ja^rf)unbertelang  im  ^riüateigentfjum  eine 
naturgemäße  ©runbbebingung  be§  frieblidien  3ufömmenleben§ 
erblidt. 

©el)r  [onberbar  nimmt  e§  fid)  au§,  wenn  @eorge  bem 
^ap\t  nun  noc^  eine  ejegetifd^e  SSorlefung  ju  Italien  \\ä)  erlaubt. 
„(Sm.  |)eilig!eit  beuten  an,  ein  (Sebot  ©otte§  Ijeilige 
ba§  5pribateigent^um§red)t  an  (Srunb  unb  Soben,  inbem  <Bk 
au§  bem  fünften  5ßud)e  3D?ofcö'  ben  folgenben  <Sa|  anfüt^ren : 
2)u  foüft  nicbt  begef;ren  beine§  ^^Jäd^ften  Sßeib,  |)au§,  5lder, 
^ned)t,  5Kagb,  Odß,  (5fel  unb  aüeS,  n)a§  fein  ift.  Sßenn 
ßtt).  i^eiligteit  meinen,  ha'i!,  ba»  2Bort  ,5ider'  f)ier  al§  eine 
Heiligung  be§  priüaten  ®runbeigent^um§,  wie  e»  (jeute  befteljt, 
gelten  foll,  bann  tonnten  wir  mit  weit  größerem  9ted)te  folgern, 
baß  bie  SBorte  ,^lned)t'  unb  ,5JJagb'  Ijier  eine  Heiligung  ber 
5[){enfd)enf!(aüerei  bebeuten;  benn  e§  ergibt  fid^  flar  au§  anbern 
33eftimmungen  beSfetben  (Sefe|bud)e§,  baß  fid)  biefe  5lu§brüde 
ebenfowot)!  auf  bie  seitweilig  Seibeigenen  alä  aucb  auf  bie 
©ftaberei  beäieljen.  5tber  ba§  SBort  ,5tder'  bedt  fi^  I)ier  mit 
bem  S3egriff  ber  53obenbenu|iung  unb  ber  93obent)erbefferung, 
auf  \vdd)t  ein  53efi^=  unb  ein  Sigentl^uniSreci^t  gittig  ift,  otine 


©nc^tlita  Herum  iiovarum  <B.  16  (17). 


6.  (Sintüenb.  geg.  b.  naturred^tl.  JBegrttnbung  b.  ©runbeigentf).     345 

5lner!ennung  eine§  @igent!^um§re(i)te§  an  bem  (Briinb  iinb 
Soben  felb[t.  S)q^  biefe  Sejugna^me  auf  ben  ?(rfer  feine 
|)etligung  be§  ^Dttöaten  2anbeigentf}um§,  tüte  e§  l^cute  befielt, 
fein  !ann,  ba§  beföeift  ber  Weitere  ©afe  im  mofaifdien  ®efe|= 
bud^,  tt)eld)er  au§brüdlid)  biefe§  @igentf)um§red^t  ala  ungerecht 
unb  ungeeignet  berneint.  ,®iefe  @rbe',  fagt  ^e^oba^,  JoK 
nic^t  auf  immer  berfauft  werben,  meit  fie  mir  gef)ört  unb 
tt)eil  i^r  grembe  barauf  feib,  benen  id)  fie  bermietfje',  unb 
e»  mar  bementfpred^enb  borgefd)rieben,  ba^  ba§  Sanb  aöe 
fünfjig  Sa^te  an  ben  urfprünglit^en  (äigentfiümer  ober  beffen 
Grben  jurücffallen  foUe,  moburc^,  in  einer  ben  bamaligen  ein= 
fadien  guftönben  be§  (Srmerb§(eben§  entfpredienben  äßeife,  e§ 
unmöglici^  gemaci^t  toerben  foHte,  ben  DJJenfd^en  i^ren  ^Ia| 
auf  ®otte§  (Srbboben  bauernb  boräuent^alten."  ^  gangen  mir 
mit  bem  legten  an !  @§  ift  unmal)r,  ba^  ^eljoba^S  2Bort  ba§ 
6igent^um§re^t  am  ^ßoben  aU  ungerecht  unb  ungeeignet  ber= 
neint.  5tIIerbing§  erfci^eint  bie  @rbe  al§  eine  freimiöige  (^aU 
®otte§  an  ben  9J?enf($en,  al§  ein  2anb,  „melc^eä  ber  |)err, 
bein  ©ott,  bir  gefd^enlt".  5I6er  ergibt  \\ä)  barau§,  boB  ber 
SRenfd)  bem  9J^enfd)en  gegenüber  fein  (SigentfiumSreci^t  geltenb 
matten  fönne,  menn  er  auct)  ©ott  gegenüber  nur  aU  5Jiiet^er 
ober  5ßermalter  erf(f)eint?  33eftätigen  fobann  ni(^t  gerabe  bie 
Sßerorbnungen  beS  mofaifdien  @efe|e§,  bie  Seftimmung,  ba^ 
aöe  fünfzig  ^a^re  ba§  2anb  an  ben  urfprünglicfeen  @igen= 
t^ümer  ober  beffen  @rben  äurücffaüen  foKe,  —  ein  fe^r  ftabileS 
ßigent^um,  melc^eS  burc^  SSerfd^uIbung  feinem  rechtmäßigen 
4^errn  nic^t  bauernb  entriffen  merben  foQte?  2Bo  in  aller 
SBelt  fte^t  ferner  gefc^rieben,  baß  ber  «Staat  t)tn  ©runb  unb 
S3oben  an  bie  ©efeUfc^aftSglieber  ju  bermietl^en  l^abe?  Ober 
ibentificirte  etma  ©eorge  ben  ©taat  mit  Se^oöa^  unb  leitete 
au§  3e]^oba!§§  meltumfaffenbem  (Sigent^um  baa  @taat§eigen= 


»  Offener  »rief  6.  39. 


346    S)titteö  ßapitel.  ®a§  ^riöatetgcnt^um  al§  focialc  Sfnftilution. 

t^um  q6?  ®ie  6rbe  gel^ört  mir,  fagt  3ef)Dba^,  —  nic!^t: 
bem  «Staate.  „3d)"  betmiet^e  fie,  —  nidit  ber  Staat.  W\z 
tann  alfo  ©eorge  in  ben  Borten  ber  ^eiligen  <Bä)x\\t  eine 
23e[tätigung  feiner  Stjeorie  finben  hjotlcn?  ©erabeju  abjurb 
i[t  e§  enbtid),  n^enn  (Seorge  bel^auptetc,  ba§  ©ebot:  „2)u  foüft 
nid)t  begef)ren  beine§  9^äd;[ten  SBeib,  4^au§,  ^(der,  ^neci^t, 
^Jiagb,  Od)§,  ßfel  nnb  alle§,  iüa§  fein  i[t",  bürfe  nnr  bann 
jum  Sd;n^  be§  6igent^um§  am  5t(fer  angerufen  werben,  menn 
man  e§  ebenfalls  al§  eine  S3eftätigung  be§  (5igent(}um§  an 
^ned)t  nnb  5}?agb  auffaffen  molle.  @i,  worum  nii^t  gar 
üuä)  a(§  eine  ^ßeftätigung  be»  (Sigent^umS  an  ber  grau  ®e= 
ma^Iin?  ®a§  ©ebot  miH  ba§  3fted)t  be§  mä)\kn  felbft  gegen» 
über  ber  33egierbe  f(^ü|en.  Ob  biefe§  3fied)t  (5igent'^um§= 
rec^t  fei  ober  nic^t,  baöon  fagt  ba§  ©ebot  al§  foI(!^e§  nid)t§, 
bebient  fid)  bielmebr  be§  aögemeinern  5(u§brud§  „aüeS,  mü§ 
fein  ift".  2)er  Oc^§  unb  6fel  ebenfo  mie  ber  5tder  ftanben 
bamal§  im  boüen  ^ribateigentfjum ,  unb  auc^  biefe§  ^rtöat. 
eigentt)um  wirb  alfo  burd)  ba§  göttlid)e  ©ebot  gefd)ü|t.  — 
7.  „Sie  fagen  weiter,"  rebet  ©eorge  ben  ^apft  an,  „ba^ 
bie  S5äter  für  i^re  ^Mnber  forgen  foHten  unb  ba| 
ba»  5]3ri  Datei  gentium  an  ©runb  unb  33  oben  baju 
nötl^ig  fei,  um  itmen  biefe  SSorforgc  ju  ermöglici^en.  .  .  .^ 
5nfo  @m.  ^eiligteit  glauben,  e§  fei  eine  ^flid)t  ber  Später, 
t)tn  ^linbern  nufebringenbe»  ©igentljum  ^u  l)interlaff  en, 
ba§  fie  bor  ^Rot^  unb  ©lenb  in  ben  2öed;felfällen  biefe§ 
irbifcben  2eben§  fd)ü|en  foa."^  5Berg!eid)en  wir  bamit  bie 
äßorte  2eo§  XIII:  „Sn  SSejug  auf  bie  Söaljl  be§  2eben§= 
ftanbe§  ift  e§  ber  t^reif)eit  eines  jeben  anl}eimgegeben,  entweber 
ben  9latt)  bei  göttlichen  |)errn  jum  ent^altfamen  Seben  ju 
befolgen  ober  in  bie  @f)e  ^u  treten,  ^ein  menfd)Iid}e§  ®efe^ 
!ann  bem  5Jien)d}en  ha^  natürlid^e  unb   urfprünglid)e  9te(|t 


Offener  »rief  ©.  39.  ^  @f,t,,  g.  40. 


6.  Sinmenb.  geg.  b.  naturrec^tl.  Segrünbung  b.  ©runbeigentt).     347 

auf  bie  @^e  entjie^en;  feine»  tami  ben  ^auptjiüec!  biejev 
burd^  ®Dtte§  ^eilige  ^lutoritöt  feit  ber  (Srfdiaffung  eiii9efül)vteu 
(Jinrid^tung  irgenbiuie  einfdjronfen.  ,2ßad)fet  unb  meieret  eu^.' 
W\t  biefen  Söorten  voax  bie  gamilie  gegrünbet.  ^ie  ö^amilie, 
bie  Ijüullid^e  @efeüfrf)Qft,  ift  eine  Kialjxt  ©efedfd^aft  mit  ollen 
Ütetiiten  berfelben,  fo  flein  immerl^in  biefe  ©efeüfc^aft  \\ä)  bor» 
ftellt ;  fie  ift  älter  q(§  jegliciie»  anbere  ©emeinroefcn,  unb  beS« 
fialb  befi|t  fie  unobpngig  üom  ©taate  i()r  innemoljnenbe 
23efugntffe  unb  ^flid)ten.  2Benn  nun  jebem  93^enfd)eu  al§ 
ßinjelttjefen  bie  dlatux  boä  Siecht,  (äigenttjum  ju  enoerben 
unb  5U  befi^cn,  bedienen  Ijat,  fo  nm&  \iä)  biefe§  ^Ked)t  aud) 
im  3)teufd)en,  infofern  er  §Qupt  einer  g^mnilie  ift,  finben; 
ja  baafelbe  befi^t  im  gamilienltiaupte  nod)  me^r  Energie,  meti 
ber  5Jtenfd)  fi(^  im  IjäuSüt^en  Greife  gleid}fam  ou§be()nt.  (Sin 
bringenbe§  Öiefe^  ber  5^atur  derlangt,  bafÄ  ber  Q^amitienöater 
ben  .Qinbern  ben  2eben§unterl;alt  unb  allc§  Diöt^ige  Dcrfd)affe, 
unb  bie  Statur  leitet  i^n  on,  aud^  für  bie  3ufunft  bie  litinber 
äu  berforgen,  fie  möglic^ft  fic^ersuftetten  gegen  irbif^e  2öed^fel= 
fäQe,  fie  in  ftanb  ju  fe^cn,  \\d)  fclbft  bor  (älenb  jn  fd)ü^en; 
er  ift  ea  [a,  ber  in  'iitn  ^inbern  fortlebt  unb  fid^  glei(^fam 
in  il^nen  miebertjolt.  2Bie  foH  er  aber  jenen  5pf(id)ten  gegen 
bie  5?inber  nad^fommen  fönnen,  menn  er  iljnen  nid()t  einen 
Sefi|,  tt)etd)er  frud^tet,  al§  (Srbe  Ijinterlaffen  barf  ?"  ^  ^Dreierlei 
behauptet  ber  ^apft: 

1)  S)er  gamiüenoater  Ijat  al§  foldjer  ha?i  9t  e  d)  t ,  (Sigen= 
t^um  äu  erwerben  unb  ju  befi^en; 

2)  e§  liegt  i()m  bie  ^flidbt  ob,  feinen  ^inbern  ben  2eben§= 
unterhalt  unb  jegtidie  Pflege  ju  berfd)affen  (ut  victu  omnique 
ciiltu  tueatur,  quos  ipse  procreavit). 

