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Full text of "Patriotisches Archiv für Deutschland"

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Patriotifches Archiv 


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Seantfeit und Beipzig, 


und in bee Schwanifchen Hofſbuchhand 
Senne In Common, 









1785 
Historisches Institut der —— 
Univecaat L 
Seminare fur miitiereund eden J 






neuere Geschichte 


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1. 


Eharakteriftifche Züge 


aus bem Leben 


Fuͤrſten Wolfgang 
zu Anbalt, 


Seh. 2. Hug. 1492, gefl. 23. Matt. 1566, 


A2 


Lo 





— Ar. 1500, im achten Sabre feed 
PT 2 Alters, wart er nach Leid:ig 

geſchickt, allda ;u futires. In 
Jahren hielt er fi) mehrmalen bei feinem Vet⸗ 
ter, Türk Abolfen, Bifchefen zu Merſe⸗ 
burg, auf, tem er einſt auf bie Frage: ob 
er auch gedaͤchte, in Himmel zu Toms 
men? die nad;denflihe Antwort gab: Ja 
traun, aber, ob Bett will, noch zur 
Zeit nicht, denn darum bin id) ge 
muft, daß ich im Zimmel leben ſoll, 
aber ih Hoffe noch eine Zeitlang all 
- bier auf Erden zu ſeyn, und bei Bott 
avig 33 bleiben. 





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4 
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6 Chbarakt.Lebens⸗Zuͤge 


Die Sorge um ſeiner Seelen Heil wurde 
in ihm fruͤhzeitig durch die Beiſpiele und Er⸗ 
mahnungen ſeiner Frau Mutter und dreien 


Vettern, Fuͤrſten Adolfs, Magnus und Wils 


helms, hauptſaͤchlich and) durch zwo Begeben⸗ 


heiler erwegfet, Die einen tiefen Eindruck in ihm 


zuruͤckgelaſſen. Ein gewiffer Baron von Sterns 
berg hatte zu Weimar einem großen Vanquet 
und ritterlichen Uebungen beigewohnet, den ans 
dern Morgen früh gieng er in den Saal, bie 
leeren Wände und Tafelu, und Die berrichende 
Todten⸗Stille übernahmen fein ganzes Gemuͤth 


mit einem fo lebhaften Gefühle von der Vers 


- 


gaͤnglichkeit aller irrdiſchen Freuden, daß er uns - 
verzüglich mit feinen Dienern fic) zu Pferd fezte, 
nach Arnſtadt vor das Kloſter ritt, nnd feinen 
Dienern fagtes Er fähe, wie vergaͤnglich die 
weltliche Freude fei, er wolle ſich deßwegen um 
dad Eroige befümmern, und ftelle jedem unter 
ihnen frei, wer mit ihm an biefem Orte fein Les 


ben im Dienſte Gottes zubringen wolle, wer aber 


nicht wolle,der foll in Gotted Namen feinen Weg 
zuruͤcknehmen, und das Pferd behalten; worauf 
Einer bei ihm geblieben, und die andern fortges 


Fuͤrſt Wolfgangs zu Anhalt. 7 


ritten; welche Seſchichte der ſelige Herzog noch 
in feinem hoher Alter nie ohne Gemuͤths⸗Bewe⸗ 
gung und Weinen erzählen koͤnnen. Die andere 
Beranlaffung fei geweſen eine Rede Kurfürft 
Sohannfen zu Sachſen, welcher als ein noch 
junger Herr zu Imufprud am Hofe Kaifer 
Marimiliand II etlihe Tage mit Rennen, 
Stehen, Zurnieren, Springen, Tanzen und 
andern Ergözungen zugebracht, jeboch noch 
nad) ber Zeit, fo oft er baran gedacht, bie 
Rebe geführte: Er wüßte mit Wahrbeit 
zu fagen, daß ihm auch derfelben Freu⸗ 
densTage Feiner jemals ohne eine fon» 
derliche Traurigkeit und Herzeleid vers 
flofien wäre. 

An. 1530 309 er mit Kurfürften efobannfen 
von Sachſen auf den Reichstag nad) Augfpurg, 
allwo er das Evangeliiche Glaubens » Bekänuts 
niß mit unterfchrieb, und Kaiſer Karl V übers 
geben half, bei weldher Gelegenheit er das 
chriſtlich⸗ heroifche Zeugniß ablegte: Ich Habe: 
manchen ſchoͤnen Ritt andern 3u Ber 
fellen getan, warum follte ich dann 
nicht, wenn e8 vonnöthen wire, auch 

A4 


8 Charakt. Lebens - Züge 


meinem Herrn und Erlöfer, Chrifto Je⸗ 
fü, zu Ehren und Behorfam mein Pferd 
fetteln, und mit Darſezung meines 
Beibes und Lebens zu dem ewigen 
Ehren: Kränzlein im Dimmlijchen Les 
ben eilen. 


Als währenden Meichätages einsmals von 
Beſtaͤndigkeit ber Evangeliſchen Religion geres 
bet ward, fprad) er mit ebler Freimütbigkeit: 
Er wolle lieber einem dafür die Stifel 

auswiſchen, und fich Land und Leute 
verzeihen, und an einem Sieden das 
von gehen, dann daß er follte eine ans 
dere Lehre annehmen. 


Als auch Kurfuͤrſt Sohannfen zu Gachfen 
auf dieſem Reichstage eine Formul, von ber 
Evangeliſchen Lehre abzutreten, angetragen 
ward, dieſer aber geantwortet: Gott hat mich 
zum Kurfuͤrſten des Reichs gemacht, 
deß ich mein Lebtag. nicht werth bin 
worden, will.er mich nun ferner zum 
Rurfürften Haben, fo wird cr ed wohl 
ſchicken, wo nicht, fo mache er aus mir, 








| 


Fuͤrſt Wolfgang: zu Anhalt. 9 


and der Roͤmiſche Kenig Ferdirand ſolches der⸗ 
maſſen übel genommen , daß, ba ter Kaiſer 
ihm, wie andern Fuͤrſten des Reichö, bie Hand 
geboten, ter König das nicht geftatten wellen, 
fontern ibm aus Zorn die Hand wieter zuruͤck⸗ 
gezogen, ber Kaiſer aber fid) dadurch doch nicht 
bewegen laſſen: fo tras Fuͤrſt Wolfgang mit 
Marggraf Georgen- ans dem Mittel hervor , 
and tragen dem Kaifer ihre Dienfle mit Leib 

un Blat an, jedoch mit dem Anhange: Geis 

ge Raiferl. Majeſtaͤt wollten fie bei 


der befannten Religion gnädigft Iafs 


fen, würden ſich auch gegen Diefelr 
ben in aller ‚Unterthänigkeit verhal⸗ 
ten, jedennoch, ebe fie ihren Bott und 
deſſen Evangelium verläugnen woll⸗ 
ten, fo wollten fie ihnen lieber die 
Köpfe abichlagen laſſen; worauf ber Kai⸗ 
fer ganz guäbig geantwortet: Lieben Oh⸗ 
men, nit Kop ab, nit Kor ab, fo iſt 
es nit gemeint. 

Als auch D. Eck einsmals mit Heftigfeit 
herausfuhr, daß ihn wundere, wie die Luthe⸗ 

/ A 5 


ıo  Charakt. Lebens ‚ Züge: | 


riſchen fo wider ben Strom firebten, indem fie 
‚nicht gedenken follten, daß ihre Sachen Beftanb 
haben, und fie alfo einmal nirgend würden bleis - 
ben koͤnnen, antwortete ihm Fürft Wolfgang: 
Meinet dann ihr, daß eure Sache eis 
nen Beftand haben koͤme? unfere Sar 
che ift gut, und ift Botted Sache, dem. 
trauen wir, der wird fie auch wohl 
erhalten; das follt ihr aber wiffen , 
Serr Doktor, prakticitt ihr einen Krieg, 
fo. werdet ihr auf diefer Seite auch 
Leute finden. 

Im Jahre 15 3 1 unterfchrieb er den Schmals 
kaldiſchen Bund , und erhielt in eben biefem 
Jahre ein Schreiben von Herzog Albrecht in 
Preußen, worinn er ihm wegen feiner Befläns 
digkeit in Glaubens⸗Sachen in folgenden herz⸗ 
lichen Ausdruͤcken Gluͤck wuͤnſchet: „Ich bans 
ke Gott dem Vater in Chriſto Jeſu, der Ew. 
Liebden durch Eingebung des heiligen Geiſtes, 
den Mund ſeiner Wahrheit, das reine lautere 
Wort feines heiligen Evaugelii, welches Wort 
Sort felbften iſt, und Fleifch worden, zu uns 
ferer Exlöfung eröfnet, und dag Ew. Liebden 


‘ 


| Fuͤrſt Wolfgangs zu Anhalt. 11 


| ſolches ohne alle Schen vor den Menſchen oͤf⸗ 
fentlich zu befennen feine Gnad verliehen hat; 
derſelbige allmaͤchtige barmherzige Gott wolle 
Ew. Lobden und und alle in feinem gnadenrei⸗ 
hen Wort erhalten, fhüzen,, firmen, und, 
weiter vor allem Uebel behüten. Umen ! So 
danke ich darneben dem lieben Gott, daß er 
mic) armen Sünder aus bem Machen des Zeus 
feld erlöfet , and mir ans lauter Gnade und 
Barmherzigkeit, der ic) dem Teufel ganz ers 
geben war , fein göttliches Wort auch mitges 
theilt ꝛc,, Endlich befchließt er: „Wuͤnſche 
Ew. Lbden hiemit, von Gott dem Vater und 
unſerm Herrn Jeſu Chriſto, der ſich fuͤr unſere 
Suͤnde gegeben hat, auf daß er und errettete 
von diefer gegenwärtigen argen Welt, Gnade, 
Friede und Barmherzigkeit, den gütigen Bas 
ter unfer aller in fiarfem Glauben und fefter 
Zuverſicht bittende, weil er Em. Lbden und uns 
bei ſolchem erhalten, wolle ferner der falfchen, 
argen, vergänglichen, nichtigen Welt diefes 
Fammerthals nah feinem gnädigen Willen 
wehren, und und das Eleine Häuflein vor als 
Im Uebel behüten, fein goͤttlich Wort mehren 


12 Charakt. Lebens⸗Zuͤge 


and zunehmen, und die gute Frucht in uns 
erwachfen laflen zc.,, 

An. 1546 befand er fidy mit zu Eisleben, 
und bei der Handlung zwifchen den Grafen von 
Manndfeld, deren andy Luther beiwohnte, bes 
huͤlflich zu ſeyn. Er hatte daſelbſt den Schmer; 
des tödtlichen Hinganges bed von ihm fo ges 
Tiebten und hochgeſchaͤzten Luthers, den er noch 
in der Nacht um vier Uhr befuchte, aber fchon 
todt antraf. 

Gaoott hatte biefen feinen trenen Diener , 
nach feinem fehnlihen Wunſche und Hoffnung, 
aus dieſer Zeitlichkeit entruͤckt, ehe noch in dies 
fem Jahre der unglüdlide Schmalfaldifche 
Krieg ausbrach. Fuͤrſt Wolfgang ward in das 
Schickſal feiner Bundedgenoffen mit verflod» 
ten, and fin Jaͤnner 1547 vom Kaifer in die 
Acht und feiner Lande verluftig erklaͤrt. Er 
mußte fich bei dieſen Umſtaͤnden mit der Flucht 
retten , fein Muth und Vertrauen auf Gott 
blieb aber unter all dieſen Stuͤrmen anerfchüts 
tert, und als er des Nachts von Bernburg 
wegritt, fung er noch auf dem Markte mit 
heller Stimme dad Lied: Ein fefle Burg iſt 


Fuͤrſt Wolfgangs zu Anhalt, 13 


fer Gott ꝛc. Er mußte fi in dem Kits 
tl eined Müllers eine Zeitlang auf der 
Mühle zu Köran verborgen halten, begab 
fi) darauf auf den Harz, wo er bei guten 
Freunden ſich verbarg, bis die erfle Hize vors 
über feyn würde. 

ImSahre 1548 wurde der VöhmiſcheObriſt⸗ 
Kanzler, Henrich von Plauen, Burggraf von 
Meißen, mit ben confifeirten Landen vom 
Kaifer belehnt, Fuͤrſt Wolfgangd alter guter 
Freund, Herzog Franz von Braunfchweig,fchrieb 
ihm aber um dieſe Zeit folgenden herzruͤhrenden, 
troͤſtenden und getroflen Brief: 


„Hochgebohrner Fuͤrſt, freundlicher Lieber 
Oheim nnd Schwager! 


So es Euch wohl gienge, hörete ichs gers 
ne, bitte, Ihr wollet mir ſchreiben, ob Ihr 
vertragen ober nicht? mit mir flehetd noch, 
wie ed lang geflanden hat, und man hat mir 
andere neue Wege fürgefchlagen, ich wills aber 
nicht annehmen , und will meine Sache Gott 
den Allmaͤchtigen heimſtellen, and ben ließen 


x 


14 Charakt. Lebens-⸗Zuͤge 


Gott nicht verlaͤugnen, ſondern bei ſeinem lie⸗ 
ben Wort bleiben, es gehe daruͤber, was Gott 
verhaͤnget. Die Stätte allhier halten noch al» 
le, Gott Lob! fefte bei Gott und feinem Wort, 
und auch alle die See » Stätte. Der König 
"in Dännemark wird auch bei Gott und feinem 
Wort bleiben, und follte er auch darüber bet⸗ 
teln gehen. Gott flärke ihn, es wird nun 
heißen, dad Krenz beweifen mit der That, doch 
verſehe ich mich, Ihr werdet auch bei dem lies 
beu Gott bleiben, und fo Ihr allda verfelget, 
und zu mir kommet, fo will ich mit Euch theis 
len, als Lange ich einen Biſſen Brods habe, 
denn wir find alte Gefellen, und gefchieht bils 
lich, was ich mich erbiethe, Gott flärfe Euch, 
und habt einen guten Muth, Gott wird wohl 
helfen, wenns Zeit ifl. Hoffe aber zu Gott, 
der Teufel wird fo ſchwarz nicht ſeyn, ald man 
ihn machet. Lieber Schwager, laßt nur Gott 
wolten, und bitten durch Chriſtum, er wird 
helfen, und fic) gewiß fehen Laffen durch Bitte 
der armen Chriften. Es iſt viel beffer , das 
Zeitliche hintangefezt, ald das Ewige, Thue 
Eudy hiemit Gott dem Allmächtigen befehlen, 


Fuͤrſt Wolfgangs zu Anhalt. 15 


Ä nd bin Euer armer Kuscht. Eilende u Si . 
pern, Mittwoch nad Egibü 1548.,, 
An. 1550 fand er Karfuͤrſt Morizen zu 
Sachſen in ber Belagerung und nachhero Ver⸗ 
handlung mit der Stadt Magdeburg bei, und 
ließ fh zum Statthalter allda beſtellen. Ende 
lich wurde er in Folge bed Paſſauer Friedens 
nebſt andern Fürflen der Acht entbunden, und 
in feine Lande wieber eingefezt. Seine neue 
Regierung war mit vielen loͤblichen Thaten 
aut Aufalterı bezeichnet, im Fahre 1562 aber 
übergab er feine Lande feinen Vettern, um 
nach erlebtem 7ojährigen Alter feine noch 
übrigen Tage ruhiger zuzubringen. Cr behielt 
fh une dad Schloß Kopwi zur Wohnung, 
and ein fehr mäßiged Depntat an Gelb bes 
vor, machte aber die Verfügung , ba er alle 
Tage eine Predigt hören könnte, theils in feis 
wem Schloße, theils in Zerbſt, wohin er noch 
ia kinem hoben Alter alle Woche einmal ritt, 
fand ſich auch alle drei, vier Wochen beim heit, 
Albendmahle ein. 
Sm Sahre 1565 machte er im September 
kin Teſtament, warb aber noch in eben dem 


14 Charakt. Lebens⸗Zuͤge 


Gott nicht verlaͤugnen, ſondern bei ſeinem lie⸗ 
ben Wort bleiben, es gehe darüber, was Gott 

verhänget. Die Stätte allbier halten noch als 
le, Gott Lob! fefle bei Gott und feinem Wort, 
und auch alle die See » Stätte. Der König 
in Dännemark wird auch bei Gott und feinem 
Wort bleiben, und follte er auch darüber bets 
Nteln gehen. Gott flärke ihn, es wird nun 
heißen, dad Krenz bemeifen mit der That, doch 
verſehe ich mich, Ihr werdet auch bei dem lies 
beu Gott bleiben, und fo Ihr allda verfolget, 
and zu mir kommet, fo will ich mit Euch theis 
len, als lange ich einen Biſſen Brods habe, 
denn wir find alte Gefellen, und geſchieht bils 
lich, was ic; mich erbiethe, Gott flärfe Euch, 
und habt einen guten Much, Gott wird wohl 
helfen , wenns Zeit iſt. Hoffe aber zu Gott, 
der Teufel wird fo ſchwarz nicht ſeyn, ald man 
ihn mache. Lieber Schwager, laßt nur Gott 
walten, und bitten durch Chriflum , er wird 
helfen, und ſich gewiß fehen Laffen durch Bitte 
der armen Chriſten. Es iſt viel beffer , dad 
Zeitliche hintangefezt, ald das Ewige, Thue 
Euch hiemit Gott dem Allmächtigen befehlen, 


Fuͤrſt Wolfgangs zu Anhalt. 15 


nnd bin Ener armer Kuecht. Eilends zu Giff 
horn, Mittwoch nach Egidii 15487, 

Un. 1550 ſtund er Kurfuͤrſt Morizen zu 
Sachſen in ber Belagerung und nachhero Vers 
handlung mit der Stadt Magdeburg bei, und 
ließ ſich zum Statthalter allda beſtellen. Ends . 
lid) wurde er in Folge bes Paſſauer Friedens 
nebſt andern Fuͤrſten der Acht entbunden, und 
in feine Lande wieder eingefezt, Seine nene 
Regierung war mit vielen loͤblichen Thaten 
unt Auflalten bezeichnet, im Jahre 1562 aber 

übergab er feine Lande feinen Vettern, um 
za erlebtem Tojährigen Alter feine noch 
übrigen Tage ruhiger zuzubringen. Er behielt 
fh une das Schloß Koßwick zur Wohnung, 
und ein ſehr maͤßiges Deputat an Geld bes 
vor, machte aber die Verfügung , daß er alle‘ 
Rage eine Predigt böven Eönnte, theils in feis 
nem Schloße, theils in Zerbſt, wohin er noch 
in ſeinem hohen Alter alle Woche einmal ritt, 
hab ſich auch alle drei, vier Wochen beim heil. 
Abendmahle ein. 

Im Jahre 1565 machte er im September 
fin Teſtament, ward aber noch in ehen dem 





3 


N 


16 6Charakt. Lebens⸗Zuͤge 


Monate von einem mit vielen Bangigkeiten be⸗ 
gleiteten Fieber heimgeſucht, ſo daß er ſich ge⸗ 
gen feinen Prediger Ulrich beklagte: daß ihm 
aller Troſt aus dem Herzen weichen wolle; 
worauf ihm diefer zugefprochen: Er habe Gots 
ted Wort und Verheißung vor fi, wäre auch 
dein Herrn Ehrifto viel zu fauer worden, als 
daß er ihn verlaffen follte. Ex erbolte fid) aber 


wieder fo, daß er auch zu feinem angefariges 


nen Kirchenbau reuten kounte, davon er fags 
te: Ich will, ob Gott will , diefen Vogels 
bauer vollends bauen helfen, ehe ich ſterbe, 
Gott wolle hernach gute Sangs Vögel darein 
befcheren. | 

Sm folgenden Sahre uͤberkam er die vos 
rige Schwachheit, er ließ ſich alfo feinen Sterbs 
Kittel machen und zuvecht legen, und befahl, 
wenn ihn Gott abfordern würde, ihn nicht 
andzuziehen, noch zu entblößen,, Taufte alles 


zu feinem Leich⸗Begaͤngniß und Trauer ges 


hoͤrige ſelbſt ein, und beſchaͤftigte ſich mit taͤg⸗ 


licher Anhörung der Predigten und erbauli⸗ 


chen Betrachtungen, betruͤbte ſich auch ſehr, 
daß er wegen des zunehmenden Huſtens und 
Erbrecheus 


| 


| 


Für Wolfgangs zu Anhalt. 17 


} 
f 


Erbrechend das heilige Abendmahl nicht mehr 


genießen konnte, er dankte Gott ſehr demuͤ⸗ 
tig für die Erkenntniß der Evangeliſchen 
Mahrheit, nnd als ihm den Tag vor feinem 
Ableben der Spruch aus dem 118 Pfalm ans 
geführt wurde : Ich werde nicht flerben, fons 
bern leben; fezte er hinzu? Ich werde ſchla⸗ 
fen; und fo entfchlief ex auch folgenden Tages 
in dem Glauben, dem er beLanut, und mit feis 


ver Wahlfpruche: Chriftus fpes una falutis, 


verſiegelt hatte. 

Eine befondere Freude ward ihm noch auf 
feinem Krankenbette zu Theil, ba er gelegens 
heitlich gegen den Prediger Ulrich feines (wie 
er ihn nannte) alten Herrn, bes Erzbifchofs 
Eruft von Magdeburg ermehnte, und von ihm 
ruͤhmte: daß er gottesfürdhtig, weife, fchleche 
und gerecht, auch wohlthätig geweſen, viel ges 
banet, und einen flatslihen Hof, auch vice 
Fürften und Herren baran gehalten, und gleiche 
wohl mit Schazungen feine Unterthauen nicht 
beſchweret habe. Pfarrer Ulrich fagte darauft 
Euer Gnaden laffen bad Beßte außen, er if 
auch wohl geſtorben. Ach das wollte ih, er⸗ 

patr. Archiv, In Che, 8 


es 


18 Charakt. Leb. Zage F. Wolfg. ec. 


wiederte Fuͤrſt Wolfgang, Ihm gerne, gerne goͤn⸗ 
nen, Kan aber wohl denken, wie ed zu der Zeit | 
zugegangen. Der Pfarrer verfezte darauf: Er 
bat ein vecht Evangeliſch Ende genommen, denn 
da ihm anf feinem Todbette zween Mönche alle 
ihre und ihres ganzen Ordens gute Werke zum 
Pfande ſeiner Seligkeit angeboten, hat er ih⸗ 
” nen geantwortet: Klein traun, ich begehrte 
eure Werke nirgend zu, meines Serrn 
Jeſu Chrifti Werte die muͤſſens alleine 
thun. Worauf ſich der alte kranke Herr von 
Herzen erfreuet und gefpröchen: Wohlen, Hat 
er das bereits zur ſelben Zeit geſpro⸗ 
- hen „fo ift es wahrlich viel, fo werden, 
‚ob Bott will, Herr und Knecht bald 
wiederum beifammen feyn.bei unſerm 
Tieben Herrn Chriſto. | 


. 
CHR 
[1 * * 
⁊ 
De 


I. 
Leben 

Herzog Cherhard Ludwigs 
zu Wuͤrtemberg. | 


Geb. den 18. Sept. 16776, geſt. den 31. Det. 
1733. 





. 


2* 


=. — — einen = - a 


em 0 Ss ar 
— N — 


Nr kurze, aber gebrängte Lebend-Befchreis 
bung Herzog Eberhard Ludwigs zu Würtents 
berg iſt aus eben dem fchriftlichen Aufſaze bes 
verſtorbenen Geheimen Rache Herz genoms 
men, von weldyem im erſten Theile dieſes Werkes 
©. 107 Rechenſchaft gegelen worben. 

Freilich lieſet fi die Spittlerifche Res 
Verungs⸗Geſchichte Diefes zürflen ungemein an⸗ 
genehmer; ald Lebrusizuf, und in Hiuſicht anf 
Zhatfachen iſt und Meibt aber jene immer 
brauchbar und ſchaͤzbar, nud iſt dabei nicht zu 
vergefien , daß ber ganze Aufſaz nicht fürs 
Publikum, fondern zum PrivatsUnterricht eis 
ned jungen Fuͤrſten gefchrieben war, wobei der 
mündliche Vortrag vieles ergänzen und berichs 
tigen konnte. Auch ift für ben unpartheiifchen 
aufmerkſamen Lefer immer was werth, eine und 
eben diefelbe Geſchichte von einem befoldesen ehr⸗ 

lichen Fürftendiener einerfeits, und daun aud) 
don einem philofophifchen Kopfe und freidenken⸗ 
den Manne erzählt und beurtheilt zu leſen. 

B 3 





22 Leben 


“ * | 

Herzog Eberhard Ludwig war ber zehnte 
Herzog von Würtemberg, einiger Sohn feines 
Worfahrers, Herzog Wilhelm Ludwigs. Cr 
war gebohren den ı fen Geptemb. 1676, und 
noch Fein völliges Jahr alt, als fein Herr Was 
ter ſtarb; daher fiel das Herzogthum unter eine 
Adminiſtration. 

Ueber dieſe entſtunden große Sreetigfeiten 
zwifchen dev Frau Mutter, des Herrn Vaters 
Bruder Herzog Friderich Karl, und des Großs 
herrn Vaters Bruder Herzog Friderich von 
Neuenſtatt. Jene berufte fih auf die gemeinen 
Rechte und ihre Ehepakten, welche ihr die Vor⸗ 
mundſchaft zulegten. Herzog Friderich Karl 
wollte zwar die Frau Mutter von der Vor⸗ 
mundſchaft uͤber die Herzogliche Jugend nicht 
ausſchließen, die Landes-Adminiſtration aber 
allein haben, und berufte ſich hierunter auf das 

Herkommen des Herzoglichen Hauſes und das 
Teſtamentum Eberhardinum. Herzog Fri⸗ 
derich von Neuenſtatt machte wider bie Frau 
Mutter gemeinſchaftliche Sache, wollte aber 
den Herzog Friderich Karl der Urſache wegen . 


H. Eberh. Ludw. zu Würtemb. 23 


serbringen , weil diefer ſelbſt noch nicht 25 Jahr 
alt, felglich felbft noch minderjährig, und die 
Adminiſtration zu führen unfähig fei. 

Die Sache wurde am KRaiferlichen Hofe ans 
bängig gemacht, wohin ſich gleichbald Merzog 
Friderih Karl in Perfon begab, und vorderſt 
‚ben einen Kompetenten, Herzog Friderich von 
Meuenflatt, dadurch vom Hals brachte, daß 
er die Sache fo viele Monate trainixte, als 
ihm zur völligen Majorennität annoch abgien⸗ 

gen. Zwiſchen der Frau Mutter aber und ihm 

wurde die Sache ferner in Schriften verhans 
beit, und biß auf den Spruch getrieben, ends 
Iih aber unter Kaiferlicher Vermiltelung im 
Sahre 1678 ein Vergleich getroffen, kraft deſ⸗ 
fen die Vormundſchaft gemeinfchaftlih , bie . 
Adminiſtrativn aber, nach der Obſervanz des 
Herzoglichen Hauſes, von dem Herzoge allein 
gefuͤhret, jedoch in beiden das Geheime Raths⸗ 
Kollegium, nach Vorſchrift des Eberhardini⸗ 
ſchen Teſtamentes, als Mit⸗Vormuͤnder ads 
mittirt, auch der Frau Mutter auf Verlangen 
von den wichtigſten Angelegenheiten Nachricht 
gegeben werden ſoll. | | 
Bu 


4 Reben 


Die Herzogin war alfo von der Landes⸗ 
Adminiftration fo ganz ausgeſchloſſen, daß, 
als fie währender Gefangenfchaft des Herrn 
Adminiſtrators ſich derfelben nur etlichermaſſen 
unter ihrem eigenen Namen unterzogen, der 
junge Herzogliche Herr Bruder ſich am Kaiſer⸗ 
lichen Hofe darüber beſchwerte, und vom Kaifer 
Leopold ein befonderes Salvations⸗Dekret hers 
and brachte, daß ſolcher von der Frau Herzogin 
vorgenommene Aktus dem Herzoglichen Haufe 
und deſſen Herkommen zu keinem Praͤjudiz ge⸗ 
reichen ſoll. 

Der Herr Adminiſtrator führte bie Regie⸗ 
rung von An. 1078 bis 1092 mit vieler Wuͤr⸗ 
de, mittler Zeit er auch in ſeiner Ordnung zum 
Kaiſerlichen Generals Feldmarſchall ernennet 
worden. 

Nur erweckten die angeſtellten Werbungen 
zu Venetianifchen Dienſten im Lande einiges 
Mißvergnägen, und wegen der Feſtungsbau⸗ 
Gelder wurbe er von ber Landſchaft beim Kais 
ſer verklägt: 

Unter ihm wurde, aus Gelegenheit einer 
Reichs⸗Defenſiond⸗Verfaſſung, der Grund zu 


% 


H. Eberh. Audw. zu Würtemb. 25 


ter Kreis Militar: Eoucurten; gelegt, unb 
turch den großen Anslhuß > Tags » Abjchieh‘ 
vom Sabre 1081 auf zwei Kompagnien zu. 
Pferd à 100, mb vier Kompaguien ;u Fuß ä 
200 Maum geſezt. 

Die Concurrenz des geiſtlichen Gutes zu 
den Landes⸗ Praeftandis wurde bei allen Gele⸗ 
genheiten von ber Laͤndſchaft ſtark urgirt, aud 
jeterzeit auf Abſchlag etwas geliefert, die volls 
Iommene Herſtellung des dritten Theiles aber 
von nem Convent zum audern vegihoben, 

Uster feinen rühmlichen Verrichtumgen vers 

dient die Erbau⸗ und Stiftung bed Ötuttgarder 
Oymnafii auch einen Plaz. « 

Er hatte zu feiner Appanage die Gefälle 
zu Winnenthal erhalten, wovon.er nad) abges 
legter Abminiftration mit feiner zahlreichen Fa⸗ 
milie ſubſiſtiren muͤßen; hatte aber doch fo gut 
hansgehalten, daß er ein namhaftes Kapital 
zurüdgelaffen, und mit einem Fideicommiß bes 
legt hat. | 

An. 1684 fielen die Sranzofen ind Land, 
und befeztem Tübingen, Stuttgard und Afperg, 
welch lezteres fie beim Abzuge geſprengt. | 

5 


— 


ET Reben 


An. 1689 wurde der Herr Adminiſtratoe 
bei Drtiöheim nach einer unglüdlichen Rencons 
tre von ben Franzofen gefangen, und nad) Pas 
ris geführt. Der König ſchenkte ihm aber gleich 
bei der erfien Audienz die Freiheit, und geflats 
tete ihm, in feiner, des Königs, Gegenwart den 
Aut anfzufezen, welches bei den Franzoſen nicht 
geringe Jalouſie erwedte. 
Bon biefer feiner Ubwefenheit and Fata⸗ 
Iität wußte man zu profttiren , und bei Dem 
Kaiferlihen Hofe für den inzwifchen in bag 
ı7te Sahr getvetenen Prinzen veniam ztatis 
"herauszubringen. E8 verdroß folched den Herrn 
Adminiſtrator, und begab fich derowegen ſelbft 
nach Wien „beſchwerte ſich, daß man ihn hin⸗ 
tergangen, vornehmlich aber über das üble 
Nachreben, ald ob er mit Frankreid in ein 
Verſtaͤndniß eingetreten, weßwegen er Satis⸗ 
faction forderte. | 
In feinem HauptsGefuche, daß nämlich die 
Venia ætatis wieder aufgehoben, und er aufs 
neue, wieber in bie Adminiſtration eingeſezet 
| werben möchte, konnte er zwar nicht reißiren, 
doch ertheilte ihm der Kaiſer ein Dekret, daß 


s.Cberh.2ubw. zu Wärtemb. =; 


tiefer Borgang Um am feuer Hirten Res 
putation umnachtheilig , auch Ser Drriog Eters 
hard Ladwig amgerrichen fern i:T, fh iz zrüche 
tigen Sachen feine? guten Ratbes ;u keiienen. 
Er lebte aber hierauf wide mehr lange, ſtarb 
den zofte Dec. 1698 mit Dinterlsneng vier 
Söhne zub einer Prinzefin,, welche ſich am 
ten Morggrafen son Brandenburg⸗ Asſpach 
dermaͤblt. 

Der auf ſolche Weiſe ſelbſt regierente Her⸗ 

vꝗ Sechard Ladwig num hatte waͤbrender 
Misterjibrigfeit bei tem An. 1688 erfelgten 
Eiefalle der Franzoſen in feinen Larten ſich 
nah Regenfpurg retirirt, uud An. 1690 bed 
Rimiihen Königs Joſephs L Krönung in Aays 
fpurg beigewohnet. 

Der Antritt feiner Regierung war unges 
mein beſchwerlich, indem er in das 1693ſte 
Sahr einfiel, barinnen dad Herzogthum durch 
bie Franzöfijchen Snvaftonen feyr ruinirt, im 
Sontribution gefezt, und dadurch große Noth 
und Theurung verurſacht wurbe. Er blieb defs 
fen ohngeachtet bem Kaifer und Reiche treu, ließ 
fine Truppen bei ber Reichs-Armee fechten, 


sg geben 


uud that bieſer allen nur erfinnlichen Vorſchub 
wohnte auch den geſammten Feldzuͤgen in eige 
ner Perfon bei, 

In dem nämlihen Jahre, da der Trieb 
gu Ryßwick gefchloflen wurde, vermäblte «ı 
fi) mit Johanna Eliſabeth, einer Prinzeßir 
von Baden⸗Durlach. 

Zu gleicher Zeit ordnete er eine Geſand 
ſchaft am ben Kaiſerlichen Hof ab, welche bai 
dem Herzoglichen Haufe zuftehende Erb⸗ Pan 
niers Amt, oder Erz⸗Faͤhndrichs⸗Amt, geger 
Kurs Braunfdmweig verfechten, mud die Der 
ſtellung eines Voti In dem Reichs » Fuͤrſten 
Rath wegen bed Herzogthums Ted nachſucher 
mußte. Jenes betreffend exrhiele die Gefand 
(haft, alled gegenfeitigen Widerſpruched unge 
achtet, im Jahre 1699 ein favorables Raifer 
liches Dekret, welches, als die Sache An. 171: 
wieder in Bewegung Fam, nochmald beflätti 
get, und dadurch das für Kurs Braunfcdiweii 
projektirte Erz » Faͤhndrichs⸗Amt rüdgängii 
wurbe. Wegen bed Teckiſchen Voti ſuchte maı 
die ſchon An. 1690 ertheilte Ratferliche Verſi 

cherung, daß, fobald der Reichs⸗Fuͤrſten⸗Rat 


u 





H.Cherh. Ludw. zu Würtemb. 29 


m eig Katholiſches Votum vermehrt würbe, 
aledann Würtemberg auch confolirt werden 
ſollte, nunmehr, nachdem An. 1694 Pfalzs 
Sulzbach introbucirt , und die Landgrafſchaft 
Kleggan in ein Fuͤrſtenthum erhoben worden, 
folglich die gefezte Bedingung geboppelt erfülle 
war, zur wirklichen Vollziehung zu bringen, 
konnte aber wegen vieler Widerſpruͤche und ans 
derwärtiger gleichmäßiger Prätenfionen nicht 
veäfiren. | 
An. 1700 that der Herzog eine Reife durch 
bie geſammten Niederlande , Engelland und 
Frankreich , allwo er ben Hof Incognito befab. 
Bald darauf gieng der Spanifche Succefe 
ſions⸗Krieg an, ba ſich, dann der Herzog durch 
keinerlei Verſprechungen oder Drohungen von 
feiner Treue gegen ben Kailer, das Reich und 
bad Erzhaus Deflerreich ableiten ließ. Viel⸗ 
mehr brachte er es bei dem Schwäbifchen Kreiſe 
dahin, daß fich derfelbe mit den benachbarten 
vier Kreifen afjoclirte, und nachher An. 170% 
in die große Allianz zum Vortheil des Hauſed 
Oeſterreich eintrat. Es war dieſes viel gewagt, 
da Rurs Baiern auf bie Franzoͤſiſche Seite ges 


f 


"30 . Reben 


treten war, folglich dad Herzogthum feiner 8: 
ge nach auf beiden Seiten zwo maͤchtigen Feiı 
den offen fund. Inzwiſchen verließ fich de 
Herzog auf die gute Sache, und bie von be 
Alliirten erhaltenen Verfiherungen, fezte fic 
in gute Pofitur, and) die Kreiss Miliz auf ei 
nen guten Fuß, und wohnte allen Feldzuͤger 
ſelbſt beiz wie er baun der Belagerung LZandaı 
zweimal, nämlid) An, 1702 und 1704, in 
gleichen den Schlachten bei Dietfurt, Schellen: 
berg und Hoͤchſtaͤdt An. 1703 und 1704 mil 
feinen Trouppen beigervohnet , und befonders 
in der lezten große Tapferkeit gezeigt. Vor⸗ 
nehmlich aber that er. den Engelländern und 
Holländern mit Succurs aus feinen Landen 


großen Vorſchub, und half dadurch den Sieg 


bei Hoͤchſtaͤdt merklich befördern. Auf folche 
Decifi» Schlacht wurde ganz Deutfchland, vors 
nehmlich aber der Schwaͤbiſche Kreis und das 
Herzogthum Wuͤrtemberg von dem bevorges 
fiandenen aͤußerſten Rain und Sklaverei errets 
tet. Es half auch ferner der Herzog die Fran⸗ 
zoſen und Baiern vertreiben, wo ſie noch Pole 
gefaßt hatten, 


mo — re mu 


H. Eberh. Ludw. zu Würtemb, 31 


Dieſe vielfachen Perdienſte wurden von dem 

Kaiſer und Reich, auch geſammter Generali⸗ 
tät, mittelſt der verbindlichſten Dankſagung er⸗ 
kanns. Nachdem hierauf ganz Baiern einges 
nommen, unb von ſolchen dem Reiche heimges 
fallenen Landen verfihiebenen Ständen zu einis 
ger Indemniſation der erlittenen Schäden und 
Koſten ein» und anderes zugetheilt worden, fo 
erhtele Würtemberg die ihm fo mohlgelegene 
Herrſchaft Wiefenfleig , allwo bie Huldigung 
wirklich eingenommen wurde. Als aber die 
Baieriſchen Bauern zu Gunſten ihres vertrie⸗ 
benen Kurfuͤrſten wider die Kaiſerliche Apmis 
niſtration einen Aufſtand erregten, ſtillte der 
Herzog das ſich gefaͤhrlich angelaſſene Feuer 
durch ſeine in der Eile dahin abgeordneten Troup⸗ 
pen, wobei daun freilich ben Bauern nicht zum 
Beßten gewartet wurde. 

Wie nun durch dieſes Betragen des Her⸗ 
pogo die Feinde in große Wuth gegen ihn geſezt 
warden, alfo ließen fie ſolche im Fahre 1707 
durch einen Einfall in das Herzogthum, bei 
damals geſchwaͤchter Reichs⸗Armee, heftig aus, 
Um den angefangenen Brennen und Plüudern 


42 Leben 


gu ſteliern, mußte man ſich zu einer Contribu⸗ 


von 1200, ooo Gulden verſtehen, und haste 


das Herzogthum, uͤber die zum Beßten des 


Reiches aufgewandten Kriegskoſten, bei benen 


ſonſt fo gluͤcklichen Waffen der Alliirten, gleich⸗ 
ſam allein das Ungluͤck, deren Feindſeligkeiten 
erfahren zu muͤßen. Hernach aber wurden theils 
am Rheine gute Auſtalten, theils anderwaͤrts 
den Franzofen fo viel zu ſchaffen gemacht, daß 


den ganzen noch gewährten Krieg über bas Laud 


gegen feruere feindliche Einfälle gedect geblie⸗ 
ben. ‘ 

Ingleihen hatte der Herzog feine in 5000 
Dann beſtandene Hands Trouppen durch einen 
befondern Traktat in Hollaͤndiſchen Gold übers 
Yaffen. Diefe haben den vielen ruhmvollen 


| Feldzuͤgen in den Miederlanden und beneu ba 


und dort vorgefallenen merkwürdigen Schlache 
ven und Belagerungen beigewohnet, und dem 
Wuͤrtembergiſchen Namen viel Ruhm erwors 


ben. 
Als An. 1709 bie Friedenn⸗Traktaten an⸗ 


gefangen wurden, beſchickte der Herzog ebenfalls 


ben Congreß zu Gertruydenberg, and ließ auf 
Suderhnifation 





H. Eberh. Ludw. zu Würtemb. 33 


Fademniſation des von den Franzofen erlittenen 
sub auf 15 Millionen berechneten Schadens 
dringen. Die Zraktaten zerfäylugen ſich aber, 
und der Krieg gieng von nenem anz und weil 


| der Herzog inzwifchen vom Kaifer und Reiche, 


als auch vorhin vom Schwaͤbiſchen Kreife zum 
Gen⸗ ral⸗Feldmarſchall erklaͤrt worden, fo wurs 
de ihm im Sabre 1711 und 1712 die Reichs⸗ 
Armee am Rheine en Chef zu commandiren 
auvertraut. Man gieng aber damals nur de⸗ 
fenſive, und als nach geſchloſſenem Utrechter 

Frieden Un. 1713 bie Franzoͤſiſche Armee an 
den Rhein 309, fo mußte auch der Kaiſer alle 
fine Force daſelbiſt fammeln, worüber der Prinz 
Eugenins von Savoyen das Commando führte, 
Diefer konnte aber nicht hindern, daß Die Frans 
zofen nicht Landau und Freiburg hinweg nah⸗ 
men, und mußte deßwegen auf fchledhte Bedin⸗ 
gungen Frieden madıen. 

Durdy dieſen Frieden mußte Würtemberg, 
auftatt verhoffter mehrerer Gatisfaction, fogar 
das erhaltene Wieſenſteig an Kur⸗Baiern wies 
der abtreten. 


patr. Archiv, III. Theil. c 


34. Keben 


Nun hoffte das Land von den fo viele Fahre 
hindurch audgeflandenen Kriegs s Erpreflungen 
und dadurch veranlaßten vielen Anlagen befreiet 
zu werben; ed wollte aber der Herzog bie Haus⸗ 
Zronppen nicht abdanken, und deßwegen bie 
von der Landfhaft bisher zu Kriegäzeiten vers 
willigten Kriegs⸗Stenern fortfegen. Die Lands 
ſchaft fuchte fich diefelbe zu verbitten, und vers 
meinte, kraft des Tuͤbenger Vertrags, zu Un⸗ 
terhaltung einiger Miliz bei Friedenszeiten 
nicht gehalten zu ſeyn; der Herzog aber gab 
nicht nach, und mußte daher die Landſchaft ihm 
hierinn zu Willen werden. Damit aber die⸗ 
ſe nicht um ihre Privilegien gebracht wuͤrde, 
wurde das Temperament getroffen, daß ſo⸗ 
thane Unterhaltung nur auf einige Jahre, und 
zwar ſalvis Compactatis verwilliget werden 
ſollte. 

Alſo hatte das Land von ben fo langen Fries 
denszeiten fchlechte Erleichterungen , indem die 
Unterthanen die Unlagen, wie zu Rriegdzeiten, 


_ fortreichen mußten. Denn obfchon die Manns 


(haft nicht ſtark war, fo befand fie fid) doch 
anf einen fo koſtbaren Fuß, und mit fo vie⸗ 


H. Eberh. Ludw. zu Wuͤrtemb. 35 


len Offiziers verſehen, daß um ein gleiches 
Geld eine viel ſtaͤrkere Miliz haͤtte unterhal⸗ 
ten werden koͤnnen. Abſonderlich hatte der 
Herzog eine ungemein koſtbare Garde zu 
Pferd, welche fo viel ald ein ganzes Regiment 
koſtete. 
Von An. 1708 an hatte er eine von Graͤ⸗ 
veniz zur offentlihen Maitreſſe angenommen, 
welche ihm der Fuͤrſt von Hohenzollern⸗Hechin⸗ 
geu recommendirt, und zwar mit Verlaſſung 
feiner Semahlin. Diefe führte hieräber Klage 
am Kaiſerlichen Hofe, und erhielt ein Refcript: 
daß jene aus dem Lande mußte, Sie war aber 
kaum fort, fo vitt ihr der Herzog nad), und hielt 
fih einige Zeit bei ihr mit großen Koflen zu 
Geneve auf. Man fuchte allerlei Gelegenheit, 
an die Herzogin zu fommen, es wollte fi aber 
nichts finden. Weil nun der Derzog von ber 
Graͤveniz durchaus nicht laſſen mollte, fo wurde 
die Auskunft getroffen, daß man ihr einen ges, 
wiſſen Grafen von Wuͤrben zum Mann gab, 
flbigen zum Land⸗Hofmeiſter declarirte, zugleich 
aber.mit einer Penfion von 5000 Gulden außer 
Raub ſchickte. Da hieß es dann: der Raifer 
ea 


36 Reben _ 


koͤnne einem Reichsfuͤrſten nicht vermehren, Die 
Frau von feinem vornehmflen Minifler an feis 
nem Hofe zu haben, ba doch der Herzog heim⸗ 
Lich mit ihr getrauet war. Im der That melirte 
ſich auch der Kaiferliche Hof nicht mehr fonders 
lich in diefe Sache ; vielmehr wurbe bie von 
Gräveniz mit ihrem inzwifchen herbeigezoges 
nen, vom Hauptmann zum Premier » Minis 
fler und Ober» Hofmarfhall avancirten Brus 
der von bem Kaifer in ben Meichds Orafens Ä 
fland erhoben. 

Sie wußte ben Herzog alfo zu gouverniren, 
daß bei Hof und im Miniſterio alle. Perfonen, 
die ſich nach ihrem Willen nicht accommobiren 
wollten, wenn fie and) ſonſten des Herzogs Herz 
befeffen, fort. mußten. Sie formirte darauf ein 
Kabinet, oder Geheimes Conferenz⸗Miniſte⸗ 
rium, barinn fie felbft, nebft ihrem Bruder und 
Bruderd Sohn faß. Durch diefes Kabinet wurs 
den alle Affairen traktirt, und weil man nicht 
fo viel audarbeiten Eonnte, ald man aus interefs 
firten Abſichten an ſich zog, fo blieb unendlich 
viel liegen, und wurde alles, zum großen Senf 
zen ber Unterthanen, verjögert. 


H. Eberh. Lubv. zu Wärtemb. 37 


Ihr einiges Dichten und Trachten war, fi 

zn bereichern, befwegen allerhand Mittel uud 
Wege erſomen worden, bie Unterthauen ums 
Geld zu bringen. Bornehmlic, bradhte fie auf 
die Bahn, alle Aemter und Dienfle um Sch 
zu verfaufen, und zwar ohne Unterſchiebd, es 
mochten Herrſchaſtliche, oder Commun > Dienfle 
feyn; da doch leztere von den Communen za 
vergeben flehen, und folche alfo um ihr Mahle 
Rede gebracht wurden. Außer biefem 
Chatoslls Gelde mußten die Beamte noch zu 
verſchiebenenmalen flarfe Aulehnungen an bie 
Herzogliche Kammer than , and) wurden fie 
gensthiget, ihre Amts⸗Cautionen baar zu ers 
legen. 

Weil nun durch dieſe dreifache Veſchwer⸗ 
den von Chatoull⸗Gelde, Anlehnungen und 
Esution die Land⸗Dienſte fehr hoch zu ſtehen 
Iomen , fo entſtund für bad Land ein gebops 
peltes Unheil, daß einedtheils eine Menge ums 
tihtiger Beamten im Lande angeflellt , ans 
herutheild aber diefelbe verankaffet wurden, ihr 
ansgelegte® Geld auf allerhand ungerechte Art 
son bes a Unterthauen „ oft auch mit großem 

e3 





36 Leben F 


koͤnne einem Reichs fuͤrſten nicht verwehren, die 
Frau von ſeinem vornehmſten Miniſter an ſei⸗ 
nem Hofe zu haben, da doch der Herzog heim⸗ 
lich mit ihr getrauet war. In der That melirte 
ſich auch der Kaiſerliche Hof nicht mehr ſonder⸗ 
lich in dieſe Sache; vielmehr wurde die von 
Gräveniz mit ihrem inzwiſchen herbeigezoge⸗ 
nen, vom- Hauptmann zum Premier » Minis 


ſter und Ober» Hofmarfhall avancirten Bru⸗ 


der von bem Kaifer in ben Meichds Grafens 
fland erhoben. 


Sie wußte ben Herzog alfo zu gonverniren, . 


dag bei Hof und im Miniſterio alle. Perfonen, 
die ſich nach ihrem Willen nicht accommodiren 
wollten, wenn fie auch fonften des Herzogs Herz 


befeffen, fort mußten. Sie formirte darauf ein B 
Kabinet, oder Geheimes Conferenz» Miniftes . 
rium, darinn fie ſelbſt, nebft ihrem Bruder und | 


Bruders Sohn faß. Durch dieſes Rabinet wurs 


den alle Affairen sraktire, und weil man nicht ı 
fo viel andarbeiten Eonnte, ald man and interefs 


firten Abſichten an ſich zog, fo blieb unendlich 


viel liegen, und wurbe alles, zum großen Senfs ; 


zen ber Unterthanen, verjögert. 


in 


! 


5. Eberh. Ludw. zu Würtemb, 37 


Ihr einiges Dichten und Trachten war, fi 
zu bereichern, deßwegen allerhand Mittel und 
Bege erſonnen worden, bie Unterthanen umd 
Geld zu bringen. Vornehmlich brachte fie auf 
die Bahn, alle Aemter und Dienſte um Gelb 

m verkaufen, und zwar ohne Unterfchied , es 

| mohten Derrichaftliche, oder Commaun » Dienfle 
ſeyn; ba doch Teztere von den Communen zu 
vergeben ſtehen, und folche alfo um ihr Wahls 
Recht gebracht wurden. Außer dieſem 
Lhatoull⸗Gelde mußten die Beamte noch zu 
verfchiebenenmalen flarfe Unlehnungen an bie 
Herzogliche Kammer thun , auch wurden fie 
genoͤthiget, ihre Amtes Cautionen baar zu ers 
legen. 

Weil nun burch bieſe dreifache Veſchwer⸗ 
den von Chatoull⸗Gelde, Anlehnungen und 
Caution die Land⸗Dienſte ſehr hoch zu ſtehen 
kamen, fo entſtund für das Land ein gebops 
yeltes Unheil, daß einedtheils eine Menge uns 
tihtiger Beamten im Lande angeftellt , ans 
berntheils aber diefelbe verankaſſet wurden, ihr 
wsgelegted Geld auf allerhand ungerechte Ars 
mm dem 2 Unterthauen ‚ oft auch mit großem 

e3 


2 Reben 


Schaden ber Herrſchaft, wieber inſammen zu 
ſcharren. 

Es wollte aber alles biefeb, was fie und 
bie Ihrigen an ſich gezogen, zu dem Ueber⸗ 
maafe der Depenfen gleidywohl nicht hinreichen. 
Der Herzog hatte einen überaus koſtbaren Stall, 
gu befien Unterhaltung man nicht Fourage ges 
nug auftreiben Eonnte. Er hatte uuch einige 
Jahre hindurch die Parforces Jagd geliebet, die 
ebenfalld viel Geld koſtete. 

Zu allem dieſem kam der Refivenz Bau 
zu Ludwigsburg, welder dem Lande auf vie⸗ 
lerlei Weiſe hoͤchſt ſchaͤdlich geweſen. Anfangs 
ſollte es zwar nur ein Luſt⸗ und Jagd⸗ Haus 
werden, um aus Verbin gegen die Frau 
Gemahlin ſich allda aufzuhalten. Es gieng 
aber nach und nach weiter, und weil der Ders 
zog gegen Stuttgard, ald den Aufenthalt der 
Gemahlin , immer mehr Widerwillen und 
Ubneigung bekam, fo verfiel er endlich dar⸗ | 
auf, eine ganz neue Mefidenz aufzuführen. Es 
wurde daher nicht unr ein ungemein koſtbares 
Schloß gebauet, und zwar größtentheild von 
dern geiſtlichen Gute, welches dadurch in eine 


H.Eberh. Ludw. zu Wurtemb. 39 


seße Schalbenlaft verfenft warte , foubern 
man wollte auch fchledhterbings eine Stadt has 
ben, und vermeinfe , durch erteilte Privile⸗ 
gien und zwanzig > bis Beeifig » jährige Be⸗ 
freinng bie Zente herbei zu locken. Weil bes 
Bauen aber dennoch, nicht allzuhäufig werten 
wollte, fo noͤthigte man bie Städte und Aem⸗ 
ter, eigene Hänufer allda zu erbauen, nachdem 
fie aber erbanet waren, verſchenkte fie ber Her⸗ 
309, oder diſponirte fonfl darüber, als mit feis 
wen Cigenthume. 

Gewifchen wurbe nicht uur ber Hof nach 
Labwigoburg verlegt, fonbern nad; und nach 
ach alle Kollegin. Gleichwie aber weder 
das Herzogliche Archiv, noch auch die zur Res 
gierung gehörige fogenannte obere Regiſtra⸗ 
fur trandportirt werben konnten, alfo muß⸗ 
fen die Gefchäfte dadurch fehr beſchwerlich, 
und für dad Herrſchaftliche Jutereſſe mißlich 
werben. 

Stuttgard wurde dadurch in üble Umfläns 
be gefezt, weil der Bürgerfchaft fafl alle Nahe 
zung entgieng. Weil auch Ludwigsburg bie 
dritte Hauptſtadt des Landes ſeyn ſollte, ſo 

| * 


4 Leben 

mußte fie auch zum Raubflande werben, und 
ihren Buͤrgermeiſter in dem engern Ausſchuße 
haben , ohngeachtet fie dem Lande noch nicht 
incorporirt war. Iugleichen nıpßte fie auch 
ein Amt haben, beßwegen von ben beuachbar⸗ 
sen Aemtern viele Flecken abgeriffen, und zu 
Ludwigsburg gefchlagen worden, woraus abers 
mal viel Unordnungen entfianden. 

Meil es bei folher Haushaltung und dem 
koſtbaren Hofe befländig au Gelde mangelte, 
fo mußte man aufnehmen, wo man nur fonns 
te, und wurden manche Revenuͤen verfezet „ 
dadurch dad Kamerals Wefen fo entkräfter 
wurde, daß man viele Sahre ber Dieners 
ſchaft nicht einmal ihre Vefoldungen reichen 
konnte. 

Den Herzog wußte die Maitreße mit be⸗ 
ſtaͤndig abwechſelnden Ergoͤzlichkeiten alſo zu 
unterhalten, daß er von dem ſchlechten Zu⸗ 
ſtande feines Landes und Finanz⸗Weſens ent⸗ 
weder nichts erfahren, ober es doch nicht zu 
Herzen genommen. 

Der Herzogin that man binnen ſolcher Zeit 
alles Herzeleid an, und ſie hatte nur kuͤm⸗ 


H. Eberh. udw. zu Wärtemb. gr 


zerlic, ihre Subfifienz ; es buufie am, oe 
ne in bie duferfle Ungwabe zu fallen, miss 
mand zu ihr geben, welches be ale mit Ges 
duld ertrug. Auch der einzige Erb⸗ Prinz 
ſelbſt, ohngeachtet er bercits jeit 1717 wen 
mählt war , wurde fehr Fur; gebalsen,, mub 
durfte die Frau Muster kaum damz aut maus 
feben. 

Gleih vom Anſange hatte fih wider bie 
Maitreffe unb ben Fürfien von Dohenzollerus 
Keihingen eine Comfpiratige augeipounen, weis 
de auf dem Schoͤubuch anf einer Tagb Ihren 
Ausbrudy Härte nehmen follen, fo aber entdeckt, 
berihiebene Perfonen in Berhaft genommen, _ 
zud peinlich prozeßirt, meiſtentheils aber deö 
Landes verwiefen worben. 

Der Hof s Diarfhall von Forfiner, ein 
siljähriger Favorit des Herzogs, konnte ſich 
nit der Maitreſſe nicht flellen, und mußte 
bewegen fort 5 als er darauf verſchiedene 
Briefe ind Land erloffen , und bie Maitreſſe 
mit ihrem Anhange mit lebendigen Farben abs 
gemahlt, befonderd aber ihr vormals geführs 

€ 5 


42 Reben 


tes Leben befchrieben hatte, fo wurbe ein Kris 
minal.⸗ Prozeß gegen ihm angeflellt, und er 
condemnirt: in effigie gehenkt zu werben, 
Mie nun diefes für mängiglich ein Zeugniß von 
bem tachgierigen Charakter der Maitreſſe abs 
. geben mußte, alſo getrauie fi fih auch niemand 
mehr , ſich ihren Unternehmungen zu wibers 
fen 

Sie brachte ben Herzog dahin, daß er 
über alles Gelb und koſtbaren Geſchmuck ihr 
noch verſchiedene Güter, ald Stetten, Welz⸗ 
beim und Gochäheim , ihrem Bruder aber 
Heimfen und Marſchalkenzimmern verehrte , 
wozu bie drei nächflen Herzoglichen Agnaten ih⸗ 
zen Sonfend zu geben auf allerlei‘ Urt ı verans 
laſſet wurden. 

Sie und ihr Bruder fuchten auf der Fräns 
Eifchen Grafen⸗ Bank Siz und Stimme, ers 
hielten auch folcyes mit vielee Mühe, Hatten 
fic aber bei biefer Gelegenheit entzweiet, daß 
beinahe der Bruder geflürzt worden. 

Als diefes Weiber Regiment aufs hoͤchſte 
gekommen war, und uͤber zwanzig Jahre ge⸗ 





H.Cberh.Lubtv. zu Würtemb. 43 


währt hatte, emtleibete dem Herzog enblich ſo⸗ 
Herrſchſacht biefer Maitreffe „ und badıte bas 
ber auf ermflliche Mittel, ihrer los zu wers 
den. Es kamen tefiwegen auch viele Vor⸗ 
ſchlaͤge zur Ausſohnung mit der Herzogin auf 
die Bahn, welche endlich nad) vielen Schwie⸗ 
tigfeiten , unter der mit eingemengten Hoffe 
sung einer ſernern Succeßion, Eingang ges 
fanden. 


Es wurde die Sache alfo eingeleitet, daß 
die Maitreſſe während einer Reife bed Her⸗ 
03 an ben Berliner Hof Au. 1731 fid) von 
Hofe wegbegeben fol. Sie fezte ſich nach ihe 
zer gewöhnlichen Meiſterloſigkeit heftig bages 
gen, und ließ es auf bie lezten Tage der Zus 
ruͤkkuuft des Herzogs anfommen. Doch gieng 
fie endlich nach Stetten, und der Herzog in den 
Deinach, allwo im Julio 1731 fi aud bie 
Fran Merzogin eingefunden , und, zu mäns ' 
niglichens großen "Dergnügen, die Ausföhnung 
geſchehen. | 


> 


4°. Reben 


Nah ber Zuruͤckkunft auf Ludwigsburg 
wollte man die Maitreffe nicht in der Nähe 
haben, und wurde ihr befwegen bebeutet, ſich 
von Stetten hinweg zu begeben. Auf vieles 
Zureben that fie ed endlich, doch gieng fie nicht 
weiter, als anf dad von ihr erkaufte Freu⸗ 

denthal. Um ſolches ihre Trozes willen, 
und weildem Herzoge bie Augen immer mehr 
aufgiengen, ließ. er fie durch ein Mlilitars 

Commando abholen, und auf Urach in Arreſt 
fegen. Es war aber ihr Bruder gleichwohl 
noch immer in Gnaden, durch deſſen Wermitts 
Yang und Unserhaublung fie mittelſt eined Vers 
gleiches unb Abtrettung der vom Lande erhals 
tenen Güter gegen ein Stuͤck Geld, wieder 
los kam. 

Die Frende über obgedachte Ausſoͤhnung 
wurde durch den im October 1731 erfolgten 


Tod des Erbprinzen ungemein gemaͤßiget, wel⸗ 


cher dem Herzoge um ſo naͤher zu Herzen gieng, 
als nach dem An. 1718 geſchehenen Abſterben 
ſeines einigen Enkels keine maͤnnliche Deſcen⸗ 
denz mehr vorhanden wär. u 


5. Geh. Suite. u Birtenf. 15 


Es wruime zw tie Genre eins 
Eimanırıhlaajk za verizunn , zunbe am vom 
Schumeishliere im üZhrer Ordemma al tekirier, 
NE man im allen Sruben des Some Dad zes 
wöbulidhe Geber verriäum. Es murte ter 
nichts taramd, amt man mujte felbed im ciffs 


As ım Zahre 1707 das Kaiferliche Kımmers 
Gericht in Kraft eines Reihas Schlußes viſi⸗ 
firt worben , wurde Burtembera and) dazu 
deputirt, und ſchickte Daher einen Rath dabin 
ab, der bis 1713 daſelbſt verblieb, und den 
Viſitations⸗ Receß errichten helfen. 

Als die meiſten großen Fürftlichen Haͤuſer 
das ihnen zuſtehende Poft»Regal vinbicirten, 
führte mann auch in dem Herzogthume eigene 
Poſten ein 5 weil man aber badurch mit dem 


Kaiſerlichen Hofe und dem Fuͤrſtlichen Kaufe 


46 Eeben 


Taxis in Streit verfiel, fo nahm man Gelb, 
und verglich ſich dahin, daß falvo jure von 
Taxis die Poften zwar beftellt, doch aber Feine 
anbere als Sanbedslinterthanen Dabei gebraucht 
werben follen. 
Denen fo ſehr überhand nehmenden Meichös 
Ritterſchaftlichen Eingriffen zu begegnen, wur 
de Un. 1718 zwiſchen Kur» Pfalz, Würz 
burg, Brandenburgs Anfpah und Bayreuth, 
Heſſen⸗Darmſtadt und Würtemberg eine Union 
errichtet. Es, bezeugte aber der Kaiferliche 
Koffein Mißfallen daruͤber, Kur s Pfalz trat 
zuruͤck, aubere verglichen fich mit der Ritters 
ſchaft, und fo wurde aus beim ganzen Werke 
nichts. | 
Es Fam andy zwifchen ben alt» Fürftlichen 
Haͤuſern, zu Erhaltung ihrer Würde und Praͤ⸗ 
rogativen, eine Union aufs Tapet, woran Würs 
temberg großen Theil hatte; fie mißfiel aber 
gleichfalls dem Kaiferlihen Hofe, und geriech 
daher ins Stecken. 
Auf dem Kreis⸗Tage entſtunden An. 1718 
mit Koſtanz weitausſehende Irrungen, dabei 


H. Eberh. Ludw. zu Würtemb. 47 


ber Herzog dad feinem Hauſe privative zufles 
bende Diredorium mit Nachdrucke und gutem 
Erfolge vindicirte, bald aber mit Eoftanz wies 
der in guted Bernehmen Fam, und ſolches bes 
ſtaͤndig continnirte. 

An. 1705 fiel durch Abgang ber Wuaͤrtem⸗ 
berg⸗Weiltingiſchen Linie dieſe Herrſchaft nebſt 
Brenz, mittelſt Vergleich, an bad regierende 
Haus. 

An, 1723 ſtarb der lezte Herzog von Wuͤr⸗ 
temberg zn Moͤmpelgard, und die Lande deſ⸗ 
felben kamen ebenfalld an das regierende Haus, 
Es entfiunben aber große Streitigkeiten bare 
über, deren Ende ber Herzog nicht ganz er. 

Unter andern Acquiſitionen hatte der Her⸗ 
305 von einem von Gülflingen die Orte Pfefs 

fingen und Zeufringen erkauft, wurbe aber 
mit der don Guͤltlingiſchen Familie und ber 
Reichs » Ritterfchaft darüber in einen Prozeß 
verwickelt. 

Als An. 1733 die Franzöftfchen Troup⸗ 
pen den Rhein paßirten, und Kehl belagerten, 


48 Leben H. Eberh. Rudi. zu Wuͤrt. 


wußte man fih Würtembergifher Seits we⸗ 
gen ermangelnder Gegen s Berfaffung weder zu 
rathen, noch zu helfen; es fand ſich daher der 
Herzog genöthiget , fo ungerne er auch daran 
am, ſich neutral zu erklären. 

Mittler Zeit verfiel der Herzog in die vos 
rige Bruſt⸗Krankheit, daran er auch den Zr. 
Det. 1733 geftorben, nachdem er 57 Sabre ges 
lebt, und 40 regiert hatte. 

Er hat ein Teſtament gemacht, und darinn 
nebſt verfchiebenen Legaten den ihm in ber Mes 
gierung gefolgten Herzog Karl Alexander zum 
Aniverfals Erben, die Prinzeßin Louiſe hinges 
ger in den ihr gebührenben Plichi— Antheil 
eingeſezt. 


— 


u. Teſtament 


IL 
Zeftament 


Herzog Eberhard Ludwigs 
| zu Württemberg 


som 11. Gebruer 1732 
formt deijen Eobicillen ; 
nnd 
hetzog Karl Aleranders 
zu Würtemberg 


Commifforium 


zu Prüfung beffen Rechts⸗Beſtaͤndigkeit 
vom 9. März 1736. 
. . . 


Aus beglaubten Handſchriſten. 


Patr. Archiv, III. Theil. O 











82 Teſtament 
Eberhardi III. legibus Patriæ fundamen- 


E ‚talibus adnumeranda funt. 


Das Hauptſaͤchlichſte aber, was die Lands 
Stände au dem Teflamente Herzog Eberhard 
Ludwigs audzufezen gefunden haben, mögen 
wohl diejenigen Stellen feyn, welche die Refls 
denz Ludwigsburg und die geiftliche Kammer 
betreffen, als welche allerdings nicht mit ber 
ältern und bis jezo erhaltenen Landes⸗ Verſaſ⸗ 
fung uͤbereinkommen. 

Die beeden Anhaͤnge beſagen, wellcher Ber 
denken der Landes » Nachfolger, Herzog Karl 


.Alexander, gehabt habe, bad Teflament fo 


ſchlechterdings anzuerkennen, und mie dieſer 
. Herr über Schulden, Allodium und. Reiche⸗ 


Juſtiz gedacht habe. 
* 


Im Namen der heiligen amd hochgelobten Dreis 
einigkeit, Gottes des Vaters‘, Gottes des 
Sohnes, und Gottes’ ded ‚heiligen Geiſtes, 
der bie Meuſchen laͤßt ſterben, und ſpricht: 
Kommet wieder Menſchen⸗Kinder. 

Von Gottes SnadenWir Eberhard Luds 

u , Herzog za Wuͤrtemberg und Teck, Graf 


H. Eberh. udw. zu Würtemb. 33 
za Mömpelgarb „ Herr zu Heidenheim ıc. 
Ihro Roͤm. Kaiferl. Majeſtaͤt, tes 9. Roͤm. 
Reichs, und des Loͤbl. Schwaͤbiſchen Kreiſes 
Gereral⸗ Feldmarſchall, auch Obrifler ſowohl 
über ein Kaiſerl. Dragoner⸗ als Schwaͤbiſche 
Kreide Regiment zu Fuß ꝛc. Urkunden und 
bekennen hiemit und in Kraft biefes: Demnach 
Wir nicht nur bereitd Anno Chrifti 169 1, be 
ger Oct. in Chriſtlicher Erinnerung Unferer 
Sterblichkeit, und in Erwägung, wie ungewiß 
Ver Tag und die Stunde, Zeit Unferer damalen 

uch fürgewährten Dlinberjährigfeit , fondern 
«ac in den Sahren ı 698, 1703 und 1705 vers 
ſchiedene lezte Willens » Berorbnungen, Teſta- 
menta und Codicillos errichtet, weldye zwar 
ale Wir den 22ien San. Anno Chrifti 1722 
tafgehoben, annullixt und widerrufen, dahin⸗ 
gegen aber unter obigem Dato felbigen Jahres, 
iin anberwärtiged Teſtament and lezte Wils 
Imd » Bexorbnung.. verfertigen , felbiged auch 
der Roͤm. Kaiſerl. Mojeflde zu Allerhoͤchſtde⸗ 
roſelben Manutenenz und bereinfligen Execu⸗ 
tion, durch Unſere in andern Geſchaͤften nad 
Bir abgefcgisfte, and hierzu fpecialiter bes 
| D3 


54 Zeflament- : -- 


fehligte Geſanbſchaft allerunterthaͤnigſt ͤberreẽ⸗ 
chen laſſen: Und aber nunmehro es dem Aller⸗ 
hoͤchſten gefallen, Uns ſamt Unferm Fuͤrſtlichen 
Haufe empfindlich heimzufuchen , und Unfer& 
Sohnes Liebden, den weiland Durchlanchti g⸗ 
ſten Fuͤrſten Friderich Ludwigen, Herzogen zu 
Wuͤrteinberg und Ted, Grafen zu Moͤmpel⸗ 
Hard „ Beten‘ zu Heidenheim ꝛc. nach ſeine n 
heiligen Rathe und Willen in die ſelige Ewig⸗ 
keit abzufordern, und dadurch in Unſerm gan⸗ 
zen Staate eine merkliche Veränderung zu tref⸗ 
fen ; Als' haben Wir aus dieſen und andern 
wichtigen Beweg⸗Gruͤnden, Uns nach reifli⸗ 
cher Ueberlegung, zu dorher gepflogenem Rathe, 

mit gutem Vorbedachte und rechtem Wiſſen, 

bei annoch,, Gott Lob! fuͤrwaͤhrender guter Ges 

fundheit/ Gemaͤths⸗ und Leibed⸗Kraͤften, ohn⸗ 

gezwungen und ungedrungen, freiwillig, von 

Niemanden im mindeſten dazu verleitet und 

uͤberrebet, wiffenilih und wohlbebächtlid enis 

fhloffen, eine andere lezte Willens s Verorbs 
nung in vim- perpetuo valiturse fandtionis, 
legis & ftatuti pragmatici hiemit und in 

Kraft biefed aufzurichten und zu verfertigen, 


H.Eberh. Lubiw. zu Wuͤrtemb. 35 


web bieferwegen fowohl bad erwähnte vom 22. 
San. 1722, als and) alle übrige Unſere Te- 
flamenta , Codicillos und Difpofitiones hie- 
mit zu wiberruffen, zu annulliren, zu entkraͤf⸗ 
ten, zu kaſſiren und gänzlic) aufzuheben, thun 
das auch gegenwärtig iu ber allerbuͤndigſten, 
beften und befländigfien Form und Weiſe, wie 
Wir ſolches nicht nur in allen Unſern vorhin 
errichteten teflamentlichen Difpofitionen , und 
befonders andy in ber vom 22ien Jan. 1722 
auf das feierlichfle ſolchermaßen Uns reſervirt 
Yaben, daß wir allezeit freie Hände, Macht 
and Gewalt Uns vorbehalten wollten, felbige 
gu verändern und zu vermehren, viel ober wes 
sig zu ändern , gänzlid oder zum Theil abs 
zuhun, und Unfern Fürfllichen lezten Willen 
enberwärtig zu beclariren, fondern Wir auch, 
wenn ſolches gleich nicht wäre, dazu gemeinen 
Recht und Gerechtigkeit. wegen, auch vermög 
der einem: frrien Deutſchen Reichs s Sürfien 
hierunter befonderd zuſtehenden Prärogativen 
befugt ſeyn, alfo auch bergeftalt, daß alle ſolche 
teflamentarifche Difpofitiones und Codicilli, 
wie fie Namen haben, ober gensunt. werben 
D 4 


6 . Xeflament : - 
mögen, welche Wir vor dieſer gegeuwaͤrtigen, 
Unſerer einzigen und wahren lezten Willens⸗ 
Meinung verfertiget und unterſchrieben, ſie 
feien gemacht, wenn, wie, mo und. auf welche 
Art fie wollen, fie finden fih in Privat a oder 
hoͤhern Haͤnden, in Archivis publicis, oder. 
andern Orten, ſie ſeien confirmirt, ober nicht 
eonfirmirt, ohne Auſsnahm von nut an für un⸗ 
gültig, nichtig, kraftlos, ohnbändig, und als 
nie errichtet zu achten, auf felbige ſowohl inn⸗ 
‚als außerhalb Rechtens die mindefle Meflerivn 
nicht zu machen, ſondern einig und allein diefe 
gegenwärtige, von Uns verfertigte,, unterfchries 
bene und zulezt befiegelte Willens » Meinnng, 
als wozu Wir mit reifer Ueberlegung wiſſent⸗ 
lich und wohlbedaͤchtlich gefchritteu,,. fuͤr Unſere 
einzige, wahre und endliche teſtamentariſche 
Diſpoſition und lezte Willens⸗Verordnung zu 
halten, anzuſehen, darauf zu urtheilen, zu ſpre⸗ 
chen und zu erkennen, auch Unſere Nachkom⸗ 
men und Regenten des Hauſes Wuͤrtemberg, 
dieſelbe in allen deren Punkten, Artickeln, Clau⸗ 
ſulen, Gehalt und Stuͤcken zu erfuͤllen, ſchul⸗ 


big und. verbunden ſeyn ſollen. Wie Wir dam 


⸗ 


Eherh. Wärtemb. 37 
[ 


aa ae 
— —* 
Dintrüse 
nörfeligen 


runde Unferer Seelen bemäthigs 
erflatten, heiligen 
had baf er nad) feiner — 
een Ehriſt⸗ Fuͤrſtlichen aa 
* 2 und in der un 
2* lim ion nub feiner — 
7 auferziehen laſſen, 
* uͤber ſo auſehnliche oe 
uhr Zanbfchaften zu eine 
— 


sg Teſtament 
Herrn geſezt, und Uns ſo viel Land und !nte 
päterlich anvertranet, ſondern auch Unfere Lau⸗ 
de ſowohl, ald Unſere eigene Fuͤrſtliche Perfon; 
ohnerachtet Wir dieſelbe mit Geringſchaͤzung 
Unſeres Blutes und Lebens fuͤr Unſere Unter⸗ 
thanen und dad ganze Relch fo oft hintangeſezt, 
dennoch unter fo ſchweren Kriegs s und ander 

©rfährlickeiten , vor fehr augenfcheinlih bes‘ 
vorgeſtandenem Unheile in öfterer Leib» und 
Lebens» Gefahr bis hieher vaͤterlich bewahret, 
mächtig geſchuͤzet, und gnaͤdig erhalten hatz 
Alſo reſigniren Wir auch Unſere Seele in die 
gnabenreichen Haͤnde und In bie Blufigen Wun⸗ 
den Unſers Erldſers, Herrn und Heilandes 
Jeſu Chriſti, in deſſen vollguͤltiges alleiniges 
Verdienſt und Leiden Wir fie hiemit in chriſt⸗ 
licher "Vorbereitung und wahren Glauben vers 
ſenden. 

Befehlen, verordnen, ſezen und wollen demnach 

Erſtlich, daß, wenn nach verfloſſenem Un⸗ 
ſerem beſtimmten Lebensziele dem großen Gott 
uͤber Uns zu gebieten, Unſere durch das Blut 
feines. Sohnes thener erkaufte Seele aus die⸗ 
fer Zeitlichkeit zu entlaffen, und nad) feinem 


H.Eberh. zu Wärtemb. 59 
kiligen Rathe vub Willen in bie feige Ewige 
kit diefelbe zu ſich zu uehmen gefallen fellte, 
der verblicheme Leichnam fobann nach Ehrifls 
Zurftlicdyem , jebod, militarifchem , unt Unferen 
guten Theil im Kriege und Felbzügen erzeigs 
ten Applicationen gemäfenen Gebraudye zur 
Erde beflattes, und in tie Gruft allhier zu Lud⸗ 
wigäburg in ber Hofs Kapelle (ald welches Uns 
fer Refidenz Schloß Wir zu Unſerem Gedaͤcht⸗ 
wit erbauen, und nad) Unferem Namen bes 

nennen laſſen, auch Unſers in Gott feligen Erb⸗ 
yrin:en Liebden allbereits darian ruhen) vers 
feufet, und darauf gleich folgenden Tages nach 
Unjerer Beerdigung denen Hausarmen unb 
jreßhaften Leuten iu Unfern Reſideuz⸗EStaͤdten 
und Aemtern Ludwigsburg, Stuttgard und 
Zaͤbingen jedweden Orts 150 Gulden, in Stadt 
und Amt Urach und Schorndorf jebweden Orts 
100 Gulden, in den uͤbrigen aber Uns gleich⸗ 
mäßig zugehoͤrenden Städten und Aemtern aber 
jedweden Orts 50 Gulden zu einem Allmoſen 
ausgetheilet, und Dazu bie eine Hälfte von Uns 
free Weltlichen, die andere aber von Unſerer 
Geifilichen Kammer ſofort · dargereicht und he⸗ 


6.  .. Teftament 


ſtritten werben ſollen. Nachbem Uns aber Der 
Allerhoͤchſte, nach feinem helligen and uner⸗ 
forſchlichen Willen, Unſern einigen Sohn und 
männlichen Leibeſs⸗Erben entriſſen, und es au⸗ 
noch bei ſeiner weiſen Vorſehung ſtehet, ob er 
Uns und Unſere Lande mit einem ober mehrexn 
- Söhnen erfreuen wolle: 
Als fegen und verorbuen Wir Ä 
Zweitens, daß, wenn Gott Uns an 
Unfere Lande in Zukunft mit einem ober meh 
männlichen XeibessErben zu beguadigen wieder 
gefallen follte, es fobann bei dem Rechte ber 
Erſtgeburt und ber bei Unſerm Fuͤrſtlichen 
Hauſe uralt hergebrachten Succeßion verblei⸗ 
ben, und Unſer aͤlteſter Prinz der alleinige 
UniverfalsErbe von all Unfern Herzogthuͤmern, 
Graf⸗ und Herrfchaften,, Land. und Leuten, 
Lehen, Rechten und. Mannſchaften, Refidenzs 
and andern Städts und Aemtern, Märkten, 
Dörfern, Flecken, Weilern, Höfen, Vorwerkern, 
Schloͤbern, Feſtungen, ſamt allem ihrem zus 
gehörigen Bettwerke, Küchen, Kellern, Wein, 
Getraide und anderem Vorrathe, Mobilien und 
Motiven, Ban» und andern Materialien, 


H. Eberh. Audw. zu Würtemb, 61 


Beſchʒ, Rüftungen und Munition, Pferden, 
Schiff und Seſchirr, Vieh, Schäfers und Mel⸗ 
tereieu, Unterthanen, Dienflen, Steuren, Tags 
den, Gehölzern, Zeichen, Wafern und Fluͤſſen, 
Floz⸗ und aubern Gerechtigkeiten, Zeug» und 
Jagd⸗ Däufern,, Kellereien, Mühlen, Berg⸗ 
werten, Gärten, Kunfllammer, Bibliothek, 
Golbs Silber: Ziuns und anderem Geſchirre, 
Stamm s Hleinsdien und Geſchmeide, Kapita⸗ 
Ten, Briefichaften, und etwa noch ausſtehende 
Schalden, Pfandſchaften, Zoͤllen Geleiten, 
Biberlouf, Anruͤck⸗ und Hinfällen, Lehen 
uud Eigenthum, was Wir jezo haben und bes 
fen, oder Fünftig durch Gottes Segen erlans 
gen und acquiriren möchten; beweglich und nue 
beweglich, mit allen‘ Hoheiten, Redyten und 
Gerchtigfeiten, Muzungen, Juribus, Freibeis 
ten und Privilegien, wie folche nicht allein in 
Eredione Ducatus und andern Kaiſerlichen 
Diplomatibus und Lehen Briefen begriffen, 
fonbern auch guten Theils von Uns uud Unfern 
Borfahren am Regiment jure Allodii vel 
Feudi acquirirt worden, ſamt aller. andern 
Unfers Hab amd Büsern, liegend und fahrend, 


64 Zeflament 
wieder zurückfallen, acquirirt und demfelgen 
einverleibet werben, apanagiren und abfertigert, 
fondern vielmehr foldde den Legibus fund a- 
mentalibus, Pactis & Difpofitionibüs Majo- 
zum & Eredtioni Ducatus gemäß, zur Auf 
nahme, Splendeur und Difkinction -Unfers 
Fuͤrſtlichen Hanſes ewiglich unzertrennt Taffen,, 
bie davon gekommenen und alienirten Städte 
wieder ‚herbei zu bringen trachten, feine nach⸗ 
folgenden Brüder aber, nad) obgemeldter Ebers 
bardinifchen Diſpoſition, mit Geld, guten Ka⸗ 
pitalien ober Gefällen nad) ihrem Fuͤrſtlichen 
Stande apanagiren fol. Dafenabr 
- Diertend der allmächtige und gütige Gott 
wider Verhoffen Uns ohne alle männliche Fuͤrſt⸗ 
liche Leibed⸗ Erben felig dahin fcheiben laſſen, 
und fo mithin Unfere Fürfllihe Stamm» Linie 
mit Uns befchließen wollte: So berufen Wir 
folchenfalld hiemit zur Succeßion Unferer Ders 
zogthuͤmer und Landen, Würden, Regalien, 
Recht » und Gerechtigkeiten , Anforderungen 
mb Prätenfionen, und was noch mehr einem 
regierenden Herrn bed Haufe Würtemberg ans 
gehoͤret, Lehen »Stuͤcke und Allodialien, in 
ſoweit 


L) 
* ® 


H. Eberh. Rubw. zu Wuͤrtemb. 65 


mit Wir dieſe leztere nicht anderwaͤrtd legi⸗ 
tn ober verſchaffen werden, mit aller ihrer Zu⸗ 
gehoͤrde, Unſere Fuͤrſtliche Agnatos, und dar⸗ 
unter den naͤchſten, wie naͤmlich derſelbe ſo⸗ 
candum Rrectionem Ducatus, nad) den Pa- 
&is & Difpofitionibus Majorum , bevorab 
nah dem Mechte ber Erſtgeburt, ſamt ihren 
maͤnnlichen Fuͤrſtlichen Leibes⸗ and Lehens⸗Er⸗ 
ben Uns in der Regierung nachfolgen koͤnnen 
zub mögen; in welcher Abgang Wir ihnen und 
ügrer Fürfllichen Deſcendenz, Eraft des Min⸗ 
finzifchen Vertrages und Erection dieſes Her⸗ 
zogfhums, and) anderer teſtamentlichen Wers 
orbhnungen, bie Abrige.zu dev Erbfolge nächfle 
berechtigte. Fürften ded Stanimes und Namens 
don Wuͤrtemberg, jedoch folhergeflalt und mit 
biefem. expreffen Anhange hiemit fubflituiven, 
daß Wir Uns zu ihnen allen und beſonders 
ben jeberzeitigen Regenten Unfers Fuͤrſtlichen 
Hanfes nicht anders, als der genaueſten Feſt⸗ 
haltung und vollkommenen Erfüllung dieſes ges 
genwärtigen Unſers unverbruͤchlichen lezten 
Willens freundvetterlich verſehen, im unver⸗ 
befften Uebertretungs⸗Falle aber ihn und. alle 
Patr. Archiv, II Theil. € 


6 Teſtament 


Diejenigen, welche felbigen anf einigerldi Ars 
und Weiſe, oder in einem einigen deſſen Pauls 
ten, Junhalt und Stuͤcken zu contraveniren, 
und zu wiberfezen ſich unterfangen follten, vorae 
Genuſſe alles. veöjenigen, was ihnen über. Die 
Pa&a Domus und Unfers Färfilihen Haufe 
bergebrachte Gewohnheit aus biefer Unſerer ges 
genwaͤrtigen tefiamentlichen Difpofition zufiel, 
völlig excludiren, ausſchließen und erhärebiven, 
mit Unſerm Unfegen hiedurch belegen, und bin 
gegen dem folgenden Agnato, ber ob ben Pa- 
- &is Domus auud biefem Unferm legten Willen 
fteif , feft und heilig zu halten erboͤthig ſeyn 
wird, völliges Hecht und Gewalt ertheilen, 
fi) als obigs erwaͤhntes quocunque modo zu 
bemächtigen 5 allermaffen Wir beufelben auf 
ſolchen unverhofften Fall in befimöglichfler und 
buͤndigſter Form Rechtens zu fol serwähnter 
Unſerer Succeßion berufen, und pro haerede 
fuftituirt, auch allen zu des contravenirenden 

Agnaten Faveur und Nuzen von Unfern in 

Gott rubenden Vorfahren im Regiment vers 

faßten: Difpofitionen, in ſoweit Wir nur ims 

mer bevechtiges ſeyn koͤnnen, namentlich und 


h. Eberh. Ladw. zn Würtemb, 67 


adruckentlich derogiret haben wolkn Da 
aber 
Simftend nad Unſerem feligen Hiuſchel⸗ 
den ed fich ereignen würde, daß Unfere Nach» 
folger im Regiment , oder beffen maͤnnliche 
Färflliche Leibes⸗ vber Lehens⸗ Erben der Roͤ⸗ 
miſch⸗ Katholiſchen Religion beigethan waͤren, 
und Wir Zeit Unſerer Regierung und Lebens 
ün8 der leidigen Erfahrung haben, auch an fi) 
Weit» und Reicho⸗ kuͤndig iſt, was für großer 
wurdiederbr inglicher Schaden ſowohl dem Staa⸗ 
n ſelbſt, als andy den Unterthanen zuwaͤchſt, 
Den in dem anf bie Reichs⸗ Friebens und 
Religions » Schlüße ſich gründenden Kirchen 
Weſen eine Abänderung vorgenommen , und 
bie Gewiſſens⸗Freihelt damit gekraͤnkt wird; 
Als find Mir der Urſachen dieſem Uebel und 
Gewiſſens⸗ Zwange, fo viel durch menſchliche 
Sorgfalt verhuͤtet werden kan, in Zeiten vor⸗ 
zubengen, amd bie reine, in Unſerm Herzog⸗ 
thnme und Landen hergebrachte Evangeliſch⸗ 
Lutheriſche Religion durch gegenwärdge Unſere 
lezte Willens » Verordnung zu ewigen Zeiten 
ſicher und feſt zu ſtellen eruſtlich hlerdurch ges 
E2 


68 Teftament 
meinet; Sezen demnach, verordnen und wollen, 
daß fuͤrderſamſt | 
Der Religions s und Weftphälifhe Frieden, 
ſamt allen andern das Meligionds Wefen cons 
cernirenden Reichds GrundsÖefezen,, ſodann 
die in Unſerm Fuͤrſtlichen Haufe hergebrachten 
echte, Gerechtigkeiten, Landes⸗ Compactata, 
Erb s Berbrüberungen und Verträge, wie nicht 
weniger die Difpofitiones, und weiland Her⸗ 
zog Chriſtophs, Herzog Ludwigs und Herzog 
Eberhards, Unferer in Gott felig ruhenden 
Regimentd Vorfahren, endlich aber und vor» 
nehmlich dieſe gegenwärtige in vim ftatuti 
Gentiliti perpetuo valituri von Uns errichs 
tete einzige wahre, lezte Willens » Verordnung 
von allen Regenten im Herzogthume Wuͤrtem⸗ 
berg zur Baſis, Norma, Grund und Richt⸗ 
ſchnur diefer Unferer Erbfolge und ihrer ganzen 
Regierung geleget, darüber unverbruͤchlich ges 
halten, davon in feinem Stuͤcke abgewichen, 
and weder vor ihm ſelbſt fub prætextu Juris 
territorialis, no unter dem Vorwande des 
ihnen vermeintlich competivenden Juris refor- 
mandi, ald welches wider alle Reichs⸗Con - 


5. Eberh. Ludw. zu Würtemb. 69 


fitationes und Friedens» Schlüße nicht felten 
sorgefchüzer zu werben pfleget, in der ganzen 
Religions Verfaffung Unferer gefamten Lande, 
Lehen und Erbflüde, in ber gefürfteten Grafe 
haft Mömpelgard fomohl, als allen andern 
Unferm Herzogthume incorporirten Landen „ 
weder im Confiltorio , unoch andern Collegüis, 
Kirchen, Schulen, Armen» und Waiſenhaͤu⸗ 
fern, Univerſitaͤt Tübingen, Gymnafio zu 
Stuttgarb, Klöflern, Stipendien milden und 

andern Stiftungen, ober wie ed fonften Nas 

men haben mag, und hernach folget, bie allers 
minbefte Abaͤnderung gemacht, noch vielmenis 
ger andern geflattet werden ſoll, daß in ber 
reinen Evangelifch s Lutherifchen Religion, auch 
der ſowohl An. 1530 auf offeutlichem Meichds 
tage zu Augſpurg, ale auch insbefondere vom 
Serzoge Chriſtoph, hoͤchſtſeligen Ungedentens, 
An. 1552 auf dem Eoncilio zu Trient für ſich 
und feine fämtlihe Unterthanen übergebenen 
Eonfeßion , welche Unfere in Gott felig ruhende 
Vorfahren mit fo vielem Blute nieder erwors 
ben, Wir fortgepflanzet, und fams ihnen bid⸗ 
ber verfochten und conſervirt haben, Unfere 


- 


f 
7 


70 Teſtament 


Unterthanen und Lande, 44 fei nun durch Ges 
walt und Verfolgung, durch ſchmeichelnde Ver⸗ 
führuugen und Promeffen, ober durch audere 
Maximen, neque per direftum, neque per 
indirettum,, im allermindeflen gefränfet, bes 
unruhiget, bekümmert „ ‚befchweret „ geſtoͤret 
und. verhindert, fondern biefelbe jederzeit iz 
ihren Gemwiffenda Freiheit gefhüzet, und alles 
in dem Zuſtande, wie ſolches yon ber Zeit ber 
Reformation Unferer Lande bis hieher gewefen, 
und Wir hierinnen verordnet, ruhig und una 
verruͤckt gekaffen werben mögen, angefehen ſonſt 
‚ein jeder Regierer Unſerer zu binserlaflenden 
Herzogthuͤmer und Lande ohnfehlbar zu. gewar⸗ 
ten bat, daß, dafern er in puncto Religio- 
nis einige Veräuderung vornehmen, und nicht 
alles durchaus in ber gegenwärsigen Verfaſ⸗ 
ſung und fo mithin einen jeden bei feinex Ges 
wiſſens⸗Freiheit laſſen wuͤrde, nicht nur bera 
ſelbe große Verwirrung und Unruhe im Res 
gimente zu feinem unb des Landes Ruin era 
fahren. , ſondern auch feldfk die Hand Gosseg 
über ſich fühlen werben 


H. Eberh. udw. zu Würtemb. 7x 


In diefer generalen Berfägung nun vers 
erbuen und diſponiren Bir bigmit weiter und 
inäbefonbere : 

ztens: Daß der icbergeitigeRegierer in Wuͤr⸗ 
temberg, nach Maßgabe der Compactatorum, 
Teftamentorum & Diſpoſitionum Majorum, 
vornehmlich aber nach diefer erläuterten Unſe⸗ 
ver lezten Willend » Verorbnung, als des Lan⸗ 
bed inviolablen Grund sGefezen „ in die ganze 
Fuͤrſtliche Kanzlei, das Kabinet, Geheime 

Ratha⸗Collegium und Regierung, Geiſt⸗ und 
Weltliche Kammer, auch alle andere Balleien, 
Kollegien und Rath⸗Haͤuſer, Stadt⸗ und Lands 
Bebienungen, mit keinen andern, als ber Evan⸗ 
geliſch⸗ Lutheriſchen Religion zugetbanenen Sub- 
eis, ſowohl allhier zu Lubwigäburg, ald im 
dem ganzen Lande befezen, und Feine Roͤmiſch⸗ 
Ratholifche , weber unter den Vorwande ber 
Landesherrlichen Obrigkeit, noch unter allerlei 
Scheine in folche wirkliche und weſentliche Bea 
. Denungen aufnehmen, beſtallen, tecipixen und 
introdnciren laſſen, vielmeniger aber gar nene 
Romiſch⸗ Katholiſche Kanzleien, Kollegien , 
Stabt⸗ ober andere Gerichte, ſie haben Na⸗ 
eg 


Re: "7; 
men und Schein, wie fie wollen, gelſilich ober 
weltlich, nenexlich aufrichten fol, immaſſen 
Wir auch hiemit, zu Verhütung vieled zu be=- 
forgenden Mebeld und Sonfeguentien, diejenige | 
wirkliche und weſentliche Raͤthe, Kanzlei» und | 
andere Bediente, welche die Euaugelifhe Re⸗ 
ligion changiren würden, ihrer Chargen. für 
ohnfähig erklaͤren, und-fie in ſelbigem Koller 
gio weber durch Gewalt , noch durch Reverfe 
und Pacta nicht ferner geduldet wiſſen wollen. 
gtend, Soll er das Confiftorium , vach 
Innhalt der wom Herzoge Ludwig verfaßten 
großen Kirchens Ordnung, pag. 417 & feq. 
bei feinem Anſehen, Actipitaͤt und Kräften 
durchaus ungekränft und unbekuͤmmert erhal⸗ 
sen, und fo. mithin ſelbiges mit einem gewiſſen⸗ 
baften Direltore, dreien Theologis ‚einem 
‚KichensRaftens Advocate, einem Secretario 
und Ranzelliffen, alleſamt ber Evangeliſch⸗Lu⸗ 
theriſchen Religion zugethan, befesen, welches 
Collegium daun alles Kircheu⸗ uud Religionds 
Weſen, und was bieher einfchlägt „ in allen 
Unfern Landen, wie bisher, auch nad) Unſerm 
Abſterben dirigiren, über die ungeänhexte 


a‘ 





. 