3)  bie  Statur  leitet  il)n  überbie§  an  (a  natura  ipsa 
deducitur),  ju  tuollen  (ut  velit),  ba^  er  ba§ jenige  erwerbe, 


6ncl)fti{a  Rerum  novarura  ©.  18  (19). 

16^ 


348     Sritteg  ßopitel.  ®a§  ^Prtbatctgent^um  aU  focialc  ^nftitution. 

tüobur(^  bie  ^inber  gegen  irbifc^e  äBe^felfäHe  [id)erge[tent 
mürben.  S)a§  fönne  ober  nur  huxä)  ben  58e[i|  frudittragenber 
©Qd^en  (fructuosarum  rerum  possessione)  gefd^e^en.  5}?ag 
bann  ouc^  ^ranfljeit  u.  bgl.  bie  ^inber  an  ber  förperli^en 
ober  geiftigen  Arbeit  bef;inbern,  fie  [inb  burd^  t)zn  23efi^  ge= 
fd)ü^t  unb  nid^t  Quf  boS  5lImofen  anberer  ober  be§  ©taoteS 
angetüiejen. 

äßirb  bamit  nun  gefagt,  jeber  einzelne  5ßater  ^aU  bie 
^fnd)t,  [einen  ^Inbern  ©runbflüdfe  ju  I)interlafjen?  äßer 
nid)t§  l^at,  ber  !ann  eben  auä)  nid)t§  Ijinterlaffen.  9lnbere 
werben  ifiren  ^inbern  Kapitalien,  anbere  @runb[tüde  über= 
geben.  33ieIIeid)t  bie  mei[ten  SSäter  muffen  fic^  im  tüefentüdöen 
barauf  befd)ränfen,  bie  Kinber  gro^jujieljen ,  ol^ne  iJire  3"= 
fünft  anber§  al§  burdb  eine  gute  5lu§bilbung  fi(i^erfieC(en  ju 
tonnen.  5lber  ba§  I^inbert  nicbt,  ha^  ba§  Slß  ollen  unb  ba§ 
33eftreben  ber  JBäter,  il^ren  Kinbern  aud)  (äigentt)um  ju 
^interlaffen,  burd)au§  gered)t,  naturgemäß  fei,  unb  'öa^ 
eine  ©efeüfd^aftSorbnung,  weld^e  burd)  9lbfd)affung  be§  6igen= 
t§uni§  biefe  erbli(i^e  Ueberlaffung  uumög(id)  mad)te,  in  2Biber= 
fprud)  ju  ben  naturgemäßen  unb  gereiften  2Bünfd)en  be§ 
3Saterf)eräen§  treten  würbe.  S)urd)au§  gegenftanb§Io§  ift  e§ 
barum,  wenn  ©eorge  bem  ^apfte  t)or(;äIt:  „^ie  ^flici^t  be§ 
Sßaterä  gegen  fein  Kinb  tonn  bod^  nur  eine  alten  SSätern 
mögli(^e  ^pflic^t  fein."  ^  2eo  XITI.  Verlangt  <i'bm  nicbt,  baß 
jeber  53ater  ©runbeigentljum  ^iutertaffe,  fonbern  nur,  baß 
jeber  25ater  je  nac^  feinen  35cr()ältniffen  für  bie  Sit'fn^ft  ^^^ 
Kinber  ©orge  trage.  — 

8.  6)eorge  wenbet  ferner  ein:  „@ie  finb  aucb  ber  SOieinung, 
'ba^  hü^  5priüateigent^um§red)t  an  ©runb  unb  33Dben  ba§  @r= 
tt)crb§tcben  anrege,  ben  äßotjlflanb  berme^re,  bie 
aJienfc^en   fcß^aft   mocbe   unb   ba§   §eimat§gefü^( 

'  Offener  »rief  @.  42. 


6.  eintoenb.  geg.  b.  natiured^tl.  Scgvünbung  b.  ©runbeigent^.    349 

'türfe."!  ©aß  in  bem  ^riüüteigent()um  ein  möci^tiger  ©pom 
)e§  @rtt)erb§Ie6en§  liegt,  tragt  (Seorge  ni(iöt  ju  beftceiten.  (Sr 
ij)erge[)t  bie)en  ^un!t  mit  ©tiüfc^weigen  unb  bc[trebt  fid)  nnt 
bcr^utfiun,  ba^  e§  auä)  in  feinem  ©pflem  an  5(nregungen 
niii^t  fel^Ien  mürbe.  2)en  ^aupt[äd)U(f)[ten  antrieb  ju  einer 
inenfiuen  Bearbeitung  be§  58oben§  erbUdt  nömlid)  ©eorge  in 
ber  ©id)erf)eit,  bie  grüc!^te  ber  5trbeit,  bie  SlrbeitSerjeugniffe, 
ernten  ju  tonnen.  S)iefe  ©id)erl;eit  aber  glaubt  er  f)inreic^enb 
gemat,rt,  fofern  bem  Sebauer  bea  2anbe§  nur  ein  bauernbe§ 
Sefi^rjc^t,  ofjne  ©igent^um,  garantirt  fei.  „Sm  ro^en  Ur= 
5u[tanbt  ber  menfc^Iidien  ©efeüfd^aft ,  mo  bie  ganje  S^ötig^ 
feit  fiel  auf  Sagb,  gifc^fang  unb  auf  ba§  ^pflücten  milb= 
mad)fenber  grüd^te  bef(|rän!t,  ift  ein  ^ribatbefi|  an  ©runb 
unb  33oben  nid)t  notfimenbig.  ©obalb  aber  bie  93tenf(|en 
anfangen,  ben  58oben  5U  bebauen,  fomie  fie  ifjre  5trbeit  auf 
bauernbe,  am  Soben  I^aftenbe  SBerte  üermenben,  bann  mirb 
ein  5|3riöat  b  e  f  i  ^  on  2onb  notI;menbig,  um  ba§  @igentt;um»= 
red)t  an  ben  5lrbeit§eräeugniffen  ju  fiebern.  2)enn  mer  möchte 
fäen,  ofjue  be§  ausfd)(ie^Iic^en  S3efi^e§  be§  SobenS,  ber  jum 
Srnten  nöttjig  ift,  gemip  ju  fein?  SBer  mürbe  foftbare  5Bau= 
merfe  errid^ten  oljne  ouafd)Iiepd)e§  33efi|rec^t  am  Saugruub, 
meld)e§  aüein  i(;m  ermöglid)t,  ben  9iu|en  au§  feiner  5(vbeit 
unb  feiner  Kapitalanlage  ju  sieben?"  2  StIIein  (Seorge  meint, 
bie  burc^  ben  ^rioatbefi^  gemalerte  ©id^erfjeit  be§  i5rud)t= 
ermerbe»  genüge,  ja  fie  fei  eine  größere  al§  beim  Tjeutigen 
5pac^tfl)ftem  3.  —  2Bir  moöen  nic^t  barüber  flreiten,  ob  bie 
@id)er^eit  be§  5|3ä^ter§  größer  mirb,  menn  ber  gigentl^ümer 
be»  33oben§  fein  ^priüatmann ,  fonbern  ber  ©taat  iji.  Un§ 
genügt  ba§  ftiüfi^meigenbe  3u9efiün'^"i&  /  ^^B  [iß  menigflena 
geringer  ift  al§  bie  B\ä)ixl)^\t,  meli^e  ber  tieutige  ^riöat= 
eigentpmer  be»  5ßoben»  |at.     „Unb  in  ber  Zljat",  fagt  mit 


1  Offener  «Brief  ©.  44.  2  ^55,  (g_  4.  s  g^^,.  ©.  44. 


350    ®ritte§  ßapttel.  ®a§  ^rittotetgent^um  alä  fociale  ^nflttution. 

^iä^t  Dr.  @ugen  Säger,  „irenn  bie  33obenbeft^refDrmet 
glauben,  mit  ber  bloßen  SBerpacfitung ^  be§  S3Dben§  au§= 
äufommen,  fo  bo^  ber  ©taot  getüiffermoBen  nur  bie  ©runb- 
rente  belöge  unb  bieje  bann  jugleid)  bie  alleinige  ©teutr 
(singie  tax)  roäre,  tt)ä()renb  ber  ganje  53h£)rbetrag  in  bm 
^änben  ber  ^ribattt}irt)d)a[ter  bliebe,  [o  würben  fie  mit  i^ter 
©ocialreform  balb  ebenfo  [cbeitern,  tt)te  bie  @DciaIbeniDh**tie 
mit  if;rer  communiftifdien  @inrid)tung  öon  ^robuction  unb 
ß^onfumtion.  S)er  5|3ä(5ter,  ber  ni(|t  \\ä)tx  ift,  ha^  er  unb 
feine  @rben  ben  ®runbbe[i|  bauernb  behalten  tonnen  (ein 
33ef(i^Iu^  ber  9Jegierung,  ein  ,®efe|'  tonnte  it)n  ja  be§  ißriöat= 
befi|c§  berauben),  mxh  fd^tnerlii^  geneigt  fein,  ?tr6eit  ober 
gar  Kapital  in  nennen§mertf}em  5[RaBe  bem  Soben  einäuöer= 
leiben,  um  fo  Ueberfc^üffe  an  ^robucten  ju  errieten,  bereu 
meitere  nutzbare  unb  bauernbe  SSermert^ung  ifim  ja  faft 
unmögtid)  gemad^t  mürbe.  ^u6)  f)kx  mu^  fe^r  balb  ein 
5tbft erben  ber  tüirt[ct)aftlid)en  ^ntenfitöt  ein= 
treten."  ^ 

58e!(agt  |)enrt)  ©eorge  bie  unnatürlichen  unb  barbarifd) 
elenben  Sßo^nungSöerl^ältniffe  ber  großen  ©täbte,  meift  er 
mit  gerechter  @ntrüftung  barauf  fjin,  bafe  äa^IIofe  2eute  in 
if)rem  33atertanbe  !ein  ^eim  befi^en,  menn  er  in^bejonbere 
für  ha^  heutige  Stoßen  bie  Sßorte  be§  SiberiuS  @racd)u§ 
miebertiolt:  „3iömer!  Wan  nennt  euc^  bie  |)erren  ber  Bett, 
unb  bennod)  ^abt  i^r  fein  9ted)t  auf  einen  gupreit  it)re§ 
33Dben§!     Sie  milben  Spiere  ^aben  itire  Wien,   aber  bie 

1  (S§  bcrfc^lägt  ni(|t§,  bafe  ©corge  bie  Seiftung  ber  ©runbliefi^cr 
an  ben  ©taot  ni(5t  aU  „^ad)t3in§",  fonbern  aU  „©teuer"  beäeic^net 
totfjen  UnCf.  ®qö  SSerfiältnife  äluifdEien  ©taat  unb  ^priüotbefi^er  hkibt 
boä)  ein  ber  ^ad^t  analoges. 

2  Sentfc^rift  über  bie  ßage  ber  ßoubtoirtfc^aft  für  ben  VI.  5(u§= 
]ä)\x^  ber  i?amtner  ber  3lbgeorbneten.  Beilage  375  ^u  ben  3)er^anb= 
langen  bcv  Kammer  ber  ^Ibgeovbnctcn,  TI  (SlJlünc^cn  1894),  1292. 


6.  Simoenb.  gecj.  b.  natun-ei^tl.  Scgrünbung  b.  ©rimbeigentf).     351 

5?rieger  Sta(ien5  6e[i^en  nur  SBoffet  unb  2uft!"  fo  [inben 
bte[e  ^lag,m  im  ^^n^m  SeoS  XIII.  geroi^  ben  Iebl)afte[teu 
SBiber^aü.  5t6er  nid)t  boy  (Sigent^um  an  [id),  fonbern 
^lüßbraud^  öielfoc^er  5Irt  berfd)ulbet  aud)  jene  5lott),  ein 
ÜJii^braud},  ber  feinearoeg»  an  bie  Sn[titution  be§  ^riliat= 
eitjentl^uma  gefnüpft  i[t,  ein  ü;)?i^brauc^,  ber  am  aüerroenigften 
babitrc^  befeitigt  tücrben  !ann,  tiü^  nun  allen  'ba^  eigene 
§eim  im  23ater(anbe  genommen  luirb. 

9.  ?(ud)  ber  Ie|te  (Sinroanb,  ben  ©eorge  gegen  bie  33e= 
meiäfüfjrung  2eo§  XIII.  ergebt,  bringt  nur  neue  93?iBöer[tänb= 
niffe  5U  Sage:  „©d)(ieBüdö  finb  @ie  nod)  ber  5(n[td)t,  ba§ 
9{ed;t  auf  Se[i^  Don  ^riöateigentf}um  an  ©runb  unb  23oben 
fei  ein  natürüdbeS  unb  fomme  nidbt  Dom  53?enfd)en; 
ber  Staat  ^aht  fein  9{ed}t,  e§  ab^ufdbaffen ;  ben  23übenmertt) 
burd)  eine  ©teuer  ju  ncf)tnen,  mürbe  ungered)t  unb  graufam 
gegen  bie  ^riDateigentfjümer  [ein."  ^ 

@»  toiö  un§  fd)einen,  ha}^  @eorge  nidbt  mu^te,  maä  man 
unter  „natürlid)em  Steinte"  Dcr[iet}t.  ^InbernfaQS  mürbe  er 
fc^merlic^,  nai^bem  er  früher  bereit»  be[tritten,  bü^  „ber  Ur= 
iprung  be§  5priDateigentf)um§  am  ©rnnb  unb  Soben  bie 
menfcblid^e  SSernunft"  fei,  in  einem  neuen,  gefonberten  ^^untte 
abermata  bie  naturrec^tlicbe  53egrüubung  be§  5priDat(anbeigen= 
tt)um§  in  5(brebe  fietlen  tonnen. 

Sa»  9]aturred)t  fommt  Don  (Sott  a(§  bem  fiödbften  ®e= 
fe^geber.  5tber  ber  öerolb  biefeS  ©efe^geberS,  ba§  93kni= 
feftatiDprincip  be§  natürlii^en  Ütec^teS,  ift  bie  menfd)Iid^e  93  e  r= 
nunft.  SBiberftrebt  alfo  ba»  ^liDatcigenttjum  am  23obcn 
ber  menfd}(id)en  93ernunft,  fo  fte[}t  e§  ebenfo  im  ^ffiiberfprud) 
mit  bem  5hiturgefe|e  ©otte».  (Srfc^eint  e§  bagegen  al§  eine 
gorberung  ber  menfcblic^en  93ernunft,  mie  Seo  XIII.  in  über= 
jeugenber  SBeife  bartegt,    fo   mürbe  ber  Sßerfudb   feiner  53e» 


'  £;ifeuet  äJrief  S.  45. 


352     ®vttte§  Kapitel  ®q§  ^^riboteigcnt^um  afs  fociale  Snftitution. 

[eitigung  ä^S^ßi*^  ^i^^  Uebertretung  be§  notürlidien  Üie(j^te§, 
ber  bon  @ott  für  ben  5JJenj(|)en  unb  bie  menfd}üd)e  ®efeü= 
[c^oft  geraoüten  Orbnung,  einfcfilieBen.  S)Qa  5?aturte(i)t,  tüie 
bie  SSernunft  e§  berüinbigt ,  enthält  lebiglid)  bie  allgemeinen 
9ted)t§grünbe  be§  ^riöateigent^um§ ,  üer(eif)t  nic^t  burci^  \\i) 
felbft  bie  befonbern  9?ed)t§titet  in  concreto.  ^\t  anbern 
SBorten:  ba§  natürliii^e  9ted)t  le^rt  bie  SSered^tigung  unb 
5?Dt^iüenbig!eit  be§  5|3riöQteigent{jum§  qI§  Snftitution  unb 
bamit  ba§  9ied)t  be§  5!)?enid)en,  auf  biefe  ober  jene  juribifd) 
unb  moralifc^  sulaffige  äöeife  @igeutf)um  ^u  erwerben.  5lber 
ba§  9?aturred^t  fteüt  nic^t  felbft  bie  concrete  Öejieljung  einer 
einjelnen  Büä)<t  ju  einer  einzelnen  ^erfon  Ijer,  überlast  biefeS 
bielme^r  ber  Sl^ätigfeit  be§  5J?enfd}en.  Unb  1)oä)  fc^eint  gerabe 
ba§  ©eorgea  luffaffung  bön  ber  „naturred^tüc^en"  Segrünbung 
be§  ^riboteigentl)um§  ju  fein.  Ober  njürbe  er  fonft  folgenbe 
Söorte  ^oben  nieberfd)reiben  fönnen:  „2öer  föirb  e§  tnagen, 
ba§  perfönlid)e  ©igenttjumSrec^t  an  ©runb  unb  S3oben  auf 
eine  unmittelbare  23ett}inigung  bom  ©c^öpfer  be§  ßrbbobenS 
äurüdjufüljren?  Sn  melc^er  äBeife  gibt  bie  ^iatur  ein  foIc^e§ 
@igent§um§red)t'?  (ärtennt  fie  e§  in  irgenb  einer  Söeife  an? 
^ann  irgenb  jemanb  burd)  hen  Unterfd^ieb  im  2Bud;§,  im 
(^efid^t,  in  ©tatur  ober  |)autfarbe,  buri^  Section  it)rer  2eid> 
name  ober  burd)  eine  5tnalQfe  i^rer  Gräfte  unb  23ebürfniffe 
nac^meifen,  ba^  ber  eine  5.Uen)d)  jum  ©runbeigentpmer,  ber 
anbere  äum  ^üd^ter  bon  ber  Statur  borI}erbeftinnnt  ift?"  ^ 
'StflerbingS  liefert  bie  ^fjpfiologie,  (5I)emie  ober  5lnatomie  feine 
9ted^t§titel  be§  6igentf)um§.  Sie  33eäeid)nung  be§  inbibibueüen 
@igent£)ümerä  boUjie^t  fid)  auf  anbere  äBeife,  burd^  feine  eigene 
%i)üt,  feine  3lrbeit,  ben  grucbtermerb  u.  f.  m.  Unb  ha^  biefe 
St^atfadben  in  concreto  für  biefe  ^erfon  ein  @igcntf;um§redöt 
an  biefer  ^üä)^  begrünben,  -  -  ba§  Iel)rt  auc^  bie  Sßernunft, 


Offener  JBrief  @.  46. 


6.  (Sintoenb.  geg.  b".  naturred^tt.  S9egtünbung  b.  ©runbeigentl).     353 

t>ü^  natürlii^e  Ütec^t,  meiere»  jene  2:f)Qtfaci)en  mit  i^rer  9te(i)t§= 
loirfung  küeibet.  — 

10.  5ciir  nod)  ein  SBort  jum  ©(i)(n^.  George  glaubte, 
ber  ©tnat  ^abe  bie  Sefugni^,  ha^  ^riDateigentfjum  an  ©runb 
unb  Öoben  abäufd) äffen ,  ba  er  e§  geföefen,  toetc^cr  bo^felbe 
eingeführt.  Unb  er  berargte  e§  bem  ^popfle,  bop  er  bie  ent= 
gegengefe^te  5infic^t  bertritt.  @§  ift  ba§  um  fo  auffaüenber, 
ha  ©eorge  bordier  bereit»  einen  jeben  5lbfoIuti§mu§  in  ber 
SBurjel  bernid^tenben  5üi§fprud)  be»  ^apfte§  boHnuf  gebilligt 
^ati.  SBir  meinen  ha^  2Öort  ber  QnqMa:  „®er  9)ienfdö 
ift  älter  aU  ber  6taat,  unb  er  befa^  t)a§>  ÜJec^t  auf  ®r= 
Haltung  feine»  förperlic^en  Safein»,  ef}e  e»  einen  Staot  ge= 
geben."  2  ^ft  ber  53?enfc§  alter  al§  ber  ©taat,  roa§>  befugt 
bann  ben  «Staat,  jene  urfprüngli(^en  9fed^te  ben  ^nbibibuen  unb 
gamilien  ju  rauben?  Sft  er  etwa  ju  biefem  3tt3edte  gegrünbet 
tDorben?  §aben  bie  DJIenfd^en  fid)  ju  ftaatlid^en  ©emeinfc^aften 
bereinigt,  um  e§  fcbled^ter  ju  ^aben  al»  jubor?  Ober  ift  e» 
nic^t  gerabe  eine  ber  mefenttidien  5(ufgaben  be§  @taate§,  bie 
äeitlid)  unb  Iogi](^  friitjern  ^i6)k  ber  Bürger  gu  fd)ü^en?  5luf 
meldten  Xitel  foH  ficb  benn  ha§>  @igentf)um  be§  «Staate^  am 
©runb  unb  Soben  fluten?  Wü^tt  e§  bal^er  m6)t  at§  eine 
©ett)alttr;at  fonbergleidien  erfd^einen,  ttjenn  ber  «Staat  ettoa, 
n)ie  ©eorge  e§  trollte,  burc^  eine  einjige  bie  ©runbrente  böüig 
abforbirenbe  ©teuer  „ben  gangen  SBertf)  be§  @runbeigentt)um§= 
rechte»  ju  ©unften  ber  Sßotfägemeinfcbaft  tüegnäf^me"  ?3  2Bir 
geben  ju,  bap  bie  fortfd^reitenbe  Goncentration  be§  @runb= 
befi^e§  in  ben  fiatifunbienlänbern  nid^t  ol^ne  „9iäubereien" 
im  engern  unb  lüeitern  Sinne  be§  SBorteS  fid)  boüsog  unb 
boüjie^t.     5Iber  ba§   ift  a(Ie§   ja  bod^   nur  ein   ^inberfpiet 


Offener  Srief  ©.  7. 

@ncl)flifa  Rerum  novarum  ©.  14  (15). 

Offener  SBrief  <B.  47. 


354    S)ritte§  ßa^iitel.  ®q§  ^rbateigentfium  aU  jociale  :?i;iftitutton. 

gegen  ben  granbiofen  „9tQub",  ben  ©eorge  borsuf (plagen  ben 
2)?ut§  ^atte.  — 

ÜEßir  i)ahtn  üieUeid^t  Qu§fül)rlid)er  über  ©eorge  gefproc^en, 
al§  beffen  jocialpolitifc^öe  ^ebeutung  er^eifdit.  5IEein  e§  tuor 
ja  ni(^t  ber  ©ociolreformer  ©eorge,  bet  uufere  5Iufmer!= 
famfeit  in  ^nfprud^  na^m,  fonbern  ber  ^ritifer  be§  pQp[t= 
lid^en  9tunbf(^reiben§  Rerum  novarum  unb  ber  ©egner 
einer  naturrei^tüt^en  33egrünbuug  be§  ^priüateigent^um»  am 
33oben.  ©eorge  gilt  überbie§  al§  ber  f(^arf[innig[te  unb 
geroanbtefte  unter  ben  niobernen  5tgrar[ociali[ten ;  eben  borum 
niufjte  feinen  ©inmenbungen  größere  5(ufmerf|amfeit  ge[(i)enft 
werben. 

1.  Unfere  bi§[}erigen  Erörterungen  befdiäftigten  [ic^  mit 
bem  Ursprung  unb  ben  naturrec^tlic^en  ©runblagen  ber  @igen= 
tf)um§in[titution  im  allgemeinen. 

@§  erübrigt  bie  §rage:  5tuf  \miä)t  Söeife  ent[tel)t  ta^i 
©tgent^um  im  befonbern,  b.  ().  ba§  ©igent^um  einer  p^^fifc^en 
ober  moraIifd)en  ^erfon  an  einer  concreten  ^adjt'i  2Bie 
mirb  ba§  @igent{)um§recöt  an  einem  (Jinjelbinge  für 
jemanb  ober  bon  jemanb  ermorben? 