H. Eberh. LZubiw. zu Würtemb._ 73 


Erangelifche Religion Augfpurgifcher Confeßion 
ſtandhaft halten, dagegen nichts gefchehen laſ⸗ 
fen, bie Kirchen⸗ Mängel verbeffern, fomithin 
ſowohl die Prälaten, Generals und Specials 
Ouperintenbeuten, Gtadts und andere Pfar⸗ 
rer, Diaconos, Vicarios, Profeflores, Klo⸗ 
ſter⸗ und andere Praeceptores, Schnlmeiſter 
und alle diejenige Perfonen, welche zum Kir⸗ 
chen⸗ und Schulwefen gehören, mit Vorwiſſen 
des jeberzeitigen Megenten in Würtemberg, 
(weläer aber über Unfere ber Rurrenterei we⸗ 
gen masirte Refcripta umverbeüchlich zu hal⸗ 
ten, und davon keineswegs und unter Feinerlei 
Vorwande abzumeichen bat). voeiren, inveflis 
sen, conftrmiren und intrebuciren,, ald auch 
Biefelbige „ wenn: fie fi) in Minifterialibus &€ 
cieca oflicia etwas zu Schulden kommen laſ⸗ 
fen, befixaffen , fulpendiven und degradiren, 
was aber in Adta realia-und criminalia ein 
fülägt, ber hoben Landes⸗Obrigkeit überlaffen, 
beſonders aber gute Kirschen « Difcipkin und 
Ordnung NH befleißen „ und dieſerwegon deu 
jährlich zu haltenden Synodum, welchen Hera 
909 Shriftonh feinem Augapfel, * er de 
. ä 


74 Zeftament 


ganzen Landed Zuſtand einfehen Tonne, genemmr, 
nicht außer Acht laſſen, fondern felbiged alle 
Sabre einmal , und bei beffen jährlihen Er⸗ 
Sfnung eine Predigt in Unferer Schloß, Has 
pelle allhier in Ludwigsburg gehalten werben 
fol ; wie baum auch Unſere Succeflores ine 
Regimente 
gtens: vornehmlich dahin zu ſchen haben, 
daß die in Unſern auf ihnen zugeſtammten 
Landen nach ben Landes⸗Compactatis und 
großer Kirchen⸗ Ordnung fecularifirte , ober 
vielmehr eingezogene fimtlihe Manns» und 
Frouens Klöfter kelnen Roͤmiſch⸗Katholiſchen 
geift « ober mweltlihen Perfonen „ männlichen 
oder weiblichen Geſchlecht, uun und nimmer⸗ 
mehr wieder eingeräumet, noch jemand, dieſer 
Religion zugethan, darinn aufgenommen, alle 
mentirt, ober zu einer Bedienung gebraucht, 
fonbern vielmehr biefelbe, ald ein großes und 
importantes Stuͤck Unferer Lande, ber Kammer 
einverleibet, und als Pflanzgaͤrten ber Edau⸗ 
geliſch⸗Lutheriſchen Religion im beſtaͤndigen 
Flore und Aufnehmen erhalten werden moͤgen; 
doch laſſen Wir Unſern Succeſſoren freie und 


amgebuubene Hände, mit ben übrigen Reve⸗ 
nuͤen, bie zu der Klöfler, Kirchen und Schu⸗ 
len Conſervation, Bejoldang der Geiſtlichen, 
von dem erſten an bis zu dem lezten, ober ans 
dern dergleichen Ausgaben nicht erforderlich , 
wach Belieben zu handeln, und ad alios ufus, 
infofern fie zu des Landes Beſten gereichen, 
und der Evangeliſch⸗ Lutheriſchen Kirche nicht 
praͤjndiciren, ſelbige zu verwenden. Sn ala 
len Kirchen und Schulen Uufers Landes folk 
ferun 0 — 
gest Allein die Coaugekifch‘« Lutherifche 
Religion gelehret , feine Gewiffens = Freiheit 
einem jeben unbefchwers und ungekraͤnkt gelafe 
fen, nirgenb ein Simultaneum eingeführet , 
Teine Katholiſche Kirchen, Schulen, Stiftung 
gen, Kloͤſter, Kapellen, Altaͤre und Erucifixe, 
sder andere begleichen öffentliche Statuen und 
Bilder, weber in Städten, Schlößern, Dörfern, 
Höfen und Weilern, noch an der Straffe in 
Feldern, Wäldern und Gebirgen, noch fonflen 
irgendwo errichtet „ Feine Wallfahrten „ oder 
andere Kasholifche Prozeßionen, weder am 
Fronleichnams ⸗ noch andern Taͤgen geſtattet, 


76 | Teſtament 


angeſtellt und gehalten, das ſogenannte Ven e- 
rabile weber bei Providirung der Kranken 
noch andern Faͤllen nicht offentlich getragen, 
noch dad Gloͤcklein gelaͤutet, und uͤberhaupt 
nicht der allergeringſte Actus eines offentlichen 
GSottesdienſtes in ganzen Laude nicht exercirt, 
am allerwenigſten aber Unſern Evangeliſch⸗ 
Lutheriſchen Unterthauen ihre Kirchen, Kloͤſter 
and Schulen, und dad freie Exercitium Re- 
Yigionis entzogen , fondern alles in feiner ges 
genwärtigen Verfaflung nad biefer Unſerer 
ernfllichen Difpofition ohnveränbert allflets ges 
Yaffen- werde. Damit aber auch 

ziens: In dem bermaligen Statu Unferer 
Fuͤrſtl. Evangeliſchen Univerfität Tübingen , 
Tamt dem baffgen fogenannten Collegio illuftri,. 
dem Stipendio Theologico, ben andern daſelbſt 
befindlichen, von Unſern Vorfahren, oder 
Privat⸗Perſonen verliehenen, und zum Behuf 
der ſtudirenden Jugend angeordneten Stiffuns 
gen oder Stipendien, wie nicht weniger auch 
in dem Gymnaſio zu Stuttgard nach Unſerm 
ſeligen Hinſcheiden keine Aenderung vorgenom⸗ 
men, und nicht von den Roͤmiſch⸗Katholiſchen, 


H. Everh. Ludw. zu Würtemb, 77 


geiſt⸗ oder weltlichen Perfouen, zum Nachtheil 
der Evangelifch s Zutherifchen Kirche und Relis 
gion etwad verfügt werden möge: Go ift hies 
mit Unfer ernfilicher lezter Wille, daß ſowohl 
das Collegium illuftre und Fürftliche Sti- 
pendium, ald auch die ganze Univerfität nich 
nur in ber theologifchen,, juritifchen, medicini⸗ 
fen und philofophifhen Facultät , fondern 
auch in allen andern Wiffenfchaften und Exer- 
citiis mit feinen andern, ald Evangeliſch⸗ Lu⸗ 

theriſchen Profefforen und Leuten verfehen, nies 

mal hingegen bafelbft fowehl, als in dem Stutt⸗ 
gardiſchen Gymnaſio weber mit Gewalt, no 
per Pacta und Reverfa eine Stelle mit einem 
Roͤmiſch⸗ Katholifhen Profeflore vel Præ- 
ceptore befezet, als aud) Fein Studiofus von 
diefer Religion; der nicht zu der Evangeliſch⸗ 
Lutherifchen Kirche ſich befennet, in das Sti- 
pendium Theologicum aufgenommen, noch 
außer bemfelben und den ſaͤmtlichen Kiöftern 
ihnen andere Präbenden, Pfründen und- Be- 
neficia, fie haben Namen, wie fie wollen, von 
Iren Einkünften und Revenuͤen, oder auch von 
andern Gefällen fub quocunque przetextu 


78 Teſtament 


ertheilet , vielweniger ihnen verflattet werben 
ſoll, eine wene Schule, Profeffur, Stipen- 
dium, Kirchen, Gymnafium, Kloͤſter ober 
Auditorium , ihre Lehre offentli oder pri⸗ 
vatim zu Profitiven, ober zu bociren, daſelbſt 
und nirgend im ganzen Lande aufzurichten und 
au erbauen. Wannenhero Wir auch hiemit 

otens: Unſerer getrenen Landſchaft uud 
Ständen gnaͤdigſt, jedoch ernſtlich und aus⸗ 
druͤcklich befehlen, fuͤr die beſtaͤndige Aufrecht⸗ 
erhaltung der gegenwaͤrtigen Verfaſſung des 
Kirchen⸗ und Religions⸗Weſens Unſerer Lande 
in ohnermuͤdeter Sorgfalt bei ihren ſchweren 
Pflichten ohnaufhoͤrlich zu vigiliren, und daher 
unter ſich weder in dem engern, noch groͤßern 
Ausſchuße jemanden, ber der Evangeliſch⸗Lu⸗ 
therifchen Religion nicht zugethan , aufzuneh⸗ 
men, fi aufs und einbringen gu laſſen, ober 
zu toferiren; immaffen Wir dann berfelben zu 
bem Ende alle ihre Rechte und Gerechtigkeiten 
anf bad bäudigfte befräftigen, beſtaͤttigen, ers 
nenern und confirmiren. . (Ferner ſollen 

„tens? Alle übrige pia Corpora , Hoſpl⸗ 
täler, Lazarethe, Armen⸗ und Siehens Hi 


KH Eberh. udw. zu Würtemb. 70 


fer, vornehmlich aber auch das von Uns erbaute 
Waiſenhaus zu Stuttgarb , ohnveraͤndert im 
Ihrem Eſſe verbleiben, ihnen Feine andere, dam 
Evdangeliſche Pfarrer, Vorſteher, Lehrer ud 
Praeceptores geſezet, und weder ein Romiſch⸗ 
Katholiſcher Religion Verwandter dazu, noch 
Noͤmiſch⸗ Ratholifche Kinder in das Waiſen⸗ 
haus angenommen and zecipirt werben, So 
viel aber 
Bess: Unſere HofsRapelle allhier zu Lade 
wigdburg anlanget, an welche vielleicht ein 
Roͤmiſch⸗ Rasholifcher Regent Auſprache neh⸗ 
zum doͤrfte, fo iſt dieſerhalb Unfere ernſtlicht 
Meinnung und unverbruͤchlicher Wille, daß 
dieſelbe nicht nur, weil die jaͤhrige Synodal⸗ 
Predigt darinn zu halten, ſondern auch, weil 
Wir fie ſelbſt zu Unferm Gedaͤchtniße erbauen 
laſſen, zudem Unfers Sohnes und Erbprinzens 
Lebden allbereits darin ruhen, and Wir ends 
lich felsft Unfern nach Gottes heiligem Willen 
verblichenen Leichnam darinn verſenket wiſſen 
wollen, den Roͤmiſch⸗Katholiſchen Religions⸗ 
Verwandten nicht eingeraͤumet, darinn keine 
andere, als die Edangeliſch⸗Lutheriſche Religion 





Bo | Teſtament 


gelehret und geprediget, kein Simultaneum 
verſtattet, und dieſelbige von Unſern Succeſſo- 


ribus am Regimente weder aufgehoben, noch 
beſchraͤnket, fondern da ohnehin noch viele Fürs 


fien des Stammes und Namens von Wuͤrtem⸗ 
berg , der .Evangelifchen Religion zugethan , 
‚vorhanden , welche etwa Eünftighin Admini- 
ftrationes führen , oder fonft am. Hofe fich 
aufhalten dürften, biefelbige in derjenigen Vers 
faſſung, wie Wir fie hinterlaffen , ewiglich 
gelaffen, in banlihem Stande und Weſen 
erhalten, mit Evangeliſchen Prebigern zu allen 
Beiten verfehen, in dem Gottesdienſte die mins 
deſte Aenderung wicht gemacht, und barinn 
weber Biel, noch Maaß, weber Zeit, noch 
Stunde gefezet-und vorgefchrieben, auch nicht 
geſtattet werden foll, daß von ihren Meligionde 
Verwandten ber geringfle Anlaß deßhalb zu 
einiger Befhwerung gegeben werden möge. Da 
hingegen Wir ihnen an deren Statt erlaubet 
haben wollen, daß fie allhier zu Ludwigsburg 
eine andere Hof⸗ Kapelle für ſich erbauen Tafın 
mögen; ; außer welcher aber 


gtens 





H. Eherd.2ubw. zu Würtemb. 81 


gend: Dem Rbwmiſch⸗Katholiſchen Relis 
gions⸗ Verwandten is allen Unſern Landen au 
dienſt unter keinerlei Scheine niemal zugelaſſen, 
deßpwegen auch das Exercitium Religionis, 
ſo ihnen bisher des Schloßes Erbauung halber 
indulgiret worben, ceſſiren, ihnen keine feruere 
Privilegia, fie beſtehen, worinn fie wollen, 
in Religions⸗Sachen, zum Praͤjudiz der Evan⸗ 
geliſch⸗Lutheriſchen Unterthauen, dem Religions⸗ 
and Weſtphaͤliſchen Frieden, ten Pactis Do- 
mus, Difpofitionibus Majorum, und dieſer 
Unferer legten Willens s Berorbnung zuwider 
ertheilt, beſonders ein wachfames Auge darob 
sehalten werben fol, daß nicht durch Connivenz 
uud Nachlaͤßigkeit biefelbe in die Rollegia, ober 
pouſten im Lande neuerlich einſchleichen mögen 
Wobei gleichwohl 
ofend; Einem jeden Megierer in Win 
temberg ohnbenommen ſeyn fcH, an feinem Hofe 
und um feine-Perfon folche Leute ohne Unters 
ſchied der Meligion zu nehmen, welde nad) 
dem in fie gefezten Vertrauen ihm belieben 
werben. 


Pate. Mrchlv, Ui. Theil, 8 


ı 


82. Teſtament 


Sechſtens: Obwohl Wir dermal von 
Gott mit keiner Fuͤrſtlichen Tochter und Prin⸗ 
zeßin geſegnet, ſolcher Segen aber noch in der 
Hand Gottes ſtehet, fo wollen Wir auf fols 
den Fall fie nach Unfers Fürfllichen Hanfes 
Gewohnheit und infonderheis in Gott hochſel. 
zuhenden Groß⸗Gerrn Waters, Herzog Eber⸗ 
hards Gnaden Difpofition und Teſtament es 
traktirt, gehalten und verſorgt wiſſen; daſern 
aber dem Allerhoͤchſten mit Fuͤrſtlicher Prin⸗ 
zeßin Uns kuͤnſtig zu erfrenen nicht gefallen 
wuͤrde, ſo wollen Wir hiemit Unſers ſeligen 
Erbprinzen hinterlaſſene Prinzeßin, Louiſe 
Friderique, an deren Stelle geſezet, und der⸗ 
geſtalt adoptirt haben, daß ſie gleich als Unſere 
leibliche Tochter angeſehen, und nach obgedach⸗ 
tem Eberhardiniſchen Teſtamente erzogen, do⸗ 
tirt und gehalten, und ihr weder an der ihr 
gebührenben Legitima , noch an allem , was 

Mir außer derfelben ihr annoch ſchenken, vers 
ſchaffen, oder von Unferer Frau Gemahlin 
Liebden ihr zufallen würde, Abbruch gethan, 
fondern ihr auch noch über dieſes ein ſchoͤnes 
filberne® Service gegeben werden fol; wie Wir, 


j 


, 


H.Eberh. Ludw. zu Würtemb. 83 


dann Unſerm Machfolger am MRegimente, «6 
ki nun ein von Uns ſelbſt, oder ex linea 
collaterali abflammender Prinz, vaͤterlich und 
reſp. freunbvetterlih hiemit erinnert und ers 
ſucht haben wollen, daß er ihr zeitliches Wohl 
alles Fleißes beforgen, im der Evangeliſch⸗ 
Lutheriſchen Religion dieſelbe Chriſt⸗Fuͤrſtlich 
erziehen, und in Anſehung, daß ſie die leztere 
von Unſerer Branche, ihr alle erſinnliche Freund⸗ 
(haft jederzeit zugehen laſſen wolle; inbeffen 
Wir jidoch, fo Lange Uns Gott das Leben 
gbunet, hiexinn ein Weiteres zu bifponiren, ex- 
preſſe Uns reſerviren. Was 
Siebentens: Die Durchlauchtigſte Fürs 
fin, Gran Johannen Eliſabethen, Herzogin 
zu Würtemberg ꝛc. gebohrne Mlarggräfin zu 
Baden ze, Unferer berzgeliebteflen Frau Ges 
mahlin Liebden anbelangt; fo wollen Wir ders 
felben ans befonderer für fie begenden Eſtime 
und zärtlicher Liebe, wie and) wegen ber aufs 
tihtigen Hochachtung uhd Sorgfalt, welche 


Ihro Liebden auf eine fehr sendre Art fir Uns ⸗ 


fere Perſon und Geſundheit tragen, nicht nur 
dasjenige, was in den mit Ihro aufgerichteten 
| 52 


‘ 
. 


34 Teſtament 


Ehe⸗ Pactis und durch andere befonbere Do- 
nationes, wie nicht weniger, was in Un. 1698, 
1705 in Unfern lezten Willens Verordnungen 
ihr von Uns zugeſagt, verfchaft, gegeben, vers 
ordnet und zugeeignet worden, hiemit auf das 


buͤndigſte in befler Form Rechtens nochmal 


befräftigen, befefligen und confirmiren 5: fons 


deru Wir verorbnen auch noch über dieſes, und 


wollen, daß Ihro Liebden, im Falle Wir kei⸗ 


nen männlichen Leibes⸗Erben hinterlaffen, und 
die Regierung auf Unfere Fürflliche Agnaten 
verfallen würde , nach Unferm feligen Hin⸗ 
fheiden , jedoch mit Worbehalt der Unſerer 
Niece Prinzeßin Louiſe Friderique Liebden allen 
Rechten gemaͤß competirenden, and oben Art. 6 
ihr reſervirten Legitima, ald tworien Wir fie 
titulo haeredis in befter Form Rechtens biemit 
inflitniren, noch weiters empfangen foll Unfere 
ganze Chatoulle, und was darinn an Gold 
und Silber Münze ſich befindet , nicht wenis 
ger alle Unfere ausſtehende Uctiv » Schulden 
und Kapitalien , fo dahin gehören, ſonderlich 
Unfere etwa noch in Ausſtand haftende Feld⸗ 
,marſchalls⸗ und Regiments⸗Gagen, ingleichen 


®. 
* 


H· Cberh. Ludw. zu Würtemb, 85 


alle Pierreries, und Kleinodien, und Geſchmuck, 
wovon Wir nur immer zu tefliren berechtiget 
feyu mögen, (außer den Haus⸗Jubelen, 
Stamm s Kleinotien, wozu Wir aud den Pid's 
ſtein, welchen Unferer in Gott rahenden Fran 
Muster Liebden zum Fuͤrſtlichen Hanfe vers 
macht, und wenn ſolcher davon entriffen wer⸗ 
den ſollte, den contravenirenden Theil mit ei⸗ 
nem Fluche belegt, gerechnet haben wollen; 
wicht weniger anßer dem Dänifchen Elephantens 
zb Prenpifchen Adlerorden, welche beide nach 
Dänemark und Preußen zu remittiren find). 
Ferner legiren Wir Fhro Liebben alles Gold» 
and Silber s Service, fo mit Littera G. bes 
zeichnet, in Unferem Schlafgemache und Gars 
derobbe vorhauden ſeyn wird, und was zu Un⸗ 
ſerer Garderobbe gehoͤret. Nach ſeligem Ab⸗ 
leiben Unſerer Frau Gemahlin Liebden_ aber 
wollen Wir hierinn deroſelben Unſere Niece 
Prinzeßin Louiſe Friderique Liebben dergeſtalt 
fubſtitnirt haben, daß Unſere Fran Gemahlig 
Liebben über alled obige, von Uns dieſes Un⸗ 
ſers lezten Willens herruͤhrende, fernerweit kel⸗ 
wi weder teſtiren, noch davon vel inter 
ds 


86 Taeſtament 


vivos, vel mortis cauſa diſponiren, foldjes 
nicht alienixen, fondern vielmehr alles der Prins 
zeßin Lonife Friderique Liebden, im Fall bins 
‚gegen auch biefe, vermählt oder ohuvermaͤhlt, 
ohne Kinder mit Tod abgehen mürbe, dem 
Megeuten in Würtemberg allein anheim fallen, 
und bei Uuferm Fuͤrſtlichen Hauſe aliftets vers | 
bleiben ſoll. ur | 
Meiten confirnixen und beſtaͤttigen Br | 
Unferer Frau Gemahlin Liebden hiemig ihren 
Witthum mis allen Appertinentien, Reden 
and Gerechtigkeiten, und wollen „ daß, was | 
Mir noch Eünftig Ihro Liebden ſchenken, geben, 
oder verfchaffen würden, jest ala dann, and 
dann als jest, eben fo Fräftig und bündig ſeyn 
und gehalten werben. foll, ald ob es in dieſem 
Unſerm Haupt⸗ Teſtamente und einiger wahren | 
lezten Willens⸗Verordnung mit begriffen, und 
derſelben von Wort zu Wort einuerleiber und 
inſerirt wäre. Womit Wir dann zugleich Uns 
fere Nachfolger. am Regimente ernſtlich und 
reſp. freundvetterlich eriunert and erſucht haben 
wollen, dagegen in keinerlei Wege zu: baw 
deln, ſondern vielmehr obgedachter Unſerer 


H. Eberh. Ludw. zu Würtemb. 87 


herzgeliebteſten Frau Gemahlin Liebden bei 
ſolchem allem mit Nachdrucke zu mainteniren, 
za fhüzen , und fie inn⸗ nnd außerhalb Rech⸗ 
tens Dabei zu handhaben, wider alle Bekraͤn⸗ 
tungen zu protegiren, zu vertreten, und fie 
deßhalb von niemanden weber direkte, noch in- 
directe beeinträchtigen zu. laffen. 

Alldieweil Wir aber auch das Luſtre Uns 
ferd regierenden Hauſes zu erhalten, und zu 
vergrößern hiedurch gemeinet ſind; fo verorbs 
wen und wollen Wir, daß der Marflall allhier 
ie Ladwigsburg, zum Stuttgard und auderswo, 
ingleichen die Stuttereten, Equipage, Schiffe 
und Geſchirre, Jagdzeug, Tafel⸗ und Werts 
gewand, Tapeten und andere Menublen, Ge⸗ 
wehr, und was Wir oben Art. 2 verordnet, 
mit einem Worte, benanutes und unbenanntes, 
und alle übrige Argenterien, Mobilien und 
Proventien, fie haben Namen, wie fie wollen, 
bier und auf Unfern aber Schlößern, wor⸗ 
über Wir nicht exprefle teflirg haben , ober 
weh teſtiren werben, bem alsbaun zegierenben 
Herzoge in Wuͤrtemberg, (body daß er dage⸗ 
gen Unferer Niece Prinzepin Loniſe Friderique 

d4 


88 Teſtament 

Liebden ein anderwaͤrtiges Douceur und Sr⸗ 
kaͤnntlichkeit, fo Wir feiner Generoſitaͤt uͤber⸗ 
laſſen, erweiſe) anheim fallen, bie Argenterie 
aber und alle Praͤtioſa in vim Fideicommifli 
bet · Unſerm Fürftlihen Haufe allſtets verbleis 
ben, zu den Haus⸗Sachen hinkünftig gerechnet, 
‚und bavon, wie nicht weniger von allem, was 
zum Fuͤrſtlichen Haufe gerechnet, ein Inventa- 
rium ersichter werden folk, - 

Damit. aber auch der Status peoliticus 
Unſerer Lande nad) Unſerm feligen Ableiben 
Ishlich und wohl verfaffet, and eingerichses ſeyn 
uud verbleiben möges fo befehlen , verordnen 
and wollen, auch roſp. erfachen Wir hiemit die 
einfligen Regierer in Wärtenberg 

Achtens: Daß Unſer herzgeliebteſter Sohn. 
dafern Wir nach Gottes Willen einen nach ind 
serlaffen wärben, im anders Falle aber Unſere 
Fuͤrſtliche Agnaten , und Darunter ber jebeszeit 
zegierende Herzog Yu Wuͤrtemberg, nicht bald 

ohne erhebliche Urſache zu Abänderung und 
Dimittirung Unferer dermaligen Räthe und 
Bedienten ſchreiten, fondern eingebenf ſeyn 
moͤge, daß Wir ihre Treue zu des Staated, 


an ben ihm zugelegten * fürehin noch zu 
conferirenden Sratialien und Wohlthaten ents 
zogen , ober fonfl im einige Wege befränfet, 
vielmehr aber ein jeber babei vertbeitiget und 
wanuesirt werben möge. Dafern aber gleich⸗ 
wohl Unfere Nachfolger am Regimente reles 
vaonse Urfache hätten, warum er einen ober 
tes audern in Dienflen nicht Linger behalten 
unse, fo ſoll ſolches in Gmaben geſchehen, den 
Dimittendis aber eine haltjährige Wefolbung 
nachgetzagen werben. Wir wollen auch, daß 
Uafere kuͤnftige Succeflores, berfelben Tuto- 
res unb Curatores Unfere KRütbe und Diener 
in ben Kanzleien, zu Dof ul® auf bem Lande, 
fo in geiſt⸗ als weltlichen Aemtern, bevorab 
Unfere Geneime Kabinetss Diinifler und Ges 
hime Raͤthe, famt'Ullen andern Unſern ver 
fautefiou Dienern, wegen Unferer Regierung, 
85 


90 Tellament 
Thun und Laffen, Ein» und Aufnehmens, auch 
Ausgebens, Begnadigungen und anderer Ur⸗ 
ſachen, ſo bei Unſern Lebzeiten in publicis & 
privatis, mit Unſerm Vorwiſſen, Willen, 
Beſehl und beglaubter Genehmhaltung geſche⸗ 
ben, daruͤber auch Unſer Fuͤrſtliches Handzei⸗ 
chen und Secret⸗Inſiegel zugegen, keineswegs 
zu einer Mechtfertigung ziehen, angreifen, oder 
zur Rebe oder Verantwortung ſtollen follen, 
was Wir bei Unferm Leben nicht ſelbſt gemus 
eher, ober zur Unterſuchung ziehen zu laſſen 
angefangen, folglich vielmehr mit Unſerm Tode 
anberweit genehm gehalten haben, . 
Im Fall: aber unſere kuͤnftige Fuͤrſtliche 
Succeſſores je dafür halten ſollten, fie haͤtten 
wider einen ober deu andern gewiſſe, gründliche 
und erhebliche Klagen, wozu ihnen nach Unſerm 
feligen Ableben nenerlih Aulaß gegeben wor⸗ 
den; fo iſt unſer endlicher Wille uud ernfiliche 
Meinung , daß Rhro Liebden und die Vor⸗ 
mundſchaft auf ſolchen Fall nicht via facti, 
ſondern nach Anleitung, Herzog Ludwigs hoch⸗ 
ſeligen Angedenkens in hos paſſu vorhandener 
Fuͤrſtloͤblicher Willen Verordnung, de dato 


H. Eberh. udw. zu Würtemb. gr » 


Stuttgarb, deu 1 aten Jul. 1592, und dariun 
beihriebener forma procedendi rechtlich Hero 
fahren, über jenes auch ex ſpeciali concef- 
fione ihnen alddann die fonft in ihrem Staate 
unterfagte Beneficia provocationis & appel- 
lationis an die hoͤchſten Reihös Gerichte auf 
ſolche Fälle in extenfo vorbehalten und verglis 
Gen ſeyn follen. Dafern aber ein oder anderer - 
son Unfern Pehienten mit Tod abgehen, und 
dadurch deſſen 4 vacant werden wuͤrde; 
pp 
tens: Wenn es einer von Unſern derma⸗ 
ligen Geheimen Raͤthen iſt, deſſen Stelle nicht 
wieder erſezet, ſondern die Zahl des Kollegi big 
auf fünf veducirt merben. 
„tend: Aber in Exfezung ber vacant wer⸗ 
denden Stellen zwar auf eingebohrne tuͤchtige 
Landeskinder Reflection gemacht werden, als 
leine gleichwohl einem jeden Regierer in Wuͤr⸗ 
kemberg unbenommen feyn, nach Art und Ges 
nohnheit auderer Regenten, fo viel ed bie Be⸗ 
ſhaffenheit ſeines Staates erheiſcht, auch ande 
Undiſche qualificirte und dem Staate nüzliche 
Leute, welche zu Fuͤhrung bes Regiments, ſo 


| 
093 Teſtament 


Bor andern dienlich erachtet, nad) ſeinem Be⸗ 
Vieben und Gutfinden, jedoch folhergeflalt Time 
Dieuſte anzunehmen, daß ſie alleſamt der Evans 
geliſch⸗Lutheriſchen Religion zugethan ſeyn und 
verbleiben. Und weil Wir auch 

ztens: Zeit Unſerer Regierung zum oͤftern 
wahrnehmen muͤßen, wie die unmittelbare 
Reichs⸗Ritterſchaft die Jura Prinoipis mit 
Worfhüzang ihrer Privilegierum anzufechten 
und anzuſchmaͤlern gefuchtt fo ermahnen Wir 
hiemit Unfere Nachfolger am Negimente, im 
Annehmung dergleichen Ravaliers in bie Kols 
legia forglich zu geben, und alfo auf folche das 
vornehmſte Augenmerk zu nehmen, deren Ins 
tereffe mit des Fuͤrſtlichen Hauſes Jurlbus 
wicht ſtreitet. 

So erinnern und erſuchen Wir and; hiemit 

- Kleuntens: Unfere Erben und Rachkom⸗ 

men Im Regimente, der Roͤmiſch⸗Kaiferlichen 
Majeſtaͤt, ald bes heiligen Reichs allerhoͤchſtem 
Oberhaupte, allen ſchuldigſten Reichs⸗geſez⸗ 
maͤßigen Reſpekt und Gehorſam allezeit zu be⸗ 
zeugen, des heiligen Roͤmiſchen Reichs, wie 
auch bed Loͤblichen Schwaͤbiſchen Kreiſes ger 


H. Eberh. Ludw. zu Mürtemb. 99 


weinfamen Nuzen, Aufnehmen und Wohlfahrt, 
da ed vonnmöthen, and) mit Wagen und Dars 
fredung Leibes und Lebens, Gutes und Blu⸗ 
teö, nach Unferermeigenen Exempel, ohnnach⸗ 
läßig zu befördern, und mit Erwägung, mit 
mas für Treue und patriotifhen Eifer Wir 
in den langwierigen und bintigen Kriegen bad 
Jntereſſe Kaiſerlicher Majeſtaͤt, und die Wohls 
fahrt des ganzen heiligen Reiches, aller Leibes⸗ 
uud Lebens» Gefahr ohnerachtet, nach all» Line 
ferem Vermögen verfochten, und auch baffelbe 
in Friedens s Zeiten zum Augenmerk Unferes 
Regierung gefezet, Uns hierinn ruͤhmlich nach⸗ 
zufolgen,, zu Kaiſerlicher Majeſtaͤt und des heis 
ligen Reiches Dienften fih gänzlich zu devovi⸗ 
ven, dahero mit allen Benachbarten, ſo viel 
möglich , in gutem Frieten, Verſtaͤndniß, 
Freundſchaft und- Harmonie zu leben, und 
durchaus nicht zu geflatten, baß durch hizige 
Confilia die nachbarliche Vertraulichkeit gehem⸗ 
met werben möge, fondern vielmehr zu Befoͤr⸗ 
berung und mehrerer Befefligung derſelben das 
hin zu trachten, damit, fo viel immer möglich 
ſeyn wird, die mit eins und andern Unfern, 


94  Zeflament 


mehrensheils fehr mächtigen Wenachbarten ete 
. wa alsdann noch objchwebende Gränzs Turids 
dictions⸗ und andere Differenzien durch guͤtliche 
Eonferenzen auf eine dem Ruheflande Unferer 
zu binterlaffenden Lande und Unterthanen ers 
ſprießliche Weife erörtert, und benenfelben abs 
helfliche Maaſe gegeben werben möge, Wobei 
pornehmlich zu beobachten, daß Unfere Suc- 
ceflores am Regimente fi wegen der gefährs 
lichen Situation. Unferer Lande in Leine aus⸗ 
wärtige gefährliche Buͤndniße fich verwickeln, 
fonbern vielmehr ſich dahin bearbeiten, daß fie 
die allgemeine Ruhe im ganzen Reiche ſowohl, 
als ihren Landen erhalten, und deffen gemein⸗ 
famer Nuzen mit Nachdrude verfochten wers 
ben wmooͤge. 0 | 
‚Dahingegen die jebeömaligen Megenten, 
wenn man ihnen wider Recht und Willigkeit 
etwas zumuthen, aufbürben und dringen würs 
de, dadurch Land und Leute verringert, ober 
die Befnaniffe, hohe Prärogativen , Freiheiten, 
Regalien und Prätenfionen ded Hauſes Wuͤr⸗ 
temberg verringert, gekraͤnket, geſchmaͤlert, 
ober bekuͤmmert werben koͤnuten, ſelbigen aͤuſ⸗ 


un 


H. Eberh. Ludw. zu Wuͤrtemb. 95 


ſerſt widerſtehen, und ſolchen Præjudicũs quo- 
cunque modo vorbengen, nicht weniger andy 
za ihr und ihrer Unterthanen Defenſion des 
Yandes Ertraͤglichkeit nach, fo viel möglich iſt, 
einen folchen militarifhen Fuß, nebfl einer 
ziemlichen Garde du Corps zu Pferd und zu 
Fuß halten follen, ber fie vor andern geringen 
Reichsfuͤrſten zu diſtingniren, und in Conſide⸗ 
zation ſezen koͤnne; wie fie denn in diefer Abs 
ſicht nicht allein die anfehnliche Feſtung Ho⸗ 
hentweil als ein Kleinod des Landes und ſichere 
Retirade, ſondern uuch alle andere Berg⸗ 
ſchloͤßer und Feſtungen im Lande zu deſſen Bes 
ſchuͤzung jederzeit conſerviren, repariren, in 
behoͤrigen Defenſions⸗Stand ſezen, und in ſon⸗ 
derbarem Werthe, Sorgfalt und Obacht halten 
ſellen und mögen. Und gleichwie 
Zehntens: Uns und Unferm Fürftlichen 
Haufe merklich daran gelegen, daß für bie Ems 
yerhaltung des Wohls und Ruheſtandes bes 
Loͤblichen Schwaͤbiſchen Kreifes auf alle Welfe 
anermäbese Sorge getragen werbe: fo ermah⸗ 
nn Wir Unferd berzgeliebteflen Sohnes Lieb⸗ 
den eventualiter, bafern Wir noch einen ers 


96  Zeftament . 


zeugen und binterlaffen würden, ober In beffen 

Abgang alle übrige Succeflores am Regi⸗ 

wente, Tutores und Curatores, mit patrios 

tiſchem Eifer ihres Dres alles moͤgliche vorzu⸗ 

Kehren, daß dem gemeinen Weſen zum Beßterz 

unter Fuͤrſten und Ständen befagten Loͤblichen 

Schwaͤbiſchen Kreifes jedesmal ein gutes Wers 

ſtaͤndniß und Vertrauen gefliftet , cultiviret 
und erhalten > allen ſchaͤndlichen Xreanungen 
und Diffidien forgfältig vorgebenget, und fols 
chergeſtalt in allen Worfallenbeiten. das Werk 
in die Wege eingeleitet werde, damit in guter 
Einigkeit und Harmonie mit zufammen gefez« 
ten Kräften das allgemeine Beßte und bie 
Wohlfahrt des Kreifes beſorgt werben möge 5 
uebft dieſem aber haben dieſelbe allezeit ein 
wachfames Auge zu haben, daß Unfere wohls 
bergebrachte ſowohl Kreis » Uusfchreibamtlicye, 

. ald. Directorials Gerechtfane, die Uns compes 
tirende Succeßions⸗Befugniße, das Unſerem 
Fuͤrſtlichen Haufe zuſtehende, und mit vieler 
Sorgfalt vindicirte Reiches Pannier , nebſt dem 
Herzoglich⸗ Teckiſchen Reichſs⸗Voto, nicht 

minder die Privilegia de non appellando, 

nec 


H. Eberh. Ludw. zu Würtemb, 97 


necevocando, welde Wir mit deu Kurfuͤr⸗ 
fen gemein haben, und dahero nicht zum ges 
ringen Luſtre Unferd Fürfllichen Hanf ges 
rrichen, um beßwillen auch Unfer Dber s Hofs 
Gericht zu Zübingen, wie audy das Benefi- 
cium Auftregarum, und alle andere Uufere 
| Gerechtigkeiten, Rechte, Privilegien, Hohei⸗ 
ten, Befugniße nad Anforderungen zu allen 
Zeiten nachdruͤcklich gehandhabet Pin ſalvo ers 
halten und ausgefuͤhrt, allen Zudringlichkeiten 
uud Beeintraͤchtigungen dagegen mit Stand⸗ 
baftigfeit gebührend begegnet, und barnuter 
alles, wad zu Unferm und Unfers Fuͤrſtlichen 
Hauſes Präjudiz und Nachtheil gereichen Kan, 
der Sachen Wichtigkeit nah, mit Nachdruck 
abgewandt, kei ſolchen and andern dergleichen 
Erheblichkeiten aber vorderſt dahin gefchen were 
ten, daß foidye mit gewiflenhaften , fapiern, 
gelehrten , verfländigen , der Reichs⸗ Kreise 
Landes⸗ und Kriegd» Sachen wohl erfahren 
nad geubten Miniflern, Raͤthen und Genes 
ralen reiflich "vorher in Ueberlegung gezogen, 
berathſchlaget, und mit beufelben deßhalb ſiche⸗ 
ve Mefures gefaßt , nicht aber mit berjelben 
Patr. Archiv, UL THE. © 


ı 


98 Teftament 


Kintanfezung folcherlei Gefchafte von Hof⸗ 
Schmeichlern oder andern unerfahrnen Leuten 
und Webienten verrichtet ,„ ober dergleichen 
wichtige Zandeös Angelegenheiten mit ihnen in 
Berathſchlagung gezogen werden moͤgen. Und 
weil 
Eilftens: Unſer wohlgemeinter und lezter 
Wille iſt, daß, ſo Gott Uns kuͤnftig mit einem 
Landes: Erbe in abſteigender Linie annoch ers 
freuen würbe, derjelbige, oder auch auf ben 
wibrigen Fall, alle Unfere Nachfolger am Res 
gimente fich nebſt ben Regterungs » Sefhäften 
auch auf das Militare, und die einem vegies 
renden. Herzoge zu Würtemberg fo gloriens, als 
wohlanftändige, auch wegen des Herzogthumes 
mißlihen Gelegenheit nüzlihen Kriegs » Yes 
bungen appliciren, und darunter Unferm Exem⸗ 
pel und Wege, den Wir ihnen darinn gebahs 
net, rühmlichflermaffen folgen : fo haben fie 
ſich nach Unſerm ſeligen Hinſc cheiden alles Fleißes 
dahin zu beſtreben, daß ſie bei dem Loͤblichen 
Schwaͤbiſchen Kreiſe mittelſt Gewinnung des 
Vertrauens der Loͤblichen Mitſtaͤnde das Ge⸗ 
neral⸗ Feldmarſchall⸗Amt auf ſich trausſeriren, 


H. Eberh. Ludw. zu Mürtemb. 99 


and dadurch ſich in Stand ſezen moͤgen, ſowohl 
in Friedens⸗ als Kriegs⸗Zeiten bei gefährlichen 
Vorkommenheiten wohlbeſagtem Loͤbl. Schwaͤ⸗ 
biſchen Kreiſe mit Glorie, Diſtinction und Nach⸗ 
drucke zu Befoͤrderung des allgemeinen Weſens, 
Beßtens und Sicherheit erſprießliche und nuͤzli⸗ 
che Dienſte leiſten zu koͤnnen, mitfolglich auch 
in dieſem Stuͤcke in Unſere Fußſtapfen zu tre⸗ 
ten. Nachdem baun 

Zwoͤlftens: durch die Fuͤgung des Hoͤch⸗ 


fen und nicht geringe Unſere Sorgfalt, Koſten 


and Mühe ed dahin gebiehen, daß die gefürs 
ſtete Grafſchaft Moͤmpelgard, Weiltingen und 
Brenz, als importante Stuͤcke Unſerer Lande, 
an Unſer regierendes Fuͤrſtliches Haus wieder 
gebracht worden, ingleichen auch, wiewohl nach 
goͤttlicher Direction, es das Anſehen gewinnet, 
daß die Appanage Neuenſtadt cum apperti- 
nentiis ebenmaͤßig anhero wieder zuruͤck fallen 
dörfte: fo ſezen, verordnen und wollen Wir 


biemit, daß Unfere Nachfolger im Regimente, 


jederzeit vegierenbe Herzoge zu MWürtemberg, 
ſorgfaͤltig darob halten, und alles Eruſtes das 


bin fehen wollen, daß in allen biefen Landen 


G 2 


( 


| 


J - 


| 100 Teſtament 


ed in der Religions⸗ Verfaſſung nicht anders, 
als nach obig⸗ Unferer Verorduung Art. 5 ges 
halten, und weber diefe, noch andere Stüde 
des Landes Eünftighin wieber zu Appanagen 
ertheilt, noch auf andere Weiſe veräußert, und 
vadurch die Macht, Anſehen und Force des 
regierenden Hauſes verringert und geſchwaͤcht 
werden möge; immaſſen Wir dann die gefuͤr⸗ 
fiete Grafſchaſft Moͤmpelgard ſowohl, als 


Neuenſtadt, und alles, was Unſerm Fuͤrſtli⸗ 


chen Hauſe etwa noch auheim fallen, oder dazu 
acquiriret werben moͤchte, Unſerm Herzog⸗ 
thume und Landen hiemit nochmalen in beſter 
Form Rechtens unzertrennlich incorporiren, und 
alles, was hierwider geſchaͤhe, für null, nichtig 
und nufräftig erklären und beclariren, wegen 


Weiltingen und Brenz aber, ingleichen wenn 


bie Herrſchaften Harburg und Reichenweiher 
wieder zu Mömpelgard gezogen werden follten, 
und von allen andern Allodial» Stüden bie Fa- 


cultatem teftandi & difponendi feierlichſt 
Uns reſerviren. Im übrigen, und weil 


Dreizehntens: es fich Zeit Unferer Fuͤrſt⸗ 
lichen Regierung geäußert, daß Unfere Foͤrſte 


& 


H.Eberb. Ludw. zu Würtemb. roır 


uud Waldungen hin und wieder in, ziemlichen 
Abgang gerathen, ſonderheitlich aber dad gott⸗ 
Iofe Wilderer⸗Geſind, occafione der hin und 
her fowohl in Unſern Landen, ald außerhalb 
terfelben angemaßten freien Pürfc und Jagd⸗ 
barkeit, {ehr überhand genommen, und die Wilde 
fuhren verderbt, und wohl gar an verfchiebes 
nen Orten Raub, Mord und Todſchlag ver. 
über, fo daß Wir derowegen zu Verhütung 
größern Uebels den Mißbrauch ber freien Jagd⸗ 
barkeit in Unfern Landen abzuſchaffen, hinges 
gen Unſere Unterthanen zu ihrer ehrlichen Nah⸗ 
zung, Hauses und Feld » Sefhhäften zu vers 
weifen bewogen worden : fo wollen auch Unfere 
Succeflores diefe Unfere Lande s väterliche 
Veranſtaltung ſich gleichfalls gefallen, darüber 
beftändig halten, Feine Aenderung darinu vors 
nehmen, und die Förfle möglichft zu conferriven 
ſich angelegen feyn laſſen. Vornehmlich aber, 
und weil Wir - 
Dierzehntens: aus befonderer Liebe und 
Inseigung, welche Unfere Vorfahrer ſowohl, 
alz Wir zur Tägerei zu allen Zeiten getragen, 
einen ſolennen Jaͤger⸗Orden mit befonderk 
63 


[4 


102 Zetament 


Reguln und Statuten aufgerichtet , benfefben | 
auch viele Fuͤrſtliche, Graͤfliche und andere ho⸗ 
be Standes⸗Perſonen von Und erbeten und 
empfangen, weldyer dann zu nicht geringem 
Luſtre Unfers Fuͤrſtlichen Hauſes gereichet , 
“mithin deflelben uraltes hergebrachtes Reichs⸗ 
Ober⸗Jaͤgermeiſter⸗Amt in erneuerte Obſervanz 
ſezet; Als ſollen und werden Unſere Fuͤrſtliche 
Regierungs⸗Nachſolger ſich nicht weniger ange⸗ 
legen ſeyn laſſen, ſothanen Orden jederzeit zu 
ihrem ſonderbaren Anſehen in ſeinem Flor und 
Eſſe zu conſerviren, zu dem Ende auch das 
jaͤhrlich gewöhnliche Otdend⸗Feſt am Tage ©. 
Huberti zu begehen, die hergebrachten und in 
Druck verfertigten Gewohnheiten, Statuten und 
Ordnungen ohnabfaͤllig beobachten, und dawider 
keineswegs zu thun, oder zu thun geſtatten. 
Wie Wir dann auch inſonderheit verordnen 
und wollen, daß alle bei Unſerm Abſterben 
vorhandene alte und meritirte Jagd⸗Bediente 
nah Möglichkeit in ihren Aemtern beibehals 
ten, jebod dabei alle nörhige Menage wohl 
obſervirt werde. Dice Ordens halber Wir 
dann 





H.Eberh. Lubw. zu Würtemb. 103 


Sünfzehntens : nod) ferner wollen, sub 
ellen Unfern Sdccelloribus nachdrucklich aufs 
erlegen, baß fie bie von Uns zu Unſers Na⸗ 
mens Gebächtuiß mit großen Koſten, Mühe 
und Sorgfalt erbaute Reſidenz allhier zu Labs 
wigäburg nicht nur Teinedwegd ohnandgebamt 


liegen laſſen, fonbern vielmehr dieſelbe allein, 


zu Uufern und des Ötifters und Teſtatoris 
Chren, bie beflänbige Refibenz aller regierens 
den Herzoge zu Würtemberg feyn und verbleis 
ben , alle Rollegien und Balleien , ald deren 
Menbra, weil fie fich nunmehr allhier meh⸗ 
rentheild völlig etablirs, wibrigenfalld größten» 
theild ihren gänzlichen Ruin zufamt der armen 
Bürgerfcjaft , deren Nahrung ebenfalls dar: 
nieder liegen wuͤrde, obnfehlbar leiden müßs 
ten, niemals heraudgezogen, und anderswohin 
ttanslocirs, fondern vielmehr Die Stabt fowohl, 
ed auch dad Schloß, nad) dem gemachten Deſ⸗ 
kin, Mobell und Riß, bis zu deren völligen 
Derfectionirung zu bauen Conflituirt, dazu jährs 
lich ein ergiebiges angewendet, uub beren fers 
us Wachſthum, und Flor und Aufnehmen 
4 


104 Teſtament N 


in allen Städen befördert, gleichwohl abex 
‘weder alldier , nod) in dem ganzen Lande feine 
mehrere Römifch-Ratholifche Bürger anf un 
angenommen werben follen. Und weil 
Sechzehntens: bekannt, daß Wir au 
die Stadt Ulm eine gerechte Praͤtenſion wegen 
des Uns und Unſern getreuen Unterthanen bei 
der Baieriſchen Invaſion zugefuͤgten ſehr großen 
Schadens zu machen haben; als wollen Unſere 
Regiments» Nachfolger, nachdem ed die Con⸗ 
juncturen , ſolche dermal andzuführen, Uns 
nicht erlauben, von felbiger nicht ablaffen, fons 
dern jederzeit dahin bebacht fenn, wie fie dero⸗ 
wegen zu billiger Setisfaction gelangen mögen. 
Nachdem aud) 
Siebenzehntens: durch Commerzien 
und Mauufacturen Unſerer Rande Wohl, Auf⸗ 
nehmen. und Flor gar ſehr befoͤrdert werben 
kan, darinn auch die Seele einer wohlgeorbnes 
ten Landes Berfaffung beftehet, und Wir zu 
dem Ende einen befondern Commerziens Rath 
allbereits etablixt, und dabei zerfchiebenes theils 
in Vorſchlag bringen, und theild nach Thun⸗ 
lichkeit dee Sachen allſchon bewirken laffen : 


® 


A. Ederh.2Zuben. zu Wuͤrtemb. 108 


Als wollen Wir, daß Usufere Nachfolger ia 
Unjerm Herzogthume und Landen Unfere heil⸗ 
ſame unb Laubesssäterliche Tuteutionen befls 
möglich in die Erfüllung fegen, und dadarch 
ihre Puifauce ſowohl, als die Wohlfahrt. he 
zer Unterthauen verflärken, befördern, und im 
Aafuehmen bringen ſollen. Erdlich fo find 
Wir and 
Adytzehntens : hiemit und in Kraft bies 
(ed gewiller, ſowohl zu Stiftung eines gütigen 
Angetenfens , als guäbigfier Crfenuung der 
Uns gleifteten treuen Dienfle , einige Legata 
zu verordnen, zu hinterlaffen und zu verfchaffen, 
Legiren demnach und verfchreiben Unferer Grau 
Tochter und Erbprinzeßin Liebden zu ihrer beſ⸗ 
ferer Subſiſtenz über ihren Witthum, und was 
ihr fonflen gebühret , alljährlich Zwei taufenb 
Gulden, als welde ihr, dafern und fo lange 
fie anverructen Wittwenftuhles bleiben wird, 
biemit zugelegt , und ohnverweigerlich richtig 
abgereichet werden ſollen. | 
Unfern dreien Vettern, Prinz Karl les 
sanderd, Deinvich Friderichs und Ludwigs Lieb⸗ 
den, Liebbden, Ztebden, legiren Wir einem jeden 
| 63 


100 Reflament 


son ihnen Ein tanfend Lonisb’or, nebfl einem 
mit Sattel nnd Zeuge verfehenen guten Reit⸗ 
pferd, den allein auögenommen, welcher, falls 


>. Wir ohne männliche LeibessErben mit Tod 


abgehen follten, die Regierung antreten wirb, 
ald welcher fobann ohnehin der Univerfals Erbe 
iſt, und au die audern überlebenden fothane 
ihnen verfchafte Legata abzureichen hat. 

Dem Graf Friderih Wilhelm von Gräs 
veniz, Unferm Premiers Dlinifler, vermachen 
Mir aus befonderer zu ihm tragenber Neigung, 
und wegen feiner am Unfere Fürftliche Perfon 
und ganzes Fuͤrſtliches Hans vielfältig erwors 
bene Meriten Ein taufend Lonisb’or , melde 
ihm ohne. allen Widerfprudy und Gefährbe aus 
Unferer Kammerſchreiberei richtig follen abges 
tragen werden. Dem Ober s Stallmeifter vers 
‚ machen Wir zmei Pferde mit Sattel und 
Zeug. Dem Unter» Stallmeifter ein Pferd mit 
Sattel und Zeug. | 

Unſerm Hofprediger, welcher tempore mor- 
tis noſtræ in Dienflen feyn wich, verfchaffen Wir 
Ein hundert Dukaten, ſo ihm aus der Vifitation 
(Geiſtl. Kammer) abgereicht werben ſollen. 


H. Eberh. Ludw. zu Würtemb. 107 


Bon Unfern Kammer⸗ auch Jagd⸗ und 
Rt» Pagen fol ein jeder Drei huntert Gulden, 
von ben auberu aber ein jeder Hundert Gulden. 

Die Kammer s Diener, fo alsdann bei Uns 
ſerm feligen Ableiben in Dienften feyn werben, 
ſollen Unfere ganze Garderobbe haben, doch 
wären alle Praͤtioſa, and alles darinn befind⸗ 
lihe Silber und Gold, ed habe Namen, wie ed 
wolle, zu diflinguiren, als welches Wir oben 
Unfern Frau. Gemahlin vermacht. 

Den Kammer⸗Laquaien und Kammer⸗Por⸗ 
tieren foll jedem Ein hundert Reichsthaler ge⸗ 
geben werden. 

Die Laquaien, Heyducken und Soallknechte 
ſollen uͤberhaupt Zwei tauſend Gulden haben, 
und ſolche unter ihnen in gleichen Ratis diſtri⸗ 
buirt werben. 

Mit dem Schiff und Geſchirre, Equipage, 
Pferden zc. aber iſt es ſecundum art. 7 dieſer 
Unferer Verordnung zu halten. 

Weil aber obgebachter Unferer Kammer, 
ald woraus dieſe Regata zu entrichten, bie Aus⸗ | 
zahlung derſelben fchwer fallen doͤrfte; ald folk 


108 Teſtament 


bie Viſitation und Kirchenkaſtens⸗ Verwaltuns 
(die Generals Kafe von ber Geifllihen Kam 
mer) von allen diefen Affignationen den drit: 
ten Theil zu bezahlen fofort davon übernehmen, 
fomithin die fonflen in fpecie alfo nominirte 
Kammer damit um fo mehr fubleviren, als es 
mehrentheils bene meritos berrift, die fi) um 
Uns, dad gemeine Wefen, die Religion und 
bes Kirchen Staatd Erhaltung fehr wohl vers 
bient gemacht, alfo und dergeſtalt, daß eine 
biefer dreien Kammern für alle, und alle für 
eine haften, und dafür mit der Sahlung vepons 
biren follen. 
Uebrigens find nicht weniger ſogleich nach 
- Muferm felgen Abſcheiden allen Unfern Raͤ⸗ 
cthen und Dienern Ihre rüdfländige Beſoldun⸗ 
gen vorderſamſt zu entrichten, wie Wir dann 
biezu, und zu den jeztbefagten Legatis, auch 
allem übrigen, was in ſaͤmtlich den prämittirs 
sen Punkten und Artikeln enthalten iſt, Uns 
fern Nachfolger im Regimente, jederzeit Nes 
genten in Würtemberg , väterli und refp, 
freundvetterlich auf das Fräftigfle hiemit vers 
bunden haben, und fie auf deu unverhofften 


H. Eberh. Ludw. zu Würtemb. 109 


lebertretungd» Tall nicht nur von Unſerer ſaͤmt⸗ 
ihen Altodial: Erpfchaft, in fo weis Wir nur 
inmer Tönnen und mögen, gänzlich ausſchließen 
mb exhaͤrediren wollen , fondern fie auch mit 
Unferm Unfegen hiemit belegen. 

Damit Aber biefer einiger Unfer uuvers 
bruͤchlich⸗ lezter Wille als ein ewiges inviolables 
Landes⸗Grund⸗Geſez beſtehen, gelten, anges 
ſchen, und darnach in allen darinn begriffenen 
Faͤllen einig und allein geurtheilt werden moͤ⸗ 

ge, p wollen Wir forhane teflamentliche Difpos 
fition auf das bündigfle hiemit authorifiren,, 
than auch das in Kraft biefes in der allerbeflen 
Form und Weiſe, wie ed zu Recht am befläns 
digſten beſtehen, und gelten Fan ober mag, 
alfo und dergeſtalt, daß alle kuͤnftige Regen⸗ 
ten in Würtemberg, nad) zurüdgelegter ihrer 
Minnoremmität, über biefer Unferer Anords 
nung fleif und und unverbrüdhlih zu halten 
einen eiblihen Meverd und Verfiheruug vor 
Autretung ihrer Regierung von fih fielen 
ſollen. 

Und hiemit ſchließen Wir dieſen Unſern 
einigen wahren liebſten und lezten Willen; 


110. Teſtament 


koͤnnte und möchte aber derſelbe als ein foleı 
nes und zierliches Teſtament nicht gelten, auıı 
follte nad) Spizfindigkeit der Rechte extrim 
fice oder intrinfice etwas daran ermangelu 
fo füppliren,, ergänzen und erflatten Wir bie 
mit ben Abgang, als wäre alles auf daß ge: 
naueſte babei beobachtet worden, und wollen, 
daß ed wenigſtens ald ein Teftamentum mi- 
nus folenne, Codicill, Fideicommiß, Schens 
kung von Todes wegen, oder anderer de fim- 
plicitate Juris Gentilitii ſubſiſtirender ohn⸗ 
zierlicher lezter Wille, mie folher von einem 
Deutfchen freien Reichsfürften am allerverkinds 
lichſten gemacht und errichtet werben fan, auch 
in geiſt⸗ und weltligen Rechten, nach ben 
Vorrechten und Prärogativen der Fuͤrſtlichen 
lezten Willend- Meinungen anı. allerbeften Bes 
fand. haben mag, inn» und außer Gericht 
quocüungue modo am allerbeften gelten und 
fabfiftiren möge. | 
Wir behalten Und aber gleichwohl dabei 
deutlich und ausdruͤcklich bevor, dieſe Unſere 
teſtamentliche Diſpoſition, wie Wir ohnehin 
gemeinen Rechtens und Gewohnheits wegen, 


H. Eherb. Abw. zu Würtemb. 111 


sach der einem Deutſchen freien Reichöfärfien 
hierunter zuſtehenden Defnguiffen bereditiget 
find, zu mindern, zu mehren, ;u fapplirem, 
viel oder wenig daran zu ändern, foldyen gaͤmz⸗ 
ih, ober zum Theil abzuthun, zu Faflirem, 
and durch ein ober mehr Eobicille , eingelegte 
Zettel, Annotationed, ober ſonſt ein Weiteres 
ju verorbnen, zu vermachen, und zu verkhafs 
fen, welches alled nicht weniger dann als jest, 
and jest ala bann Fräftig und bündig ſeyn, und 
gehalten werben foll, ald wenn eö diefem Uns 
ferm Haupt Teflamente von Wort zu Wort 
einverleibt und inferirt wäre. 

Auf daß Wir aber der geuaneflen Feſt⸗ 
halt⸗ und Erfüllung diefer Unferer Difpofition 
and lezten Willens» Verordnung als eines ewi⸗ 
gen Land⸗Grund⸗Geſezes nach Unſerm ſeli⸗ 
gen Hiuſcheiden deſto mehr verſichert und ver⸗ 
gewiſſert ſeyn moͤgen: So erſuchen und bitten 
Wir den Allerdurchlauchtigſten, Großmaͤchtig⸗ 
ſten und Unuͤberwindlichſten Fuͤrſten und Herrn, 
Herrn Carolum den Sechſten, erwaͤhlten Roͤ⸗ 
miſchen Kaiſer, auch zu Hiſpanien, Ungarn 
und Böhmen König ec. Erzherzogen zu Oeſter⸗ 


112 Zeflament 


veich, Unſern Allergnädigfien Deren, famt 
allen deffen Nachfolgern im Reihe, Roͤmiſche 
Kaifer und Könige; wie nicht weniger ben 
Durchlauchtigſten, Großmaͤchtigſten Fuͤrſten 
und Herrn, Herrn Georg II, König in Groß⸗ 
brittanien, und Herrn Friderich Wilhelmen, 
Koͤnig in Preußen und Marggrafen zu Bran⸗ 
benburg, beede des heiligen Römifchen Reichs 
Aurfürften ‚und relp. Erzſchazmeiſter und 
Erzkaͤmmerer, Unfere hochgeehrteſte Herren 
Vetter, und alle dero Durchlauchtigſte Kron⸗ 
md Kur⸗Erben, and beſonderer in Allerhoͤchſt⸗ 
und Hoͤchſtdieſelbe ſezenden allerunterthaͤuigſten 
und ergebenſten Devotion und gutemVertrauen, 
zu Executoren dieſer Unferer lezten Willenb⸗ 
Meiuung, uud erſuchen demnach Allerhoͤchſt⸗ 
und Hoͤchſtdieſelbe reſp. allerunterthaͤnigſt, als 
lergehorſamſt und auf das allerangelegentlich⸗ 
ſte, daß ſie dieſes Unſer einig und leztes Te⸗ 
ſtament ſogleich nach Unferm ſeligen Hinuſchei⸗ 
den durch ihre vortrefliche Geſandſchaften ſamt 
amd ſonders allhier in Ludwigsburg publiciren 
und exequiren, auch jede dariun bemerkte Per⸗ 


ſonen auf alle Weiſe und Wege bei denen von 
| Uns 


H. Sberh. Ludw. zu Würtemb. 113 


Uns ihnen darinn zugebachten Gnaben auf 
das allernachbruͤcklichſte ſchuͤzen und fchire 
men, dem leibenden Theile jederzeit ſchleunige 
und genugſame Satisfaction verſchaffen, und | 
nicht geflatten wollen, daß wider biefe Uufere 
lezte Verordnung bermalen gehandelt werben 
möge. 

Dieſem nun, nud bad Wir zu dieſer Dis 
ſpoſition von Niemanden beweget, bereder oder 
verleitet worden , za wahren Urkund haben 
Wir feben gleichlautende Exemplarien anf 

Papier mit einer geld s und ſchwarz > gemengs 
ten feibenen Schnure eingeheftet verfertigen 
laſſen, ſelbige darauf felbft wieberum überles 
fen, nochmalen veiflich überlegt, und Unſerm 
Willen gänzlich gemäß befunden , deromegen 
auch auf allen Blättern mit Unferer eigenhäns 
digen Unterfchrift und mit Unſerm Gecrere 
Inſiegel am Enbe bekraͤftiget, und unten bes 
namſte ſieben Bengen dazu requirirt, und ein 
Eremplar Ihrv Roͤm. Kaiſerl. Majeſtaͤt, das 
andere Ihrv Koͤnigl. Majeſtaͤt in Engelland, 
das dritte Ihro Koͤnigl. Majeſtaͤt in Preußen 
reſp. allerunterthaͤnigſt und allergehorſamſt 
Patr. Archiv, IL. Theil. 


114 Teflament 
einhänbigen, dad vierte bei Unferer ren = ge- 
horſamſten Univerſitaͤt Tübingen, dad fünfee 
in Unferm Fürfllihen Archiv verwahrlich auf⸗ 
behalten laſſen; das fechfle haben Wir Unufes 
rer berzgeliebteflen Frau Gemahlin Liebden 
zugeftellt, und das fiebente felöft bei Handen 
behalten, deren jedes, ob auch die andern vers 
Iohren gegangen wären, oder fonft Schaden 
gelitten hätten, völligen Glauben und Kraft 
behalten und haben follen. 

So gefchehen in Unferer Fuͤrſtlichen Haupt⸗ 
and Refidenz Stadt Ludwigsburg, ben eilften 
Februarii im Jahre Ehrifli Eintaufend Sieben⸗ 
hundert und Zwei und. breißig. | 


a S.) Eberhard Ludwig, Herzog zu 
| Würtemberg. 


Und wir Endeöbenannte bezengen hiemit, 
kraft beigefuͤgter Unſerer Namens⸗Unterſchrift 
und Pettſchaft, daß der Durchlauchtigſte Fuͤrſt 
und Herr, Herr Eberhard Ludwig, Herzog 
zu Würtemberg und Te, Graf zu Mömpels 
gard, Unfer gnädigfter Fuͤrſt und Herr, Uns 
vor fich erfordert , and mit einigen Worten 


H. Eberh. Ludw. zu Würtemb. rı5 


mädigft zu erkennen gegeben , welchergeſtalt 
gegenwärtiged obſtehendes Teſtament dero 
wohlüberlegte lezte Willens > Verordnung fey. 
Daunenbero deſto mehrer derfelben Kraft Joro 
Hochfürſtliche Durchlaucht Uns als Zeugen 
exprefle ad hunc adum reguiritt, und Uns 
ferer Pflichten entlaſſen. Worauf Wir folches 
obberührtermaffen eigenhändig und unico actu 
unterfchrieben , und mit unfern gewöhnlichen 
Pertihaften gefiegelt. So geſchehen Ludwigs⸗ 
burg, ben zıteh Febr. Un, 1732, 


(LS) Ludewig Dietrich von Pfuhl. 
(L.S.) Ulrich de Negendanck. 


(L.S.) Chriſtian Heinrich Geyer von 
| Geyersberg. 


(L.S.) Friderich Auguſt von Hardenberg, 
(1.5.73 Sileins Kart von Frankenberg. 
(1.8.) Chriſtoph Ernſt von Veulwiz. 
(L.5.) Ferdinand von Wallbrunn. 


H a 


116 zeflament _ 


Im Namen der heiligen, hochaelobuen Drei 
einigkeit. Amen. 


Bon Gottes Gnaden, Wir Eberhard Lud 
wig, Herzog zu Wuͤrtemberg und Teck, Gra 
zu Moͤmpelgard, Herr zu Heidenheim ıc. Shre 
Rom. Kaiſerl. Majeflät, des Heil. Römifchen 
Reichs, wie auch des Loͤblichen Schwäbifchen 
Kreijes Generals Feldinarfhall und Obrifter 
ſowohl über ein Kaiſerl. Dragoner s ald Schwäs 
biſches Kreiss Regimens zu Fuß. | | 

Thun Eund, und befennen hiemit und in 
Kraft dieſes gegen Jedermaͤnniglich, fonderlich 
aber, denen bavan gelegen. Nachdem Witx in 
Unferer, unter dem heutigen Dato aufgerich⸗ 
teten teffamentlichen Difpofition Uns dahin ers 
klaͤret, und ausdrüdlid) vorbehalten, folche Uns 
fere Semüchd: Meinung und lezten Willen nad) 
Uufern Belieben und Öntbefinden zu mindern 
und zu vermehren, ‚viel oder wenig zu ändern, 
zu verbeffern , und derfelben ein Codicill oder 
andere MebensDifpofition aunoch beizufügen, 
‘und aber Und erinnern , wie bei Fürftlichen 
und andern hohen Käufern mehrmalen gefches 


H. Cberh. Ludw. zu Würtemb. 117 


kn, baß berfelben Regenten einige ihrer Mi- 
ufrorum , Diener , Civil s und Militars Pers 
fnen mit abfonberlicyen Legatis und Vermaͤcht⸗ 
uifen in Gnaden bedacht, und damit ihre trene 
Dienffe remunerirs haben : So find auch Wir 
in Kraft dieſes eutſchloſſen, angeregtem ters 
ſelben ruͤhmlichen Exempel zu folgen, und für 
einige Und ermwiefene nicht geringe Dienfle Uns 
kre Gegen-Erfänutniß gnädiglich zu erweiier; 
Bir haben deromegen in gnaͤdigſte Erwägung 
gegen die ſowohl kefondere Treue, nüzlide 
und angenehme Dienfte, weldye Und und Uns 
fern Fürfilichen Haufe der Hoch und Wohls 
gebchrne Rubwig Alexauder, Graf zu Sayn 
ud Wittgenſtein, Unfer General» Major , 
Stifter über ein Megiment Dragoner, umb 
Drervegt bee Nemter Leonberg , Bietigheim 
and Sachſenheim zc. viele Fahre im⸗ nnd anf 
ferhalb Deutfchlandes Unferm Herzogthume 
and Landen gethan hat, mod) täglich thut, auch 
in Eünftigen Zeiten wohl thun Fan, mag und 
Fl, als andy den unermübeten Fleiß, Mühe, 
Sorgfalt and Application, womit Uns deſſen 
Gemahlin Friderique Wilhelmine, Gräfin zu 
95 


18 Xeflament 


Sayn und Wittgenflein, gebohrne Frelin vo * 
Wendeſſen, in dem Reconcilistious » Werke 
zwifchen Und und Unſerer Grau Gemahlin mis 
großer Treue und Vernunft affiffire, und Dafa 
felbe eifrigft mit bewirken, auch endlich zu Un⸗ 
ſerm größten Vergnügen gluͤcklich hat aus fuͤh⸗ 
ren helſen, und ſind deßwegen ſolche hiemit in 
Guaden anzuſehen, und einigermaffen zu res 
compenfiren gewillet. Wir Tegiven: demnach, 
vermachen, verorbnen „ verfchreiben ihm „- bes | 
nanuten Herrn Grafen nicht weniger, ald deſ⸗ 
fen Frau Gemahlin, and eigenen Beweguiſſen, 
wohlbedachtem Rathe und rechten Willen, bei 
annoch, Gott Lob! fürwährender guter Geſund⸗ 
beit, Gemuͤths⸗ und Reibeds Kräften, in beſter 
Form Rechtens, wie das aufs Fräftigfle und 
buͤndigſte geichehen kan und mag, freiwillig, und 
ohne die mindefle Perfuafion ein Kapital von 
Fünfzig Tauſend Gulden, 
den Gulden zu 15 Bazen oder 60 Krenzer ger 
rechnet, und wollen, daß, im Fall Wir nad 
Gottes Willen einen männlichen Fürftlichen 
Leibess Erben annoch erzeugen und hinterlaffen. 
wuͤrden, derſelbe, widrigenfalld aber Unſere 


H. Eberh. Ludw. zu Würtemb. 119 


übrige Succeflores am Regimente benenfelben, 
ober wenn eines von ihnen nach göttlihen Wils 
Im vor Uns mit Tod abgehen follte, dem übers 
lebenden Xiheile , im Abgange aber beider Gräfs 
liher Ehegatten ihren Rindern, deren Erben, 
Erbnehmen und Nadyeommen,, männlich s und 
weiblichen Geſchlechts in abfleigender Linie , 
voofern deren einige vorhanden, ſolche ohne Wis 
derſpruch nach Unſerm feligen Hinfcheiben wis 
verfahren, angedeihen und zugehen laſſen fols 
Ien, wie Wir dann alle jederzeitige Regenten 
in Wuͤrtemberg biemit refp. väterlih und 
freuudvetterlich erinnern und erfuchen , diefer 
Unferer gnaͤdigſten Difpofition, unverbruͤchli⸗ 
hen Testen Willen gehorfamfte und willigſte 
Folge, ohne Anſtand, Verſaͤumniß und Wis 
derfpruch zu leiflen, und fo mithin dem Gras 
fen, feiner Gemahlin, Kindern und deren Ers 
ben gedachtes Kapital bei Uuferer Kammer⸗ 
ſchreiberei fogleich ficher zu affigniren,, immaffen 
Wir dann diefelbe hiemit zum voraus obligirs 
tee Poften wegen, und was die Abführung der 
Zinfe davon betrift, cum omni effectu juris 
brevi manu dahin einweifen ,.immittiren unb 


24 


-» 120 Teitament 


aſſigniren. Damit aber gleichwohl bemeldtes 
Kapital der Fünfzig tanfend Gulden nicht dis 
ſtrahirt oder veräußert werden „ vielweniger 
aber auf fremde Familien fallen „ fondern viele 
mehr ein ewiges Deukmaal Unferer Gnade und 
Zuneigung zu ihm, Unferm Generals Diajor, 
und feiner Gräflihen Familie fomohl, als feis 
ner Frau Gemahlin verbleiben möge, fo fezen, 
ordten und wollen Wir hiemit ernfls und gnds 
diglich, daß biefes Kapital mit einen perpe- 
tuo Fideicommiffo Familie ohnaufhoͤrlich 
beſchweret bleiben fol 5; immaſſen Wir dann 
folches damit , kraft habender freien Macht und 
Difpofltion, uud zwar ſolchergeſtalt kraͤftiglich 
hierdurch belegen und oneriren, daß 
Erſtlich: Graf Ludwig Alexander zu Sayn 
and Wittgenſtein, und feine Fran Gemahlin, 
ober, wenn eines von beeden Chegatten mit Tod 
abgehen ſollte, ſodaunn der überlebende Theil 
alleine, nad) gleichem Abſterben aber deffen, ihre 
« ebeliche Kinder und deren Erben und Nach⸗ 
kommen in abſteigender Linie von demſelben 
nur allein deu ufumfructum , oder die Nuz⸗ 
nießung mit fünf vom Hundert, alfo jaͤhrlich 


H. Eberh. Adw. zu Würtemb, 121 


Zwei tauſend fünfhuutert Gulden zu erheben 
und zu gewießen, über das Fideicommiß⸗ Ras 
pital ſelbſt aber iu keinerlei Wege, neque per 
teftamentum, neque inter vivos, noch auf 
einige andere Weiſe das geringfle zu diſponi⸗ 
ven , ſolches anzugreifen , zu veräußern, zu 
diſtrahiren, zu alieniren, zu verſchenken, hius 
weg zugeben, zu verleihen, zu beſchweren, zu 
verpfänden, oder darunter zu deſſen Deterios 
ration und Verminderung, zum Nachtheil dee 
Kinter und Erben, maͤnn⸗ und weiblichen Ges 
ſchlechts abfleigender Linie, bas allermindefte 
zu verfügen nicht Macht, noch Gewalt haben, 
fondern vielmehr | 
Zweitens : beſtmoͤglichſten und forgfäls 
figfien Fleißes dahin trachten ſollen, wie folches 
Fideicommiß⸗Kapital, Unferer gnaͤdigſten Ins 
tention gemäß, unbefümmert, ungefränft cons 
ſervirt und erhalten werden möge; immaſſen 
Drittens: alles, was hierwiber befchähe, 
ald null, nichtig nad unkraͤftig, hiemit kaſſirt, 
aufgehoben, getoͤdtet, und dergeſtalt annullirt 
wird, daß beede vermeintliche Contrahenten, 
Kaͤuſer und Verkäufer, Creditor und Debi- 
25 


122 Teſtament 


tor &c. role bie Namen haben mögen, in kei⸗ 
nen, zumalen aber auch an ben höchfien 
Reichs » Gerichten nicht gehört , fondern als 
menn nicht unter ilmen abgehandelt wäre, 
fimpliciter abgewiefen werben, babingegen bie 
felbe vlelmehr 
Diertend: ſchuldig und verbunden feyn 
ſollen, diefes Fibeicommißs Kapital frei, ohne 
Schulden, oder einige andere Befchwerniß, auf 
dero Ehe s Kinder , Erben und Erbuehmen , 
männlichen ober weiblichen Gefchlechtes , jedoch 
mit diefem Unterſchiede zu devolviren und zu 
vererben , daß zuerfi ber Manns» Stamme 
Graͤflich⸗Wittgenſteiniſchen Schilded, Namens 
und Wappens, und zwar aus dieſem jederzeit 
der aͤlteſte in abſteigender Linie, von ihm Graf 
Ludwig Alexander und ſeiner Gemahlin Fri⸗ 
derica Wilhelmina in recta linea abſtammend, 
ſolches, wie bereits oben gemeldet, A 5 pro 
Cento nuznießen ſoll, fo, daß nach feligem 
bleiben beeder Sräflichen Ehegatten berfelben 
ältefter Sohn , und nach dieſes Tode wieder 
deffen ältefter Sohn, und fo ferner in abſtei⸗ 
gender Linie von einer Generaffon zur andern 


H. Eberh. Ludw. zu Würtemb, 123 


allezeit der Altefte Sohn deſſen gaudiren folle 
und möge, welches auch, baferm biefes Gräflis 
de Haus in abfleigender Linie in mehrere 
Brandes fich theilen würde, vou einer Genes 
ration zur andern zu ewigen Zeiten alfo gehals 
ten werben, und nad) Abgang einer Linie bie 
folgende, und fo ferner in dem Geuuße diefes 
Tideiommißs Kapitals fo lange fuccediren fol, 
bis der männliche Stamme in linea defcen- 
denti nach goͤttlichem Willen ganz und gar abs 
geliorben 5; nach welchem Wir daun 
Fuͤnftens: auch dad weibliche Geſchlecht 
in abſteigender Linie auf beſchriebene Art, und 
zwar ſolchergeſtalt in Guaden dazu admittirt 
wiſſen wollen, daß es damit in ordine ſuc- 
ceſſionis, wie bei der maͤnnlichen Linie, ge⸗ 
halten werden, die uͤbrigen beederſeitigen Agna⸗ 
ten hingegen, Collaterales, und wie ſie genen⸗ 
net werden moͤgen, ſamt ihrer Deſcendenz, an 
dieſem Fideicommiß⸗Kapital nun und zu ewi⸗ 
gen Zeiten keinen Theil, Recht oder Auſpruch 
haben, ſondern davon ein» für allemal, in Kraft 
dieſes, audgefchloffen feyn und verbleiben follen ; 
allermaſſen, dafern | | 


124 Teſtament 


Sechſtens: es ſich ereignen würde, daß 
ſowohl von dem weiblichen, als männlichen 
Stamme der Grafen von Sayn und Wittgen⸗ 
fein, aus oftgenannten beiden Gräflihen Ches 
gatten gebohren, nientand mehr im Leben vor⸗ 
handen wäre; fo fezen und ordnen Wir fobanız 
biemit weiter, und wollen, daß foldyes Fidei⸗ 
commißs Kapital an Unfer Fuͤrſtliches Haus 
wiber zurüdfallen, und daher 

Siebentend: bei demſelben beftäubig fies 
ben bleiben, und davon zu ewigen Zeiten nies 
malen abgelöfet werden file Wir befeblen 
demnach, fezen, ordnen und wollen aus väter 
licher Macht und Wohlmeinenheit, daß Unfere 
Nachfolger am Megimente diefen Unfern ans 
verbruͤchlichen lezten Willen nach allen deſſen 
Innhalt und Stüden gehorfamlid, und refp. 
freundvetterlich erfüllen, und ihm, Grafen Luds 
wig Alexander, feiner Gemahlin Friderica 
Wilhelmina, ehelichen Kindern, Erben und 
Erbens⸗Erben, maͤnnlichen und weiblichen Ges 
ſcchlechts in abfleigender Linie, benanntes ihnen 
propter fingularia utriusque partis bene 
merita legirted Kapital der Fuͤnfzig taufenb 


H. Eberh. Ludw. zu Würtemb. 125 


Gulden Rheinifc von der Kammerſchreiberei, 
oder dafern ſolche nicht hinlaͤnglich, von Unſern 
Kammer s und Bifitations s Gefällen, jedoch 
nur in Subfidium , und fo viel hiezu vonnoͤ⸗ 
then, ergänzet und verzinfet werben follen, je⸗ 
boch diefes alles in der gnaͤdigſten Zuverſicht, 
er, Graf Ludwig Wlerauder von Sayn und 
Wittgenflein, und feine Deſcendenz, werden ges . 
gen Und und Unfere Nachfolger am Regi⸗ 
meute ihre fernere Devotion mit obliegender 
Trene und Sorgfalt beharrlich continniren , 
als er, der Graf, und nicht weniger deſſen Ges 
mahlin, bis daher bei Uns mic Ruhm zu Uns 
ferm mohlgefälligen gnaͤdigſten Vergnügen ges 
than haben. 
Und damit ſolche Unfere wohlbedaͤchtlich⸗ 


onädigfle Difpofition nach allen deren Sunhale . - 


und Stuͤcken nad Unferm feligen Hinfcheiden 
rechtlich vollzogen werde, fo erfuchen Wir hies 
mit ben jededmaligen Megensen Unſers Fuͤrſt⸗ 
fihen Haufe , damwider in keine Wege zu 
thun, ober zu thun geſtatten; Im Fall aber 
derfelbe oftgebachtem Grafen, feiner Gemahs 
fin, Kindern und Erben nicht genugſamlich 


120. Xeftament 


Aſſſiſtenz leiſten, oder gar ſelbſt, wie Wir 


gleihwohl nicht hoffen wollen, ihnen einige 
KHinderniß forhanen Legati und Geſchenkes mas 
den wuͤrde, fo erfuhen Wir die in Unferm 
Haupt⸗Teſtamente refp. alleruntersthänigft und 
allergehorfanft erbetene Executores, die Rö⸗- 
mifchr Raiferliche Majeſtaͤt, Unfern allerguds 
bigften Herrn, wie nicht weniger die Darch> 
lauchtigſten, Großmaͤchtigſten Fürften und 
Herren, Herren, Georg den Andern, Koͤnig 
‚in Großbrittanien, und Herrn Friderich Wil⸗ 
helmen, Koͤnig in Preußen, beede des Heil. 
Noͤmiſchen Reichs Kurfuͤrſten, auch reſp. Erz⸗ 
ſchazmeiſter und Erzkaͤmmerer, ſamt allen 
dero Durchlauchtigſten Kron⸗ und Kur⸗Erben, 
hiemit allerunterthaͤnigſt und allergehorſamſt, 
es wollen Allerhoͤchſt⸗ und Hoͤchſtdieſelben dies 
fe Unſere aufgerichtete lezte Willens⸗ Werords 
nung von Punkt zu Punkt durchaus exequiren 
und handhaben, daruͤber ſteif und feſt halten, 
und mithin nicht verſtatten, daß der Graf, 
ſeine Gemahlin, Kinder, Soͤhne, Toͤchter, 
und dero Erben und Erbnehmen, maͤnnlichen 
und weiblichen Geſchlechts in abſteigender Linie, 


5. Eberh. Ludw. zu Würtemb, 137 


in dem Genuffe dieſes Fideicommiß⸗ Kapitals 
weder direkte „ noch indirekte. geflöret, oder 
ſolches ihnen gar’ entzogen werden möge; Mir 
haben audy, baß diefe Unſere 


Nota. In meiner Eopie ift das lezte Blatt abs 
geriffen, und hört mit obigem Worte auf; 
der Eingang aber giebt ſchon, daß biefe 
Difpofition den zıten Febr. 1732 gemacht 
worden, und ed erhellet foldhes auch aus 
der nachfolgenden Schedula, 


Von Sereniflimo Defundo mit eigenen 
Handen gefchrieben. 


Mir von Gottes Gnaden, Eberharb Ludwig, 
Herzog von MWürttenberg und Toͤck ꝛc. geben 
biemit von Unferer Sammerfchreiberey-alljährs 
lich an die Gräfin Friderica Wilhelmina von 

Sayn und Wittgenflein, gebohrne von Wenfen, 
8000 fl. Rhein. zu vier Quartal eingerichtet, 
fo lange die Graͤfin leben würd, von Unferer 
Sammerfchreiberey abgefolgt werben folle, ohne 
alle hindernus und Schicane, Sie mögen auch 
namen haben, wie Sie wollen und koͤnnen, hies 


128 Teſtament 


mit bekraͤfftigen, auch dieſes in ben Codicill, 
fo bey Unferm Teflament ligt, nicht burch die ſes 
auffgehoben werben folle, auch durch Unſern bes 
ſten Willens Verordnung und Fürfll, wahren 
Wortten, hiemit und nochmalen durch diefes bes 
ſtaͤttiget und bekraͤfftiget würd, und ohnveraͤu⸗ 
berlich bleiben folle in allen Pancten, auch die 
gooo fl. Rheiniſch alljährlichen ver Griffin Fri⸗ 
derica Wilhelmina von Sayn und Wittgenſtein 
zu eigenen Haͤnden quartaliter eingeluͤffert wer⸗ 
den ſolte, auch dieſes und dem in dem Regiment 
und Regierung hiernechſt folgen moͤchte, dato 
auch feſt zu halten haben wuͤrd, bey Vetluſt 
Gottes Zorn und Straffe, and des ewigen Fluchs, 
fo nicht auff dieſem fell halten würd. Zu Urkund 
dieſes haben Wir Uns Eigenhaͤndig underſchrie⸗ 
Yen, and Unfer Fuͤrſil. Inſtegel dato beygetruckt, 
md noch einmahl diefes befräfftigen Go ges 
geben in Unferer Reſidenz Ludwigäburg, den 
zıten Gebr, 1732» 


| Eberhard Ludwig H. z. W. | 
(L. 5.) 


Ben 


KH. Eerh. Ludw. zu Würtemb, 129 


er. 
Bon Serenifimo Defuncto mit eigenen 
Handen geſchrieben. 


Wir von Gottes Gnaden, Eberhard Lud⸗ 
wig, Herzog zu Mürttenberg und Toͤck ꝛc. 
geben dir hirmit den Befehl außtrudentlich, 
ohn alle Wiederrede und außfluͤchten, fie moͤ⸗ 
gen auch nahmen haben, wie ſie wollen und 
Tome, von Unſerer Kammerſchreiberey all⸗ 
fh 3000 Rhein. an die Gräfin Fribe⸗ 
rica Wilhelmina von Sayn und Wittgeuſtein, 
gebohrne von Wenfen, zu vier Quartal vicha 


tig zu ihren aigenen Händen einzuhaͤudigen WM 


ſo lang Sie die Graͤffin das Leben haben wuͤrd, 
darnach dus dich zu richten wiſſen wirſt, und die⸗ 
jerigen, fo die fit deinem Ambt nachfolgen 
werben, bey Verluſt Gostes Gnade und dep: 
Ewigen Fluchs zu befahren.haben wuͤrſt, So 
bu dich nicht wach Unſorm lezten Willens Ver⸗ 
ordnung verhalten wuͤrſt, So befehlen Wir 
dir hirmit in allem dieſem ſtriſte nachzukom⸗ 
Patr. Archiv, III. Teil J 


130°. Xeflament 


men und zu leben, So gegeben in Unfes 
er MRefidenz Ludwigsburg, ben zıt m Febr. 


1732» 
Eberhard Ludwig H. 3. W. 


(LS) 


* 
* me 


Im Namen der heiligen Dreieinigkeit. 


Dafern es dem Allerhoͤchſten gefallen ſollte, 
Uns und Unſere Lande mit einem oder mehrern 
Fuͤrſtlichen maͤnnlichen Leibes⸗ und Leheus⸗ 
Erben annoch zu erfreuen: So ſezen, derord⸗ 
nen und wollen Wir hiemit, daß, im Fall 
Wir vor deren erlangter Majorennität, nad) 
göttlichen Willen, felig dahin fcheiden follten, 
ſodann Unferer herzgelicbteflen Frau Gemah⸗ 
lin Lieben, fofern dieſelbe annoch im Leben, 
und neben derofelben Unſer naͤchſter Fürfilicher 
Agnatus, gufamt dem geheimen Raths⸗Kol⸗ 
legio, auf ben Fuß, wie Unferer in Gost rus 


} 


H. Eberh. Ludw. zu Würtemb. zzr 


benden Fran Mutter Gnaden über Uns die 
Tutel und Curatel geführt, über den oder dies 
felben die Vormundſchaft führen, uud ihre vor⸗ 
nehmſte Abſicht dahin richten mögen , daß er, 
ober fie, in allen Chriſtfuͤrſtlichen Tugenden, 
gumalen aber der wahren Evangelifchen Luthes 

riſchen Religion, erzogen werden, | 


Und weil auch die Umflände des Prinzen 
Karl Chriſtian Erdmanns von Würtembergs 
Sels, Unfers Vetters, folchergeflalten befchafs 
fen, daß derfelbe allerdings fernerer Huͤlfe vons 
noͤthen haben börfte: So erſuchen Wir zugleich 
Unfere Fuͤrſtl. Regiments⸗Nachfolger, zu deſſen 
Conſolation ſowohl, als auch zum Anſehen 
Unſers Fuͤrſtlichen Hauſes, demſelben weiter 
unter die Arme zu greifen, und ihm alle freund⸗ 
vetterliche Neigung, in ſolang er ſolche mit 
ſchuldiger Dankbarkeit erkennen wird, jederzeit 
zugehen zu laſſen, die vornehmſte Sorge aber 
dahin zu tragen, daß er gleichfalls in allen 
einem Fuͤrſten wohlanſtaͤndigen Tugenden, ſon⸗ 
derheitlich aber in der wahren Evangeliſchen 
| 9 


132 Zeftament 


Chriſtlichen Religion noch ferner erzogen wer⸗ 
den möge. Deffen zu Urkund haben Wir diefe 
Schedulam teftamentariam Unſerm Haupt⸗ 
Teſtamente beigefügt, ald ob ſie demfelben von 
Wort zu Wort einverleibet und inferirt wäre. 
3u den Ende Wir diefelbe mit Unferer eigens 
händigen Unterfchrift und beigedruckten Secret⸗ 
Inſiegel bekraͤftiget haben. Ludwigeburg, den 

11. Febr. 1732. 


(L. S) Eberhard Ludwig, Herzog je 
Wuͤrtemberg. 


v 
- 
' * 


5. Eberh. Ludw. zu Würtemb. 133 





Anbaung. 





I. 


Von Gottes Gnaden, Karl Alerander, Hers 
zog zu Würtemberg und Ted, Graf zu Möms 
pelgard, Kerr zu Heidenheim ꝛc. 
Unfern Gruß zuvor, Wohlgebohrner, Ve⸗ 
her, Hochgelehrter, Liebe Gerrene! 
Demnach Wir gnaͤdigſt entfchloffen find, 
das biähero ohnerledigt geflandene, von Unferm 
leztern hochfeligen Regiments s Vorfahren hers 
ruͤhrende Erbſchafts⸗Werk in feine dereinflige 
‚Richtigkeit dergeflalten zu fezen, Daß anvorderſt 
nach dern Und ex pacto & providentia Majo- 
rum angeflammten Fuͤrſtlichen Succeßions⸗ 
Rechte, und denen übrigen dahin einfchlagenden 
Prärogativen und Vefugniffen , fodann aber 
auch zu billigmäßiger Satiöfacirung derer übris 
gen Fürftlichen Exrbs » Sutereffenten,, in fo viel 
die vorhandenen.alts Fürftlichen Verträge, Pa- 
&a Domus, und Land⸗Rechte es zulaffen, dars 
unser die endliche Auskunft verfchaft, zumalen 
53 


134 Teſtament —— 
und vornehmlich aber von der hiemit in der 
Perſon Eurer, Unſers Geheimen Raths, Ba⸗ 
ron von Schuͤz, ingleichen auch Eurer, Unſers 
Geheimen Rath Schaͤffers, und Regierungs⸗ 
Rath Georgii gnaͤdigſt angeordneten eigenen 
Commißion, das von des abgelebten leztern 
Herzogs Liebden hinterlaſſene Teſtament vor⸗ 
gaͤngig, wohlbedaͤchtlich und genau eingeſehen, 
und ſowohl nach den Formalibus, als Eſſen- 
tialibus dergeſtalten erwogen und gepruͤft wer⸗ 
de: Ob ſolches zu Recht beſtehen, oder 
aber nach jenen Præmiſſis, vor vitios, ohn⸗ 
guͤltig oder null gehalten werden koͤnne 
und möge?! Als iſt Unfer gnaͤdigſtes Ges 
finnen hiemit au Euch, Ihr wollet Uns Eure 
gutachtliche und rechtliche Meinung, und zwar 
durch kurze, nervoſe und ſchriftlich abgeſaßte 
ſingula Vota vorderlichſt und dergeſtalt eroͤf⸗ 
nen, wie Ihr ſolches vor Gott, dem Kaiſer, 
den Roͤmiſchen Reiche, und gegen Uns in 
Eurem Gewiflen dermaleins zu verantworten 
gedenket. 

Im Fall aber das Teſtamentum quæ- 
flionis vorerwaͤhntermaſſen zu Recht wicht ber 


„ 


H. Eberh. Ludw. zu Wuͤrtemb. 135 


fiehen koͤnnte; fo wollen Wir, daß alsbann 
hiebei anf das Euch Unferm Geheimen Rath, 
Baron von Schäz, zugeſtellte, von und nies 
bergefchriebene eigenhändige Billet, ald worinn 
Mir ein und anders pro regulativo feflgefer 
zet, das Augenmerk gerichtet, in dem übrigen 
aber bad weiters Behnfige dabei bergeflalt abs 
ſtruirt und beobachtet werbe, was nad, Maßs 
gabe der Pactorum Familie und vorgefchries 
benen Rechte, ald fonften zu Unſerm Vor⸗ 


ſtande und Intereſſe dienſllich und erſprießlich 


ſeyn mag. 
Wenn nun darunter das Erforderliche von 


Euch praͤparirt, und bad von Euch verlangte 


raͤthliche Gutachten erflattet , und von Uns 
eingefehen worben, aud) bad Nähere barob abs 
gefhloffen feyn wird; So wollen Wir alds 
dann gefchehen laſſen, daß nach vorgängig zu 
ertheilender Notiz an bie Fürftliche Allodials 


Intereffenten, von dieſen Ihre Bevollmaͤchtig⸗ 


te zu der weitern Verhandlung und ſchiedll⸗ 

hen gaͤnzlichen Auseinanderſezung inſtruirt 

und abgeordnet werden moͤgen. Melden Wir 

iu Guaden, womit Wir Euch ſtets wohl bei⸗ 
34 


\ 


136 Ä Zeftament 


N oethan verbleiben, Ludwigsburg ‚den gten 
Mart. 173 6. 


Karl Alexander H. z. W. 


Beiſaz von Sereniſſimi eigener Hand. 


Auch hauptſaͤchlich unterſuchen, wie und 
auff was Artt, die Inventur beſchehen, ins 
deme vieled inventiret, welches nimmeltmehr 

| zum Allodiale gehörig war, ba ift infondere 
heit der Caſtellan Veiel darüber zu vernens 
men, 


Ueberſchrift. 


Denen Wohlgebehrnen, Velten, Hochge⸗ 
lehrten, Unſern Geheimen⸗-Raͤthen, wie auch 
Megierungs: Rath und Kammer⸗ Procuratori 
and Lieben Getreuen, Andreas Henrich, Frey⸗ 
herrn von Schuͤtz, Johann Theodoro Schaͤffern 
und Johaun Eberhard Georgii. 


Stuttgard. 


H. Eberb. LZudw. zu Wuͤrtemb. 137 


2r 


| Billet von Sereniflimi eigener Hand, an den 


Geheimen Rath, Baron von Schuß. 


Den 3. Febr. 1736. 


Mit dem Erbfchafft Werfen hätte ich gar 
gene Eine Endſchafft, damit aber ber Herr 
Meine Intention vorhero recht weißt, fo fage 
ih Ihme, daß ich nichts vor Allodial erkenne, 
alß was der Herzog feel, ſelbſt an ſich erkauft 
bat, gang nicht, was Er yon dem Herzog 
Wilhelm Ludwig Seinem Hrn. Vattern als 
regierendem Herzogen ererbt hatt, noch wenis 
ger wad vom Herzog Eberhard ald meinem 
Groß Vatter herkomt, welches alles ſchon 
zum Land gehöhrer hatt, und Fein Allodial 
mehr Können geheifen werden, Was aber der 
legt verflorbene Herzog von Seiner Chatoull 
an Guͤtter uud Meublen erfauft, ſolches Fan 
Allodial ſeyn, und gehöret eben nicht zum 


"Sand ,. alles andere difputire ich , und haben 


die Herren „ fo die Commißion gehabt, fehr 
grob gefehlet, warum Sie andere Sachen bars 
33 


* 


138 Teſt. H. Eberh. Ludw. zu Wuͤrt. 


under gemenget; dieſes dem Herrn zu Seiner 
Direction. Ob nun die Erben viele Schulden 
damit abzahlen werden , da mögen Sie zufes 
ben, danu von dieſem Principio gehe ich nicht 
ab, und wird der Proceß mohl etlich 
hundert Jahre dauren, dann id) in der 
Poſſeßion gar wohl zufehen Fan. 9 


Karl Uerander H. z. W. 





*) Fuͤrſten⸗Gewiſſen und Fürftens Glaube alter und 
neuer Zeiten, bie fich vortreflich mit Dem Zide reis 
men, den man einen Kaifer wegen reiner und ſchleu⸗ 


niger Rechtshuͤlfe ſchwoͤren urkcht. 


W. 
Koͤniglicher 
Kehinets-⸗Juſtiz⸗Mord, 


vom Sabre 173% 





Wan wir von dem Bethlehemitiſchen Kin⸗ 
ders Mord, von dem Kammer⸗ Ball der He⸗ 
rodias, die Dad Haupt Johannis herunter tanzs 
n, und andern ähnlichen Scenen der alten Welt 
atenmäßige Nachrichten hätten, fo würden fie 
zur Theorie und Gefchichte ber Kabinets⸗Ju⸗ 
ſig betraͤchtliche Beitraͤge liefern, und etwa 
Winke enthalten: ob denn Herodes lauter ſtum⸗ 
me Hunde um ſich gehabt? oder ſich noch hie 
und da eine leiſe Stimme zum Abbitten und 
Vorbitten gefunden habe? da ber gleichwohl 
widrige Erfolg noch nicht das Gegentheil, ſon⸗ 
dern nur ſo viel beweiſet, daß es nichts gehol⸗ 
ſen habe. 

Die Faͤlle, wo fo vor lieber langer Weile, 
imer Buhlerin zu gefallen, ober in einer bloſſen 
üblen Laune die Köpfe herunter gefäbele wors 
ben, find freilich feltens vielmehr bemeifet bie 
Geſchichte aller gefltteten Europaͤiſchen Völker; 
daß die ſchlimmſten Tyrannen, die feinſten Des 
roten, die ungerechteſten Richter, die verwor⸗ 


2143 Königlicher - 
Fenfien Juſtiz⸗NMaͤckler zugleich die größten 
Sormaliften gewefen. Wenn der Kopf her: 
unter follte, wurbe er vorerfl herunter demon⸗ 
ftrirt,, und hiezu fanden fid überall und zu als 
len Seiten Leute, bie fi) baranf verfichen, und 
Dazu gebrauchen laſſen. 
Keiner ſage: wir find über biefe Zeiten 
hinaus! Wir find indeffen Chriften, aber um 
‚nichts befier geworben. Wie bie Neronen ihre 
Sklaven⸗ Senate, die Juden ihre Synedrien 
hatten, fo haben wir unfere Parlamente, großen 
und Fleinen Math, unfere Regierungen unb Ges 
zichtähöfe, unfere Schöppenflühle, Juriſten⸗ 
Fakultäten, Obers uud Unter » Fifcale, Com- 
miſſiones ex fpeciali mandato, u. ſ. w. 
Der erſte und befle aller Menſchen iſt ala 
ein Betrüger, Gotteöläfterer und WVerführer 
des Volkes gerichtlich angeklagt, durch falfche 
Zeugen gerichtliche Beweiſe gegen ihn ges 
führt, und folder gerichtlich) zum Tode vers 
urtheilt, Jeſus Chriſtus, unfer Her, iſt 
nach allen Formalitaͤten der Geſeze gekreu⸗ 
ziget, Stephanus erſt nad) Zeugen» Verhoͤ⸗ 
sen und Stimmen⸗GSammlung per eminenter 


Kabimeis-sufiz-: Mord. 243 
majora gefteiniget, Suß wad) laugen pros 


_ tollarifchen Werhanblungen eines ganzen Cons 


ciliums verbrannt worden, und bieß wird 
hi zum lezten Maͤrthrer und Zengen ber Wahr⸗ 
keit fo fortgehen bis and Ende ber Tage. 
Darchgehet man die Reihen ber Staats⸗ 
Wörtyrer „ fo if kein Jahrbundert, kein 
Reid, kein Fuͤrſtenthum, Feine Republik und 
Statt, die nicht ihren de Thon, ihren Olden⸗ 
dameveld, ihren Goerz, ihren Erell, u. ſ. w. 
auizuweifen haben, benen, ehe fie noch ihr Ges 
fingsiß betreten, der Tod fchon zugedacht 
mar, ver Kopf aber erfi in forma artis Juſtiz⸗ 
mäßig herunter gebrehet worden; und, wo e& 
nicht auf Tod und Leben, aber auf dad, was 
wandern Lieber dann Gut uud Leben iſt, auf 
Ehre und guten Namen geht, welche Juſtiz⸗ 
"Morde werben noch immer in allen chriftlis 
Gen Landen begangen? bed tödtenden Bratens 
am langſamen Teuer , bed lebentigen Wera 
ſhmachtens am Spieße der Termine, und ans 
derer Qualen der alten Ehebrecherin, ber ſo⸗ 
Zruen heiligen Juſtiz, nicht zu geden⸗ 


aa 


144 Königlicher 

Das für aller Wels Suͤnden vergoffene Blu 
Chriſti hat insbefondere auch für die Sünden: 
der Gerichtsſtuͤhle, der Urtheilöfprecher, und 
bes ganzen Juriſten⸗Volkes fließen, und ex, bee 
Gerechte und Unſchuldige, für die Juſtiz⸗ 
Sünden aller Welt buͤßen muͤßen. Es fan 
and, Suriften, innigſt beſchaͤmen und beugen, 
nicht nur, daß wir Menfchen und Sünder 
überhaupt find, fondern daß wir Juriſten find, 
and wir haben, fo lieb und unſere Seele ſeyn 
fol, für unfere Megierungen, Gefeje, Ges 
richte, Akten und ganze Suflis » Pflege bie 
Beſprengung des Blutes Chriſti täglich zu ers 
bitten. 

Denn — frei vom Herzen weg ed-gefagt, 
Geſeze und Ordnungen find nicht nur ‘eine 
ſchwache Schuzmwehre gegen Ungerechtigkeiten, 
fondern fie find juſt oft das Mittel und Vehi⸗ 
kel, die greulichſten und vorfezlichften Haͤrtig⸗ 
Zeiten und Ungerechtigkeiten nur mit deſto dreis 
ſterer Frechheit zu begehen. Auch mag Mon⸗ 
tesquieu inimer prebigen: Ein König foll 
nicht felbft ſtrafen, foll nur die Geſeze firafen 
laſſen; wie viele Fälle finden fich nicht immer 

und 





Kabinets⸗Juſtiz⸗ Mor. 145° 


and überall, welche von den Gefezen gar nicht 
geneunet, ober doc) unbeſtimmt enrichieben wers 
ben. In folchen uud andern Fällen bebt der 
sehrfhjaffene, gewiffenhafte Masn in fich felcf, 
am zwifchen der wahren oder ſcheinbaren Ötrens 


ge ber Gefeze sind den Gefühlen des Midleides, 


ber Billigkeit, ber Meufhlichkeit und Wiens 


(denliebe den untadelhaften Mittelweg zu fins 
den, in allen ſolchen aber bat ein harter, ges 


waltshätiger , zorniger , eigenfinuiger,, von Lei⸗ 


tafhaften tyrannifirter Fuͤrſt, und ein unges 
nechter, eigenmüziger, partheilfcher, paßionirter, 
buch Menſchen⸗Furcht oder Menfchen, Gefäls 
Ügfeit geleiteter Lohn⸗Kuecht vom Richter offes 
nes Geld, und für feine und feines Fuͤrſten Abe 
fihten gewonnenes Spiel. 

In jedem einzelnen Kalle haben wir Gife 
lig die Hand auf den Mund zu legen, und in 
der Unbetung der Gerichte Gottes. ruhig zu 
bleiben, weil Gottes Bulaffang heilig ift, wenn 
fie zur Kerumbolang, Demäthigung uud Er⸗ 
tettang eines fich felbft uͤberhebenden in fein 
wem Stolze und Eitelkeit unbeilbar gewordenen 
Menihen, und zur Warnung vieler anderer, 

Patr. Archiv, III. Theil. K 


146 ° Königlichen. 
harte Mittel gebraucden, und, um bie Seele 
zu erhalten, das Leibes⸗Leben abfchneiden nınp. 
Wie mancher ift feliger enthanptet nnd gevier⸗ 
theilt worben, als er.ohne diefe gewalstfame Kur 
begraben worben wäre. Der Schaͤchers⸗Prozeß 
in Dännemarf der Grafen von Struenfee und 
Brand Fan bavon das neuefle und noch ange 
gefegnese-Veifpiel liefern. 