Seber  5}ien[c^  I)at  t)on  5Zatur  au§  ba§  Stecht,  (Sigent^um 
ju  ermerben  unb  p  befi^en.  2)a§  folgt  au§  unfern  53eit)eifen 
für  bie  DIotfjmenbigfeit  unb  33ere(^tigung  ber  5|3riöateigen= 
t^um§inflitution.  S)enn  jeber  9J?enf(^  l^at  üon  Diotur  au§ 
ha^  unäWeifelEiafte  9te(f)t,  fein  Seben  ^n  ertjalten,  t)ernunft= 
gemäß  für  bie  3u^unft  5U  \\d)ixn  unb  ju  berbontommnen. 
3ebem  flefit  ba§  Süe^t  ju,  eine  gamilie  ju  grünben  unb 
für  biefe  bauernb  ju  forgen.  3eber  ^at  enblic^  ba§  'Siiä)t, 
bie  i^rü(!^te  feine§  gleif^eS  ju  genießen,  mögen  biefe  grüßte 
pt)l)fifd}e  ^robucte  ber  5(rbeit  ober  2oI)n  für  eine  in  frembem 
2)icnfte  öolljogene  5lrbeit  fein. 


7.  S)ic  ©merbung  be§  ©igcntl^umS.  355 

2;ie  5^Qtur  fefbft  ^at  jebod^  nienionb  ein  QctueQe§  (Sigen- 
ti)mn  an  irgeub  lüeleden  ©egenflänben  berlte^cn,  —  nid^t  ben 
einselnen  ^nbioibiien;  lüer  roollte  behaupten,  bcr  A  befi^e 
ienea  |)au§,  ber  B  jenen  5Icfer  nnmittelbar  Don  ber  Diatur? 
?(ucö  nid^t  ber  gansen  ^JJenfd^f^eit  im  coflectiDen  ©inne.  ^ätte 
nämüd^  bon  ?)iatur  au§>  ein  berortige»  pofitibe§  unb  actuefle§ 
ßollectibcigentfjum  beftanben,  fo  tüürbc  ber  einzelne  bei  bem 
©rttjerbe  unb  bem  ©ebraudie  ber  ®üter  ftet§  bon  bem  Söillen, 
ber  ©inroifligung  aller  übrigen  DJ?en[rf)en  al§  ber  ur)prüng= 
(itj^en  2)?iteigentf)ümer  abfiängig  fein.  9?un  aber  !ann  un= 
möglich  ein  9tecf)t,  ba3  unmittelbar  an^  bcr  Dcatnr,  mie  [ie 
in  jebem  einzelnen  ^."iknidien  ganj  unb  bolltommen  [icb  bor= 
finbet,  lerborquiüt,  bon  ber  Söillfür  anberer  5|3erfonen  böflig 
abhängig  [ein.  9(()"o  n)iberiprid)t  bie  5(nna!^me  eine»  natür= 
lidjen,  pofitiben  Ö'oKectibeigent^umS  ber  S^ernunft  ebenfo)cI)r 
roie  ben  älteften  ^h^meifen  ber  @ef(^i(^te  ^ 

2,  |)Qt  aber  bie  D^atur  niemanb  ein  actueüea  Sigent^um 
berlteJjen,  fo  fann  id)  gan^  rii^tig  fagen :  33on  9ktur  au§  i[t 
allea  allen  gemein,  aber: 

©rften»:  nidit  im  pofitiben,  [onbern  im  negatiben  @inne 
gemein,  meil  bie  ©üter  niemanb  actueH,  bagegen  aüen  poten= 
tieü  gehören.  (S»  [inb  res  nullius,  unb  meber  ein  einzelner 
!D?enfc^  nod)  bie  ganje  5)Jenicf)§eit  I)at  ba§  9ted}t,  irgenb 
jemanb  bon  ifjrem  (Srmerbe,  tfirem  ©ebraudie  au§äuid}Iie|en '■^. 
tiefer  fogen.  „negatiben  ©ütergemeinfd^aft"  geijörten  5u  allen 

1  SSgt.  unsere  frü{)crn  3Ui  öf ül^rungen  ©.  213  ff. 

-  5tttcrbtng'3  enl^^ält  bie  urfptüngüc^e  conmiimio  bonorum  neben 
bem  negatioen  93lomente  (bafe  bie  Statur  feine  Sfieilung  ber  ©fiter 
bolljog)  auc^  ein  )jüfitioe§  DJloment,  infofern  nämlicf)  baö  natür= 
lic^e  Siedet  aßen  bie  Sefugnife  berlie^ ,  jebe  SacEie  ju  gebraui^en 
unb  qI§  6igent{)um  ju  erirerben,  —  jotangc  fie  nod^  nid^t  Don 
einem  onbern  occupirt  toav.  Cf.  Lessius,  De  iustitia  et  iure  lib.  2, 
c.  5,  n.  4. 


356    ®titte§  ßa^itet.  ®a§  ^rtt)ateigentt)um  ot§  focialc  ^nftttution. 

3eiten  unb  gef)ören  aud)  ^eute  no^  biejenigen  ©üter  an, 
welche  res  nullius  tüoren  ober  gefclicben  [inb. 

3tDeiten§:  nid^t  im  coKectiöen  ©inne,  al§  tüenn  alle 
^enfdien  5u[ammen,  tüie  bic  ©lieber  einer  ®efen|(^aft,  bon 
!Rntiir  Qu§i  ein  gemeinf(|)aftlid)e§  potentielle^  ober  actneüeS 
Öigcnt|um  an  ben  (Bnttxn  biefer  (Srbe  befö^en,  —  fonbern 
im  biStributiöen  «Sinne,  ba  jeber  einzelne  bon  9^atur 
aus  ätüor  fein  actueüeS,  aber  boc^  ein  potentielles  @igen= 
tl^umSrec^t  Ijat,  b.  I).  ba§  Stecht,  bie  ©üter  ju  ermerben.  33on 
5Zatur  aü%  geijören  bie  einjelnen  ©üter  bem  einen  nid^t  mel^r 
tüie  bem  anbern,  fönnen  baljer  entmeber  bon  bem  einen  ober 
bem  anbern  ober  auc^  bon  bielen  ju[ammen  ermorben  merben. 
©er  ®rh)erb  be§  actuetlen  @igentf)um§  an  einer  <Baä)t  ift 
bat)er  ein  bisjunctiber. 

3.  Söeil  bie  9iatur  niemanb  ba§  actueüe  (5igent^um§re(^t 
on  einer  concreten  @a(^e  berlei^t,  fo  bebarf  e§  irgenb  einer 
menfc^Iic^en  Sfjatfac^e,  burd^  beren  SSermitthmg  ba§ 
(Sigent()um  an  einem  beflimmten  (äinjelbinge,  fei  e§  bon  einer 
einzelnen  ^erfon,  fei  e§  bon  einer  (Öefamt^eit  bon  5]ßerfonen, 
ertoorben  mirb. 

S)em  gegenüber  ^at  man  eingemenbet,  eine  blo^e  %f)aU 
\aä)t  !önne  bod;  unmöglich  ein  Ü^ec^t  begrünben,  baju  ein 
9ted^t,  meld^eS  ba§  potentielle  ©igentfjumSred^t  aöer  anbern 
^Jienfc^en  an  ber  in  i^xaQC  ftel^enben  @ac^e  aufgebe,  ©erabc 
barum  glaubte  ^ufenborf  jur  rec^tlidien  93egrünbung  be» 
@igent^um§  ber  5tnnaf)me  einer  ©inmißigung  ber  übrigen 
^enfd^en  nid^t  entrat^en  ju  fönnen  2.   5ltlein  ^ufenborf  über= 

1  ®amit  töirb  fetneStoegS  fieftrittea,  bo^  bie  Dccupation  nid^t 
16Io^  öon  bem  einjelnen ,  distributive ,  fonbern  auc^  tion  öielen  3U= 
fammen  (einem  ©tamm  u.  bgl.) ,  collective,  ge|d)el)en  fonnte.  OB, 
tüo  unb  iüielDcit  bieö  in  Söirflid^feit  gefd^al^,  —  ba§  ift  eine  rein 
l^iftori^c^e  CJrage. 

2  »9I.  oben  ©.  210  ff. 


7.  S)ie  ©riuerbung  beö  ©igent^umä.  357 

\a^,  ha^  nid^t  bie  Sl^atfadje  für  fic!^  allein  ha^i  concrete 
(5igentf)um§re(^t  begrünbet,  fonbevn  bie  S^ntfadie  in  a3er= 
binbung  mit  einem  9ted)t§]alje,  nu§  bem  [ie  if)re  juri= 
bifd^e  ^raft  entlehnt.  Cl^ne  einen  berartigen  rechtlichen 
(SrioerbStitel  gibt  e§  feinen  red()tmä|igen,  b.  i.  bem  9ied)t 
gemäßen  ©rirerb. 

4.  3tt'£i  DJ^omente  gef)ören  namlid)  ju  einem  fogen. 
„Stei^töti t el"  be§  (Sigent^um§ermerbe§ :  ein  aügemeiner 
Üted)t§fa^  nnb  eine  %'i)at]aä)t,  burc^  föelc^e  jener 
Ütec^tSl'Q^  auf  einen  fpecieHen  gaU  angemenbet  niirb. 

©0  iDore  5.  S.  fo(genbe§  allgemeine  ^rincip  ein  9tec^t»= 
fa^:  „@in  jeber,  ber  burc^  red)tmä^igen  ^auf  ober  reci^t^ 
müßige  ©dienfung  eine  ©oc^e  für  fid)  ermorben  T^at,  befi^t 
@igent[}um§red^t  an  biefer  <Bad)t."  ^n  ber  $ßorau»[e^ung 
ber  Dtid^tigfeit  unb  juribifc^en  äDirtfamfeit  jene»  allgemeinen 
^rincipS  müpte  nun  offenbar  eine  beftimmte  ^perfon  al§ 
(Sigentf)ümerin  einer  concreten  ©adje  anerfannt  werben,  fo^ 
fern  fie  nur  bie  Sljatfac^e  ber  ©i^enfung  ober  be»  ^aufe§ 
nad^iüeifen  tonnte. 

„^Jkn  fann  beSfjalb",  fagt  ßatfjrein^  „bie  9ied^t§= 
befugniß  al§  eine  5trt  menigfteng  oirtueller  ©djtu^folgerung 
au§  einem  ©t)Ilogi»muä  anfc^en,  beffen  Oberfa|  ein  aü= 
gemeiner  Üted^tSfa^,  ber  llnterfa^  aber  eine  beftimmte  concrete 
S^atfac^e  ift" : 

SlÖer  red^tmä^ig  einen  ©egenftanb  fauft,  ermirbt  (5igen= 
tt)um  an  bemfelben.     (9te(i^t§fa|.) 

Dhn  aber  ^at  A  jenen  ©egenftanb  redjtmä^ig  gefauft. 
( 2  tj  a  t  f  a  ^  e.) 

5IIfo  ift  er  ber  gigentijümer  beäfelben.  (9t  e  d^  t  §  b  e  f  u  g  n  i  p.) 

2)er  9ted)t§)a^  allein  ober  in  33erbinbung  mit  ber  S^at» 
fad^e  ift  in  2Ba§rrjeit  ber  eigentlid^e  titulus   iuris,     ^tüein 

'  aJloralp^üoiopfjie  I  (3.  Slup.),  490  f- 


358    ©ritteä  ^apikl  ®q§  ^prionteigent^itm  aU  Sociale  ^nftttution. 

nad)  bem  juribifdjen  <5pra(^gebrauc^e  luirb  geroötjtüid)  bie 
%i)üt\a^^,  ber  ^anf,  bie  <Bä)mim\Q  u.  f.  tu.  a(§  9ie(^t§titel 
be5ei(^net,  tüeil  man  ben  allgemeinen  9ie(i)t§fü^  al§  ielb[t= 
Uer[tänbli(^  fliüjc^föeigenb  üorouSfe^. 

5.  @§  fragt  [ic^  nun:  3BeI(^e§  finb  bie  iRed)t»titeI  für 
bie  Erwerbung  be§  @igent[}um»,  ober  wie  man  auä)  \\ä)  qu§= 
brüdt,  bie  rec^tlid^en  @rtt)erb§tite(  be§  @igent^um§? 

9Jkn  unterfdieibet  natürlid^e  unb  t)ofitibe  9te(^t§= 
ober  SrlüerbStitet,  je  nai^bem  fie  i§re  ^raft  au§  bem  natür= 
(idien  ober  pofitiben  9ted)te  (jerleiten.  ߧ  fann  3.  23.  burd)  flaat= 
lic^e»  @efe^  ^erfonen  ein  Srbrec^t  berUe[)en  werben,  n}e(d)e§ 
im  natürlichen  9led)te  eine  üore  unb  beftimmte  23egrünbung 
nici^t  befi|t.  Gbenfo  !ann  5.  58.  ber  Stid^ter  im  jlf)ei(ung§= 
berfatjren  burd)  adiudicatio  @igentf;um  begrünben. 

(Sine  anbere  Gintl}eilung  unterfdieibet  ätt^ijdjen  originären 
unb  beribatiben,  urfprünglid^en  unb  abgeleiteten  @r= 
luerbStitetn.  S)ie  „urfprünglidien",  „originären"  (Srwerbätitel 
finb  fold^e,  welche  ha^  (5igent{)um  an  einer  ^aä^t  gemöf^ren, 
an  welcher  bi§()er  ein  @igent^um§re(|t  nid^t  beftonben  ^attc. 
„2)erioatlD" ,  „abgeleitet"  bagegcn  t^eifeen  jene  ©rmerbstitel, 
bermöge  bereu  ein  bereits  beflcl}enbe§  (Sigeut(jum§rec^t  bon 
einer  ^erfon  auf  bie  anbere  übertragen  loirb. 

2Bir  !)anbeln  l^ier  bon  ben  natürlidjen,  unb  5iüar  an 
erfter  ©teile  bon  hcn  originären  (Srlüerb§titelu. 

6.  2)er  urfprünglic^cn  (Srmerbatitel  gibt  e§  brei: 
Occupatio,  5öefi^ergreifung ; —  Accessio,  !^nttiad)?)]  — 

Industria  ober  Labor,  9(rbeit.  —  Seginneit  mir  mit 

ber  Occupatio ,  23  e  f  i  |  e  r  g  r  e  i  f  u  n  g  1.  S)er  ©runb, 
toarum  fie  al»  @rmerb§titel  gelten  mu|,  ift  leidet  ju  erfennen. 

'  ®ie  ©djiuierigfeit ,  icelÄje  lütr  foeben  16efpradf)eii ,  ba^  nämlid) 
eine  Sljatfac^c  nidE)t  JRecItSgriinb  beä  6igent()um§  fein  föniie,  loft 
ßibetatore    (©runbiäl^e    bev    «orf^tDirtfdjQft    [3n"§brucf    1891] 


7.  ^ie  @rtt>ert)ung  be§  StgcntlöurnS.  359 

Sebcr  Wicniö)  i)at  bn§  Steci^t  iinb  bie  ^fli^t,  [ein  2thtn  511 
erhalten.  S^aju  kborf  er  ber  materiellen  (Süter.  @r  Ijat  dfo 
nuc^  ein  9tcd)t,  bie]e  S^inge  ju  gebrauten.  5hm  aber 
fetjt  ber  Giebraud^  einer  ©ad^e  beren  33efi|i  üorau».  S;er 
53e[i^  ferner  an  einem  S;inge,  inelc^eS  nod)  niemanb  gefjört, 
lüirb  ^ergefteüt  burd}  bie  53ef i Vergreif un g.  5tlfo  |at  jeber 
DJJenft^  bie  red)tlid)e  ^ßefugniß,  materielle  ©inge,  bie  in  nie= 
manbc§  ßigenttjum  [tel)en,  b.  i.  ^errenlofe  ©üter,  in  33e[i| 
5U  nel^men,  5U  Dccu|jiren. 

©.  183)  bejüglid^  ber  Cccupotion ,  tnbem  er  3mif(f)en  bcm  b  e  ft  i  m= 
menbcn  iinb  Ib  erecf;  tigenben  ^rincip  beö  @i9entf)uiitö  initer= 
fc^eibet,  in  fotgenber  SBeife:  „®a§  beredjtigenbe  ^rincip  bcö  @igen= 
tl^umS  ift  bie  Slatur,  toeli^e  bem  9)Uni)c^en  bie  §crrydE)Qft  über  bie 
geringem,  für  it)n  gefifiaffenen  Singe  gegeben  nnb  i^n  nDrfer)enb  unb 
gefetlfcEiaftlid^  nnb  folglicf)  ^um  banernben  Sigentlöitni^ftefi^  geeignet 
gemad^t  f)ai.  Siir(|  bie  Dccupation  gejc^ie^t  nic^t§  anbere§,  aU  ba% 
ein  foläier  SBefi^  mit  Sejug  auf  Singe,  bie  feinem  anbern  gcl^ören, 
unb  bie  man  baf)er  nel^men  fonn,  oftne  irgcnb  jemanb  ju  nar)e  ju 
treten,  feft  beftimmt  toirb.  Unb  eö  ift  eine  (vigenfcf)aft  jebca  SÄed^teä, 
luelc^eö  aus  ber  9btur  in  unbeftimmter  unb  abstracter  Söeife  ent= 
ipringt,  ba^  e§  nur  burc|  eine  3;f)atfa$e  concret  unb  inbiüibuell 
n^erben  fann.  Sie  3u[timmung  ber  Seeleute  ift  eine  Sfjatjacfje ;  nicOtö= 
beftotoeniger  beftimmt  fie  concreterUieife  ba^  ef)elic|e  Diedjt.  Sie  3?»= 
gung  ift  eine  Stjatfai^e;  gleid^ujol^l  beftimmt  fie  im  befonbern  baä 
äJaterredöt.  3tef)nli{j§eä  ge|c^ie:^t  t)ier:  bie  Cccupation  ift  eine  St)ot= 
fad^e,  aber  fie  ift  eine  fold^e,  tüeli^e  baju  bient,  ein  üon  ber  91atur 
bem  SJknfcfien  unbeftimmt  gegebene^  üiec^t  ju  beftimmen."  —  Ser 
gröBern  ßrar()eit  luegen  unterfc^eiben  ttir  ein  boppe(tc§  „bered)tigenbe§ 
^^rincip" :  1.  ben  3tecf;tögruub  bev  (Sigentl^umö  i  n  ft  i  t  u  t  i  o  n ,  lueli^er 
mit  ben  für  bie  9^Dtf)U)enbigteit  unb  ^Berechtigung  beö  ßigent:^umä 
Dorgebrac^ten  ©runben  gegeben  ift;  2.  ben  IRcdjtsfa^,  toelrijer  geiüiffc 
Strien  öon  S^^atfad^en  im  allgemeinen  alä  naturredjtlid^  ge= 
eignet  erflärt,  concreteS  ®igentf)um  ju  enuerben.  Unb  bamit  be= 
fdfläftigen  Ujir  unö  an  biefer  Stelle,  Wo  ber  9}ac^U}eig  erbrad;t  toirb, 
bafe  bie  Dccupation,  2trbeit  u.  f.  w.  bcravtige  3;f)atfQd)en  feien  unb 
barum  baä  fac^Iid»  unbeftimmte  Siedet,  @igentt)um  ju  erwerben,  in  ein 
fas^Iic^  beftimmteä  9iec^t  umtoanbeln  lönnen. 


360    S)ritteö  Äopitel.  Sa§  ^ßriöateigeittl^um  alö  fociate  Snftitution. 

äöäre  bie  ^efilergreifung  ^errenlofer  ©üter  bem  SDJenfd^en 
Derroel^rt,  jo  föürbe  ^ierburd^  btt§  i|m  öerliel^ene  9ted^t,  (Sigeiu 
t^um  äu  eriüerben,  bebeutung§Io§  gemacht,  S)a§  erfte  @igen= 
t(jum  fonnte  jebenfallä  nid)t  anber§  ola  burd)  Occupation 
ertüorben  tüerben. 

Sümit  bie  S3e[i^ergreifung  für  ben  Dccupanten  ßigentfjum 
ermerbe,   muffen  jebod}  meljrere  53ebingungen  erfüöt  tüerben. 

5Uif  feiten  be§  ObjecteS  tt)irb  üorouagefe^t,  büji  biefe» 
^errenIo§  fei.  Senn  bie  Occupation  erwirbt  bQ§  @igentf)um, 
ober  e§  jerflört  baSfelbe  ntd}t.  ©inb  bie  S)ingc  bereite  üon 
jemonb  eriüorben,  fo  Ijot  ber  rechtmäßige  ßigent^ümer  ba§ 
9te(j^t,  bie  ©adje  Qi§  bie  feinige  jn  betrad^ten  unb  jeben  Don 
berfelben  ou§äufd)ließen.  S^on  abermaliger  Occnpation  einer 
bereits  im  Sigentljum  befinblic^en  ^aäjt  tann  alfo  feine  9tebe 
fein.  2)ie  S)inge  fetbft  finb  enblic^  Don  9Zatur  au§  meift  fo 
geartet,  baß  fie  nnmöglic^  ben  Sebürfniffen  mefjrerer  ^erfonen 
äug(ei(i^  biencn  fönnen^. 

5(uf  feiten  beS  53efi|ergreif  er§  muffen  ^mei  SOiomente 
äufannnentreffen :  ber  SBiöe,  bie  ©ad^e  qI§  ^igent^um  ju  er= 
merben  {anhnus  rem  slbi  habendi).  S)enn  bie  5lbfid)t,  eine 
©ad}e  jn  befi^en,  ift  nic^t  ibentifdj  mit  bem  SBiÜen,  bie  ©ac^e 
al§  ©igentljum   ju   befi^en.   ?lud)   ber  3nt}aber  einc§  S)e|}0= 

1  Slud^  l^eute  gibt  c§  no(|  i^erventofe  ©egenftänbe,  an  bencn  bev 
Ülec[)tötitcl  bei-  Dccupation  jut  ©eüiing  fommen  fann,  3.  33.  baä  Sßilb 
beä  gelbeg  unb  2öalbe§,  ber  SSogel  in  ber  Suft,  bie  S^ifiiie  ber  großen 
tylüffe  unb  beö  3Jleereö,  lüilb  iua(i)jenbe  ^-i'üiälte  u.  bgl.  —  ©benfatlö 
recf)net  bie  3iurispruben3  ^ier^er  res  derelictae,  6ad)en,  bie  Don  bem 
biöl)erigen  @igeut()ümer  preiögegefien  finb  mit  ber  2tbfi(|t,  ba§  @igen= 
tf)um  nidE)t  nuijx  l)al)en  ju  tnotten.  (®ie  blofee  Slufgabe  beä  S3efi^e§ 
ol^ne  jene  5lb)idf)t  ift  nod^  fein  3tufgeben  beö  @igentt)um§.  SJlan  btnU 
3.  S3.  an  bie  Sparen,  bie  auö  bem  ©(f;iff  getoorfen  icerbeu,  um  baö= 
jelbe  3U  erteiltem.)  (Jbenfatlö  lüirb  ber  ©c^a^  l^ierf)er  gered^net, 
U)eld)er  fo  lange  i)ert)orgen  luuv,  bü^  niemanb  fic^  meljr  als  ®igen= 
t^ümer  auöioeifen  tann. 