Wozu’ alfo, möchte man einwenden, Uns 
führung von Beifpielen, wem folche gleichwohl 
in einzelnen ähnlichen Fällen zu nichts Lies 
nen, dem Leidenden zu nichts helfen ? Ob fie 
zu gar nichts dienen, Fan der allwiffende Hers 
zend-Kündige allein wiffen, die Gefchichte bes 
wahret und wenigſtens noch aus dem. jezigen 
Jahrhunderte dad Bekaͤnntniß eined großen Koͤ⸗ 
niges, was ein zu rechter Zeit ihm vor Augen 
geftellter Spiegel geholfen haben würde. Der 
Ritter von Rohan ward ber Theilnehmung 
an einer Staats⸗Verſchwoͤrung (fo hieß man 
die gegen den Kardinal Minifler zufammen ges 
tretene Parthie) beſchuldiget, und ihm dad Les 
ben abgeſprochen. Am Abende bes Tages, an 
welchem ber muglädliche Mann den Kopf vers 


| 
| 


| 


Kabinets⸗Juſtiz⸗Mord. 147 


lohr, warb auf dem Theater zu Verfailles die 
Tragoͤdie Cinna vor dem großen Dichter Cor⸗ 
neille aufgeführt. Ludwig XIV warb durch 
die darinn enthaltenen Gefinnungen ber Großs 
math gegen Feinde fo gerührt, daß er nachher 
bekannte : daß, wenn in biefem Augenblicke 
jemand zu Gunflen des Staats» Verbrechers 
gefprochen hätte, er alles, warnın man ihn 
gebeten, bewilliget haben würde *), Können - 
wir, meine Lefer und ich, wiffen: (unb wels 
er würde die Möglichkeit zu verneinen' ges 

trauen?) ob nicht nach vierzig, fünfzig, hundert 
Fahren eine ſolche Erzählung in die Hände eis. 
ned fünftigen Koͤniges oder Erbfuͤrſten geriich, 
and in feinem Herzen einen fo tiefen Eindruck 
and Abſcheu zuruͤcklaͤßt, der einem Unfchuldis 
gen das Leben rettet, ober ihn fonfl vor übers 
eilten und gemaltthätigen Entfchließungen und 
Ungerechtigfeiten bewahrt? Bei unfern ben Des 
ſpotismud nicht mehr in bloffe Temperamentss 
Hize, fondern auf Grundſaͤze bringenden Zeis 


2 





®) Anecdotes literaires Tom. II. pag. 9. 


= 


148 Koͤniglicher 


ten muß durch Lehre ſowohl, als Beiſpiele da⸗ 
gegen geſtritten werben, und leztere wirken ofe 
ſtaͤrker, dann dieſe. 

Hauptſaͤchlich aber gilt ed allen zur Wars 
nung, die mit Suftiz, Sachen aller Gattung zus 
thun haben, und noch nicht entfchloffene Juſtiz⸗ 
und Seelen s Verkäufer geworden find, um in 
Gemüthern, den Eindruͤcken von Religion und 
Menſchenliebe noch offen, die heilige Schen _ 
vor Gott und bie ſich ſelbſt ſchuldige Achtung 
zu erweden , zu begruͤnden und zu befefligen, 
baß fie den feften Vorfaz faflen, unter keinem 
Vorwande, auf keine menſchliche Autoritaͤt, 
um keines Gewinns oder Schadens willen ſich 
zu Dienern ber Ungerechtigkeit, zu Werkzeu⸗ 
gen des Zorns und der Leideuſchaſten gebrau⸗ 
chen zu laſſen, um aus der zum Leben und Ge⸗ 
ſundheit der Menſchen beſtimmten Arzuei ber 
Geſeze und fogenaunten Rechtes ein Gift zum 
Ungluͤck irgend eined Menfchen zu bereiten , 
und ihn am Leben. oder Ehre geſezmaͤßig 
umzubringen. 

Gott Lob! und zur Ehre der Menſchheit 
- giebt ed auch noch ſolche Männer, einzeln und 


Kabinets: Fuftiz: Mord. 149 


in mehrerer Zahl, welde HZorazens Lob vers 
dienen : | 
Juftum & tenacem propofiti viram, 
Non civium ardor prava fubentium, 
Non vultus inftantis tyranni 
Mente quatit folida; 
und Ihre zeitliche Belohnung ifl, neben em 
ftolzen Seelen: Frieden ihres eigenen Gewiſſens, 
noch immer der gewefen, daß neben ben Nas 
men und Gefchichte ber Märtyrer aud) ihre, ber 
aiht Einfliimmenden, theure Namen mit ges 
vennet, und zur dankbaren Verehrung ber 
Nachwelt anfbehalten worden, wohingegen oft 
die Namen der aͤrgſten Feinde, Verfolger , 
Anfifter und Aufhezer zur gerechten Strafe 
ihres Unwerths ind Meer der Vergeſſenheit 
verſenket, nicht einmal genennet worben, bamit 
ihr Gedaͤchtniß vergehe. 
Sn der Geſchichte bes erſten Blutzeugens 
der chriſtlichen Religion, Stephani, iſt Ga⸗ 
maliels Name und ſein weiſer toleranter bil⸗ 
liger Rath allein genennet, und wird bis ans 
Ende der Tage genennet und geprieſen werden, 
von dem Namen des Praͤſidenten bes Blutge⸗ 
83 


* 


150 Koͤniglicher 


richtes und allen demſelben beigeſeſſenen Hohen⸗ 
prieſtern und Schriftgelehrten wiſſen wir nichts; 
welches, wenn ed mich nicht zu febr vom Zwe⸗ 
de abführte, aus der Geſchichte aller Europaͤi⸗ 
ſchen Staaten in ähnlichen Fällen noch weiters 
belegt werben koͤnnte. 

Es mag dann aber an biefen wenigen vor⸗ 
gängigen Bemerkungen oder Winfen genug 
ſeyn; nachfolgende Gefchichte flellt und ein ers 
ſchreckliches Beiſpiel eines im hoͤchſten Zorne 
aufgebrachten und unverföhnlich erbitterten Koͤ⸗ 
niges einerfeitd, und andererfeitö ein Beifpiel 
der Maͤßigung von Männern dar, bie ſich nicht 
dazu erniebriget haben, Del ind Teuer zu giefs 
fen, die vielmehr zur Milde, flatt Strenge, ans 
gerathen, bamit zwar nichtd ausgerichtet, hins 
gegen ihr Gewiffen von Blut-Schulden frei ges 
halten, und die Verantwortung, da fie ſich der 
Gewalt nicht wiberfezen konnten, blos ihres 
Deren Deren überlaffen haben. 


' * 
* * 


Das Wichtigfte bei biefer ganzen traurigen 
Geſchichte ift die Frage: ob ein Regent, König, 


Kabinets⸗Juſtiz⸗Mord. 151 


Fuͤrſt, oder wie er heiße, der eine peinlich ers 
ahtete Sache dem dazu unter feiner Auctoritaͤt 
bereitd vorhandenen, ober eigends niebergefezten 
Gerichte zur genaueſten Unterſuchung, gewiſ⸗ 
ſenhaften Pruͤfung und gerechten Entſchei⸗ 
dung uͤbergeben hat, und dieſes Gericht das 
nach beßtem Wiſſen und Gewiſſen gefaßte Ur⸗ 
til dem Fuͤrſten, als Herrn uͤber zeitliches 
Leben und Tod, zur Beſtaͤttigung vorlegt, ob 
en folder Herr die gerichtlich zuerkaunte 
Strafe nicht mildern , fondern, weil ihm die 
Geſeze nicht feharf genug, oder deren Anwen⸗ 
dung nicht fireng genug ſcheinen, erfchweren, 
bis zum hoͤchſten Grade deflen, mas ein Menſch 
zu leiden ober zu verliehren hat, fhärfen und 
eiöweren Eönne? 


.". 

Diefe Frage iſt und wird je Yänger, je mehr, 
son großer Wichtigkeit, je mehr unfere Könige 
und Fuͤrſten ſich an Gefeze nichtsgebunden, über 
Geſeze erhaben, fich allein und perfönlich 
Geſezgeber zu ſeyn waͤhnen, und daher Stra⸗ 
fen anſezen, von deren Gefahr der Verbrecher 

| R:g 


152 Ä Königlicher 


Ä | 
aichts gewußt, fondern im Fall ſolchen Willens | 


dad Verbrechen nicht begangen hätte, welche 
die Allmacht ihres Willens, ihren Zorn, Groll 
und Leidenihaften, Temperaments⸗Hize und 
Herzens» Härtigkeit zur alleinigen Norm von 


Strafe und Behandlung ihrer Diener und Uns 


sertbanen annehmen , und andere dadurch zu 


einem gleichmaͤßig harten und geſezwidrigen 


Verfahren verleiten, noͤthigen und verführen. 
Sie verdiente, dieſe Frage, von einem chriſt⸗ 


lich⸗ philoſophiſchen Kopfe bearbeitet, und mit 


anſchaulichen Beiſpielen beleget zu werden, um 
mit der eruſtlichſten Liebe und eindringendſten 
Berebſamkeit den Göttern der Erde alle bie 
ſchreckliche Folgen begreiflih und glanben zu 
machen, denen fie ſich felbfl, die innere Rube 
ihrer Staaten, und bie Sicherheit ihrer Herr⸗ 
ſchaft durch ſolche Grundſaͤze und Handelsweiſen 
einer ungebundenen und willkuͤhrlichen Ju⸗ 
ſtiz⸗ Verwaltung ausſezen, bie ſich (nur hie 
and da früher oder fpäter) ſchlechterdingd nicht 
anders, ald mit innerer Zerrüttung der politia 
ſchen Verfaſſung und offentlihem Aufruhr en⸗ 
digen Eau; und wo e& auch nicht jo weit reicht, 








| 





Kabinets Juſuz ⸗Mord. 153 


und die Schrecken der militariſchen Gewalt dem 
Ausbruche der Klagen, des Murrens und ber 
 Geufzer die Wage hält, den Regenten doch 
vicht mehr fuͤrchten und lieben, ſondern haſſen, 
and ben ſchmaͤhlichſten Flecken in dem Rubhme 
ſeines Namens und Regierung macht. 
.” E | 
Doch! was fage ich von einer einzelnen Ab⸗ 
Watlangz alle redliche, einfehende ‚ für Men⸗ 
ſchen⸗Wohl und Würde gefühloolle Männer 
folten gemeine Sache machen, jenen ungebeus. 
u Ölauben anzugreifen, und in Kehren und 


Schriften, von Kanzeln und Kathedern offent ⸗· 


lich zu beſtreiten; weil es Beduͤrfniß unſerer 
Zeiten, namentlich und vorzuͤglich auch in 
Dentſchland, il. Um fi) davon zu übers 
senden, bedarf ed nur Mugen, am zu ſehen und’ 
zu leſen, wohl dem, der nur Ohren hat, um: 
#000 ferne zu hoͤren. 


* 
ze 


Die Urfachen bavon Liegen ganz nahe. Kd⸗ 
uig Georg I in Engellaud naunte feinen Schwas 
| 8; u 


154 Koͤniglicher 


ger, König Friderich Wilhelmen in Prengen = 
Mein Bruder, der Sergeant; und wenn 
diefer von Georgen ſprach, fagte e: Mein 
Bruder, der Komödiant *). Leider! bes 
kommen wir an unfern Deutfchen Fürflen und 
Fürften » Söhnen nur allzuoft den Korporal 
und Komöbianten in Einer Perfon beifammen; 
and kein Wunder, weil von ber erſten Bils 
bung und Erziehung an baranf gearbeitet wird. 
Sonft mußten die Fürften» Söhne, vornehms 
lich die Eünftigen Exbfolger, Ternen, wie jes 
bed Bürgerd-Kind zu feiner Kunſt oder Hands 
werk unterrichtet wird, und es iſt in ben Lebens⸗ 
Geſchichten unferer alten Deutſchen Fürften 
vielmals forgfältig angemerkt, daß fie das bürs 

erliche Recht, das. peinliche Recht, ihr Lands 
Recht, u. d. g. fludiren müßen, wie jeder ans 
derer, ber davon einft feine Nahrung zu haben 
gebenfet. Sie mußten bei reifern Jahren die 
Kollegien beſuchen und wahrſchauen, wie Recht 
und Gerechtigkeit gehandhabet, und uͤber Leben, 





*) Memoires pour ſervir à l'hiſt. de Brandebourg 
T. U. p. 137. dee Ausgabe in 4 


Kabinets- Zufliz- Mord. 155 


Ehre, Hab und Gut der Unterthanen , über 
ihre Rechte und Freiheiten, nach abgemeſſenen 
Berhältniffen und bedächtlicher Vorſicht, ges 
bandelt werden, und in weldhen Gränzen ſich 
Gewalt und Recht des Landesherrn enthalten 
müße. Der Unterricht wurde Landes Einges 
bohruen, oder doc) guten biederu Deutfchen, 
and die Ober⸗Aufſicht Männern anvertrauet, 
deren Patriotismus und Erfahrung bie Rechts 
ſchaſſenheĩt ihres Charakters und Srundfäze vers 
bürgee. Und nun! — wie viele Deutſche Prins 
zen find noch übrig , bie man nicht in Unis 
forme, mit dem Sponton in der Hand unb 
einer Komödie, wo nicht gar ihrer eigenen zu 
erlernenten Rolle, in der Taſche antrift? wie 
viele find ihrer, die man auf dad natärlice, 
bürgerliche und Landrecht eraminiren dörfte ? 
wie viele, Die nur einmal, weil ihnen doch vor. 
allem Deutichen fo leicht edelt, einen Mon- 
tesquieu, ober Duguet, ober den Contraft 
focial eined Roufleau gelefen haben und vers 
fiehen ? die Zumuthung, ben jungen Herrn auf 
die Regierung, ober in ein Hofgericht zu fchis 
den, würde mit Mohngelächter beantwortet 


1530 Königlicher 


werben; höchflens und bieß noch, wo ed recht 
gut geht, in den geheimen Rath, damit er ja 
geitig genug befehlen lerne. Wie viele Deutfche 
Kürften find, die jemals ihre eigene Landes⸗ 
Gefeze und Rechte, die Verträge mit ihren 
Landfländen, bie Teflamente ihrer Voreltern 
gefehen , ober nur zu fehen verlangt haben 2 
die nur einen deutlichen, hellen, überzeugenden 
Begriff davon haben, daß ihr Wollen und 
Nichtwollen gewiſſen Regeln und Gefezen uns 
tergeordnet, und nicht nur dad Werk des blofs 
ſen Inſtinkts oder eines flachen Raifonnement 
ſei. Wer follte ihnen auch biefe Ueberzeugung 
beigebracht haben? der Franzöfifche Hofmeifter 
gewiß nicht, und ber Franzöfifche Schweizer, 
der nur feine bedungene Jahre anshält, um. 
bie verfprochene lebenslängliche Penfion zu vers 
dienen, eben fo wenig. So koͤnnten's dann 
die Eingebohrnen thun; ſie koͤnnten es, wenn 
ſie wollten, wenn nicht Eigennuz und Trachten 
nach Fuͤrſten⸗Gunſt fie zu Heuchlern und 
Schmeichlern machten, wenn nicht die Grunds 
ſaͤze ſchon ſo vergiftet wären, daß es Muͤhe 
bat, noch einen Reinen unter den Marelnen zu 


| 


Kabinets⸗ Juſtiz ⸗ Mord. 157 


ſinden, mern wicht auch Deutſche Verraͤther ih⸗ 


rer eigenen Sache und ihrer Kompatrioten waͤ⸗ 
sen, uub ed nicht fafl überall fo gieng, wie bei 
Sofeph II, dem ala Römifchen Könige zween 
Hof⸗Raͤthe die beſchworne Wahl⸗ Kapitulas 
tion erklaͤren ſollten, und ihm bei jedem Pa⸗ 
ragraphen vordemonftrirten: daß, uud warum 
er ihn nicht halten koͤnne und doͤrfe? 

So zubereitet, mit ſo tiefer Unwiſſenheit 
emer⸗ und mit ſolchem Selbſtgefuͤhle anderers 
Fetsg, nur von dem blinden Gehorſam ihrer 
Diener und Unterthanen uud ihrer eigenen 
Machtvolllommenheit überzeugt und durchs 
drangen, treten fie dann gemöhnlichermaffen 
einſt die Megierung ihrer Lande an. Kan man 
aladann nod) fragen, fich ed noch befremden 
laſſen: warum die Rechte der Menfchheit 
militarifch, und die Beichäfte der Regie⸗ 
rung nur fpielend behandelt werden ? — 
Nicht überall, aber doch häufig; — heut zu 
Tage mehr, ald ſonſt; nicht nur von Königen, 
auch von Fuͤrſten, und von biefen voch mehr, 
ald von jenen, nicht nur, weil ed mehr Fürs 
ſten als Könige giebt, fondern weil jene ſchlechter 


1588 KXöniglicher - 


dann biefe erzogen, und von einer Generation 
zur andern Defpotiämus und Ungebunbendeit, 
verknüpft mit Unglauben, Leichtfinn und Ders 
berbniß der Sitten, unter ihnen Immer allges 
meiner , mithin auch ihre Grundſaͤze immer 
verdorbener werben. 

Wie gerne möthte ich mur {oben ‚ wenn 
ich ed mit gutem Gewiſſen koͤnnte, wenn mir 
Wahrheit nit über alles heilig wäre? mie 
gerne wollte ich fehweigen, wenn nur recht viele 
andere vebeten , reden möchten und dörften? 
Um ben Preis, welcher mir zu reden erlaube, 
wird mich wenigſtens Feiner beneiden, Fuͤrſten 
und Fuͤrſten⸗Schmeichler bedienen fidy aber das 
gegen gleichfalls ihres alt» herkommlichen Rech— 
tes, der kurzen Abfertigung: 

Und wenn wir dich auch hoͤren ſollen, 
Wir thun darnach doch, was wir wollen. 


% 
* % 


Ich nähere mic, der Geſchichte ſelbſt. Es 
iſt allgemein bekannt, daß der jeztregierende 
RKoͤnig in Preußen im Jahre 1730, ohne Vor⸗ 

voiffen feines. Deren Vaters, König Friderich 


Kabinets⸗Juſtiz⸗Mord. 159 


Wilhelms , verreifes, um, wie ed hieß, in 
Abſicht einer VBermählung mit einer Königl. 
Prinzepin nach Engellaud zu gehen, daß Ihro 
Majeſtaͤt aber noch eingeholet, und nad) Cuͤſtrin 
in einen langen und engen Arreſt gebracht wor⸗ 
ben. Es iſt ferner befannt, und in offentli⸗ 
den Staatöfchriften davon Erwähnung gefches 
ben, baß ber zornige König feine Baters Rechte 
bis auf das Leben biefes feines Thronerben ers 
firedden wollen, und baß nur eine von bem das 
waligen Raiferlichen Gefanbten in Berlin, Felbs 
markhall Grafen von Sedendorf, im Namen 
Kaiſer Karls VI gethane fehr nachdruͤckliche 
Borfiellung das Leben des Kronprinzend ges 
rettet habe. . Defien Gefangenfhaft und dis 
Unguade des Koͤnigs dauerte aber noch lange, 
und er war bis an fein Ende fo fireng ald Va⸗ 
ter, ald ex ein harter und firenger König war. 
So ſchildern ihn die Memoires de Brande- 
bourg *) ſelbſt in ven Worten: Auftere dans 
fes meurs, rigoureux fur celle des autres, 
fevere obfervateur de la difcipline mili- 








*) T.1I. p- 175. der Ausgabe in 4. von 1767, 


160 Koͤniglicher 


taire; ; gonvernant fon Etat par les memes 
loix, que fon armee; i préſumoit fi bien 
de ’humanite, qu’il pretendoit , que. fes 
fujets fuflent aufli floiques, qu'il Petoit. 
Bon jener Geſchichte ift in den Memeoires 
nichts erwähnt, ‚fonbern nur mit ben wenigen 
Worten baranf gedeutet: Nous avons pafle 
fous filence les chagrins domefliques de 
ce grand Prince, mit ben ganz nicht zu ers 
wartenden Unhange : On doit avoir quel- 
que indulgence pour la faute des enfans 
en faveur des vertus d’un tel Pere. Die 
Wariante dieſes Textes möchte wohl im kom⸗ 
menden Jahrhunderte fo lauten :: H faut par- 
donner la feverite du Pere en faveur des 
vertus. d’un tel fils, 


* 
* s 


Der Kronprinz hatte zum Begleiter einen 
bei ihm fehr beliebten jungen a2jährigen Liens 
tenant von der Leibgarde der Gens d’armes, 
von Katt, mitgenommen, beffen Vater und 
Großvater noch lebten, und jener ald General, 
dieſer aber ald Generals Feldmarſchall in des 

Königs 


Kabinets⸗Juſtiz⸗Mord. 161 


Königs wirklichen Dienflen ſtunden. Als die 
Reiſenden wieder zurüdgebracht waren, warb 
ber von Katt in Arreſt, und ein Kriegs⸗Gericht 
über ihn niebergefest. 

Es wäre zu wünfchen, daß das von dieſem 
Gerichte an den König erflastete gutachtlice 
Vedenken zur Ehre deſſen Verfaffer und ber 
Menſchlichkeit einſt vollſtaͤndig bekannt gemacht 
wuͤrde, noch zur Zeit wiſſen wir davon nur fo 
viel: daß von ben Richtern wegen Beſtrafung 
de jungen Mannes anf ben Feſtungs ⸗Bau 
angettagen worden. 

Fade‘ 

Damit war dem zornigen Könige nicht ges 
dient, der fich freilich ſelbſt ſagen konnte und 
mußte: daß er flerblich fei, und ber von Kart 
ihn gemächlich überleben, mithin die erleidende 
deflungsban » Strafe von dem Thronfolger, un 
den er litt, mit reicher Gnade vergütet werben 
wirde. König Friderich Wilhelm änderte aus 
eigener Diachtvolllommenheit ben m Aueſpruch in 
folgendes Urtheil abs 


Patr. Archiv, III. Theil. 8 


162 Koͤnigliche 
„Urtheil des Lieutenant von Katt. 


Sn Inquiſitions⸗Sachen des Lies 
tenant von Katt hat ein Koͤnigliches 
Kriegsrecht ihm, da er confeſſus & con- 
victus, den Feſtungs, Bau zuerkannt. 
Ihro Majeſtaͤt aber ſehen nicht ab, 
warum ſolche Sentenz ſo gar gelinde 
in »nſehung ſolches ſchweren Verbre⸗ 
chens abgefaſſet; dahero Sie ſich ins⸗ 
Fünftige auf Ihrer Offiziers und Raͤthe 
Treue wenig oder ger nicht zu 
verlaſſen haben. Ihro Majeſtaͤt aber 
ſind auch die Schule durchgegangen, 
und das Spruͤchwort gelernet: Fiat ju- 
ftitia, & pereat mundus! damit nun nies 
mand fi) ferner dergleichen unterftes 
ben , und leicht fid) darauf berufen 
maoͤchte; weil es diefem fo Dingegangen, 
koͤnne e8 mehr fo gefchehen: Als finden 
ſich Ihro Koͤnigliche Majeſtaͤt sent 





*) So heißt es bei allen Defpsten, Treue,. wenn man 
biindlings ihren Leidenfchaften gehorcht. 


Kabinets:Fuftizs Mord. 163 


get, jelbft das Recht zu fprecdhen, 
und Exemplum Juftitie zu ftstuiren. Da 
ihm nun nichts zu viel gefchäbe, wenn 
er als ein foldher , der ein Crimen læſæ 
Majeftatis *) begangen, auch, weil er 
ein Dffizier von der Armee, die Jhrd 
Majeſtaͤt alle getreu ſeyn follten, befons 
derö von dem Corps des Gens d’armes, 
deme die Aufjicht über Ihro Majeſtaͤt 
Seib und Samilte anvertrauer, mit 
glüenden Zangen zerriſſen und aufge 
ungen würde : So haben Ihro Maje⸗ 
ſtaͤt dennoch im Abfehen feiner Samilie 
ſolches Urtheil mitigiret, und erkennen 
von Rechtswegen: daß er mit dem 
Schwerdte vom Ceben zum Tod gebracht 
werde. Berlin, den 2. Nov. 1730. 


Friderich Wilhelm. „ 
82 





sy Nicht dach, Ungehorſam im Dienite, jugendlicher 
Leichtſinn und Ehrgeiz war ed, nicht mehr, no 
peuiger. | 


n 


1644 Königlider 
® * » 


» Die Koͤnigin, das Königliche Haus, bie 
tiefgebeugten Eltern, der auf der Grube gehende 
Großs Vater, und mehrere, thaten bie rührends 
ſten und wehmüthigflen Vorfprachen und Vor⸗ 
fielungen, ber firenge König blieb aber uner« 
bittlich, und erwieberte fogar, der Sage nad), 
ben Fußfall einer hohen Dame mit einem Fuß⸗ 
tritt, an⸗welchem fie ihr ganzes Leben zu lei⸗ 
den hatte. Das Urtheil ward in dem Gouver⸗ 
nements⸗Hofe zu Cuͤſtrin den zen Nov. wirk⸗ 
lich vollzogen. Dad Blutgeruͤſt ward unter 
den Zimmern, welche ber Kronprinz bewohnte, 
aufgefhlagen, und ber König trieb die Härte 
fo weit, feinen Sohn zu zwingen, daß er die. 
Hinrichtung mit anfehen mußte. Vielleicht 
hofte ber Kronprinz noch immer Gnade für feis 
nen armen Katt. Als aber der toͤdtende Streich 
wirklich geſchah, fiel er in Ohnmacht. 


%* 
( » * \ 


Der ungluͤckliche junge Mann hatte waͤh⸗ 
rend feiner Gefangenfhaft folgendes herzrühs ' 


Kabinets/Juſtiz ⸗Mord. 16 


rende Schreiben an den unbarmherzigen Koͤnig 
erlaſſen: 


Allerdurchlanchtigſter ꝛc. 


Nicht, mich zu rechtfertigen, nicht meine 
bisherige Aufführung zu eutſchuldigen, noch 
durch viele Rechts⸗ Gründe meine Unfchuld zu 
zeigen, nein, fontern bie wahre Meue und 
Keid in aller Unterthänigkeit Derofelben zu 
Fuͤßen zu legen. Meine Jugend, Irrthum, 
Sqwachheit, Unbedachtſamkeit, mein nicht 658 
meinender Sinn, mein durch Liebe und Mits 
liden eingenommenes Herz , ein eitler. Wahn 
der Tugend, ber Feine Tuͤcke im Schilde fühs 
re, find ed, mein König !, die demüthig um 
Gnade und Erbarmang, Mitleiven, Barm⸗ 
herzigkeit und Erhoͤrung bitten und flehen. 
Sort, ald der König aller Rönige und Herr 
aller Herren, läßt Gnade für Recht ergehen, . 
and bringet durch Erbarmung und Gnade ben 
auf irrenden Wegen gehenden Suͤnder und 
Mißethaͤter wieder zu ſeiner Pflicht. O! ſo, 
mein Koͤnig! Sie, als ein Gott auf Erden, 
laſſen mir doch dieſelbige Guade ‚ als einem 

23 


166 Koͤniglicher 
gegen Euer Koͤnigliche Majeſtaͤt handelnden 
Suͤnder und Mißethaͤter zufließen. Die Hoff⸗ 
nung der Erholung ſchonet noch der verdorr⸗ 
ten Baͤume, und erhaͤlt ſie vor der Glut des 
Feuers. Warum ſoll denn ein Baum, der 
ſchon wieder neue Knoſpen neuer Treue und 
Unterthaͤnigkeit wirft, nicht Guade vor Euer 
Koͤniglichen Majeſtaͤt Augen finden? warum 
ſoll er ſich dann in ſeiner Bluͤthe neigen, und 
nicht noch vorher zeigen, was Gnade und 
Barmherzigkeit für unverfaͤlſchte Treue und 
Gehorfam, wirfet ? Sch habe gefehlet,, mein 
König! O! verzeih es dem redlichen Geſte⸗ 
ber, und gewähre mir, was auch Gott dem 
größten Sünder nicht verfaget! Manaffes vers 
mehrte ja , fo gottlos er auch geweſen, bie 
Zahl der frommen Fuͤrſten. Saul Eonnte 
nicht fo fehr in Unglüd fallen, noch David 
nad) Unrecht dürften, als aufrihtig ihre Be⸗ 
kehruug war. So viele Tropfen Blutes im 
meinen Adern fließen , fo viel follen Zeugen 
feyn der neuen Treue und Gehorfamd , die 
Dero Gnade und Huld in mir erwecket. Got⸗ 


Kabinets⸗Juſtiz⸗Mord. 167 


ib Liebe und Gnade laſſen mich ja Erbarmung 
finden. Sch flehe und bitte, als 


° Em. Königl. Majeſtaͤt 


ungehorſam geweſener, nunmehro aber 
durch herzliche Neue und Leid wieder 

zu ſeiner Pflicht getriebener Vaſall, 

von Katt. | 


2% 
% * 


Der Gefangene begleitete dieſe wehmuͤthige 
Bitte an den Koͤnig mit folgendem an ſeinen 
Großvater gerichteten Schreiben: 


Guädiger Groß: Papa! 


Mit was für Betruͤbniß und Gemürhds 
Bewegung ich anjezo bie Feder anfeze, ift wohl 
(dwerlich mit Worten genugfam auszubrüden. 
Ich, der nicht die wenigfte Sorge Ihres Les 
bens gemacht, um aus mir ein rechtſchaffen 
Werkzeug zu machen, Gott, ber Welt und . 
meinem Nächflen rechtfhaffen dienen zu füns 
nen, dahero auch niemals’ von Ihnen gegans 
gen, ohne heilſame Lehre und Ermahnung 

x 4 


168 Koͤniglicher 


empfangen zu haben ; Sch, ber bie Goffung | 
Ihres Alters feyn follte, muß leider! anjezo 
das MWiederfpiel feyn, und lauter Gramm und 
Herzeleid verurſachen; ja ich muß, anſtatt 
‚eine freudige und gute Zeitung zu berichten, ein 
Zranerbote feyn, und ſelbſt bad Todes » Urs 
theil, fo über mid) ergangen, andeuten. Laſ⸗ 
fen Sie fi foldyes, mein gnaͤdiger Groß⸗ 
Papa, nicht fo fehr zu Herzen gehen. Got⸗ 
tes Schickung muß man mit gebuldigem Ges 
muͤthe annehmen. Schicket er einem ein Uns 
glück zu, fo wird er and) Gnade geben, fols 
- bed mit flandhaften Gemüthe zu ertragen, 
und zu überwinden. Ihm iſt nichts unmögs 
lich, es find ihm auch Mittel genug befanns, 
. zu belfen, dem, wen er will. Meine Hoffs 
nung ſtehet feft auf ihn: Er kan das Herz 
bed Königed noch lenken und regieren, daß es 
ſich fo zur Gnade lenket, ald es zur Schärfe 
bewegt. Iſt ed fein Wille nicht, fo fei Er 
euch um deßwillen gelobet. Denn er kan ed 
nicht anders ald gut mit und meinen. Darum 
geb ich mich in die Gebuld, und erwarte, mas 
Dero und anderer Borfprache bei Ihro Koͤn, 








| SKabinets:Suftiz:Miord. 169 


Najeſtaͤt für Wirkung thun werden: bitte ins 
heſen tauſendmal um. Vergebung aller meiner 
begaugenen Fehler, und hoffe, da Gott fols 
ches dem größten Sünder nicht verfaget, alfo 
werben Sie auch ſolches nicht thun au demjenis - 
gen, der da bittet, als 


Gnaͤdiger Großs Papa 


Dero unterthänigfl »gehorfamfler 
Sohn, 


von Katt. 


x a 
3 * 


Die aus tiefem Briefe aunoch hervorbli⸗ 
dende Hoffnung des Lebens war nun gänzlich 
verſchwunden, der König war und blieb ans 
verſoͤhnlich und unerbittlich, deſto kraͤftiger ſeg⸗ 
nete aber Gott die Zeit der Gefangenſchaft an 
der Seele des jungen Mannes, der mit de⸗ 
müthigs freudigem Glauben ſeinem Tode ent⸗ 
gegen gieng. Die Geſchichte ſeiner lezten Le⸗ 
benss Tage iſt ſchon anderwaͤrts gedruckt, ich 
erinnere mich wenigſtens fie bereits vor vielen 
dahren geleſen zu haben, ohne mich der eigent⸗ 

x 5 


170 Königlicher 


uüchen Schrift, welche ſolche enthalten, mehr 


entſinnen zu koͤnnen, auch wuͤrde ſie, als oh⸗ 


nehin zu weitlaͤuftig, in dieſer Sammlung 


nicht Plaz gefunden haben. Zum Beweis aber 
des oben geſagten, wie Gott ben Zorn und 
Ungerechtigkeiten dev Könige und Fürften gleiche 

wohl zum größern und ewigen Beßten derer, 

ben fie treffen, zu lenken weiß, nnd ald eine 

wichtige Urkunde von ber Kraft dev Religion 
im Tode füge ich noch daB von dem feligen 
Katt an feinen Vater alaſſene Abſchieds⸗ 
Schrelben bei; 

„In Thränen möchte mein Herz ‚zerfliefs - 
fen , mein Vater, wenn ich daran gedenke, 
daß dieſes Blast Ihnen die größte Betruͤbniß, 
 forein trened Vaterherz empfinden Fan, vers 
urfachen foll ; daß bie gehabte Hoffnung mei⸗ 
ner zeitlichen Wohlfahrt und Ihres Troſtes im 
Alter auf einmal ’verfchtwinden muß; daß 
Shre angewandte Mühe und Fleiß in meiner 
Erziehung zu ber Reife des mir gewünfchten 
Gluͤckes fo gar umſonſt gewefen, ja daß ich 
ſchon in der Bluͤthe meiner Fahre mid) neigen 
muß, ohne vorher Ihnen und der Welt bie 


Kabinets⸗Juſtiz⸗Mord. — 


Feuͤchte Ihrer Ermahnungen und meiner ers 
Iangten. Wiſſenſchaften zeigen zu koͤnnen. Wie 
dachte ich mich in der Welt empor zu bringen, 
and Ihrer gefaßten Hoffnung ein Genuͤgen zu 
tun ? wie glaubte ich nicht, baß es mir an 
meinem zeitlihen Gluͤcke und Wohlfahrt fehs 
len koͤnnte? wie war. ich nicht eingenommen 
von der Gewißheit eines großen Unfehens ? 
aber alles umfonft! Wie nichtig find dev Mens 
(deu Gedanken? auf einmal fällt alles übern 
Haufen; und wie traurig endiget ſich nicht bie 
Scene meined Lebens, und wie gar unters 
fhieden iſt mein jeziger Zufland von dem, wos 
mit meine Gedanken ſchwanger gegangen? Ich 
muß, anflast den Weg der Ehre und Anſe⸗ 
hens, den Weg der Schmach und eines ſchaͤnd⸗ 
Iihen Todes wandern. Über, wie unbegreiflicy, 
o Herr ! find deine Wege, und unerforfchlich 
beine Gerichte! wohl recht heißet es: Gottes 
Wege find nicht der Menſchen Wege, und der 
Menſchen Wege find nicht Gottes Wege. Wirs 
de ich nicht etwa in der Sicherheit feyu forts 
gegangen, und bei alle dem Gluͤcke und Wohls 
leben Gottes vergeffen , und ihn hintangefezet 


9 


\ 


172 Königlicher _ 
haben? wuͤrde ich nicht vielmehr bei guten Ta 
gen ben Weg bes Fleiſches, der Sünde, unl 
—* dem Wege Gottes vorgezogen ha⸗ 

"ben ? Ja gewiß, es haͤtte mich folches viels 
mehr von Gott abs als zu ihm geführer. Die 
verdammte Ambition, bie.einem von ber Kinds 
beit an, ohne ben rechten Begriff davon zu 
geben, eingeflößet wird, würde immer weiter 
gegangen ſeyn, und zulest bem eigenen Ber 
ſtande zugeeignet haben, was doch einzig und 
allein von Gott koͤmmt. Solchem Bat ver ger 
rechte und gütige Gott wollen zuvor kommen, 
‚ and, ba ich feinen oͤſtern und vielfältigen Ro 
gungen nicht Gehör gegeben, auf ſolche Art 
mid) faflen müßen, auf daß ich mich nicht weis 
ter in dad Verderben flärzte, und mir gar die 
ervige Verdammniß zuzoͤge. Darım fei Er 
and) dafür gelobet ! Faſſen Sie ſich demnach, 
mein Vater, und glauben ſicherlich, daß Gott 
mit im Spiele. Ohne deffen Willen Fan ja 
nichts gefchehen , auch nicht einmal ein Oper 
ling auf. die Erbe fallen. Er iſt es ja, ber 
alles regieret und leiter durch fein heiliges Wort, 
darum koͤmmt auch dieſes mein n Verhaͤnguiß 


Kabinets⸗Juſtiz⸗Mord. 173 


vn ihm her. Iſt gleich die Art meines Todes 
bite und herbe, fo iſt doch bie Hoffnung und 
Omipheit ber ewigen Seligkeit deſto ſicherer 
ud angenehmer. Iſt fie gleich mit Schimpf 
ud Schmach verknüpft, iſt ed doch nichts in 
Vergleich der Eünftigen Herrlichkeit. Tröflen 
Se fih, mein Water! hat Ihnen doch Gott 
mehr Söhne befcheret, denen er auch vielleicht 
mehr Gluͤck in der Welt zuwenden wird, und 
Str, mein Water, die Freude au ihnen erles 
ben laſen, die Sie vergeblich) an mir gehoffer, 
welhes ich Shnen von Grund der Seelen wüns 
(de. Unterdefien baute ich mit Finblichem Res 
peft für alle mir erwieſene Vaters Trene von ” 
meiner Kindheit an bis zur jezigen Stunde. 
Ent der Allerhoͤchſte vergelte Ihnen tauſend⸗ - 
ſuh die mix erzeigte Liebe, und erfeze Ihnen 
durch meine Bruͤder, was bei mir zuruͤckge⸗ 
blichen. Er erhalte und bewahre Sie bis in 
Ir hohes graues Alter‘, ex fpeife Sie mit 
Wohlergehen, und tränfe Sie mit der Gnade 
kind Geiftes. Für allen Ihnen jemals erwies 
kuen Unwillen, Ungehorſam and Widerſpen⸗ 
figkeit bitte ich im aller Unterthaͤnigkeit am 


74. Königlider 7 
Bergebung', und da es das lezte iſt, was ück 
Sie, mein Vater, in dieſem Leben bitten wer: 
de, fo hoffe ih, Sie werben mir ſolches nicht 
verfagen,, da ich folches von Gott gewiß verfüs 
hert biv. Nun iſt nichts mehr übrig, ald daß 
ich mie diefem Troſte ſchließe: Haben Sie 
gleih, mein Vater, nichts hohes und vornehs 
mes an mir in biefer Welt erlebet, o fo ſeyn 
Sie verfichert, daß Sie deflo höher im Hims 
mel finden werden 


Ihren bis in den Tod getrenen Sohn, 
v. K. 


P.S. Was fol ih Ihnen aber ſagen, lieb⸗ 
wertheſte Diana, die ich fo fehr, als und das 
Band ber Natur verbunden, geliebet, und 
euch, liebſte Geſchwiſter! wie foll ich mein 
Anbenken bei euch fliften? Mein Zuſtand läßt 
nicht zu, alles, was ich anf dem Herzen babe, 
euch vorzuſtellen. Sch fiche vor ber Pforte 
bed Todes, und muß alfo bedacht ſeyn, mit eis 
ner geheiligten und gexeinigten Seele einzuges 
ben, kan alſo Eeine Zeit verſaͤumen; laffe euch 
demnach nur ben Spruch zum Andenken, 


J Kabinets ⸗ Juſtiz⸗ Mord. 175 


1.B. Moſ. 17, 1. da Gott zum Abraham 
fat: Ich Bin der allmaͤchtige Gott, wandle 
por mir, unb fei fromm. 


is 
* “* 


König Friderich IL fuchte bei feiner Gelan⸗ 
gung auf deu Thron Un. 1740 den gebeugten 
Vater damit offentlich zu ehren, daß er ihn 
in ben Preußiſchen Grafen⸗Stand erhob, zum 
General⸗Feldmarſchall ernannte, und ihm ben 
ſchwarzen Adler s Orden ertheilte, 


Es iſt gerne zu glauben, daß bie reine Liebe 
jur bürgerlichen Gerechtigkeit , welche einen 
Hauptzug in dem Charakter diefes großen Koͤ⸗ 
nigs, und bje portrefliche Juſtiz  Verfaffung, 
tie einen fo leuchtenden und entſchiedenen Vor⸗ 
sg der Preußifchen Regierung macht, fich in 
ihren Anfängen und Dauer noch von den ſchwe⸗ 
tm Tagen ber datire, ba ber König in der 
Schule der Anfechtung die Schreden einer blog 
deſpotiſchen Juſtiz zu erfahren und zu überdens 
Im Gelegenheit hatte 


176 Kön. Rabinets-Tuftiz: Mor, 


Ä » 
| ” 

Der du, weichherziger Leſer, bei Leſung 
dieſer tragiſchen Geſchichte eine Mitleids⸗Thraͤ⸗ 
ue dem Andenken des gefallenen edlen Jungs 
lings weineſt, ſchicke doc) zugleich einen erhoͤr⸗ 
lichen Seufzer zu Gott fuͤr dich, fuͤr mich, fuͤr 
nuſer Vaterland, und für die , fo nach uns 
fommen : 

: Bor zornigen Koͤrigen und Fürflen, 

Vor leichtſinniger und leichtfertiger Juſtiz⸗ 
Pflege, 

Vor dem hoͤchſten Recht ohne Billigkeit, 

Vor geriffenlofen Juriſten, 

Vor hartherzigen Richtern und Raͤthen, 

Vor allem Deſpotismo, 

Wehe und lieber Herre Gott! 


* 


⸗ 


V. Politiſcher 


vv 
politifcher Charakter 


Herrn 


HPhilipp Wilhelms Grafens 
von Boineburg, - 


der Erzſtifter Mainz und Trier Seuiors und 
Ober⸗Chor⸗Biſchofs, Kaiferlichen und 
Kur⸗Mainziſchen Geheimen Raths, 
als 


Statthalters zu Erfurt. 


. *4 


Gebohren 1056, geſtorben 1717. 


Pate. Archiv, I. Theil. M 


zagekommen: 

„Eegenwaͤrtig iſt in Erfurt ein Mann, der 
Boineburgs Verdienſte gehoͤrig zu ſchaͤ⸗ 
in im Stande iſt, befchäftiger, fein Les 
ben ausführlich zu befehreiben, Nur mans 
gelt es ihm an Datis, beſonders zu der 
frühern Epoche feines Lebens. Wenn Je⸗ 
mand ſolche ſchaffen koͤnnte, ſo wuͤrde er 
bei dem Schriftſteller und in der Folge 
gewiß auch bei dem Publiko vielen Dank 

derdienen. Pe , 
Wenn der Herr Verfaffer für gut finden 
hl, ih mir 3U erkennen zu geben, fo würde 
5 auf dieſe Spur zu verhelfen vielleicht im 
de ſeyn. Einsmeilen bemerfe nur, dag 
kin Gauhens Adels⸗Lexicon J. Th. S. 188 
Mliche Nachricht: ‚rbaß der beruͤhmte G.C. 
hennis zu Zweibruͤcken An. 1732 das Leben 
noßen Voineburg (Varers des Statthal⸗ 

DM 2 | 


go  oleiicher Charakter 


ters) vollſtaͤndig beſchrieben, und dem Tomoll. 
des Spicilegii tabularum literarumque ve- 
terum inferiret habe;, völlig ungegründet ſei, 
indem jedermaun bekannt iſt, Daß von dieſem 
Spicilegio nie mehr, ald der erfte Band im 
Sahre 1724 heraudgelommen. — er weiß, 
in welchen Winkel eined flillen Gelehrten Boi 


neburgs Lebens⸗Beſchreibung modert? moͤch 


te ſie nur erſt zu entdecken ſeyn, ſo ſoll er dod 
noch ſeine ſtandesmaͤßige Beſtattung, und nebf 
feinem würbigen Sohne ein feinen großer Der 
dienſten angemeflene® Denkmaal erhalten; un 
wenn das Gemählde von Boineburgd, be 
ungern , Leben und Thaten fo mufter» 
meiflermäßig, als dieſer Umriß von feinem pr 
litiſchen Charakter, ausgefuͤhret wird, fol 
man fich In bie Seele jeden großen , guten, 1 
feine Zeit und Vaterland verdienten Mann! 
feenen, daß auch ihm einſt ein ſeiner wuͤrdig 
Biograph werde zu Theil werden. 
ti. 
Dieſe ‚ganze Zeichnung verraͤth Welt⸗ u 


Maenſchen Kenntniß, richtigen Beobachtun 


— 


Ph. Wil. Sr. v. Boineburg. 181 


Gall, ſteten, feſten Blick in die Kunſt und 
das Weſen einer gefunden. Staats⸗ Verwal⸗ 
tung; fie riecht nicht nach der Schule, es 
müßte denn Schule der Weisheit und Erfah⸗ 
rung fenn 5 und dann iſt ed immer noch Ehre 
genug , eined Aubens und Raphaels beß⸗ 
ter Schüler zu feyn 5 dann darf man immer 
noch wünfchen, den entfchleierten Verfaſſer zu 
keiner Zeit auch nach Perfon und Namen tens‘ 
men zu lernen. ' 

Die Farben dieſes Bildes find ſehr friſch 
und bluͤhend aufgetragen, und bie Proſe wird 
zuweilen Poeſie; doch — nubeſchadet ber 
Wahrheit; denn auch die Fehler des wuͤrdigen 
Mannes, die zum Theil Folgen ſeines ſeuri⸗ 
gen Temperamentes, theild des Coſtüme und 
der Denkungsatt feiner Zeit waren, (ind nicht. 

verdeckt, noch verſchwiegen. 

Ein weſentlicher Mangel ſchlen mir noch 
dab gaͤnzliche Stillſchweigen uͤber den Charak⸗ 
ter des Fuͤrſten, dein Boineburg diente‘, der 
in das Gluͤck der Handlungen kined mine 
einen fo weſentlichen Einfluß hat. Der das 
malige Kurfuͤrſt zu Mainz war Preharins 
M3 


Tu 
« 
u 


182 Plitiſcher Charakter 


Franz, ans ben Haufe Schönborn, ber ben 
ten Mai 1695 zur Kurwuͤrde erwählt wors 
ben, und im SSahre 1729 feinen Lauf befchloß. 
Dieſer war es alfo, der Boineburgs Verdienſt 
und Talent zu prüfen und zu ſchaͤzen verflund, 
ihm diefen wichtigen Poflen anvertraute, und 
ihn dabei Tieß und ſchuͤzte. Wohlbedaͤcht⸗ 
lich gefogt: ließ und ſchuzte. Es iſt an als 
* Ien großen Höfen eine gewöhnliche Handels⸗ 
mweife, einen Mann von anßerordentlichen Geis 
 fles s Kräften aus Eiferfucht in eine Provinz 
zu verfhiden, nnd großmäthig s neidifch das 
feloßt zu laſſen; das ift nnter manchen Ums 
ſtaͤnden ungefähr fo, ald wenn man die Son⸗ 
ne in ein Ofenloch ſperrte. Dieß konnte nicht‘ 
wohl der Fall weder vom Kurfürflen Lotha⸗ 
rind Franz, noch vom Örafen von Boineburg 
feyn. Der KRurfürft iſt als einer der weifes 
fien Megenten feiner Zeit bekannt, und bie 
Umflände tm Deutſchland, . insbefondere in 
Sachſen, waren bamals fo gethan , daß bie 
Statthafterfchaft zu Erfurt eisen geuͤbten, thaͤ⸗ 
tigen und gewandten Mann erforderte. Es 
war alle, überdachte forgfältige Wahl, die 


Ph. Wilh. Gr. v. Boineburg. 183 


Wineburgen in dieſen Poſten flelltee Dieſer 
Umſtand iſt für den Biographen von Wichtig⸗ 
keit. Ein phlegmatiſcher Mann wuͤrde in je⸗ 
der Sielle unthaͤtig ſeyn, wuͤrde ſelbſt beim 


Lobgeſauge der himmliſchen Heere einſchlafen. 


Wenn aber ein Dann von Geiſt und Thaͤtig⸗ 
kit Gouverneur eines entfernten Landes Ten, 
ud alles das shun foll, was er gerne thun 
möhte, fo muß fein Fürft entweder ein fehr 
guter and einfältiger,, oder ein fehr aufgeklaͤr⸗ 
tee, wohldenkender Herr feyn, fonft haͤlts jes 
ser nicht and, fonbern ſchreibt, zappelt und 
örgert füch zu Tode, ober Iäßt endlich, wenn 
er ed nicht ändern kan, alled liegen , fichen 


und gehen, und verfaulen. Die Schilderung 


von Boineburgs Erfurter Leben beweiſet genug, 
daß er das Gluͤck gehabt, einen erleuchteten 
Fuͤrſten zum Deren zu haben, und dieſor ihn 
kei feinen Unternehmungen unterflüzet und ges 
fhüset habe. 

Denn — obgleich auch davon in dieſem 
Auſſaze kein Wort enthalten iſt, laͤßt ſich es 
wohl gedenken: daß ein ſolcher Mann keine 
Feinde, Neider, Haſſer, Verlaͤumder, Gifts 

.M 4 


— 


= 


184 Politifcher Charakter 


baucher und ander Ungeziefer um und gegen 
ſich gehabt habe ? daß er ſich nie über heim li⸗ 
he und offenslihe Klagen, Veſchwerden und 
Beſchuldigungen verantworten, über gute Ab⸗ 
fihten und Vorſchlaͤge fich nie mit Sgnorans 
sen und Meidern feines Ruhmes herumzanken, 
auch wohl mit-feinem eigenen gnaͤdigſten Herrn 
Theſed wechfeln muͤßen? und fich vielfältig in 
der. Lage befunden habe, wo nur bas Macht⸗ 
wort und Schuz des Herrn einen guten Plen 
durchſezen Eonnte ? 
| Wenn eine Bitte an den anonymen Herrn 
Verfaſſer von Boineburgs Leben was vermag, 
fo wuͤnſchte ih, daß bei der weitlaͤuftigern 
Ausführung eine genane Rüdficht hierauf ges 
nommen werben möchte, meil in Abwiegung 
and Beflimmung feines Verdienſtes und Wars 
dierung feiner wirklichen Xhaten fehr vieles 
daranf ankoͤmmt: welches waren die Graͤnzen 
feiner Gewalt ? die Grabe feiner Statthalte⸗ 
riſchen Auctorität ? was Tonnte and burfte ex 
ſelbſt thun ? allein thun ? ober worinn hat er 
blos ex Mandato handeln, anfragen, Gut⸗ 
achten erflasten, ſich mit andern herum bifpus 


Ph. Wilh. Sr.v.Bolneburg. 185 
fin, es vordemonſtriren und vorcalculiren 
muͤßen? . 

Denn, was ein großer Dann nicht ge 


than hat, weil er es nicht thun koͤnnen und 


doͤrfen, iſt, nad) innerm Werthe, oft mehr, 
als das, was er wirklich gethan hat, iſt oft jnſt 
der groͤßte und wichtigſte Zug in feinen sorgen 
Leben und Charakter. Zu 

Ein großer Mann Fan felten fe viel has, 
ald er thun möchte, und je größer der. Hof, 
je ein größeres Genie fein Sonverain iſt, je 
weniger fan er es; wer daran zweifelt, frage 
Kauniz und Herzberg. - Wenn aber ein 
dirigirender Mann in einer Fleinern Sphäre 
nicht alles ihm mögliche thut, fo iſt er entwes 
der ſchwach, ober boͤs, ober faul, ober’ alles 
zuſammen; ober, wen er von: all diefem das 
Gegentheil ift , fo haftet ed an feinem Herrn 
und deſſen Mlinifierio, und erfl alsdaun iſt _ 
entſchuldiget, und früher ober fpäter' gerecht⸗ 
fertiget. | 

Ich kenne feldft einen Mann, ven fein 
Monarch vor zwölf Jahren in-eine Eleine, aber 
bis in Grund verwilderte und zerrüttete Pros 

Ms; * 


186 Politiſcher Charakter 


vinz zum Aufräumen und Umſchaffen ſchickte. 

Der Monarch Eannte diefen feinen Diener als 

einen ſehr beeiferten, treuen, aber zugleich ra⸗ 

fen und fenrigen Mann. Es wurde ihn alfe 
nicht nur ein ihn. fehr beſchraͤnkender Foliane 
son Jnſtruction mit auf den Weg gegeben, fons 

. dern, ma ihn ja ſcharf in ber Trenſe zu halten, 

am Schluße berfelben die erbauliche Clauſul 

angehängt: 

‚- „So verfehen Wir Und, daß derſelbe in 
allen andern hier nicht bemerkten, und 
keinen Verzug leidenden Faͤllen ſich der⸗ 
geſtalten betragen werde, mie es einem 
redlichen, geſchickten und beeiferten Die 
ner zuſtehet, und Wir zu ſeiner Devo⸗ 
tion und Treue dad gnaͤdigſte Vertrauen 
hegen, er werde ſeines Herrn Nuzen 
beſſer, als ſeinen eigenen, befoͤrdern, und 
um ſo ehender allen Schaden vorzuͤglich 
abwehren; in zweifelhaften, hier 

nicht entſchiedenen, durch den Ver⸗ 
zug keiner Gefahr unterworfenen 
Faͤllen aber viel lieber Unſere al 
lerhoͤchſte Befehle abwarten, als 


— — 


Ph. Wilh. Gr. v. Boineburg. 187 


feinen wohlmeinenden, und für 
Unſer Beptes beſorgten Kifer nur 
der geringſten vVerantwortung aude 
fezen wocllen. 
Weil ed nun mir Beflimmung ber auf tem: 


Verzuge haftenten Gefahr ungeiähr eben bie 
Beſchaffenheit hat, wie mit Eutſcheidung des 


Cafus foederis unter den Böllern, wobei ber 
Stärkere immer Recht, unb ber Schwaͤchert 
Unrecht has, fo erwählte dieſer Mann dad 
Sichere, and ſchickte nicht nur alle Quartale 
fäntlihe in Civil» Kameral s Polizei s Kirs 
cheu⸗ und bergleihen Sachen gehaltene Prote- 
Ile, ala Eontrolle feines ganzen Dienſibe⸗ 
trages, ein, fonbern erlaubte ſich auch bei deu 
vielen neuen Anftalten und Verordnungen kei⸗ 
u von irgend einigem Welang , ohne vorerſt 
anufragen. Der Mann, fo bei den Sou⸗ 
verain ben Vortrag über IR Angelegenheiten 
dieſed Laͤndgens hatte, war ein treflicher Cal⸗ 
culator und Wirthſchaft⸗ Werwalten ,.: haste 
aber in feinem Leben Fein Dorf, geſchweigt ein 


Land, regiert, noch auch nur in irgend einem 


Landes s Kollegio gefeffen ; aus fcjiefen Ein⸗ 


88 Politiſcher Charakter: 
ſichten erfolgten alſo ſchiefe Vortraͤge, und aus 
dieſen nnvollkommene, widerſprechende und al 
Yen Muth darnieder ſchlagende Eutſchließun⸗ 
gen. Er, bei den wochentlichen Vortrag thun 
ſollte, wurbe des Lefens, Ertrahirens und 
Meferivend am: erfien müde: ‚, meint dann 
C fagte er einft in Ungebuld ) ber * *, daß 
wir hier nichtd zu thun haben, als feine Bes 
richte zu leſen?, Diefe blieben alfo in mehs 
veren wichtigen Angelegenheiten unvorgetra⸗ 
gen, mithin auch unreſolvirt; der rafche Mann, 
ber mit halben Sachen nichts zu thun haben, 
fondern aus einer Wüfle einen Garten machen 
wollte, ward einer Lage überdrüßig , bie ihn 
tief unter die Unctorität eines guten Ober⸗ 
Schultheißen erniedrigte; er gieng, und nach 
ſeinem Weggange fielen die Sachen wieder in 
diejenige Unordnung zuruͤck, woriun fie feit 
fechzig Jahren geiftfen waren 5 bad Laͤndgen 
und bie Unterthanen giengen zwar dabei im⸗ 
mer mehr zu Örunde ; dem Meferendas 
rius warb aber doch fein Referat ſehr erleich⸗ 
tert; und ber Herr! — ei nun, ber hatte 


Ph. Wilh. Gr. v. Beineburg. 189 
freilich größere Gegenftaͤnde and Eutwuͤrfe, als 
ſich um Eierſchalen zu bekuͤmmern. 

In der ausfuͤhrlichern Biographie börfen 
wir alſo auch nähere Belehrung erwarten : 
wie fah es in Erfurt aus, ehe Boineburg bins: 
fam? und wie blieb’3 und warb es, da er mit 


Tod abgieng? 


% 
= ” , 
Nun wollen wir deu Parentator bes een 
Nannes ſelbſt anhoͤrun. | 


— 


ign Politiſccher Charakter 


DREE Ze 
Uner ben, Stoatömäunern find einige ‚ bie 
über, die gefellichaftfiche Verbindung der Men⸗ 
fihen nene Wahrheiten entdecket, und neue Ges 
fihtspuntte ‚angegeben babe. Die andere 
Klaffe machen die Männer aus, welche bie bes. 
kannten Wahrheiten und Negeln auf den ges 
genwärtigen Zuſtand der Menſchen anwen⸗ 
den. Dieß find die eigentlichen Geſchaͤfts⸗ 
Maͤnnger. 

Unter dieſen behauptet werhalmißmaͤgig 
eine der erſten Stellen der 1717 als Statt⸗ 
halter in Erfurt verſtorbene Graf von Bots 
neburg. Selten has wohl je ein Daun feis 
ne Stelle fo vollkommen audgefüllet , und in 
feinem vorgefchriebenen Zirkel fo viel gemwirs 
tet, als er. 

Bon feinen frühern Gefäjäften, ‚ feinen 
wichtigen Geſandtſchaften am Kaiferlichen Dos 
fe, und von biefem and an den Mlaiuzifchen, 
Trieriſchen und Sähfifhen, von feinem Aufs 
enthalte bei Karl dem Zmölften, ber ihn vors 
züglich ſchaͤzte, bat er häufige Papiere und 


Wild. Gr.v. Boineburg. 191 


Nemoirs hinterlaſſen; aber alle ſind fuͤr uns 
ach bis anf die ſe Stunde verlohren; und wir 
haben von feiner politifhen Laufbahn keine 
‚andere Nachrichten, ald die, die feine Statts 
halierſchaft in Erfurt betreffen. Vielleicht 
| heines Diefer Wirkungds Kreis zu Fein, um 
harand fein Talent beurtheilen zu Tonnen. Al⸗ 
kinder Geift des wahrhaft großen Gefchäftse 
Maunes zeige fih in der Verwaltung auch 
von wenig Aemtern. Won ben, was er bier 
geihan hat, fchließt man auf dad, was er im, 
einem größern Wirkung s Kreife, hätte leiſten 
lkoͤnnen. 
erfolge u man Boinebung i in biefem Ges 
(häfte, fo zeigt ſich ald der erfle Hauptzug 
ſeines politifchen Charakters eine weit umfafs 
me Thätigkeit. So, wie er in Erfurt 
ankam, griff er alle Theile der Berfaffung 
an, unterſuchte fie „ brachte in alle wichtige 
Verbeſſerungen, und führte dieſe alle zugleich, 
und mit gleichem Nachdrucke fort. Auch die 
wichtigſten auswärtigen Gefchäfte hinderten 
ihn nicht daran Er machte Polizei» Vers 


192 Politiſcher Charatter- 


orbunngen zu eben ber Zeit, da er in Alt 
‚ Ranflade bei ‚Karl dem Zwoͤlften nego— 
cite | 

Seine Einrichtungen folgten fich alle Schlag 
auf Schlag, Wenn fie durch widrige Um⸗ 
fände in einem Jahre aufgehalten wurben, wie 
1706. burd) den Morbifchen Krieg, fo verbops 
pelten fie fih In dem folgenden. 

Er gieng bei allen feinen Anftalten fehr 
ins Detail, befümmerte ſich felbft um die 
Ausfuͤhrung, aber er beforgte nie einen Theil 
‚auf Unkoſten des andern, und noch weniger auf 
Koſten des allgememen Verhaͤltniſſes. 


Alle ſeine Anſtalten trugen das Gepraͤge 
eines reiflich uͤberdachten Planes. Alle ſei⸗ 
ve Maasregeln zur Ausführung waren wer 
mäßig, Feine überflüßig. 

Seinen Plan befolgte er mit anunterbror 
Heer Aufmerkſamkeit, und mit ver groͤß⸗ 
ten Standhaftigkeit; was er einmal anges 
fangen hatte, das führte ex gewiß aus. 
| Er 


| 


| 


| 


Ph. IB. Gr.n. Boineburg 1 


Er draug tief im jedes Seſchaͤſt ein; cal⸗ 
liste zuvor genau alle Umſtaͤnde, hatte er 
sber einmal beſchloſſen und auögeführet „ fo 
gieng er nie zurüd. Wiele.son feinen Auſtal⸗ 
ton befichen noch bid af dem heutigen Tag, und 


| bie, welche eingegaugen ſind, ſucht man größe 
tentheils wieber bervor. 


Wenn er gefüet hatte, fo wußte er ruhig 
bie Erude abzuwarten ; alle Umſlaͤnde konnten 
deſe nur verſchieben, nicht vereiteln. | 

Sein Blick in Staats » Sefchiften war 
er groß, immer auf die HZauptſache. Die 
feinen Neben⸗ Formalitäten , bie für manche 
ſo wichtig find, vernachlaͤßigte er. 

Dieß war ſein Gang in den Verhaͤltniſſen 
wit ben MNachbaru.und:mit ben Proteſtauten 
in Erfurt. „Seine Toleranz gegen beide gab 
ihm freien Raum zu Teinen eigen wichtigen 
Unternehmungen - 

Dabei vernachläßigte er die Reste feines 
Randesheern uub ber Unterthanen wide. Ex 
vertheidigte beibe.mit der größten Unerſchro⸗ 
ckenheit und mit dem edlen Stolze, ber 

Patr. Archiv, III. Theii. 


N 


» 


194 Politiſcher Eharakter 


ein weſentlicher Zug ſeines Eharakters war, 
felbſt in dem gefährlichen Jahre 1706, wo fein 


Landgen bon Schwediſchen und Saͤchſiſchen 


Trouppen uͤberſchwemmet war. 
Sein Bang war in allen feinen Unterneh⸗ 
mungen gerade, offen und beftimmt. Er 


. bediente fich keiner Umwege, fonbern kuͤndigte 


gleich am Anfange jeder Unternehmung au, wo 
ex eigentlich hinwollte. Jndeſſen wußte er die 
Umſtaͤnde mit Klugheit zu nuͤzen. Er ges 


.brauchte bie Gunſt Karls des Zwoͤlften mis 


vieler Geſchicklichkeit zum Vortheil ſeines Lau⸗ 


des. Aber auch dieſe hatte ex fich nicht. durch 
Seitenwege, ſondern durch das Aſcendaut ſei⸗ 
ner Verdienſte erworben. Karl der Zwoͤlfte 
ſchaͤzte ihn wirklich mit einer Art von Bewun⸗ 
derung. Da man ihn uͤber die Etiquette be⸗ 
fragte, die man gegen Boineburg (der nicht 
eigentlich bei ihm Geſandter war) beobachten 
follte, fo fagte u: Dem Manne koͤnne man 
nicht Ehre genug erzeigen. Er pried ben 
Kurfuͤrſten von Mainz gluͤcklich, fol einen 
Drinifter zu haben. | 


Pb. Wilh. Gr.v. Boineburg. 195 
Die Benge wihtiger Dinge, die er in Zeit 


Bei feiner großen Entfchloffenheit war er 
body weder beftig, noch hart. Er war einer 
trenen Freundſchaft und befländigen Zuneigung 
fähig. Er war fireng, aber auch väterfich ge⸗ 
finnet gegen feine Leute, wohlthaͤtig gegen Noth⸗ 
leitende. Er betrieb in Erfurt kaum ein Ger 
fhöft mit mehr Nachdruck, als die Errichtung 
einer Irmen-Anftelt. Sie kam noch unter 
ihm zu Stand, und erifliret noch. 

Er hatte Geſchmack, das zeigen feine of⸗ 
fentliche Werke, die alle etwas großes und 
ſhones an ſich haben. Er liebte das Ver⸗ 
gnuͤgen, und theilte ed gerne andern mit. Er 
legte für feine Erfurter Promenaben an, gab 
in feinem Hauſe Feſtind und Bälle, bei denen 
aller Zwang und Unterfchied der Stände vers 
bannt war. Die Einwohner liebten ihn, und 

Ma 


196 Politiſcher Charakter 
ſein Andenken iſt in Erfurt noch bis anf-diefe 
Stunde gefegnet. 
Er liebte und fihäzte bie wiffenfchaften, 
feine Bibliothek vermachte er ber. Univerſitaͤt 
au Erfurt, und fliftete bei derſelben eine, von 
feinem Vater ſchon projektirte Profeffur des 
Deutſchen Staatsrechtes, oder, mit den Wor⸗ 
ten ſeines Teſtaments zu reden : „Eine auf 
„Katholiſchen Univerſitaͤten bisher ſehr negli⸗ 
„girte, doch ſebr noͤthige Profefluram Hiſto- 
„riarum & Philoſophisæ practicæ, quo no- 
„mine antiquitates mediæ &.recentis Hi- 
„Rori&, Ecclefaftice & fecularis, Ethi- 
„ces & Juris publici, & fi id genus alia 
„ad cultiorem illam & in luce verfantem 
'„literaturam fpeötant, continentur. ,, Man 
erkennet hierinn den Geiſt, ber in Conring 
und dem alten Minifter Boineburg herrſch⸗ 
te, einen Geiſt, ber wirklich über fein Zeit 
alter hinweg ſchaute. Auch hatte er ben Ge⸗ 
danken gefaßt, eine Akademie ber Wiſſenſchaf⸗ 
ten in Erfurt zu arxichten; aber der Tod bam 


ihm zuvor. 


Ph. Wilh. Gr.v. Boineburg. 197 | 


Boineburgs Haupt⸗Wiſſenſchaſt war in 

ven die Regierungs⸗Kunſt, und fein groſ⸗ 
(ed Talent, die Menſchen zu leiten, und nad 
feinen Zwecken zu bilden. Er mußte, da er 
nah Erfurt Fam, in feinen Räthen und Uns 
ter Bebienten die durch eine nachlaͤßige Regie⸗ 
rang beinahe erflorbene Thaͤtigkeit wieder anfs 
win. Sein Mittel war: Ohne durch Präs 
- zarationen und grabnelle Anleitung Zeit zu 
verlieren, feste ex fie fogleich mitten in die Ar⸗ 
bit, Gleich nad; feiner Ankunft und in der 
Folge am Anfange jeden Jahres ließ er fämts 
Ihe Inſtruktionen, die feinigen zuerfl, verles 
ſen. Auf dieſe hielt er num unverbruͤchlich. 
Gleich darauf bekamen alle Stellen Fragen 
über die intereſſanteſten Gegenſtaͤnde ihres Des 
partement zu beantworten. Dabei mußten, 
wo es zutraͤglich war, Verbeſſerungen vorges 
ſchlagen werden. Dieſe wurden unterſucht, wach 
Befinden ſogleich eingefuͤhret, und genau auf 
deren Beobachtung geracht. In biefer Abſicht 
ordnete Boineburg in den unsern Stellen Vi⸗ 
ſiallonen, and in den Kollegien eigene Cenſo⸗ 
| — 


108. | Politiſcher Charakter 


zen über die Execution der Verordnungen. So 
fezte er all feine Stellen gleich in dem erfien 
Sabre in Gang, und hielt fie beſtaͤndig darinu. 
Immer wurbe an neuen Einrichtungen und 
Verbeſſerungen gearbeitet; wenn er verreifete, 
verlangte er immer, daß auf feine Zuruͤckkuuft 
neue Vorfchläge gefammelt werben follten. Bei 
der Ausführung war er überall ſelbſt zugegen, 
and führte und theilte die Arbeit. Kein Feh⸗ 
ter in der Admiuiſtration  gieng ungeahnder 
vorüber. Er Eaflirte eine ganze Kommerz⸗ 
Deputätion, bie er ſelbſt errichtet hatte, weil 
fie ihre aufgetragene Pflicht nicht erfüllte. Aber 
er belobte und belohnte auch dad Verbieuft, und 
den Dienfleifer ; vahm ſich der Rollegien mit 
Wärme, felbfl gegen ven Landesherrn, on. 
So bildete er ſich vortrefliche Räthe, ‚die ihm 
ganz ergeben waren, und, ganz von feinem 
Geiſte belebt , in jeder Gelegenheit zu feinen 
Abſichten treulich mitarbeiteten. 
Sein Geſichtspunkt in dee Adminiſtra⸗ 
tion war innerliche Ordnung und Berei⸗ 
derung des Staats. ‚Für das erſte forgte 


⸗ 


Ph. Wilh. Gr. v. Boineburg. 199 


a durch Polizei⸗Geſeze uub Auſtalten, Feuers 
Admungen, Baus Orbnuugen Geſeze über 
Vagabunden, Eamen gleich im erſten Jahre 
heraus. Zu Beförderung ber Ruhe verlegte 
er die Garnifon in Safernen. Er fleuerte bem 
Straffen » Bettel, aber verforgte auch die 
Armen; die ſchon exifiirenden milden Stifs 
tungen erbielt er mit vieler Sorgfalt, bie 
übrigen Arınen murben unter ber Aufſicht eis 
wr eigenen ZlrmensLommißion, durch Ab⸗ 
an von der Dienerfhaft, und durch freimwils 
lige Eollecten von den Einwohnern uuterflüzt. 
Seine gedruckten Auſchlaͤge über diefen Gegen» 
fand find fehr fehönz; bloße Ermahnungen obs 
ve Zwang, wozu er doch fonfk feiner großen 
Zhätigleit und der bamaligen Denkungsart ges 
mög fehr geneigt war. Außer dem ſammelte 
er fein ganzes Leben hindurch an einem eigenen 
Fond zur Errichtung eines Arbeitshauſes. 
Dieſes fchien feine Favorit⸗Kaſſe zu feyn, wo⸗ 
bin er alle zufällige Einkünfte, Straf⸗Diſpen⸗ 
fationd s Gelder, u. ſ. w. wandte. Cr bezengte 
beſondere Ruͤckſicht denjenigen, welche fveiwil⸗ 
N4 


200 Poolitiſcher Chärakter 


Yig dazu beitrugen. Auch errichtete er eine bes 
fondere Kommißion, bei der jeder Bürger fein 
Anliegen vorbringen,, und, nad) feinem vers 

haͤltnißmaͤßigen Beduͤrfniß, Rath oder Unter⸗ 
ſtuͤzung erhalten koͤnnte. 

Er fuh beſonders auf die Erbauung 
neuer Zaͤuſer in der Stadt und auf dem 
Lande, und füchte fie theils durch Ban Freis 
heiten, theild durch ungänflige Geſeze gegen die 
Beſizer oͤder Bauflelleu zu befördern. 

Er gieng die Candes⸗Geſeze durch, anf 
verbeſſerte fie in wichtigen Artikeln. 

Er Tieß auf dem Lande eine neue Vers 
meffung vornehmen, und ein neues Urbarium 
einrichten. Ueberhaupt änderte er auf dem 
Lande manches in der Verfaffung, gab Lan⸗ 
des⸗Ordnungen, ſowohl uͤber die Land⸗Oeko⸗ 
nomie, als beſonders uͤber eingeriſſene koſtſpie⸗ 
lige Gewohnheiten und Mißbraͤuche; errichtete 

Hypothecken⸗Buͤcher; ſezte eigene Amtleute, 

da bisher die Adminiſtration auf dem Lande 
durch Staͤdtiſche Dikaſterien gefuͤhrt worden 
war. Die gute Ordnung, die Sorgfalt fuͤr 


Ph. Wilh. Gr.v. Boineburg. aor 


di Freiheit und dad Eigenthum der Einwoh⸗ 
u, die er in alle Theilung der Verwaltung 
hrahte, trugen vieles zu dem blühenden Zus 
fand des Landes bei. 
Sür die Gewerbe und ben Zandel hat: 
er fehr viel geleiftet. Erfurt hatte, da er aus 
Im, Mangel aud) an den nöthigften Hand⸗ 
werkern, und faft Eeine Fabriken, als etwas 
Strumpfwuͤrkerei, und einige Hengmacher. So 
wit war bie fonfl blühende Stadt durch wies’ 
Il Ungluͤcksfaͤlle, und befonders durch eine 
ſchreckliche Peſt, die in den Jahren 1683 und | 
1684 gegen zehntaufend Mlenfchen tweggeraft: 
batte, zuruͤckgegangen. Den Mangel an Hands 
werkern erſezte er gleich in den erfien Jah— 
m, Indem er die Muth⸗Jahre und andere 
Handwerks » Einfähränfungen auf einige Zeit . 
einſtellte. Und da er ſtarb, war Erfurt volk 
berrächtlicher Sabriken aller Arten. Zuden 
meiflen noch exiſtirenden iſt in feiner Admini⸗ 
ſtration ber Grund gelegt worden. In dieſem 
Gegenſtande befolgte es die Grimbfäze Cole 
berts. Er war tief-in dieß Syſtem ringe⸗ 
N 


— 


* 


202 Politiſcher Charakter 


drungen, und führte ed mit wielem Nachbruck 
ganz im Geifte Colberts, aber freilich in der 
weisefien Ausdehnung, ein. Ex machte den 
Anfang mit Errichtung einer Commerz ⸗De⸗ 
putation, wozu Kaufleute gezogen wurden, 
theils am neue Einrichtungen in Handels⸗ und 


Gewerb⸗Sachen zu treffen, theils alg ein ſum⸗ 


marifches Handels » Bericht. 

Durch diefes Kollegium machte er. viele 
Einrichtungen. zur VBefdrderung und Bervolls 
kommnung der Fabrikation. Er verwendete 
Unterflüzungen , Belehrung , offentlihe Ans 
flalten.. So errichtete er auf Kerrichaftliche 
Koften eine offentlihe Schoͤnfaͤrberei, die auf 
einige Jahre ein Zwang⸗ Recht hatte; nachher 
aber , da biefe Art zu färben bekannter war, 


„verkaufte er fie als ein bloßes Privat» Werk. 


Auch gab er Verbote, Waaren, die and) in 
Erfurt gefertiget wurden, von fremden Orten 
einzuführen , ober fezte Eingangs » Impoflen 
darauf. Er unterfagte die Ausfuhs gewiſſer 
roher oder halb » verarbeiteter Fabrik » Mates 
rialien, z. B. ber Garne. Cr biels fireng 


Ph.Wilh. Gr. v. Boineburg. 203 


über bie aus ſchließenden Zunfts Geſeze, führte 
Shane der Erfurter und ber freuten Waa⸗ 
mein. Allen Zwang, der wohl nirgends, am 
allerwenigſten aber für eine gauz von fremden 
Laͤndern umzingelte Stabs, bie ihren Hanpt⸗Ab⸗ 
fa} eben bei biefen Fremden fuchen mußte, zus 
traͤglich ſeyn Eounte, verbammte er. Boineburg 
fühlte bisweilen ſelbſt den Nachtheil diefer Eins 
tihtangen,, gieng auch wohl anf einen Augen⸗ 
bil davon ab, aber das allgemeine Syſtem 
uch das Geſchrei der Fabrikanten brachten ihn 
wieder zuruͤck ins alte Glais. Doc waren 
ſeine Berbots s Gefeze immer billiger, als mans 
' denemere „ denn fie betraffen nur die Waa⸗ 
tm, die der Einwohner in ber Stadt ſelbſt 
gut und um einen leiblichen Preis haben 
Tonne, Ä 

Vorzüglich ſuchte er Verleger der Sa» 
brikationen und neue Sabrifanten nad 
Erfſurt zu ziehen. Diefen machte er viele Vor⸗ 
theile, bewilligte ihnen Vorſchuͤße, Freiheiten 
und andere Annehmlichkeiten. Hieruͤber iſt 

beſonders merkwuͤrdig ein gedrucktes Patent, 


— — 


202 Politiſcher Charakter 


drungen, und führte ed mit wielem Nachdruck, 
ganz im Geifte Colberts , aber freilich in der 
weitefien Ausdehnung, ein. Er machte den 
Anfang mit Errichtung einer Commerz ⸗De⸗ 

putation, wozu Kaufleute gezogen wurden, 
theils um neue Einrichtungen in Handels⸗ und 


Gewerb⸗Sachen zu treffen, theils al ein ſum⸗ 


marifches Dandeld » Gericht. j 
Durch diefes Kollegium machte er. viele 
Einrichtungen. zur Befoͤrderung und Vervoll⸗ 
Tommnung ber Fabrikation. Cr verwendete 
Unterfläzungen , Belehrung , offentlihe An⸗ 
flalten.. So errichtete er auf Kerrfcaftliche 
Koften eine offentlihe Schöufärherei, die auf 
einige Jahre ein Bwangs Recht hatte; nachher 
aber, da dieſe Urt zu färben bekannter war, 


verkaufte er fie ald ein bloßes Privat» Werk. 


Auch gab er Verbote, Waaren, die auch in 
Erfurt gefertiget wurden, von fremden Orten 
einzuführen , ober fezte Singangs » Impoften 
darauf. Er unterfagte die Ausfuhr gewifler 
zober ober halb » verarbeiteten Fabrik s Mates 
rialien, z. B. ber Garne. Er hielt fireng 


— 


Ph. Wilh. Gr. v. Boineburg. 203 


über bie aus ſchließenden Zunfts Gefeze, führte 
Shane ber Erfurter und der fremten Waa⸗ 
ven ein. Allen Zwang, der wohl nirgends, am 
allerwenigſten aber für eine ganz von fremden 
Ländern umzingelte Stabs, die ihren Hanpt⸗Ab⸗ 
ſaz eben bei bielen Fremden ſuchen mußte, zus» 
träglich feyn Eonnte, verbannte er. Boineburg 
fühlte bisweilen felbfl den Nachtheil diefer Ein⸗ 
richtungen, ging auch wohl anf einen Augen⸗ 
blid davon ab, aber das allgemeine Syſtem 
and das Gefchrei der Fabrikanten brachten ihn 
wieder zurück ins alte Glais. Doch waren 
feine Verbots⸗Geſeze immer billiger, ald mans 
he neuere , denn fie betraffen nur die Waa⸗ 
sen, die ber Einwohner in der Stadt felbft 
gut und um einen leiblichen Preis haben 
konnte. 

Vorzuͤglich ſuchte er Verleger der Fa⸗ 
brikationen und neue Fabrikanten nad 
Erfurt zu ziehen. Dieſen machte er viele Vor⸗ 
theile, bewilligte ihnen Vorſchuͤße, Freiheiten 
und andere Annehmlichkeiten. Hieruͤber if 
beſonders merkwuͤrdig ein gedrucktes Patent, 


Politiſcher Charakter 


dad er 1715 burch ganz Deutſchland verbreis 
ten ließ, und worinn er fremden Fabrikanten 
and Kauflenten, wenn fie nah Erfurt ziehen 
wollten , zehenjährige Freiheit von allen Abs 
gaben, nachher gelinde Auflagen, Wechfels 
Recht, Vorfchuß à 6 vom Hundert, (der das 
mals in Exfurt gewöhnliche Curs) and fogar, 
wenn fie allenfalls nad zehn Fahren wieber 
binmweg ziehen wollten, Abzugs» Freiheit vers 
ſprach. Dadurch z0g er wirklich vermögende 
ind induſtrioſe Leute in die Stadt, die noch 
bis anf diefe Stunde die beften Folgen davor 
empfindet. Monopolten hat er, p viel ich 
weiß, nie zugeflanden. Ä | 
Die innlaͤndiſchen koſtbaren Produktionen; 
Wein, Saflor, Anis, Waid, fachte er auf 
verſchiedene Art zu beſoͤrdern, durch Verbote 
fremder Weine, Aufhebung der Ausfuhr⸗Zoͤl⸗ 
Ve, Anweiſung zu befferer Behandlung diefer 
Produkte. So ermunterte er and) bie Uns 
yflanzung fruchtbarer Bäume, Allein fein 
Haupt » Augenmerk gieng auf die Städtifchen 
Gewerbe. Diefe betrieb er durch Geld, Freis 


Ph.Wilh. Gr. v. Boineburg. 205 
kim, alle Arten Aufmunterung; bie Laud⸗ 


Seöufirie blos durch Befehle Man kan ig 


gar, wie Eolbert, vorwerfen, daß er das 
Sand der Stadt aufgeopfert hat. Um 
den Sewerben in der, Stadt einen Bortheil zu 
verfhaffen, fchloß er ben Landmann ganz, oder 
zum Theil von dergleichen Arbeiten aus. Dieß 
war um. fo härter, da diefe in ber Stadt durch 
eine beträchtliche Acciſe vertheuert waren. Die - 
toflbarften Produkte des Landes durften grofe 
In Theils nur in Die Stadt verkauft werben, 
und nur, wenn fie dort nicht abgieugen, au 
Fremde. Um bie Lebensmittel in der Stadt 
wohlfeil zu erhalten, erregte er eine gezwun⸗ 
gene Concuryenz gegen ben. benachbarten Rande 
mann, indem ex die Staͤdtiſchen Victnaljen⸗ 
Händler zwang, ihre Waaren alle außer dem 
Erfurter Gebiet einzulaufen. Durch fol4 
Einrichtung kan man freilich auf der einen 
Site gewinnen; aber man pezliert eben, fosigl 
auf der andern. So waren auch feine Tags 
Ordnungen für Wirthöhäufer, für Victua⸗ 
len und für den Taglohn. Reeller noch, und 


206 Politiſcher Charakter 


anf der Stelle fühlbarer war der Schaden, da 
er eine kurz vor ihm eingeführte Auflage auf 
das in Erfurt zu Markte gebrachte Getraibe 
nicht aufbob. Denn ein Zheil des Getraide⸗ 
Handels, der: bis dahin eine Art natürlichen 
Monopols für Erfart war, 308 ſich in die bes 
nachbarten Städte, . 
Sehr vortheilhaft hingegen für Gewerbe 
and Handlung war unſtreitig bie Errichtung 
einer Credit⸗Kaſſe, die den geringen Buͤr⸗ 
gern in Meinen Summen zu zwanzig bis fuͤn fe 
zig Thalern, zu fünf vom Hundert, Vorſchuß 
that. Eben fo formitte er eine ſogenannte Des 
»olttensKaffe, bie noch exiſtirt, und die eis 
gentlich ein Fond zu größern Unternehmungen 
zum Beßten des Landes if. 

Die Finanzen verwaltete er mit großer Ord⸗ 
nung und Geſchicklichkeit. Bei al dem Uns 
gluͤck der bamaligen Beit erhub er doc, größere 
Auflagen, ald je ein Statthalter vor ihm, und 

man hoͤrte eben nicht viele Klagen darüber ; 
ein Beweis, daß das Land bei Kräften war. 
Statt der. {ehr erhöhten Grund « und Haus⸗ 


DH. Wilh. Gr. v. Boinebura. 207 


Eimern führte er ſtarke Acciſe ein; eine Auf⸗ 
lage, die eben nicht leichter war, als die, wel⸗ 
he ſie erſezte, aber weniger bemerkt wurde. 
Eine feiner großen Huͤlfs⸗Quellen war die 
(aducirung der in voriger Zeit unzechtmäßig 


erlangten Grundſtuͤcke. Gie war wirklich ges 


| 


| 


| 


recht, aber druͤckend, und erregte viele Kla⸗ 

gen. | Ä 
Dieß ungefähr waren die Maasregeln, die . 
Boineburg anmandte, um feinem fo fehr ges 
fnulenen Gonvernement wieber anfzubelfen. 
Er übernahm es 1703 in ben elendeflen Um⸗ 
finden, die Nahrung gefunfen , die Stadt 
vol ͤder Wrandflästen, elende offentliche Gen 
baͤnde, viele Schulden, das Laub erfchöpft, 
die Polizei in Umorbuung, und’ (wie ein Auf⸗ 
ſaz der damaligen Zeit) fogar das Cammer- 
cum humanum geflört. Bei feinem Tode 
1717 hinterließ er die Stade voll Fabriken, 
mit einem blühenden Gewerbe, durch neue of⸗ 
fentliche und Privat⸗Gebaͤude perfhönert, befs 


I fer befefliget, ihre Armen verforgt, ihre Pos 


lizei in gutem Stande ‚ alles voll Leben und 


208 Polit. Char. P. W. Gr.v. Boin. 


Zufriedenheit. Offentliche Anſtalten mit be⸗ 
traͤchtlichen Fonds waren geſtiftet, bie Kaſſen 
alle angefuͤllt, das Land wohlhabend, und eine 
große Summe alter Schulden abgeſtoſſen. Diefe 
Veraͤndernug Eonute eine kluge Regierung in | 
vierzehn Jahren hervorbringen. 


Mad Kirchen⸗Liſten biefer Zeit waren 


1703 gel. geb. getr. 
Stadt: 335. 483. . 138. 
Land: 364. 683. : 191. 
Zuſammen? 702. 1106. 329. 
u mo 
1717: gef geb. getr. 
: Stadt 478. 561. 211. 
| Tandı 655. 875. 267. 
: Bufammen:1133. 1439. 478. | 
folglich hat ſich in dem vierzehn Fahren die Ver 
voͤlkerung ungefähr um + vermehrt, 





VL 
Kurzer Lebenslauf 


Herre 


Rochus Friderich Grafens 
zu Lynar, 


Königl. Daͤniſchen Geheimen Conferenz⸗Ratho, 
Ritters des Clephanten » Ordens, geweſenen 
Geſandtens in Schweden und Rußland, und 
Statthalters in Oldenburg und 

Delmeühorfl. 


Beh. der 16. Dec. 1708. gefl. den 13. Nov. 1781. 
er \ 

Aus denen bei der Gedaͤchtniß⸗ Predigt des Hru. Dbew 
Pfatrer Zenichen in ber Stadtkirche zu Luͤbdenau verier 
fenen, und zu Reipzig bei Cruſius in 8v0. 1782. 
gedrudten Perfonalien. 


Patr. Archiv, III. Theil. O 


"a 

Wir haben bie Welanntmahung biefer. kurzen, ader 
(Häzbaren Nachricht von dem in mannidfaltigem 
Betrachte merkwuͤrdigen Leben eines großen Mannes 
deſſen wuͤrdigen Sohne, Herrn Grafen Caſimir zu 
Lynar, zu verdanken, und es iſt Pflicht der Vereh⸗ 
rung gegen den ſeligen Grafen, dieſes fliegende 
Blatt in dieſet Sammlung aufzubewahren , dis die 
gemachte Hoffnung einer ausführlichen Lebonsbe⸗ 

ſchreibung erfuͤllet werden Fan und wird. 


Pd 


eis 0 2IE , 


Dorerinnerung 





Ir achflehenber kurzer Rebenslanf meines felis 
gen Vaters würbe nicht gedruckt worden ſeyn, 
wenn wicht ungewöhnlich häufige Nachfragen, 
and die Unmöglichkeit , jedermann durch Ab⸗ 
ſchriften zu befriedigen, es fat zur Nothwen⸗ 
digkeit gemacht bitten. | 


Er fland in fo vielen Verbindungen, und 
feine Bekanntſchaften waren fo auögebreitet, 
daß man, wenn er auch nicht berähme gewe⸗ 
fen wäre, zuverläßig hoffen Eönnte , fein Les 
ben, und befonders feine lezten Aeußerungen, 
würden einen beträchtlichen Theil des Publi⸗ 
kams intereßiren. 


Sein in der politiſchen und gelehrten 
Welt bekannter Rame vermehret dieſe Hoff⸗ 
nung. 

O 2 


\ 


213 Kurzer Lebenslauf 


Ich gedenke, wenn es die Umſtaͤnde er⸗ 
lauben, dasjenige, was das Publikum von 
ſeinem Staats⸗ Gelehrten⸗ und Privars Les 
ben intereſſiren koͤnnte, ausfuͤhrlicher aufzu⸗ 
ſezen und drucken zu laſſen. Uebrigens ver⸗ 
ſichere ich, daß im gegenwaͤrtigen kurzen Les 


bendlaufe feine lezten Tage und Stunden ges 


rade fo befchrieben worden find, wie fie 
"waren. Man ift immer bei der fixengflen 
Wahrheit geblieben, und alles flieht fo ba, 
wie es der Selige gefagt bat. Nicht das Ges 
ringſte iſt etwa anders eingekleidet worben. 
Das bezeuge ich offentlich als ein Augen⸗ und 
Dprens Zeuge, 


Gott wolle bie chriftlichen Aeußerungen 
dieſes groffen Mannes bei vielen einen heilfas 
men Eindrud machen, und fie an biefem neuen 
Beiſpiele feben laſſen, wie heiter das geglaubs 
te underfahrne Evangelium den Autgers 
aus der Welt mache. 


m | Sanuar 1782. 


Caſimir, Graf zn Cynar. 


a 


Rochus Frid. Gr. zu Lynar. 213 


u 
%* #* 


Ua hochfeliger, anvergeßlicher Herr, warb_ 
auf dem biefigen Hochgraͤflichen Schloße am 
zöten December 1708 gebohren. 

Sein Herr Vater, Friderich Cafimir, bes 
ſaß glänzende und ſchaͤzbare Eigenfchaften. Sei⸗ 
ne Talente ſchimmerten unter andern Perfonen 
feines Standes auf eine allsgezeichnete Art. 
Sein richtiger, und alles mit einer gewiſſen 
Anmuth wuͤrzender Verſtand war durch die 
Wiſſenſchaften angebauet, und ſein Gedaͤchtniß 
durch die Kenntniß verſchiedener, ſonderlich le⸗ 
bender Sprachen bereichert. Schon fein fanfs 
tes, und dem Genuſſe der Freude offenſteheũ⸗ 
des Temperament ſtimmte ihn zu derjenigen 
Gattung von milder Guͤte, welche ihm die Her⸗ 
zen feiner Unterthanen erwarb, und jedermann 
feffelte, der dad Glüd feiner genauen Bekannt⸗ 
[haft genoß. | 

Seine Gemahlin, die Frau Mutter uns - 
ſers hochfeligen Herrn‘, eine gebohrne Graͤfin 
von Windiſchgraͤz, war eine fo ehrwuͤrdige 
Frau, daß ihr bloßer Name bei denen, bie fie 

| | 23 


214 Kurzer Lebenslauf 


gekannt , ober richtig ſchildern gehört haben, 
Empfindungen zärtlicher Ehrerbietung erwecken 
wird. Der Mauptzug ihres Charakterd war, 
alles , was man fich bei einer treuen, weiſen 
and Liebenden Hausmutter zu benfen pflegt, 
und (welches noch ehrwuͤrdiger iſt) bie herr⸗ 
fchenbe Liebe zu Gott, ihrem Erlöfer, und zu 
denen, bie fie ald treue Anhänger diefes bei ihr 
alles uͤberwiegenden göttlichen Freundes erfanns 
tee Diefer bewies ihr, und durch fie andern, 
auch in den legten Stunden ihres Lebens, wie 
klug und gut man wähle, wenn man zum Wahl⸗ 
ſpruch hat: „Der Herr iſt mein Theil, fpriche 
meine Seele. ,, | 
Die engen Schranken ber Zeit verbieten 
mir, den Groß⸗Herrn Bater bed Hochſeligen, 
Siegmund Caſimir, zu ſchildern, auch einen 
voonrtreflichen Herrn, der vor feinem Ende bes 
nu geugte: „So wahr Gott Gott fei, fo wahr 
wohne er in feinem Herzen;, und mit bem 
Ausrufe aus der Welt gieng: Herr Jeſu! bleis 
be in mir, und ich will in bir bleiben. Da id 
wicht einmal folche Züge ansmahlen Fan: fo 
N verzeihe man mir, wenn id; von bem Alter 


Rochus Krid. Or. zu Lynar. 215 
und Glanze des vornehmen Gefchlechtes des 


Hochſeligen, von den berühmten Thaten feiner 


Borfahren im Kriege und Frieden, und von 
ihren firahlenden Eigenfchaften an biefer,, der 
Erbauung geweiheten Stätte, ſchweige. Die 
Jahrbuͤcher der Gefchichte haben fie verewiget, 
and der Hocfelige borgte feinen Stanz nicht 
von feinen Ahnen. 
Sm Sahre 1716 verlohe er fchon feinen 
Herrn Vater, und ward von feiner Frau Mut⸗ 
ter bis 1724 hier erzogen. Alsdann Fam ex 
nah Koͤſtriz im Reußiſchen Voigtlande, and 
ber. durch feine ruͤhmlichen Eigenfchaften und 
ungefaͤrbte Gottſeligkeit nicht nur in Deutſch⸗ 
Ind, ſondern auch in einem großen Theile von 
Europa berühmte Herr, Heinrich der 24ſte 


Reuß, Graf und Herr von Plauen, nachhes 


tiger Schwieger Herr Vater unſers hochfeligen 
Herrn, warb durch ben Auftrag der Fran 
Mutter deffelben, die mit dem Haufe Köftriz 
fhon Lange in gefegneter Bekanntſchaft fland, 
und.durch feine ausnehmende Sorgfalt, fein 
zweiter Vaters; und feine Gemahlin , eben» 
fols eine große und feltene Frau, theilte dieſe 
| 4 


! 


ı N 


216 Kurzer Lebenslauf 


vortrefliche Sorgfalt mit Ihrem , im Gutes⸗ 
Thun, wie in feinem Elemente, Icbenden Ges 
wahl. 

Der hochſelige Herr bezog 7726 die Uni⸗ 


verſi taͤt in Jena, und 1729 in Halle, und leg⸗ 


te da den Grund ber bewundernswuͤrdigen, und 
bei ihrem großen Umfange dennoch gründlichen 
Wiſſenſchaft, die er eingefammelt hatte. Im 
Fahre 1730 gieng er durch Daͤnnemark nach 
Schweden, wo im folgenden ein Reichötag ges 
balten wurde. 1731 begab er fi) auf Reifen, 
in Sefellfhaft Sr. Excellenz , feines noch lebens 
ben Heren Schwagers, bed Grafen Hrn. Hein⸗ 
rich des Vlten Reuß, und fie genoflen den Vor⸗ 
theil, zu ihrem Führer ben fehr gelehrten und 


rechtſchaffenen Graͤftich⸗ Reußiſchen Rath und 


Hofmeiſter von Geuſau zu haben. Sie reiſeten 
an verſchiedene Deutſche Hoͤfe, giengen nach 
Holland, und durch die Oeſterreichiſchen Nie⸗ 
derlande nach Frankreich, 1732 aber nach Eng⸗ 
land, darauf wieder nach Frankreich, und durch 


Locthringen nach Destſchland zuruͤck. 


Unſer hochſeliger Herr begab ſich hierauf 
nach Daͤunemark; ward 1733 Koͤniglicher 


| Rochus Frid. Gr. zu 2ynar. 217 


| Sammer » Ber, erkeitete im ber Dentfihen 
Kanzlei mis eiferzer Getulb, and einem feis 
am Dbern Srfiaunen erregenden Fleiße; er 
kam in Dad Departement ber innlänbifchen, und 
mechher aud) der onslänbifhen Angelegenheis 
ten; 1754 reifete er in Geſchaͤſten des Könts 
ges, feines Deren, nach Oſtfrießland. Das 
Jahr daranf warb berfelbe ala aufßerortentlis 
her Abgeſandter au ben Königlich s Schwebis 
(hen Hof geſchickt. In Schweden erhielt er 
auch ten Königlich s Dänifchen Dannebrogs Or⸗ 
ben, als eine Belohnung feiner Verdienſte, 
wurde 1740 zurüdberufen, und bei dem Obers - 
Gerichte in Schleswig angeflellt; im Sabre 
1742 aber ihm dad Amt Steinburg, und kurz 
nachher die Stelle eines Kanzlers im Herzogs 
Ham Holſtein auvertranetz 1746 erhob ihn 
der König zum wirklichen Geheimen Rath z 
und 1749 gieng er ald bevollmächtigter Minis 
ſlier beffelben au ben Kaiferl. Rußiſchen Hof 
1750 ernannte ihn ber König von Daͤnnemark 
zum Miniſter ded Confeild und Staats Ges 
cretate der auslaͤndiſchen Angelegenheiten, ein 
weites, und eined fo großen Geifles wuͤrdiges 
O 5 


218g Kurzer Lebenslauf 


Feld! Unfer hochſeliger Herr aber, der ge⸗ 
wiſſer wichtiger Angelegenheiten halber ſeine 
Anweſenheit am Rußiſchen Hofe dem Dienſte 
des Koͤniges fuͤr zutraͤglicher hielt, machte da⸗ 
von ſogleich keinen Gebrauch, wurde indeſſen 
Geheimer Conferenz⸗Miniſter, und als er 
1752 aud Rußland zuruͤck kam, Statthalter 
ber damaligen Grafſchaften Oldenburg und Dels 
menhorft , welches ſeitdem in ein Herzogthum 
vermanbelt worden, und bekam nachher dem 
Elephanten⸗Orden, ein in Daͤnnemark ben 

hoͤchſten Rang gebendes Ehrenzeichen, welches 

bie erhabenen Eigenſchaſten bed hochfeligen 

Herrn, ber großen Menge, bie mehr nach finus 
lichem Glanze, ald nach einem fittlihen Maas⸗ 
ſtabe die Größe der Menſchen abmipt, gleichfam- 
anfchanend machte, 

Ald in dem vorlezten fiebenjährigen Kriege 
ber König von Dännemark eine Mittelds Pers 
fon zwiſchen ben Friegführenden Mächten abzus 
geben fich bewogen fand, fo wußte nan zu dies 
fer .Eritifchen und wichtigen Unterhanblung Feis 
nen tächtigern und weifern Minifter, ald uns 
fern hochfeligen Herrn, der 1757 den berühms 


Rochus Frid. Sr. zu Lynar. 219 


ten Vaffenſtillſtand der Franzöfihen und Dam 
noͤreriſchen Armeen zu Klofler Zeven auf eine 
An bewirkte, welche bewies, daß man ſich im 
der Wahl nicht geirret hatte, und er bad Zus 
hauen feines Monarchen verdiente, weldyes er 
meinem fo hohen Grade genoß, daß er unein» 
geſchraͤnkte Vollmacht befam, und man die Mits 
kl, zu dieſem wichtigen Zwede zu gelangen, 
finer Weisheit überließ. Er wurde aud) außer, 
dem vielfältig in wichtigen Staats » Angelegen» 
beiten gebrandht. 

1766 , ald König Friderich V von Däns 
nemark flarb, verließ berfelbe die Dänifchen 
Dienſte, und zog auf bie, feinem Altern Herrn 
Bruder gehörige hiefige Herrſchaft, welche ihm 
1768, als lezterer ohne Kinder verflarb, erbs 
lich zufiel. 

Schon im Jahre 1735 hatte ſich unſer 
hochſelige Herr mit der hochgebohrnen Reichs⸗ 
Graͤn, Sophia Maria Helena Reußin, Graͤ⸗ 
fn und Herrin von Plauen, aus dem Hauſe 
Koͤſtriz, der aͤlteſten Gräfin Tochter feiner 
würdigen Pfleges Eltern, zu Koͤſtriz vermaͤh⸗ 
It, Beinahe 46 Jahre dauerte biefe verguügte 


220 Kurzer Lebenslauf 


Ehe, deren Zufriedenheit fi anf wehcſelleitig 
Hochachtung und Liebe gruͤndete, und ward in 
Februar des gegenwärtigen, durch bie ſelig 
Vollendung unſrer verewigten und verehrungs 
würdigen Gräfin in ihrem é9ſten Fahre be: 
ſchloſſen. Ihre vortreflihen Eigenfchaften fint 
tief in unſere Herzen gegraben, und ihr Uns 
denken ifl durch die Zeit andertilgbar, und uns 
auf ewig heilig. 

Sie gebahr dem Hochſeligen zwoͤlf Kinder, 
bavon fünf Herren Söhne, und drei Gräfianen 
Töchter noch am Leben find. 

Sechs Enkel erlebte der hochfelige Kerr; 
davon zween ihm in bie ewigen Freunden voran 
gegangen find. Eine Enkelin iſt einige Tage 
- nad) feinem feligen Dintritte zur Welt geboh⸗ 
ven worden. | 

Während ber fünfzehnjährigen ruͤhmlichen 
Muße von Sffentlihen Staats s Gefchäften , 
welche ber hochfelige Herr in unferer Mitte ges 

noß, befchäftigten ihn immerfort theild Lan⸗ 
des s Angelegenheiten , theild die auf bie 
Wohlfahrt und Gluͤckſeligkeit feiner geliebs 
sen Unterthanen abzwedenden Bemühungen, 


Rochns Krib. Gr. zu Eymar. 221 
Shriftfiellerifche Urteisen, melde feinen Ras 
Sıhrhunbertes noch uufern Rahlommen glaͤn⸗ 
‚m wird, auch in ber gelehrien Geſchichte 
deſſelben verewiget haben , ein nüzlicher uud 


ı auögebreiseser Briefwechſel, mebfl ber Leſung 


berſchiedener feinen Verſtand und fein Herz 
naͤhrender Schriften fülleteg feine Reben: Stuns 
den ans. Cr war ein guter Baum, ber reiche 
Fruͤchte trug, und feine Blaͤtter werben, mit 
ben Palmiſten zu reben, nicht verwelfen. 
Der Dodgfelige genoß, ind Ganze genom⸗ 


men, das feltene und ſchaͤzbare Gluͤck eines 


nn 


— — 


von ben gewöhnlichen Beſchwerlichkeiten freien 
Alters, und durch druͤckende Zufälle unverbit⸗ 
terten Vergnuͤgens, erfreuende Blicke auf die 
lange firablenvolle Laufbahn zurüd zu werfen, 
deren Ziele er ſich, wie wir nicht ohne ſchauer⸗ 
volle Ahndung benerkten, mis fchnellen Schrits 
ten näherte. nn 
Die Lafl eines beinahe 73jährigen Alters, 
die vielen, flarken und ununterbrochenen An⸗ 
frengungen feines Geiſtes, die damit vers 
tnüpfte ſizende Lebens >» Urt, eine überhand 


222 . Kurzer Rebenslauf 


genommene Schwäche der Gefäße, und Schär: 
fe der Säfte, bereiteten allmählig ben trau 
rigen Stoff zu, woraus bie zerflörende Krauk⸗ 
heit entſtand, welche und unfern geliebtere 
Herrn ranbte. Eine unheilbare Bruflwaffers 
ſucht fehnitt uns feit einigen Monaten alle Hoff⸗ 
nung ab, ihn. noch lange Zeit zu behalten. 
Die Tage, die Gott auf fein Buch gefchrieben 
hatte, waren vollendet; ber Herr rief ihn ab, 
"und verpflanzte ihn in ein beffered Leben, in 
welches er am 13ten November dieſes Jahres, 
fruͤh zwiſchen 3 und 4 Uhr, eintrat, bewun⸗ 
dert von der Welt, geliebet und beweint von 
feiner Familie, feinen Unterthanen und feinen 
Freunden , empfangen von feinen. Erlöfer , 
der feine Seele fegnend aufnahm , begleitet 
von ben feligen Geiflern , ausgeſandt zum 
Dienfle derer , welche die ewige Seligkeit ers 
erben follen. 

Die. Geduld des Hochfeligen in feiner zwar 
von keinen eigentlihen Schmerzen begleiteten, 
aber doch mis drädenden Beſchwerlichkeiten 
verknüpften langwierigen Krankheit, war mus 
flerhaft, erbaulih , ausharrend, und, wenn 


Rochus Frid, Sr. zu Lunar. 223 


man bie Lebhaftigkeit feines Geiſtes, dem Thaͤ⸗ 
tufeit zue andern Natur geworden war, und 
die bei allen angewandten Bemühungen feiner 
lebenden Kinder dennoch unvermeidliche Lange 
weiligkeit eines ſolchen Krankenlagers bedens 
It, fo mußte man biefelbe aus einer höhern 
Quelle herleiten, ald aus dem feſten Entfchluffe 
ind ſtarken Geiſtes, und blos philofophifchen 
Stunden. 

Der Gott alled Troſtes unterflägte ihn ſt cht⸗ 
bar, und der Herr erquickte nach ſeiner Ver⸗ 
beifung den Wohlthaͤter feiner Kinder, um 
mid der Schrift Worte zu bedienen, auf feinem 

ich» Bette. 

Ein paar Wochen vor feiner ſeligen Auf⸗ 
lͤſung genoß er da8 heilige Abendmahl, und 
ward dadurch ſichtbar im Tebendigen Glauben 
an den, deſſen Fleiſch ex gegeffen , und beffen 
Blut er getrunken hatte, geſtaͤrket. Die lez⸗ 
ten Tage feiner Wallfahrt waren die heiterfien 
and geſegneteſten. Weß das Merz voll war, 


don gieng der flerbende Mund über. 3% 


finem zweiten Herrn Sohne fagte der Hoch⸗ 
Ielige, nachdem ex ihm feinen nahen Abſchied 


224 Kurzer Lebenslauf 


ans diefer Wels mit zufriebener Miene, un! 
bewundernswürbiger Heiterkeit angelündiger 

folgendes: Mein lieber Sohn, laß bein Zaun 
ein Haus feyn, dad dem Herrn dienet, fi 
wird dird wohl gehen, und ber Segen Gots 
tes, mein, beiner Mutter und Großs Eltern 
Segen wird aufbir ruhen, und bu wirft gluͤck⸗ 
lich ſeyn. 

Meine Sache babe ich mit Gott ausge⸗ 
macht; ich gehe auf das Verdienſt Jeſu Chriſti 
aus ber Welt. Zu feinem Herrn Sohne, dem 
Grafen Eafimir, fagte der bochfelige Herr ein 
paar Tage vor feinem Ableben: 

Mein lieber Sohn ! wenn ich auch gleich 
wicht viel davon rede, daß ich num bald in bie 
Ewigkeit gehen werde, fo denke ich doch bes. 
fländig daran. Meine Krankheit muß ſich 
ann bald endigen; entweber per füflocatio- 
nem; denn ed Fan fehr leicht ein Stedfluß 
dazu kommen, ober durch einen Schlagflug, 

ober durch eine langſame Entkraͤftung, und 
‚bergleihen. Was ift wohl das Beßte? hier 
lächelte ber durch bie Innern Troͤſtungen Gottes 
gegen bie Schrecken der Ehrperlichen Zerſtoͤrnug 
geſtaͤhlte 





Rochus Srid. Sr. zu Lynar. 225 


„fühlte ehrwuͤrdige Greis dem biefen Blick 
wit unnennbarem Gefühle empfindenben Soh⸗ 
se hold entgegen, und fuhr fort: Ich weiß 
nicht , was das Beßte iſt; aber ich verlaffe 
mich allein auf den Heiland, dem ic) mich em⸗ 
pfohlen habe. Er wirb mich wohl verſor⸗ 
gen; biefe Worte s: wohl veriorgen , wies 
derholte er mit Ruͤhrung und troſtvoller Zus 
verſicht. Sa, fuhr er fort, ich werde ihm 
uch danken, daß er meines Angeſichts Huͤlfe, 
und mein Bott iſt; diefe Worte: mein 
Bott, waren ihm. befonders lebhaft in bie 
Seele gebrüct. Als fein Herr Sohn erwie⸗ 
derte, baß alles darauf ankomme, daß man 
wife, was für einen unausſprechlich treuen 
Herrn man am Heilande habe, der fein Blue 
für uns vergoflen, und gewiß alles wohl ma⸗ 
hen werbe 5 ſagte der Hochſelige: Sa wohl; 
se wird alles wohl, vecht fehr wohl machen, 
das wirft du fehen. Ich weiß, er iſt mein, 
und ich bin fein; er wird mich wohl verſorgen. 
Sch gebe bir noch zulezt bie Ermahnung, baß, 
wenn man, mit Gott etwas auszumachen hat, 
man es ja nicht verfchieben müße, denn, wenn 


Date. Archiv, UL. The, 9 


Kurzer Lebenslauf 
einander , in einem Giun , und. in einerlei 
Meinung. Sie find dad Salz ber Erbe, 
bad Salz muß aber nicht tumm, ober nutauıge 
lich werden, wie ber Heiland einmal fagt, ſonſt 
hilft ed nichts. Da iſt nun das beßte Mittel, 
"wenn man fich zufammen hält, und vor allen 
Dingen recht feft am Heilande hängt. Ich 
gehe zu ihm, ex ifl Horangegangen , mir bie 
"Stätte zu bereiten; — wir find ſinnliche Men⸗ 
fchen, und koͤnnen von dem, was kuͤnftig mit 
und vorgehen wird, keine anſchauende Begriffe 
haben, dad iſt nicht moͤglich, alſo weiß ich 
auch nicht, wie mir eigentlich ſeyn wird, aber 
ſo viel weiß ich doch, (nun ſprach er mit freu⸗ 
digem Nachdruck): Er wird mir das Leben 
geben, und volle Gnuͤge. Gott Lob! daß es 
auch hier noch Leute giebt, die ſich nicht ſchaͤ⸗ 
men, zu bekennen, daß der Herr ſein Blut fuͤr 
ſie vergoſſen habe. Ich nehme vielen Antheil 
an der Ausbreitung des Reiches Chriſti in der 
Welt, und liebe alle, die ihn lieben. Zu ei⸗ 
nem ihn beſuchenden Freunde ſagte er, auf 
das nahe Ende ſeiner Wallfahrt in bildlichen 
Ausdruͤcken deutend: ‚Die Akten find geſchloſ⸗ 


Rochus Frid. Gr. zu Lynar. 229 


fen , die Juſtification iſt eingereicht , dad Urs 
theil geſprochen, die Vollziehung ſteht in Got⸗ 
tes Hand. Mehreren feiner anweſenden Hoch⸗ 
graͤflichen Kinder bezeugte er, wie gern und 
frendig er dieſe Welt verlaſſe, welche er, (ed 
find feine Worte) ohnedem nicht mehr recht 
fehen koͤnne, denn ‚feine Augen waren. ſehr 
ſchwach. Er tröflere fi mit den Worten: 
„In meined Waters Haufe find viele. Woh⸗ 
„nungen., Ferner: „Wo ich bin, da foll 
„mein Diener auch ſeyn., Auch lieh 
ber Hochſelige den lezten Werd aus dem Liebes 
Sollte ih meinem Gott nicht fingen zc.. Bl 
denn weder Ziel noch Ende, ſich in Gottes 
Liebe finde 2c. von einigen feiner Hochgräflichen 
Kinder vorfingen, und war über ben. Inhok 
ſchr geruͤhrt. 

Unter ſolchen Betrachtungen ſchlug pie von 
Gott beflimmte Stunde, und nachdem er kurz. 
vor feinem Verſcheiden zu feinen beiden Alten 
fin herbeigerufenen Gräfinnen Töchtern das 
kurze, aber vielſagende lezte Ermahnungs⸗ 
Wort, betot! ausgeſprochen, ſo verſchied er, 
73 Jahre, weniger. 5 Wochen, alt, aufs fanfs 

P3 


230° Kurzer Lebenslauf 


teſte, und die Vorbothen des. herannahenden 
großen Augenblicks waren für diefe Umflänbe 
nicht aͤngſtlich, fondern ſchraͤukten ſich faſt 
blos auf das Auſſenbleiben bed Pulſes und 
Odthems ein. 

So ließ der Herr unfern Herrn, feinen 
. Diener, in Frieden fahren, und nun ifl er, 
wo Jeſus CEhriſtus iſt, auf deffen Stimme der 
entfelte Leichnam in feiner Gruft wartet, wels 
her ihn verklaͤren, und feinem: verklärten Leibe 
ähnlich machen wird, uch der Wirkung , das 
mit ˖er kan auch alle Dinge ihm unterthänig 
machen. - 

Unſer bodefiger Here war ein wahrhafs 
sig großer Mann; — duch, er hat ausbrüds 
kich alle vobſprich verbeten, uud fein Wunſch 
iſt uns heilig. Ex führte alles Gute, das 
an ihm, und durch ihn gefhehen war, ins Lob 
Gm, und dad wollen wir. and, Gun. 


De Se, der mit Blut unfee Seelen er⸗ 
worben, 

‚Da gen, ber and Liebe für und fr ges 
| florbeg, 


l 


Rochus Frid. Gr. zu 2ynar. 231 
SR’: ewiglih wärtig, bemfelken zu Che 


ven, 
Sprech alles Belt Amen! und lobe deu 
Herren. Amen! 





Gebet 
vor der Beifesug in die Gruft. 


Herr Sefa! deine Augen fehen, mit welchen 
gerührten und bewegten Derzen wir jejt vor 
dein heiliges Autliz treten. Hier liegt bie ents 
ſeelte Hülle unſers geliebten, wahrhaftig grofs 
fen, ehrwuͤrdigen und undergeßlichen Deren, 
deines Knechtes, vor und. Sei im Staube 
angebetet für die Barmherzigkeit ohne Zahl, 
die du ihm von feinem erſten Werden an bis 
zn feinem lezten Seufzer erzeigt haſt! Er 
batte von die , treuer Schöpfer , einen Geifl 
befommen , ber fih von unzähligen andern 
Menfchen auszeichnete; burchdringenden Scharſ⸗ 
Sinn, and viele andere ſchaͤzbare Geiſtes⸗Faͤ⸗ 
higkeiten, nebſt ſo manden vorzäglichen Eis 
Pp4 


- 232 Kurzer Lebenslauf 


genſchaften dev Seele, des Leibes, und Vor⸗ 
theilen der aͤußern Umſtaͤnde, hatteſt du ihm 
verliehen, lauter Wohlthaten! denn alles Gu⸗ 
te koͤmmt von dir herab, und dir ſind wir den 
Dank ſchuldig. Durch ein langes, Geſchaͤft⸗ 
volles, zum Theil auch Dornen⸗ volles Leben, 
leitete ihn beine allmächtige guädige Hand; im 
einer dich großentheild verfennenden, verfühs 
reriſchen Welt gabfl du dich ihm zu erfens 
nen; beine ewige Liebe fuchte die Mittel, aller 
Schwierigkeiten ungeachtet, feine theure Sees 
Ie, die dir bein Blut gekoſtet, zu reiten, und 
beine göttliche Weisheit fand. fie, dieſe Mits 
tel; fo, daß wir bir nun fröhlich danken koͤn⸗ 
nen jür die größte aller Wohlthaten, daß er 
felig geworden if, Nun iſt er bei dir, nun 
liegt er zu deinen Füßen, Herr Jeſu! nun 
ſtimmt er in die Lobgefänge ein, welche bie 
son der Schaar deiner Erloͤſten ertöunen Wo 
du biſt, da follte dein Diener auch ſeyn, Wors 
se, die dein göttliher Mund ſprach, uud die 
fein flerbeuder Mund mit fröhlidem Blicke 
und unvergeflicher Heiterkeit wieberholte. Mun 
bat ex die Stätte eingenommen „ die bp ihm 


v. 


Rochus Srid. Sr. zu eynar. 233 


bereiteteſt; nun hat er eine der ſeligen Woh⸗ 
nungen bezogen, die in deines Vaters Hauſe 
find! Jezt finget er mit Gotteös Heer: heilig, 
beilig iſt Gott der Herr, und fchauet dich von 
Angeficht in ewiger Freud nnd feligem Licht. 
Ad, Kerr! was würden ihm alle Vorzüge, 
fein Ruhm , feine Ehrena Stellen, fein Vera 
ſtand, feine Gelehrſamkeit, ja was würde ihm 
bee Gewinſt der ganzen Welt jezt helfen‘, 
wenn er dich nicht hätte! Aber, Gott Lob! 
er bat dich , uud du haft ihn, wer will ihm 
von dir fheiden ! Herr Sefu, wir alle, keinen 
ausgenommen , find auch bein, denn bu biſt 
für und geflorben. Lehre uns durch biefed 
große Beiſpiel, daß alle Vorzüge ohne ih 
nichts helfen , und daß, wenn man dich hat, 
fo hat man wohl, was und ewig. erfreuen 
fol. Allerheiligſter Hoherprieſter und Fürs 
fprecher , hebe in diefen feierlichen Augenblis 
en deine feguenden Hände über dieſe Vers 
fommlung auf, und uberfchütte fie mit dem 
Zrofte des heiligen Geiftes! Nichte befonders 
die betrübten Merzen der Leibtragenden Eräfs 
tig auf, und Laß es und nie vergefen, was 
5 


234 Lebensl. R. F. Gr. zu Lynar. 


wir empfanden, was wir von dir erbaten, als 
wir um den Sarg unſers bei dir verklaͤrten 
Herrn und Vaters verſammelt waren. Amen! 
Kerr Jeſu! Amen! 

Und bu, entfeelter Leichnam ! ruhe, bis 
dich Jeſus Chriſtus mit SchöpferdsKRraft wies 
der beleben , und- mit dem Geifle vereinigen 
wird, ber jezt bei ihm iſt. Dazu fegne ich 
dich in dem allerheiligften Namen Gottes des 
Baters, und des Sohnes , uud bed beiligen | 
Geiſes. Amen! 


N 


—tt 


VI. 


Geſinnungs⸗Aehnlichkeit 
| in Religions: Soden 
Kaiſer Marimilians des IL. 
Kaiſer Joſerh dem IL 


| * 
| » » 


| & vier eigenhändigen Schreiben beffelben an 
Herzog Chriſtoph von Wuͤrtemberg, von 
den Jahren 1557 und 1558. 


N 
| 


* 
* = 


WEHR. R. Sattlers Geſchichte des Herzogthums 
Wuͤrtemberg, IV. Th. Beil. 41, 45, 46 und 49. 








Kae Marimilian II war zu der Zeit, als 


— — — 


er dieſe Briefe ſchrieb, nur noch König in Boͤh⸗ 
men, und fein Here Vater, Kaiſer Ferdinand I, 
noch im Leben, welcher Umſtand verfhiedene 
Stellen ind Klare fest, 

Sein Herz und feine Gefinnung find unvers 
gleihlih, feine Orthographie iſt aber fchlechtere 
dings nicht zu genießen, und würbe vielen Les 
fern ganz und gar unverflänblich geweſen feyn, 


um beren Gemaͤchlichkeit willen folche alfo, jee__- 


doch ohne mindeſte Uenderung der Worte mo⸗ 
derniſirt worden. | 
Herzog Chriſtoph hatte ſich in feinen ; jüns 
gern Jahren währendem Ungluͤck feines Waters, 
9. Ulrichs, auch nachher mehrmalen, am Hofe 
8. Ferdinands aufgehalten , wodurch die vers 
trauliche Freundſchaft mit K. Marimilion ents 
fanden, die durdy den Hang biefed Herrn zur 


Evangelifchen Lehre noch mehrers befeſtiget | 


worden. 


Innhalt und Unmendung wird der verfläne | 


dige Lefer ſelbſt zu erklären wiſſen. 


— 


138 Aehnlichkeit zwiſchen 


Er vn 
\ 
I. 

Docchiauchtigſter, Hochgebohrner Fuͤrſt, 
freundlicher lieber Vetter und Gevatter. Sch 
hab E. L. Schreiben, dad Sie mir mit eiges 

ner Hand gethan, empfangen, bed ih mich 
gegen berielben ganz bienfllich bebanden thue, 
hätt E. L. auch gleich gern alsbald daranf ges 
antwort , fo hat mid) body der RK. Mt. Auf⸗ 
bruch von binnen auf Prag zu verhindert, bitt 
derhalben, E. 8. wöll es nit zu ungutem. vers 
merken, und hab fürwahr faſt ungern vers 
nommen,.daß dad Colloquium *) alfo ohn 
Frucht abgehen foll, wiewohl mir nit 
zweifelt, daß ihrer viel Teufels⸗Knech⸗ 
te feynd, die es gar wohl leiden. moͤ⸗ 





*).C8 war das im Sept. 1557 zu Worms eröfnete 
Meligiong s Gefpräh, wobei im Namen des Kaifers 
der Biſchof von Naumburg, Julius Pflug, zugegen 

war, der die Kunft verftund und übte, bie Evans 
gelifhen unter fi zufammen zu hezen, welches, zur 
Schaude beider Theile, die Trennung, fo Kaifer 
Ferbinaud heimlich wuͤnſchte, vefoͤrderte. 


Katf. Mar. II. u. Joſeph I. 239 


ı gen, und ifl dem alſo, wie E. 2. vermels 
‚ ben, baß mans an die Ka. Mſt. gelangen bat 


laſſen, weß fie fi) weiter verhalten follen , 
darauf Ihr K. M. geantwortt, daß fie nichts 
liebers fähen, als daß das Colloquium forts 
gieng , und den Praͤſidenten vermahnt , daß 
er allen Fleiß fuͤrwenden wolle, damit es fein 
Vortgang hab, wo aber nit, fo wiſſen ihme 
Ihr K. M. kein andern Beſcheid zu’ geben, 
bann fie follen ſich des Abſchieds zn Megenss 
burg gemäß verhalten. Dann fo viel ich merck, 
ſo wollt Ihr Maj. die Sad) gern von ſich ſchie⸗ 
ben, wiewohl, im Bertrauen za melden, 
fo glaub ich, man möge wohl Teiden, . 
daß es alſo zugehe. Gott gebe, daß es 


in die Harr ein gutes Ende nehnie. Weiter 


Im ih E. L. nit bergen, daß das erbar 
herz ber Babſt einen Notari zu Ihr K. M. 
geſandt bat, fich zu congratuliren des Fridens 
zwiſchen Shme und Engelland, und ermahnt 
Ihr Maj. daß Sie wollen guter Fuͤrderer 
ſeyn, damit auch ein Fried moͤchte getroffen 
werben zwiſchen Engelland und Franckreich, 
welches daun ich für ein gar wüzlich werck hielt, 


240 Aehnlichkeit zwiſchen 


und befind die K. Maj. ſolches zu promobiren 
ganz geneigt, ſo will ichs auch an Vermah⸗ 
nen, und ſo viel an mir ſeyn wird, nicht er⸗ 
winden laſſen. Darnach hat er vermeldt, daß 
. fein Herr vernommen hab, wie dad Conſi- 
lium impiorum Wormatiæ durch ihr eis» 
gene Zwifpaltung zerrüttet werde, darum 
er Bott dem Almächtigen Lob und 
Danck fage, er zweifle auch nit, Ihr 
Moj. als ein gehorfamer Sohn der Kirchen, 
die werden folches treulich gefürdert 

heben, darum er dann a Deo immarcefci- 
bilem coronam erlangen werde, und Ihr 
Dia. ermahnt, daß Sie ſolches Werd wolle 
helfen zerflören, und Germaniam ifta pefte 
liberare, und daß Ihr Wit. hinfüran 
folche Colloquia und Conventicula. nims 
mer molle zugeben , wie Sein Heiligkeit 
dann nit zweifeln, Ihr Maj. die wären fols 
ches unbeſchwert feyn zu thun, tanquam bo- 
nus filius fedis apoftoliee. Das ift uns 
gefaͤhr feine erbare, oder, auf Deutich 
gefagt , Teuflifche Werbung gervefen, 
meldet ich E. L. gatherziger Meinung nie hab 

wollen 


Kaiſ. Max. I. u. Joſeph IL. 24: 


wollen verhalten, wiewohl man mich ſelten zu 
dergleichen Sachen fordert, daun ich propter 
veritatem ſaſpectus fum, und thue mid) bies 
mit S. L. ganz freundlich Befehlen, ber ich zu 
dienen allzeit willig. Geben gu Wien ben zo, 
Decembrid. (1537.) 


gutwilliger Vetter und Gevatter 
Maximilian. 


2 


Durchtenchtiger N Hochgebohrner Faͤrſt Bo. 
freundlicher. lieber Herr Vetter und Gevatter. 
Ic hab E. L. Schreiben famt dem Büchlein 
die Paͤbſtiſch Meß betreffend empfangen, und) 
barand E. L. gutherzigs Gemuͤth gegen mir 
geſpuͤrt, deß ich dann mich gegen derſelben 
ganz freundlich auch dienſtlich bedancken thue, 
und wo ich ſolches um ©, L. weiß zu verdie⸗ 
nen, follen Sie mid) jeberzeit ganz willig bes 
finden, wie billig, Hab auch ben Abſchied zu 
Franckfurt betreffend die Religion empfangen, 
welches mich nit wenig erfreut bat, dann 
einmahl Bein beflerer Weg vorhanden, 
Patr. Archiv, II]. Theil. Q 


] 
⸗ 


242 Aeyhnlichkeit zwiſchen 


allein (als) die Vergleichung der Reli⸗ 
gion,'will auch derhalben E. L. dienſtlich ers 
mant haben, damit fie wollen daranf bedacht 
feyn, und Keinen Fleiß fparen, dann durch 
diefen Weg der Vergleichung ftiht mean 
dem Pabſt den Hals gar ab, darumen 
nit wenig daran gelegen. Zweifelt mir 
auch gar nit, E. L. werden ed an berfelben 
Fleiß nie erwinden laffen. Sonſt weiß ich 
E. 8% diefer Zeit nichts fonderd zu ſchreiben, 
allein daß die Kay. May. zimlich ſchwach ift 
geweſen an dem brittaglihen Fieber, aber 
Gott dem Herrn fen Lob! fo feyud Sie fchon 
ans aller Gefahr, und thue mich hiemit E. L. 
ganz freundlich und bienfllich befehlen, denen 
ich zu dienen ganz willig, Geben zu Wien den 
22. Junii (1558.) 
E. L. 
gutwilliger Vetter und Gefatter 
Maximilian. 


Dorchlenchtiger „Hochgebohrner Fuͤrſt, 


freundlicher lieber Herr Vetter und Gefatter. 


| 


| 
| 


—— 


Kaiſ. Max. II. u Joſeph I. 243 


Ih hab E. 8. Schreiben mit eigener Hand gen 
than empfangen ſamt den Zeitung Und anderm, 
fo darbey iſt gelegen, deß id) mid) dann gegen 
E. L. ganz freundlich und dienſtlich bebanden 
thne, and ſpuͤr auch ans E. L. Schreiben ben 
guten Willen und Neigung, fo Sie zu der Eis 
nigleit ber Meligion haben, und war wohl uns 
vomoihen, daß ich E. L. viel daran ermahnet, 
dieweil aber ſo viel daran gelegen ift, 


md man der andern Parthey nit baß 


inter das Leben tan kommen, fo bitt 
Ihnocymals auf dad hoͤchſt E. T. welle 


dahin bedacht feyn und Steig haben, da⸗ 


- _ — — 


mit ſo vielerley Opinionen nit gedul⸗ 
det werden, ſondern daß man ſich ſa⸗ 
mentlich Einer vergleich, und darob 
bleib und halte, dann ſonſt gibt man 
dem Seind das Schwerdt in die Hand. 
Wann man ſich aber verglich, fo möcht man 
clͤdann deſto baß fehen, wie man ben Sachen 
thaͤt, und bit E. L. Sie wolle fol) von mie ' 
hit anders als srener Meinung verfichen, dann 
nit einmahl bey folcher Spaltung bie weillang 
IE, und moͤchte mit ber Zeit nicht guts draus 
— | N 2 


244 Aehnlichkeit zwiſchen 


werden, ſondern unſere Feind geſtaͤrkt, und wir 
geſchwaͤcht, wiewohl ich zu Bott meinem 
Herrn verhoff, er werde e8 darzu nit 
kommen laſſen, fondern uns alle bei fei» 
nem Wort erbalten, aber wir muͤßen 
das unſer auch darzu thun. Von Zeitung 
weiß ih E. L. diſer Zeit nichts ſonders zu ſchrei⸗ 
ben, allein daß Ihr Kay. May. Gott Lob! wie⸗ 
derum wohl zu paß ſind und zimlich wieder zu⸗ 
nehmen, zu dem fo iſt man Öuzmanns täglich 
von Rom gewärtig, welder, wie ich vernimm, 
mit Spott dort iſt gewefen, und alfo kommt, 
aber Ihr ray. die wollen nit glauben, 
wann Sie ſchon oft fehen, aber es ift 
Ihrer Way. recht gefchehen, Bott wolle, 
daß es was wuͤrke. Hiemit thue ich mich 
ES. L. ganz dienſtlich befehlen, dero ich zu dies 
nen ganz willig bin. Geben zu Wien den 29. 
Suhl (1558) 


E-L. 


guetwilliger Vetter und Gefatter 
Maximilian. 


\ 


Kaiſ. May. IL u. Joſeph II. 245 


a 
* * 


Antwort Herzog Chriflophs. 


ꝛc. Gabiger Herr. Euer Kuͤn. W. gnaͤdigs 
Schreiben mit Dero eigenen Handen hab ich 
mit gebuͤhrender Reverenz empfangen, daraus 
dienſtlichen vernommen, Ew. Kuͤn. W. eifri⸗ 
ges Gemuͤth zu der wahren Religion; Gott 
unfer himmliſcher Vater ver wolle Eur Kuͤn. 
W. darzu fein Gnad verleihen, daß diefelbige 
bie Creuz und Unfechtungen , fo Sie darum 
haben und tragen müßen, gebultig leiden thun. 
Was ic dann immer zu Befürderung ber Eis 
nigfeit der Religion handeln kan, das will id) 
mit allem aͤußerſten treuen Fleiß gern thun, 
kan aber Eur Kuͤn. W. vergmwiffen, daß der 
Magiftrat von Churfuͤrſten, Fürften, Grafen, 
Herrn und Stätten, fo dem Reich unterwors 
fen, alle einig der Lehr und Glaubens halber 
feyen, allein was etliche unftellige ufgeblaſene 
Köpf vorhaben, daß man dad peccavi ihnen 
follte fingen, fo doch fie in ber Lehr durchaus 
mit und ſonſten eins ſind. 


Q3 


\ 


246 Aehnlichkeit zwiſchen 
Daß die Roͤm. Kayſ. May. wiederum wohl 


uf ſehen, hoͤre ich wahrlichen gern, Gott ber 


Herr wolle Ihr May. in beſtaͤndiger Geſund⸗ 
heit zu ſeiner Glori und Ehr erhalten. Mit 
des Martin Guzmanntz Wiederkunft von Rom 
wollen viel vermuthen, der Babſt mache Ihr 
May. nur fonflen ein Spiegelfeht ,„ damit, 
wann er alsdann den Conſens gebe, Ihr Mayt. 
Ihm defta mehr verbunden ſeyn müßte, Wann 
ich ein unfchuldiger Rath follte feyn, 
wollte ich Ihr Ray. May. rathen, Sie 
fehen den Babſt nit en, Tießen ihne zu 
Kom mit feinem Geſchwuͤrm fizen und 
belieben und trachteten die Concordia 
im Reich zu befürdern, 


Em, Kür, W. ſchicke ich Zeitungen was 
mir die Tag aus Franckreich zukommen iſt, 
der Koͤnig ſehe fuͤr, daß nit ein Aufſtand oder 
Abfall erſolge. Welches alles Eur Kuͤn. W. 
Ich dienſtlicher Wohlmeinung vermelden ſol⸗ 
len, und deren zu dienen haben Euer Kuͤn. W. 
wich willig und bereit, Euer Kuͤn. W. mich 


Kaiſ. Max. II. u. Joſeph II. 247 


zu Gnaden thun befehlend. Geben zu Urach 
Den 13. Auguſti Anno zc. 58. 


Euer Kuͤn. W. 


Diienſtwilliger 
Chriſtoff Herzog zu Wuͤrtemberg. 


| 
Durhleuchtiger ‚ Hochgebohrner Fuͤrſt, 


freundlich lieb Herr Vetter und Gefatter. Ich 


hab E. L. Schreiben empfangen, und mit her⸗⸗ 


lichen Freuden daraus E. L. chriſtlich Gemuͤth 
vernommen, denn ed wahrlich der Haupt⸗ 
Punkt iſt, ne inter nos diſſentiamus, und 
man ber Gegen. Parthey Fein groͤßern Abbruch 
thun Tan. Zweifelt mir auch nicht, ©. 8. 
werben an ihrem getreuen Fleiß, wie Sie ed 
dann vermelden , nit erwinden Yaffen. Gott 
der Herr wirds E. L. auch reichlich belohnen. 
So viel Guzmanns Ausrichtung bey dem Babſt 
betrifft, weiß nit, was ich fchreiben folle, dann 


—f 


man ſelzam dieſe Sache meines Erachtens an⸗ 


gegriffen hat. Aber wie der Welſche ein 
94 


| | 
245 Aehn. zw. 8. Mar. II.u. Sof IL. 


Spruͤchwort bat: Qui cufi vol cuſi habbia, 
zu dem braucht man mich wenig zu ſolchen hei⸗ 
ligen Handeln, dann ih ſuſpectus bin, frag 
aber wenig darnach, Ihr May. werden ihme 
obn Zweifel wohl wiflen zu thun, aber She 
May. fehe denacht wohl auf, wie Sie mit dem 
Sachen umgehen. Und thue mich hiemit ER. 
ganz freundlich und dienfllich befehlen. Geben 
au Graz den 6. Sept. (1558.) 


E. 2, 


guetwilliger Vetter unb 
Gefatter 


Maximillan. 





Se 


VII. ” 


W i e n, 
wie es 


vor hundert Jahren: war. 





Ans einer Schrift, betitelt: 


Itinerarium Germaniae politicum, mo- ' 
dernum praecipuarum aularum Im- 
perii faciem repraefentans. . - 


Cofinopoli ; in den Jahren 1680. | 


—0 A 251 


N: Briefe eines reifenden Franzoſen. 
Friedels Briefe aus Wien an einen‘ 
Steund in Berlin, und Nicolai's Reifes 
Beichreibung find nun in aller Deutfchen 
Händen, und fo ziemlich hinreichend, von Le⸗ 
ben, Sitten, Denkungsart und Verfaffung der 
jesigen Wiener Welt, ihres Beherrſchers, 
feiner Raͤthe, Diener und Einwohner einen 
deutlichen Begriff zu gebenz und wie vieles iſt 
ach zuruͤck, dad wir zwar wiſſen, bad aber 
erſt unfere Nachkommen gedruckt zu leſen bes 
lommen werben ? | 
Bor hundert Jahren hat auch ein ehrlicher 
Mann in Deutſchland herumgereiſet, iſt auch 
in Wien geweſen, hat zwei Augen im Kopf 
gehabt, und ſeinem Herzen Luft gemacht, um 
dad zu ſagen, mad er nicht für ſich allein geſe⸗ 
ben haben wollte. Seine Erzählung iſt zwar 
in fleifem Latein, dag Colorit feiner Schilde⸗ 
rungen wenig verarbeitet, und ihre Miſchung 
hart und ungefaͤllig; man bemerkt auch eine 


S 


252 Wien, wie es 


gewiſſe Schüchternheit, wo er ganz nach beim 


Beben zeichnen wollte, es ift aber body ein treues 
Bild der Zeit und der Menfchen, mworinn und 
mit denen ex lebte, und man fühlt juſt dem we⸗ 
nigen Aufwand von Kunft bie Wahrheit feiner 
Zeichnungen ab. 

Die äußere Auffchrift dieſes fehr feltenen 
Büchlein iſt vorhin bemerkt, ber vollftänbige 
Titel aber heißt: 

_Conftantini Germanici ad Juftum Sin- 
cerum Epiftola 'politica de Peregri- 
nationibus Germanorum recte & rite 
juxta interforem civilem prudentiam 
inftituendis, in qua depinguntur Ger- 
manix Principum mores, doftrina, 
inclinationes , vota, ſpes, & metus 
fecreti magis, quam profefli, exhi- 

_ bentur item eorum Aula, Judicia , 
Miniftri aulici, juridici & belliei: qua 
occafione politici flores ubique infe- 
Yuntur, notabilesque hiſtoriæ referun- 
tur, ita ut inftar Itinerarii politiciGer- 
manis infervire queat.Cofmopoliapud 
LevinumErneftam von ber Linden. inı2. 


y 


vor hundert Jahren war. 233 


Alte Semähldte, Münzen, Bücher und 
Gemmen haben immer auch nur darum · noch 
ihren Werth, um anſchaulich zu machen, daß 
wir's alles noch viel ſchoͤner und beffer machen, 
und ganz andere Leute find, mit denen fich die 
Alten zu meffen nicht gefrauen würden; zumels 
Ien irift fich auch dad Gegentheil, und endlich 
findet fi and) manchmalen, daß alles jufl 
noch fo gut, oder fo ſchlecht iſt, wie vor Zeis 
ten. Die Vergleichung hat immer was, das 
entweber unferer Eigenliebe fchmeichelt , oder 
unſern Stolz demüthiget. 

Wenn dieg in Werken der Kunfl und des 
Geiſtes ſtatt finden Ean, fo iſt Gegeneinander⸗ 
haltung von Menſchen, Sitten und Denkungs⸗ 
art nicht minder belehrend und angenehm. Um 
ind alte Wien fein Gluͤck gegen das neue 
serfuchen zu laſſen, babe ich die zu meinem 
Zwecke dienlihe Artikel aus diefer politifchen 
ReifesBefchreibung ausgehoben,, und um leiche 
teren Weberficht willen unter befondere Mubris 
Ten geordnet, welche dann hiemit folgen. Bei 
den meiſten wirb dad alte Wien zu kurz 
Tommen , unb man darf dazu ſagen: Gott 


1) 


254 Mien, wie es 


Rob! Hingegen bar nen Wien and Erfcheis 
‚ Rungen;, über welche ber Conſtantinus vor 
Freuben und vor Schrecken in Ohnmacht ges 
fallen feyn wurde, 


—W 


Kaiſer Ceopold. 


Leeopotdus, femper venerabilis, Princeps 
eft & humanus, & literatus, & literato- 
zum mzcenas , confilio & induftria cla- 
rifimus; natus An. 1640. Imperium ex 
voto omnium regeret, fi modo Jefuitica 
diaboli progenies hune pium -Principem 
indies non obfideret, ac veluti circumval« 
laret. Habent hi cor Cæſaris indies ma- 
nu & nutu fuo, adeo ut optimus Impera- 
tor.nec in prandio, nec in cœna ab ho- 
zum teterrimorum fociorum afpeätu fe li- 
berare queat. Mällerum & Boccabellam, 
ilius Lojolitice Societatis Patres acerri= 
rimos obfervatores & veluti cuftodes Im« 
perialis capitis Angli, Hollandi & alil, 
Qui extrinfecus Imperii nævos infpiciunt, 


/ 


vor hundert Jahren war. ass. 


palam profitentur. Facetum fane eft, quod 
Imperator Leopoldus vivente Ferdinando 
Il. Imp. quum in aulam ingredientes vi- 
deret duos Jefuitas, Patres Gans & Vogel, 


qui Cxefaris confcientie praefuerunt , die 
xecerit: weldye zwei ehrliche Wögel kommen 


doch daher gegangen? quum propterea cafti- 
gandum cenferet filium Imperator, hie 
segeflit ; ber eine heiße ja Gans, der andere 
Vogel. Caefarque in rifum folutus, fillum 
ab ejusmodi jocis in pofterum abitinere 
haft 
deutſche Steiheit. 

Triumpbat jam ferio Germaniæ liber. 
tas, dum fextennalem fub ejus S. Impe- 
ri minifterio adfpicimus diætam Ratisbo- 
nenfem ,„ quod nunquam antea contigit, 
multi fibi Jam perfuafum habent, &, quod 
ultimum folatium in politicis turbis, tan» 


tum non defperant, navem Imperii hadte- 
' mus tempeftatibus in alto agitatam in por« 


tum nunc deductam iri; alii tamen ad 


Calendas Græcas id futurum fallo autu- 


Mant, 


256 Wien, wie es 
ö Des Kaiſers Jagd» Luft. 


Munus fupremi Venatienis Magiltri , 
ber oberfte Jaͤgermeiſter, gerebat Comes de 
Sinzendorff , Imperatori, ad venationes 

valde inclinanti, cariflimus, qui etiam fae= 
penumero magnifica & optima xenia ab 
Imperatore accipit. Nimirum magni Prin« 

_ eipes tempora curarum , remiflionumque 
dividere obleftamentis ac voluptatibus , 
moeftam vigilantiam & malas curas ex- 
ercere debent ; nafcitur enim ea aflidui- 
tate Jaborum animorum quædam hebeta- 
tio & languor; & non improbari poflunt 
in Principibus ejusmodi remifliones , fi 
voluptate concefla conftent , & -laetitise 
magis, quam lafcivise dentur, pr&fertim 
quum ex Imperatore, Rege & Principe 
non fit difcipulus faciendus, qui citra pæ- 
dagogi conceflionem Iyceo exire pro reli- 

- giofo habet. . Commodiffimum autem cu- 
tarım & periculorum delinimentum cre- 
ditur efle venatio. — Non tamen ex ni- 
miis venationibus iflis. gerendis rebus 

| impedimentum 





vor hundert Sahren war. 257 


impedimentum fubnafci , ac gubernacula _ 
reipublicee plane deferi ac pro derelicto 
haberi oportet. -— An Imperator nofter 
in venationibus modum teneat, nec ne, 
qui aimium curiofus eft, Viennæ inqui» 
tere poterit, ubi audiet, quibus illecebris 
Sinzendorfius utatur,, ut Cxfarem Vien- 
na Laxenburgum , quod duobus milliari= 
bus Vienna diftat, ad ardeas venandas 
& aliorfum ad feras infequendas invitet, 
item , annon publica Imperii & Auftria- 
carum provinciarum negotia inde ſæpe- 
numero detrimentum capiant, nec ne ? 
. Ibidem , quis indagare poterit, mihi in 
ika inquirere volupe non erat, audivi ta- 
men Vienn®, Aulicis in eo effe omnia, 
ut Imperatorem femper venationibus & 
aliis deliciis ab aula diftrahant, quo ipfi, 
abfente Domino, chartas Imperii & zegi- 
Minis politicas in manu retineant. 


Res, quæ Imperium conceraunt, illes 


expediuntur Vienne in judicio Aulico 
Patr. Archiv, U. Theil. R 


258 Wien, wie es | 


Cxfareo. Conſtat illud in Prefide, Vite- 
Cancellario & octodecim Confiliariis, qui 
in Camera Spirenfi Afleflores dicuntur. 
Pr&fes tum erat Dominus Erneftus, Co- 
mes Oettingenfis , lines Wallenfteinia- 
næe, qui in tarda feneÄtute fua, quantum 
viribus eniti poteft, juftitiam labentem & 
ibidem non raro flexibilem dexterrime 
promovet. Vice-Cancellarii Imperii mu- 
nus eodem tempore gerebat Dominus 
Wallerdorff , qui a. Moguntino Imperii 
Archi-Cancellario dependet. Inter Con- 
filiarios Judicii hujus mihi laudabantur 
Comes de Nothaflt, & Comes Gottlieb 
de Windifchgräz , juftitise antiftes fortif- 
, fimus, Evangelic® religioni‘ addictus, 
cui Imperator aureos montes pollicitus , 
fi Evangelicam .religiinem cum Pontifi- 
cia commutare non erubefceret. — Sen- 
- tentie, fi qu& in hoc Judicio publican- 
‚ tur, ftatim janux Dicafterii afliguntur. 
Uti Spire lente feflinant Judices , ita 
Vienne®, fi proverbium hoc ad fummum 
iftud Imperii judicium accommodare li- 


vor hundert Jahren war. 259 


cet, canis nimis feltinans coecos non ra- 
so parit catulos- ı Qui Referentem ſuum 
hic inaurat, & aureis catenis alligat, ci- 
to citius in arcem cauſæ ſuæ invadere 
poteft. Quod fi cauſæ Catholicis favora- ’ 
biles agitantur, Evangelici affeffores per 
commifliones folent alio ablegari, de quo 
Proteftantes non femel conquefti funt, — 
Quodfi in judicio Aulico fertur fententia ° 
magni momenti , folet Imperator inde 
Ada poftulare, & in Confilio fecretiore 
juxta flatus rationem omnia juxta femun- 
cias & drachmas .( hei Lorh und Quint⸗ 
fin) trutinare, &, prout utile vide- 
tur , fententie executionem vel matura- 
te, vel differre, prout factum in caufa 
Braunfchweig contra Braunſchweig, das Fuͤr⸗ 
ſtenthum Grubenhagen betreffend; in cauſa 
Heſſen contra Heſſen, die Marburgiſche Suc⸗ 
ceßion betreffend; in cauſa Baben ı contra 
Baden. 


Rs 


abe . Bien, wie es 


Wiener Adel, Sitten ud 
Sinnlichkeit. 


Auſtria alias dicitur Comitum, Baro. 
num, Nobilium & novorum hominum 
* admiranda officina, unde etiam in Au- 
firia tam fuperiore, quam inferiore ad 
utramque, ripam Danubii Comitum, Ba- 
ronum -&c. arces & preedia numeravi , 
nifi quod interdum pulcherrimam illam 
feriem Jeſuitæ interrumpant, id quod 
Auſtriæ Dominos minus commode ferre 
audio. Solent Auftriaci, quod gulee mo- 
dum excedant, convitio ab aliis nominari 
Pa/chales , Paſchaler. 


Auftriacos fertur Pafchales nomine di- 
ci, | 

Pafchata quod celebrent femper , jeju- 
nia nunquam. 


Hoc nxvo etiam plurimi e Dominis & 
Nobilibus laborant. Nam plerique ho- 
xum femper hærent Vienn® in aule Cæ- 
ſareæ facie, ibique hilares dies fumunt. 


vor hundert Jahren war. 267 


Prefertim tempore æſtivo cum virginibus 
pulcherrimis in amœniſſimo „loco prope 
Viennam , undique Danubio circumfluo , 
guem vocant den Prater , jucundifime 
una vivunt, & cum venuftifimis nym- 
phis junfi choreas ducunt, & alterno 
pede terram quatiunt, ut inter corylos 
denfas me abfcondens non femel adipexi. 
Bellaria , faccharum & melliti globuli 
cum vino Italico, Hifpanico, Hungarico, 
Hippocratico &c. ibi proram & puppim 
faciunt. ' 

Vinum Rhenenfe , decus & gloria 
menf&, ultimum locum occupat. Ibi ma- 
nu candida cantkiarus dulciferus propina- 
tur fuaviflima amicitia, neque eft alius 
alii odio , nec moleftis, nec morologis 
iermonibus utuntur, & accepta a pueri$ 
patera, Hunc,. inquiunt, florem: liberi 
propitiis virginibus tibi, amice, propino. 
Bene vivas! Quando ex fylva ifta vefperi 
in urbem redeunt, itur ad coenas dubias, 
in quibus cibi fingularibus guftibus: ad 
fymphoniam fcinduntur , atque lacerun- 

Rz 


262 Wien, wie es 


tur, ut putares Darium Hydraule can- 
tante pugnare. Minuti pifces, allium & 
galline, quæ fundus & fundamentum 
epulorum erant apud veteres , ibi ne cu- 
rantur quidem. In fumma : epulæ po= 
nuntur, quas nec Efurio, nec Saturio 
fpernat, & in quibus Lex Licinia & Fan- 
nia obfervantiam plane perdidit. Quan- 
do in feram nodtem bonæ horz eum in 
morem funt collocate , & unus conviva- 
rum forfan moneat alium: Videsnes ut 
hic Hefperus nos moneat de difceflu? al- 
ter refpondet: quid Hefperus ? ejusmodi - 
Endymiones Luna deducet, Si alius: 
Certe multa nox elt, & tempus abeun- 
di; alter ait: Non ago, homo triobuli 
fum, fi id faciam. Si hofpes per dex- 
tram , fidei pignus, 'tandem oratur, ut 
miflionem concedat: Non, inquit, fi per 
hauc fororem laevam quoque : furgit, dein 
hofpes plane commotus: Hæc quidem vis 
& confpiratio eft, adfedite faltem, dum 
haec patera circumfertur. Accepta pate- 
3a amicum intuens : Hanc ita fpumantem 


vor hundert Jahren war. 263 


in falutem omnium convivarum ! Ebibi- 
ta & amico tradita: Ne gravare, inquit , 
unius cyathi res eft. Poftquam ultimus 
accepit, iterum hofpes calicem facundum 
fumens : Hunc fupremum fcyathum, in- 
quit, libemus Dionyfio & fomno; ein 
Stlafirunf. Poft hauftum demum affur- 
gens, alius in convivio omnes invitat, 
ut proxima luce ad fe veniant omnes. 
Ita femper convivia in orbem eunt, or- 


bis rurfus in orbem vertitur, & fic vita 


Vienne truditur. Vera funt, quæ narr 
to, provoco ad experientiam. Quin & 
Aufrii ignobiles funt valde molles & 
delicatuli : peregrinationes non adeo a- 
mant, nec magnos progreflus in ftudiis 
faciunt , atque hinc eft, quod exteri iis 
preferantur. Vienn® quoque artes me- 
chanice non adeo excellunt, unde Impe- 
rator, fi quid elegantius elaborandum, 
id omne vel Auguſtæ, vel Norimberge 
conficiendum curat. 


264 Wien ‚wie ed 
Jeſuiten. 


Jefuite , generis humani peſtis, fibi 
nimia Cæſarum muäificentia multos ni- 
dos in Auftria componunt. Relatum mi- 
hi a cive Viennenfi, quod nebulones illi, 
fub titulo Jefu ingentes tragoedias agen- 
tes , in conventu Linzienfi in fuperiori 
Auftria, quia tet praedia in illa regione 
pofliderent , non fecus ac reliqui Praelati, 
fefionem ac fuffragium in provincialibus 
conventibus poftularint : repulfam tamen 
illos tulifle, Praelatosque cum Nobilibus 
contra illud attentatum fuifle proteftatos, 
Ülisque hoc denegatum ad evitandam 
malam in aliis locis confequentiam. Sed 
quid non tendant ifti Orci galea tecti Pa- 
tres? Cxl[arem ipfum quafi in manu fua 
ac pöteftate tenent, dixerim fere Omni- 
potentes in aula Imperatoris funt, Pa 
tremque Milllerum, qui bene inaurat, ſe- 
lici navigat aura. — Illi fere regnum 
Viennæ pofhident, tria habent ibidem cœ- 
nobia: 1) bei den untern, ubi eorum col- 


. ‘ 


vor hundert Jahren war. 265 


iegium ; 2) bei ben obern, ubi eorum 
fplendidiflima domus Profeflionis, dad Pros 
ſeß⸗Haus; 3) bei St. Martin, ubi do- 
mum habent probationis , dad Probiers 
Haus ; fimul ac’ enim quis in Collegio 
“ bene informatus recipitur in eorum focie- 
tatem , in hac Lydia domo prius proba- 
tur, an optimus Antichrifti difcipulus eva- 
fürus fit, & quando rigidam hanc pro- 
bam fuftinuit, in domo Profeflionis man- 
cipio & nexu fefe ‚hisce magnis fociis in 
perpetuum addicit. Quum ega Viennæ 
adhuc hasrerem , numerus Jefuitarum ad 
250 excreverat. Imperatarem ne quidem 
in prandio & cœna fuas res fibi habere 
finunt,, multaque pr&dia ab eo dona ac- 
eipiunt , indeque eft, quod in Bohemia 
& Auftria tam-fuperiore, quam inferiore 
adeo potentes exiftant Lojolitz. Vienna. 
adhuc multas privatorum domos co&munt, 
indeque coenobia extruunt, non fine mur« 
mure civium. | 


| R 5 


66 Wien, wie es 


Geiſtliche Gerichtsbarkeiten in 
Wien. ” 


Notatu. quoque dignum.eft, quod in 
hac urbe quatuor relfideant poteftates ec- 
clefiaftice, nempe Epifcopi Paflavienfis , 
‘ Epifcopi Viennenfis, qui tum erat Comes 
Breunerus, Academis, cujus jurisditio 
late admodum extenfa, habetque fenatum 
fedecim perfonis conſtantem, & Capituli 
Cathedralis Eccleſiæ S.Stephani, cui præ- 
funt Rector & Decanus.. Papa Romanus 
quoque in hac urbe habet fuum Nuntium 
Apoftolicum, nimirum Vaticanus ille Ju- 
‚piter , precipue a Clare & Germanis 
noftris, facinorum adverfus Germaniam 
admifforum confcientia adaftus, magno- 
pere fibi metuit,, adeoque per emiflarios 
fuos Vienne & Coloniæ Agrippine, in 
Germaniæ illa Roma, follicite admodum 
inquirit, quid rerum in Germania agatur, 
ac Jefuite omnibus ungulis annituntur , 
ne Papalis & Patris Generalis ſui Respu- 
blica quid detrimenti capiat. 


vor hundert Jahren war. 267 


Politifche Derhältniffe mit Baiern 
und Pfalz. 


Prx&ter majorum gentium Deos — fa- 
vent Auftriaci Czefares Bavariæ Ducibus. 
Olim quidem quum Ludovicus Bavarus 
& Friderieus Pulcher Auftriacus electi ef- 
fent fimul Cxfares, femina non obfcuri 
odii inter Auftriacos & Bavaros fparla, 
quæ in tantum ob captum Miündelheimi 
in Bavaria Fridericum radices egerunt, 
ut juxta Maximiliani I. Cxfaris effatum, 
Auftriacus & Bavaricus. fanguis in una 
eademque olla coqui fimul haud potue- 
rt. Cæterum falutare matrimonii vincu- 
lum aliquoties poftea repetitum inter An- 
nam Auftriacam & Ludovicum Roma- 
num, Bavarie Ducem, inter Albertum 
IV Auftriacum & Johannam An. 1390. 
Cunigundam Auftriacam & Albertum Ba- 
varie Ducem An. 1487. Carolum Du- 
cem Styrise & Mariam Bavaram An. 1570. 
Annam Caroli V fillam & Albertum Ba- 
varum An. ı5g0. Ferdinandum II Imp. 


268 Wien, wie es 


& Mariam Annam An. 1600. Mariam 
Annam & Maximilianum Eletorem. Al- 
‘ta mente repoftum illud odium , fi non 
penitus extinxiffe , tamen fopiviffe vide- 
tur, unde etiam Ferdinandus II Elefto- 
ralem dignitatem huic domui & fuperio- 
rem Palatinatum contulit, id quod Pace 
Monafterienfi poftea An. 1648 confirma- 
tum eft. Potentiam tamen Auftriacorum 

cum aliis Bavari habuere femper fufpe- 

ftam, eamque etiamnum ffne dubio tan- 

quam proximi vicini præ aliis fecreto re- 

formidant. — Hodiernus Bavarix Ele- 

&tor ob affinitatem cum Sabaudo contra- 

&am in praeteritis Belgii Hifpanici turbis, 

fine dubio ob potentiam auri Gallicani in . 
aula Bavarica magis Gallis, quam Hiſpa- 
nis favit. 

Domui Palatinæ hactenus non adeo 
faverunt nonnulli Auſtriaci Imperatores. 
Patet hoc in bello Bavarico, ob teſta- 
mentum Georgii Divitis Bavariæ Ducis 
exorto, ubi Maximilianus I Imp. cum 
- alüs Ruperto Virtuofo Palatino, Philippt 


vor hundert Sahren war. -269 


Ingenui filio, ingentia damna intulit, que 
ab Imperio oppignorata erant Palatinis, 
tecuperavit, & Advocatiam Provincialem 
Alfatie ſuæ adfcripfit genti. In gratiam 
tandem receptus Eleftor, filius Ruperti, 
pars aliqua avitæ haereditatis inter Na- 
bum & Danubium, qui Neoburgenfis Prin- 
cipatus, five junior Palatinatus dicitur, . 

conceſſa. Faflus autem dicitur Impera- 
tor Au. 1518 , fe Palatinis feciffe inju- 
riam, & pollicitus reftitutionem, vedtigal 
aliquod , quod aureum appellatur, attri- 
buit. Cæterum Ruperti filii, Ludovicus 
Pacificus & Fridericus fapiens rurfus in 
deliciis fuere Auftriacis Imperatoribus, ac 
in tolerabili ftatu res Palatine wmanfe- 
runt, donec An. 1618 & 1619 infelici re- 
ceptione Bohemic® coron® quadyata fue- 
re mutata rotundis. Zum enim ira Fer- 
dinandi II Cæſaris in Electorem Palati- 
num Fridericum V valido fragore deto- 
nuit, evihratoque profcriptiosis fulmine 
Elector omnibus bonis fpoliatus tandem 
patria extorris mortuus ; fed eandem fi 


270 Wien, wie es vor 100 J. war. 


" lius, Serenifimus Dominus Carolus Lu- 


dovicus, hodiernus Eleftor, pace Mona- 

fterienfi ejusque executione, quamvis mi- 

nus plene reftitutus, effufam tamen Im- 
—” . e 

peratoris gratiam rurfus collegit, quæ ut 

vires perpetuas tandem acquirat, omnes, 


qui in Elettoralem Palatinam domum pro- 
‚ pendent , optant, & nefcio. qua permoti 


animi divinatione, non defperant. Si re- 
ligio non obftaret, Serenifimus Princeps 
Carolus, Electoralis dignitatis haeres, ma- 
trimonio cum facratiflimi Imperatoris Leo- 
poldi forore omnia fere in priftinum re- 
ftituere poffet fiatım : cæterum Heidel- 
berg® providebitur, quid e re Palatina- 
tus fit. | | . 


ef | 


IX. 


Herzbaftes und herzvolles 
Bedenken 


von 


Kanzler und Raͤthen 


Herzog Friderich Wilhelms 
zu Sachſen⸗Weimar, 


den 
zerruͤtteten Zuſtand des Hof⸗ und Kammer⸗ 
Weſens betreffend. 
vom 22. Mai 1590. 


* 
u » 
Aus des Hrn. von Piſtorlus Amoenitatibus Hiftonico- 
Juridieis. VI. Theil, ©. 1775 





Daran Friderich Wilhelm zu Sachſen⸗Wel⸗ 
mar , der zugleich Adminiſtrator der Kur⸗ 
Sachfen war, wird von allen Saͤchſiſchen Ges 
ſchichtſchreibern wegen feiner Weiöheit, Ein⸗ | 
ſichten und vielen andern Fürften » Tugenden 
in die Wette gelober 3 daß er aber in frühern 
Sahren ein fchlechter Haushälter gewefen, das 
yon legt nachfolgende Bedenken fo uͤberzeugen⸗ 
de That» Sachen dar, daß ſolches zu laͤugnen 
vergeblich ſeyn wuͤrde. 

Es iſt dieſe Kabinets⸗ Predigt aus ber Fe⸗ 
ber des ſtattlichen Weimariſchen Kanzlers, D. 
Marz Gerſtenbergers; was an Politur ber 
Schreibart und feinen Lebens: Urt darimı aba 
gebt, wird durch den koͤrnichten Innhalt reiche 
lich erſezt; der Herzog, fein Herr, maß auch 
in ber Folge von der veinen Treue dieſes kas 
piern Mannes ſich völig überzeugt, und bei 
Befolgung feiner Ermahnungen ſich wohl bes 
funden haben, weil er ihm fein Vertraueu 
bis and Ende feines Lebens unvberruͤckt beides 

Past. Archiv, Il. Theil, S 


274 Bedenken über das Weimar. 


halten, ihm noch auf feinem Todbette fefrie 
Prinzen anbefohlen, und zu dieſen geſagt hat: 
Sie follten den Schwarzkopf wohl in 
Aacht Cin Ehren) haben, weil er mehr 
bei ihm getban, als er und feine Söhne 
ibm verdanken Fönnten. Gerfienberger 
hielt aud) bei den Söhnen feined geweſenen 
Herrn treulich aus, und als nach Herzog Fris 
derich Wilhelms Tod im Jahre 1603 die Lande 
getheilt wurden, und diefe das Altenburgifche, 


der Bruder H. Frid. Wilhelms, Herzog Jo⸗ 


banned, aber den MWeimarifchen Randes » Ans 
theil bekam, trat er in Altenburgifche Dienfle, 
aus welchen er in Kur⸗Saͤchſiſche berufen wors 
den, und An. 1613 ald Geheimer Rath in 
Dresden geſtorben iſt. 

Abber auch dieſer Patriot mußte ben gewoͤhn⸗ 
lichen Undank der Hoͤfe erfahren, da ihm, nach 
Verlaſſung der Weimariſchen Dienſte, von der 
Gemahlin und nachherigen Wittib H. Johann⸗ 
ſens alle Schand und Spott nachgeſagt, ihre 
Soͤhne gegen ihn aufgehezt, und ſogar ein fis⸗ 
aliſcher Prozeß gegen ihn erhoben, und ihm 
die Belehnung mit feinen im Meimarifchen ges 


v 


Hof: and Kammer⸗Elend. 275 


legenen Gütern verfagt worben, gegen welche 
Mißhandlungen ihn jedoch der Kurfürft mit 
Nachdruck vertreten, Gerftenberger aber ber 
weiblichen Mache nur mis feinem Tode das Ziel 
geigt hat, wovon ich in dem Verfolg dieſes 
Werkes umſtaͤndlichere Rathrichten liefern zu 
koͤnnen a verhoffe. 


a — 
P. P. | 
E. ſind Ihro Fuͤrſtlichen Gnaden ofes and 
vilmahls von und unterthaͤniger Wohlmeinung 
erinnert worben, bed großen Unraths, darein 


3J. F. G. plözlih kommen, das haben J. 


F. G. zwar jederzeit ganz gnaͤdig ver⸗ 
merket und aufgenommen, es iſt aber 
geichwohl noch Zur Zeit keine Aende⸗ 
ung gemacht, dahero dann erfolget, daß 
J. F. ©. innerhalb dreyen Jahren uͤber drey 
Tonnen Goldes in Schaden gerathen, laut 
der Verzeichniß; So weiſet das juͤngſt uͤber⸗ 
reichte Verzeichniß, daß man diſen Sommer zu 
allen Einkommen, Lands und Trans Stener 


| über 50000, fl. borgen muß, und iſt wohl vers 
| Ä & | 


3 


— 


276 Bedenken uͤber das Weimar. 


muthlich, es werde nach Michaelis nicht beſſer 
und gewißlich das Aufnehmen groͤßer werden. 
Soll man nun alle Jahre eine Tonne 
@oldes zubüßen, oder Schuld machen, 
ſo muß 3.5.®. endlid) Verderbniß dar⸗ 
auf folgen, dann das ganze Ordinari⸗Eiu⸗ 
kommen wird nicht zureichen, daß man allein 
die Summen verzinfe, woher wollen dann bie 
Unterhalt des Hof Wefens Herzog Sohannfens, 
der Fürfllihen Wittwen Frauenzimmers, Rath⸗ 
Stubens , Canzley, Rentherey, Küch = uud 
Eammers Schreiberd-und anders unzehlichs ges 
aommen werden? Soll man dann allein 
die arme Landfchaft gar in Steuren eu 
fchöpfen, fo will dabey zu bedenken feyn 
Gottes ſchwehre Straf und Ungnade, fo 
über Herr und Knecht ergehen wird; fo 
His ungewiß, obs bey den Leuten zu erhalten, 
dann Herzog Johann Wilhelm hochloͤbl. Ges 
daͤchtniß war ed Un. 70. rund abgefchlagen, 
barzu man jezo vil mehr Urſache hat; "und 
obs die Leut gern thäten, fo vermögen 
fie es nicht mehr. SR auch J. F. G. bey 
diſem Zuſtand mit ſolcher Stener gar nichts ges 


v 


‚Hof: und Kammer: Elend, 277 


holfen; dann wann die Termin kommen, iſt 
alles zuvorn verwieſen, und kommt an Bezah⸗ 
lung der Schuld nichts zu ſtatten. 

Soll man dann das Armuth mit Jagd⸗ 
Geldern, Bau⸗Steuer, Dienſt⸗Geldern, dop⸗ 
pelten Trand s Öteuer beſchweren, fo wird 
Bott Urfach gegeben, feinen Zorn defto 
heftiger wider Uns aus zuſchuͤtten, dann 
es heißt: Quando duplicantur lateres, ve- 
nit Moifes liberator. So wollte. auch J. F. 
G. hoͤchſte Nothdurfft erfordern, uf Herzog 
Sohannes. 2c. ein fondere vornehme Aufacht zu | 
haben, dann mit demſelben haben fih J.F. G. 
verglichen, daß bey dieſer Regierung J. F. G. 
das Land mit keinen Schulden beſchweren wol⸗ 
len. Sollten J. F. G. dieſes Aufnehmen er⸗ 
fahren, wie nicht nachbleibet, ſo werden J. F. 
©. deſto ehe auf eine Sonderung dringen, bey 
derſelben werden J. F. G. diſer Vergleichung 
nicht allein erinnert werden, ſondern es iſt auch 
die rechte Haupt⸗Urſach, dadurch Bruͤder pfle⸗ 
gen in Mißverſtand zu gerathen, wie J. F. G. 
on deren Herrn Water und Herzog Johann Fri⸗ 
derichen ein domeſticum exemplum haben. 


S3 


278 Bedenken über das Weimar. 


Es vermag dad väterlihe Teſtament, daß bie 
Herrn Brüder gleich theilen , und einer vor dem 
andern durchaus Feinen Vortheil haben fol: 
hieraus wollte folgen, daß in folcher Theilung 
ber junge Herr das Land, ber Ueltere aber bie 
Schulden bekaͤme, und würde bes Aeltern Herrn 
Antheil Landes fo vil nicht ertragen, daß die 
Schulden verpenfioniret, vil weniger abgelegt 
würden, dadurch würden J. F. G. um dero 
Fuͤrſtl. Reputation, Trauens und Glanbens 
kommen, dann wie ed andern Benachbarten bey 
ſolchen Haͤndeln/ ergehet, erfahren J. F. G. 
taͤglich mit Schmerzen. Ingemein würde 
man mit J. S.® ein Mitleiden haben, 
fed invidia praeftat miferigordiee, den Raͤ⸗ 
then und Dienern aber würde man übel 
nachreden und fagen: Sie hätteng bei 
fer verftehen, und diefe Dinge verhuͤten 
folten . fie hätten aber J. S. ®. daran 
nicht erinnert. I. S. ©. hätten fleißig 
Inborirt, täglich Audienz gegeben, und 
dergleichen „ die Käthe aber wären ſo 
untreu geweßt, und 3. S. G. als ein 
junger gerr, der ſich auf die Raͤthe vers 


Hof: und Kammer-Elend. 279 


laſſen, und ihnen getrauet, wäre von 
imen nicht gewarnet, unterdeflen häts 
ten fie ihrer felbft wenig vergeffen, fich 
bereichert , und was dergleichen ver, 
gebliche Reden mehr feynd, die ſich ſon⸗ 

derlich auf den LandsTägen zu finden 

pflegen. Deme allen zuvor zu kommen wers 

den J. F. ©. vor. ſolchem Unheil nochmals 

sum Ueberfluß untertbäniger Wohlmeis 

mung gewarnet, damit unfern Pflichten: 
vor Bott und J. F. G. ein Genuͤgen ger 

ſchehe. | 

Ed Fan aber diefem Unrath mit Einem Wort 

geholfen werben, bad heißt: Parfimonia, Spars 

famfeit oder Hanshältigfeit; non enim intel- 

ligunt homines, quam magnum fit vecti- 

gal’parfimonia, und ift gewiß, daß alle Lands 

und Tranck⸗Steuer fo viel nicht tragen, ald 

bife einige Tugend, dann Bott feegnet die 

Saushaltung und keine Steuren. Es 

wird auch dafür gehalten, daß viler Fuͤrſten 

Reichthum allein durch Haushaͤltigkeit geurfas 

het, welche Gott feegnet. 


S4 


ago Bedenken über das Weimar. 


Zu ſolcher Tugend gehören vornehmlich zwen 
Haupt⸗Stuͤcke: das eine if: Vermehrung der 
Einkommen, dad andere: Abfehaffung der Aus⸗ 
gaben, Wann diefe Dinge nicht weislich ges 
führer, iſt unmöglich, daft I. 5. ©. in deu - 
Rentherey Geld behalten koͤnnen; dann Die Renz 
therey ift gleichwie ein Teich, darein alle Eins 
kommen bed Landes als ein Fluß geführt, wie 
nun ein Teich verdrudnet, wanu bie Einfluß 
abgeführet, ober ber Ausgang zu groß iſt, alfe 
wenn ber Renthmeiſter zu wenig Ginnahm bat, 
oder ihme zu viele Ausgaben zugewieſen, Fan 
ex bey Geld nicht bleiben, 

Ben dein Punet der Einnahme iſt wohl zu 
erwegen, daß vermög ber Portion Aufchläge 
J. F. ©. jährlih 72000. fl. Einkommen haben 
folten, darüber find bie Praecipua, ald Amt 
- Saalfeld, Zella, Koͤnigsberg, Halbaliſtadt, 
Ronnenburg, Dießleben, daß alſo J. F. G. bil⸗ 
lig über 8Z0000. fl. jährlich aus den Aemtern 
einfommen follte. Es geben aber bie Extrakt 
der Renterey Rechnung, daß zu gemeinen Jah⸗ 
ren nicht viel über 39000. qus den Aemtern 
in die Reuterey kommt, dann bie Amts⸗Guͤter 


werben vielen Leuten and Gnadoen erlaflen, bie 


machen etlich Jahr Reſt, bitten Erlaſſung, ver⸗ 
bauens und machens, daß es aufgeht; die 


Schoͤßer, weil man keine Rechnung von 
ihnen nimmt, machen gleichergeſtalt 
große Reſten, und wann dann der Rentmei⸗ 
ſier anf die Gelder dringt, wird er mit unnuͤ⸗ 
zen Briefen bezahlt; die Hofmeifler und andere 


verwuͤſten J. F. G. Güter; wann derfients . 


meift mit ihnen redet, wird er vers 
lacht und verlaͤumdet. Das Getrayde in 
den Aemtern wird jährlich vor die Diener und 
Hofhaltung verbraucht, wann gleich shenre 


Jahre einfallen, haben J. F. G. in den Aem⸗ 
gern nichts zu verkaufen, wie J. F. G. dann 


hener geſchehen. Auf allen Aemtern wird faſt 
gebauet, ober hält etliche Hof⸗ Laͤger daſelbſt, 
warn dany die Schoͤßer zur Rechnung kom⸗ 
men, ſo bringen ſie Bettel⸗Geld in die Rente⸗ 
rey. Fa es muͤßen viel Aemter aus der Reus 
therey mit großen Summen Geld verlegt wer⸗ 


den. In Summa: 3.5. ©. haben aus etlis 


deu Aemtern in dreyen Sabren fo viel in dig 
Rentherey, als in Einem Jahr auf die Diener 
f © 5 


⸗ 


283 Bedenken über das Weimar. 


geht. Darum muß in puncto der Einnahme 
dahin gefehen werben, daß man zum wenigſten 
den Portion⸗Tax, welcher fehr gering ift, jährs 
lich erreiche, ſonſt muß folgen, daß man nicht 
wohl haushalte, 

Bei dem Punct der Ausgaben muß man 
erftlich im Hof Wefen anfangen, darinnen wohl 
rathfamer , daß man Koſt⸗Geld gebe, ald fpeis 
fe. Es muß aber eine Reformation vorher ges 
ben, und vom Öefinde, fo viel moͤglich, abges 
fchafft werden, deun Koft ift ein heimlider 
Dieb, wie das Spruͤchwort lautet, wann man 
das Geſind alles foll behalten, fo will nicht viel 
zu erfparen fern. Dabey auch zu bebenden 
ſeyn, ob man wochentlich mit dem baaren Gels 
de folgen koͤnne, dann wanna nicht aefchähe, 
fo würden J. F. ©. den Zweck mit Schimyf 
müßen fallen laffen, und das Speiſen wieder 
anfähen. Diefem Punct wollten anhäugen die 
vile Stuben und Gemach im Schloß, welche 
nicht allein des Holzes und Geleuchtes, fondern 
des Abzugs und Winckel⸗Zehrung halb ſehr 
ſchaͤdlich und Feuers halb ſehr gefaͤhrlich. Wie 
wir und daun beduͤncken laſſen, daß anf Dreßler 


Hof⸗ und Kammer »Elend. 283 


und Mahler ein großer und nundthiger Koſten 
aufgewandt, ber fih.an Koſt, Kleidung, Be⸗ 
foldung, Feuerwerk, Geleucht und anders auf 
etlich hundert Gulden erſtrecket. Es iſt / aber 
damit nichts ausgericht, dann wann gleich jaͤhr⸗ 
lich 4000. fl. zu erſparen, als noch ungewiß, 
was waͤre das zu ſolchem großen Unrath? Da⸗ 
rum muͤßten J. F. G. ferner den Punct der 
Ausgaben einziehen, und erſtlich von ſich 
ſelbſt den Anfang machen, daun es geben 
die Verzeichniß, daß J. F. G. faſt in Einem 
Jahr über 83000. fl. allein yon erlangten Gel⸗ 
dern zu fich genommen. Wann nun J. F. G. 
etwas davon verliehen, wie taͤglich Anlaufens 
iſt, ſo bekommen Sie gemeiniglich nichts wie⸗ 
dee, unterdeſſen muͤßen J. F. G. die Gelder 
ſchwerlich verzinſen. Wann J. F. G. etwas 
davon verſchencken, verbauen, vor Pferde ge⸗ 
ben, verſpielen, Goldſchmieden, Kraͤmern und 
andern Ausgaben, das alles iſt uͤberaus großen 
Unrath, weil man das Geld nicht in Vorrath 
hat. Gleiche Gelegenheit hat es mit dem Kuͤch⸗ 
and Cammer⸗Schreiber, deren Ausgaben müfs 
ſen, ſo viel immer moͤglich, abgeſchnitten wer⸗ 


284 Bedenken über das Meiner. 


ben,. dann die beybe in Einem Jahr goooo. fl. 
aus der Rentherey fchleifen, was il vor Geld 
drinnen bleiben? 

Nach Ihrer eigenen Perfon nn man ſich 
umfehen nad) ben. von Haus and beftellten Dies 
nern und Rittmeiftern. Denn weil diefelb SS. 
F. G. nichts nüze feyn, fo iſt wohl zu bedencken: 
ob um ihrentwillen 3. F. ©. ſich in ein endlich 
Berberben fleden wollen? Bey Herzog Sohann 
Wilhelms Zeiten hatt e8 viel ein ander Geles 
genheit, weil man aud Franckreich jährlich über 
20000, fl. zu gewarten, wann man felbige 
wieder bekäme, Tönnten ſolche Leut wohl wieder 
beſtellt werden. 

Darnach nehmen J. F. G. dad Hof⸗Diener⸗ 
Buch vor ſich, und beſehen derſelben, auch 
Kanzlar, Raͤthe und Diener Beſoldung, und 
ſehe zu, wie es aufs genaueſte allenthalben zu be⸗ 
ſtellen, dann es wird kein ehrlichermann 
begehren, feines Herrn Verderben eine 
Urfache zu ſeyn. Nach dem Hof befehen J. 
F. ©. die Aemter auf dem Lande, und wad das 
ſelbſt mie Einem Diener zu verrichten, dazu 
follen nicht 3. oder 4. gebraucht werben. Hiebey 


Hofe und Kammer⸗Elend. a85 


des Jaͤger⸗Amts nicht zu vergeffen, darinnen 
dile Unkoſten mit Dienern, Zehrung, Fuhrlohn 
und andern wohl zu erfparen, fonderlich und}, 
daß fie von Hans aus beflelle werden. Dann 
wann ein Hirſch 100. fl. koſtet, ſo wird aus der 
Luft ein Verluſt, welches die Poeten mit der 
Fabel weislich und höflich bebenten und warnen 
wollten. Go klagt jedermann über die vile 
Wildbret uf dem Eiteröberge, welches J. F. G. 
angehörig, großen Schaden zugefügt, daß zu 
beforgen , es werde aus dem Herrfchaftlichen 
Holz eine Wiefe werden; was dad Urmurh au 
Getrayde vor Schaden leydet, und woher fie 
Binfen, Steuer und anderd nehmen, ſolches iſt 
leichtlich zu erachten. 

Beneben demſelben muß man auch das 
Bauen eine Zeitlang gar einſtellen, und wäre 
wohl gut, baß J. 5. ©. hätten ordentlich über 
den Weymarifchen Bau beſſer Math gehalten, 
dann derfelbe ift vor eine Luft zu viel, zum ers 
ſten nichts nüze, und wird 3: F. G. zeitlich ges 
zeuen, wo ed nicht allbereit gefcheben. Weil 
auch unmoͤglich iſt, diß Orts eine gewiße Ve⸗ 
ſtung zu machen, fo werden über beu fo koſtba⸗ 


„A 


286 Bedenken uͤber das Weimar. 


reu und andern dergleichen Gebaͤnden viel ſpi⸗ 
zige Reden gefaͤllet. Amt Weymar hat ohne 
das fo viel Gebaͤude, daß man von demſelben 
nichts in die Mentheren belommt, ohngeachtet 
es jährlich über 17000. Gulden renten follte. 
Können fih auch J. 5. ©. wohl übriger 
Goftereyen, Hin⸗ und Wieder» Reifen, Bey⸗ 
läger und dergleichen mäßigen , dann burch fols 
che Sachen ift der Vorrath erfihöpft, daß man 
nun Wein und anders mit großen Unſtatten 
kaufen muß. Es kaufen J. F. ©. ſtetigs viel 
Pferde mie großem Gelde, die mehres theils 
verſchenckt werden ,. Dagegen kommen bie gute 
Georgen Thäler weg, daß deren wenig in Statt 
ober am Hofe, bie J. F. ©. wieder zu erlangen, 
gefunden werden; wir achten auch bafür, daß 
ein jedes junged Pferd 3. F. ©. 300, Thaler 
toft, und verderben bie meifle, ehe fie zugerit⸗ 
ten und gebraucht werben. Daß ift alled großer 
Schade und Unrath, fonberlich jeziger Zeit, da 
biefe Unsgaben alle von erlangtem Geld genoms 
men, dann fonft J. F. ©. hiemit nicht zu bes 
mähen. Soll man aber alle Ausgaben an Ber 
foldung, Koſtgeld, Bauen, Gnabens Geld, 








Hof: und Kanimer- Elend. 237 


Kaufen und dergleichen von erborgtem Gelbe 
halten, was will hieraus anderſt folgen „dann 
ein gewiſſer verberblicher Untergang. Dann 
wärden J. F. ©. alle Ihre Mißguͤnſtige uud 
MWidermärtige erfreuen, fhimpfliche Nachreden 
bey Ihren Freunden und männiglich auf ſich 
Inden , fich ſelbſten und derſelben hochloͤbliche 
Gemahl and Fürfiliche Kinder (deren wir von 
Sotted guädigem Seegen noch viel erwarten) 
in die hoͤchſte Noth und Mangel ſezen. Ja es 
wuͤrden villeicht J. F. G. dem jungen 
Seren muͤßen in die gaͤnde ſehen. Darum 
wird J. F. G. nochmals treulich erinnert und 
um Gottes willen gebeten, dieſe Bedencken in 
gute Acht zu nehmen, denn es iſt hohe hohe 
hohe Zeit. 

Werden J. F. G. wenden, und ht in 
der gaushaltung gar umkehren, wie 
dann vonnöthen und hohe Zeit, fo wird 
Gott feegnen , die Landſchafft willig 
feyn, und der Bruder fich bey %. S. ®. 
brüderlich 3u gedulten Urfach haben; es 
werden auch die Diener dabey wacker, 
munter und luſtig werden, 3, 5.8.1103. 


233 Bed. uͤb. d. Weim. Hof⸗u. K. El. 
zu fördern, und es darinn an. allem 

Fleiß und Vermögen nicht mangeln laſ⸗ 
fen. Wenn man aber alfo fortfährt, fo 
wird Bott ftraffen, 3.5. G. Mangel und 
Noth leiden , die Landfchafft unwillig 
‚werden, und der Bruder auf eine Theis 
lung dringen, und J. F. G. das wenigfte 
davon bekommen, bie Diener aber, wel⸗ 

chen ihr Amt ein Ernſt iſt, und ſich mit 
dieſer Sorge zu Bette legen und wieder 
- auffteben die werden ſich entweder ih; 
res Lebens oder Dienfts verzeihen müß 
fen, dann Sanct Paulus jagt: Wer ein 
Amt hat, der ſorge; Sorge aber frißt 
Marck und Bein, Leib und Leben, wie 
jedermann weiß , der es verfücht hat. 
Signatum den 22. May Anno 1590. 


Dieterich Vizthum von Eckſtedt. 
Schweibold von Brandtſtein. 
M. Gerſtenberger. D. 





x On 





X. 
Der 


Politische Buß» Prediger. 





Rede | 
Balthafar Venators, 
Hofraths zu Bweibrüden, 
an | 
Seine Kollegen, die Räthe daſelbſt, 
gehalten ums Jahr 1646. 


”. 
Rn. ” 


Aus dem Lateiniſchen Original in Joannis Mifcellis Hi- 
ſtoriae Palatinae p. 187. ins Deutſche uͤberſezt. 


Patr. Archiv, III. Chi. X 


. 





N. Verfaſſer diefer herben Bußs Predigt, 
Balthaſar Denator, war im Sahre 1594 
zu Weingarten in ber Pfalz gebohren, er hatte 
das Schickſal vieler großen und guten Men⸗ 
(den, in der Schule. der Truͤbſalen und Uns 
Ichtung gebildet worden zu ſeyn, da feine Juͤng⸗ 
lings⸗ und männliche Sahre juft in die Zeiten 
helm, als vom Jahre 1622 an die Pfalz ber 
Schauplaz eines erſchrecklichen Innern Krieges 
und ber traurigften Verwuͤſtungen warb, wels - 
de ihn perfünlic fo fehr mit betrafen, daß 
man bie Befchreibung feined audgeflandenen 
Elendes noch jezo nicht ohne Rührung leſen Fan. 
Nachdem er unter vieler North, Sorgen und 
Kummer aus einer Stadt und Land ins andere 
getrieben worden, befam er im Sahre 1631 
vom Pfalzgrafen Sohann II zu Zweibruͤcken 
den Ruf, Hofmeifier feines Älteften Prinzen 
Friderichs zu werden , und felbigen auf Meis 
ſen zu begleiten. Nachdem er feinen Prinzen 
durch die Schweiz, Frankreich und die Nieder» 
| Ta 


292 Der Politiſche 


lande gefuͤhret, kamen ſie Au. 1633 wieder 
nach Zweibruͤcken zuruͤck. Venator wurde nun 
in ſeinen guten Einſichten und Eigenſchaften 
dem Landesherrn noch bekannter, und auf die 
Zuſage, ſtets in Zweibruͤckiſchen Dienſten ver⸗ 
bleiben zu wollen, ward er An. 1639 zum 
Lanbſchreiber zu Meifenheim beftellt, im Sahre 
2646 aber als wirklicher Hoſrath nad Zwei⸗ 
bruͤcken berufen. 

Um dieſe Zeit war es dann, wo er feinen 
Patrioten⸗Mund aufthat, und in der Antrittös 
Mede feines Amtes (dann diefed fcheint der 
ganze Aufſaz zu feyn) die in Trägheit, Fuͤhl⸗ 

loſigkeit, Gleichguͤltigkeit, Menfchen » Furcht 
und Gefälligkeit hinträumende Räthe, feine 
Kollegen, zu trenerer und ernfllicherer Erfuͤl⸗ 
Yung ihrer Pflichten zu erwecken ſuchte. Daß 
ein Mann, der fo denkt und fpricht, „nach eben 
diefen Grundſaͤzen gehandelt habe, laͤßt ſich 
eben fo gerne glauben, als für bekaunt anneh⸗ 
men, daß er durch feine reine Treue und Freis 
mütbigkeit ben Haß, Neid und Verfolgung 
aller Augendiener, Schmeichler und Achſeltraͤ⸗ 
ger nur um fo mehrers gegen fich gereizet haben 


Buß: Prediger. 293 


werde, Der Erfolg bewährte ſolches audy in 


der That, ber befchwerliche Hofprediger wurde 


An. 1652, mit Beibehaltung feiner Rath⸗— 


| 


Sielle, von Haus aus nach Meiſenheim zurüds 
fpedirt, wo er ald Ober» Ammann Gutes thun 
konnte, ohne baß ſich das Auge feiner Kollegen 


| an ihm aͤrgerte. 


So lange ſein Herr, Herzog Friderich, leb⸗ 
te, ward er noch zuweilen nach Zweibruͤcken 
berufen, auch in Verfertigung von Gutachten, 
Deduktionen und andern Staats⸗Aufſaͤzen ges 
braucht, ald aber diefer mit Tod abgieng, warb 
der alte Diener mit in dad auszumuſternde In⸗ 
ventarium gefezt. Che er noch die Eutfcheis 
dung feined Schickſales wußte, fihrieb er An. 
1661 an einen Freund: Principi integrum 


| et, me nolle fuum, aut velle aliter fuum 


eſſe: forfan prius mihi non nimis noxium 
erit; pofterius plane adverfum. Confilii 
Bipontini focietate libenter abflineo , nec 


cauſas dico, nifi quod etiam alibi primus, 
quam illic effe malo tertius; quamquam 


nomen hoc cum re exercui, antequam hi, 
qui nunc fünt ‚ elle coepiffent, quod funt. 
"RZ: 5 


294 Der politifche 


Sed haec ad ambitionem, nihil ad meam 
temperantiam. Honorem modicum non 
detrefto, notabiliorem.non appeta. Faci- 
lius de mediocribus, quam de magnis ne- 
gatlis ratio redditur. 

Es war aber für diefe feine Sorge, mies 
ber nach Zweibruͤcken berufen zu werben, von 
den Matadors der nenen Megierung geforgt. 
Der Landes Nachfolger, Herzog Friderich Luds 
wig, begegnete dem alten Manne, wenn er 
nad Zweibräden Fam, guädig, ja mit einer 
anſcheinenden Vertraulichkeit, wie es die Fürs 
ſten gemeiniglich. gegen diejenige, denen fie am 
menigflen Gutes zu thun im Sinne haben, zu 
halten , und fie mit ſchoͤnen Worten, freunds 
ligen Geſichtern, auch wohl zuweilen einem 
gnaͤdigſten Spaße abzufiuben pflegen. Venator 
ward nicht nur nicht mehr gebraucht, und zu 
. Math gezogen, fondern konnte in feinen alten 
Tagen nicht einmal feine Befoldung bezahlt bes 
kommen. Cr fühlte das erleidende Unredit 
und Undank lebhaft, und führte deßwegen bei 
feinem neuen Herrn und feinen Freunden bittere 
Klagen, Un einen dieſer leztern ſchrieb er 


“ 


Buß- Prediger. 295 


den „ten Sept. 1661: Scripfi ante dies pau- 
culos ad Serenifimum Principem de fala- 
ri mei reliquiis, fimulque D. Paftorio mifi 
epiftolam ad amicum, de laboribus & pe- 
riculis meis, quibus annis fuperioribus fa- 
ne quam ærumnoſis defundtus fum, non 
alio confilio, quam ut oftendam, quam 
iniquum foret, fi mercedula mea excide- 
rem. Sed exprimi non potuerunt omnia. 
Perparum fuit, quod mihi deftinatum fuit 
in premium : quod in onus, fane pluri- . 
mum & gravifimum. Ut cætera taceam, 
pro Confiliarii munere munus nullum. At 
id mihi haud quaquam otiofum. Nam ab | 
initio quidem deliberationibus frequens 
vacavi, & iistam mentem, quam manum 
impendi. Evocatus deinde Bipontum , 
trimeftrem mei prafentiam fingulis annis 
perfeveravi. Domo etiam fubinde de con- _ 
troverfiis variis fententiam perſcripſi. — — 
Cetera omitto. Hæc autem eo fufius re- 
cenfui , ut faltem conftaret, mihi nomen 
illud Confiliarii non pro phaleris, fed fa- 
tis negotiofum ( nuda Principis gratia & 


0 T4 


296 Der politiſche 


familiaritate excepta) fine omni emolu- 
mento fuifle. Si nihil aliud obtineo, fal- 
tem Princeps Sereniflimus intelligat, quæ 
fides mea in arando, qua fterilitas in me- 

tendo, quotquat ludos fortuna agat, dum 
ſæpe inertes aut femioccupatos praemiis 
beat , labariofos & ‚boni publici caufa 
omnia fufcipientes inter ergaftulorum mi- 
ferias deltituit. Libere & jufte queror, 
ſed neminem accufo, prxter invidiam, au- 
larum comitem, quæ mihi, ut faepe n0- 
tavi , etiam fimplicem & indotatam gra- 
tiam invidit. 

06.2 und wie viel dieſe Klagen geholfen 
haben ? davon findet ſich Feine Spur ; wenn 
ed aber vor hundert SSahren ſchon war, wie 
beut zu Tage, fo wird ein: Ponatur ad 
"Ada, die Refolution darauf geweſen feyn ; 
der Welt Lohn war zu allen Zeiten einerlei; 
dem flegenzigjährigen Greis blieb aber nicht: 
viele Zeit mehr übrig, neue Klaglieder zu fins 
gen, ben „zien Febr. 1664 gieng er zu Mein 
ſenheim in feine Ruhe und in ein beffereö Les 
ben über, 





Buß: Prediger. - 297 


Man bat noch von ihm eine anonyme 
Schrift, unter dem Titel: Traum» und 
Nacht» Beficht, in 4to. worinn unter ents 


lehnten Namen die damalige Herren auf ber 


Regierung in Zweibrüden nach bem Leben ges 


ſchildert feyn follen. Einem Manne, der viel 
anf einmal ſieht, das er befler zu feyn wuͤnſcht, 
und es doch nicht beffer machen Fan, wieder⸗ 
führe: es leicht, folche wachende Träume zu 
haben, und auf dem Gebiete der Satyre find 
die Phnfioguomen ohnehin zu Haus. Wenas 
tor8 Freunde , Opiz und ber unter dem Nas 
men Philanders von Sittenwald verſteckte Mo⸗ 
ſcheroſch waren von gleichem Schlag, anuch ſſe 
predigten den Großen ber Welt die Wahrheit 
in Fabeln und Geſichtern; heut zu Tage bes 
barf es folcher Ceremonien und Neben » IIms 
flände niche mehr, zu Viſionen feine Zuflucht 
zu nehmen, man barf die Wahrheit laut und 
moerbluͤmt fagen „ die Lacher find auf ihrer 
Seite, und bie ſich getroffen finden koͤnnten, 
find galans oder verfloct genug; ihr von felbft 
and bein Wege zu gehen, 


x5. 


298 Der politiſche 
* 
Hochgeehrteſte Herren. 


Beſorgen muß ich zwar allerdings Sie 
werden denken, daß ich mich um Dinge be⸗ 
kuͤmmere, welche außer dem Horizont meines 
Amtes liegen , und baß ich, ald ber jüngfle, 
ganz Ordnungswidrig mic) unterſtehe, ven dis 
tern Herren Raͤthen vorzugreifen, wenn ich 
Sie jezt auch nur auffordere, in unferm Jam⸗ 
mer guten Mash zu geben, — denn ich felbft 
will ihn nicht geben — zumalen ich auch von 
Suchen zu reden habe, wobei ich bie Unge⸗ 
wißheit des Nuzens, aber ‚die Gewißheit des 
Haſſes und Neides voraus ſehe. Jedoch, da 
es ein großes, noͤthiges, wichtiges, und mit 
dem Einſturze unſers Staates verbundenes Ge⸗ 
ſchaͤft iſt, welches auf uns liegt, da es dabei 
auf das Wohl unſers Fuͤrſten und Vater⸗ 
landes, oder — Gott ſei dafuͤr! — leider! 
Untergang ankoͤmmt, und Sie, meine Her⸗ 
ven, wenn dieſer Staat in: Schaden geräth, 
entweder von ihrem Amt Nechenfchaft geben, 
ober vor aller Welt und Nachwels bie Schande 


P} 


L | 





Buß: Prediger. 299 


tragen muͤßen, daß fie Schuld daran freien, 
ba die Nachkommen unfere Namen in ben dfs 
fentlichen Akten diefer Zeit nur mit Wergers 
niß lefen, und dabei unfere Knochen noch vers 
fluchen werben, da jedermann ald fichere Wahr» 
heit annehmen wird, daß mir entweder tums 
me Schafs⸗Koͤpfe, oder faule Efel, oder böfe 
Buben, oder furchtfame Hafen, oder Schmeich⸗ 
ler und Speichelleder , ober überhanpt bie 
Rathgeber verberbliher Handlungen gewefen 
fenn : fo babe ich meines Theils für beffer ges 
halten, meinen Mund aufzuthun, mid), dem 
Hop und Neid blos zu flellen, Gnade und 
Gunſt zu verachten, ungegründeten Zabel zu 
leiden, als durch ein laͤngeres Stillfchweigen 
die böfen Sitten und Gebräuche zu billigen. 
Denn Sie ſehen, wenigſtens hören Sie es 
täglich , und zwar, glaube ih, nicht ohne 
Schmerz und Seufzen , wie ſowohl im geifts 
als weltlichen Stande alle gute Ordnung im⸗ 
mer mehr umgekehret wird, wie fehr dad Heis 
lige entheiliget wird, wie wenig die Raͤthe 
Rath zu fchaffen fih befümmern,, welcher 
Wirrwarr in den Anfhlägen und Oefinnuns 


3 


300 Der politiiche 


gen herrichet, wie unzufammenhängend bie Bes 
rathſchlagungen find , tie voll Widerfpräche 
die Befehle, wie fehänblich die Gerechtigkeit 
befleckt iſt, wie giftig die Heilmittel gegen die 
Krankheiten find, daran mir niederligen, wie 
verwirrt und unausgemacht die Prozeffe vor 
ben Gerichten ſchweben, wie groß die Schuls 
benlaft ift, welche Gefahren deßwegen droben, 
wie viele Hofbediente ba find, welche Koſten, 
welcher ganz fchranfenlofer Aufwand ſich dabei 
findet, und wie endlich gegen alle diefe Uebel 
gar Feine Hilfsmittel vorhanden find. | 

- Wenn unfre alte Fürften die Regierung 
antraten, fo hielten fie die Bekanntmachung 
ber Verordnungen, die Gottſeligkeit und gute 
Sitten betreffend , die Sorge für Polizei, 
Kirchen und Schulen, und daß die geiftlichen 
und weltlichen Bedienten ihre Gebühr befäs 
men, für ihre erſte Pflicht. Was thaten wir 
beim Unfange diefer Regierung? — Bon dem 
allen Nichts! So weit haben wir uns von den 
guten Gebräuchen unferer Alten entfernet, daß 
unſer böfes Beiſpiel audy den übrigen. ein 
Scandal iſt. Für die guädigen. Rettungen 


Buß⸗Prediger. 301 


Gottes in unſern vorigen Noͤthen ſind wir ſo 
undankbar, daß wir ſie aufs neue verdient 
haben. Bei der gemeinen Armuth ſind wir 
Schwelger, und, als ob wir Gott ein Soͤhn⸗ 
opfer fuͤr die Rettung braͤchten, werden wir 


taͤglich unbaͤndiger. 


Den Pfarrern entziehen wir nicht nur die 
ſchuldige Liebe, ſondern, wenn ſie uns die 
Wahrheit ſagen, ſo haſſen wir ſie ſogar. We⸗ 
nige, welche aus Furcht oder Gunſt unſere 
Geſchwuͤre nicht beruͤhren moͤgen, und mit dem 
Knaben Abſolon fein ſaͤuberlich umgehen, fin⸗ 
den wir noch ein wenig ertraͤglich, insgeſamt 
aber halten wir ſie fuͤr Unrath, Bettler und 
leere Schwaͤzer. Denkt man denn gar nicht 
daran, welches wichtige und in der That goͤtt⸗ 
liche Geſchenk es iſt, daß wir dieſe Gottes⸗ 
Geſandten hören duͤrfen? Erinnern wir uns. 
nicht, daß Gott von und weiche, fo. oft die vom 
und zu gehen gebrungen,, oder zurücgerufen - 
werden , welche und den Willen Gottes erklaͤ⸗ 
ven? Wir wiſſen endlich wohl, wie wenige 
Pfarrer wir nod) haben, und daß wir bald gar 


Feine mehr haben werben; aber wir merken ed . 


02 Der politifche 


nicht, baß ihr Abgang auch bie Hofnung, ans 
bere wieber zu befommen, vernichte. 

Denn, wo find die Schulen, aus welchen 
diefe nothwendige Werkzeuge Gottes kuͤnftig 
koͤnnen bergenommen werden ?_ wo find bie 
geiftlichen und Kloflers Güter, bie wir ehedem 
zu andern Behufe fo fehr gemißbrauht has 
ben, daß wir in Gefahr ſtehen, fie Eüuftig 
gar nicht mehr nad) ihrem Zweck recht gebraus 
hen zu Eönnen ? und doch noch immer fort _ 
laſſen wir die Knechte Gottes mit ihren Frauen 
und Kindern Hunger leiden, amd fih mit 
Lumpen decken. Mit den für fie geflifteten 
Gefällen nähren wir einen Haufen müßiger 
Leute, Pferde und Hunde; die im Lande für 
fie wachfende Früchte nehmen wir ihnen vor 
dem Munde weg, was fie aus Holland und 
‚ fonften ber zu ihrer Erhaltung befommen, mißs 
gönnen wir ihnen. Wir befhweren und, daß 
ihnen von Ausländern Befoldungen gegeben 
werben ,„ und ſchaͤmen und nicht , ihnen Feine 
zu geben. Wir nennen es Mißbraud ber 
Wohlthaten, wenn die Armen heimlic die ih⸗ 
ven angebotene Wohlfhaten annehmen, und. 