7.  S)ie  ©vtrierlning  be§  eigentl)unt§.  361 

[itiima  5.  2?.  kfibt  ba§  Object,  aber  er  roiü  e§  ni4)t  be[i|en 
a(§  (5igentf)ünier.  ©obann  i[t  erforbert  öie  äußere  t'^enn= 
jeit^nung  be»  bodjogenen  (Sigcnt^um§erit)erbe§.  jDa  bem  üteci^tc 
be§  einen  immer  unb  toefentlicib  eine  ^flid)t  be§  anbern  ent= 
fprid^t,  fo  nuif^  bei  ber  58egrünbung  be»  erften  @igent^um§ 
an  einer  'Baä)z  ber  öoüäogene  (äigent^um§erit»erb  burc^  beut= 
{\ä)t  ^t\ä)m  erfennbor  gemadbt  werben.  (Sine  ^flicbt,  bic 
nid)t  erfnnnt  merben  !ann,  i[t  eben  feine  5|3fli(i^t.  51I§  ^enn= 
jeic^en  aber  gelten  3.  33.  bei  ber  Sagb,  bem  ^ifdbfang  bie 
t^atfädblicbe  ©rgreifung  be§  Objectea ;  beim  ©runb  unb  Soben 
[eine  ßultiöirung,  23eadEerung,  Um^egung  u.  bgl.  ^ 

(5§  bürfte  jemanb  eintoenben:  Söenn  burcE)  bie  Occu^jation  ba§ 
@igent^um  an  ben  concreten  ®in3clbingen  begrünbet  toirb  unb  ur= 
fprünglid^  begrünbet  toerben  tnu^te,  jo  l^ängt  ja  bie  ©infüfjrung  ber 
ganzen  @igentf)umgin[titution  öon  ber  Occupation  ah.  9hin  tft  alber 
bie  DccupQtton  ein  freier  2Ict  beö  9Jlenf(^en.  Stlfo  fann  auä)  bie 
©tgentl^umSinftitution  niciit  üU  eine  natürnd)e  bejeic^net  toerben, 
tteil  baä  9latürlid^e  niemals  üon  ber  freien  Söitifür  beö  SOlenfc^en 
abfängt. 

S)iefem  SSebenfen  fteüt  Sa^jarelü*  ein  onbere§,  glei(f)tt>ertl)igel 
gegenüber:  „Tlan  fage  mir  juerft:  ift  ba§  g^actum  ber  ®^e  ein  bem 
5Qhnfd^en  freier  5lct?    ©anj  geioife.    SUfo  loerben  anäj  bie  e^elid^en 

1  Sögt.  2t.  m.  Söeife  0.  Pr.,  ©octale  fjrage  unb  fociate  Drb= 
nung  I  (3.  5tuf(.) ,  371.  „?tuc^  bie  fogen.  erfte  SSefi^ergreifung  tft 
nid^t  eine  blo^e  Sßittenöerflörung,  fonbern  eine  lüirtlid^e  Stntoenbung 
ber  förperlii^cn  unb  geiftigen  il^räfte.  S)te  93orfteÜung  ber  ©ocialiften, 
als  rüf)re  ber  33efi^  öon  einer  mü^^etofen  SBiüenöertfärung,  Iiö({)ftcn§ 
lion  einer  geric^tlid^en  Hrtunbe  ^er,  ift  in  t)o:§em  (Srabe  ftnbifd^  unb 
fcfimedCt  me^r  naä)  ©tubengelefjrtentoi^ ,  qIö  man  bei  t^nen  fud^en 
fotite.  aJtan  möi^te  beuten,  it)uen  bürfte  e§  am  e^eften  ttar  fein,  bafe 
bie  erfte  Urbarmacfiung  be§  Sßobenö  ober  bie  Stbteufung  eineö  Serg= 
tterteö  nitfit  fo  gans  o^ne  5tnftrengung  ber  §änbe  unb  o'^ne  ernftlid^e 
geiftige  5Jlu^e  Don  ftatten  get)e,  unb  ba'Q  biefe  2trbeit  nur  bie  93or= 
läuferin  uon  taufenb  Useitern  ift." 

2  2t.  a.  O.  I,  3lx.  409.  —  %I.  auc!^  Sat^rein,  5moraIpl)ifo= 
fopt)te  II  (8.  2tuft.),  292. 


362    Sritteö  Kapitel.  ®a§  ^Priöateigcnt^um  olö  fociale  ^inftitutiüu. 

unb  elterltdöen  Steckte  leine  natütlid^e  ©tnnd^tung  tein?"  ^ibn  trirb 
au§  biefem  SSeifpicIe  mit  Seid^tigfett  bie  Söfung  be§  S3eben!en§  ent= 
infamen  fönnen.  ®ic  Occupation  ift  für  ben  einäeluen  SUlenfdjen  unb 
im  einzelnen  Spalte  ein  fi-eier  5lct,  genau  jo  tüie  bie  @{)ef(f)Iie^ung. 
S3etrQ(f)te  id^  aber  bie  9Jlenf(f)^eit  im  groBen  unb  ganjen,  jo  tcerben 
ftetS  üiele,  ja  bie  meiften  unb  gttiQx  unter  bem  ®inf(ufe  unb  SIntrieb 
ber  Pernünftigen  9'iatnr  biefen  freien  3lct  üottgieben.  ®§  mögen  ein= 
3elne  au§  :^öf)ern  Seweggrünben  auf  bie  @f)e  Hersi^ten.  91ie  tnirb 
e§  bie  ganje  9)tenfc^f)eit  t:^un.  2öer  WoUtt  nun  aber  be§f)ar6 ,  toeit 
feine  ben  einjelnen  ättiingenbe  9lotl^tt)enbigfeit  öorliegt,  bie  6^e  aU 
eine  toitlfürlid^e  Sinrid^tung  be§  931enfcI)engefcf)Ie($teä  bejeid^nen?' 

7.  S)er  ätoeite  urfprünglicfie  (Srraer6§tUeI  i[l  bie  Accessio, 
ber  ^ntüa^^.  ®er  3utt)a(i)§  iann  auf  boppette  SBeife  er= 
folgen:  einmol  burc^  bie  9iatur  mit  i^ren  Gräften.  S)ie 
natürlichen  ^robuctc  einer  mir  gcijörigcn  ©ac^e  fallen  in 
mein  @igentf;um.  @lne  berartige  33erbe[ferung  ober  93er= 
meljrung  ift  ebenfo  mie  bie  entgegengefe^te  5[RögIid)!eit  ber 
93ericf)(ed)terung  eine  g^olge  ber  natürlichen  ©igenfd^aften  ber 
©adien.  2öer  biefe  oI§  (Sigentfmm  ermorben  fjotte,  loollte 
[ie  l^aben,  mie  fie  finb,  unb  jenen  9lu^en  barau§  gießen,  ben 
fie   i!^rer  9?atur   nad)  ^ert)or6ringen  ^.     ©obann  !ann  burc^ 

»  93gl.  oben  <B.  295  ncbft  Stnm.  2.  Tlan  beaöite,  luie  unfere 
Semeife  für  bie  ^riDoteigent{}um§inftituttDn  too^I  unterfc^icben  stuifcitien 
natürlicfier  S3ere(i)tigung ,  ftabile§  ©igentljum  ju  erioerben,  bie  für 
ben  einjelneu  SJtcnfcljen  gilt,  unb  anbererfeitä  natürlicher  Dlot^luenbig» 
feit  beö  (iigent]^um§,  melct)e  für  bie  gonje  ©efetlfd^aft  bel^auptet  unb 
crwiefen  luurbe. 

-  Saparelli  a.  a.  D.  I,  9h-.  412.  —  ©benfo  entfprid^t  e§  ber 
SSernunft ,  bafe ,  iüüä  aU  Sf)eil  mit  einem  mir  gehörigen  ®inge  ficf) 
toerbinbct,  aui^  toenn  eä  nicf)t  ^ßrobuct  meines  ®igcntt)um§  ift,  bennod^ 
in  mein  Sigentbum  falle,  fofern  e§  im  93erbättni&  ju  bem  mir  ge= 
börigen  S)inge  alä  Dlebenjai^e  betrai^tet  merben  fann.  .Accessorium 
sequitur  principale."  iJür  fdtimierigere  Statte  luirb  baö  pofitiDe  ©efe^ 
beftimmen  muffen,  loaS  al§  §auptfad^e  3U  gelten  f)at,  toie  überl)aupt 
bie  nät)ern  a3eftimmuugen  über  ®igentbumöenuerb  burd^  alluvio,  com- 
mixtio  u.  f.  ID.  gact)e  beS  pofitiüen  9ted^te§  ift. 


7.  ®ie  ©rtoerbima  bc§  ©igcnt^umö.  363 

bic  gefeüfd^aftlicj^en  23er^ältnijfe  ein  3uii^tii)§  ^e^ 
2öertf)ey,  ein  „5)?ef)rtt)ertf)"  be§  mir  gehörigen  ObiectcS  jur 
@nt[le^ung  gelangen,  ©o  erfolgt  j.  53.  bei  gefteigerter  9iad)= 
frage  ein  2Bertljsutt3ac()§  meiner  Söaren,  bei  Srtocitcrung  bcr 
©tabt  ein  Steigen  be§  2Bert^e§  meines  ©rnnbftüdeg  u.  bgl.  ^ 
2Ber  6igentf)ümer  ber  <Baä-)t  bor  ©ntfle^nng  i^re§  5)?e{)r= 
tt)ertf)e§  mar,  bleibt  ebenfalls  il)r  ©igent^ümer  naä)  ßntfte^nng 
bcSfelben.  2)er  neu  entftanbene  2öert!^  füUt  bafjer  in  ha^ 
(Sigentfjnm  be§  bisherigen  |)errn  ber  ^Baä^t,  mit  iüeld)er  eben 
iener  2Bertt)  berbunben  ift. 

8.  2)er  britte  uriprüngtici^e  (5riDerb§titeI  ift  bie  5lrbeit, 
indtistria  ober  labor'^.  S)er  9)lenfcE)  [)at  fein  @igentf)um 
an  ber  eigenen  ^erfönlic^teit,  loeit  er  nid)t  fein  eigenes  3'^^ 
unb  nid)t  fein  eigener  .^")err  fein  fann.  5(ber  er  barf  feine 
Gräfte  wie  bie  feinigen  benu|en,  ^ot  an  benfetben  ein  5tu^= 
eigent^um  unb  barum  ein  öoHeS  (Sigent{)uni  an  hm  5(cten 
feiner  ^^äljigfeiten  unb  bereu  grüdjten.  2)amit  nun  ein  (5igen= 
t^um  an  ben  grüditen  ber  5Irbeit  |)raftif(^  überfiaupt  mö(i(i(^ 
fei,  ift  e§  not^roenbia,  bafj  bie  (SigentüiumSinftitution  —  fo 
folgerten  mir  oben^  —  in  ber  @efellfd)aft  ju  9ted)t  beftef}e.  9In 
biefer  «Stelle  ^anbelt  eS  fi^  nii^t  mef)r  um  bie  @igent^um§= 
inflitution  im  allgemeinen,  fonbern  um  bie  (ärmerbung  be§  con» 
creten  @igent()um§  an  einer  einzelnen  ©ai^e.  (&§>  fragt  fid) 
alfo,  ob  unb  unter  mel(^en  SSorauSfe^ungen  bie  5lrbeit  (Sr= 
roerbStitel  toerben  tonne,     SBir  betjaupten  nun: 

(5rften§:  Sie  5Irbeit  ift  mir  flicke  r  ©rmerbStitel.  ®enn 
ber  5)tenfc^  Ijat  unbeftreitbar  ein  5Red)t  auf  bie  grüdjte  feiner 
5lrbeit.     2)iefe  fatlen  ba^er  in  fein  @igentt)um. 


>  aSgl.  „Kölner  ßorrefponbenj",  ficraugöegeben  Don  Dr.  ^.  Ober» 
börffer,  7.  ^a^rgong,  §eft  2/3,  6.  38. 

-  3lber  nicf;t  ber  einsige  ©rtoerbgtitel.  S)te  ©ociaüften  leljren, 
liberalen  !P^iIofo|)^en  unb  Oefonoinen  folgenb:  jeber  l^abe  nur  auf 
bo§  ^robuct  feinet  ?Irbeit  9tnfl3rud^.  *  aJgl.  ©.  270  ff. 

■^t]äi,  Siberalilinug  k.   II.   2.  5lufl.  17 


364     SrittcS  ßa^jttel.  S)a§  ^riüatcigentl^um  aU  foctale  3tnftitutton. 

3tociten§:  S)ie  5tr6eit  i[t  ein  urfprünglicfier  (5rh)erb§= 
titel.  SDenn  bie  gruc^t  ber  5trbeit  t[t  ettüaS  9leue§,  \üa§>  burd) 
bie  5trbeit  entfielet  unb  bo^er  noc^  nic^t  im  (Sigent^ume  je= 
ntanbe§  geftonben  ^at,  bon  bem  ber  5lr6eiter  fein  (5igent{)um§= 
xtä)t  ableiten  mü^te. 

S)ritten§:  5iber  bie  ^Arbeit  fonn  nic^t  ber  urf|3rüng= 
Ii(^[te  @rlt)erb§titel  [ein.  2Bürbe  ber  ^J^enfd^  eine  (Sodie 
burd)  feine  5Irbeit  erfc^affeni  fönnen,  bann  mü^te  bie 
'^xud)t  einer  foc^en  S^ätigfeit  unbebingt  bem  (Sigenttjum  be3 
3lrbeiter§  sufaHen.  '^06)  ber  5}^enfc^  fonn  nichts  erfd^affen. 
«Seine  Sljätigfeit  ^at  [teta  eine  bereite  öorliegenbe  DJJaterie 
äum  ©egenftanbe,  ben  33oben,  ben  er  bearbeitet,  ben  «Stoff, 
bem  er  eine  neue  ©eftalt  unb  g^orm  berlei^t.  5}?it  biefer 
borliegenben  9Jiaterie  nun  ift  ba§  burd)  menfc^lid^e  5(rbeit 
(Srjeugte  in  ber  Siegel  auf§  engfte  berbunben.  «Soll  alfo  ber 
3Dtenf(ib  bie  Umönberung  be§  ©toffe§,  bie  neue  gorm,  bie 
neuen  (S^genfc^aften  unb  OT^Q^^iten,  tüetc^e  allein  ba§  bon 
ber  5irbeit  ©rjeugte,  ba§  eigentliche  ^robuct,  bie  unmittelbare 
gruc^t  ber  5Jrbeit  barflellen,  aU  ©igent^um  geioinnen,  fo 
mu^  er  jugleid)  auä)  (Sigentpmer  be§  ©toffe§  felbft  fein, 
meldier  burc^  bie  5lrbeit  ^um  Sräger  ber  neuen  f^orm,  ber 
neuen  ©igenfc^aften  gemorben  ift. 

2ßar  nun  ber  ^^robucent  felbft  bereite  bor  ber 
^robuction  (5igentt)ümer  be§  SSobenS,  be§  ©toffe§,  fo 
fäÜt  oI)ne  tt)eitere§  aud)  ba§  ^robuct,  ba»  (Srjeugte,  in  ba§ 
@igentf)um  be§  ^robucenten. 

^anbelt  e§  fi(5^  bagegen  um  ^errentofe  (Sachen,  föeld^c 
äum  ©egenftanbe  ber  probuctiben  2;^ätigfeit  gemacht  werben. 


'  ®te  ©rfd^affung  ift  ^productio  rei  ex  nihilo  siii  et  ex  nihilo 
siihiecW;  ,ex  nihilo  «»i",  b.  i.  e§  mufe  ein  ©ttüaö  fein,  bo^  tiorf)er 
ntd^t  bo  war;  „ex  nihilo  subiecti" :  biefeö  @tttaä  barf  nt(f)t  blofe 
eine  neue  S^ovm,  bie  Umgeftaltung  einer  bereite  öorliegenben  9[)ta= 
teric  fein. 


7.  Sie  ©rloerbung  bc§  @tgent^um§.  365 

fo  eririrbt  ber  53earbeiter  aiic^  ba§  Sigenttjuin  om  ©toffe, 
iinb  5it)ar  bea^alb,  tüeil  bie  Arbeit  in  biefem  gaße  bie  Occiu 
pntion  öorouSfe^t,  ja  gemtlferma^en  [clb[t  qI§  eine  quQli= 
ficirte  Occupation  bejeidinet  roerben  fnnn.  —  ßat^rein  ^  jelgt 
in  überäcucjenber  Sßeife,  tüarum  I)iet  bie  3Irbeit  nid)t  ber 
ur[prünglic§fte  Srtüerbstitel  fei:  „5Ze^men  lüir  an,  jemanb 
I)abe  ein  Stücf  i^olj  ober  einen  5}?armDrbIücf  gefunben  unb 
trage  i^n  in  fein  -f)au»,  um  i^n  gelegentlich)  ju  einem  2:ifc^ 
ober  ju  einer  ©tatue  umzuarbeiten.  2)arf  nun  etwa  jeber 
^Beliebige  fommen  unb  il^m  ba§  Bind  ^olj  bor  ^Beginn  ber 
3trbeit  megnet^men?  ®ett3i^  nidbt.  (Sbenforoenig,  a(§  man  einem 
anbern  bie  gifci^e  ober  ba§  2ßi(b  megne^men  bürfte,  bie  er 
oieüeidbi  mü^e(o§  in  feine  (^ttoalt  gebradjt.  i^kn  entgegne 
nic^t,  ba^  ha^  Spangen  ober  heimtragen  an6)  eine  5(rbeit  fei. 
Senn  romn  bie  5(rbeit  im  ®egenfa|  jur  bloßen  5ßefi|= 
ergreifung  a(§  urfprüngüc^er  Srmerbötttel  be^eii^net  mirb,  fo 
oerftefjt  man  barunter  bie  5trbeit,  meldbe  auf  bie  Umgeftal» 
tung  unb  33erbefferung  ber  Singe  üermenbet  mirb.  Cljne  jebe 
menf(^(ic^e  Setf)ätigung  ift  allerbing§  ein  urfprünglidjer  @igen= 
tf^umaermerb  unmöglich).  5Iuc^  bie  33efi|ergreifung  ift  eine 
S^ätigfeit.  5(ber  felbft  in  ben  ^yätfen,  mo  biefelbe  üicie  9}?üf)e 
foftet,  mie  3.  33,  lange»  5Iuffud)en  unb  a>erfo(gen  be§  2öilbe§, 
ift  ber  eigentli($e  SrroerbStitel  nid^t  biefe  borauage^enbe  9}tu^e, 
fonbern  ber  5tct  ber  eigentlichen  ^cfi^nafjme,  5.  33.  ber  glücf= 
lidje  @c^u^  ober  3öurf.  Cljue  biefen  5Ict  mirb  tro^  aller 
DJKi^e  fein  Sigent^um  ermorben." 

|)at  enbtid)  jemanb  einen  <Stoff,  ber  bereits  in  frembem 
6i gentium  fte^t,  ^um  ©egenftanbe  feiner  5Irbeit  getoä^tt, 
fo  fäüt  bie  neue  fyorm,  bie  llmgeftaüung  unb  23erbefferung, 
mel^e  ba§  5ßrobuct  ber  5lrbeit  barfteflt,  an  unb  für  \\ä)  in 
ba§  Öigent^um  beffen,   bem  ber  ©toff   gehört.     Ser  ©runb 


ÜJloralpljirofop^te  II  (3.  SlufT.),  303. 

17  = 


366    ®iitte§  ßttpitel.  Sa§  ^riöateigent^utn  al§  fociale  Snftitutton, 

Ijierfür  liegt  auf  ber  ^anb.  3)le  neue  g-oriu,  bie  neuen  6igen= 
jc^iaften,  bie  $ßerbe[ferungen  bilben  einen  %l)t\i  be§  ©toffeo 
unb  folgen  al§  3:^ei(  bem  @igent^um  be§  ©anjen.  S)ie 
t^rüd^te,  bie  infolge  ber  ^Bearbeitung  be§  S3oben§  qu§  biejeni 
entfielen,  finb  überbie§  tfieilweife  ein  natürlicher  ^imaö)^ 
(accessio),  infofern  an  i^rer  |)erborbringung  aud)  unb  jttjar 
unmittelbar  bie  natürlichen  Gräfte  unb  ©igenfc^aften  be§ 
5Wer§  initgert)ir!t  l^aben.  S)ie  Umgeftaltung  aber,  rüdä^t  ein 
©toff,  5.  S.  ber  3)?armor,  bo§  |)olj,  gefunben  ^at,  ift  jmar 
ein  blo^  fünftUcfier  Sii^jad^S  unb  fü^rt  fid)  auf  bie  5Irbeit 
allein  ala  principale  SBirfurfad^e  ber  SSeranberung  jurücf. 
©leic^ttjo^l  erniirbt  bie  Strbeit  §ier  \\\ä)t  ba§  6igentl;um  be§ 
©toffeS,  toeil  fie  bom  ©tanbpunfte  be§  ^laturred^teS  au§  be= 
trachtet  fein  9le(^t§titel  jur  3^1^  [Körung  be§  (Sigent!^um§, 
fonbern  lebigtic^  5um  ßrraerb  be§  ©igent^um»  ift,  felbft= 
Derftänbli(i^  nur  bort,  tt)o  biefer  ßrföerb  |3^t)fif(^  unb  red)tlic^ 
niöglic!^  ift. 

dJlan  wirb  Ijier  jebod)  ä\r)i[d)en  einer  breifaci^en  93orau§» 
fe|ung  unterfcbeiben  muffen: 

Semanb  f^at  o^ne  Söiffen  unb  SÖillen  be§  @igentl;ümer§ 
einen  (Segenftanb  bearbeitet  ober  verarbeitet  mit  bem  33ett)u^t= 
fein,  ba|  biefer  ©egenftanb  frembeS  ßigent^um  fei.  (S§  ift 
ber  t^aU  ber  mala  fides.  9iiemanb  h)irb  eine  fo(d)e  5lrbeit 
al§  9{ed)t§titel  be§  (Sigent^um§ertoerbe§  anerfennen,  er  mü^te 
benn  ber  ^ieinung  fein,  ba^  bie  Ungere(i^tig!eit  felbft,  bie 
5ßerle|ung  fremben  IRed^teS,  im  ftanbe  märe,  ein  9tedbt,  b.  i. 
eine  moralifd^e  ^ßefugni^,  für  ben  SBoUjie^er  ber  9ted)t§t)er= 
te|ung  ju  begrünben. 

3'iel}mcn  mir  ben  anbern  ^aü.  Senianb  l^at  im  ©ienfte 
eine§  anbern  beffen  5Ider  befteüt,  beffen  9toI}ftoffe  ber= 
arbeitet.  —  Söejiel^ungen,  bie  Don  ber  5ktur  felbft  nid)t  un» 
mittelbar  gefc^affen  finb,  fönnen  unb  bürfen  in  bieten  Sötten 
burc^   ben   freien   äöitten   ber   93ienfd^en   eingefüf^rt   merben. 


7.  Sie  ®rtticrbung  be§  ©igcntlf)uin§.  367 

60  [iefjt  5.  53.  nid)t§  im  SBege,  baß  jemanb  feine  ^^-üliiöteiten 
unb  Gräfte  in  ben  ®ien[t  eine»  anberu  [teilt.  Snt  ®egentt}ei( 
bilbet  bicfe  ?ttt  ber  Sßerfügung  fogor  einen  53e[tanbttjei(  be§ 
9^ed^tc§,  bermöge  beffen  ber  Wtn\ä)  über  feine  Strafte  aU 
ettt)Q§  if)m  ®e^örige§  biSponiren  borf.  5yiiemal§  ^wax  wirb 
e§  geflattet  fein,  bie  eigene  ^erfönüd^feit  mie  eine  ©arfie  bem 
anbern  ju  übergeben.  ©tet§  befi|t  unb  beiüal^rt  anä)  ber 
niebrigfte  ^x\cä)t  in  (Sott-bQ§  Iet;te  unb  !)öd)fte  3iel  feine§ 
2eben§  unb  ©treben§,  l^iermit  jngleid)  unberäuf3erlid)e  Üted)t§=: 
Qnfprü(^e  auf  alle§,  lt)a§  jur  waljren  9!}?enf(^enn)ürbe  geijört. 
9lber  ber  ^J^enfc^enmürbe  miberfpridjt  e§  feine§n)eg§,  bo^  ber 
eine  bem  anbern  bient.  W\d)i  fetten  fogar  wirb  ber  ^^}m\ä) 
in  einem  folc^en  5tbt;ängig!eit§üerl^ältni^  eine  beffere  unb 
fid)crere  ©cwä^r  feiner  (Sjiftenj  unb  ber  baju  notljtüenbigen 
9}littel  finben,  at§  wenn  er  ganj  auf  fic^  felbft  geftetlt  wäre. 
Ueberatl  nun,  wo  an  ©teHe  ber  urfprünglid)en  Unabl}ängig= 
feit  ein  fotd^eS  pofitiDeS  Sienftberljättnifi  getreten  ift,  ba  l^ört 
bie  5Ir6eit  auf,  (5rwerb§titel  be§  @igent§um§  am  unmittel= 
baren,  pt)t)fifd)en  ^robucte  ber  5lrbeit  ju  fein,  weil  —  ah^ 
gefel)en  Don  aöem  anbern  —  \6)on  in  l^raft  be§  rec^tlid^en 
S)ienftber§üttniffeö  ba§  ^Mobuct  für  ben  §errn  IjergefteHt 
Wirb^.     2)ie  „^^rud^t  ber  5lrbeit",   ber  „(Srtrag  ber  wirbelt" 