Bu Prediger. 303 


glankın nicht, daß biefer Mißbrauch auf uns | 


fere Rechnung gefchrieben werden muß, ba 
wir fie zwingen, fie auswaͤrts zu fuchen und 
anzunehme. Dem gäbe man ihnen, was 
man ihnen ſchuldig ift, fo hätten fie nicht noͤ⸗ 
thig, anderdwo zu ſuchen, was man ihnen nicht 


ſchuldig ift, und umſonſt giebt. Es verdrieße 


zınd, baßdiefen Männern etwas gegeben wird, 
weil wir das, waß fie und geben, gering ſchaͤ⸗ 
zen. In Wahrheit, nur das Aeußere ber 
Frömmigkeit liegt und an, and ein menig nur 
find wir mit der Religion uͤbertuͤncht, ja oft, 
leider! nicht einmal das, Dieß iſt der wahre 
Grund jener mißgänftigen Klagen. Die Kir⸗ 
chen werden Steinhaufen werben , niemand 
mag eine einflürzende Kapelle herſtellen, nie 
Ziegel oder Walken einziehen. Ja, wir mas 
hen und Fein Gewiſſen, manches davon weg⸗ 
zunehmen. Weil wir daun Gott weder un⸗ 
ſere Herzen, noch Kirchen erhalten; was Wun⸗ 
der, wenn er — ach! daß es nicht geſchehe! — 
“mit feiner Gnade von und weichet, da wir ja 
doch ihm die Herberge verfagen ? Denn alle 
Ausgaben halten wir für wohl angelegt, nus 


' 


- 


304. Der politiiche 


die nicht, welche wir Gott fehulbig find. Deßs 
wegen werden auch biefe Koſten, gleich ben 
übrigen faſt allen, dem Wolfe aufgebürbet, 
und wir fragen wenig darnach, wie fehr jene 
Kriegs⸗ und Küchen Auflagen bie armen Leute 
erfchöpfen. 

Einige wenige Sauren» Gemeinden . — 
auch darauf muß ich kommen — naͤhren un⸗ 
fern zahlreichen and prächtigen Hoſſtaat, ins 
dem fie ſelbſt Bloͤße, Mangel, oft bittern 
Hunger leiden müßen, damit Diejenigen ſich 
Eoftbar Eleiven und mäften koͤnnen, welche herr⸗ 
lich leben und Pracht treiben von dem, was 
fie antern ausgezogen haben. Die Noshwens 
bigfeit zu befriedigen iſt ihnen nicht genug, ihre 
Waͤnſte und Blafen müßen von ber Meberfüls 
Yung berſten, und die Thraͤnen, welde Tro⸗ 
pfenweis dem Volke auögepreffet werben, vers 
ſchlingen die Praffer Stromweiſe. Je mehr 
Gaͤſte zum Schmauſe kommen, beflo mehr er» 
gözen wir und an unferm Verberben. Wil 
einer weggehen , fo verfchließt man ihm bie 
Thuͤre, damit ja fein bald Daranf gehe, was uns 
faft Laft if, andern aber Ihränen verurſachet. 

Bei 


Buß Prediger. gos 


Bei ſolchen Wohlluͤſten und betanbendem Ler⸗ 
men werben bie verzagten Bitten der Suppli⸗ 
kanten weder gehöret, noch geachtet. Weber die 
Hirte der Soldaten Hagen wir, aber wir fahs 
ven darum doch immer auf unfere Weiſe fort 
Da jene immer mehr fordern, fo enthalten wie 


und kaum, auch anfere Forderungen su vers 


mehren. Noch ehender laſſen ſich jene erbitten, 


etwas uachzulaſſen, als wir. Staͤdte and Land 


ſind darum voll Klagen und Geufzer. 
So gehts am Hofer — Wie dann bei und 


Rathen ? Selten find wir einig, immer uns 


einig, mit Reib und Seele uneinig. Denn wie 


fizen nicht zufammenz in allen Winkeln ſteht 
man, halt da Rath, beſchließt und macht Ver⸗ 


ordnungen. Ploͤzlich fälle einem etwas ein, 
ploͤzlich iſt eine Verordnung da. Wetrachteb 
man die Gruͤnde, ſo ſind es meiſt Irrthuͤmer. 
Aber beſſern — will niemand, Jeder ſtreitet 


für feine Meinung, und will der Kluͤgſte ſeyn⸗ 


Manchem behaget das ı Si libet, licet, das 

iſt: Sch mag, Ich darf, Kein Eifer iſt 

ba, das zu befchleunigen, befien Aufſchub uns 

endlich ſchadet. Mancheu Kleinen Schaden 
Patr. Archiv, III. Theil. U 


— — — — — — — 


306 Der politifche 


Eönnten wir Teiche heilen, ben unfer Zaudern 
groß macht. Wo wir langfam feyn follten, 
da find wir's nicht. Schnell erlaffene Befehle 
heben wir manchmal eben fo ſchnell wieder auf, 
‚ohne und beffen zu ſchaͤmen, was und gereuet. 
Dazu koͤmmt, daß unfer Kollegium aus zu 
wenigen Männern beſtehet. Den Arbeitern 
fehlen Hände, den Prozeßen ber erfahrne Sachs 
walter, Stärke, Alter und Gefundheit, allen 
“ aber der Kohn, obne welchen body weber die 
alten Diener erhalten, noch nene Angenommen 
werben koͤnnen. Alle verrichten ihr Amt un⸗ 
gern, verbrießlich und obenhin, weil fie fehen, 
daß Faullenzer die Maſtung, fie aber weder 
- Mehl nody Kleien bekommen, nicht anderſt, ala 
ob die, fo nicht zum Hofe gehören, ed für eine 
Gnabe halten müßten, wenn fie nur, auch ohne 
Lohn, dienen duͤrfen. 

Und die Schwazhaftigkeit — welcher Feh⸗ 
ler? Nicht nur — durch wer weiß wen? — 
kommen wichtige und unwichtige Sachen aus; 
fondern fo gar ſelbſt durch deu werben fie oft 


uͤͤber Tafel und in Gefellfchaften bekannt, wel⸗ 


chem am meiften daran liegt, daß diefer Feh⸗ 


| 


Buß: Probier  - 307 
fer in feinen Schranken gehalten werde. Nichts 
if doch bei Gericht und Raths⸗WVerſammlun⸗ 
gen noͤthiger, ald Vertraulichkeit, und daß 
alles geheim bleibt. Wenn der Fuͤrſt nicht das 
für vorzüglich forgt, und bie Fehler verbeffert, 
fo fan er weder feine Würde, noch feine Erb⸗ 
guͤter behalten. | 

Feinde beunvuhigen und, Gläubiger ta 
ben und in die Enge, Vetter drängen, Ver⸗ 
wandte verrathen, Nachbarn plünbern, Zaͤn⸗ 
ker aͤngſtigen und, und ba wir ziemlich trozig 
fie behandeln, Feinem gute Worte geben, Fein 
nes Freundſchaft ſuchen, noch erhalten, fo bea 
wafnen wir fie alle mit neuem Haß zu unſerm 
Verderben. Wenn bei ſolchen Schwierigkei⸗ 
ten noch eine Mertang moͤglich iſt, wo iſt fie 
za ſachen, als bei vielen, klugen und getreuen 
Raͤthen 2 -biefe find bier Haupt and Seele. 
Hat ein Fürft ſolche Wehre nicht, fo hat en 
nichtz, was er zu haben meint. Hat er ſolche 
Raͤthe, verachtet ſie aber, and folgt feinem 
Kopfe, ſo muß es ihm gehen wie dem, der die 
Vruͤcke verachtet, ſeichte Derter ſucht, und 
dariunen erſaͤuft. | | 

| Da 


308 . . Der polltifche 


Alles das nub noch mehr — dann wer | 
kan alles zählen? — wiffen, verſtehen, ſehen 


wir, aber unebel fchweigen wir bazu. Unter⸗ 
heffen meint der, welcher in biefen Irrſalen fich 
befindet, bei’ dem Mangel eruflliher Warnuns 


gen, daß er anf. dem rechten und guten Wege 


fei, und wandelt baranf fort zu feinem offens 
baren Untergange: 

Sch fage nicht, dag Sie, meine Herren, 
ihre Pflichten, Sorge und Liebe für das Was 
terland außer Augen fegen, fondern nur, daß 
Sie nicht frei genug reden. Solche Beſcheiden⸗ 
heit iſt Löblich bei Dingen, um welche Sie fi 
- nicht zu befümmern haben, und bie dad gemeine 
Beßte nicht betreffen. Wenn Gie aber gewahr 
werben, daß die Fundamente ber Frömmigkeit, 
Gerechtigkeit, Ehrbarkeit und ded gemeinen 
Nuzens erfchästert werben, bad gemeine Beßte 
in Gefahr koͤmmt, heiſame Geſeze abgefchaft, 
die beßten Gewohnheiten aufgehoben, die Wors 
theile bes Fuͤrſten gehinbert , feinen Angelegen⸗ 
heiten Verderben und Schande bereitet, das 
Vaterland mit den Bürgern zu Grunde gerichs 
tet, Gotted Born nub Strafe gereizet werden; 

\ 





/ 





Buß: Prediger. 309 


dann iſt's ihre Pflicht, nicht nur die bevorfles 
ſteuden Webel vorher zu fehen, fondern auch mit 
gemeinfchaftlichem Rathe mündlich und fchrifts 
{ih dem Irrenden feine Irrthuͤmer anzuzeigey, 
befern Rath zu geben, und bie drohende Peft 
von den Haͤuptern bed Herrn und bed Vaters 
lardes ans allen Kräften abzuhalten. 

Wenn aber, während ihres Zauderns, 
Schweigens und Nachfehens, Kirche und Staat 
unwiederbringlichen Schaden leiden, wenn dad 
Volk die Laflen abwirft, und ſich verläuft, 
Verodung folget, die alten Beſizungen ensriffen, 
den Släubigern die Pfänder überlaffen werben, 
wenn die Gelegenheiten, unfere Rechte geltend 
zu machen, unbenüzt voräber gehen, wenn aufs _ 
Schwelgen ber Mangel eintritt, wenn Gott 
darum, Daß wir ihn und bie Tugend verachten 
ten, und wieber verächtlich macht, und und das 
unftige durch gerechte Strafen anfreibet, alle 
Gelbfrüchte verderbet, und flatt ber Früchte 
jenes ſchwarze Pferd, uud flast bed Getraͤnkes 
ne Schale der Offenbarung Johannis fendet: 
ſo wird nicht nur der Pöbel, fondern auch der 
hanze Sof, ja ſelbſt der, deſſen Sie jezt fo Äbel 

— ug 


gro Der politifhe Buß Prediger. 


ſchonen, die Urſache folhen Ungläda in Ihrem 
Schweigen ſuchen, und Gie feiner Ungnade 
werth achten, Der Herr muß demnach, and 
wider feinen Willen, von ihnen erhalten wers 
den. Erinnern Sie ſich, daß Sie Väter find, 
and handeln Sie auch wie Väter. Rufen Sie 
dem Sohne, gleich den Eltern, auf der fchlüpfris 
gen Jagendbahne zus 

Fleuch die gähe Felſen, Gruben, Schlünde, 

Teuer, 

wiſe Thier und Ottern, Hund und Unge 
| heuer, 

Das Regenten a Leben iſt dad Gefahrvolleſte. 
Jede Gelegenheit das Wuterganges locket ihm 
Boͤſer Rath, böfe Rathgeber, eigene Under 
dachtſamkeit, Begierben, ber Luxus, bie Schmeis 
cheleien: und tauſend andere Gefahren drohen 
ihm, Verzeihen Sie, wenn ich frei rede, and, 
wenn ich vieles verſchweige. 

Verlohren iſt das Vaterland, wenn Sie 
nicht als Vaͤter ihre Pflicht beobachten, 


XI. 
Des berůhmten und gottfeligen Theologen 
D. Phil. Jakob Speners 
Gewifens- Prüfung 
en 
Regenten und Obrigkeiten:. 


6? 
und wie fern die Klagen über das verberbte 
Chriſtenthum auch fie betreffen? 


vom Jahre 1685 


u 


'. 





| 

Nm u koͤrnichte, tiefgebachte Aufſaz iſt ala 
ein Anhang bei einer Kleinen’, fehr feltenen 
Schrift des feligen Mannes befindlich, welche. 
anter dem Titel: Der Bingen über dag 
verdorbene Chriſtenthum Mißbrauch 
und rechter Bebraudy, An. 1685 zu Franke 
fürt am Mayn herausgelommen if. 

Alſo gerad vor hundert Jahren! 
Dieſer Spiegel iſt fo rein und Eryftallen⸗ | 
lar, daß er noch jezo Die treuſten Dienſte dem, 
P fi darinn beſehen mag, leiſten wird. 

Wie viel iſt aber indeſſen zu wünfchen hin⸗ 
zugelommen? und wie viel wird erſt noch uns 
ſern Nachkommen übrig bleiben? 





4 
Erſtuch, was hohe Standes. Perfonen 
betriſt, deren hat jeber über folgende Gtuͤcke ſein 
Gexiſſen zu unterſuchen 
Ob er exkenpeʒ daß er, obwohl In ber Welt 
| hech, ws vor Goit nichts mehr fei, ala der 


43 





314 D. Spen. Gewiffens⸗Pruͤfung 


geringfte feiner Unterthanen und aͤrmſte Bett 
ler, ja ald ein armer Erdwurm vor der hohen 
Majeftät Gottes? | 

Ob er fein Amt und Gewalt erkenne, allein 
von Gott zu haben, bem er dafür Recheuſchaft 
geben müße, ober ob er in etwas glaube, eine 
eigene Macht’ zu haben, bie er nach eigenem 
Willen führen und brauchen dörfe? 

Ob er ohne Unterlaß, als feiner Untuͤch⸗ 
tigkeit wiflend, Sort um feine Gnade und Weiss 
heit anrufe.? (wie. ein [hön Formalar im B. 
der Weisheit Rap. g fleht) und nichts in feinen 
Regierungda Geſchaͤften anfange, ohne vorher 
Gotted Gnade innbruͤnſtig erbeten zu habın ? 
Sa, ob er auch bete für die Unterthanen ? 
Odk er all fein Vertrauen in feiner Regies 

zung auf Gott allein von ganzem Herzen fee? 
oder ob ex ſich auf feine Macht, große Lande, 
Kriegsvolk, Feſtungen, Bundesgenoſſen vers 
laſſe, und alſo Abgoͤtterei treibe, damit aber 
Gottes Gericht auf das Land ziehe? 

Ob er alle feine Renierung, Leben und Amt 
führe, als vor Gottes Angeſicht, mit Erinne⸗ 
zung ber. kuͤnftigen Rechnung, und alles deſ⸗ 


der Regenten. 315 


ſen, was im B. der Weisheit Rapı 6 gedros 

bet wird, folglich mit gleicher Furcht und Ehrs 

erbietung vor Gott, ald ex von feinen Unters 

thanen erfordert „ gegen ihn in feiner Gegens 
wart zu geſchehen? 

Ob er glaube, daß er, mie hoch er in der 
Welt ſtehe, dennoch an alle die Regeln Chri⸗ 
ſti, die er den Chriſten, was ihr Leben anlangt, 
vorgeſchrieben hat, und von ihnen die Verlaͤug⸗ 
nung ihrer ſelbſt, Sanftmuth, herzliche Des 
muth, Nuͤchternheit, Maͤßigkeit, Keufchheit, 
Fleiß, Wahrheit, Gerechtigkeit, Geduld und 
dergleichen fordert, gebunden ſeyn, nicht aus 
ders, als der geringfle andere gemeine Chriſt, 
oder ob er fich einbilde, daß er von ſolchen Res 
geln, oder aufs wenigſte von etlichen derfelben, 
Difpenfation habe, und, ob er ſich ſchon ders 
felben nicht befleiße, dennoch ein gottgefalliger 
Chriſt ſeyn moͤge? 

Ob er mit gottſeligem und anfiräfligem 
Leben nach allen Stüden ben Unterthanen vors 
leuchte „ fie damit erbaue und aufmuntere , 
auch damit shätig bezeuge, baß. feine aͤußerli⸗ 
he Sorge für die wahre Religion, und waq 


' 


316 D.Spen. Sewifiens: Prüfung 


er für Ordnungen in dein Geifllihen den Uns 
tertbanen vortragen, auch barüber halten Läßt, 
aus einem gottöfürchtigen Herzen herkomme, 
nicht aber nur in einer Staats Raifon beſtehe, 
(welches, fo es gemerkt wird, fie nur deſto 
mehr aͤrgerte) ſo dann durch dergleichen Leben 
ihm ſelbſt eine Verficherung gebe, daß er tuͤch⸗ 
tig fei, ein Tempel des heiligen Geiſtes zu 
feyn, und ſich deſſen Weisheit in der Regierung 
gu getröflen ? 


Ob er mit gottſeligem Leben uͤber das Land | 


Segen bringe , ober ob durch feine Bodheit 
göttliche Gerichte über feine Regierung gezos 
gen, und er alfo vieles Jammers Schuld wor⸗ 
den fei? | 

Ob er bafür halte, daß die Unterthanen 
um feinetwillen fein, damit er groß und ihm 
wohl wäre? ober ob er erkenne, daß er um ber 
Unterthauen willen ſei, Damit ihnen deſto beffer 
wäre ; bahero auch, wo diefe beide einander 
entgegen flünden, er Lieber feinen Unterthanen 
als ſich wohl ſeyn laſſen wollte? indem er ja 
für der Unterthauen Heil auch fein Leben auf⸗ 
zuopfern hat. 


— — 














der Regenten. ‘817 


Ob er feine Einkünften ſuche zu erhöhen, 
und dergleichen Unfchläge von den: Seinigen 
gern annehme, davon feine Kammer ſich mehr 
bereichert, aber an welchen dirette oder indi- 
recte bie Unterthanen Nachtheil haben, und 
aufs wenigfte-ihnen Vortheile entzogen werben, 
die ihnen billig gebühreten ? 

Ob er feine Unterthanen mit einiger weis 
sen Laſt von Geld⸗Auflagen, FrohnsDienften 
und dergleichen belege, bie nicht die Wohlfahrt 
deö gemeinen Weſens und die Rothdurft des 
Regiments erfordere? 

Ob er derſelben Freiheit mehr einfchränfe, 
und ihnen, offentlich oder unvermerkt, einige 
Rechte, welche ihnen ſonſt gehoͤrten, entziehe, 
ohne Noth oder Nuzen des gemeinen Weſens 
ſelbſt, ſondern allein zu Vergroͤßerung ſeines 
Staates oder Hauſes, und zu anderm lleiſch⸗ 
lichen Zwecke? 

Ob er mit demjenigen, was er von den 
Unterthanen erhebt, ſo ſparſamlich umgehe, 
daß er einem gottſeligen Chriſten (deſſen Ur⸗ 
theil noch bei weitem ſo ſtreng nicht gehen kan, 
als die Rechnung Gottes gehet) davon Rech⸗ 


318 D. Spen. Gewiſſens⸗Pruͤfung 


nung zu thun getrante, naͤmlich nicht anders 
angewendet zu haben, ala zu Erhaltung des 
gemeinen Weſens, zu Nothdurft der Negies 
rung, 38 feinem und der Seinigen nöthigen 
Unterhalt, und einem allein zu Erhaltung ber 
nothwendigen Authoritaͤt redlich, als vor Gott 
erforberten Anſehen? 
Ob ex hinwieber jemals eiwas besjenigen, 
wad feinen Unterihanen faner geworden iſt, 
und er von ihnen empfangen hat, unmüzlich 
vertban, zu überflüßigem Kleider Pracht, Vans 
queten, Valleten , Taͤnzen, Komoͤdien, Feuers 
werfen, prächtigen Auf⸗ und Einzuͤgen, Luſt⸗ 
gebaͤuden, uͤberfluͤßiger Hofhaltung an Be⸗ 
dienten, Traktamenten, Pferden, Hunden, 
und dergleichen? 

Ob er ſeine Zeit fleißig anwende zu Gottes 
Dienſt und Uebung der Gottſeligkeit, zu den 
Regierungs⸗Geſchaͤften und Sergen, auch den⸗ 
jenigen Dingen, dadurch er je länger, je tüchs 
tiger zu feiner Regierung werben koͤnne, ober 
ob er nicht viele Zeit mit Schlafen, Tafelhalten, 
Spielen, Jagen, und andern eiteln, und nicht 
eben zur Geſundheit bed Leibes und ziemlicher 


der Regenten. 319 


Ermunterung des Gemuͤthes nöthigen Erluſti⸗ 
gungen unnuͤzlich zugebracht, und dafuͤr Gott 
sicht Rechenſchaft geben koͤnne? 

Ob er ſeine Regierung, ſo viel als einem 
Menſchen moͤglich iſt, und in allen Stuͤcken, 
dazu er eine Tuͤchtigkeit bat, befliſſen fei in eis 
gener Perſon zu verrichten, ober ob er gern alles 
auf Räche und Bediente ankommen laffe, um 
die Verbrießlichkeit nicht zu haben? | 

Ob er, weil er nothwendig Raͤthe und Bas 
biente haben muß, allezeit am meiſten fich nach 
ſolchen beſtrebe, wie fie David Palm 101 
befchreibet , von denen er nicht weniger ihrer 
Gottfeligfeit, daß fie Gott und den Unterthas 
ven treu fepn würden, verfichert wäre, als 
ihrer Geſchicklichkeit, und was die Welt au 
ihnen fuchet ? oder ob er nur auf ihre Ges 
burt, aͤußerliches Anfehen und dergleichen fer 
be ; fonderlih, ob ihm mehr angelegen, fol 
he Leute zu haben, bie in allen Stüden ſchmei⸗ 
cheln, ober mehr auf Vermehrung des Stans 
ted und ber Einkünften fehen, ala die Ehrg 
Gottes, des Landes Beßtes und die Gerechtig⸗ 
keit fehen werden? | 


926 D.Spen. Gewiſſens⸗Pruͤfung 
Ob er treuer Raͤthe guten Anſchlaͤgen und 
Erinnerungen folge,ober aber feine Ehre dariun 
ſuche, alles allein nach eigenem Kopf zu than? 
oder ob er ach treue Raͤthe, wo fie frei die 
Wahrhelt reden, mit Ungnäben anfehe, ober 
wohl gar abſchaffe, and ſich uichts eingevebet | 
haben wolle ? 

Ob er auf folhe Rache und Bebiente fleißig 
Acht gebe, und an die Redhenfchaft gedenke, 
die Sort nicht nur von ihnen, fondern auch von - 
ihm fordern werbe? 

Ob er feine Hofhaltung alfo anrichte, baß 
ſie ein Exempel der Gottſeligkeit und Tugend 
bein ganzen Lande gebe? oder ob er daſelbſt ber 
weltlichen Ueppigkeit, Ungenluft, Fleiſchesluſt 
"and hoffärtigem Leben, oder allerhand Laſtern 
ben Schwang laffe, daß, die am nächften um 
ihn find, dasjenige ohne Straf begehen, was au 
ben Unterthanen geflraft wird, ober um folches 
Exempels willen auch.nicht geſtraft werben Fan, 
daß alfo fein Hof der Brunnen werde, daraus 
bie Sottlofigkeit und boͤſes Leben vermittelft des 
ſcheinbaren Aergerniſſes in bas gene Land 

ausbricht ? 

8 


der Regenten. . gar 


Odb er diejenigen , wie vornehm bon Ges 
ſchlecht, und wie lieb fie Ihm fonften find, fo 
fich mit Laſtern vergreifen, ohne Schonen und 
Anſehen der Perſon, gu deſto größerer Strafe 
ziehe, als mehr Ihr Aergerniß fchader ?_ oder 
ob er fie durchwiſchen, ia ſich gar von Ihnen 
tegieren laſſe? bamit er alsdann ihre Suͤnde 
auf fi) ladet (fieh 1. Koͤn, 20, 43.) und feine 
Seele vor Gottes Gericht auſiatt des andern 
ſtehen muß. 

Ob er die wahre Reber, veinen Gonerdienſ | 
and rechtfchaffene Gottfeligkeit bei feinen Unters 
thanen eifrig und Eräftig befördere, mir fleißiger 
Hanbleiftung und Aufficht auf das Predigtamt 
(in demſelben die Saͤumigen und Straͤflichen 
auch zu ſtrafen) durch alle chriſtliche Mittel, die 
Ihm Gott gegeben, damit ex durch feine Gewalt 
auch darinn desjenigen Ehre heilige, der fie 
ibm verlieben bat, oder ob er Haube, daß das 
Geiſtliche ihn nicht angehe? 

Ob er neben. der Kirche and anf die Ihm 
unterworfenen hohen ober niebern Schulen fleiſ⸗ 
fig Acht gebe, daß darinn mit ber Sügenb vo 
umgegangen werde? 


Patr. Archiv, IL The, X 


323 D. Spen. Gewiſſens⸗Pruͤfung 


Ob er ſowohl darüber eifere, da Gott und 
defien Ehre beleidiget und angegriffen wird, ala 
er thut, da ed feine Perfon betrift? 

Ob er der Religion wegen jemanden verfols 

get und Leids zugefüget , alfo ſich des Regi⸗ 
ments aber die Gewiſſen angemaſſet, und Sort 
eingegriffen habe ? 

Ob er inder Sorge für dad Seiftiöe and 
feiner Dberaufficht auf daffelbige in feinen 
Schranken bleibe, und nicht entweder dem Pres 
bigtamte die ihm von Gott gegebene Gewalt 
nehme oder bemme, alfo Gottes Diener zu feis 
nen Dienern in Amtsſachen machen wolle, oder 
ber Gemeinde das ihr eben ſowohl von Gottes 
wegen gebührende Recht in dem Geifllichen ents 
ziehe oder vorenthalte, und ſich alfo ber ſchaͤdli⸗ 
chen Caro -Papie ſchuldig mache? 

Ob er die von Gott. anbefohlene Sorge für 
die Kirche bazu gebrauche, davon Genuß zu 
haben, oder ohne einigen Nuzen, allein zur Ebr⸗ 
Gottes und derſelben Beßten? 

Ob er die zu dem Geiſtlichen heſtiſteren 
Guͤter, Reuten und Einkünften treulich vers 
walte, und für fich nicht einen Heller, ſondern 


der Negenten. 333 


alles an Kirchen, Schulen und Arme (dero 
Sorge ſonderlich nicht zu vergeſſen) unter ſei⸗ 
ner genauen Obſicht zu dero Verpflegung ver⸗ 
wendet werben laſſe, ober ob er etwas ber. 
ſelben zu feinem weltlihen Gebrauche, wohl 
gar za Pracht, Ueppigkeit, Luft, anwende, 
and mit folhem den Fluch auf feine übrige 
Mittel, ja gar ganze Lande (welchen, eis 
der ! biöher fo viele erfahren haben und noch 
erfahren, ob fie es wohl’ nicht glauben ) auf 
feine arme Seele aber die hoͤlliſchen Flammen 
berbei ziehe? 

Ob er in Entftehung deffen, daß die orbents 
lichen geifllihen Einkünften und Stiftungen niche 
zu allem erklecklich find, was die gemeine Er⸗ 
banung ber Untertbanen erfordert, von feinen 
weltlichen Intraden zu ſolchem Nothwendigſten 
anwende, und lieber an feinem Staate etwas 
abgehen, als die Dinge verfänmen laſſe, fo zu 
ber Seligkeit der Unterthanen noͤthig find? weil 
er ja alle feine Einkünften, Gewalt, Kron und 
Bepter von dem großen Könige Jeſu hat, und 
alſo ſchaldig iſt, alles zu befien Ehren auzu⸗ 

wenden. 
| & a 


324 D. Spen. Gewiffens- Prüfung 


Ob er bei dieſem Stuͤcke und allen unge 
rechten Laſten, fo er den Unterthanen auferlegt, 
ſich erinnere, daß ihm feine Sünden niemal güls 
tig vergeben werben, er erflatte denn. Gott dem 
Herrn in den Seinigen, und deuen mit Unrecht 
Beſchwerten dad mit Unrecht Entzogene? weil 
die Regel: Non remittitur peccatum, nifi 
reftituatur ablatum , nicht nur andere,fondern 
auch bie Großen der Welt angeher, and ihr 
Raub fo viel erfchredlicher iſt, weil er unter 
den Namen Gottes, das ifl, mit "Vorwand 
der von Gott anvertrauten Bolhmaͤßigkeit go 
ſchiehet. 

Ob er jemanden ſeiner Benachbarten, oder 
ter ber ſeyn mag, einige Lande, Orte, Güter, 
echte mit Unrecht entzogen , entweber burd 
ungerechte Kriegs⸗ and ſonſt offenbare Gewalt 
und Verdrängung, ober durch Furcht, da ſich 
die andern gu ſchwach wiſſend ſelbſt weichen muͤſ⸗ 
fen, oder unter dem Schein des Rechtens dur 
Prozeffe, ober tie ed Namen haben mag? das 
mit er ſich das göttliche Wild und obrigkeitlihe 
Gewalt über dergleichen Acquiſiten, fo ehe Ent 
nicht gegeben, ſelbſt geraubet. 





der Negenten. 328 
Ob er einigen unnoͤthigen Krieg angefangen, 
oder ſich darein ohne Noth gemiſchet, und daB 
Schwerdt anders gebraucht, als zu Vertheidi⸗ 
gung feiner von Gott aubefohlenen Unterthanen, 
ſondern zu ſeiner Ehre und Glorie, zu Vermeh⸗ 
zung Land und Leute, und der. Einkuͤnften, zur 
Rache und aus dergleichen fleifchlichen Urfachen® 
wo er wiſſen muß, daß in ſolchem Falle alles 
beiderſeits vergofiene Blut, alles Landverderben, 
alle dadurch veranlaßte Suͤnden, aller erfolgte 
Jammer anf feine Rechnung vor Gott komme, 
nicht anders Als hätte er alle ſolche Dinge mit 
eigener —— und liegen alſo vieler 
tauſend gottloſer Leute Suͤnden wahrhaftig zu⸗ 
gleich auf ihm. 
Ob er den Suͤnden und Laſtern bei finen 
Unterthanen, ohne Anſehen ver Perfon, mit 
ollem Fleiß und Ernſte, auch mit genugfamens 
. Strafen, wo nichts anders helfen will, fleur, 
ober das Boͤſe ungefchenet thun und überhanb 
nehmen, daher das Land mit Sünden befledes, 
and die göttlichen Gerichte (fo mit ernfllichen 
Strafen abgewendet werben Eönnten) über al⸗ 


gezogen werden laſſe? F 
æ 3 







2:6 D. Spen Gewiſſe nus⸗Pruͤfung 


Ob er in dem Straffen mehr auf ben davon 
habenden Vortheil in den Geld Strafen fehe, 
ober auf die. Bandhabung der Gerechtigkeit, 
- WBerwehrung der Suͤnden, anderer Abſchreckung/ 
und der Suͤndigenden Wefferung: 

Odb er fonft Recht und Gerechtigkeit, ohne 
AUnſehen der Perfon und Suchen eined Nuzens, 
aufs ſchleunigſte, aber mit wenigflen Unkoſten, 
unter feinen Unterthanen adminiflrire, und vol 
andern abminiftriven laffe, auch auf diejenigen, 
welche ſolches thun follen, genau Acht gebe, daß 
fie nichts wider die Gerechtigkeit thun, und durch 
die Rechtöfachen und deren Schein die Unter 
Chanen nicht berauden? 

Ob er feinen Unterthanen einen freien Zus 
gang zır fich Laffe, welche eine Sache, ſonderlich 
aber Klagen haben über feine Bediente und uns 
Kergefezte Befehlshaber, damit fie von bieſen 
micht unterdruͤckt werben? 

Ob er gutt Geſeze und Orduurhen bei PAR 
nen Unterthanen nicht nur gemacht, fondern 

ernſtlich, daß fie auch Im Schwang blieben, dar⸗ 
äber gehalten, oder aber feine von Gott habende 
Authoritaͤt proſtituiret habe, da er zwar Gefrze 


\ der Megenten. 327 
laſſen einführen, aber keinen Fleiß zu beven Bes 
wahruug angeivonder ? 

Ob er, da er Rinder has, bie fonderlich eins 
mal fuccediren follen, biefelbe alfo erziehen laſſe, 
daß ſie lernen ben Herin fürchten, und von Sus 
gend am nicht zu der Eitelkeit der Welt und ho⸗ 
hem Sinn, ſondern folchen Dingen angeführet 
werben , welche ihnen zu ihrem Chriftenehum 


und Löblichen Regiment dienlich feyn mögen? 


Wo biefes nicht gefchiehet,, muß er Rechenfchaft 
bafür geben, was ans folder Verſaͤumniß die 
Nachkoͤmmlinge dermaleind fänbigen und 20 
fd thun. 

Ob er feine und feiner Vorfahren Säulen 
nad) Vermögen bezahle, daß diejenigen, fo aus 
gutem Glanben das Ihrige dargegeben, nicht 
vor Gott über Unrecht zu fenfzen haben? denn 
dieſed Seufzen druͤckt hart, und ift beforglich 
die Urfache vieles deffen , daß ed bei Großen 
nicht fort will, da fie fo viel Fluͤche auf ihren 
Rentkammern liegen haben. | 

Ob er in foldem Stande, da bie eaſt fol⸗ 
cher Schalden groß, lieber vieles von ſeinem 
Staate ſo lang ablegte, bis andern das Ihrige 

X 4 


328 D. Spen. Sewiffen& Prüfung 


wieder gegeben werde, ober ob er von fremden 
Gütern prange, und Ip a auben das Shrige 
liederlich verthue? 


C(Ich muß hibel ſorgen, Pr bie meiſten 
der Großen in der Welt, welchen dieſes gilt, 
das allermeiſte nicht werden fuͤr noͤthig, ſon⸗ 
dern es für eine alberne Einfalt und abge⸗ 
ſchmacktes Weſen achten, daß man derglei⸗ 
chen Dinge, die ſogar von ihren gemeinen Ma⸗ 
zimen entfremdet, ihnen nur zumuthen ſoll⸗ 
te. Ich bitte aber um des Herrn, ja um ih⸗ 
zer von dem Herrn erlöfeten Seelen willen, 
fie nehmen bie Geduld, und unterſuchen ſelbſt, 
ob nicht alle dieſe Dinge, darüber fie ſich 
zu prüfen erinnert werben , in Gottes Wort 
völlig gegründet, und glauben alddann.in dem 
Namen des Herrn nicht mir, ſondern ihrem 
und meinem Herrn, daß fie nach ihrem ode 
nicht nach demjenigen, was man fc} in- der 
Melt für Freiheiten felbft genommen, ſondern 
nach der fcharfen Hegel göttlicher Gebote müßen 
gerichtet werben. Wohl allen, die ſich bei Zel⸗ 
sen folches vorfiellen)) 








der Regenten. 329 


%s . 
* * u 
Zweitens : Andere Regiments⸗Perſo⸗ 


"nen, in Städten und fonften, fo nicht in eiges 


nem Namen die Regierung führen, deren jeg⸗ 


licher prüfe ſich erſtlich nach allen den vorigen 


Pruͤfuugs⸗Regeln, als viel derſelben ſich auch 
auf ſeine Perſon ſchicken. Nebſt dem moͤchten 
noch etliche folgende Stuͤcke zu ſeiner fernern 
Pruͤfung dienlich feyn: 

Ob er in fein Amt und Regentenflanb auf 
rechtmaͤßige Ark gelommen, und.alfo von Gott 
darein gefezet worben, oder ſich felbfi eingebruns 
gen, und anf einige unziemliche Weiſe, durch 
Gaben und ſonſten, dazu gelanget fei? welches: 
fein Gewiffen auf die ganze Zeit verlegte 

Ob er. in feinem Amte feine Ehre, Nuzen, 
Luft und Bequemlichkeit, oder auch der Seinia 
gen und feiner Familie zeitliche Wohlfahrt vors 
nebmlich fuche, und denenfelben etwas ter ges 
meinen Wohlfahrt nachfeze? 

Ob er. alfo der gemeinen Einkünften zu der 
Seinigen Bereicherung mißbrauche, und fich 
au dbenfelbigen auf offenbare , Tanntlicdhe ober 
geheimere Art vergreife ? 

, * 5 


330 D.Spen. Gewitfens Prüf. ıc. 


Ob er in Amtsſachen, ſonderlich wo es bie 
Gerechtigkeit, oder Beſtellung der Dienfle bes 
tvift, einige Geſchenke und deren Verſpruch ans 
nehme, und damit entweber beim Gerechten Uns 
gecht gebe, ober ihm fein Recht, fo er umſonſt 
haben und genießen foll, verkaufe, alſo auch 
die, der Dienſte Wuͤrdige, ausfchließe, oder 
zu ungebührlicher Vergeltung anhalte? 

Ob er mit andern feinen Kollegen in freund⸗ 
licher Harmonie flebe, ober Factionen errege, 
und ihm einen Anhang mache, alles nad) fels 
nem Willen durchzutreiben ? ober auch ande 
rer, benen er nicht gewogen iſt, Weinungen mit 
Fleiß widerfpreche, und fie hindere, da fie der 
gemeinen Wohlfahrt dienlich geweſen? | 

Das Uebrige iſt alles and dem vorigen zu 
wiederholen. j . 


RE | 
Merkwürdiges Beifpiel 


eines 
mit alt⸗Deutſcher Redlichkeit 


freiwillig eingegangenen verbindlichen 


Schulden⸗Zahlungs-Plans 


Herrn 
Heinrichs des Juͤngern Reußen, 
Grafen und Herrn zu Plauen, 
vom » Jan. 1613 


” 
* » 


‚Aus einer Archlval⸗ Abſchrift. 











N. vortrefliche Necker *) erzähle von ben 
Schmerzens⸗Gefuͤhlen, die feinen fchnellen Ab⸗ 
fhieb begleiteten: J’aurai long-temps prefent 
à Peſprit ce moment, oü m’occupant quel- 
ques jours apr&s ma retraite, & clafler & 
ä mettre de ’ordre dans mes differents pa- 
piers,, jappergus ceux, oü javois track 
mes diverfes id&es pour Pavenir — — 
jene pus aller plus loin & rejettant tous 
ces ecrits, comme par un mouvement in- 
volontaire , je couvrois mon front de mes 
mains & des larmes [enfibles coulerent de mes 
yeux. Et cependant alors je ne prevoyois 
pas tout: car lorfqu’apres tant de foins 
donnés aux aflaires publiques , lorfqu’a- 
pres de penibles vietoires remportees fur 
fa propre fenfibilite, ou pour &tablir un . 
plus grand ordre, ou pour fonder des regles 





*) De l’adminifttation des Finances de France, 1784. 
T. I. Intred. pag· 122, 


334 Schulden⸗Zahlungs⸗Plan | 


d adminiſtration, qu’on croyoit falutaires; 
il faut re le [peflateur de V’abandon dum 
partie de [es principes. — Ah! quon life un 
fond de ma pen/te & que quelqu'un du moins. 
‚uns plaigue un inflant! | 
So gieng’3 au mir! nachdem ich an dem 
Bilde des biedern wahrhaft edlen Heinrichs 
mic) gelabet hatte, brach bie nugeheilte Wun⸗ 
de wieder auf, ich ſezte mich hin, um — mich 
ſatt zu weinen; — und die Erinnerungen 
eines fuͤnf und zwanzigjaͤhrigen Dienſtes mit 
dem ganzen Trauer⸗Gefolge verlohruer Kraͤſ⸗ 
- te, vergeblider Arbeiten, mißkannter Treue, 
verfpotteter Grundfäze, zerträmmerter Plane, 
vereitelter Wünfche und verſchwundener Hoſ⸗ 
nungen an mir vorüber gehen zu laſſen. | 
. Für gewiffe Schmerzen gibt's Beine Worte 
mehr, nur Seufzer und Thraͤnen; obgleich 
nur Seufzer eines. beruhigten Gewiſſeus, ob⸗ 
gleich nur Thraͤnen iammeruder uilladianr | 
Liebe! | . 


. 


Heinrichs des Juͤng. Reußen. 335 


” * ® 
MN. Heinrich ber Sunger Reuß, Herr von 
Planen, Herr zu Greitz, Erannichfeld, Geraw, 
Shleiß vndt Lobenſtein, biermis vhrkunden 
vndt bekennen, wiewohl wir allbereit vor die⸗ 
ſem, aus vunſerer Schoͤſſer vndt Diener Rech⸗ 
nungen, auch getreuer Raͤthe unbe Amptleute 
muͤndlichen Bericht, vmbſtaͤndlich vernommen, 
in was groſſen Vurath undt Schuldenlaften wir 
BE dahin, durch fchedtliche unnöthige Käufe, 
fo nicht aus trewen rath hergefloffen, 
deögleichen erborgung vielfeltiger wichtiger vndt 
gteoſſen Summen gelbe, welche zum Theil vn⸗ 
abgengklichen, zu erhaltung unferer Herrfchaffe 
tn unbe andern eingefallenen nothwenbigen 
Vmendungen, beſchehen mäffen, auch vber⸗ 
meſſige Soffhaltung onndt dergleichen 
gedien, vndt das, wofern wir anderſt bermals 
einſt aus ſolchen beſchwerungen, burdy Gottes 
Huͤlfe, wiederumb zu gelangen gedechten, bie 
eunſerſte notturfft erfordern wolte, das heil⸗ 
ame vndt zu ſolchem werd einzige 
mittel der ſparſamkeit, as bie Haudt zu 


936 Schulden⸗Zahlungs · Plan 


nehmen, vnſere Hoffhaltung vf das engſte 
einzuziehen, allen vbermeſſigen coſten⸗Zeh⸗ 
rung vndt vfwendung abzuſtellen, allen Bus 
rath mit zeitigen Mathe zu begegnen, vndt eis 
nig vndt allein dahin bedacht zu ſeyn, wie wir 
and den einkuͤnfften deren vnns von Gott gne⸗ | 
diglich beſcherten Herrſchafften, obernannte 
ſchulden vndt erborgte geldere von Iharen zu 
Iharen wiederumb abtragen moͤchten, 
Wunde demnach zu ſolchem ende wir vnns 
nicht allein gegen die Geſtrenge, Ehrnuheſte 
und Hochgelarte, vnnſern Hauptmann Davidf 
von Raſchaw, Doctor Heinrich Gebhardten, 
tezo onferm Canzler, auch vnſerm Ammann 
- Bun Lobenſtein vnnd Salburgk, Joachim 
Friedrich von Kizſchern, zwar freywillig vndt 
gnediglichen, doch vf vorgehabten viel 
feltigen zeitlichen vndt reifen Rath, 
wiſſentlich vndt wohlbedechtigklich, verpflichtet 
vndt verbunden, son dannen ahn vf fünff 
har, vnndt fo lange es unfere vnvermeidtli⸗ 
che notturfft erfordern möchte, unfere Hofhal⸗ 
tung alfo anzuflellen, damit wir mit ben eins 
kuͤnfften der Herrſchafft Lobenflein oder Geram, 
. er 


EZ 


Heinrichs bes Juͤng. Reußen. 337 


(im fall vnns daſelbſt zu wohnen mehr belie⸗ 
ben möchte) zureichen, der obrigen Herrſchaff⸗ 
sen einkünfften aber alzumahl einig vnnd als. 
lein zu ablegung ber vff vorgedachte fchuldens 
poften , nothwendigen Sherlichen verzinfung, 
vund wo muͤglich auch eins theils zu abtragk 
der Capitalien angewendet werden moͤge, Son⸗ 
bern auch denſelben hienebenſt ober. ſolch vn⸗ 
ſer ſchuldenwergk vundt darzu deputirten drey 
Herrſchafften, vnndt Einkuͤnfften auch die 
Dicht vnndt Direction, uff gewiſſe maſ⸗ 
ſe (wie in folgender wiederhohlung geſchicht) 
gnedig anvertrawet vmndt beuholen, 
welche Verrichtung ſie dann auch vf vnſer ſon⸗ 
derbares gnediges begehren alſo vnterthaͤnig 
vnndt gehorſamlich vff ſich genommen, vnndt 
deroſelben durch Gottes huͤlff, alſo fuͤrgeſtan⸗ 
ben, daß wir mis ihrer trewe vnndt Fleiß 
gnedig zufrieden fein koͤnnen, vnnd vnns une 
ſerer vorigen beſchwerung vmb Sünff vndt 
vierzig Tauſend Bulden erleichtert befun⸗ 
ben, verohalben wir folhe unfere anorbnang 
anderweit fortzuſtellen vor heilfam vnndt nuͤz⸗ 
lich erachtet. 
Patr. Archiv, UI. Theil. MD 


N 


338 Schulden-Zahlungs Plan 


Damit aber dennoch alle unndt Jede zu 
gemelten ſchuldenwergk gehörige vhrkunden, 
Ada, Rechnungen vnndt dergleichen in einer 
feinen richtigen undt guten orbnung bey vnndt 
zufamntengehalten, ter Schöffer vnndt Dies 
nere Rechnungen, Jedesmal zu rechter Zeit 
vnndt ohne Verzugk, mit fleis eraminiret , 
dispungiret, vnndt juflificiver, auch fonflen 
die Shenigen fachen,, fo keinen Vffſchub zur 
Zufammenkunfft vnndt Berathſchlagung leiden 
wollen , ober auch derofelben nicht fonderlich 
bebürffen , deflo ſchleuniger befördert werden 
koͤnnen, Als haben Wir vf fernern, mit ers 
nenten vnndt anders vnnſern trewen Raͤthen, 
gehaltenen Rath eine notturfft zu feyn befuns 
ben, das zu dergleichen Expebition ( finter 
mabl von vnns die obbemelte , ſonſten mit 
andern geichefften genugſam beladen) eine fons 

derbare Perfon, gleichſam an eines Mensmeis 
ſters ſtadt verorbent werben möge, auch bes 
zentwegen ben Achtbaren, wohlgelarten uns 
fern Rath, Secretarien vnndt lieben ges 
trewen, Magifter Johann Volkmarn, ihnen 
alfobald adzungiret, vnndt Iufonderheit zu 


. Ä u 
Heinrichs bes Juͤng. Reußen. 339 


augeregter Expedition beſtellet vndt angenoms 
men. J 
Wollen demnach gegen fie vnndt ihm 
ſampt vnndt ſonders, vorige vnſere verpflich⸗ 
tung, hiermit wohlbedaͤchtig wiederhohlet, 
vnndt ihnen ehiſt gedachte pflicht, vnndt Di⸗ 
rectlon von newen, In gnaden anbeuholen, 
vnndt zu beruͤrten ende an fie, vornemblichen 
aber an Seçcretarium Volkmarn, als deme 
minmehro die Expedition oblieget, alle vnndt 
ide onſerer dreyer vbrigen Herrſchafften, 
Crannichfeld, Lobenſtein vnudt Salburgk, 
Schoͤſſere, Flosbeampsen, korn⸗ vundt Forſt⸗ 
ſchreiber vnudt andern Diener, wie denn auch 
vnſere Schöffer vnndt Sammerfihreiber albier 
Dabidt Fabern vnndt Melchior Fingfchen genze 
lich an fie gewieſen Haben, mit ausdrücklichen 
dimds ernſten beuehlich, daß die Schoͤſſere, 
alle Quartal Extracten vber ihre Einnahmen 
vundt Ausgaben eingeben, unndt bie Rech⸗ 
nung vichtig gefchloffen , einen Monat nad) 
Michaelis einſchicken, benente Dienere auch 
Me dem Ihenigen was fie ingeſampt oder 
auch Magiſter Volkmar abſonderlich, ihnen 
N 


340 Schulden⸗Zahlungs⸗Plan 


vfftragen vnnd beuhelen werden, nicht anders, 
ald ob wir ed feldflen Inſonderheit beuhelen, 
gehorfamen vnndt nachkommen , auch obme 
berfelben vorwiſſen, rath vnndt verorbnung,, 
weder vnns noch den vnſrigen, vielweniger Je⸗ 
mandt anders, aus bemeldter dreyer Herr⸗ 
ſchafften, Einkommen, nicht das geringſte ab⸗ 
folgen laſſen ſollen. 

Jedoch die Sagdten vnndt Weinwachs, Fo⸗ 
renbaͤche, vnnd das Salburgiſche Fiſchwaſ⸗ 
ſer, auch die Ochſenweyde vff den Saal 
vnnd Franckenwalde ſo fern es die Trifft ohne 
Abbruch der Lobenſteiniſchen Viehzucht leidet, 
(welche wir vnns für vnſere Hoffhaltung fürs 
behalten) ausgezogen; Sondern es ſollen 
onndt wollen. mehrgedachte unfere verorbente 
Mäthe vnndt Inſpectores alle vnndt Jede dies 
ſer Herrſchafften nuzung, Es ſein auch geldt 
oder andere Zinsſen, Lehnwaren, Landt oder 
Trankſteuern, Geleithe, Bete oder Clawen⸗ 
ſteuer, Getreide, Viehe, waldt oder Holz⸗ 
unzung, Schuzgeld, Frohngeldt, Teich, Fiſch⸗ 
waſſer, wieſen, Hopffen Schefferey, oder an⸗ 
dere dergleichen nuzung, wie dieſelbe genennet 





Heinrichs des Tüng. Reußen. 341 


werden mag, vnndt entweder allbereit in 
Vbung iſt, oder noch Fünfftig anderweit ans 
geordnet werden kan, einig vnndt allein zu 
bezahlung vorgedachter vnſer ſchulden, richten 
vnndt anwenden, ſich auch beſten vnndt trewe⸗ 
ſten vermuͤgen nach, dahin bemuͤhen, damit 
Iherlichen vor allen bingen bie Penſion vnndt 
bernacher auch an ben Capitalien etwas erlegt - 
werden möge. 

Im Fall ſichs andy zuteuge, das wir aus 
bewegenden Vrſachen, vnſer Hoffſtadt nad 
Erannichfeld,, Lobenſtein oder Saalburgk vers 
ruͤcken muſten, So fol was an Victualien, 
Getreide vnndt andern aus ſolchen Uemptern 
vor die Koffbaltung zukommen würde, ans 
dem Amt Geraw in billihen Werth, mit 
Gelde bezahle, Sonften aber , wenn wir in 
nothwendigen gefchefiten dahin gelangeten , 
folhe Zehrung unter denen andern gemeis . 
nen Ausgaben ber Aempter verrechnet wers 
den. u. 

Dieweil und fernen offtgedachte unfere vers 
ordnete, and gemelbter Herrſchafft Rechnun⸗ 
gen abermahl ſo viel gruͤndlichen Bericht bey⸗ 

23 


342 Schulden⸗Zahlungs⸗ Plan 


bracht, daß die ganze nuzung ber Herrſchafft 
Crannichſeld, zu Iherlicher verzinfung „ ber 
darauf hafftenden fehulden ,„ bi aubero kaum 
qugereichet „ bdeögleichen auch an ber andern 
beiden Herrſchafften Srdentlichen einfommen z 
nrach Abziehung unnumbgengliher Abrichtung, 
auch Iherlichen Penſion vff die obrige ſchuld⸗ 
Poſten, ſich ein geringer Vberſchuß befindet, 
ſo haben wir zu Ablegung der Capitalien, 
Inſonderheit deputirt, alle vnndt Jede Floß⸗ 
geldere „ welche das Hauß Sachßen ⁊c. im 
erafft der. mit demſelben vffgerichten Contra⸗ 
cten, vnns Iherlichen liefern laſſen wirdt, 
ſampt den Reſt am Niederndorfiſchen Holze, 
wie denn auch gleichergeſtalt alle vnndt Jede 
vnſere Gegenſchulden, Adeliche vnnd andere 
Leherseroͤffnung vnndt Bufälle, vndt was ſon⸗ 
ſten ſich, durch Gottes ſegen in vnſern Harrer 
ſchafften an andern GEinkuͤnfften mehr ereige⸗ 
wen möchte, welche gefelle allzumahl zu nichtö 
aunders ald babin e& gemelte unfere Inſpeeto⸗ 
208 verorbenen werben , abgefolget, Dagegen 
‚aber der Floßverlagk wiederumb aus dem 
Ampt Salburgk genommen werben fol. Da⸗ 


Heinrichs bes Jung. Reußen. 343 


mit aber vielgebachte vnſere verorbente für ihre 
Derfon der Mechnungen genzlichen befreyet, 
vnndt fie vnndt ihre Erben befientwegen ein⸗ 
jiger gefehrde fich nicht zu beforgen haben mus - 
gen, So haben wir die General vnnds 
Hauptrechnung uber mehrgedachte der dreyer 
Herrſchafften einkommen andy bemeldte Flos⸗ 
geldere, anbeuholen vundt vffgewagen,, den 
Erbaren vnſern auch lieben getrewen Davidt 
Fabern Schoͤſſern zu Geraw, welcher vber 
alles vnndt Jedes, ſo entweder von gemelten 
beyden Herrſchafften, oder auch der Herr⸗ 
ſchafft Crannichfeld (wenn ſolche Vberſchuß 
tragen moͤchte) desgleichen auch an Flosgel⸗ 
dern, gegenſchulden, Lehenseroͤffnung, erbor⸗ 
geter geldern vundt anbern dergleichen, wie 
es auch Nahmen haben magk ( bis vf bie 
Amptes einkünfften vnndt Trankfteuer in der 
Herrfhafft Geram , darüber ‚wir vor vnſere 
Hoffhaltung einen fonderlichen Diener verord⸗ 
net) einkoͤmmet, oder ein vndt vfbracht, auch 
hinwieder andgegeben wirdt, eigentliche rich⸗ 
tige vnndt vollſtaͤnbige Rechnung halten vnndt 
leiſten ſoll. 
N4 


I 


344 Schulden ⸗Zahlungs⸗Plan 


Was nun dergeſtalt einkommen, bienow 
ſoll ex zufoͤrderſt die Verzinſuug der Haupt⸗ 
ſummen, zu verſprochenen Zeiten, vnndt dau 
mit der Vbermaß, die Ihenigen Capitalia, 
welche vnſere Verordente abzulegen beuholen 


werden, abzahlen, ſich derowegen richtig vndt 
beſtendig quittiren laſſen, wohin oder an wel⸗ 


che oͤrter ſache geldere entrichtet, eine eben⸗ 
meſſige Generals und Haupt⸗Rechnung ſezen 
vndt bringen, dieſelbe auch Iherlichen, von 


vnuſern verordenten gebuͤrlichen juſtificiren vnnd 
belegen, vnnd Jederzeit audgangd markts 


eine richtige ſpecification uͤbergeben, was die 
einkuͤnfften der Herrſchafften geweſen, was 


dauon abgelegtt, vnndt weiter noch reſtire, 


hierneben wir vnns der abhoͤrung ſolcher Rech⸗ 
nung, da vnns beliebte ſelbſten perſoͤnlichen 
beyzuwohnen, fuͤrbehalten. Wir ſtellen auch 
denſelben vnſern Verordenten mechtig anheim, 
vnndt geben ihnen vollen gewalt, da ſie ih⸗ 
ren pflichten nach erachten wuͤrden ‚das in 
einem ober. dem andern ſtuͤcke, entweder uns _ 
noͤtiger coflen einzuziehen , oder aber einziger 
geftalt vnnd weile, wie ſolches mit fug vnnd 


Heinrichs des Juͤng. Reußen. 345 


rechten gefchehen möchte, die Herrſchaften in 
böhern nuzen zu bringen , baflelbe beflem ih⸗ 
‚sen Verflande und vermögen nad) auch ohne 
onfern ferneru vnnd fonderbaren beuhelich , 
von mennigliden unuerbindert, anzuordnen , 
doch bad mir deſſen mit ehiflem auch bes 
richtes werben , vnndt wiſſenſchafft erlangen 
mugen, 1W 
Damit nun vber ſolchen allen ſteht, veſt, 
vndt vnuerbruͤchlichen gehalten werben mag, 
So verobligiren vndt verpflichten wir vnns, 
crafft deſſen, mit vorwiſſen vnndt beliebung 
der wohlgebohrnen zc. vnſerer freundlichen 
herzlieben Gemahlin, auch vf vorgehenden ge⸗ 
pflogenen reiffen rath, mit dem wohlgebohr⸗ 
nen Herrn Caroll Guͤnthern, der vier Graf⸗ 
fen des Reichs, Graffen zu Schwarzburgk 
vnndt Hoheſtein, Herrn zu Arnſtadt, Son⸗ 
dershauſen vnndt Leutenbergk, Lohra vnndt 
Clettenbergk, Adminiſtratorn des Stiffts 
Walkenriedt, vnſers freundlichen lieben Schwa⸗ 
gers, bruders vnndt geuatters, vnndt dann 
Herrn Heinrich des Mittlern Reuſſen, Herrn 
von Plauen, Herrn zu G. C. G. S. und L. 

95 | 


346 Schulden⸗Zablungs⸗ Plan 


vnſers freundlichen lieben Vetters, bruders 
vndt geuatters, deren Liebden allerſeits 
trewen Raths wir ons diesfalls hoͤch⸗ 
lich getroͤſten, auch allen deme, ſo ſie 
vnns ſchrifftlichen vnndt muͤndlichen, 
wohlmeinende erinnern werden, gerne 
folgen vnndt ſolches fuͤr eine ſonder⸗ 
liche freundtſchafft auf vndt amehmen 
wollen, bey herrl. trawen vnndt glauben 
vber dieſer vnſerer Verordnung vnuerbruͤchlich 
zu halten, vor vnſere Hoffhaltung mit dem 
obangezogenen einkoommen der Herrſchafft Ges 
raw, gnedig unnbt genzlich beſetiget zu fein, 
vnndt gemelden vnſern Verordenten in bie uns 
zung ber andern Herrſchafften (auffer bie aus⸗ 
gezogene ſtuͤck) in wenigſten nicht einzugreis 
ſen, noch dergleichen Jemandes den unfrigen 
zu geflatten „ oder da wir auch 'oleich an ges 
greibe vnndt anders , etwas für vnſere Hoff⸗ 
haltung beburffen wurden, baffelbe aus ber 
Herrſchafft Geraw mit baaren gefde, nach 
Erannichfeld ,„ Lobenftein ober Saalburgk in 
billigen anfchlagE zahlen zu laſſen, damit uns 
Mein Erebitoribus glauben gehalten vnd allers 


! 


Heinrichs des Juͤng. Reußen. 347 


ſeits ſchimpff vnd nachtheil verhutet werden 
koͤnne. 

Bas fie auch dergeſtalt vnndt ſonſten beh 
vnſern hiefiſchen Hofhaltungz wergk, vnns 
enndt vnſern nachkommen zum beſten (wWol⸗ 
ches ſie dan in alle wege kuͤhnlichen 
vnndt vngeſchewet zu thun befuget fein 
follen.) anordnen, exinnern, vnndt verrich⸗ 
ten werden, das wollen wir alles zu 
Gnaden wenden, onndt ſonderlich, da 
ſie vber dieſer verordenung auch gegen 
onns oder die vnſrigen ſelbſten fteif 
vnndt veft halten, onnd demfelben zu⸗ 
wieder nichts einreumen wurden , fol 
ches in Teinen ongnaden vermerten, 
noch einen oder den andern an feiner 
Wohlfahrt vnndt förderung hinderlich 
ſeyn, Sondern onns “Jederzeit erin⸗ 
nern, 808 wir ihnen ſolchen Bewalt 
freywillig vfgetragen, fie ſich auch an⸗ 
ders nicht, als auff vnſer gnedigs 
vndt ſonderlichs begehren, darzu ver 
muͤgen laſſen, vnndt hierunter nie⸗ 
mandes als vnſere vnndt vnſer nach⸗ 


348 Sculben-Zahlungs-Plan X. 


kommen jelbft eigene Wohlfahrt, nuz 

onndt Offnehmen gefucht, vnndt nebft 
göttlicher Verleihung geftifftet werde; 
Zu Vhrkunth vnndt ſteter vnwiederrufflicher 
becrefftigung haben wir dieſes Reverſes alle 
vnndt jede bladt mit eigener Handt vnterſchrie⸗ 
ben, vnndt mit vnſern herrlichen Handt Secret 
zu ende bedruckt, Geſchehen zu Geraw den 
2 Jannuary des angegangenen Sechszehen hun⸗ 
dert vnndt dreyzehenden Shares, 


(L. S.) 


Heinrich Neuß, Herr von Planen 
der Juͤnger. 


f R 8 — 
1 


XIII. 


Drei Predigten 


des 
Fuͤrſtl. Anhalt⸗Zerbſtiſchen Conſiſtorial-Raths 
und Predigers in Zerbſt, 


Herrn Sintenis, 


uͤber 


die dortigen Armen⸗ und Bettel⸗ 
| Anſtalten, 
von den Jahren 1783 und 1784. 
.". 
Nach dem Original: Drud. 





Gelegenheitlich dabei einige Betrachtungen über 
dad Außerlandsſeyn der Fuͤrſten. 


[8 











Mm je eine Volks⸗Rede Urkunden⸗Werth, 


wenn je eine verbienet hat, in ein Patrioti⸗ 
ſches Archiv aufgenommen, und zur frohen 


Theilnehmung redlicher Zeitgenoffen, ber Nach⸗ 
welt aber ald Denkmal von dem burch wärmfle 
Menfcheuliebe angefenerten Muth eines Buͤr⸗ 
ges Freundes aufbehalten zu werben, fo find ed 
gewiß die Predigten des würdigen Sintenie, 
ber durch feine Vrenfchen, Sreuden und ans. 
bere gefuͤhlvolle Schriften fhon vorhin Freund, 
Lehrer, Tröfter und MWohlthäter vieler Mens 
ſchen geworben war, und nun durch Thaten ges 
zeige bat, was Lin Mann vermag, der mit 
den weichen Herzen, mit der flarfen Seele, 
mis der überwältigenden Kraft fein Amt zu 
benuzen und ehrwuͤrdig zu machen weiß. , 

Es war nur Eine Stimme durch ganz 
Deutfchland zum verbieten Lob bes braven 
Mannes. Einige Sonrnale haben auch Aus⸗ 
güge dieſer Predigten geliefert, meines MWiffens 
find fie aber noch in keiner Sammlung ganz 


= 


333  Gintenis Predigten 


erfchienen, und ganz verdienen fie doch gelefen, 
ganz der Nachwelt überliefert zu werden, um 
fo mehr, da fie nicht in das Bücher s Commerg 
gekommen, und fi daher bald vergreifen wer⸗ 
den. 

Ich wandte mich, um ſie zu erhalten, an 
einen Freund in Sachſen, und erhielt ſie durch 
ihn mit Erlaͤuterungen, die fuͤr die Ehre der 
Sache und fuͤr die Leſer allzubetraͤchtlich ſind, 
um ſie nicht gleichfalls mitzutheilen. Hier iſt 
alſo der Auszug dieſes Schreibens, ſo weit er 
hieher gehoͤrt: 

| „Magdeburg, den 1. März 1784. 

Ich mache mir ein Vergnügen daraus, Ih⸗ 
sen die beiden Predigten des Herrn Sintenis 
gu uͤberſchicken; noch größere Freude aber iſt es 
‚ mir, Ihnen melden zu koͤnnen, baß ex alles, 
was er wollte, gluͤcklich durchgefezet habe. Er 
gieng raſch zu Werke, die Güte feiner Sache 
machte ihn ſtark, ex fochte rechts und links um 
fi ber, ließ reden, Tannegießern und fogar 
prebigen gegen ſich, ward durch jeded neue Hins 
derniß nur noch ſtaͤrker, räumte eins nach dem 
andern auf die Seite, ‚ und — uͤberwand. 

Feinde 


j 


Aber Armuth und Bettelei. 353 


Feinde und Neider (follten Sie's wohl glaus 
ben? ohne Zahl zog er ſich dadurch zu , aber 
aux in feinem Waterlande, auswärts ehrte und 
fegnete man ben thätigen Dienfchen, Freund als 
Ienthalben dafür. Sie wiſſen dad Ungluͤck dies 
ſes Landes, daß deſſen Fuͤrſt ſeit fo Langer Zeit 
fi) von demfelben getrennt hat, Dadurch find 
Suftiz und Polizei nicht nur in einen Zufland 
gerathen, ber feined gleichen nur wenig haben 
tan, fondern bie Erfchöpfungen, in weld;e das 
Land dadurch gerathen, daß Jahr aus und ein 
fo große Summen, aus feinem Sunerflen ges 
zogen, auswaͤrts gehen, find eben wohl unbes- 
ſchreiblich, und für dieß Voͤlkchen, das ſonſt 
eines der gluͤcklichſten auf Deutſchem Voden 
ſeyn koͤnnte, hoͤchſt bedauerlich. Noch waͤre 
ihm zu helfen, wenn ber einige Gedanke in der 
Seele dieſes Fuͤrſten erwecket werben Eönnte, 
da zu leben, wo e8 ihm, zu leben, Schuldigkeit 


iſt; fo lange dieß nicht geſchieht, verfällt dieß 


Land von Jahren zu Jahren immer mehr. Es 
iſt mir fuͤr gewiß verſichert worden, daß die 
Diener des abweſenden Fuͤrſten ſogar aufgehoͤrt 
haben, die Herrſchaftlichen Beitraͤge zu den 
Par. Archiv, III. Theil. 3° 


* 


254  Gintenis Predigten 


Armen» Kaffen entrichten zu laſſen, wodurch 
dad Elend in dem unterfien Stande der Menfch« 
beit bis zum Schrecken überhand genommen. 
Jeder ſah's, Keiner ſprach. Sintenis fieng 
an, leiſe zu reden, es half nicht; ex ſprach lau⸗ 
ter, es geſchah nichts; endlich ſprach er uͤberlaut, 
das half. Ganz, als alleiniger Privat⸗Mann, 
machte er fi einen Plan, und führte ihn, 


Schritt für Schritt, ohne zu wanfen, aus. Die 


Unter⸗Obrigkeiten fahen Ihm fpöttelnd zu, und 
weiffagten Ihm, daß er nichts ausführen werde, 
Diefe ihre Unthaͤtigkeit kam Ihm zu ſtatten, ins 


dem er inbeflen Zeit gewann, fich fo feftzuftels 


% . 


Ien, daß fie ihn dann, da fie ihn ſchuͤttern woll⸗ 
ten, nicht bewegen konnten. Alled gieng gut, 


und nun ſchaͤmten fie ſich, daß ein Geiſtlicher 
bad that, mad fie als Väter des Volks laͤngſt 


hätten thun ſollen. Sintenis fchafte die Ars 
mens Beiträge ber Fürftfihen Kammer wies 
ber herbei, bewog das ganze Publikum feiner 
Stadt zum Beitrag, fehafte die offentliche Bet⸗ 
telei ab, bat fi ben wadern Brigabier von 
Rauchhaupt zur Huͤlfe aus, erhielt ihn, und 
mit ihm neue Thaͤtigkeit, loͤſete bei 1ooo Thaler 


\ 


über Armuth und Bettelei. 335 


and feinen Predigten, bradite die neue Armen⸗ 
Kaffe zum Belland uud Vorrath, kaufte eiw 
Urmens Haus, half eine Arbeits⸗Anſtalt errich⸗ 
ten, ſchlug eine groͤßere Commißion zu Erhal⸗ 
tung ber in Ordnung gebrachten Sache vor, era 
hielt fie ganz nach feinem Borfchlag, und blieb 
felöft bei derſelben, wirkte Befehle an alle Uns 
ter⸗Obrigkeiten and, baß fie ale endlich Haub 
anlegen mußten — Und nun urtheilen Sie 
felbft,, wie vein und groß die Freuden des Dans 
nes ſeyn müßen, ber ed errungen, der es bol⸗ 
lendet bat. ,, 

Wie vielen Antheil an diefen guten Auſtalten 
bee Fuͤrſt des Landes ſelbſt genommen, wie viel 
deſſen Geheime Raͤthe und Regierung mitges 
wirket haben? davon fagt dad Schreiben meines 
Correſpondenten nichtö, und Eonnte ed bamals 
auch nicht ſagen. Die dritte und legte Predigt 
d68 vortreflichen Mannes belehret und aber, daß 
er auch bier and Felſen Waſſerquellen heraus⸗ 
geſchlagen, daß der regierende Fuͤrſt einen mo⸗⸗ 
natlichen Beitrag zur Armen⸗Kaſſe von 120 
Thalern bewilliget, und ein Haus bazu geſchenkt 
habe. 

B > 


Eintenis Predigten 


Hiungegen erwaͤhnt mein Freund eineß an⸗ 


bern Umſtandes um fo deutlicher, welchen Herr 
Sintenis and einer nicht zu tadelnden Paflos 
ral⸗Klugheit in feinen Predigten verſchwiegen 
hat, und bei der in manchen Landen für einen 


Geiſtlichen leicht fehr gefährlich werdenden Allo⸗ 


trio⸗Epiſcopie verfchweigen muͤßen: daß naͤm⸗ 
Uich eine Haupt⸗Quelle des tiefen Elends und 


Verfalls, und der allgemein gewordenen Ar⸗ 


muth in der nun ſchon uͤber zwanzig Jahre dau⸗ 
renden Entfernung ded Fuͤrſten von feinem Lan⸗ 
de zu ſuchen ſei, wodurch die ſonſt im Lande 
circulirende baare Einnahme außerhalb ver⸗ 


ſchleppt wird, und dadurch der Brunnen, aus 


dem man unaufhoͤrlich ſchoͤpft, allmaͤhligi in ſich 
ſelbſt vertrocknet %), 





29 Das zu Hamburg herauskommende politiſche Your 
nal vom Monat December 1784 meldet: daB fi 
diefer Fuͤrſt nach zzjähriger Abwefenheit wieder in 
ſeinem Lande eingefunden babe; wenn ſolches auch 
feine Richtigkeit hat, muß ed doch une auf eine kurze 
Zeit geihehen fepn, weil bie offentlichen Zeitungen 
ihn, unter dem angenommenen Namen Baron von 
Wienzel, bei den Kaiſerlichen Kriegsvdllern in den 
Miederlanden wieder erſcheinen laſſen. 


über Armuth und Bettelei. 337 
“tn BE 
Der Fürft von Anhalt⸗Zerbſt tft nicht der 
erfte, und wird nicht der lezte ſeyn, ‚den dieſer 
Vorwurf und Zabel trift, die Sache felbft iſt 
aber für Laͤnder⸗ und Unterthanens Wohl von 
folcher Wichtigkeit und Folgen, daß einige do ' 
ssachtungen darüber hier juſt au ihrem vechten 
Plaze feyn werben. 

Es ift ein fehwered Ungluͤck für ein Laud, 
keinen guten Regenten zu haben; gut aber, oder 
nicht gut, ſo iſt es ein eben ſo großes, wenn der 
Herr eines Landes lange Zeit ober wohl beſtaͤn⸗ 
big and bemfelben abwefend iſt. Daher ber 
ſchmachtende Zufland mancher. Provinzen in 
großen Monarchien. Gleichwohl iſt da ald noch 
Rath zu ſchaffen, und wird durch andere Sur⸗ 
rogate der Verluſt in ſo weit gemindert, da | 
durch den Aufwand der in den Provinzen anges 
fiellten Statthalter und befondern LandedsKols 
legien, durch die in biefelbe verlegte Regimen⸗ 
ter, durch den Aufwand des Adels, durch große 
Fabrik⸗ und Mannfactur s Anflalten , durch 
auswaͤrtigen Handel, und in viele andere Wege 
die Eirculation erfezt wird, und immer wieber 


3$%_ 


358 . Gintenis Predigten 


‚ nene Erwerbs und Nahrungs» Zuflüße verſcha fft 
werden; wie ſolches, wenigſtens biöhero noch, 
von deu Oeſterreichiſchen Staaten geſagt wer⸗ 
den konnte. Oder, wenn bie ganze Einrich⸗ 
Sung ber iunern Staats⸗Verwaltung ſo harmo⸗ 

uiſch in einander gepaßt iſt, wie in ben Preufis 
ſchen Staaten. 

Auch bei Heinen Berfaffungen haben vers 
flösdige und wohlbenfenbe Regenten Dlittels 

"wege eingeſchlagen, um jene Beſchwerden mögs 
lichſtermaſſen zu verringern. Zu Hannover wird, 
der Ubwefenheis des Landesherru ohngeachtet, 
ein beſtaͤndiger KHofflant unterhalten, die Mis 
niſter und übrige Dienerfchaft bed erſtenRanges 
werben reichlich, die übrigen gut bezahlt, und 
große Summen Geldes anf innere Landes: Bere 
beſſerungen unb raͤhmliche Anſtalten beharrlich 
verwandt. 

Der Prinz von Oranien iſ durch ſeine Ver⸗ 
haͤltniſſe und Verbindungen mit dem Staate der 
sareinigten Niederlande eben wohl außer Stand 
geſezet, in ſeinen Naſſauiſchen Deutfchen Lau⸗ 
den ſich aufzuhalten, er begnuͤgt ſich aber, mit 
per wahrhaft vaͤterlichen Geſiunung, and bes 


über Armuth und Vettelei. 359 


| 


zen Einkuͤnften nur eine überand gemäßigte 
Summe für ſich zu beziehen, und aller, nad) 
Abzug der Befoldungen und Etats» Yuögaben, 
verbleibende Ueberſchuß wird wieder zum Innern 
Beßten ber Lande verwendet. | 

Ganz anders verhält ſichs bei Kleinen Fürs | 
fienthumern und Ländern, deren Herren Feine 
folhe mächtige anderwärtige Reffources , als 
ein König von. Groß s Britannien, ober Erb⸗ 
Statthalter der Niederlande, haben, fondern 
von dieſem ihrem Lande, wie jsder Edelmann 
von feinem Gute, leben müßen. Wenn der vers 
dorrte, vertrocknete, abgezehrte, Ihwindfüchtige 
Zuftand mancher Deutſchen Provinzen , wenn 
ihr an den lezten Lebendkraͤften vollends nagens 
des Schulden⸗Weſen bis zu feinen erſten Uns 
fängen verfolget wird , fo wird es ſich häufig 
dariım finden, daß die Landesherren felbfl, oder 
siner ihrer Vorfahren, oder mehrere nach eins 
ander fi fehr lang außerhalb Ihrer Lande aufs 

gehalten haben, 

Wenn es ald nur nicht zu laug⸗ waͤhrt, 
wenn bie Entfernung vielmehr loͤbliche Abſich⸗ 
ten: der Einſchraͤnkung und Erſparung übers 

34 


a60 - Sintenis Predigten 


. flüßiger Hofſtaats⸗Ausgaben hat, dann iſt es 
zwar allemal Aderlaß fürs Land, Verluſt deſ⸗ 
fen, was auswärts geht, .ed wird aber durch 
diefe Aderlaß die größere Gefahr eines hizigen 
Fiebers abgewandt. So lebte ber lobwuͤrdige 
Marggraf Chriſtian Ernſt von Brandenburgs 
Bayreuth ſechs Jahre lang mit ein paar Be⸗ 
dienten, als ein Privat⸗Mann, zu Genen, bis 
ber größte Theil der bei feinem Regierungs⸗ 
Antritte vorgefundenen Schulden getilgt war. 
So hält ſich jezo der gute Fuͤrſt von Naſſau⸗ 
Uſingen auf ein paar Jahre in Paris auf, um 
päterliche und eigene Schulden deſto geſchwinder 
gu ranzioniren. 

Es koͤnnen auch andere Neben⸗Umſtaͤnde 
eintreten, welche ein ſolches Betragen wo nicht 
entfchuldigen, doch für das Land in feinen Fol⸗ 
gen unſchaͤdlicher machen. 

Wenn ein Herr ald nur Will, und wollen 
Tan und darf, fo weiß er auch in biefem- 
Stuͤcke fi gar bald und leicht zu helfen. Der 
lezte Graf von Hanau hatte beide Landes, Theis 
le, bie in ber Wetterau gelegene Graffchaft 
Hanau⸗Muͤnzenberg und bie am Rhein und im 


über Armuth und Bettelei. 363 


Eifaß liegende Grafſchaft Hanau s Lichtenberg 
beiſammen. Beide hatten ſonſt Lange Zeit ihre : 
befondere Herren, und jedes feine eigene ſchoͤne 
Schloͤßer und Refivenzen gehabt. Der nun 
Beflzer von beiden war, theilte feinen Aufent⸗ 
delt, brachte eine Helfte des Jahres in einer 
jeden zu, und ließ auch fehr weislich einem jes 
den Landes⸗Theile feine bisherige KRollegien und 
Berfaffang. Nie hat ein Erbe eine ſchoͤnere 
and georbuetere Erbſchaft angetreten, ald die 
beiden Heßiſchen Fürſien, die ſi ichi in dieſe Lande 
theilte. 
Mo nun aber alle bieſe Umſtaͤnde, Ver⸗ 
haͤltniſſe und Geſinnungen nicht ſind, wenn ein 
Herr ungluͤckſeliger Weiſe vor dem Lande feiner 
Vaͤter einen Edel gefaßt hat, wenn er feine 
Raubflände, Diener und Unserthanen, weil fie 
fih ihm etwa in gerechten. Dingen entgegen 
fielen müßen , haßt, und fie durch feine Ab⸗ 
weſenheit zus ſtrafen gebenkt, wenn’ er ein Wiens 
fhenfeind, ober Menfchenfchen ift, und ſich vor 
andern aud Gefühl feiner innern Schlechtigkeit 
lieber außerhalb verbirgt, als in feinem Hauſe 
mittheilt, lieber mit. Pöbel lebt, als den Fuͤrſtus 


85 


362 Eintenis Predigten 
vorflellt, wenn er im Stricke des Verderben 
verwickelt iſt, in welchen er ſeinem Lande ſicht⸗ 
bar zu ſeyn ſich noch ſchaͤmt, und den Ruͤgen 
treuer Diener Lieber gu entfliehen ſucht, wenn 
er ein von innerer Unruhe gepladter Mann, 
ober ein Starrkopf iſt, wenn-er ſich vornehmer, 
groͤßer, wichtiger, geehrter haͤlt, Offizier eines 
Koͤnigs, als Fuͤrſt und Water. feines Landes 
au ſeyn, „und übers biefem eitlen Dunſt nicht nur 
feine Einkuͤnfte in fremden Landen verzehrt, ſon⸗ 
bern noch Schulden mit Schulden häuft, u. ſ. w. 
dann iſt ein ſolches Haus und Land nicht nur 
zu beklagen, wie man einen leidenden Patienten 
beklagt , fondern man Fan es ihm vorrechnen 
and auspımltisen, wie ed fich von Grad zu Gr 
abs und andzehren werde, -, _ 

Alle obige. unterſtellte Faͤlle gruͤnben is 
auf lauter Thatfachen des jezigen Jahrhunderts; 
wer Deutſchland kennt, für den bedarf es keines 
Commentars; wer mit. dem Geiſte der Höfe 
minder befannt iſt, und doch Auslegung wuͤuſcht, 
der nehme das naͤchſte beſte genealogiſche Hand⸗ 
Kuh, er wird fie mit Tauf⸗ aud Zunamen 0 alle 
dariun laten. | 


. über Armuth und Bettelei. 303 


Warum es dann aber zu unferer Väter 
Zeiten und den unfrigen-fo ergangen, und nach 
und noch immer die nämlichen Klagen. bleiben 
werben ? warum guter Math hierinn Immer 
thener, und fehr oft gang vergeblich feyn wirb I 
verdient noch einige nähere Beherzigung. 

Die allerwenigften Regenten find ſelbſtſtaͤn⸗ 
dige Weſen, bangen, wie wir andere ſchwache 
Menſchen, an fo vielen Fäden, deren wenigſte 
fie Eennen, und noch weniger: von denfelben ſich 
Iosmachen. koͤnnen oder mögen. Die von fi 
ſelbſt die größte Einbildung haben, find vollends | 
nur Montgolfierſche, mit Stricken feftgebuns 
bene Luft⸗Kugeln, die ſich nicht erheben koͤnnen, 
wenn fie auch wollten, noch erheben duͤrfen, bis 
fo viel entzundbare Luft iu fie hineingepumpt 
iſt, als die, fo Herrn der Kugel find, abs 
dig finden. 

Die ſchlechteſten und ſchlimmſten Leute ER 
nicht im Lande, fie find um die Herren 
felbft, von diefen werben fie belebt, inſpirirt 
und regiert, biefe find es, bie jebe ihrer Leiden 
Khaften anfachen und unterhalten, um fich ſelbſt 
dadurch gefällig „ vothwendig und vunertbehrlich 


364 Eintenis Prebigten E 


zu. machen. Ein Hof iſt zuweilen reich an rechts 
ſchaffenen, biedern, patriotiſchen, tapfern und 
unerſchrockenen Maͤnnern, ja zuweilen iſt auch 
nur Einer der Schrecken aller Schurken und 
Schelmen, daß ein ſich einſchleichender Mari⸗ 
nelli nimmermehr feine heilloſe Abfich# errei⸗ 
chen kan, ſo lange er den Herrn von dieſen 
nicht trennen kan. Stumm machen kan er 
ſie nicht, ihnen bie Augen ausſtechen, vermag: 
er nicht, fie zu ſtuͤrzen, dazu iſt er noch nicht 
mächtig und ſtark genng, es bleibt alſo nur noch 
das eine Mittel uͤbrig, ſie nicht vom Herrn, 
aber den Herrn von ihnen zu entfernen. Erſt 
alsdaun iſt er Meiſter, weil er alsdamm das 
Ohr allein hat. Er huͤtet ſich wohl, den ges 
zingfien Laut gegen die, fo ihm ein Dorn im 
Auge find, von ſich hoͤren zu laſſen, er lobt fie 
vielmehr, und preifet ben Fuͤrſten gluͤcklich, 
Männer an ihnen zu haben, auf die er ſich fo 
ganz verlafien könne. Er bringt ihm aber 
allmaͤhlig einen Edel und Abneigung gegen fein 
Rand bei, und dieß treibt ex durch ſtets abwech⸗ 
felnde Kuͤnſte und Wendungen fo laug, bis fih 
felöft der Wunfch entzuͤndet: Wenn ich nur 


über Armuth und Bettelei.. 368 


erſt — wenn ich nur eine Zeitlang draußen waͤ⸗ 
ze! Alles nachfolgende giebt fi) alsdann von 
ſelbſt. 

Diieſe Rollen zu ſpielen, bedarf es aber nicht 
allemal einen beſternten oder ſonſt hervorſtechen⸗ 
den Mann, ein Kabinets⸗Secretair, beim eins 
Zünftige Excellenz im Kopfe ſteckt, ein Leibarzt, 
der gern auf feines Herrn Koſten die Welt fes 
hen möchte, ein Rammerbdiener, fo bei den Chas 
tonll»- Rechnungen zu Hand nicht genug manfen 
kan, find eben fo tüchtige Werkzeuge, zuweilen 
confpiriven- diefe zufammen , um auf Einn 
Zweck zu wirken. 

Wenn alles dieß traurige Erfahrunga⸗ 
Wahrheit iſt, ſo iſt auf der andern Seite auch 
nicht zu verſchweigen: daß die redlichſten, wuͤr⸗ 
digſten Maͤnner, in der reinſten, rechtmaͤßigſten 
Abſicht, es zuweilen in der Art und Einklei⸗ 
bung ihrer Vorſtellungen verſehen, und auſtatt 
einen ſchon auf dem Irrwege gehenden Herrn 
zur Umkehr zu bewegen, ihn vielmehr auf die 
andere aͤußerſte Ecke treiben, aus Uebel aͤrger 
machen, und zu ſpaͤt bereuen, das kleinere Un⸗ 
gemach nicht mis mehrerer Schonung getragen 


\ 
® 


366 .Gintenis. Prebigten 


gu haben. Ich erinnere mich einen folder 
Schriftwechſel zwifchen einem nun verflorbenen 
Fuͤrſten und feinen Geheimen Raͤthen gelefen zu 
haben, bie würdige und ehrlihe Männer was 
Der Fürft hatte zu feinen geheimen Aus⸗ 
gaben.abermals eine ſtarke Sunime Geldes ges 
fordert , anflatt ihn zu vertroͤſten, ober ihm 
etwas zu geben , ergriffen fie dieſe Gelegens 
heit, eine fehr auge und pathetifche Vorflellung 
an ihn ergeben zu laſſen, worinn ihin ſein gan⸗ 
‚ger Lebenſlanf abgemahlt, fein ganzes, damals 
noch siomlich Heine, SundensRegifler vorge 
zechnet, und alles dieß mit einer ganz Kanzel⸗ 
und Kanzlersmäßigen Ermahnung, mit dem 
Anhange: daß fie weber Geld hätten, noch zu 
Schaffen müßten, befchloffen wurde. Freilich 
war alles wahr, freilich war der Fuͤrſt kein Kind 
mehr, noch war ed die erſte, ober wohl zehnte 
Vorſtellung diefer Urt. Er fchrieb aber an beu 
Rand diefer MiniflerialsGermon: 
„, Wenn die Herren fonft nichts zu fagen hats 
ten, dieß alles habe ich ſelbſt gewußt., 
Es war noch höflich und beſcheiden genug, zw 
uufern Zeiten würben fie anders bedient worden 


über Armuth und Bettelei. 367 


ſeyn, wuͤrde es geheißen haben: v &3 muß mögs 
lich ſeyn. Was gefhah aber dadurch ? Der 
Fuͤrſt fezt fich in feinen Wagen, reifet aus Un⸗ 
gebuld, wur um fich zu zerſtreuen, nach Ham⸗ 
burg, geräth da unter Schelmen, Spizbuben 
und Goldmacher, bleibt viele Sahre in Ham⸗ 
burg fizen, findet da und von bort and in Hols 
land Kredit, bringt einen abgefeimten Betrüger 
von da zuruͤck, und durch denfelben eine ganze 
Trouppe von Abentheuern, behänge ſich durch 
fie mit Juden und Schelmen, Tonnen Goldes 
gehen durch den Schornflein*), Schulen wers 
ben mit Schulden gehäuft, ber von ber heillofen 
Bande verſtrickte und verblendete Fuͤrſt iſt zu 
ſchwach, ſich loszureißen, es finden ſich immer 





*) Ein Beweis davon iſt der von dieſem Fuͤrſten An. 
1717 aus vermeintlich alchymiſtiſchem Silber ger 
prägte Thaler, mit der Umfchrifts Sie Dee placuit 
in tribulationibus, Wenn ein Fürft weder Geld, 
noch Kredit hat, fo iſt das freilich In feinen Augen 
das größte aller Leiden; 3 und der ihm zu einem von 
beiden verhelfen Tan, in feinen Augen ein Engel 
Gotted. Gott laͤßt ſich aber nicht ſpotten, bee 


Selbſtbetrug währte nicht lang, und es war bad 


thenerſte Geld, das je in bie Kaflen dieſes Hauſes 
gelommen iſt. 


368  Sintenis Predigten. 


neue Schurken ,. die ihm auf die beſchwerlichſte 
Weiſe Geld und Kredit zu fchaffen wiflen, der 
- Sohn und Nachfolger verweigert zwar feinen 
 Eonfens und Unterfchrift, Tan aber damit dem 
Grexel der Verwäflung nicht fleuren, die Ge⸗ 
heimen Raͤthe ſeufzen, dad war ed, was ſie 
noch konnten, dad Rand fenzt auch, und noch 
viel lauter, und giebt dem ſonſt angebeteten Fürs, 
ſten offentliche und ſchreckliche Zeichen von Vers 
achtung, ber fo tief. gefunfene Fürft ſtirbt end⸗ 
lich ploͤzlich, und binterläßt, er allein, mehr 
Schulden, als feine Vorfahren in anderthalb 
hundert Sahren vorher gemacht hatten, ein ars 
med audgefogened Land, und eine Schmach über 
feinen Namen, bie kein noch fo unverfchämter 
Roblügner je vertilgen wird. 
Dieß Beifpiel mag flatt mehrerer, die ihm 
beigefellet werben Eönnten, genug fun. 
Was ber fogenannte Dienſt zu dem Außers 
landsſeyn unferer Fürften und Fürftens Söhne 
beitrage; wie viel ließ fich Davon fagen? wozu 
. aber eine andere Gelegenheit kommen wird. 
Alſo nur ein paar Worte: Daß die Monarchen 
Fuͤrſten, Erb⸗ und andere Prinzen, die viel 
Gel 


N 


über Armuth und Bettelet. 369 


Geld zu verzehren hatten, durch Ertheilung 
von Regimentern, Gonvernementd und militas 
tifche Titel an ſich zu ziehen gefucht, war ihnen 
nicht zu verdenken, baß aber Fürfien, die zus 
weilen in ihrem eigenen Lande mehr Regimens 
ter hatten , als ihnen in fremdem Dienfte zu 
commandiren anvertraut worden, Dienft fus 
hen mögen, baß Prinzen, bie mit ihrer Ap⸗ 
panage zu Haus ober anderwärts angenehm, 
gluͤcklich, vergnügt leben koͤnnen, ſich um einen 
Dienſt bewerben mögen, in weldem fie nicht 
nur ihr Eigenthum zufezen, fondern ſich noch 
muͤhſam behelfen, Schulden dazu machen, und 
ſich tauſendfachen Zwang, Beſchwerden und Un⸗ 
annehmlichkeiten gefallen laſſen muͤßen, und 
fruͤh oder ſpaͤt doch faſt alle zulezt froh ſind, 
wieder quittiren zu doͤrfen „ihre im Dienſte 
gemachte Schulden fi) von ihren Brüdern und 
Vettern an ihrer Appanage wieder abzikhen 
laſſen müßen, uud endlich, was fie früher und _ 
wohlfeiler vermocht hätten, Philofophen und. 

Landwirthe werden, dieß war mir noch immer 
ein nicht ganz aufloͤsbares Raͤthſel. Stets bin 
ih dabei ſtehen geblieben: Es iſt das Ste⸗ 

Patr. Archiv, III. Theil, Aa 


— 


370 Sintenis Predigten 


cken⸗Pferd unfers Jahrhunderts. Vielleicht 
an fie mit Unfange bes Fünftigen alle Gold⸗ 
macher und Geifterfeher,, denn jedes Säculum 
has doc, feine eigene Moden und Krankheiten; 
wenigſtens helfen die immer wirthſchaftlicher 
werdende Monarchen, die den Prinzen nicht 
mehr, wie font, befonders zahlen, felbft das 
zu, daß man fi) um ihren Dienfk weniger be⸗ 
wirbt, biejenige Kadeten und Söhne ber Ka⸗ 
- beten andgenommen , bie ihn fuchen müßen, 
am, wo nicht juft ein Släd zu machen, doch 
ihre Lage mwenigflend um fo viel, als ed num 
iſt, zu verbeffern, ünd fich eine eigenthuͤmlichere 
Exiſtenz zu verfhaffen, ald wenn fie zu Haus 
am Hofe ihres Bruders ober Wetters überall 
im Wege find, von einem fiolzen Guͤnſtlinge 
fih uͤberzwerch anfehen laffen, und in dem Haus 
fen von Kammerherren und Sunfern fih vera 
liehren müßen. 
Es giebt noch eine Urt außer Landes 
su feyn, wenn ein Herr muB, nnd meiflend, 
doch nicht allemal, iſt es Schule der Weisheit 
geworden. Landgraf Philipp dem Großmuͤ⸗ 
thigen zu *öefen war feine langjährige Geſar⸗ 


über Armuth und Bettelei. 371 


genſchaft mehr werth, als alle Siege und Ero⸗ 
berungen, es daͤmpfte den hohen allzuraſchen 
Geiſt, machte ihm ſein Land und das Gluͤck, 
deſſen Vater zu ſeyn, ſchaͤzbarer, dann vorhin, 
und laͤuterte feine Begriffe von Kriegs » und 
Helden Ruhm. Wer daran zweifelt‘, Iefe fein 
Teſtament, wie beweglich ex darin feine Söhne 
vor Ariegen und Einmifchung in fremde Händel 
warnt, Der von feinem Lande mehr als eins _ 
mal verjagte wilde Herzog Ulrich von Würs 
temberg warb zulezt auch kirr; Hering. Jo⸗ 
hann Sriderich zu Sachſen⸗Gotha farb 
ald ein bußfertiger Suͤnder in feinem langen 
Arreſte; und der fo trozige Herzog Karl Ceo⸗ 
pold zu Mecklenburg ward endlich. ſo ge⸗ 
ſchmeidig, daß, wenn er noch vier Wochen ge⸗ 
lebt haͤtte, die ſchon entworfene Submißjongs 
Schrift an die Reichs⸗Verſammlung offentlich 
erſchienen, und dadurch feine Regierung, Ents 
ſezung wieber aufgehoben worden waͤre z meh⸗ 
rerer anderer Veiſpiele nicht zu gedenken, ton 
von wenige Fuͤrſtliche Deutſche Haͤuſer ausge⸗ 
nommen ſeyn doͤrften, wohl aber die Geſchichte 
noch gaug ardere Kuren Lsfert, ba ein ſolcher 
Mas. 


- 


372  Gintenis Predigten | 


anbändiger Fürft zwiſchen vier Mauern einges 
fperrt worden, um ihm Muße zum Befinnen | 
und Meue zu verfchaffen. | 
Kurfuͤrſt Chriftoph zu Trier, gebobener 
von Sötern, mußte zu Luxeuburg nnd Win 
eine zehnjährige Gefaͤngniß durchleben, bis er 
mit Sicherheit einer wahren Sinnes⸗Aende⸗ 
dung entlaffen werben konnte. Ein anderes 
merkwuͤrdiges Beifpiel iſt dad von Herzog 
Magnus zu Sachen » Lauenburg , wels 
hen fein Bruder, der loͤbliche Herzog Franz II, 
auf Kaiſerlichen Beſehl, wegen feiner liederli⸗ 
chen Aufführung und Friede ſtoͤrenden Berras 
gins, In lebendlaͤnglicher Verwahrung einfpers 
zen, und über die Gefaͤnguiß⸗Thuͤre folgende 
merkwärbige Aufſchrift mit goldenen Bude 
finden fezen laffen: 
Ge auf der Römifch-Kaiferlichen Maje⸗ 
ſtaͤt allergnaͤdigſten Verordnung, 
J — ————— 
and Herr, Herr Franz zu Sachſen, Ew 
gern und Weſtphalen, Seiner Fuͤrſilichen 
Grnuaden unfreunblichen Bruder, Berg 
Maguet am fen vpſeeevdicch Wechelin, 


über Armuth und Bettelei, 373 


allen andern nachkommenden ger⸗ 
zogen zu Sachſen, ſo Gott nicht 
fürchten, Shrftliche Tugenden und 
Gerechtigkeit nicht vor Augen ha⸗ 
ben, das Gott unter Brüdern abwende! 
31 einer Verwahrung, dieß Gemach 
am Tage Viti 1588 verfertigen laffen, 
mit herzlichen Wänfchen,, daß Gott ber 
Allmaͤchtige dieß Fuͤrſtliche Haus, nad) 


ſeinem gnaͤdigen Willen, für dergleichen 


Exempel hinfuͤr behuͤten moͤge. | 
Ad mala patrata, funt atra theätra 

. parata. 
Harter Stun erfordert angreifende und 


durchbeizende Mittel, wenn fie dann als nur 
helfen, ſo iſt es allemal Wohlthat fuͤr den Herrn, 


und in einer gewiſſen Folge auch für ſein Haus 


und ungluͤckliches Land. 