'  yjtau  fnae  iüä)t,  ßeo  XIII.  (jaBe  mit  bem  ©a^e:  „2öie  bie 
äüivfiing  i^rer  Urfadje  folflt,  fo  folöt  bie  Orrudjt  ber  5lvbett  al§  re(i)t= 
mäfeigeö  ©tgentl^um  bemienigen,  ber  bie  5Xrbeit  üolf^ogeii  l^nt"  (©ncljU. 
S.  17),  etlua  in  einem  getoifjen  jocialiftifd^en  (Sinne  baö  (5igentl)um 
am  2lrbeit§probucte  anä)  bem  in  frembem  S)ienfte  [iel^enben  Slrbeitev 
juerfennen  iDoHen.  S)ie  Stnnaljme  wäre  benn  bo($  ju  naiü.  S)er 
^Qpft  l^ätte  bann  in  gletdjem  Slttjcrnjuge  bem  erften  @vn.ierber  einer 
©ad}e  baä  auäjd^IiefelicOe  unb  bauernbe  ©igcnt^umsred^t  an  berfelben 
3uertannt  —  ein  3ReÄ}t,  öon  bem  ßeo  XIII.  fagt,  ba|  niemanb  e§ 
„in  irgenb  einer  Söeife"  tcrle^en  bürfe  —  unb  äus^fit^  ^od)  lieber 
geftattet,  ba§  Dbject  burd^  Slufteenbung  uon  Strbeit  unb  al§  Sru(|t 
berjelben  bem  ved)tmä^igen  @igentt)ümer  3u  enttoinben.  —  UebevbieS 


368     ®tttte§  Kapitel.  S)q§  ^riüatetgentl)itm  qI§  foctale  Snftitution. 

für  benjenigen  aber,  ber  feine  Gräfte  in  ben  ^ienft  eine§ 
onbern  gefteUt  ^nt,  ifl  §ier  ber  gerechte  So^n,  ber  auf  ©runb 
jener  Sienfileiftnngen  bem  ^Irbeitenben  getüä^rt  toerben  mu^. 
®ie  britte  93orau§fe|ung  lüäre:  Senianb  l^at  hona  fiele, 
b.  ^.  oljne  i\\  tüiffen,  \iCi.)^  ber  ©toff,  'litn  er  sum  ©egenftanb 
feiner  5irbeit  nmi^t,  einem  anbern  gef)ört,  biefen  fremben 
©toff  bearbeitet  ober  berarbeitet.  —  %n  biefem  ^alle  ent= 
fprid^t  e§,  wenn  (X\\<i)  nic^t  ben  gorberungen  be§  flrengen 
9ted)te§,  fo  boci)  ber  ^öiüigfeit,  ba^  unter  geraiffen  33orau§= 
fetjungen  ba§  (Sigenttjum  an  bem  fremben  Stoffe  bem  5]3ro= 
bncenten  jufalle,  wobei  berfelbe  ben  bisherigen  ©igentljümer 
be§  @toffe§  entfc^äbigen  mu^.  ®aa  l^ofitine  Wec^t  tjat  barum 
aud)  bielfad)  in  biefem  ©inne  entfd)ieben.  @o  3.  53.  tid^ 
römifc^e  ütec^t^  in  feinen  ©runbfä|en  über  „Specification", 
b.  i.  SIeugeftaltung  einer  ^a<i]t  burc^  5(rbeit.  SQöer  einen 
fremben  ©toff  bergeftalt  berarbeitet,  ba^  er  al§  eine  neue 
©a(^e  erf^eint,  ^at  an  biefer  neuen  ©ad)e  unb  fomit  aud^ 
am  ©toffe  ba§  Sigent^um  ermorben.  ®ie  Umgeftaltung  mu^ 
alfo  eine  burcEigreifenbe  fein,  fo  ^a'^  bie  frütjere  (Seftalt  nid)t 
mieberl^ergeftellt  werben  fann,  unb  bie  ©ac^e  nad)  ben  33e= 
griffen  be§  33crtef)re§  a(§  eine  anbere,  neue  er[d^eint.  Slo^eS 
3erftören   ober   Starben   5.   33.    mürbe   bafjer  nid)t   genügen, 

erleiuit  bie  (£nct)tlifa  nneber^olt  ba§  ßul^nüerl^ättnife  au  ficf)  o.U  ber 
©ereditigfeit  entfpredjenb  an.  —  ®er  ^apft  liüU  eben  mit  bem  ©a^e: 
„2ßie  bie  SBirfung  i^rer  Urfad^e  folgt,  \o  folgt  bie  %x\x^i  ber  Slrbeit 
0.U  rechtmäßiges  6tgentt)um  bem,  ber  bie  Arbeit  tottäogen  ^at"  — 
lebtgtiä)  princtpiett  unb  abstract  bie  @igentf)umsinftitutiou  recl)t= 
fertigen.  6r  abstra£)ivt  babei  üon  ben  acceffovifci^en  23erl)ältnifjen, 
bie  burdj  Sontroct  entfte^^en,  unb  Don  ben  rec^tlid)en  fyolgen  berfeI5en. 
Sßo  er  üom  Soi^nberpttniß  rebet,  ift  bie  „iJrud^t  ber  Slrbeit"  im 
juribifd^en  ©inne  aud^  2eo  XIII.  äufolge  ber  ßol^n. 

»  Cf.  1.  7,  §  7 ;  1.  9,  §  1 ;  1.  26,  §  3,  Dig.  de  acquirendo  rerum 
dorainio  41,  1.  —  L.  13;  1.  14,  Dig.  de  cond.  furtiva  13,  1  ;  1.  12, 
Dig.  ad  exhibeud.  10,  4. 


7.  ®te  ©rttiertung  be§  ©igentf)umS.  369 

eBenfo  ni$t  boa  5tu§bref(f)en  be§  ©etreibeS.  SOßenn  jugleid^ 
eigener  unb  frember  ©toff  beriüenbet  tüurbe,  bnnn  cnrorb 
ber  5trbeiter  naä)  römifdiem  Siedete  boS  ©igent^um  an  ber 
gangen,  nenen  <BaäK  and)  für  hcn  gaU,  ba^  bieüeid^t  bic 
alte  ©eftalt  tüieber^crgeftellt  werben  fonnte.  —  Sßeiter  al§ 
ha?)  römi)c^e  Diec^t  ging  ba§  beutfc^e  9{ed)t  be§  5J?itte(aIter§, 
inbem  e§  ben  ©runbfa^  auffteHte,  ba^  jur  Si^^itiifl  "^^^ 
f^rüd^te  berienige  berecfitigt  fei,  ber  fie  „berbiente",  b.  ^.  ber 
bie  5ur  3i'^§"^9  nöt^ige  5lr6eit  berriditete  i.  2)iefer  @runb= 
fa^  fom  ju  ftatten:  1)  bemjenigen,  ber  jur  3^1^  ^cr  5lr6eit 
ha^  9^e($t  be»  gruditgenuffeS  6efa§,  beffen  9tec^t  aber  enbigte, 
e^e  bie  t^rud^t  einge^eimft  föar;  2)  bemjenigen,  ber  in  gutem 
©tauben,  au§  Strt^um  ein  frembe§  ©runbftüc!  befteßt  l^atte. 
S)urd^  bie  Dteception  be§  römifdien  9tecf)te§  lüurbe  biefer  ®runb= 
fa^  im  allgemeinen  befeitigt.  33eiber;alten  bücb  er  im  8e^en= 
xe6)ti^  unb  in  einigen  ^particularrec^ten ,  3.  33.  in  @ad)fen 
unb  t^eilttieife  im  preußifdien  ßanbred^te. 

9.  2öir  unterfc^ieben  borfjin  strifc^en  urfprünglid^en  unb 
abgeleiteten  ©rtüerbytiteln.  9!Rit  te^tern  f)aben  mx  un§  nod^ 
äu  befd^äftigen. 

S)er  abgeleiteten  ßrmcrbSarten  unb  @rföerb§titet  ober 
gibt  e§  ^wei:  (Erbfolge  unb  33ertrag. 

Sei  ber  Erbfolge  unterfd)eibet  man  bie  ^nteftaterbfolge 
unb  bie  teftamentarifd)e  Erbfolge, 

jDie  33ere(^tigung  be§  (5igentf)um§  beruht  auf  feinem  ^\v(ä. 
S)Oö  @igent^um  foQ  aber  — •  lüie  wir  oben  auöfüfjrten  — 
aud^  unb  ganj  befonberä  ben  3*üecfen  ber  f^amitie  bienen. 
^ie  Stüzdt  ber  gamilie  fterben  nun  nid^t  mit  bem  t5^ami(ien= 
l^aupte  ober  bem  eiuäetnen  ^^^amiliengliebe.  ©ie  bauern  fort 
loie  bie  gamilie  felbft.     „2)a  bie  gamilie  nid^t  beftimmt  i|t. 


'  Sögt,  bagegen  1.  25,  §  1,  Dig.  de  usiiris  22,  1. 
2  II  Feud.  §  3. 


370     2)ritteö  Kapitel.  ®q§  ^riöateigentl^mn  qIq  foctole  Önftttutton. 

Mo§  eine  ©eneration  jit  bauern",  fagt  6^arle§  ^ertnS 
„foubern  ha  fie  in  i^ren  folgenben  ©enerationen  alle  focialen 
Sugenben  unb  Srabitionen,  beten  2:räger  fie  felbft  i[t,  fort» 
pflonjcn  foll,  fo  mu^  nud)  ha^  (Sigent^um  fortbauern  unb 
Dom  53atcr  auf  biejenigcn  ü6erget)en  fönnen,  toeld^e  feinen 
5kmen  tragen  unb  feine  ^erfon  fDrtfe|en.  ®urd()  ba§  ($rb= 
rec^t  muß  ha^  moralifi^e  Sßefen,  tüelc^e§  jebe  gamilie  bilbet, 
fid^  erhalten  unb  nac^  35erbienft  weiter  ausbe^nen  fönnen. 
§ierau§  i[t  ha^  9iec^t  ber  ^eerbung  entftanben  unb  ^at  bie» 
felbe  ©anction  erhalten  toie  ha^  9ted)t  be§  @igent^um§  in 
aden  htn  ©efeöfdjaften,  in  welchen  bie  natürlidien  ©efe^e  be§ 
menf^Iirf)en  Seben»  in  ?l(^tung  ftef)en."  @o  tjoben  alfo  bie 
S^amilienange^örigen,  abgefe^en  bon  ädern  Seftament,  ein  natür= 
n(^e§  9ted)t  auf  bie  Grbfotge,  trenn  biefe§  9ted)t  aui)  in 
niannigfa(^er  ^Bejic^ung  ber  nähern  53efttnimung  burd)  bie 
ijofitibe  ©efe^gebung  bebatf^. 


*  6^rtftUd)e  ^olitif.    (irfte  §älfte  (greiburg  1876),  ©.  202. 

2  Sie  btegbejügliifie  Seigre  beä  1^1.  S^l^omaS  bon  21  quin  ögl. 
in  g^rana  Straub,  gigent^umSle^re  (Sfreiburg  1898)  ©.  302  f. 
374  ff.  —  Sluntfci^a  (©taatgtoorterbuc^  [1858]  ®.  821)  fagt:  „®q§ 
®rbre(f)t  eri^ält  ba§  ©igentfjum  unb  üerebelt  e§.  ®ie  (irnmgenfdfiaft 
ber  S3orfa^ren  totrb  burtf)  baä  (Bxbxtä)t  ben  9kd)fommen  überliefert, 
unb  ber  fjleife  be§  93aterä  gefteigert  burc^  bie  31usficf)t,  bnfe  berfelbe 
nocf)  feinen  fiinbern  gum  S^Ju^en  ger