Darüber lacht und ſpottet ein Hof⸗Publi⸗ 
ft, weifer auf die WahlsEapitulation bin, und 


tröftet feinen Herrn: daß heut zu Tage dergleis 


den wicht mehr gefchehen Fönne, weil ed nicht 


mehr gefihehen doͤrfe. Daß es aber geſchehen 


kͤune, und wirklich gefchehe, davon liegt das 
YWaz 


374 Sintenis Predigten 


- neuefle Beiſpiel des auf zehn Sahre auf die 
Feſtung Rönigflein eingefperrt geweſenen, und. 
nad) tiefer Reue und Demürbigung, auf Ver⸗ 
ſprechen der Befferung, aus Bnaden früber 
entlaffenen Regierenden gerrns in der Mit⸗ 
te. — Das war nur ein Graf! Thut nichts 
zur Sache. Kaifer Joſeph iſt der Eine com. 
pacijeirende Theil jenen National s Vertrages, 
wird ihn fo gut zu verftchen und zu erflären 
wiſſen, als die Concordata Nationis Ger- 
manic®, und als die Ruffen den Frieden von | 
Kainardgi. Es möchte feinem zu vathen feyn, 
anf jenen Troſt allein es zu wagen, meil uns 
glücklicher Dingen die übrigen hohen Compas 
ciſcenten den Text juſt fo, wie der Kaiſer, vers 
ſtehen, und gegen biefe authentifche Erklaͤrun⸗ 
gen, und in deren Gemaͤßheit treffende Auſtal⸗ 
ten alle Haus⸗Trouppen, Kreis⸗Contingente 
und Univerſitaͤts⸗Reſponſen nichts helfen moͤch⸗ 
sen; anderer kuͤrzern, eben fo wirkſamen, und 
noch immer gängs und gaͤben Hausmittel nicht 
zu gedenfen, nn 
Wenn dann aber ein Herr einmal fort, und 
zum Sand hinaus iſt, wie geht ed za, daß er 


über Armuth und Vettelei. 375 


zutcht früher ober fpäter zuruͤck zu bringen iſt? 
Wei vielen Herren gefchieht ed blos aus Eigen⸗ 
feun. Sie wollen, wenn fie ſich's auch inners 
id, taufendmal felbfl bekennen, wenn fie ſich 
auswärts noch fo viel Unbequemlichkeiten und 
wohl gar unartige Behandlung gefallen. laſſen 
muͤßen, nicht unrecht, nicht gefehlt haben ; 
und je fehnlicher ihr Land nach ihnen verlangt, 
je weniger find fie dazu zu bewegen; fie kaͤmen 
erſt alsdaun, wenn ſie wüßten, daß fie durch 
ihre Wiederkunft ihren Kindern, Vettern, Die⸗ 
nern und Unterthanen einen noch groͤßern Poſſen 
ſpielten. Mit ſolchen Starrkoͤpfen iſt gemei⸗ 
niglich nichts anzufangen, als ſie ſich ſelbſt zu 
uͤberlaſſen, man wird alles zulezt muͤde, ſogar 
des Eigenſinnes, und wenn man ſie nur fuͤhlen 
macht, wie tief ſie in der Achtung der Welt, 
und der Liebe ihres Volks geſunken, wie voll⸗ 
ſtaͤndig fie nur ihre eigene Duͤpe ſeien, fo fans 
gen fie endlich an, in ſich zu gehen, und kom⸗ 
men wieder, wenn Fein Menſch mehr an ihr 
Kommen gebadht hat, und ſchaͤmen fich dann, 
wenn ihr gutes Volk fie gleihwohl Wills 
kommen! heißt, und Freuden⸗Thraͤnen weint, 
\ Ua 4 


376 Sintenis Predigten: 


einen fo herzlieben Water wieder bei fi 3 
feben. | on 
"Eben die Xente aber, fo die Werkzeuge und 
- Verführer zum Weggehen gewefen find, find 
zugleich die Urfache be beharrlichen Außenblei⸗ 
bens, fo lange e8 ihr Intereſſe erfordert. 
Hat jeder fein Ziel evreicht, feine Wuͤuſche ers 
füllt, fo muß der Herr wieder nach Haus, er 
mag-wollen, oder nicht. Hat fi der Mari⸗ 
nelli in der Gunſt feines Herrn fo feflgefezt, 
daß er Feinen Sturz fo leicht befürchten zu müfs 
fen glaubt, fo will er nun auch feine erworbene 
Gunſt und Unfehen zu Haus fehen laflen, und 
geltend machen, das in der Fremde nur immer 
An einem engern Wirfungss Kreife geſchehen Fan. 
Kat der Doctor gefeben, was er gewollt, dann 
. ft jede Luft ungefund, wo fich-der Herr anfs 
haͤlt, und keine reiner, ald die zu Haus. Ges 
ben bie Geld » Rimeßen aus dem Lande fparfas 
mer, muß der Herr auswaͤrts wohl gar Schuls 
ben machen, und fich einfchränfen , fo ift der 
Kammerdiener ber erfle, um feinem Herrn zu 
fügen: Wir fizen fell, Gnaͤdigſter Herr, und 
haben weder Gelb, noch Kredit mehr, wahrs 


\ 





über Armuth und Bettelei. 377 | 


haftig, Ihr Durchlaucht, wir muͤßen wieder 
nah Haus. Da trägt das bloſſe Anmelden 
und bie Garderobbe⸗Protektion leicht noch, mehr 
ein, ald der Abfall einer ſchwindſuͤchtigen Rei⸗ 
ſe⸗Kaſſe. | 
Eben fo ſtark, als dieſer alles, wirkt aber 
auch die eigene Geſinnung der zu Haus bleiben⸗ 
den Dienerſchaft gegen ihren abweſenden Herrn. 
Mancher Herr iſt wild, rauh, hart, ungezogen, 
traktirt feine Minifler und Räthe, wie ein Kor⸗ 
yoral feine Moufquetiers, und feine Erfcheinung 
iſt nur, wie die eined-böfen Hausvaters, deffen 
Kinder ſich zurufen: Verſteckt euch! der Was 
ser koͤmmt! Wer Lan diefen verbenfen, wenn 
fie den Herrn, dem fie nun gleichwohl einmal 
dienen müßen, lieber außer Landes, als-bei ſich 
anter einem Himmel ſehen? Mag ed dem Lande 


ſchaden, fo viel es will, ifl’3 doch nicht | ihrfand, 


and ohnehin find die allermehreften nur Diener 
ihres Herrn, und nicht feines Landes. | 
Schlimmer ınd-gefährlicher, als dieſes, ift 
aber, wenn die Schuld bei dem ober denen Mi⸗ 
niſtern haftet, welche des abwefenden Fuͤrſten 
Stelle vernreten/ und ſtatt ſeiner das Land re⸗ 
Mas; 


378 Sintenid Predigten 


gieren follen, wenn biefe Feine durchaus ehrliche, 
rechtſchaffene und gewiſſenhafte Leute find, fons 
bern ihrem Chrgeize ober Geldgeize opfern, 
froh find, nam ohne Hemmung den Meiſter fpies 
Ien, und ihren Eigenunz oder Hochmuth befries 
digen zu koͤnnen. Diefe werben Ihrem Herrn 
nie anliegen, wieder zu kommen, fie werben ed 
ihm vielmehr an nichtö fehlen Laffen , ihm Geld 
ſchicken, fo viel er verlangt, ihn noch überdieß 
mit erlogenen Projekten von Landes s Verbefles 
rungen amüfiren, und, indem fie am erflen für 
ſich ſelbſt, ihre Familien und Freunde forgen, 
lieber das Land verfhulben, verfezen und ver 
pfänden, damit nur der fo lang, als möglid, 
wegbleibe, der ihre‘ Handlungen und geführte 
Wirtſchaft felbft beleuchten, oder bei feiner Wies 
berfunft durch andere ihr Leben und Xhaten ers 
fahren, unb mit ihnen abrechnen Tönnte.. 

So viel zur Einleitung, oder, wenn man 
will, audy als Poſtſcript. Hier folgen dann 
bie Predigten des Herrn Sintenis. 


" U) 


über Armuth und Bettelei. 379 





ZEIT IE IE 
l. 
Sür. die wahren Armen in der Stadt - 
Zerbſt. u 


Eine Predigt, gehalten am zten Sonntage nach 
Trinitatis 1783. von Sintenis. 





Meine Bruͤder! 


gr olanbe gewiß, daß ich heute eine der wichs 
tigften Predigten meines Lebens halte, Wenige 
ſtens in den zehn Jahren, feit welchen ich heute 
Prediger in diefer Stadt bin, die wichtigfte. Ad, 
id kan heute Gutes fliften; ich werde heute 
Gutes fliften. O wie glüdlich ifl ein Mann, der 
für dad Beßte dev Menſchheit reden will, wenn 
er gleich beim Anfange feiner Rede dieß tröftende 
Vewußtſeyn hegen darf! Fa, ich Fan heute Gu⸗ 
tez ſtiften, denn ich rede über einer Gegenſtand 
von wichtigſtem Belang. Sa, ich Werde heute 
Gutes fliften, denn ich kenne einen großen Theil 
meiner hier verfammelten Mitbürger, und liebe 
fie wegen der Güte ihred Herzens. Sie werden 
mich aufmerkfam anhören, meine Klagen, Wüns 


3806  Gintenis Predigten 


ſche, Gedanke und Vorfchläge prüfen, ihre Sees 
len mit der meinigen auf einen Ton flimmen, 
und am Enke meiner Rede mir zurufens Mann, 
du thatſt recht daran, vor Gott und Menſchen 
recht, recht vor Obrigkeit und Unterthanen, recht 
. vor Menfchenfreunden und Menfchenfeinden, 
daß bu heute fo zu und fpradjfl. | 

Stärke du mid nun, Allmaͤchtiger, daß ich 
mit Anſtrengung aller meiner Kräfte, die du 
meinem Geiſte verliehefl, den Gegenfland bes 
handle, für den ich jezt hier ſtehe. Lehre mich 
verbinden biedern Wahrheitsſinn und befcheidene 
Weisheit, männlichen Muth und fletes Umher⸗ 
(hauen auf Menſchen, Zeit und Umflände, uns 
ter denen ich lebe. Segne den Erfolg meiner 
Rede. Sesne ihn für viele Elende, daß ſie 
ſich feiner nady Jahren noch freuen und tröflen. 
Segne ihn für mic) ſelbſt, daß ich mich feiner 
noch freue und tröfle, wenn einfl mein Abend 
koͤmmt, und tu mich rufſt, und mein Geiſt zu 
dir aufſchwebt, und mitten im Auffchweben noch 
einen Ruͤckblick auf feine auf Erden ausgeuͤbte 
Handlungen wirft, und fich Leztlich zur Rechen» 
haft vor dir, Weltrichter, anſchickt! 


über Armuth und Bettelei. 38: 


Meine Brüber! Sch liefere heute die lezthin 
angekuͤndigte Predigt. Sch rede für die eigents 
lichen Armen unter und, für unfere blutarmen 
Mitbuͤrger, welche ganz verlaſſen auf ihren 
Jammerbetten liegen und ſchmachten, oder in 
ihren Huͤtten aus Winkel in Winkel kriechen, 
und an den erſten Nothwendigkeiten des Lebens 
Mangel leiden. Ihre Zahl iſt groͤßer, als wir 
denken. Ich habe in dieſer Woche Gelegenheit 
gehabt, ihre Menge und ihren Zuſtand naͤher 
kennen zu lernen. Schaudererregend wird mir, 
fo lange ich lebe, das Andenken an gewiſſe Huͤt⸗ 
ten ſeyn, in die ich eingleng, an gewiſſe Fami⸗ 
lien, bie ich in ſelbigen antref, und an gewiſſe 
Strohlager, neben denen ich fand — fland, wie: - 
ein Zerknirſchter und Zerfchlagener — fland, mit 
einem Vuſen, ber fid) eng zufammen zog, und 
init einem Herzen, dad im zufammengezogenen. 
Bufen mit Hammerfchlägen fhlug — ſtand, 
wie hinfintend auf die Leidenden, und über ihr 
ſchreckliches Elend fchier fprachlos, Hilf Gott, 
wie tief find wir geſunken! wie tief find wir 
geſunken! — — Ach, voller meine Ihränen 
über dad Elend meines Vaterlandes, und über. 


282 . Sintenis Predigten 2 


den Verfall der Stadt, in der ih gebohren 
warb, und die noch in der Stunde meiner Ges 
durt eine der geſegneteſten, gewerbevolleften, 
bluͤhendſten Städte Deutfchlandes war! Rollet, 
meine Thraͤnen, rollet über den unfäglichen, 
unzufchildernden Sammer fo vieler meiner ars 
men leidvenden Mitbürger, die im Verborgenen 
feufzen, und deren einige ſchon, aller menfchlis 
chen Pflege und Wartung beraubt, verhungern 
amd verfhmachten, und Keinen Wunſch, Fein 
Gebet mehr. haben, ald — zu flerben und nicht 
mehr zu ſeyn! ... 

. „Aber warum wirfft du dich gerade 
dazu auf, die Sache unjerer Armen zur 
Seinigen zu machen ? „ | 

Geſchieht diefe Frage wirklich an mic, oder 
nicht? Sch thue wohl eine ganz unnöthige Ars 
beit, wert ich fie beantworte. Sollte es mögs 
lich ſeyn, daß es fo Falte, unempfindliche und 

verſtimmte Seelen unter und gäbe, denen nicht 
jeder Mann willlommen wäre, ber mit feiner 
Waͤrme, die ihm bie Natur gab, und: wofür 
> er fie ewig ſegnen wird, anbere Herzen um fich 
ber noch mehr erwaͤrmen, fie im Guteöthun und 


über Armuth und Bettelei. 383. 


Mitleiden flärfen, und ihrem Mitleiden ſelbſt 
eine edlere Richtung geben helfen will? — Doch, 
die Menſchenkenntniß, welche ich mir fammelte, 
fheint mir zuzurufen: antworte nur, antworte 
ja ; du wirſt wirklich in dieſen Augenblicken 
ſchon hie und da ſo gefragt. Wohlan denn, ſo 
antworte ich | 
Erſtlich: Das Elend unferer wahren Ars 
men wird nun unansfprechlich groß. Hülfe man - 
ihm ab, wäre ihm ſchon abgeholfen — o mohl 
mir, role gern wollte ich ſchweigen, und meine 
Kräfte heute nicht bis zum Exliegen anflrengen! 
Aber fo feben und hören wir ed; viele erfahren 
nichts davon, wollen nicht einmal etwas davon 
wiſſen; einige unter denen, die es fehen und hoͤ⸗ 
zen, raunen einander wohl ind Ohr: Gott, wie 
will dad noch werben ! was für ein Ende wird 
bad nehmen ! und dieß iſt ed alles. Darüber 
geht bad Elend ununterbrochen feinen Gang 
fort, und führt bie und da ſchon an Abgründe. 
Die Sache muß, fie muß nun unter und abges 
macht werben. Jedem, ber Dazu beitreten will, . 
reiche ich brüberlicy die Hand, umarme ihn mit 
Umarmungen bes Himmels, und rufe ihm zus 


384  Gintenis Predigten 
„Willkommen, Lieber, Beßter! wir wollen ges 
meinfchaftlich arbeiten an Erleichterung ber Zeis 
den unferer Bruͤder, gemeinfchaftlich arbeiten 
an Erträglichmachung ihrer legten Tage, gemeiu⸗ 
ſchaftlich arbeiten an ihrer Rettung vom Tode 
aus Hunger und aus Mangel an Wartung und 
Pflege. Wir wollen Bande fnäpfen, bie an 
Schönheit und Würde alle andere übertreffen, 
and deren Ungedeufen in ber Welt des Friedens 
und noch befelige. „, Es koͤmmt ja wahrlich nicht 
darauf an, wer der Mann fei, und wie er heiße, 
der etwas Gutes bewirkt; bewirkt er ed nur, fo 
laſſet ihn doch thun. ein Werk darf an bad 
Licht kommen: denn ed ift in Gott gethan. 
Zweitens : Es war gleich von Gründung 
der chriſtlichen Kirche an ein Geſchaͤft der Geiſt⸗ 
lichen, daß fie ſich um die wahren Armen ihres 
Orts befümmerten , fie fuchten, ihre Klagen 
aufnahmen, fie Menfhenfreunden empfohlen, 
und ihre Gemeinen zur thätigen Liebe‘ gegen fie 
ermuntertem. Und da finde ich denn auch theils, 
daß fich dieſes Geſchaͤft noch immer fehr gut mit 
den übrigen Geſchaͤften eines Geiſtlichen verbin⸗ 
den laſſe, weil es genau mit ihnen verwandt iſt, 
= und 


über Armuth und Bettelei. 385 


and dicht am fie grenzt; theils, Daß ich ald Pre⸗ 
diger auch Zeit genug habe ‚- ed zu betreiben. 
Denn fürwahr, wenn ein Prediger weis 
ter nichts thut, als daß er Sonntag für 
Sonntag hintritt und predigt, und nes 
benbei etwa einige Amtshandlungen 
verrichtet , deren jede ihm noch: befons 
ders bezahlt wird: ſo jage ich es frei 
heraus, daß er zu denjenigen Dienern 
im Staate gehöre... die zu hoch befoldet 
werden, und zwifchen deren Einkuͤnf⸗ 
ten und Wirkſamkeit gar kein Eben⸗ 
maas iſt. 

Drittens: So kan id denn nun nah mei⸗ 
nen in dieſer Woche gehaltenen Umgaͤngen durch 
alle Straſſen unſerer Stadt und durch hundert 
Huͤtten bed Elends, ohne Aumaſſung, Zubringe 
lichkeit und Schein bed Stolzes behaupten, daß 
ich einer von denenjenigen bin, die das 
Blend unſers Orts wahrhaftig kennen. 
Wie? und ich follte diefe Keuntniß in mid) vers 
fließen, und nicht mittheilen ? Ich follte fie 
befizen, und. wicht in Wirkſamkeit verwandeln? - 
Weg mit jeber Kenutniß, die nicht thätig and 

Patr. iD, IIl. Theil. 8% 


386 Sintenis Predigten 


muͤzlich wird!" Ich Fan, ich muß, ich will alſo 
bei meinem Vorfaze beharren, und heute zufoͤr⸗ 
verſt eine Befchreibung von dem Elende vieler 
unferer armen Mitbürger machen. Hernach 
will ich die Quellen davon auſdecken, und zuleze 
Linige Vorfchläge thun, demſelben entgegen zus 
arbeiten. Habe ich je auf die Aufmerkfamfeie 
tneiner Zuhoͤrer Rechnung gemacht: fo gefchiehe 
es heute. Habe ich mie j je von der Guͤte ihres 
Herzens viel verſprochen: fo thue ich ed heute. 
. Wehlan denn, fo iſt mir weiter nichts übrig, 
WS daß wir Gott gemeinſchaftlich am feinen 
Beiſtand dazu anflehen, daß er und unfere ges 
genwaͤrtige Unterhaltuig recht eindringend und 
ewig unvergeßlich machen wolle. Schwebet um 
mich her, ihr Wilder der Jammernden, bie ich 
von aller Welt verlaffen fand, und bei deren 
Anblick mein Gerz blutete, und umſchauert mich 
mie Schauern der Menſchlichkeit und Bruder⸗ 
liebe, damit ich mit aller der Waͤrme rebe, wel⸗ 
‚de eure Sage ı von mir fordert‘! 


Text: bie aemöhnfihe Sonntagbepifk 
1. Petri 5.0. 6—L1. 


/ 


über Armuth und Bettelei. 387 
En EEE 

Werfet eure Sorgen auf den zerrn, 
denn er forget für euch — Herrliche Wors 
te! Aber begnuͤget euch ja nicht daran, M. Br, 
daß ihr fie euren auf das höchfle leidenden Mit⸗ 
bürgern zurnfet. ie find. wahrlich nicht bloß 
dazu geichrieben, daß fie. die Elenden troͤſten, 
fonbern daß fie. aucdy-Lie Zeugen: ihres Elendes 
in menſchliche Thaͤtigkeit verfezen follen. Ja, 
fie koͤnnen jened nicht thun, wenn ſie dieß nicht 
erſt bewirkt haben. Wir ſehen ja nicht mehr, 
daß in unſern Tagen außerordentliche Rettun⸗ 
gen ber Leidenden geſchehen. Hoft:ſendet jezt 
keine Engel, um Menſchen zu helfen, weil Mens 
ſchen genug da find, die dieſes Seſchaͤſt verrich⸗ 
‘ten koͤnnen. Die Leidenden werſer ihre Sorgen 
auf den Herrn; dieß heißt nichts onders, als ſir 
hoffen und. ſehnenſich darnach, Haß, Bois unter 
ähren nicht leidenden Bruͤdern einige erwecken 
werbe, bie ihr Elend erleiden. . Sollen fie in 


dieſer ihrer Hofnung, in. dieſer ihrer Sehnſacht 


getaͤnſcht werden ? Sollen nuſere aͤnßerſt elende 

Mitbuͤrger: aufangen — nein, ich will ſagen, 

fortfahren, fdpedlich zu klagen, Daß es um⸗ 
B 


ba 


88 : Gintenis Predigten 


ſonſt fei, daß fie ihre Sorgen auf den Herrn 
werfen, weil Menfchen,, denen Gott ed aufs 
wägt, dieſe Sorgen über ſich zu. nehmen unb 
abzumaden, ſie von ſich auf die Elenden zu⸗ 
ruckwerſen?.... 

Ach! wie bebt mein Herz vor ben erſten 
Theile meiner Rede zuruͤck! Von Befchreibung, 
Schilderung, Darſtellung, Sichtbarmachung 
der Noth, des Elendes und bed Jammers, die 
einige, viele von meinen aruen Mitbuͤrgern 
| treffen! H 
Schon lange Rand ich im Sallen ‚md ſah 
den immer ſchwaͤcher werdenden Kräften nuſers 
Staatskbrpers zu. Ich ſah, wie ein Glied 
nach dem andernan ſelbigem gelaͤhmt ward, und 
"wie Viele anferer guten Familien —. und wahres 
Aich die wichreften davon ohne eigene Schuld — 
immer tiefer ind tiefer fanden: Das fchien mie 
Ddamals fehon-geoßes Ungluͤck nach Jahren zis 
drohen. Die Gewerbe aller Arten wurden ums 
ter und kaͤglich ſchwaͤcher. Da verlohren Hun⸗ 
derte ihre Nahrung, welche fie ſonſt durch Aus 
wendung ihrer Kräfte und:durch Arbeit um Lohn 
erworben hatten. Da mſe (HT EBIGT 


“sn, 


- 


über Armuth und Bettelei. 389 


thaͤtigkeit füch einſchraͤnken, und gerade zu einer 
Zeit, in der ſich die Gegenſtaͤnde derſelben ver⸗ 
mehrten. Was Tan anders daraus erfolgen, 
dachte ich, ald daß jene gute Familien, die jezt 
ſhchon ſinken, einft in den Zuſtand verfezt wers 
den, in welchen ihre Arbeiter find; und daß 
diefe, da fie kaum eine Woche um bie anbere 
Arbeit haben, erſt all ihr Eigenthum verfloffen 
und verzehren, darüber alt werden, im Alter 
betteln gehen , und wenn fie dieß im hoͤchſten 
Alter nicht mehr thum Eönnen, aus Mangel au 
Wartung und Lebensmitteln umkommen muͤſ⸗ 
ſen? — Traurige Ahndungen, ihr feib ſchon 
am Rande eurer Erfüllung, und werdet ſchreck⸗ 

licher erfuͤllt werden, als je ein Patriot dachte, 
wenn uns vollends die Natur verließ, uns kine 
Mißernde gaͤbe, und Theurung des einfachſten, 
unentbehrlichſten Nahrungsmittels, des taͤgli⸗ 
chen Brodes, bewirkte! 

Ich will euch, meine Bruͤder, als ein Bie⸗ 
dermann, meine neuern und allerneueſten Er⸗ 
fahrungen über das Elend unferer Stadt mit⸗ 
theilen. Sch hoffe gewiß, daß fid ähnliche Ein⸗ 
druͤcke auf eure Herzen machen werben, wie fie 

Dh 3 


4 


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390 : Sintenis Predigten 


auf dad meinige machten. Die vor Gott wahre, 
vielen unter und verborgene, von vielen zwar 
gefannte, aber body unbeherzigte Lage unferer 
Stadtarmen ift kuͤrzlich biefe: Es ift nun fo 
weit in unferer Stadt gelommen, daß bereits 
Menſchen, die Alters» Schwachheits und Krank⸗ 
beit halber nicht mehr vor unfern Thüren bets 
teln koͤnnen, nichts mehr zu verkaufen, Keine 
Verwandte and Freunde haben, die fie unters 
flügen mögen, aus Mangel aller Pflege und 
Wartung jümmerlich leiden, aus Mangel ber 
Reinigung von Ungeziefern angefreffen werben, 

und aus Mangel an Arzenei und — ach Gott, 

ber Gerechte erbarmet ſich doch fonft auch fogar 

feines Viehes — aus Mangel an Effen und 

Trinken wirklich umlommen. - Sa, ja, dieß iſt 
Wahrheit, fchaudervolle, Obrigkeit und Unsers 
thanen bewegende, Wachende und Träumende 
erſchuͤtternde Wahrheit. Sch muß fie freilich bes 
weifen. Seit einem Vierteljahre etwa habe ich 
befonderd das Elend in unferer Stadt mit 
ſchnellen Schritten vorruͤcken gefehen. Eine Pers 
fon aus dieſer Gemeine flarb wirklich aus Man⸗ 
gel menſchlicher Hülfe: Ich warb zu ſpaͤt zu 


über Armuth und Bettelei. 39: 


Ihr gerufen, und ber Arzt, ben ich. hernach ru⸗ 
fen ließ, kam alfo nody fpäter. Sie hatte ihre 
entbehrliches Kopfkuͤſſen zur Herbeiſchaffung eis 
niger Arzenei vor meiner Ankuuft nicht verflofs 
ſen wollen, weil fie bieß gern, wie fie fagte, 
ihrer Alteflen Tochter, da fie doch einmal flerben 
mäße, hinterlaffen wollte. Sie war eine Diuts 
ter von ſechs Kindern, und flarb unter Seufzen 
über unfer Armenmefen. ine andere Perfon 
and uns, die im böchflen Grade ſchlaglahm und 
blutarm da lag, wollte ſich erhenken, und wuͤrde 
ed gethan haben, hätte fie Kräfte genug bazu 
gehabt. Sch muß gefiehen, daß an ihrem Jam⸗ 
merlager alle meine Gründe wider ben Selbſt— 
mord ihre Kraft verlohren. Wo ſteht ed denn 
befohlen, ſprach ſie, daß ich, wenn ich einmal 
als eine von aller Welt verlaſſene ſterben muß; 
einen Tod von drei Tagen aus Hunger leide, 
da ich durch einen Zug am Strick von der Welt 
tommen fan? Noch eine andere verlaffene Pers 
fon genas von einer fehweren Krankheit durch 
einige Arzneimittel, bie fie mit ihrem ganzen 
Vermögen nicht bezahlen konnte. Noch eine 
andere — alle aus unferer Gemeine — war dem 
Bb 4 


392  Gintenis Predigten 


Tode ganz nabe, kam auf den Gebanfen, mid 


zufen zu laffen, und iſt nun durch meine Fürs 
fprache, durch die ich ihr Geld, Urzuei und 


Pflege verfchafte, in Genefung, ifl eine Miuster 
von vielen Kindern, hatte einen Säugling von 
brei Wochen an der Bruſt, und ließ ihn in meiv 


ner Gegenwart, mit Tobesängflen umgeben, bie 
lezten Tropfen, war ed Milch ober Blur, Gott 
weiß ed, ausfaugen. 

Doc , was find biefe Erfahrungen gegen 
bie allerneueften, welche id) in vergangener Wo⸗ 
che gemacht habe? Ich habe das Gluͤck genoffen, 
Vertheiler einer Summe Geldes, welde mir 
eine Geſellſchaft von Edeldenkenden in dieſer 
Stadt einhaͤndigte, unter die hieſigen Nothleis 
benden zu feyn *), Das Glück — fo wenn’ 


ich es; denn welche Freude, durch einen halben 


Thaler ganze Familien anfbeitern zu Eönnen! 
Welche Freude, mit einigen Grofchen. auf dem 
einen menfchlichen Geficht Stroͤme von Jam⸗ 





*) Auf dem geſellſchaftlichen Theater der hieſigen 


Nobleſſe ward eine Repraͤſentation zum Beßten der 
Armen gegeben, und ber Ertrag davon war obige 
Summe, 


| 
| 
| 
| 


über Armuth und Bettelei. 393 


merthränen zu srodnen, und auf dem andern 
Ströme von Wonnethränen hervorzuloden ! 
Und bas war fremdes, mir nur anvertrautel 
Geld, das ich austheilte. Ach ihr Begüterten, 
ihr Reichen, was für Seligkeit müßet ihr, falls 
ihr gefühlvolle Herzen habet,, empfinden, wenn 
ihr ähnliche Summen aus eigenen Mitteln 
oustheiler! Möchte ich euch auch ſogar das koͤr⸗ 
perliche Vergnügen ſchildern koͤnnen, welches ein 
Menſch im Augenblid des Wohlthuns genießt! 
da iſt Fein Nerve, der nicht mis fanfter Wohlluft 
alsdenn gefchüttert würbe ! und doch iſt dieſe 
Wohlluſt fo rein, fo unbefleckt. Denket ihr nun 
vollends aldbenn den Gedanken hinzu — ich — 
ich bin der Wohlthaͤter — ſo habet ihr das 
hoͤchſte geiſtliche und das reineſte ſinnliche Ver⸗ 
guügen zugleich, und ſchoͤpfet mithin den vol⸗ 
Ieften unter allen Genäßen von Dafeyn und 
Menſchſeyn. — Bei diefer Gelegenheit num 
babe ich alle Gaſſen unferer Stadt durchwan⸗ 
dert, viele Haͤuſer, Hütten und Winkel der 
Elenden durchfrochen. Gott, was habe ich 
da alles geſehen! Weh mir, möchte ich fagen, 
daß ich es that, und wohl mir, bad ich ed that! 
by; 


394 Gintenis Predigten 


Weh mir — denn bad hätte ich nicht gebadyt, 
daß das Elend unter uns fo unausſprechlich fei. 
Sch habe mir immer flarte Begriffe von menfch» 
lichen Leiden zu bilden gefucht, aber fo ſtarke 
Begriffe von ihnen, von menfchlichen Leiden fu 
anferer eigenen Stadt — wie hätte ich fie mir 
bilden koͤnnen? Aber wohl mir auch, daß ich 
es that; benn num kan ich barüber richtiger res 
den, und, wie ich zu Gott hoffe, mit Segen 
davon reden, j 

Meine Brüder, meine ganze Redekunſt geht 
nicht fo weit, euch dad alled zu fagen, was ich 
gefehen habe. Wie viel elternlofe Waiſen ſah 
ich, die, wenn ein Mienfchenfreund ihren Vers 
pflegern eine Unterſtuͤzung für fie reicht, wenig⸗ 
ſtens auf einige Tage vor Mißhandlungen ders 
felben ficher geflellt werben ! Wie viel Witts 
wen, gleichalt und gleicharm, von guter Ab⸗ 
Zunft, einft in guten Umflänben, jezt burdys 
Schickſal in ven Staub gefunfen, durch eble 
Scham von aller Bettelei zuruͤckgehalten, von 
ber Welt ſchon vergeffen, wie die Todten, und 
in Thraͤnen ſchwimmend! Wie viel Kranke, 
Verſchwollene, Gichtige, vom Schlage Gelaͤhmte, 


| 


über Arntirth und Wettölei. 395 


ohne Arznei, Wartung und Nahrungsmittel ! 
Ich bin bei Menſchen geweſen, die auf faus 
lem Stroh lagen, und nur täglich einmal ein 
Kind aud dem Hanſe fahen, das ihnen frifch 
Waſſer brachte. Ich habe Waſſer in Töpfen 
gefunden , bad Elende tranken, welches eine 
Haut hatte, mit allen Farben bed Regenbo⸗ 
gend bemablt, und älter ald acht und vierzig 
Stunden feyn mußte. Sch habe eine Derfon 
gefehen, alt wie dad lezte Jahrzehend aus dem 
vorigen Jahrhundert, ohne alle Bedeckung, 
ohne Bette und Stroh , ohne Geld und ohne 
das allergeringfle Eigenthum — eine Krüde 
audgenommen,. bie einfam in einem ſchwarzen 
Winkel ihrer Kammer fland — in der Allge⸗ 
walt alles möglichen Ungeziefers, eins ber jäms 
merlichflen Geſchoͤpfe auf Gottes ganzem Erd⸗ 
boden. Sie iſt nun ſchon todt; — ich hielt 
ſie fuͤr ein Thier, als ich ſie ſah — ſo ſah ſie 
aus — ſie iſt nun todt, und hat ausgelit⸗ 
ten. Noch hoͤrte und ſtammelte ſie, als ich 
zu ihr kam. Geld wollte ſie nicht mehr; aber 
noch ein Labſal wollte ſie. Sie bekams, und 
ſtarb..... 


396 Gintenis Predigten 


Doch laſſet ench noch andy einige meiner Ses 
ligkeiten erzäblen, die ich in dieſen Tagen genofr 
fen babe. Wahrlich, ich rechne diefe Tage uns 
ter die ſchrecklichſten, aber audy unter die fchöns 
flen meines Lebens, Es kanfeyn, daß mein Merz 
zu Empfindungen der Menſchlichkeit höher ges 
ſtimmt iſt, als tanfend andere. Über laſſet mir 
Diefen Vorzug. Wenn ic) Gutes durch ihn flife 
te, wohl denn! Cr madyt mic oft Hölle, wo 
andere keinen Schauer davon fühlen; aber er 
keseitet mir auch oft Himmel, wo andere nur 
Wuͤſte und Leere ſehen. — — Gott! melde 
Thraͤnen bes Danks haben mich in den Hütten 
der Elenden umfloſſen! Welche herzliche Haͤnde⸗ 
beüde habe ich von Wittwen und von Greifen 
empfangen; won Greifen, beren lezte fierbende 
Lebenskraft, wenn fie mir die Hand reichten, 
ich mit der meinigen abwog! Wie haben ums 
ſchuldige, verwaiſete Kinder fih an mich ges 
ſchmiegt, und meine Füße umklammert ! Die 
guten Kleinen! bie Abdruͤcke ber Güte ber. 
menſchlichen Natur! Einige von ihnen habe ich - 
auf meinen Urmen gehabt, um mich an ihren 
offenen, trenberzigen und zufriedenen Blicken 


über Armuth und Bettelet. 397 


geweidet. Wie foreich fie fich fühlten, went 
fie einige Groſchen in der Hand hatten — ſo 
reich, wie noch nie, fo veich, ald wäre Die ganze 


Welt ihre! Ach, koͤnnte ich euch euren Water _- 


wiedergeben, dacht’ ich dann, und druͤckte ſie an 
mein Herz, und blickte zu Gott, und ſeufzte — 
du, du biſt es ja! Ich habe edle Anwendungen 
der Wohlthaten, die ich vertheilte, auf der 
Stelle geſehen. Ich habe geſehen, wie Rinder 
dad Gelb, das ich ihnen gab, freiwillig in die 
Hude ihrer Muͤtter trugen. Ich habe gefehen, 
wie Muͤtter Handwerkölenten, die die nothduͤrf⸗ 
tigſten Kleidungoſtuͤcke für ihre Kinder verfers - 
Sige. hatten, und in meiner Gegenwart hart deß⸗ 
halb mahnten, bezahlten. Sch habe gefehen, wie 
arme Miethsleute ihre graufamen Wirthe wies 
ber zufrieben flellten, bie fie and dem Haufe wer⸗ 
fen wollten, weil fie bie Miethe ihnen ſchulbig 
waren. Ich babe gefohen, wie Wittwen ihre 
anerzogenen Kinder mist dem empfangenen Gelbe 
un Becker ſchickten, um ihre Brodſchulden zu 
bezahlen, und neuen Kredit zu erhalten. ı ... 
-D ſtellet euch in meine Lage. Nehmet an: mei⸗ 
nen, Frenden Theil. Da, da dachte ich an.bie 


— 


398 Sintenis Predigten 


Reichen tieſer Welt, und pries ſie ſelig. Da, 
da dachte ich an Gott, und rieft wahrlich, du 
mußt der Allfeligfie feyn, denn im Grunde find 
wir alle vor dir Hungrige, Durflige und Nas 
ckende, und du fpeifeft, traͤnkeſt und kleideſt aus 
alle. — „Aber auch manche ſchlechte Anwen⸗ 
dung wird von dem Gelde, das du austheilteſt, 
gemacht werben. ,, Kan ſeyn! Beruhigung für 
den Menſchen, wenn von ben Gaben, die er aus⸗ 
theile, hie und da -fchlechter Gebrauch gemacht 
wird, da ſelbſt von Gottes Gaben fo oft der 
allerfihlechtefle gemacht wird. 
«. Aber woher diefer jammervolle Zufland eis 
ned Theils unferer Mithäxger? Meine Brüber, 
wer thut dieſe Frage niche$' wer Tau fie ſich aber 
auch · nicht Besutworten % habe ich wohl noͤthig, 
die Qeallen des beſchriebenen Elends erſt aufzu⸗ 
decken? Liegen fie nicht vor nuſer aller Augen 
bloß? Doc, ich wuͤrde, wenn ich über biefen 
Theill meiner Rebe binfehlüpfen wollte, mir den 
WVerdacht der Menſcheuſchene zuziehen, dem ich, 
ſo lange ich lebe, nicht auf mich kommen laſſen 
werde. Alſo zur Sache.. Ich weiß, jeder Gut 
denkende liebt mich dafuͤr; aund der Haß. der 


v 


‚über Armuth und Bettelei. 399 


Schlechtdenkenden war von jeher dasjenige, was 
mir nicht bie geriugfle Befümmerniß verurſach⸗ 
te! — Der langdauernde Krieg, welcher in dem 
Fahren meiner erfien Sugend einen großen Theil 
von Deutfchland verheerte, und auch unfer Bas 
terlanb ausſaugte, legte den Grund zu unſerm 
Verfall, Auf ihn folgte eine ſchreckliche Thens 
zung. Auf die Theurung Sperrung des Ges 
werbes aller Arten von Seiten unferer Nach⸗ 
barn. Da flanden viele unferer fleißigflen Ar⸗ 
heiter arbeitlos, zehrten fih auf, und kounten 
für ihr Alter, oder wenn fie auch vor demſelben 
ſtarben, doch für ihre Wittwen nichts beilegen. 
Nun ſind dieſe, oder jene mit dieſen zugleich in 
den durftigfien Umſtuͤnden. Ihre Verwandte 
find größtentheils gleich arm, wie fie. Die Zahl 
der Wohlthaͤter vermindert fi) auch unter und 
in der Maſſe, in welcher bie Anzahl der wohls 

habenden Familien unter uns abnimmt. — Das 
| za koͤmmt denn die Öffentliche Betselei, welche 
bei und recht auögelaffen betrieben wird. Jeder 
gefunde Menſch, der auch noch Arbeit haben 
koͤnnte, aber nicht mehr Luſt zu arbeiten fuͤhlt, 
legt ſich, ſobald ex nur mit der Scham ed abge⸗ 


400 Gintenis- Predigten 


macht hat, aufs Betten. Won diefen bat ea 
denn freilic mancher beſſer, als viele unferer 
arbeitfamflen Bürger, die ihm Ullmofen reichen. 
Nun iſt in den mehreften unferer Käufer die 
Einrichtung, daß Sonnabends, am allgemeinen 
Betteltage, nicht allen Bettlern, die kommen, 
„gegeben, fondern nur eine gemifft Summe aus⸗ 
getheilt wird. Iſt diefe erſchoͤpft: fo. kriegen 
= alle, bie noch kommen, zur Antwort — es iſt 
ausgetheilt. Da kommen deun natürlicher Weife 
bie vafchen, gefunden Bettler, welche noch am 
befien. laufen Tonnen, zuerfi, und nehmen den 
Greiſen, den Schwachen, den Siechlingen, wels 
che nachkriechen, das Brod weg, und dieſe gehen 
ker and. Außerdem kommen auch die Woche - 
hindurch noch zu viel fremde Bettler in unſere 
Stadt. Sie reißen offenbar dad an ſich, was 
unfere eigenen Armen nur haben falten, und 
nerſplittern die Wohlthaͤtigkeit. Sie befezen fi 
wohl bei und, und Eommen alddenn erſt in öfs 
fensliche Bemerkung, wenn fie alt und krank 
anf ihren Lagern eine Laſt des Staats werben. 
Alsdaun iſt es freilich Pflicht gegen die Menſch⸗ 
heit, ſie zu hegen; fo wie eö B vorher Pflicht gegen 
bie 


/ 


über Armuth und Bettelei. 401 


bie Mitbuͤrgerſchaſt war, fie nicht zu uns zu 
laſſen. Sezet alödenn ben Fall, daß Leute unter . 
and, bie ſich blos vom Betteln ernaͤhrt haben, 
alt oder krank werden, und nicht mehr betteln 


koͤnnen, was follen fie hun? Run ſchicken fie, 


and laſſen für ſich Allmoſen holen. Aber wer 


ſchickt der Betiler für ſich? Einen andern Bett⸗ 


ler. Dieſer bringt ihm nicht, was er em, 
pfaͤngt, ſondern findet es fuͤr ſich ſelbſt brauch⸗ 
bar, ‘ober theilt ſich wenigſtens mit ihm. Nun 
ſchmachtet der Elende in ſeiner Huͤtte. Wer 


bringt ihm Unterhalt ins Haus? oder, wenn 


dis auch auf einige Wochen geſchieht, wer bringt 
ihm ſelbigen, wenn es noͤthig iſt, Jahre lang 


ind Haus? — Da iſts denn auch ein Un⸗ 


gluͤck, daß wir bis auf dieſen Augenblick kein 
Haus haben, welches auch nur der Schatten 
eines Armenhauſes waͤre. Ich weis wenig⸗ 
ſtens, weun ich einen Ungluͤcklichen, der auf 
einer unſerer Straſſen liegt, finde, im Fall, 
daß ich ihn nicht in mein Haus mitnehme, kein 
Haus, wohin ich ihn geradezu fuͤhren ſoll. 
Hätten wir ein eingerichtetes Armenhaus: fo 
würde die Zahl unſerer jezt herumgehenden Bett⸗ 
Patr. Archiv, III. Theil. Ce 


5 402 Sintenis Predigten 


ler auf die Hälfte alsbald zufammenfchmelzen; 
denn jeber,, der nun noch arbeiten koͤnnte, würs 
be wieder anfangen, in feinem eigenen Haufe 
zu arbeiten, weil er fonfl in einem fremben uns 
tee Aufſicht und Zwang arbeiten müfle. Ja 
nicht einmal einen Fond haben wir, an den 
man fich. halten kann, wenn irgendwo gröfle 
Noth eintritt, der abgeholfen werden MUS. 
Ich habe Gänge darnach gethan in bergleichen 
. Fällen; da ich aber ein Feind von allen un⸗ 
nützen Gängen bin; fo werde ih mid 
wohl hüten, fie roieber zu thun. Noch mehr 
— ja nun kommt das Wichtigfle, das ic) fas 
gen mind, weil mehr als hundert Arme mich 
bei Gott und ihren Thraͤnen beſchworen haben, 
es zu thun. either haben fich viele unferer 
eigentlichen Urmen, bie wicht mehr arbeiten, 
nicht mehr auögehen koͤnnen, und wohl gar auf 
ihren Siechbetten jämmerlich barnieber liegen, 
davon erhalten, daß fie auf gewiſſe Armen⸗ 
bücher, die ihnen gegeben waren, wöchentlich 
oder monatlich eine beflimmte Summe Gelbes 
| erhielten. Diefe befommen nun, wie fie mir 
anser himmelanſteigenden Senfzern klagten, feit 


J 
| 


über Armuth und Bettelei. 40 3 


| vielen Dionathen fchon nichts mehr auf ihre Büs 


her. Unterbefien haben fie alles verkauft und 
verzehrt, was fie noch hatten. Wiele unter 
ihnen haben kein Eigenthbum weiter, als das 
Blut in ihren Adern, welches vielleicht auch 
ſchon halb Eiter iſt. Was follen fie nun hun? 
— Ah! mir beben alle meine Glieder. — 
Es iſt nicht Sache für mih, den Zuſammen⸗ 
bang davon aufzufuchen, warum bie Zalung 
auf diefe Armenbücher aufgehöret hat. Wer 
ih bitte und flehe alle Diejenigen, Die dazu eis 
gentlich wirken follten, ober auch nur mitwirs 
ten koͤnnen, bei der göttlichen Barmherzigkeit, 
oder auch bei ber Gerechtigkeit Gottes, — daß 
fie diefelbe wieder in Gang. bringen; denn es 
kommt bier auf menſchliches Leben an, und nicht 
etwa auf ein einzelnes, ſoudern auf zehnfaches; 
wicht anf zehnfaches, ſondern auf funfzigfaͤlti⸗ 
ges vielleicht. Und wenn ihre Kräfte dazu nicht 
hinreichen, fo bitte und flehe ich fie, ſich Hoͤch⸗ 
ſten Orts dafür zu verwenden, und alles zu 
thun, was bie Mienfchheit von ihnen heifcht, 
um den fehredlichfien Todesarten vieler jaͤmmer⸗ 
liharmen Mitbewohner diefer Stadt zuvorzus 
kommen. GCe 2 


404 Sintenis Predigten 


Ich muͤſte an Gott und Fürfehung zu zwei⸗ 
feln anfangen, wenn fie vergebliche Arbeit dar 
mis thäten. Ach, meine Brüder, fehet mich 
heute ganz als den Sachwalter der Verlaffenen 
an, und verzeihet mir jeden Ausbruch, jede 
Einfleidung meiner Empfindungen für fie, wie 
mein Herz fie findet! Ich mus für fie reden. 
Wohin gehe ih, um dis zu thun? Wo rede 
ich für fie? Die Stätte, auf der ich reden darf, 
ift diefe Kanzel. So foll es im Tode noch Troſt 
fuͤr mich fein, nicht gefchwiegen zu haben, wenn 
ich reden ſollte! — Wenn Jeſus Chriſtus 
etwas recht wichtiges vorgetragen hatte, pfleg, 
te er noch hinzuzuſezen: Wer Ohren hat zu hoͤ⸗ 
ven, der hoͤre! ... 

"Sch babe mit Redlichkeit, bie bie erſte Eis 
genſchaft des Geiſtlichen fenn foll, die Quellen 
des hoͤchſten Jammers unſerer blutarmen Mit⸗ 
buͤrger angezeigt; laſſet mich noch einige Vor⸗ 
ſchlaͤge thun, bie Gewalt ihrer Ueberſtroͤmun⸗ 
gen wenigſtens zu hemmen und zu vermindern. 
Sch vede jezt ald Mitbürger zu feinen Mitbürs 
gern, und rufe ihnen zu: laſſet und num bie 
Sache, wenn es einmal fo fein ſoll, fo gut 


+ 


über Armuth und Bettelei. 408 


wir Eönnen, unter und unter einander abma⸗ 
hen. Ich babe drei Vorfchläge: ber erſte 
fol und muß heute noch ausgeführt werben; 
ber zweite kann leicht andgeführt werben, wenn 
meine Mitbürger nur wollen. Der dritte iſt 
freilich der weitansfehendfle, aber boch aus⸗ 
fuͤhrbar. 

Meine Bruͤder! Die außerſte Noth tritt 
unter uns ein. Es verhungern ſchon Menſchen 
nunter und, und kommen aud Mangel an Pfle⸗ 
ge um. Wir müffen Anſtalt machen, daß 
dem Selbfimorde, dem Diebflahle,, und ben 
ſchrecklichſten Todesarten unferer von aller Welt 
verlaffenen Mitbürger vorgebengt werde. Dis 
zu bewirken, maß von nun an immer Gelb 
in den Händen eined ehrlichen Mannes ober 
mehrerer ſeyn; wornach auf derStelle gegrifs 
fen werben kaun, wenn ſchreckliche Noth irgend» 
wo obwaltet. Denn dis iſt die Hauptfache, 
daß alsdenn auf der: Stelle geholfen werbe, 
Diefer Mann muß allgemein bekannt ſeyn. An 
ihn muß fi jeder Jaͤmmerlichleidende felbft, 
amd jeder Zeuge jämmerlicher Leiden fogleich 
wenden koͤnnen. Ich breche jezt von bieſem 
Ce 3 


406  Gintenis Predigten. 


Vorſchiage ab, weil ich hernach von anf 
ihn zuruͤckkommen werbe. 

Mein Zweiter Vorſchlag iſt der, haß wir 
oͤſter ſolche Austheilungen am unfere wahren 
Armen , wie in biefer Woche gefcheben, zu 
Stande braͤchten. ie find von weſentlichem 
Nutzen, und müflen immer zwedmäßiger aus⸗ 
‚fallen, je öfter fie gefchehen. Wir koͤnnten 
fie leicht bewerkflelligen, wenn wir von nun 
an mwenigfiens alle gefunde, junge und raſche 
Bettler, und wenn fie auch ſtumm und. taub 
wären, von unfern Thuͤren wieſen; denn Stumms 
ſeyn und Taubſeyn hindert nicht an Arbeit. Das, 
was dieſe ſeither unrechtmäßiger Weiſe ems 
pfangen, koͤnnten wir von Zeit zu Zeit unſern 
wahren Armen zufließen laſſen. Oder wem 
wir dis nicht wollen: fo laſſet nnd wenigſtens 
von nun an den fremden Bettlern, die die 
ganze Woche hindurch nnfere Haͤuſer berennen, 
nichts mehr reichen, und das, was fie ſonſt 
raubten, unter unſere aufs hoͤchſte leidenden 
Mitbuͤrger vertheilen. Wir haben warlich mit 
dieſen genug zu thun, und muͤſſen den Kreis 
unſerer Wohlthaͤtigkeit nicht eher erweitern, 


über Armuth und Bettelei. 407 


bis die naͤchſten Gegenſtaͤnde in ſelbigem verſorgt 
find. Haben Wir die Stadtthore nicht in un⸗ 
ſerer Gewalt: ſo haben wir doch uͤber unſere 
Hausthuͤren zu befehlen. Laſſet und dieſe 
fuͤr die Stadtthore anſehen, und ſie allen frem⸗ 
den Bettlern verſchließen. Es iſt kaͤum zu 
glauben, wie viel uns dieſe jaͤhrlich koſten. 
Ja, es giebt ſogar Leute unter und, bie ſel⸗ 
bigen Liſten von allen Wohlhabenden unter und 
reichen, damit fie fie in ber ganzen Stadt fins 
ben Eönnen, Geld zufammen betteln und her4 
nach einen Theil davon in ihren Haͤuſern vers 
zehren. Diefen fage Ich es beute Öffentlich, 
daß ich, ſobald bergleichen Fall eintritt, es 
der Dbrigkeit anzeigen und fie um exemplari⸗ 
Ihe Beftrafung bitten werde. 

Der dritte Vorfchlag wäre, daß wir der 
ganzen öffentlichen Vettelei ein Ende machten. 
Diefes würde am ficherfien gefchehen, wenn 
die Wohlhabenflen unter und alle zuſammen⸗ 
träten, fich ein ewiges Gedächtnis ihres Nah⸗ 
mens flifteten , und eine öffentliche Armen⸗ 
and Arbeitsanſtalt einrichteten. - Ober, wenn 
dis nicht geſchehen kann: ſo ſchluͤge ich vor, 

ec g 


4083 Sintenis Predigten 


daß wir wach und nach alle unfere wahren Ars 
men auffhrieben, am Ende den Ueberſchlag 
machten, was fie zu ihrer Erhaltung brauch⸗ 
ten, und dieſe Summe monathlich zuſammen⸗ 
braͤchten. Da wuͤrden wir ſehen, daß wir 
halb ſo viel Geld nur an die Armen auögäben, 
old wir jejt vor den Thuͤren ausgeben. Mix 
würden um einen wohlfeilen Preis we⸗ 
- fentlicheres Gutes ftiften. 

Meine Brüder! ich bege heute vor Gott 
ind allen Menfchen dad Zeugnis ab, daß die 
Nation, in ber ich gebohren bin, eine weich⸗ 
müthige, duldſame, gutberzige, wohlthätige 
Nation ſei. In unferer Stadt wird vielleicht 
mehr Alwoſen gegeben, ald verhaͤltnißmaͤßig 
‚an irgent einem Orte; .aber unfere Wohlthaͤe 
tigkeit bot voch bie gehörige Richtung nicht. 
Wir chun fehr viel Gutes, Leiften aber eben 
darum, weil die Sache nicht zweckmaͤßig ein⸗ 
gerichtet wird, im Grunde ſehr wenig Gutes 
damit. 

Ich will mich gern zu allem hergeben, wo⸗ 
zu man glaubt, mid) brauchen zuföunen. Ich 
verbürge mich dafuͤr, (ala wir die gauze oͤſfenta 


über Armuth und Bettelei, 409. 


liche Bettelei abſtellen wollten, alle wahre Ar⸗ 
me unſers Orts, die unſere Unterſtuͤtzung for⸗ 
dern koͤnnen, ausfindig zu machen. Ich ges 
be mid) dazu hin, Austheilungen an biefe vom 
ber Urt, wie die erfle in voriger Woche, gern 
gu beforgen. Wenn denn aber dis alles nicht 
geihehen kan; fo kehre ich zu meinem erffen 
Vorfchlage zuruͤck, ‚and auf diefem beſtehe und 
beharre ich als ein unbeweglicher Diann. Wir 
muͤßen, wir mäßen Anſtalten treffen, da 
kein Menſch aus Roth in unfre Haͤuſer einbres 
de, Kein Menſch aus Mangel ſich ſelbſt ente 
leibe; wir muͤßen Anſtalt treffen, daß keiner 
unferer armen Mitbürger aus Mangel an alley 
menfhlichen. Wartung und Pflege, an Are 
mei, an Brod und Waller umkomme und 
früher feinen Geiſt aufgebe, als die Ratur. es 
will. Laſſet uns doch wenigſtens dem hoͤchſten 
Grade des Elends unter und abhelfen! Ca 
muß jemand ſeyn, wie ich vorhin fagte, in defs 
ſen Händen jederzeit ein gewiſſor Vorrath am 
baarem Gelde iſt, wornach auf der Stelke ge⸗ 
griffen werben kan, wenn groß Ungluͤck irgend. 
‚m vei Meuſchen eintritt, die aller Huͤlſe bes ., 
Cce5 


410 Sintenis Predigten 


raubt find. Wer willdiefer Mann feyn? Ich 
will ed ſeyn. Und um euch die Möglichkeit 
zu beweifen, daß eine ſolche Auſtalt für ganz 
verlaffene Leidende zur Rettung auf der Stelle 
errichtet werben koͤnne, fo erkläre ich hiermit, 
daß dieſelbige Geſellſchaft von Edeldenkenden 
in unſerer Stadt, welche in voriger Woche 
durch mich Geld austheilen laſſen, mir die Er⸗ 
laubnis gegeben, fünf und dreißig Thaler davon 
‚ In meinen Händen zu behalten, welche alfo 

wirklich bereitd ber Anfang dazu find. Hier⸗ 
mit kann ich vor. der Hand ſchon viel thun. 
ber ich erfuche nun alle wohlhabende Men⸗ 
fehenfreunde unſers Orts, mich dabei nicht zu 
verlaffen. Ich babe noch nie betrogen, und 
werbe nie betrügen. Mein gröfter Reichthum, 
den ich aus Welt in Welt übernehmen will, 
. fol feyn Bewuſtſeyn meiner Rechtſchaffenheit — 
meine einzige Chrenftelle, deren ich mich ruͤh⸗ 
men will, Wohlgefälligfeyn der Gottheit durch 
Menſcheuliebe. Ic) erbiete mich, jährlich ges 
bruckte Mechenfchaft darüber. abzulegen, wie 
ed nm meinen Fond ſtehe, und Einnahme, 
Ausgabe und Vorrath gewiſſenſchaft beſtim⸗ 


über Armuth und Bettelet. 411 


men. Ich erwarte, wie man diefen gemeinnuͤzigen 
Vorſchlag aufnehmen wird. Und wenn in Geſell⸗ 
ſchaften auch nur Groſchenweiſe dazu geſammlet 
wird: fo werde ich dankbar den dafuͤr umfaſſen, der 
den Austrag davon an mich bringt. Werde ich 
aber verlaſſen: ſo hoͤrt meine Unterſtuͤzung auf, 
wenn die fuͤuf und dreißig Thaler erſchoͤpft And, 
und es iſt mir alsdann nichts weiter uͤbrig, als 
daß ich die Zaͤhne daruͤber feſt zuſammenbeiſſe, 
daß mein menſchenfreundlicher Vorſchlag nicht 
durchging, nicht vom Beſtande war. Meine 
Bruͤder, bei euren Wuͤnſchen für das Wohl 
euver Familien — bei dem Gegen Öottes, der 
auf euren Hänfern ruhet — bei den Freuden 
ber kuͤnftigen Welt, die nur durch das Ana 
benfen guter auf Erden ausgeuͤbter Handluns 
gen für und zum Himmel werden wird — bei 
dem Keiden unferer blutarmen Mitbürger — 
bei ihrem Yezten Röcheln im Tode — bei meis 
nem Grabe und bei eurem Grabe — bei ber 
Liebe Zefu Eprifli gegen und — — ich bitte, 
flehe, ringe zu euch, laſſet mic) nicht ohne Uns 
terffüzung dabei. Wir Einen uneuöfpreii 
bed Gutes dadurch fliften - « » 


r 


412 Sintenis Predigten 


Naun noch zwo Bemerkungen, welche id} 
in dieſen Tagen auf meinen Wanderungen Durch 
die Hütten der Elenden gemacht, und bie ich 
ſchlechterdings nicht an mich halten darf, - 

Erſtlich. Sch habe offenbar gefehen, daß 
in unſerer Stadt bie fchredlihe Gewohnheit 
einwiſſe, baß Kinder ihre armen, alten, ſchwa⸗ 
hen, kranken Eltern verlaffen, und verlans 
gen, baß fie ihre Mitbürger und ber Staat 
ernähren follen. Ich weiß ed vecht gut, daß 
jede Familie mit ſich felöft zu thun habe, und 
daß man das Sprichwort fehr zu benuzen ſu⸗ 
chen werbe, daß Eltern eher zehen Kinder, 
als zehen Kinder ihre Eltern ernähren mögen. 
Über wenn denn nun folche Kinder ihre El⸗ 
tern Noth leiden laſſen, welche fie doch wahrs 
haftig unterflügen köͤnnten — da, da bebt mei⸗ 
ne ganze Seele! Wie? ihr thut doch hie und 
da Gutes; find eure beduͤrftigen Eltern nicht 
bie erſten Gegenflände eurer Wohlthätigkeit? 
Ihr machet doch fo unnoͤthige Ausgaben — 
unterſuchet nur eure Aufwaͤnde — und ihr wol⸗ 
let nicht etwa die Haͤlfte davon zum Beſten 
derer einſchraͤnken, denen ihr alles zu danken 


über Armuth und Bettelei. 413 


habet? Kinder, die ihr fo unnatürlich handeln _ 
koͤnnet, laſſet mich erſt fanft mit end) reden. 
Denket ihr denn nicht zuruͤck an die taufenbfas 
den Ausgaben, Mühmaltungen, Sorgen, 
Thraͤnen, die ihr in eurer Kindheit und Iugend 
euren Eltern Eofletet? habet ihr es vergeflen, 
wie fie alle ihre Bequemlichfeiten eurer Erhal⸗ 
tung uachfeßten, fich Lieber kuͤmmerlich behals 
fen und in Zeiten der Theurung wohl den lez⸗ 
ten Biffen Brods mit end) theilten? Ach, wie 
will es euch wohl geben koͤnnen auf Erden und 
im Himmel, wenn ihr fo thut! Wie werden _ 
eure Kinder an Härte gegen euch einfl euch noch 
übertreffen, da ihr fie Undankbarkeit gegen Ela 
tern durch euer eigened Beiſpiel lehrer! Ruͤhrt 
euch dieſe fanfte Rede nichts fo laſſet mich eis 
un bärtern Ton anflimmen. Wifler, ihe 
entartete Kinder ber Natur! in einer fernen 
Weltgegend lebt ein wildes Wolf, welches feis 
ve Eltern, wenn fie alt und zur Arbeit uns 
fähig werden, auf einen zuſammengebanſeten 
Holzſtoß trägt Ind verbrennt ... D fiele 
end nicht, als ſchaudertet ihr vor dieſer Una 
menſchlichkeit — ihr handelt weit ſchlimmer 


414 Eintenis Predigten 
noch. Was ifl granfamer, den Stundenmorb 
. der Flamme an Dienfchen ausüben, ober den. 


langen, Langen Mord durch Verhungernlaſſen, 
Verſchmachtenlaſſen? . . Und jenes Volk, 





welches tiefe abfchenliche Gewohnheit ausübt, 
verleiht doch den Eltern dad Recht über Leben 
und Tod ihrer Kinder in ber Jugend. Da 


iſts, ald übte der Bruder an Vater oder Mut⸗ 
ter durch den Holzſtoß Rache dafür ans, daß 


fie einem oder mehrere feiner Geſchwiſter in 
ihrer Kindheit dad Genick einflieffen. Aber 


wo haben unter euch Eltern dad Recht über Les 
ben und Tod ihrer Kinder je gehabt? Und ihr 


übet body jene heibnifche Rache an ihnen and, 


die fie nicht verwirften? Ad, Entfezen! Ent⸗ 
ſezen! Kehret zuruͤck, kehret zuruͤck zu Em⸗ 


pfindungen der Menſchlichkeit, und befreiet 
die Zuknuft eurer Tage vor Vorwuͤrfen der 
Hoͤlle! O wie fo gern fpeifete und tränkge manı 
cher Rechtfchaffene feinen Water oder feine Mut⸗ 
ter, und priefe fein Schickſal für Seligkeit, 
benen wieder bei Tiſche zu dienen, die ihn ſo 
Lange an ihrem Tiſche pflegen! Uber dis Heil 


ſollte ihm nicht zu Theil werden; feine Eltern 





über Armuth und Bettelet. 413 


farben ehe er zu Brode Fam. Und ihr koͤn⸗ 
net Died Heil genieffen und floffet ed von euch ? 

Zweitens. Ich bin:erfchroden, als mir 
in dieſer Woche verfchledene Samilien, denen . 
ich einiged Gelb reichte, zuriefen — nun mwols ' 
len wir auch am nächften Sonntage zum Tiſche 
des Herrn geben. Ich ſtarrte fie an, und dach⸗ 
te — Gott, welde Verbindung von Ideen! 
Warum nicht eher? fragte ih. Wir hats 
ten Bein Beichtgeld — war die Antwort, 
Ach! wie fühlte ich mich da in der traurigſten 
Blöffe meines Standes! War es Wahrheit 
ober Verflellung — es fei gewefen, was «8 
wolle — genug, ein Geiſtlicher muß nichts 
hören koͤnnen, dad ſeinen Muth mehr nieders 
ſchlage, als fo etwad. Meine arme Mitbürs 
ger, die ibr euch zu meinem Beichtſtuhle hals 
tet, vergebet mir, wenn ich von einigen bon 
euch feither noch Beichtgeld annahm. Ich Fans 
te euch nicht alle, kenne euch noch nicht alle, 
Über von nun au bitte ich ench, reiches mir 
dergleichen nicht mehr; und weil ed allerlei Uns 
bequemlichkeit mit ſich führt, es euch ba vor 
allen andern, die dabei ſtehen, wieder zuruͤck⸗ 


416 Eintenis Predigten 


zugeben: fo fei diefer Pankt eins für allemahl 
unter und abgemacht, daß ihr mir andy bers 
gleichen nicht einmahl mehr Hinleget. Ich 
will euch allen das Übendmahl im Tempel und 
in enren Wohnungen, too ihr ed fordert, uns 


entgeldlich reichen. 

Und fo flelle ich mich dein nun ſeierlich al als 
den Mann hin, an den ſich von heute an je⸗ 
der hieſigen Orts, bei dem hoͤchſtes menſchli⸗ 
ches Elend eintritt, oder der Zeuge davon wird, 
daß es irgendwo eintrefe, wenden Fan. Das 
mit ich aber nicht misverſtanden werde und uns 
nuͤzen Autritt habe: fo gebe ich folgende näher 
. re Beflimmungen: Sclechterdings haben ſich 
die öffentlichen Bettler aus meiner Kaffe kei⸗ 
nes Beitrages zu dem, was fie zufammen bets 
teln, zu getröften. Wagen ſie es, mid) zu übers 
laufen: fo gehen fie fo leer wieder. von mir, 
als fie. zu mir kamen. Und) ſchicke man Feis 
ne fremden Bettler etwa an mich, als an den 


- Mann, ber allen giebt. uch Die fremden 


Kolleftenfammler für Abgebrannte und Gefans 
gene u. ſ. w. meife mir niemand zu; denn ich 
fühle ed, daß meine Wirkſamkeit nicht eins 

0: 0 mahl 








über Armuth and Bettelei. 417 


mahl fuͤr meine nothleidenden Mitbuͤrger hin⸗ 
reichend genug ſei. Wenn ihr aber ſehet, daß 
irgend jemand, der aus unſerm Orte iſt, oder 
doch einmahl hier lebet, in ſolch Elend geraͤth, 
daß er ſich ſelbſt nicht helfen kan, keine Fami⸗ 
lie hat, die ihn unterſtuͤze, und Tod oder Ver⸗ 
derben, wenn nicht Menſchen zutreten, ber 
Uusgang davon ſeyn muß, ſo rufet mich. Das! 
hin gehören Leute, bie ſchlechterdings keinen 
Unterhalt mehr haben, und in Gefahr find, ° 
hungers zu ſterben. Dabin gehören arme als 
te, die ohne ale Wartung und Pflege find, 
Dahin gehören Kranke, bie ohne Arzt, Ar⸗ 
zenei, Handreichung und Reinigung find. Das 
bin gehören Menſchen, bie ein Glied ihres 
Reibes zerbrochen haben, und nicht im Stan. 
be find, ſich aus ihren Mitteln heilen zu laſſen, 
Nur dem hoͤchſten Grade des menſchlichen 
Elends kan ich vor der Hand vorzubeugen, abs 
gubeljen ſuchen z damit nicht menſchliches Les 
ben ferner aus Mangel am Beiſtande verſchuͤt⸗ 
tet, weggemworfen werde, Ich bitte alle Pres 
biger, Aerzte, Wundaͤrzte, Wehmutter, Rraus 
kenwaͤrter und alle. die, welche zu ſolchen Lei⸗ 
Patr. Archiv, ul. Theil. Mb 


416 Eintenis Predigten 


zugeben: fo fei diefer Pankt eins für allemahl 
unter uns‘ abgemacht, daß ihr mir auch bers 
gleichen nicht einmahl mehr hinleget. Ich 
will euch allen das Abendmahl im Tempel und 
in enren Wohnungen, vo ihr ed fordert, uns 
entgeldlich reichen. 

Und fo ſtelle ich mich denn nun feierlich ala 
ben Mann bin, an ben fi) von heute an jes 
ber hiefigen Orts, bei dem hoͤchſtes menſchli⸗ 
ches Elend eintritt, oder der Zeuge davon wird, 
daß es irgendwo eintrefe, wenden Fan. Das 
mit ich aber nicht miöverflanden werde und un 
nuͤzen Antritt babe: fo gebe ich folgende nähes 
. re Beflimmungen: Schlechterdings haben ſich 
die öffentlihen Bettler aus meiner Kaffe kei⸗ 
nes Beitrages zu dem, was fie zufammen bets 
teln, zu getröflen. Wagen fie es, mid) zu übers 
Innfenz fo ‚gehen fie fo leer wieder. von mir, 
ald fie. zu mir kamen. Auch ſchicke man Fels 
ne fremden Bettler etwa an mich, als an den 
- Mann, der allen giebt. Auch die fremden 
Kollektenſammler für Abgebrannte und Gefans 
gene u. ſ. w. weiſe mir niemand zu; denn id) 


fühle er baß meine Wirkſamkeit nicht eine 
mahl 


über Armurh and Bettelei. 417 


mahl fürmeine nothleidenden Mitbuͤrger hin⸗ 
reichend genug ſei. Wenn ihr aber ſehet, daß 
irgend jemand, der aus unſerm Orte iſt, oder 
doch einmahl hier lebet, in ſolch Elend geraͤth, 
daß er ſich ſelbſt nicht helfen kan, keine Samis . 
lie bas, bie ihn anterflüze, und Tod oder Vers 
derben, wenn nicht Menſchen zutreten, der 
Ausgang davon ſeyn muß, fo rufet mich. Das! 
hin gehören Leute, bie ſchlechterdings Keinen 
Unterhalt mehr haben, und in Gefahr find, ° 
hungers zu flerben. Dabin gehören arme als 
te, die ohne alle Wartung und Pflege find, 
Dahin gehören Kranke, bie ohne Arzt, Ar⸗ 
zenei, Handreichung und Reinigung find. Das 
bin gehören Menſchen, die ein Glied ihres 
Reibes zerbrochen haben, und nicht im Stans. 
be find, ſich aus ihren Mitteln heilen zu laſſen, 
Nur dem hoͤchſten Grade des menſchlichen 
Elends kan ich vor ber Sand vorzubeugen, abs 
zuhelſen ſuchenz damit nicht menfchlicyes Les 
ben ferner aus Mangel am Beiſtande verſchuͤt⸗ 
tet, weggeworten werde. Sch bitte alle Pres 
biger, Aerzte, Wundaͤrzte, Wehmutter, Rraus 
konwaͤrter und alle. die, welche zu folden Lei⸗ 
Patr. Archiv, u. Theil. Dd 


418 Gintenis- Predigten 


denden gerufen werben, ober fie kennen, ſich 
deshalb auf ber Stelle an mich zu wenden. Ich 
‚behalte mir es aber vor, jeberzeis den Zuflaud 
des empfohlenen Ungluͤcklichen — das Geld 
in ber Taſche — erſt felbft zu unterfuhen. 
Man rufe mic bei Tage ober bei Nacht; ich 
komme. Aber did muß feyn,- ich muß erft 
anterfuchen dürfen, nnd wenn mein befler 
Freund, wenn ber angefehenfle Damm, wenn 
feloft meine Worgefezten einen Elenden mir 
empfehlen; denn begebe ich mich einmahl ver 
Unterfuchung, fo würde fie mir zu einer ans 
dern. Zeit. übel genommen werben; fo muͤſte 
id) fie ganz unterlaffen, und fo wuͤrde ich oft 
. betrogen und meine Kaffe von ſchlechten und 
trägen Menſchen, an denen es nirgends fehlt, 
bald erfchöpft werden. Vermehrt ſich der Fond, 
baß ich mit der Zeit im Stande bin, auch eis 
ne verlaffene Waife in meinen Wirkungskreis 
aufzunehmen, für ihe Unterfommen, für ihre 
Verforgung und Erziehung zu forgen, nnd fie 
eine nuͤzliche Profeffion lernen zu laffen — 
wie gern, wie fo von Herzen gern will ich das 
"gu thätigfepn! Bin ich überhaupt im Stande, 


-- — — — — — 


über Armuth und Bettelei. 419 


Ungluͤcklichen aller Art durch Rath und That 


durch Fuͤrſprache nnd Fuͤrgang zu dienen: fo 
verfichere ich hiermit Öffentlich meine Bereit⸗ 
willigkeit dazu. Ich will leben, fo Lange ich 
Iebe, nicht nur für mich und für mein Haus, 
fondern für fo viele Menfhen, ald ich kan, 
Mein ganzes irrdiſches Dafeyn verftreiche un⸗ 
ger Ausuͤbungen des Wohlwollens und der Men⸗ 
ſchenliebe; damit ich, wenn mich mein Schoͤ⸗ 
pfer einſt in das beſſere Leben uͤberfuͤhrt, recht 
vorbereitet und wuͤrdig in daſſelbe eingehen moͤ⸗ 
ge. O du Geiſt der Meunſchenliebe, Geiſt 


Gottes und Jeſu Chriſti, erfuͤlle, belebe, er⸗ 


waͤrme mich immer mehr und mehr! Verlei⸗ 
he mir Thaͤtigkeit, Eifer, Unverdroſſenheit 
und männliche ausdaurende Kraft, Ungluͤck⸗ 
Jichen meined Orts, wo ich fie finde, allent⸗ 
halben bie Hand zu bieten, meine leidenden 
Brüder in ihnen zu erkennen, und ihr Elend -. 
erträglicher zu machen. Laß mich in den Les 
bangen bes Wohlshuns und der Uuterfiüzung 
meine (hönfte Glüdjeligkeit und des Himmels 
Vorſchmack finden. Liebe — himmlische, goͤtt⸗ 
liche Liebe, leite mich durch dad ganze Leben! 
Dd 3 | 


a" = 


40 Eirntenis Predigten 


Liebe — himmliſche, göttliche Liebe, walte 
uͤber mir noch am Rande des Grabes! Liebe — 
himmliſche goͤttliche Liebe, begleite meinen Geiſt 
einft noch in die Wohnungen der Seligkeit, 
‚and: werbe da an ben Strahlen ber Liebe Got⸗ 
tes und Jeſu Chriſti gegen und dergeflalt in 
mir entzuͤndet, daß du in eine Glut 
in mir ausbrecheſt, deren Flamme bie 
Ewigkeit in allen ihren Tiefen nicht aus⸗ 
Löfchen möge! 

Ihr aber meine Gutbenfenden and wohl⸗ 
habenden Mitbürger, - verfennet die Gemein⸗ 
muͤtzigkeit meinea Auſchlages nicht). und verlafs 
fet mich nicht dabei, damit er nicht eben fo ſchnell 
wieber zu Grunde gebe, ald er entſtand. Gott, 
welch unausfprechliches Gutes Finnen wir durch 
ihn fliftenz wenn wir machen, daß Fein Elens 
der unter and von nun an mehr ohne Troſt 
fei — kein Menſch in gröfler Noch anf Dieb⸗ 
ſtahl gerathe, ober ben ſchrecklichen Einfall gut 

ſinde, ſich ſelbſt zu eutleiben — kein Menſch 
‚unter und mehr aus Mangel an Wartung, Reis 
nigung, Arzenei, oder gar an Brod und Wafs 
ſer umkommen! Wie werben wir dafuͤr den Bei⸗ 
. 


⁊ 


über Armuth und Bettelei. qax 


fal Gottes und unfered eigenen Merzend und 


den Segen aller Rechtſchaffenen nah und fern, 
wen fie davon hören, empfangen! Wie wers 
den die geretteten, getröfteten, gelabeten Elens 
den ihr dankbares Herz für uns zu Gott aus⸗ 
ſchuͤtten! ! Wie werben fo manche Sterbende 
noch mit Gebet fuͤr und in die Wohnungen des 
Friedens ‚übergehen und ed da allen Seligen ers 
zählen, was wir an ihnen auf Erden thaten 
and wie viel wir ihnen im ihren legen Noͤthen 
wurden! 

Ach, meine Bruͤder! Laſſet mich eure Ser 
ken recht in Bewegung ſezen. Wir leben bier 
elle nur ein Feines, kurzes Daſeyn, — bie er⸗ 
fie Stunde von der Ewigkeit, zu der Gott 
anfern Geiſt erſchuf. Wir alle kennen auch 
nicht einmahl die Schickſale unferer und noch 
bevorfichenden irrdiſchen Zukunft. Welch ein 
Troſt wird es In unfern eigenen Leiden und 
einft feyn, andern Leidenden geholfen zu haben! 
Welch eine herrliche Vorbereisung anf das kom⸗ 
mende Leben wird ed geweſen fepn, wenn wit 
and im gegenwärtigen in Zheilmehmung nnd 
thäsiger Liobe geübt haben! Win nehmen einſt 

Dd 3 


—— 


422  Gintents Predigten 


nicht mit hinüber unfere Reichthuͤmer, unfere 
Ehrenfiellen und unfere übrigen aͤußerlichen 
Vorzüge. Uniere Werke, nur unfere Werke 
folgen und nad. Dis find die unverliehrbas 
sen Schaͤze; die Schäze, welde die Motten 
nicht freflen, der Roſt nicht zernagt und bie 
Diebe nicht davon tragen können. — O wie 
werben wir in ben fpäteflen Tagen unferd Les 
bend und für die Mettungen noch ſegnen, bie 
wir Elenden leifieten! Wie werben diefe Ans 
erinnerungen und immer bie fanfteflen und füs 
feften feyn! Wie werden fie uns noch troͤſten 
in den bangen Stunden unferer eigenen lezten 
Kämpfe! Da, ba werben und bie Bilder dies 
fer Elenden umſchweben und und hinüber bes 
gleiten in die Welt der Vollendeten. Mir 
werben am Throne Jeſu Ehrifli diejenigen 
wiederfinden, welche biefe Wilder trugen ; wers 
ben fie wiederfinden erlöfet und befreiet, ohne 
Leiden und Thraͤnen, von Gott begnadigt uud 
erquickt, nicht mehr Gegenflände unferer Uns 


terſtuͤzung, aber ewig Gegenſtaͤnde unferer Freus 


de. Sie werden und entgegenfommen, ihre 


Arme nach und audbreiten, und unfere Nahe 


über Armuth und Bettelei. 423 


men allen Seligen mit Entzuͤckung nennen. 


Da werden wir einander noch feguen für die . 
Eindruͤcke, welche biefer Tag auf und machte; , 


ihr mich, daß ich mit einer menfchenfreundlis 


hen Anſtalt unter euch hervortrat, und ih 


euch, daß ihr mir bei Ausführung derfelben 
fo gutmuͤthig die Haͤnde botet. Gott fegne unb 
begnadige euch alle dafür! er beanadige euch 
nach jedem wieder gutgemachten Fehltritt mit 
Vergebung, nad) jedem frommen Geber mit Era 
hoͤrung — und in euren eigenen Leiden mit 
Kraft und Muth: Er erbarme ſich meines 
Vaterlandes wieder, und ber Stadt, in ber 
ich gebohren ward ! Er vermehre wieder uns 
ter und Nahrung und Gewerbe, verbinde une 


fere Seelen immer mehr und mehr, und lafs 


fe ed und an keinem wahren, unentbehrlichen 
Gute bed Lebens gebredhen! Er trocdene bie 
Thränen unferer Leidenden und gebe und eine 
gefegnetere Erndte, als wir denken! — 
(Eniend) Ach, Liebe, ewige, barmher⸗ 
zige Liebe! bier vor biefer Gemeine liege ich 
vor dir mit bewegtem Herzen, und will dich 
oft fo in meiner Einfamkeit darum „urufen, 


Dd4 


424 Sintenis Predigten 


daß du meinen Mitbuͤrgern anädig feieft? All⸗ 
- mächtiger, du kanſt mehr thün, ala wir bieten 
und verfichen; ad, oͤfne und Ausfichten beſſe⸗ 
zer Bufünfte, und führe fie und herbei! Son! 
Son! Vater! Erbarmer! Begnadiger! hie 
ve — hoͤre erhöre — erfuͤlle — mein 
ganzes Merz drängt ſich nach bir bin — alle 
seine Empfindungen werben in mir rege, er⸗ 
greifen, füttern, uͤberwaͤltigen mich — die 
"Worte gebrechen mir — Boch du lieſeſt im Herzen 
bed Dienfhen, wie ein Menſch nur in des andern 
Augen lefon mag — ich blicke ſeſt nach bir bin — 
ich ſuche dich, ich finde dich, ich Kaffe Dich nicht, 
du ſegneſt mich deun. Ach, meine Kräfte ſind 
erſchoͤpft — mein Geiſt finft unter des Gewalt 
feiner Borfielungen und Empfindungen! Bas 
fer, ein frommes Verfiummen vor dir if in 
beinen Augen Fortſezung des Gebets. Ich fee 
no dis — ich heilige dir ed — ich ſchweige ··. 











über Armutbd und Bettelel. 425 





ik 


Ueber das Unheil, welches die öffenttiche 
Ä Bettelei anrichtet. 


Roh eine: air yon Siutenis 


Meine Bruͤder! 


GW die iſt jeder gute Vorſaz angenehme, 
ſobald ihn der Menſch nur faßt. Uber du 
willſt auch, daß unfere guten WVorfäze nicht 
Kos Vorfäge bleiben, fondern fi in That vorm 
wandeln follen. Die Stunde dazu iſt alsdenn 
da, wenn win Kräfte genug, fie ind Werk 
zu ſezen, fühlen, und- güuflige Umfkinde ger 
nug dazu um und her erblicken.. Denn, denn 
follen wis: mis allen: unfernr Kräften redlich 
wirken, und Gegen dazu und Gedeihen vor 
div erwarten. Gelingt und unſere Wirkſam⸗ 
keit x fo mögen wir hernach freudenvoll auf bie 
vollbrachte gute: That zuruͤckſehen. Miskingk 
fs une: fo. beruhige und der Gedanke, daß es 
richt ſeyn ſollte. — Vater! da ſegneteſt mei⸗ 
25 


426 Sintenis Predigten 


ne erflern Bemühungen , welche ih für die 
Armen biefer Stabt verwendete. Jezt thue 
ich einen wichtigern Schritt für fie. Ach, leite 
mich aud hierbei mit beiner allfeguenden Sna⸗ 
de) In beine Hände geb ich mein Werk. Iſt 
ed von dir: fo wird ed mir gelingen. Und 
gelingts mir: fo foll diefer kurze, juͤngſtver wi⸗ 
chene Zeitraum meined Lebens zu denjenigen 
‚gehörigen, welcher ih mich in jener Welt am 
liebſten erinnern will, Weberzeuge nur alle, 
die mich heute hören, von ber Güte meiner 
Sache; — doch davon muß fie ja ihre eigene 
Vernunft und die Religion, zu der fie ſich bes 
kennen, ſchon überzeugt haben; — wohlan 
denn, fo überzenge fie auch von ber Redlichkeit 
meiner Abſichten dabei, und gewähre mir den 
ſuͤſſen Troſt, täglich von wenigern meiner eis 
genen Mitbürger verfannt zu werben ! 
Freunde und Mitbürger! Ich bin nicht im 
Stande, bie Empfindungen der Freude, des 
Dante gegen Gott und der innigſten Zufries 
denheit mit meinem Schickſal auszudruͤcken, 
unter welchen ich jezt an meine: erſte Predige 
zuruͤckdenke, die ich für die Armen anferer 


t 


über Armuth und Bettelei. 427 


Stadt hielt. O wie hat ſie die Fuͤrſehung mit 
ſo gluͤcklichem Erfolg geſegnet! Laſſet es mich 


"en erzaͤhlen! Alle, denen darum zu thun 


iſt, e8 zu wiffen, follen ed von mir erfahren 5 s 
and fo feid ihr diejenigen, weldje das erfle Recht 
baben, es zu hören, 

Meine erfie Predigt, welche ich fuͤr die 
Armen dieſer Stadt, und vielleicht fuͤr dieſe 
Stadt ſelbſt hielt, enthielt drei Vorſchlaͤge. 
Der erſte derſelben war, daß in meinen Haͤn⸗ 
den immer eine kleine Kaffe ſeyn möchte, aus 
der ich jedem unter und, der in aͤuſerſter Noth 
wäre, anf der Stelle helfen koͤnnte. Daß ich | 
diefen Worfchlag durchſezen würde, wufle ih 
mit Zuverlaͤſſigkeit; denn ich hatte, als ich ihn 
that, ſchon eine Summe in Händen, die eine 
gute Grundlage dazu war, und konnte mic 
and auf die Werfprechungen einiger meiner 
Freunde weiterhin verlaffen. Uber wohl mir } 
Meine Mitbürger erkannten die Güte meiner 
Anſtalt und unterflüzten, alles vielleicht nur 
ja übereilten Gegenredens ungeachtet, mich red⸗ 
lich. Dadurch ift eö denn gefchehen, — o meis 
ne Brüber, dad Ruͤhmen iſt ja nichts nuͤz, aber 


428 | Sintenis Predigten 


was ich jezt fagen werde, muß ich fehon derer⸗ 
wegen unter und fagen, die, weil ed ihnen ſelbſt 
an nichts gebricht, nicht glanben wollen, was 
fie doch täglich mit mir ſehen Eönnten, daß das 
Elend in vielen unferer Hütten fo groß fi — — 
Dadurch iſt es alfo geſchehen, daß nun wirds 
Lich einer Perfon, die ohnedies hätte umkom⸗ 
men müffen, bad Leben gerettet ward. Sie 
lag jämmerlich hülflos darnider und geht nun 
fhon vor enren Uugen wieder umher. Eine 
andere mufle zwar flerbens allein fie hat mie 
in der Stunde vor ihrem Tode für bie Erleich⸗ 
ferungı.der lezten vier Wochen ihrer Leiden 
Dank abgeflattet, ber Durch meine ganze Seele 
drang, Sie bedarf nun unſerer Unterſtuͤzung 

nicht mehr. Wohl ihr! Zehen andere, die 
auf ihren Siechbetten liegen, erhalten durch 
mic, Nahrungsmittel, Arzenei und Pflege, 
und find verlaffen, wenn id} von ihnen bleibe 
Dielen andern, die in befcheidener Werborgens 
beit teiden, babe ich Huͤlfe leiſten Ebnnen. Und 
wenn ich auch weiter nichts hätte bewirken fin 
gen: fo wäre doch hierdurch (dom Gutes ges 
‚Fifter gewefen In meinen Augen iſt menſch⸗ 








über Armuth und Bettelei. 429 


liches Leben allenthalben, wo ich es finde, 
menfchliches Leben 5 beim Nidrigſten, wie 
beim Hoͤchſten, beim Aermſten, wie beim 
Reichſten. Vielleicht‘ if dis nicht bie allgen 
meine Denkart. Vielleicht ift in den Augen 
mancher bad Leben ihrer Hausthiere mehr, 
als daB Leben eines blutarmen ſchmachtenden 
Mitbuͤrgers. Bei mir geht der Mienfch über 
Pferd und Hund. Wie gluͤcklich ich mich durch 
diefe Denkart fühle, kann ich nicht befchreiben 3 
und inwiefern bad Andenken an jene Perfon, - 
ber ich das Leben rettete, mir meinen eigenen 
Tod erleichtern werbe, weis ich zwar noch 
nicht, aber das weiß ich, daß es einfl meinen 
nach Unſterblichkeit ſich fehnenden Geift in fets 
nen legten Kämpfen in dem Glauben an ein 
Tünftigeß Leben nuausſprechlich flärken werde. 
Gott! Sort ! wie füs, wie zaubernd iſt die 
Menfchenliebe! Jeſus Chriſtus, mein Kerr 
und mein Meifter, befeflige mic, täglich mehr 
durch deinen Tod in biefen Gefinnungep ! 
Doch, ich konnte mehr thun; ich kounte 
auch meinen zweiten Vorſchlag durchſezen. Mei⸗ 
us wohlhabenden Mitbuͤrger festen mic) durch 


430 Gintenis Predigten 


ihre Freigebigleit dazu in den Stand. Am 
erften Auguſt Eonnte ich eine Austheilung uns 
ter fünfzig Handarme veranflalten, durch wel⸗ 
che fie wenigſtens freie Miethe erhielten. Mor⸗ 
gen, am erfien September, kan ich did wies 
der, und Hoch beträchtlicher , hun, und ich 
lade dazu jeden, ber feine Dürftigkeit bewei⸗ 
fen kann, ein. Auch dafür warmen Dank, 
euch, meine Brüder ! befondern Dank auch 
denen noch, welche bie einzelnen Groſchen von 
mehrern ſammleten, und fie mir in Xhalern 
aberbrachten! Sie nahmen Theil an meinen 
Geſchaͤften und erleichterten fie mir. 

„ Aber das‘ wäre mir nie in ben Sinn ges 
“ Kommen, zu glauben, baß ich auch meinen lez⸗ 
ten Vorſchlag ausführen, und der Sffentlichen 
Bettelei in unfrer Stadt einen Stos würbe 
geben können. Dieſen babe ich ihre wirklich 
beigebracht. - Geftern, meine Mitbürger, ha 
be ich mehr als hundert Arme von euren 
Thuͤren weggebalten. Sch lies fie zu mir kom⸗ 
men, und bot ihnen von Stund an, wenn fie 
gutwillig zu betteln aufhören wuͤrden, taͤglich 
einen Groſchen. Die mehreſten folgten mis 


über Armuth und Beitelei. 431 


gern; benu warum follte ein AUrmer nicht lies 
ber nad) fieben Groſchen nur einen Gang thun, 
als einen ganzen Tag lang nad) felbigen durch 
die. ganze Stadt, und das oft in der rauheflen 
MWirterung, umherlauſen? Und diejenigen; 
welche ja anfangs ſich zu wiberfegen fchienen , | 
gaben am Ende boch auch nad, als fie von 
mir hörten, daß ich bie ganze Stadt bahin bes 
wegen wollte, daß fie vor Feiner Thüre das ges 
ringſte ferner erhielten. Woͤchentlich ſollen fie 
ann, fo lange die Sache fo Kiegt, wie fie Liegt, 
zu mir kommen, und ihr Geld von mir holen. 
Iſt mancher von ihnen nicht im Stande, mit 
dem, was ausgeſezt morben, zu reichen : fo iſt 
ed allemal beffer, dem Armen hernach zuzules 
gen, als ihn anfangs an viel zu gewöhnen und 
ihm in der Folge abbrechen zu müflen. Has 
bet ihr nun nicht die Ruhe gefegnet, welche ges 
ſtern, als an dem gewöhnlichen Betteltage, auf 
euren Gaſſen herrſchte? Habs ihe nicht den 
Anſtand und die Würbe gefehen, welche unfere 
Stabt dadurch empfing? Habt ihr nicht alle 
in euren Häufern ungeflört eure Gefchäfte bes 
treiben Binnen ? — daß ic) biefen Schrist shum 


433 : Sintenis Predigten 
dürfte, erwies ih mir fo: „Meine Mitbuͤr⸗ 


ger baben ſeither bie Bettley vor ihren Thuͤren 
ernährt; es kann unmöglich ein Verbrechen 


feyn, wenn ich jenen die Laſt abnehme, dieſen 
aus einigen hundert Wegen nur einen mache, 





und allen Aulauf auf meine einzige Hausthuͤre 


leite.., Daß ich die aber thun konnte, darüber 


geſtehe ich heute frei, daß ich dazu dar ans 


ſehnliche Beiträge aus der Serne-in den 
Stand gefezt ward. Meine Mitbürger wolle 
te ich deshalb nicht auſprechen. Sch mwufle, 
daß wir und iu einem ewigen Zirkel der Sa⸗ 


che wegen berumführten. Sie ſprachen: fo 
bald die öffentliche Bettelei aufhört, wollen 
wir genug geben; und ich erwieberte: fo bald 
ihr genug gebet, kann die Öffentliche Bettelei 
aufhoͤren. Mithin konnte auf dieſem Wege 
nichts aus ber. Sache werden. Nun aber ey 
pfieng id ‚von auſſenber eine betwächtliche 
Summe Da war bie Stunde da, mein Vor⸗ 
haben ausführen zu koͤnnen. Ich ſchritt ſchnell 
zur Sache, und ſie gelang mir. 
Meine Mitbuͤrger! ich überzenge mich feſt 
davon, daß ich euch dadurch einen Dienſt that, 
| und 





N 


über Armuth und Bee 433 


and rechne auf eure Zufelebenheit damit. Gibt 
ed ja bie und da noch einige unter euch, welche 
wider bie Sache find, fo rebe ich biefe alfo anz 
Du, der du nicht ſowohl über dad, was geleis 
ſtet iſt, als daruͤber misvergnuͤgt biſt, daß ich 
es war, ber es leiſtete, ich bitte dich, kehre 
dich doch an meinen Klahmen nicht. If 
dir ein anderer Nahme lieber, ſieh, ic) habe. 
nichts dagegen, mein bu biefen Namen an 
meine Stirn ſchreibſt, und thuſt, als hieſſe ich 
fo, oder ala hätte der, welcher dieſen Namen. 
eigentlich trägt, bie Sache bewirkt. Du, ber: 
da alles lieber immer beim Alten gelaflen has. 
ben willſt, fei fo gefällig für das Publikum, 


and denke bente mit mir darüber nach: ok: 


es nicht beſſer fei, die Öffentliche Weitelei höre 

auf, als daß fie. fortbaure. Vielleicht gelingt: 
ed mir, did) zu Überzeugen, daß es Neuerums: 
gen geben koͤnne, welche du auch billigen mufl, " 
Du, der du ſprichſt —: die Sache hat keinen 
Beſtand, — pruͤfe dich, was du eigentlich hier⸗ 
mir. fügen will !: Erſt ſprachſt du. Die: 
Sache iſt niche möglich. Nun · ward ſie wiöge; 
lich, un ſo ſprichſt du wieder — ſie wirh 

Dart, Archiv, UL Theil, Ce 





434 Sintenis Predigten 


nicht beſtehen. Wenn fie nun beſtehen wird? 
fo wirft du vielleicht ſprechen — fie iſt nicht 
von ewwiger Dauer. Freilich, wenn wir alle 
fpreihen wollen — fie beſteht nicht — fa kaun 
fie nicht beſtehen. Wenn wir aber fagen — 
fie ſoll beſtehen — und alle dahin arbeiten, 
daß fie beſtehe: fo wird, fo muß fie den herr⸗ 
lishflen Fortgang haben, Und du, Mann mis. 
zerbrochenem Schwerdt, der du aus mir ſehr 
verſtaͤndlichen Gründen dich wider mich -unb 
meine Sache ſtelleſt, ich bitte dich, ziehe we⸗ 
nigſtens nicht an deinem Schwerbdte, wenn ich 
vor bir fiche. Ich zittre vor bir nicht zuruͤck, 
denn. ich weiß einmal, daß dein Schwerdt ie 
| weis iſt. — J 

O Bruͤder, ich barf.ja gar nicht far meine 
—* reben; fie redet ſelbſt lauter und durch⸗ 
deingonder für ſich, alt ich für ſie reder koͤnn⸗ 
te: Warlich, ed ſchmerzt midy DE und jenes 
beute zu ſagen; nber:ich bin in der Lage, daß 
ich eß ſagen muß. Ih weis von Jahren her, 
daß mein Fuͤrſt der: oͤffeutlichen Wettelei ſeind 
if, and daß ex fo Längft hat abgeſchaft viſ⸗ 
ſen wollen. -- Bon bieſem Serndlen ht ich 


« * u, 
% ’ » 
*. PS 2 


über Armuth und Vettelei. 35 
beider Sache aus. Es iſt mic anch nie in den 
Siun gekommen, irgend einer Obrigkeit das 
darch im ihre Gerechtſame zu greifen; und 
würbe mir dis auch nur hinter dem Rüden 
nachgerebet — ‚Gott! welch ein Beifpiel ems 
pfangenen Undaukls wäre ih! Meine theures 
fen Misbürger, ich bin nicht allgegenwärtig, 
Di, wo wiv.blefer: Worwurf ins Geſicht ge⸗ 
mache werben ſollie werde ich mich felbſt ver⸗ 
theidigen. Aber wi er mir hinter dem Ruͤ⸗ 
den gemacht · wird, ta bitte ich meine Freun⸗ 
de, und alle gute Menſchen, daß ſie fuͤr mich 
soden. Es kann dem Mlanne, der Gutes im 
Seöffen thun will; wicht gleichgültig feyn, wie 
man ihn beurchrilb⸗ Genug, ich bezeuge heus 
te vor einen der zahlreichſten Verfammlungen,; 
daß mich am: wahrer Achtung für bie Obrig⸗ 
Ice niemand übertreffen ſolle. Sch weis, was 
ih ihre ſchulbig Bin’: fo wie ich weis, was fig 
dem Staate ſchuldig if: Der wahre Geſichts⸗ 
Punkt, aus dem 'ich zu betrachten. bin, iſt der: 
daß ic) ihr Dorarbeite. Wen sis Haß 
Ä eiroicden Tanz fo — habe ich weiter nichts, 
heute wenigſtras weiter nichts, binzujufegen. 

Era 


Sintenis Vredigten 


Ram aber, meine Brüder, koͤnnet ihr. Teiche 
einfeben, daß ich, wenn ih auch im Stande _ 
bin, die Vettler auf eine Zeitlang von euren 
Thuͤren wegzuhalten, dis doch nicht lange ſeyn 
kaun, weyn ihr nicht hinzutretet. Ihr .habes 
ſeither ſelbſt mit vieler Beſchwerlichkeit aus⸗ 
getheilt; ſolltet ihr nicht ohne alle Beſchwer⸗ 
lichkeit auch durch andere fortgeben wollen? 
dieſes zu erfahren iſt nur. ein einziger Weg da, 
vehmlich der Weg der-Subfäriysion; daß nehme 
(id) jeder auffchreibe, wie viel er in Zukunft 
monatlich gutwillig und mit Kortbauer zur Er⸗ 
Haltung der Armen ſteuern wolle. Dieſer Bars 
ſchlag iſt wieder nicht Eingrif in die obrigkeite 
Uiächen Gerechtſame, ſondern nur Vorarbeit. 
Und um alle meine Mitbuͤrger dazu bereitwil⸗ 
Lg zu machen, will ich heute eine Prebigt 
Ueber dns Unheil, weldyes die öffents- 
halten. Vielleicht: bfue iche manche. Seite an 
biefem. Gegenflande, welche noch nicht durch⸗ 
gängig genug beherzigt worden iſt. Und. wenn 
nur denn dieſe Rede gelings : fo will ich mich, 
für den. Geſundeſten, Rahßar und Sieden 


Zu — 


uͤbet Armuth und Bettelei. 437 


ligſten unter euch allen halten. Du aber, 
Gott und Vater meines Lebens, ſtaͤrke mich 
dabei. Im deine Haͤnde befehle ich mein Werk. 
Du wirft alles wohl machen. Ich handle nicht 
ans mir felbfl. Ich warb durch Umftände in 
die Sache gezogen. Ein: Umfland ſchuf den 
andern. Bei keinem berfelben Eonnte ich mich 
zueüch ziehen. Jezt bin id) fo verfettet, daß ich 
von der Sache nicht ablaffen kann. Und fo 
will ich nun andy verſuchen, alled zu leiſten, 
was ich ald Prediger und ald Bürger biefeh 
Staats zum Bellen meiner Vaterfladt leiſten 
kann. Segne, Vater, ſegne mich! Iſts nicht 
dein Wille: ſo werde mein ganzes Werk zer⸗ 
ſplittert! ... 

Meine Bruͤder, die Barmherzigkeit iſt 
eine unſerer erſten Pflichten. Unfer ſelbſt we⸗ 
gen muͤſſen wir fie ausüben, weil wir ihrer 
vielleicht ſelbſt noch bebärfen koͤnnen. Unb 
wäre dis auch nicht: fo find wir doch alle Glie⸗ 
der eines Leibes; und wenn ein Glied leidet: . 
fo leiden die übrigen mit. Aber Gott will 
nicht, daß wir und bie Ausübung irgend einer 
Pipe ohne. Noth erſchweren follen. Leidet 
Ä Ee 3 


438 Sintenis Predigten | 


nur bie Pflicht ſelbſt nicht Dabei: fo mögen 
wir fie uns erleichtern; und gewinnet fie fos 


gar dadurch: fo iſt und dis noch mehr erlaubt: 


Das iſt offenbar der Sal in Unfehung unferer 
Barmberzigfeitdansubung bei der. öffenslichen 
Bettelei. Erinnert euch nur an die unnuͤzen 


Laſten, welche fie feither für jeden von und mit 


fih führte, der nur einigermaſſen wohlhabend 
war, oder in einem Haufe. wohnte, von deſſen 
Größe der Bettler fi etwas verſprach. Mas 
für ein Aus und Ueberlauf von Leuten, ben 
ihr zu dulden hattet ! Welch eine Störung in 
enren Gefchäften und in eurer häuslichen Ruhe 
dadurch! Wenn ihr dachtet, ihr wolltet arbeis 
ten: fo Elopfte ein Bettler an eurer Thuͤr, und 


ihr mußte alles ſtehen und Liegen laſſen, und | 


aufmachen, oder doch wenigſtens nachſehen. 
Gabet ihr nicht jedem Bettler: wie mishan⸗ 
beiten euch die oft in eurem eigenen Hauſe, 
welche leer audgiengen? ober gabet ihre auch als 
Ien-und gabet dem unverfhämten Bettler nicht 
genug: welche Grobheiten fagte er euch ba? 
Ja, waret ihr wohl mit eurem Eigenthum is 
euren Däufern fiher ? Wie oft eutſtand Klage 


h 
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Mus 
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über Armuth und Bettelel. 439 


daruͤber, daß ein Bettler, welcher ſich herbei⸗ 
geſchlichen, ſtatt eine Gabe zu erwarten, ge⸗ 


vommen hatte, und zum Dieb gegen euch ges 


worden war? . . . Und benfet an bie fonflis 
gen Sonuabende, ald an die öffentlichen Bet⸗ 
teltage. Muſtet ihr da nicht den ganzen Mor⸗ 
gen über bereit fliehen, und den Bettlern aufs 
warten 2 Oder, wenn ihr dis nicht felbft wolls | 
tet, mußtet ihr nicht einen Menſchen darauf 
halten, der bis that? ... Nun haltet ben 
geftrigen Sonnabend dagegen. Welche Ruhe 
in euren Käufern! Welche Ruhe vor euren 
Thuͤren! Moͤchtet ihr nicht gern alle eure 
kuͤnftigen Sonnabende fo ruhig zubringen, als 
ben geſtrigen? O werfet die unnüze Lafl der 
Barmberzigkeit von euch, ohne bie Barmher⸗ 
zigkeit felbft fahren zu laſſen! Wir dürfen dis 
thun. Sobald wir nur geben, baffelbe geben, 
Tonnen wir es auch geben felbft, ober durch 
einen andern. Wozu foll ed dienen, daß wir. 
und buch die Barmherzigkeit in unfern Ges 
ſchaͤften ſtoͤren laffen, wenn wir fie gleich gut, 
unb noch beſſer, wie ich hernady zeigen werde, _ 
andüben, und doch dabei arbeiten koͤnnen? 
Ce 4 


t⁊ 


440 Sintenis Predigten 


Doc dis iſt vielleicht nur dad unbedentend⸗ 

ſte unter dem Unweſen, welches bie oͤffentliche 
Bettelei anrichtet, daß ſie uns ohne Noth be⸗ 
laͤſtigt. — O meine Bruͤder, welch einen Ue⸗ 

belſtand empfängt eine Stadt dadurch, welche 
fi) ſonſt vor ihren Nachbarn nicht ſchaͤmen 
darf! Wie laͤſſet «8 denn wohl, wenn unfere 
Blinden, Lahmen, Rrüppel, Siechlinge, faunz _ 
Wiedergenefene und abgemergelte Greife Haus 
fenweife durch unfere Saffen herumkriechen uud 
berumbinten? Könnte e8 nicht laſſen, als haͤt⸗ 
ten wir nicht Menſchlichkeit genug, fuͤr fie 
eher zu forgen, als bis fie und in unfern Häus 
fern anlaufen ? Wie laͤſſet es denn wohl, wenn 
ſich mitten unter dieſe viel kraftvolle, gefunbe, 
junge Muͤſſiggaͤnger einmifchen, welche alle noch 
von ihrer Hände Arbeit fich nähren Einnten ! 
. .. Und geſezt, wir hätten: und an dieſen 
Unblid gewöhnt, weil wir ihn an jedem Sons 
mabend hatten, was mag der Fremde denken, 
der aus einem Orte zu uns kommt, wo der⸗ 
gleichen Unweſen lange ſchon nicht mehr iſt? 
Kann er nicht denken, daß wir unfere Armen 
verhungern Laflen? Kann er nicht denken, daß 





über Armuth und Bettelei. 445 


wir Wohlgefallen am öffentlichen Muͤſſiggan⸗ 

ge haben! O meine Brüder, wer fein Vater» 
land liebt, und die Stabt in ber er gebohren 
ift, ober lebt, wuͤnſcht biefen Uebelſtand weg» 
geräumt zn ſehen. Wer fein Vaterland liebt, _ 
nud bie. Stadt, in ber er gebohren ift ober 
lebt, arbeitet entweder an Wegräumnng dieſes 
Uebelſtandes mit, oder behindert doch den nicht, 
ber daran arbeiten will. Und dis nicht bes 
hindern ift gerade das Wenigfte, was 
er dabei leiften kann, und deshalb auch 
leiften muß. 

Weiter, meine Brüder Alsdenn iſt ein 
Körper krank, wenn einige Theile deffelben 
nicht mehr ihre gehörigen Verrichtungen thum. 
Und je mehr diefer Theile werben, welche nicht 
mehr mitwirken, deſto kraͤnker iſt ex. Je meh⸗ 
rere feiner Bürger und Glieder lad und träge 
werden, deſto gebrechlicher wird er. D vers 
abſcheuet mit mir in dieſen Augenblicken die 
Öffentliche Bettelei von ganzem Herzen! Nichts 
verſcheucht den Geifl der Arbeitſainkeit mehr, 
ald wenn jeder betteln kaun, mer will, Da 
giebea deun ſchlechee Seelen in den niedrigen | 

Ees 


a2 . Sintenis Predigten 


Ständen genug, die ben Spruch — bettle 
und faulenze — weit fhriftmäßiger finden, 
ald den, — bete und arbeite. Bon Kinds 
beit auf an das feinere Ehrgefähl nicht ge 
woͤhnt, überwinden fie auch bald die noch ubris 
ge gröbere Scham, und nehmen den Bettel⸗ 
ſtab ungefchent in die Hand. Jeder fpriche 
nun: Ich Habe Feine Arbeit. Cs kann 

ſeyn; ed kaum auch uiche ſeyn. Ich bitte euch, 
meine Freunde, nennet nicht jeben, den ihr ges 
‚ Thäftlos herumgehen fehet, einen. Muͤſſiggaͤn⸗ 
ger. Wenn ihr unter zehen, die ihr fo nen⸗ 
net, auch nür einem einzigen, ber nad) Ars 
beit umbergehet, dadurch Unrecht thätet:. 
wie zerreiſſet ihr ihm fein Herz! Erſt muͤſſen 
wir irgendwo Arbeit oͤffentlich hinlegen ; und 
wer alsdenn nicht zugreift, nicht arbeiten will: 
der erſt verbient den Nahmen eines Muͤſfſig⸗ 
gaͤngers. Wird aber ber öffentlichen Bettelei 
ein Ende gemacht; wird jeder, der nicht mehr 
arbeiten kann, durch beſtimmte Allmoſen, und 
wer noch arbeiten kann, nur durch Arbeit er⸗ 
naͤhrt: ſo kehrt der Geiſt der Thaͤtigkeit in 
bie niedrigern Staͤnde, und mit ihm Gegen 





uͤber Armuth und Bettelei. 443 


zugleich auf den ganzen Staat zuruͤck. Da 
hat das Volk wieder zu thun, und ſinnet nicht 
muͤßig auf allerlei Thorheiten. Da lernt es 
wieber wirthſchaften, und zu Mathe halten, 
weil es im Schweiße feines Angeſichts fein 
Brod eſſen muß. Kurz, ed ift Pfliht, daß 
jeder fo lang arbeite, als er arbeiten kann. 
Wie follen die arbeitfamen Bürger eines Staats 
dazu verbunden feyn können, für die faulen 
mitzuarbeiten und fie zn ernähren?.. .. Wir 
haben manches Probuft unſers Vaterlandes, 
das mir roh ausfahren und unſere Nachbarn 
verarbeiten laſſen, und verarbeitet ihnen wieder 
abkaufen. Koͤnnten wir nicht den Gewinn der 
Verarbeitung auch genießen und unſere Armen 
damit befchiftigen ? Geiſt der Vaterlandsliebe, 
waͤhe nnd nur recht allgewaltig an, fo iſt dies 
fen Unheil bald abgeholfen! | 

Nun kommt ein hoͤchſtwichtiger Umſtand, 
meine Bruͤder. Wahre Unſittlichkeit im hoͤch⸗ 
ſten Grade, und alles das, was man luͤderli⸗ 
ches, zuͤgelloſes Leben nennt, wird offenbar 
durch die Öffentliche Bettelei befördert. Wo 
dad Wolf gut gemacht werben ſoll: da ifld die 


N 


44. Gintenis Predigten 
erfle Regel, welche bie Weisheit giebt — 


fchaffer das Betteln ab. Ich verbamme 
anfere Armen nicht. Uber man fehe fie nur 


an, wenn fie ſich, falls irgendwo eine folenne 


Austheilung ifl, verfammeln. Was für Un 
> Tag fie dabei vor der ganzen Stgadt treiben! 


Man fehe fie an den gewöhnlichen Bettelta⸗ 


gen und in ihrem ganzen Wandel an. Pri⸗ 





vilegiren wir fie nicht gleichfam zur Deuchelei? 


Muͤſſen ſie fih, um unferer VBarmherzigkeit 
zecht gewiß zu feyn, ‚nicht krank, lahm, ges 


brechlich, taub und ſtumm flellen ? Sind nicht 
Fluͤche oft bie ihnen bekannteſten Wörter, wenn 
fie nichts erhalten ? Verpraſſen fie nicht am 
Abend oft an den Tüberlichflen Drten dad, 
was fie den ganzen Tag über. erbestelten, dar⸗ 


am, weil es ihnen nicht faner warb ? Ergeben 


fie fig nicht oft ben ſchaͤndlichſten Wollauͤſten | 
unter einander, und hinserlaffen hernach eine 
Dienge von Kindern, welche dem Staate zur 


Laſt fallen? Und — wie nahe grenzt ber fans 


Le, unverfchämte Wettler an den Dieb? hat 


- ee mehr wohl noch, als einen Schritt" zu than, 


um bis zu werden ? — — Wie? ſtiftet bie 








über Armutd und Vettelei. 445 


die Öffentliche Bertelei nicht Unheil — nicht 
mansfprechliches Unheil? | 
Asch bitte ic in Erwägung zu ziehen, daß 
durch die oͤffentliche Bettelei natuͤrlicher Weiſe 
die allerunrichtigſte, zweckloſeſte Vertheilung 
unſerer Almaſed bewirkt werden muß. Hier 
frage ich jeden; der feilher. den Vettlern vor 
feiner Thuͤre gab: — giebft Su allen,ober 
nicht allen?. — Gibſt du allens was thuſt 
‚du damit ?. So giebſt du offenbar. auch übera 
and gefuniben. und zugleich überaus fchlechten 
Menſchen, :und beſtaͤrkſt fie dadurch in ihren 
Faulheit. So thut Gott nice. Wer noch 
arbeiten kann und eſſen will, ber nm: arbei⸗ 
sen, oder Cost laͤſſet ibn hier zu Lande ver⸗ 
hungern. Du wieſt mod; nicht geſehen haben, 
daß zubereitete Speiſen oder Geld vom Hims 
wel fallen, Giebſt du aber nicht allen: wen - 
giebſt du unser ihnen ? dem Exfien, dem Bes 
fen? — O bie wahren Elenden, bie nachges 
ſchlichen und mithin zu ſpaͤt kommen, wie bes 
daure ich fie! Wie muͤſſen fie den raſchen Bett⸗ 
ker, dee ihnen vorlief und die nur ihnen zus 
Iommenbe Gabe ihnen aus der Hand wand. 


446 .. Sintenis Predigten 
für ihren Räuber :anfehen ! ‚Ober trifft ba aus 
ter ben Gegenſtaͤnden beiner. Barmherzigkeit 
eine Wahl nach Gründen? . Und woher aimmfl 
bu in dieſem Fall deine Gruͤnde? Vom zer- 
lappten Klitel etwa? von Thraͤnen, vom 
Krummgehen?. Glaube mir, ‚jeber Bettler 
legt am Sonnabend fo einen zerlappten Kits 
tel an.’ Glaube mir, ber geradefle Muͤſſiggaͤn⸗ 
ger ſtollt fich kramm, iwenn er an dein Hana 
kommt, kriecht, wenn er beine Gabe empfans 
gen bat, um bie Ecke, ſtellt fich: wieder auf⸗ 
recht, uud: ſpottet deiner Leichtglaͤnbigkeit. Wird 
aber das Bettelu aufgeholen und das Armeus 
weſen in Drbnang'gebracit:: fo empfängt un 
der, welcher es verdient, und jeder empfaͤngt 
nur in der Maße, in welcher er verdient. 
Act und tie geht es bei ber oͤffentlichen 
Bettelei dem Armen, weiche nicht mehr betteln 
Bönnen, ſoudern anf Ihren Siechbetten liegen? 
Woarlich, das ifl.ein ſchreckliches Unheil, wel⸗ 
Geb die Bottelei ſtiftet, daß uͤber fie der aller⸗ 
elendeſten Menſchen, die ſie nicht mehr betrei⸗ 
ben koͤmnen, ganz vergeſſen wird. Man hat 
mit den Veitlern vor ben, Thuͤren genug zu 


über Armuth und Bettelei, 47 
ihnn. Man vermißt die nicht gleich, welche . 


nicht mehr Tommen können 5; und e 

man ſich endlich an fis, ind. fragt nach ihnene 
fo find fie gemeiniglich Kchon "begraben. .Dien | 
fer Umſtand war die wirkendſte Triebfeber zu 
meiner exfien Armenpredigt, und jo oft ich 
an ihn deuke, fhanders mir. die Haus. Iſt 
aber ‚eine öffentliche Armotanſtalt de, fo ſind 
diefe Nothleidendſten nicht. nur vergeffen, fone 
dern fte: find auch hiejenigen, auf welche das 
erfte, Augenmerk gerichtet: wird. | 

IH öfne eine nene Seite ber Sprache. 

Sprecht, meine Brüder, iſt nicht der Gebane 
ke, — wenn ich nichts mehr habe, fo ergreife 
ich den Bettelſtab — bie lezte Stuͤze allec 
ſchlechten Hauswirthe und Verſchwender in 
den nidzigern Staͤnden? O glaubt ja nicht, 
daß es :diefen Menſchen ſchwer werde - ber. 
Bettelei fich zu ergeben... Wer erſt all: das⸗ 
Seinige: durchgebracht und aubere Leute fehom 
häufig betrogen hat, nimmt gaukelnd den Beta 
telfiekten in die Hand, und wandert au ihm 
fort. . Sobald aber der Inderlihe Wirth und 
der Verſchwender fehen, daß ſie, warn fie ganz 


48 Sintenls Predigten 


und gar verarmt ſind, zur Arbeit gezwungen 


werden: fo arbeiten fie früher lieber, halten 
das Shrige zu. Rashe ‚und bleiben in beſſern 


Umſtaͤnden.0 





.. Und wie kommen wir denu, bie wir freis 
gebiger und milbehätiger find, dazu, daß mir 


die Almofen allein hergeben fallen‘? Sollen 


dena unfere Unbehäkflichen und Geizigen nis 


and) dazu beitragen ?: In ber That, biefen iſt 
gie öffentliche. Bettelei eine recht erwuͤuſchte 
Sache. Sie riegeln ihre Hausthuͤren zu, weis 
ſen den Bettler ab, ober ſchicken ihn gar ihren 
meunſchlicherdenkenden Nachbarn zu, Iſt aber 
eine eingerichtete Armenauſtalt das fo erfährt 
die ganze Stadt, wer giebt und ‚nicht. giebt. 
Da muß denn ber Geigige Schande wegen aud) 
awas hergeben. Und ob er bis. gern thut, 
"ober wicht, bavan liegt. nichts; wenn wir nur 

von ihm erhalten. Man will fagen, daß au 
manchen Orten Ion die Einrichtung: bed Ars 
menweſens dadurch Hinderniſſe erhalten habe, 
daß die Harten und Geizigen aus Furcht, daß 


ie nun auch Staudes uud Vermoͤgens wegen 


L Thaler — . was fage ich, wie follten 
ſich 


über Armuth umd Bettelei. 449 


ſich ſolche Menſchen fü vergeben — nein, nur 
‚ einen‘. halben Gulden monatlich beitragen muͤ⸗ 
ſten, dagegen geweſen waͤren. Sollte dis der 
Fall hier auch ſeyn, fa wuͤnſche ih, daß Gore: 
meine Predigt mit Herzklopfen ſegnen wolle, 
Das ich in dieſem Augenblick. bereite, 

Bo ifl auch irgend ein Unweſen, das nicht 
ber wahren Religion Nachtheil bringe? Ganz. - 
befonderd paßt dis auch anf die oͤffentliche Bet⸗ 
telei. Beim Geber und beim Nehmer verlichrt 
da das Chriſtenthum. Diefes befiehlt uns, 
daß wir Barmherzigkeit mit Luft ausüben 


follen. Iſt es aber nicht der Fall bei der Beta 
Kelei, daß wir nur darum geben, weil man 


uns an, und nachfchreiet? Das Chriſten⸗ 
shum empfiehlt die Wohlthätigkeis im Stillen. 
Müffen wir fie aber. nicht in diefem Fall auf. 
freier Straße ausüben? Und in Unfehung bed 
Nehwers bei der Öffentlichen Bettelei if der. 
Misbrauch der Nefigion noch größer, Chri⸗ 
ſten, was ſoll uns heiliger und ehrwuͤrdiger 
ſeyn, als dad Gebet? Wenn ich von Feiner öfs - 
fentlichen Bettelei jemals gehört hätte, und 
aan an einen Ort kaͤme, wo fie uͤblich wäre: 
Patr. Archiv,III. Toeih Sf 


450  @intenis Predigten 


fo würde ich mir vorſtellen, daß die Bettler, 
wenn fie vor meine Thür kämen, etwa, um: 
mich zur Barmherzigkeit zu bewegen, ihr Ges 
brechen anfzeigen ober mit einigen Worten fas. 
gen würden: ich bitte um eine Gabe. ber 
was thaten feither unfere Bettler? Sie miss 
brauchten das Geber dazu. Ja, ſchaͤndlicher, 
empoͤrender Misbrauch war es, den fie grös 
flentheils damit trieben. Sie beteten unſchick⸗ 
liche Gebete; Gebete, an deren jedem Worte, 
wenn fie ed andfprachen, man hörte, daß fie 
eö:nicht verfianden, und nur leichtfinnig hins 
plapperten. Wie kann man auch erwarten, 
daß ein Menſch ein und baflelbe Gebet an eis 
nem und demfelben Morgen vor hundert Thüs 
zen hintereinander andächtig beten werde? Sch 
weiß auch warlich nicht, wie mie wird, wenn 
ich daran denfe, daß ein Menſch für einen 
Pfennig feine Zunge gleich zu Abplapperung 
eines Gebets in Thaͤtigkeit fezen koͤnne. Und 
habt ihr viele unferer Bettler wohl je bei ih - 
rem Beten recht beobachtet ? Ich that es oft, 
und da warb mir, ald hörte ich in ber Hölle: 
beten. Sie kamen an die Thür gelaufen, und . 


über Armnih und Betilel. sr 


beteten ſchnell, daß ſich bie Thür aufthun ſoll⸗ 
te. Die Thuͤr blieb verſchloſſen. Sie brumm⸗ 
ten uud beteten ſchnell noch eiuntal. Die Thuͤr 
oͤfnete ſich noch nicht. Sie ſchimpſten, und 
beteten zum. drittenmale. Sie empfiengen nicht 
genug, oder gar' nichts. ‚Ham verwandelten 
ſie ihr dreifaches Gebet in zehnfache Fluͤche uͤber 
ben, für. den fie erſt gebetet hatten. Hier, hier 
if eine:Stelle, wo der Freund Gottes nud der 
Religion ſeine Haͤnde zuſammenſchlaͤgt, bene * 
er ſieht, daß under: freiem Himurel⸗auf offent⸗ 
licher. Straße, vor allen Menſchen ſo ein ⸗ab⸗ 
ſchenlicher Misbrauch von der ehrwuͤrdigſten 
lung bed Chriſanhumg, vonr Gebet 
macht werb J 
Ich * jeber Menſch von elühl ents 
port ich nun ſchon gegen die Öffentliche Bette⸗ 
kei, wie ich. Aber ich muß noch. etwas dage⸗ 
gen ſagen, welches für jeden Staat von der 
Meräuperfien Wichtigkeit iſt. Sind nicht ein 
großen Theil ter oͤffentlichen Betiler Rinder? 
Ach, bei Gott und bei ber Nachwelt, meine: 
Brüder, biefer Puult verdient unfere hochſte 
Vehsrzigung, Was glaubet äh, wohl, te: 
Sf: 2 00 


3 Sintenis Predigten 
ans Menſchen werden werde, die von Jugenb⸗ 
auf. bei der. öffentlichen Bettelei erzogen wer⸗ 
den? Warlich, die nichtowuͤrdigſten Bärger, 
und ein Auswurf des Staats muͤſſen fio:einft 
werben. Wachſen fie nicht roh, und ohn alle 
wenſchliche Bilduitg, anb wie. bie Thiere auf 
ben Felde, auf?  bärfer ihr von: Leuten, die 
von Kindheit an mäßig gehen, hoffen, daß fie 
iu männlichen Jahren bie Arbeitſamkeit lieben 
werben ?: Sehet ihr: dis. nicht täglich an ſol⸗ 
chen Nubern, daß fie, wenn ſie ja’ zu einem 
Hanbwerk gebracht werden, aas bar: Lehre lan⸗ 
fon? Luͤgner und Heuchler bleiben ſir mur gar 
gu leicht, To lange fie leben. Zum Died 
werden fie vielleicht einſt am geſchickteſten feyu- 
Zruntenbölde und Wolluͤſtliage; wir. die, uns 
ser denen fie dad Bettelbrod von jeher vorzehr⸗ 
sen, werben fie groͤſtentheils ſeyn. Und wenn 
fie einft: Straßenraͤuber werden s haben fie fih 
nicht durch dad Betten in ihrer Kindheit dazu 
oprbereiter ? Hier moͤgen bie Jnquiſttlondab⸗ 
ten ber Verbrecher für mich reden. Wie man 
cher Ungluͤcklicher ſchrie noch vom Galgen herr 
ab: — ich würde nie in eine Kirche ein⸗ 


über Armuth und Bettelei. 453 


gebrochen feyn, wäre mir nicht von 
Kindesgebeinen an durd) das Betteln . 
vor den Zaͤuſern auch Tempel und Als 
tar gleichgültiger geworden ! 
. Wer alle diefe Gründe wider bie offentli⸗ 
che Bettelei erwaͤgt und noch ein Herz hat, das 
für Leidende, für Tugend und Ehrbarkeit, für 
Gott und Menſchen zugleich ſchlaͤgt, wird mit 
mir ausrufen: warlich, es ift Zeit, daß fie auch 
anter und aufhöre! — Meine Brüder, ih 
habe end) geflern bie Diöglichkeit hiervon gezeigt: 
Ich habe eher wider bat Unmefen der, Vettelei 
gewirkt und gehandelt, als ich Dagegen re⸗ 
dete. Dadurch, daß ich die Sache fo angrif, 
glaubte ich meiner Jezigen Predigt den ſtaͤrkſten 
Nachdruck zu geben. O wie leer von Bettlern 
waren geſtern eure Straſſen! Wie wurdet ihr 
duch diefen Vorgang überrafht! Wie wills 
kommen auf allen Seiten mufle er euch ſeyn! 
Aber wenn ich auch der Mann war, ber ohne 
wer Zuthun die Sache anfangen Tonnte: fo 
bin ich doch derjenige nicht, ber fie ohne emer 
Buthun Lange fortfezen kann. Darum ſag⸗ 
te ich gleich anfange, daß ich den Weg ber 
 8f3 


454 ‚Gintenis Predigten 
Sabſkription einſchlagen, und meine Mitbuͤr⸗ 


ger, welche ſonſt vor den Thuͤren gegeben 
haben, bitten wuͤrde, nun aufzuſchreiben, mas 


jeder von ihnen aus gutem Willen und mit 


Fortdaner monathlich zur Erhaltung unſerer 
Armen beitragen will. So werben mir in kur⸗ 
zem uͤberſehen koͤnnen, wie viel wir branden 
und wie viel wir dazu haben. Ich glaube’fefl, 
baß, wenn alles in Orbuung koͤmmt, wir mehr 
haben werben, ald wir brauchen. Ich bin er⸗ 
boͤthig, Die Subſtkription anfangs ſelbſt zu bes 
forgen, und werbe gleich nach dieſer Predigt 
den erfien Gang deſshalb zu dem Herrn Fire 
thun; einem Manne, deſſen jeber neue Lebens 
tag ein Segen für unfere Stadt ifl, und ber 
viele unſerer arbeitfamften Familien ernähtt. 
Meine Brüder! ihr gabet ſonſt nor euren ei⸗ 
genen: Chüren; es iſt euch erlaubt, das, was 
ihr Teither vor einigen hundert Thuͤren gabe, 
vos :einer einzigen Thuͤr nur von num an zu ge⸗ 
ben. Ihr habe mir fo oft gefagt, bag ihr mit 
Freuden enre Beiträge reichlich Leiften molltet, 
wenn nur bie Sffentliche, euch fo Läflige und und 
fo beſchimpfende Bettelei aufhört. Nun iſt 


über Armuth und Bettelei. 455 


biefer Fall eingetreten. Ich halte euch. bei eu⸗ 
sen Worte; und wer nun von ber Subffrips 
tion ſich zurüdziehen wollte: dem wäre ed um 
die gute Sache nie ein Ernſt gewefen. Und 
fo iſt meine lezte Bitte an euch diefe, daß ihr 
von nun an keinem unferer. Bettler vor euren 
Thuͤren mehr etwas reichet, fondern fie alle an 
mich weifer. Hierdurch allein koͤnnen wir bie 
Sache zwingen. Wollen alsdenn ſchlechter⸗ 
dings einige beim Alten bleiben und-vor ihren 
Thüren fortgeben : fo mögen fie bie Bettler, 
welchen fie geben, aud) ganz ernähren. Ich 
gebe dieſen, denen fie geben , fdhlechterbings 
nichts. — Feft num überzeugt, daß mein Fuͤrſt 
das, was ich folchergeflalt jezt Leifte, Längft bat 
‚geleiftet voiffen wollen, gehe ich als ein Mann, 
aud als der, der ba weis, daß er allgemeines 
Gutes besoirkt, meinen Gang fort, und fehene 
weber Arbeit, noch Hinderniß, noch Gefahr. 
Mund follte es möglich feyn, daß ich andy bie 
ober ba beöhalb Leiden muͤſte, ich will ed Eins 
nen, — blidet mir ins Geſicht — ja, Ich 
will es können. Leiden bei Dienfchen für eine 
gute Sache find Seligkeit bei Gott. Doch folls 
3f4 


, 


456 Eintenis Predigten 


to dis zu weit geben; fo orklaͤre ih, fo wahr 
sh Menſch und freier Daun bin, heute auf dies 
fer Ronzel, daß ichs den Meinigen, ber x 
und meinem Fuͤrſten ſelbſt ſchuldig zu ſeyn glah- 
ben werde, alles, was ich gethan, was für und 
wider mic, deshalb gefcheben, und wie warın 
oder wie Lals ich mis dem Guten, das ich ſtiſ⸗ 
tete, aufgenommen warb, Öftentlich drucken zu 
laſſen. Es iſt dem Karakter eines redlichen 
Mannes angemeſſen, in ſolchen Fällen vorher 
zu ſagen, was man nachher thun will. So 
weis jeder, wie er ſich mit mir zu benehmen 
bat, und au, warum er ſich fü mit mir zu; 
benehmen babe. 

D meine Brüder, dieſer Tag iſt ganz bes 
ſonders dazu gemacht, daß wir und:an ihm zu 
dem Guten entkhlieffen, bad wir. win than 
Können. Wir feiern heute die Feſte ber Geburt 
unferer Landeöberrfchaft. Laflet und an bie 


ſem Tage ben Grund zur Ausführung eine 


Werks legen, worüber unſere Herrſchaft und 
Beifall gebe, mir ſelbſt und frenen, unfere Ars 
men und fegnen, und jeber, Des bavon hört, 


uud lobe Keil alöbenn biefem Tage! gel 











über Armutih und Bettelei. 457 
Ahm, wenn wir, indem wir dem Schöpfer für 
das erhaltene Leben unferer- Landesherrichaft 
danken, von unfren aͤrmſten Mitbuͤrgern dem 
Dank für unfere Fuͤrſorge für ihre Lebenser⸗ 
Haltung zugleich empfangen. Nur der an recht 

zuverfichtlic und recht auf Erhoͤrung boffend 
für feinen Fuͤrſten beten, welcher das Flehen 
der Elenden, die um ihn her an feinem Orte 
leben, ſchon erbört hate. O laſſet und ganz 
das feyn, was wir ſeyn follen! Ganz Unters 
thanen! Ganz Mitbürger ! Redlich auf allen 
Seiten! — Fürft Friebrich Anguſt ſei geſeg⸗ 
net — geſegnet mit Geſundheit und Staͤrke, 
mit Zufriedenheit und Heil! Fuͤrſtin Friderike 
Auguſte Sophie — o ihr Name ſei mir hei⸗ 
lig — Sie ſei geſegnet und beſize das ſchoͤnſte 
Erdengluͤck, und ihr zum Wohlthun immerdar 
geſtimmtes Herz genieſſe in den Ausuͤbungen 
deſſelben jene Freuden ſchon, welche einſt der 
Vollendeten Erbe find! Allmaͤchtiger — fege 
ne, ſegne fie beide! Ihr aber, meine Brüder, 
betet, betet für fie, und machet- biefen Zag 
durch Gebet fuͤr eure Obrigkeit und durch red⸗ 
liche Fuͤrſorge für die Armen unter euren Mite 
Sfs 


455 Einen regen. 


bärgern zu einem ber (hönften; unvergeßlich⸗ 
fin Tage in den Sahrbägern bed Vaters 
‚Yandes ! | 








III. 


Dritte und lezte Predigt | 
fiber die Derforgung der Armen inder 

| Stadt Zerbft, 

yon Gintenis. 1784. 9 





un und güfiger Water! ! du haft una Diens 
ſchen fo eingerichtet, daß mir, wenn wir für 
die Wohlfart anderer forgen, und ſelbſt zugleich 
dadurch glücklicher machen. Die Handlungen 
ber Menfchenliebe gewähren und nicht nur die 


v) Die Predigt warb am grünen Dounerftage, ald am erſten 
allgemeinen Bettage bes Fuͤrſtenthums Anhalt⸗Zerdſt, 
gehalten. Der dazu vorgefchriebene Text war 
Matth. 27. v. 33 — 4. Ihr Druck ſoll bienen 
sur fortdaursnden Ermunterung meiner Mitbürger, 
Ontes zu thun uud nicht müde zu werden ; und 
zur Ergaͤnzung der Gefdkhte ber Sade für das aus; 
wärtige Podlitum. 





aber Armuth und Bettelel. asp 


yeineften Freuden, während daß wir fie ande 
üben; fondern nad) Jahren iſt and auch ihr 
Angedenken noch fanft nnd füß. Bei jeber 
neuen Anerinnerung an fie genießen wir wieber 
einen Xheil derjenigen Zufriedenheit mit und 
felbft ; welche wir einft in der Stunde ihrer 
Vollbringung genofien. Unausſprechlich lohnt 
die Meuſchenliebe; — auch im Tode noch 
lohnt fie. Da, da wird ed und erfl ein recht 
Himmlifched Vergnügen gewähren, auf ein gans 
308 Leben voll häufiger Ausuͤbungen des Wohls 
wollens und bed Erbarmens zurüdzufehen. Der _ 
Augenblick, in welchem wir und nicht mehr hel⸗ 
"fen koͤnnen, wirb und einzig und allein durch 
das Bewuſtſeyn erheitert werben, baß wir vors 
ber Undern oft. geholfen haben. O Gott und 
Vater, mache ums auch benfelben einſt hier, 
durch Teiche und froh! — — 

Meine Brüder ! der gute Menſch, der 
Freund der Wienfchen har immer Troſt; 
und wenn er äußerlich noch fo viel leiden muͤſte. 
In feinem eigenen Herzen entſpringt eine ber 
reichhaltigſten Quellen deſſelben, welche ihm 
alle vereinigte Gewalt von anßenber nie verfios 


460 Siutenis Prebisten.. - 


fen mag. Verkennen, unbelohutlaffen, Ean 
man ihn ; man kan ihn verleumben, verfolgen, 
ja gar unterbräden und mit Fuͤſſen treten. 
Her — dad Bewuſtſeyn, daß er Mienfchens 
freund fei, und den Beifall feinea Gewiſſens 
daruͤber, baß er dis warb , Fan ihm eine ganze 
Welt nicht rauben, Ed iſt alſo nur ein einzis 
ger Fall möglih, in dem er ohne Troſt ſeyn 
würde; nehmlich der, — wenn er fein Ges 
daͤchtniß verlöhre. Jedoch in dieſem Falle 
- bedarf er aldbanıı auch Feines Trofles. mehr. 
Andere Menfchen Können ihn wenigflens nie 
troſtlos machen. Sa, wenn auch undankbare 
Zeitgenoffen ihm ben lezten Troſt, den er and 
fich ſelbſt fchöpft, zu verbittern wagen; fo bes 
wirken fie dadurch doch weiter nichts, ald daß 
fie Dazu beitragen, daß er die Suͤßigkeit deffels 
ben nur noch höher empfinde, — Ein Gedan⸗ 
ke, der ſich in ber Gefchichte des leidenden Je⸗ 
ſus vortreflich beſtaͤtigt hat. Er, dieſer groͤſſe⸗ 
fe, ſchuldloſeſte, liebendſte und liebenswuͤrdig⸗ 
ſte zugleich unter allen Leidenden ſah ſich zus 
lezt von einer ganzen Welt, ſelbſt von ſeinen 
vertrauteſten Freunden verlaſſen. Ja, ſogar 


über Armuth und Bettelei. 46x 


die oberſte Gottheit uͤberlies ihn ſeinem Schick⸗ 
ſale und feiner Beſtimmung. Da rief ihm ſein 
Herz zu — du haft Andern geholfen — 
and nun ertrug er auch feine: lezten Kaͤmpfe 
mit der ihn auszeichnenden und beiſpielloſen 
Seelenſtaͤrke, welche, ſo lange es Menſchen 
geben wird, die Gefühl und Stun für wahre 
Schönheit und Größe haben, ein heiliger Ger 
genftand ihrer Bewunderung ſeyn wird, Scha⸗ 
denfrohe Feinde rieſen ihm zwar. ſpottweiſe zu 
— ſeht: vch, det andern half, vermag ſich ſelbſt 
nicht zu helfen; aber ihr umüberlegter Spots 
verwandelte fich auf ihren Lippen in ben erhas 
benfien Lobſpruch für den größten Sterbenden.: 
Haste ersvorher dad Bewuſiſeyn andgeübter 
Menſchenliebe Thon ſuͤß für fü gefunden: fo, 
faud' ex. € noch dreimal ſuͤſſer, da ihm ſelbſt 
feine Feinde dad Zeugniß derfelben öffentlich. 
gaben, Cost, wie ſegnend muß es ſeyn, in 
ber Sennbe, .wo man ſich felbſt nicht helfen 
tan, an viel ſolcher Stunden: zuruͤckdenken zu 
Tonnen, in. denen man um ſich her Hülflofe ſah, 
zueilte und ſie rettete! Muß es doch ſeyn als⸗ 
dann, als wenn die Wilder derſelben und ums 


462 Sintenis Prebiglin: 


ſchwebten, und darüber jammerten, daß fie uns 
aicht leiſten können, was wir ihnen geleifter has 
ben! Muß es doch feyn, als wenn eine Stimme 
vom Simmel une zuriefe — du kauſt nie | 
verlaſſen ſeyn; Gott wird bir hun, was du | 
deinen Brüdern thateſt! O feligfier unter allen 

Gedanken zulezt — er hat: andern gehol⸗ 

fen und Tann ſich ſelbſt nicht Helfen — 

werde du bie ſchoͤnſte Grabſchrift auf jeden gu⸗ 

ten Mann, aufjeben wackern Meufchenfreund! 

- Werde du fein fanftefter Nacruhmden Tode, 

ben er in jene Welt hinäber noch hoͤre: 

So viel über den beutigen Text; nun zur 
heutigen Sache! _ 

Meine Bruͤder! Wir haben feither 
auch andern geholfen. — Wir, — dad 
heißt nicht, Ich, ſondern wir alle; wie wir 
bier beifammen find. O wie. freue id, 
sich, ald Prediger diefer Stadt heute dis Zeugs, 
nis unferer Obrigkeit und unferer ganzen Mit⸗ 
buͤrgerſchaft oͤffentlich geben zu kbuneu! I, mir 
haben ſeither recht andern geholfen. Durch di 
Freigebigkeit unferer Lanbeshersfchäft und durch 
die: milden. Beptraͤge des hiefigen Publiknms⸗ 








über Armuth und Vettelei. 463: 


iſt es geſchehen, daß bie erſte Augelegenheit 
jeder chriſtlichen Stadt, die Verſorgung der 
Armen, auch unter uns auf einen beſſern 
Fuß geſtellt worden iſt. Es iſt geſchehen, 
daß dem Elende in den Huͤtten der aͤußerſten 
Duͤrftigkeit bei uns, und an ben Lagern unſerer 
blutarmen Kranken, welches ſchier allen menſch⸗ 
lichen Glauben uͤberſtieg, wenigſtens eine 
menſchliche Grenze gezeichnet worden iſt. Es 
iſt geſchehen, daß in dieſem Winter, der vielleicht! 
einer der firengften und anbaltendflen war, die 
in dem laufenden Jahrhundert Deutfhland tra⸗ 
fen, Feiner unferer Armen, wie fonft wohl ges: 
ſchehen ift, und heuer auch anderwaͤrts geſchah, 
den Tod durch Erſtarrung fuͤr Kaͤlte fand. 

So viel ich nun auch im vergangenen Jah⸗ 
re uͤber die Aufrichtung unſers Armenwe⸗ 
ſens ſprach: fo fand ich doch laͤngſt für noͤthig, 
noch einmal uͤber die Fortdauer deſſelben zu 
reden. Mit Waͤrme des Herzens ergreife ich 
daher die Gelegenheit, welche mir der heutige 
Tag dazu giebt; an dem es allen Predigern 2 
diefee Stadt zur Pflicht gemacht worden fl, 
fih deshalb durch ruͤhrende und nachdruͤckliche 


462  SintenisPrebigken: -.. 


ſchwebten, unt darüber jammerten, daß fie uns 
sicht leiften konnen, was wir ihnen geleiſtet han 


ben! Muß es Hoc ſeyn, ald wem eine Stimme 
som. Himmel una zuriefe — bu kauſt nicht 
 gerlaffen feyn 5 Gott wirb bir than, was bu 
deinen Brüdern thateſt! O feligfler unter allen 
Gedanken zulezt — er hat: andern gehol 
fen und Tann ſich felbft nicht helfen — 
werde du bie fhönfle Grabſchrift anf jeben gus 
ten Mann, aufjeden wadern Meufchenfrennd! 
Werde du fein fanftefter Nachruhm im Tode, 
den er in jene Welt hinuͤber noch hoͤre: 

So viel uͤber den beutigen Text; nun zur 
heutigen Sahe! . 

.. Meine Bruͤder! Wir haben feither 
auch andern geholfen. — Wir, — das 
heißt nicht, ich, ſondern wir alle, wie wir 
bier beiſammen find. O wie freue ich 
mich, als Prediger dieſer Stadt heute dis Zeug⸗ 
nis unferer Obrigkeit und unſerer ganzen Mit⸗ 
buͤrgerſchaft oͤffentlich geben zu koͤnnen! Ja, wir 
haben ſeither recht andern geholfen. Durch die 
Freigebigkeit unſerer Landesherrſchäft und durch 


die milden. Beytraͤge des hiefigen Publikums: 





über Armuth und Vettelei. 463; 


iſt es geſchehen, daß bie erfte Angelegenheit 
jeder: chriſtlichen Stadt, die Derforgung der 
Armen, auch unter und auf einen beſſern 
Suß geftelle worden if. Es iſt gefchehen,- 
baß dem Elende in den Hütten ber aͤußerſten 
Dürftigkeie bei und, und au den Lagern unferer- 
biutarmen Kranken, welches ſchier allen menſch⸗ 
lichen Glauben überflieg, wenigſtens . eine. 
menfchliche Grenze gezeichnet worden iſt. Es 
iſt geſchehen, daß in dieſem Winter, der vielleicht’ 
einer der ſtrengſten und anbaltendften war, bie 
in den Iaufenden Jahrhundert Deutſchland tra⸗ 
fen, Feiner unferer Armen, wie fonft wohl ges: 
ſchehen iſt, und hener auch anderwärts gefchah,; 
den Tod durch Erſtarrung für Kälte fand. 
So viel ich nun auch im vergangenen Jah⸗ 
ve über die Aufrichtung unferd Armenwe⸗ 
ſens ſprach: fo fand ich doch laͤngſt für noͤthig, 
noch einmal uͤber die Fortdauer deſſelben zu 
reden. Mit Waͤrme des Herzens ergreife ich 
daher die Gelegenheit, welche mir der heutige 
Tag dazu giebt; an dem es allen Predigern 
dieſer Stadt zur Pflicht gemacht worden iſt, 
ſich deshalb durch ruͤhrende und nachdruͤckliche 


a4 . Sintenis Predigten 


Borträge au. Ihre Gemeinden zu: verwenden, 


Es gehet mid) nichtd an, wie andere Männer 


meines Standes diefen Befehl in Audaͤbung 


‚ bringen werben. Mir giebt ih mein eigenes 
Herz; und darum werde ich fo über bie Sache 
reden, baß ich nun nie wieber über fie zu reden 
noͤthig babe, ſondern mich auf jeben Fall, & 
gehe ihr, wis e& wolle, nur anf meine heutige 
Predigt besufen dürfe, welche Sort allen mel⸗ 
nen Zuhbbrern unvergeßlich machen wolle! 
Mein Vortrag zerfällt ganz natuͤrlich in 
zwei Theile. Wir haben ſeither andern 
geholfen — oder ich will erzählen, wadnun 
feit meiner zweiten Armenprebigt für die Sa⸗ 
che der Armen wirklich geleiftes worden iſt. 
Laſſet uns auch ferner andern helfen — 
ober wir wollen überlegen, was wir weiter zu 
thun haben, wenn biefe gemeinnuͤzige Sache 
fortdauren, und immer vollfommener werden 
fol. Und diefe Fortdauer wuͤnſcht ihr doch 
wohl nun jeder unter uns. Der Menſchen⸗ 
freund wuͤnſcht ſie gewiß mit mir aus Liebe 
für die Leidenden, und ber Kaltſiunige doch me 
nigſtens aus Liebe zu feiner Huldgoͤttin Ge⸗ 
| maͤch⸗ 


! 


über Armuth und Bettelei. 463 


maͤchlichkeit, weiler nun von deu Armen Fels 
nen Veberlanf mehr hat. 0 

So höret mich denn alle heute seht aufe 
merkfam und gutmuͤthig an. Sch thue den 
lezten Schritt bei der Sache, und bin feſt übers 
zeugt, daß jeder Rechtfchaffene unter und bag, 
was ich fagen werde, von fich felbft denke, zu 
feinem Vertrauen im Stillen fpreche, und auf 
diefer Kanzel, wenn er in meiner Lage, wäre, 
und Gott ihm eben den Grad von Muth:vers 
liehen hätte, den er allgnädig mir verlieh, eben 
fo laut fpvechen würde, als ich. 

Gott! dein Segen ruhe auf meinem Vors 
trage, und vereinige unfere Seelen Immer mehr 
und mehr zum Fortfahren im Gutesthun 
und Segenftiften für unfere wahrhaftig arıne 
Stadt! — — 

Alſo zufoͤrderſt, was fuͤr unſere Armen big 
jezt wirklich geſchehen iſt; oder — wir haben 
ſeither andern geholfen. 

Es liegt mir ſehr am Herzen, hiervon eins 
mal öffentlich und ausführlich zugleich Rechen⸗ 
{haft abzulegen. Denn jeder meiner Mitbürs 
ger. hat Recht, nach berfelben zu fragen, und 

Dart. Archiv, III. Theil. Gg | 


466 . Eintenis Predigten 
«3 war doch feither nicht möglich, fie einem je 
den beſonders zu geben. Wielleicht gelingt es 
mir. auch, baburch zu bewirken, daß mandıer 
Vorwurf der Sache nicht weiter gemacht wer⸗ 
de; wenn diejenigen, welche ihn feither mad» 
ten, nun fehen, daß er — ungegründet war. 
Arme. hatten wir in Menge. Gebettelt 
follte nicht. mehr werden ; weil Betteln nichts 
als heillofen Unfug fliftet, Auch würde, wenn 
baflelbe weiter erlaubt geweſen wäre, ben in 
beſcheidener Verborgenheit leidenden Armen, 
bie ſich nie in die Reihen unferer Bettler miſch⸗ 
. sen,unb ben kranken Armen, welche nicht mehr 
betteln konnten, damit nicht geholfen geweſen 
ſeyn. Michin mußte nun eine Kafle errichtet 
werben, aus ber die fäntlichen Dürftigen un⸗ 
. fered Orts erhalten würden. Solcher Kaſſen 
mußte aber auch nur eine hier ſeyn. Wenn 
in einer Stadt, wie die unfrige iſt, mehrere 
Armenkaſſen find, deren Rechuungsführer fid 
noch dazu die Liſten derer, welche von ihnen 
empfangen, nicht einmal mittheilen: fo entſteht 
natürlicher Weiſe daraus der Machtheil, daß 
mancher Arme, der nur dreiſt genng iſt, ſich 


über Armuth und Vettelei. 467 


allentbalben zu melden, von drei, vier oͤffent⸗ 
lihen Austbeilern erhält.‘ Wenn biefer num 
nody obendrein aud vor ben Thüren bettelez 
fo lebt ex herrlich und in Freunden; während 
daß ein anderer, der did zu. thun ſich fchämt, 
and bei jenen Feine Empfehlung hat, auf daB 
elendeſte darben muß. ine foldye allgemeine 
and einzige Armenkaſſe iſt bei uns feit ſechs 
Monaten wirklich errichtet. Unſere Landed⸗ 
berrfchaft giebt monatlich in felbige Hundert und 
zwanzig Thaler. Ein wahrhaftig fürftlicher 
Beitrag! das Publikum, ober wir Mitbürger, 
zufammen, tragen bis jezt noch monatlich hun⸗ 
dert und fiebenzig Thaler dazu bei. 

Durch diefen beträchtlichen Fond find wir 
nun in den Stand gefezt, über zweihundert und 
fehzig Arme, die wir jezt haben, zu verforgens. 
Noch vermehrt fi immer bie Zahl berfelben, 
and wir koͤnnen deshalb um fo weniger jebem, 

‚re fih um Allmoſen meldet, fie blos darum 
gleich zugeſiehen, weil er ſich um ſie meldet. 
So viel mir wiſſend, iſt kein wahrer Armer 
zurückgewieſen worden. Was menſchliche Aus 
gen beurtheilen koͤnnen, iſt geſchehen. Dias 

Og2 


468 | ESmtenis Predigten 


cher warb anfangs ganz zurücgewiefen, uns 
trat hernach, wenn ex feine Duͤrftigkeit beſchei⸗ 
nigt hatte, in den Genuß der Allmoſen ein. 
Manchem ward das Armengeld nur waͤhrend 
feiner Krankheit, oder den Winter über, zuge⸗ 
fanden. Lebt bier und da jemand, der dar⸗ 
am noch Fein Almoſen empfängt, weil ex ders 
gleichen nicht von ber Kommiſſion annehmen _ 
will: fo feufze er wenigflend nicht über biefe,. 
ſon dern über ſich. — Diefe ganze neuere Eins 
richtung hat denn aber unleugbar- viel Gegen 
- geftiftet. Einer Dienge unferer guten Armen, 
bie vorher aus Feiner Kafle erhielten, and noch 
weniger unter bie Öffentlichen Bettler ſich mild» 

“ ten,‘ ob fie gleich elenter leben mußten, als dies 
ſe, ward dadurch Beiſtand geleiſtet. Sie wurs 
Ben: aufgefucht und unterſtuͤzt. Ein mefentlis 
her Nuzen unferer Anſtalt, meine Bruͤder; 
verfenner ihn nicht $ denn ed giebt Menfchen, 
die, wenn fie wiffen, baß bier oder da etwas 
zu erhalten ift, hundert Zungen / Hände und 
Fuͤſſe gleihfam haben, um darnach zu laufen 
und zu greifen, und für fich zu reden; aber ed 
giebt auch andere, denen es fo ſchwer wird für 


“ 


über Armuth und Bettelei. 469 


ſich ſelbſt auch nur ein Wort zu ſprechen, daß 
fie, ehe fie dies thun, lieber die jaͤmmerlichſte 
Armuth dulden. Ferner erhalten eine betraͤcht⸗ 
liche Anzahl Kinder, welche vorher in der Irve 
herumllefen und ein abſcheuliches Menſchenge⸗ 
ſchlecht geworben ſeyn würden, nun eine menſch⸗ 
lichere Erziehung. Alle unfere Bettler find 
don dem umherſchweifenden luͤderlichen Reben 
abgezogen worben, weldem fie fonft bis zur 
Yusgelaffenheit ergeben waren. Und unfere 
Franken Urmen — o dieſen, dieſen ift body 
wohl recht unausfprechlich nun geholfen? Taͤg, 
lich habe ich Gelegenheit bie Segnungen zu 
bören, welde felbige bafüx ihrer Dbrigkeit und 
ihren Mitbürgern ertheilen ; und fo oft ich fols 
che böre, freue ic) mich .anf6 neue ber guten 
Sache. Nur die ehemaligen Bettler haben - 
dabei ihren Gedanken nach verlohren und mur⸗ 
xen deshalb. Diefe hatten offenbar fonft weit 
mehr, als jezt, und Eonnten dabei ſchwelgen. 
Über das ſchadet nicht. Wenn ber Reiche 
nicht einmal ſchwelgen foll, wie vielweniger ber 
Arme! Indeſſen empfangen. fie denn doch, 
was Ihnen ausgelezt iſt, jezt auf den Tag rich⸗ 
Ög3 


| 470 Sintents Predigten 
eig, und bürfen nur einen Gang darnach thuns 


ſtatt, daß fie ſonſt Tage lang vor vielen hun 
bert Thüren umberlaufen mußten. Wie wohl⸗ 
thaͤtig ihnen dis fei, haben fie in biefem ſtren⸗ 
gen Winter erfahren. Wir, meine Freunde, 





haben offenbar bei ber Sache gewonnen. & 


werben fehr wenig unter und ſeyn, welche jest 


fa viel an die Allmoſenkaſſe geben, ald fie fon 


vor den Thüren austheilten. Rechnet nur eins 
mal nach, was bie fremden Bettler euch ſonſt 
koſteten. Dieſe haben ſich ſeit der Zeit groͤ⸗ 
ſtentheils weggewendet; und kommt zuweilen 
einer oder der andere: ſo iſt er ohne euren ei⸗ 
"genen Willen euch nicht mehr zur Laſt. Er if 
alddann zwar da, und will leben, aber ihr wiſſet 
anch alle, wo er, ohne daß ihr ihm reichen duͤr⸗ 
fet, empfängt. Mit dem Rechnungs weſen bei 
biefer Kaffe habe ich mich einſtweilen und bis 
jezt befchäftigen müffen. Bis Ende vorigen 
Sahres find mir meine Rechnungen abgenoms 
men und bie monatlichen Extracte gedruckt wors 
den. Wir hatten am lezten December fchon 
. einen Vorrash von zweihundert Thalern. Bon 
nun an wird Die Rechnung nur jährlich, aber 


- 


_ über Armuth und Bettelei: 477 


ganz ausführlich, abgedruckt werden. Da ſol⸗ 
let ihr leſen, wer von und zur Kaffe beiträgt 
und nicht beiträgt; was jeder anfangs dazu 
gab und mod) giebtz wer empfängt, und wie 
viel er empfängt: fo, daß jeder unfere ganze 
Stade mit allen ihren freigebigen und Fargen 
Gebern, mit allen ihren armen und bintarmen 
Nehmern uͤberſehen möge, 

Nenerlich iſt denn auch von der crͤßern 
niedergeſezten Kommiſſi ion eine Arbeitsanſtalt 
errichtet worden." Sie beſteht zur Zeit and eis 
ner Flachſſpinnerei. Meine Brüder, bie gan⸗ 
ze Sache iſt noch nicht ſo vollkommen, als ſie 
noch werden kan; mithin dieſer ihr wichtigſter 
Theil auch noch nicht. Indeſſen iſt auch hier⸗ 
bei geleiſtet worden, was zur Zeit geleiſtet wer⸗ 
den konnte. Wer denn nun nicht glauben woll⸗ 
te, daß ed unter und au Arbeit fehle, der ſah es 
izt wenigſtens. An hundert Arme wurden bald 
durch und in Thaͤtigkeit geſezt, und eben fo viel 
würden noc, Arbeit gern genommen haben, 
wenn wir fie ihnen hätten fchaffen können. Da 
ich hernach anf. biefen Punkt. noch einmal zus 
rückomme, fo breche ich izt davon ab, Ges 

6,4 


- 472,  Gintenid Predigten 

nug, unfere Kaffe bat auch bei dem, was wir 
leiſten Eonnten, gewonnen. Wir konntem jes 
ben Armen, dem wir Arbeit gaben, wöchents 
lich zwei Groſchen abziehen. Die Urmen felbfl 
haben babei gewonnen, Sie koͤnnen nun flatt 
ber abgezogenen zwei Groſchen durch Arbeit 
drei verdienen. Der Staat hat babei gewons 
nen; denn er giebt fein Allmoſen nun nicht 
* an Muͤſſiggaͤnger. 

Ganz zulezt iſt fuͤr das Armenweſen ein 
Haus erkauft worden. Freilich kann daſſelbe 
nur im Kleinen dazu erſt angelegt werden. 
Vielleicht bauet uns Fuͤrſt Friedrich Auguſt 
einſt ein groͤſſeres. Inzwiſchen moͤgen wir uns 
jezt an demſelben genuͤgen laſſen; und dis nm 
ſo mehr, da zu der Summe, wofuͤr es dezahlt 
worden iſt, fo viel ich weiß, keiner von und eis 

nen Thaler hergegeben hat. — O wie [hwer 
wird ed dem Dankbaren, feinen Empfindungen 
freien Lauf laffen zu Einnen Daß ſich mein 
Herz bier ergieffen dürfte! Doch, es ifl 
auch Pflicht, zu ſchweigen, wenn der Wohl 
thaͤter, oder bie Wohlthäterin gebeut — du 
fol mich nie nennen. Seele, die du in mir 








- 


über Armuth und Bettelei. 473 


denkſt, und fo gerne betefl, bete, bete in dieſen 
YAugenbliden im Stillen für den Gegenfland, 
befien Andenken dich izt ſo ganz erfuͤllt! Ge⸗ 
wis, gewis beten viele deiner Zuhoͤrer mit .... 


So viel iſt bis jezt fuͤr unſere Arme ge⸗ 
ſchehen; oder ſo haben wir ſeither andern gehol⸗ 
fen. — Doch, es iſt mir, als vermißten mei⸗ 
ne Zuhoͤrer noch etwas, und als laͤſe ich auf 
vielen ihrer Geſichter die Fragen: was haſt 
denn du nun im Stillen für unfere Armen ge⸗ 
than? Wie viel hat der Drud deiner Predigs 
ten eingebracht ? Wie haft du das Geld vers 
wendet? Willſt du uns hiervon nicht auch Mes 
henfchaft ablegen? — Sa, ich will ed, meine 
Brüder! aber — eine Bitte — exlaubet mir, 
dis zulezt zu thun. Sch bin ſouſt nicht Buͤrge 
dafür, daß der Strom meiner Empfindungen 
mich fo mit ſich fortriffe, daß ich alles das, 
was ich nun noch zu fagen habe, ſchuldig blies 
be. Und dis ift ja doch ſehr wichtig. 

Gaffet uns ferner andern helfen! — 
oder wir wollen nun überlegen, was wir zu 
than haben, wenn anfer eingerichtete Armene 

| Ö95 


44 Sintenis Predigten 


wefen fortdauern und durch Fortdauer noch im⸗ 
‚mer volllommener werden fol,  _ | 
- Mitbürger und Freunde! die Sache flieht 
nun. Ich frage euch, foll fie fortdauern? — 
— Saget mir, erforderts nicht das Wohlund 
Weh der leidenden Mienfchheit unter uns, ers 
forderts nicht die Ehre unferer Stadt, daß fie 
von und fortgefezt werde?" Wozu hätten wir 
fie angefangen, eingerichtet, wenn wir fie nihe 
forterhalten, vollfommener machen wollten ? 
Was follten alle Auswärtige von und denken, 
wenn fie je bavon hörten, daß wir fie, da wir 
fie fo weit hatten, wieder hingeworfen hätten? 
— Alſo fie foll fortdauern! 
| Dis kann fie aber alsdann nur, wenn bie 
Beiträge, and welchen fie erwuchs, ferner zu 
ihr geſchehen. Diefe find ihr einziger Grund. 
Nehmet euren Käufern den Grund, fo fallen 
fie ein. Es kommt mir nicht in den Sinn, zu 
fürdten, daß unfere Landeöherrfchaft uns ih⸗ 
ven Beitrag je entziehen werde. Wir haben 
Beweiſe genug, daß fie das herzlichfle Mitleld 
mit Armen und Elenden babe, Aber auch 
wir, bie wir das Publikum ausmachen, müß 


” 





\ 
t 


über Armuth und Bettelei. 473 


font fortfahren, unfere monatlichen Beiträge an 
die Kaffe zu reichen. Der füherfie Weg, die 
Sache zu flärzen, iſt fonfl der, daß wir jene 
ihr ganz entziehen; und der ficherfle Weg, die . 
Sache zu verfrüppeln und zu verflämmeln, iſt 
der, daß wir jene zum Theil oder zur Hälfte 
zurüdzichen. Noch iſt die gute Sache Fein 
Sahr-alt, und dennoch iſt beides von einigen 
sinter und fchon gefchehen. She, die ihr dis 
aus Armuth thatet, empfanget unfern herzliche 
fien Dank dafür, daß ihr zur Allmofenkaffe 
wenigſtens fo lange beitruget, ald ihr konntet. 
Werfezt euch das Schickſal in eine foldye Lage, 
daß ihr ſelbſt beduͤrfet: fo kommet und mels 
det euch. Ihr gabet und — ihr follet wieder 
von und nehmen. : Mit diefer Hofnung muß 
jeber jezt zu unferer Kaſſe beitragen Eönnen, 
daß gr, wenn er einfl ein Beduͤrfender werben 
follte, auch von ihr unterflügt werde. Ihe 
aber, die ihr nicht aus Armuth ung enren 
Beitrag bald wieder entzoget ober verringertet 
— ſagt euch euer eigenes Herz nicht in dieſem 
Augenblick alles: was ſoll ich euch ſagen! 
Doch nur einige Vorſtellungen laſſet mich euch 


476 Sintenis Predigten 
han. Wer beſtimmte denn ehren Veitrag? 


Wer ſchaͤzte euch? Woret ihre es nicht ſelbſt? 


Subſtkribirtet ihr nicht freiwillig? Gabet ihr 
mir nicht zu erkennen, daß ihr dis gern thaͤtet? 
Laſet ihr nicht auf meinem Aufſaze, daß ihr 


das, was ihr unterzeichnetet, unter der Bu 
dingung geroiffer Sortfezung unterzeihne 


set? Und wenn dis auch nicht darauf geflaus 
ben hätte, muͤßtet ihr nicht felbft dieſe Bedin⸗ 


gung end) dabei. gedacht haben? Wer fänge 0 


etwas auch wohl. ald ein Spiel au, das et 


ein Paar Monate hindurch mitfpielen will? 
Kinder bauen ein Häuschen und werfen es wie 


der ein; wenn es aber Maͤnner bauen: fo 
bauen fie zum Feſtſtehen und zum Lapgeſeſtſte⸗ 
ben. Ran es and) wohl mit der Achtung vers 


einigt werben, bie man fich felbft ſchuldig ifl, 


wenn man vor einer ganzen Stadt heute 
etwas zufagt und nach einiger Zeit eben fo vor 
einer ganzen Stadt es wieder bricht? Legt 
mir nicht, fobald ich mein Wort darauf 
gegeben habe, dis mein gegebenes Wort nun 
eine. wirkliche Verbindlichkeit dazu auf, wenn 
id) auch vorher dergleichen nicht dazu hatte? 





über Armut und Bettele 477 


Ermäget denn noch die Eindruͤcke, welde ener 
- gegebened Beifpiel anf eure Mitbürger machen 
muß. Es iſt doch bei Gott nicht recht, andern 
auch nur einen Vorwand zu reichen, mit bem 
fie nun, wenn fie auch weniger gut, als ſonſt, 
handeln wollen, ihr Verfahren ummänteln 
koͤnnen! O bei ber Liebe zum Vaterlande — 
bei der Sache ber Urmen, die die Sache Got⸗ 
tes und Sefn iſt — laſſet die befcheidene maͤnn⸗ 
liche Bitte eined Predigerd etwas auf eure 
Herzen wirken, und gebet und wieder, was ihr 
uns verſprachet, anfangs ˖ wirklich gabet und 
hernach wieder entzoget. Gelaͤnge es mir, eis 
nen und den andern von euch hlerzu zu bewe⸗ | 
gen — tie wollte ich die Stunde feguen, .in 
der ich euch darum anfprah! — — Laſſet 
und unfere Beiträge nicht zurücdgiehen, meine 
Brüder! Vielmehr wuͤnſchte ich herzlich, bag 
lieber bie und da noch Erhöhungen derſelben 
gefhähen. Dffenbar geben viele unter und nicht 
nur in Vergleich mit andern ihres gleichen, ſon⸗ 
dern auch in Betracht ihres banren und liegen⸗ 
ben Vermögens, ihrer Befoldungen, Einfünfs 
te, Nahrungen und Gewerbe zu wenig. Die 


478 Sintenis Predigten 


Sache ſoll ja Erſparniß fuͤr uns ſeyn, beſten 
Freunde. Über iſt ed denn nicht genug, wenn wir 
die Hälfte erſparen? Wollen wir drei Vier⸗ 
geile, fieben Achttheile, eilf Zwoͤlfttheile ers 
waren: wie ift es möglich, daß die Sache Das 
bei beftehen koͤnne? Wenn ber Bürger, der 
noch in guter Nahrung ifl, monatlich zur Kaffe 
zwei Srofchen, ber Kaufmann, ber einen offes 
nen Raben hat, vier Grofchen, ber Mann, der 
in guter Beſoldung flieht, nicht viel mehr beis 
traͤgt: fo möchte ich fie' darüber hören, wie fie 
daB, was fie fonft den Armen gaben, und das, 
was fie jezt zur Kaffe geben, mit einander "bes 
vechnen, nud ob fie mit dem, was fie jezt mos 
natlich beitragen, fonft auch wohl eine Woche 
ober gar nur eine halbe Woche audreichten ? 


Spredet nicht — bie Öffentliche Bettelei wird 
doch noch zumellen betrieben. Meine Brüder! 


ihr werdet Feine Stadt in der Welt finden, 
wenn fie. auch das eingerichtete Armenweſen 
hätte, in ber nicht Bann und mann dergleichen 
doch vorfiele. Warlich, die Obrigkeit kann dis 
allein nicht zwingen. Wille Einwohner ber 
Stadt muͤſſen dabei gemeiuſchaftliche Sache mit 


. 
a‘ 


über Armuth und Bettelei. 479 


ibe machen. Dis Tann aber nur bergeflalt ges 
ſchehen, daß Fein Einwohner ſich «8 zum Ges. 
ſchaͤft mache, Bettler zu hegen, ober fie gar in 
feinem Haufe zu verbergen, wenn ihnen nach⸗ 
gefezt wird; daß Fein Einwohner vor den Thuͤ⸗ 
ren etwas mehr reiche, fondern den fremden 
eingefchlichenen Bettler an die Behörbe weife, 
wo ex empfängt; und daß, wenn non unfern 
eigenen Armen jemand beitelt, Unzeige davon. 
gehörigen Dxtö gethan werde, damit er, wenn 
er dis blos aus Luͤderlichkeit thut, beſtraft, 
wenn ihn aber die Noth dazu triebe, aus der 
Kaſſe reichlicher ausgeſteuret werden koͤnne. 
Hier iſt der Ort, wo.ich am beſten allen hieſi⸗ 
gen Innungen und Gewerken meinen Dank das 
für abftatten kann, daß fie ſich gleich anfangs . 
aus Kiebe zur Orbuung an mich anfchloffen, 
dem Fechten ihrer einwandernden Befellen wehrs - 
ten, und biefen, falld fie Feine Arbeit hier bes 


Tommen Tonnten , ein nothbürftiges Zehrgelb _ 


ausfezten, Sch bitte fie alle, hierinn auf das 
loͤblichſte fortzufahren. — : Endlich diebt es - 
auch noch einige unter und, bie, ungenchtet fie; 

bemittelte Rente find, dennoch bis auf diefen 


480 Sintenis Predigten 


Augenblick nichts zur Kaſſe beitragen wollen. 
Ich uͤberlaſſe ihnen zu uͤberlegen, wie ſie dadurch 
handeln, bitte ſie das achte und neunte Kapitel 
im zweiten Brief an die Koriuther zu leſen, ge⸗ 
be ihnen zu bedenken, daß gemeinſchaftliche Las 
ſten auch gemeinfchaftlich getragen werben müfs 
fen, nnd feze endlich hinzu, daß ich an ihrer 
Stelle nicht ſeyn möchte, weil id, fo oft ich 
andgienge, denken würbe, daß alle meine Mit⸗ 
buͤrger mit Fingern auf mid, wiefen. Nun iſt 

zwar das mit Fingern auf und weifen an ſich 

nichts ſchlimmes; aber die Sache muß nurfein 

und loͤblich feyn, derentwegen die Finger nad 

uns bingeredkt werben - » - +. 

Soll unfere Auſtalt fortdauren und in ihs 
ver Foridauer vollkommener werben: fo ifk fers 
ner nötbig , daß mir nun einander alle unfere 
Kenntniffe von Armen mittheilen. Es iſt uns 
möglich, daß eine ſolche Stadt, wie bie unfrige 
iſt, von einem Dann, oder auch von zwoͤlf 
Maͤnnern überfehen werden koͤnne. Vielleicht 
empfaͤngt jezt mancher aus der Allmoſenkaſſe, 
der nichts empfangen ſollte, oder er empfaͤngt 
doch zuviel. Vielleicht lebt hier und da man⸗ 

cher 


über Armuth und Bettelei. 481 
her wahrere Armeß der noch nichts erhält, oder 
Boch zu wenig erhält: Laffet un alle recht an 
der Vervollkommung ber Sache arbeiten. Die 
Kommiſſion felbft will alles ſelbſt dazu beitras 
gen, und deshalb mit Ende diefes Monats noch⸗ 
mals mit Zuziehung vieler des Volks kundigen 
Männer eine Unterfüchung ſaͤmtlicher Armen, 
bie aus der Kaffe erhalten, anftellen. Aber jes 
der meiner Mitbuͤrger biete ihr nun and das | 
bei die Hand. 

Lieben Freunde! es iſt mannigfaltig feits 
her unter uns die Rede geweſen, daß Arme em⸗ 
pfiengen, die es nicht beduͤrften, und daß andere 
leer ausgiengen, bie doch weit beduͤrftiger waͤ⸗ 
ren. Aber warum blieb denn did nur Rede 
Hinter unferm Rüden? Wäre es nicht weit 
rechtſchaffener gehandelt, weim man folche Ber 
ſchwerden, ſobald fie gegründet find, de⸗ 
nen ind Geſicht fagte; “die ihnen abhelfen koͤn⸗ 
nen? Ab, ein Wort ins Geſicht geſagt, hat 
48 mehr Anftand, Würde und Kraft, als hans 
dert Worte hinter dem Rüden gefprodyen. Ich 
erklaͤre demnach hiermit im Nahmen der gan⸗ 
zen Armenkonmiſſion; daß es jedem unter uns 

Patr. Archiv, III. Theil. Hh 


Sintenis Prebigten 

frei ſtehe, feine Einwenbungen von biefer Seit 
entweber ber geſamuten Kommiſſion, oder eins 
zelnen Mitgliedern berfelben zu entdecken, uns 
eines befiern gu belehren, und zu glauben, daß 
er unſern wärmeflen Dank dafür erhalten ſolle. 
Wird es bewiefen, daß hie ober da jemand All⸗ 
mofen ‚erhält, ber ihrer nicht beduͤrftig iſt: fr 
fol ex anf der Stelle gefirichen werben. Wird 
es bewiefen, daß hie oder da noch jemand Icht, 
ber Fein Allmoſen bekommt, und deſſen doch bes 
darf: fo foll er auf der Stelle aufgenommen 
werden. Mehr kann beun aber. warlic die 
Kommiſſion nicht thun, am allgemeine Zus 
friedenheit mit der Sache zu bewirken; un 
wenn denn nad) diefer Öffentlichen, Erklaͤrung 
noch jemand feine Einwenduugen von biefer 
Art blos hinser unferm Rüden , ohne damit 
and Licht. zu treteu, fortmacht, und auöbreitet: 
fo iſt dis ein Beweis, daß er nur einen Vor⸗ 
wand ſuche, unter dem er ſich vom Beitrag, 
den ex verſprach, nud der ihn nur ans Eis 
gennuz renet, los marken koͤnne. 

Soll die eingerichtete Armenſache fertdan 
ren und immer vollkommener werden: fo muß 





h 


; 


über Armuth und Bettelet. 483 


ferner ‘auch. bie getroffene Arbeitanſtalt erhal⸗ 
ten und erweitert werben. Dis, dis ifl ein recht 
wichtigen Punkt babei. Meine Brüder! es iſt 
ein weſentlicher Fehler bei-jeder Armenverſor⸗ 
gung, wenn bei derſelben weiter nichts geſchieht, 
als daß — Geld ausgerheilt wird. Kür Arbeit, 
für Arbeit muß vorzüglich geforge werden. 
Durch das blofe Hilmofenaustheilen wird nur 
der gegenwärtigen Armuth geholfen; durch bas 
mit verbundene Arbeitanſtalt wird aber auch 
der künftigen vorgebengt. Die unterfien Staͤn⸗ 
de werden dadurch in Thaͤtigkeit erhalten; man 
verhindert ihre Sittenlofigkeit und trägt offene . 
bar zur allgemeinen Rechtfchaffenheis im Stans 
te bei. Iſt dieſe Vorſicht bei irgend einer Ars. 
menanſtalt nöthig: fo ift fie ed bei der unſri⸗ 
gen; weil in unfter Stadt alle Gewerbe tägs 
lich tiefer ſinken, und der Arbeit immer weni⸗ 
ger wird. Wie ich vorhin ſagte, in einer kur⸗ 
zen Zeit hatten wir ſaſt hundert Flachsſpinner, 
und koͤnnten jezt noch einmal fo viel haben, 
wenn wir Flachs für fie hätten. Gott, wie 
bat es mid) oft geſchmerzt, Leute unter den bit⸗ 
terfien Thraͤnen von mir weggehen zu fehen, die 
| ao“ 


484 Sintenis Predigten 


mich vergeblich um die einzige Barmherzig⸗ 
keit baten, ihnen Arbeit zu geben! — Und doch 
waren biefe Art von Leuten nur ein Theil uns 
feres Volle. Was thun nun die vielen Rinder 
wafrer Armen, die mit der Arbeit, die wir jezt 
für die Auflalt haben, fich nicht einmal: befchäfs 
tigen koͤnuten, wenn wir beren auch genng für 
fie hätten ? Was machen unfere zahlreichen 
Tagelöhner, die ſich in ben langen Winternäde 
sen. rein auszehrten, flarke Familien baben,noh 
nirgends Handarbeit genug erlangen koͤnnen und 

Son det jegigen Theusung des Brods noch oben⸗ 

beein gedruͤckt werden? Was nehmen unfere 

Profeſſioniſten vor, von denen immer einer nes- 
ben dem andern auf-feiner Werkſtaͤtte müßig 

fie? — Hilf Himmel, wie geht alles mit mir 

umher, wie wirrt und wogt alles in mir, wenn 

ich hieran denke! — — Ihr, die ihr bier 
obrigkeitliches Anſehen haber, Staatsmaͤnner 
von jedem Range, vereiniget euch doch alle im 
. beiligften Patriotiſmus, und ſinnet darauf, 
wie ihr hie und da einen unter uns abſterben⸗ 
ben Nahrungszweig wieder. gruͤnend machet, 
wie ihr dieſem ober jenem Gewerk wieder aufs 





über Armuth und Bettele. 485 


heifet, oder auch nur blofien Tageloͤhnergewinn 
unter die nach Arbeit feufzende Volksmenge 
bringe. Wohlhabende, einfichtövolle Mitbuͤr⸗ 
ger, helfet dazu beitragen! Vaterlandsliebe 
und Weltkenntniße bahnen den Weg hierzu — 
Freudigkeit über zu fliftendes Gutes wird Kraft 
Dazu geben, | 


Soll endlich das eingerichtete Armenmefen . 
bei und fortdanren: fo muͤſſen wir nun dad das 
zu erkaufte Hans, fobald ald moͤglich, einzus 
richten fuchen. Dis foll nicht blos dazu dienen, 
baß darinn audgetheilt werde. Cs foll auch 
dienen zu, einen Aufenthalte unferer Franken 

Armen, welde jezt bei allem Gelbe, daß fie 
koſten, noch elend verpflegt werben ! damit fie 
nicht ferner umlommen, wie ber Kifer, wenn 
er zu früh aus der Erde hervorkriecht, und 
nicht ferner vom Ungeziefer aufgezehrt werben, 
wie im ſchwuͤlen Sommer dad Gras auf dem 
verfengten Unger: 3 fol dienen zur Auf—⸗ 
nahme derjenigen Unglüclihen unter unſern 
Urmen, die ihre Vernunft verliehren, aber das 

‚bei doch immer unfere mitleidenswärbigfien 


Hh 3 


486 Gintenid Predigten 
Bruͤder bleiben; damit fie leben können, ohne 
Selbſtmoͤrder und Mörder unſchuldiger Kin⸗ 
der zu werden, ohne ihre Nachbarn in Feuers⸗ 
gefahr zu ſezen, und ohne jeder ſeinen beſondern 
Waͤrter zu brauchen. Es ſoll auch dazu die⸗ 
nen, daß darinn ein Saal angelegt werde, in 
welchem hundert Arme arbeiten und eben ſo 
viel im Winter ſich noch waͤrmen koͤnnen. Das 
Haus ſelbſt haben wir nun. Die Baumate⸗ 
rialien dazu haben wie Hofnung zu erhalten. 
Aber woher nehmen wir dad Geld zum Arbeits⸗ 
lohn für bie Bauleute dabei? — Meine Brüs 
ber! bie Kollekte, welche heute auf Befehl in 
ben Becken an unſern Kirchthuͤren gefammlet 
wird, diene dazu! O laſſet und doch biefe Ges 
legenheit ergreifen, Wohlthaten, ohne ums 
jern Namen nennen zu dürfen, an das 
Armenweſen auszutheilen! An jedem Orte, 
wo eingerichtetes Armenweſen iſt, wird derglei⸗ 
chen Kollekte als eine Quelle betrachtet, aus 
der daſſelbe mit unterſtuͤzt wird. Bei der Eh⸗ 
re unſrer Gemeine, laffet fie reichlich ausfallen! 
Soll id) euch etwa den gewöhnlichen Beweg⸗ 


gruud dazu geben, daß Bott es end) reich⸗ 


/ 











über Armuth und Bettelei. 487 


lich wieder vergelten werde? Nein — 
mein ganzes Herz empört ſich gegen dieſen. 
Was daͤchtet ihr wohl von einem Geber, der 
unter der Bedingung am Groſchen gäbe, daß - 
ihm dafür ein Thaler wieder werden follte? 
Alſo lieber chriftlich bei ber Sache gefpros 
den — gebet, daß Me nichts dafür hof⸗ 
fet! Euer eigened Herz lohne euch dafür, vers 
gelte ed euch durch frohes Bewuſtſeyn, recht⸗ 
ſchaffen gehandelt zu haben, und fegne end, mit 
den überfchwenglichen Gefühlen einer Seele, bie 
Sort nachgeahmt ba! — 

So Iaffet und nun anbern weiter helfen! 
Oder dis haben wir gu thun, wenn bie gufe 
Sache unter und beſtehen und immer vollkom⸗ 
mener werben fol. — Geradezu geſagt, 
fie wird alſo fo lange beſtehen, als wir alle zu⸗ 
ſammen wollen, daß fie beſtehen ſolle. Sie 
wird Reihen von Jahren hindurch fortdauern, 
wenn dis nuſer Wille iſt, und wird in vier Wos 
chen wieder zerfallen, wenn bis auch unfer Wille 
if. Meine ſaͤmtlichen Mitbuͤrger wollen dies 
fer Worherfagung jederzeit eingeben? bleiben; 
weil ich in jebem vorkommenden Falle mir ed 

u 254 


488 | Sintenis Predigten 


ſelbſt ſchuldig ſeyn werde, mich auf felbige vor 
der ganzen auswärtigen Welt zu beru⸗ 
fen. Ich rede, wie oben ſchon gefagt, heute bie 
lezten Worte über die Sache von biefer Stätte. 
Goͤnnet mir nun, meine lieben, die Mus 
be, wenu ich fie ſuche, wenn mein Geiſt, 
oder meine aͤuſſerliche Weltlage mir es zus 
Pflicht machen, daß ich fie ſuche. Unter 
ben Augen ber Kommiſſion, bei ber ich bin, 
. wird die Sache doch aufs befle fortgeſezt wer⸗ 
den. lach vollbrachter Arbeit fol je 
gut ruhen ſeyn. Beſchuldiget mid nicht 
der Untreue im Worthalten; ich habe mehr ger 
leiſtet, ald ich verſprach. ‚ Beichuldiger mich 
ichs des. Muͤdewerdens im Thaͤtigſeyn: ihe 
thätet fonft einer Seele Unrecht, die- vielleicht 
shätiger iſt, als fie ſeyn follte, wenn langes 
Erdenleber ihr einziges Dichten und Trachten. 
wäre! 
Dauk, heiligen, chrfurchtsvollen Dank um 
ſerer Landesherrſchaft für ihren edelmuͤthigen 
Zutritt zur Sache! Ohne fie hätten wir nichts 
fchaffen mögen. Heiſſes Erflehen der ſchoͤnſten 
Seguangen, die der Himmel nur bat, dafür 


a N 








über Armuth und Bettelei. 489 - 


über fie, fo lange ich bin! Dank allen hiefigen 
obrigfeitlichen Perfonen, die früher oder fpäter 
ſich für die gute Sache thätig bewieſen, Dank 
allen meinen Mitbürgern, die fie unterflüzten ! 
Dank auch denen, die mic) deshalb, daß ich 
unverkennbares Gutes fliftete, aufeinden 
tonnten. Ich bin ihnen mehr ſchuldig, als ih 
anfangs glaubte. Wie haben mich Weltflugs 
heit gelehrt, an der ed einem Manne, wie mir, 
ber ohne Umſchweif handele, bismal zum, 
Gluͤck noch gebrach. Sie haben mich offen⸗ 
bar moraliſch beſſer gemacht. Sie haben mei⸗ 
ve Kenntniffe von meiner eigenen Vaterſtadt 
ausgebildet; benn, fo wie ich manchen meiner: 


Mitbürger nun nach unternommener Sache hoͤ⸗ 
ber ſchaͤze, den id) ſonſt gewiß nicht genug ſchaͤz⸗ 


te: fo weis ich nun auch, bag ih manchen ans 
dern hochgeſchaͤzt habe, ber nie ein Gegen⸗ 
ſtand meiner Achtung zu ſeyn verdiente. Wol⸗ 
Ien fie ferner einen Gegenſtand ihres Haſſes 
haben: fo bitte ich fie, daß fie, da fie nur zwis 
ſchen der Sache und mir zu wählen haben, lie⸗ 
ber mich dazu nehmen. Ich glaube, daß ich. 
ed eher aushalten koͤnne, ald jene. Ich kann 


265 


.1 


490  Gintenis Predigten 


für mid) reden; aber bie Sache kann e8 nicht 
für ſich. 

Und nun, meine Brüder, zum Shtluſſe? 
— Der Druck meiner beiden Predigten, wel⸗ 
che ich für das hieſige Armenweſen hielt, hat 
bis auf diefen Tag nahe an tauſend Thaler eins 
gebracht. Diefe Summe erwuchs theild aus 
den Verkaufe der Predigten ſelbſt, theils durch 
Beiträge, welche inns und anslaͤndiſche Men⸗ 
ſcheufreunde mir übermachten. Ich konnte das 
‚Geld austheilen, wie ich wollte. In Anſehung 
der and meinen Prebigten geldfeten Summe 
war dis narkrlich, weil ed im Grunde Ertrag 
meiner eigenen Arbeit war. Und bie freiwilli⸗ 
gen Beiträge , deren Geber ich nur zum Theil 
dem Nahınen nach Fenne, wurden mir ganz zu 
meiner freiwilligen Difpofition überlaffen, daß 
ich fie nach meinem Gewiſſen austheilen follte, 
Jezt iſt die ganze Summe ausgegeben; ja id 
bin ſchon im Vorſchuß. Ich finde mic, beds 
halb nicht für verpflichtet, vor irgend einem der 
gewöhnlichen Richterftühle darüber Rechen⸗ 
(haft abzulegen. Uber id) habe fie doch abs 
gelegt; abgelegt vor einer Gefellfhaft meiner 


über Armuth und Bettelei. 493 


Mitbürger, an deren Redlichkeit Fein Zweifel 
iſt; und jezt iſt meine lange, darüber geführte 
Rechnung in einer gewiſſen Hand, in die ich 
fie laͤngſt fchon wuͤnſchte. Inzwiſchen bin ich, 
da ich das Driginal von ihr felbft noch befize, 
erböthig, fie jedem, der fie fehen will, zu zeis 
gen, unb werbe mich recht freuen, wenn viele 
fie ſehen wollen; damit meine Mitbuͤrger fi 
überzeugen, wie feit ſechs Monaten mein Les 
ben nichts als ein immerwährender Umtrieb 
im Theilnehmen an fremden Leiden und in Ers 
leichterung derfelben geweſen iſt. Mit diefer 
betraͤchtlichen Summe habe ich ſeither alle auſ⸗ 
ſerordentliche Unterſtuͤzungen beſtritten. In 
ben Rechnungen der Armenkaffe iſt weiter kei⸗ 
ne Ausgabe von mir aufgeführt, ald was in 
den ausgetheilten Büchern ben Armen feflges 
ſezt iſt. Ich fage bis wohlbedaͤchtig, um allen 
nachtheiligen-Meben, mit welchen ſich verfchies 
dene unter und die Zeit vertreiben, ein Ende zu 
machen. Sc babe damit bie Kaffe iu Vor⸗ 
rath gebracht, habe Leben gerettet und Todes⸗ 
angft erleichtert, und unfern Armen durch Ans 
auf vielen Holzes einen ber ſchrecklichſten Wins 


‘ 


- 


492 . Gintenis Predigten 


ter erträglich gemadt. Diefen legten Segen, 


den ich geſtiſtet, raubt mir ja wohl mein ums 


verſoͤhnlichſter Feind nicht.... 


| 


Meine Brüder! mein Hans war felt einis 


ger Zeit eine Freiflätte, wohin unfere Leidens 
ben flohen. Im der Stube, in der ich wohne, 


find unzählbare menſchliche Thraͤnen gefloffen. 


Ach! wie koͤnnte ich beffen je vergeſſen! Wie 
oft habe ich, wenn Elende mit Jammerthraͤnen 
zu mir Famen, und mit Freudenthränen von 
mir giengen, ihnen meine Dankthraͤnen gegen 
Gott im Verborgenen nachgeweint, der mid 
fo begmadigte, daß ich ihnen helfen konnte! Uns 
audfprechlich iſt meine Arbeit von Gott gefeg 
net worden. Und wem mir nun auch nie 
wieber etwas gelingt: fo will ich denken, daß 
ich recht reichlich hierdurch vom Schickſal abge⸗ 
funden ward. Ich bin belohnt — belohnt 
durch glüdlichen Erfolg. Möchte ich jeben, 
der Gutes thun kann, anreizen, es zu thun! 
Moͤchte ihn allemal auch nur halb der Gegen 
babei treffen, ber mir zu Theile ward! Fa, 
id) habe gefehen, daß ſich noch Gutes auf Er⸗ 


N 


über Armuth und Vettelei. 493 


den genug thun laſe, daß die Welt noch nicht 
fo gar im Argen liege, wie manche Menſchen 
vorgeben, uud daß eben dieſe vielleicht am tiefe 
flen nur barinn liegen. So länge ich lebe, foll 
es mid) freuen,. daß ich im männlichen Alter, 
wo die Welt am .meiflen von uns zu fordern 
berechtigt ift, Kräfte, die ich in mir fühlte, nicht 
furchtſam, wie andere, verbarg; ober träge vers 
grub, fonderu mit ihnen frei bervortrat und 
wirkfam ward, Sch will e8 mir. zur Pflicht 
machen, recht oft und laut von ben Frenden 
ber Menſchenliebe zu reben, da ich fie num-fe 
ans Erfahrung Eenne. In jedem Unglüd, das 
Gott noch über mich verhängt, foll ed mich troͤ⸗ 
fin, daß ich für Leidende ſprach, gieng und 
wirkte. Das Buch, in welchem ich Alles, was 
ich einnahm und ausgab, auffchrieb, foll unter 
allen Büchern noch das lezte ſeyn, in dem ich 
blättere, und mein ältefler Knabe foll es einſt, 
als meinen fhönften Nachlaß, aus meinen 
Händen empfangen und ed wieber feinen Kins 
bern laſſen; damit es bleibe langer Reiz zur 
Nachahmung und zum Segenſliſten meinen 
Nachkommen u 


494 Sint. Pred. uͤb. Arm. u, Bettelei. 


Habe ich bei euch, meinen Mitbuͤrgern, 
durch dieſe meine Handlungen gewonnen? — 
bei Auswaͤrtigen gewann ich — — um ſo 
mehr wohl mir! Gonnet mir ferner eure Lie⸗ 
be: Ich will ihrer Immer würbiger zu wers 
den ſuchen. Trennet und das Schickſal: ſo 
ſegnet mein Andenken! Finde ich — ach, die 
Wege der Fuͤrſehung find dunkel — bei end 
ein frühes Grab : fo lieber au meiner Statt 
meine Hinterlaſſenen! Rufet mir im Tode 
nichts weiter nah, ald — er half andern 
gern! Mein Geift wird zwar alsbaun, wenn 
ihr dis fprechet, ſchon in feligern Geftlden ſeyn, 
wo er Feines Troſtes mehr bebarf; ; aber auch 
da hinüber folk ihm dieſer euer ra noch 
als Silberton Enger .... 


Von bem | — 
Mittrlmaͤßigen 
bei ’ 


WVerwaltung eines Staats, 


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Gedanten eines Königlichen Staat⸗ ⸗Miniſter 
un. Gr. W. 





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497 


E. iſt in der Mechanik ein auf Erfahrung 
gegruͤndeter Saz, daß zu kleinen Maſchinen 
keine großen Raͤder, oder Federn müffen aus 
getvenbet werben. Die Natur giebt uns hier⸗ 
zu ſelbſt Anleitung 5 die geringfien Mittel 
bringen, in eingeſchraͤnktem Veryaͤltniß ‚ben 
bewaͤhrteſten Effect. 


Sn ber politifchen Mafhine, iſt eine ‚ges 
wiſſe Mediocritaͤt für” ein wahres Gluͤck der 
Vorſehung anzuſehen: wann der Kreis, worin⸗ 

nen der Verſtaud arbeiten ſoll, enge beſchraͤnkt iſt. 


Ein kleiner Fuͤrſt, ein regierender Biſchoff, 
welche das Genie eines Friedrichs, oder Six⸗ 
tus V. haͤtten, wuͤrden das Verderben ihres 
Landes ſeyn. Hoͤchſtens entſteht hieraus Per⸗ 
ſonal⸗ Größe: ſolche disharınonive nur gar 
zu oft mit der Local» Bröße, 3.8. einem 
Rudolf von Habsburg hat es gegluͤckt, ſich und 
ſeine Familie zu erheben. Allein ſein Vatere J 

Patr. Archiv, III. Theil. Ji 


498 Bon dem Mittelmäßigen 


land, die Schweiz, litte gewaltig durch feine 
Größe. Alſo ift die Mediocrität der Res 
genten für Pleine Staaten eine wahre 
Gnade Gottes. 


Nun iſt die Frage: 

Muß deswegen Alles mediocre in ſolchen 
Landen ſeyn? 

Ich bin der ganz entgegen gefezten Mei⸗ 
nung: ſchwache Staaten können fidy nur durd 
Eröftige Rathgeber erhalten. Wo die Maſſe 
. an fih auf feſten Pfeilern ruht, wie z. B. in 
Frankreich, da kann dad Mtiniflerium manch⸗ | 
mal (doc) nicht zu lange) ſchwankend, mittel 
mäßig, ja wohl gar verdorben feynz aber bei 
Eleinen Staaten, die der erfie Wind ummirft, 
müffen fletd Leute vom größten Gewichte für 
die Öffentliche Sicherheit wachen — wohlver⸗ 
flanden, daß ſolche Miniſter nicht Sully, Ris 
chelich. Kaunitze, ſeyn wollen — Die aber, 
welhelts auch zu bemerken, bei ihren vielleicht 
aͤngſtlich Heinen Negotiationen, Anordnungen, 
Rentirnügen, Juſtizſachen, u. d. m. eben ſo viel 


bei Berwaltung eines Staats, 499 


Fleiß, Xalente, j je wohl gar kKopf, ‚ls; jen | 
Genies, beweifen muͤßten. 


F Lieber Himmel! höre ich jemanden fagen, 
wo in aller Welt koͤnnen wir eine foldie Ans 
zahlt Männer finden! — und haben wir fie 
auch gefunden, wie ift es möglich, daß fie bei 
diefer Arbeit ihre Spannfraft beibehalten, ober. 
wäre.aud) biefes, durch was: vor Mittel wife . 
fen: wir folcde Leute bei und gu fiziren A«. 


Dhme mich in weitkäuftige Widerlegung bies 
fed Sazes  einzulaffen, begnuͤge ich mich zwei: 
Beifpiele anzuführen,‘ wo immerwaͤhrende fefle 
Siſteme Minifterien erhalten, fo nie ausſter⸗ 
ber. Das erfte exiflire feit 600 Sahren wes 
nigſtens: es iſt das Conclave der Kardinaͤle zu 
Roms dad andere macht. den Grund der Groͤße 
des Hauſes Deflerreichd ; feit 300 Jahren era 
halt es ſich blühend durch fein. Miniſterium. 
Rom und Wien fanden befländig Leute von 
andgebreitetem Verdienſt, durch weldyeihreSous - 
veraine alle Capricen des Schickſals befiegten. 

Ji⸗ 2 | 


gco Vondem Mittelmaßigen 
Matuͤrlich / iſt es, daß ich ‚hier die größten 


Monarchen Europend nicht in ihrer jezigen 
Hoheit anfuͤhre, ſondern von dem Anfange 


und erſten Fortgange ihrer Betriebſamkeit rede, 





wodurch ſie endlich ſo hoch geſtiegen. Daher 


auch das Spruͤchwort: kein Papſt, kein 
Kaiſer ohne rRath, eine goltene Senten; 


worden iſ. 
\ 


SE Ha war auch helchchen, daß ein Di 


nifter ein gu weis ausſehendes Genie hat, wos 


durch er auf einige Zeit ein Land verwirren 
Tann: Branvella, Mazarin, geben hieven 


Proben; allein biefes ereignet ſich felten, oder 
auf Eurze Zeit in Beinen Staaten. Oppen⸗ 
heimere und Süße und Daehne find balt 
geflürze worden. Solches gefchieht aber nicht 


bei Megenten, deren Ehrgeiz weit über die 


Stärke des Staats gefpaunt, feinen Ton auf 


folgende Generationen ausbroitet, und ſelbſt 
dadurch was nuͤzliches, ober großes zu thun den⸗ 
ket — ein Gedanke, der nie in des Miniſters 
Sole Wurzel faßt. Iſt er ein ehrlichen 


j 
| 


. bei Verwaltung eines Staats. or 
verftändiger Mann, fo arbeitet-er für - 
den Staat mehr, als für die Perfon des - 
Sürften: und im Gegenfaze iſt et ein Wage⸗ 
hals, der für ſich allein exiſtirt, danwihat ex 
doch Augenblicke, wo ihm fuͤr ſein Vermoͤgen, 
feine Kinder, ſeine Reputation „oder ‚feinen 
Kopf, bange wird; ein Lenitif, welches mans 
he abentheuerliche, ober. raſche Handlung zus 
ruͤckhaͤlt, ſonderlich in Heinen Landen, wo das 
Verhaͤltniß des Gewiſſens, gegen den bes Vers 
luſtes, mehr Gefahr als Gluͤck Värbietet. 


.% 
L 


Webe dem Lande, wo der Allein 
herricher aus Mißtrauen oder Ehrſucht 
alles thun will. Solches wiegdedadurch fo 
heruntergeſezt, daß ſelten dieſe, gyzipungeng, 
Scheingroͤße ſich bis auf den Tod des Defpos 
ten erhält, und nie auf feine Nachfolger ſich 
ererbt. Denn hätte auch erflerer, Burdk ein 
kaum zu glaubendes Ungefähr, ein Wuiverfal«‘ 
Genie: fo Fan er doch unmöglich zu Wen Zei⸗ 
ten aller Orten feyn, nnd dann Wo- bleibt bei’ 
ſolcher mechauiſchen Regierung ber Ttieb zum: 

Ä Ji 3 | 





303 Von dem Mittelmäßigen: 


Erhabenen, ‚wann Untexgebene unaufhoͤrlich 
Subalternen bleiben follen ? Da formirt ſich 
feine Pflanzſchule zu Eünftigen Stuͤzen de 
Staates. Das Handwerk der Ja⸗Herrn er— 
ſchlaft: alle Spannkraft. Da, wo Viemand 
widarſprechen darf, bleibt dem freien 
Willen kein Eigenthum: und wo alle 
Handlungen vorgeſchrieben find, erloͤſcht 
des Trieb zum Großen. 


ilein wie ſoll der Fürft fi num helfen, 
ſonderlich wann er ſo iſt, wie ich es von allen 
wuͤuſche, von nicht uͤberſpannten Geiſtesgaben? 
Wie kann er ‚gute Rathgeber finden? 


Freilich ME’ dieſes hoͤchſt ſchwer: dem hat 
er auch ein ehrliches Herz und ſucht feines Gleis 
gen, ſo ſo if dieſes nicht hinreichend. | 


E⸗ würde von mir eine abenthenerlche 
Praͤterſi ien, ober einen unnuͤzen Schulwiz vers 
rathen, wenn ich mich Hier unterſtaͤnde, bie ers 
forderlichen Eigenſchaften eines Miniſters zu 
entwerfenn — Auch wuͤrde ed manchem Re⸗ 





bei Verwaltung eines Grassk 503 


genten zu abflract feyn. Um alfo leichten von 
der Sache zu kommen, wage ich ed, einige wen 
gative Aualitäten herzufezen, durch welche man 
den mediocren Verfland erkennen und ald uns 
tauglid) verwerfen kann. 


In bieſe Categorie gehoͤrt 
Der Mann, der Niemanden anhoͤrt: fiets 
von ſich, feinen Gefhäften, feinen Thaten redet? 
der fich einbildet, oder andere weismachen will, 
alles gefehen, geprüft, verſucht zu haben. 


Der andere, ber tollite! gegen alle erhabe⸗ 
ne Ideen ſchreit: der das alte Herkommen zur 
Grundlage ſeiner Handlungen macht. 


Der dritte, der mit Üblerdaugen alles auf 
den erſten Blick durſchauen will: jede Sache, 
die er nicht begreift, für. Non-Sens: jede Mei⸗ 
nung, bie er nicht verfteht, für Vorurtheil: jer 
de Verfaſſung, ſo ihm im Wege ſteht, fuͤr land⸗ 
verderblich anſieht. 


Der vierte, den weder Freude noch Leib 
bewegt: ter feinen ledernen Stuhl im Conſeil 
Sig 


504 Bon dem Mittelmäßigen 


für einen Thron hält, von bem er die Wiens 
ſchen richtet. und alles, was vor ihm ſich nice 
beugt, als nichts anſieht: den man durch 
Schmeicheleien uͤber ſeine Verdienſte hinreißt, 
daß er alsdann ſein Herz eben ſo in ſeinen Haͤn⸗ 
den traͤgt, als der heil. Dionyſius fin abges 
ſchlagenes Haupt. 

Der fünfte, ber hören, begreifen und ride ⸗ 
Gen, für eine und dieſelbe Sache anfieht. 

"Der fechfle, der nur das dunkle, compficits 
ve, diffuſe, verwickelte liebt: das ſimple, plane, 
gerade, ſchlichte, verachtet: 

Der fiebende, der mnaufhörlih beſorgt, 
man möge ihn bercägen, bevorthejfen, compro⸗ 
mitiren. 

Der achte, der das Wort Nein zu ſeinem 
Wahlſpruch erkießt, und ſich etwas beſonders 
"baranf einbildet, unzaͤhliche Sontrabietionen das 
ber zu orgeln. | | 

Der neunte, ber nur in einem Fade fat 
telrecht iſt: feine Schwäche in andern kennet, 
mb um ſolche zu verbergen, eine offenbare Vers 


x 








bei Verwaltung eines Staats. sos 


achtung gegen ſelbige aͤußert, dem ohnerachtet 
aber mit Rieſen⸗Haͤnden alles in fein Fach zus 
fammendrängt, ed mag fich ſchicken, oder nicht. 


Der. zebende, ber gegen allen Sim unb 
Verſtand / die Rolle eined Hofſchranzens fpielt, 
alles mitmacht und Ueppigkeiten, Verſchwen⸗ 
dung und Zeiterfäumnifle da einfährt, wo Tu⸗ 
gend, Fleiß und Arbeit Statt finden ſollten. 


Der eilfte, der ſechs oder ſieben unterfchier 
denen Reputationen nachjagt: Ruhm, fo ans 
dere erwerben, ald eine Beleidigung gegen ihn 
anfiehet,, folchen hingegen für fih zum Mono⸗ 
polium macht und auf feine Perfon alles im 
Staate concentrirt. | 


Der zwoͤlfte, der ein paar fremde Laube ges 
‚ feben bat, und ein jedes, was vorkommt, nad 
diefem Maaßſtabe mißt: der Gewaͤſche für Ges 
lehrſamkeit hält, Memorie ſtatt Verſtand aus⸗ 
giebet und einfeitige Erfahrung au der Stelle 
Gedanken ruͤhmt. , 


- iz 


506 Bon dem Mittelmaͤßigen ec. 


Haß gegen gewiffe Stände, Handwerks⸗ 
neid, Emporbringung feiner eignen Familie, 
ober Eriechende Ergebenheit gegen andere, Geld⸗ 
geiz und dergleichen Niedertraͤchtigkeiten mehr, 
führe ich hier nicht an; indem ich fo viel einem 
Megenten zutrane, daß er Leute, welche damit 
gebrandmarke find, nie einer Achtung wuͤrdi⸗ 
gen wird, und fie daher nicht in die Concur⸗ 
renz Tommen Finnen. 








XV. 
Von 


Stonomifchen 
Geſell ſchaften, 


insbeſonder 
der Fuͤrſtlich Baadiſchen zu Carls 
ruhe und denen in den Oeſter⸗ | 
rreichiſchen Erblanden, 








DJ man bie Geſchichte von Leben, Tha⸗ 
ten und lezten Stunden der deutſchen bkonoml⸗ 
fchen, patriosifchen, Ackerbau⸗ kameraliſch⸗ phis 
fikaliſchen und anderer Geſellſchaften, ver Lands⸗ 
Dekonomies Deputationen, Land» Commipßios 
nen und wie fie weiter heißen, beiſammen haͤt⸗ 
te, fo würde fie einerfeitd ruͤhmliche Denkmahle 
von Menfchens und Vaterlands Liebe aufflels 
Ten, andererfeitd aber auch fehr demuͤthigende 
nnd traurige Veweiſe von dem ewigen Con⸗ 
flict des menfchlichen Verſtandes und Willens, 
von dem ewigen Kampf ber Rechtfchaffenheit 
mit Bosheit, Neid, Dummheit, Eigenlicbe unb 
Eigennuz, von ber nervloſen Schwäde ber 
meiften guten Vorſaͤze der Regenten und von 
der alten und allgemeinen Erfahrung darlegen: 
daß es immer leichter fei, Gutes zu hindern 
und zu zerflören, als Gutes zu thun; daß 
ſcheinbar gute Anflalten gemeiniglih nur fo 
Lange dauern, ald Eigennuz, Anſehen und ans 
dere Neben s Übfichten dev Theilnehmenden das 


e 





Bann man bie. Geſchichte von Leben, Tha⸗ 
tem und lezten Stunden der beusfchen bkonomi⸗ 
fchen, patriotifchen, Ackerbau⸗ Fameralifchs phis 
fikalifchen und anderer Gefellfehaften, ber Zander 
Dekonomies Deputationen, Land» Commißios 
nen und wie fie weiter heißen, beiſammen haͤt⸗ 
$e, fo würde fie einerfeits rahmliche Denkmahle 
von Drenfchens und Vaterlands⸗Liebe aufftels 
Ten, anbererfeitd aber auch fehr demuͤthigende 
and traurige Veweiſe von dem ewigen Cons 
flict des menſchlichen Verfioudes und Willens, 
von dem ewigen Kampf der Rechtfchaffenheit - 
mit Bosheit, Neid, Dummheit, Eigenliebe und 
Eigenunz, von ber nervloſen Schwäde ber 
meiften guten Vorfäze der Regenten und von. 
der alten und allgemeinen Erfahrung darlegen: 
daß ed immer leichter fei, Gutes zu hindern 
und zu zerfiören, ald Gutes zu thun; daß 
fyeinbar gute Anflalten gemeiniglih nur fo 
lange bauern, ald Eigennuz, Anfehen und aus 
dere Neben» Übfichten der Theilnehmenden das 


e 


si Von dkonomiſchen 


Unterthanen um neue Abgaben, oder gutherzi⸗ 


ge Kapitaliſten um ihr Geld belügen und bes 
fiften, den Söhnen, Schwiegerfühnen und Vet⸗ 
tern deiner Obern aber zu Dieufl, Brod, Com⸗ 
mißionen und andern Bortheilen helfen kauſt, 
uͤbrigens deinen Namen und Einfaͤlle ſie ſo 
ſelten, als moͤglich, leſen machſt. So, pur fo, 
kanſt du in dem Land, ſo dein Vaterland iſt, 
leben und alt werden; iſt dir diß zu wenig, ſo 
geh vier Wochen in die Refidenz, höre und ſehe 
unb machs meinetwegen, wie andere. Kommſt 
du aber irgendwo in ein Land, wo Menſchen⸗ 
und Ränderwohl das Stecdenpferd deines Herrn 
oder feines Miniſters iſt, fo thue mit frohem 
. Eifer alle daB Gute, was du nach Zeit und Ge⸗ 
legenheit thun kanſt, und bir zu thun erlanbt und 
befohlen wird, vechne aber nie auf vielen Dank, 


noch weniger anf dauerhafte zeitliche Süd, 


thue felbfl des guten nie zuviel auf einmal, 
fhone der Schwachen, denen bein Eifer Vor⸗ 
| wurf, ſchone fogar ber Böfen, denen du gans 
zer Menſch, wie du gehft und ſtehſt, Dorn in 
Auge biſt; den Spruch Davids: „Verlaß 
„did nicht anf Fuͤrſten, ſie ſind Menſchen, die 


bins 


/ 


Geſellſchaften. 813 
„kbuuen ja nicht helfen“ laß die unter Glas 
in ein vergoldtes Raͤhmgen faſſen und haͤnge 
es Äber deinen Arbeitstiſchz wann du dann ala 
Ted Jahrelang mit thätigfter Treise gethan haft, 
laß dichs nicht befremben, wann du zulezt 
gleichwohl als ein Ignorant, Lügner und Bes 
‚sräger bei deinem. Herru angegoßen wirſt, 
wann ſelbiger, weil ex zu ſchwach ober zu faul 
iſt, zu prüfen, ben Verlaͤnmdern blindlings 
glaubt, dich aber aus erheblichen Urfachen 
caßirt, dann nimm, wann bu Fanft, deinen 
Stab in die Hand, gehe auf Gottes Erdboden 
weiter, mach dich gefaßt, baß dirs überall fo 
ergehen koͤnne, Laß dich feiner guter Handlung 
fe gereuen, handle immer und überall mit glei⸗ 
chem Eifer und Treue und bedenke: daß man 
Der kranken Welt auch wider ihren. Dauk und 
and Willen Gutes thun, uber auch ihren von 
je ber gewohnten‘ Lohn ſich gefallen laſſen und 
der Beit erwarten muͤſſe, wo ber, fo ind Ders 
borgene ſiehet, jedem vergelten wird Öffentlich, 
je nachdem er gehandelt habt bei Leibes Leben 
gut ober boͤs. 


patr. Archiv, DL. Theil. ME 


514: Don oͤkonomiſchen 


Iſt dieſes der. Hintergrund , der flärkfii - 
Schatten im Gemählde, giebt es noch Gottlob! 
deutſche Lande, wo man ohne Gefahr aͤhnli⸗ 
her Behandlungen Patriot ſeyn nud zwar 
nicht juſt alles, aber doch manches Gute thun 
Tan, fo bleibt doch das Eingangs gefagte von 
den Schietfalen gefchloßener Gefellichaften wahr, 
weil eö-Teine ſchwermuͤthige Traͤumerei, ſon⸗ 
den traurige Thatſache von fo. vielen bereits 
entihlafenen, noch in legten Zügen liegenden, 
am Innern unheilbaren Gebrechen hinſchmach⸗ 
senden Anſtalten diefer Gattung iſt. 

Es iſt weder mein Zweck, noch geſtattet 
der Plan dieſes Werks, ein ſolches Todten⸗ 
und Krankenregiſter zufammen zu tragen,doh 

konnte und wollte ich auch biefe traurige Bu 
meierkungen nicht zurüchalten, da fie mir bei 
Gelegenheit der Geſchichte einer Geſellſchaft 
beigegangen find, beren man vor vielen andern 
‘Reben, Geſundheit, Waͤchſsthum und Gedeihen 
hätte zutrauen dörfen und follen. Ca iſt ſol⸗ 
ches bie von dem jeztregierenden Herrn Mary 
grafen zu Baden Un. 1765 gefliftete, von 
dieſem Fuͤrſten und deſſen Herrn Bruder in 





Geſellſchaften. 515 
ſelbſt Perſon beſuchte, mit verſtaͤndigen und 
thaͤt igen Männern beſezte, und gleichwohl in 
ihrem erften Lebensjahr ſchon wieder verborrte 
und getrennte Geſellſchaft der nuͤzlichen 
Wiſſenſchaften zu Beförderung des ge⸗ 
meinen Beſten. | 

Deren Entſtehung und Miräticber ‚ben 
Plan ihrer Bekanntmachung und fih vorgeſez⸗ 
ten Beſchaͤftigungen und⸗ ihre Schickſale kan 
man in Herrn Regierungsraths Schlettmein 
Archib vor den Menfchen und Bürger, 1 Band, 
S. 450 ausfuͤhrlich nachleſen; ich begnuͤge 
wich, davon nur folgendes‘ anzuführen; welches 
die fehlerhafte ftamina vita biefes oͤkonomi⸗ 
{hen Kindleins and daher unvermeidlich ges 
worbene Auszehrung ganz offenherzig vorlegt: 
„Die Wirkungen der Karlsruher Geſellſchaft 
gienge im Anfange nach Wunſch. Wuͤrklich 
wachte der Geiſt des Nachdenkens und der This‘ 
tigkeit im ande fehr auf, und verfchiebene wuͤr⸗ 

dige Männer, geiſtliche und weltliche, uͤberſen⸗ 
deten ber Societaͤt über mancherlei nüzliche 
Gegenſtaͤnde ſchoͤne, leſens⸗ und beherzigungs⸗ 
wuͤrdige Aufſaͤze. Das Land Di nothwen⸗ 

| F | 


516 Bm demomifchen 


big von Jahr zu Jahr vervielfältigten Ges 
gen son ben Bemühungen der Godetät, bie 
eine fo vorzuͤgliche Situation hatte, ‚ enpfins 
den mäflen, wenn ihre Fortdauer beſtimmt 
geweſan wäre . Über dad war nie. Un⸗ 
ser den Gliedern der Geſellſchaft waren nur 
rin Paar, die wuͤrklich arbeiteten, aber fie was 
zen mig praftifchen Gefchäften beladen, und 
Bonten nicht bie allwwächentliche Verſammlun⸗ 
gen der Gefellfhaft in Thaͤtigkeit erhalten. 

Daher wurden fchon gegen bad Ende des Jahrs 
"265 bie Zuſammenkuͤnfte der Societät mehr, 
malen ausgeſezt, wenn biefe Arbeiter gerade 
nichts vorzulefen hatten, und auch ans dem 





Lande nichtd eingegangen war. Diefe Unters = 


brechung ber Societätd » Verfammlung wurde 
fogleih Landkundig, und der Eifer, vor bie 
Gefellfhaft zu arbeiten, wurbe fo Kalt, als 
Nfammend er im Anfang gewefen war. Die 
Verſammlungen der Geſellſchaft wurden nicht 
weiter angeſagt, und ſo hatte die Societaͤt ein 
viel zu frühes Ende, Die von ihrem Stifter zur 
Bildung eined gemeinnuͤzigen Volkogeiſtes ge⸗ 
weihet worden war.“ 


Geſellſchaften. 8317 


Geſchleht das am grünen Holz, was voirbs 
am bürren werben? - F 

Ueber dem duͤrren Holz fallen mir die von 
der hoͤchſtſeligen und menſchenfreundlichen Kai⸗ 
ſerin Königin Maria Therefia in faſt allen 
ühren deutſchen Provinzen geſtiftete und zum 
Theil reichlich dotirte patriotiſche und Ackerbau⸗ 
Geſellſchaften und mit denſelbigen basjenige 
ein, mas ein angeſehener Staats⸗Beamter im 
einer der wichtigften Defterreicytfchen Provin⸗ 
zen, welcher Direktor einer folchen Geſellſchaft 
war, Graf von® * vor nun 15 Jahren über 
feine Lage an mich gefchrieben hatte. Es iſt 
zu fehr ähnliches Schickſal mehrerer Bieder⸗ 
männer, als daß es nicht Troſt wäre, feinew 
Klagen: zuzubören. Im Ian. 1771 ſchrieb 
er noch: „Das Beſtreben, die gemeine Gläde 
feligfeit zu befördern, verbindes ganz gewiß im 
einem watürkichen Band zufammen alle Pa⸗ 
teloten, welche von fo eblen Gefinnungen eine 
genommen find ; ber Zwiſchenraum fo vieler. 
Provinzen, bie biefelbe abfondern, die verſchie⸗ 
bene Sitten und Gebräuche, welche fo unters 
ſchie dene Volterſchalten beleben, koͤnnen dieſes 

Rk3 


E18 Won dkonomiſchen 


| Band am fo weniger auflöfen, als der Ends. 


zweck des Patriotend, feine eigene Entdeckun⸗ 
gen und Erfahrungen zum. Nujen des Ganzen 
mitzusbeilen, baffelbe nur mehr und mehr bes 
bevefliget. . Cw. zc. kennen aber bie Deflers 
reichiſche innerliche Verfaſſung allzugut, als 
daß ich mit weitlaͤuftigen Beweiſen erſt darzu⸗ 
thun hätte, daß bei und bie Landes Verbeſ⸗ 
ſerungen immer nur auf der Schneckenpoſt * 
vollbracht werden. 

Den 16 Sept. eben. dieſes Jahrs 1771 
mußte der edle Mann dad hofnungdlofe Bes 
kaͤnntniß thun: „Die Geſinnung, welde ic 
bei Uebernehmung ber aud Handen Ihro Mais 


ber Raiferin ſchon vor 9 Jahren erhaltenen Die 


rektion der Ackerbau⸗Geſellſchaft, nebft andern 
oͤkonomiſchen Auſtraͤgen geſezt habe, war rein, 
rechtſchaffen und pflichtmaͤßig, das Schickſal, 
fo mich dabei betroffen, war alſo auch benfels 
ben glei und nun muß. ich ganz offenherzig 
befennen, daß mein Muth endlich zu ſinken 
anfienge, daß mein Eifer immer um das Beſte 


bed Staats gegen die maͤchtigſte Widerſprecher 


*) Dieſe iſt nun in extra⸗Poſt verwandelt, 


’ 








Geſellſchaften. 519 


zu flreiten, und daß ich nunmehro meine aufs 
gehabte fämtliche Bedienſtungen Ihro Maje⸗ 
ſtaͤt zu Fuͤßen zu legen, gleichſam gezwungen 
war. Mir wuͤrde unmöglich geweſen ſeyn, 
ein Amt laͤnger beizubehalten, in welchem, ohn⸗ 
geachtet meiner eifrigen und pflichtmaͤßigen Be⸗ 
ſtrebungen, das Wohl des Vaterlands in voll⸗ 
kommener Maas werkthätig zu befördern, ime 
mer nur ald ein eitler Wunſch anzufehen und 
wobei mit ‚meiner Pflicht and Denkensart zu 
vereinbaren nicht vermochte, daß Vorfchläge 
mit Vorſchlaͤgen überhäufet, bie Thaͤtigkeit und 
Vollſtreckung hingegen niemals erfüllt und 
faſt alles in dem vorigen Stand leblos gelaffeni 
wurde. Nunmehro befinde ich mic) ganz ru⸗ 
Dig auf meinem Landgut, allwo mir jene ſchon 
fo oft mit vollem Hals vergebens geprebigte 
Grundfäze bei meiner Landwirtfchaft, zwar in 
einem engern Zirkel, gluͤcklich audzuüben ges 
lingen, welche man hoͤhniſch ansfpottete, vor 
Hirngefpenfter, Abentheiter und Träume ans 
fahe. Nichts iſt vermögend, in meiner Ruhe: 
mich zu flören, die jedoch mit vielfältigen eins 
zeln Geſchaͤften begleitet iſt, ald des Gedanke, 
| Kk4 


0 Won deomomifthen 


daß ich uunmehro vor ben Staat, vor mein 
werthes Vaterland und hoͤchſten Landesfuͤrſten 
'annüz und müßig leben muß. Diefer Gebaus 
Ze wäre fähig, mich ala ber beftigfle Strom, 
zu meinem Verderben, öfters hinzureißen, wen 
meine vernünftige und sugendhafte Gemahlin 
mich, ald eine weife Gehauͤlfin, nicht zuräd und 
aufrecht hielte. Sehen Sie, wuͤrdigſter Freund, 
daß allbier, wie dorten, eben auch politifche 
Krankheiten vorhanden find. Ungluͤcklich aber 
diefe Gegenden, mo man geſchickte Aerzte nicht 
gu finden weiß, ober nicht gebrauchen mag. Die 
in einem gewiſſer Bezirke taͤglich vornehmende 
Abaͤnderung ber Aerzte follen und ja mit Grund 
hoffen machen, daß bach einmal einige ergiebige 
Heilungs⸗Mittel vor die vielfältige Gebreꝛ;hen 
des Staatokoͤrpers würden ausfindig gemacht 
werden, allein ſo lang nicht ein ſolcher Proto- 
Medicus geſezt ſeyn wird, der die Schaͤdlich⸗ 
keit der immerwaͤhrenden Brech⸗Purgier⸗ und 
Ausſaugungs/-WMittel eines theils erkennt, an⸗ 
bern theils hingegen den Zufluß der gebeihlichen 
Lebendſaͤfte befoͤrdert und bie Vermehrung ber 
vielfältigen gefunden Nahrungsarten ſtandhaft 








. Geſellſchaften. 5 


an die Hand nimmt, fo lange verzweifle ich 
Sinmer an ber Heilung bed hinliegenden Staats⸗ 
Förpers st i 
Es war aber den Anti» Patrioten nicht ges 
ung, ben thaͤtigen und rechtichaffenen Vorſteher 
muͤde gemacht und weggedruͤckt zu haben, «8 - 
mußtie ihm auch noch gewohnter Lohn und Dantl 
gu Theil, ex mußte auch noch verlaͤumdet und 
augeſchwaͤrzt werden. Mit fihtbarer Weh⸗ 
muth ſchriebe er mir daruͤber den 16 Mai 17722 
„Daß die Niederlegung meiner obgehabten 
Dienſte allerhoͤchſten Orts begnehmiget worden, 
verurſachet mis nicht die mindeſte Unruhe, baum 
ich unternahme biefelbe mit vollſtaͤndiger Ueber⸗ 
legung und beſtem Abſehen; allein daß Ihro 
Majeſtaͤt die Kaiſerin wegen meinen von hoͤ⸗ 
bern Orten abgedrungenen Schritten auf mich 
ungnaͤdig feye, ſchmerzet mich um fo mehr, als 
mein gehabter Dienfl von mir ohne mindeften 
Eigennuz, noch Ergoͤzlichkeit durch zehen Jah⸗ 
ze mit allem Eifer und unausgeſezten Fleiß 
betrieben worden, folglich ich niemals biefe 
ſchwere Zuͤchtigung verbienet habe. Die Haupt⸗ 
arfachen der Abtretung meiner Bedienftungen 
#5 


\ 


2 Von dkonomiſchen 


babe ich in einem beſondern Schreiben an Ihre 
Majeſtaͤt die Kaiſerin unmittelbar allerunter⸗ 
thaͤnigſt vorgeſtellt, ich bewieſe in. demſelben 
durch untruͤgliche Urkunden, daß ich mit deu 
übrigen anfgehabten Sffenslihen Verwaltun⸗ 
gen aud) dad Directorat der Aderbaus Ges 
ſellſchaft Ihro Majeſtaͤt zu Füßen zu legen bes 
müßiget feie, ich flellte vor, daß meine Pfliche 
mir nicht verſtatte, ein Amt läuger beizubes 
halten, in welchem. ohngeachtet meined pflichts 
mäßigen Eifer, dad Wohl des Vaterlauds, 
nah Ihro Majeflät preiswürdigften Willens⸗ 
Meinung, in vollkommener Maas werkthaͤtig 
zu befoͤrdern, alles nur immer eitler Wunſch, 
die Vollſtreckung aber nie erfuͤllet worden. Mei⸗ 
ne Entfernung vor ſich allein wuͤrde bei der ge⸗ 
rechteſten Monarchin den wider mich gefaßten 
Unwillen nimmermehr haben hervorbringen 
koͤnnen, wann nicht geheime Triebfedern hie⸗ 
bei einen Einfluß gehabt hätten, und was iſt 
bei denen befannten Umftänden leich⸗ 
ter, als einen Wann zu verfchwärzen, 
oer eines theild mit den Lieblingen 
nicht im mindeften verfchwägert, nies 





⁊ 


Geſellſchaften. 323 


mals zu der Quelle durch Neben⸗Ka⸗ 
naͤle gewandert und nach dergleichen 
Unterſtuͤzungen geluͤſtert hat, andern 
theils hingegen in ſeinen Wohlmeinun⸗ 

gen jederzeit die Sprache eines ehrlie⸗ 
venden Manns geführet, in den Be⸗ 
richten wider die Misbraͤuche und Vor⸗ 


urtheile als ein Patriot geeifert, in den 


Vorſchlaͤgen die reine Wahrheit gepre⸗ 
digt?* folglich find mir all jene feind 
geroorden, welchen die Larve der Un⸗ 
wiſſenheit, des Aberglaubens und Ei⸗ 
gennuzes abgeriſſen wurde; eine un⸗ 
geheure Zahl von Menſchen in unſern 
Caͤndern! mithin muß ich das nicht 
verdiente Schickſal der hoͤchſten Un⸗ 
gnade auf meinem But in der Stille 
mit Bedult ertragen.“ 


Nun auch biefer edle Mann hat audges 
duldet und iſt bereitd vor einigen Fahren zu 
feiner ewigen Ruhe eingegangen 5 und fo viel 
mag genug feyn, um bad Eingangs gefagte mit 


einem weitern Beifpiel bewährt zu haben, 


4 Don dkonomiſchen 


Schlußfolge und Nuzauwendung vom die⸗ 
ſem und allen ähnlichen iſt vielleicht: Eine 
Geſellſchaft, fie heiße nun bkonomiſch, phiflos 
cratiſch, patriotiſch oder wie fie wolle, bie fich 
bei Leibes Leben Lange erhalten will unb nicht 
bas Gluͤck bat, einen weifen mis eigenen 
Augen und Ohren fehenden und hörenden Fürs 
fen zum Beſchuͤzer, oder ein erleuchteted, vor 
Menſchenwohl gefühlvolles, vom kameraliſti⸗ 
fchen Defpotifinus unangeſtecktes, thätiges Mi⸗ 
niflerium zum Freund und Borfprecher zu has 
ben, muß fich lediglich mit einer kleinen, nies 
Drigen, elenden Politik bebelfen, viel Theorie 
in die Welt-hineinhlafen, mit allgemein guten 
Raͤthen, frommen Wuͤnſchen, und utopiſchen 
Vorſchlaͤgen paradiren, ſich aber dabei ſorg⸗ 
faͤltig huͤten, dis allen Knechten und Maͤgden 
bekannte, in allen Dorfſchenken befeufzte, von 
jedem Unterthan ſchmerzlich empfindende Feh⸗ 
ler und Gebrechen der Staats » Werwaltung 
ihres Landes felbft zu entdecken, ober auch nur 
anf diefelbe anzufpielen, ihre Schriften muͤſſen 
ſich fo gut auf Corſica und Peufolvanien, ala 





Geſellſchaſten. 525 | 


anf bau Land vaßen, deßen Aerzte und Woehl⸗ 


thaͤter zu ſeyn ſie vorgeben, am allerwenigſten 


muͤſſen fie die Schlechtigkeiten, Schelmereien 
and Bedruͤckungen der hohen und niebern 
Staats⸗ und Landes-Bedienten fo kenntlich 
ſchildern, daß allenfalls jeder Käufer des Buchs 
die Namen babei ſchreiben koͤnnte, muͤſſen Fels 
ne Derbefferungs « Vorfchläge ber einfachen 
amd einfältigen Urt thun, wobei das Intereße, 


Eigennuz, und jeder Vortheil der Diener⸗ 

ſchaſt Schaben und Verkürzung leiden muͤß⸗ 
te, überhaupt aber das das C Cand druͤcken⸗ 
de Uebel nie mit ſeinem wahren Ramen 


nennen, toͤdtliche Krankheiten nur vor leicht 
voruͤber gehende und allgemein gewoͤhnliche 
Unpaͤßlichkeiten ansgeben und ſich an die Ma⸗ 


xime gefaͤlliger Hofaͤrzte halten: Ihren Herrn 


eſſen ‚zu laſſen, was ihm ſchmeckt, und leiden 
zu laffen, was er Fan: So auch zwiſchen Herrn 
und Rand, zwifchen dem Staat und ben gepries 
fenen Verwaltern und Dienern des Staats, 
Auf diefem Weg werben fie beflehen und ges 
deihen, dem Land zwar wenig, ſich aber beflo 


26 Bon dkonomiſchen Geſellſch. 


mehreren und. größeren Nuzen fchaffen, wenig 
Segen, aber deſto mehr. Wind hinter ſich laſ⸗ 
fen, durch diß aeroſtatiſche Gaukelſpiel von bes 
nen, bie ihnen zuhören und nachſehen, Geld 
und Ruhm erwerben, und am Ende flatt bleis 
bender Thaten, wenigſtens bie Wahrheit des 
Spruͤchworts: Selbſt eßen macht fett, I be⸗ 
flänigen. 








xvi. 


Kabinetsſtücke. 


. 








I. 


. Churfürft Cudwigs VI zu Pfalz duͤrſt⸗ 
vaͤterliche Ermahnung an feinen Sohn 
und Nachfolger, Churf, Friderich IV: fo. 
er nicht lange vor feinem An. 1583 
‚erfolgten Too in fein Bebetbud) eins 
geſchrieben. ) 
hriſtus iſt mein Leben. Sterben iſt mein 
Gewinn. Phil. 1. Lieber Sohn. Bis (ſei) 
gottesfürhtig, bet fleißig, . Morgens und 
Abends, gebendh, daß alles glüdh und uns 
gluͤckk von Gott koͤmbt, vnd baldt ein Endt 
nimbt. Erkhenn dich fuͤr ein Suͤnder. Glaub 
dem Sohn Gottes Iheſu Chriſto, das er dich 
hab mit ſeinem Tod erloͤßt. Beharre darauf 
vnd bekhenn es bis ans Ende, ſo wird er dich 
wieder bekhennen vnd ſich deiner annehmen vor 
ſeinem himmliſchen Vater. Halt vber deinem 
Stand ehrlich, ſey wahrhafft, halt, was du. 





2) in Reigers ausgeloͤſchten Chur : Pfalz s Simmeriiden 
Stamms⸗-Linie, Ausgabe von 3735, ©, 55, . 


Patr. Archiv, Ul. Theil, gi 


530 Kabinetoſtuͤcke. 


duſageſt vnd ob bir Leib und Gut drauf gieng. 
". Dann wann du leugſt in Schimpf oder Erunſt, 
fo bift du ein Tenffelös Kindt, der if ein Vat⸗ 
ter der Lügen. Sey auch züdhtig mit Wors 
sen, Gedanckhen vnd Geberben: ſchendt nies 
mandt Weib ober Kinds, fey Fein Balger aber 
wann man bie Fendlin fliegen left, dann biß 
kekh und fleuch nit. Es iſt beßer, ehrlich geflorben, 
dann ſchendlich geflohen. Sey nit verthulich, 
biß auch kein karger Filz, zu Ehren ſpar nichts. 
Red niemand vbel, gedenckh allzeit an dich ſelbſt, 
baß du auch ein armer Menſch biſt, nit Handel 
felſchlich mit den Leuthen, handel frey vnd runde, 
das beſteet am laͤngſten. Doch lehre die Leute 

wol erkhennen, dann gegen einen frummen 
muſtu wieder frumb ſein. Vor einem falſchen 
huet dich, vnd red gegen ihm deſto langſamer. 
die nottuͤrftigen Armen laß dir befohlen fein. 
Schmaichler, Gotsleflerer und Schalckhs⸗Nar⸗ 
ren laß dir nit wohlgefallen. Mer dich ſtrafft 
und bir wohl räch, den hab lieb. Treue Kir⸗ 
chen » und andere Diener hab ſehr lieb und loh⸗ 
me ihnen nad) deinem Vermoͤgen. Wntrene 
Diener laß mit Gunft von die kommen, behalt 





Kabinetsſtuͤcktke. 531 


fie nit, Jedermanns Schand Hilf decken, doch, 
wann du regierſt, fo ſtraf das Ubel. Biß des 
nen, die unter. dir ſeynd, ein Water, nit bes 
ſchwer beine Vnderthanen wider Billichkeit, 
dann dieſelbig Narung hab ich oft ſehen vbel 
geratten. Halt vber dem frommen vnd ob im 
ſchon bißweilen ein Thorheit widerferth, fo firaff 
in, aber mit Vernunft, fo vil dir gebuͤrt. Huͤt 
bich vor Zutrinckhen, dann daraus, ſpricht 
Sanet Paulus, kumpt ein unorbentlich Leben, 
— Suͤnd, Schand und Laſter. 


2. 


Der Monarch, im Bilde görtlidher 
Gnade, 

Sꝛaf Khevenhuͤller erzehlt in ſeinen Fer⸗ 
dinandiſchen Annalen *) von Kaiſer Ferdinand 
11. folgenden herrlichen Zug: „die Mährer haben 
ſich auf Gnad und Ungnad ergeben, unter wels 
hen Ständen Graf von Achot, Kaiſerl. Mai. _ 
Kämmerer, zum Pfalzgrafen ( Friderich V,) 
gefallen, und dort Kammerer worden, aud) 





5‘ im I. Band der Ganterjsiten ©. 44. 
LZ12 


diſcurrirt: wie der Kaiſer auf ber Jagd koͤnnte 
leichtlich gefangen ober aufgerieben werben, und 
ald einſmals nad) erhaltenem Pardon fih Ihre 
Majeſtaͤt gegen ihne von Achot ganz gnaͤdigſt 
erzeiget , ein auberer hoher Dfficier gefragt : 
wie Shre Raiferl. Mai. einen folden, der Sie 
fo hoch beleidigt, lieben und trauen koͤnnt ? dem 
haben Sie geantwortet ; Wann ich einem 
pardonirt, jo the ichs mit ſolchem 
treuen Seren, daß ich nimmermehr 
was Böfes von ihm gedende, und ift 


mir gleichfam, als wann er nie nichts 


wider mich gethan hätte,“ 


3 
Republifaner » Stolz gegen Bonigo⸗ 
Stolz. 

u bem Reife Journal des jezigen Herrn 
Faͤrſten Reuß durch Fraukreich im Jahr 
1741. lieſet man: „Der Kardinal von 
Polignac fagte, daß, ald er ehebeffen franzöfi is 
fer. Sefandter in Holland geweſen, umb bie 





*) in Hrn. Buͤſchings Bepträgen zur Lebens⸗ Ge⸗ 
ſchichte dentwuͤrd. Perſonen. I. Theil, ©, 71, 





' 


Kabinetsſtuͤcke. 533 
Bolländer über franzoͤſiſche Trouppen einige 
Vortheile erhalten hätten, unterfchiebene ihm 
ins Gefiht gefagt: que c’&toit aux Repu- 
bliques, de mettre les Rois ä- la raifßn ; u 
er habe ihnen aber vorgefiellt, daß diejenigen, 
welche fo ſtolz fprächen, eben die Leute wären, 
an welchen Gottes Vorfehung ihre allgemeitie 
Oberherrſchaft nachdruͤcklich auszuüben pflege, 
wie dann auch die Holländer Eurz darauf fols 
des empfunden.“ 


4 
Gottes befter Seegen über den, ſo diß 
gefchrieben Hat. 
Herr Reg. Rath Schlettwein hat indem 
erflen Band feines Archivs für den Menfchen 
und Bürger ©. 85. einen Auszug aus dem 
Math eines reblihen Manns an einen Fuͤrſten 
über deſſen nachbarliche Zwiſtigkeiten eingeruͤckt, 
worinnen folgende vortrefliche und wichtige 
Stelle befindlich iſt: „Es giebt wohl Rathge⸗ 
ber, welche es bisher als eine gute Politik ge⸗ 
predigt haben und noch predigen; daß man 
in den Faͤllen, wo man nicht nach der 
| 213 





334 Nabinetöftäce. 

Gerechtigkeit auskommen koͤnne, ſchwei⸗ 
gen, das Unrecht nach aller Moͤglichkeit 
bedecken, den Intentionen der andern 
ausweichen, und ihre Forderungen ih⸗ 
nen durch Zuruͤckhaltungen, dilatori⸗ 
ſche Verhandlungen und Zuſammenwe⸗ 
bungen vieler Schwuͤrigkriten verdries⸗ 
lich machen muͤße. Alleiu, gnaͤdigſter Herr, 
ſolch eine Politik, die nur in der Schickane, in 
Raͤnken, in liſtigen Zuruͤckhaltungen und Be⸗ 
ruͤckungen ihr Weſen hat, koͤnnen Sie, das 
weiß ich, unmoͤglich annehmen. Diß iſt die 
falſche Staatskunſt, die Gott braucht, um Län 
bee zu firafen. Gerechtigkeit ift die Baſis 
der wahren politifchen Weisheit. Die Natur 
and ihr Stifter, Gott, fordern die Gerechtig⸗ 
keit in allen Fällen, in allen Berathſchla⸗ 
gungen, und in aller Gängen, die Die Regen 
ten machen. Plane hingegen, um nur andere 
zu bleaden, find Raͤnke; Natur und Gott 
verbieten fie bei unausbleiblicher Strafe, des 
Vertrauens ber Menſchen unwuͤrdig ünd ders 
luſtig zu werden, fich ſelbſt immer mehr von 
den eruftlichen ruhigen  Unterfuchungen ber 





Kabinetsſtuͤcke. 535 

Wahrheit zu entfernen und wie ein Kind, das 
durch willkuͤhrliches Schielen fchielen lernt, eine 
überwiegende Difpofition zu Raͤnken, zur Uns 
gerechtigfeit und zum Verderben der Gefells 
ſellſchaft ſich zuzuziehen. Da Fommt nun 
in allen Befchäften, dieman vornimmt, 
Yrislingen und Yinfegen, und die Län, 
Ser ſinken in Iauter Calamitaͤten unter.“ 
Weber der Fürfk, dem. diefer treue und 
wahrhaft weife Rath gegeben worden, noch defs 
fer Land, noch der rebliche Mann, fo den Rath 
gegeben hat, noch die Zeit, wann er gegeben 
worben? find benannt, am allerwenigften aber, 
ob der gute Rath mit gefegnetem Eindruck und 
wuͤrklichem Erfolg belohnet worden? Man - 
wuͤrde alſo verſucht werden, den ganzen Auf⸗ 
ſaz vor ein gutgemeintes Ideal zu halten, wann 
nicht Warnung und Bitte des redlichen Manns 
mit lebendigen neuen und neueſten Thatſachen 
allzugenau zuſammen traͤfen und man nur die 
Rubriken der Reichsgerichtlichen Urtheile und 
Verfuͤgungen und die ſich immermehr haͤufen⸗ 
de geſezloſe Recurſe an bie Reichöverfammlung 
anfehen barf, um ſich zu überzeugen, daß das 
| 214 | 


536 Kabinetöftücke. - 


Bild im lebenden Original darzu vorhanden ges 
wegen ſeyn mäfle- D koͤnnte Herr Schlettwein 
den Fuͤrſten nennen, der Reſpekt vor dieſe 
Propheten » Stimme gehabt, jeder gute biebere 
Deutfche follte den Namen dieſes Regenten fegs 
nen und fi Einwohner des Lands zu feyn 
wünfchen, in welchem. eine folche Gerechtig⸗ 
Peit wohne. Es iſt gu fürchten, daß er bie 
Aruntwort auf dieſe Unforderung werde ſchuldig 
bleiben müffen. Geſegnet fet aber ber rechts 
fchaffene,, der gewiſſenhafte Ehrenmann, ‚ wer 
Er immer feie, der Muth genug hatte, diefe 
theure derbe Wahrheit feigem Fürften vor bie 
Stirne hin zu fagen ; denn der Weg zu ſei⸗ 
wem fo genannten Gluͤck Eonnte eine ſolche Pre⸗ 
digt von der Gerechtigkeit und Gericht 
niemals werden, ſo wahr auch immer dieſer 
Fuͤrſt keinen treuern Freund je gehabt ha⸗ 
ben mag, als der ihm aus dieſem Ton ge⸗ 
ſprochen hat. — Aber, leider! ſie ſchielen 
alle, auch die gute ſchielen, weil man ſie ſchie⸗ 
len macht, weil das Intereße des Unfehens, 
Credits, Unentbehrlichkeit, des Beutels zc. bes 
rer fie umgebenden unaufhoͤrlich darauf arbeis 








Kabinetsſtuͤtke. 537 


set, fie, wo nicht ſtodblind, doch ſchief ſchend 
zu machen. 

Der uͤbrige Jnnhalt dieſes ganzen leſens⸗ 
wuͤrdigen Raths, hauptſaͤchlich die Stelle: 
„Wann Ewzc. wie es in manchen Stuͤcken 
geben wird, die Gerechtigkeit in den For⸗ 
derungen der Nachbarfchaft einfehen, ſol⸗ 
Ien Sie nicht warten; ob ** feine ges 
zechte Auſpruͤche auf * * betrieben wird, 
Sondern göchftdiefelbe werden dies 
fen Sorderungen mit Berechtigkeit " 

‚ entgegen gehen müflen “ 

iſt nun freilich fo gethban, daß vom Minifter 
an, durch alle Reihen von geheimen, geheimen 
Hof⸗ Recurss und Regierungd s Räthen, ges 
heimen Referendarien,! biö zum lezten bes Pu⸗ 
bliciftens Volks und Dienerfhaft nur Kine 


Stimme den Ratbgeber vor einen Träumer 


Schwaͤrmer, Phantaflen, wo nicht kurzweg 
vor einen Narren erklaͤrt haben wird; weil 
bei einer ſolchen Denk⸗ und Handelsweiſe ihr 
Herr zwar die Ehrenkrone eines gerechten 
Sürften erworben, zugleich aber auch in einer 
hoͤchſtnatuͤr lichen Folge ein halb duzend Raͤthe 

x 5 


⸗ 


838 Kabinetsfküde, 


aller Farben, welche gleichwohl auf rechts und 
links ſtudirt, darauf geheirathet haben und 
blos davon leben muͤſſen, erſpart haben wuͤrde. 


5 . 
Beſtallungs⸗Brief Jerzog Friederichs 
zu Wuͤrtemberg vor M. Cucas Oſian⸗ 
der, zum politiſchen Rath und Aufſeher 

uͤber die Laboranten, vom 10 Ju⸗ 
lii 1596. 
Aus dem Original. 

Von Gottes gnaden Wir Friderich Hertzog 
zu Württemberg vnnd Teckh, Graue zu Mum⸗ 
pelgartt ꝛc. Thun hiemit khundt: Das Wir 
den Wolgelerthen vnnſern lieben Getreuwen 
Magiſter Lucæ Oſiandern den Juͤngern zu 
vnnſerm Politiſchem Rath angenohmmen 
vnd beſtelt haben. Nehmen Sue an vnnd bes 
ſtellen Inne hiemit alſo vnnd dergeſtalt, das 
er und zuvorderſt getrew vnnd holdt fein, vnn⸗ 
ſern Schaden vnnd Nachtheil warnen, wen⸗ 
den, dargegen frommen vnnd Nuzen befuͤrdern 
vnnd ſich ſonderlich In Ime bewußte ſachen 
und worzu wir Sune ferners, es ſey mit Rai⸗ 











Kabinetsſtuͤcke. 539 
fen ober ſonſten gebrauchen werben, Alſo ger 
trew vnnd fleißig verhalten foll, wie wir zu. 
Ime das gnedige vertraumen haben, 

Dan auch weil wir, wie Ime bewußt, ets 
Liche Laboranten haben, die eines getreuwen, 
fleißigen und vnuerdroßenen Vffſehers ober In- 
ſpectors woll bebürftig, Soll er uff Sie fein 
fleißige Achtung vnnd Sufpection haben, bamit | 
durch diefelbige treuwlich gehaußet vnnd vns 
dißortz nichz verabſaͤumbt werde. Wie er dann 
dieſem allem, ſeinem habendten Verſtandt vnnd 
Experientz nach woll der gebir vorzuſtehen 
wiſſen wuͤrdt. 

Dagegen wollen wir J Ime Iherlich nnd 
eined eben Jars, fo lang er gehörtter geſtalt 
von und vor ein Politifchen Rath gebraucht 
wärbt, zur Befoldung raichen vnnd geben Laffen. 
Nemlich an Gelt — Achtzig Gulden. 
Rockhen — — Zechen. 

Dinckhel — Acht vnnd zwanzig Scheffel. 
Habern — Acht. 


Wein — — Sechs Aymer. 
Stro — — Ein Fneder. 
Holtz - —  Zwölff Claffter. 


540  Kabinetöftücke. 
Kleyder — — 3wey. 
Liber — — wie andern Officierern 
zuſambt dem Haus Zinß von der Behaufung, 
darinnen er albereit fein Wohnung hat. Vund 
fol folche feine Befoldung uff Ulrici den 4 Julii 
an- und ermeltten tag Jedes Jars wider vß⸗ 
gehen. 
Getreuwlich vnnd ohne Geuerde. Zu Brs 
khundt haben wir und mit Eigenen baunden 
underfchrieben vnnd vnſer fuͤrſtlich Secret hiers 
nieden truckhen vnd geben laſſen. Zu Stutt⸗ 
gartt den zehenden Julii Ao zc. 96. 


Friderich ppm. 
(L. 8.) 


#* 
©» * 


Diefer politifche Herr Rath und Magiſter 

- war 25 Jahr alt, ald er diefen Conftdenz » Pos 
ſten erhielt, der mit Herzog Friderichs im Jahr 
1608. erfolgten Ableben, wo nicht noch ehens 

der, ein Ende nahm. Ex ward 1616 Abt zu 
Maulbronn und 1620 Probft und Kanzler zu 

> Zübingen, allwo er 1638 mit Tod abgieng, 


” 


nachdem er in den damaligen theologiſchen Zaͤn⸗ 

kereien eine nicht unbetraͤchtliche Rolle gefpielet; 

6. | Ä 

Die Sandfchreiber, wie ‚fie sur Zeit 

Pfalsgrafens Friderichs I. ums Jahr 
| 1541. beſchaffen geweſen ”) 


Pfalzgraf Friverich II. nachheriger Churs 
fürft , war ber ſchlechteſte Haushaͤlter feiner 
- Zeit, um fo reicher aber immer an Hofnungen 
und abentheuerlihen Projekten. Ex hatte eine 
Tochter des nachher. von feinen Unterthanen 
abgeſezten Koͤnig Chriſtierns in Daͤnnemark 
zur Gemahlin, die eine Nichte Kaiſer Karlo V. 


und eines prachtvollen Lebens gewohnt war, das 


ſich zu dem kleinen damaligen Deputat des 
Pfalzgrafen nicht ſchickte. Nie waren aber 
zwo Eheleute von fo aͤhnlicher Liebe zu Auf⸗ 
wand und Verſchwendung zuſammen gekommen. 
Endlich wuchs die Laſt der Schulden ſo ſehr 
an, daß der Pfalzgraf ſich genoͤthiget ſahe, das 
Land zu verlaſſen, um dem Anlauf der Glaͤu⸗ 


— — — — — — —— 


*) aus Hubert, Thom. Leodii Vita Fridor. L. XI. n. xu. 


542 Kabinetsftüce. 


biger zu entgehen, wobel er bofte, daß er von 
K. Karl V. eine Statthalterfchaft in Spanien 
erhalten würde, die ihm mehr als fein pfälzie 
ſches Landes s Untheil eintrüge. Sein Brus 
der, Shurfärft Ludwig, begleitete ihn bis Strass 
burg und gab ihm feinen Segen. Der Pfalzs 


graf nahm feine Gemahlin mit, die zwar nur | 


zwo Dames und. die närrifche Chriftine, 
zu ihrer Rurzweil bei ſich hatte, das übrige Ges 
folg beſtand aber and 70 Perfonen zu Pferde, 
So prächtig begleitet kam ber arme Mann zu 
Paris an, wurde mit allerhand Feſten bewir⸗ 
thet, die Geld koſteten, aber nicht einbrachten. 
Ehe er’ die weitere Reife nach Spanien forts 
fezte, redete ihm fein treuer Secretarins und 
Geſchichtſchreiber, Hubertus Thomas, beweg⸗ 
lich zu, fein Gefolge zu verringern, indem Lens 
se barunter ſeien, bie ſchlechterdings zu nichts, 
als zum Effen und Trinken taugten, und noch 
dazu täglich fünf Mahlzeiten; nemlich Fruͤh⸗ 
ſtuͤck, Mittagsmahl, Veſperbrod, Abendeffen und 
Schlaftrunk verlangten, welches in dem nuͤch⸗ 
ternen Spanien nicht einmal zu erhalten ſeyn 
wuͤrde. Der Pfalzgraf hatte vor feiner Ab⸗ 





| 
Kabinetsftücke, 543. 


reife‘ aus Paris von feiner Tante, K. Karls 
V. Schweſter, ber Königin Eleonore, 2000 Kro⸗ 
nen geſchenkt befommen, mit melchen er die 
ganze Welt durchreifen zu koͤnnen glaubte, 
In Spanien warb er ald ein dem Kaifer: 
fo nahe verwandter Reichsfuͤrſt mit aͤußerſter 
Unterſcheidung empfangen und von dem fonft 
fo filzigen Karl V. 1300 Dufaten zu feinem 
and feiner gefräßigen Deutſchen Unterhalt ges. 
ſezt. So gieugen vier Monathe vorbey, aber 
ohne mindefle Hofnung einer bleibenden Vers 
forgung , ohmgeachtet etliche Statthalterfchaften 
ledig wurden. Der Pfalzgraf richtete alſo 
von neuem feine Hofnung auf Frankreich oder 
Engelland und bate den Kaiſer um Urlaub 
zur Abreiſe. Dieſer wünfchte ihm fogleiheine 
gluͤckliche Reife und ließ ihm 7000 Dukaten 
als einen Zehrpfennig auszahlen. Als der 
ehrliche Thomas ſeinem Herrn dis Geld in ei⸗ 
nem Haufen auf die Tafel hinſchuͤttete und Ent⸗ 
zuͤckungen von Freude von ihm vermushete, 
fagte der Pfalzgraf mit dem kaͤltſten Phlegma: 
Er koͤnne fich nicht einbilden, wie die Leute das 
Gold fo lieb haben koͤnnten, er habe & zwar 





344 Kabinetsſtuͤcke. 


auch gerne, aber nicht zum Aufheben, ſondern 
zum Audgeben. Der gute Muth wuchs dem 
Pfalggrafen dadurch fo, daß er noch eine uns 
nöthige Reife nach Compoſtell that und fünfs 
mal mehr Gepaͤcke mit aus Spanien nahme, 
als er hineingebracht hatte. | 

Mit ſolchen Geſinnungen kam ber Pfalzs 
graf wieber nach Paris, er mar wuͤrklich krank, 
Hubertus Thomas gab aber zu erkennen, daß 
ber Siz ber Kraukheit mehr im.Bentel,ald 
im Körper fele, ber König gab zur ſchnellern 
Genefung 2000 Kronen und bie Königin der 
Pfalzgraͤfin eben fo viel, welche diß Geld fos 
gleich vor Geſchmuck und andere Galanterien 
verpuzte und ben Sparfamleit predigenden 
treuen Diener damit abfertigtes daß fie nicht 
ruhig ſchlafen könne, fo lange noch ein Heller 
von ben 2000 Kronen uͤbrig feie. — In als 
Ien feinen andern Hofunngen: getäufcht, ſegelte 
er nach Engelland, K. Heinrich VIIL bewir⸗ 
thete ihn ſtattlich und beſchenkte ihn, um nur 
nicht ganz mit leerer Hand abzureiſen, mit 
6000 Kronen; fo zoge der Pfalzgraf nach 
Deutfchland zuruͤck. 

In 


Kabinetsſtuͤcke. 545 


In Bruͤßel fans er feinen Kanzler, D. Hart⸗ 
mann, der ihm entgegen gereißt, um Ihro 
Fuͤrſil. Gnaden die unterthaͤnigſte Anzeige zu 
thun: daß die Schulden in der bisherigen Ab⸗ 
weſenheit ſo aufgewachſen waͤren, daß endlich 
daruͤber das Fuͤrſtenthum verlohren gehen wer⸗ 
de, waun der Pfalzgraf nicht unverzuͤglich wies 
der heimkaͤme. Hubertus Thomas ſchuͤttelte 
hierzu ſehr den Kopf und ſagte zum Kanzler: 
Ihr habt. ja darum den Fuͤrſten mit feinem 
Hofſtatt aus dem Land getrieben, daß ihr.als 
Tein indeßen beffer haushalten wolle? Der - 
Kanzler hingegen verfezte: Der Fürft habe 
auch verfprochen, daß er mit großem Geld zus 
ruͤckkommen wolle. Nach einem langen Worts 
wechfel ward endlid) die Schuld von dem Kanz⸗ 
ler auf die untreue Candſchreiber geſchoben, 
die des Fuͤrſten Einkuͤnfte zu verwalten hatten: 
Dieſe ſchlimmen Leute ſaugten ihrem 
Zerrn, wann fie nur koͤnnten, das Blut 
aus. Sie burten, fie föffen, fie ſchmauß⸗ 
ten, fie Fleideten fich prächtig auf des 
Sürften Unkoſten, und dennod) gefie⸗ 
ken. fie dein. Sürften. am meiften, und 

Patr. Archiv, IL Theil... Mm 


” 





546 Kabinetoſtuͤcke. 


wuͤrden von ihm geliebt, gelobt und 
beſchenkt. Die allein haͤtten zu gebie⸗ 
ten und anzuordnen und machten alles 
recht. Man wuͤrde aber in kurzem ſe⸗ 
hen, welchen ſie durchſtochen haͤtten. 
Sie ſchaͤmten ſich nicht zu ſagen; wenn 
man ſie zu mehrerer Sparſamkeit er⸗ 
mahnte: Was gehts mich an? ich die⸗ 
ne dem Fuͤrſten, nach dem ſage ich zu 
ihm: Lebe wohl! ich kann mir ſeib⸗ 
ſten ſchon helfen. 


Quantum difamus ab illis? 


. 

Zum Beleg, daß in allen Landen und zu 
allen Zeiten fchlechte Waare unter den Beam⸗ 
ten eines Landes gefunden werbe, Tan nach⸗ 

ı folgendes and einer beglanbten Übfchrift genoms 
menes Ütteflat dienen, welches der Herzoglich 
Würtembergifhe Spechal s Superintenbent 
Baͤßler im Wildbad dem nachhero caßirten 
Vogt Burgundifh zu Neuenburg Un. 1739 

“in einem erflatteten Amts⸗Vericht gegeben hat: 


Kabinetsfiüde. 547 


Eft homo, carbone magis quam atramens» 
to notandus, five delendus potius, puer 
verius quain vir, pueriliter et infantiliter, 
id eft fine religione et ratione agens, ani- 
mal rationale et irrationale, vecors & 
acors, ignavum pecus, prodigium igno- 
ranti® in foro juris et rerum agendarum, 
Junda tamen prefumtuola ambitione: in’ 
omnes fapientiores adverfus omnia jura et 
: leges ftolidifiime graffans: illufforius con- 
temtor curie feu mandatorum Ducalium, 
juratus et profeflus perfecutor minifterii ; 
hirudo civium, fabbathi profanator, & po- 
tator fcandalofiflimus: Uxoris avarifim&; 
imperiofifima, libidinofifim®, vaniſſimæ 
et faftuofifim® , etiam quod res officii 
mancipium flagitiofifimum & nequiflimo- 
rum hominum quieftuofum afylum, pro» 
borum vero vexator tyrannicus: ftuprator 
jufitie, miraculum impudentie, menda- 
ciorum fraudumgue ftupendum : nullius 
nec privata nec public fidei: fervus af- 
fettuum carnalium coecus et impudentifli- 
mus, uno verbo colluvies malorum, mon- 


Mm a 





\ 


548 -Kabinetsflücke. 


firumqus politicum & imperare ee parere 
neſcium. 
7. 
Wer ſoll dann hernach arbeiten! 
Nach dem Ableben Marggrafen Frides 


richs zu Brandenburg » Baireuth galt es reblis 


chen Patrioten darum, bem ſchwachen Landes⸗ 
Nachfolger, Marggrafen Friderich Chrifkian, 
ſolche Männer an bie Seite zu bringen, die 
ben beforglihen ſchaͤdlichen Einflüßen feines 
Guͤnſtlings Schröder die Waage halten koͤnn⸗ 
ten. Sn der disfalld gehaltenen Sonferenz war 
in Anfebung diefer Hauptabfiht Ein Herz und 
Stun, ald aber verfchiedbene brave Maͤnner 


“ bürgerlichen Standes in Vorſchlag gebracht 


wurden, fand fi an jeden was andzufezen ; 


der alte Geheime Rath * * imerkte endlich das: 


warum? und fagtes Ey nun! fo wollen 
wir alle Stellen mit Adelichen befezen. 
Mit Rebhaftigkeit verfezte der Miniſter: Wer 


ſoll dann hernach arbeiten $ 


Kabtnetäflüdee 549 
8. 
Der unverlezte Miniſterial⸗Greis⸗ 
Als der Sachſen⸗Gothaiſche Premier⸗Mi⸗ 
niſter und Geheime Raths⸗Direktor, Freiherr 
Bachof von Echt, An. 1712 daß ſiebenzigſte 
Jahr ſeines Alters, nachdem er nuter dreien 
DHerzogen die geheime Rathöftelle bekleidet, er⸗ 
zeicht hatte, warb eine Medaille auf ihn ges 
prägt, berem eine Seite fein Bruſtbild, die ans 
dere aber ein Schiff auf dem Meer vorftellte, 
in deſſen Wordertheil die Gerechtigkeit und die 
Klugheit am Steuerruder fizen, mit der ſchoͤ⸗ | 
nen Umſchrift: Integra fortuna et fama. 
Das war aber auch 'in Gotha, wo ſichs 
immer gut alt werden ließe. 


O. 
Die Excellenz abgedankter Miniſters. 
Ein Kuͤnſtler, der einem Miniſter viele 
Jahre laug gearbeitet hatte, wollte ihm auch 
nach feiner Entlaffung und Abzug fein dans 
bares Andenken bezeugen 5 da er mit feinem 


Meifel beffer ald mit der Feder umzugehen 
Mm 3- 


850 Kabinetoſtuͤcke. a 


wußte, befragte er ſich bei einem feiner Nach⸗ 
barn: wie man Excellenz ſchreiben muͤſſe? 
Diefer fezt ſich hin und ſchreibt: Ex⸗Elends; 
und fo gieng dann auch ber Brief an ben Ex⸗ 
Minifter ab, welcher herzlich baruͤber lachte 
und verficherte: daß biefes das ſchoͤnſte Stud 
Arbeit wäre, fo er je von dem Hof⸗Ebeniſten 
‚erhalten babe, 


IN 


Was ich thate, würde ich Heute noch 
Ä thun. 


Herr Necker, Fraukreichs geweſener 
Freund, Rath und Lehrer, ſagt in der Erzeh⸗ 
lung feiner Leidens⸗Geſchichte: *) Lorsqu' 
après avoir combattu felon vos forces, le 
moment fera venu, ol vous &tes perfua- 
de, que vous ne pouves aller plus loin, 
fans vous avilir, OU fans perdre des mo- 
yens, qui font indifpenfables pour faire le 
bien, quittes avec courage, & qu un exem 
ple honorable devienne votre dernier fereie. 


a —— — 
*) de I’ Adminiftration des Finances dp la Franc’. 1784. 
Tıl Intred, P: 155. 


Kabinetöftädke. 551 
On ne vous ötera jamais tout, fı vous 
pouves vous repoler tranquillement fur 
votre vie paffee, fi vous pouves lever hau- 
tement les yeux devant les hommes, & 
fi vous receuillant dans votre retraite, vous 
pouves vous dire à vous même: cs que j ai 
fait, je le ferois entore. 
Amen! Amen! 





II. 
Sof⸗ Predigers » (leid. 

Ein alter elenber Dofprebiger beklagte ſich 
gegen ben Dlinifier. feines Herrn: daß se 
feinen Predigten die Moflicdye immer fo leer, 
"Hingegen bed Herruhuthiſch gefiunten Stadts 
prebigerd Kirche fo-voll wäre; worauf diefer 
erwieberte : Er wolle ihm ein Mittel jagen, 
wodurch feine Kirche eben fo voll und bes Stadt⸗ 
pfarrers fo leer, wie die Seinige würde; ex 
folle in der Stadtkirche prebigen und dem Stadt» 
pfarrer die Hofkapelle einräumen. 

Mit ſolch gefalzenem Spott muͤſſen Lohns 
Inechte abgefertigt merben. 

mg 





552 Kabineröftäck, 
I. 


Xon der faltchen Prudenz eines 
Bof⸗ Predigers. 


In ben lezten Stunden des Au. 1704. fe. 
Yig verfchiedenen vechtfchaffenen H. Würtembers. 
gifhen Hof⸗Predigers Hedinger liefet man: 
„Er mußte einen harten Kampf auöhalten, ba 
ihm in feinem Gewiflen der Sof fehr bange 
gemacht, bei welchen er einer falichen Pru⸗ 
denz von feinen Gewiſſen befchuldiget wor⸗ 
ben, baß er demfelben ehemalen und im Ans 
fang viel zu vielgeheuchelt, und die Wahr⸗ 
heit nicht Bürr und troken genng unter bie Aus 
sen gefagt, wozu er fi) durch andere verleiten 
laffen, welche ihn fehr gebesen, fachte zu ges 
hen. Er ermahnte. darauf ſeinen Bruder und 
die damalen anweſeunden Freunde herzlich und 
inſtaͤndig: ſie ſollien ſich doch fuͤr falſcher Pru⸗ 
denz huͤten und ihres Gewiſſens ſchonen, und 
ja nichts in ihrem Amt und ganzen Leben uns 
terlaffen, wozu fie ihr Gewiffen vor Gott ven 
pflichte. Vichts gebe ihm jezo beſſere 
Freudigkeit und Dergnügen auf feinem 








KRabinetäftide. 553 
Krankenbette, als was er in göttlis 
ch er Parrheſie und Kifer-für die Ehre 
Gottes wider alter Menfchen Urtheil 
gethan und geredet: fo daB dasje⸗ 
nige, welches von andern am mei⸗ 
ften beurtheilt, geläftert und vor thoͤ⸗ 
rigt ausgerufen worden, ihn am als 
Terbeften in jeiner Seelen befriedis 
ge. Kr hätte bis daher mit Einem 
Schwerdt drein gefchlagen, wann ihn 
Gott follte wieder aufkommen laſſen, 
jo wolle er mit zwey Schwerdtern 
drein fchlagen und gleich 898 erftemal 
fo fcharf predigen, daß man ihn druͤ⸗ 
ber abſchafe 


13. 
Kanzel⸗Philoſophie. 
Den 16 Dec. 1742. *) wurde mittelſt 
eines Mefcripts des Ober » Confiltorii zu Dres⸗ 


ben ben Ephoris jeder Didces anbefohlen, ihr 
ren untergebenen Prebigern bekannt zu mas 


*) Ada hiftor. oceleſ. 36 Theil S. 31. 
| Mmz, 


554 Kabinetsſtuͤcke. 


chen: „Es habe bad Collegium aus benen 
jum Confiftorio eingefendeten Lehrarten wahr⸗ 
nehmen muͤßen, daß viele unter den Beift- 
fichen moraliſiren und den Zuhörern 
ihre eigene Bedanten vortragen, im 
Gegentheil aber die Schrift ganz ver 
geßen; finde daher nöthig, an den Ephorum 
zu tefcribiren, baß er die ihm untergebene Geifls 
liche anweifen folle, daß fie ſich auf der Kan» 
sel des Philoſophirens enthalten, viel 
mehr bie Prebige bed Wortes Gottes lauter 
unb rein vortragen und alfo ihr Abfehen auf 

nöthige Erbauung ihrer Zuhörer richten follen.* 


| 14 
Die Freimaͤurer unter den Roͤmern. 


Daß Cicero ein Freimaͤurer aus der älter 
ſten und Achten Schule geweſen, beweifen vers 
ſchiedene feinee Schriften, worunter ſich vor 
andern fein. vortreffliches Werk de Divina- 
tione audzeichnet. In bemfelben klagt er vers 
ſchiedentlich, daß ſchon zu feiner Zeit falfche, 
durch den Geiſt bed Eigenunzes geleistete und 


NN 


Kablnetouce. 555 
mit niebrigen Vetuglänften ich abgebenbe Br 
der, ſich eingefchlichen. Um fie zu Khildern, 
ſteckt er ſich hinter einen alten Meiſter vom 
Stahl, Ennius, der fie mit folgenden 36 
gen gezeichnet: 5 
Non habeo denique nancĩ Marfum Au- 

gurem, 
Non vicanos harufpices, non de Circo 


Aftrologos, 


.Non Ifiacos conjefiores,, non interpretes 


fomnium: 


‘Non enim funt ii aut fcieutia, aut arte 


Divini, 
Sed fuperfitiofi Vates impudentesque Ha- 
rioli, 
Aut inertes, aut infani, aut quibus ege- 
ftas imperat ; 
Qui [ui quasfins cauſu fiftas ſuſcitaut fen. 
reostias, 
Qui fibi [enitam non ſapiuut, alteri mon- 
firant viom, - 
Quibus divitias pollicontur, ab iis drachmam 
peiunt, 


*) Cicero de Divinatione L. I. c. 56. 


5 NRabinetöftäde. 


De dioitils deincant druchmam,, reddant 
caetera. 


Da⸗ ſonderbare dabei iſt, daß noch jezo nach 
18o0o Jahren Menſchen leben und unter und 
wandeln, denen dieſes Bild in feinem ganzen 
Umriß fo vollkommen gleicht, als ob fie dazu 
gefeßen hätten, bie ebenfalls Rauch vor Licht 
verkaufen, welche Dummheit und Fuͤrwiz der 
Leichtglaubigen eben ſo gut als jene zu benu⸗ 
zen wiſſen, ſich ſelbſt aber bei dieſem Rauch⸗ 
Handel, bis ihn, dad Gott bald gebe! bie 
Sonne ber Wahrheit vertrieben haben wird, 
treflich wohl befinden. 


1 5. 
Pfarrer und Freimaͤurer. 


Com» Braumfehroeigifche Verordnung 
des Conſiſtorii zu Sannover dd. 14 Son. 
- 1745. *) 
Unfere fresmibliche Dienfle zuvor! _. 


Ehrwuͤrdiger, Zeqhelahrter ‚ günfliger guter 
Sreund. -. 


Wir geben Euch hiemit zu vernehmen, was 
maßen ein gewißer Prediger in hieſigen Landen 
25) Ein durch neuern Gebrauch abgeſchaftes Geſez. 





Kabinetsſtuͤcke. 557 


ſich unterſtanden, in die ſogenannte Freymaͤu⸗ 
rer⸗Geſellſchaft ſich zu begeben, Gleichwie 
aber einem Prediger uͤberhaupt nicht anſtehet, 
etwas zu thun, welches an ſich zwar indifferent 
feyn möchte, wenn dadurch ein Aergerniß ober 
Anſtoß bei der ihm anvertrauten Gemeine oder 
auch bei andern veranlaßet wird, ſondern felbiger, 
vermoͤge der heiligen Schrift und ſeines Gewiſ⸗ 
ſens verbunden iſt, ſolche Sachen zuunterlaffen, 
ſo iſt er am allerwenigſtens befugt, einer Socie⸗ 
taͤt, deren Leges nnd Statuta er nicht vorher 
weiß und einfiehet, mit eidlichen oder fonft fein 
Gewißen verbindlichen Verpflichtungen ſich zu 
aBociiren, wann auch gleich vorgegeben werben 
möchte, dad vornehmfle Abfehen der Socierät 
beftehe in einem vinculo charitatis:; allers 
maßen die Chriften in der heil. Schrift ein fo 
ſtarkes vinculum charitatis haben, daß fie 
keines andern bedürfen : So iſt diefem Predts 
ger fein Verfahren nicht nur nachdrüdlich vers 
wieſen, fondern auch anbefohlen worden, aus 
folder Geſellſchaft fi wiederum los zu machen 
und denen dabey üblichen Gebraͤnchen zu re⸗ 
nuntiiren. 


558 Kabineteöeſtuͤcke. 


Damit inzwiſchen andere durch dergleichen 
ungebuͤhrlichen Vorwiz ſich nicht ebenfalls rei⸗ 
zen laſſen, in ſolche Geſellſchaft zu treten: fo 
begehren, Namens Ihro Koͤniglichen Mas 
jeſtaͤt, unſers allergnaͤdigſten Herrn, wir hie 
mit, She wollet allen und jeden unter der Euch 
auvertrauten Infpection ſtehenden Predigern, 
mittelſt dieſes Reſcripti per Circulares an- 
befehlen, daß ſie, bey Vermeidung nachdruͤck⸗ 
lichen Strafe, in die Freymaͤurer⸗Geſellſchaft 
fich nicht begeben wollen. 


Wie diefed gefchehen, baräber wollen Wir 
enren Bericht innerhalb 4 Wochen erwarten 
und find Euch zu freundlichen Dienſten geneigt. 
Dannover ben 14 Januar. 1745. 

Königlich) Groß⸗ Britannifche zum Chun 
fuͤrſtlich Braunſchweig⸗ Luͤneburgiſchen 
Conſiſtorio verordnete Director, Conſiſto⸗ 
rial⸗ und Kirchen⸗Raͤthe. | 


Joh. Peter Tappen. 





| 16. 
Chur⸗Pfalz⸗Bairiſches Verbot der Sreis 
maͤurer⸗Conwentikeln yoma Merz 
1785. *) 

Mir Karl Theodor zc, Uufern guädigfien 
Gruß und Kurfürftlihe Gnade jedermann zus 
vor. Uns Fan nicht anderſt, als fehr mißfäls 
Lig und empfindlich fallen, da Wir vernehmen, 
wie wenig Unfer bereitö auterm 22 Junii lezts 
verwichenen Jahrs wider alle unbeflättigte und 
unzuläßige Communitäten ergangenes Generals 
Verbot von verfhiebenen in Unfern Landen 
noch befindlichen Loſchen der fogenannten Frey⸗ 
mäurer und Slluminaten geachtet wird, indem 
fie fowohl ihre heimlichen Zuſammenkuͤnften, 
als eigenmaͤchtige Collecten, und Anwerbungen . 
neuer Mitglieder immerhin fortfezen, ſohin ihre 
ſchon fehr hoch angewachſene Anzahl je Länger 
je mehr zu verſtaͤrken ſuchen. | 

Gleichwie Wir aber eine folde, zuma⸗ 
len von ihrem allererften Snftitut all 
zuweit abgeartete Geſellſchaft fewohl in 
geiſt⸗ als weltlich⸗ und politiſchem Betracht für 


vom Jahr 1785. *) 


560 Kabinetsſtuͤcke. 


allzubedenklich finden, als daß Wir ſolche In 
Unſern Landen ferner gedulden koͤnnten, aner⸗ 
wogen hieraus nichts als Verwirr⸗ und Un⸗ 
ordnung, allgemeines Mißtrauen in publico, 
Fattiones in Collegiis und mehr andere auf 
bie Religion, Sufliz, gute Sitten und den 
ganzen Staat überhaupt großen Bezug haben 
de böfe Folgerungen zu gewarten hat, und 
gröfteneheils ſchon wuͤrklich verſpuͤrt: So fchafs 
fen Wir ſolche auch hiemit gaͤnzlich ab, und 
verbieten derſelben alle weitere Conventicula, 
anmaßliche Collecten und Anwerbungen neuer 
Mitglieder. Befehlen auch allen Obrigkeiten, 
gute Obacht darauf zu haben, und bei verſpuͤ⸗ 

rendem Ungehorſam Uns die geheime Anzeig 
daruͤber zu thun. 

Das durch obige ſo eigenmaͤchtig⸗ als unzu⸗ 
laͤßige Collecten zuſammen gebrachte Geld und 
Gut declariren Wir für confiſcabel, and wol⸗ 
len, daß die Haͤlfte der Armenkaſſa, die ande⸗ 
re Haͤlfte aber dem Aufbringer, wenn er gleich 
ſelbſt ein Mitglied waͤre, zu Guten gehen, und 
ſolcher keineswegs geoffenbaret, ſondern in ge⸗ 


heim gehalten werden ſolle. 
So 








Nabine toͤſtuͤcke. 361 


So lieb nun einem jeden unfere Gnad und 
feine feloft eigene Chr und Wohlfarth iſt, fo 
guverſichtlich erwarten Wir hieriun allenchals 
ben die ſchuldigſte Solgleiflung, bamit Wir ans 
berweiter unbeliebiger Mansnehmung entuͤbrigt 
bleiben mögen. Gegeben in Unferer Haupt⸗ 
und Reſidenz⸗Stadt München ben sten März 


1185 . 
Karl Theodor, Kurfuͤrſt. 
(L.S.) Ve. Fr. d. Rreittmapr. 
Karl von Kleßing, Kurf geh, Sekr. 


| 17. 
Staats» Alugheit, Staats » Chorbeit, 
Sreiheit zu denken, Preß⸗Freiheit. 
Er 
Schreiben eined deutſchen Staalsmanns an eis 
son Staatös Gelehrten dd. Wien deu 
BG Febr. 1769 
Em. ic, Gedanken und Plan von ber Bears 
beitung der beutfchen Staatös Klugheit und bes 
ven Geſchichte habe ich mis ſolchem Vergnuͤgen 
. und Begierde gelefen, baß ich gewuͤnſcht, fie 
möchte ſchon wuͤrklich in Lebensgröße da ſtehen, 
Patr. Archiv, IL. THE, Na 


562 Kabinetsſtuͤcke. 

mit aller ber Rechtſchaffenheit des Herzens, 
Einſicht und Vaterlandäliebe, deren diefer Ges 
genfland würdig iſt und die ſich Ihnen einges 
prägt haben, gedacht und gefchrieben ſeyn, und 
daß an dem Tag, ba der lezte Bogen in ber 
Preße fertig würde, der Verfaßer, gleich dem 
Propheten Habacuc, an den Schopf feines 
patriotifhen Haupts durch einen mohlthätigen 
Geninm an die Susquehanna oder boch nad) 
Penfilvanien geführt würde, um daſelbſt vor 
ben Plazregen der Caͤſariner und Fürftenerier 
vorerſt gefichere zu ſeyn, feinen ehrlichen und 


Chriftens Namen vor miniſterial⸗ und gelehrten 


Schurken ind trocdene zu flellen und die 30. 
ober 70 prophetifchs politifche Wochen allda abs 


zumarten, welche diß Senfkorn einer patriotis 


ſchen Formula Concordix vonnöthen haben 
mödfte, um durch Zod zum Leben hindurch zu 
Dringen. | 

Der Plan ift ſchoͤn, fo (hin, daß deſſen 
Ausführung mehr Nachdenken, mehr Eindrud 
and an die Bruft fchlagen machen würde, ald 


die eiskalte Faflenpredigten der akademiſchen 
Kanzelreden publiciflifcher Generation. Abet 


) 





Kabinetoͤſtuͤcke. 563 


wie geſagt, mein hochgeſchaͤzter Herr, nur erſt 
ein Gebirge Ararat und eine Arche, um ſich 
drinnen, in quantum opus, vor einer politi⸗ 
ſchen Suͤndfluth zu verbergen. 


Wann ein ſolches Werk pragmatiſch bear⸗ 


beitet und kein Voltairiſcher Roman einer po⸗ 
litiſchen Candide ſeyn ſolle, wie wollen Sie auf 
dem Fleck deutſcher Erde, wo Sie wohnen, 
es wagen, die Triebfedern der Conſpiration 
tes Staats⸗Miniſters von Fuchs, und des 
alten Cocceji gegen bie Reichſsgeſeze, die Mo⸗ 
tifen des Halliſchen Ranzlars v. Cudewig und 
das Wehen des Geiſtes, ſo den Baron Ilgen 
und ihn inſpirirt, die Perfonalien zwiſchen Koͤ⸗ 


nig Friedrich Wilhelm in Preußen und dem . 


Reiche s Vices Kanzlar v. Schönborn und 
den Einfluß, ben all dieſes per bonam confe- 
quentiam auf bie bebrödtete Apoſtel und Mifs 
fionarien des neuen Staats» Rechtö gehabt hat, 
zu entdecken und anderer Geitd mit gleicher 
Wahrheitsliebe und Freimuth zu beſchreiben: 
wie die Reichs⸗Miniſters, Reichs⸗ und Hof⸗ 
Kauzlere, Reichſs⸗Hofraͤthe, Reichs Meferens 
darien ꝛc. bald einmal einen Stein aus ber 
Ä In 2 


564 KRabinetsftüce, 


Krone, dann ein Städ vom kaiſerlichen Man⸗ 
tel verkauft haben und aus ber. Reichs » “Tus 
fti3 » Pflege eine Commercien⸗ Deputa⸗ 
tion geworden iſt. 

Darf ich in ber zwiſchen und hergebrachten 
Aufrichtigkeit ſagen, wie mirs ums Herz iſt: 
laſſen ſich Ew. ꝛc. feinen guten Vorſaz je reuen, 
keinen patriotiſchen Gedanken je in ſich erſti⸗ 
cken, denken Sie, ſchreiben Sie, was Ihnen 
beigeht und verſchließens entweder als Schaz⸗ 
geld in ein gruͤnes Gewoͤlbe, oder ſtreuens ins 
Publikum, wie ſich die Gelegenheit macht und 
barbietet und fo lang und fo viel Ihnen dar 
zu Gelegenheit gelaßen wird, rechnen Sie 
aber nie auf Dank und Belohnung der Zeite 
genoßen, und wann ein Norbfchein von Billige 
keit und Erkenntlichleit fo helle um Sie mad, 
baß Sie bei Nacht gefchriebened leſen zu koͤn⸗ 
sen glanben, fo rechnen Sie zugleich baranf, 
daß es nur Vorboten eines nachfolgenden noch 
ſtaͤrlern Froſts und Erflarrung feien. 

Ich habe nun feit zwmö-f und mehr Jahren 
alle deutfche politiſche Secten durchkrochen und 
waͤhnte zulezt, bie wahre patriotifche Kir⸗ 











Kabinetoſtuͤcke. 565 


che allhier gefunden zu haben. Mein Ens 
thuſiasmus hat mich fo weit verleitet, Ruhe, 
GSemächlichkeit, Freiheit aufzuopfern, um nur 
zu ben Thoren diefes politiichen neuen Jeruſa⸗ 
lems einzugeben. Ich bin hineingefommen, 
glauben Sie es aber auf mein Wort: Unfere 
Gaßen find fo kothig, wie andere auch und ein - 
jeder hilfe in feiner Urt treulich dazu, daß mau 
immer tiefer hinein ſinke. Joſeph IL. iſt ein 
Monarch, der zehen Kronen verdiente, wenn 
man fie durch perſoͤnliches Verdienſt erwerben 
koͤnnte, ein Menſchenfreund, ein Freund des 
Vaterlands, der Gerechtigkeit und der Geſeze, 
ein Kaiſer, juſt wie er zum Gluͤck Deutſchlands 
vom Himmel erbeten werden koͤnnte *) Es 
fehle aber ſehr viel, daß feine Gehülfen und 
Rathgeber von gleichen Geiſt befeelt wären. 
Gewiße Fehler pflanzen fid fort, wie die Erb⸗ 
fünde und dann iſts am Ende eins: ob fie 
durch Inoculation, Sufpiration ober durch Uns 
fieden in die Welt gefommen, Wir werben 
bier unferd hohen Orts treulich dazu thun, daß 
Fürften und Stände des Reichs über unfere 


*) Geſchrieben An, 1769- - 
| Rn z 


> 566 Kabinetöftüce. 


Staats⸗Klugheit ſich zu beſchweren Feine Urs 
ſache befommen. Fahren Sie indeffen fort, 
redlicher Mann, zu mebitiven und zu belehren 
und, wann Sie und viel fchönes und fatt wahs 

res vom ber Staats  Kiugheit gefagt has 
ben, fo erlauben Sie mir einfl, Supplemente 
von ber Staats » Thorheit beizufügen, und 
meine nenere und neueſte Erfahrungen dazu 
zu benuzen. 

18. 
Tu ne cede malıs, [ed contra anden- 
tius 1lo. 


„ Ob wir wohl darinnen eind find , daß 
ein Schriftfteller feine Feder niemals durch uns 
anftändige Perfonalitäten entehren folle, fo 
glauben wir doch, fo verfihern wir, daß ed eis 
ne Pflicht ifl, ohne Schonung mit den Blizen 
ber beredten Wahrheit jeden zerflörenden Mißs 
branch, jedes verberbliche Vorurteil, jebe Ders 
einigung anzugreifen , wenn ihr Dafein der 
Ordnung zuwider, den Sitten, ter Vernunft, 

ber Regierung und der Gefellfchaft nachtbeilig 
. iſt. Dieſes iſt die Are zu Fämpfen, welche 
erleuchteten, muthigen und freien Männern 


Kabinersftüce. ‚367 


anfteht. Alle andere Waffen, ſelbſt die Wafr 
fen der Mäßigung, der Sanftmuth und der 
Gedult, die allein alddann nöthig find, wenn 
ed Darum zu shun iſt, Coloßen mit. tönernen 
Füßen, eitle metaphyſiſche Schattenbilder ums 
zufloßen,, werden flumpf auf den: goldenen 
Panzern ber Bampiren, die von dem reinen 
Blut der Voͤlker fett geworden find. “*). 
et | 

„ Ein Scriftfleller ift der Sprecher des 
großen Haufens, das iſt, der Unglüdlichen. — 
Die Pflicht eines Gelehrten ift, feine Stimme 
wider alles zu erheben, was die Menfchheit , 
erniedriget oder fehändet, dem Defpotifmus zu 
fleuren, der Tyranuei die Spize zum bieten, die 
ſich unter fo mancherlei Geſtalten verkappt, ſich 
für die gemeine Sache anfzuopfern, fich bes 
geringfien Bürgers anzunehmen, und fein Uns 
wald wider ben Uebermuth ber Macht zu wer» 
den.“ =) | 


*) Ephemeriden der Menfchheit 1776. fiebentes Stuͤck, 
©. 33. 
Mercier Nachtmuͤnze. 1. v. 


Nu 4 


SE Kabinetsſtuͤce. | | 
19. 


Seligkeiten der Leiden des rechtſchaf⸗ 
fenen Manns, 


*% 
= = 


» Gegrünbeter Widerſpruch ſoll einem recht⸗ 
ſchaffenen Manu ſtets willkommen ſeyn. Cr 
fuͤhrt ihn näher zur Wahrheit, die über alles 
liebendwuͤrdig ifl; und Verfolgungen, fo hart 
fie auch brüden, werden zulezt auch Quellen 
von Freuden, wenn der Weiſe fie mit Much 
beſiegt hat, ober wenn, follte ex nutergelegen 
haben, er fi dad Zeugniß ertheilen Tan, nur - 
für die Rechte der Wahrheit und der Tugend, 
ohne uidsige Mebenabfichten gekämpfs zu has 
ben. Teble ihm auch biefer Troſt, and haben 
Ehrgeiz, Eiferfacht, Geldgeiz, Ruhmbegierde 
ihn auf Abwege verleitet, fo dankt der geprüfte 
Manu dem Himmel für feine Leiden; fo ver⸗ 
ebelt er, dadurch von der gefährlichen Bahn, 
anf ber er ſich befand, abgerufen, die Trieb; 
febern feiner Handlungen, reinigt feine Ausſich⸗ 
ten, und iſt fiher, mach einer Meue, die ibn 
uicht gereuen wird, höhere Freuden in dem Ge⸗ 





nuße_ der Wahrheit und: in dem Gefühle der 
Liche zu finden, durch die allein er ein Maun 


von Religion, ein wahrer Weiler und ein wahe 
zer Chriſt ſeyn kan.“ *) 
| 20. 2 
Beleg zu der Lehre Chrifti: Seegnet,die 
euch fluschen, bittet für die, fo. eud) bes 
leidigen und verfolgen, Matth. 5,44 
Die Leiden, Verfolgungen und Errettung 
des unflerblihen Grotius find weltkundig. 
Der große Diann fahe fih, zu Rettung feiner 
Ehre und guten Namens , ıgendthigt, denen 
Loaͤſterungen feiner Feinde diejenige Schuzfchrift 
entgegen zu fezen, welche unter bem Titul: Apo- 
logeticus eorum, qui Hollandie prafue- 
runt , in Paris 1622. 8. herausgekom⸗ 
men, nun aber.unter höchftfeltene Schriften ges 
hört. Das berrlichfle und herzruͤhrendſte das 
von iſt der Schluß, womit der edle Mann im 
wahren Geifl des Chriſtenthums fich mis feis 
nen Feinden und ber ganzen Machwelt lezet: 
Iſelin In ben Ephem. ber Menſchheit, 1782. 2tes St. 


S. 182. v 
Mu 5 


572 Anhang. 


Mdwig Rubolphs und den ergangenen Reichs⸗ 
Hofraths⸗Concluſis enthalten find. 

3. Das biöhero ungebrndte Lenferifche Re- 
ſponſum Juris; von welchem ich nar vorläus 
fig bemerke, daß foldyes nicht von ber gefamms 
ten Juriſten⸗ Facultaͤt zu Helmſtaͤdt ertheilet, 
fondern von Lerfern auf [pecial- Befehl Her 
zog Auguſt Wilhelms und Compagnie erſtat⸗ 
tet worden. | 

4. VBerfchiebene in der Zujohe zur Ehren⸗ 
zeitung angeführte von H. Auguſt Wilhelm an 
ben Seh. Rath von Muͤnchhauſen erlaffene 
Handſchreiben und 

5. einige Briefe von bem etc. von Campen, 
nebſt 

6. Vater Luthers cehrſägen von Bekannt⸗ 
machung heimlicher Briefe wider des Verſaſ⸗ 
ſers Willen. 

Dieſe Schriften ſollen dann in einem der 
folgenden Wände dieſes Archivs erfcheinen; 
wann Gott mein mit fo mannichfaltigen 
Schwachheiten und Leiden ringendes Leben bid 
dahin friften follte, um deſſen Ausgabe noch 
ſelbſten beſorgen zu koͤmen. Wird mir in⸗ 











Anhang. = 573 


deſſen bie ewige Ruhe zu Theil, fo werde ih 
doch nicht der lezte patriotiſche Todtengräber 
in Dentfhland gewefen und auch vor mein 
Grab noch eine Rofe übrig geblieben feyn. 
Indeſſen bitte ich vorläufig, in ber im 2tem 
Band ©. 316. abgebruften Specie facti fols 
gende wichtige Druckfehler zu verbeffern. - 
Seite. Lin. anſtatt: leſe: 
318 6 geſtanden getreten 
ss 16 xavyiſcirten explicirten 
ss 19 rwerfiten renverfiren 
321 18 Zeigen zwingen 
323 14 ÖGerechtigfeit Gerichtsbarkeit 
328 3 muß die ganze Stelle alfo lauten: 
zumahlen wenn fie über dem in anderer 
Herrn Dienſten ſtehen: daB wirb wohl 
nicht leicht ein Herr, dem an redlichen 
Bedienten etwas gelegen ift, billigen, 
voch ein vochtfchaffener Dinifer foutent | 
zen wollen. 
330 3  gefehlen gehehlen. _ 
3 . \ 
* 
Nun vor dißmal noch Ein Wort: Als ich 
S. 233. ded Leyſeriſchen Reſponſi gegen Herrn 


574 Anhang. 


von Muͤnchhauſen gedachte, ifl es mis ber bes 
badytefien Vorſicht und anf eine fo ehrliche, bil, 
lige, unpartheiifje unb WBahrbeitliebende Weis 
fe geſchehen, daß id) mir gewiß nimmerwmiehr 
beigehen laffen Tonnte, daß ſolches ald eine 
Schmaͤhung auf den ganzen Orden alabemis 
ſcher Rechtsgelehrten würde gebentet werden 
wollen und koͤnnen; dam welcher Stand deö 
gemeinen Weſens hat nicht feine faule Glie⸗ 
der ? und fo lang ed zu fagen erlaubt und wahr 
iſt, daß es böfe und ungerechte Fürfien, niebers 
traͤchtige Augenbiener unter dem Miniſter⸗Ge⸗ 
ſchlecht, Negers uud Banditen unter dem zahl, 
Iofen Volk der Fürflendiener giebt, fo wirds 
boch wohl Fein Hochverrath feyn, ſich auch nn 
ter Profefloren und Facultiſten fchlechte und 
eigennäzige Mienfchen zu gedenken. Was geht 
das redliche Männer an, wann. Ein Kollege 
unter ihnen ein Schurke iſt? Doch um alles 
etwa gegebene Uergerniß, fo viel an mir ifl, 
abzuwenden und zu zeigen, daß ber nehmlide 
Leyfer, fo dad Refponfum ertheilet, von den 
Berführungs » Künflen der Höfe und den 
Schlechtigkeiten, fo bei Einholung von Facul⸗ 








Anhang. 575 


taͤts⸗ Urtheln vorgehen, nicht nur eben fo ges 
dacht, ſondern noch viel flärker darüber geſpro⸗ 
chen, fo will ich noch deßen eigene Worte *) bier 
beifügen: Non poflum tamen, quin publi- 
ce hic profitear, errare magnopere, qui 
transmiflionem actorum remedium tutifli- 
mum efle.credunt, atque fic rectam fem- 
per, feu, ut loquuntur, impartialem fenten- 
tiam obtineri putant. Mirifice profe£to, 
qui hoc fibi perfuadent, blandiuntur ſibi, 
nec artes hominum aularumque fatis no- 
runt. Subtiliores hæ ſunt, quam ut præ- 
videri caverique poflint. Nolo vero com- 
memorare, quod acta fubinde mutila & 
manca mittantur, & ea, quæ ad defenlio- 
nem rei. maxime pertinent , omittantur. 
Hoc non inter artes collocandum, fed fal- 
{um manifeftum & dolus eſt. Dicam ergo 
-de aliis. Solent nonnunquam, qui fen- 
tentiam requirunt, per litteras declarare, 
qualem optent, & tantum non formulam 
prafcribere, aut certe reum, quem dam- 





*) in Miniftro Principis delinquense, Witebergae edit. 
de 1735. 4. pag. 163. 


876 Anhang. 


nari cupiunt, tanquam hominem peſſimum 
depingere, & novis, qua in actis non re- 
periuntur, indiciis & facinoribus onerare, 
atque ea, qua is in defenfione fua attulit, 
refutare. Praejudicant ergo caufam, nec 
fententiam Jurisconfultorum expetunt, fed 
fuam,quam hi fequantur, proponunt. Non 
longe ab his difcedunt Principes, qui mi- 
niftrum quendam fuum fimul cum Actis*) 
ad collegium Jurisconfaltorum mittunt, 
atque huic mandant, ut fingula Collegü 
membra adeat, & fuggerat, quæ ad reum 
gravius onerandum pertineant. Alii, an- 
tequam afta publice pro fententia ferenda 
mittunt, clam fuper illis collegia varia 
confulunt, refponsaque obtinent, & tandem 
illi ordini, qui maxime ex ipforum fen- 
tentia refpondit, caufze cognitionem com- 
mittunt,. Iterum alii Acta a collegio re- 
miffa clam refignant, fententiam, fi mitior 


ee — — — — 

H Verſteht ſich mit den Beilagen. Dieſes iſt noch in 

dei jezigen goger Jahren auf einer der deruͤhmte⸗ 

ſten deutfhen Univerfitäten geſchehen, da es dans 
bieß; quis potoſt tefiltere tot asmatis ? 
vide- 








Anhang. _ 577 
videtur, occultant, aliud deinde collegium 
confulunt,hocque tam diu continuant, do- 
nec talem, qualem volunt, impetrent, Te- 
&ius alii acta quidem figno collegii muni- 
ta non aperiunt, fed collegium, ut, dum 
acta remittit, exemplum fententi& extra- 
acta fecum communicet, per literas mo- 
nent, inde fcilicet ftatuturi, conveniatne 
fibi, fententiam publicari, an pr&ftet ſuppri- 
mi. Taceo alias, qu& transmiflionis be- 
neficium inane reddunt, artes. 


Diß ſchriebe im Nom 1721 eben ber. 
Mann, der fieben Jahre hernach fich dazu ges 
brauchen ließ, einen würdigen Miniſter unehrs 
lich und unglädlich zu machen. Go ſchwach 
find wir Menfhen Es folge ja nicht, daß 
ed allemal Hollaͤndiſche Meuter oder goldene 
Friederichs und Ludwigs feien, womit ein Ges 

lehrter beftochen wird, bei einem eiteln und 
hochmuͤthigen Mann thus das Blat Papier 
eines gnaͤdigſten Handfchreibend das, was ein. 
Beutel voll Dukaten nie über ihn. vermocht 
hätte. 


Pott, Archiv, II Teil, 8 o 


578 Anhang. 


# 
* % 


Das dieſem Band geeignete Portrait lies 
fert das von Ziefenis Meifterhand entworfes 
ne Bild des um fein Zeitalter und um eine 
fpäte Nachwelt hoͤchſtverdienten unvergeßlichen 
Patrioten, des ſeligen Churbraunſchweigiſchen 
Premler⸗Miniſters von Muͤnchhauſen, 
Goͤttingens Pflegevater. Ich erhielt es von 
Ihm ſelbſt unterm 6 Sept. 1760 mit folgen⸗ 
dem Schreibens „Ew. 2. — haben mein Por⸗ 
trait — — verlangt; ber mir von Ihnen zu 
feiner Zeit recommenbirte geſchickte Mahler, 
zen nun der König mit einem Gehalt von 500 
Thaler in Dienfle genommen uub welder aufs 
fer dem nicht weniger Beifall, ald großen Ders 
dienft bier findet, hat folches verfertiget. Ein 
Bild von einem alten Mann, bei bem bie ru- 
ga fenilis allenthalben hervorblicket, hat je 
fo wenig annehmliche, als es folches jemals 
gehabt. Hätte noch der Mahler die Ew. ıc, 
gewibmete anfrichtige Verehrung und Freund 
fhaft bartun ansdräden koͤnnen, ſo wuͤrde id 


bloß deshalb damit zufrieden ſeyn, allein auch 











les 





578 Anhang. 


# 
* % 


Das biefem Band geeignete Portrait lies 
fert das von Ziefenis Meifterhand entworfe 
ne Bild des um fein Zeitalter und um eine 
fpäte Nachwelt hoͤchſtverdienten unvergeßlichen 
Patrioten, des ſeligen Churbraunſchweigiſchen 
Premier s Miniſters von Muͤnchhauſen, 
Goͤttingens Pflegevater. Ich erhielt es von 
Ihm ſelbſt unterm 6 Sept. 1760 mit folgen⸗ 
dem Schreiben: „Ew. zc. — haben mein Por⸗ 
trait — — verlangt ; der mir von Ihnen zu 
feiner Zeit recommendirte geſchickte Mahler, 
den nun der Koͤnig mit einem Gehalt von zoo 
Thaler in Dienſte genommen nub welcher auſ⸗ 
ſer dem nicht weniger Beifall, als großen Ver⸗ 
dienſt bier findet, hat ſolches verfertiget. Ein 
Bild von einem alten Manu, bei dem bieru- - 
ga fenilis allenthälben hervorblicket, hat jezx 
fo wenig annehmliches, als es ſolches jemals 
gehabt. Haͤtte noch der Mahler die Ew. x, 
gewibmete anftichtige Verehrung und Freund 
{haft dariun ausbräden können, ſo wuͤrde id 
bloß desſhalb damit zufrieden ſeyn, allein auch 





Anhang. E 579 


dieſes findet ſich nicht, mithin bleibt mir an⸗ 
ders nichts übrig, ald in Erfüllung dero Wils 
Iens meine Satisfaftion zu fuchen ꝛc.“ Das 
Verdieuſt der Gleichheit wird jeber, fo ben vor⸗ 
trefflihen Mann gekannt, willig zugeſtehen 
und aus diefen Zügen einen Theil des Geiftes 
leſen, ber diefen vor Deutſchland fo wichtigen 
edlen Greis beliebte. Er beehrte auch mich mit 
feiner Freundfchaft, Vertrauen und einem faſt 
zwanzigjährigen Briefwechfel, welcher vor bie 
Geſchichte unferer Tage eben fo intereßante, als 
vor feine durchaus gefezmäßige und vaterläns 
diſche Geſinnungen hoͤchſtruͤhmliche Bemerkuns 
gen und Beweiſe enthaͤlt, die um funfzig oder 
hundert Jahre weiter hin unbedenklicher, dann 

jezo, bekannt gemacht werden duͤrften. Indeſ⸗ 

fen war mir Pflicht ber Dankbarkeit, das Ans 

denken biefes patriotifchen Helden zu ehren und 

durch diefes Denkmal zu erneuern. 


— 
vw 


Innhalt 
des dritten Bandes. 





ben Fuͤrſten Wolfgangs au Anhalt; geb. 
1492. gefl. 1566. . 


Seite, 
L harakteriftifche Düge and dem Se 


II. Leben Herzog Eberhard Ludwigs zu | 


MWürtemberg, geb. 1676. gefl. 1733. 
Aus dem gefchriebenen Aufſaz des H. 
Wuͤrtemb. Geh. Raths Renz. 

. HI Teflamens Herzog Eberhard Ludwigs 

zu Würtemberg vom 11 Febr. 1732. 
ſamt deffen Codicilken und H. Carl Ale⸗ 

xanders Commißorium zu Pruͤfung 

deſſen Rechts ⸗ Veſtaͤndigkeit vom 9 

Merz 1736. 
Aus glanbhaften Handſchriften. 

IV. Koͤniglicher Kabinets⸗ Juſtiz ⸗Mord 

vom Jahr 1730. 


V. Politiſcher Charakter Herm Philipp 


Wilhelm, Grafens von Boineburg, 
geweſenen Chur⸗Mainziſchen Stadt⸗ 
halters zu Erfurt. 

VI. Lebenslauf Herrn Rochus Friderich, 
Grafeus zn Lynar, K. Daͤniſchen Ger 


21 


177 





Innhalt des dritten Bandes, 
Sei 


heimen Konferenz ⸗Raths zc. geb 
1708. gefl. 1781. \ 

Aus deßen Perfonalien. 209 

VII. Sefinnungs » Aehnlickeit In Relis 

giond» Sachen K. Marimilians Il. mit 
Kaifer Joſeph II. in vier eigenhändigen 
Schreiben beffelben an Herzog Chris 
ſtoph zu Wuͤrtemberg, von 1557 und 
1558. 

Aus Hrn, Sattlers Geſchichte des | 

Herzogthums Würternberg. 233 


VII. Wien, wie es vor hundert Jahren war. 
Aus Conftantini Germanici Itine- 
‚rario politico. | 249 
IX. Herzhaftes und herzvolles Bedenken 
von Canzler und Raͤthen Herzog Fride⸗ 
rich Wilhelms zu Sachſen⸗Weimar, 
den zeruͤtteten Zuſtand des Hof⸗ und 
Rammerwefend betr. vom 22 May 
159% 
Yus Hrn. v. Piſtorius Amoenitafi- 
bus Hiftorigo - Juridicis. 271 


X. Der politifche Bußs Prediger. Rede 
Balthaſar Venators, Hofratho zu Zwei⸗ 
bruͤcken, an ſeine Collegen, die Raͤthe 
daſelbſt, ums Jahr 1646. J 


unhalt | 
Innha Seite. 


Anus Joannis Mifcellis Hiftoriae Pa- 
‚ latinae. 289 


XI. D. Speners Gewiffend» Prüfung ber 
Megenten und Obrigkeiten: ob? und 
wie ferne die Klagen über das verberbs 
te Chriſtenthum auch fie betreffen? 311 


XII. Merkwärdiges Beiſpiel eines mit 
alt» deutſcher Redlichkeit freiwillig eins 
gegangenen verbindlichen Schulden⸗ 
Zahlungs⸗Plans Herrn Heinrichs bes 
Juͤngern Reußen, Grafen und Herrn 
zu Plauen vom 2 Jan. 1613. 
Aus einer Archival⸗Abſchrift 331 
XII. Drei Predigten des F. Anhalt⸗ 
Zerbſtiſchen Conſiſt. Raths Hrn. Sins 
tenis, uͤber die dortige Armen⸗ und 
Bettelauſtalten von den Jahren 1783 
und 84 349 
Gelegenheitlich dabei einige Betrach⸗ 
tungen über das Außer Lands feyn 
der F uͤrſten. 
XIV. Von dem Mittelmaͤßigen bei Ver⸗ 
waltung eines Staats. Gedanken eines 
Koͤnigl. Staatsminiſters. 497 





.® 


des dritten Bandes. 


XV. Von oͤkonomiſchen Geſellſchaften, 
insbeſondere der Fuͤrſtl. Badiſchen zu 
Carlsruhe und denen in den Oeſterreei 
chiſchen Erblanden. | 509 

XVI. Kabinetsſtuͤcke. | 

7. Churfuͤrſt Ludwigs zu Pfalz Fuͤrſt⸗ 
‚ värerliche Ermahnung an feinen Sohn 
Chrurfuͤrſt Friderich IV. von 1583. 529 
2: Der Monarch, im Bilde göttlicher | 
Snabe. 531 
3. Republikaner s Stolz gegen Koͤnigs⸗ 
Stolz. 532 
4. Gottes beſter Segen äber ben, ſo dis 
| gefhrieben hat. 833 
3. Beltallungds Brief H. Friderichs zu 
Wuͤrtemberg vor M. Oftander, zum 
politiſchen Rath und Anffeher über bie 
Laboranten von 1590. 558 
6. Die Landfchreiber, wie fie zur Zeit 
Pfalzgrafens Friderichs II. ums Jahr 
1541 beſchaffen geweſen. 541 
7. Wer fol dann hernach arbeiten? 48 
8. Der unverlezte miniflerials Greid, 349 
9. Die Excellenz abgedankter Minifterd. 549 


eite. 


Innhalt des dritten Bandes. 


eite. 

10. Was ich thate, wuͤrde ich heute noch 
thun.“ 550 
11. Hofprebigers⸗Neid. 531 

12. Von ber falſchen Prnden; eines Hofs 
predigers. 552 
13. Kanzel⸗ Philoſophie. 553 
14. Die Freimaͤurer unter ben Römern, 554 
15. Pfarrer und Freimaͤurer. 556 


16. Churpfalz » Bairifches Werbof ber 
Freimäurer s Konventifuln vom 2 
März 1785. 559 

17. Staats⸗Klugheit, Staats⸗Thorheit, | 

Freiheit zu denken, Preßfreiheit. 561 

18. Tu ne cede malis, ſed contra au- 


dentius ito ! 566 
19. Seligkeiten der Leiden des rechtſchaf⸗ 
- fenen Manns, 568 


20. Beleg zu ber Lehre Chriſti: Segnet, 

die euch fluchen, bitter für die, fo euch 
beleidigen und verfolgen! - 569 

Anbang: Anzeige, die von Muͤnchhan⸗ 
ſiſche Dienſt⸗ Geſchichte betreffend. 57x 








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